Franz Kafka auf Englisch und in einigen romanischen Sprachen. Übersetzungstheoretische Überlegungen zwischen Sprach- und Literaturwissenschaft
Abstract
135
Full text
Franz Kafka auf Englisch und in einigen romanischen Sprachen. Übersetzungstheoretische Überlegungen zwischen Sprachund Literaturwissenschaft Jörn Albrecht Universität Heidelberg [email protected] SYNOPSIS Translating Franz Kafka into English and Several Romance Languages: Reflections on the Theory of Translation Between Linguistics and Literary Studies The frame of reference for this article on Kafka’s translations into various European languages is the author’s conception of translation studies as athree-stage (‘three-storey’) structure: translation technique (‘ground floor’); translation strategy (‘bel étage’ or ‘main floor’); and translation business, i. e. translation as an organized institution (‘top floor’). The ‘ground floor’ deals with the purely linguistic particularities of Kafka’s texts and the difficulties they present to translators of different target languages. The ‘bel étage’ or ‘main floor’ deals with the genuinely translational decisions made within the framework of what is linguistically possible in order to make the typical ‘kafkaesque’ kind of writing recognizable in other languages. Finally, the ‘top floor’ shows how translations into various languages have helped to make Kafka one of the world’s great writers. SCHLÜSSELWÖRTER / KEYWORDS Übersetzungen von Kafka; Übersetzungstechnik; Übersetzungsstrategie; Übersetzungsbetrieb; Kafk as Schreibweise / translations of Kafka; translation technique; translation strategy; translation business; the Kafkaesque in literature. DOI https://doi.org/10.14712/23366680.2020.1.6 1. EINFÜHRUNG Für meinen Beitrag gibt es einen doppelten Anlass, den ich meinen Lesern nicht verschweigen will: Zum einen ist Ende 2018 ein umfangreiches Buch zur Europäischen Übersetzungsgeschichte erschienen, das ich zusammen mit einer ehemaligen Schülerin und jetzigen Kollegin verfasst habe (Albrecht— Plack 2018). Im Vorwort weise ich mit Bedauern darauf hin, dass auf über fünfhundert Seiten häufig von weniger bekannten Autoren, nicht jedoch von Robert Musil und Franz Kafka die Rede ist. Dieses Versäumnis soll nun wenigstens zum Teil behoben werden; hier wird nahezu ausschließlich von Kafka und den Übersetzungen seiner „Kritzeleien“ in einige europäische Sprachen die Rede sein. Zu meinem Bedauern konnte ich das Tschechische OPEN ACCESS
136 SLOVO A SMYSL 33 wegen mangelnder Sprachkenntnis nicht berücksichtigen. Es würde sich lohnen, bei einer umfassenderen Untersuchung die ersten Übersetzungen von Milena Jesenská einzubeziehen. Zum anderen vertrete ich seit Jahren die These von einem dreigeschossigen Aufbau der Übersetzungsforschung: Übersetzungstechnik— Übersetzungsstrategie— Übersetzungsbetrieb. Die Übersetzungstechnik betrifft den rein sprachlichen Bereich, die Übersetzungsstrategie die übersetzerischen Entscheidungen im Rahmen des sprachlich Möglichen im Hinblick auf das, was mit der Übersetzung erreicht werden soll, und der Übersetzungsbetrieb umfasst all das, was mit dem Übersetzen als organisierter Tätigkeit zusammenhängt. Leistung und Grenzen dieses Ansatzes sollen hier anhand der Kafka-Übersetzungen erprobt werden. Schließlich noch eine Bemerkung, auf die am Ende zurückzukommen sein wird. In der Übersetzungskritik geht es fast immer um das, was bei der Übersetzung verloren geht: lost in translation. Gemäß dem Motto, unter dem die Prager Tagung (im Mai 2019) stand, möchte ich die Frage stellen, was durch Übersetzungen gewonnen werden könnte: found in translation. 2. ÜBERSETZUNGSTECHNIK: KAFKAS TEXTE UND DIE PROBLEME IHRER ÜBERSETZUNG IN REIN SPRACHLICHER HINSICHT Die rein sprachlichen Probleme der Übersetzung wurden früher eher überschätzt, sie werden heute zuweilen fahrlässig unterschätzt. Zunächst ein schlichtes Beispiel für ein sprachliches Problem, das in einem der bekanntesten Texte Kafkas auftritt. 2.1. SPRACHSPEzIFISCHE ASPEKTE DER INFORMATIONSVERTEILUNG (MONIKA DOHERTY) Die Verwandlung, 2.Satz: Er [Gregor Samsa] lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch […] (Kafka 1973, S.64). Il était couché sur le dos, un dos dur comme une cuirasse, et, en levant un peu la tête, il s’aperçut, qu’il avait un ventre brun en forme de voûte divisé par des nervures arquées (La métamorphose; Kafka 1938, übers. Alexandre Vialatte). Il était sur le dos, un dos aussi dur qu’une carapace, et, en relevant un peu la tête, il vit, bombé, brun, cloisonné par des arceaux plus rigides, son abdomen […] (La métamorphose; Kafka 1988, übers. Bernard Lortholary). Il était couché sur le dos, qu’il sentait dur comme une carapace, et chaque fois qu’il levait un peu la tête il apercevait son ventre bombé, brun, segmenté par des indurations arquées […] (La métamorphose; Kafka 2018a, übers. Jean-Pierre Lefebvre). OPEN ACCESS
JöRN ALbRECHT 137 Giaceva sul dorso duro come una corazza, e, appena alzato il capo, scorse un addome carenato, scuro, traversato da numerose nervature (La metamorfosi; Kafka 1957, übers. Giorgio Zampa). Estaba tumbado sobre su espalda dura, y en forma de caparazón y, al levantar un poco la cabeza veía un vientre abombado, pardusco, divido por partes duras en forma de arco […] (La metamorfosis; Kafka 1983, übers. Anonymus). He lay on his armour-hard back and saw, as he lifted his head up alittle, his brown, arched abdomen divided up into rigid bow-like sections (The Metamorphosis; Kafka 2009, übers. Ian Johnston; vgl. https://www.kafka-online.info/the-metamorphosis.html). […] and when he lifted his head alittle (Metamorphosis; Kafka 1948a, übers. Willa and Edwin Muir). […] and when he lifted his head alittle (The Metamorphosis; Kafka 1996, übers. Stanley Corngold). Akribische Übersetzungsvergleiche dieser Art mögen Schöngeistern Unbehagen bereiten. Es geht hier jedoch um ein Detail, das gerade in Bezug auf Kafka nicht unwichtig ist: um den Unterschied zwischen wenn und als im Deutschen. Vier von acht Übersetzern geben diesen Satz so wieder, als habe Gregor Samsa nur einmal den Kopf gehoben, um einen Blick auf seinen Bauch zu werfen. Bei Kafka steht wenn, das heißt, Samsa tut es immer mal wieder, um sich zu vergewissern, ob ihm die grausige Verwandlung denn wirklich widerfahren ist. Den beiden deutschen Konjunktionen entsprechen im Englischen (nicht generell, sehr wohl jedoch in diesem spezifischen Fall) ebenfalls zwei Konjunktionen, as und when (whenever), im Romanischen jedoch zwei Tempora, historisches Perfekt oder Imperfekt (cf. Albrecht— Métrich 2016, S.4). Lefebvre, der den Satz genau verstanden hat, lässt durch die Verwendung von chaque fois que keinerlei Zweifel aufkommen. (Zum Kontrast zwischen der Qual des Protagonisten und der technischen Präzision des Erzählers cf. infra). Genau dies meint Monika Doherty mit dem Terminus sprachspezifische Informationsverteilung: Dem Unterschied zwischen zwei Konjunktionen müssen in der Zielsprache der Übersetzung nicht unbedingt ebenfalls Konjunktionen entsprechen, es können z.B. auch Tempora sein. Die Lösung rein sprachlicher Probleme dieser Art geht allen übergeordneten Fragen der Übersetzungsstrategie voraus. 2.2. KAFKAS TEXTE IN SPRACHLICHER HINSICHT ALS PRObLEM DER übERSETzUNGSTECHNIK Zunächst einige Bemerkungen zu Kafkas Texten in rein sprachlicher Hinsicht. In der umfangreichen Untersuchung von Boris Blahak (2015) zu Kafkas Literatursprache werden alle denkbaren Aspekte behandelt. Es ist unmöglich, allen dort untersuchten Aspekten in diesem kurzen Beitrag gerecht zu werden. Kafka galt in der älteren Forschungsliteratur als typischer Repräsentant eines ‚Prager Deutsch‘, das von OPEN ACCESS
138 SLOVO A SMYSL 33 manchen als ‚arm‘ charakterisiert wurde. Die neuere Forschung stützt diese Auffassung nicht. Wie dem auch sei, im Gegensatz zu anderen Prager Schriftstellern wie Werfel oder Rilke hat Kafka sich nie darum bemüht, diese Sprache künstlich anzureichern. Eben deshalb wirkt sie auf uns Deutsche heute relativ modern, oder zumindest nicht besonders antiquiert. Kafkas Deutsch wirkt sogar in mancherlei Hinsicht außerordentlich idiomatisch; der Charakteristik von Jean-Pierre Lefebvre in seiner Kafka-Ausgabe (Kafka 2018a, übers. Jean-Pierre Lefebvre) kann man nicht in allen Punkten zustimmen. In einigen Fällen hat man sich allerdings zu fragen, ob stilistische Unachtsamkeit oder Absicht vorliegt: Kaum waren wir ins Freie getreten, als ich offenbar in große Munterkeit geriet (Beschreibung eines Kampfes; Kafka 1973, S.231). Apeine à l’air libre, je me sentis envahi d’une immense gaieté (Description d’un combat; Kafka 1950, übers. Jean Carrive). De inmediato comencé asentirme muy despabilado (Descripción de una lucha; Kafka 1983, übers. Anonymus). Hardly were we outside when Ievidently began to feel very gay (The Description of aStruggle; Kafka 1933, übers. Edwin und Willa Muir). Das Satzadverb offenbar stellt den Inhalt einer Proposition als mit hoher Wahrscheinlichkeit zutreffend aus Sicht des Urhebers der Äußerung dar. Bezieht ihn ein Ich-Erzähler mit diesem Adverb auf sich selbst, so spaltet er sich auf in Subjekt und Objekt des Berichts. Im Präsens kann das ‚idiomatisch‘ erscheinen: „Was habe ich denn da getan? Offenbar bin ich noch nicht richtig wach“. In einem rein erzählenden Passus aus der Ich-Perspektive im Präteritum wirkt der Gebrauch des Adverbs jedoch befremdlich. Sprachliche Ungeschicklichkeit oder Ausdrucksabsicht? Schwer zu entscheiden. Nur die englischen Übersetzer ahmen diese etwas befremdliche Ausdrucksweise nach. Zu den in übersetzerischer Hinsicht relevanten Eigentümlichkeiten von Kafkas Deutsch gehören u.a. der Reichtum an Partikeln (vgl. Métrich 1999), der häufige Gebrauch von Komposita und die Verwendung von Satzperioden mit ‚typisch deutscher‘ Klammerstruktur. Für diese Eigenheiten und andere mehr sollen noch in knappster Form Beispiele aufgeführt werden. — Gebrauch von Partikeln: „Es gefällt dir also schon im Bett“ sagte Georg […] (Das Urteil; Kafka 1973, S.34). „Ti piace stare aletto, eh?“, fece Giorgio […] (La condanna; Kafka 1957, übers. Giorgio Zampa). - Te sientes más agusto, en la cama— dijo Georg […] (La condena; Kafka 1983, übers. Anonymus). OPEN ACCESS
JöRN ALbRECHT 139 «Tu te trouves donc bien au lit?» dit Georges en le bordant (Le verdict; Kafka 1950, übers. Alexandre Vialatte). — Ya te sientes mejor, en la cama— dijo Georg […] (La condena; Kafka 1972, übers. J.R. Wilcok). „So you find it snug in bed already“, said Georg […] (The Judgement; Kafka 1937, übers. Willa und Edwin Muir). Hier kommt es vor allem auf die Prosodie an. Ein deutscher Muttersprachler liest den Satz automatisch mit Satzakzent und Hochton auf schon. Zu erschließender Linkskontext: Du tatest so, als wolltest du nicht ins Bett. Nur der italienische Übersetzer hat das verstanden. Würde man den Text von Alexandre Vialatte zurückübersetzen, käme immerhin so etwas wie „Es gefällt dir also im Bett“ heraus. — Typisch deutsche Komposita und Ableitungen: […] fünf Jahre trennen mich vom Affentum, eine Zeit, kurz vielleicht am Kalender gemessen, unendlich lang aber durchzugaloppieren (Bericht an eine Akademie; Kafka 1973, S.166). It is now nearly five years since Iwas an ape […] but infinitely long time to gallop through at full speed (AReport to an Academy; Kafka 1948b, übers. Willa und Edwin Muir). Je suis séparé de ma vie de singe par près de cinq années, un temps peut-être court sur le calendrier, mais qui est infiniment long quand on le passe à galoper, comme je l’ai fait, par-ci par-là […] (Rapport pour une académie; Kafka 1938, übers. Alexandre Vialatte). […] dal mio stadio scimmiesco […] ma interminabile se lo si trascorre di galoppo […] (Una relazione accademica; Kafka 1957, übers. Giorgio Zampa). […] dalla mia condizione di scimmia […] ma infinitamente lungo da percorre al galoppo (Una relazione per un’accademia; Kafka 2017, übers. Sabrina Mori Carmignani). […] der Sturm, der mir aus meiner Vergangenheit nachblies (Bericht an eine Akademie; Kafka 1973). […] the strong wind that blew after me out of my past (AReport to an Academy; Kafka 1948b, übers. Willa und Edwin Muir). […] la tempête qui soufflait de mon passé (Rapport pour une académie; Kafka 1938, übers. Alexandre Vialatte). OPEN ACCESS
140 SLOVO A SMYSL 33 […] la tempesta che soffiava dal fondo del mio passato (Una relazione accademica; Kafka 1957, übers. Giorgio Zampa). […] la tempesta che spirava dal mio passato (Una relazione per un’accademia; Kafka 2017, übers. Sabrina Mori Carmignani). In beiden Fällen nehmen die Übersetzungen— unvermeidlicherweise— einen paraphrastischen Charakter an. Vialatte bemüht sich sichtlich, durchzugaloppieren präzise wiederzugeben; nur die beiden schottischen Übersetzer bemühen sich um die Wiedergabe des Verbzusatzes nach. Dem Kerl sollte jedes Fingerchen seiner schreibenden Hand einzeln weggeknallt werden (Bericht an eine Akademie; Kafka 1973, S.168). […] should have its fingers shot away one by one (AReport to an Academy; Kafka 1948b, übers. Willa und Edwin Muir). Je voudrais qu’on fasse sauter un par un à ce bonhomme chacun des doigts de sa main (Rapport pour une académie; Kafka 1938, übers. Alexandre Vialatte). […] bisognerebbe far saltare ogni ditino della mano (Una relazione accademica; Kafka 1957, übers. Giorgio Zampa). […] se al tipo in questione venisse fatto saltare ogni singolo insignificante dito della sua mano (Una relazione per un’accademia; Kafka 2017, übers. Sabrina Mori Carmignani). Die leicht pejorative Konnotation des Diminutivs wird von der italienischen Übersetzerin überinterpretiert. Gerade bei Kafka sollte man Nuancen, die man als Übersetzer erkannt hat, nicht wiedergeben, wenn die Zielsprache keine beiläufig-unauffällige Lösung zulässt. — Gebrauch von Komposita als Textgestaltungsprinzip: […] mit aller Affenkraft […] ich kann das affenmäßig Gefühlte heute nur mit Menschenworten nachzeichnen […] Affenwahrheit […] Menschenfreiheit […] Kein Bau würde standhalten vor dem Gelächter des Affentums bei diesem Anblick […] (Bericht an eine Akademie; Kafka 1973, S.168–169). […] all the strength of an ape […] what Ifelt then as an ape Ican represent now only in human terms […] the truth of the old ape life […] human freedom […] Were the apes to see such aspectacle, no theater walls could stand the shock of their laughter (AReport to an Academy; Kafka 1948b, übers. Willa und Edwin Muir). […] mes forces de singe […] Je ne saurais naturellement reproduire avec des mots humains ce que je sentais alors en singe […] la vérité simiesque ancienne— liberté OPEN ACCESS
JöRN ALbRECHT 141 humaine […] Nul bâtiment ne pourrait tenir sous le rire de la gent simienne en présence de ce tableau (Rapport pour une académie; Kafka 1938, übers. Alexandre Vialatte). […] forza scimmiesca […] posso tradurre solo nel linguaggio umano quello che allora sentivo come scimmia […] l’antica verità scimmiesca — libertà umana […] Non c’è tetto che non crollerebbe sotto le risate delle scimmie presenti aquello spettacolo (Una relazione accademica; Kafka 1957, übers. Giorgio Zampa). Forza di scimmia […] Quello che allora sentivo come scimmia, oggi posso solo rievocarlo in termini umani […] l’antica verità della scimmia— libertà secondo gli uomini [sic!] […] Auno spettacolo del genere le scimmie riderebbero tanto da far crollare anche il più solido edificio (Una relazione per un’accademia; Kafka 2017, übers. Sabrina Mori Carmignani). Affenkraft— Affenwahrheit— Affentum: Hier wird im Deutschen suggeriert, es handle sich um eine Art von technischer Terminologie. Der daraus entstehende Eindruck des Grotesken lässt sich im Romanischen am besten mit Nomina + Relationsadjektiv wiedergeben: forza scimmiesca, verità scimmiesca. Für Affentum wäre allenfalls im Englischen an „apeness“ zu denken, Vialattes la gent simienne ist eine ausgezeichnete Lösung. — Klammerstrukturen: Er war schlank, und doch fest gebaut, er trug ein anliegendes schwarzes Kleid, das, ähnlich den Reiseanzügen, mit verschiedenen Falten, Taschen, Schnallen, Knöpfen und einem Gürtel versehen war und infolgedessen, ohne daß man sich darüber klar wurde, wozu es dienen sollte, besonders praktisch erschien (Der Prozess; Kafka 1962, S.7). He was slim and yet solidly built, he wore aclosely fitting black suit which, like atraveller’s outfit, was provided with various pleats, pockets, buckles, buttons and abelt, and as aresult seemed eminently practical, although its purpose remained unclear (The Trial; Kafka 2018b, übers. Richard Stokes). Man kann immer wieder lesen, Kafkas Stil sei parataktisch. Das gilt nicht generell. Der Text: Wunsch Indianer zu werden besteht aus einem einzigen Satz — ein kurzer Text ja, aber ein langer Satz. ‚Typisch deutsch‘ ist bei Kafka das Auftreten von Klammerstrukturen, über die sich schon Mark Twain in The Awful German Language lustig gemacht hatte. Der englische Übersetzer löst den Einschub zweier voneinander abhängiger Nebensätze in eine lineare Reihenfolge auf. Damit geht, wie bei den meisten Übersetzungen, das ‚typisch Deutsche‘, nicht jedoch das ‚Kafkaeske‘ verloren. — Phraseologismen: Es gibt eine ausgezeichnete deutsche Redensart: sich in die Büsche schlagen; das habe ich getan, ich habe mich in die Büsche geschlagen (Bericht an eine Akademie; Kafka 1973, S.174). OPEN ACCESS
142 SLOVO A SMYSL 33 There is an excellent idiom: to fight one’s way through the thick of things. There was nothing else for me to do [ohne Wiederholung] (AReport to an Academy; Kafka 1948b, übers. Willa und Edwin Muir). Vous connaissez tous l’expression «prendre la poudre de l’escampette», c’est que j’ai fait, je me suis esquivé […] (Rapport pour une académie; Kafka 1938, übers. Alexandre Vialatte). Voi conoscete l’espressione: tagliare la corda. È quanto feci [ohne Wiederholung] (Una relazione accademica; Kafka 1957, übers. Giorgio Zampa). Esiste un modo di dire che rende perfettamente l’idea: darsi alla macchia; è questo che ho fatto, mi sono dato alla macchia (Una relazione per un’accademia; Kafka 2017, übers. Sabrina Mori Carmignani). Phraseologismen, insbesondere bildhafte Redensarten kann man als Übersetzer entweder paraphrasieren, oder durch eine sinngemäß entsprechende Redensart der Zielsprache ersetzen. Im vorliegenden Fall ist dies nur Carmignani überzeugend gelungen. Die Wiederholung der Wendung, die ebenfalls nur von Carmignani nachgeahmt wird, gehört— im Gegensatz zur eleganten synonymischen Variation bei Vialatte — unbedingt zu Kafkas ‚Schreibweise‘ — aber diese Beobachtung führt uns bereits in den nächsten Abschnitt. 3. ÜBERSETZUNGSSTRATEGIE: KAFKAS „SCHREIBWEISE“ ALS ÜBERSETZUNGSPROBLEM 3.1. DREI zUGANGSWEISEN zUR LITERATUR Es gibt drei „klassische“ Arten des Zugangs zur Literatur, die hier in knappster Form vorgestellt werden sollen: a) historisch-biographisch = „positivistisch“ Das Werk im Verhältnis zu Persönlichkeit und Lebensumständen des Autors: Grenzfall (Prototyp): psychoanalytische Literaturtheorie. b) „ideologisch“ Das Werk als Ausdruck von Ideen und Wertvorstellungen der Gesellschaft, aus der es hervorgegangen ist: Musterbeispiel: Marxistische Literaturtheorie. c) „werkimmanent“ Ob Autor oder Autorin heterooder homosexuell waren, ob sie an Christus oder an die Weltrevolution glaubten, ist irrelevant. Es geht darum, wie ihre Texte „gemacht“ sind: Musterbeispiele: Russischer Formalismus; New Criticism. OPEN ACCESS
JöRN ALbRECHT 143 Die drei Ansätze (hier in der historischen Reihenfolge ihres Auftretens) werden häufig als antagonistisch angesehen, sind jedoch in Wirklichkeit komplementär. Im Falle Kafkas wurde Ansatz a) gründlich verfolgt, vor allem von Elias Canetti— mit zweifelhaftem Erfolg. Für den Übersetzungsforscher ist hier, wie in den meisten Fällen, Ansatz c) am ergiebigsten. Ansatz b) ist im Falle Kafkas am problematischsten. Die „unselige Eigenheit seiner Prosa […], die Herausforderung zum Kommentar“ (Wagenbach 1964, S.57) verführt in diesem Bereich zu den gewagtesten Spekulationen. Kafka verfolgt jedoch mit seinen ‚Kritzeleien‘ keine kollektiven ‚Anliegen‘. 3.2. EINIGE KAFKASCHE EIGENHEITEN UND IHRE bEHANDLUNG IN VERSCHIEDENEN übERSETzUNGEN Kafkas „nüchterner, präziser, ja präzisionsbesessener Kanzleistil […] Verwaltungssprache“ (Coseriu 2007, S.172). Der seltsame Kontrast zwischen einem Protagonisten, der sich unbegreiflicherweise in eine Art von Käfer verwandelt sieht, und einem Erzähler, der mit technischer Präzision anatomische Einzelheiten des Käferbauchs schildert, ist ‚kafkaesk‘. Die übersetzerische Bewältigung dieses Phänomens gehört in den Bereich der Übersetzungsstrategie. Fast alle Übersetzer der Verwandlung tragen dieser Eigentümlichkeit Rechnung, mit Ausnahme von Giorgio Zampa, der diesen Kontrast mildert, indem er sich mit einer weniger präzisen Beschreibung (traversato da numerose nervature) zufriedengibt (cf. supra). Typische Beispiele finden sich auch in anderen, weniger bekannten Texten. — Gezielte Verstöße gegen das in einer gewissen Situation Erwartbare: „Wissen Sie wie Sie sind, komisch sind Sie.“ […] Zuerst erfreute es mich, denn es schien zu zeigen, daß er etwas in mir vermutete, was zwar nicht in mir war, aber mich bei ihm in Beachtung brachte dadurch, daß er es vermutete (Beschreibung eines Kampfes; Kafka 1973, S.233). — Laissez-moi rire, vous êtes un humoriste […] En parlant ainsi mon nouvel ami ne m’attribuait-il pas un sentiment imaginaire, mais qui, dans ma pensée, me conférait l’importance même qu’on pût m’en supposer capable ? (Description d’un combat; Kafka 1938, übers. Alexandre Vialatte). — Bah! Déjeme usted; es un gracioso— concluyó. […] Deduje de su modo de hablar que él suponía algo que se relacionaba conmigo, algo que tal vez no existía, pero cuya mera presunción me elevaba asus ojos (Descripción de una lucha; Kafka 1983, übers. Anonymus). „Ogo on!“ he concluded. “You are ahumorist!” […] From these words Iimagined that my acquaintance suspected in me something which, although it wasn’t there, made OPEN ACCESS
150 SLOVO A SMYSL 33 geisteswissenschaften-in-sachsen.de/ kulturraeume/kafka-atlas/laender-artikel/ kafka-in-spanien> [12.3.2020]. Raboin, Claudine: Kafka in Frankreich. Geisteswissenschaften in Sachsen. de/kulturräume 2016 <http://www. geisteswissenschaften-in-sachsen.de/ kulturraeume/kafka-atlas/laender-artikel/ kafka-in-frankreich> [12.3.2020]. Schmidt, Arno: Piporakemes! In idem: Kühe in Halbtrauer. Haffmans Verlag, Zürich 1985, S.243–265. Schneider, Johannes: Sprachund Denkformen bei Franz Kafka. Königshausen & Neumann, Würzburg 2016. Wagenbach, Klaus: Kafka in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlts Bildmonographien 91. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1964. Wandruszka, Mario: Diskussionsbeitrag. In: Lilleby Grähs— Gustav Korlen— Bertil Malmberg (Hg.): Theory and Practice of Translation. Lang, Bern— Frankfurt am Main— Las Vegas 1978, S.236. Ziolkowski, Saskia: Kafka in Italien. Geisteswissenschaften in Sachsen. de/kulturräume 2016 <http://www. geisteswissenschaften-in-sachsen.de/ kulturraeume/kafka-atlas/laender-artikel/ kafka-in-italien> [12.3.2020]. OPEN ACCESS