Emil Juliš: Zone / Zóna. Aus dem Tschechischen übersetzt und herausgegeben von Eduard Schreiber. Wuppertal: Arco, 2021
Abstract
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Full text
218 BRÜCKEN 29/1 Emil Juliš: Zone / Zóna. Aus dem Tschechischen übersetzt und herausgegeben von Eduard Schreiber. Wuppertal: Arco, 2021, 132 Seiten. Steffen Höhne– Hochschule für Musik Weimar/Friedrich ‑Schiller‑ Universität Jena Die „Welt ist ein Tollhaus. / Wir quälen uns ihretwegen, sie ist uns der nächste. / Wir quälen uns, verzehren uns hemmungslos.“ Diese leitmotivischen Verse legt Emil Juliš einem „mit Säuferstimme“ in den Mund, wohl wissend, dass sowohl Trunkene wie Kinder die Wahrheit sagen (S. 15). Und damit ist man mitten in einem Zyklus von 49 Gedichten in tschechischer Sprache und deutscher Übersetzung, die weder die Natur noch die Liebe, sondern die Qualen der Existenz und das Sterben einer ganzen Land‑ schaft, ja einer ganzen fortschrittsgläubigen Zivilisation thematisieren: Seltsamer Schein fällt in wild abgestimmte Farben, keine mit der Süße südlicher Städte keine, und so stirbt die Zone im Nahtodeuphoriebeschuß; totenstill wie Kohle, schwarze Wüste, Wolkenquader. (S. 21) Gegenstand ist das nordböhmische Braunkohlerevier um die Stadt Most (Brüx), wel‑ che nach einem Beschluss der tschechoslowakischen Regierung aus dem Jahr 1964 komplett dem Abraum weichen sollte, darunter auch die Baudenkmäler, die dem Ab‑ riss freigegeben wurden. Lediglich die spätgotische Hallenkirche Maria Himmelfahrt wurde, eine ingenieurtechnische Meisterleistung, um ca. 800 Meter verschoben. Sie steht jetzt, ihres städtischen Umfeldes völlig entkleidet, unmittelbar an der Abraum‑ halde, solcherart Symbol menschlicher Hybris, für die Natur und Landschaft nichts weiter als ökonomisierbare, rücksichtslos ausbeutbare Ressourcen einer fragwürdi‑ gen Zukunft darstellen. Am Anfang stehen die Landvermesser– natürlich denkt man gleich an ihren Kollegen aus dem Schloss –, die mit ihrer planerischen Vision den Tod der Stadt vorbereiten: Stadt oder Dreibein stehen im Weg. Welches Bein Dreibein amputierend? Fehlt eines, halten zwei es nicht aufrecht. Aber es gibt keine Rückkehr… Eines fiel ab, Stadt legt sich auf die Seite. Der lange Weg hat müde gemacht. Der Plan verlangt den Urbizid, an dem sich der Mensch bereitwillig beteiligt. Anstellt der Stadt entsteht eine dystopische Landschaft, in der sich die Fortschrittsversprechen selbst demaskieren. In mephistophelischer Diktion eines Geistes, der stets das Böse
219REZENSIONEN will und stets das Gute schafft entsteht in einer Art Inversion eine Unterwelt von Dante‘schen Ausmaßen: „Vor uns loderte die Zukunft der Zone…“ (S. 91) Zuckend beleuchtet die Flamme der Chemiebude eine große infernalische Landschaft– es ist nicht die Hölle! schreien wir– (S. 77) Juliš, der in Most lebte und arbeitete, hatte diesen ‚Umbau‘ von Stadt und Landschaft unmittelbar miterleben können. Sein Versuch einer poetischen Auseinandersetzung, alles andere als ein irgendwelchen Bitterfelder Wegen verpflichteter emphatischer Sozialistischer Realismus, mit seinen Helden der Produktion greift auf alttestamen‑ tarische Bilder und Motive zurück, auf einen „apokalyptischen Engel mit atomge ‑ triebenen Flügeln“ (S. 93), der die Mauern von Jericho zum Einsturz bringen könnte (S. 95). Doch der sozialistische Aufbau erfordert die Selbstüberhebung des Menschen, der sich als Demiurg (S. 93) unaufhaltsam über die Gesetze der Natur meint hinweg‑ setzen zu können. Es ist der Irrsinn scheinbar rationalen Planens und Handelns, in der sich das Fortschrittsparadigma dekuvriert. Die Zone, gleich Most, wird zum Symbol menschlicher Überschätzung, an der wir alle Verantwortung tragen: „Zone ist nicht Verzweiflung, Warnung vielleicht, / vielleicht Wahrheit. / Eher alles zusammen; wir sind keine Richter.“ (S. 99) Dem Dichter bleibt nur zwiespältige Skepsis: – Auch im Todesröcheln lächelt der Heros.– Das sind starke Worte doch wir sind keine Heroen wir wissen nicht, ob wir am Ende lachen werden. Wir wissen überhaupt nicht, was kommt. Vielleicht ein Lachen mit Grauen. (S. 11) Der tschechische Regisseur Jan Svěrák hat mit seiner Abschlussarbeit Ropáci [Die Ölfresser] an der Filmhochschule Prag (FAMU) das Scheitern der menschlichen Zivilisation und die ökologische Katastrophe aufgegriffen. Als Ort der Handlung mit seiner neuentdeckten Spezies, den Ölfressern, wählte er Most! Ropáci ist auf Youtube einsehbar. Juliš‘ Lyrik lässt sich durchaus als ein Kommentar zu diesem grandiosen Kurzfilm lesen.