Konrad Balder Schäuffelen als Dichter und Übersetzer
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Konrad Balder Schäuffelen als Dichter und Übersetzer Julia Miesenböck– Institut für Translatologie, Philosophische Fakultät der Karls -Universität Prag ABSTRACT Konrad Balder Schäuffelen as aPoet and Translator Konrad Balder Schäuffelen (1929–2013) was intensively active as atranslator of Czech poetry into German during arelatively short period between 1965 and 1971 alongside his profession as amedical doctor and his own poetic and artistic activities. Using the concept of agency in translation developed in translatology, this paper examines Schäuffelen’ssocio -biography, relates his translation activity to his other activities and explains the importance of Schäuffelen’spersonal network for his translation activity as well has his motivations for translating poetry from Czech to German. KEYWORDS Literary translation, History of literary translation, Poetry translation, Translation Czech to German Die übersetzerische Tätigkeit von Konrad Balder Schäuffelen (1929–2013) erstreckte sich über einen relativ kurzen Zeitraum und lässt sich in Zusammenhang mit den weiteren Aktivitäten des Künstlers und Dichters setzen. Durch die Analyse der SozioBiographie Schäuffelens soll seine Motivation für die Tätigkeit als literarischer Übersetzer herausgearbeitet und der Frage nachgegangen werden, warum sich Schäuffelen entschied, aus dem Tschechischen zu übersetzen, welche Texte er auswählte und in welchem Zusammenhang seine Tätigkeit als Übersetzer mit seinen weiteren Aktivitäten steht. 1. METHODOLOGISCHE GRUNDLAGEN Die Erläuterung von Schäuffelens übersetzerischer Aktivität stützt sich methodologisch auf das Konzept der Humanisierung der Übersetzungswissenscha#en (Pym 1998, Chesterman 2009) und auf den im Zuge dessen geprägte Idee der „agency“ (Milton/ Bandia 2009, Roig -Sanz/Meylaerts 2018). Dabei wird der Fokus auf die im Übersetzungsprozess involvierten Individuen gerichtet und die Übersetzungswissenscha# um eine soziologische Perspektive ergänzt. Milton und Bandia (2009) weisen darauf hin, dass „agents“ (dt. „Agenten“, „Vermi$ler“)– zu denen sie neben Übersetzern auch weitere Personen aus dem Literaturbetrieb wie Verleger, Lektoren, Au#raggeber zählen– verschiedene Rollen einnehmen und diese auch mit dem Umfeld zusammen-
66 BRÜCKEN 30/2 hängen, in dem sie agieren. Als agents können Übersetzer auch gezielte Entscheidungen treffen, indem sie gewisse Texte auswählen oder auch neue Übersetzungsstile entwickeln, und darüber hinaus können sie auch wichtige Positionen in Bezug auf die Vermi$lung einer Kultur einnehmen, und nicht nur als Übersetzer im Sinne von Kulturund Wissensvermi$ler tätig sein (Milton/Bandia 2009). Gerade unter den Übersetzerinnen und Übersetzern von Lyrik gibt es eine hohe Zahl an Personen, die selbst lyrisch tätig waren (dazu zahlreiche Studien von Francis Jones 2019, Cecilia Schwartz 2019, Jacob Blakesley 2016). Um die unterschiedlichen Rollen der agents kultureller Transfers zu verstehen, müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass sich ihre Rollen nicht nur überschneiden, sondern sich im Zusammenhang mit ihren Aktivitäten auch im Laufe der Zeit ändern, dass sie ihre Tätigkeit als Übersetzer oder in anderen Bereichen aufnehmen oder aufgeben, und dass diese Veränderungen freiwillig oder unfreiwillig sind. Durch die Analyse unterschiedlicher Rollen und Aktivitäten lassen sich neben den Positionen der agents im Kulturtransfer auch ihre Netzwerke erklären (Roig -Sanz/Meylaerts 2018: 4f.). Soziologisch wird der Literaturtransfer o# in Zusammenhang mit der Anzahl der übersetzten Werke einzelner Sprachen auf einer Achse zwischen zentral über semiperipher bis peripher beschrieben (Heilbron 1999, Heilbron/Sapiro 2007), wobei jene Sprachen, aus denen viel und in die wenig übersetzt wird, eine zentrale Stellung zukommt. Da die Übersetzung von Gedichten nicht von gewinnorientierten Marktkrä#en gesteuert wird und im Allgemeinen in einer geringeren Anzahl von Werken auf dem Weltmarkt erscheint (vgl. Venuti 2011), ist diese Asymmetrie hier weniger in Bezug auf die Zahl der Übersetzungen als vielmehr auf die Zahl der Übersetzerinnen und Übersetzer relevant, da Tschechisch nicht nur als Erstsondern auch als Zweitsprache weniger dominant als das Deutsche ist. Der auf Bruno Latour zurückgehende Begriff des Netzwerks wird ergänzend zu Bourdieus Praxistheorie verwendet (Buzelin 2005, Roig -Sanz/Meylaerts 2018), um die Dynamik und Wechselha#igkeit von kulturellem Austausch zu charakterisieren. In Bezug auf die Übersetzenden wird auch der hier dynamisch verstandene Begriff des „symbolischen Kapitals“ angewandt, der auf Pierre Bourdieu zurückgeht und immaterielle Güter wie das Prestige und Ansehen einer Persönlichkeit bezeichnet, das sich durch eigene literarische Tätigkeit oder auch durch die Zugehörigkeit einer renommierten Institution erlangt werden kann. Übersetzer mit höherem symbolischem Kapital werden so zu wichtigen Akteuren im Prozess der Einführung von unbekannter Literatur in die Zielkultur, die o# auch für ein ganz spezifisches Lesepublikum interessant ist und diesen Einflussbereich nicht überschreitet. Für den Akt der Einführung hat sich der Begriff der ‚consecration‘ (dt. ‚Konsekration‘ oder ‚Einweihung‘) etabliert (Casanova 2002). Ein weiterer im Übersetzungsprozess relevanter Faktor ist das immaterielle kulturelle Kapital, also das Wissen und die Expertise einzelner Persönlichkeiten das ihnen einen gewissen Status verleiht. Dazu sind auch für Übersetzungen relevante Sprachkenntnisse zu zählen. Das symbolische Kapital ist ähnlich dem materiellen Kapital– also wirtscha#lichen Gründen für die Tätigkeit im übersetzerischen Bereich (Blakesley 2016: 14)– ein Faktor, der unterschiedlichen Dynamiken unterliegt. In Bezug auf übersetzende Dichterinnen und Dichter ist neben dem Prozess der Konsekration, wo eigenes symbolisches Kapital
67JULIA MIESENBÖCK für ein fremdes Werk zur Verfügung gestellt wird, auch ein umgekehrter Vorgang zu beobachten: Die Akkumulation von eigenem symbolischem Kapital durch Übersetzung. So kann die Anfertigung literarischer Übersetzungen eine Möglichkeit sein, auf das eigene Schreiben aufmerksam zu machen (Schwartz 2019: 184). Auch durch die Literaturvermi$lung können Übersetzer Expertise beweisen und symbolisches Kapital erwerben: [T]hey seek recognition for the cultural product they are transferring, but they also reach their own consecration through translations, critiques or prologues, and they are commi$ed to the “enlightenment” of their readers through the translation of the most relevant books. (Roig -Sanz/Meylaerts 2018: 19) Symbolisches Kapital entsteht auch durch unterschiedliche Handlungen, die auch durch den Kontakt mit anderen Akteurinnen und Akteuren ergeben, weshalb sich die Untersuchung von persönlichen Netzwerken und Kontakten als aufschlussreich erweist. 2. KONRAD BALDER SCHÄUFFELEN ALS ÜBERSETZER UND LITERATURVERMITTLER Schäuffelens Aktivitäten als Literaturvermi$ler und Übersetzer ist stellenweise in den Memoiren von Bohumila Grögerová und Josef Hiršal dokumentiert, in einzelnen Briefen des Übersetzers an tschechische Autorinnen und Autoren, die sich im Literaturarchiv des Muzeum Literatury/Památník národního písemnictví [Literaturmuseum/ Gedenkstä$e des nationalen Schri#tums] befinden, sowie Briefe an die Redaktion der Zeitschri# Akzente, die sich im Literaturarchiv Sulzbach -Rosenberg befinden.1 Die Quellen geben Aufschluss über Schäuffelens Motivation, einer übersetzerischen Tätigkeit nachzugehen und rekonstruieren die Kontakte, die der Dichter und Übersetzer zu Beginn seiner Karriere knüp#e. Textbezogene Fragestellungen, die übersetzerische Zugänge erläutern oder Ratschläge und Hinweise bezüglich des Umgangs mit Sprache sind allerdings spärlich vorhanden, ebenso wie Notizen über die spätere übersetzerische Kooperation mit Tamara Ka&ová. Schäuffelen war neben Reiner Kunze einer der ersten Übersetzer tschechischer Literatur ins Deutsche, der biographisch nicht in der Tschechoslowakei bzw. den Böhmischen Ländern verwurzelt war. Als Schlüsselereignis für Schäuffelens Tätigkeit als Übersetzer und Literaturvermi$ler ist die Begegnung mit Bohumila Grögerová (1921–2014) und Josef Hiršal (1920–2003) in Prag im Mai 1964 zu betrachten. Der Kontakt zu Hiršal und Grögerová, die beide literarisch und übersetzerisch (nicht nur) im Bereich der experimentellen Literatur tätig waren, kam durch den österreichischen Lyriker Ernst Jandl (1925–2002) zustande, den Schäuffelen zuvor in Wien getroffen ha$e und zu dem Grögerová und Hiršal Kontakt pflegten (Grögerová/Hiršal 2007: 455f., 1 Dabei handelt es sich um die einzigen auffindbaren Dokumente zu Schäuffelens übersetzerischer Tätigkeit– im Privatbesitz seiner Nachkommen befinden sich keine weiteren Dokumente (lt. Auskun# von Jakob Schäuffelen, Sohn von Konrad Balder Schäuffelen).
68 BRÜCKEN 30/2 463f.). Wie Grögerová und Hiršal notierten, hielt sich Schäuffelen länger als geplant in Prag auf. Er ha$e damals bereits einige eigene Gedichte verfasst, allerdings noch keine selbständigen Publikationen verzeichnet. Schäuffelen ha$e Medizin studiert und war zum Zeitpunkt seines Besuchs in Prag noch als Psychiater in Frankfurt am Main tätig, wo er eine eigene Praxis ha$e. Grögerová und Hiršal berichten in den Memoiren über die Begegnung mit Schäuffelen: Dovídáme se spřekvapením, že Dr.Schäuffelen je psychiatr, který má ve Frankfurtu soukromou ordinaci (která mu asi mnoho nevynáší), je mimo této své profese hluboce zainteresován na současné konkrétní poezii, hlavně na její vizuální, výtvarné složce, aže své povolání nevykonává soustavně, ale velkou část roku cestuje po evropských zemích. (Grögerová/Hiršal 2007: 463) [Es hat uns überrascht, als wir erfahren haben, dass Dr.Schäuffelen Psychiater ist und eine Privatordination in Frankfurt hat (die ihm aber wohl nicht viel einbringt), er neben seinem Beruf großes Interesse für zeitgenössische konkrete Poesie hat, insbesondere für deren visuelle Komponente, und dass er seinen Beruf nicht kontinuierlich ausübt, sondern einen Großteil des Jahres durch Europa reist.] Grögerová und Hiršal machten Schäuffelen während seines Aufenthalts mit der zeitgenössischen tschechischen Literaturszene bekannt. Durch die beiden lernte Schäuffelen weitere Persönlichkeiten aus dem tschechischen Literaturund Kulturbereich kennen (Grögerová/Hiršal 2007: 467f.): den Literaturwissenscha#ler und Übersetzer aus dem Deutschen Vladimír Ka&a– er übersetze u. a. Franz Ka&a, Heinrich Böll und Günter Grass– sowie den Dichter und bildenden Künstler Jiří Kolář, mit dem er zwei Jahre später künstlerisch kollaborierte und den er später auch zusammen mit Tamara Ka&ová (geb. 1943) übersetzte. Tamara Ka&ová, damals Schauspielerin im Prager -eater Na zábradlí, lernte Schäuffelen ebenfalls durch den Kreis um Grögerová und Hiršal kennen. Schäuffelen und Ka&ová heirateten 1966 in Prag; anschließend lebten die beiden in München (Grögerová/Hiršal 2007: 467f., 633). Zu Tamara Ka&ová liegen im Gegensatz zu Schäuffelen sehr wenige sozio -biographische Daten vor. Ihre Familie stammt aus der ostböhmischen Stadt Sobotka, ihr Vater war der Arzt Alois Ka&a, der sich am kulturellen Leben in Sobotka beteiligte und auch Holzschni$e und Zeichnungen anfertigte, darunter auch für Bücher des lokalen Verlags von Leopold Lažan. Tamara Ka&ová ist als Schauspielerin in der deutsch -tschechischen Filmproduktion Das Haus in der Karpfengasse (1965)– der Verfilmung des gleichnamigen Romans des österreichisch -israelischen Schri#stellersM. Y. Ben -Gavriêl– verzeichnet sowie unter dem Namen Tamara Schäuffelen -Ka&ová, Tamara Schäuffelen und Tamara Ka&a ab 1971 in einigen deutschsprachigen Filmund Fernsehproduktionen. Als literarische Übersetzerin aus dem Tschechischen publizierte Tamara Ka&ová ausschließlich zwischen 1969 und 1971 zusammen mit Schäuffelen. Wie den Memoiren von Grögerová und Hiršal entnommen werden kann, animierte der Besuch in Prag den damals jungen Arzt und aspirierenden Dichter, Tschechisch zu lernen, um tschechische zeitgenössische Literatur ins Deutsche zu übertragen. Im Januar 1965 schreiben Grögerová und Hiršal:
69JULIA MIESENBÖCK Schäuffelen nás všecky překvapil: učí se vehementně česky abude prý vbudoucnu– snaší pomocí– zčeštiny překládat. To byl důvod křádné oslavě– (Grögerová/ Hiršal 2007: 516) [Schäuffelen hat uns alle überrascht: er lernt vehement Tschechisch und möchte in Zukun#– mit unserer Hilfe– aus dem Tschechischen übersetzen. Das war ein Grund, ordentlich zu feiern –] Anfang November 1965 erfahren die beiden, dass Schäuffelen einen weiteren Besuch in Prag plant und dass er bereits erste Übersetzungsau#räge ausgehandelt hat. Über Schäuffelens Besuch in Prag im Dezember wird festgehalten, dass er sich neben dem intensiven Spracherwerb und der Literatur nun auch der Objektkunst widmet: Intensivně se učí česky, nepíše už jen texty, ale vytváří objekty aorganizuje jakési drobné happeningy knejrůznějším příležitostem. Je přímo okouzlen Kolářem– (Grögerová/Hiršal 2007: 606) [Er lernt intensiv tschechisch, und schreibt nicht mehr nur Texte, sondern erschafft auch Objekte und organisiert kleine Happenings zu den verschiedensten Gelegenheiten. Er ist richtig bezaubert von Kolář –] Mit Jiří Kolář, der seit Ende der 1950er Jahre seine dichterische Tätigkeit um visuelle Elemente ergänzte, für die er diverse neue Ga$ungsbezeichnungen entwickelte und in den 1960er Jahren international als bildender Künstler bekannt wurde (Winter 2014: 228f.), kooperierte Schäuffelen gleich mehrfach: bevor 1971 der Gedichtband Poeme– Collagen– Poeme bei Suhrkamp erschien, übersetzte Schäuffelen Jiří Kolářs Dramen Chléb náš vezdejší (dt. Unser täglich Brot) und Jáma (dt. Die Grube). Zusammen schufen Schäuffelen und Kolář zwei Text -Objekte („E 835. Von Tulln nach Tábor“ sowie „Bilderspiegel“), im Februar 1966 erschien in Literární noviny [Literaturzeitung] außerdem ein Gedicht von Schäuffelen in Jiří Kolářs Übersetzung: „46 mal augen. eine Augengeschichte in 3 Akten“– „46 x oči– Historka olásce otřech aktech“2 Schäuffelen wurde in dieser Zeitschri# dem tschechischen Lesepublikum auch durch eine Kurzbiografie und ein Interview vorgestellt, in dem er als Dichter und Übersetzer präsentiert wird und sich zum Konkretismus und zu seiner Motivation als Übersetzer äußert. In den biographischen Angaben steht über Schäuffelens Beruf: „Doktor der Medizin (Psychiater und Neurologe), widmet sich jetzt ausschließlich der literarischen Tätigkeit“ [doktor medicíny (psychiatr aneurolog); věnuje se nyní výhradně literární práci] (Blážek 1966). Schäuffelens Tätigkeit als Übersetzer steht im Zusammenhang mit seinem eigenen Wirken im Bereich der experimentellen bzw. konkreten Lyrik. Die Entscheidung, tschechische Lyrik aus seinem Interessensbereich ins Deutsche zu übersetzen und in der deutschsprachigen Szene vorzustellen, resultierte aus der Beschä#igung mit 2 Dieses und ein weiteres Gedicht von Schäuffelen (ich trage meine orden … / své řády nesu …) wurden auch von Grögerová und Hiršal für die Anthologie Experimentální poezie (1967, herausgegeben von Grögerová und Hiršal) ins Tschechische übertragen.
70 BRÜCKEN 30/2 der Lyrik von Dichterinnen und Dichtern, die sich einer ähnlichen Poetik widmen, sowie aus einem generellen Interesse für slawische Sprachen: „[I]ch wollte hier [in Prag] jüngere tschechische Autoren kennenlernen, von denen ich wusste, dass sie sich mit ähnlichen Problemen befassen wie ich. Mein Interesse für die Poesie, die ich hier fand, und der Wunsch, eine slawische Sprache zu lernen, brachten mich dazu, Tschechisch zu lernen. [chtěl jsem tu poznat mladší české autory, onichž jsem věděl, že se zabývají podobnými problémy jako já. Můj zájem opoezii, kterou jsem zde našel, apřání naučit se některému slovanskému jazyku mě přivedly ktomu, že jsem začal studovat češtinu.]“ (Blážek 1966). Schäuffelen erwähnt, dass er bei Holan– „bei dem ältesten Dichter, den ich bisher übersetzte [unejstaršího zbásníků, které jsem dosud překládal]“ (Blážek 1966), spezifisch tschechische Elemente erkenne, die sich „nur sehr schwierig [jen velmi těžko]“ übersetzen lassen. Jüngere allerdings würden unabhängig von Sprache, Nationalität oder politischem System ähnliche Probleme verfolgen. Bohumila Grögerová und Josef Hiršal kam bei der Vermi$lung von Texten für Schäuffelen eine wichtige Rolle zu: aus den Memoiren geht hervor, dass insbesondere Grögerová dem angehenden Übersetzer Empfehlungen gab, wen und welche Texte er übersetzen könnte, und die ihm auf dem Postweg tschechische Literatur zukommen ließ und seine Anfragen bezüglich Textauszüge weiterleitete (Grögerová/Hiršal 2007: 480, 500f., 506). Noch im Jahr 1965 begann Schäuffelen mit den Übersetzungen von Bohumila Grögerová, Josef Hiršal und Milan Nápravník für den Norddeutschen Rundfunk und übersetzte eine Reihe weiterer Textauszüge an die deutsche Literaturzeitschri# Die Sonde (4/1965). Außerdem erschienen seine Übersetzungen von Milan Nápravník, Ladislav Novák und Věra Linhartová in der Literaturzeitschri# Akzente (He# 1/2, 1966, 3/1967 und He# 5/1968), denen er wiederholt auch seine Übersetzungen von Vladimír Holan, Josef Hiršal und Jiří Kolář anbot, zu deren Publikation es nicht kam (Schäuffelen 1965b, 1967b, 1969b).3 Ab 1969 erschienen selbständige Publikationen, die Schäuffelen zusammen mit Tamara Ka&ová übersetzte. Über die Art und Weise der übersetzerischen Kooperation von Schäuffelen und Ka&ová ist nichts Konkretes bekannt. Unter den gemeinsam übersetzen Werken befinden sich zwei Gedichtsammlungen (Ladislav Novák und Jiří Kolář) und drei Bände experimenteller lyrischer Prosa (Bohumila Grögerová, Milan Nápravník und Věra Linhartová). Die Werke von Kolář, Linhartová und Nápravník erschienen im renommierten Suhrkamp Verlag, der ab den 1960er Jahren weitere aus dem Tschechischen übersetzte Werke verlegte. Die Gedichte von Kolář erschienen– wie auch Übersetzungen der Prosa von Ivan Olbracht und Bohumil Hrabal– in der auf Weltliteratur spezialisierten, ab 1951 erscheinenden Reihe „Bibliothek Suhrkamp“. Věra Linhartová wurde in der Reihe „edition suhrkamp“ verlegt, in der seit 1963 innovative literarische und essayistische Texte herausgegeben werden und die stets den osteuropäischen Raum miteinbezog. 3 Vladimír Holan erschien bereits in He# 5/1965, noch bevor Schäuffelen diese Vorschläge machte. In den Akzenten erschien in den 1960ern regelmäßig Lyrik und Prosa aus dem Tschechischen (wie auch aus weiteren osteuropäischen Ländern, vor allem Polen und Ungarn). Neben Holan wurden Texte von zeitgenössischen Dichtern publiziert: Miroslav Holub (5/1965), Jiří Grůša und Antonín Brousek (3/1967), Ludvík Kundera (3/1968); mit Richard Weiner (5/1968, übersetzt von Peter Urban) war auch ein Vertreter der älteren Generation dabei. Die Übersetzerinnen und Übersetzer wurden in den Zeitschri#en nur in Ausnahmefällen genannt, nämlich wenn es eine Einführung zum präsentierten Text gab (für Übersetzungen aus dem Tschechischen nur von Peter Urban zu Richard Weiner).
71JULIA MIESENBÖCK Herausgegeben von der Kölner Galerie der Spiegel erschien außerdem eine Anthologie mit literarischen Texten und Grafiken aus der Tschechoslowakei, die ebenfalls von Schäuffelen und Ka&ová zusammengestellt und übersetzt wurde: Folgende Folge aus dem Tschechischen versammelt Texte von Věra Linhartová, Jiří Kolář, Milan Nápravník, Josef Hiršal und Ladislav Novák sowie bildnerische Arbeiten von Karel Malich, Jiří Kolář, Otakar Slavík und Jan Kotík. Schäuffelen war in einer sehr kurzen Zeitspanne intensiv als Übersetzer tätig– seine Übersetzungen aus dem Tschechischen erschienen ab 1965 zunächst in Zeitschriften und im Rundfunk, doch innerhalb von nur drei Jahren (1969–1971) publizierte er sechs Übersetzungen in Buchform, an denen Schäuffelen zusammen mit Ka&ová ab der zweiten Häl#e der sechziger Jahre arbeitete. Danach folge eine lange Pause: zwischen 1972 und 1989 ist keine übersetzerische Tätigkeit verzeichnet. Erst 1990 erschein ein weiterer– und einziger– Band mit ausgewählten Gedichten des tschechischen Lyrikers Ivan Wernisch mit dem Titel Es beginnt der gestrige Tag, der Schäuffelen als alleinigen Übersetzer auflistet. Bei den publizierten Übersetzungen von Schäuffelen, die er allein oder zusammen mit Tamara Ka&ová anfertigte, handelt es sich um zeitgenössische experimentelle, rhythmische Prosa, Texte, die an der Grenze von Lyrik und Prosa oszillieren (vor allem Linhartová), als Anleitungen zu Happenings fungieren (Kolář, Novák) bzw. nach dem Prinzip der surrealistischen écriture automatique absurde Szenerien beschreiben (Nápravník) oder mit der visuellen Komponente arbeiten (Grögerová und Hiršal, Kolář, Novák). Bild -Gedichte wurden manchmal übersetzt, manchmal auch unübersetzt übernommen und lediglich mit einem Sprachschlüssel versehen– eine durchaus gängige Methode, wie in Deutschland und der Tschechoslowakei herausgegebene Anthologien internationaler konkreter bzw. experimenteller Poesie zeigen. Generell ist in den Übersetzungen von Schäuffelen und Ka&ová ein kreativer Zugang auszumachen und der experimentelle Umgang mit Sprachmaterial, der für die Originale charakteristisch ist, wird in den Übersetzungen wiedergegeben. Manchmal gehen allerdings auch Elemente verloren, in vielen Fällen geschieht dies durch Fehler oder sogar Weglassungen bei der Übertragung. In Kolářs Gedicht „Revoluce písmen“ (dt. „Revolution der Buchstaben“) werden beispielsweise einige der in der Buchstabenschlange versteckten tschechischen Wörter („odřenými“, „páska“, „překlep“, „špinavý papír patří do stoupy“) nicht ins Deutsche übersetzt, sondern ohne diakritische Zeichen übernommen, nur die vorletzte Zeile „mychcememuzeumpísmen“ (Kolář 1994: 65) wurde übersetzt: „wirforderneinbuchstabenmuseum“ (Kolář 1971: 46). Stellenweise kommt es auch zu stilistischen Verschiebungen, die in der Übersetzung eine andere Wirkung erhalten (z. B. das im Original, nicht jedoch in der Übersetzung dem Stil eines Rezepts folgende Gedicht „Polévka pro hladové“, dt. „Suppe für Hungrige“) oder zu wortwörtlichen Übersetzungen von Stellen, die im Original formale Besonderheiten wie Reim oder Alliterationen enthalten. Fehlgriffe und problematische Lösungen finden sich in den Übersetzungen aus dem Zyklus von Kolářs Návod kupotřebení (dt. Gebrauchsanweisungen) bei denen die Syntax o# unverändert aus dem Tschechischen ins Deutsche übernommen wurde, was unverständliche oder zumindest komisch klingende Konstruktionen zur Folge hat. Die rhythmische Struktur von Nápravníks Moták ist auch in der deutschen Übersetzung auszumachen. Für Gleichklang von Wörtern und Wortspiele von Nápravníks
72 BRÜCKEN 30/2 Texten finden sich in den Übersetzungen kreative Lösungen, die der ästhetischen Wirkung des Originals entsprechen, ähnlich bei Věra Linhartovás lyrischer Prosa, wo es allerdings häufig zu Nivellierungen kommt, da Linhartovás Neologismen in der Übersetzung erklärend wiedergegeben werden. Als aspirierender Dichter war Schäuffelen bis Ende der 1960er noch ein neuer Name im Literaturbetrieb, der sich rasch als Dichter, Künstler und Literaturvermi$ler etablierte. Allerdings entspricht seine übersetzerische Tätigkeit nicht exakt dem Typ des „charismatischen Konsekrators“ (Casanova 2002: 18), der aufgrund seiner eigenen literarischen Tätigkeit symbolisches Kapital akkumuliert ha$e und dies zur Einweihung neuer, unbekannter Literatur nutzt. Vielmehr ist das Übersetzen bei Schäuffelen als Möglichkeit zu verstehen, durch die sich der junge Dichter im Literaturbetrieb etablieren und Konsekration seines eigenen Werks erfahren konnte: seine Sprachkenntnisse, seine Kenntnisse der tschechischen Avantgarde und die guten Kontakte zur tschechischen literarischen und künstlerischen Szene lieferten dem Dichter am Beginn seiner Schaffensperiode kulturelles Kapital, um sich im deutschsprachigen Literaturbetrieb zu vernetzen und eine gewisse Position zu gewinnen. Sein Interesse betraf insbesondere die zeitgenössische tschechische experimentelle Literatur und Kunst, obwohl Schäuffelen auch Vladimír Holan übersetzte, bei dem es allerdings bei unselbständigen Publikationen blieb, und sich für die älteren Autoren Ladislav Klíma, Richard Weiner und Jakub Deml interessierte, von denen aber letztendlich keine Übersetzungen zustande kamen– einerseits wegen der eingeschränkten Verfügbarkeit der Werke, andererseits riet Grögerová dem jungen Übersetzer davon ab: die Texte zu übersetzen wäre sehr schwierig (Grögerová/Hiršal 2007: 500). Hierbei handelt es sich um die einzige schri#lich erhaltene Stelle, in der Schäuffelen einen derartigen Hinweis bezüglich des Übersetzens bekommt. Die Gründe für die Unterbrechung von Schäuffelens relativ kurzer, aber sehr produktiver Periode als Übersetzer sind nicht eindeutig dokumentiert. Es liegt nahe, dass eine Reihe von Faktoren dazu beitrugen, dass Schäuffelen weniger übersetzte: er richtete den Fokus verstärkt auf seine eigene künstlerische Tätigkeit– neben seinem lyrischen Schaffen im Bereich der konkreten Poesie begann Schäuffelen auch, sich der bildenden Kunst zu widmen, wobei Sprache in seinen Kunstwerken eine konstante Rolle spielt. Ein weiterer Grund kann der Zeitmangel aufgrund seines Berufs als Arzt darstellen: Bereits aus einem Brief vom Juli 1966, den Tamara Ka&ová an Grögerová und Hiršal schrieb, geht hervor, dass Schäuffelen eine Vollzeit -Stelle in einer Klinik angekommen hat, wo er seinem Beruf als Psychiater intensiv nachgeht und in Freizeit literarisch tätig ist (Grögerová/Hiršal 2007: 659). Jenen Brief ergänzte Schäuffelen um ein paar Zeilen, in denen er erwähnt, dass er bereits vor der Hochzeit mit Tamara Ka&ová im Februar 1966den Entschluss gefasst ha$e, seinen Fokus wieder stärker auf die Medizin zu richten und eine Stelle in der „Deutschen Forschungsanstalt für Psychiatrie“ angenommen hat: ABalder na druhou stranu dopisu připsal, že vsrpnu jede na kongres psychiatrů do Moskvy, aže se určitě zastaví vPraze aže se už moc těší… Ještě před svatbou se totiž rozhodl, že zanechá svého bohémského života zruky do úst avrátí se ksvému povolání psychiatra. (Grögerová/Hiršal 2007: 659)
73JULIA MIESENBÖCK [Und Balder ergänzte auf der Rückseite des Briefs, dass er im August auf einen psychiatrischen Kongress nach Moskau fährt und dass er bestimmt in Prag vorbeikommen wird und dass er sich schon sehr freut… Noch vor der Hochzeit ha$e er sich nämlich entschieden, sein Leben als Bohemien aufzugeben und sich wieder seinem Beruf als Psychiater zu widmen.] Bei dieser Entscheidung handelt es sich vermutlich nicht nur um eine persönliche Präferenz, sondern vor allem um eine Notwendigkeit aus finanziellen Gründen. Begonnene Projekte wurden jedoch fertiggestellt, und so sind noch bis 1971 Aktivitäten als Übersetzer und Literaturvermi$ler dokumentiert. Schäuffelen publizierte ab 1972 zwar keine literarischen Übersetzungen mehr, er widmete sich allerdings weiterhin seinem eigenen literarischen und künstlerischem Werk und blieb seinem in den 1960ern entwickelten Stil treu. Es lag also nicht am fehlenden Interesse seitens der Verlage, sondern an der beruflichem Auslastung in Kombination mit eigenem literarischen und künstlerischen Schaffen des Übersetzers, denn viele der Autorinnen und Autoren, die durch die Übersetzungen von Konrad Balder Schäuffelen und Tamara Ka&ová zum ersten Mal auf dem deutschen Buchmarkt verfügbar wurden,4 haben in den Jahren danach weitere Publikationen verzeichnet, die von anderen Übersetzerinnen und Übersetzern anfertigt wurden: Milan Nápravník wurde von Peter Urban übersetzt, Jiří Kolář von Ruth Kotík, Věra Linhartová von Dorothea Neumärker und Zbyněk Sekal. Ein allmählicher Rückgang von Übersetzungen zeitgenössischer experimenteller tschechischer Literatur auf dem westdeutschen Buchmarkt ist in den Jahren darauf bemerkbar, als die liberale Phase der 1960er in der Tschechoslowakei nach der Niederschlagung des Prager Frühlings im August 1968 ein jähes Ende fand. Viele der von Schäuffelen übersetzten Autorinnen und Autoren konnten in der Tschechoslowakei nicht mehr publizieren und gingen ins Ausland, die Vorlagen für seine Übersetzungen wurden teilweise in der Tschechoslowakei nicht verlegt: Das tschechische Original von Milan Nápravníks Kassiber (1969 bei Suhrkamp erschienen; tsch. Original Moták) wurde zwar 1969 noch gedruckt, aber von der Zensur alsbald beschlagnahmt und erschien auf Tschechisch erst 1995 in einer erweiterten Ausgabe, Jiří Kolářs Básně ticha, aus denen Schäuffelen einige Gedichte auswählte und für Das sprechende Bild übersetzte, wurden zwar 1970 noch gesetzt, aber nie gedruckt und erschienen auf Tschechisch ebenfalls erst nach der Wende, Auszüge aus Ladislav Nováks Zyklus Gedichte für bewegte Rezitation wurden auf Tschechisch in Literaturzeitschri#en publiziert und zirkulierten im Samizdat. 3. SCHÄUFFELEN IM TSCHECHISCH -DEUTSCHEN NETZWERK Bohumila Grögerová und Josef Hiršal waren mit Autorinnen und Autoren, die eine ähnliche Poetik verfolgten, sehr gut vernetzt; besonders intensiv waren die Kontakte in deutschsprachigen Ländern, darunter zu Ernst Jandl und Friederike Mayröcker in Wien, 4 Die publizierten Übersetzungen von Schäuffelen und Ka&ová machen das Werk einer Reihe tschechischen Autorinnen und Autoren erstmals in Buchform zugänglich– bis auf Věra Linhartová, die vor Schäuffelen und Ka&ová für Suhrkamp bereits von Josefine Spitzer (Diskurs über den Li%, 1967 in der Edition Suhrkamp) und Dorothea Neumärker (Mehrstimmige Zerstreuung, 1967) übersetzet wurde, ha$e sonst niemand eine selbständige Publikation.