Konzilsfrage und Widerhall der konziliaristischen Gedanken im hussitischen Böhmen
Abstract
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Full text
Konzilsfrage und Widerhall der konziliaristischen Gedanken im hussitischen Böhmen* Blanka Zilynská THE CONCILIAR QUESTION AND THE RESPONSE TO CONCILIARIST IDEAS IN HUSSITE BOHEMIA Conciliarism is the theory of the supremacy of the Council over the papacy. The study investigates whether such ideas were known in Bohemia. It traces the environment of the court of WenceslasIV, the role of the University of Prague, Hussitism with its Wycliffian definition of the Church, and the period after the conclusion of the Compactata and during the reign of George of Poděbrady. The knowledge of conciliarist theories in Bohemia is afact, even if their development and application did not take place on Bohemian soil. The Czech lands were not afertile ground for Conciliarist ideas, yet at certain moments the Czech environment reached for Conciliarist arguments. KEYWORDS: Conciliarism; Czech lands; Bohemia; late Middle Ages; Tetragonus Aristotelis; Wenceslas IV; Jan of Jenštejn; Jan Hus; Štěpán of Páleč; Mařík Rvačka; Jan of Rokycany; George of Poděbrady; Gregory of Heimburg Die böhmischen Länder waren kein fruchtbarer Boden für konziliaristische Gedanken, die die gelehrte Welt des Spätmittelalters bewegten. Trotzdem gab es Momente, in denen unser Thema ganz relevant war. Allerdings denke ich dabei nicht an solche Äußerungen in der Literatur, die zwischen Hussiten und Konziliaristen ein Gleichheitszeichen setzen.1 Urteile dieser Art sind völlig inadäquat, weil sie von der nackten Tatsache ausgehen, dass beide Kreise das Papsttum kritisierten und dass Hus und die Hussiten die Einladung zum Konzil angenommen beziehungsweise sich an das Konzil gewandt hatten. Auch denke ich nicht an bloße politische Verhandlungen, in denen man zu einer Zusammenarbeit mit dem gerade zusammengetretenen Konzil geneigt war. Der Schlüssel zur Lösung des Problems, wie die Beziehung der tschechischen Umwelt zu den Konzilien zu werten sei, liegt in einer Definition des Konziliarismus und der Festlegung seiner Merkmale oder Kriterien für die Auswertung der eruierten Standpunkte. Für den Begriff des Konziliarismus hat sich die Historiografie noch nicht auf eine eindeutige Definition geeinigt.2 Dies hat seine Ursache in einer breiten * Diese Studie entstand im Rahmen des Programms PROGRES Q 09: Geschichte— der Schlüssel zum Verständnis der globalisierten Welt. 1 Vgl. unten, Anm. 36. 2 Zu Überlegungen zu diesem Thema vgl. Werner KRÄMER, Konsens und Rezeption. Verfassungsprinzipien der Kirche im Basler Konziliarismus, Beiträge zur Geschichte der Philosophie und Theologie des Mittelalters, NF 19, Münster 1980, S.1–5. Eine Definition wird als Vereinfachung des Problems abgelehnt von Jürgen MIETHKE, Konziliarismus— die neue OPEN ACCESS
10 HISTORIE — OTÁZKY — PROBLÉMY 1/2022 Skala von Ansichten, die von diesem Begriff gedeckt werden. Die konziliare Theorie war Ausdruck der mittelalterlichen Philosophie, Theologie und Rechtswissenschaft. Sie befasst sich mit Fragen, die mit der Stellung des Konzils im Rahmen des Kirchenorganismus verbunden sind. Sie erkennt dem Konzil als Ganzem ein gewisses Maß und eine bestimmte Form der Überordnung über den Papst als Teil zu, sucht daher nach einer Begründung und kann in der Endkonsequenz auch die Gesamtdefinition der Kirche berühren.3 Nach 1378, als das Aufkommen des Schismas zu einem grundlegenden Impuls für die weitere Entfaltung des Konziliarismus wurde, fand dieser auch in der politischen Praxis Eingang: am deutlichsten durch die Einberufung mehrerer Konzilien, durch die Definition ihrer aktuellen und künftigen Aufgaben,4 aber auch durch seine Anwendung in der Außenpolitik einiger europäischer Herrscher. Für unseren Zweck genügt die Feststellung, dass wir in erster Linie nach der Doktrin einer neuen Kirchenverfassung, in: Ivan Hlaváček— Alexander Patschovsky (edd.), Reform von Kirche und Reich zur Zeit der Konzilien von Konstanz (1414–1418) und Basel (1431–1449), Konstanz 1996, S.29–59; DERS., Konziliarismus, in: Karl-Heinz Braun— Mathias Herweg— Hans W.Hubert— Joachim Schneider— Thomas Zotz (edd.), Das Konstanzer Konzil: Essays (1414–1418: Weltereignis des Mittelalters), Darmstadt 2013, S.77–81. Breiter Raum für eine terminologische Abgrenzung bei Thomas WÜNSCH, Minister, executor, caput civile. Der Papst im Kirchenverständnis der Konziliaristen, in: František Šmahel (ed.), Geist, Gesellschaft, Kirche im 13.–16.Jahrhundert, Colloquia mediaevalia Pragensia 1, Praha 1999, S.53–79, hier S.53–56. Den Beitrag von B.Tierney zu einer Definition des Konziliarismus würdigte Ansgar FRENKEN, Die Grundlagen der konziliaren Theorie. Anmerkungen zu einer Neuauflage von Brian Tierneys gleichnamiger Studie, Annuarium histo riae conciliorum 32, 2000, S.405–415, hier S.411. 3 Andere Definitionen betonen die Reformrolle der Konzilien: zur Konzilsbewegung als Bestreben, die Kirche auf konziliarem Wege zu reformieren, s. Amedeo MOLNÁR, Pohyb teologického myšlení. Přehledné dějiny dogmatu [Bewegung des theologischen Denkens. Eine übersichtliche Dogmengeschichte], Praha 1982, S.143–150, hier S.143, 146; Konziliarismus, definiert als Bewegung zur Einberufung des ökumenischen Konzils zwecks Beilegung des Schismas: Jiří SPĚVÁČEK, Václav IV. (1361–1419). Kpředpokladům husitské revoluce [Wenzel IV. Zu den Voraussetzungen der hussitischen Revolution], Praha 1986, S.375, 767. Gegen derartige und ähnliche Definitionen sprach sich Thomas WÜNSCH, Konziliarismus und Polen. Personen, Politik und Programme aus Polen zur Verfassungsfrage der Kirche in der Zeit der mittelalterlichen Reformkonzilien, Konziliengeschichte, Reihe B: Untersuchungen, Paderborn u. a. 1998, S.30–31, aus. 4 Aus der reichen Literatur zu den Reformkonzilien verweise ich lediglich auf grundlegende Arbeiten: Heribert MÜLLER— Johannes HELMRATH (edd.), Die Konzilien von Pisa (1409), Konstanz (1414–1418) und Basel (1431–1449). Institution und Personen, Ostfildern 2007; Walter BRANDMÜLLER, Das Konzil von Konstanz 1414–1418 I–II, Paderborn etc. 1991–1997; Ansgar FRENKEN, Die Erforschung des Konstanzer Konzils (1414–1418) in den letzten 100 Jahren, Annuarium historiae conciliorum 25, Paderborn 1993, als Monographie; Johannes HELMRATH, Das Basler Konzil 1431–1449. Forschungsstand und Probleme, Köln— Wien 1987; DERS., Reform als Thema der Konzilien des Spätmittelalters, in: Giuseppe Alberigo (ed.), Christian Unity. The Council of Ferrara-Florence 1438/39–1989, Leuven 1991, S.75–152; Heribert MÜLLER, Die kirchliche Krise des Spätmittelalters, Schisma, Konziliarismus und Konzilien, Enzyklopädie deutscher Geschichte 90, München 2012; Michiel OPEN ACCESS
BLanKa ZILYnSKÁ 11 Anschauung von der Superiorität des Konzils beziehungsweise des Papstes, der Anschauung von der Rolle des Konzils im Rahmen der Kirche suchen.5 Bislang gibt es nur wenige Versuche, die Entwicklung des Konziliarismus in einem Land oder einem bestimmten Milieu herauszuarbeiten,6 und auch eine synthetische Gesamtbearbeitung des Konziliarismus, der überaus weitläufig und in seiner Komplexität nur schwer zu fassen ist, fehlt bislang.7 DECALUWÉ— Thomas M.IZBICKI— Gerald CHRISTIANSON (edd.), ACompanion to the Council of Basel, Leiden— Boston 2017. 5 Bislang gibt es nicht allzu viele tschechische Versuche, den Konziliarismus zu reflektieren. Eine grundlegende und allgemeine Information mit eventueller Auflistung der zeitgenössischen Haltungen in Böhmen findet sich bei: Rudolf HOLINKA, Církevní politika arcibiskupa Jana zJenštejna za pontifikátu Urbana VI. Studie zdějin velikého schismatu západního [Die Kirchenpolitik des Erzbischofs Johannes von Jenstein unter dem Pontifikat Urbans VI. Studien aus der Geschichte des großen abendländischen Schismas], Bratislava 1933, S.92–113; Josef ŠUSTA, Odkaz hnutí konciliárního [Das Vermächtnis der Konzilsbewegung], in: Dějiny lidstva V, Praha 1938, S.3–11; Amedeo MOLNÁR, Konciliarismus ahusitství [Konziliarismus und Hussitismus], Kostnické jiskry 47/33, 1962, S.2, 47/34, 1962, S.2; DERS., Pohyb, S.143–149; Josef MACEK, Král Jiří aFrancie vl. 1466–1468 [König Georg und Frankreich in den Jahren 1466–1468], Československý časopis historický 15, 1967, Nr.4, S.497–534, hier S.499–508; vgl. DERS., Le mouvement conciliaire, Louis XI et Georges de Poděbrady (en particulier dans la période 1466–1468), Historica 15, 1967, S.5–63, hier S.6–11; DERS., Der Konziliarismus in der böhmischen Reformation— besonders in der Politik Georgs von Podiebrad, Zeitschrift für Kirchengeschichte 80, 1969, S.312–330; Pavel FLOSS, Mikuláš Kusánský. Život adílo [Nikolaus von Kues. Leben und Werk], Praha 1977, S.130–132; Ivan MÜLLER, Konciliární hnutí [Konziliare Bewegung], in: Vilém Herold— Ivan Müller— Aleš Havlíček (edd.), Dějiny politického myšlení II/2, Politické myšlení pozdního středověku areformace, Praha 2011, S.76–92; František ŠMAHEL, Státní theologie Karla IV., „národní“ doktrína Francie apočátky konciliarismu [Die Staatstheologie Karls IV., die „nationale“ Doktrin Frankreichs und die Anfänge des Konziliarismus], in: ebd., S.118–160, bes. 148–160; Dušan COUFAL, Polemika okalich mezi teologií apolitikou 1414–1431. Předpoklady basilejské disputace oprvním zpražských artikulů [Die Polemik um den Laienkelch zwischen Theologie und Politik 1414–1431. Die Voraussetzungen der Basler Disputation über den ersten Prager Artikel], Praha 2012; DERS., Turnaj víry. Polemika okalich na basilejském koncilu 1431–1433 [Ein Turnier des Glaubens. Polemik über den Laienkelch auf dem Konzil von Basel 1431–1433], Praha 2020. 6 T. WÜNSCH, Konziliarismus; Ergänzungen und Korrekturen dazu von Krzysztof OŻÓG, Nowe spojrzenie na koncyliaryzm wPolsce XV w. [Eine neue Sicht des Konziliarismus im Polen des XV. Jahrhunderts], Kwartalnik historyczny 107, 2000, S.123–134; DERS., La réforme de l’Église et le conciliarisme en Pologne au XVe siècle: bilan des recherches, Quaestiones medii aevi novae 6, 2001, S.261–276; zu Schlesien Jan DRABINA, Idee koncyliarizmu na Śląsku. Wkład miejscowych środowisk intelektualnych wich upowszechnianie [Die Ideen des Konziliarismus in Schlesien. Der Anteil der lokalen Intellektuellenzentren an ihrer Verbreitung], Rozprawy habilitacyjne 89, Kraków 1984; zu England Alexander RUSSELL, Conciliarism and Heresy in Fifteenth-Century England. Collective Authority in the Age of the General Councils, Cambridge 2017. 7 Vgl. mehrere Bilanzierungsversuche: Remigius BÄUMER (ed.), Die Entwicklung des Konziliarismus. Werden und Nachwirken der konziliaren Idee, Wege der Forschung 279, Darmstadt
12 HISTORIE — OTÁZKY — PROBLÉMY 1/2022 Hauptzentrum der Konzilsbewegung war anfangs die Pariser Universität, die freilich nach dem Tode von Karl V. (1381) die Unterstützung des Königs verlor und viele Professoren wegziehen sah.8 Diese gingen an andere europäische Universitäten, unter anderem auch nach Prag und von hier aus nach Wien, das zum zweiten bedeutenden Zentrum des Konziliarismus wurde.9 Ein weiteres Universitätszentrum, das sich später auch in den Konzilsdiskurs einschalten sollte, erwuchs im polnischen Krakau.10 I. BÖHMEN WÄHREND DER REGIERUNGSZEIT VON WENZEL IV. I. 1.KÖnIGSHOF UnD ERZBISCHOF Das böhmische Umfeld macht erstmals in den achtziger Jahren des 14.Jahrhunderts mit der von uns verfolgten Problematik Bekanntschaft. Die bestimmende Rolle spielt hier die politische Haltung des Königs und der obersten Kirchenkreise. Wenzel IV. bekennt sich ganz im Sinne seines Vaters, der königlichen Räte sowie des neuen Erzbischofs Johannes von Jenstein (Jan zJenštejna) zur Obedienz des römischen Papstes Urban VI. Zunächst ließ Wenzel keine andere Lösung zu, als dass ganz Europa ihm 1976; J.MIETHKE, Konziliarismus; Wilhelm BAUM, Zum Konziliarismus der Konzilien von Pisa, Konstanz und Basel, in: Maximilian Liebmann (ed.), Demokratie und Kirche. Erfahrungen aus der Geschichte, Grazer Beiträge zur Theologiegeschichte und Kirchlichen Zeitgeschichte 10, Graz— Wien— Köln 1997, S.47–72; T.WÜNSCH, Konziliarismus, S.3–21; Mario FOIS, Eklesiologie konciliarismu [Die Ekklesiologie des Konziliarismus], in: Miloš Drda— František J.Holeček— Zdeněk Vybíral (edd.), Jan Hus na přelomu tisíciletí. Mezinárodní rozprava očeském reformátoru 15.století ajeho recepci na prahu třetího milénia, Husitský Tábor— Supplementum 1, Tábor 2001, S.181–207; Francis OAKLEY, The Conciliarists Tradition. Constitutionalism in the Catholic Church (1300–1870), Oxford 2003. 8 Georg KREUZER, Die konziliare Idee, Rottenburger Jahrbuch für Kirchengeschichte 11, 1992, S.29–40, hier S.32–36; Johannes HOLLSTEINER, Die konziliare Idee, in: R.Bäumer (ed.), Die Entwicklung des Konziliarismus, S.59–74, hier S.62–66; R.HOLINKA, Církevní politika, S.51–52; František ŠMAHEL, Husitská revoluce II, Praha 1993, S.198–199; DERS., Hussitische Revolution I–III, Hannover 2002, hier II, S.752–755. 9 Vgl. z. B.Isnard Wilhelm FRANK, Der antikonziliaristische Dominikaner Leonhard Hunpichler. Ein Beitrag zum Konziliarismus der Wiener Universität im 15.Jahrhundert, Wien 1976. 10 Außer den in Anm. 6 zitierten Arbeiten noch Krzysztof OŻÓG, Kościół krakowski wobec wielkiej schizmy zachodniej iruchu soborowego uschyłku XIV iwpierwszej połowie XV wieku [Die Kirche der Krakauer Diözese gegenüber dem großen abendländischen Schisma und der Konzilsbewegung Ende des 14.und in der ersten Hälfte des 15.Jahrhunderts], in: Andrzej Pankowicz (ed.), Kościół krakowski wżyciu państwa inarodu polskiego, Kraków 2002, S.21–60; DERS., The Role of Poland in the Intellectual Development of Europe in the Middle Ages, Kraków 2009, S.119–134; Zofia WŁODEK, Krakovská eklesiologie vdobě kostnického abasilejského koncilu [Die Krakauer Ekklesiologie zur Zeit des Konstanzer und Basler Konzils], in: M.Drda— F.J.Holeček— Z.Vybíral (edd.), Jan Hus na přelomu tisíciletí, S.169–185. Vgl. unten Anm. 24. OPEN ACCESS
BLanKa ZILYnSKÁ 13 gehorsam war, allmählich aber änderte er seine Taktik: in römischer Obedienz verblieb er zwar bis 1409, doch schon seit den achtziger Jahren neigte er unter dem Einfluss der französischen Abordnung zur Neutralität und begann allmählich, die Subtraktion der Obedienz beider Päpste in Erwägung zu ziehen. Erst im Jahre 1408 ließ er die Möglichkeit der „via concilii“ für die Beilegung des Schimas zu, was in der Teilnahme einer königlichen Abordnung am Konzil von Pisa zum Ausdruck kommt. Die Hinwendung zum Konzil spielte in der Politik Wenzels IV. die Rolle eines rein funktionellen Mittels, mit dessen Hilfe Wenzel seine Stellung im Reich zurückerzwingen wollte. Als sich die Aussichtslosigkeit seiner Bemühungen zeigte, verlor er das Interesse am Konzil. Dies führte zu einer ausgesprochenen Apathie seinerseits gegenüber dem Konzil von Konstanz, wohin er noch nicht einmal eine Abordnung entsandte, obgleich ein Teil der Verhandlungen sehr unmittelbar auch Böhmen betraf.11 Jensteins Haltung war ausgeprägter und entschiedener als die des Königs. Bis zu seinem Tode im Jahre 1400 dachte er an keinen anderen Weg als an den der bedingungslosen allgemeinen Anerkennung Urbans VI. und später Bonifaz’ IX., obwohl er sicherlich auch andere Vorschläge zur Beilegung des Schismas kannte.12 Er setzte sich persönlich für die Verbreitung der antikonziliaristischen Schriften des Johannes von Lignano und Jakobus de Sève ein und forderte Johannes de Braclis auf, die Legitimität Urbans VI. schriftlich zu verteidigen. Er selbst sandte dem Papst in Rom die Schrift De consideratione zu, in welcher er das Schisma beklagt und Urban zur Standhaftigkeit anspornt. Im heimischen Umfeld verteidigte er seine Legitimität und den 11 Zur Kirchenpolitik Wenzels IV. Lenka BOBKOVÁ— Milena BARTLOVÁ, Velké dějiny zemí Koruny české IVb [Große Geschichte der böhmischen Kronländer IVb], Praha— Litomyšl 2003, S.288–298, 326–329, 372–384; J.SPĚVÁČEK, Václav IV., S.110–123, 398–408; Rudolf DVOŘÁK, Církevní politika krále Václava vprvních letech jeho vlády vNěmcích 1378–1381 [Die Kirchenpolitik König Wenzels in seinen ersten Regierungsjahren in Deutschland 1378–1381], Sborník historický 2, 1884, S.65–72, 129–136; Antonín POLÁK, Církevní politika krále Václava IV. [Die Kirchenpolitik König Wenzels IV.] I. 1378–1400, in: 19.Výroční zpráva c. k. českého vyššího gymnasia vUherském Hradišti za školní rok 1902/03, Uherské Hradiště 1903, S.3–26, II. 1400–1409, Časopis Matice moravské (weiter ČMM) 28, 1904, S.1–14, 164–186; Jarmila GRAULICHOVÁ, Jan zJenštejna akrál Václav IV. [Johannes von Jenstein und König Wenzel IV.], Phil. Diss. FF UK 1918/1919, Archiv UK, diss. č.942; R.HOLINKA, Církevní politika; František Michálek BARTOŠ, Čechy vdobě Husově 1378–1415 [Böhmen zu Hussens Zeit 1378–1415], Praha 1947, passim; DERS., Jan zJenštejna ajeho zápas [Johannes von Jenstein und sein Ringen], Jihočeský sborník historický 13, 1940, Nr.4, S.94–108; Jaroslav V.POLC, Svatý Jan Nepomucký [Der hl. Johannes von Nepomuk], Praha 1993, S.76–82, 155–168, 187–189. 12 Die via facti, cessionis, conventionis, subtractionis und concilii sind erläutert in: Francis RAPP, Církev anáboženský život západu na sklonku středověku [Die Kirche und das religiöse Leben des Abendlandes am Ausgang des Mittelalters], Brno 1996, S.37–42, und weiter zum Konziliarismus ebd. S.42–54; R.HOLINKA, Církevní politika, S.101–104; Franz BLIEMETZ RIEDER, Das Generalkonzil im großen abendländischen Schisma, Paderborn 1904, hier S.111, zitiert Jensteins Mitteilung an den Papst aus dem Jahre 1387, wonach die Kurfürsten und der französische König vom böhmischen König die Zustimmung erhalten wollten, das Schisma auf konziliarem Wege beizulegen.
14 HISTORIE — OTÁZKY — PROBLÉMY 1/2022 ausgeprägten Papalismus (den päpstlichen Primat, seine Vollmacht und den sichtbaren Charakter der Kirche) in dem polemischen Doppeltraktat De potestate clavium und De veritate Urbani.13 Diese Werke waren Teil einer großangelegten Polemik mit Magister Adalbert Rankonis de Ericinio (Vojtěch Raňkův zJežova), in deren Rahmen Adalbert in dem Traktat De schismate auf das Obedienzproblem antwortete.14 Adalbert sagt, dass das Wort Kirche in verschiedenem Sinne verstanden wird, aber nur in einem Sinne: nämlich als „allgemeine und vollkommene Versammlung der Gläubigen, die sich im Stande der heiligmachenden Gnade befinden“, habe die Kirche nie geirrt und wird nicht irren, denn es leitet sie Gott selbst. Christus ist das primäre Haupt, während der Papst nur untergeordnetes, sekundäres Haupt sei, denn er kann irren oder es kann der Papst zeitweilig fehlen. Über die Stellung des Konzils äußert er sich in diesen Zusammenhängen sehr beschränkt. Er führt es unter den Bedeutungen (quinque modos) für das Wort Kirche an; eine der Bedeutungen hält die Kirche „pro generali concilio in facto fidei“. Obgleich er sicher die ekklesiologische Lehre der Pariser Konziliaristen kannte, machte er sich ihre Argumentation nicht zunutze und blieb an dem Scheide13 Zu Jensteins Haltung in der Frage der Obedienz s. R.HOLINKA, Církevní politika; Václav NOVOTNÝ, Náboženské hnutí české ve 14.a15.století [Die tschechische religiöse Bewegung im 14.und 15.Jahrhundert], Praha 1915, S.90–91; J.GRAULICHOVÁ, Jan zJenštejna, S.9–16; F.M.BARTOŠ, Jan zJenštejna, S.96–98; Ruben Ernest WELTSCH, Archbishop John of Jenstein (1348–1400). Papalism, Humanism and Reform in Pre-Hussite Prague, Studien in European History 8, Paris 1968. Ausgaben der angeführten Traktate: Jan SED LÁK, Jensteinův traktát „De consideratione“ [Jensteins Traktat „De consideratione“], in: Studie atexty knáboženským dějinám 2/1, 1915, S.35–108; DERS., M.Jan Hus [Magister Johannes Hus], Praha 1915, Beilage II. Archiepiscopi Ioannis de Jenstein De veritate Urbani, 4*–20*; Jan ZÍTEK, Tractatus de potestate clavium, Časopis katolického duchovenstva 70, 1904, S.47–51, 118–123, 250–255, 363–366, 494–500, 569–573, 618–630; neueren Datums Paul DE VOOGHT, Hussiana, Louvain 1960, S.161–185. Ein Verzeichnis seiner literarischen Tätigkeit liefert Pavel SPUNAR, Repertorium auctorum Bohemorum provectum idearum post Universitatem Pragensem conditam illustrans I, Studia Copernicana 25, Wrocław 1985, S.57–77. Die von Jenstein benutzten Ausdrücke für die Stellung des Papstes und ihr Platz in der Entwicklung dieser Terminologie analysierte T.WÜNSCH, Minister, S.57–58. 14 Jaroslav KADLEC, M.Vojtěch Raňkův zJežova [Adalbert Rankonis de Ericinio], Praha 1969; DERS., Leben und Schriften des Prager Magisters Adalbert Rankonis de Ericinio, aus dem Nachlass von Rudolf Holinka hg. v. Jan Vilikovský, Münster 1971, mit weiterer Literatur; die Auslegung des Streites hier auf S.50–56, Edition der von Jenstein zitierten Ausdrücke Adalberts (der gesamte Traktat ist nicht erhalten) auf S.339–342. Adalberts Kirchenverständnis interpretierte R.HOLINKA, Církevní politika, S.129–137, lehnt aber seinen Wyclifismus und Konziliarismus ab; über den Konziliarismus bei Adalbert spricht František Michálek BARTOŠ, Tetragonus Aristotelis. Konciliaristický projev spočátku velikého církevního rozkolu [Tetragonus Aristotelis. Eine konziliaristische Äußerung vom Beginn eines großen Kirchenschismas], Historický archiv 41, Praha 1916, S.1–7. Ein Verzeichnis der literarischen Tätigkeit Adalberts bei P.SPUNAR, Repertorium, S.36–48. Zdeněk UHLÍŘ, Eklesiologie včeském sporu oUrbana VI. [Ekklesiologie in dem böhmischen Streit um Urban VI.], Teologická reflexe 8, 2002, Nr.1, S.17–40. OPEN ACCESS
BLanKa ZILYnSKÁ 15 weg stehen, der die einen zum Konziliarismus, die andern zum hussitischen Kirchenbegriff führte.15 Adalbert leugnete die Legitimität Urbans VI. nicht, doch Jensteins scharfes Vorgehen gegen die Anhänger Klemens VII. billigte er nicht. Sein toleranterer Zugang konnte sowohl der Haltung des Königshofes als auch einem Großteil der böhmischen Gesellschaft entsprechen, die sich zwar an Urban VI. orientierte, aber nicht im Lager Jensteins stand.16 Eine solche Haltung war für die Annahme der „via concilii“ fruchtbar, wie sich schließlich im Fall von Wenzel IV. zeigte. Adalbert selbst operierte in den bekannten Werken nicht mit diesem Gedanken. Wir dürfen annehmen, dass im Falle von Sympathiekundgebungen für den Konziliarismus Jenstein darauf reagiert hätte. I. 2.PRaGER UnIVERSITÄT Der Prager Universität begegneten in den achtziger Jahren einige Pariser Professoren, die als Vertreter von Konzilsgedanken galten,17 doch zeugt ihr kurzer Pragaufenthalt 15 Olivier MARIN, Geneze pražského reformního hnutí 1360–1419 [Genese der Prager Reformbewegung 1360–1419], Praha 2017, S.77–78. J.KADLEC, Leben und Schriften, S.55, weigert sich, in Adalbert einen Vorgänger des Wyclifschen und Hus’schen Kirchenbegriffs zu sehen, wie dies z. B.F.M.BARTOŠ, Tetragonus; J.SEDLÁK, M.Jan Hus, S.43, und A.MOL NÁR, Pohyb, S.165–166, taten. Adalbert nahm seinen Ausgang unter anderem bei Wilhelm von Ockham und Konrad von Gelnhausen. Diese Feststellungen stehen der Zuschreibung des Tetragonus an Adalbert entgegen, siehe unten Anm. 26. Über Adalberts Rankonis Inspiration durch Gelnhausen und mögliche Inspiration von Hus bei Rankonis Dušan COU FAL, Jan Hus na basilejském koncilu [Johannes Hus auf dem Konzil von Basel], in: Jakub Smrčka— Zdeněk Vybíral (edd.), Jan Hus 1415 a600 let poté, Husitský Tábor— Supplementum 4, Tábor 2015, S.41–68, hier S.60. 16 J.KADLEC, Leben und Schriften, S.57; R.HOLINKA, Církevní politika, S.133–137. 17 Es handelt sich um Persönlichkeiten wie Heinrich Totting von Oyta: zu ihm jüngst Jan ODSTRČILÍK— Francesca BATTISTA— Riccardo BURGAZZI (edd.), The First Decades of Prague University: Transforming Intellectual Space in 14th Century Central Europe, AUC-HUCP 55, 2015, Nr.1, S.11–13, wohl auch Heinrich Heynbuch von Langenstein, de Hassia— einige bezweifeln seinen Aufenthalt 1382 in Prag (Anežka VIDMANOVÁ, Verše vHusově Výkladu na Sentence Petra Lombarda [Verse in Hussens Deutung der Sentenzen Peter Lombards], Studie orukopisech 34, 2001, S.61–83, hier S.65; Zenon KALUŻA, „Translatio studii“. Kryzys Uniwersytetu Paryskiego wlatach 1380–1400 ijego skutki [Die Krise der Pariser Universität in den Jahren 1380–1400 und ihre Folgen], Studia Mediewistyczne 15, 1974, S.71–108), andere nehmen dies an, s.: František Michálek BARTOŠ, Das Rätsel des Tetragonus Aristotelis, Communio viatorum 12, 1969, S.159–164, hier S.163; Eduard WINTER, Frühhumanismus. Seine Entwicklung in Böhmen und deren europäische Bedeutung für die Kirchenreformbestrebungen im 14.Jahrhundert, Berlin 1964, S.112–113, 154–155; J.SPĚVÁČEK, Václav IV., S.374–376; F.ŠMAHEL, Husitská revoluce II, S.198–200; anders DERS., Hussitische Revolution II, S.754–755; Jiří STOČES, Pražské univerzitní národy do roku 1409 [Die Prager Universitätsnationen bis 1409], Praha 2010, S.102–103; dazu jüngst mit Gedanken zur Sezession der Magister nach Wien hinsichtlich der unterschiedlichen Haltung des Prager Milieus zum Schisma und angesichts des geringen Echos auf den Konziliarismus
16 HISTORIE — OTÁZKY — PROBLÉMY 1/2022 (1381–1384) und das minimale Vorhandensein ihrer Konzilswerke in den böhmischen Handschriftenbeständen18 nicht von einem ernsthaften Interesse der Prager Carolina am Konziliarismus. Zwar machten sich die Prager Theologen sehr wahrscheinlich mit Schriften der Konziliaristen bekannt— König Wenzel wurde anfang der achtziger Jahre (1380) die Epistola concordiae des Konrad von Gelnhausen19 zugesandt—, doch erfuhren diese Werke keine größere Verbreitung, anders als etwa die Arbeiten Wyclifs. Zur selben Zeit kehrte Matthias von Janov (Matěj zJanova) von seinem Parisaufenthalt nach Prag zurück (belegt für Oktober 1381). Bei ihm kann die Kenntnis konziliaristischer Werke wie bei Adalbert Ranconis angenommen werden, doch hat er deren Gedanken nicht übernommen und ist der Frage des Schismas und der kirchMartin NODL, Dekret kutnohorský [Das Kuttenberger Dekret], Praha 2010, S.43, 73–78. Auch der Theologieprofessor Johannes de Wasia, der den Text des Tetragonus kopiert haben soll, war möglicherweise in Prag— die heute bekannte Abschrift gehört zu seinem Nachlass. Dazu F.M.BARTOŠ, Tetragonus, S.10–11; über Wasia Josef TŘÍŠKA, Literární činnost předhusitské university [Die literarische Tätigkeit der vorhussitischen Universität], Praha 1967, S.114; Michal SVATOŠ (ed.), Dějiny Univerzity Karlovy [Geschichte der Karlsuniversität] I, 1347/48–1622, Praha 1995, S.142, 147, über seine Kollegen laut Register; zur Sezession S.138 (Kapitel Teologická fakulta, Autor Jaroslav Kadlec). 18 Ein flüchtiger Blick in die wichtigsten Prager Handschriftenbestände hat gezeigt, dass die Schriften der bedeutendsten Persönlichkeiten der Konziliartheorie (Zabarella, Langenstein, Gerson, Nieheim, Kusa, Ragusa usw.) hier vertreten sind, doch handelt es sich zumeist um Kanonistik, theologische Summen, Pastoralschriften und Polemiken mit hussitischen Gelehrten (gegen den Laienkelch). Eine Lektüre der Schriften Langensteins ohne Quellenverweis nimmt V.NOVOTNÝ, Náboženské hnutí, S.91, an. Zur Situation im Böhmen der 80–90er Jahre des 14.Jahrhunderts vgl. Aleš POŘÍZKA, Kdy aproč byl napsán Planctus cleri? Kzákulisí střetnutí vroce 1393 [Wann und warum wurde der Planctus cleri geschrieben? Ein Blick hinter die Kulissen des Jahres 1393], Mediaevalia Historica Bohemica 6, 1999, S.111–128. Drei Handschriften der Epistola concilii pacis von Langenstein fand in der Prager Nationalbibliothek O.MARIN, Geneze pražského reformního hnutí, S.238, Anm. 75. 19 Jiří KEJŘ, Husitský právník M.Jan zJesenice [Der hussitische Rechtsgelehrte Magister Johannes von Jesenitz], Praha 1965, S.136 und Anm. 31 mit weiterer Literatur; eine Abschrift der Epistola zum Beispiel in der Handschrift der Bibliothek des Prager Kapitels Sign. C 66/1, Fol.195r–211v. Gelnhausen rechnete mit dem römischen König bereits in seiner Epistola brevis, die 1379 dem französischen König zugesandt wurde. Auch Langenstein sandte König Wenzel ein Memorandum Epistola concilii pacis hinsichtlich der Notwendigkeit, das Schisma durch die Einberufung eines Konzils beizulegen, s. J.SPĚVÁČEK, Václav IV., S.375–376; F.ŠMAHEL, Husitská revoluce II, S.199; DERS., Hussitische Revolution II, S.754–755; DERS., Král Václav IV. apražské studium generale do vydání Dekretu kutnohorského vroce 1409 [König Wenzel IV. und das Prager Studium generale bis zur Veröffentlichung des Kuttenberger Dekrets im Jahr 1409], in: Jiří Kuthan— Jakub Šenovský (edd.), Římský ačeský král Václav IV. apočátky husitské revoluce, Praha 2019, S.207–225, hier S.210; Mathias NUDING, Matthäus von Krakau. Theologe, Politiker, Kirchenreformer in Krakau, Prag und Heidelberg zur Zeit des Grossen Abendländischen Schismas, Tübingen 2007, S.197–198. OPEN ACCESS
BLanKa ZILYnSKÁ 17 lichen Einheit sowie weiteren ekklesiologischen Fragen von anderen Positionen aus nachgegangen.20 Bei seinem Lehrer Milič von Kremsier (Milíč zKroměříže) ist eine Prokonzilsinitiative noch vor Ausbruch des Schismas bekannt, die durch das Bestreben motiviert war, auf dem Konzilsweg eine Gesittung der Bischöfe zu erreichen. Deshalb begab er sich 1367 nach Rom, um dort den Papst zu einer Einberufung des Konzils aufzufordern, und es nimmt nicht wunder, dass er beim Papst nicht auf zustimmende Begeisterung stieß.21 In theoretischer Hinsicht hat er sich jedoch ebenfalls nicht mit dem Konzil befasst. In Prag pflegten jedoch nicht nur die böhmischen Magister Reformansichten, sondern kritische Anschauungen herrschten vor 1400 vor allem bei Magistern ausländischer Herkunft vor. Aus ihren Reihen gingen auch einige Persönlichkeiten hervor, die konziliaren Kreisen nahestanden. Die Frage ist freilich, inwieweit sich ihre kritischen Gedanken erst nach ihrem Weggang aus Prag verdichteten oder ob es bereits während ihres Wirkens an der Prager alma mater Debatten gegeben hatte, die auch Erwägungen über das Konzil einschlossen (Belege dafür vermissen wir leider). Zu diesen Persönlichkeiten gehört vor allem der in ganz Europa bekannte Magister Matthäus von Krakau, Verfasser einer die kuriale Fiskalpraxis anprangernden Schrift, der 1404 meinte, dass eine Besserung in der Kirche einzig ein allgemeines Konzil erreichen könne.22 20 Vlastimil KYBAL, M.Matěj zJanova. Jeho život, spisy aučení [Magister Matthias von Janov. Sein Leben, seine Schriften und seine Lehre], Praha 1905, reprint Brno 2000, Pontes Pragenses 11, bes. S.163–166, 188, 196–198, 206; František Michálek BARTOŠ, Ještě oTet ragonu Aristotelis [Noch einmal über Tetragonus Aristotelis], ČMM 43–44, 1919–1920, S.255–264, hier S.262; J.KADLEC, Leben und Schriften, S.57; A.MOLNÁR, Pohyb, S.146, 186–188. 21 V.KYBAL, M.Matěj zJanova, S.206; Edition des Traktats von Milič DERS., Matěje zJanova Regulae Veteris et Novi testamenti III [Des Matthias von Janov Regulae Veteris et Novi testamenti III], Praha 1911, S.368–381; A.MOLNÁR, Pohyb, S.146, 161–163; J.KADLEC, Leben und Schriften, S.57. E.WINTER, Frühhumanismus, S.86–103, hier S.100, behauptet demgegenüber, dass sich bei Milič ein vorsichtiges Echo auf Marsilius findet und dass er unter dem Einfluss seiner Idee von der Volkssouveränität auch die konziliare Idee vertritt. Nach ihm wurde er von Vilém HEROLD— Milan MRÁZ, Io. Milicii de Cremsir, Tres sermones synodales, Praha 1974, S.13, und Přehled dějin Československa I/1, do roku 1526 [Überblick über die Geschichte der Tschechoslowakei I/1, bis 1526], Praha 1980, S.351, als Anhänger des Marsilius und des Konziliarismus bezeichnet. 22 A.MOLNÁR, Pohyb, S.147; zu Matthäus zuletzt Michael LUŽNÝ, Dialog Matouše zKrakova očastém přijímání svátosti oltářní ajeho místo vmyšlenkovém světě předhusitského reformního hnutí [Der Dialog des Matthäus von Krakau über die häufige Kommunion des Altarsakraments und ihre Stellung in der Gedankenwelt der vorhussitischen Reformbewegung], Diplomarbeit ÚČD FF UK, Praha 2020. M.NUDING, Matthäus von Krakau, S.165, 168–171, 197–199, unterstreicht, dass Matthäus nicht als Konziliarist bezeichnet werden kann, und lehnt eine direkte Inspiration der Konziliaristen durch seine Schrift De squaloribus ab. Ähnlich auch T.WÜNSCH, Minister, S.54. Zu seiner möglichen Zusammenarbeit mit Job Vener: Hermann HEIMPEL, Die Vener von Gmünd und Strassburg 1162–1447. Studien
24 HISTORIE — OTÁZKY — PROBLÉMY 1/2022 II. 2. HUSSEnS naCHFOLGER UnD WIDERSaCHER In den Spuren Hussens wurde der Kirchenbegriff dann auch von weiteren hussitischen Theologen interpretiert und definiert. Aus dem Gesagten wird deutlich, dass die Behauptung irreführend ist, die tschechische Reformschule habe mit der Schaffung einer neuen Kirchentheorie zur Entfaltung des Konziliarismus beigetragen, wie dies etwa Josef Macek meinte, oder Hus und Hieronymus (Jeroným zPrahy) seien entschiedene Konziliaristen gewesen, wie Eduard Winter behauptete.36 Die Anschauungen der tschechischen Reformatoren waren nicht identisch mit den Vorstellungen der Konziliaristen. Diese doppelte Kirchenlehre existierte nur nebenbei, beide Anschauungen liefen nebeneinander her und berührten sich nur minimal, wie Thomas Wünsch gezeigt hat.37 Während König Wenzel am Konzil von Konstanz kein Interesse zeigte, engagierte sich der künftige Erbe des böhmischen Thrones Sigismund von Luxemburg sehr aktiv auf dem Konzil, und auch eine größere Anzahl von Tschechen besuchte Konstanz. Nur bei einem kleineren Teil von ihnen können wir in klareren Zügen von ihren Verhältnis von Konzil und Papst zum Ausdruck gebracht, es ist dies keine Äußerung von Konziliarismus. Hussens Stellungnahme, dass die Appelation vom Papst zum Konzil ein langer und unsicherer Weg sei, findet sich im 18. Kapitel seiner Schrift De ecclesia. Siehe Václav FLAJŠHANS, Husovo odvolání ke Kristu [Hussens Appellation an Christus], ČČH 39, 1933, Nr.2, S.237–258, wo er auch die Vertauschung der Berufung auf Christus und auf das Konzil erläuterte; ähnlich Jiří KEJŘ, Husovo odvolání od soudu papežova ksoudu Kristovu [Hussens Abwendung vom päpstlichen Gericht und seine Anrufung des Gerichtes Christi], Ústí nad Labem 1999; DERS., Husův proces, Praha 2000, deutsche Übersetzung Die Causa Johannes Hus und das Prozessrecht der Kirche, Regensburg 2005; DERS., Husitský právník, S.66–67, 88; František J.HOLEČEK, „Ministri dei possunt in dampnacionem perpetuam papam male viventem detruere…“ Hus aproblém Antikrista [„Ministri dei possunt…“ Hus und das Problem des Antichristen], in: M.Drda— F.J.Holeček— Z.Vybíral (edd.), Jan Hus na přelomu tisíciletí, S.219–245; über das Konzil in Rom František Michálek BARTOŠ, Zpublicistiky velkého schismatu akoncilu basilejského [Aus der Publizistik des großen Schismas und des Basler Konzils], Věstník České akademie věd aumění 53, 1944, S.1–20, hier S.7–9. Edition der Appellation F.PALACKÝ, Documenta, S.464–466; tschechisch Jan SEDLÁK, M.Jan Hus, Beilage XVI, S.198*–201*. Zur Entscheidung des Konzilbesuchs V.NOVOTNÝ, M.Jan Hus I/2, S.339–341. 36 J.MACEK, Král Jiří, S.501; E.WINTER, Frühhumanismus, S.177–187, erblickt eine nahe Verwandtschaft von Konziliarismus und Hussitismus. Auch Enrico Selley MOLNAR, Wyclif, Hus and the Problem of Authority, in: F.Seibt (ed.), Jan Hus— Zwischen Zeiten, S.167–182, hier S.177, nannte Hus einen Konziliaristen. Zur Trennung der Hus-Richtung und der konziliaristischen Strömung vgl. M.NODL, Dekret kutnohorský, S.134; H.J.SIEBEN, Traktate und Theorien, S.136–139, 153–195; P.DE VOOGHT, Hussiana, S.186–208. 37 Thomas WÜNSCH, „Ne pestifera doctrina corrumpat gregem dominicum“. Zur Konfrontation zwischen Wyclifismus und Konziliarismus im Umkreis der Universität Krakau in der ersten Hälfte des 15.Jahrhunderts, Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung 44, 1995, S.5–26; DERS., Konziliarismus, S.124, 148, 206, 211, 214, 242–243. OPEN ACCESS
BLanKa ZILYnSKÁ 25 Anschauungen bezüglich des Konzils sprechen. Ihre Haltung gegenüber dem Konzil wurde stark von ihrer Beziehung zu Hus geprägt.38 Hussens Widersacher hatte zwar der Prozess gegen Hus nach Konstanz geführt, wo sie ihn mit ihren Aussagen belasteten, doch wurde ihre Aufmerksamkeit auch durch andere Angelegenheiten geweckt, deretwegen das Konzil einberufen worden war. Verteidiger fand das Konzil in zwei tschechischen Katholiken: in Stephan Palecz und Mauritius Rvačka. Auch in den Predigten der Jahre 1416 und 1417 äußerten sie konzilfreundliche Gedanken. Beide stellten sich insbesondere die Frage nach den Ursachen für die Entstehung des Schismas, die sie in Simonie, Sittenlosigkeit und Besitzgier erblicken. Diese Laster lähmten die Kirche, und deshalb müssen sie vorrangig beseitigt werden, damit das Schisma beigelegt werden könne. Deshalb bestehe Palecz zufolge die Hauptaufgabe des Konzils nicht in der Papstwahl, sondern in einer Reform der Kirche. Das Konzil ist die höchste Autorität innerhalb der Kirche, weshalb sie sich nicht mit der Wahl einer anderen Autorität beeilen müsse.39 Es hat den 38 Petr ELBEL, Die Delegation der Prager Kirchenprovinz und die böhmischen Gegner des Jan Hus in Konstanz, in: K.-H. Braun et al. (edd.), Das Konstanzer Konzil: Essays, S.64–69; Antonín ROUBIC, Čechové na kostnickém koncilu [Die Tschechen auf dem Konstanzer Konzil], Sborník VŠP vOlomouci, Historie 2, 1955, S.125–135. Die Vision der Sigismundischen Europapolitik, seine Beziehung zu den Konzilien und zum Konziliarismus ist skizziert bei František KAVKA, Zikmundova politika let 1429–1434 ahusitství [Sigmunds Politik in den Jahren 1429–1434 und das Hussitentum], Husitský Tábor 8, 1985, S.89–105; vgl. ferner Heinz ANGERMEIER, Das Reich und der Konziliarismus, Historische Zeitschrift 192, 1961, S.529–583; F.MACHILEK, Ludolf von Sagan, S.111–117. 39 Jaroslav FIKRLE, Čechové na koncilu Kostnickém [Die Böhmen auf dem Konstanzer Konzil], ČČH 9, 1903, Nr.2, S.193, Nr.3, S.249, 259–260, Nr.4, S.416–417, 420–424; Jiří KEJŘ, M.Štěpán zPálče aHusův proces [Magister Stephan von Palecz und Hussens Prozess], in: Zdeněk Kuchyňka (ed.), M.J.Hus aM.Štěpán zPálče, Kladno 2000, S.14–30, Reprint in: DERS., Zpočátků české reformace [Aus den Anfängen der böhmischen Reformation], Brno 2006, S.111–131, zur Entwicklung der Ansichten Palecz’ über die Kirche bes. Anm. 58–59, daselbst auch eine Übersicht über ältere Ansichten zur Änderung der Paleczschen Ekklesiologie; darunter die wichtigsten Arbeiten: Jana NECHUTOVÁ, M.Štěpán zPálče vHusově korespondenci [Magister Stephan von Palecz in der Korrespondenz Hussens], Listy filologické 93, 1970, S.29–36, hier S.31–33, belegt seine Abwendung vom Papalismus hin zum Konziliarismus; Ladislav MATYÁŠ, Právní názory M.Štěpána zPálče ocírkvi asněmu [Die Rechtsanschauungen Magister Stephan Palecz’ über die Kirche und den Landtag], Časopis katolického duchovenstva 79, 1938, S.228–237, hier S.236, lehnt eine solche Meinungsänderung ab und findet konziliaristische Äußerungen bei ihm bereits in Prag vor; A.MOL NÁR, Pohyb, S.147, deutet demgegenüber Palecz’ Streit mit den Konziliaristen über die Rolle des Papstes an. Palecz’ Ekklesiologie wird unter Berücksichtigung der Entwicklung seiner Ansichten erneut analysiert von T.WÜNSCH, Konziliarismus, S.58–59, 128–134, 164; vgl. auch K.OŻÓG, La réforme, S.274. Zu den biografischen Daten J.TŘÍŠKA, Životopisný slovník, S.491–492; Übersicht über sein Werk und über Editionen P.SPUNAR, Repertorium, S.326–340. Aus neueren Arbeiten z. B.Pavel SOUKUP, Poznámky ke kazatelskému dílu mistrů Maříka Rvačky aŠtěpána zPálče [Anmerkungen zum Predigtwerk der Magister Mařík Rvačka und Štěpán von Páleč], in: Krzysztof Bracha— Martin Nodl (edd.), Česko-polské kazatelské vztahy ve středověku, Colloquia mediaevalia Pragensia 16, Praha 2016, S.43–61;
26 HISTORIE — OTÁZKY — PROBLÉMY 1/2022 Anschein, als ob beide sich erst in Konstanz dem Konzilsgedanken zugeneigt und ihre frühere Haltung, als Palecz in Böhmen mit Hus polemisierte und Rvačka in den Jahren 1408 und 1412 den Papst— zunächst den römischen und dann den von Pisa— verteidigte, geändert hätten. In Konstanz verteidigt Rvačka die dreifache Machtfülle der Kirche und gesteht dem Konzil eine „repräsentative“ Vollmacht zu, womit er sich den Ansichten Peter d᾽Aillys annähert. In der Kontroverse um den Laienkelch verwendete Rvačka die Idee, die mit Jean Gersons Ansichten übereinstimmte, dass die Autorität der Bibel seit den allgemeinen Konzilien Macht hat. Rvačkas Ansichten werden genauso ambivalent eingeschätzt wie die von Palecz. Einigen Historikern zufolge hätte er auch nach der Wahl von Papst Martin V. auf einer deutlich konziliaristischen Position bestehen müssen.40 Das Schicksal Rvačkas nach Beendigung des Konstanzer Konzils ist Gegenstand von Vermutungen: in Troyes errang er Pfründe, doch statt nach Frankreich ging er nach Polen.41 Palecz verließ Konstanz in Richtung Polen, wo er an der Universität Krakau Vorlesungen hielt. Die Bewertung seiner ekklesiologischen Ansichten schwankt in der Literatur zwischen dem Etikett eines ausgesprochenen Konziliaristen42 und ihrer DERS., Die böhmischen Konzilsteilnehmer zwischen Häresiebekämpfung und Kirchenreform. Die Konstanzer Predigten von Mauritius Rvačka, Stephan von Páleč und Matthäus von Königsaal, in: Gabriela Signori— Birgit Studt (edd.), Das Konstanzer Konzil als europä isches Ereignis. Begegnungen, Medien und Rituale, Ostfildern 2014, S.173–217; Martin DEKARLI, Nově identifikovaná díla Štěpána zPálče († 1423): Komentář kTractatus de universalibus Jana Wyclifa aOpera logicalia zlet 1391–1393 [Neu identifizierte Werke von Stephan von Páleč († 1423): Kommentar zu John Wyclifs Tractatus de universalibus und Opera logicalia von 1391–1393], Studie orukopisech 50, 2020, Nr.2, S.127–170. 40 Vgl. Anm. 33 und ferner J.FIKRLE, Čechové na koncilu, S.249–260, 415–424; Jaroslav KAD LEC, Mistr Mařík Rvačka na koncilu kostnickém [Magister Mauritius Rvačka auf dem Konstanzer Konzil], in: Jaroslav Pánek— Miloslav Polívka— Noemi Rejchrtová (edd.), Husitství— reformace— revoluce. Sborník k60.narozeninám Františka Šmahela I, Praha 1994, S.381–390; Rudolf URBÁNEK, Mařík Rvačka jako protihusitský satirik [Mauritius Rvačka als antihussitischer Satiriker], Časopis Společnosti přátel starožitností 63, 1955, S.1–24; Stanislav PETR, Dva nové texty M.Maříka Rvačky zjeho působení na koncilu vKostnici [Zwei neue Texte von Magister Mauritius Rvačka aus der Zeit seines Wirkens auf dem Konzil von Konstanz], Studia historica Brunensia 62, 2015, Nr.1, S.201–225; T.WÜNSCH, Konziliarismus, S.351, lehnt es grundsätzlich ab, in Rvačka einen Konziliaristen zu sehen; vgl. auch M.NODL, Dekret kutnohorský, S.371, Anm. 140; D.COUFAL, Polemika okalich, S.75–80. 41 Rvačkas Engagement in einem Streit zwischen Polen und dem Orden und zum weiteren Schicksal Mauritius’ nach dem Konzil s. J.FIKRLE, Čechové na koncilu, S.420–421, 424–425; K.OŻÓG, Uczeni, S.206–222; DERS., Nowe spojrzenie, S.128 (über das Wirken in Krakau an der Augustinerklosterkirche St.Markus und an der Universität); T.WÜNSCH, Konziliarismus, S.59 (über das Wirken in Posen); P.SOUKUP, Mařík Rvačka’s Defense, S.78, Anm. 7 und 8, mit Verweis auf weitere Literatur und Dokumente. 42 Eine solche Haltung sei in dem Traktat De auctoritate Romanae ecclesiae formuliert (er meinte dort, das Konzil stünde über dem Papst, könne ihn richten und absetzen, die Konzilssprüche seien unfehlbar und ihnen könne selbst der Papst nicht widersprechen), s.J.FIKRLE, Čechové na koncilu, S.422. OPEN ACCESS
BLanKa ZILYnSKÁ 27 reservierten Charakteristik als Vorstufe des Krakauer Konziliarismus. Sein kombinierter Kirchenbegriff, in dem sich sowohl der hierarchische Kirchenbegriff als auch konziliaristische Elemente finden, war dazu bestimmt, sich gegenüber der hussitischen Auffassung von Kirche als einer Gemeinschaft Prädestinierter abzugrenzen.43 Von den böhmischen Katholiken nahm auch der Leitomischler Bischof Johannes der Eiserne (Jan Železný) als einziger Vertreter der hohen böhmischen Kirchenhierarchie am Konstanzer Konzil teil. Außer Hussens Prozess schloss er sich auch den Verhandlungen über die Absetzung von Johannes XXIII. an und am 4.Februar 1416 finden sich die Unterschriften seiner Vertreter auf der Billigung der Narbonner Kapitulation Benedikts XIII. Auf dieser Urkunde stoßen wir auch auf weitere Böhmen: den Prager Erzbischof vertreten Konrad von Zwole (Kuneš ze Zvole) und Albrecht Warrentrap, den Bischof von Leitomischl Mag. Paul von Prag (Pavel zPrahy) und Stephan Palecz, der hier gleichzeitig die Universität vertrat; als weitere ranghohe Vertreter der Kirchenhierarchie wären noch zu nennen Johann von Třemošnice (Jan zTřemošnice) und Johannes von Königgrätz (Jan zHradce Králové). Johannes der Eiserne empfing vom Konzil auch die Beglaubigung als Legat in Böhmen, wo er gegen die hussitische Ketzerei hart einschreiten sollte.44 Alle diese Momente sowie weitere Aktivitäten der böhmischen Teilnehmer, die wir hier nicht aufzählen können, zeigen, dass sich die Haltung des böhmischen Umfelds zum Konzil änderte. Die katholische Seite findet im Konzil einen Verbündeten gegen ihren Hauptfeind, den sie im Hussitismus bzw. Hussitentum erblickt. Unter dem Druck der Hussitenbewegung findet sie sich mit dem Gedanken an ein Konzil ab, und einige Katholiken arbeiten mit dem Konzil nicht nur politisch zusammen, sondern verteidigen auch konziliaristische Haltungen. Eine Verbindung konziliaristischer Haltungen und antihussitischer Kritiken finden wir außer bei den bereits Genannten auch bei weiteren Persönlichkeiten des antihussitischen Lagers. Hier sei wenigstens das Beispiel Ludolfs von Sagan (Ludolf Zaháňský) genannt, eines Absolventen der Prager Universität.45 Andererseits änderte und verdichtete sich im Gegenzug auch die Haltung der Anhänger Hussens. 43 T.WÜNSCH, Minister, S.58–59. In seiner Reaktion auf das Buch von T.WÜNSCH, Konziliarismus, spricht T.PRÜGL, Konziliarismus und Polen, S.148, von keiner konziliaristischen Tendenz bei Palecz; K.OŻÓG, Nowe spojrzenie, S.132, trifft die Feststellung, dass Palecz nach seiner Abreise aus Konstanz in seiner Ekklesiologie den Gedanken der Überordnung des Konzils über den Papst nicht mehr weiterentwickelte; DERS., La réforme, S.267, äußerte die Ansicht, der Einfluss beider tschechischer Magister auf das Krakauer Umfeld müsse näher erhellt werden. 44 P.ELBEL, Die Delegation der Prager Kirchenprovinz; J.FIKRLE, Čechové na koncilu, S.185–187; František Michálek BARTOŠ, Husitská revoluce I[Die hussitische Revolution], Praha 1965, S.13–14; Zdeňka HLEDÍKOVÁ, Litomyšlský biskup Jan IV. ajeho vizitace [Johannes IV., Bischof von Leitomischl, und seine Visitationen], Studie orukopisech 21, 1982, S.115–139; Dušan COUFAL, Die katholischen Magister Peter von Mährisch Neustadt, Johann von Königgrätz, Nikolaus von Pavlikov und die Formierung der utraquistischen Universität in Prag 1417, AUC-HUCP 49, 2009, Nr.2, S.127–141; DERS., Polemika okalich, S.22–24, 42–48. 45 F.MACHILEK, Ludolf von Sagan, S.84–110; Barbara LESZCZYŃSKA, Koncyliaryzm Ludolfa zŻagania [Der Konziliarismus des Ludolf von Sagan], in: Roman Heck— Wacław
28 HISTORIE — OTÁZKY — PROBLÉMY 1/2022 Für die Hus-Partei war in dieser Hinsicht das Jahr 1415 ein Markstein. Noch im Herbst 1414 entstand der dem König Sigismund gewidmete Traktat über die päpstliche und kaiserliche Macht Quia summum in rebus, in welchem sowohl Sympathien für den Hussitismus als auch konziliaristische Tendenzen greifbar sind. Das Werk gehört dem böhmischen Milieu an, doch ist die Frage seiner Verfasserschaft nicht endgültig entschieden.46 Zumindest ist der Traktat ein Beweis dafür, dass das böhmische Milieu von den zeitgenössischen Gedankenströmungen einschließlich der konziliaristischen Literatur Kenntnis hatte und gewisse Sympathien hegte bzw. mit ihrer Argumentation kokettierte, auch wenn es ihrer Plattform nicht völlig beitrat. Ein Jahr später sieht die Situation anders aus. Die endgültige Niederlage, die Hus in seinem Streit erlitt, führt zur Abkehr seiner Anhänger vom Konzil. Die negative Haltung gegenüber dem Konzil wurde auf Seiten der Hussiten noch durch das Konzilsverbot des Laienkelches verstärkt. Sie erheben sich zum Widerstand gegen das Konzil und lehnen es ab, die Gültigkeit von Konzilsentscheidungen anzuerkennen.47 Korta— Józef Leszczyński (edd.), Studia zdziejów kultury iideologii ofiarowane Ewie Maleczyńskiej w50 rocznicę pracy dydaktycznej inaukowej, Wrocław— Warszawa— Kraków 1968, S.154–163. 46 Vorgeschlagen werden Johannes von Jesenitz oder Johannes von Unterreichenstein (Jan Kardinál zRejštejna), darüber J.KEJŘ, Husitský právník, S.88, 131–138; und František Michálek BARTOŠ, Reformní program M.Jana Kardinála zRejštejna, vyslance Karlovy university pro koncil kostnický, Jihočeský sborník historický 38, 1969, S.99–118; deutsch DERS., Das Reformprogramm des Mag. Johannes Cardinalis von Bergreichenstein, des Gesandten der Karls Universität in Prag für das Konzil zu Konstanz, in: Festschrift H.Heimpel zum 70.Geburtstag II, Göttingen 1972, S.652–685. Beide erwähnen eine gewisse Ähnlichkeit des Traktats mit dem Tetragonus Aristotelis und zitieren Teileditionen und weitere Literatur. Das kleine Reformwerk als das des Kardinals registriert im Zusammenhang mit dem Konstanzer Reformkonzil Phillip H.STUMP, The Reforms of the Council of Constance (1414–1418), Leiden etc. 1994, S.174, Anm. 7. Die Johannes Naso (Jan Náz) zugeschriebene Antwort lasse auch keine Berührungspunkte mit der Konzilsliteratur vermissen, verteidige die Legitimität des Konzils in Pisa und Papst Johannes’ XXIII. und sei antihussitisch konzipiert. Naso nahm an den Konzilien in Pisa, Konstanz und Basel teil, stand auch in Diensten der päpstlichen Kurie und war seit 1417 Bischof in Chur. Zu ihm J.TŘÍŠKA, Životopisný slovník, S.283; Hermenegild JIREČEK, Právnický život vČechách ana Moravě [Das Rechtsleben in Böhmen und Mähren], Praha— Brno 1903, S.217–219; P.SPUNAR, Repertorium, S.161 (die erwähnte Antwort führt er nicht an); Rostislav ZE LENÝ— Jaroslav KADLEC, Učitelé právnické fakulty aprávnické univerzity pražské vdobě předhusitské (1349–1419) [Die Lehrer der Juristenfakultät und der Prager Juristenuniversität in vorhussitischer Zeit (1349–1419)], AUC-HUCP 18, 1978, Nr.1, S.61–106, hier S.97–99, dass Naso Verfasser der erwähnten Antwort sei, damit rechnen sie nicht. Seine einzige belegte Vorlesung (außer der Konstanzer Anklage Hussens) fand Rostislav ZE LENÝ, der sie unter dem Titel Drobné zprávy [Kurznachrichten], Studie orukopisech 9, 1970, S.207–212, anonym beschrieb. 47 So klingen die Protestbriefe des böhmischen und mährischen Adels vom 2.September1415 sowie weitere Aktionen aus. Außer der bereits angeführten Literatur vgl. Bohdan ZILYN SKYJ, Stížný list české amoravské šlechty proti Husovu upálení (Otázky vzniku adochování) [Ein OPEN ACCESS
BLanKa ZILYnSKÁ 29 Hussitische Theorien suchten deshalb nach einer Begründung für die Ablehnung der Gültigkeit des Urteils und des Konzilsverbots. Der kritische Blick der Hussiten hinsichtlich der sichtbaren Kirche führte somit zur Ablehnung sowohl des Papstes als auch des Konzils.48 Ab 1415 können wir das Aufkommen einer Argumentation verfolgen, die mit Ironie auf die Veränderungen der Beziehung des Konstanzer Konzils zu Papst Johannes XXIII., der es einberufen hatte, verweist und die Ereignisse um seine Absetzung und Inhaftierung als Beweis dafür nutzt, dass das Konzil nicht würdig sei, andere zu urteilen, weil es selber nicht ohne Schuld, nicht ohne Sünde ist. Es hatte den Papst abgesetzt, den es früher respektierte, obgleich es wusste, dass er ein Sünder sei. Es kritisiert ihn wegen Simonie, obgleich die Konzilsteilnehmer selber Simonisten seien. Es kann daher das Konzil nicht das wahre Haupt der Kirche sein, so wie auch ein schlechter Papst dies nicht sein kann. Das einzige Haupt der Kirche ist Christus, der auch als einziger würdig ist, andere zu urteilen.49 Derartige ekklesiologische Elemente finden wir bereits im Werk von Hus und diese konkrete Argumentation auch direkt in seiner Korrespondenz,50 aber auch in dem Traktat des Nikolaus von Dresden.51 Das theoretische Ringen kann auch im Rahmen akademischer Diskussionen etwa der Jahre 1415–1420 verfolgt werden. Den wyclifistisch-hussitischen Begriff von der Kirche als einer „universitas predestinatorum“ verteidigten disputative z. B.Simon von Tišnov (Šimon zTišnova) und Johannes Laurencii von Račice (Jan Vavřincův zRačic). Bei Gesprächen mit der katholischen Partei während der Belagerung Prags durch Sigismund 1420 wollten die hussitischen Magister das kirchliche Lehramt (einschließlich des Konzilbeschlusses) durch eine Disputation ersetzen.52 Protestbrief des böhmischen und mährischen Adels gegen die Verbrennung von Hus (Fragen seiner Entstehung und Erhaltung)], Folia Historica Bohemica 5, 1983, S.195–137. 48 Jaroslav PROKEŠ, Mistr Prokop zPlzně [Mag. Prokop von Pilsen], Praha 1927, S.165; A.MOLNÁR, Pohyb, S.148–149; J.SPĚVÁČEK, Václav IV., S.592. 49 Verweise auf Hussens Schriften und Korrespondenz bei J.NECHUTOVÁ, M.Štěpán zPálče, S.31–33. 50 Dana MAREČKOVÁ, Leningradský zlomek staročeské veršované skladby husitské [Das Leningrader Fragment der hussitischen Komposition in alttschechischen Versen], Sborník Národního muzea, Reihe C 12/2, 1967, S.65–84, hier S.74–76; J.PROKEŠ, Mistr Prokop, S.36; Václav NOVOTNÝ, M.J.Husi korespondence adokumenty [Mag. J.Hussens Korrespondenz und Dokumente], Praha 1920, S.286–292, Nr.139, S.303–309, Nr.147; D.COUFAL, Polemika okalich, S.49. 51 D.MAREČKOVÁ, Leningradský zlomek, S.73 und 80; E.WERNER, Der Kirchenbegriff; Jana NECHUTOVÁ, Místo Mikuláše zDrážďan vraném reformačním myšlení [Der Platz des Nikolaus von Dresden im frühreformatorischen Denken], Praha 1967; F.M.BARTOŠ, Husitství acizina, S.150, Nr.12 der Schriften des Nikolaus von Dresden: Traktát ocírkvi [Traktat über die Kirche] (Verfasserschaft unsicher); Petra MUTLOVÁ, Nicolai Dresdensis Apologia. De conclusionibus doctorum in Constantia de materia sanguinis, Brno 2015; D.COUFAL, Polemika okalich, S.49–50. 52 Die Begriffe (Gerechtigkeit, Gesetz, Kirchenbegriff), die bei Universitäts-Quodlibets diskutiert wurden, analysiert Jiří KEJŘ, Stát, církev aspolečnost vdisputacích na pražské
30 HISTORIE — OTÁZKY — PROBLÉMY 1/2022 Die umfassendste Abhandlung über Konzilien hat von hussitischen Theologen Jakobellus von Mies (Jakoubek ze Stříbra) erarbeitet, in Reaktion auf die Schrift von Johannes Hildessen, oder auf die Reden des Johannes von Königgrätz. In Form einer Quaestio Utrum omnem sentenciam cuiuslibet concilii, ecclesiam catholicam representantis cristianus teneatur […] ratificare et approbare besprach Jakobellus die Konzilien, die er in wahre (apostolische) und fiktive (nachbiblische) einteilte, denen er uneingeschränkte Autorität absprach. Er stellte das Gesetz Christi auch über „sentenciam cuiuslibet concilii ecclesiam catholicam representantis“. Sein Bestreben war es, das Kelchverbot des Konzils abzuschwächen. Die Prädestinationstheorie trat bei ihm in den Hintergrund.53 Eine indirekte Antwort erhielten die Hussiten auf legislativer Ebene durch die Bulle Martins V. vom 22.Februar1418. Diese schrieb Fragen vor, mit denen man die Rechtgläubigkeit der Geprüften feststellte und welche auf die Zustimmung der Verurteilung Hussens und Hieronymus’ abzielten. Die Fragen führten die Verhörten gleichzeitig dazu, sich über die Verbindlichkeit der Konstanzer Dekrete als einer Norm zu äußern, welche von einer Institution verkündet wurde, die die universale Kirche repräsentiert.54 Die Wirkung der Bulle in der Praxis kennen wir im Falle von Jan Krása, der am 15.März1420 in Breslau von Pferden zu Tode geschleift wurde, nachdem er sich geweigert hatte, den von der Bulle vorgeschriebenen Artikeln zuzustimmen.55 universitě vdobě Husově ahusitské [Staat, Kirche und Gesellschaft in den Disputationen an der Prager Universität unter Hus und in hussitischer Zeit], Rozpravy ČSAV, Řada společenskovědní 74, 1964, Nr.14, S.13–14, 19–23, bes. Anm. 80 und 106; Verfasser betont die Unterschiedlichkeit in der Argumentation der Prager Quaestiones (bes. das Quodlibet des Simon von Tišnov vom Januar 1416) und der konziliaristischen Schriften. Zur Anhörung 1420 D.COUFAL, Polemika okalich, S.134–137. 53 Eine Analyse der Quaestio des Jakobellus von Mies legte jüngst D.Coufal vor. Dušan COU FAL, Concilium verum contra simulatum. Kvestie Jakoubka ze Stříbra oautoritě koncilů videovém ahistorickém kontextu [Die Quaestio des Jakobellus von Mies über die Autorität der Konzilien im ideologischen und historischen Kontext], in: Paweł Kras— Martin Nodl (edd.), Jan Hus (ok. 1370–1415). Życie, myśl, dziedzictwo, Warszawa 2017, S.129–165 (im Vergleich zur bisherigen Datierung auf 1415 verschiebt er die Entstehung der Quaestio auf 1417); vgl. František Michálek BARTOŠ, Literární činnost M.Jakoubka ze Stříbra [Die literarische Tätigkeit des Mag. Jakobellus von Mies], Praha 1925, S.38, Nr.44; Paul DE VOOGHT, Jacobellus de Stříbro († 1429), premier théologien du hussitisme, Louvain 1972, S.15–21, 32–36, 174–185; Jakobellus’ Infragestellung der Unfehlbarkeit und Kompetenz des Konzils im tschechischen Bericht über die Versammlung in Konstanz siehe Mirek ČEJKA— Helena KRMÍČKOVÁ (edd.), Dvě staročeská utrakvistická díla Jakoubka ze Stříbra [Zwei alttschechische utraquistische Werke von Jakobellus von Mies], Brno 2009, S.23–27, 107–108; D.COUFAL, Polemika okalich, S.50–52. 54 Paul DE VOOGHT, Le conciliarisme aux conciles de Constance et de Bâle, in: Bernard Botte et al. (edd.), Le concile et les conciles. Contribution àl’histoire de la vie conciliaire de l’église, Paris 1960, S.143–181, hier S.158–160; D.COUFAL, Polemika okalich, S.100; O.MARIN, Geneze pražského reformního hnutí, S.85. 55 D.MAREČKOVÁ, Leningradský zlomek, S.80–81, gemäß der Nachricht in der Chronik des Laurentius von Březová (Vavřinec zBřezové), welche die entsprechende Partie der PapstOPEN ACCESS
BLanKa ZILYnSKÁ 31 Die antikonziliare Haltung gelangte auch ins breitere Bewusstsein, wie dies verschiedene Kompositionen von Versen und Liedern zeigen, die das Konzil ironisieren und ihm den Tod von Hus, das Kelchverbot und den Kreuzzug vorwerfen.56 Doch handelt es sich hierbei durchwegs um die Reaktion auf eine aktuelle konkrete politische Situation; eine theoretische Sprengladung haben die Kompositionen nicht. Kenntnis von konziliaristischer Literatur und gewisse Berührungspunkte damit nimmt Bartoš im Falle eines Traktats an, der sich in einer Handschrift der Österreichischen Nationalbibliothek erhalten hat und den er Jakobellus von Mies oder Peter Payne zuzuschreiben pflegt.57 Der Verfasser nutzt diese Literatur (vor allem Marsilius von Padua) jedoch lediglich hinsichtlich der Argumentation über das Recht im Augenblick der Not. Die Theorie vom allmächtigen Notrecht ist ihm für seine eigene Auslegung menschlicher Erfindungen und gegen die gegenwärtige Kirchenhierarchie dienlich; mit der Rolle des Konzils und seinen Vollmachten beschäftigt er sich hingegen nicht. Schwerlich können wir hier deshalb von einem konziliaristischen Traktat im eigentlichen Wortsinn sprechen. III. DIE BASLER EPISODEN An der Wende von den zwanziger zu den dreißiger Jahren beginnen sich die Kräftekonstellation und die Meinungen zu ändern. Gleichzeitig mit den Zusammenstößen zwischen dem Hussitenheer und den letzten Kreuzzüglern treten die Hussiten in diplomatische Verhandlungen mit dem Kaiser und schließlich auch mit dem bulle zitiert, hg. v. Jaroslav GOLL, Fontes rerum Bohemicarum V, Praha 1893, S.358. Den Wortlaut der Antwort gibt die Chronik nicht wieder. Eine kürzere Nachricht mit Verweis auf die vier Artikel des päpstlichen Legaten Fernand findet sich auch in dem Auszug aus der Chronik des Laurentius von Březová, ebd. S.539. 56 Zu Kompositionen wie Hádání Prahy s Kutnou Horou [Streit Prags mit Kuttenberg (hier Verwendung eines etymologischen Wortspiels „Kostnice — pakostnice“, also „Konstanz — das heißt Gicht“)]; Ó svolánie konstanské [Konstanzer Versammlung]; Tvorče milý zžel se tobě [Lieber Schöpfer, erbarme Dich], siehe Jiří DAŇHELKA (ed.), Husitské skladby budyšínského rukopisu [Hussitische Kompositionen der Bautzener Handschrift], Praha 1952, bes. S.85f.; eine solche satirische antikonziliare Komposition fand D.MAREČKOVÁ, Leningradský zlomek, in der Leningrader (heute Petersburger) Srezněvskij-Sammlung. Vgl. A.MOLNÁR, Pohyb, S.148; J.MACEK, Král Jiří, S.505–506. Deutsche Übersetzung der Komposition Ósvolánie konstanské gedruckt von Karel HRUZA, Hussitische Propaganda gegen das Konstanzer Konzil, in: K.-H. Braun et al. (edd.), Das Konstanzer Konzil: Essays, S.97–101. 57 Österreichische Nationalbibliothek Wien, Sign. 4280, Fol.13–20, die Verfasserschaft wird Jakobellus zugeschrieben. Die Quaestio betrifft beispielsweise die Rechte des einfachen Priesters auf Priesterweihe in einer Notlage. František Michálek BARTOŠ, Marsiliův Defensor pacis vhusitské literatuře [Der Defensor pacis des Marsilius in der hussitischen Literatur], Časopis Národního muzea 102, 1928, S.13–26, hier S.21–24; DERS., Myšlenka svrchovanosti lidu vhusitské revoluci [Der Gedanke von der Souveränität des Volkes in der hussitischen Revolution], in: Ders., Husitství acizina, S.154–175, bes. S.166–171; DERS., Literární činnost M.Jakoubka, S.67–68, Nr.105 (er wägt zwischen Jakobellus und Martin
32 HISTORIE — OTÁZKY — PROBLÉMY 1/2022 neu zusammengerufenen Konzil ein. Bereits im Januar 1429 verkündete Sigismund öffentlich die Notwendigkeit einer konziliaren Lösung der hussitischen Frage, und im Herbst 1431 entschied das Konzil nach längerem Verhandeln, den Tschechen eine Einladung nach Basel zu schicken. Er setzte sich damit der Gefahr aus beschuldigt zu werden, das in den Edikten des Konstanzer Konzils enthaltene Verbot, mit Ketzern zu verhandeln, gebrochen zu haben und somit seine Autorität, die ja gerade auf den Dekreten dieser gesamtkirchlichen Versammlung beruhte, zu untergraben.58 Die „böhmische Frage“ spielte dann in den Peripetien der Entwicklung der Beziehung zwischen Konzil und Papst tatsächlich eine bedeutende Rolle. Der Papst verhielt sich zur Basler Entscheidung zunächst ablehnend und drohte mit der Auflösung des Konzils. Das ganze Jahr 1432 über diente die „böhmische Frage“ als Argument des Konzils gegenüber dem Papst, womit man ihn davon überzeugen wollte, dass die Aufhebung des Konzils gerade hinsichtlich der Beziehung zu den Hussiten ein schlechter Schritt wäre, der die Wirksamkeit der gegen sie gerichteten Eingriffe schwächen würde. Es gelang, den Papst von der Notwendigkeit einer gütlichen Lösung der „böhmischen Frage“ zu überzeugen, doch zugleich kam es zu einer Wende in der Argumentation. Der Papst versuchte, die Tätigkeit des Konzils gerade nur auf die Verhandlungen mit dem hussitischen Gesandten zu beschränken und dadurch ein Eingreifen des Konzils in seine Vollmacht zu verhindern. Das Interesse des Papstes in dieser Angelegenheit schwand jedoch allmählich und das böhmische Motiv verschwand aus dem weiteren Verlauf des Streites zwischen Konzil und Papst.59 Unterschiedliche Reaktionen zeigten sich auch auf hussitischer Seite, wo sich die einzelnen Machtgruppierungen nicht darauf verständigen konnten, wie man auf die Einladung reagieren solle.60 Es siegte schließlich eine bedingte Annahme Lupáč ab und erwägt eine Datierung von 1419/1420 und den 1450er Jahren); DERS., Literární činnost M.Jana Rokycany, M.Jana Příbrama, M.Petra Payna [Die literarische Tätigkeit der Magister Johannes’ Rokycana, Johannes’ von Přibram, Peter Paynes], Praha 1928, S.111, Nr.26 (erwägt Payne als Verfasser und das Jahr 1420). 58 F.KAVKA, Zikmundova politika, S.94; zur Einschätzung der Lage hinsichtlich der an die Hussiten ergangenen Einladung nach Basel vgl. in unserem Zusammenhang J.MACEK, Král Jiří, S.506; DERS., Le mouvement, S.15; J.PROKEŠ, Mistr Prokop, S.52–54; Ladislav HOFMAN, Husité akoncilium Basilejské [Die Hussiten und das Basler Konzilium], ČČH 7, 1901, S.1–13, 142–162, 293–309, 408–415, hier S.294 und 302, mit der Behauptung, dass „die Autorität des Konzils in Böhmen auch nach den Konstanzer und Sienaer Erfahrungen allgemeiner Natur war…“, was nach dem oben Gesagten offensichtlich nicht der Wirklichkeit entspricht. Über die Rolle der tschechischen Frage bei der Vorbereitung des Konzils Dušan COUFAL, Pařížská univerzita ahusité vletech 1428–1429 [Pariser Universität und Hussiten 1428–1429], Mediaevalia Historica Bohemica 18, 2015, Nr.1, S.205–235, hier S.223. 59 L.HOFMAN, Husité akoncilium Basilejské, S.148–162; F.KAVKA, Zikmundova politika, S.98–104; D.COUFAL, Turnaj víry, S.46–83, mit einer Reihe neuer Details. 60 Für die Annahme der Einladung entschieden sich am schnellsten die Prager, die Taboriten und Waisen zögerten länger und änderten auch ihre Haltung. Die Waisen lehnten die Einladung schließlich ab, die Taboriten stellten eine Bedingung. Vgl. dazu L.HOFMAN, Husité akoncilium Basilejské, S.294–295, auf S.295–296 über die Einstellungen der böhmiOPEN ACCESS
BLanKa ZILYnSKÁ 33 der Einladung, wie sie von den Taboriten formuliert wurde: Ihr Eintreffen auf dem Konzil machten die Tschechen von Verhandlungen über die Aufnahmebedingungen und Entscheidungsprinzipien abhängig. Die fanden im Mai 1432 in Eger statt und endeten mit einem Vertrag, der auch das Schiedsprinzip für das nächste Treffen in Basel enthielt. Nach diesem sogenannten „Egerer Richter“ werden weder der Papst noch das vom Heiligen Geist inspirierte Konzil, welches die allgemeine Kirche repräsentiert, Schiedsrichter in ihrem Streit sein, sondern die Heilige Schrift als Gesetz Gottes.61 Gerade dieses Dokument illustriert wohl am besten die Beziehung der Hussiten zum Konzil, und zwar zu einem bestimmten Konzil wie auch allgemein zur Konzilstheorie. Die Verhandlungen der Tschechen auf dem Basler Konzil sollen uns jetzt nicht weiter interessieren, denn ihr Verlauf ist schon mehrfach beschrieben worden.62 Stattdessen konzentrieren wir uns nur auf Äußerungen, die für unsere Frage relevant sind. Das in Eger vereinbarte Autoritätsprinzip war für die Basler Konzilsmehrheit nicht akzeptabel, weshalb im Rahmen der Disputation der böhmischen Delegation mit den Konzilsvätern, bei der alle vier, von den Hussiten als ihr grundlegendes Programm verteidigten Artikel behandelt wurden, auch die Frage des Schiedsrichters in Glaubensfragen und das Problem der Unfehlbarkeit des Konzils aufkam. Diese Debatten zielten auf die Frage der Gültigkeit und der Änderbarkeit des Konstanzer Dekrets über den Kelch ab. Johannes von Rokycany (Jan zRokycan) wollte in seinem Auftritt bei der Verteidigung des Laienkelchs bleiben, sein Opponent, Johannes Stojković von Ragusa,63 hingegen sah das Schlüsselmoment in der Klärung der Beziehung der Hussiten zu beiden Konzilien und der Anerkennung ihrer Kompetenz in Glaubensfragen seitens der Tschechen. Er drängte deshalb seinen Diskussionspartner dazu, eine Definition der Kirche vorzutragen bzw. die Unfehlbarkeit des Konzils anzuerkennen. Zu dieser Forderung äußerte sich Rokycana schließlich im dritten Teil seiner Replica ad positionem Iohannis de Ragusio. Er gab sechs Definitionen von Kirche, darunter die Kirche sowohl als Gemeinschaft der Gerechten und Prädestinierten als auch in einer weitergefassten Auffassung als gemischte Kirche (ecclesia permixta). Er schwächte damit Hussens Begriff von der Kirche der Prädestinierten ab, wie auch Stephan Palecz, mit dem er in der sechsfachen Bedeutung des Wortes Kirche übereinstimmte, im Unterschied zu ihm aber Kirche nicht in der Bedeutung eines allgemeinen Konzils anführte. Allein aus der bloßen Tatsache, dass das Konzil die Kirche als Ganzes repräsentiert, besitzt es für ihn keine Autorität; Rokycana bedingt die Annahme von schen Katholiken zum selben Punkt; Amedeo MOLNÁR, Chebský soudce [Der Egerer Richter], in: Soudce smluvený vChebu, Cheb 1982, S.9–37. 61 Die Wichtigkeit des Egerer Richters für die Einschätzung der Einstellung der Hussiten zum Konziliarismus betonte A.MOLNÁR, Chebský soudce, S.10; DERS., Pohyb, S.149. 62 Die Lage nach der Annahme der Konzilseinladung an die Tschechen beschreibt D.COU FAL, Turnaj víry, S.46ff., mit der älteren Literatur. 63 Zvjezdan STRIKA, Johannes von Ragusa († 1443). Kirchenund Konzilsbegriff in der Auseinandersetzung mit Hussiten und Eugen IV., Augsburg 2000; weitere Literatur zitiert D.COU FAL, Turnaj víry, S.285–289.
40 HISTORIE — OTÁZKY — PROBLÉMY 1/2022 Dem konziliaristischen Denken am nächsten kamen die Magister Palecz und Rvačka, allerdings erst während ihres Konstanzaufenthalts; im Zusammenhang mit ihnen stellt sich jedoch eine weitere Frage, die auch eine allgemeinere Dimension hat: nämlich die nach der Meinungsänderung in Zeit und Raum, also die Frage: konziliaristische Überzeugung oder utilitaristischer Gesinnungswechsel? Bei Gelehrten müssen wir mit theoretischer Belehrung rechnen, doch im Falle der Kenntnis von Ideen muss es sich nicht immer zugleich auch um deren Sympathie und Identifizierung mit ihnen handeln. Schriften konziliarer Ausrichtung aus der Zeit vor 1415 wurden auch mehreren Personen aus den Reihen der Hussiten zugeschrieben (Johannes von Jesenitz, Johannes Kardinal von Unterreichenstein, Jakobellus von Mies, Peter Payne); die Frage ist hier, ob die Zuschreibung der Verfasserschaft richtig und die inhaltliche Bewertung berechtigt ist. Nachdem die Prager Universität von der wyclifistisch-hussitischen Partei beherrscht wurde, wurden die Vorstellungen von Kirche und Konzil durch eine eigene ekklesiologische Lehre verdeckt, die bei Wyclif ihren Ausgang nahm, von Hus weiterentwickelt und unter sämtlichen hussitischen Theologen verbreitet und modifiziert wurde.77 In den Grenzen gelehrter Theorien schuf sich das Hussitentum einen eigenen Kreis ekklesiologischer Fragen, die es als relevant betrachtete und unter denen das Konzil keinen Platz hatte. Der hussitische Biblizismus schloss ein Verständnis für den Konziliarismus aus, denn er konnte in der Hl. Schrift keinen wesentlichen Halt für eine derartige Lösung finden. Darin kann man sicherlich den Hauptgrund des Desinteresses für die konziliare Theorie in den böhmischen Ländern sehen. Die hussitischen Theologen thematisierten den Gegenstand ihrer Überlegungen in einer anderen Richtung. Dennoch stellt auch die Frage eine Herausforderung dar, warum das Konzilsargument von den Hussiten in keiner Phase ihres Ringens genutzt wurde, als es in der Entwicklung beider ekklesiologischer Systeme— des konziliaristischen und des hussitischen— Anzeichen gemeinsamer Wurzeln gab.78 Wenn also die Hussiten kein theoretische Interesse direkt am Konzil bekundeten, besonders in konziliaristischem Sinne, wäre es für das Verständnis der Gedankenwelt der Hussiten nützlich, wenigstens die Berührungspunkte zu verfolgen, die sie dem zeitgenössischen Diskurs am nächsten bringen: die Theorie der Not, die Beziehung zwischen Teil und Ganzem, die Theorie der Repräsentation,79 die Festlegung von Kriterien für 77 Einen kleinen Erfolg des Konziliarismus in Böhmen konstatierten R.HOLINKA, Církevní politika, S.137; F.M.BARTOŠ, Das Rätsel, S.164; F.ŠMAHEL, Husitská revoluce II, S.47; DERS., Hussitische Revolution I, S.554. Vgl. ebenfalls Jiří KEJŘ, Zur Entstehungsgeschichte des Hussitentums, in: Theodor Mayer (ed.), Die Welt zur Zeit des Konstanzer Konzils, Vorträge und Forschungen 9, Reichenau-Vorträge 1964, Konstanz— Stuttgart 1965, S.47–61, bes. S.50–52. 78 F.ŠMAHEL, Husitská revoluce I, S.85–87; DERS., Hussitische Revolution I, S.551. 79 Joseph GILL, The Representation of the Universitas Fidelium in the Councils of the Conciliar Period, in: Geoffrey J.Cuming— Derek Baker (edd.), Councils and Assemblies. Papers Read at the Eighth Summer Meeting and the Ninth Winter Meeting of the Ecclesiastical HistoOPEN ACCESS
BLanKa ZILYnSKÁ 41 die Anerkennung von concilialiter bzw. synodaliter angenommenen Beschlüssen in Glaubensfragen.80 In Prag entstand also kein nennenswertes Zentrum des Konziliarismus wie etwa in Krakau, nichtsdestoweniger gibt es hier Indizien dafür, dass konziliare Gedanken im böhmischen Becken ein nicht unbekannter Begriff waren, auch wenn diese keinen Verkünder fanden. Eindeutigere Schlussfolgerungen kann einzig und allein eine detaillierte Untersuchung der Universitätsliteratur erbringen, die mit dem Prager Umfeld verbunden ist. Bisher scheint es so zu sein, dass ein eventuelles Interesse am Konziliarismus in Prag von den Ereignissen des Jahres 1415 hinweggefegt wurde und der Versuch seiner Implantation Ende der sechziger Jahre des 15.Jahrhunderts nicht auf fruchtbaren Boden fiel.81 Die Definition von Kirche im Rahmen des offiziellen Utraquismus war mit den Vorstellungen der Konziliaristen unvereinbar, was freilich die Möglichkeit nicht ausschließt, dass es auch außerhalb der offiziellen Strömung Anhänger des Konziliarismus gegeben hat. Ich habe mich darauf beschränkt, im Umkreis von historiografisch registrierten Personen zu suchen. Eine weitere Untersuchung von Handschriften kann jedoch das hier gezeichnete Bild ändern. Durch eine Revision der Literatur bin ich zu der Feststellung gelangt, dass sie auch zahlreiche unbegründete Urteile über den Charakter einiger Werke enthält. Auch hier gibt es also noch genügend Raum für weitere Untersuchungen. Deutsche Übersetzung Wolf B.Oerter RÉSUMÉ: The article investigates familiarity with conciliar theories in Bohemia and the relationship of the Czech environment to them. It defines conciliarism as atheory that attributes to the Council asuperiority over the papacy. The research traces the environment of the court of Wenceslas IV, the role of the University of Prague, the rise of Hussitism with its Wycliffian definition of the Church, and continues for the period after the conclusion of the Compactata and during the reign of George of Poděbrady. The political level of the Czech conciliar question is represented by tracing the attitudes of the Czechs towards participation in the Council. Czech political circles resorted to conciliarist argumentation only in tense moments. However, there was an apparent lack of asophisticated scholarly theory. The most striking evidence of the penetration of conciliar literature into the Czech environment is the writing of Tetragonus Aristotelis from the 1380s, whose authorship and local origin are disputed. The work had no literary successors, because the domestic environment was oriented towards the ecclesiology of the Wycliffian and Hussite variety. ry Society, Cambridge 1971, S.177–195; Walter BRANDMÜLLER, Papst und Konzil im Großen Schisma (1378–1431). Studien und Quellen, Paderborn etc. 1990, hier S.157–170: „Sacrosancta synodus universalem repraesentans ecclesiam. Das Konzil als Repräsentation der Kirche.“ 80 Den in den Konstanzer Konzilsdekreten und den Erklärungen Martins V. benutzten Begriff concilialiter erläutert P.DE VOOGHT, Le conciliarisme, S.153, 160; DERS., Der Konziliarismus auf dem Konzil von Konstanz, in: R.Bäumer (ed.), Die Entwicklung des Konziliarismus, S.177–197, hier S.187–190. 81 F.ŠMAHEL, Husitská revoluce II, S.47; DERS., Hussitische Revolution I, S.554.
42 HISTORIE — OTÁZKY — PROBLÉMY 1/2022 The participation of Hus’ opponents at the Council of Constance, where Mařík Rvačka and Štěpán Páleč tended to support conciliar supremacy, was significant for the familiarity with concili ar works. The efforts of the participants in the Councils of Constance and Basel to reform the Church missed the reformist views of the Hussites. They were divided by Hus’ definition of the Church as an invisible community of predestined ones. The Conciliarists became opponents of Hussitism. At Basel, the Hussite defender of the lay chalice, Jan of Rokycany, was forced to comment on the infallibility and definition of the councils. He gave asixfold interpretation of the Church, but none of his formulations had aconciliarist ring. The theoretical argumentation of the Council did not appear until the end of the reign of George of Poděbrady, when the king’s counselor Gregory of Heimburg used it to defend George against the Curia. The Czech lands were not afertile ground for conciliarist ideas, yet there were moments when the Czech environment resorted to conciliarist arguments. However, we can count on the knowledge of Conciliarist theories in Bohemia, even if they were not developed on Czech soil. Blanka Zilynská, PhDr., Ph.D., is an assistant professor at the Institute of Czech History, Faculty of Arts, Charles University. Her research deals with Czech medieval history with afocus on 15th century church history ([email protected]). OPEN ACCESS