scieee AI-readable full text Open interactive document viewer

Feminismus im langen Rock. Zwei progressive Frauen im katholischen politischen Lager. HAVELKA, Jiří. Katolické političky: český katolický feminismus (1896–1939) [Katholische Politikerinnen: der tschechische katholische Feminismus], Praha: NLN, Verlag Lidové noviny, 2018.

Černý, Jan K.

Abstract

67

Full text

Feminismus im langen Rock. Zwei progressive Frauen im katholischen politischen Lager. HAVELKA, Jiří. Katolické političky: český katolický feminismus (1896–1939) [katholi sche Politikerinnen: der tschechische katholische Feminismus]. Praha: nln, Verlag lidové noviny, 2018. Feministische und genderbedingte Herangehensweisen haben bereits ihren Platz in der tschechischen Historiographie erobert und finden ihren Weg langsam auch in konservativer ausgerichtete Subdisziplinen wie beispielsweise die Kirchengeschichte. Eine der ersten Schwalben, die mit den angeführten Vorgehensweisen in den Bereich Kirchengeschichte hineinzielte, ist das jüngst erschienene Buch Katolické političky [Katholische Politikerinnen, 2018] des Pädagogen und Forschers Jiří Havelka. Havelka widmet sich in seiner Publikation dem tschechischen katholischen Feminismus ab dem Ende des 19.Jahrhunderts bis Mitte der Ersten Republik und zeigt in seiner Arbeit, welche Gedankenkonstrukte die engagierten Katholikinnen vertraten, wie sie die Rolle der Frau in der öffentlichen Sphäre wahrnahmen und konzipierten und wie sie ihre Gedanken durchzusetzen versuchten bzw. welche Verhandlungsstrategie sie wählten. Das Buch basiert auf den zwei aktivsten Frauen im katholischen Lager, Augusta Rozsypalová (l857–1925) und Františka Jakubcová (1872–1918), die versuchten, dass starre katholische politische Denken zu reformieren und es mehr den neuen Bedingungen in der Gesellschaft anzupassen. Die Quellenbasis des Buches bilden ihre Korrespondenz mit dem Priester Emil Dlouhý-Pokorný,1 einem der wenigen Verfechter des Feminismus und Artikel aus der katholischen Frauenpresse, die sich mit der Frauenfrage beschäftigen— mir ihrer Verortung in der Gesellschaft und ihren natürlichen Dispositionen (Zeitungen Ženské listy, Česká žena, Jitřenka). Noch bevor wir auf den Inhalt des Buches eingehen, muss konkretisiert werden, dass Havelka mit dem Terminus Feminismus alle Aktivitäten bezeichnet, die zur Emanzipation der Frau führen. Die Katholikinnen selbst hätten sich nie selbst als Feministinnen bezeichnet und sich selbst radikalen feministischen Bewegungen in den Weg gestellt. In den einleitenden Passagen reflektiert der Autor gründliche seine Ansichten und Positionen (er räumt eine Faszination durch Religion und eine Nähe zu evangelischen Kreisen ein), er macht den Leser kurz und übersichtlich mit den theoretischen Herangehensweisen der women’s agender history (Natalie Zemon Davis, Judith Butler, Gayatri Chakravorty Spivak) bekannt und umreißt die Haltungen der feministischen Theologie (Dorothee Sölle). Anschließend verortet er sie katholische Frauenbewegung in den damaligen zeitlichen Rahmen der christlichen Parteien und 1 Emil Dlouhý-Pokorný (1867–1936) war ein katholischer Priester, der versuchte, modernistisches Gedankengut in der Kirche durchzusetzen. Am Beginn der Ersten Republik trat er aus der Kirche aus und wurde eine der Gründerpersönlichkeiten der Tschechoslowakischen Kirche. Pavel Marek, Emil Dlouhý-Pokorný: život apůsobení katolického modernisty, politika ažurnalisty, Brno 2007. Jan K.Černý OPEN ACCESS 68 WISOHIM/ESHP 29 deckt die Gedankensphäre der Christlich-Sozialen auf, vor allem dann den ursprünglichen Flügel der christlichen Demokraten, wo die Frauenfrage die größte Unterstützung hatte. In den weiteren Kapiteln widmet sich der Autor dann der Entstehung des christlich-sozialen Vereins, Katholikentreffen, Artikeln von Rozsypalová und Jakubcová in der katholischen Presse und den Reaktionen auf ihre Aktivität. Obwohl das Buch auf den beiden Hauptakteurinnen im katholischen Lager Jakubcová (†1918) und Rozsypalová (†1925) basiert und keine weitere Frau an ihre Tätigkeit anknüpfte, wird die Erste Republik (1918–38) im Vergleich mit den vorherigen Zeiträumen sehr dürftig betrachtet (24 Seiten von 170 Textseiten). Katholische Frauenvereine entstanden ab der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts und waren ursprünglich auf caritative Tätigkeit ausgerichtet. Erst in der zweiten Hälfte der 90-er Jahre tauchen im katholischen Lager größere Versuche auf, Frauen politisch zu bilden. Die größten Bemühungen entwickelte die neu entstandene Christlich-soziale Partei, die versuchte, die Frauen zu organisieren und vor den Einflüssen des sozialistischen und liberalen Lagers zu schützen. Trotz allem aber hatten hochrangige katholische Politiker und der Klerus kein Interesse an einer politischen Aktivität von Frauen und ließen ihnen keine Möglichkeit, ihre Gedanken im Parteiprogramm durchzusetzen. Die meisten Mitglieder katholischer Parteien verteidigten eine idealisierte Vorstellung von einer getrennten privaten und öffentlichen Sphäre, wo der Frau Raum in der ersten gebührte. Die Frau sollte also, auch wenn sie dem Mann gleichgestellt war, diesem untergeordnet sein, ihre Aufgabe war es, ein hübsches familiäres Umfeld zu schaffen und sich vorbildlich um die Kinder zu kümmern. In der Vorstellung der katholischen Konservativen wurde (aus heutiger Sicht paradoxerweise) Unterordnung nicht durch Gleichstellung aufgehoben, denn sowohl die Frau als auch der Mann haben als von Gott geschaffene Wesen denselben Wert. Beide Hauptakteurinnen dieses Buches, Rozsypalová und Jakubcová, versuchten, die Idee der getrennten Sphären zu reformieren und versuchten, die Vorstellung von einer „Domestizierung“ des öffentlichen Raumes durchzusetzen, wo Frauen positive Werte aus dem heimischen Umfeld ins öffentliche Leben hineintragen sollten— Liebenswürdigkeit, Sanftmut, Fürsorge für andere. Des Weiteren waren beide bestrebt, eine einheitliche katholische Frauenorganisation zu schaffen, sie versuchten, die Frauen zu mobilisieren und überschritten dabei sogar die Grenzen des katholischen Milieus. Sie versuchten, Kontakte zu anderen Frauenvereinen zu knüpfen, doch sie verteidigten stets das Christentum und leiteten davon die Prinzipien der „charitas“ und der Gleichheit ab (sie lehnten den Klassenkampf ab), wo Gott in Mann und Frau die Bestrebungen nach Gleichberechtigung gelegt habe. Die Politikerinnen unterschieden sich jedoch in den Strategien, sie sie die emanzipatorischen Gedanken durchsetzen wollten. Rozsypalová umging die Konflikte mit Frauen und Männern und verlieh in Briefen an Pokorný ihrer Befürchtung Ausdruck, sie sei nicht ausreichend in der Lage, die Situation zu meistern. Jakubcová hingegen scheute sich nicht vor einem Konflikt und war in der Lage, sich auch gegenüber ihrem geistlichen Ratgeber abzugrenzen, der den Verein leitete und über die Aktivitäten der Frauen wachen sollte. Doch auch er musste sich genauso wie die Frauen für die Vereinstätigkeit der Frauen gegenüber dem hohen Klerus verantworten. OPEN ACCESS jan k.čErný 69 Wenngleich die Vorschläge beider Politikerinnen gemäßigt waren und nur Reformen des katholischen Denkens forderten, akzeptierten die katholischen Frauen ihre Anregungen größtenteils nicht und tendierten stark zu einer klassischen Trennung der beiden Sphären. Die katholischen Politiker benutzten beide Frauen zum Reden und zum Organisieren der Frauen, doch ihre Reformbemühungen bremsten sie absichtlich. Sie sprachen darüber nur in leeren Phrasen, keiner ihrer Reformvorschläge gelangte je ins Parteiprogramm. Die katholischen Politiker missbrauchten also beide Frauen zumeist nur für politische Ziele und gaben ihnen keinen Raum, damit diese ihre Vorschläge umsetzen konnten. Den Autor lobe ich vor allem für die gute Lesbarkeit und Verständlichkeit des Buches, das auch trotz des nicht sonderlich attraktiven Themas für die tschechische Leserschaft (die tschechische Gesellschaft ist stark antiklerikal) von Laien und Akademikern, die sich nicht mit Kirchengeschichte oder women’s history befassen, gelesen werden kann. Dadurch, dass Havelka auf billige Urteile bezüglich des konservativen Katholizismus verzichtet, gelingt es ihm, gut ins katholische Umfeld einzudringen und dessen Habit zu verstehen. Dies muss vor allem bei einem Forscher hervorgehoben werden, der evangelischen Kreisen nahesteht, die normalerweise wegen ihrer stark kritischen Sicht nicht in der Lage sind, den zeitlichen Kontext, in dem sich der Katholizismus befand, zu sehen und so die verzögerten antimodernistischen Tendenzen des Katholizismus im 19.und in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts zu erklären. Des Weiteren möchte ich die Fähigkeit des Autors unterstreichen, den analytischen Terminus „Verhandlungsstrategien“ zu verwenden, den er jedoch nicht verabsolutiert und der mit dem Charakter der Frauen und ihren damaligen identitätsbildenden Eigenschaften (Sanftmut, Demut, Fleiß) verfließt. Einer der beiden größeren Vorwürfe, die ich dem Buch mache, ist der falsch gewählte Untertitel des Buches „Der tschechische katholische Feminismus (1896–1938)“, der verspricht, dass sich die Publikation mit dem gesamten Zeitraum der Ersten Republik befasst. Die Erste Republik wird dabei nur auf 24 Seiten behandelt, wobei man von der zweiten Hälfte der 20-er und den 30-er Jahren fast nichts erfährt. Dem Autor sei es jedoch zugutegehalten, dass die Anhänger der Volkspartei nach Rozsypalová keine Frau mehr im Parlament hatten, trotzdem hätten zumindest katholische Druckerzeugnisse für Frauen ausgewertet werden und man hätte dem Kampf gegen die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen mehr Seiten widmen können. Hier zeigt sich eine Schwäche in Havelkas Herangehensweise, nämlich dass er sein Buch auf Jakubcová und Rozsypalová basieren ließ. Zu den größeren Vorwürfen gehört auch, dass sich der theoretische Teil fast gar nicht in der Arbeit selbst niederschlägt. Der Autor fasst die feministischen und genderbedingten Herangehensweisen auf ein paar Seiten zusammen, verweist auf einige Vertreter der feministischen Theologie, doch in der Arbeit selbst tauchen dann die theoretischen Konzepte nicht auf, und es scheint auch nicht so, als hätte der Autor mit ihnen implizit gearbeitet. Einerseits begegnet der Leser so Autoren (Sölle), auf die er bei seinem Interesse nicht hätte stoßen müssen, andererseits aber erscheinen dann einige methodologischen Teile überflüssig. OPEN ACCESS 70 WISOHIM/ESHP 29 Trotz der zwei Vorwürfe betrachte ich das Buch als sehr gelungen, denn der Autor hat sich auf Neuland begeben, hat feministische und genderbedingte Herangehensweise in die Kirchengeschichte einbezogen und darüber hinaus alles in einer sehr angenehmen Sprache geschrieben. Jan K.Černý OPEN ACCESS