Diachrone Sektion des Instituts für germanische Studien – eine Initiative der Prager Germanistik zur deutschen Sprache in den böhmischen Ländern
Abstract
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Full text
Diachrone Sektion des Instituts für germanische Studien– eine Initiative der Prager Germanistik zur deutschen Sprache in den böhmischen Ländern Václav Kříž– Institut für germanische Studien, Karls ‑Universität, Prag Im Dezember 2017 wurde am Institut für germanische Studien an der Philosophischen Fakultät der Karls -Universität zu Prag eine neue linguistisch orientierte Sektion mit dem Ziel gegründet, zur Erforschung und Präsentation der deutschen Sprache in den böhmischen Ländern vor allem aus diachroner Perspektive einen Beitrag zu leisten. Gleichzeitig ging es darum, das Interesse für die deutsche Sprache in den böhmischen Ländern bei Germanistikstudierenden zu wecken und sie zur Forschung auf diesem Fachgebiet anzuregen. Die Gründung der Diachronen Sektion des Instituts für germanische Studien wurde mit Unterstützung der Institutsleitung von den Studierenden Václav Kříž und Lucie Jakubcová initiiert. Das Patronat der Forschungsstelle übernahm Frau PhDr.Lenka Vodrážková,Ph.D. Die Erforschung der deutschen Sprache in den böhmischen Ländern stellte im Hinblick auf die Profilierung der Prager Germanistik seit ihrer Institutionalisierung an der Prager Universität in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Anfang an einen festen Bestandteil der wissenschaftlichen Arbeit der Repräsentanten dieses Fachs dar. An der Prager deutschen Universität waren das Johann Kelle (1829–1909), Hans Lambel (1842–1921), Adolf Hauffen (1863–1930) oder Ernst Schwarz (1895–1983)1. Von den Prager tschechischen Germanisten bereicherten die diachrone Forschung z.B. Václav Emanuel Mourek (1846–1911) und sein Schüler Antonín Beer (1881–1950), der später an die neu gegründete Masaryk -Universität in Brünn berufen wurde; an Beers sprachwissenschaftliche Forschungen knüpften später Leopold Zatočil (1905–1922) und Zdeněk Masařík (1928–2016) an. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Forschung auf dem Gebiet der deutschen Sprache in den böhmischen Ländern fortgesetzt, und zwar vor allem dank Emil Skála (1928–2005), Pavel Trost (1907–1987) und Jaromír Povejšil (1931–2010), die ihre Aufmerksamkeit u. a. dem s. g. Prager Deutsch widmeten (Skála 1967 u. 1973; Trost 1995; Povejšil 1980). Die Diachrone Sektion des Instituts für germanische Studien setzt sich zum Ziel, die Tradition der diachronen Erforschung der deutschen Sprachen in den böhmischen Ländern aufzubewahren und zu erweitern. Sie versteht sich als Plattform für eine tiefere interdisziplinäre Zusammenarbeit von Germanisten, Historikern, Archivaren und allen anderen, die sich für die Geschichte der deutschen Sprache in den böhmischen Ländern nicht nur im Rahmen ihres Bachelor-, Mastersowie Doktorstudiums interessieren. Die Mitglieder beteiligen sich an Aktivitäten der Sektion und tragen 1 Die wissenschaftliche Tätigkeit des Prager deutschen Germanisten Ernst Schwarz, der sich auf die Beschreibung der deutschböhmischen Mundarträume konzentrierte, bildet an der Prager deutschen Universität bis 1945 einen der Höhepunkte der Erforschung der deutschen Sprache in den böhmischen Ländern (Schwarz 1934: 524ff., 1935).
104 BRÜCKEN 27/2 damit zu einem gemeinsamen wissenschaftlichen Austausch rund um das Thema der Geschichte der deutschen Sprache in den böhmischen Ländern bei. Die Sektion veranstaltet regelmäßig Seminare, öffentliche Präsentationen, Workshops und Exkursionen, die verschiedene sprachliche Aspekte der deutschen Sprache in ihrem Wandel in Betracht ziehen. Die Veranstaltungen werden mit Rücksicht auf ein breites Publikum sowohl in deutscher als auch in tschechischer Sprache realisiert. Besonders bereichernd sind Gastvortragende von interdisziplinär nahen Fachgebieten, die den Germanistikstudierenden die Problematik des Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien unter einem anderen Blickwinkel vorstellen können; auf diese Art und Weise arbeitet die Diachrone Sektion insbesondere mit dem Lehrstuhl für historische Hilfswissenschaften und Archivwesen der Philosophischen Fakultät der Karls -Universität zu Prag eng zusammen. Nicht zuletzt partizipiert die Sektion an der Organisation der internationalen germanistischen Studierendentagung PRAGESTT (dazu mehr unter https://pragestt.ff.cuni.cz/). Zu den bereits realisierten Veranstaltungen gehören Exkursionen auf die Burg Karlštejn [Karlstein] und das Schloss Třeboň [Wittingau] sowie Einführungsvorlesungen wie Germanistická diachronní lingvistika: výzkum, metody apraxe [Germanistische diachrone Linguistik: Forschung, Methoden und Praxis], die besonders für die Anfänger auf dem Gebiet der historischen Sprachwissenschaft geeignet sind, und die Vorträge Slovansko -germánský jazykový kontakt [Sprachkontakt Slawisch– Germanisch] und Althochdeutsch als Fremdsprache, in denen die ältesten Sprachstufen des Deutschen thematisiert wurden. Der Fokus der Sektion liegt insbesondere auf der Untersuchung des (Früh-)Neuhochdeutschen, da sich die meisten erhaltenen und auf Deutsch geschriebenen Texte, die seit dem späten 13. Jahrhundert auf dem Gebiet der böhmischen Länder entstanden oder hier deponiert sind, diesen zwei Sprachstufen zuordnen lassen. In diesem Sinne wurde gerade das Frühneuhochdeutsch zum Thema mehrerer Workshops, wie z. B. Zeichnen mit Dürer oder Frühneuhochdeutsch erleben oder Luther für Anfänger. Der Schwerpunkt liegt hier im Wesentlichen in der Arbeit mit authentischen historischen Texten. Für das laufende akademische Jahr 2019/2020 wurden mehrere Veranstaltungen vorbereitet, von denen z. B. eine Gastvorlesung mit dem Titel „Der Kartenmahler“ aneb Malíř karet nebo kreslíř map? Historické profese zpohledu česko -německého překladu [„Der Kartenmahler“ oder Glückspiel versus Geographie] und ein Vortrag zum Thema der historischen Pragmalinguistik am Beispiel der Kanzleitexte des königlichen Hofes in Prag zu nennen sind. Allen Interessenten für die Diachrone Sektion des Instituts für germanische Studien stehen ausführliche Informationen über ihre Aktivitäten und Veranstaltungen unter http://ds.ff.cuni.cz/ oder per E -Mail diachrone.sektion@ff. cuni.cz zur Verfügung. Über jede Form der Zusammenarbeit und Unterstützung freuen wir uns!
105VÁCLAV KŘÍŽ LITERATUR Povejšil, Jaromír (1980): Das Prager Deutsch des 17. und 18. Jahrhunderts. Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Schriftsprache. Praha: Academia. Schwarz, Ernst (1934): Jazyk německý na území ČSR [Die deutsche Sprache auf dem Boden der ČSR].– In: Československá vlastivěda, Bd. 3: Jazyk [Tschechoslowakische Landeskunde. Sprache]. Praha: Sfinx, 524–597. Schwarz, Ernst (1935): Sudetendeutsche Sprachräume. München: E. Reinhardt. Skála, Emil (1967): Die Entwicklung der Kanzleisprache in Eger (1310–1660). Berlin: Akademie -Verlag. Skála, Emil (1973): Opražské němčině [Über das Prager Deutsch].– In: Slovo aslovesnost 34/3. Praha: Československá akademie věd, 215–223. Trost, Pavel (1995): Mýty opražské němčině [Mythen über das Prager Deutsch].– In: Studie ojazycích aliteratuře. Praha: Torst, 324–331.