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Pavla Machalíková, Taťána Petrásová und Tomáš Winter (Hgg.): Zrození lidu v české kultuře 19. století. Sborník příspěvků z 39. ročníku mezioborového sympozia k problematice 19. století. Praha: Academia, 2020

Horňáček, Milan

Abstract

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130 BRÜCKEN 27/2 mäßige sei dagegen abzulehnen, dieses solle der „Vergessenheit übergeben werden“ (S. 129), was auch Konsequenzen für die Rolle des Künstlers habe: „Darum lässt man sich auch nicht allzu leicht herbei zu erlauben, das jemand aus dem Geschäft des Dichtens oder des musikalischen Komponierens u. dgl. sein Hauptgeschäft mache, wenn er nicht Hoffnung gibt, etwas ganz Außerordentliches zu leisten.“ (S. 129) Kunst bzw. künstlerischer Ausdruck erscheint hier noch an das Konzept der Berufung zur Kunst gekoppelt, und nicht als Ausdruck der individuellen Selbstverwirklichung. Bolzanos Überlegungen umfassen ferner Fragen der richtigen Ernährung, hier mit durchaus ökologischer Intention, der Kleidung, der Wohnung und der Sexualität. Sein bester Staat fundiert zwar auf einem christlich geprägten Vernunftmodell, legitimiert durch einen Gott, der „uns das herrliche Geschenk der Vernunft [gab], damit wir, uns ihrer bedienend, je länger, je weiter fortschreiten könnten in der Verbesserung unseres Zustandes auf Erden“ (S. 13), doch letztlich misstraut Bolzano der Vernunft des einzelnen, da er sich für einen Staat mit pädagogischem Anspruch stark macht, man könnte sogar von einer gleichwohl vernunftgeleiteten Erziehungsdiktatur sprechen. Und damit, ein weiterer Anachronismus, hebt sich Der beste Staat auch von dem zunehmend dominanten, auf das Individuum gerichteten Liberalismus ab, mit dem völlig andere Leitmodelle des Politischen verknüpft waren. Kurt Strasser, ein ausgewiesener Bolzano -Kenner u. a. durch die kritische Edition der Erbauungsschriften im Rahmen der Bolzano -Gesamtausgabe oder durch die jüngst vorgelegte Monographie Bernard Bolzano (1781–1848). Ein böhmischer Aufklärer (Böhlau 2020), hat somit einen durchaus wichtigen, auf einer anderen als der liberalen Logik basierenden Text in einer aktualisierten und kommentierten Fassung vorgelegt. Ein Text, der eher ein Schattendasein in den akademischen und intellektuellen Diskursen geführt hat. Bleibt zu hoffen, dass sich dies zumindest ein wenig ändert. Pavla Machalíková, Taťána Petrásová und Tomáš Winter (Hgg.): Zrození lidu včeské kultuře 19. století. Sborník příspěvků z39. ročníku mezioborového sympozia kproblematice 19. století. [Geburt des Volkes in der tschechischen Kultur des 19. Jahrhunderts. Sammelband zum 39. Jahrgang des interdisziplinären Symposiums zur Problematik des 19. Jahrhunderts]. Praha: Academia, 2020, 290 Seiten. Milan Horňáček– Palacký ‑Universität Olomouc Nur wenige Begriffe wurden in den Debatten des 19. und 20. Jahrhunderts mehr umkämpft als der des Volkes: Seine unreflektierte Gleichsetzung mit der Nation, seine Begrenzung auf die ländlichen Teile der Bevölkerung oder die Annahme, dass es vermeintlich ursprüngliche und folglich ‚vitale‘ Kräfte bewahre, gehören zu den immer noch am meisten verbreiteten und tief verwurzelten Ideologemen, die jede Auseinandersetzung mit einem der zahlreichen Volks -Phänomene erheblich erschweren. Das Konzept der Volkskultur kann dabei als eine Art Modellbeispiel fungieren, an dem sich sowohl zahlreiche (kultur)politische Kontroversen der letzten zwei Jahrhundert Jahre 131REZENSIONEN sowie (Irr)Wege der– häufig im Dienste des Nationalismus stehenden– Forschung nachzeichnen lassen. Es ist daher auch kaum überraschend, dass sich die Auseinandersetzung mit der Volkskultur im Rahmen der Historiographie bzw. der Geistesund Kulturwissenschaften häufig auf die Frühe Neuzeit konzentriert, zu der ausreichend Quellen vorliegen, aber die Gefahr der Ideologisierung wesentlich geringer ausfällt als im Falle der durch den Aufstieg des Nationalismus geprägten Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Dies gilt nicht zuletzt auch für den tschechischen Wissenschaftsbetrieb, in dem bei der Erforschung der Volkskultur gerade Studien zur Frühen Neuzeit und das Vorbild des englischen Historikers Peter Burke dominieren. In diesem Kontext stellt daher der vom Academia -Verlag herausgegebene Band Zrození lidu včeské kultuře 19. století eine– sehr willkommene– Ausnahme dar. Die insgesamt 23 Beiträge des Bandes gehen auf ein „interdisziplinäres Symposium zur Problematik des 19. Jahrhunderts“ zurück, das vom 28. Februar bis zum 3. März 2019 in Pilsen stattfand. Die Beiträge wurden in fünf Abschnitte eingeteilt, die jeweils der „Erforschung und dem Sammeln der Volkskultur“, der „Nationalen Identität und Identifikation“, dem „Leser und Erzähler aus dem Volk“, der „Appropriation, Zitation, Reinterpretation“ sowie dem „Infragestellen der Volkskultur“ gewidmet sind. Es wäre freilich wenig sinnvoll im Folgenden alle Beiträge einzeln vorzustellen, denn sowohl ihre Anzahl als auch die Breite der diskutierten Problematik würden einerseits extrem viel Raum in Anspruch nehmen, andererseits das Fachwissen mehrerer Rezensenten verlangen, denn einige der im Band versammelten Texte gehen auf hochspezialisierte Themen ein, so v.a. einige der Beiträge zur Rolle der Volksmusik im Werk bedeutender tschechischer Komponisten des 19. Jahrhunderts. Daher wird sich diese Besprechung insbesondere auf Beiträge konzentrieren, die besonders relevant für das idealtypische Publikum der brücken sind. Der erste thematische Abschnitt des Bandes, der auf eine kurze Einführung folgt und „Erforschung und Sammeln der Volkskultur“ thematisiert, ist in diesem Zusammenhang besonders von Bedeutung, da er Texte versammelt, in denen das Konzept der Volkskultur als solches und seine Erfindung bzw. spätere (De)Mythisierung im Laufe des ‚langen‘ 19. Jahrhunderts diskutiert wird. So zeigt bereits der erste Beitrag, Jiří Woitschs Studie über die „(Nicht)Entdeckung der ‚Volksinvention‘ im 19. Jahrhundert und ihre Folgen für die Erforschung der sog. Volkskultur“ (S. 15), wie die Erfindung des steilwendenden Sturzpflugs (ruchadlo) sowohl zu einem nationalen Streitpunkt führen, da laut tschechischen Medien diese Erfindung der tschechischen Cousins Veverka von den Deutschen ‚gestohlen‘ wurde, als auch zum Beweis für die vermeintliche Ingeniosität des tschechischen Volkes. Woitsch zieht zahlreiche weitere Beispiele heran, durch die er den Einfluss von unterschiedlichen Konzeptualisierungen des Volkes auf die tschechische Kulturpolitik, so u.a. im Rahmen von mehreren tschechischen landeskundlichen Ausstellungen am Ende des 19. Jahrhunderts und auf die Etablierung der Ethnologie im tschechischen Wissenschaftssystem hinweist (S. 19–23). Dass dieser Prozess maßgeblich durch aus dem deutschsprachigen Sprachraum übernommene theoretische und methodologische Ansätze geprägt wurde, bekräftigen auch die Ausführungen von Milan Ducháček über die „Deutsche Inspiration“ (S. 40) der Begründer der Zeitschrift Český lid [Tschechisches Volk] Čeněk Zíbrt und Lubomír Niederle, wobei gleichzeitig dargelegt wird, wie die weitere akademische Karriere 132 BRÜCKEN 27/2 der beiden tschechischen Wissenschaftler und ihre Auffassung des Volkes durch unterschiedliche Vorbilder (nicht nur) aus dem deutschsprachigen Raum (Johannes von Ranke, Wilhelm Heinrich Riehl u.a.) beeinflusst wurde. Die überwiegend wissenschaftsgeschichtliche Ausrichtung des ersten Abschnitts liegt auch dem Beitrag von Daniel Drápala zugrunde, der die Wahrnehmung der „traditionellen Kultur“ durch die gebildeten Eliten von der Aufklärung bis zum späten 19. Jahrhundert rekonstruiert und dabei den Übergang von durchaus negativen, das „Veraltete“ und „Unanständige“ (S. 29) der Volkskultur anprangernden Stimmen zu der bereits oben thematisierten Idealisierung einer schöpferischen Kraft des Volkes und seiner Bewahrung angeblich altslawischer Traditionen analysiert. Im zweiten, mit „Nationale Identität und Identifikation“ betitelten Abschnitt wird unter verschiedenen Aspekten insbesondere auf die Gleichsetzung des Volkes mit der Nation eingegangen und die daraus resultierende Suche nach Erscheinungsformen der Volkskultur thematisiert, die als Bereicherung für die weitere Entwicklung der Nation und die Festigung der nationalen Identität verklärt wurden. So setzt sich Alena Křížová mit der Rolle der (Volks)Trachten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auseinander, wobei sie einerseits auf ihre Instrumentalisierung bei nationalen Festlichkeiten hinweist, andererseits auch darlegt, warum Versuche um die Etablierung einer rein einheitlichen, „eigenartigen Nationaltracht“ (S. 65 und passim) in der tschechischen Gesellschaft am Ende des 19. Jahrhunderts zum Scheitern verurteilt war. Dass die vermeintlich reinen und ‚lebendigen‘ Formen der Volkskultur besonders häufig in Mähren gesucht wurden, zeigt Michal Fránek, der am Beispiel der literarischen Zeitschriften Ruch und Lumír bzw. der Schriftsteller Julius Zeyer und Svatopluk Čech die Glorifizierung der „reinen“ mährischen Kultur mit ihrer „bunten“ Architektur, Musik und Volkspoesie als Gegensatz zur „Öde“ und „Leblosigkeit“ des großstädtischen Lebens untersucht. Erwähnenswert ist ebenfalls ein kurzer Beitrag von Jana Mezerová zur Entwicklung der deutschen Heimatkunde in Nordböhmen, der sich zwar als Zusammenfassung des Forschungstandes im Rahmen eines Dissertationsprojekts liest, aber sowohl einen grundlegenden Überblick über einzelne Phasen der Entwicklung der deutschen Landesbzw. Heimatkunde in Nordböhmen bietet als auch unter Germanisten z.T. kaum bekannte regionale Autoren aufzählt. Die beiden Abschnitte zu „Lesern und Erzählern aus dem Volk“ und zur „Appropriation, Zitation, Reinterpretation“ enthalten v.a. Beiträge, die sich auf die engere Fragestellung zum Bild des Volkes in der tschechischen Literatur und Publizistik konzentrieren und den Umgang mit der (z.T. idealisierten bzw. erfundenen) Volkskultur in Musik, Malerei und Architektur thematisieren. Im Hinblick auf die im Kontext der Böhmischen Länder eher selten untersuchte Problematik und die damit zusammenhängenden spezifischen Quellen fällt Jakub Macheks Beitrag über den Bezug der Volkskultur zur am Ende des 19. Jahrhunderts im Entstehen begriffenen Populärkultur auf, in dem meistens relativ kurzlebige (Skandal)Blätter vorgestellt werden, in denen Prag als Stadt des Verbrechens und der Sünde inszeniert wurde, wobei die Autoren gleichzeitig auf die moralische Stärke und Reinheit der Leser pochten und diese als Gegengewicht zur Dekadenz des „sündhaften Bürgertums“ (S. 132) preisten. Der letzte Abschnitt des Bandes widmet sich unter dem Stichwort „Infragestellung der Volkskultur“ schließlich wieder allgemeineren Themen, wobei nicht zuletzt Konzepte der Volkskultur untersucht werden, in denen diese als unselbständig bzw. 133REZENSIONEN von der Hochkultur abhängig figuriert. In diesem Zusammenhang werden auch Diskussionen über Volkskultur im Rahmen der slowakischen nationalen Wiedergeburt vorgestellt, wobei insbesondere die im Vergleich mit den Böhmischen Länder noch schwierigere Ausgangslage der slowakischen Wiedergeburt in den Fokus gerät, die diese mitunter an der Lebensfähigkeit und Schöpfungskraft der Volkskultur verzweifeln ließ und folglich auch zum Überdenken der Beziehung zwischen der Hochund Volkskultur veranlasste– so in den Beiträgen von Ivana Taranenková und Marcela Mikulová. Bemerkenswert ist in diesem Abschnitt ebenfalls Marek Krejčís Beitrag über den Einfluss der Kommerzialisierung auf die Popularisierung und Verbreitung der Volkskultur, in dem v.a. der südmährische Maler Joža Úprka als Modellbeispiel fungiert. Insgesamt bietet der Band Zrození lidu včeské kultuře 19. století eine gute Übersicht über eine ganze Anzahl von Kontexten, in denen unterschiedliche Konzepte des Volks und seiner (häufig idealisierten) Rolle bei der Formierung der tschechischen Kultur und Gesellschaft des 19. Jahrhunderts diskutiert werden, wobei einige Beiträge nur ein hoch spezialisiertes Publikum ansprechen dürften. Etwas negativ fällt die Tatsache auf, dass anscheinend zahlreiche Beiträge für den Druck im Vergleich mit der beim Symposium präsentierten Fassung nur geringfügig oder gar nicht überarbeitet wurden. Das Ergebnis ist zwar in manchen Fällen eine sehr prägnante und gut überschaubare Darbietung des entsprechenden Themas, in anderen Fällen führt die relative Kürze der Beiträge zu einer viel zu schnellen Abhandlung einer Problematik, die in ihrer Komplexität mehr Raum verdienen würde. Im Hinblick auf die formale Gestaltung des Bandes muss aus der Perspektive eines Germanisten bemängelt werden, dass der Umgang mit Zitaten aus deutschsprachiger Literatur alles andere als einheitlich ist: Manchmal werden diese in der tschechischen Übersetzung ohne das Zitieren des Originals verwendet, in einigen Fällen wird wiederum nur das deutsche Original ohne Übersetzung ins Tschechische zitiert, in anderen Fällen findet man sowohl die Übersetzung als auch das Original. Maria Piok, Ulrike Tanzer, Kyra Waldner (Hgg.): Marie von Ebner -Eschenbach. Schriftstellerin zwischen den Welten. Innsbruck: Innsbruck university press, 2018, 228 Seiten und 23 Abb. Inge Fiala ‑Fürst– Palacký ‑Universität Olomouc Fragt man sich ob dem Titel des Bandes (der auf eine zum 100. Todestag in Innsbruck abgehaltene Tagung zurückgeht), zwischen welche Welten denn diesmal Marie von Ebner -Eschenbach platziert wird, wird es nach dem ersten Blick ins Inhaltsverzeichnis klar: zwischen die weibliche und die männliche Welt! Wobei der weibliche Pol deutlich überwiegt: Von den insgesamt 15 Referenten sind nur drei Männer und die Herausgeberinnen melden sich zum „weiblichen Blick“ gleich im ersten Absatz des Vorwortes: „Der Versuch, die Literaturgeschichtsschreibung prägenden Mechanismen der Wertung zu hinterfragen und einen weiblichen Gegenkanon zu entwerfen, hat eine Reihe von lange vernachlässigten Autorinnen in den Blick der Forschung gerückt.“ (S. 7) Eda Sagara nennt in ihrem Aufsatz die Ebner kurzerhand gleich eine