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Auf der Suche nach den Keltinnen in Italien. Die Hohlbuckelringe aus Marzabotto (prov. Bologna/I)

Geschwind, Heidi

Abstract

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Auf der Suche nach den Keltinnen in Italien. Die Hohlbuckelringe aus Marzabotto (prov. Bologna/I) Heidi Geschwind ABSTRACT Marzabotto (prov. Bologna/I) is one of the most important archaeological sites for research on the mobility of Celtic women. Since the 19th century, six undecorated ‘Hohlbuckelringe’ (anklets with hollow hemispheres/ knobbed rings) have been found and studied. This type of jewellery arises in the middle La Tène period in Central Europe, where certain variants developed in different regions. Due to the studies of the anklets from Marzabotto, aCeltic influence can be assumed in LT B2 in Emilia -Romagna, which has its origins in the area of Slovakia, Hungary, and the Czech Republic. For the first time in Marzabotto, the La Tène woman’sjewellery is the focus of the provenance debate. KEYWORDS Italy; Marzabotto; Celts; Boii; Hohlbuckelringe; knobbed rings; anelli ad ovoli; mobility; cultural exchange; women. In kaum einer anderen etruskischen Stadt kann der Zusammenhang von Frauen und Mobilität in der Latènezeit besser studiert werden als in Marzabotto (prov. Bologna/I). Im rund 25 ha großen Stadtgebiet (Abb. 1) erstrecken sich am südlichen Fuße der Akropolis und in rund 300 m Entfernung vom Zentrum, zwei latènezeitliche Gräberfelder, die durch weitere Sekundärbestattungen in etruskischen Brunnenschächten im südlichen Bereich, in der Umgebung der Akropolis sowie am Tinia Tempel ergänzt werden (Bentz– Reusser 2008, 104–109; Vitali 1985, 58–68). In diesem Areal wurden seit dem Ende des 19. Jahrhunderts insgesamt sechs Hohlbuckelringe entdeckt (Vitalietal. 2001, 78, 86; Kruta Poppi 1975, 373–374; Brizio 1889, 276, Abb. 2; Brizio 1887, 502–532).1 Es handelt sich bei allen Stücken aus Marzabotto um Ringe aus Bronze, die unverziert sind. Diese stammen aus dem nördlichen Bereich von plateia A; plateia B; regio IV, insula 1 sowie aus der südwestlichen Ecke des Tinia Tempels (Kruta Poppi 1975, 373; Morpurgo 2016, 134–135). Schon früh stellte die moderne Forschung fest, dass die Latène -Funde von Marzabotto das beste Indiz für einen kulturellen Austausch zwischen Boiern und Etruskern im 4. und 3.Jahrhundert v. Chr. bilden. Die Forschungsgeschichte der latènezeitlichen Bestattungen setzt mit der Entdeckung von siebzehn Gräbern unter Leitung von Filippo Sansoni zwischen dem 20. Februar 1870 und dem 17. Oktober 1871 ein (Vitalietal. 2001, 78). Schließlich veröffentlichte Edoardo Brizio 1887 die Dokumentation der Nekropole.2 Mitte der 1970er Jahre befasste sich Luana Kruta Poppi erneut mit den latènezeitlichen Funden und arbeitete die Fundsituation 1 Nach Angaben von Nicola Fábry stammen sieben Hohlbuckelringe aus Marzabotto. Das siebte Exemplar (Fábry 2008, 129, Abb. 2) konnte bei den Museumsaufenthalten nicht gefunden werden. 2 Vitalietal. 2001, 78, 86; Edoardo Brizio geht fälschlicherweise von achtzehn bis neunzehn Bestattungen aus. Dies wurde durch Daniele Vitali und anderen widerlegt, Brizio 1889, 276, Abb. 2; Brizio 1887, 502–532. STUDIA HERCYNIA XXIV/2, 78–97 79HEIDI GESCHWIND der Hohlbuckelringe auf, wobei sie jedoch ihren Fokus im Wesentlichen auf die Beigaben von Männern setzte (Kruta Poppi 1975, 358–365). Ab 2008 wuchs das Interesse an der Hohlbuckelring -Debatte in Italien und wurde von Nicola Bianca Fábry aufgegriffen (Fábry 2011; Fábry 2008, bes. 129, Abb. 2). Sie beschäftigte sich mit den Bronzeringen aus Italien und unterteilte sie jeweils in eine transpadane, intermediären und transalpinen Gruppe, wobei sie die Exemplare aus Marzabotto ganz allgemein der transalpinen Gruppe zuordnete (Fábry 2008, 128). Überlegungen zur genaueren Herkunft der Ringe erfolgten jedoch nicht. Des Weiteren bearbeitete Giulia Morpurgo jüngst die latènezeitlichen Objekte Marzabottos und publizierte erstmals das Fragment eines Hohlbuckelrings aus einer Bestattung in unmittelbarer Nähe des Tinia Tempels (Morpurgo 2016, 141–144, bes. Abb. 5). Sie durchleuchtet erneut die späte Besiedlungsphase der etruskischen Stadt und geht auf die nachfolgende „boische“ Okkupation ein. Die Aufarbeitung der latènezeitlichen Funde aus Marzabotto ist für diesen Aufsatz von essenzieller Bedeutung, jedoch wurden den Frauenbeigaben, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nur eine zweitrangige Bedeutung beigemessen. Aus diesem Grund widmet sich die Arbeit einzig und allein der Frage nach der Herkunft der Hohlbuckelringe aus Marzabotto. Wichtig erscheint die Überprüfung, ob es sich bei den Ringen tatsächlich um transalpine Importe handelt. Studien über die Boier, die nach Italien wanderten, versuchten schon früh zu ermitteln, wo ihr Ursprungsgebiet einst gelegen haben könnte. Schenkt man den Überlieferungen von Titus Livius Glauben, so ließen sich die Boier im Osten der heutigen Emilia -Romagna, in der etruskischen Stadt Felsina (heutiges Bologna) nieder, die von ihnen Bononia genannt wurde (Liv. V, 15; Steinacher 2015, 3; Schönfelder 2010, 2–5; Challet 2008, 61; Collis 2003, 111; Mansuelli 1978, 71). Der gegenwärtige Forschungsstand in Norditalien ist nicht hinreichend, Abb. 1: Plan von Marzabotto mit keltischen Nekropolen, etruskischen Brunnen mit latènezeitlichen Sekundarbestattungen (Punkte) und sporadischen Funden (x). Synthese aus Morpurgo 2016, 128, Abb.1; Bentz– Reusser 2008, 151, Abb. 51 mit Ergänzungen. 80 STUDIA HERCYNIA XXIV/2 um klare Aussagen zu erfassen. In den Bezeichnungen Boier, Böhmen und Bononia wird eine Etymologie gesucht. Bis heute hat das Interesse an der Beziehung zwischen Böhmen und Italien nicht nachgelassen. Allgemein gefasste Beiträge über das Verhältnis der beiden Kulturräume stammen unter anderem von Jan Kysela (Kysela 2015, 149–158; Kysela 2014, 341–352; Kysela 2010, 150–177; Kysela 2009, 227–236) und Wolfgang David (David 2015, 323–354). Marzabotto bietet somit eine eingeschränkte, aber doch aussagekräftige Zahl an unterschiedlichen Quellen, die zur Beantwortung der Frage über die Stellung bzw. den sozialen Status der latènezeitlichen Frau in der Gesellschaft in Emilia -Romagna behilflich sein könnte. Aus einer sehr detaillierten Beschreibung der Hohlbuckelringe aus Marzabotto und dem Vergleich mit Exemplaren aus Zentraleuropa resultiert eine feinere Einteilung dieser Fundgattung, die unter anderem eine genauere Betrachtung der Zwischenstege und der Verschlussmechanismen miteinschließt. Sie soll helfen den Ursprung des Latène -Frauenschmucks aus der Emilia -Romagna zurück zu verfolgen. DIE HOHLBUCKELRINGE AUS MARZABOTTO Nr. 1– Hohlbuckelring mit zwölf rundovalen Buckeln mit hohen, leicht konkaven Zwischenstegen. Der Hohlbuckelring aus dem Museo Nazionale Etrusco „Pompeo Aria“ e area archeologica di Kainua mit der Inventarnummer MM n° 388 wurde 1883 am nördlichen Ende der plateia Aausgegraben (Abb. 2). Dieses Objekt eignet sich besonders für eine detaillierte Betrachtung, da es das einzige Exemplar aus Marzabotto ist, welches nahezu vollständig erhalten ist. Aus zwei Hälften setzt sich der Ring zusammen, wobei die Hauptpartie aus acht und der kleinere Part aus vier Wölbungen besteht. Der maximale Außendurchmesser beträgt 8,5 cm. Deutlich kleiner ist der maximale Innendurchmesser mit 7,2 cm sowie der minimale Innendurchmesser von 5,6 cm. Abb. 2: Hohlbuckelring Nr. 1 aus Marzabotto mit Legende. 81HEIDI GESCHWIND Insgesamt zieren den Ring zwölf hohle Buckel, die 0,9–1,1 cm hoch, 2,0–2,2 cm breit und 1,4–1,6 cm lang sind. Die ovalen, relativ flachen Höcker werden alternierend von leicht konkaven, längeren Zwischenstegen umrahmt. Die Buckel und konkaven Zwischenstege werden durch tiefe Rillen voneinander abgesetzt. Trotz des geringen Höhenunterschieds der einzelnen Segmente, wird ein sehr plastischer Eindruck des Objekts suggeriert. Der Schließmechanismus zeichnet sich durch einen Stiftverschluss aus. Hierbei besitzen sowohl die Enden des Hauptrings als auch die des Verschlusses, jeweils einen Zapfen bzw. eine Zunge mit jeweils einem mittig platzierten Loch; diese lassen sich passend zusammenfügen. Anschließend wird die Verankerung mit dünnen Stiften blockiert, sodass sie sich nicht unabsichtlich lösen können Das Gesamtgewicht liegt bei rund 122 g. Der Ring besitzt eine grobkörnige, schwarz bis braune Patina mit grünen und beigen Einschlüssen. Die Patinierung der Oberfläche erschwert Aussagen zu Abnutzungsspuren. Lit.: Morpurgo 2016, 128, 134, Tab.1:2; Fábry 2008, 129, Abb. 2; Kruta Poppi 1975, 359, 373, Abb. 6:24; Brizio 1887, 527–528, Taf. 7:13. Nr. 2– Hohlbuckelring mit sechszehn kleinen, rundlichen Buckeln und hohen, kurzen Zwischenstegen. Das Objekt (Inv.-Nr. MM n° 389) mit zwölf erhaltenen Buckeln ist während der Grabung 1960 aus plateia B auf der Höhe von regio II insula 1 in der Nähe von zwei Fibeln zum Vorschein gekommen. Es hat sich nur die größere Ringhälfte erhalten (Abb. 3:1). Bis auf das herausnehmende Glied hat sich die aus einem Stück gegossene Ringhälfte vollständig erhalten. Dabei besitzt die größere Hälfte zwölf Buckel und die kleinere Hälfte vermutlich vier Wölbungen. Der Ring weist eine Höhe von etwa 2,3 cm sowie einen maximalen Außendurchmesser von 9,2 cm auf. Der maximale innere Durchmesser beträgt 7 cm und der minimale wird auf 6,2 cm geschätzt. Die Hälfte besitzt zwölf Buckel, welche nebeneinander angeordnet sind und über die Maße von 1,0–1,2 cm Höhe, 1,6–1,8 cm Breite sowie 1,1–1,3 cm Länge verfügen. In einem regelmäßigen Abstand von etwa 0,5–0,7 cm erscheinen die Buckel und werden voneinander durch vertikale feine Ritzlinien getrennt, sodass die einzelnen Höcker deutlich plastischer wirken und sich vom Ring verstärkt absetzen. Sie sind ebenfalls im Inneren hohl. Aufgrund der Dimensionen des erhaltenen Teilstücks kann davon ausgegangen werden, dass der Hohlbuckelring einst sechszehn Erhebungen besaß. Die äußersten Wölbungen weisen eine Befestigungsvorrichtung auf, die mit kleinen Löchern von 0,25–0,35 cm versehen sind. Sie deuten auf eine Fixierung des fehlenden Segments mit Hilfe von Stiften hin, welche den Durchbohrungen zufolge eine Stärke von weniger als 0,25 cm besessen haben. Das Verschlusssegment machte etwa ein Viertel des gesamten Hohlbuckelrings aus und bestand dementsprechend aus vier weiteren Buckeln, dessen Enden den Negativen der Gegenstücke. Der erhaltene Teil wiegt 90 g, womit das Gesamtgewicht auf rund 120 g geschätzt werden kann. Die Patina des Rings besitzt eine grüne Farbe mit einem leichten Graustich. Lit.: Morpurgo 2016, 128, 135, Tab.1:12; Bentz – Reusser 2008, 108, Abb. 108; Fábry 2008, 129, Abb. 2; Kruta Poppi 1975, 359, 373, Abb. 6:25. 82 STUDIA HERCYNIA XXIV/2 Abb. 3: Hohlbuckelring Nr. 2–6 aus Marzabotto. 83HEIDI GESCHWIND Nr. 3– Hohlbuckelring mit länglich ovalen Buckeln und deutlich abgesetzten, langen Zwischenstegen mit massiven Querrippen. Mit der Arbeit von Luana Kruta Poppi tritt ein weiteres Fragment eines Hohlbuckelrings (Inv.-Nr. MM n° 387) aus Marzabotto in Erscheinung (Abb. 3:2). Nähere Fundumstände gehen aus der Literatur nicht hervor. Das Stück hat zwei länglich ovale Buckel, die durch lange Zwischenstege mit massiven Querrippen voneinander getrennt werden. Das Fragment weist eine maximale Länge von 5 cm auf. Der größere Buckel verfügt über eine Höhe von 1,4 cm, eine Breite von 3,2 cm und eine Länge von 1,6 cm, während der etwas kleinere Buckel 1,2 cm hoch, 2,8 cm breit und 1,4 cm lang ist. Dabei ist der Zwischensteg der beiden Buckel 1,4 cm lang. Zusätzlich haben die Querrippen eine Länge von rund 0,4 cm. Die Innenansicht des Exemplars zeigt die Höhlung, die sich deutlich der Form des Buckels anpasst. Dabei ist die Wandung sehr dick geformt. Dies könnte für eine lokale Herstellung sprechen. Auffällig sind die sehr flachen Höcker und die Ähnlichkeit zu den zwei paarigen Hohlbuckelringen aus dem Heiligtum in Este (prov. Padua) (Dämmer 2002, 264, Abb. 111:34–37). Die Schließvorrichtung ist besonders auffällig, da es sich von den üblichen Systemen aus Marzabotto sowie von den Objekten aus den mitteleuropäischen Gräberfeldern gänzlich unterscheidet. Es handelt sich um eine trianguläre Fuge, dessen kürzeste Seite eine Länge von 0,6 cm besitzt. Die Fuge weist gewisse Ähnlichkeiten mit denen aus Este auf, jedoch fehlt am Buckel ein Loch für einen Verschlussstift.3 Das kleine Fragment ist besonders schwer und besitzt ein Gewicht von 51 g. Die gräuliche Oberfläche des Objekts deckt ein Farbenspektrum von hellbis dunkelgrün ab. Lit.: Fábry 2008, 129, Abb. 2; Kruta Poppi 1975, 359, 373–374, Abb. 6:26. Nr. 4– Hohlbuckelring mit ovalen Buckeln und hohen, kurzen Zwischenstegen. Bei dem massiven Objekt mit ovalen Buckeln und hohen, kurzen Zwischenstegen handelt es sich um den kleineren Teil eines aus zwei Hälften zusammengesetzten Hohlbuckelrings (Abb.3:3), der in der regio IV, insula 1 gefunden wurde. In toto setzt sich das in gutem Zustand erhaltene Stück aus fünf geschlossenen Wölbungen zusammen. Insgesamt ist es 7,6 cm lang und 3,2 cm hoch, wobei die einzelnen Höcker 1,4 cm hoch sind. Die fünf Buckel sind 2,3–2,4 cm breit sowie 1,3–1,4 cm lang. Die bauchigen Höcker des Rings wirken durch die geraden, stark abgesetzten Zwischenstege besonders heraustretend. Obwohl die Buckel an sich nicht sehr gleichförmig sind, bewirken der Glanz der dunklen Farbe und die Massivität einen gegenteiligen Effekt. Die Innenseite ist geschlossen und glatt, was eine komfortable Tragemöglichkeit gewährleistet, dabei passt sich der Streifen auf der Innenseite der Form der Höcker an. Beide Schlusssegmente haben sich erhalten. Das Endstück mit einem mittig platzierten Loch von 0,25 cm ähnelt der viereckigen Zunge von Objekt Nr. 6. Zusätzlich weist das andere Ende in der Seitenansicht ein kleines Loch von 0,2 cm auf, welches für einen Stiftverschluss gedacht ist, um beide Teile fest zu verankern. Es ist trichterförmig mit einer Kerbe, die vermutlich für ein Gegenstück mit Lochung gedacht ist. 3 Aus Este, Meggiaro (prov. Padua/I) haben sich die herausnehmbaren Segmente zweier Hohlbuckelringe vollständig erhalten. Wie bei dem Objekt Nr. 3 aus Marzabotto, handelt es sich um zwei paarige Exemplare mit massiven Querrippen. Sie weisen eine Schließvorrichtung auf. Die Buckel sind jedoch deutlich ovaler, zudem sind die Verschlussstücke im Inneren hohl und mit einem ellipsoiden Band versehen. Es handelt sich dabei jedoch nicht um eine trianguläre, sondern um eine konische Fuge sowie eine weitere mit parallelen Seiten, die abgerundete Enden aufweist. Die Verschlusssegmente weisen an den Buckeln mit den Fugen Löcher für die Verschlussstifte auf, vgl. dazu Dämmer 2002, 264–265. 84 STUDIA HERCYNIA XXIV/2 Vermutlich wies die größere Ringhälfte neun bis elf weitere Buckel auf. Der Hohlbuckelring besitzt ein Gewicht von 55 g. Sein Gesamtgewicht kann auf mindestens 160 g geschätzt werden. Das Farbspektrum reicht von seegrün und geht in ein dunkles schiefergrau über, wobei die Oberfläche einen besonderen Glanz aufweist und trotz kleinerer Furchen sehr glatt ist. Lit.: Morpurgo 2016, 128, 135, Tab.1:15; Fábry 2008, 129, Abb. 2. Nr. 5– Hohlbuckelring mit rundlichen Buckeln und sehr hohen, kurzen Zwischenstegen. Der deformierte Ring (Inv.-Nr. MM n° 390) mit rundlichen Buckeln und sehr hohen, kurzen Zwischenstegen, dessen Fundsituation unbekannt ist, setzt sich aus sechs Wölbungen zusammen (Abb. 3:4). Das Objekt ist etwa 80° um die Längsachse tordiert, was wahrscheinlich eine Folge von Hitzeeinwirkungen ist. Aufgrund der schlechten Erhaltung der Innenseite und der Torsion können keine Aussagen zur Ringgliederung getätigt werden. Es besitzt eine relativ dünne Wandung und hohle Buckel. Im Inneren haben sich Reste von Lehm erhalten. Zudem ist auch bei diesem Exemplar keine Rekonstruktion des einstigen Durchmessers möglich. Das 10,8 cm lange Fragment besitzt 1,0–1,6 cm hohe Höcker, welche eine Breite und Länge von 1,4–1,6 cm aufweisen. Außerdem hat das Stück ein Gewicht von 33 g und eine grau -grüne bzw. türkise Farbe mit beigen Flecken. Lit.: Fábry 2008, 129, Abb. 2; Kruta Poppi 1975, 359, 373, Abb. 6:23. Nr. 6– Hohlbuckelring mit ovalen Buckeln und kurzen, breiten Zwischenstegen. Die Lehrgrabungen der Università di Bologna unter der Leitung von prof.Dr.Giuseppe Sassatelli und prof.Dr.Elisabetta Govi brachte am 7. September 2004 vier weitere latènezeitliche Körperbestattungen zum Vorschein. Diese Gräber wurden an der südwestlichen Ecke des Tinia Tempels freigelegt und bilden einen terminus ante quem für den gesamten sakralen Bereich. Die Gräber liegen alle parallel zueinander und sind Ost -West orientiert. Unter den beiden nördlichen Gräbern, die vermutlich bereits im 19. Jahrhundert geplündert wurden, befand sich in ungenauer Fundsituation ein weiterer fragmentierter Ring. Ferner bestand der gesamte Ring aufgrund seiner Verschlussvorrichtung aus zwei Teilen. Das erhaltene Fragment setzt sich aus zwei hohlen Höckern zusammen (Abb. 3:5): einem nur noch zur Hälfte bestehenden, größeren Buckel, welcher durch einen kurzen Zwischensteg von 0,3 cm von einem kleineren Endbuckel getrennt wird. Des Weiteren hat das Objekt eine Gesamtlänge von 3,4 cm und besitzt eine maximale Höhe von 1 cm, die zugleich auch die Höhe des Schlussbuckels bildet. Die maximale Breite der größeren Wölbung beträgt 2,3 cm und die des deformierten Endbuckels liegt bei 1,9 cm. An Letzterem haftet eine verjüngte, viereckige Zunge mit abgerundeten Ecken.4 Die ursprüngliche Form des Rings hat sich nicht erhalten, wodurch eine Hochrechnung der Gesamtbuckelanzahl nahezu unmöglich ist. Zudem ist die typologische Einordnung wegen des sehr schlechten Erhaltungszustands erschwert. Das Ringfragment hat ein Gewicht von 10 g. Die, der Verwitterung ausgesetzten Oberfläche ist sehr rau und weist eine dicke, rissige Patina auf, welche eine grüne bis beige -braune Farbe hat. Lit.: Morpurgo 2016, 141–144, Abb. 5a. 4 Ein solches Verschlusssystem ist in Pakoszówka (pow. Sanok/PL) mit kongruentem Gegenstück zu finden: Bochnak– Kotowicz 2015, Abb. 2. 85HEIDI GESCHWIND UNVERZIERTE HOHLBUCKELRINGTYPEN MIT SECHS BIS ACHTZEHN BUCKELN Unverzierte Hohlbuckelringe aus Mitteleuropa stammen aus Frauengräbern, kommen einzeln oder paarig vor und wurden am Handoder Fußgelenk getragen. Sie lassen sich in Typen definieren, die regionale Schwerpunkte aufweisen und können durch ihre Buckelanzahl, Buckelform, Zwischensegmente und Verschlusssysteme unterschieden werden. Der chronologische Bogen der bronzenen Hohlbuckelringe umfasst die Frühund Mittellatènezeit und ist gekennzeichnet durch eine große morphologische Varianz, die sich zwischen den Stufen LT B2a und LT C1a zeigt.5 Nach Nicola Biancá Fábry erscheint die Schmuckgattung in einem zeitlichen Rahmen von 330/310 bis 220/210 v. Chr. (Fábry 2011, 24, Abb. 5). Hohlbuckelringe entwickelten sich nach der communis opinio mit einer hohen Anzahl an kleinen, flachen Buckeln zu Exemplaren mit wenigen, großen und bauchigen Wölbungen (Fábry 2016, Abb. 4; Masse 2007, 306–307; Masse– Szabó 2005, 220–223; Bujna 2005, 48–63; Furman 2014, 497, 509–510; Bochnak– Kotowicz 2015, 290–291; Furman 2009, 83–89; Gebhard 1989, Abb. 23–25, Abb. 28, 88, Abb. 31–36, 39–40, 44, bes. Abb. 45). Oftmals sind Hohlbuckelringe vergesellschaftet mit typischen Fibeln, Gürtelketten, Hals-, Armund Beinringen der Stufen LT B2 bis LT C (Masse– Szabó 2005, Abb. 7, 220; Waldhauser 1987, Abb. 4). Drei Hohlbuckelringtypen sind in Marzabotto vertreten. Es handelt sich um die Typen Ohrada, Nehvízdky und Dürrnberg. Charakteristisch für den Typ Ohrada (siehe Tab.1) sind neun bis dreizehn abgeflachte, rundliche Buckel mit hohen, konkaven Zwischenstegen. Es gibt Ringe mit symmetrischen (Tab.1:1,5) und asymmetrischen Ringaufbau (Tab.1:2,7,10) sowie eingliedrige Stücke (Tab.1:4,8,11). Die zweiteiligen Exemplare sind ausschließlich mit Stiftverschlüssen6 versehen (Tab.1:1–2,5,7,10). Der Typ erscheint in Nordböhmen, Mähren, Ungarn, Frankreich und Italien (Abb. 4). Sie datieren überwiegend in die Stufe LT B2.7 Typ Nehvízdky hingegen (siehe Tab.2) ist gekennzeichnet durch vierzehn bis achtzehn Buckel mit kurzen, leicht konkaven Zwischenstegen. Die meisten Stücke bestehen aus nahezu gleich großen Ringhälften (Tab.2:13,15–19,21–22) und tauchen vor allem in Böhmen auf (Abb. 4), wo sie paarig oder einzeln in Frauenbestattungen, je nach Fundsituation und Funktion der Ringe, auftreten. Die Ringe aus Marzabotto (prov. Bologna/I) (Tab.2:20), Poplze (okr. Litoměřice/CZ) (Tab.2:24) und Palárikovo (okr. Nové Zámky/SK) (Tab.2:23) haben eine asymmetrische Ringgliederung und erscheinen einzeln. Metallbändern an der Innenseite sind bei Exemplaren aus dem böhmischen Raum bekannt (Tab.2:12,15,17,22). Der Ring aus der Slowakei wurde in situ am linken Arm einer Frau entdeckt. Exemplare erscheinen in Nordböhmen, Rumänien, Slowakei und Italien. Der Typ datiert ebenfalls in die Stufe LT B2. Schließlich weist Typ Dürrnberg (siehe Tab.3) sechs bis vierzehn spitzovale bis runde Buckel auf und zeichnet sich vor allem durch deutlich abgesetzte, lange Zwischenstege mit massiven Querrippen aus. Es handelt sich um einen sehr heterogenen Typ. Auch hier haben wir symmetrisch (Tab.3:25,27–28,35), asymmetrisch (Tab.3:29,31,34) sowie eingliedrig (Tab.3:30) 5 Martin Furman geht sogar davon aus, dass Hohlbuckelringe mit vielen kleinen Buckeln vom Typ BR -C1 nach Miklós Szabó, wie die Bestattungen aus Dubník, Grab 28 (okr. Nové Zámky/SK) oder Maňa, Grab 100 (okr. Nové Zámky/SK) zeigen, in die Stufen LT B1b bis LT B2a datieren, vgl. Furman 2009, 83, 87. 6 Die zweiteiligen Hohlbuckelringe weisen alle Stiftverschlüsse auf, dabei sitzen an kurzen Befestigungsbasen durchlochte Zungen. Mittels Verschlussstiften oder Zwirnen werden diese schließlich blockiert, vgl. Fábry 2016, 129, Abb. 8; Sankot– von Kurzynski 1994, 542. 7 Die Datierungen sind der Literatur entnommen und können in dieser Arbeit nicht diskutiert werden, da sie über den Rahmen dieses Aufsatzes hinausgehen, vgl. dazu Tab.1–3. 86 STUDIA HERCYNIA XXIV/2 Abb. 4: Verbreitungskarte der Typen Ohrada, Nehvízdky und Dürrnberg. 93HEIDI GESCHWIND Denn die Ringe mit der höchsten Buckelanzahl stammen aus Böhmen und können dem Typ Nehvízdky (Tab.2) zugeordnet werden. Möglicherweise ist das Stück etwas jünger als die Objekte Nr. 1 und 2, weil es sich eventuell aus den bereits bekannten Hohlbuckelringen aus Marzabotto entwickelte. Aufgrund der hohen Fragmentierung der Ringe Nr. 5 und 6 ist keine entsprechende Interpretation möglich. Der Vergleich der Hohlbuckelringe aus Marzabotto mit Exemplaren aus Mitteleuropa zeigt, dass die Ringe aus Marzabotto einen starken keltischen Einfluss besitzen. Direkte Verbindungen zum böhmischen Raum werden durch das Material nur teilweise bestätigt. Exemplare aus Böhmen weisen oftmals eine symmetrische Ringgliederung auf, wohingegen die Stücke aus Marzabotto alle eine asymmetrische besitzen, was jedoch auch mit der Funktion der Ringe einhergehen kann. Denn auch Armringe haben in Böhmen eine asymmetrische Ringglie - derung. Dennoch spricht die Ringaufteilung tendenziell eher für direkte Vorbilder aus dem slowakischen und ungarischen Raum, da wir hier die engsten Parallelen haben. Ebenfalls finden sich einzelne Vergleiche in Frankreich und Rumänien. Es handelt sich den bei den Hohlbuckelringen Nr. 1 und 2 um Importe oder kulturell stark beeinflusste Objekte aus dem keltischen Raum. Im Falle der Objekte Nr. 3 und 4 handelt es sich höchstwahrscheinlich um Nachahmungen der Hohlbuckelringe aus dem oben aufgeführten Gebiet. Dafür spricht die Morphologie der Ringe. Sie könnten in eigenen, örtlichen Werkstätten hergestellt worden sein. Weitere Vertreter des Typs Dürrnberg, wozu Ring Nr. 3 gehört, sind aus Este (prov. Padua) bekannt, was zudem für eine lokale Produktion in Norditalien sprechen könnte, die sich durch einen kulturellen Austausch entwickelte. Sie könnten die transpadanen Ringe aus Dormelletto beeinflusst haben. Da exakte Fundkontexte der Hohlbuckelringe aus Marzabotto fast vollständig fehlen, können keine konkreten Aussagen über die Trägerinnen und die Tragweise der Ringe getroffen werden. Die Hohlbuckelringe sind ein Beispiel für einen starken, keltischen Einfluss, welcher später dazu führte, dass möglicherweise in selbstständigen Produktionsstätten eigene Exemplare in Norditalien gefertigt wurden. Letzteres würde gegen eine größere Migrationswelle von Frauen in der Phase LT B2 nach Marzabotto sprechen. Dennoch spricht der Latène -Frauenschmuck für die individuelle Mobilität von Frauen und/oder Metallhandwerkern, die aus dem Raum nördlich der Alpen kamen und in Kontakt mit den Menschen der Emilia -Romagna traten, sodass diese die Trachtsitten adaptierten.16 Um genauere Ergebnisse zu der Herkunft der keltischen Gruppe aus Marzabotto zu treffen, wären weitere Isotopenanalysen zu den Individuen aus Marzabotto, Casalecchio di Reno und Bologna wünschenswert.17 Die Studien zu den Hohlbuckelringen aus Marzabotto widerlegen die Annahmen, dass eine bestimmte geschlossene Bevölkerungsgruppe etwa aus Böhmen nach Italien wanderte. Das Fundmaterial aus der Emilia -Romagna zeigt eine Internationalität der dort ansässigen Personen, hinter dem sich zum Teil ein Zuzug oder Kontakt fremder Personen aus dem Raum nördlich der Alpen bzw. dem westlichen Karpatenbecken verbirgt. 16 Weiterer Frauenschmuck des Latèneformenkreises der Stufe LT B1–B2 ist aus Casalecchio di Reno bekannt: Ortalli 2008; 1995; 1990. 17 Strontiumisotopenanalysen zu Monte Bibele konnten bei einzelnen Individuen eine nichtlokale Herkunft bzw. Mobilität nachweisen: Hauschildetal. 2013, 356, 358, Abb. 8. 94 STUDIA HERCYNIA XXIV/2 DANKSAGUNG Folgenden Personen bin ich an dieser Stelle zu besonderem Dank verpflichtet: Univ.-prof. Dr.Christopher Pare (Institut für Vorund Frühgeschichte, Johannes Gutenberg -Universität Mainz), Dr.Martin Schönfelder (Römisch -Germanisches Zentralmuseum, Mainz), Dr.Pavel Sankot (Národní muzeum, Prag), Dr.Anna Bondini (Ministero dei beni e delle attività culturali e del turismo), Dr.Tiziano Trocchi (Museo Nazionale Etrusco „Pompeo Aria“ di Marzabotto), Dr.Rosario Maria Anzalone (Polo Museale dell‘Emilia -Romagna), prof.Dr.Elisabetta Govi sowie prof.Dr.Giuseppe Sassatelli (Università di Bologna– Alma mater studiorum). LITERATURNACHWEIS Almássy, K. 1998: Kelta temető Tiszavasvári határában. ANyíregyházi Jósa András Múzeum évkönyve 40, 55–106. Bentz, M.– Reusser, Ch. 2008: Marzabotto. Planstadt der Etrusker. Zaberns Bildbände zur Archäologie. Sonderbände der Antiken Welt. Mainz am Rhein. Bochnak, T.– Kotowicz, P.N. 2015: Bruchstücke von zwei keltischen Hohlbuckelringen aus Pakoszówka, Kr. Sanok, im Südosten Polens, 2015. 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