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Vondrak, Vortel, Viplaschil“: Tschechische Familiennamen in Wien

Kim, Agnes

Abstract

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Full text

„Vondrak, Vortel, Viplaschil“: Tschechische Familiennamen in Wien1 Agnes Kim– Universität Wien ABSTRACT Dieser Beitrag beleuchtet den „Telefonbuch -Topos“, demzufolge die tschechischsprachige Migration nach Wien insbesondere in den Familiennamen der Wienerinnen und Wiener konserviert ist, aus sozioonomastischer Perspektive. Vor dem Hintergrund des historischen Kontexts werden Häufigkeit und linguistische Integration tschechischer Familiennamen sowie ihre diskursive Konstruktion besprochen. Dabei werden Etymologie und Graphematik als zwei bestimmende Faktoren innerhalb der mit tschechischen Familiennamen verknüpften Namensstereotype herausgearbeitet, von denen Schlüsse auf die (sprachliche oder nationale) Zugehörigkeit/Herkunft bzw. Assimilation der Namensträgerinnen und -träger gezogen werden. Drei empirische Teilstudien– basierend auf historischen sowie auf aktuellen Datenquellen– evaluieren daran anschließend diese Namensstereotype. SCHLÜSSELWÖRTER Sozioonomastik; tschechische Familiennamen; Wien; Etymologie; Graphematik ABSTRACT “Vondrak, Vortel, Viplaschil”: Czech Surnames in Vienna This contribution investigates the “telephone book topos” from asocioonomastic per - spective. According to it, Czech migration to Vienna is best conserved in the surnames of Viennese inhabitants. Against the historical background, the contribution discusses the frequency and linguistic integration as well as the discursive construction of Czech surnames in Vienna. It identifies two important aspects of the underlying name stereotypes: From aCzech surname’setymology conclusions are drawn on the name bearer’s(linguistic or national) affiliation/origin, and from the name’sgraphematics on the name bearer’sassimilation. Based on historical and contemporary data sources, three empirical case studies evaluate these name stereotypes. KEYWORDS socioonomastics; Czech surnames; Vienna; etymology; graphematics 1 Dieser Beitrag bezieht sich auf Ergebnisse, die im Rahmen des vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) geförderten Teilprojekts „Deutsch und slawische Sprachen in Österreich: Aspekte des Sprachkontakts“ (F 6006-G23, PPL: Stefan Michael Newerkla) des SFB „Deutsch in Österreich: Variation– Kontakt– Perzeption“ erbracht wurden. Dank gilt Josef Vintr, Stefan Michael Newerkla, Maria Schinko und Wolfgang Koppensteiner für ihre Unterstützung bei der Erarbeitung des Beitrags. 14 BRÜCKEN 28/2 Wenn ich Inspiration such / Gesellschaftsliaison such Les ich das Telefonbuch / Dort find ich das genau – Alle meine Freind stehn drin / Und zwar auf Seite „Vau“. (Georg Kreisler: Telefonbuchpolka) „Diese Polka hätte ohne Telefonbuch nicht geschrieben werden können“, konstatierte der Publizist und Literaturkritiker David Axmann im Jahr 2007 in der Wiener Zeitung über jenes Lied Georg Kreislers, dem sowohl Titel als auch Motto dieses Artikels entliehen sind. Das Wiener Telefonbuch wird damit in der Telefonbuchpolka zum Symbol dafür, „dass die besondere Eigenart des ‚Schmelztiegel‘ [sic!] Wien eben darin bestand, dass vielerlei ethnische Ingredienzien aus allen Teilen der Habsburger Monarchie in ihm zusammenkamen“ (Axmann 2007), es wird zum Medium der Fortschreibung des „Schmelztiegel“-Mythos, eines Narrativs, das es erlaubt, Österreich als einsprachig Deutsch zu konstruieren und gleichzeitig die historische Mehrsprachigkeit anzuerkennen (Kim 2020a: 100–114). Dieser Artikel widmet sich einem zentralen Aspekt des „Telefonbuch“-Topos, nämlich den tschechischen Familiennamen, die in diesem verzeichnet sind und bis in die Gegenwart die (historische) Migration aus Böhmen und Mähren nach Wien reflektieren. Er fokussiert insbesondere ihre Etymologie und ihre graphische Wiedergabe sowie die Rolle dieser Aspekte für die Wahrnehmung und Beurteilung von Familiennamen und ihren Trägerinnen und Trägern. Dabei werden Ergebnisse aus drei, sowohl diaals auch synchron orientierten Teilstudien diskutiert und miteinander verknüpft. Ihnen ist gemeinsam, dass sie zwei Assoziationen zwischen Familiennamen und Namensträgerinnen bzw. -trägern hinterfragen: jene der Etymologie mit der ethnischen oder sozialen Zugehörigkeit sowie jene der Schreibung mit der Assimilation an bzw. Integration in die– in diesem Fall deutschsprachige– Mehrheitsgesellschaft. Der erste Abschnitt dieses Artikels gibt zunächst einen kurzen Einblick in die Geschichte der Tschechinnen und Tschechen in Wien, bevor sich der zweite mit der Verbreitung und Integration von tschechischen Familiennamen in Wien sowie dem (wissenschaftlichen) Diskurs zu ihnen beschäftigt. Der dritte Abschnitt widmet sich der Sozioonomastik und von ihr erbrachten Ergebnissen zu– mit Etymologie und Graphematik verknüpften– namensbasierten Stereotypen. Darauffolgend werden die empirischen Studien präsentiert. 1. TSCHECHINNEN UND TSCHECHEN IN WIEN Der Untersuchungsraum Wien ist wie andere Großstädte demographisch und sprachlich seit Jahrhunderten von Migration geprägt, wobei jener aus den Ländern der böhmischen Krone (insbesondere aus Böhmen und Mähren) zentrale Bedeutung beigemessen wird. Wiederholt wird darauf hingewiesen, dass die Tschechinnen und Tschechen in Wien diachron gesehen keine homogene Gruppe bildeten, sondern vielmehr „Angehörige verschiedener Zuwanderungswellen, die […] nicht nur durch unterschiedliche geographische Herkunft, sondern auch durch gesellschaftliche, politische, soziale und kulturelle Prägung [zu] unterscheiden“ seien (Basler 2004: 83). Historische Kontinuitäten vom Mittelalter bis in die Gegenwart zu konstruieren ist 15AGNES KIM ob dieser Heterogenität unangebracht (Brousek 1980: 11; Newerkla 2012: 67),2 wenngleich es die lange Geschichte des Austauschs den zuwandernden Tschechinnen und Tschechen zu jedem Zeitpunkt ermöglichte, „an eine Tradition anzuknüpfen und gewisse Schemata zu übernehmen“ (Brousek 1980: 11). Im Mittelalter und der frühen Neuzeit wurde der tschechisch -deutsche Kontakt insbesondere durch die in Wien ansässigen Kaufleute aus Böhmen und Mähren sowie den einflussreichen tschechischen Adel bestimmt, 3 sodass sich die Minderheit Newerkla (2012: 67) zufolge „bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts vielmehr durch ihren Einfluss auf wichtige Entscheidungsträger im Staat als durch ihre zahlenmäßige Größe“ hervortat. Letzteres zeigte sich auch in der Intensivierung des Tschechischerwerbs in der Herrscherfamilie der Habsburger, der bis ins 19. Jahrhundert eine gewisse Rolle spielte (Berger 2000; Goebl 2008: 118). Im 18. Jahrhundert erfuhr das Tschechische durch die Einführung entsprechenden Sprachunterrichts an diversen Institutionen wie der Theresianischen Militärakademie und der Universität Wien eine zusätzliche Aufwertung.4 Auch eine erste tschechischsprachige Zeitung wurde mit den České vídeňské poštovní noviny in diesem Jahrhundert in Wien herausgegeben. Gleichzeitig setzte die Arbeitsmigration aus den Ländern der böhmischen Krone nach Wien ein, die ihren Höhepunkt im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert erreichte. Die Zuwanderung tschechischsprachiger Arbeitskräfte aus Böhmen und Mähren im 19.Jahrhundert ist das zentrale Moment in der Konstitution der tschechischen Minderheit in Wien. 5 Schätzungen gehen davon aus, dass zwischen 1850 und 1914 durchgehend 20–25% aller Einwohnerinnen und Einwohner Wiens in Böhmen oder Mähren geboren worden waren und weitere 25% zur zweiten Generation gehörten (Glettler 1972: 32f.; Weigl 2000: 134). Dabei muss berücksichtigt werden, dass auch die Herkunftsgebiete deutsch–tschechisch zweisprachig und damit nicht alle der Migrantinnen und Migranten tschechischsprachig waren. Vor 1848 dominierte Migration aus deutschsprachigen Gebieten Böhmens und Mährens (Weigl 2000: 135), was sich jedoch nach der Abschaffung der Erbuntertänigkeit nach der Revolution 1848 zugunsten von Migration aus– bevölkerungsstatistisch gesehen– tschechischoder gemischtsprachigen Bezirken in zunächst primär Südböhmen und später v.a. Südmähren verschob (Glettler 1972: 33f.). Insbesondere Personen aus Südmähren, einer Region mit einer langen bilingualen Tradition und weit verbreiteter „nationaler Indifferenz“ (Mezník 1990; Schinko/Kim/Engleder 2019; Zahra 2008) dürften sich Glettler (1972: 35–38) zufolge relativ rasch sprachlich assimiliert und das Tschechische nicht mehr an ihre Kinder weitergegeben haben. Es gab in Wien jedoch auch tschechische Vereine und in der Zwischenkriegszeit auch Schulen mit tschechischer Unterrichtssprache, in denen das Tschechische gepflegt wurde und die bis zum Jahr 1938 von jenen Kindern 2 Für einen Überblick im Kontext Gesamtösterreichs vgl. z.B. Newerkla (2017). 3 Zu dieser Phase Brousek/Brousek (2003), Bůžek (2008), Glettler (2004), Newerkla (2012). 4 Zu dieser Phase siehe z.B. die Beiträge in Vintr/Pleskalová (2004) sowie Duchkowitsch (1980; 2004), Newerkla (2000; 2007; 2012). 5 Mit den Entwicklungstendenzen im 19. Jahrhundert befassen sich die Beiträge in Wonisch (2010) sowie Glettler (1972), John/Lichtblau (1993), Kořalka (1991), Kosíkováetal. (1996), Koukolik (1971), Weigl (2000). 16 BRÜCKEN 28/2 besucht werden konnten, deren Eltern Tschechisch als Familienund auch Bildungssprache weitergeben wollten.6 Im 20. Jahrhundert schrumpfte die tschechischsprachige Minderheit Wiens einerseits durch Remigration in die neu gegründete Tschechoslowakische Republik nach 1918 bzw. 1945,7 andererseits aber auch durch Assimilation an bzw. Integration in die primär deutschsprachige Mehrheitsgesellschaft, was oft mit dem Sprachwechsel vom Tschechischen zum Deutschen in allen, also auch den privaten Kommunikationsdomänen einherging. Gleichzeitig ermöglichte allerdings die durch den Friedensvertrag von Saint -Germain -en -Laye veränderte Rechtslage, die den sprachlichen Minderheiten politische Rechte gewährte, in der Ersten Republik Österreich in der Zwischenkriegszeit eine Blüte des tschechischsprachigen Schulwesens in Wien, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg nicht fortsetzen konnte. 1977 wurden die Wiener Tschechinnen und Tschechen nach dem Volksgruppengesetz als autochthone Minderheit anerkannt. Vermehrte Migration tschechischsprachiger Personen nach Wien fand erst wieder nach dem Prager Frühling 1968 statt, wobei deren Austausch mit der Volksgruppe, also jenen Wiener Tschechinnen und Tschechen, die bereits seit Generationen in Wien ansässig waren, nicht immer reibungslos funktionierte (Brousek 1980: 115–117; Basler 2004). Sie und ihre Nachkommen werden heute als Beispiele für gelungene Integration in die österreichische (deutschsprachige) Mehrheitsgesellschaft bezeichnet (Haváč 2015: 240). 2. TSCHECHISCHE FAMILIENNAMEN IN WIEN Balhar (1995: 194f.) stellt in Anbetracht seiner eher pessimistischen Einschätzung der Chance des längerfristigen Erhalts der tschechischen Sprache bzw. Identität in Wien die Frage, welche Spuren der tschechischen Minderheit auf ewig erhalten bleiben werden und beantwortet sie u.a. folgendermaßen: „Jména nikdy nezapřou někdejší český původ jejich nositelů“ [Die Namen werden nie die ehemalige tschechische Herkunft ihrer Träger verleugnen]. Damit ist ein schon in diesem Artikel vorangestellten Zitat aus Georg Kreislers Telefonbuchpolka zitierter Gemeinplatz angesprochen, nämlich jener, „daß sich der [historisch gewachsene– A.K.] Schmelztiegel Wien [bis in die Gegenwart– A.K.] am besten in den Namen der Wiener spiegelt“ und dass dies „jeder Wiener aus dem Telefonbuch“ wisse (John/Lichtblau 1993: 442). Die folgenden Abschnitte beleuchten diesen Topos aus zweierlei Perspektiven, nämlich zunächst aus jener der onomastischen Dokumentation von Verbreitung und (graphematischer) Integration von Familiennamen mit tschechischer Etymologie in Wien und anschließend in Bezug auf die diskursive Konstruktion des Topos selbst. 6 Zum Schulund Vereinswesen der Wiener Tschechinnen und Tschechen im 19. Jahrhundert und auch 20. Jahrhundert siehe insbesondere Brousek (2004), Glettler (1972), Jonas (2010), Newerkla (2007), Valeš (2008). 7 Zu den Entwicklungen im 20. Jahrhundert vgl. die Beiträge in Basler (2006), Basleretal. (2017) und Valeš (2002) sowie Basler (2004; 2015), Brousek (1980), Hanušová (2018), Haváč (2015), Meyer (1996), Pospíšilová (2010), Valeš (2004). 17AGNES KIM 2.1. VERBREITUNG UND INTEGRATION TSCHECHISCHER FAMILIENNAMEN IN WIEN Onomastische Arbeiten zu tschechischen Familiennamen in Wien liegen mit Repp (1960; 1972), Steinhauser (1978), Neumann (1972), Simek/Mikulášek (1995) und Vintr (2006) vor, die sich in Umfang, Quellenmaterial, Forschungsinteresse und Methodik stark voneinander unterscheiden. Die in ihnen teilweise vorgenommene Einteilung der Familiennamen in semantische Kategorien und Bildungstypen ist für den vorliegenden Artikel nicht weiter von Relevanz, stattdessen werden Aspekte der relativen Häufigkeit bzw. Verbreitung und (graphematischer) Integration näher behandelt. Neumann (1972: 12) zählt auf Basis des Wiener Adressbuchs aus dem Jahr 1965 15.690 Familiennamen mit tschechischer Etymologie,8 die von rund 27% aller Wiener Hauptmieterinnen und Hauptmieter getragen wurden, also von 201.880 der insgesamt 737.350 Personen (Abb. 1). Auf drei Personen mit Familiennamen anderer, großteils deutscher Etymologie kam demnach eine Person mit einem von Neumann (1972) als tschechisch etymologisierten Familiennamen. Seinem Häufigkeitsverzeichnis (Neumann 1972: 275f.) zufolge trug 1965 eine von 104 Personen einen der fünf häufigsten, in Tab.1 aufgezählten tschechischen Namen, während es bei den fünf häufigsten deutschen Familiennamen eine von 42 war. Abb. 1: Anteil der Trägerinnen und Träger tschechischer Familiennamen an der Gesamtpopulation der Wiener Hauptmieterinnen und Hauptmieter 1965 (Neu‑ mann 1972) 8 In der ersten Auflage waren es noch 14.315 (Neumann 1972: 7). Die hier folgenden Berechnungen nehmen die Zahlen aus der 3. Auflage (Neumann 1972) als Bezugspunkt. 18 BRÜCKEN 28/2 absolute Frequenz relative Häufigkeit absolute Frequenz relative Häufigkeit Novák 2020 1 von 365 Schmid 4540 1 von 162 Svoboda 1628 1 von 423 Mayer 4120 1 von 179 Dvořák 1310 1 von 563 Müller 3100 1 von 238 Novotný 1122 1 von 657 Bauer 3100 1 von 238 Procházka 1005 1 von 734 Wagner 2320 1 von 318 Tab.1: Häufigste Familiennamen tschechischer (links) und deutscher (rechts) Ety‑ mologie 1965 in Wien (nach Neumann 1972) im Vergleich (graphematische Varianten unter der Leitform subsummiert) Simek/Mikulášek (1995: 10), die sich mit dem amtlichen Telefonbuch aus dem Jahr 1994 auf eine ähnliche Quelle stützen, sich jedoch nicht nur auf Wien als Untersuchungsgebiet beschränken, liefern keine vergleichbaren Statistiken, weshalb ein diachroner Vergleich nicht möglich ist. Aktuellere Arbeiten liegen nicht vor. Besonderes Augenmerk wird in mehreren Studien auf die Anpassung der Schreibung von Familiennamen mit tschechischer Etymologie gelegt. Neumann (1972) fasst z.B. graphematische Varianten eines Namens zu einem Eintrag zusammen und hebt hervor, dass „drei, fünf, zehn und mehr Lesarten […] nicht ungewöhnlich“ seien, wobei etwa der Name Čížek von ihm in 25 Varianten gefunden wurde (Neumann 1972: 6). Aus seiner Sicht zeigt sich darin das Assimilationsbestreben der Wiener Tschechinnen und Tschechen, das insbesondere in den phonetischen Schwierigkeiten Deutschsprachiger mit tschechischen Konsonanten(clustern) im Anlaut begründet sei. Simek/Mikulášek (1995: 10) bemerken, dass der Grad der graphematischen Integration tschechischer Familiennamen mit dem Abstand von Wien deutlich zunehme. Sie schätzen außerdem, dass in ganz Österreich 6% aller Personen tschechische Familiennamen tragen. Wien hebt sich demnach deutlich vom Rest Österreichs ab und zwar sowohl in Bezug auf die Frequenz tschechischer Familiennamen als auch die Präsenz von graphematischen Merkmalen des Tschechischen.9 Vintr (2006: 355) beobachtet, dass die Graphie der Vokale bei den tschechischen Familiennamen in Wien großteils der tschechischen entspricht. In der Regel werden die Längenzeichen (čárky) völlig weggelassen, selten werden sie den deutschen graphematischen Konventionen entsprechend durch ein <h> ersetzt (z.B. č.Král > dt. Krahl). Ansonsten gilt, dass die in der deutschen Graphematik unbekannten Grapheme <ě> (für [je]) durch <e> oder <ie> (z.B. č.Běhal > dt. Behal oder Biehal) und <ou> (für [o]) durch <au> (für [aɔ ]), selten auch– französisierend– durch <u> (z.B. Kohout > dt. Kohaut oder Kohut) ersetzt werden. Bezüglich der häufigeren und vielfältigen Adaption konsonantischer Grapheme unterscheidet Vintr (2006: 356–359) drei Bereiche, nämlich 9 Nicht immer lassen sich tschechische Familiennamen etymologisch eindeutig von solchen aus anderen slawischen Sprachen abgrenzen. Schwerpunktmäßig kommen etymologisch slawische Familiennamen erwartungsgemäß in den deutsch -slawischen Kontaktgebieten in Österreich vor, wie Hohensinner/ Bergmann (2018: 14f.) anhand von– wie in den slawischen Kontaktsprachen– mit Manlautenden Varianten von Nikolaus abgeleiteten Familiennamen zeigen. 19AGNES KIM a) Adaption auf Grund der (rezeptiven) Identifikation des zugrundeliegenden tschechischen Phonems mit einem anderen, deutschen Phonem und dementsprechende graphematische Wiedergabe, wobei dies insbesondere die Stimmhaftigkeitsopposition im Tschechischen betrifft, die im Deutschen (in Österreich) keine Entsprechung findet (z.B. č.Pazdera > dt. Basdera); b) Ersatz tschechischer Grapheme durch deutsche, monooder digraphische (Quasi-)Äquivalente, wobei dies insbesondere die Grapheme č.<v> ≈ dt. <w> oder <f>, č.<č> ≈ dt. <c>, <cs> oder <cz> und č.<š> ≈ dt. <sch>, selten <ss> betrifft; c) Adaption von tschechischen Graphemen (und zugrundeliegenden Phonemen), die keine Entsprechung im Deutschen finden, wobei bei č.<ď ť ň> die Palatalisierung meist durch Einschub eines <i> signalisiert wird (z.B. č.Šťastný > dt. Stiastny), bei č.<ž> entweder das Diakritikum entfällt oder es durch <sch> oder <s> wiedergegeben wird (vgl. a; č.Doležal > dt. Dolezal, Dolesal, Doleschal) und ähnlich č.<ř> entweder durch <r>, <rsch> oder digraphisch (<rz rs>, vgl. b) ersetzt wird (z.B. č.Bednař > dt. Bednar, Bednarz oder Bednarsch). Außerdem weist Vintr (2006: 354f.) darauf hin, dass die graphematische Wiedergabe der tschechischen Familiennamen auch bedingt eine Datierung der Migration ihrer Trägerinnen und Träger nach Wien zulässt: Die Beibehaltung der tschechischen Graphematik deutet ihm zufolge auf Migration in jüngerer Zeit hin, wohingegen die Grapheme <w> (statt č.<v>), <g> (statt č.<j>) und <au> (statt č.<ou>) auf Migration vor 1842 schließen lassen. Auf Grund der Überschneidung mit den oben genannten Entsprechungen ist jedoch nur <g>, z.B. in Augesky (< č.Oujeský) ein verlässlicher Indikator. 2.2. DISKURSIVE KONSTRUKTION DER ROLLE TSCHECHISCHER FAMILIENNAMEN IN WIEN Schon im vorangegangenen Abschnitt wurden mit der Etymologie und der Graphematik bzw.– medial abhängig– der Aussprache, also der Herkunft und der Realisierung von Familiennamen jene zwei Aspekte angesprochen, die auch in der Folge für den vorliegenden Artikel von zentraler Relevanz sind. Die Etymologie eines Namens dürfte im zeitgenössischen Diskurs des 19. und frühen 20. Jahrhunderts als Indikator für die ‚nationale‘ Herkunft bzw. Zugehörigkeit seiner Trägerin bzw. seines Trägers gegolten haben, wie der von John (2010: 36) beschriebene Konflikt zwischen zwei Abgeordneten zum Wiener Landtag, Hermann Bielohlawek (1861–1918)10 und seinem Parteigenossen (Christlichsoziale Partei) Emanuel Weidenhoffer (1874–1939)11 vermuten lässt, wobei ersterer folgendes äußerte: 10 Bielohlawek war Sohn des laut Zeitungsberichten seit 1830 in Wien ansässigen Schlossermeisters Vinzenz Bielohlawek, der dem Eintrag im Geburtenund Taufbuch (Pfarre Wien 08., Alservorstadtpfarre) seines Sohns entsprechend aus Budweis (České Budějovice) gebürtig war. In diesem Geburtenund Taufbuch wird der Nachname als <Bielohlaweik> geschrieben, er selbst dürfte einige Zeit lang die Variante <Bilohlávek> benutzt haben (Parlament Republik Österreich). 11 Dabei muss beachtet werden, dass Weidenhoffer, der ab 1931 Finanzminister der Ersten Republik Österreich war, zwar in Napajedl (Napajedla) in Mähren geboren worden war, der Name Weidenhoffer laut Eintrag im Geburtenund Taufbuch (Matriken Napajedla) jedoch bereits in seiner Großeltern- 20 BRÜCKEN 28/2 Ich werde von Patentdeutschen angegriffen, weil ich nicht genug deutsch sei und mein Name auch ungefähr danach laute. Meine Aussprache kündet ihnen, dass ich kein Tscheche bin. Aber unter denen, die mich bei jeder Gelegenheit angreifen, ist einer der den Namen Vrputotafel getragen hat und sich jetzt Emanuel Weidenhoffer nennt. […] Die Aussprache des Herrn Weidenhoffer ist eine derartige, daß man ihm den Tschechen heute noch ankennt. (Reichspost 9.10.1909: 3) Dieser Verwendung der Etymologie eines Namens zum Rückschluss auf die Herkunft der Trägerin bzw. des Trägers entsprechend, zieht z.B. Kranzmayer (1953: 205) die Etymologie von Familiennamen als primäres Argument heran, um den Anteil der Tschechinnen und Tschechen an der Wiener Bevölkerung im Jahr 1918 auf ein Drittel zu schätzen. Ähnlich sehen auch Simek/Mikulášek (1995: 10) und Wiesinger (2003: 2373) die tschechischsprachige Migration nach Wien primär in den entsprechenden Familiennamen reflektiert. An demselben Topos setzte auch die in Österreich im Jahr 1973 initiierte, anti -xenophobische Plakatkampagne an, deren Sujet einen Buben und einen Gastarbeiter mit dem Text: „Ihaaß Kolaric, du haaßt Kolaric. Warum sogns’ zu dir Tschusch?“ zeigte (John 2010: 43). Sie sollte die Kopplung der Etymologie eines Namens und der Herkunft bzw. ethnischen Zugehörigkeit seiner Trägerin bzw. seines Trägers ad absurdum führen. Zusätzlich zeigt sich im oben gebrachten Zitat von Hermann Bielohlawek ein konstruierter Zusammenhang von sprachlicher bzw. gesellschaftlicher Assimilation und Adaption eines „fremden“ Familiennamens. Ähnlich bringt auch Koudelková (2013: 127) die Namenadaption von Friedensreich Hundertwasser (bürgerlich: Friedrich Stowasser) als beispielhaften Beleg für die Assimilation seiner Vorfahren in Wien, da sie dem verbreiteten, doch widerlegten Mythos folgt, diese hätten Stovoda geheißen und bereits das tschechische voda ‚Wasser‘ durch das deutsche Äquivalent ersetzt.12 John/ Lichtblau (1993: 442) zitieren den österreichischen Journalisten und Schriftsteller Martin Pollack im Ausdruck ihres „Erstaunens“ über den Grad der Veränderung, den die Stadt Wien an den tschechischen Namen vorgenommen hätte: Von da [der falschen Aussprache– A.K.] ist es dann nur mehr ein Schritt zur Eindeutschung. […] Als erstes verschwinden die diakritischen Zeichen, die uns die richtige Betonung und Aussprache erleichtern könnten, vor allem der Haček [sic!], das kleine tschechische Häkchen. Aber dieser Verlust, und das kränkt uns am meisten, wird nur in den wenigsten Fällen als schmerzlich empfunden, im Gegenteil, oft legen die Namensträger selbst Hand an und lassen die verräterischen Häkchen und Strichlein schamhaft verschwinden. Nur weil sie verraten, daß ihr Besitzer aus Brno […] stammt. Und das gilt eindeutig als Makel in dieser Stadt […]. (Pollak 1985: 13) generation verwendet wurde. Väterlicherseits stammte er aus einer Unternehmerfamilie aus DeutschBrod (Havlíčkův Brod). Sein Onkel war Vojtěch Weidenhoffer (1826–1901), der für die Alttschechen im Böhmischen Landtag saß. 12 Der Vater von Friedensreich Hundertwasser war als Ernst Franz August Stowasser 1894 in Wien 5 geboren worden. Sein Großvater, der Porzellanmaler Wenz(e)l Stowasser stammte aus Zettnitz (Sedlec uKarlových Var), wo er 1868 als Sohn eines Grundbesitzers namens Anton Stowasser geboren worden war (Taufbuch Wien 05., St. Josef zu Margarethen und Taufbuch Zettlitz). Beim Familiennamen Stowasser handelt es sich um einen für diese Region, das Egerland typischen (Fischer 1956). 21AGNES KIM Auch hier findet sich die von Neumann (1972) geäußerte Vermutung, die Ausspracheschwierigkeiten der deutschsprachigen Mehrheitsgesellschaft seien die treibenden Kräfte der (graphematischen) Adaption. Zusätzlich wird aber auch gesellschaftlicher Assimilationsdruck, der einen „fremden“ Namen zu einem Makel werden lässt, angesprochen. Abschließend sei anhand eines Ausschnitts aus einem im Rahmen des SFB „Deutsch in Österreich. Variation– Kontakt– Perzeption“ (Budinetal. 2019) erhobenen Interview gezeigt, dass der „Telefonbuch“-Topos gemeinsam mit der Verknüpfung Etymologie und Herkunft bzw. Adaption und Assimilation auch in alltägliche Argumentationsmuster Einzug gehalten hat. Eine aus dem Burgenland stammende Gewährsperson antwortet auf die Frage nach eventuellen Spuren, die der Kontakt mit anderen Sprachen in deutschen Varietäten Österreichs hinterlassen habe, 13 wie folgt: ja durch die vielen Kronländer, was die Monarchie gehabt hat, hat man ja in Wien braucht man nur die die Namen anschauen, das Telefonbuch, wie ich auf Wien kommen bin ein Wahnsinn, die ganzen böhmischen und tschechischen Namen, also auch ungarische Namen, also da war ich da hast ja so dicke Telefonbücher früher gehabt, und durch da in Wien hast es am besten gemerkt. […] also das musst einmal lernen aussprechen.14 Vor dem Hintergrund dieser Ausführungen will der vorliegende Artikel in mehreren sozioonomastischen (Teil-)Studien die Rolle von Etymologie und Graphematik in der gegenwärtigen Wahrnehmung tschechischer Familiennamen in Wien bzw. die Validität ihrer Verknüpfung mit (historischer) Herkunft und Assimilation beleuchten. Zur Kontextualisierung werden zunächst knapp bisherige, über das konkrete Untersuchungsgebiet des Artikels hinausgehende Ergebnisse der Sozioonomastik dargestellt, wobei besonderer Wert auf solche gelegt wird, die im Sinne der Einstellungsforschung und Perzeptionslinguistik interpretiert werden können. Dieses attitudinal -perzeptive Paradigma der Soziolinguistik modelliert sprachliche Phänomene aus der Sicht der Sprechenden/Hörenden und ermöglicht somit, Sprache bzw. im vorliegenden Fall (Familien-)Namen als makro -soziale Phänomene zu beschreiben und ihre soziale Bedeutung herauszuarbeiten (Soukup 2015: 75f.). 3. BISHERIGE FORSCHUNGSERGEBNISSE DER SOZIOONOMASTIK In der Sozioonomastik, die sich Anthroponymen, also Personennamen, d.h. Vorund Familiennamen, als Einstellungsobjekten widmet, überschneiden sich sozialpsychologische und soziolinguistische Fragestellungen. Ein großer Teil der Studien bezieht sich auf Vornamen und wurde primär im anglophonen, teilweise auch im deutschsprachigen Raum erbracht (Lawson 1996: 1746; Werlen 1996). Grundsätzlich gehen 13 Die Details der Erhebung werden in Koppensteiner/Lenz (2017) und Koppensteiner/Kim (2020) beschrieben, wobei letztere bestimmte Aspekte der Fragestellungen zum historischen Sprachkontakt in Österreich auswerten. Weitere Analysen sind noch ausständig. 14 Das Zitat stammt von einer über 65-jährigen, weiblichen Gewährsperson aus Neckenmarkt im Burgenland, auf die im Kontext von Publikationen, die mit dem in Koppensteiner/Lenz (2017) beschriebenen Korpus arbeiten, mit der ID 0215 verwiesen wird. Zum Publikationszeitpunkt sind die Daten noch nicht öffentlich zugänglich. Die Transkription der Interviews erfolgte standardorthographisch und nicht nach gesprächsanalytischen Konventionen. 28 BRÜCKEN 28/2 Abb. 4 zeigt die geographische Distribution der im Jahr 1965 fünf häufigsten tschechischen Familiennamen in Wien (nach Neumann 1972, siehe Tab.1) in der Tschechischen Republik im Jahr 2017, wie sie– basierend auf den offiziellen Meldungen des Tschechischen Statistischen Amts (Český statistický úřad)– über das Portal kdejsme. cz abrufbar sind. Dabei wurden ausschließlich die maskulinen Formen der Namen abgefragt und in der Karte jeweils nur die aktuellen Gemeinden mit erweiterter Zuständigkeit (obce srozšířenou působností) grau markiert, in denen der jeweilige Name häufiger vorkommt als im Landesschnitt.21 Das sich ergebende Kartenbild bestätigt trotz der zeitlichen Distanz zwischen dem Höhepunkt der Migration aus Böhmen und Mähren nach Wien und der aktuellen geographischen Distribution die Erkenntnisse der Geschichtswissenschaften, die auf die besondere Bedeutung Südmährens und– in einem geringeren Grad– Südböhmens als Herkunftsgebiete hinweisen. Gebiete, in denen vier der abgefragten Familiennamen häufiger als im Landesdurchschnitt auftreten, liegen um Teltsch (Telč), solche in denen drei häufiger vorkommen, im westlichen Teil von Südmähren sowie rund um Iglau (Jihlava). Die Gebiete Südmährens rund um Nikolsburg (Mikulov), die im Vergleich zum Westen tendenziell homogener deutschsprachig waren (Kim 2018), sind in Abb. 4 kaum repräsentiert, was u.a. mit der Vertreibung der Deutschen bzw. der Umsiedlungspolitik der ČSSR danach zusammenhängen mag. Aussagekraft gewinnen die in diesem Teilkapitel präsentierten Schlaglichter natürlich nur vor dem Hintergrund größer angelegter, teilweise noch durchzuführender Studien. Sie zeigen jedoch, dass die etymologisch tschechischen Familiennamen Wiens durchaus einen Zugang zur Migrationsgeschichte und insbesondere zu den Herkunftsgebieten sowie– in einem weiteren Schritt, der die Herkunftsgebiete kleinräumig aufarbeiten sollte– zur sozialen Herkunft der Migrantinnen und Migranten ermöglichen. 4.3. ZUR WAHRNEHMUNG VON TSCHECHISCHEN FAMILIENNAMEN IM JAHR 2019 Die Daten für die dritte Teilstudie wurden in einer im Rahmen von Kim (2020b) detailliert beschriebenen Studie zu kognitiven und konativen Komponenten von Einstellungen zu tschechischen Familiennamen in Wien erhoben. Sie ermöglichen, die Rolle von Etymologie und Graphematik in gegenwärtigen Einstellungen zu tschechischen Familiennamen in Wien abzuschätzen. Die Daten stammen aus einer Studie, die eruieren sollte, ob tschechische Familiennamen gegenwärtig noch als fremd wahrgenommen werden (Kim 2020b). Zu diesem Zweck sollten Informantinnen und Informanten die in Tab.2 abgebildeten Familiennamen mit tschechischer und deutscher Etymologie in verschiedenen graphematischen Varianten im Hinblick auf zwei Aspekte von „wahrgenommener Fremdheit“, nämlich ihre Häufigkeit22 und die 21 Die landesweiten Schnitte lagen für Novák bei 1 von 316, d.h. eine von 316 (männlichen) Personen trug im Jahr 2017 diesen Nachnamen, für Svoboda bei 1 zu 424, für Dvořák bei 1 zu 481, für Novotný bei 1 zu 441 und für Procházka bei 1 zu 671. 22 Die Teilnehmenden sollten die folgende Aussage auf einer Skala von 1 („stimme gar nicht zu“) bis 7 („stimme völlig zu“ beurteilen: „Diesen Familiennamen nehme ich in meinem Alltag (in seiner geschriebenen Form) häufig wahr.“ 29AGNES KIM „Deutschheit“23 auf einer siebenstufigen Likert -Skala beurteilen. Ziel war es, das Zusammenspiel von Etymologie und graphematischer Wiedergabe und ihre Bedeutung für den Aufruf von namensbasierten, mit ethnischer Zugehörigkeit verknüpften Stereotypen genauer beschreiben zu können. Die Studie wurde als Onlinefragebogen unter Zuhilfenahme von SoSci -Survey realisiert. An ihr nahmen insgesamt 51 Personen mit Deutsch als (eine ihrer) Erstsprache(n) teil, die entweder in Wien lebten, arbeiteten oder studierten (65%), dies in der Vergangenheit getan hatten (14%) oder im östlichen Niederösterreich lebten und arbeiteten (21%). 24 Die statistischen Auswertungen erfolgten mit SPSS v25, wobei hier nur die Ergebnisse der non -parametrischen Mann -Whitney -U-Tests25 sowie die mit Hilfe von Lenhard/Lenhard (2016) berechnete Effektstärke d nach Cohen (1992)26 berichtet werden. Graphematik tschechisch tschechisch ohne Diakritika deutsch Etymologie tschechisch Dvořák Dvorak Dworschak Doležal Dolezal Doleschal Procházka Prochazka Prohaska Sedláček Sedlacek Sedlatschek Novotný Novotny Nowotny Beneš Benes Benesch deutsch Švárc Svarc Schwarz Cimrman Zimmermann Vintr Winter Fišer Fiser Fischer Meier Meyer (Testitem) Tab.2: Im Rahmen von Teilstudie 3 abgefragte Familiennamen nach Etymologie und Schreibung Wie in Kim (2020b) detaillierter ausgeführt und Tab.3 entnehmbar, zeigte sich bezüglich des ersten Aspekts von „wahrgenommener Fremdheit“ – nämlich der wahrgenommenen Häufigkeit – über alle Items und ihre Zustimmungswerte zur 23 Zu beurteilen war die Aussage: „Dieser Familienname ist aus meiner Sicht ein deutscher Name.“ Dabei wurde das Adjektiv „deutsch“ im glottonymischen Sinn verwendet. 24 Nähere Informationen zu den soziodemographischen Hintergründen der Teilnehmenden finden sich in Kim (2020b). 25 Die Signifikanz der Tests wird bei der Prüfgröße Uwie folgt angegeben: * (p ≤ 0,05, d.h. die Irrtumswahrscheinlichkeit liegt bei 5%), ** (p ≤ 0,01), *** (p ≤ 0,001), n.s. (nicht signifikant). 26 Um die Rezeption zu erleichtern, wird nach der Kennzahl d in eckigen Klammern angegeben, ob es sich um einen großen [g] (d≥0,8), mittleren [m] (0,5≥d<0,8), kleinen [kl] (0,2≥d<0,5) oder gar keinen [k] Effekt (d< 0,2) handelt. 30 BRÜCKEN 28/2 entsprechenden Aussage hinweg kein signifikanter Effekt der Etymologie. Für die Graphematik hingegen zeigten sich signifikante Differenzen mit (statistisch) großem Effekt in den Zustimmungswerten zwischen den in den beiden tschechischen Varianten und in der deutschen Variante präsentierten Items. Bezüglich der Zustimmungswerte zur den zweiten Aspekt– die wahrgenommene „Deutschheit“– betreffenden Aussage ergeben sich sowohl ein mittlerer Effekt der Etymologie als auch Effekte für die verschiedenen graphematischen Varianten, wobei sich die beiden graphematisch tschechischen Varianten voneinander nur mit kleinem Effekt unterscheiden, ihre Differenzen zur deutschen Schreibung jedoch jeweils groß sind. tschechische Etymologie deutsche Etymologie Wahrgenommene Häufigkeit –Etymologie n=918, x =3,07 n=561, x =3,44 Differenztest U=248718,5, n.s. Wahrgenommene „Deutschheit“ –Etymologie n=918, x =2,39 n=561, x =3,99 Differenztest U=176893,0***, d=0,545 [m] tschechische Schreibung mit Diakritika (č.) tschechische Schreibung ohne Diakritika (c.) deutsche Schreibung (dt.) Wahrgenommene Häufigkeit– Graphematik n=408, x =1,42 n=510, x =1,64 n=561, x =2,14 Differenztests č. U=97973,5, n.s. U=49799,0***, d=1,103 [g] c. U=70341,0***, d=0,979 [g] Wahrgenommene „Deutschheit“– Graphematik n=408, x =1,79 n=510, x =2,15 n=561, x =4,65 Differenztests č. U=88851,0***, d=0,253 [kl] U=36893,0***, d=1,421 [g] c. U=56968,0***, d=1,219 [kl] Tab.3: Zustimmungswerte nach Fragestellungen für Etymologie und graphemati‑ sche Varianten getrennt der Familiennamen (deskriptive Statistik: n=Anzahl der Zustimmungswerte, x =Durchschnittswert; Ergebnisse der Tests auf Differenz: Mann ‑Whitney ‑U‑Tests) Abb. 5 sowie die statistischen Kennwerte in Tab.4 veranschaulichen jedoch, dass sich die Interaktion von Etymologie und Verschriftung in Bezug auf beide Aspekte von wahrgenommener Fremdheit als deutlich aussagekräftiger erweist. Hinsichtlich der wahrgenommenen Häufigkeit ergeben sich für Namen mit tschechischer Etymologie statistisch signifikante Differenzen zwischen der Variante mit diakriti - 31AGNES KIM schen Zeichen und den beiden Varianten ohne diakritische Zeichen. Bei Namen mit deutscher Etymologie finden sich die statistisch signifikanten Differenzen hingegen zwischen den Varianten nach tschechischer Graphematik (mit und ohne Diakritika) und der Variante nach deutschen graphematischen Konventionen. Bezüglich der wahrgenommenen „Deutschheit“ zeigen sich bei Namen mit tschechischer Etymologie signifikante Differenzen in den Zustimmungswerten zur entsprechenden Aussage zwischen allen graphematischen Varianten, wobei der Effekt zwischen der tschechischen diakritischen und der deutschen Variante mittel, bei den anderen Konstellationen jedoch klein ist. Für Namen mit deutscher Etymologie wiederholt sich das Bild der wahrgenommenen Häufigkeit mit dem Unterschied, dass auch die Zustimmungswerte der beiden tschechisch geschriebenen Varianten signifikant different mit kleinem Effekt sind. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Etymologie und Verschriftung v.a. in Interaktion die wahrgenommene Fremdheit von Namen beeinflussen. Für sich genommen zeigt jedoch die Schreibung stärkere Effekte. Abb. 5: Zustimmungswerte nach Etymologie und graphematischer Variante der Familiennamen tschechische Schreibung mit Diakritika (č.) tschechische Schreibung ohne Diakritika (c.) deutsche Schreibung (dt.) Wahrgenommene Häufigkeit– Tschechische Etymologie n=306, x =2,58 n=306, x =3,19 n=306, x =3,42 Differenztests č. U=37142,5***, d=0,364 [kl] U=35527,5***, d=0,427 [kl] c. U=44099,0, n.s. 32 BRÜCKEN 28/2 Wahrgenommene Häufigkeit– Deutsche Etymologie n=102, x =1,46 n=204, x =1,54 n=255, x =5,75 Differenztests č. U=10289,0, n.s. U=798,5***, d=2,158 [g] c. U=1893,0***, d=2,641 [g] Wahrgenommene „Deutschheit“– Tschechische Etymologie n=306, x =1,87 n=306, x =2,32 n=306, x =2,99 Differenztests č. U=38142,5***, d=0,325 [kl] U=28637,5***, d=0,714 [m] c. U= 36200,0***, d=0,400 [kl] Wahrgenommene „Deutschheit“– Deutsche Etymologie n=102, x =1,58 n=204, x =1,89 n=255, x =6,65 Differenztests č. U=8982,0*, d=0,224 [kl] U=64,0***, d=2,473 [g] c. U=385,5***, d=3,186 [g] Tab.4: Zustimmungswerte nach Etymologie der Familiennamen für Fragestellun‑ gen und graphematische Varianten getrennt (deskriptive Statistik: n=Anzahl der Zustimmungswerte, x =Durchschnittswert; Ergebnisse der Tests auf Differenz: Mann ‑Whitney ‑U‑Tests) Im vorliegenden Kontext lohnt ein Blick auf die einzelnen zu beurteilenden Familiennamen mit tschechischer Etymologie. Die Unterschiede in den Zustimmungswerten zwischen den einzelnen Familiennamen in allen graphematischen Varianten bzw. der Vergleich zwischen den graphematischen Varianten eines Familiennamens werden in Abb. 6 dargestellt. Diese zeigt auf den ersten Blick, dass sämtliche tschechische Familiennamen– die drei graphematischen Varianten jeweils zusammengenommen– sehr niedrige mittlere Zustimmungswerte zwischen 2,21 (Dvořák–Dvorak–Dworschak) und 2,67 (Procházka–Prochazka–Prohaska) in Bezug auf die wahrgenommene „Deutschheit“ erhalten. Nur der Name mit den höchsten Zustimmungswerten (Procházka–Prochazka–Prohaska) unterscheidet sich signifikant von den drei mit den niedrigsten Zustimmungswerten. Daraus kann geschlossen werden, dass tschechische Familiennamen unabhängig von ihrer Schreibung als „fremd“ im Sinne von nicht -deutsch identifiziert werden. Mit einer Ausnahme (Novotný–Novotny–Nowotny) zeigen sich auch bei allen Namen dieselben Effekte der graphematischen Varianten. Jene in tschechischer Schreibung mit Diakritika erhalten die niedrigsten mittleren Zustimmungswerte, jene in deutscher Schreibung die höchsten, wobei sich in allen Fällen sämtliche Varianten signifikant voneinander unterscheiden. Nur die beiden Varianten Novotný und Novotny werden nicht signifikant different beurteilt. In Bezug auf die wahrgenommene Häufigkeit zeigen sich deutlichere Differenzen zwischen den Familiennamen. Procházka–Prochazka–Prohaska und Novotný–Novotny–Nowotny werden mit einer mittleren Zustimmung von 3,59 bzw. 3,42 von den Teilnehmenden der Umfrage signifikant häufiger wahrgenommen als vier bzw. 33AGNES KIM zwei der anderen Namen, Beneš–Benes–Benesch mit einer mittleren Zustimmung von nur 2,48 signifikant seltener als vier andere. Ein graphematischer Effekt ist nicht so deutlich ausmachbar wie bezüglich der wahrgenommenen „Deutschheit“. Zwar wird die tschechische Variante mit Diakritika tendenziell bei allen Namen am seltensten wahrgenommen, doch sind die Differenzen zur tschechischen Variante ohne Diakritika oder gar zur deutschen Variante nicht in allen Fällen signifikant. Ansonsten können zwei Gruppen identifiziert werden, nämlich jene Familiennamen, deren graphematisch deutsche Varianten die höchsten Zustimmungswerte erhalten (Beneš–Benes–Benesch, Novotný–Novotny–Nowotny, Procházka–Prochazka–Prohaska) sowie diejenigen, bei denen dies für die tschechische Variante ohne Diakritika der Fall ist (Doležal–Dolezal–Doleschal, Dvořák–Dvorak–Dworschak, Sedláček–Sedlacek– Sedlatschek). Um diese attitudinalen Befunde exemplarisch einer korpuslinguistischen Validierung zu unterziehen, wurden die für den Zeitraum 2002–2019 im Deutschen Referenzkorpus (DeReKo-2020-I) verfügbaren Ausgaben von zwei in Wien herausgegebenen österreichischen Tageszeitungen (Krone und Standard) nach den in der Fragebogenerhebung abgefragten Varianten tschechischer Familiennamen durchsucht. Wie Abb. 7 zeigt, stimmt die wahrgenommene Häufigkeit zwar nicht bezüglich der tatsächlichen Verwendungsfrequenz der Familiennamen überein, jedoch mit der relativen Häufigkeit der graphematischen Varianten eines Namens. Bei Doležal–Dolezal–Doleschal, Dvořák–Dvorak–Dworschak und Sedláček–Sedlacek–Sedlatschek wird die Variante in tschechischer Graphie ohne Diakritika in diesen beiden Tageszeitungen am häufigsten verwendet, bei Beneš–Benes–Benesch, Novotný–Novotny–Nowotny und Procházka–Prochazka–Prohaska hingegen die in deutscher. Die Häufigkeit einer Variante wird dabei oft von der Berichterstattung über bestimmte prominente Namensträgerinnen und Abb. 6: Zustimmungswerte zu den einzelnen Familiennamen tschechischer Etymo‑ logie 34 BRÜCKEN 28/2 -träger bestimmt, wie z.B. den österreichischen Fußballer Herbert Prohaska oder den ehemaligen Gouverneur der österreichischen Nationalbank Ewald Nowotny. Die Ergebnisse dieser Studie zeigen einerseits, dass auch 2019 in Wien und dem östlichen Niederösterreich tschechische Familiennamen auf Grund ihrer Etymologie als nicht -deutsch, also als „fremd“ erkannt werden. Die graphematische Präsentation bzw. die Adaption von etymologisch tschechischen Familiennamen an deutsche graphematische Konventionen führt dabei dazu, dass Namen als „deutscher“ wahrgenommen werden. Andererseits hatte die (tschechische) Etymologie keine Auswirkung auf die wahrgenommene Häufigkeit. Ihre graphematische Präsentation hingegen zeigt Effekte, wobei diese in engem Zusammenhang mit der tatsächlichen Gebrauchshäufigkeit dieser Varianten in den Medien stehen dürften, welche natürlich wiederum von der Medienpräsenz bestimmter Namensträgerinnen und -träger bestimmt wird. Die graphematisch tschechische Variante mit Diakritika wird über alle Namen hinweg als die am seltensten vorkommende wahrgenommen, bei den anderen kommt es zu namensspezifischen Mustern. 5. ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK Die etymologische Heterogenität der Familiennamen im Wiener Telefonbuch und v.a. der hohe Anteil solcher mit tschechischer Etymologie ist ein zentraler Topos im Mythos der Habsburgermonarchie und seiner Hauptstadt Wien als (kultureller und sprachlicher) Schmelztiegel. Der vorliegende Artikel hat mit diesen Namen einhergehende Namensstereotype in den Blick genommen und dabei v.a. untersucht, welche Bedeutung ihre Etymologie und Schreibung im Hinblick auf die Wahrnehmung der Familiennamen sowie ihrer Trägerinnen und Träger entwickeln. Insbesondere wurde die Verknüpfung der Etymologie eines Namens und der ethnischen Herkunft bzw. Zugehörigkeit von Personen sowie jene von Graphematik und Assimilation der Namensträgerinnen und -träger an bzw. ihre Integration in die Mehrheitsgesellschaft in drei Teilstudien fokussiert, die tschechische Familiennamen betrafen, die (auch) in Wien vorkommen. Abb. 7: Absolute Häufigkeit von Familiennamen tschechischer Etymologie in ver‑ schiedenen graphematischen Varianten in österreichischen Tageszeitungen (Krone, Standard aus dem DeReKo‑2020‑I) 2002–2019 35AGNES KIM Aus historischer Perspektive zeigte sich dabei, dass im tschechisch -deutschen Kon - text die Etymologie eines Familiennamens kein hinreichender Indikator für die ethnische, sprachliche oder nationale Zugehörigkeit seiner Trägerin bzw. seines Trägers war. Auch die Adaption eines Namens an das jeweils andere graphematische System war Usus, der keinen Normen folgte und daher nicht als Indikator für die sprachliche oder gesellschaftliche Integration herangezogen werden kann. Allerdings legen erste Ergebnisse nahe, dass die Etymologie von Familiennamen ein regionsspezifischer Hinweis auf die soziale Zugehörigkeit einer Person sein kann: In der untersuchten Datenquelle, Klassenbüchern aus einer südmährischen Volksschule und damit aus jenem Gebiet, aus dem viele der Migrantinnen und Migranten nach Wien stammten, war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Individuum mit etymologisch tschechischem Familiennamen mit höherer Wahrscheinlichkeit Angehöriger der mobilen, ländlichen Unterschicht als eines mit etymologisch deutschem Namen. Außerdem kann ein bestimmter Name auf die regionale Herkunft von Personen hindeuten. So sind die nach Neumann (1972) fünf häufigsten tschechischen Familiennamen in Wien heute (2017) in Südmähren und Südböhmen stärker verbreitet als im tschechischen Landesdurchschnitt. Somit spiegelt sich die regionale Herkunft der Wiener Tschechinnen und Tschechen in ihren Familiennamen. Um den „Telefonbuch“-Topos aus gegenwärtiger, attitudinaler Perspektive zu beleuchten, wurde im Jahr 2019 eine Fragebogenerhebung durchgeführt, deren Ergebnisse nahelegen, dass Familiennamen mit tschechischer Etymologie nach wie vor als nicht -deutsch wahrgenommen und demnach als fremd erkannt werden. Die Schreibung der Namen, also ihre Integration in das deutsche graphematische System oder auch nur die Tilgung der diakritischen Zeichen hat auf diese Wahrnehmung dahingehende Effekte, dass deutsch geschriebene Varianten als „deutscher“ beurteilt werden. Dies ist unabhängig davon, ob die graphematisch deutsche Variante häufiger wahrgenommen wird als die graphematisch tschechische (ohne Diakritika) und tritt noch deutlicher bei an die tschechischen Verschriftungskonventionen angepassten etymologisch deutschen Familiennamen zu Tage. In Bezug auf die wahrgenommene Häufigkeit von bestimmten graphematischen Varianten von etymologisch tschechischen Familiennamen ist auffällig, dass sich diese mit der tatsächlichen Frequenz in österreichischen Printmedien deckt. Die Ergebnisse der hier präsentierten empirischen Teilstudien können die Grundlage für weiterführende (historische) sozioonomastische Untersuchungen bilden. Von besonderem Interesse wäre hierbei, zu beleuchten, welche (sozialen) Implikationen die Adaption eines tschechischen Familiennamens an die deutschen graphematischen Konventionen im Laufe des 19. Jahrhunderts hatte. Für sich stehend konnte dieser Artikel insbesondere aufzeigen, dass sowohl die tschechische Etymologie als auch die tschechische Schreibung von (auch) in Wien vorkommenden Familiennamen nach wie vor in Bezug auf die Wahrnehmung dieser Namen zusammenwirken, es jedoch nicht zulässig ist, sie in historischen Untersuchungen als ausschließliche Indikatoren für die sprachliche, ethnische oder nationale Herkunft oder das entsprechende Selbstbekenntnis der Trägerinnen und Träger heranzuziehen. 36 BRÜCKEN 28/2 QUELLEN ARCHIVALIEN Matriken Napajedla (1843–1874), Sig. Napajedla 4431 (Moravský zemský archiv Brno, actapublica, http://actapublica.eu/). Obecná škola (německá) Zálesí [(Deutsche) Volksschule Zálesí], č.864, Zá/OŠ -I, 29 (SOkA Znojmo). Taufbuch der Pfarre Wien 05., St. Josef zu Margarethen (1894), Sig. 01-072 (Archiv d. Rk. Erzdiözese Wien, Matricula Online, https://data.matricula -online.eu/de/). Taufbuch der Pfarre Wien 08., Alservorstadtpfarre (1860–1861), Sig. 01-29 (Archiv d. Rk. 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