Un e gangsängs e und Übe emdungsphobien.
Zum ölkischen Denks il in de langen
Jah hunde wende
Uwe Puschne – F eie Uni e si ä Be lin
ABSTRACT
Fea s o doom and phobias o o eign in il a ion. On he ölkisch s yle o hinking
in he long u n o he cen u y
The ölkisch mo emen is one o he signa u es o he Wilhelmine Empi e and he Weima
Republic. I s ounda ion is agenuine acial ideology, which pe mea es all ideologems o
he Wel anschauung („ideology“) and hus ölkisch hinking. Wi h hei acial dogma, he
Völkisch hough hey could explain he pas and p esen and shape he u u e. Abo e all,
he p esen , cha ac e ised by dynamic poli ical, economic, social and cul u al uphea als
and c ises, was in e p e ed by he a chi ec s o he Wel anschauung and hei suppo e s
as a ime o undamen al h ea , especially o hei own, os ensibly supe io ace. The e
was alk o uin and „ acial s uggle“. The ‘o he s’, namely Sla s and Jews, who had been
decla ed aces, we e held esponsible. Toge he wi h o he „ aces“ decla ed o be enemies,
hey we e a ge s o he ölkisch Wel anschauungskamp („ideological s uggle“). In hou‑
sands o books, pamphle s and a icles, Völkische o mula ed acis enemy images and
an i ‑human ca alogues o measu es, in il a ed Ge man socie y and s i ed up agg ession
and ha ed agains pe cei ed in e nal and ex e nal enemies. And no leas , hey p o ided
Na ional Socialism wi h he ideological ools and p epa ed he g ound o i .
KEYWORDS
assism; an i ‑sla ism; an i ‑semi ism; ölkisch ideology
„Gleichwohl muss ich Ihnen ges ehen, dass ich, nachdem ich Sie [i.e. den Essai su
l’inégali é des aces humaines] gelesen habe […], au meine Ablehnung diese Leh‑
en beha e. Ich hal e sie ü höchs wah scheinlich alsch und gewiss e de blich.
[…] Sehen Sie nich , dass aus Ih e Leh e na u gemäß alle Übel he o gehen, die
nich übe windba e Ungleichhei he o b ing , Hochmu , Gewal , Ve ach ung des
Mi menschen, Ty annei und Niede ach in jede Fo m?“ (Alexis de Tocque ille
an A hu de Gobineau, 17. No embe 1853; Tocque ille 1959: 202 .)1
1 Abged uck auch in: Schemann (1908, 190–197); die Tex passagen lau en im anzösischen O iginal:
„O , je ous con esse qu’ap ès ous a oi lu [aussi bien qu’a an ], je es e placé à l’ex émi é opposée
de ces doc ines. Je le c oix ès aisemblablemen ausses e ès ce ainemen pe nicieuses. […] Ne
oyez ‑ ous pas que de o e doc ine so en na u ellemen ous les maux que l’inégali é pe manen e
en an e, l’o gueil, la iolence, le mép is du semblable, la y annie e l’abjec ion sous ou es ses o ms?“
Siehe in diesem Zusammenhang auch Campagna/K ause/Hidalgo (2021: 73 .).
18 BRÜCKEN 29/1
Es is eine de wenigen Fälle, bei dem sich ölkische Ideologiep oduzen en, kon‑
ku ie ende Füh ungspe sönlichkei en und de en Anhänge scha einig wa en. Sie
lehn en den Libe alismus ehemen ab und sag en ihm den Kamp an. Max Robe
Ge s enhaue (1873–1940) zu olge, einem de ein luss eichs en A chi ek en on öl‑
kische Wel anschauung und Bewegung, is nämlich
die wel bü ge lich ‑libe ale Anschauung on den Zielen de Menschhei , die ‚Hu‑
mani ä sidee‘, die sich ganz heo e isch und willkü lich eine Schablone des allge‑
meinen Menschen ums zu ech gemach ha und bloß du ch E ziehung und un e
Ve wischung alle na ü lichen Un e schiede die Menschhei jenem e mein lichen
Ziele zu üh en will, […] alsch. (Ge s enhaue 1920: 16)2
Ge s enhaue be ie sich dabei au Paul de Laga de (1827–1891), de neben Hous on
S ewa Chambe lain (1855–1927) maßgeblichen Re e enz ü das ölkische Denken.
Wäh end Chambe lain die zei genössische „Humani ä sduselei“ anp ange e (Cham‑
be lain 1904: 324),3 o mulie e Laga de 1884 seine ü die Völkischen handlungslei‑
enden Fo de ungen:
Mi de Humani ä müssen wi b echen: denn nich das allen Menschen gemeinsa‑
me is unse e eigens e P lich , sonde n das nu uns Eignende is es. Die Humani ä
is unse e Schuld, die Indi iduali ä unse e Au gabe. (Laga de 1934: 423)4
Die Völkischen olg en Laga de, wenn de alldeu sche Meinungs üh e Hein ich Claß
(1868–1953) „[d]ie sog. ‚Humani ä ‘“ bis zu „poli isch[en], si lich[en], gesundhei ‑
lich[en] und kul u ell[en]“ Regene a ion de „deu schen Rasse“ ausgese z wissen
woll e (F ymann [d.i. Claß] 1912: 105).5 Es müsse g undsä zlich– wie de e ange‑
lische P a e und Dozen am Leipzige Missionssemina Hans Ho e (1887–1966)
den Völkischen 1933 ins S ammbuch o mulie e– de ölkischen Bewegung um des
„ ollen Siege[s]“ willen in diese „Zei enwende“, in de die „Zei de Au klä ung mi
ih en Idealen on F eihei , Gleichhei , Demok a ie, mi ih em Ra ionalismus, ih e
Menschhei s e b üde ung, ih e Übe schä zung on Wissenscha , Technik, Wi ‑
scha , Wel handel […] im Ve sinken“ sei, da um zu un sein, „eine Übe windung des
Humanismus [zu] wollen“ (Ho e 1934: 456–477).6
Dem ölkischen Denks il is mi dem An ihumanismus „ein Sys em on A gumen‑
en“ eingesch ieben, das im Anschluss an Hube Canciks de ini o ische Annähe ung
den We de Humanisie ung im P ozess de Zi ilisa ion bes ei e und bekämp .
Es be on die wesen liche, unübe windliche Ungleichhei de Menschen, bes imm
2 Zu Ge s enhaue siehe Esche (2015: 37–53 u. 2017: 79–87).
3 Mi de ölkischen Rezep ion on Chambe lain be assen sich Puschne (2001), Lobens ein ‑Reichmann
(2008: 43–57 u. passim; zu „Dehumanisie ung“ S. 505–512 und 632–638) und F i z (2022: 335–345 und
361–367).
4 Zu de Laga de siehe Paul (1996: 74–89), Paul (2018: 102–111), Paul (2020) sowie Sieg (2007).
5 Zu Claß, seinem An isemi ismus u. dem Buch siehe Leich (2012b: 151–164 u. passim).
6 Au eine g undsä zlich k i ische Hal ung Ho e s gegenübe de ölkischen Bewegung e weis Wall‑
mann (2017: 380 .).
19UWE PUSCHNER
Un e menschen, Unmenschen (o im Ve gleich mi unedlen Tie en: Ra en, Un‑
gezie e , Gewü m), sp ich ihnen die Wü de und Menschen ech e ab, legi imie
Gewal und He scha de ‚ o nehmen Rasse‘, de A ie übe die o a ische Be‑
ölke ung. (Cancik 2012: 140)7
De An ihumanismus e äh seine spezi ische Ausp ägung in olge des ölkischen
Rassenpa adigmas, dem Fundamen de Wel anschauung (Puschne 2001: 15–17).
8
Fü
den Na ionalökonomen Oska S illich (1872–1945), dem zei genössisch bes en Kenne
und scha en Analy ike de ebenso ielges al igen wie agmen ie en ölkischen
Bewegung, de en massenha e Publizis ik und de on konku ie enden Übe zeu‑
gungen gekennzeichne en Wel anschauung,
is de Rassegedanke das e bindende Glied, das o z manche lei Di e enzen und
Un e schieden eine gewisse Einhei lichkei he s ell , weil sich alle danach o ien‑
ie en. Obgleich es kaum einen Beg i gib , de wenige e o sch und meh de
Tummelpla z des g öss en Dile an ismus [is …], bilde e doch den Ki , de alle
V[ölkischen] zusammen häl […]. In de [ölkischen] Li e a u is das Wo ‚Rasse‘
de Schlüssel ü alles.9
RASSISMUS
Das ölkische Rassekonzep beweg sich „zwischen biologis ischen und spi i ualis i‑
schen Au assungen“ (B eue 2008: 46), wobei die biologis ische Va ian e dominan is .
Mi ih em– biologis isch und kul u alis isch, mi un e auch eso e isch beg ünde en–
Rassendogma, dem säm liche Ideologeme un e liegen, e mein en die Völkischen,
Ve gangenhei und Gegenwa e klä en und die Zukun ges al en zu können (Köck
2015). Das Blu ‑ und Boden ‑Ideologem behaup e e die Einhei on Rasse und Raum
und eine on de „Na u “ o gegebene kö pe liche, geis ige, seelische und men ale
P ägung on Rasseindi iduum und Rassekollek i . Das Ge manenideologem, das
au übe kommene na ionale Denk igu en des 19. Jah hunde s zu ückg i und eine
o geblich his o isch ‑an h opologische wie o allem biologische Abs ammungsge‑
meinscha zwischen (Indo‑)Ge manen und Deu schen pos ulie e (Wiwjo a 2006;
Puschne 2020b), beg ünde e das ölkische Supe io i ä s‑ und P ädes ina ionspa a‑
digma und legi imie e dami impe iale He scha sansp üche und die E obe ung
neuen Lebens aums. Rasse, Raum, Abs ammung, un e maue on sozialda winis‑
ischen und assenhygienischen Theo emen (B eue 2008: 112–126; Puschne 2014a),
wa en Rich schnu eine sei s ü das Inklusionsdenken sowie ü die massi en (na‑
men lich gegen Juden und Slawen ge ich e en) Exklusions o de ungen. Sie gaben im
ölkischen Denken ande e sei s die S uk u en, No men und We e ü S aa , Gesell‑
7 Zu Humanismusk i ik siehe auch Wol (2016).
8 Siehe demgegenübe B eue (2008: 10), wonach „die Völkischen o z alle Konzessionen an die Rassen‑
leh en in le z e Ins anz s e s Volk und Na ion den Vo zug gegeben haben“.
9 S illich, Oska , [Die Rassen age], A chi des Ins i u s ü Zei geschich e München ED 15/2. Das i el‑
lose Manusk ip wa als Bd. 5 on S illichs Deu sch ölkischen Ka echismus geplan und un e dem Ti el
Die Rassen age angekündig ; eine Edi ion is in Vo be ei ung. Siehe zu ihm Pie enkempe (2013) und
zu S illichs Deu sch ölkischem Ka echismus Puschne (2020a).
20 BRÜCKEN 29/1
scha , Geschlech e o dnung, Wi scha , Rech , E ziehung, Kul u e c. bis hin zum
Indi idual‑ und Kollek i kö pe und zu Religion o , eine sogenann en a eigenen,
in de Rasse angeleg en und de en „E scheinungs o m“ o gebenden Religion (S apel
1932).10 Die Spannb ei e de Religionsen wü e eich e on einem ‚a isie en‘, on sei‑
nen jüdischen G undlagen gelös en und mi hin en ch is lich en Deu schch is en um
bis hin zu Bes ebungen de E neue ung o ch is lichen, ‚ge manischen‘ Glaubens in
Ges al e schiedene pagane (‚neuheidnische ‘) Religionskonzep e (Puschne 2015).11
Die Fo mie ung de ölkischen Bewegung an de Wende zum 20. Jah hunde
ha e schiedene U sachen. Sie s eh zum einen in de Nach olge de on Mi e de
1890e Jah e an k iselnden an isemi ischen Bewegung, sie is zum ande en Aus luss
de Radikalisie ung des Na ionalismus. Sie is zum d i en insbesonde e das P oduk
jene „gä enden Übe gangszei en“, wie mi Adol Damaschke (1865–1935), dem Kop
de Boden e o mbewegung, die le z en d ei Jah zehn e o Ausb uch des E s en
Wel k iegs cha ak e isie we den können (Damaschke 1924: 244). Deu schland kam
in diese Zei in de Mode ne an. Die Indus ialisie ung ha e sich „sozioökonomisch
du chgese z “ (Peuke 1987: 11), mi ih wa en Indus ie‑ und Massengesellscha
en s anden. Bei Zei genossinnen und o allem Zei genossen üh e diese alle Le‑
bens‑ und Gesellscha sbe eiche e up i be üh ende Wandel zu eine ie si zenden
men alen K isenges imm hei , die du ch den Ausgang des E s en Wel k iegs und seine
Folgen neu en ach und e s ä k wu de. Sie e leb en die ‚lange Jah hunde wende‘
(Becke 2014: 9–12), das Halbjah hunde sei 1880, als eine singulä e Zei de – in den
Wo en des Na ionalökonomen und Soziologen We ne Somba (1863–1941)– „ o a‑
le[n] Umschich ung alle Daseins o m“, in de
alles […] in Fluß gekommen [is ]: Wi scha , Wissenscha , Kuns , Si e, Religion;
alle Vo s ellungen da on be inden sich in einem solchen Gäh ungsp ozesse, daß
wi schließlich zu dem Wahne ged äng we den, es gäbe Fes es übe haup nich
meh . (Somba 1896: 11)
Diese aus Unbehagen, Ängs en und O ien ie ungslosigkei esul ie ende, elemen a
emp undene Ve unsiche ung üh e zu ebenso „gewag e[n] Zukun sp ojek ionen wie
[…] skep isch ‑pessimis ische[n] Un e gangsp ophe ien“ (Ni schke/Ri e /Peuke /
om B uch 1990: 10). Bewegungen mi un e schiedlichen Anliegen e leb en in diesen
„en scheidenden Jah en [des Au b uchs in die Mode ne] zwischen 1880 und 1930“ (ebd.)
Hochkonjunk u .12 Ausgehend on in düs e en, pessimis ischen Szena ien un e leg en
Gegenwa sdeu ungen und zugleich on einem ü die Epoche ebenso cha ak e is‑
ischen un e b üchlichen Fo sch i sop imismus ge agen wiesen Kul u k i ike ,
Wel anschauungsagen en und (meh ode wenige ) „ ana ische P ophe en“ nich nu
al e na i e Wege in de Mode ne (Halke 2011: 208; gl. Linse 1983),
13
sonde n wie im
Fall de Völkischen in eine „ande e Mode ne“ (Rohk äme 1999).
10 Mi Wilhelm S apels Konzep ion be ass sich Vo de maye (2016: passim, bes. 23–26, 38–44, 45–59,
150–170).
11 Meye s (2012) s ell die Va ian en und Ak eu e ölkische Religion o .
12 Siehe hie zu Ke bs/Reulecke (1998), Buchholz/La ocha/Peckmann/Wolbe (2001) und Bollenbeck
(2007).
13 Zum Kon ex siehe auch Bollenbeck (2001: 203–207), K aus (2010), Loewens ein (2015: 334–354).
21UWE PUSCHNER
Die Völkischen bedien en sich aus dem zei genössischen Ideen undus und in e‑
g ie en un e schiedliche P og amma iken und Geschich s‑ und Zukun s isionen
ebenso in das wei äumige ölkische Wel anschauungsgebäude wie sie s e ig e ‑
nehmba e und e nommene in den iels immigen „kakophonen […] K isencho “
(G unewald/Puschne 2010: 3) eins imm en.14 Die Gegenwa e schien den Völkischen
nich nu als bed ohlich, sie mein en ielmeh , und po enzie du ch ih genuines Ras‑
sedenken, die Vo zeichen eine nich meh e nen– deu schen– Apokalypse e kennen
zu können (Vondung 1988; Ley 1997: 11—31). Völkische Augu en sahen übe all Anzei‑
chen ü eine o gesch i ene, wenn nich ü eine „A ie dämme ung“ (Be blinge ‑
Ammon 1925: 9), dann zumindes ü eine „Deu schendämme ung“ (Schoen ‑Ha d
[d.i. Wilhelm Schwane ] 1922/23: 107) ode wenige hea alisch ü einen beinahe
i e e siblen „Rassen e all“ (Ge s enhaue [1913]: 119), und sie p ophezei en den
d ohenden Un e gang, e einzel auch den „Rassen od“ (Reime 1906: 23), wü den
nich asch eine Keh wende e olgen und nachhal ige Maßnahmen e g i en. Max
Robe Ge s enhaue o mulie e diese gleiche maßen pessimis ischen wie selbs ge‑
wissen ölkischen Übe zeugungen, wenn e un e Be u ung au A hu de Gobineau
(1816–1882) und dessen o z manche K i ik zum ölkischen Kanon gehö enden Essai
su l’inégali é des aces humaines (1853–1855, d . 1898–1901) sowie au Hous on S ewa
Chambe lain es s ell e:
Die o gese z e Rassenmischung und das schließliche Rassenchaos bedeu en […]
den unabwendba en Un e gang jede Kul u . Die Wah hei abe zeig uns […], daß
die Ve e e de e al e en human ‑libe alen Anschauungen nich nu ücks ändig,
sonde n auch die schlimms en Feinde de Kul u unse es Volkes sind, wenn sie
du ch wei e e Ve mischung, Ve s äd e ung und P ole a isie ung desselben sein
höchs es Gu , seine si lichen K ä e und seine Rassenwe e e geuden hel en.
We dagegen diese e häl und p leg , is de wi kliche Wohl ä e des Volkes, de
Ve e e des Fo sch i es und ech e Kul u . Das sind die Na ionalgesinn en!
(Ge s enhaue 1920: 17)
Und dies mein e die Völkischen.
Aus diesen Gewisshei en esul ie en un e schiedliche gesellscha s‑, kul u ‑ und
lebens e o me ische, zudem und p ominen assenhygienisch und assenzüch e isch
ausge ich e e, du ch die K iegsniede lage und de en innen‑ wie außenpoli ische Fol‑
gen nochmals adikalisie e Re ungspläne ü das P ojek „ ölkische Wiede gebu “
(Völkische Siedelung 1921). In ih em une schü e lichen Selbs ‑ und eligiös übe ‑
höh en Sendungsbewuss sein sahen Ideologiep oduzen en wie de niede deu sche
Heima sch i s elle und selbs e nann e „A ‑P ies e “ Thomas Wes e ich (1879–1953)
die ölkische Bewegung als „das Sammelbecken de gesam en deu schen, ja a ischen
und selbs kosmischen E neue ungsbewegung“ (Wes e ich 1926: 173), die sie und mi
ih das „deu scha ische Menschen um“ (Wes e ich 1921: 12) zu Re ung de Mensch‑
hei p ädes inie e und zu Wel he scha legi imie e (Neu e 2018: 208–254).
14 Hie zu die zahl eichen Hinweise zu Übe schneidung und Dis anz beide Phänomene in Buchholz/
La ocha/Peckmann/Wolbe (2001).
22 BRÜCKEN 29/1
Dem ölkischen Denks il en sp echend wimmel es in de dualis isch angeleg en
Wel anschauung, die au die „en zaube e Mode ne“ (Bollenbeck 2007: 199) mi
„S a egien de Wiede e zaube ung eagie [e]“ (Bach/B eue 2010: 57) und in
einem „Leh ‑ und Glaubenssys em [… mi ] absolu en Gel ungsansp uch“ (G abne ‑
Haide 2015: 41) scha „das Eigene und das F emde“ (Son heime 1978: 132) schied,
on mul iplen Bed ohungen und Feindbilde n. Sie kommen in ü die Völkischen
gleiche maßen cha ak e is ischen apokalyp ischen Sp achbilde n wie in eine
denunzia o ischen, agg essi en und an ihumanis ischen Hasssp ache zum Aus‑
d uck, nich zule z e bunden mi A acken gegen die wö lich als „Lügenp esse“
(Biedenkapp 1908: 596) di amie en libe alen, sozialis ischen ode ka holischen
Medien. In Indus ialisie ung, U banismus, Massengesellscha , Demok a ie, Pa ‑
lamen a ismus, Libe alismus, Indi idualismus, Kapi alismus, Ma e ialismus, Sozia‑
lismus, Kommunismus, Pazi ismus, Kosmopoli ismus e c., g undsä zlich in allem
In e na ionalen (e wa de F auenbewegung) wu den die Zeichen ü in biza en
Bed ohungs‑ bis hin zu Un e gangsszena ien g ell ausgemal e Fehlen wicklungen
de jünge en Ve gangenhei und Gegenwa gesehen. Da ü wu den o nehmlich
ande e, in de ölkischen Rassenhie a chie nied ige s ehende und deswegen
umso ge äh liche e e mein liche Rassen als U hebe , on 1918 an nich zule z ü
die K iegsniede lage und de en Folgen, e an wo lich gemach . Im Zen um de
ölkischen Agi a ion s anden neben „den“ Slawen o allem „die“ Juden. An islawis‑
mus und meh noch An isemi ismus sind kons i u i e Ideologeme de ölkischen
Wel anschauung.
ANTISLAWISMUS
De An islawismus häng un e kennba mi den K isen‑ und Kon lik he den im
os ‑ und südos eu opäischen Raum, den e hnisch, poli isch und insbesonde e öko‑
nomisch beding en Wande ungsbewegungen, den panslawis ischen Bewegungen, den
Na ionali ä enkon lik en insbesonde e in de Habsbu ge mona chie und des Wei e‑
en mi de Neuo dnung Os mi el‑ und Südos eu opas nach dem E s en Wel k ieg
zusammen. In seine ölkischen Va ian e wi d e in olge de assenideologischen
Beg ündung eskalie , wenn in de Wel anschauungsp esse in den os mi el‑ und süd‑
os eu opäischen Regionen de Habsbu ge mona chie und des Deu schen Reiches die
„ ölkische No “ (Völkische No u ! 1908) ausge u en, in den Auseinande se zungen
mi den slawischen Be ölke ungs eilen und de en O ganisa ionen „Vo pos enge ech e“
(P is e ‑Schwaighusen 1893: 586) gesehen, un e Rückg i au aus de an isemi ischen
Agi a ion geläu igen biologis ischen Me aphe n o einem sich imme enge um das
Deu sch um schließenden „slawischen Ring“ (Schul heiß 1905/06: 33) und o „ ö m‑
lichen E obe ungs ‑Zügen in eichsdeu sche Gaue“ (König 1914) gewa n und in den
polnischen A bei e n in den schlesischen und wes deu schen Kohlen e ie en eine
Vo hu de p ophezei en slawischen In asion gesehen wu de (Tho ismund 1908). Die
1900‑Jah ‑Feie n de Va usschlach in De mold 1909 ha en einem ölkische Be ich ‑
e s a e zu olge „einen bedenklichen, ge adezu schme zha en Un e on“ du ch die
„polnischen Landa bei e innen, die aus de nahen Umgebung gekommen wa en, um
eben alls am deu schen Sieges es e eilzunehmen. Kündigen sich dami ge ade au
de Höhe unse es Lebens unse e kün igen Ve d änge und E ben an?“– mene ekel‑
23UWE PUSCHNER
e e (Win e s ein 1909: 125).15 Aus diese Bed ohungsphobie esul ie en ölkische
Fo de ungen, eine „wei e e Einwande ung on Rasse emden wie Slawen, Juden, und
Romanen“ zu un e binden, die im Deu schen Reich lebenden Angehö igen diese Be‑
ölke ungsg uppen un e einen ech lichen Sonde s a us zu s ellen und ihnen u.a.
das Wahl ech , die Bekleidung ö en liche Äm e und G undbesi z zu e weh en
(Reinecke 1901: 179 .).
In eine E wei e ung diese Bed ohungsikonog aphie i mie en Slawen und Ju‑
den als unheil olle Vo bo en de sogenann en gelben Ge ah (Hen schel 1906: 194 u.
1924/25‑1: 85–94; Peez 1911), womi die Völkischen sich ein übe den deu schen Raum
hinaus e b ei e es Schlagwo (pé il jaune, yellow pe il, pe icolo giallo, желтая
опасность, pelig o ama illo) und Ideologem des ausgehenden 19. Jah hunde s an‑
eigne en, assis isch wende en und dami in seinem Bed ohungspo en ial ideologisch
au luden, mi dem in Eu opa und No dame ika gene ell eine elemen a e Bed ohung
de wes lichen Zi ilisa ion besch ieben und zugleich das impe iale Ausg ei en nach
Südos asien ge ech e ig wu de.16 In seine ölkischen Aus o mung b ing de in
e s en Häl e des 20. Jah hunde s populä e Balladen‑ und Liede dich e Bö ies on
Münchhausen (1874–1945), ein P o agonis de ölkischen (und spä e de na ional‑
sozialis ischen) Bewegung, diese Übe zeugungen zum Ausd uck, wenn e den „Kul‑
u schöp e [n] in No d‑ und Mi eleu opa“ die „Kul u ze s ö e in den asia ischen
S eppen und die semi ischen Kul u schma o ze in A abien“ en gegens ell und das
ölkische Be inden o mulie , wonach es „eine A Gese z zu sein [schein ], daß das
Schlech e (im assischen Sinne) das Gu e besieg : […] Diese slawische Misch asse und
ih Be line jüdische Gip el schlagen uns ein ach o .“
17
Diese imaginie en In asion
woll en die Völkischen un e Rückg i au das Lebens aum ‑Ideologem– ausgehend
on den p eußischen Os p o inzen– mi einem „E obe ungs‑ und Kolonisie ungs‑
we k“ (Ba els 1914: 23) begegnen du ch eine wei äumige Os expansion ( eils bis zum
Kaukasus und da übe hinaus), du ch die E ich ung eines Ne zes on Mili ä kolonien
und o allem du ch „ ücksich slos[es] ge manisie en“ (Ba els 1914: 5) de zu e obe n‑
den Räume mi Hil e um ang eiche , ag a isch gep äg e Ansiedlungsp ojek e bei
gleichzei ige Ve d ängung de ansässigen, insbesonde e de jüdischen Be ölke ung.18
ANTISEMITISMUS
De An isemi ismus is o dem Hin e g und de „zen i ugale[n] und he e ogenisie‑
ende[n]“ (B eue 1999: 89) Dynamiken in de ölkischen Bewegung das in eg ie ende
Ideologem (B eue 2008: 25–35, bes. 27). De populä e Li e a u his o ike und s imm‑
gewal ige Bewegungsideologe Adol Ba els (1862–1945) o mulie e diese Bedeu ung
des ölkischen An isemi ismus in eine Au ak e ans al ung zu „allgemeinen Mobil‑
machung de deu schbewuß en K eise gegenübe emd ölkischen He scha sbes e‑
15 Vgl. die Bei äge „19. Jah hunde s ‑Feie de A mins ‑Schlach im Teu obu ge Walde“ und „A min, de
Be eie Deu schlands“, beide in Heimdall (14 [1909], 17 u. 73 .), sowie Eh ha d (1909) und Langhans (1909).
16 Zu sog. Gelben Ge ah siehe Gollwi ze (1962: 32–46) und Mehne (1995: 21–59).
17 Bö ies on Münchhausen an Le in Ludwig Schücking, 27.6.1913 u. 26.3.1913 (Schücking 2001: 236–239
u. 128 ., zi . 238 u. 129). Zu Münchhausen siehe Sa kowicz (2015: 95–97). Zu Ve schmelzung on An i‑
semi ismus und An islawismus siehe Wippe mann (1996: 512–524).
18 Siehe in diesem Zusammenhang Puschne (2009) sowie ü den Kon ex Ju ei (2012) und Meye (2021).
24 BRÜCKEN 29/1
bungen“ (Peuke 1912/13: 70),19 als e Ende Janua 1913 seinem zwei ausendköp igen
Be line Publikum, die Häl e da on S uden en, un e osendem Bei all zu ie : „We
in unse e Zei nich An isemi is , de is auch kein gu e Deu sche “ (Ba els 1919:
39). In seinem zweis ündigen, in de Folge in d ei Au lagen e schienenen Vo ag
leg e Ba els seine Zuhö e scha die e mein lichen U sachen des i elgebenden
„deu schen Ve alls“ da und „emp ahl“ o dem Hin e g und seine , ü das ölkische
Denken ypischen pessimis ischen Gegenwa sdiagnosen die „Uebe windung des
Libe alismus du ch einen en schiedenen Na ionalismus“ und die „Uebe windung
des Mammonismus du ch Rückkeh zu Religion“ (Ba els 1919: 33). Mi den S ich‑
wo en Libe alismus und Mammonismus benenn Ba els zwei Schlüsselbeg i e
de ölkischen Agi a ion wie auch des An isemi ismus. Ha e de auch aus ande en
G ünden bekämp e Libe alismus an isemi ischem und ölkischem Denken zu olge
die ech liche Gleichs ellung, den gesellscha lichen Au s ieg und die pa ielle In eg‑
a ion de jüdischen Deu schen zu e an wo en, so gal An isemi en und Völkischen
de in bewuss e Wo wahl als Mammonismus bezeichne e Kapi alismus als jüdische
„Wel anschauung“ sowie als Ins umen jüdische (Wel ‑)He scha . „Heu e he schen
die Juden […] in Deu schland“ (Ba els 1919: 15), ei e e e und o de e seine Zuhö e
und Lese zum „Kamp gegen das Juden um“ (Ba els 1919: 38) au .
Jensei s on Pa olen ölkische Agi a o en des an isemi ischen Flügels de Be‑
wegung wie Ba els gib es unzählige Indizien ü die in eg ie ende Rolle des An i‑
semi ismus im ölkischen Denken und in de Bewegung. De Reichshamme bund (geg .
1912; Lohalm 2012), eine um iebige O ganisa ion de an isemi ischen Teilbewegung,
o de e on „Au zunehmende[n] […] die eh enwö liche Ve siche ung abzugeben,
daß nach seinem bes en Wissen kein T op en jüdischen Blu es in ihm k eis , daß– bei
Ve hei a e en– dasselbe mi de F au de Fall is .“ (S au 1912: 208) Bei i skandi‑
da en de neuheidnischen Deu schgläubigen Gemeinscha (geg . 1911) und des ih eng
e bundenen Deu schen O dens (geg . 1911) und de Deu schen Schwes e scha (geg .
1917) e wa muss en „an Eidess a e siche [n]“, on „deu sche Abkun und […] on
semi ischem und dunkel a bigem Rasseneinschlag ei“ zu sein und „Nachkommen
aus gleichem einem Blu e“ zu haben ode haben zu we den bzw. „emp angen zu wol‑
len“ (alle zi ie en S ellen aus Bei i se klä ung de Deu schgläubigen Gemeinscha
1912: 206 .).
20
Ähnlich lau ende o melle „A ie pa ag aphen“ ode eine en sp echende
P axis kann en alle ölkischen O ganisa ionen. Dies dokumen ie die– on de so‑
genann en Sippen o schung o cie beglei e en– g undsä zlichen und mi einem
„deu schen Blu sbekenn nis“ übe den An isemi ismus hinausgehenden assis ischen
ölkischen Übe zeugungen (Ungewi e 2006 [1919]: 468).21
Einen p ominen en Pla z ha e de An isemi ismus in de massenha publizie en
ölkischen Wel anschauungsli e a u und in den P og ammen de Meh zahl de öl‑
kischen O ganisa ionen inne, die– und s e s in Ve bindung mi ande en inne en und
19 Zu Ba els siehe Rösne (1996) und Fulle (1997); einen bibliog aphischen Übe blick zu Ba els Publi‑
zis ik bie e S oppel (2002).
20 Zu Deu schgläubigen Gemeinscha siehe Meye s (2012: 217–228), zum Deu schen O den Hu en eu e
(2012). Die Bei i se klä ung zu Deu schen Schwes e scha wu de in Hunkel (1919: 72) abged uck . Zu
O ganisa ion siehe Nanko (2001: 222 .) und Puschne (2005: 52).
21 Zu „Sippen o schung“ siehe beispielha den Fall Be nha d Koe ne ; hie zu Ge s ne (2005 u. 2008:
69–77 u. passim).
25UWE PUSCHNER
äuße en assisch bes imm en Feindg uppen– in den Juden „E b einde des deu schen
Volkes und seines Volks ums“ (Deu sche Glaubens‑, G und‑ und Lei sä ze 1896: 2)
sahen und de en Bekämp ung zu einem de „Haup punk e de gemeinsamen A bei “
(Deu sch ‑Völkische Ve einigung 1903: 172) e klä en. Wenn in diesem Zusammen‑
hang de Beg i „Juden um“ (Reinecke 1925: 2) e wende ode on „semi ische[ ]
A “ (Deu sche Glaubens‑, G und‑ und Lei sä ze 1896: 2) gesp ochen wu de, ging es
den Völkischen nich nu um die einzelne jüdische Pe son ode das jüdische Kollek i ,
sonde n zugleich und o allem um alle jene K ä e und Symp ome, die sie ü die
jüdische Emanzipa ion und gene ell ü die En wicklungen in die und in de Mode ne
e an wo lich mach en. Dem ölkischen An isemi ismus wa eine undamen ale
Zei ‑, Gesellscha s‑ und Kul u k i ik eingelage , aus de he aus die zukun so ien‑
ie en Menschen‑, Gesellscha s‑ und S aa sen wü e bis hin zu den eu opäischen
und globalen O dnungskonzep en o mulie wu den.
Die on Ak eu zu Ak eu und on O ganisa ion zu O ganisa ion a iie ende
Agg essi i ä des ölkischen An isemi ismus besch eiben die Bezeichnungen „Ju‑
dengegne , Juden eind, Judenbekämp e ode Juden esse “ (Engel 1918: 27), die de
na ionalgesinn e Li e a u his o ike und Sp ach einige Edua d Engel (1851–1938)
als deu sche Synonyme ü den Beg i An isemi o geschlagen ha (Sau e 2000).
Tole anzbekundungen gegenübe Juden in den eigenen Reihen wu den on den
Völkischen nich gedulde . Als de G ünde und Mo o de Volkse ziehe ‑Bewegung
Wilhelm Schwane (1863–1944), eine eibende K a in de ölkischen Bewegung o
dem E s en Wel k ieg, die mi de K iegsniede lage und de G ündung de Repub‑
lik zunehmende an isemi ische Dominanz im ölkischen Lage k i isie e, sich zu
seinem „He zens e häl nis zu den gu en Menschen alle Rassen“– namen lich zu
Wal he Ra henau (1867–1922) wie auch zu Ma in Bube (1878–1965)– bekann e und
ü sich und seine Anhänge scha in Ansp uch nahm, im nich ‑ assis ischem Sinn
„‚edel ölkisch‘ sein“ (Schwane 1926) zu wollen, ha e dies he ige Reak ionen zu Folge
(B eue 2008: 27). Schwane gal o an als „jüdisch Beein luß e[ ]“ (Ge s enhaue
1924: 18) und die Völkischen wa n en ih e Anhänge o ihm und seine Zei sch i ,
„dem ‚pazi is isch ‑demok a isch[en] Volkse ziehe , de die Juden ‚umwedel ‘“ (zi . nach
Hu en eu e /Knüppel 2008: 51). Dabei ha e Schwane o seinem Rückzug aus de
ölkischen Bewegung an isemi isch agi ie und sich zu einem eligiös beg ünde en
An isemi ismus bekann (Hu en eu e /Knüppel 2008: 28 . u. 32 .). Seine ölkisch‑
eligiösen Anschauungen gingen on de Übe zeugung aus, „ on de blu ge änk en
Geschich e des jüdischen Volkes als de G undlage des Religionsun e ich s nich s
meh wissen [zu] wollen, weil diese ‚Religion‘ unse m mode nen und deu schen Emp‑
inden nich zusag “ (Schwane 1903: 67 .). Als ölkisches Gegenmodell p opagie e
Schwane in Anlehnung an Laga de und Chambe lain eine au dem „Geis und de
G öße de deu schen Geschich e“ (ebd.) g ündende deu sche Religion.
Aus diese Fo de ung nach eine spezi isch deu schen, on jüdischen, eils auch
gänzlich on ch is lichen Ein lüssen zu lösenden „a gemäß[en]“ (Ge s enhaue
1928:5) Religion esul ie ein ü die ölkisch eligiöse Teilbewegung cha ak e is i‑
sche An isemi ismus.
22
Wäh end ü Neuheiden Ch is en um und Juden um nich zu
22 Zu den ölkischen Religionsen wü en und zu ölkisch eligiösen Teilbewegung siehe Puschne (2006),
Meye s (2012) und Puschne /Vollnhals (2012).
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