125REZENSIONEN gende von der Heiligen Katharina und der Legende von zehntausend Rittern. Beide Werke kennzeichne die gemeinsame Tendenz, die Handlungsebene mit der Extradiegese eng zu verbinden. Durch die exemplarische Analyse zeigt Hon das Potential, die Medialitätsforschung im Bereich der Hagiographie produktiv zu machen. Der vorliegende Sammelband hat sein Ziel nicht verfehlt: Die Beiträge deutscher, tschechischer und luxemburgischer Historiker, Linguisten und Literaturwissenschaftler haben dazu beigetragen, divergierende kulturelle Paradigmen auf die Ära der Luxemburger zu projizieren und die jeweils nationale Perspektive zu relativieren. Der Band bildet damit, dies lässt sich zusammenfassend sagen, einen fundierten Beitrag zum Interkulturalitätsdiskurs innerhalb der Germanistischen Mediävistik. Claire Madl, Petr Píša, Michael Wögerbauer: Buchwesen in Böhmen 1749–1848. Kommentiertes Verzeichnis der Drucker, Buchhändler, Buchbinder, Kupferund Steindrucker (= Buchforschung. Beiträge zum Buchwesen in Österreich, Band 11). Wiesbaden: Harrassowitz, 2019, 508 Seiten. Sabine Voda Eschgfäller– Palacký ‑Universität Olomouc Das Autorenteam der Tschechischen Akademie der Wissenschaften legte 2019, zum 95. Geburtstag von Peter R. Frank, ein umfassendes Nachschlagewerk für jeden vor, der sich mit den Firmen und Akteuren des Buchmarktes auf dem Gebiet der Metropole Prag, aber auch des böhmischen Umlandes, beschäftigt. Es stellt damit einen weiteren Forschungsschritt auf dem Weg hin zu einer schlüssigen Darstellung der Abläufe und Impulsgeber auf dem habsburgischen Büchermarkt dar, nachdem 2008 bereits von Frank und Johannes Frimmel das Buchwesen in Wien 1750–1850 für die interessierte Leserschaft erschlossen worden ist. Die Reihe Buchforschung. Beiträge zum Buchwesen in Österreich, in der beide Untersuchungen erschienen sind, wurde von Peter R. Frank und Murray G. Hall herausgegeben und von der Grantová agentura ČR und dem Institut für Tschechische Literatur an der Tschechischen Akademie der Wissenschaften finanziert. Den Lexikoneinträgen vorangestellt findet sich in Buchwesen in Böhmen ein einleitendes Kapitel, in dem die Entwicklung des habsburgischen Buchmarktes zwischen den Jahren 1749 und 1848 beschrieben wird, wobei selbstredend auch erläutert wird, weshalb sich gerade diese Jahreszahlen als Eckdaten für den Untersuchungszeitraum anbieten. Der böhmische Buchmarkt zeigt sich gerade auch durch diese Begrenzungen als Knotenund Verbindungspunkt innerhalb des habsburgischen Buchwesens, das sich zwischen den Reformen Maria Theresias und der Abschaffung der Vorzensur im Vormärz beispielsweise durch eine besondere internationale Dimension, eine markante sprachliche Offenheit und– etwa Ende der 1760er Jahre– durch einen (kriegsbedingten) Anstieg von Buchprofessionisten in der Hauptstadt auszeichnete. Die beeindruckende Informationsfülle des Nachschlagewerkes beruht auf einer offensichtlich extensiven Grundlagenforschung, in der verschiedenste Arten administrativer Papiere, Erbschaftsdokumente, Nachlässe, Dokumente der Prager
126 BRÜCKEN 27/2 Buchbinderzunft, Einwohnerverzeichnisse usw. unter die Lupe genommen wurden. Durchforstet wurden neben dem Prager Stadtarchiv auch Bestände aus dem Österreichischen Staatsarchiv oder Leipziger Archivund Buchbestände, was interessante Rückschlüsse auf die grenzüberschreitenden Verbindungen des böhmischen Buchmarktes zuließ. Als problematisch erwies sich nach Auskunft der Autoren das Auffinden und Sichten von relevanten Archivbeständen aus anderen böhmischen Städten und von bestimmten Herrschaften. Obwohl auf eine gewisse Bruchstückhaftigkeit des Quellenmaterials hingewiesen wird, das durch Digitalisierungsvorhaben in Zukunft eventuell behoben werden könnte, entfaltet sich in den Einträgen ein buntes Panorama der Beweger und Bewegungen auf dem Gebiet des Druckes und Verkaufs von Büchern in Böhmen. Die Vielfalt von Quellen und natürlich auch die stabile Grundlage bereits geleisteter Forschungsarbeit ist in den Literaturhinweisen jeweils nach den einzelnen Einträgen und im zusammenfassenden Literaturverzeichnis am Ende des Lexikons sichtbar. Die Einträge selbst sind in drei alphabetisch geordnete Bereiche aufgelistet, in welchen auf die Firmen in Prag und im Umland eingegangen wird, worauf eine Einheit folgt, in denen die individuellen Akteure des Buchmarktes figurieren. Darauf folgt ein Ortsregister, in dem nach den jeweiligen Firmen und Akteuren gezielt gesucht werden kann. Auf eine ‚nationale Markierung‘ der Akteure wird verzichtet. Insgesamt figurieren im Lexikon 400 Firmen in Prag und ebenso viele außerhalb der Metropole. Es wird klar, dass für den böhmischen Raum tatsächlich von einem eigenen Buchmarkt gesprochen werden kann, der unverkennbar regionale Eigenheiten aufweist, von denen eine durchaus markante etwa darin gesehen werden kann, dass anscheinend mit dem ‚Ausland‘, etwa Leipzig und dem sächsischen sowie thüringischen Raum ein lebendigerer Austausch bestand als mit dem mährisch -schlesischen Buchmarkt. Daneben, oder besser: darüber hinaus, vermag die Publikation auch für nicht in die Buchforschung Involvierte eindrucksvoll veranschaulichen, wie gesellschaftlich und wirtschaftlich vielseitig die Buchprofessionisten sich im untersuchten Zeitabschnitt und geographischen Raum präsentieren. Wie sich insbesondere im Firmenverzeichnis zeigt, gab es unterschiedlichste Spezialisierungen innerhalb der ‚Buchberufe‘ und parallel dazu verschiedenste Kombinationen von Firmenfunktionen; um dies zu illustrieren seien im Folgenden, in Anlehnung an das Lexikon alphabetisch aufgelistet, einige der heutzutage mehr oder eher weniger geläufigen Bezeichnungen in einem fröhlichen Nebeneinander angeführt: Antiquar, Auktionator, Buchbinder, (ständischer) Buchdrucker, (fahrender) Buchhändler, (beeidigter) Bücherschätzer, Hofbuchdrucker, Fragund Kundschaftsamt, Kommissionär, Kreisamtsdrucker, Kunstund Kupferstichhändler, Kupferdrucker, Kupferstecher, Landschaftsbuchbinder, Leihbibliothekar, Lesekabinett, Lithograph, Musikalienantiquar, Musikaliendrucker, Musikalienhändler, Musikalienleihanstalt, Nachdrucker, Papierfabrik, Papierlager, Papiermacher, Papiermühle, Schriftgießer, Typograph, Universitätsdrucker, Verleger usw. Das bereits erwähnte breite Spektrum von Quellen bringt es mit sich, dass dort, wo Informationen verschiedenster Art kombiniert werden können, bisweilen ein einzigartiger, streiflichtartiger Einblick in das Leben von Menschen und (bzw. in) Unternehmen im Buchmetier zwischen Sturm und Drang und Vormärz möglich wird. Beispiele, die für diese Behauptung aus dem Lexikon zitiert werden könnten, gäbe es viele. Neben den Firmengeschichten verschiedener Familien, die über Generationen
127REZENSIONEN hinweg im Buchgeschäft bleiben, neben Druckereien und Verlagen, die mit wissenschaftlichen, behördlichen oder religiösen Institutionen verbunden sind, Witwen, die Unternehmen als Inhaberinnen fortführen usw., finden sich Informationen zu Buchkrämern, die auf Märkten auftauchen oder vom Verschleiß von Normalschulbüchern leben bis hin zu Gesellen und Gehilfen, von denen in den Akten nicht viel mehr geblieben ist als der Hinweis auf ihre ‚Flatterhaftigkeit‘ oder auch darauf, dass sie nicht mehr aus den Ferien zurückgekommen seien. Und es blitzen hie und da Erfolgsgeschichten besonderer Art auf (später in der Geschichte des Habsburgerreichs könnte man sie als ‚kakanisch‘ bezeichnen): Der 1717 in Ungarn geborene Johann Thomas von Trattner, schon als kleines Kind ein Vollwaise, erlernt in Wiener Neustadt das Buchdruckerhandwerk, arbeitet beim Hofbuchdrucker Johann Peter van Ghelen, bereist zahlreiche Länder, auch England, wird dreimal Witwer und vielfacher Vater, wobei aber nur zwei Kinder das Erwachsenenalter erreichen. 1764 wird er geadelt, zwischen 1753 und 1798 besitzt er die Trattnerische Buchhandlung in Prag. Mit 81 Jahren stirbt er in Wien und errichtet gut zehn Jahre vor seinem Tod noch eine Papiermühle in seiner Herrschaft Ebergassing. Diese ‚Geschichte‘ eines Akteurs sei als abschließendes Beispiel für das unglaubliche Potential von Entdeckungsmöglichkeiten zu verstehen, die Buchwesen in Böhmen 1749–1848 bietet. Für jeden, der an Buchforschung, nicht nur im Habsburgerreich, interessiert ist, erweist sich das Lexikon ebenso als ein unverzichtbares Instrument wie für diejenigen, die sich mit der Geschichte und Literatur der böhmischen Länder befassen. Für ein breiteres Publikum hält die Publikation aber ebenso, wie oben angedeutet, allerhand Wissens-, Staunensund Bedenkenswertes bereit. Bernard Bolzano: Vom besten Staat. Mit einer Einleitung und Anmerkungen hrsg. von Kurt F. Strasser (= Philosophische Bibliothek, 732). Hamburg: Felix Meiner, 2019, 177 Seiten. Steffen Höhne– HfM Weimar / Friederich ‑Schiller ‑Universität Jena Betrachtet man die Geschichte der Utopie als eine der jeweiligen Defizite und Missstände der eigenen Gesellschaft, dann liefern entsprechend auf Utopien verweisende Texte gerade angesichts ihres kritischen Potentials immer auch Gegenbilder zu den historischen Realitäten und Möglichkeiten ihrer Zeit. Dass sich ein Denker wie Bernard Bolzano intensiv mit den moralischen und sozialen, den rechtlichen und politischen Bedingungen seiner Zeit auseinandergesetzt hat, ist aus den Erbauungsreden, die er im Rahmen seiner Tätigkeit als Hochschullehrer an der Prager Universität zwischen den Studienjahren 1804/05 und 1819/20 hielt, mehr als deutlich zu erkennen. Diese Erbauungsreden, eigentlich Exhorten bzw. Exhortationen, fanden an jedem Sonnund Feiertag während des akademischen Jahres, also zwischen Anfang November und Ende August statt. Ihnen voraus ging eine Messe, die Bolzano in der im Klementinum gelegenen St. Klemenskirche abhielt. Nachdem ihm die Lehrerlaubnis entzogen worden war und Bolzano auf das Wirken eines Privat-