Martin Hudec: Macht der Worte, Worte der Macht. Sprache und Programmatik der Friedlichen und Samtenen Revolution im Vergleich. Dresden: Thelem, 2018
Abstract
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Full text
162 BRÜCKEN 27/2 Martin Hudec: Macht der Worte, Worte der Macht. Sprache und Programmatik der Friedlichen und Samtenen Revolution im Vergleich. Dresden: Thelem, 2018, 300 Seiten. Klaas ‑Hinrich Ehlers– Freie Universität Berlin Die Dissertation von Martin Hudec setzt sich zum Ziel, „mittels eines sprachwissenschaftlichen Vergleichs die sprachlichen und kommunikativen Bedingungen der Genese und des konkreten Verlaufs des politischen Umbruchs des Jahres 1989 am Beispiel der ehemaligen DDR und der ehemaligen Tschechoslowakei zu untersuchen.“ (S. 13) Die Sprache wird hier also nicht nur als reaktiv nachfolgender Ausdruck politischer Ereignisse sondern auch als eine aktive Impulsgeberin politischer Veränderungen angesehen. Der Verfasser geht von einer „initiierenden und mitgestaltenden Rolle der Sprache bei den gesellschaftlichen und politischen Umbruchsituationen“ (S. 13) aus. In der Sprache der politischen Akteure, die sich damals im tschechoslowakischen Občanské Fórum [Bürgerforum] und im ostdeutschen Neuen Forum zusammengeschlossen haben, sieht der Autor daher einen geeigneten Zugang, um die Dynamik der sogenannten „friedlichen“ und der „samtenen Revolution“ zu verstehen. Ein sinnvoller Vergleich setzt bei allen Differenzen, die es gerade herauszuarbeiten gilt, immer auch eine gemeinsame Vergleichsbasis voraus. So fußt die Untersuchung von Hudec auf der Voraussetzung, dass es zwischen den politischen Oppositionsbewegungen der damaligen DDR und der ČSSR nicht nur eine zufällige zeitliche Koinzidenz gegeben habe, sondern dass es sich bei beiden Bewegungen ungeachtet des großen sprachlichen Abstandes um zwei „politisch wie sozial verwandte Kommunikationsgemeinschaften“ (S. 13) gehandelt hat. Nach den einleitenden Bemerkungen zum Untersuchungsgegenstand und seiner Textbasis führt das zweite Kapitel des Buches seine Leser durch die Vorgeschichte der beiden ‚Revolutionen‘ vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis in das entscheidende Jahr 1989 hinein. Der vergleichende Blick zeigt Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der gesellschaftlichen Entwicklung beider Staaten auf, durch die die Rahmenbedingungen der späteren Ereignisse gesetzt werden. Die frühe Formierung der Oppositionsbewegungen und die Kulmination ihrer Entwicklung im Jahr 1989 stellt Hudec wie im Zeitraffer in chronologischer Parallelität dar. Dabei wird der unterschiedlichen Rolle der Kirche bei der Formierung der Oppositionen in der DDR und der ČSSR ebenso ein Exkurs gewidmet wie der Frage, inwiefern die Oppositionsbewegungen in beiden Staaten sich wechselweise wahrgenommen und aufeinander reagiert haben. Dieses Kapitel bietet eine außerordentlich hilfreiche historische Orientierung und kann auch denjenigen unter den Lesern, die sich an einige der Ereignisse noch persönlich erinnern können, eine übersichtliche und zugleich hinreichend detaillierte Einordnung der Einzelgeschehnisse und ihrer historischen Abfolge an die Hand geben. Schon am Ende seiner Schilderung der Vor -Geschichte der Ereignisse von 1989 geht der Verfasser zu einer „sprachwissenschaftlichen“ Analyse über und zeichnet die Argumentationsbewegung in zwei frühen Texten der tschechoslowakischen Opposition aus dem Jahr 1989 nach, in denen der „Schritt von dem [zuvor] stets proklamierten unpolitischen Wirken in Richtung praktischer Politik getan“ (S. 79) wird. Die beiden
163REZENSIONEN kurzen Texte, Několik vět [Einige Sätze] vom Frühjahr 1989 und der Aufruf zur Gründungsversammlung des Občanské Fórum am 19.11.1989, sind in deutscher Übersetzung im Anhang abgedruckt. Dort versammelt der Verfasser auch fünf weitere programmatische Kurztexte aus dem Umfeld des tschechoslowakischen Bürgerforums vom November 1989. Der kleine Anhang (S. 283–293) bietet deutschsprachigen Lesern damit eine sehr wertvolle Möglichkeit nachzuvollziehen, wie sich die Einschätzungen der gesellschaftlichen Lage und das Profil der politischen Forderungen des Bürgerforums im Laufe des ‚Revolutionsmonats‘ November 1989 entwickelten und rasch zuspitzten. Hudec setzt seine Rekonstruktion der textuellen Vorgeschichte der tschechoslowakischen Oppositionsbewegung im dritten Kapitel seines Buches mit einer ausführlichen Darstellung von vier politischen Texten Václav Havels aus der Zeit zwischen 1974 und 1988 fort. Die Auswahl der Texte sollte dabei einen „möglichst breiten Zeitrahmen“ dokumentieren und die frühe Entwicklung derjenigen seiner „Grundthesen“ veranschaulichen, „die während der ‚Samtenen Revolution‘ ausschlaggebend waren“ (S. 93). Ein vergleichbar detaillierter Rückblick auf die textuelle und programmatische Vor -Geschichte der ostdeutschen Protestbewegungen wird in dem Buch nicht eröffnet. Die Entwicklung der tschechoslowakischen Oppositionsbewegung steht hier also sehr deutlich im Vordergrund. Da sich das Buch aber an ein deutschsprachiges Publikum wendet, ist diese einseitige Gewichtsetzung gut gerechtfertigt, denn die Einzelheiten der tschechoslowakischen Politikgeschichte dürften in Deutschland nur (noch) wenig bekannt sein. Hudec arbeitet in seinem ‚Havel -Kapitel‘ einige Leitbegriffe und argumentative Leitmotive heraus, die die Texte des späteren Staatspräsidenten durchziehen und 1989 in die Grundsatztexte des Občanské Fórum einfließen. Er zeigt auch, wie Havel stereotyp eingeschliffene und verschleiernde „Worte der Macht“ des politischen Regimes, wie „Frieden“, „Demokratie“, „Sozialismus“, semantisch -pragmatisch dekonstruiert und der staatlichen Ideologie sein Ideal eines „Lebens in Wahrheit“ entgegensetzt. Die eigene Untersuchung der Texte Havels fällt eher inhaltsanalytisch als sprachanalytisch aus, sie folgt der Argumentation in den politischen Verlautbarungen Havels sehr textnah von Absatz zu Absatz und wirft nur an wenigen Stellen punktuelle Seitenblicke auf Autoren aus dem intertextuellen Umfeld wie T. G. Masaryk, Jan Patočka und Václav Benda. Auch wenn der Verfasser seine Darstellung immer wieder durch Zitate aus den Texten Havels stützt, ist es für die Leser doch schwierig, ohne vorliegende vollständige Textgrundlagen seinen kleinschrittigen Textparaphrasen und -interpretationen zu folgen, geschweige denn sie zu validieren. Die immer wieder überschwänglich hochgetönten Bewertungen Havels und seiner Texte, die in ihrer Komposition und Aussage als „ungeheuerlich stark“ (S. 97), „brillant“ (S. 112) bezeichnet werden, denen eine „gewaltige geistige wie auch sprachliche Kraft“ (S. 125) zugesprochen wird und die sich nach Ansicht des Verfassers mitunter zu einer „gedanklichen, sprachlich, insbesondere metaphorisch brillante[n] Spirale“ (S. 132) fügen, lassen eine nüchterne Distanziertheit gegenüber dem Untersuchungsgegenstand vermissen. Das vierte Kapitel öffnet den Blick wieder in vergleichender Perspektive und stellt in einem ersten Schritt die Gründungsaufrufe des ostdeutschen Neuen Forums (NF) und des tschechoslowakischen Občanské Fórum (OF) gegenüber. In einem zweiten Schritt verfolgt Hudec die Konkretisierung und Ausdifferenzierung ihrer Programme in einem Vergleich der Thesenpapiere Die programmatischen Grundsätze des Bürgerforums
164 BRÜCKEN 27/2 und in einem Offener Problemkatalog genannten Papier des Neuen Forums. Die sehr kurze Zeitspanne zwischen den Gründungsaufrufen und den komplexer ausgestalteten Programmtexten lässt sich mit Hudec als ein wichtiger historischer Entwicklungsschritt erkennen, in welchem die „programmatischen Texte des NF und OF als eine konsequente Vertiefung der Grundsatzthesen und Ideen der Gründungsaufrufe“ (S. 228) erscheinen. Die Darstellung folgt hier nun nicht mehr linear der Entwicklung der Textargumentation, sondern stellt die „Unterschiede und Gemeinsamkeiten“ (S. 178) in Selbstverständnis und Programmatik der beiden Foren anhand ihrer Aussagen zu einzelnen Themenblöcken heraus (wie z.B. das Selbstverständnis der beiden Foren, ihre konkreten Ziele, die Stellungnahmen zum Rechtswesen, zum politischen System, zur Außenpolitik, zur Volkswirtschaft, zur soziale Gerechtigkeit, zur Umweltund Kulturpolitik usw.). Der Vergleich der Positionen gelingt hier besonders prägnant, indem Hudec zentrale Zitate zu den Themenbereichen aus den inhaltlich korrespondierenden ostdeutschen und tschechoslowakischen Texten geschickt kontrastiert und im Abgleich kommentiert. Der Verfasser kontextualisiert seine Interpretation der programmatischen Texte gelegentlich mit hilfreichen Exkursen u.a. zur staatlichen Schulpolitik, zur sozialistischen Kulturpolitik oder zu den Reaktionen auf den Reaktorunfall von Tschernobyl. Trotz der grundsätzlich „verwandten Kommunikationsgemeinschaft“ in den Bürgerbewegungen beiderseits der Grenze divergieren ihr Selbstverständnis und ihre politischen Ziele zum Teil ganz erheblich. Der Verfasser zeichnet diese Divergenzen klar nach und führt sie plausibel auf unterschiedliche diskursive Traditionslinien oder politische Einflussfelder zurück. So bringen sich in den tschechoslowakischen Programmtexten immer wieder die Tradition der Schriften Havels und der Charta 77 sowie die Erfahrungen der niedergeschlagenen Reformbestrebungen des sogenannten Prager Frühlings von 1968 zur Geltung. In den Texten des Neuen Forums kommen u.a. der Einfluss der westdeutschen Friedensbewegung und die Umweltproteste und die Erfahrung der massenhaften Auswanderung zum Ausdruck. Das fünfte Kapitel des Buches geht schließlich über die Verlautbarungen der Bürgerbewegungen und ihrer Vorläufer hinaus und bezieht die Parolen mit ein, die auf den Massendemonstrationen des Herbstes 1989 auf Plakaten gezeigt und oder skandiert worden sind. Hier zeigt der Verfasser in einem ersten Schritt, wie variantenreich die Bedeutungen der drei Leitbegriffe „Volk“, „Freiheit“ und „Demokratie“ in den Parolen ausbuchstabiert wurden. Ein zweiter Teilabschnitt des Kapitels zeigt dann einige Beispiele sprachspielerischer Parolen, die Sprachkonventionen poetisierend und ironisierend durchbrechen und die für Hudec damit als „sprachliche Wahrzeichen der ‚fröhlichen Revolution‘“ (S. 251) gelesen werden können. Mit Rückverweis auf die früheren Kapitel seines Buches kann Hudec überzeugend zeigen, dass die Demonstrationsparolen „als eine offensiv gerichtete verbale und inhaltliche Synthese der wichtigsten Kritikpunkte sowie der Zukunftsvisionen“ erscheinen, die sich „auch im Vergleich der programmatischen Texte der ostdeutschen und tschechoslowakischen Opposition herauskristallisiert haben“ (S. 252). Die Parolen auf den Massenkundgebungen bringen also in vielerlei Hinsicht die Programmatiken der beiden Foren auf den sprachlich kondensierten Punkt. Entsprechend offenbaren auch sie damit nicht nur die grundsätzliche inhaltliche Nähe der ostdeutschen und der tschechoslowakischen Parolen, sondern auch ihre bedeutenden Unterschiede. So bleibt etwa die
165REZENSIONEN starke ostdeutsche Betonung des „Volkes“, die Forderung nach Reisefreiheit und der positive Bezug auf Gorbatschows Perestroika in den tschechoslowakischen Parolen ohne gleichgewichtiges Äquivalent. Das Buch schließt mit einem über 20 Seiten umfassenden Resümee der Ergebnisse, das die Leser noch einmal in gedrängter Form durch die Kapitel und Unterabschnitte der vorangegangenen Untersuchung führt. Als spezifisch sprachwissenschaftliche Untersuchung vermag das Buch von Hudec nicht durchgängig zu überzeugen. Ihre Stärken hat seine Untersuchung der Sprache der Oppositionsbewegungen dort, wo sie sich auf die lexikalische Ebene bezieht. Die politischen Leitbegriffe beider Foren werden in ihrer Semantik analysiert, auf den jeweiligen Argumentationskontext und auf ihre Diskurstraditionen bezogen, Prozesse der semantischen Umwertung oder die Ersetzung des überkommenen politischen Vokabulars durch Neuprägungen werden erhellend herausgearbeitet. Die Unterschiede der politischen Zielsetzungen der beiden Bürgerbewegungen kommen nach Hudec beispielsweise indexikalisch darin zum Ausdruck, dass die ostdeutsche Seite den Begriff der „Umgestaltung“ und die tschechoslowakische Seite den der „Erneuerung“ präferiert. Mit ihrer Schwerpunktsetzung auf das umkämpfte politische Lexikon ist die Untersuchung eine begriffsgeschichtliche Arbeit im guten Sinne. Auf pragmatischer Ebene werden vor allem die Verweigerung von Anredeformen und Personenbezeichnungen herausgestellt, die Ausdruck von machtbasiert asymmetrischen Beziehungskonzepten waren. Die großen Verschiebungen in den Koordinaten der gesellschaftlichen Kommunikation (monologisch– dialogisch, privat– öffentlich, asymmetrisch– symmetrisch) werden in der Untersuchung nur schlaglichtartig beleuchtet. So hätte man sich gewünscht, dass „das Vordringen des halböffentlichen Diskurses [der oppositionellen Gruppen] in den bis dahin abgeschlossenen öffentlichen Diskurs“ (S. 234) oder die bewusst veränderte Kommunikationskultur innerhalb der Foren eingehender gewürdigt worden wäre. Immer wieder streut der Verfasser Charakterisierungen von stilistischen Merkmalen seiner untersuchten Texte bzw. von deren Abschnitten und Sätzen ein. Da ist von einer „metaphorischen, frei fließenden Sprache“ (S. 230) die Rede, Textabschnitte seien durch „klare Ironie“ (S. 131) oder durch eine „literarisch anmutende Emotionalität“ (S. 227) gekennzeichnet. Auch im Vergleich tschechischer und deutscher Textstellen werden stilistische Unterschiede identifiziert: „Der tschechische Text wirkt hier viel leichter und metaphorischer“ (S. 200), „der deutsche Text fließt hier besonders langsam und gründlich“ (S. 151). Diese und viele ähnliche Stilcharakterisierungen bleiben aber überwiegend impressionistisch und alltagssprachlich, werden nur selten am sprachlichen Detailbefund festgemacht und vor allem meist gar nicht auf ihre mögliche textuelle und kommunikative Funktion befragt. Trotz gelegentlicher darstellerischer und analytischer Schwächen bietet das Buch von Hudec nicht nur eine Fülle von historischen Einsichten im Detail, sondern es zeichnet ein sehr übersichtliches und dichtes Bild des kulminierenden und letztlich erfolgreichen Bürgerprotestes in beiden sozialistischen Staaten. Die vergleichende Perspektive hilft, die Forderungen und Programme der ostdeutschen und der tschechoslowakischen Bürgerbewegungen von 1989 im Kontrast wechselseitig zu profilieren. Da die Untersuchung ein besonderes Gewicht auf die tschechoslowakischen Entwicklungen legt, sei sie besonders deutschsprachigen Leserinnen und Lesern empfohlen, für die die jüngere Geschichte unseres Nachbarlandes oft schon aus sprachlichen Gründen wenig bekannt ist.