Kurt F. Strasser: Bernard Bolzano (1781–1848). Ein böhmischer Aufklärer (= Intellektuelles Prag im 19. und 20. Jahrhundert, Bd. 16)
Abstract
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Full text
Kurt F. Strasser: Bernard Bolzano (1781–1848). Ein böhmischer Aufklärer (= Intellektuelles Prag im 19. und 20. Jahrhundert, Bd. 16). Wien, Köln, Weimar: Böhlau, 2020, 464 Seiten. Otto Neumaier– Paris ‑Lodron Universität Salzburg Der böhmische Philosoph, Theologe und Mathematiker Bernard Bolzano hat unter den ein schlägig Gebildeten (geschweige denn in der allgemeinen Öffentlichkeit) bis heute nicht die seiner tatsächlichen Bedeutung gebührende Anerkennung erfahren. Daran hat Husserls Hinweis auf ihn als den (zumindest bis weit ins 19. Jahrhundert) größten Logiker seit Aristoteles ebensowenig geändert wie die Würdigung als „Urgroßvater der analytischen Philosophie“, die Bolzano durch Michael Dummett erfahren hat und durch die er (etwas einseitig) in eine Tradi tionslinie mit Frege, Wittgenstein und dem Wiener Kreis gestellt wird. Bolzano hat auch dadurch nicht wesentlich an Popularität gewonnen, dass (nach den Biographien, die Josef Hoffmann und Anton Wißhaupt, also Leute aus Bolzanos engster Umgebung, bald nach dessen Tod veröffentlichten) die Anzahl der Bücher zu Bolzanos Leben und Werk seit gut 100 Jahren sichtlich zunimmt. Die Anzahl der Leute, die sich tatsächlich dafür interessieren, bleibt näm -lich durchaus überschaubar (nicht zuletzt im Vergleich mit dem Anhang, den andere Lehren– vom Deutschen Idealismus über den Existenzialismus bis zum Poststrukturalismus– finden). Diejenigen, die in Bolzanos Welt eintauchen, werden hingegen– wie einmal gesagt wurde– oft gleichsam von einem Virus infiziert, das sich in ihr „philosophisches Genom“ einschreibt. Ein derart geprägter Denker und Autor ist Kurt F. Strasser. Seit seinem 1995 unter dem Titel ZauberSprache erschienenen Buch über die „subtile Revolution im Hause Österreich“ hat Strasser einen ansehnlichen Beitrag zur Bolzano -Literatur geleistet, aus dem insbesondere seine in 20 Teilbänden vorgelegte Edition aller überlieferten Erbauungsreden Bolzanos (2007–2017) hervorsticht. Das hier zu besprechende, von Strasser 2020 publizierte Buch zeugt denn auch in beeindruckendem Maße von seiner Vertrautheit mit den Gedanken, die Bolzano vom Februar 1805 bis zum Jänner 1820 sonntäglich in Exhorten „vor dem Plenum der Studenten aller drei Jahrgänge des Philosophicums“ (S. 144) nicht nur zu religiösen Fragen, sondern zu einer Vielfalt von theoretischen und praktischen Themen vorgetragen hat. Diese Kenntnis zeichnet das Buch auch gegenüber anderen Publikationen über Bolzano aus, und die zahllosen Bezüge auf die Erbauungsreden sorgen dafür, dass es derart „quellengesättigt“ ist, wie der Verlag auf der Rückseite des Buchdeckels verspricht. Andererseits bietet Strasser indes keine „umfassende Monographie“ über „Leben und Werk dieses zu Unrecht vergessenen katholischen Denkers“ im Allgemeinen; sein An - liegen ist vielmehr ein Porträt Bolzanos als „böhmischer Aufklärer“– bzw. als „wahrer Aufklärer“, wie insbesondere auf den Seiten 158–162 und 226–248 ausgeführt wird. Die Charakterisierung Bolzanos in seiner Bedeutung als Aufklärer geschieht in drei Schritten, denen im Buch jeweils ein Teil gewidmet ist: Zunächst (S. 13–97) untersucht Strasser die „Zu sammenhänge und kulturellen Rahmenbedingungen von Bernard Bolzanos Lebensund Geis teswelt“ (S. 7). Im Hauptteil der Arbeit (S. 101–407) beschäftigt er sich einerseits mit Bolzanos Kindheit und Jugend, andererseits und vor allem
140 BRÜCKEN 30/1 aber (ab S.138) mit wesentlichen Aspekten seines Berufslebens als Aufklärer. Zuletzt (S. 411–427) geht es um das „Weiterleben von Bol zanos Gedanken und Werken“; der Umstand, dass dieser Teil relativ zu den anderen deutlich knapper ausgefallen ist, nährt die Vermutung, dass der Verfasser noch eine Fortsetzung des vorliegenden Buches im Auge hat, in dem er auf das Weiterleben und die Bedeutung von Bol zanos Vorstellung einer „wahren Aufklärung“ weiter einzugehen gedenkt (ein Plan, der ange sichts der eingangs geschilderten Situation jedenfalls plausibel erscheint). Während für eine Monographie über Leben und Werk Bolzanos eine Beschränkung auf seine unmittelbare „Lebensund Geisteswelt“ gerechtfertigt werden könnte, erscheint Strassers An satz, auch die weiteren „Zusammenhänge und kulturellen Rahmenbedingungen“ zu berück sichtigen, unter der Voraussetzung, dass es ihm um Bolzanos Anliegen einer „wahren Aufklä rung“ geht, sinnvoll und notwendig. Allein schon deshalb sind die Darlegungen im ersten Teil des vorliegenden Buches prinzipiell zu begrüßen. Strasser holt dabei weit aus, nämlich bis zu den mittelalterlichen Diskussionen um Nominalismus und Realismus in Bezug auf Universalien (d.h., grob gesagt, abstrakte Allgemeinbegriffe wie „Güte“ oder „Wahrheit“). Seiner These zufolge wurde an der Universität Prag seit jeher „eine konkret -nominalistische Lehre mit starker sozialer Ausrichtung und Volksnähe“ (S. 8) vertreten, als deren Anhänger er auch Bolzano einführt. Diese These erscheint u.a. aus folgenden Gründen problematisch: (i) Strasser vereinfacht die Verhältnisse einigermaßen, wenn er lediglich die mittelalterlichen Diskussionen unter dem Einfluss der (über Porphyrios vermittelten) Platon -Rezeption berück sichtigt. Abgesehen davon, dass auch dabei neben dem strikten Nominalismus und Realismus ebenso die gemäßigtere Position des Konzeptualismus vertreten wurde, vermischten sich die se Debatten damals mit der Interpretation der aristotelischen Lehre, was zur Frage führte, ob das Allgemeine vor, in oder nach den konkreten Dingen existiere. (ii) Historisch gesehen gelten Hieronymus von Prag, Stanislaus von Znaim oder Johannes Hus ebenso wie ihr Vorbild John Wyclif im Gegensatz zu Strassers Zuschreibung nicht als Nomi nalisten, sondern als Vertreter eines Universalienrealismus (und zwar in einer aristotelisch ge prägten Auffassung von „universalia ante res“). (iii) Ein Philosoph wie Bolzano, für den die Annahme von „Wahrheiten an sich“ eine zentrale Rolle spielt und der mit seinen Beiträgen zur Mathematik einen Grundstein für die Mengenlehre legte, kann in Bezug auf die Existenz abstrakter Allgemeinbegriffe kaum eine andere Position als einen Realismus vertreten. Deshalb nennt ihn auch Popper mit Recht neben Platon, Hegel und Frege als Vorbild für seine Theorie objektiver Erkenntnis. Die erwähnte These paart sich mit anderen Gegensätzen, die den Eindruck vermitteln, als ob Strasser vor diesem Hintergrund Bolzanos geistiges Profil zu schärfen versucht. Indes zeichnet er dieses für sich hinreichend klar, weshalb all diese Gegensätze nicht unbedingt notwendig erscheinen. Dies gilt etwa auch für die Art, wie Strasser einen „Kulturraum Mitteleuropa“ bestimmt, nämlich als Gebilde, dessen Grenzen letztlich mit jenen des Habsburger Reiches zur Zeit Bolzanos übereinstimmen. Auf den ersten Blick hat dieser Ansatz einen gewissen Charme, zumal der Verfasser in diesem Reich der „Worte Zauberkraft“ am Werke sieht, die für eine „subtile Aufklärung“ in jenem Sinne sorge, wie er sie schon 1995 in seinem ersten Buch dargelegt hat (vgl. etwa S. 210 und 293). Strasser wird jedoch nicht müde, diesem „katholischen Süden und
141REZENSIONEN Osten Europas“, der noch „den Anspruch erhebt, Herz und Verstand gleichermaßen zu bewegen“, geradezu als Feindbild den „reformierten, protestantischen Westen und Norden Europas“ gegenüberzustellen, in dem nicht nur „die Entscheidung zu einer anderen, rationalen, materiellen und rein verstandesbetonten Zivilisationsentwicklung“ gefallen ist (S. 11), sondern anders als in „Mitteleuropa“ auch Nationalismus und Kriegsbegeisterung sowie „die Idee der Maschine als idealer Mechanismus“ (S. 83) ihre Heimat haben. Und diese Gegensätze hängen in Strassers Augen eben damit zusammen, dass „auf der böh misch -österreichischen Seite“ angeblich der Nominalismus stehe, „auf der deutschen Seite“ hingegen der Universalienrealismus (S. 310). Das Kapitel über Bolzanos Kindheit und Jugend beginnt insofern überraschend, als Strasser den 10. Mai 1781 zu Bolzanos Geburtstag erklärt (S. 103). Da ihm aufgrund seiner langen Be schäftigung mit dessen Leben und Werk das korrekte Datum (5. Oktober) bekannt sein dürfte, handelt es sich wohl kaum um ein Versehen; vielmehr ist zu vermuten, dass Strasser etwas schelmisch überprüfen will, ob sein Buch nach 100 Seiten immer noch aufmerksam gelesen wird. Ähnliches gilt wohl auch für jene Stelle (S. 385), wo es heißt, „das vierbändige Werk Dr.B. Bolzanos Wissenschaftslehre“ habe 1837 „anonym im Ausland erscheinen“ müssen. Weniger wahrscheinlich ist jene Vermutung mit Bezug auf die 1839 publizierte Neuauflage (eines ersten Bandes) der Erbauungs‑ reden, die ebenfalls mit dem Namen des Verfassers auf dem Titelblatt erschien, vor allem aber nicht von František Příhonský herausgegeben wurde (vgl. S. 419), sondern von Michael Josef Fesl; Příhonský betreute erst die spätere, umfassendere Auswahl in vier Bänden (1849–1852). Wie dem auch sei, erfahren wir auf gut 30 Seiten so Manches über die Entwicklung von Bolzanos Charakter und Denken, über seinen spielerischen, wenn auch alles andere als unernsten Umgang mit Wahrheit, über seine „Heiterkeit des Geistes“, die „sich wohltuend von der herrschenden Tyrannei der strengen Besserwisser“ abhebe (vgl. S. 122f.). In Kenntnis von Bolzanos 1810 gehaltenen Erbauungsreden über „weise Selbsttäuschung“ lag für Strasser auch nahe anzunehmen, dass dieser eine solche „seinen Studenten […] anempfiehlt“. Da dessen Brief wechsel noch nicht vollständig veröffentlicht ist, konnte er indes nicht wissen, dass Bolzano (zumindest später) höchst unzufrieden mit jenen Erbauungsreden war und „durchaus nicht wünschte“, dass sie „je abgedruckt würden“ (vgl. seine Briefe an Fesl vom 14. April, 2. und 25. Mai sowie 6. Juni 1846, die 2023 in BGA 3.2/5 erscheinen und erkennen lassen, wie die Diskussion um jene– und andere– Erbauungsreden Fesls Arbeit am zweiten Band der Neu auflage letztlich zum Erliegen brachte). Diese bis zur Vollendung der BolzanoGesamtausgabe noch bestehende Unsicherheit der Quellenlage legt eine gewisse Vorsicht bei der Zuschreibung von Ansichten und „Theorien“ nahe. Dies gilt etwa auch für Bolzanos Schiller -Gedicht (vgl. S. 339f.), das keinesfalls „Bolzanos literarisches Credo“ ausdrückt: Bislang war die Bolzano -Gemeinde (darunter auch der Schreiber dieser Zeilen) auf Robert Zimmermanns Mutmaßung angewiesen, das Gedicht sei „wahrscheinlich im Jahre 1837“ entstanden und „für das in Stuttgart erscheinende Schillers -Album bestimmt“ gewesen, aber „durch einen Zufall am Abgang gehindert“ worden. Wie sich jetzt zeigt, schrieb Bolzano das Gedicht erst 1848, weil Verehrer des Dichters in Weimar ihn (und andere) um einen Beitrag für ein Schiller -Album gebeten hatten, das sie dort im Schillerhaus auflegten. Wie Bolzano am 7.März 1848 gegenüber Fesl bekennt, hatte er „den albernen Einfall“, dafür „ein paar Hexameter zusammen-
142 BRÜCKEN 30/1 stoppeln zu wollen. Hexameter waren es zwar, wie ich glaube: aber nicht ein Fünkchen poetischen Geistes darin. Kläglich legt’ ich sie also noch bald genug bei Seite.“ Bereits im Kapitel über Kindheit und Jugend Bolzanos informiert uns Strasser auch über jene „Geisteswelt“ (S. 111–123) bzw. „Lebenswelt“ (S. 130–133), welche die berufliche Tätigkeit des Denkers prägte. Unter dem Titel „Worte sind Taten“ wird diese– wie erwähnt– in der Folge ausführlich und aspektreich abgehandelt: Wir werden dabei mit Bolzanos Beruf(ung) ebenso vertraut gemacht wie mit seinem steten Streben nach „besseren Begriffen“, nicht nur im Bereich der Philosophie, Theologie und Wissenschaft (wie z.B. den Begriffen von Ethik, Irrtum, Logik, Möglichkeit, Notwendigkeit, Offenbarung, Recht, Wahrheit und Wahrschein -lichkeit), sondern etwa auch von Aufklärung, Besitz, Erbauung, Fortschritt, Freiheit, Heimat, Mut oder Utopie (vgl. S. 172–225). Freilich geht es Strasser nicht unbedingt um eine Rekonstruktion der „besseren Begriffe“, die Bolzano davon hat; vielmehr thematisiert er diese mitunter indirekt unter Heranziehung anderer Autoren, z.B. von Broch, Fromm und Scheler mit Bezug auf „Logik“ (S. 219ff.). Wenn Strasser andererseits etwa Bolzanos Religionsbegriff (S. 268) als „Inbegriff aller derjenigen Lehren und Meinungen eines Menschen“ wiedergibt, „die einen Einfluß auf seine Tugend und Glückseligkeit haben“, so bleibt der Beginn der von Bolzano im Lehrbuch der Religionswissenschaft (§ 2) gegebenen Definition unerwähnt, wo nach unter Religion „nicht eine bloße Lehre von Gott“ zu verstehen ist, sondern eben eine Lehre von Gott, die jene Lehren und Meinungen von Menschen einschließt. Nur ohne ihren Beginn ist Bolzanos Definition „so allgemein, dass es gar keinen vernünftigen Menschen geben kann, der keine Religion hat“ (S. 276), und ist es gerechtfertigt zu sagen, dass durch religiöse Sätze schlichtweg „Aussagen über Sitte und Moral getroffen werden“ (S. 276). Wie Strasser nicht bloß im explizit darauf bezogenen Abschnitt (S. 226–248) darlegt, nutzte Bolzano seine Erbauungsreden „als Medium der wahren Aufklärung“, die über das Streben nach Mündigkeit im Gebrauch des Verstandes hinausgeht und etwa auch einen entsprechenden Umgang mit religiösem Glauben oder Herzensdingen einschließt. Was Strasser (S. 158–162) über Bolzanos Auffassung von „wahrer Aufklärung“ schreibt, weist zwar in mancher Hinsicht Ähnlichkeiten mit Kants „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ von 1784 auf, doch erscheint es zutreffend, dass Bolzanos Ansatz umfassender und differenzierter ist als Vieles, das (nicht nur von Kant) als Aufklärung vermittelt wurde, und dass er insbesondere auch die Grenzen der Verstandesaufklärung mitgedacht hat, deren Missachtung laut Horkheimer und Adorno (1947) im Sinne einer „Dialektik der Aufklärung“ dazu führte, dass „die vollends aufgeklärte Erde […] im Zeichen triumphalen Unheils“ strahlt. Einen Hinweis auf Bolzanos Einsicht in jene Grenzen gibt Strasser (S.270) mit Bezug auf dessen Verständnis von „Glauben und Wissen“: Dabei handle es sich um „zwei besondere Zustände unseres Geistes im Hinblick auf seine Urteile: Wir glauben einen Satz M, wenn wir Gründe haben, ihn für wahr zu halten; wenn wir von ihm überzeugt sind, ohne dass wir diese Gründe oder Überzeugungen streng logisch beweisen können.– Wir haben Wissen über einen Satz, wenn wir seine Gründe bewiesen haben.“ In diesem Sinne ist es vernünftig, einen Satz für wahr zu halten, selbst wenn die verfügbaren Gründe ihm bloß eine gewisse Wahrscheinlichkeit verleihen. Eine andere Frage ist, ob ein solches Glauben im epistemischen Sinne so leicht mit einem Glauben im religiösen Sinne in Verbindung gebracht werden kann, wie es an der erwähnten Stelle geschieht.
143REZENSIONEN Und gilt Strassers Kritik an Kant, für den „Offenbarung und Wunder […] außerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ liegen, so dass wir im eigentlichen Sinne nichts darüber wissen können, nicht auch für Bolzano? Zumindest lassen seine Aussagen über Off enbarung und Wunder nicht nur realistische Interpretationen zu, sondern auch andere. Immanuel Kant ist bekanntlich jener der „deutschen Weltweisen“, mit dem sich Bolzano am meisten auseinandersetzte, nicht nur in seinen eigenen Schriften, sondern auch im Neuen Anti ‑Kant, den František Příhonský unter seiner Anleitung schrieb. Dies ist wohl ein Indiz dafür, dass Kants Philosophie für Bolzano eine ernster zu nehmende Herausforderung und Anregung zur Entwicklung seiner eigenen Gedanken war als die von anderen Autoren, insbesondere der „schwärmerisch“ veranlagten (vgl. dazu S. 306–358). So sehr nun aber Kantianer gut daran tun, auch Bolzanos Kritik am Kritizismus ernst zu nehmen, so problematisch ist es, dass Strasser (der diese Kritik sehr wohl mit Belegen aus Bolzanos Schriften darlegt) ohne Belege aus Kants Schriften diesem eine „willkürliche […] Beschränkung des menschlichen Erkenntnisvermögens“ (S. 125) und einen „unbegründeten logischen Skeptizismus“ vorwirft, ja sogar von einer „Suppe der Beliebigkeit“ spricht, in der sich „nicht nur jedes logische, sondern das Denken überhaupt“ erübrige (S. 316f.). Hat denn Kant, wie Strasser suggeriert, die Gültigkeit des Satzes vom Widerspruch bezweifelt– etwa wenn er 1790 schreibt, daß dieser „ein Prinzip ist, welches von allem überhaupt gilt, was wir nur denken mögen“? Kants Versuch, das von Hume formulierte Problem der Rechtfertigung empirischen Wissens durch Angabe von Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis überhaupt zu lösen, ist insofern als gescheitert anzusehen, als wir weiterhin über keine Gewissheit in Bezug auf die Gegenstände unserer Erfahrung verfügen. Zweifellos war Bolzano als Logiker Kant überlegen, und als solcher bewies er, dass es unendlich viele Wahrheiten an sich gibt. Damit ist aber weder bewiesen, dass es auch unendlich viele erkannte Wahrheiten gibt, noch, ob jene unendlich vielen Wahrheiten an sich (auch) empirischer Natur sind. Humes Problem schwelt also weiter… Nicht nur in dieser Hinsicht vermittelt Strassers Diktion einen „lustvoll -polemischen“ Eindruck, sondern etwa auch bei der Gegenüberstellung von Bolzanos Ethik mit jener von Kant, dessen kategorischen Imperativ er als „rätselhaft“ (S. 216) bezeichnet und dem er eine „leerlaufende Abgehobenheit“ (S. 323) bescheinigt; überhaupt sei Kants Ethik „gegenstandsund sinnlos“, weil „ihre Begründung in der ratio gekappt“ sei, und ohne „klare logische Basis und Methodik“ sei Pflicht „nichts als ein strenger, aber im Grund notwendig wirkungslos bleibender, letztlich hilflos fuchtelnder Fingerzeig“ (S. 320). Mit Recht weist Strasser darauf hin, dass der kategorische Imperativ als formales Prinzip (nämlich zur Bestimmung des moralischen Handelns) keine Anleitung zum moralisch richtigen Handeln in einer konkreten Situation bietet. Indes ist zu fragen, ob Ähnliches nicht auch für Bolzanos oberstes Sittengesetz gilt– wie Strasser selbst nahelegt, wenn er (S. 321) feststellt, für Bolzano gebe es „keinen ausnahmslo sen Zwang zum Befolgen in ethischen Belangen. Dies deshalb, weil nicht vorhersagbar ist, was das Gemeinwohl, als die oberste Regel, in jedem speziellen Fall fordern wird.“ Überhaupt dürfte den beiden Moraltheorien mehr gemeinsam sein, als es auf den ersten Blick scheint, nicht nur in der Anerkennung von „verdienstlichen“ bzw. „übergebührlichen“ Handlungen als moralisch bedeutsam, sondern auch in der Begründung der Notwendigkeit moralischen Handelns: Einerseits
144 BRÜCKEN 30/1 ist Bolzanos oberstes Sittengesetz laut Strasser (S. 216) ja ein „anthropologisches, biologisches Gesetz, das über die Eingrenzung des Egoismus der Individuen und deren Zusammenwirkung Arterhaltung ermöglicht“, andererseits aber versucht Kant in der Metaphysik der Sitten (1797) das „Gebot der praktischen Vernunft“ zu begründen, dass die Menschen miteinander in Frieden leben; um diesen zu gewährleisten, vereinigen sie sich unter „Rechtsgesetzen“, wobei ein (auch moralisches) Recht für Kant „der Inbegriff der Bedingungen“ ist, „unter denen die Willkür des einen mit der Willkür des anderen nach einem allgemeinen Gesetze der Freiheit zusammen vereinigt werden kann.“ Darüber ließe sich noch mehr sagen, auch mit Bezug auf Kants Verständnis von Freiheit als „Selbstverpflichtung“– mit dem Ergebnis, dass der Vorwurf, er nehme „dem Menschen die Freiheit der Entscheidung“ und bevormunde ihn kategorisch (vgl. S. 345f.), nicht gerechtfertigt ist. Auf Wittgenstein anspielend, betont Strasser (S.342), dass Bolzano (ebenso wie Schiller) „Ethik und Ästhetik als Eines auffasste.“ Das ist insofern zutreffend, als für Bolzano der moralische Nutzen von Kunstwerken entscheidend für deren Daseinsberechtigung war. In seiner Abhandlung Über die Einteilung der schönen Künste (1849) unterscheidet er jedoch die beiden Bereiche, indem er aus ästhetischer Perspektive eine enorme Vielfalt von (teilweise auch noch nicht realisierten) Künsten differenziert (von allereinfachsten Künsten des „bloßen Gedankens“ bis zu höchst komplexen Künsten, die geistige und eine Vielfalt sinnlicher Gege benheiten einschließen) und dann die Frage stellt, ob es aus moralischer Sicht angemessen ist, ein ästhetisch mögliches Kunstwerk auch zu schaffen. In dieser Schrift stellt Bolzano nicht nur sein logisch klares, systematisches Denken einmal mehr unter Beweis, sondern er unterscheidet auch (vielleicht als einziger Philosoph) die ästhetischen Kriterien zur Bestimmung von Kunst klar von den moralischen Kriterien zur Beantwortung der Frage, unter welchen Bedingungen es gerechtfertigt ist, ein Kunstwerk zu schaffen. Trotz seiner differenzierten Betrachtung von Kunst lag ihm anscheinend aber mehr an der Moral als an der Kunst, wie etwa sein Vorschlag zeigt, im „besten Staat“ keine dramatischen Stücke aufzuführen, da dies „ein Verstoß gegen den guten Geschmack“ und „eine der Sittlichkeit gefährliche Übung“ sei; dass dies nicht nur für einen idealen Staat gilt, zeigt aber etwa auch Bolzanos Bemerkung im Brief an Fesl vom 26. Oktober 1847, dass das Drama „von gar keinem Nutzen“ sei. Diesbezüglich äußert Strasser (S. 339) eine der wenigen kritischen Bemerkungen über Bolzano, wonach diesem der moralische Blick zuweilen „die künstlerische Bedeutung von Werken“ verstellt habe. Ansonsten liegt Strasser zwar daran, Bolzano als jemanden darzustellen, der den Menschen nahe war (und dem die Menschen nahe waren), doch überhöht er ihn dabei mitunter, sodass er wie ein Übermensch erscheint. Obwohl Strasser mit Recht bemerkt, dass Bolzano ein vorbildliches Leben geführt hat, zeigt sich dies doch nicht zuletzt in seiner Redlichkeit und Bescheidenheit, mithin also auch darin, dass ihm das von seinen Schülern in Rezensionen erteilte Lob unangenehm bzw. peinlich war und ihm Kritik lieber gewesen wäre. In der von Fesl im Dezember 1838 angeregten (und im November 1841 wieder aufgegebenen) „Preisaufgabe“ ging es ihm ebenfalls darum, dass „seine philosophischen und theologischen Ansichten“ von anderen Gelehrten nicht schlichtweg beurteilt, sondern durchaus kritisch beurteilt werden sollten (vgl. dazu S. 388). So gesehen hätte sich Bolzano vermutlich über Strassers Buch um so eher gefreut, je mehr Kritik darin enthalten wäre.
145REZENSIONEN Für sein Porträt des böhmischen Aufklärers Bolzano zieht Strasser zwar auch etliche von dessen zu seinen Lebzeiten oder postum veröffentlichten Schriften heran, doch liegt der Schwerpunkt deutlich auf den Erbauungsreden, in denen Bolzano seine Vorstellung von „wahrer Aufklärung“ einer heranwachsenden Generation von Intellektuellen praktisch vermittelt. Wer sich für diese aufklärerische Tätigkeit interessiert, findet in Strassers Buch eine Fülle von Anregungen. Im Bewusstsein dieses Fokus erscheint es auch naheliegend, dass Strasser die Zeit von 1820 bis 1848 eher kurz und mehr oder weniger als „Nachhall der Erbauungsreden“ darstellt (vgl. S. 396–407)– und sogar darauf verzichtet, Bolzanos Todestag (den 18. Dezember 1848) zu erwähnen sowie auf seine Einstellung zum Sterben einzugehen, die er wenige Tage zuvor gegenüber Wißhaupt auf den Punkt brachte: „Alles muß zum Ziele.“ Mit Recht betont Strasser, welchen Schaden Bolzanos Absetzung „für die Habsburgermonar chie, letztlich aber für die abendländische Kultur“ im Allgemeinen (S. 379) bedeutet, weil dadurch dessen „Weg der Aufklärung […] entscheidend geschwächt“ wurde. Unbeschadet dessen, dass Bolzano selbst seine Absetzung wie einen Geburtstag zu feiern pflegte, weil ihm dadurch (trotz Lehrund Publikationsverbot) die Möglichkeit zur freien wissenschaftlichen und philosophischen Tätigkeit eröffnet wurde, ist dem Verfasser im Bedauern über den angerichteten Schaden beizupflichten. Durch seine Absetzung wurden nicht nur Bolzanos Wirkungsmöglichkeiten zu seinen Lebzeiten eingeschränkt, sondern dies führte u.a. auch dazu, dass Bolzano „der gelehrten Nachwelt […] lange unbekannt geblieben“ ist (S. 421). Laut Strasser war es etwa „im englischsprachigen Raum […] lange Zeit unmöglich, etwas über den großen Unbekannten zu erfahren. Er fehlte in den Standardnachschlagewerken wie der Oxford Encyclopedia.“ Dieser Hinweis ist etwas kryptisch, da die einzige in Frage kommende Oxford Encyclopedia 1828–1831 in sechs Bänden erschienen ist, also zu einer Zeit, als Bolzano noch kein Kandidat für einen Eintrag war. Die erste bekannte (und durchaus lobende) Erwähnung Bolzanos findet sich 1837 im Gentleman’sMaga‑ zine, noch höheres Lob erfuhr er 1843 in der British and Foreign Review (vermutlich durch den ihm persönlich bekannten John Austin). Einen Lexikoneintrag zu Bolzano bietet erstmals 1872 ein Supplementband der English Cyclopedia; die Encyclopædia Britannica folgte 1876 in ihrer neunten Auflage nach. All das hat nicht gereicht, um Bolzano damals in der englischsprachigen Welt bekannt zu machen, und Ähnliches gilt für den deutschen (wie auch den tschechischen) Sprachraum. Ob deshalb, „vor allem gemessen an Bolzanos Anspruch, […] von einem umfassenden Scheitern des Philosophen“ zu sprechen ist (S. 427), bleibe dahingestellt, nicht zuletzt mit Blick auf Wittgensteins Einsicht, im „Rennen der Philosophie“ gewinne derjenige, „der als letzter ankommt.“ So gesehen können wir weiterhin aus dem (von Strasser ungeliebten) Goethe -Motto im ersten Band der Wissenschaftslehre die Zuversicht ziehen: „Die Ernte wird erscheinen.“