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Baltų mitonimų kilmė: vak. bl. „Pargrubi(j)us“ („G[r]ubrium“, „Pergrubrius“ ir kt.); lie. „maselis“

Rolandas Kregždys

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ROLANDAS KREGŽDYS Institut für Kulturforschung Litauens Forschungsschwerpunkte: alte baltische Religion und Mythologie, Quellenforschung; vergleichende Grammatik und Etymologie der baltischen und anderer indoeuropäischer Sprachen. URSPRUNG DER BALTISCHEN MYTHONYME: WESTBALT. PARGRUBI(J)US (G[R]UBRIUM, PERGRUBRIUS UND ANDERE); LIT. MASELIS Ursprung der baltischen Mythonyme: Westbalt. Pargrubi(j)us (G[r]ubrium, Perg rubrius, etc.), Lit. maselis Z U S A M M E N F A S S U N G Der Artikel bietet eine faktografische und etymologische Analyse der Mythologeme Pargrubij (A, B), Pargrubius (B, C) und ihrer Varianten (Grubrium [A], Gubrium [C], Perg rubrius [D, ε] usw.), die in der Sūduvių knygelė, einer Quelle zur Religion und Kultur der Westbalten vom Anfang des 16. Jahrhunderts, erwähnt werden, sowie der Bezeichnung maselis für eine Figur des litauischen Užgavėnės-Festes (LKŽe). Kurz werden die faktografischen Besonderheiten der westbaltischen Kulturquelle Sūduvių knygelė sowie das Phänomen Azazel (die Bedeutung der Maske eines sich bei Užgavėnės bewegenden Darstellers) erörtert. S C H L Ü S S E L W Ö R T E: Mythonym; Theonym; Semitismus; Sūduvių knygelė; Pargrubij, Pargrubius, Perg rubrius, Grubrium; maselis. Z U S A M M E N F A S S U N G Der Artikel behandelt die etymologische Analyse des westbaltischen Mythologems Pargrubij (A, B) / Pargrubius (B, C), einschließlich seiner Alternativformen Grubrium (A), Gubrium (C), Perg rubrius (D, ε) usw. sowie des litauischen Mythonyms maselis ‚ein Mann, der in der Kleidung der Fastnachtsmummer verkleidet ist‘. Außerdem gibt der Beitrag einen kurzen Überblick über die Faktenlage zum „Sudauer Büchlein“ und stellt das sogenannte Azazel-Phänomen vor (Bezeichnung des Ortes oder der „Macht“, zu der eines der Ziegenböcke im Tempeldienst am Versöhnungstag geschickt werden muss), Straipsniai / Articles 9 ROLANDAS KREGŽDYS d. h. das Sündenbockmotiv, das sich in den im Wörterbuch der litauischen Sprache gesammelten Daten widerspiegelt und sich auch in den Fastnachtsbräuchen nachweisen lässt, die drei Tage lang vor dem am Aschermittwoch beginnenden Fasten dauerten (in Litauen am Fastnachtsdienstag). S T I C H W Ö R T E R: Mythonym, Theonym; Hebraismus; „Sudauer Büchlein“; Pargrubij, Pargrubius, Pergrubrius, Grubrium; maselis. 0. EINLEITUNG. BESONDERHEITEN DER FAKTENGRUNDLAGE DES SUDauer BÜCHLEINS. DAS AZAZEL-PHÄNOMEN (DIE BEDEUTUNG DER MASKE DER FASTNACHTSGESTALT) In einer der bedeutendsten Quellen der westbaltischen Kultur hinsichtlich der Authentizität ihrer Fakten, dem Sudauer Büchlein1 (zu ihm und zur Literatur ausführlicher siehe Kregždys 2009), sind Angaben von besonderer2 Bedeutung enthalten, da sich viele spätere Forscher der baltischen Religion und Mythologie (oft auch deren Schöpfer bzw. Vertreter einer Kabinettsmythologie) auf die Nacherzählung des genannten schriftlichen Denkmals stützten und dabei die Interpretationen anderer zitierten (so legte beispielsweise nach Aussage von Ingė Lukšaitė Matas Praetorius die Angaben über die hier behandelte Gottheit „unter Berufung auf die Kenntnisse von Johann Meletius [Malecki] und Martin Murinius“ vor [MP I 645]). Folglich ist die einzige verlässliche Quelle, auf die man sich bei der Rekonstruktion der authentischen graphemischen Struktur bzw. der etymologischen Entwicklung des westbaltischen Pargrubi(j)us, der Bedeutung des Mythonyms (zur Bedeutung der Bestimmung des semantischen Wertes des rekonstruierten Wortes siehe ausführlicher Bréal 1964: 48–56; Mailhammer 2013: 5–6, 2013a: 20, 23, 25, 27) und seiner Funktionen stützen kann, allein das Sudauer Büchlein. 1 Oder Das Ziegenopfer der ungläubigen Sudauer samt allen von ihnen vollzogenen Zeremonien (Der ungläubigen Sudauen ihrer bockheiligung mit sambt andern Ceremonien, so sie tzu brauchen gepflegeth), wurde um 1520–1530 verfasst. Der Entstehungsort und die genaue Entstehungszeit des anonymen deutschsprachigen Werkes sind ebenfalls unbekannt (BRMŠ II 123). 2 Es ist bedauerlich, dass auch heute noch junge Forscher anzutreffen sind, die die Faktenlage schriftlicher Quellen äußerst leichtfertig beurteilen; vgl. beispielsweise die naive Behauptung von Vytautas Rinkevičius (2015: 21), Jeronimas Maleckis habe sich angeblich „um die Veröffentlichung des Büchleins gekümmert und dessen Vorwort (jedoch nicht unbedingt auch den Text des Büchleins selbst) verfasst“. Um solche anachronistischen Behauptungen zu vermeiden, sei betont, dass Wilhelm Mannhardt (1936: 306) bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts überzeugend nachwies und Ingė Lukšaitė (BRMŠ II 125) die These später anhand textologischer Analyseprinzipien erneut begründete, dass Jeronimas Maleckis lediglich das bis dahin in mehreren Abschriften verbreitete Werk eines unbekannten Autors herausgab (ausführlicher siehe Kregždys 2009: 179–180). 10 Acta Linguistica Lithuanica LXXIII Baltų mitonimų kilmė: vak. bl. Pargrubi(j)us (G[r]ubrium, Pergrubrius ir kt.); lie. maselis Besondere Beachtung verdient auch eine äußerst wichtige faktografische Eigenschaft dieser Quelle – das Kriterium der Zuverlässigkeit der Angaben, das anhand des zeitlichen Aspekts bestimmt wird: Von den bekannten (leider nicht vollständig erhaltenen) 10 Abschriften (mit den Großbuchstaben A, B, C, D, E, F, G, H, J, K bezeichnet), der Sekundärvariante ε der Abschrift E sowie 5 Nachdrucken (a, b, c, d, e) gelten die ältesten Handschriftenexemplare A, B und C als zuverlässig: 1) A, oder Folio 736a des I K; der Text reicht von S. 724a bis S. 738 – dies ist die wertvollste Abschrift3, angefertigt von einem professionellen Kopisten (siehe auch Kregždys 2009: 176); 2) B, oder S. 724a des Folios I E 36, angefertigt von einem professionellen Kopisten4; 3) C, oder Cod. Guelf. 14. 11 Aug. 4 (Blätter: fol. 1–17)5, ist von erheblich geringerer Qualität: Es gibt zahlreiche Lücken, und einige Seiten sind vollständig verloren. Wilhelm Mannhardt (1936: 238–239) zufolge ist ihr Wert um drei Viertel geringer als der der Varianten A und B (siehe auch Anm. 6). Die übrigen Abschriften, das heißt diejenigen der jüngeren Redaktion – *R (D, E, F, G)6, J und die Abschrift K der hybriden Variante aus den ältesten und diesen Gruppen, sind zwar in einem besseren Erhaltungszustand (nicht alle sind erhalten [siehe Kregždys 2009: 176–177]), aber hinsichtlich der Faktografie weniger zuverlässig, d. h. wegen möglicher Innovationen, die von den Mythologieforschern eingeführt wurden, welche sie abschrieben und das Material eigenständig interpretierten7 (ausführlicher siehe Kregždys 2009: 176–183). Dem Kriterium der Zuverlässigkeit der in den Abschriften enthaltenen Informationen zufolge ist die Faktografie der Abschriften A, B und C somit am wertvollsten bzw. authentischsten. Auf sie sollte man sich offenbar stützen, um die formale Vorform des westbaltischen Pargrubi(j)us zu rekonstruieren (bzw. die Etymologie des Theonyms zu bestimmen) sowie die Funktionen der Gottheit und ihre mögliche hierarchische Stellung im westbaltischen Pantheon zu ermitteln. 3 Die Foliierung nahm Kasparas Hennenberger vor. Sein ursprünglicher Titel lautet Der ungläubigern/Sudauen ihrer bock/heiligung mit sambt/andern Ceremonien/so sie tzu brauchen gepflegen; [S. 725a]: Der Sudauenn/wourschaity, welcher/Ihren Bock heiliget. Bis zum Zweiten Weltkrieg wurde sie in der Stadtbibliothek Danzig aufbewahrt; gestiftet hatte sie der Grundbesitzer Gralath. Derzeit befindet sich die wertvollste Abschrift A im LMAGBR (Ms. 1277; Mikrofilm-Nr. 716). 4 Der ungläubigen Su/dauen ihrer Bockheili/gung mit sampt an/dern Ceremonien so / sie tzu brauchen / Pflegenn; (S. 725) Der Sndauen wöursch/kaity, welcher ihren Bock heiligett. Diese Abschrift wurde in der Stadtbibliothek Danzig aufbewahrt; derzeit befindet sie sich im LMAGBR (Ms. 1271; Mikrofilm-Nr. 711). 5 Der Sudawen Bockheyligung und ander Ceremonien derselbenn, aufbewahrt in der Bibliothek Herzog Augusts in Wolfenbüttel, Deutschland, im Sammelband „manuscripta Augustea“. 6 *Mit R werden Handschriftenvarianten aus späterer Zeit bezeichnet. W. Mannhardt (1936: 239–240) zufolge sind diese Abschriften redaktionell mit der Abschrift C vergleichbar, da ihnen wie dieser die Einleitung und einige Abschnitte fehlen. 7 So erweitert beispielsweise der Verfasser der Abschrift K, oder Folio I E 20 (Pruische Chronica), heute im LMAGBR (Ms. 1279; ohne Mikrofilm-Nr.), einige Episoden erheblich und interpretiert die bereits zuvor bekannten Informationen auf eigene Weise neu. Die Auflistung der Götternamen und ihrer Funktionen ist darin aufgrund des Vergleichs mehrerer Handschriften und des Versuchs, eine einzige Variante darzustellen, äußerst kompliziert. Straipsniai / Articles 11 ROLANDAS KREGŽDYS Ein weiteres, in diesem Artikel behandeltes Problem ist die Herkunft des Mythonyms lit. maselis ‘eine als Gestalt der Užgavėnės-Bräuche verkleidete Person’ (LKŽe); es hängt mit dem Phänomen des Azazel zusammen (siehe unten), denn während dieses Festes, bei dem der Winter und seine Begleiter aus dem Hof vertrieben werden, hoffte man, alles erdenkliche Übel loszuwerden, indem man dessen Ursprung nicht dem eigenen Handeln (d. h. einer durch innere Kausalität bedingten Ursache), sondern äußeren Faktoren (d. h. dem Einfluss von Fremden) zuschrieb; darin sind also Erscheinungsformen des Pharmakos (gr. φαρμακός) oder des Sündenbockrituals (auch Azazelritual genannt8) zu erkennen9. Bei der Analyse der Entstehung des Mythonyms lit. maselis muss betont werden, dass „Obwohl in den Schriften des 17.–18. Jahrhunderts keine Verkleidung erwähnt wird, findet sich doch in einigen Dokumenten jener Zeit eine Beschreibung des Dämons (Hervorhebung von mir – R. K.), die dem Bild der Užgavėnės-Maskengestalt sehr nahekommt“ (Skrodenis 2009: 11). Folglich lässt sich vorsichtig vermuten, dass das Pharmakos-Phänomen (dazu siehe Anm. 8) die pejorative Konnotation (offenbar auch Funktion) der Užgavėnės- 8 Die Herkunft des Namens Azazel, des Anführers von 200 gefallenen Engeln (und seiner Varianten: Hazazel, Azael, Azozel), bzw. des althebräischen עזאזל, der im Ersten Henochbuch oder Äthiopischen Henochbuch (1 Hen 12–36 [einem der wichtigsten Werke zur Apokalypsenexegese aus der Zeit des Zweiten Tempels (siehe EJ VI 442–443, XIX 608 ff.)]) erwähnt wird, ist bis heute ungeklärt. Daher wird das Mythonym den Appellativa zugeordnet; vgl. die Erklärungsansätze zur Etymologie des Mythologems: 1. ‘fest + stark’; 2. ‘der Ziegenbock ging hinaus’; 3. ‘Vernichtung’; 4. ‘Ziegenbock + Gott’ (ausführlicher siehe Klein 1987: 468; Штейнбергъ 1878: 346]). Er begehrte die Töchter der Menschen (1 Hen 6.4), lehrte die Männer das Kriegshandwerk und die Frauen, sich zu schmücken (1 Hen 8.1–2). Die Funktion des Pharmakos (ausführlicher dazu siehe Harrison 1913: 45; Barton 1918: 186) wird in der rabbinischen Literatur, in der aramäischen Bibel und im Buch Levitikus (16.8–10, 21 [siehe Davidson 1971: 63; EJ II 763]) erwähnt. 9 Sie waren auch bei den Indoeuropäern verbreitet; so hielten etwa die Hellenen an einer solchen Tradition fest (ausführlicher siehe Harrison 1913: 44–45; Burkert 1977: 64–66; Cameron 2004: 181; Dougherty 2006: 20; Graf 2009: 76, 88; siehe auch EJ II 763), ebenso die Römer (Dunstan 2011: 540; Kuiper 2011: 162; Malitz 2005: 69; siehe auch Adkins, Adkins 2004: 325) und andere. Später wurde dieses Phänomen herangezogen, um die Ausrottung des jüdischen Volkes zu rechtfertigen (vgl. beispielsweise die Vertreibung aus Spanien [1492 (Beker 2008: 90)], aus Prag [1400], aus Mainz [1420, 1438, 1462] und aus weiteren Städten und Ländern [siehe EJ VII 523]; die Pogrome im Russischen Reich und den Holocaust). 12 Acta Linguistica Lithuanica LXXIII Baltų mitonimų kilmė: vak. bl. Pargrub(i)us (G[r]ubrium, Pergrubrius ir kt.); lie. maselis der Figur – (?) des Juden10, deren Entstehung11 durch die Profanierung der Glaubenslehren dieser Religionsgemeinschaft12 bedingt war. 10 Stasio Skrodenio (2009: 37) ir Arūno Vaicekausko (2009: 92) teigimu, jie buvę vieni pagrindinių Užgavėnių persirengėlių, ypač Žemaitijoje. Plg. išskirtinį semitų tautybės žmonių demonizavimą Velykų šventės metu taip pat Žemaitijoje (plačiau žr. Skrodenis 2009: 11–12, 42), kuris, tenka apgailestauti, iki šiol puoselėjamas Pievėnuose (Mažeikių r.). Saugodami kryžių Nukryžiuotojo Jėzaus bažnyčioje, šio kaimo gyventojai, persirengę kariais ir „žydais“ / „velykžydžiais“, pastaruosius stengiasi nuvyti nuo sakraliojo objekto, kad jo nepagobtų ir nesutrūkdy­tų krikščionių dievo prisikėlimo. Patys to nesuvokdami, minėtos šventės dalyviai tęsia viduramžiais atsiradusią krikščionių kraujo difamacijos (judėjų religijos aspektu) antisemitinę tradiciją (žr. 12 išn.). 11 Einige Forscher des Užgavėnės-Festes und seiner Masken formulieren offenbar, vielleicht um das verspottende oder verächtliche Bild fremder Figuren zu rechtfertigen, widersprüchliche Aussagen, die eindeutig Phantasmagorien nahelegen; vgl.: „<...> Die Masken der ‚Fremden‘ bezeichneten keine ethnische Zugehörigkeit, sondern dienten lediglich dazu, den Gegensatz zwischen fremd und eigen hervorzuheben. In ihren Ursprüngen waren die Masken des ‚Juden‘ <...> keine Ausdrucksformen eines bestimmten ethnischen Charakters; ihrer ursprünglichen Semantik liegt vielmehr ein mythisches Bild zugrunde, das mit irdischen oder unterirdischen Gottheiten – den Geistern der Ahnen, den Schutzgottheiten von Haus und Feld – verbunden ist“ (Skrodenis 2009: 39) // „<...> Die Figuren des Juden, des Zigeuners und des Bettlers erhielten ein Aussehen, das ihre ethnischen oder beruflichen Merkmale widerspiegelte“ (Vaicekauskas 2009: 69). Die geringe Stichhaltigkeit solcher Aussagen lässt sich mit dem Verhalten der Teilnehmer des Užgavėnės-Festes begründen: Sie trieben den Winter und seine Begleiter (die Maskengestalten) hinaus, also wollten sie das Böse loswerden (das Azazel-Phänomen). Es besteht kein Zweifel, dass die Einführung fremder Figuren spät erfolgte und offenbar durch die im Mittelalter entstandene verleumderische Ideologie zur Bewertung der Religion und Kultur des jüdischen Volkes bedingt war (siehe Anm. 12); vgl. die Besonderheit der Užgavėnės-Judenmaske, die mit der christlichen Blutverleumdung in Verbindung zu bringen ist: ein in der Nase befestigter kleiner Nagel oder eine Nadel, mit der die Maskierten den Dorfbewohnern beim Küssen der Hände schmerzhafte Stiche versetzten (Vaicekauskas 2009: 92–93). 12 Im Mittelalter wurden zwei Hauptkriterien religiöser Motivation formuliert, die den Hass auf Juden bedingten: 1) die Beschuldigung, Jesus Christus getötet zu haben (siehe Beker 2008: 90); 2) die Blutverleumdung, wonach christliches Blut für zwei Arten von Ritualen benötigt werde – 2a) man behauptete, sie entführten und töteten vor dem Pessachfest (dem jüdischen Passahfest bzw. althebr. pēsah bzw. פֶּסַח ‘Frühlingsfest, das vom 15. bis 21. des Monats Nisan [bzw. vom 10. März bis 11. April] gefeiert wird und an die Befreiung der Juden aus der ägyptischen Sklaverei erinnert; das Opfertier beim Pessachfest [gewöhnlich ein Lamm, vgl. althebr. pēsahim bzw. פְּסָחִים ‘Pessachlämmer; der 3. Traktat der Mischna’ (Brown, Driver, Briggs 2000: 1980; siehe auch EJ XVI 5–6) usw.’ (Brown, Driver, Briggs ibd.; siehe auch EJ XV 678–683)]) ein christliches Kind und töteten es (eine offenkundig falsche Anspielung auf das Blut des von den Juden geopferten Pessachlamms [vgl. althebr. dām bzw. דָּם ‘Blut des Pessachlamms’ (Brown, Driver, Briggs 2000: 535–538)], das beim Opfer in einem besonderen Gefäß / Kelch aufgefangen wurde; vgl. althebr. saf bzw. סַף ‘Schüssel, Kelch’ [siehe Brown, Driver, Briggs 2000: 1705–1706]), dessen Blut sie in den Teig des Ritualbrots gossen (vgl. lit. Substantiv mācas 2 [gewöhnlich Pl.] ‘österliches dünnes Fladenbrot aus Weizenmehl [im jüdischen religiösen Alltag]’ [LKŽė] < jidd. mace bzw. מַצָּה ‘ungesäuertes Fladenbrot aus Weizen-, Gersten-, Dinkel-, Roggen- oder Hafermehl; die einzige Brotsorte, die während des Pessachfestes gegessen wird’ ← althebr. maccāh bzw. מַצָּה ‘ungesäuertes Brot oder Gebäck’ [Weinreich 1977: 199; Brown, Driver, Briggs 2000: 1432; Klein 1987: 374; Wolf 1998: 62; siehe auch Velikovsky 1952: 42; EJ XIII 689–690]); 2b) außerdem beschuldigte man sie, Darstellungen des Heiligen Kreuzes, der Kommunion und christlicher Heiligen mit Seilen zu umwickeln und mit Nägeln zu durchbohren, bis diese zu bluten begannen (siehe Anglickienė 2004: 45; siehe auch Anm. 10). Straipsniai / Articles 13 ROLANDAS KREGŽDYS 1. WESTBALTISCHES PARGRUBI(J)US (G[R]UBRIUM, PERGRUBRIUS USW.): ETYMOLOGISCHE ENTWICKLUNG 1A. FORMALANALYSE DES MYTHONYMS Gemäß dem Kriterium der Zuverlässigkeit der in der Sūduvių knygelė enthaltenen Angaben (siehe Abschnitt 0) ist eine formale (bzw. graphematische) Analyse der Varianten des Theonyms vorzunehmen, d. h. die älteste bzw. authentischste strukturelle Form des Mythonyms zu ermitteln, die in den Abschriften A, B und C bezeugt ist. Die Abweichungen zwischen den in späteren handschriftlichen Varianten des Werks überlieferten Formen des Mythonyms sind wichtig, um die charakteristischen Veränderungen des Wortes und die Regelmäßigkeit ihrer Abfolgen festzustellen. Insgesamt werden in dieser Quelle (in den Abschriften und Nachdrucken) 17 Formen des Theonyms erwähnt, davon 3 Hypokoristika (siehe Tabelle)13. Geschlecht des Mythonyms Abschreibungs- / Nachdruckvariante Seitenangabe in W. Mannhardts Werk / Urheber der Abschrift(en) Pargrubij A, B 247 / professioneller Kopist Pargrubius B, C 247 / professioneller Kopist (A, B), unbekannt (C) Grubrium A13 249 / professioneller Kopist Gubrium C 249 / unbekannt Pergrubrius D, ε 246 / Johanas Freibergas (D), unbekannt (ε) Pergrubri D, E, ε 247 / Johanas Freibergas (D), Christophas Janas von Weissenfelis (E), unbekannt (ε) Pergrubrium *R, E, J, a 247, 249 / Christophas Janas von Weissenfelis (E), Matthaejus Waisselis (J) Pergrubriūs E 246 / Christophas Janas von Weissenfelis Pergrubij F 247 / Hansas von Kreytzenas Pergrubium F 249 / Hansas von Kreytzenas Pergrubius F, G, a, b, c, d 246, 247 / Hansas von Kreytzenas (F), Lukas Davidas (G) Pergubri J 247 / Matthaejus Waisselis 13 Viačeslavas Ivanovas und Vladimiras Toporovas (MHM II 302) geben aus irgendeinem Grund anstelle der Form Grubrium die von ihnen selbst erfundene Form ‡ Grubrius an und behaupten, sie sei in späten Schriftquellen belegt (welchen, wird nicht angegeben), obwohl diese Form nicht nur in den Abschriften und Nachdrucken des Sūduvių knygelės, sondern auch in den Werken späterer Autoren nicht erwähnt wird (siehe unten). 14 Acta Linguistica Lithuanica LXXIII Baltų mitonimų kilmė: vak. bl. Pargrub(i)us (G[r]ubrium, Pergrubrius ir kt.); lie. maselis Form des Mythonyms Variante der Abschrift / des Nachdrucks Paginierung von W. Mannhardts Werk / Autor(en) der Abschrift(en) Pergubrium J 247, 249 / Matthaejus Waisselis Pergribrius J 246 / Matthaejus Waisselis Pergubrius K 246 / unbekannt Guberium K 249 / unbekannt Pergrubrij a, b, c, d 247 Ausgehend von den offensichtlichen Besonderheiten der graphemischen Variation des behandelten Mythonyms (wobei nur s t r u k t u r e l l d i f f e r e n t e Formen d e s s e l b e n M a n u s k r i p t s verglichen werden [siehe Tabelle]), lassen sich exogene und endogene Typen struktureller Veränderungen unterscheiden (hervorzuheben ist, dass ihre Ätiologie sowohl natürlich bzw. von Sprachbenutzern / Anhängern der alten Religion intendiert sein kann als auch spät und dem Typ lapsus calami, d. h. Abschreibfehlern, zuzurechnen ist; ihre genaue Bestimmung ist offenbar nicht möglich [siehe Schema 1]): I. exogene Veränderungen: I.1. Aphärese (die Hypokoristika hervorgebracht hat): a) Grubrium A (↔ Pargrubij A) ← *Par-grubius (zur Epenthese eines Sonanten siehe Typ II.3.1); b) Gubrium C (↔ Parogrubius C) ← *Grubium ← *Par-grubius (zur Sonantenmetathese siehe Typ II.1); c) Guberium K (↔ Pergubrius K [zur Sonantenmetathese siehe Typ II.1]) ← *Par-grubius (zur Epenthese siehe Typ II.3.1) ← *Pargrubi/īs (vgl. Pargrubij A, B / Pargrubius B, C); II. endogene Veränderungen: II.1. distanzbedingte Sonantenmetathese: Gubrium C (← *Par-grubium [siehe Typ I.1]) ↔ Pargrubius C ← *Pargrubi/īs (vgl. Pargrubij A, B / Pargrubius B, C); II.2. durch Fernassimilation bedingte Veränderungen: Pergribrius J (← *Pergr-u-br-i-us [regressiv]) ↔ Pergubrium J; II.3. unregelmäßige Veränderungen: II.3.1. Epenthese parathetischer (bzw. nicht etymologischer) Laute: a) Guberium K ↔ Pergubrius K; b) Grubrium A (↔ Pargrubij A) ← *Pargrubius ← *Pargrubi/īs; II.3.2. Lautabsorption: Pergubri / Pergubrium J (↔ Pergubrium J) ← *Pergru-brius (vgl. Pergribrius J [zur Fernassimilation siehe Typ II.2]) ← *Pargrubius (vgl. Pargrubius B, C [zur Epenthese eines Sonanten siehe Typ II.3.1]) ← *Pargrubi/īs; II.3.3. durch Analogie bedingte Veränderungen: Pergubrius D, ε / Pergubriūs E / Pergrubri D, E, ε / Pergubrium *R, E, J, a / Pargrubij F / Pergubrium F / Pergubrius F, G, a, b, c, d / Pergubri J / Pergubrium J, Pergribrius J, Pergubrius K, Pergrubrij a, b, c, d ↔ Pargrubij A, B / Pargrubius B, C ← *Pargrubi/īs – mit dem ersten Stammbestandteil Straipsniai / Articles 15 ROLANDAS KREGŽDYS 1 SYSTEMATISCHE VERBREITUNG GRAFEMISCHER WECHSEL. Westbaltisch Pargrubi(i)us (G[r]ubrium, Pergrubrius usw.) Vokalwechsel in der Wurzel –a- > –e- vermutlich in Analogie zu altpreußisch percunis ‚Donner‘14 E 50 (zu diesem Lexem siehe PEŽ III 265–266). Aufgrund der festgestellten Regelmäßigkeiten der Veränderungen des Mythonyms lässt sich vorsichtig behaupten, dass alle besprochenen Formen eine rekonstruierte Ausgangsform *Pargrubī/is voraussetzen: Spätere Autoren (darunter auch die Abschreiber der Varianten *R des Sudauerbüchleins [siehe Tabelle]) geben von ihnen jeweils unterschiedlich interpretierte Formen des Mythonyms an (manchmal verändern sie deren Morphologie und passen die Wörter an das Deklinationssystem der jeweils verwendeten Sprache an): Jonas Maleckis-Sandeckis nennt die Form Pergrubrio (Dat. Sg. [BRMŠ II 203]), Jonas Bretkūnas – Pergrubrius (Nom. Sg. [BRMŠ II 307]), Aleksandras Guagninis – Pergrubiusa (Gen. Sg.), Pergrubi (Nom. Sg.), Pergrubios, Pergrubiusie (Vok. Sg. [BRMŠ II 482]), Motiejus Strijkovskis – Pergrubius (Nom. Sg.), Pergrubiusa (Gen. Sg.), Pergrubios, Pergrubiusie (Vok. Sg. [BRMŠ II 512, 515–516]), Jonas Lasickis Pergrubrio (Dat. Sg.), Pergrubrij (Gen. Sg.), Pergrubrium (Akk. Sg. [BRMŠ II 586]), 14Im hybriden K-Abschrieb des Sudauerbüchleins wird hervorgehoben, dass Pergrubrium der größte und mächtigste Gott war, vgl. „den grosten vnd mechtigsten got“ (BRMŠ II 129, 144; siehe ferner Unterabschnitt 1c.). 16 Acta Linguistica Lithuanica LXXIII Herkunft baltischer Mythonyme: westbaltisch Pargrubi(j)us (G[r]ubrium, Pergrubrius u. a.); litauisch maselis Wolfgang Christophoras Nettelhorstas – Pergubrio (Abl. Sg. [BRMŠ III 72]), Matas Pretorijus – Pergubrius (Nom. Sg.), Pergubrio (Dat. Sg.), Pergubrii (Gen. Sg.), Pergrubrius (Nom. Sg.), Pergubrio (Dat. Sg.), Pergubio (Dat. Sg.), Pergubrius (Nom. Sg.), Pergibrius, Pergubrii (Gen. Sg.), Perguberis (Nom. Sg. [Festbezeichnung]) (BRMŠ III 104, 121, 134, 141, 142, 147, 179, 183, 197), Laurencijus Bojeris – Pergrubos (Akk. Pl. [BRMŠ III 456]), Gothardas Fridrichas Stenderis – Pergruhbis (Nom. Sg. [BRMŠ IV 199]). Teodoras Narbutas (1835: 58–61) nennt Namen von weiblichen Gottheiten Grubite / Pergrubie. 1B. WESTBALTISCHER PARGRUBI(J)US (G[R]UBRIUM, PERGRUBRIUS USW.) HERKUNFTSBESCHREIBUNG Rimantas Balsys (2006: 57–60) labai išsamiai išvardija visus ligšiolinius mėginimus atskleisti aptariamos vakarų baltų dievybės vardo kilmę: a) M. Pretorijus leitet die Form Pergubrius her aus: a1) dem Verb litauisch ‡ paguberu15 (vgl. „Wieszpatie, Dieve, pagu-/beru dabar lauka mana etc. pristok mus, i. e. Herr Gott, jetzt he-/be ich an oder wil {be}arbeiten meinen Acker“ / „Herr Gott, ich beginne jetzt oder beabsichtige, mein Feld zu bestellen“ [MP III 500–501; siehe auch BRMŠ III 183, 289]); a2) dem „desiderativen Verb“ Per gū berū (vgl. „perguberu dirwą“ / „Ich will jetzo den Acker durcharbei-/ten lassen“ – „ich möchte jetzt das Feld bestellen“; „pergubyk tą žemę“ i. e. „Arbeit mir die Erde gutt durch“ – „bearbeite, bestelle mir jenes Land gut“; „pergubyk, iszgubyk / man gerrai“, „Knete ihn woll durch“ – „knete sie gut durch“ (MP III 264–265; siehe auch BRMŠ III 141, 256); b) Simonas Daukantas (1993: 78) mitonimą interpretuoja kaip verb. lie. perėti ir sub. lie. grūdas dūrinį; c) T. Narbutas (1835: 58), priskyręs sūduvių dievą lietuvių dievėms (žr. 1a poskyrį), nurodo savo paties sukurtą prolytę ‡ Grubios „ogrod kwiatowy i owocowy“; d) Algirdas Julius Greimas (1990: 454–455), besiremiantis Mikalojus Akelaičio spėjimu apie galimą mitonimo sąsają su verb. lie. grubtie ‘grubti’ (beje, pastarojo autoriaus kažkodėl nemini), teigia, kad dievybės vardą reikia kildinti iš sub. lie. grubas ‘paprasčiausias gruodas, nuo šalčio sukietėjusi žemės luoba, susidariusi sušalusio vandens – pašalo – dėka’; 15 I. Lukšaitės zufolge (MP I 645) führt M. Pretorijus kein litauisches Wort an, das das Mythonym Pergubrius begründet haben könnte. Straipsniai / Articles 17 ROLANDAS KREGŽDYS e) Simonas Stanevičius (1967: 257), bene vienintelis senosios kartos tyrėjų, pamėgino ieškoti žodžio kilmės prado, lygindamas prūsų sintagmą pergubuns wirst ‘turi ateiti, ateis’. Neben den von R. Balsys (ebd.) aufgeführten Herleitungen dieses Mythonyms ist auch die Vermutung von V. Ivanov und V. Toporov (MC 428) zu erwähnen, die sich der Prinzipien der Volksetymologie bedienen (bzw. auf dem Gleichklang von Wörtern und nicht auf einer linguistischen Analyse beruhen) und das betreffende Mythonym mit angeblich durch es vorausgesetzten partitiven Homophonen in Verbindung bringen: Subst. lit. grùblas ‚Haarbüschel; Unebenheit, Verhärtung, Rauheit; Knubbel‘ (LKŽe), Adj. lit. grubùs ‚verhärtet, erstarrt; uneben, holprig (gewöhnlich von einem Weg); grob, körnig; unhöflich, grob, rau‘, grublùs ‚rau, uneben‘ (LKŽe). Hervorzuheben ist, dass all diese Versuche, den Ursprung des Theonyms Pargrubi(j)us (G[r]ubrium, Pergrubrius u. a.) aufzudecken, wenig glaubhaft sind (einige von ihnen – insbesondere die frühen – sind als phantasmagorisch einzustufen, da sie mit von den Autoren selbst [M. Pretorijus, T. Narbutas] erdachten Wörtern begründet werden), da die Rekonstruktion der Vorform nicht anhand westbaltischer (mit Ausnahme der leider sachlich bzw. etymologisch unbegründeten Vermutung von S. Stanevičius [s. oben]), sondern anhand vermeintlich verwandter ostbaltischer Entsprechungen vorgenommen wird (darauf hat auch R. Balsys [2006: 58] hingewiesen). Der jüngste Versuch, die etymologische Entwicklung des bislang völlig ungeklärten Mythonyms Pargrubij zu ergründen (s. Blažek, Bětáková 2012: 80, 2014: 345–356), wird mit prussischem Sprachmaterial begründet. Leider ist er völlig misslungen, denn die Autoren der Vermutung interpretieren die für den Dialekt von Semba16, beziehungsweise das Pogesanische, charakteristischen dialektalen Merkmale falsch: „The root *grub- might come from the Baltic root *grāb- <...>“ (Blažek, Bětáková 2014: 346). Für diese dialektale Zone des Preußischen ist der Wandel balt. *ā > ū nur nach labialen und velaren Konsonanten charakteristisch (Būga III 106; Mažiulis 2004: 17–18), nicht aber nach Sonoranten (bzw. r, l, m, n). Außerdem interpretieren die Autoren der Hypothese (Blažek, Bětáková ebd.) die strukturellen Merkmale des prußischen Wortes, auf das sie sich bei der Formulierung einer neuen etymologischen Abfolge des Lexems stützen, falsch, indem sie eine Wurzel mit Langvokalismus westbalt. *grāb- ‚Hainbuche‘ rekonstruieren, während pruß. wosigrabis ‚Pfaffenhütchen‘ E 611 widerspiegelt 16 1257 unterwarfen die Kreuzritter Semba und verlegten 1283, nachdem sie den Großen Preußischen Aufstand niedergeschlagen hatten, 1600 Sudauer in den nordwestlichen Teil, aus dem besonders brutal verwüsteten Sudauen. Während der zweiten Etappe der Umsiedlung der Sudauer wurden weitere 1500 Menschen in den Gebietsteil verlegt, der von da an „Winkel der Sudauer“ genannt wurde (Mažiulis 1966: 23; MP I 683; Dini 2000: 217) und in dem die Jatwinger bis zum Ende des 16. Jahrhunderts lebten (Brückner 1904: 29) (Dusburbietis 2005: 275; siehe auch Kregždys 2009: 184). Es wird angenommen, dass die Entstehung des Sudauerbüchleins mit der Christianisierung des heidnischen Semba in Verbindung gebracht werden muss, das für Relikte des alten Glaubens bekannt war (Stanevičius 1967: 604), da bereits Erasmus Stella (2004: 58) in seinem Werk De Borussiae antiquitatibus (1518) behauptete, die Sudauer seien besonders religiös gewesen. Es wird vermutet, dass Vertreter dieses baltischen Stammes zu Beginn des 16. Jahrhunderts noch die alte baltische Religion pflegten (BRMŠ II 33; Stanevičius 1967: 604; siehe auch Kregždys 2009: 181, 183). 18 Acta Linguistica Lithuanica LXXIII Baltų mitonimų kilmė: vak. bl. Pargrubi(j)us (G[r]ubrium, Pergrubrius ir kt.); lie. maselis den kurzen Wurzelvokal –ā– des zweiten Kompositionsglieds bzw. westbaltisch *grābas ‚Hainbuche‘ (PEŽ IV 265). Aus diesen Gründen ist die von den Urhebern der Hypothese vorgeschlagene weitere Verbindung der preußischen Mythologeme mit dem italischen Theonym *Grābobius nicht möglich.17 Auf der Grundlage der in Unterabschnitt 1a festgestellten Regelmäßigkeiten struktureller Veränderungen des Mythonyms sowie der Kriterien zur Beurteilung der Zuverlässigkeit des faktografischen Materials zu den handschriftlichen Varianten des Sudūvių knygelės (siehe Unterabschnitt 0), ferner der etymologischen Entwicklung der Funktion der Gottheit und einer möglichen mythologisch-religiösen Kongruenz der indoeuropäischen Völker (siehe Unterabschnitt 1c), lässt sich vorsichtig vermuten, dass die rekonstruierte Form westbaltisch *Pargrubi/īs ‚Gott, der den Winter vertreibt, Blätter und Gras wachsen lässt und eine gute Ernte herbeiführt‘ (zur Bedeutung siehe Unterabschnitt 1c) ein Kompositum vom Typ tatpurusa widerspiegelt, das einen Beinamen eines der wichtigsten baltischen Götter – Perkūnas – voraussetzt: westbaltisch *Pargrubi/īs ‚Gott, der den Winter vertreibt, Blätter und Gras wachsen lässt und eine gute Ernte bewirkt‘ ← westbaltisch *Gar-brubi/īs (mit Metathese der anlautenden g- / b- des ersten Glieds¹⁸, bedingt durch eine instabile phonetische Realisierung¹⁹, vgl. den preußischen Personennamen Bogatini 1239 ‚eine besonders einflussreiche Familie in Ermland; generatio valde potens in Warmia‘ → preußischer Personenname 17 Andernfalls wäre im Elbinger Vokabular die Form pr. ‡ wosi-gr-o-bis / ‡ wosi-gr-oa-bis belegt (siehe PEŽ I 411–412), da in dieser Quelle aus dem Dialekt der Pamedener bl. *ā durch das Graphem o oder oa wiedergegeben wird (Mažiulis 2004: 17). 18 Ein solcher Lautwandel (er ist nicht nur für die West-, sondern auch für die Ostbalten charakteristisch; vgl. [a] das Theonym lit. Atlaibos ← *lai-ta-bas [Metathesetyp der ersten beiden Silben] < aus dem Substantiv lit. laitas ‚gestampfter Scheunen- oder Stubenboden, Unterlage; Unterseite des Ofens, Boden usw.‘ + dem Substantiv lit. lābas ‚Wohlergehen, Nutzen; das Gute; Besitz, Schatz, Gut usw.‘ ⇒ [Tatpurusa-Kompositum] *Laitalabas/īs ‚Besitz des gestampften Bodens ↔ Gottheit der auf den gestampften [offenbar des Dreschhauses] Boden geschütteten Körner ↔ Dreschhausgott‘ [ausführlicher siehe Kregždys 2011: 109–111]; [b] das Theonym lit. Chaurirari ‚Pferdegott‘ ← *Kauriraris ‚ebd.‘ ← nomen proprium [Theonym] lit. Kaukarus 598₁₂ [Kaukarius] ‚Berggott; Berg Gott‘, erwähnt von Jokūbas Brodovskis [JBŽ II 175, III 364; ausführlicher siehe Kregždys 2010: 64–65] usw.), könnte offenbar auch durch das Tabuphänomen bedingt sein; vgl. das Theonym lit. Jagaubis ‚Vulcanus; Ugnis szwęnta; Feuer-Gott‘ (erwähnt im Wörterbuch von Jokūbas Brodovskis) ← *Jaugabis ‚ebd.‘ ← Gabājūjis ‚Speichergott, kaukas, gabvartas‘ (Mierzyński 1900: 51; Būga I 210–211; LKŽe; zu dieser Gottheit siehe außerdem Kregždys 2012: 108) // s. kelt. Tanaro ‚Blitzgottheit; Jupiter tonans‘ ↔ gal. Taranis ‚ebd.‘ (Delamarre 2003: 290; Matasović 2009: 384; siehe auch Калыгин 2006: 143–144). 19 Sie könnte durch die strukturellen Merkmale des Mythonyms, d. h. einzelne Sonanten und/oder deren Verbindungen, bedingt gewesen sein. Die dadurch bewirkte Metathese ist nicht nur für die baltischen Sprachen charakteristisch (vgl. den prußischen PersonenNamen Perbande 1370 ↔ Prebande 1393 [Trautmann 1974: 76 (Beispiele für ähnliche Veränderungen bei Ortsnamen siehe Gerullis 1922: 224; Przybytek 1993: 197, 255; Blažienė 2005: 17, 356)], siehe außerdem SEJL 196, 206, 218, 223, 247, 360, 463, 501, 507, 517, 535 usw.), sondern auch für andere indogermanische Sprachen (siehe Gamkrelidze, Ivanov I 96, 128, 207, 816), zum Beispiel für die italischen Sprachen (siehe Vaan de 2010: 63, 76, 139, 407, 497). Auch die Möglichkeit eines sporadischen Wandels ist nicht auszuschließen (vgl. lit. dial. limiņš ‚Stab zum Drehen der Handmühle‘ [DvŽ I 363] ← lit. mi-liņš ‚Stäbchen zum Drehen der Hausmühle‘ [LKŽe]); vgl. den Hydronym lit. Metelỹs (Seirijai – Rajongemeinde Lazdijai), das bis heute vermutlich fälschlich vom Verb lit. mėsti ‚weit, hoch, nach unten werfen; etwas gezielt auf etwas werfen; etwas beim Wettwerfen weit werfen; entfernen, nicht mehr behalten (was unnötig oder ungeeignet ist); ins Wasser lassen, versenken (ein Netz, eine Angel, einen Anker); aus der Hand fallen lassen; entladen, leeren (einen beladenen Wagen) usw.‘ (LKŽe) abgeleitet wird, wobei behauptet wird, „Metelys ist ein ‚verzweigter,“} Straipsniai / Articles 19 ROLANDAS KREGŽDYS Gobatini ‚dasselbe‘ [SRP I 63, 680; Trautmann 1974: 19; siehe ferner Gerullis 1922: 21], ferner vgl. pruß. perdwibugūsnan ‚Kummer‘ III 5520–21 ← Verb. pruß. *dvibugū- ‚zweifeln‘ ← pruß. *dvigubū- ‚dasselbe‘ [PEŽ III 261; siehe ferner Smoczyński 2005: 98]; 2. sporadische Entstimmung von *b- zu > p-, vgl. pruß. Ortsnamen Bandune → pruß. Ortsname Pandune, pruß. Ortsname Boysite 1383 → pruß. Ortsname Poysite, pruß. Ortsname Bvnse 1385 → pruß. Ortsname Pvnse, pruß. Ortsname Pandike ↔ pruß. Ortsname Bandike [Trautmann 1974: 17, 19, 21, 74], ferner vgl. pruß. aus dem Dialekt von Semba poklusman ‚gehorsam‘ III 4116 ↔ pruß. boklusmans ‚gehorsam‘ [PEŽ III 311–312], deren dominanter Status möglicherweise durch die Verbindung des Mythonyms mit pruß. percunis ‚Donner‘ E 50 bedingt war [siehe ferner Anm. 14]) ← westbalt. *Gar-bruvi/is (mit Wechsel des [zweiten] -b- zu < -v- durch regressive Fernassimilation; vgl. andersartige Lautwechsel: pruß. Ortsname Bawand 1283 ← pruß. Ortsname Babant 1388, pruß. Ortsname Curwin 1405 → pruß. Ortsname Cur-ben [Gerullis 1922: 18, 77; weitere Beispiele siehe Gerullis 1922: 220]20) ← westbalt. *Gar-burvi/is (mit Metathese von -ru- zu < -ur-; vgl. pruß. Ortsnamen Bruteno, Brutteno, Brude-no, Bruteni ‚Bruder des Videwuto, oberster Priester der Prußen [6. Jh.]‘ [siehe BRMŠ II 47, 52–54, 56–59, 61, 64, 67, 68, 70, 75, 76; siehe ferner Kregždys 2012: 30; Anm. 22.]21 19 iššimtes ežeras““ (Vanagas 1981: 212–213; dar žr. Tamulaitienė 2014: 289), nors tokį spėjimą paneigia ežero kartografinis vaizdas. ABB. Kartografische Projektion des Sees Metelys (siehe https://www.google.lt/maps/place/Metelys/) Es lässt sich die vorsichtige Hypothese aufstellen, dass dieser Hydronym metathetischen Typs ist; vgl. lit. Flussname Temelys (Gudžiūnai – Rajon Kėdainiai), der die Wurzel des lit. Substantivs temà ‚4 „dunkle Tageszeit, Zustand des Abends oder der Nacht“‘ (diese Bedeutungsvariante wird in den Rajonen Šiauliai und Alytus [sowie anderswo] verwendet, d. h. in der Nähe der Lokalisierung der untersuchten Hydronyme [LKŽė]) + Suffix *-eli̯ō- (dazu siehe Skardžius I 175–178) widerspiegelt und die Archisemem *‚dunkler Fluss/See ← in schattigem Gebiet fließender Fluss, schattiger See‘ voraussetzt; er entstand durch den Wechsel der Strukturelemente t-m- > m-t-. 20 Dar plg. iki šiol neaiškios kilmės (Vanagas 1981: 55) hidr. lie. Babùlis up. (Alanta [Molėtų r.]) galimą raidą, suponuojant metatezę ir priebalsių asimiliaciją: *Ba-pu-lis ← hidr. / top. lie. Bālu-pis b., pv. (Saločiai [Pasvalio r.] – LVŽ I 351). 21 Siehe ferner Šimėnas 1994: 18ff.; Stela 2004: 23, 87, 109, 111; Beresnevičius 1995: 77 ff., 2004: 66, 108–109, 181, 219–220, 253; Dini 2014: 280. 20 Acta Linguistica Lithuanica LXXIII Herkunft baltischer Mythonyme: westbalt. Pargrubi(j)us (G[r]ubrium, Pergrubrius u. a.); lit. maselis ←22? pruß. Personenname *Burtenas/–is *‚derjenige, der weissagt, rätselhafte Zeichen deutet bzw. prophezeit = Priester‘ ← pruß. Adjektiv *burtenas *‚zum Wahrsagen bestimmt, der Weissagung‘ [mit dem Suffix -en- (ausführlicher dazu siehe Trautmann 1974: 167–168; ferner Mažiulis 2004: 27)], ferner vgl. pruß. Personenname Perbande 1370 ↔ Prebande 1393 [Trautmann 1974: 76; siehe ferner Anm. 19]), vgl. pruß. Ortsnamen Burwitte 1292, Borowiten 1301, Borwite 1315 (~ kurländischer Personenname Burwe 1571 [ПЯ I 267]) (Gerullis 1922: 24) ←23 pruß. garrin24 ‚Baum‘ III 1058 (~ pruß. garian ‚dasselbe‘ E 628 [PEŽ I 326–327]) + pruß. *bury- *‚Wahrsagung, Prophezeiung; Zeichen‘ (ПЯ I 266, 267–268), die eine protosemantische Bedeutung der Form *Gar-burvi/īs *‚Baum – Wahrsager, Wahrsagebaum‘ voraussetzen, die eine der ältesten usuellen und hierophorischen (bzw. mit der Tätigkeit eines Priesters verbundenen) Funktionen des indogermanischen Donnergott-/Blitzgottes widerspiegelt: die Mantik, die auf der Beobachtung und Deutung struktureller Elemente (Blätter) des Baumtotems (der Eiche [siehe Schema 2]) beruht (siehe Unterabschnitt 1c; Schema 2). 1C. FUNKTIONALE ATTRIBUTION DES WESTBALTISCHEN PARGRUBI(J)US (G[R]UBRIUM, PERGRUBRIUS U. A.) UND MÖGLICHE MYTHOLOGISCHE ENTSPRECHUNGEN BEI ANDEREN INDOGERMANISCHEN VÖLKERN Im Sudauerbüchlein wird die Hauptfunktion des westbaltischen Gottes Pargrubi(j)us erwähnt (eine Analyse sekundärer bzw. späterer Autoreninterpretationen ist wohl kaum sinnvoll 22 Die Etymologie dieses Mythonyms (datiert auf das 6. Jh., d. h. 521 [siehe Beresnevičius 1995: 85]) ist bislang nicht geklärt: Vytautas Mažiulis erwähnt sie nicht in PEŽ, während Vladimir Toporov (ПЯ V 423) lediglich einen Vergleich mit dem Namen des preußischen Dorfes Brutnino 1255 anstellt, der möglicherweise etymologisch mit dem Namen des obersten Priesters der Prußen zusammenhängt. Eine sehr gewagte, aber völlig unglaubwürdige Darstellung der Entwicklung des Wortes (Ethnonyms) bietet Zenonas Ivinskis (LE XXIV 170). Später interpretierten Marta Eva Běťáková und Václav Blažek (2012: 49) sie neu und rekonstruierten *Prutenis / *Prutenas sowie das Eponym des Ortsnamens *Prutenia ‚Preußen‘. Diese Vermutung wäre erwägenswert, wenn ihre Autoren sich nicht auf die späte (beginnend mit den Dokumenten des Deutschen Ordens [siehe Kuzavinis 1964: 5], d. h. ab dem 13. Jh.) lateinische Bezeichnung des Siedlungsgebiets der Prußen Pruthenia (siehe Kabelka 1982: 42), sondern auf die prußische Bezeichnung (zunächst offenbar nur Pogesanien [Būga III 120]), d. h. pruß. *Prūsā ‚Preußen, Prūsa‘ (PEŽ III 360), gestützt hätten, die möglicherweise den prußischen Personennamen *Prūsenis ‚Brutenis‘ nahegelegt hätte; eine solche Form ist jedoch nicht belegt. Folglich ist die genannte Hypothese grundsätzlich falsch. 23 Vielleicht ließe sich vorsichtig auch eine Vorform des prußischen Personennamens *Gar-burti/īs (mit sporadischem Wechsel des [zweiten] -b- zu < -t-) < *Gar-burti/īs rekonstruieren; vgl. pruß. Personenname Burthe (Trautmann 1974: 21; siehe ferner ПЯ I 266–267) < aus pruß. *burt- *‚Wahrsagung, Prophezeiung; Zeichen‘, jedoch sind Belege für den Wechsel t > b in den prußischen Schriftdenkmälern und der Onymgraphie bislang nicht festgestellt worden. 24 Mit geschwundenem Bindevokal; vgl. pruß. kellaxde ‚Schaft eines Speers‘ E 423 ← pruß. *kel’ā-lagzdē ‚dasselbe‘ (PEŽ II 160). Straipsniai / Articles 21 ROLANDAS KREGŽDYS hinsichtlich des Status der Phantasmagorie [zu den Motiven siehe Unterabschnitt 0; siehe außerdem Vėlius 2012: 346, 349; Beresnevičius 2004: 184]: der lest wachsen laub und gras (BRMŠ II 128), d. h. „er lässt Blätter / Laub und Gras wachsen“, und nicht „er lässt Blätter und Gras wachsen“ (BRMŠ II 144), wie Vytautas Balašaitis und Sigitas Plaušinaitis übersetzen, sowie du treibest den winter hinweg und gibst In allen landen laub und gras (BRMŠ II 130), d. h. „du vertreibst den Winter und bestimmst in allen Landen Blätter / Laub und Gras“, vgl. „du vertreibst den Winter und bringst dem ganzen Land Blätter und Gras zurück“ (BRMŠ II 145). Folglich besteht die Funktion des Gottes darin, einen Wachstumsimpuls zu geben (bzw. den Auftakt des Lebenszyklus herbeizuführen), nicht aber den gesamten Wachstumsprozess zu steuern (die Bedeutung der Dauer der Funktion einer Gottheit hebt A. Greimas [1990: 463] besonders hervor, indem er sie als eines der Motive für die Einteilung der Götter in uranische und chthonische bewertet); das heißt, es besteht kein Zweifel daran, dass die in der Quelle beschriebene Gottheit zumindest formal uranisch sein müsste (offenbar reflektiert sie den Beinamen des Perkūnas, der die Erde mit seinem Blitz erweckt), nicht chthonisch (diese Funktion der baltischen Gottheit ist offenbar äußerst archaisch und kann daher nur rekonstruiert werden; vgl. die sehr alte Vorstellung des gehörnten Perkūnas [ausführlicher siehe Kregždys 2012: 138]), wie einige Forscher aufgrund einer ungenauen Übersetzung von BRMŠ oder ihrer eigenen Interpretation behaupten (siehe Vėlius 1983: 58, 62; Laurinkienė 1990: 118, 120). V. Toporovas (Топоров 1972: 303–304; Toporov 2000: 15–16, 24–30; Топоров II 235, 238, 253) itin daug dėmesio skyrė baltų dievų sąrašų lyginimui, lyg tai lemtų aptariamų dievybės funkcijų nustatymą. Dar kiti tyrėjai (žr. Greimas 1990: 454; Puhvel 2001: 226; Baldžius 2005: 459; Dini 2010: 105) apsiriboja abstrakčios pavasarinės augalų vegetacijos funkcijos konstatavimu (plg. „<...> Pergubris atrodo tik kaip specializuoto pavasarinio Perkūno epitetas“ [Greimas ibd.]; „Pergrubius, è il dio preposto in varie fonti alla vegetazione e connesso al rigoglio primaverile“ [Dini ibd.]), nors Sūduvių knygelėje nurodoma, kad šiai dievybei aukota ne tik pavasarį, t. y. „<...> prieš išeinant su plūgu į laukus.“ (BRMŠ II 144–145), bet ir rudenį, nuėmus derlių resp. „<...> po rugpjūčio.“ (BRMŠ II 145; dar žr. Balsys 2006: 60). Jonas Balys (JBR II 344), tiesa, abejodamas, nurodo derliaus ir vaisingumo funkciją (dar žr. Balsys 2006: 62), Gintaras Beresnevičius (2004: 196) – darbo dievo veiklos sritį. Kiti tyrėjai (žr. Kolczyński 1996: 83–84) konstatuoja, kad dievybės funkcinė apibrėžtis yra visiškai neaiški. 22 Acta Linguistica Lithuanica LXXIII Herkunft baltischer Mythonyme: westbalt. Pargrubi(j)us (G[r]ubrium, Pergrubrius u. a.); lit. maselis Ausgehend von der im Unterabschnitt 1b dargestellten etymologischen Entwicklung des Mythonyms (sofern sie zutrifft), wäre es offenbar falsch anzunehmen, dass die Verbindung zwischen den in der Sūduvių knygelė erwähnten Funktionen des Theonyms Pargrubij und seinem Namen eine gelegentliche reminiszente, nicht aber eine genetische sei. Die Unterscheidung zweier Phytonyme (Blätter und Gras, nicht Knospen, Blüten oder Früchte) könnte auch Relikte einer äußerst archaischen Verehrung des baltischen Donner- / Blitzgottes Perkūnas widerspiegeln, der mit dem Totemobjekt, der Eiche, verbunden ist (unter Berücksichtigung sowohl der neu festgestellten als auch der bereits bekannten etymologischen Verbindung, vgl. balt. *perkūnas = *Perkúnas ‚Donner- / Blitzgott‘ ← balt. Adj. *perkúnas ‚derjenige, der mit dem Baum des Perkūnas [der Eiche] verbunden ist‘ < balt. *perkus ‚Baum des Perkūnas = Eiche‘ [siehe Berneker 1896: 312; PEŽ III 265–266; siehe außerdem Караповъ 1913: 92–93]). Simonas Grunau (1876: 69) Kronikoje (dėl jo veikalo duomenų patikimumo žr. Beresnevičius 2004: 78–81; dar žr. Kregždys 2009a: 131–135) mini svarbų vakarų baltų sakralinių apeigų faktą: prūsai aukojo Perkūnui ožį, o jo mėsą kepė ant ąžuolo lapų: „Zum ersten nam der crywe kyrwaito einen bock und den vor der eichen todte vor allir sunde willen, und dis fleisch mit anderem zu Rickoyto vor der eichen britten mit den blettrn von der eichen <...>“ (dar žr. Mannhardt 1936: 225; Beresnevičius 2004: 78). Minėtina, jog keltai tikėjo, kad deginamų ąžuolo lapų dūmai apvalo vietą, kurioje vyksta šventosios apeigos (žr. Phythyon, Soesbee, Bennighof 2002: 92). Slavų kraštuose, norėdami apsaugoti ligonius nuo blogio, smilkydavo juos deginamų ąžuolo lapų ir šakų dūmais (СД II 145). Armenai sergančiajam duodavo ąžuolo pelenų antpilo (Ананикян 2010: 28–29). Pasakodamas apie dievo Patulo (Patollo) galias ir aukas jam, S. Grunau (1876: 95) atskleidžia labai svarbų religinį apeiginį ypatumą – Romovės šešių uolekčių storumo žiemą ir vasarą žaliuojantis ąžuolas (apie jį dar žr. Kregždys 2009a: 133, 135, 137, 141, 156–157, 159, 168) buvo naudojamas baltų pamirštai toteminei mantikai resp. pranašavimui / b ū r i m u i: „Darumb mit namen nicht lange geharrret, man qwam ken Rickoiot und gab eim waidl otten ein gobe, und dieser im schnet eine wunden in den arm, domit das blut herausliff, noch welchem man horte ein b r u m m e n i n d e r e i c h e n, und dis war ein zechen, und es solt vorricht sein, und qwam dornoch nimmer wider und spuchte.“, t. y. „Tada žmogus ilgai nedelsęs eidavo į Rikojotą (Rickoiot), duodavo vaidilučiui (waidl otten) dovaną, o tasai rėždavo jam žaizdą į ranką, kad kraujas ištrykštų, po to pasigirsdavo m u r m e s y s ą ž u o l e, ir tai būdavo ž e n k l a s, kad susitaikyta, ir tasai dievas niekad nebeidavo vaid entis“ (BRMŠ II 112). Es besteht kein Zweifel daran, dass das von S. Grunau erwähnte Murmeln das Rauschen der Eichenblätter ist (siehe Schema 2), dessen außerordentliche Bedeutung auch die Hellenen erkannten und an dessen mantische (bzw. prophetische / divinatorische) Kraft sie glaubten. In Dodona, einem Gebiet im nördlichen Epirus, verehrten die alten Griechen den unterirdischen Zeus als Gottheit mit agrarischen (gr. Ζεὺς χθόνιος [siehe Зайцев 2005: 78]) und mantischen Funktionen (gr. Ζεὺς καταχθόνιος [siehe Нильссон 1998: Straipsniai / Articles 23 ROLANDAS KREGŽDYS 34, 143]), dessen Orakel – die heilige Eiche (ἡ παλαιὰ φηγός) – manche Forscher als den ältesten Ort sakraler Riten in Hellas bezeichnen (ausführlicher siehe Harrison 1913: 22, 31, 34; Lhôte 2006: 49–56). An diesen Ort reisten Hellenen, die die Zukunft erfahren, die Gunst der Götter gewinnen und dergleichen wollten. Die Weissagungen vollzogen Priester und Priesterinnen, die in schriftlichen Quellen mit mehreren Hieronimen bezeichnet werden: 1) gr. ἀνιππόπους ‘Priester des Zeusorakels in Dodona ↔ der sich die Füße nicht wäscht’; 2) gr. Σελλοὶ ἀνιππόποδες ‘autochthone Einwohner Dodonas, die das Zeusorakel betreuten ↔ die sich die Füße nicht waschen’; 3) gr. Τόμουροι ‘Zeuspriester von Dodona’ (←? *Τομάρουροι [Chantraine IV¹ 1124) [mit Absorption des Wurzelvokals -άσ-] < top. gr. Τόμαρος ‘Berg Tomaros in Dodona’ [Pape II 1540] [? < top. gr. Τόμις / Τομεύς / Τομεύς / Τόμοι u. a. [siehe Pape ibd.] + gr. ὄρος [ion. οὖρος] ‘Berg’ [anders erklärt von Hjalmar Frisk (II 909): τομάρ-ουροι ↔ οὖρος ‘Wächter’] ~ Τομοῦροι ‘Zeusorakel von Dodona’ [Pape ibd.]); 4) gr. πέλειαι ‘Priesterinnen – Wahrsagerinnen (? in Dodona)’ ← πέλεια ‘dunkel gefärbte wilde Taube (Columba oenas)’ (siehe Il. 16. 234 – LS 131, 1171, 1380, 1563; ausführlicher siehe Kregždys 2012: 117, 161, 221, 495–496; Крэгждис 2011: 284). Sie deuteten den Willen des unterirdischen25 Zeus26 bzw. Ζεὺς καταχθόνιος (Pape I 441; siehe auch Лосев 1957: 46, 123; Иванов 1994: 19, 332; siehe ferner Kregždys 2012: 92, 138, 487–488), indem sie auf das Rauschen der Blätter der Eiche von Dodona achteten (Кагаровъ 1913: 104). Sehr ähnlich deuteten bzw. weissagten auch die Kelten den Willen der Götter und die Zukunft, indem sie auf das Blätterrauschen der Eiche27 – deus rōbus (~ lo. Jū[p]piter) – achteten (Phythyon, Soesbee, Bennighof 2002: 91; siehe auch Филип 1961: 43, 75). Solche Mantikriten (Weissagung aus Baumblättern) gab es auch in den von Italikern bewohnten Gebieten, doch in römischen Schriften ist nur eine Erzählung über die Zukunftsdeutung anhand unterschiedlicher Farbtöne der Blätter einer Pappel, nicht einer Eiche, überliefert (Штаерман 1987: 271). Die Nordgermanen glaubten, dass ihre heilige Esche (arbor vitae ↔ axis mundi = s. isl. Yggdrasill) durch das Zittern und Rauschen ihrer Blätter das Ende der Welt ankündigen werde (siehe Davidson 1990: 191; siehe auch Kregždys 2012: 266, 327, 430, 470). Übrigens waren Blutopfer (einschließlich Menschenopfer), mit denen man einen Angriff der Geister abwenden wollte, wie bei den alten Preußen auch im Opferkult der Hellenen üblich (vgl. den Mythos 25 Das heißt lunare und nicht solare Gottheiten; vgl. die Epitheta des Zeus aus der uranistischen Sphäre: Ζεὺς νεφεληγερέτα ‚Zeus, der Wolkensammler‘, Ζεὺς οὐράνιος ‚der himmlische Zeus‘ (siehe Il. IV 30; Od. I 63; Pape I 442). 26 Eine Gottheit ähnlicher Ätiologie, beispielsweise Dis (lo. Dīs / Dīs pater) ‚Pluto bzw. Unterweltsgott‘ ↔ lo. Di(ē)spiter ‚Jupiter; Pluto‘, verehrten auch die Italiker (ausführlicher siehe Kregždys 2012: 373). 27 Vgl. s. bret. / [s.] korn. dar ‚Eiche‘, air. daur ‚ebd.‘, gal. *derua, *d(e)rullia ‚ebd.‘ (siehe Pedersen 1909: 144; Matasović 2009: 91; IEW 214–217; Buck 1988: 48–49; Gamkrelidze, Ivanov II 525–526; Lucht 2007: 401–402, 404). 24 Acta Linguistica Lithuanica LXXIII Herkunft baltischer Mythonyme: westbalt. Pargrubi(j)us (G[r]ubrium, Pergrubrius usw.); lit. maselis 2. SCHEMA. Ätiologie der Funktionen von westbalt. *Garburū̄/īs apie piktąjį demoną Forbantą [gr. Φόρβας (žr. Pape II 1643)], gyvenusį ąžuole ir kabinusį nužudytų žmonių galvas ant jo šakų [Караговъ 1913: 107]). Die Erwähnung des mythologischen Referenten ‚Gras‘ könnte ebenfalls mit dem Wirkungsbereich des Gottes Perkūnas in Verbindung gebracht werden, denn die Ätiologie des unterirdischen Zeus (bzw. des Gottes der chthonischen Sphäre) (siehe Kregždys 2012: 92, 138) setzt eine protohellenische lunare Gottheit voraus, die in ihren Funktionen dem litauischen Mond nahekommt, der „<...> das Wachstum der über der Erdoberfläche befindlichen Pflanzenteile, d. h. der Stängel und Ähren, fördere“ (JBR II 26; siehe auch Kregždys 2012: 233). Die Ostbalten (Litauer) säten und pflanzten Gemüse außerdem während der abnehmenden Mondphase, damit dessen Wurzeln (bzw. Wurzelgemüse) kräftig würden, d. h. eine funktionale Zuschreibung des Neumonds Straipsniai / Articles 25 ROLANDAS KREGŽDYS Der Vegetation des oberirdischen Pflanzenteils wurde zugeschrieben, der gute Ertrag dagegen dem unterirdischen Teil (siehe JBR II 177). Auf der Grundlage der genannten Argumente lässt sich die vorsichtige Annahme einer dualistischen kongruenten Genese des baltischen Donnergottes formulieren (vgl. die Verbindung zwischen dem litauischen Donnergott Perkūnas und dem gehörnten Perkūnas / gehörnten Alten [↔? preußisch Patulo], gestützt auf die genetische Kongruenz des identischen italischen Jū(p)piter ‘Himmelsgott’ ↔ Jū(p)piter Stygius ‘Jupiter der Unterwelt = lat. Pluto’); vgl. das in alten litauischen Gebeten an den Neumond erwähnte Reich nicht Gottes, sondern Perkūnas’ (siehe Kregždys 2012: 138, 373). Im Laufe der Zeit könnte die funktionale Motivation des Mythonyms in Vergessenheit geraten sein (ebenso wie die dualistische Genese des Perkūnas, der dendronymische Referent und die Tradition des lunaren Kults), und zwar aufgrund der besonders zahlreichen phonotaktischen Veränderungen des Onoms, die den Verlust des Bedeutungszusammenhangs seiner strukturellen Elemente nach sich zogen, sowie aufgrund der religiösen preußischen Reform (dazu siehe Beresnevičius 1995: 103–118). Daher wurde der Theonym sowohl als Gottheit des Vegetationsbeginns (den Anstoß gibt Perkūnas’ Frühlingsblitz) als auch als Erntegottheit (Reminiszenz an den lunaren Kult) verstanden. Zusammenfassend lässt sich vorsichtig annehmen, dass westbaltisch *Garburvī/īs (→ *Pargrubī/īs) ‘Gott, der den Winter vertreibt, Blätter und Gras wachsen lässt und eine gute Ernte bewirkt’ (< *‘Baum – Wahrsager, Zauberbaum’) eines von vielen Epitheta des Perkūnas ist (siehe auch Greimas 1990: 454), die einen sakralen Referenten mit besonders archaischer mantischer Funktion voraussetzen – ein dendronymisches Totem, das von den Hellenen, Kelten und Nordgermanen (vielleicht auch von den Italern) verehrt wurde. Folglich könnte dieses Mythonym den Isomythologemen der Balten und der genannten indoeuropäischen Völker zugerechnet werden. 2. LIT. MASELIS ‘EINE NACH FASTNACHTSBRAUCH VERKLEIDETE PERSON’ Im LKŽe wird angegeben, dass im Gebiet der ostoberlitauischen Panevėžys-Mundart – in der Umgebung von Šeduva – die Bezeichnung maselis für einen Teilnehmer des Fastnachtsfestes, einen Verkleideten, gebraucht wird (oder einst gebraucht wurde). Auf Grundlage der lexikografischen Beschreibung dieser Form (es wird nicht angegeben, dass es sich um ein Lehnwort handelt) ordnen die Wörterbuchverfasser sie dem ererbten litauischen Wortschatz zu. Dieser Entscheidung zuzustimmen ist aus mehreren Gründen nicht leicht: 1) Es lässt sich kein Beleg für den Gebrauch des assimilatorischen Suffixes lit. -ala- > -ela- im ostoberlitauischen Gebiet annehmen (siehe Skardžius I 175–176), also kann das Wort nicht aus dem Substantiv lit. māsalas3b (ugs.) ‘was zum Anlocken dient, Lockmittel; Aas zum Anlocken von Jagdwild’ DŽ; LL 272; ‘am Haken befestigtes Futter zum Anlocken von Fischen beim Angeln’ rš (LKŽe) hergeleitet werden, da für eine solche funktionale Konnotation bei der Bezeichnung einer Fastnachtsfigur keine Belege vorliegen; 2) Auch die Annahme, es handle sich um eine berufssprachliche Variante des Substantivs lit. masėnis, -ė 2 (ugs.) ‘jemand, der anlockt’ Als, J (LKŽe), beziehungsweise um eine Ableitung des Verbs lit. māsinti (-yti), -ina, -ino K, masinti, -ina, -ino 1. (trans.) 26 Acta Linguistica Lithuanica LXXIII Die Herkunft baltischer Mythonyme: westbalt. Pargrubi(j)us (G[r]ubrium, Pergrubrius u. a.); lit. maselis ‘zu sich ziehen, anlocken, bezaubern, verführen’ Ims, Kv u. a.; 2. (refl.) ‘nach etwas verlangen, sich verführen lassen’; 3. (trans.) ‘ansprechen, zu sich rufen, einladen, indem man etwas als Lockmittel einsetzt’ Brs, Slnt, J, M. Valanč, S. Dauk u. a.; 4. (trans.) ‘sich bemühen, etwas herauszulocken, herauszubekommen’ Grdm; 5. (trans.) ‘Lust auf etwas wecken, indem man es probieren lässt’ Kal; 6. (trans., intrans.) ‘lügen, betrügen’ D. Pošk, Skd, Dr, Pln, Kam, J, (trans.) ‘reizen, verspotten’ G 20 (LKŽė). Auch eine Ableitung mit dem Suffix -eliō- lässt sich nicht annehmen (ausführlicher siehe Skardžius I 176–177, 235), und zwar nicht nur wegen der semantischen Differenzierung des Substantivs lit. masėnis, -ė hinsichtlich der vollzogenen Bräuche, sondern auch wegen des bereits erwähnten funktionalen Hyperonyms ‘Anlockender, Lügner, Betrüger oder Spötter’, das für die Figuren dieses Festes untypisch ist (siehe Vaicekauskas 2009: 67–68). Bei der Klärung der Herkunft des Lexems lit. maselis ist die Verwendung des gleich strukturierten litauischen Familiennamens Masėlis (LPŽ II 171) in derselben Dialektzone zu beachten, nämlich im Gebiet der ostoberlitauischen Panevėžys-Mundart – in Pumpėnai (Raj. Pasvalys), Panevėžys, Raguva (Raj. Panevėžys) und Žeimelis (Raj. Pakruojis). Den Verfassern des Litauischen Familiennamenwörterbuchs (LPŽ II 172) zufolge kann dieses Onom von Hypokoristika abgeleitet sein: poln. Maś (← poln. Personenname Mateusz), deutsch Мааф, Maas (← dt. Personenname Thomas). Von den beiden Erklärungsvarianten zur Herkunft des betreffenden Familiennamens wäre die zweite verlässlicher, da die Autoren der Hypothese den angenommenen Wandel des Frikativs š zu s im Slawismus nicht erläutert (bzw. durch alternative Beispiele veranschaulicht) haben. Dennoch ist auch der vermuteten Verwendung eines Germanismus nur schwer Glauben zu schenken, da die mögliche etymologische Grundlage dieses Familiennamens, lit. maselis ‘eine nach Fastnachtsbrauch verkleidete Person’ (diese Hypothese wird aus unerfindlichen Gründen gar nicht erwogen), keine Figur deutscher Herkunft voraussetzt – kein Ethnologe erwähnt einen solchen Teilnehmer des Festes. Ausgehend vom Status der nahezu wichtigsten verkleideten Fastnachtsfigur, einer Figur jüdischer Herkunft – während des Festes wurden auch Masken getragen, die Vertreter dieses Volkes nachahmten (zum Beispiel die eines Händlers [Beresnevičius 2005: 397; ausführlicher siehe Unterabschnitt 0, Anm. 10]) –, lässt sich vorsichtig annehmen, dass hier der Gebrauch eines Semitismus und nicht eines Germanismus (offenbar auch keines Slawismus [siehe oben]) widergespiegelt ist; anzunehmen ist also ein Fall retrograder Antonomasie: jüd. Personenname Massel (vgl. Personenname Sam Massell, Jr. [EJ XIII 667] < westjüd. massel / maššel ‘Glück, Erfolg; Sternbild’ [vgl. Lötzsch 1992: 115–116] / ostjüd. mazal bzw. מזל ‘ebd.’ [סאלרמאטאן 2011: 354, 569] < bibl. hebr. mazzāl bzw. מזל ‘Planet; Sternbild; Glück; Vermögen’ [Stern 2000: 129; Jastrow II 755]) → lit. maselis ‘eine nach Fastnachtsbrauch verkleidete Person’. 3. ZUSAMMENFASSUNG Auf der Grundlage der Forschungsprinzipien der konsequentualen bzw. strukturellen Etymologie (ausführlicher dazu siehe Mailhammer 2013: 4, 2013a: 9, 11]) ist vor der Darlegung Straipsniai / Articles 27 ROLANDAS KREGŽDYS der Herleitungswege eines konkreten Lexems Folgendes zu berücksichtigen: (1) die formalen Eigenschaften der Quelle, in der das Wort erwähnt wird, bzw. ihre Bewertung anhand der Prinzipien der Verifikationsmethodik; (2) die strukturellen Unterschiede zwischen Varianten desselben Wortes, wobei die ursprüngliche Form zu ermitteln ist; (3) die Bedeutung des prädisponierenden Faktors der formalen Grammatik, um Feststellungen oder Formulierungen zu vermeiden, die für das Sprachsystem untypisch sind. Die Erstellung lexikografischer Kompendien auf der Grundlage eines disponiblen Systems struktureller lexikalischer Nester (siehe Corseriu 1967: 297; Mailhammer 2013: 3; ferner siehe Bussmann 2006: 673–674), bei der die Basis fremdstämmiger Wörter selektiv gekennzeichnet und/oder angegeben wird (unter etiologischem Gesichtspunkt), ist teilweise fehlerhaft und legt möglicherweise mystifikationsgestützte Wortbewertungen sowie die Einführung von Lehnwörtern in den Bestand des ererbten Wortschatzes nahe. 4. SCHLUSSFOLGERUNGEN 1. Die in der Sudauerbüchlein erwähnte westbaltische Mythologem Pargrubi(j)us (und seine Varianten G[r]ubrium, Pergrubrius u. a.) lässt vermutlich folgende etymologische Entwicklung annehmen: westbalt. *Pargrubi/īs ‚Gott, der den Winter vertreibt, Blätter und Gras wachsen lässt und eine gute Ernte bewirkt‘ ← *Gar-brubi/īs ‚ebd.‘ ← *Gar-bruvi/īs ‚ebd.‘ ← *Gar-burvi/īs ‚*Baum – Seher, Zauberbaum‘ ← altpreuß. garian ‚Baum‘ E 628 + altpreuß. *buru- *‚Wahrsagung, Weissagung; Zeichen‘. 2. Westbalt. *Garburvi/īs (→ *Pargrubi/īs) ‚Gott, der den Winter vertreibt, Blätter und Gras wachsen lässt und eine gute Ernte bewirkt‘ (< *‚Baum – Seher, Zauberbaum‘) ist eines von Perkūnas’ zahlreichen Epitheta. 3. Das Semem *‚Baum – Seher, Zauberbaum‘ setzt einen sakralen Referenten mantischer Funktion voraus – ein dendronymisches Totem, das von den Hellenen, Kelten, Nordgermanen (vielleicht auch von den Italiker:innen) verehrt wurde. 4. 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Pargrubi(j)us (G[r]ubrium, Pergrubrius, etc.), Lith. maselis SUMMARY The article deals with the etymology and developmental peculiarities of the West Baltic mythologeme Pargrubij (A, B) / Pargrubius (B, C), including its alternative forms Grubrium (A), Gubrium (C), Pergrubrius (D, ε), etc., and mythonym Lith. maselis ‘a man dressed in the clothes of Shrovetide mummers.’ In accordance with the results received in the analysis of the data, which partly reflect the most ancient mythological images and concepts of I–E tribes, the following conclusions are proposed: 1. West Balt. mythologeme Pargrubi(j)us (and its variants G[r]ubrium, Pergrubrius, etc.), mentioned in “The Yatvigian book” for the first time, presupposes reconstruction of the protoform with a few types of metathesis: West Balt. *Pargrubī/is ‘God who makes winter gone, causes leaves and grass to grow and also stands under fecundity’ ← *Gar-brubī/is ‘ditto’ ← *Gar-bruvī/is ‘ditto’ ← *Gar-burvī/is *‘tree – oracle, sorcery tree’ ← Pruss. gar-ian ‘tree’ E 628 + Pruss. *buru- *‘sortilege, guess; sign.’ 2. West Balt. *Garburvī/is (→ *Pargrubī/is) ‘God who makes winter gone, causes leaves and grass to grow and also stands under fecundity’ (< *‘tree – oracle, sorcery tree’) is one of the multitude of epithets of the thunder god of Western Balts. 36 Acta Linguistica Lithuanica LXXIII Baltų mitonimų kilmė: vak. bl. Pargrubi(j)us (G[r]ubrium, Pergrubrius ir kt.); lie. maselis 3. Sememe *‘tree – oracle, sorcery tree’ presupposes reconstruction of the sacral referent with a sortilege function – dendritic totem, also worshiped by Greeks, Celts, northern Germans (and probably Italic peoples). 4. Lith. maselis ‘a man dressed in the clothes of Shrovetide mummers’ should be attributed to Hebraisms borrowed in Lithuanian, related to proper name Y Massel ← WY massel / maššel ‘luck, success; constellation’, which originated from MH mazl ‘planet; constellation; success; fortune.’ Įteikta 2015 m. birželio 22 d. R O L A N D A S K R E G Ž D Y S Lietuvos kultūros tyrimų institutas Saltoniškių g. 58, Vilnius Lt-08105, Lietuva [email protected] Straipsniai / Articles 37