Juozas Pabrėža. „Žemaičių kalba ir rašyba“
Full text
JŪRATĖ PAĖDIENĖ
Institut für Litauische Sprache
Forschungsschwerpunkte: Syntax, Semantik und Pragmatik des Alt- und Gegenwarts-litauischen, Geschichte der litauischen Kultur und kirchlicher Texte.
DOI
Juozas Pabrėža
DIE ŽEMAITISCHE SPRACHE UND RECHTSCHREIBUNG
WISSENSCHAFTLICHE MONOGRAFIE
Šiauliai: Verlag der Bibliothek der Universität Šiauliai (Bibliotheca actorum humanitaricum universitatis Saulensis, Buch Nr. 17), 2017, 336 S.
ISBN 978-609-819-10-1, ISSN 1822-7278
Die Ende 2017 erschienene Monografie von Juozas Pabrėža, Žemaičių kalba ir rašyba (im Folgenden ŽKR), ist nicht nur für Dialektologen wichtig, sondern auch für alle, die sich für das Žemaitische interessieren, denn dieses Buch beleuchtet als Möglichkeit, die Ausdrucksformen und Erkennungsmerkmale des Žemaitischen zu erfassen, die wichtigsten, interessantesten und am gründlichsten erforschten oder umgekehrt am wenigsten erforschten Komponenten dieses Phänomens sowie deren Besonderheiten.
ŽKR kann zwei unterschiedlichen Adressatengruppen Interesse bieten und richtet sich an beide. Die erste Gruppe bilden emotional neutrale Leserinnen und Leser, die sich für Litauistik und Dialektologie interessieren: Das Sprachsystem des Žemaitischen wird beschrieben, wobei das litauische Standardlitauisch als Bezugspunkt dient (dies spiegelt sich sowohl in den demonstrativen Formeln wider, die die Unterschiede zwischen den beiden Sprachsystemen hervorheben, als auch in den illustrativen Beispielen, die fast immer1 ein standardlitauisches Form- oder Bedeutungsäquivalent enthalten). ŽKR hat jedoch auch eine andere, emotional stark involvierte Zielgruppe. Dieses Buch ist für alle Žemaiten und Menschen mit žemaitischen Wurzeln von großer Bedeutung, da das darin enthaltene žemaitische Alphabet (S. 167), die Regeln der praktischen Rechtschreibung (S. 168–194) und die Erläuterungen zur phonetischen Transkription (S. 37–40) die Grundlagen elementarer Lese- und Schreibfähigkeit vermitteln. ŽKR
1 Abgesehen von einigen Fällen, die vollständig mit dem Standardlitauischen übereinstimmen, vgl. beispielsweise die auf S. 74 angeführten Akzentuierungsformen der südlichen Žemaiten laukas, rasą.
Straipsniai / Articles
267
JŪRATĖ PAJĖDIENĖ
Die Darstellungen zu den Forschungen über die samogitische Kultur (S. 17–36) und die samogitische Sprache (S. 41–113), die Texte, welche die samogitische Sprechweise anhand verschiedener Mundarten repräsentieren (S. 114–144), sowie die Sammlung samogitischer literarischer Werke mit dem Titel Beispiele samogitischer Schreibweise (S. 195–300) und die Literaturhinweise zu verschiedenen Aspekten des Ausdrucks samogitischer Identität (S. 301–309) ermöglichen es den Lesern dieses Buches, sich umfassend mit dem Ausdruck und den Besonderheiten des Samogitischen vertraut zu machen.
Am 19.–20. Oktober 2017 fand am Institut für Litauische Sprache die fünfte Gedenkkonferenz zu Ehren von Aleksas Girdenis (1936–2011) mit dem Titel „Transformationen von Sprachen und Mundarten“ statt. Juozas Pabrėža sprach auf dieser Konferenz über die Ursprünge und Traditionen der samogitischen Schriftsprache. Sein Vortrag umfasste den Zeitraum vom Erscheinen des ersten litauischen Buches (1547) und der samogitischen Identität Martynas Mažvydas’ bis in die Gegenwart sowie die mit der Wiedergeburt einhergehende samogitische Bewegung und die 1998 von Aleksas Girdenis und Juozas Pabrėža veröffentlichte Samogitische Schreibweise2. Damals erwähnte der Vortragende, er habe selbst bereits ein Buch über die samogitische Sprache und Schreibweise vorbereitet. Doch nicht nur diese Bemerkung oder der Inhalt des gesamten Vortrags waren bedeutsam – den größten Eindruck auf die Zuhörer machte die Art der Darbietung. Der Vortragende begann auf Litauisch in der Standardsprache und wechselte bei einem samogitischen Beispiel, das eine bestimmte Aussage veranschaulichte, den Sprachcode. Juozas Pabrėža kehrte nicht mehr zur Standardsprache zurück. Eine ähnliche Methode des „samogitischen Beschwörens“ wird auch im besprochenen Buch angewandt: Die darstellenden Teile des ŽKR sind auf Litauisch verfasst, danach folgen samogitische Texte, welche zwei verschiedene Systeme zur schriftlichen Wiedergabe des samogitischen Sprechens veranschaulichen – das genaue und das ungefähre. Das erste eignet sich sowohl für Personen, die Samogitisch sprechen, als auch für solche, die es nicht sprechen; es handelt sich um die sogenannte vereinfachte phonetische Transkription, „die auf einer genauen Lautaufzeichnung gemäß ihrer Wahrnehmung beruht“ (S. 37). Das zweite Schriftsystem – die praktische Orthografie, mit der die Leser des ŽKR vertraut gemacht werden – dient dazu, das Samogitische im Alltag und/oder in der Literatur festzuhalten. Optisch wirkt dieses System deutlich einfacher, doch gerade es verlangt von den Lesenden Kenntnisse im samogitischen Sprechen und von Personen, die es erstmals praktisch anwenden, zudem beträchtliches Wissen über die Regelmäßigkeiten des Samogitischen, die im ŽKR durch den Vergleich mit dem Lautsystem der litauischen Standardsprache erläutert werden. Auf dem Buchumschlag findet sich eine samogitische Vorstellung des ŽKR-Autors: Eso Skouda žemės žmogos. [...] Pabrėža Jūzas.
Die besprochene Monografie besteht aus Vorwort, Einleitung, zwei Hauptteilen, Samogitische Sprache und Samogitische Schreibweise (beide enthalten Textbeispiele, die diese unterschiedlichen Ausdruckssysteme – das Sprechen und das Schreiben – repräsentieren), einem Literaturverzeichnis, einem Namensregister und einer Zusammenfassung mit dem Titel The Samogitian Language and Writing. Bei der strukturellen Bewertung des Buches fällt lediglich die Platzierung des Kapitels Transkription auf: Es steht nicht im Teil Samogitische Sprache, sondern in der Einleitung. Abgesehen von diesem Einschub, der den Grundlagen der Transkription gewidmet ist, ließe sich die Einleitung als Überblick über die Forschungen zur samogitischen Herkunft und zum samogitischen Selbstverständnis charakterisieren; darin werden der Name Samogiten (S. 17–19), die kulturelle
2 Dar plg. Urbanavičienė, Jaroslavienė 2018: 144.
68
Acta Linguistica Lithuanica LXX
Juozas Pabrėža
Žemaičių kalba ir rašyba. Mokslo monografija
samogitische Bewegung (S. 20–25), die Tätigkeit der am 27. November 1988 gegründeten Samogitischen Kulturgesellschaft (S. 26–30) sowie Fragen der samogitischen Identität (S. 31–36) behandelt. Bei der Darstellung der Deutungen zur Herkunft des Wortes žemaičiai hebt der ŽKR-Autor zwei Bedeutungen der Pluralformen dieses Namens hervor: „Žemaičiai (mit großem Anfangsbuchstaben) bezeichnet das Land, žemaičiai (mit kleinem Anfangsbuchstaben) dagegen die Einwohner“ (S. 17). Juozas Pabrėža zufolge ist die Bezeichnung des Landes mit der Pluralform Žemaičiai deutlich älter als der Ortsname Žemaitija (letzterer „begann sich nach der Wiedererlangung der Pressefreiheit zu verbreiten“ (S. 19)). Im Kapitel Samogitische Identität (S. 31–36) werden zwei Auffassungen zur Herkunft der Samogiten angeführt: Die Archäologen Pranas Kulikauskas, Adolfas Tautavičius, Albinas Kuncėvičius, Adomas Butrimas und Vladas Žulkus vertreten aufgrund ihrer Forschungen die Auffassung, dass die Samogiten als eigenständiger baltischer Stamm (oder als eigenständige ethnische Einheit) existierten; die Historiker Alvydas Nikžentaitis und Edvardas Gudavičius, die Sprachwissenschaftler Giedrius Subačius und Zigmas Zinkevičius sowie der Ethnologe Petras Kalnius betrachten sie hingegen als Subethnos, Subnationalität, Teilvolk oder ethnische Gruppe (S. 31). Juozas Pabrėža beschreibt die samogitische Identität und ihre Besonderheiten anhand der Forschungen der Sprachwissenschaftlerinnen Regina Kliukienė, Rasa Kviklytė, Kazimieras Župerka und Silvija Papaurėlytė, der Ethnologinnen und Ethnologen Auksuolė Čepienė, Vaidotas Pakalniškis, Petras Kalnius und Stasys Gutautas, des Ethnopsychologen Remigijus Blumas und der Ethnomusikologin Loreta Sungailienė. Besonders betont er, dass „das wichtigste und charakteristischste Element der traditionellen samogitischen Kultur, das die samogitische Identität am deutlichsten beschreibt, identifiziert und repräsentiert, die samogitische Sprache ist“ (S. 36).
Das Kapitel Samogitische Sprache beginnt mit der Frage nach dem Status – Sprache oder Mundart. Als Argumente für den Status als Sprache werden der Zusammenhang und die Unterschiede der samogitischen Sprache gegenüber der Standardsprache und anderen Mundarten angeführt. Dabei wird betont, dass „die samogitische Sprache alle wesentlichen Ebenen, Parameter oder Bestandteile einer Sprache aufweist: Phonetik, Morphologie, Syntax und Lexik“ (S. 47). Der Autor hebt seine persönliche Überzeugung hervor, dass er selbst „fest an der Auffassung festhält, dass es eine samogitische Sprache gibt, die drei ausgeprägte Mundarten hat (Nord-Samogitisch donininkai, Süd-Samogitisch dūnininkai, West-Samogitisch dounininkai), ferner die Unterdialekte Telšiai und Kretinga des Nord-Samogitischen sowie Varniai und Raseiniai des Süd-Samogitischen und zahlreiche kleinere Sprechweisen und Untersprechweisen“ (S. 48). So wird im ŽKR ein Gesamtbild des samogitischen Sprachsystems vermittelt, indem die charakteristischsten Besonderheiten der Laute, der Prosodie, der Morphologie, der Syntax und der Lexik der samogitischen Sprache (und zugleich ihrer Mundarten und Sprechweisen) behandelt werden³. In dieser Rezension wird zur Bezeichnung der samogitischen Mundarten als Ganzes ebenfalls auf
3 Üblicherweise werden Mundarten zunächst anhand ihrer allgemeinsten Merkmale beschrieben, bevor man sich auf eine bestimmte Mundart oder einen Unterdialekt konzentriert. So werden etwa in Z. Zinkevičius’ Dialektologijoje zunächst die markantesten Unterschiede zwischen Samogitisch und Aukštaitisch dargestellt (Zinkevičius 194: 85–105). Danach werden die Merkmale der Süd-Samogiten (Raseiniai und Varniai), der Nord-Samogiten (Telšiai und Kretinga) sowie die für die West-Samogiten charakteristischen phonetischen und prosodischen Eigenschaften erörtert (ebd., 106–123).
Recenzijos / Reviews
269
JŪRATĖ PAJĖDIENĖ
der Begriff der žemaitischen Sprache; daher wird auch darauf eingegangen, ob die für dialektologische Beschreibungen üblichen Termini ohne Weiteres übernommen und angewandt werden können, um den Status der Gesamtheit der žemaitischen Sprechvarianten als einer Sprache und nicht als eines Dialekts im ŽKR zu erfassen.
Wie bereits erwähnt, wird die žemaitische Sprache im ŽKR ausgehend von der Standardsprache beschrieben4. Ein solches Bezugssystem ist in der Tradition dialektologischer Beschreibungen des Litauischen üblich, und in den meisten Fällen steht diese Vorgehensweise auch in dieser Monografie keineswegs im Wege (der Status des ŽKR als wissenschaftliche Monografie lässt darauf schließen, dass sich das Werk in erster Linie an Personen richtet, die Litauisch in seiner Standardvarietät beherrschen und mit dessen Struktur vertraut sind). So werden beispielsweise die Lautmerkmale der žemaitischen Dialekte und Unterdialekte unter Angabe ihrer Entsprechungen zu den Lauten uo, ie, o, ė, ai, ei, u, i,5, am, an, em, en, ą, ę, ų, į der litauischen Standardsprache erörtert; außerdem werden die Aussprachemerkmale der weichen č, dž und einiger anderer Konsonanten sowie die Reduktion von Endungen beschrieben. Die Beschreibung der žemaitischen Sprache enthält zahlreiche Beispiele, die sowohl Regelmäßigkeiten als auch Ausnahmen veranschaulichen. So werden etwa bei der Erörterung der žemaitischen Entsprechungen der Diphthonge ie, uo (S. 49–52) sowohl die „Nichtbefolgung“ der Veränderungsregeln als auch der Erhalt dieser Laute in Entlehnungen wie miests, sviests behandelt; es werden nicht nur Variationen des Suffixes -ien angeführt (etwa in Familiennamen verheirateter Frauen, vgl. Butkėnė, und in Bezeichnungen für Speisen, vgl. bulbėnė, lapinė), sondern auch Fälle, in denen „statt uo, ie alle Žemaiten lange ū-, ī- oder kurze u-, i-Vokale haben, z. B. Jūzaps / Jūzops ‘Juozapas’, […] kūnėr ‘kuomet, kada’, kėutė-mėt ‘kitą’, kažekumėt ‘kažin kada’, tūmėt ‘tada’, vėsumėt ‘visuomet, visada’, tūjau ‘tuojau’, lītös ‘lietus’ […]“ (S. 51); ferner werden sowohl die Wiedergabe von uo, ie in einigen Wörtern mit „umgekehrten Verhältnissen“ (z. B. pùks ‘pūkas’, vėšnė ‘vyšnia’) als auch Entsprechungen behandelt, die sich den Regeln widersetzen (vgl. „[a]uch ganz unerwartete uo-, ie-Entsprechungen sind möglich, z. B.: juokūte ‘juokauti’, […] švėstė ‘šveisti’.“ (S. 52)). Der ŽKR zeichnet sich durch eine einfache Beschreibung aus, auf die offenkundig gezielt hingearbeitet wird6. In einigen Fällen lässt die besonders stark vereinfachte Erklärung, die den Lesenden geboten wird, jedoch Zweifel daran aufkommen, ob diese Vorgehensweise sinnvoll ist. Vgl. etwa den Beginn der Beschreibung der Entsprechungen des standardlitauischen uo, ie im südžemaitischen Dialekt sowie den gesamten Absatz, der vermuten lässt, dass der Autor selbst der vereinfachten Variante nicht zustimmen dürfte (und als Wissenschaftler auch nicht sollte); vgl.:
Die Südžemaiten […] haben statt uo, ie Laute, die den langen ū, ī ähneln, z. B.: dūna ‘duona’, […] svīts ‘šviesas’ […]. Allerdings vertreten einige Linguisten (A. Girdenis, J. Bukantis, D. Atkočaitė, „Lietuvių kalbos tarmių
4 Allerdings werden die Merkmale der žemaitischen Sprache im ŽKR mitunter auch mit den für die Aukštaiten typischen Merkmalen verglichen, z. B. S. 75–76.
5 Zudem wird den Fällen, in denen die nordžemaitische Telšiai-Untermundart sich durch regressive Assimilationen von u, i von der nordžemaitischen Kretinga-Untermundart unterscheidet, erhebliche Aufmerksamkeit gewidmet (vgl. S. 57–62).
6Der Hinweis im Vorwort lässt dies als eines der Ziele des Buches gelten, nämlich „die žemaitische Sprache, ihre Eigenart so einfach, verständlich und zugänglich wie möglich zu beschreiben“ (S. 11).
270
Acta Linguistica Lithuanica LXX
Juozas Pabrėža
Žemaičių kalba ir rašyba. Mokslo monografija
Die Herausgeber der „Chrestomathie“7 vertreten die Auffassung, dass es sich hier nicht um lange Vokale (Monophthonge) ū, ī, sondern um diphthongähnliche Verbindungen (Diphthongoide) uⁿ, iⁿ handelt, z. B.: dūⁿna ‘duona’, [...] sūⁿts ‘svietas’ [...]. Denn verschiedene Untersuchungen und Experimente haben bewiesen, dass die Entsprechungen von ie, uo und y, ū der Standardsprache im südžemaitischen Dialekt keine völlig identischen Laute sind, da sich Formen wie rīts ‘rietas’ und rīts ‘rytas’, lītē ‘lieti’ und lītē ‘lyti’ unterscheiden [...]. (S. 50)8
Im ŽKR wird versucht, die Eigenart der žemaitischen Laute so zu beschreiben, dass nicht nur die Aufmerksamkeit von Lesenden geweckt wird, die kein Žemaitisch sprechen (vgl. etwa die Unvereinbarkeit der nordžemaitischen ou, ei mit der litauischen Standardsprache, die ou nur in Entlehnungen wie klounas, šou kennt (S. 49–50)), sondern auch die der Žemaiten selbst, die die Wörter der Standardsprache korrekt auszusprechen lernen möchten; vgl.:
[...] die meisten Žemaiten (mit Ausnahme des Westens) haben lange gespannte Vokale o, ē überhaupt nicht. Und es ist außerordentlich schwierig, Laute auszusprechen zu lernen, die im System der Muttersprache nicht vorkommen. Deshalb verrät so mancher Žemait, selbst wenn er die Standardsprache recht gut gelernt hat, seine tatsächliche Herkunft meist dadurch, dass er die Vokale o, ē diphthongiert. (S. 53–54)
Hinweise dieser Art, die auf unterschiedliche Lautsysteme verweisen, sind in dialektologischen Beschreibungen des Litauischen üblich9; ein Grund dafür, dass dies im ŽKR anhand wesentlich mehr Beispiele geschieht, ist jedoch (vgl. die in Internationalismen, Entlehnungen oder Eigennamen erwartbaren neueren Konsonanten f, ch, h und ihre Ersetzung durch systemübliche Entsprechungen p, k, g, etwa Ādūlis ‘Adolfas’ [...], kuligāns ‘čuliganas’ [...], gīms ‘himnas’ [...] und ihr vollständiger Ausfall, vgl. aktārs / ek tārs ‘hektaras’ [...]), das Hinzufügen und Einfügen der Konsonanten j (vor i, e, ė) und v (vor uo), vgl. jīd ‘ėda’ [...], vūobōs ‘uobolys’, vūobėlē ‘obelės’ [...], sowie ihr Ausfall, ihre Palatalisierung und Ähnliches (siehe S. 70–71).
Im Kapitel Prosodische Merkmale werden die für die Žemaiten typischen Akzentuierungsmerkmale erörtert (S. 74–84) und ihre vorhandenen Akzenttöne – den gebrochenen und den gleichmäßigen – sowie eine bestimmte Variante des einfachen Akzenttons, der mittlere, beschrieben (S. 85–86). Erwähnt wird auch, dass an bestimmten Orten Žemaitijas „Akzenttöne des zurückgezogenen Akzents unterschieden werden“ (S. 86), und dass Intonationsfaktoren Veränderungen bestimmter Akzenttöne bewirken können (S. 87). Außerdem wird darauf hingewiesen, wie Kenntnisse über die Besonderheiten der žemaitischen Akzentuierung und Akzenttöne beim Erlernen der Akzentuierung der Standardsprache von Nutzen sein können (S. 83–84). Allerdings muss ein Leser ohne Interesse an Dialektologie, insbesondere ein Žemait, beim Beginn der Lektüre des Abschnitts Akzentuierung im ŽKR (S. 74–78) Geduld aufbringen, denn dort wird die Theorie der Regelmäßigkeit des Akzententzugs als etwas Selbstverständliches vorausgesetzt
7 Siehe Bacevičiūtė u. a., Hrsg. 2004.
8 Apie šiuos diftongoidus dar plg. Zinkevičius 1994: 105.
9 Zum Einfluss der Dialekte und zu den Ausspracheproblemen, mit denen Žemaiten beim Sprechen der litauischen Standardsprache konfrontiert sind, siehe Zinkevičius 1966: 20–21; 1994: 126–131; Grinaveckis 1973: 31–35.
Recenzijos / Reviews
271
JŪRATĖ PAJĖDIENĖ
… werden die Akzentuierungseigenschaften der sich von der Standardsprache unterscheidenden žemaitischen Sprache beschrieben (genauer: solche, die in bestimmten Gebieten einzelner Dialekte auf bestimmte Weise auftreten). Der ohne jegliche theoretische Erklärung und Quellenangaben eingeführte Begriff der Akzentzurückziehung scheint eine Falle für das in ŽK vorgeschlagene Verständnis der žemaitischen Sprache aufzustellen: Da jede einführende theoretische Erläuterung und jeder Hinweis auf die Relativität des den Akzentologen vertrauten Diskurses 10 fehlen, kann es für Žemaiten, die ihre Muttersprache innerhalb der Grenzen ihres eigenen Sprachverständnisses betrachten, schwierig sein zu verstehen, worauf sich die Bezeichnung der ihnen natürlichen Akzentuierungsweise als bedingt oder allgemein Akzentzurückziehung stützt (siehe Punkt 4 des nachstehenden Zitats). Vgl. den etwas gekürzten Anfang des Kapitels Akzentuierung:
Hinsichtlich der Akzentuierung lassen sich die Žemaiten in vier Gebiete einteilen:
1. Im äußersten Süden des žemaitischen Gebiets (Šilutė, Vainutas, Pagėgiai, Tauragė, Skaudvilė, Eržvilkas) ist das gesamte Akzentuierungssystem der Standardsprache sehr ähnlich, d. h. der Akzent bleibt in allen Fällen erhalten und wird nicht zurückgezogen, z. B.: pugā ‘pūgā’, gīvā ‘gyvà’, laũkš ‘laũkš’ [...], žaltis ‘žaltýs’, ragù ‘ragù’, mažõs ‘mažõs’. Alle übrigen Žemaiten weisen eine mehr oder weniger ausgeprägte Akzentzurückziehung von der Endung zum Wortanfang auf. Man unterscheidet zwei Arten der Akzentzurückziehung: die bedingte und die allgemeine. Je nach Quantität der Silbe, auf die der Akzent zurückgezogen wird, wird die bedingte Akzentzurückziehung in zwei Stufen unterteilt.
2. In einem sehr kleinen Gebiet der südlichen Žemaiten um Raseiniai, Viduklė, Nemakščiai und Lyduvėnai tritt die Akzentzurückziehung zweiten Grades auf: Der Akzent wird von einer kurzen Endung auf die vorletzte lange Silbe zurückgezogen, z. B.: pūgā ‘pūgà’, gīvā ‘gyvà’, laũkš ‘laũkš’ [...], dagegen [...] žaltīs ‘žaltýs’, ragù ‘ragù’, mažõs ‘mažõs’.
3. Weiter nördlich, in einem bereits etwas größeren Gebiet der südlichen Žemaiten um Pėžrantė, Kražiai, Kelmė, Kiaunoriai, Šaukėnai und Kurtuvėnai, wird der Akzent nach der bedingten Akzentzurückziehung ersten Grades (oder der intensiveren bedingten Akzentzurückziehung) zurückgezogen, d. h. von einer kurzen Endung auf die vorletzte Silbe beliebiger Länge (lang oder kurz), z. B.: gīvā ‘gyvà’, dīnà ‘dienà’, laũkš ‘laũkš’ [...], dagegen [...] žaltīs ‘žaltýs’, ragù ‘ragù’, mažõs ‘mažõs’.
4. Die meisten Žemaiten (alle nördlichen sowie der größte Teil der westlichen und südlichen Žemaiten von Varniai) weisen eine allgemeine (intensive) Akzentzurückziehung auf: Der Akzent
10 Vgl. Vytautas Rinkevičius’ Beschreibung der Relativität dieses Begriffs, die sich nicht allein im Epitheton sogenannt äußert, sondern auch in der Erörterung der Standardsprache als Bezugspunkt für den Vergleich von Akzentuierungssystemen: „Als systemische Unterschiede in der Akzentposition zwischen den Dialekten wird vor allem die für die Dialekte Nord- und Nordwestlitauens typische sogenannte Akzentzurückziehung aus den letzten Wortsilben genannt, die in anderen Dialekten gewöhnlich betont sind. [...] Die litauische Standardsprache, die auf der Grundlage des vergleichsweise archaischen westaukštaitischen Dialekts entstanden ist, in dem die Akzenttöne gut unterschieden werden und keine Akzentzurückziehung auftritt, ist ein praktischer Bezugspunkt für Untersuchungen zur Geschichte der Akzentuierung“ (Rinkevičius 2015: 24; 25).
272
Acta Linguistica Lithuanica LXX
Juozas Pabrėža
Žemaičių kalba ir rašyba. Mokslo monografija
wird von einer kurzen und einer langen Zirkumflex-Endung auf eine erste Silbe beliebiger Länge zurückgezogen, z. B.: gõž ‘gyvà’, bãisòs ‘baisùs’, [...] šãką ‘šakà’, [...] žãltįs ‘žaltìs’, [...] tėkrā ‘tikrai’, tīevā ‘tėvai’, [...] jōukās ‘juokais’ [...]. (S. 74–75) Zwar merkt der Autor von ŽKR später an, dass solche Fälle nicht die häufigsten sind¹¹ (denn „[v]on Zirkumflex-Endungen ziehen die Žemaiten den Akzent nicht zurück, z. B.: karklīns ‘karklynas’, šabakštīns ‘šabakštynas’, [...] perm ‘pirm’, ketām ‘kitām’, [...] arklēms ‘arkliams’, šimtāms ‘šimtams’ [...]“) (S. 75). Dennoch erörtert der Autor von ŽKR die žemaitische Akzentzurückziehung als ein Phänomen, das mit der sogenannten Akzentverschiebung (S. 77) und der Entstehung von Nebenakzenten¹² (S. 76–78) zusammenhängt, sowie als einen Prozess, dessen Ursprung und Datierung Gegenstand von Diskussionen sind (S. 83–84). Dabei betont er, dass die Akzentzurückziehung kein „völlig regelmäßiges, gesetzmäßiges und ausnahmsloses Phänomen“ ist (S. 78), und erläutert besonders ausführlich ihre Dynamik (S. 78–83). Wahrscheinlich bildeten die sogenannten Fälle der Nichtbefolgung der Theorie der Akzentzurückziehung für einige Zeit den Schwerpunkt von Juozo Pabrėžas wissenschaftlichem Interesse¹³; dies führte dazu, dass diese Theorie im rezensierten Buch als selbstverständlich dargestellt wird, denn die Angemessenheit des Begriffs Akzentzurückziehung wird in ŽKR weder hinterfragt noch begründet. In ŽKR finden sich auch Passagen, in denen die Beschreibungen der Akzentzurückziehung als Phänomen auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinen können (vgl. die Aussagen: „Lange Zeit nahm man an, dass die Akzentzurückziehung ein völlig regelmäßiges, gesetzmäßiges und ausnahmsloses Phänomen sei. Nachdem jedoch umfangreiches empirisches Material (über 61 000 Beispiele) untersucht und die Ergebnisse statistisch ausgewertet worden waren [...], zeigte sich, dass die Akzentzurückziehung der Žemaiten kein statisches, sondern ein dynamisches Phänomen ist“ (S. 78) und „[b]eim Lehren oder Lernen der Akzentuierung kann man sich sogar auf die Akzentzurückziehung stützen, da sie präzise, streng und gesetzmäßig ist“ (S. 88). Der Anschein eines solchen Widerspruchs ließe sich durch eine zusätzliche Bemerkung zur Art der Sprechsituationen im zweiten Fall ausräumen, der die Akzentuierung einzelner Wörter betrifft, denn im ersten Fall ist auf S. 78–82 von zusammenhängenden Texten die Rede¹⁴).
11 Vgl.: „[D]ie Žemaiten haben mehr Zirkumflex-Endungen als die Standardsprache oder andere Dialekte [...]. Somit ist in der žemaitischen Sprache – anders als in den aukštaitischen Dialekten oder der Standardsprache – der Zirkumflex und nicht der Akut das markierte Glied der Opposition“ (S. 75).
12 So werden Fälle bezeichnet, in denen „nach dem Hauptakzent ein neuer Nebenakzent auftritt, den es in der Standardsprache überhaupt nicht gibt (z. B. žodė ‘žodžiai)’“ (S. 77). Vgl. Fälle der Akzentuierung von Wörtern, die sich durch eine besonders große Zahl von Akzenten auszeichnen: „Es kommen Wörter mit sogar vier oder fünf Akzenten vor, z. B.: [...] možēkontēs ‘muzikantus’, darbēninkūs ‘darbininkus’, [...] nabāpīrādi ‘nebeprigirdi’ [...]“ (S. 78).
13 Plg., pavyzdžiui, Pabrėža 1986.
14 Vgl.: „In zusammenhängenden Texten der Žemaiten gibt es durchaus eine gewisse Zahl von Wörtern, bei denen der Akzent trotz der geltenden Zurückziehungsregeln gelegentlich nicht von der Endung zurückgezogen wird, z. B.: [...] možēks ‘muzikas’, stuogā ‘stogai’, prostā ‘prostai’...“ (S. 78)
Recenzijos / Reviews
273
JŪRATĖ PAKĖDIENĖ
Im Abschnitt Morphologische Besonderheiten (S. 89–101) werden Wortformen behandelt, die sich morphologisch (und nicht phonetisch) deutlicher von der Standardsprache oder anderen Dialekten unterscheiden. In ŽKR werden sie mit Blick auf die charakteristischsten Unterschiede der einzelnen Wortarten – Substantiv, Adjektiv, Pronomen, Verb, Numerale und Adverb – beschrieben; außerdem werden die Wortbildung (S. 100–101) und die Besonderheit der Dualformen erörtert (denn die Žemaiten haben nicht nur bei den Pronomen erhaltene Dualformen, z. B.: vė́do, vė́d(ž)e, jọ́.do, jọ́.-d(ž)e, anọ́.do, aned(ž)e (S. 98), sondern auch bei Verben, Substantiven und sogar Partizipien (siehe S. 99)).
Bei der Erörterung syntaktischer Merkmale hebt ŽKR die Fähigkeit der Žemaiten hervor, die Handlungssituation, die Zeit und die Tätigkeit mit eigenen Mitteln auszudrücken. Das Aspektsystem der Žemaiten (insbesondere der nördlichen) wird als eines beschrieben, das nicht nur Verlaufs- und Ereignisaspekt, sondern auch einen Zwischenaspekt umfasst (S. 103), der „meist gebildet wird, indem man an ein imperfektives Verb Adverbien verblasster Bedeutung sowie verstärkende Partikeln wie žem, lān, šalin, lygi, kietai, gatavai, kiaurai, viršų, arti, vietoje usw. anfügt“ (S. 102), vgl.: patį eini į bažnyčią į vakus vėdi kiaura ‘du selbst gehst in die Kirche und führst die Kinder unbedingt mit’ (Židikai); [...] kās tau stuovies vėitio be dārba ‘wer hält es bei dir ohne Arbeit aus’ (Mosedis); pagivėn į lėk, nestūo vėitio ‘lebt eine Weile und rennt dann los – hält es nicht lange aus’ (Laižuva) (S. 103). In diesem Abschnitt werden der für die žemaitische Sprechweise typische starke Gegensatz zwischen der Verwendung einfacher und analytischer Tempora (S. 103–104) sowie die geläufige Verwendung von Evidentialitätsformen¹⁵, die als indirekte Rede bezeichnet werden (S. 103), hervorgehoben; ferner werden die nur für die Žemaiten typischen eigenständigen Bildungen kausaler Konstruktionen (S. 104–106) und die Besonderheit der Wortstellung erörtert (dazu gehört auch die für die Standardsprache unübliche Reihenfolge, bei der zuerst der Nachname und danach der Vorname genannt wird, z. B. vėžo, Kaubris Kazimiers batėtos ‘ich schaue – Kaubrys Kazimieras ist in Pantoffeln’ (Alsėdžiai) (S. 106). Im Abschnitt Lexikalische Besonderheiten (S. 107–113) werden Wortgruppen beschrieben, die Bedeutungen besonders gut bewahren. Die Eigenart des žemaitischen Wortschatzes wird anhand einer Auswahl von Wörtern veranschaulicht, die in mehrere thematische Gruppen eingeteilt sind. Diese Wortlisten (S. 107–111) bieten Žemaiten die Möglichkeit, ihre tatsächliche Kenntnis des žemaitischen Wortschatzes zu überprüfen; wahrscheinlich sollen sie jedoch nicht nur žemaitische Leser interessieren, denn der žemaitische Wortschatz ist hier nicht in dialektaler Transkription wiedergegeben, sondern – wie in Wörterbüchern üblich – in die Standardsprache übertragen (vgl. etwa die Bezeichnungen für Körperteile – šlaņkai ‘Knochen’, kūšinas ‘Beinchen’, išleži̇s ‘Zehenzwischenraum’, pōpūtė ‘aufgesprungene Blase, Schwiele’ (S. 107–108) – oder aus dem Pflanzenreich – brānė ‘grüne Erbsen- oder Bohnenschote’, tatārška ‘Kalmus’, žąsniklas ‘Rohrkolben’, pliōris ‘Öl’ (S. 108)). Hier werden auch Wörter besprochen, die anderen Dialekten eigen sind
15 Bestimmte formale Merkmale und funktionale Besonderheiten evidentieller Formen erschweren nach Axel Holvoet ihre Einordnung in die Systeme von Modus und Modalität; zur Evidentialität als „parasitärer Kategorie“ siehe ausführlicher Holvoet 2004: 107t.
16 Apie transponavimą žr. Pabrėža, Marčiukaitė, Leskauskaitė 2013: 17.
274
Acta Linguistica Lithuanica LXX X
Juozas Pabrėža
Žemaičių kalba ir rašyba. Mokslo monografija
und die in den Žemaiten-Dialekten gebräuchlich sind, von den Žemaiten jedoch mit anderer Bedeutung verwendet werden, z. B.: žygiai – žem. ‘Hausarbeiten, Viehversorgung’, kūlnai – žem. ‘Gebete mit Gesängen’ (S. 11). Im Abschnitt Lexikalische Besonderheiten geht es auch um die Rolle und den Umfang von Lehnwörtern – besonders bemerkenswert ist, dass die Žemaiten weniger Lehnwörter haben als andere litauische Dialekte (S. 112–113).
Der zweite Teil der rezensierten Monografie, Die žemaitische Orthografie, umfasst sieben Kapitel: Kurze Geschichte der žemaitischen Schrift, Das žemaitische Alphabet, Vokale, Konsonanten, Diphthonge, Digraphen, Einige Fragen der Morphologie, Syntax und Lexik sowie Beispiele žemaitischer Orthografie. In der Darstellung der Geschichte der žemaitischen Schrift (S. 147–166) werden zunächst Belege für den Gebrauch des Žemaitischen im Katechismus von Martynas Mažvydas (1547), in der Wolfenbütteler Postille (1574) und im von Saliamonas M. Slavočinskis übersetzten Gesangbuch (1646) angeführt; außerdem werden ein handschriftlicher žemaitischer Text (früheste Datierung: 1636)17 sowie das wichtigste und markanteste Sprachdenkmal des Žemaitischen aus dem 17. Jahrhundert vorgestellt – die 1759 gedruckte Übersetzung des Buches des Theologen und heiligen Bonaventura aus dem Polnischen – ZWATAS PONA YR DIEWA MUSU JEZUSA CHRISTU-SA18. Anschließend richtet sich der Blick auf eine für die Entwicklung der žemaitischen Schrift äußerst wichtige Zeit – das 19. Jahrhundert. Vor allem gestützt auf die Forschungen von Giedrius Subačius werden die auf das Žemaitische ausgerichteten, in dieser Sprache verfassten oder das Žemaitische betreffenden Werke der bedeutendsten žemaitischen Kulturpersönlichkeiten des 19. Jahrhunderts vorgestellt: Jurgis Pabrėža, Simonas Daukantas und Motiejus Valančius (S. 149–151), ebenso wie die 1851 von Juozas Čiulda auf Polnisch verfasste Grammatik Kurze Überlegungen zu den Regeln der žemaitischen Sprachgrammatik, die „die Tradition der žemaitischen Schriftsprache zusammenfasste, ihre Normierung durchdacht vornahm und die Inkonsistenzen der žemaitischen Schrift vereinheitlichte“19 (S. 151–152). ŽKR betont, dass das Bedürfnis nach žemaitischer Schrift an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert fortbestand, nachdem sich auf der Grundlage des südlichen westaukštaitischen Dialekts eine gemeinsame litauische Sprache herausgebildet hatte: In der damaligen žemaitischen Presse – den Wochenzeitungen Žemaičių prietelius (1925–1940) und Žemaičių žemė (1940–1944) – wurde darüber diskutiert und dazu aufgerufen, auf Žemaitisch zu schreiben (vgl. die Aussage von Jonas Jablonskis: „Zum Wohl der sprachlichen Kultur des gesamten Volkes wäre es nützlich, wenn die Žemaiten neben der literarischen Schriftsprache ihre eigene hätten“ (S. 156)); es wurden verschiedene Vorschläge (von J. Tautvydas und B. Jurgis) für eine normierte žemaitische Rechtschreibung vorgelegt (S. 155–156), und es erschienen Erzählungen, Sprichwörter, Redensarten, Lieder und Gedichte auf Žemaitisch. In den genannten Publikationen und in der 1938 erschienenen Anthologie veröffentlichten Stasys Anglickis, Pranas Genys, Sofija Čiurlionienė-Kymantaitė und weitere Autoren ihre auf Žemaitisch verfassten Werke (S. 156–158). Die mit der Atgimimas einsetzende neue Welle der žemaitischen Kulturbewegung gab den Anstoß, die Kräfte zu bündeln
17 Siehe Zinkevičius 1974.
18 Siehe ausführlicher Girdinis, Skirmantas, Hrsg., 1998; Girdinis, Girdenienė 1997.
19 Subačius 1993: 5.
Recenzijos / Reviews
275
JŪRATĖ PAJĖDIENĖ
zur Vorbereitung von Grundsätzen der žemaitischen Rechtschreibung und zur Förderung des kreativen Selbstausdrucks auf Žemaitisch: 1991 erschienen die von Juozas Pabrėža erarbeiteten Hinweise zur žemaitischen Rechtschreibung; auf Initiative von Danutė Mukienė begann die žemaitische Zeitung A mon saka? zu erscheinen, die ab 1993 als Zeitschrift Žemaičių žemė herausgegeben wurde. Die wachsende Zahl derjenigen, die auf Žemaitisch schreiben wollten und konnten, ließ die Grundlagen der žemaitischen Rechtschreibung präzisieren und weiterentwickeln; daher veröffentlichten Alekas Girdėnas und Juozas Pabrėža 1998 ein neues, ergänztes und überarbeitetes Heft Žemaičių rašyba20, das 2002 in der Zeitschrift Žemaičių žemė nachgedruckt wurde und so einem größeren Leserkreis leichter zugänglich war21.
In den folgenden fünf Kapiteln des Rechtschreibungsteils von ŽKR richtet sich die Aufmerksamkeit auf die Regeln der praktischen žemaitischen Rechtschreibung. Nach der Präsentation des žemaitischen Alphabets wird festgestellt, dass die Schreibprinzipien für die Vokale des Žemaitischen den phonetischen sehr nahekommen („Man muss so schreiben, wie dort gesprochen wird, woher der Autor stammt“ (S. 169)), während die Konsonanten wie in der Standardsprache morphologisch geschrieben werden (S. 168). Nachdem man sich mit den Regeln für die Schreibung der kurzen Vokale i, ė, e, a, o, u vertraut gemacht hat, etwa in den Fällen lis ‚Laken‘ [...], vėse ‚alle‘ [...], medos ‚Honig‘, [...] taks ‚Weg‘, rode ‚braun‘, [...] šūs ‚Hund‘ [...] (S. 169–170), nennt ŽKR diejenigen Fälle, die gesondert behandelt werden müssen, beispielsweise wenn aufgrund der Betonung in bestimmten Positionen verlängerte Vokale (sogenannte positionsbedingt lange Vokale) mit kurzen Buchstaben wiedergegeben werden („vgl.: „uoka ‚Kind‘ (‚echter‘ langer Vokal): taka ‚Weg‘ (durch Betonung verlängerter Vokal a)“ (S. 170)). Die Schreibung der kurzen Vokale in Endungen wird anhand von 13 Fällen (S. 170–173) behandelt, die jemanden, der sich mit den Rechtschreibregeln vertraut machen möchte, abschrecken könnten. Hier kann man den žemaitischen Leser beruhigen: Tatsächlich sind diese Erläuterungen überflüssig und richten sich an Personen, die kein Žemaitisch sprechen (oder nicht sprechen22). Darin werden die Unterschiede zwischen dem phonologischen System des Žemaitischen und der litauischen Standardsprache erörtert; außerdem wird angegeben, in welchen Fällen die Žemaiten Vokale in Endungen tilgen (vgl. „1. Wenn die Endung kurz ist und niemals den Akzent tragen kann, wird der Vokal ganz weggelassen. In diesem Fall schreiben wir ohne Endungsvokale, z. B.: nė ‚Fleisch‘, ved ‚führt‘, [...], top ‚hockt‘, [...] ples ‚füllt‘ [...]“ (S. 170–171), beibehalten (siehe Beschreibungen der Fälle 2 und 3), lange durch kurze ersetzen (siehe 4) usw. Diese 13 Punkte, in denen die Entsprechungen der žemaitischen Endungsregeln und/oder ihre Varianten in verschiedenen Dialekten (vgl. 12) beschrieben werden, dienen als Lehrstück zur lautlichen Vielfalt der žemaitischen Dialekte. Einer dieser Punkte lässt sich als Versuch beschreiben, eine historisch entstandene Tradition wiederherzustellen, indem dazu aufgerufen wird, gegen das erklärte (siehe S. 168; 169) phonetische Prinzip zu verstoßen; vgl.:
²⁰ Žr. Girdenis, Pabrėža 1998.
²¹ Wenig später wurde eine Version dieser Publikation auch online verfügbar, siehe: http://www.samogit.lt/ZZ_2013_1/ZZ_2013_1_p8_14.pdf und http://www.samogit.lt/ZZ_2013_2/ZZ_2013_2_geras_16-21.pdf.
²² Vgl. zum Beispiel die Beschreibung des Falls 10: „Das kurze -u (nicht -o!) wird konsequent in den Pluralendungen maskuliner Substantive, Adjektive und Pronomen verwendet, z. B.: tievus ‚Väter‘, [...] plėkus ‚kahle‘, anus ‚sie‘, ketus ‚andere‘ [...]“ (S. 173).
276
Acta Linguistica Lithuanica LXX
Juozas Pabrėža
Žemaičių kalba ir rašyba. Mokslo monografija
13. Gesondert sollte auf die Instrumentalendung des Femininums hingewiesen werden. Zunehmend setzen sich heute neuere Formen mit -a durch, z. B.: ronka ‚Hand‘, luova ‚Bett‘, stuora ‚dick‘, kėta ‚andere‘. Die älteren Nordžemaiten sprechen in diesen Formen jedoch den Vokal -o. Dies ist eine aus fernster Vergangenheit überlieferte Besonderheit und muss daher auch in der geschriebenen žemaitischen Sprache bewahrt werden. Schreiben wir also: so pagalbo, kalbo, šako, balto, viso ‚mit Hilfe, Sprache, Ast, weiß, ganz‘, so veino ronko ‚mit einer Hand‘, želo galvo ‚mit ergrautem Kopf‘, balto kato ‚weiße Katze‘, so to gero motreško ‚mit dieser guten Frau‘ usw. (S. 173)
Bei der Vorstellung der Vielfalt der Aussprache (und somit auch der Schreibung) von Präpositionen, Präfixen und Wortstämmen in verschiedenen Mundarten (zum Beispiel entspricht dem standardsprachlichen Bindewort ir in einigen žemaitischen Mundarten eine monophthongierte Entsprechung, die wie ein kurzes i ausgesprochen und geschrieben wird, in anderen dagegen wie ein kurzes ė) (siehe S. 173–176), wird dazu angehalten, konsequent dem phonetischen Prinzip zu folgen – „beim Schreiben muss man sich einfach an seine eigene Mundart halten“ (S. 175).
Anschließend wird in ŽKR die Schreibung der langen Vokale des Žemaitischen beschrieben. Die Länge aller Vokale wird durch einen Makron gekennzeichnet²³, vgl.: ī, ē, ė̄, ā, ō, ū. Lange Vokale im Wortstamm und in Endungen werden entsprechend geschrieben, z. B.: vīrs ‚Mann‘, [...] sprēsk ‚sprich‘, [...] svēks ‚gesund‘ [...], gerā ‚gut‘ [...], drōsas ‚mutig‘ [...], skūsti ‚anklagen‘ (S. 176–177). Zur Überprüfung der Schreibung von žemaitischem ā, ē wird empfohlen, die entsprechenden Formen der Standardsprache heranzuziehen, vgl.:
Zunächst muss man sich merken, dass mit den Buchstaben ā, ē jene Laute zu kennzeichnen sind, die anstelle der standardsprachlichen Diphthonge ai, ei ausgesprochen werden. Würde man sie wie die kurzen Vokale schreiben, gäbe diese Schreibweise nicht nur die tatsächliche Aussprache nicht wieder, sondern vermehrte auch die Zahl gleich geschriebener, aber unterschiedlicher Wortformen im Text. Das würde das Lesen des Textes erheblich erschweren. (S. 177)
Hier wird außerdem darauf hingewiesen, dass nicht alle Laute ā, ē, die den standardsprachlichen ai, ei entsprechen (die in ŽKR verwendete Formulierung lautet: „aus den Diphthongen ai, ei zu den Vokalen ā, ē geworden“ (S. 178)), lang ausgesprochen werden; vgl. die beiden möglichen Formen kāp und kap für ‚wie‘ im Satz kāp to čė jedi kap mažos vāks ‚wie du hier isst wie ein kleines Kind‘ (S. 178); daher wird daran erinnert, dass kurz ausgesprochene ā, ē (obwohl sie den standardsprachlichen ai, ei entsprechen) auch so geschrieben werden. Vorgestellt werden hier außerdem weitere Fälle der Entstehung langer Vokale im Žemaitischen (zum Beispiel langes ē in der Verneinung, vgl. nē, aš tēkrā navažiuosiu [...] ‚nein, ich werde ganz sicher nicht fahren [...]‘ (S. 178–179). In ŽKR heißt es: „[L]anges ē kann auch durch Kontraktion zweier kurzer Vokale entstehen“ (S. 179). Angesichts der angeführten Beispiele ist diese Behauptung jedoch schwer zu glauben. Sie scheinen fehlerhaft notiert zu sein, da sie nicht dem in ŽKR erklärten phonetischen Prinzip entsprechen; vgl.: aš tēkrā nēso (<neso) müsste dort ‚ich bin dort wirklich nicht gewesen‘ heißen, nēso ni matēs, ni girdējēs ‚ich habe weder gesehen noch gehört‘.
23 Für die žemaitische Rechtschreibung sind die Nasalvokale ą, ę, į, ų nicht erforderlich. Dazu, welchen Vokalen des Žemaitischen die Nasalvokale der litauischen Standardsprache entsprechen, siehe S. 180–181.
Recenzijos / Reviews
277
JŪRATĖ PAJĖDIENĖ
(S. 179). Daher ist die Erklärung der Formen neso „ich bin nicht“, die aus ne und esu entstanden sind, ebenfalls redundant24. Außerdem ist es auch wegen der Form nėso „ich werde nicht gehen“ unpassend, neso „ich bin nicht“ mit langem ė zu schreiben; vgl.: aš tékrà neso ten božės „ich bin wirklich nicht dort gewesen“ und aš tékrà ten nėso „ich werde wirklich nicht dorthin gehen“. Es gibt noch weitere Beispiele, die zeigen, dass die Regeln zur Vokalschreibung im ŽKR nicht allein auf dem phonetischen Prinzip beruhen; vgl.: „[w]enn wir den langen Vokal in den Wörtern virs ‚Mann‘, vira ‚des Mannes‘ aussprechen und schreiben, dann ist er auch in den Wörtern viròks ‚Bursche‘, virėlis / virielis ‚Männchen‘ zu schreiben, obwohl der Vokal kurz ausgesprochen wird“ (S. 180); ähnlich wird die Schreibung der Wörter grudlė ‚Körnchen‘ (denn grūds ‚Korn‘), grėžinis ‚Bohrung‘ (denn grėžė ‚bohren‘) usw. erklärt (S. 180). Übrigens wird in der Darstellung der Prinzipien der Konsonantenschreibung darauf hingewiesen, dass das morphologische Prinzip mitunter auch auf Vokale angewandt wird (vgl.: „Es ist wichtig, sich einzuprägen, dass das morphologische Prinzip häufiger auf Konsonanten als auf Vokale angewandt wird“ (S. 182)).
Die Schreibung der žemaitischen Konsonanten verwendet 20 Buchstaben: b, c, č, d, f, g, h, j, k, l, m, n, p, r, s, š, t, v, z, ž. Das morphologische Prinzip verlangt, dieselben Wortbestandteile unabhängig von ihren Ausspracheunterschieden einheitlich zu schreiben; daher wird die Assimilation von Konsonanten in der Schrift nicht wiedergegeben, z. B. schreibt man darbs ‚Arbeit‘, derbsio ‚ich werde arbeiten‘ (obwohl gewöhnlich darps, dèrpsio ausgesprochen wird) usw. Das morphologische Prinzip soll auch bei vollständiger Assimilation befolgt werden; vgl.: „Wenn beim Zusammentreffen zweier ähnlicher Konsonanten nur einer ausgesprochen wird, sind in der Schrift unter Wahrung des morphologischen Prinzips beide Konsonanten zu kennzeichnen, z. B.: išsprouga ‚ist herausgesprungen‘, [...] ožžėlė ‚ist überwuchert‘ [...]“ (S. 182). Die Schreibung von č, dž und t, d wird vom Verfasser des Textes gewählt (vgl.: „Man muss so schreiben, wie man dort ausspricht, woher der Autor stammt“ (S. 184)). Im östlichen Teil Samogitiens bleiben t, d nur vor e-artigen Vokalen erhalten, z. B.: žemaitė ‚Samogiten‘, žuodė ‚Wörter‘, aber man sagt žemaičiū ‚der Samogiten‘, žuodžiu ‚der Wörter‘; in den nordwestlichen samogitischen Mundarten bleiben t, d dagegen in allen Kasus erhalten, vgl.: žuodis ‚Wort‘, žuodės ‚Wörter‘, žemaitė ‚Samogiten‘, žemaitems ‚den Samogiten‘ usw. (siehe S. 183–184). Interessant ist die Erörterung der Aussprache und Schreibung samogitischer Entsprechungen der standardsprachlichen Laute f, ch, h. Die zahlreichen Beispiele ermöglichen es dem samogitischen Leser, sich zu vergewissern und zu zeigen, dass in der tatsächlichen Sprache nicht nur Eigennamen, sondern auch viele internationale Wörter ganz natürlich ausgesprochen werden und daher mit den eigenen p, k, g geschrieben werden können, z. B.: šoperis ‚Chauffeur‘, arkiteks ‚Architekt‘, bogateris ‚Buchhalter‘ usw. Bemerkenswert ist auch, dass diese fremden Konsonanten gern hervorgehoben werden
24 Hier bietet es sich an, als Beispiel das phonologische Prinzip heranzuziehen, das in der Standardsprache angewandt wird, deren Rechtschreibung nach dem vorherrschenden Buchstabenverwendungsprinzip „morphologisch (oder morphophonemisch) ist, aber auch Elemente einer phonologischen und historischen (traditionellen) Rechtschreibung enthält. [...] Das phonologische Prinzip wird befolgt, wenn morphonologische Erscheinungen nicht auftreten (d. h. wenn keine Neutralisierung vorliegt) oder wenn der Wortbildungszusammenhang verwandter Wörter verblasst und nicht mehr empfunden wird (man schreibt aukštas, daiktas, da sie nicht mit ūga, dāgas in Verbindung gebracht werden). Außerdem wird auch dann phonologisch geschrieben, wenn der Lautwechsel auf abgestorbenen traditionellen Regeln beruht (z. B.: vežu und nicht *vežiu, bristi und nicht *bridi [...].“ Girdenis and Ambrazas, red., 2006: 20.
278
Acta Linguistica Lithuanica LXX
Juozas Pabrėža
Žemaičių kalba ir rašyba. Mokslo monografija
in Interjektionen: fui, fi, cha cha, hop hop, aha, oho (S. 184), sowie bei der Erörterung wissenschaftlicher und künstlerischer Gegenstände (vgl.: harmonėje ‚Harmonie‘, Fausts ‚Faust‘, chuoralā ‚Choräle‘, filosofėje / filusufėje ‚Philosophie‘ usw.) (vgl. S. 185). Zur Kennzeichnung der Weichheit von Konsonanten ist in der samogitischen Rechtschreibung ein Apostroph erforderlich, z. B.: vėlns oder veļs ‚Teufel‘ (S. 185–186). Beim Schreiben samogitischer Diphthonge und Mehrfachkonsonanten (siehe S. 187–189) kann man sich auf das Gehör verlassen; vgl. die Schreibung von Wörtern mit ou, ei im NordSamogitischen, zum Beispiel in den Wörtern papuole ‚fiel hinein‘, rodu ‚rötete‘, snēgs ‚Schnee‘, pēmu ‚ich nehme‘ (S. 187). Im Abschnitt Kai kurie morfologijos, sintaksės, leksikos dalykai werden wertvolle Hinweise zur Variantenvielfalt bei der Bildung traditioneller samogitischer Familiennamen gegeben (vgl. die in verschiedenen Gegenden Samogitiens vorkommenden Familiennamen von Mädchen / jungen Frauen, z. B.: Botkalė oder Botatė ‚Butkutė‘, Raudatė oder Raudėtė ‚Raudytė‘, Šakalė ‚Šakytė‘, Vaškė ‚Vaškytė‘, Šikšnė ‚Šikšniūtė‘; Familiennamen von Jungen im Teenageralter mit -ūtis, -utis: Butūtis oder Bututis ‚Butkus‘) sowie Anmerkungen zur Schreibung von Vornamen (siehe S. 192–193).
Dies sind die markantesten Schwerpunkte, die den Leser des ŽKR mit den Grundlagen der samogitischen Sprache und Rechtschreibung vertraut machen. Einige wenige Anmerkungen25 wurden in der Hoffnung vorgebracht, dass sie bei der Vorbereitung einer Neuauflage und/oder der Veröffentlichung eines Buches in einem anderen Format26 dazu beitragen, weitere Argumente für die Hauptthese des rezensierten Buches zu finden, dass das samogitische Sprachsystem als Ganzes nicht als Dialekt, sondern als Sprache einzustufen ist. Es ist zu hoffen, dass der Autor zu diesem Zweck die Stellungnahmen neutraler Gutachter vorlegen27 und neue eigene Argumente finden wird28.
Das ŽKR hat eine doppelte Zielgruppe (bei der Zielgruppe des Kapitels „Die samogitische Sprache“ stehen eher Sprecher der Standardsprache im Blick, bei der des Kapitels „Die samogitische Rechtschreibung“ dagegen Nutzer der samogitischen Sprache); dies strukturiert auch die Darstellung der behandelten Themen auf zweierlei Weise. Das Verhältnis des Autors zu seiner Zielgruppe unterscheidet sich im ersten und zweiten Teil des Buches – das sprachliche Darstellungsverfahren
25 Hier werden auch einige festgestellte Druckfehler aufgeführt: S. 63 sondėlė, S. 82 kāims, S. 103 „o karštybė bus [...]“ -> „o karštybė būdavo [...]“; S. 148 (siehe Subačius 1998: 489) -> (siehe Subačius 1998); S. 221 veizu: žmonės atseitoj kāp tik tas vaikēzas -> veizu: už monės atseitoj kāp tik tas vaikēzas; S. 302 Čiulda Juozas, 1993: trumpi [...] -> Čiulda Juozas, 1993: Trumpi [...]; S. 304 Kliukinė -> Kliukienė.
26 Dazu gehören nicht nur die inzwischen auch für Litauer vertrauten Varianten elektronischer Bücher zum Lesen (auf CD oder online zugänglich; vgl. Klicner 2017), sondern vielleicht auch ein Hörbuch (oder einzelne Buchteile).
27 Vgl. die Hinweise in den Arbeiten von Zigmas Zinkevičius zum Bilingualismus der Samogiten (und nicht nur der Samogiten). Sie besagen, dass in solchen Dialektgebieten „Kinder, die die Schule abgeschlossen haben, und Schüler praktisch ‚zweisprachig‘ sind: Mit Dialektsprechern sprechen sie auch zu Hause Dialekt, mit Sprechern der Standardsprache und anderer Dialekte sprechen sie oder bemühen sich zumindest, Standardsprache zu sprechen, die außerdem verwendet wird, wenn Gedanken schriftlich festgehalten werden müssen“ (Zinkevičius 2006: 34).
28 Eines dieser im ŽKR angeführten Argumente wurde auch bei der Buchvorstellung in der Bibliothek der Litauischen Akademie der Wissenschaften, den Wróblewski-Bibliotheken, vorgebracht; siehe Pabrėža 2018-03-30.
Recenzijos / Reviews
279
JŪRATĖ PAJĖDIENĖ
ŽKR wird neutral behandelt, während zur Erläuterung der Rechtschreibprinzipien das emotional stärker wirkende inklusive Wir (das sowohl den Autor als auch den Leser des Textes einschließt) gewählt wird²⁹ (vgl. solche Wir-Belege: also geben wir nicht nach (S. 175); gewöhnlich sagen wir kurz, das heißt, so müssen wir auch schreiben (S. 178); ohne diese neuen Gründe kommen wir nicht aus (S. 185) usw.). Beim Lesen von ŽKR wird vor allem dieser emotional bewegte und bewegende Adressat gewinnen, denn das Buch bietet Lesevergnügen auf unterschiedlichen Ebenen: Der wissenschaftliche Text von Juozas Pabrėža ist informativ, gut begründet, einfach und klar, die Beispiele sind ausführlich und interessant. Im Kapitel „Die žemaitische Sprache“ werden transkribierte Texte³⁰ präsentiert, die verschiedene žemaitische Dialekte und Unterdialekte repräsentieren. Sie sind nicht nur interessant, sondern zeigen auch die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der žemaitischen Dialekte (und berühren unterschiedlichste Themen – Alltag und Feste, Krankheiten und Behandlung, žemaitisches Bewusstsein usw.). Die Beispiele žemaitischer literarischer Werke im Kapitel „Žemaitische Orthografie“ machen die Tiefe der žemaitischen Sprache und ihr Potenzial für angemessene künstlerische Gestaltung sichtbar. Es ist zu hoffen, dass diese in einem Buch zusammengestellte Übersicht über die vielfältigen Ausdrucksformen und Möglichkeiten der žemaitischen Sprache den žemaitischen Leser dazu anregen wird, der eigenen Sprache nicht nur auf die für Žemaiten üblichen Arten – durch Schweigen und Sprechen –, sondern vielleicht auch durch Schreiben Aufmerksamkeit zu schenken. Denn in Anlehnung an den Hauptgedanken der von Čiurlionienė-Kymantaitė in der Erzählung Suopėjos pasaka Najies – nadėktois, arba selekėj – kaštuns dāktas (S. 195–198) dargestellten Geschichte (vgl. S. 198) lässt sich auch jene für Žemaiten wichtige Wahrheit formulieren: Wer nicht liest, wird nicht finden – und bleibt nicht auf der Welt.
Die in ŽKR vorgelegte Beschreibung des žemaitischen Sprachsystems, die sowohl auf regelmäßigen als auch auf nicht regelhaften Abweichungen vom Litauischen der Standardsprache beruht, kann nicht nur für Žemaiten wertvoll sein, sondern auch beim Erlernen der žemaitischen Sprache oder beim Kennenlernen dieser Sprache sowie beim Erlernen der Standardsprache als Fremdsprache eingesetzt werden. Dieses Buch kann als Ratgeber dienen, wenn žemaitische Kinder im Lesen und Schreiben in der Standardsprache unterrichtet werden. Um die Frage beantworten zu können, ob das in ŽKR dargelegte System des Schriftspracherwerbs wirksam ist, muss man es erproben. Es kann sein, dass dieses Buch für jene Žemaiten, die noch nie versucht haben, auf Žemaitisch zu lesen und zu schreiben, zunächst etwas verwirrend und abschreckend wirkt; daher lässt sich vermuten, dass sich ihr innerer (oder vielleicht auch tatsächlicher) Dialog ungefähr so entwickeln wird: No dar kon baišėmėis – rēks muokētės skaitīte i rašītė! No nakentu tokiu daliku. So tuom nujoujem daba vėsė pōl, juk jau išmuokom lietovėška, i gerī, i ožtenk mon. Doch wahrscheinlich wird das Lesevergnügen sie mitreißen, sobald sie anfangen, ŽKR zu lesen; nachdem sie das Buch angelesen oder ganz gelesen haben, werden sie schon etwas anders denken und sprechen: No jau nagalio sakīt, ka
29 Apie inkluzyvinio mes tipus žr. Linkevičienė, Šinkūnienė 2012: 92–94.
30Leser, die kein Žemaitisch können oder es nur schwer verstehen, finden Übersetzungen ins Litauische zu einigen der in ŽKR enthaltenen Dialekttexte (die von nordžemaitischen Telšiai-Sprechern aufgenommen wurden) in einer anderen, von Juozas Pabrėža gemeinsam mit Kolleginnen herausgegebenen Publikation, z. B.: Pabrėža, Marčiauskaitė, Leskauskaitė, Hrsg., 2013: 81ff.; 124ff. und ŽKR 114ff.; 116ff.
280
Acta Linguistica Lithuanica LXX
Juozas Pabrėža
Žemaičių kalba ir rašyba. Mokslo monografija
gefällt diese „Žemaičių kalba i rašība“. Ein ernsthaftes Buch. Jetzt weiß man alles über uns. Nun, Pabrėža Jozis hat unser ganzes Wesen gut gezeigt: wie klug wir sind, was für Philosophen wir sein können und dass wir auch Spaß verstehen.
Die Beschreibung der wichtigsten Merkmale der žemaitischen Sprache und Rechtschreibung ist für Leser, die sich theoretisch und praktisch für das Žemaitische interessieren, nützlich. Dieses Buch ist für Žemaiten geeignet, die die Standardsprache lernen, und natürlich auch für diejenigen, die Žemaitisch lernen möchten. Aus didaktischer Sicht kann und wird dieses Buch wahrscheinlich für Eltern und/oder Pädagogen von Kindern im Vorschul- und Grundschulalter sehr nützlich sein, wenn es darum geht, Kinder, die bislang ausschließlich ihre žemaitische Muttersprache beherrschen, zum Lesen und Schreiben in der litauischen Standardsprache zu motivieren. Zum Abschluss der Besprechung von ŽKR müssen wir auf die zentrale Idee des Status der žemaitischen Sprache zurückkommen – inwieweit bestätigt, vertritt und verbreitet dieses Buch sie, bringt Menschen dazu, an sie zu glauben oder lässt sie an ihr zweifeln? Der Autor von ŽKR ist eine konsequente und umgängliche Persönlichkeit (Juozas Pabrėžas Persönlichkeitstyp ließe sich auf Žemaitisch mit dem Satz Ons ir malonus žmogus beschreiben) und setzt sich hervorragend als Botschafter für diese Idee ein. Besonders wichtig ist auch, dass Juozas Pabrėža die žemaitische Sprache als geeignet für repräsentatives öffentliches Sprechen bekannt macht. Für den Erfolg einer friedlichen Botschaftertätigkeit ist stets Unterstützung von außen erforderlich (denn ausschließlich žemaitische Unterstützung könnte als Befangenheit der Žemaiten in ihrem eigenen Fall aufgefasst werden); deshalb möchte man dem Autor solche Unterstützung wünschen. Vorerst müssen die Žemaiten selbst die Idee annehmen, dass das Sprechen auf Žemaitisch das Sprechen in der Muttersprache und nicht in einem heimatlichen Dialekt ist, und diese Idee angemessen vertreten.
L I T E R A T U R
Bacevičiūtė Rima, Ivanauskienė Audra, Leskauskaitė Asta, Trumpa Edmundas, sud., 2004: Lietuvių kalbos tarmių chrestomatija. Vilnius: Lietuvių kalbos instituto leidykla.
Girdенis Aleksas 2006: Fonologija. Morfonologijos reiškiniai. – Dabartinės lietuvių kalbos gramatika, red. Vytautas Ambrazas. Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidybos institutas, 15–59.
Girdенis Aleksas, Girdенienė Danutė 1997: 1759 metų „Ziwato“ indeksas. Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidybos institutas.
Girdенis Aleksas, Pabrėža Juozas 1998: Žemaičių rašyba. Vilnius–Šiauliai: Žemaičių kultūros draugijos redakcija.
Girdенis Aleksas, Skirmantas Petras, par., 1998: 1759 metų „Ziwatas“. Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidybos institutas.
Grinaveckis Vladas 1973: Žemaičių tarmių istorija. Vilnius: Mintis.
Recenzijos / Reviews
281
JŪRATĖ PAJĖDIENĖ
Holvoet Axel 2004: Evidencialumo kategorija. – Gramatinių kategorijų tyrimai [Lietuvių kalbos gramatikos darbai 2], Axel Holvoet, Loreta Semėnienė (red.). Vilnius: Lietuvių kalbos institutas, 105–120.
Klicer Loreta: Die „Bibel“ der žemaitischen Sprache wurde auf Žemaitisch vorgestellt. Online verfügbar: http://www.skrastas.lt/?data=2017-11-24&rub=106924810&id=151187726 [abgerufen am 21.11.2017].
Linkevičienė Nijolė, Šinkūnienė Jolanta 2012: Asmeniniai įvardžiai mokslo kalboje. – Kalbotyra 64(3), 78–102. Prieiga internete: http://www.kalbotyra.lfl.vu.lt/wp-content/uploads/2012/04/Kalbotyra_64_78-102.pdf.
Pabrėža Juozas 1986: Diachroninės pastabos apie kirčio atitraukimą šiaurės žemaičių tarmėje. – Baltistica 22(2), 53–59.
Pabrėža Juozas, Marčiukaitė Vida, Leskauskaitė Asta, sud., 2013: Šiaurės žemaičiai telšiškiai. Vilnius: Lietuvių kalbos institutas.
Pabrėža Juozas: Puožo ožebuokės, buobas nasoraši. Öffentlicher Vortrag am 20.03.2018 in der Wróblewski-Bibliothek der LMA. Online verfügbar: https://www.youtube.com/watch?v=Ev5HqErYiMc.
Subačius Giedrius, par., 1993: Lietuvių atgimimo istorijos studijos 6. Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidykla.
Urbanavičienė Jolita, Jaroslavienė Jurgita, 2018: Aleksa Girdenio (1936–2011) atminimo konferencija „Kalbų ir tarmių transformacijos“. – Baltistica 53(1), 143–147. Prieiga internete: http://www.baltistica.lt/index.php/baltistica/article/view/2334.
Zinkevičius Zigmas 1966: Lietuvių dialektologija. Vilnius: Mintis.
Zinkevičius Zigmas 1974: Reikšmingas žemaitiškas rankraštinis tekstas. – Lietuvių kalbotyros klausimai 15, 171–193.
Zinkevičius Zigmas 1994: Lietuvių kalbos dialektologija. Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidykla.
Zinkevičius Zigmas 2006: Lietuvių tarmių kilmė. Vilnius: Lietuvių kalbos institutas.
Eingereicht am 15. Januar 2019.
JŪRATĖ PAJĖDIENĖ
Institut für Litauische Sprache
Petro Vileišio g. 5, LT-10308 Vilnius, Litauen
[email protected]
82
Acta Linguistica Lithuanica LXXIX