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Kazimieras Gaivenis

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Kazimieras GAIVENIS SPRACHLICHE UND LOGISCHE ANFORDERUNGEN AN TERMEN Jeder Terminus hat eine Form und einen Inhalt. Die Form des Terminus ist die sprachliche Hülle des bezeichneten Begriffs, sein Inhalt dagegen die terminologische Bedeutung, die durch die Definition widergespiegelt wird. Die terminologische Bedeutung stimmt nicht mit der lexikalischen Bedeutung des Wortes überein. Die strukturellen Elemente dieser beiden Bedeutungen werden in der Sprachwissenschaft meist Sememe genannt. Nach ihrer Ausdrucksweise lassen sich Termini-Sememe in solche mit formalem Ausdruck (explizite) und solche ohne formalen Ausdruck (implizite) einteilen. So zeigt beispielsweise die Pluralendung des Terminus cukrus (Chemie), dass er eine bestimmte Klasse chemischer Stoffe bezeichnet, denn das Wort cukrus ist in der Gemeinsprache und auch in der Terminologie einiger Fachgebiete ein Singularwort. Das Suffix des Terminus pataisėčiai (Lycopodiales) zeigt, dass es sich um die Bezeichnung einer Pflanzenordnung handelt usw. Dies sind Sememe mit formalem Ausdruck. Sowohl die Terminologisierung (die Umwandlung gemeinsprachlicher Wörter oder von Wörtern in Termini) als auch die Transterminologisierung (die Umwandlung von Termini eines Fachgebiets in Termini eines anderen Fachgebiets) und die Determinologisierung (die Umwandlung von Termini in Nichttermini) sind mit erheblichen semantischen Veränderungen verbunden. Ein terminologisiertes Wort erhält neue Sememe. So setzt sich beispielsweise die lexikalische Bedeutung des gemeinsprachlichen Wortes kiaulpienė aus den Sememen „Unkraut“, „gelbblühend“, „honigspendend“ usw. zusammen, während die terminologische Bedeutung des Terminus kiaulpienė (Taraxacum) bereits auch neue spezielle Sememe umfasst, die erforderlich sind, um diese Pflanze systematisch zu beschreiben und von anderen ähnlichen Pflanzen (z. B. kreisvių oder vanagių) abzugrenzen, etwa: „Die Blüten haben 5 Staubblätter“, „Die Pollen sind gleich groß, etwa 30μ“ usw. Fachfremde kennen diese letzteren Sememe nicht, und in den erklärenden Wörterbüchern der Gemeinsprache finden sie größtenteils keinen Niederschlag. Definitionen von Termini müssen die Kernsememe der terminologischen Bedeutung widerspiegeln. Nur dann sind sie wissenschaftlich. Da es jedoch mehr Kernsememe gibt, als gewöhnlich in Definitionen wiedergegeben werden, kann es mehrere korrekte Definitionen eines Terminus geben. Die terminologische Bedeutung wird häufig nicht nur durch Dendrogramme, Histogramme und Schemata formalisiert, sondern auch durch die Verwendung von For- 26 meln offengelegt. Es wird angenommen, dass die Formalisierung der Wortbedeutung eine der objektivsten Methoden zur wissenschaftlichen Beschreibung der Wortbedeutung ist1. Hinsichtlich ihrer Form werden Termini meist in einfache (einwortige) und zusammengesetzte (mehrwortige) Termini eingeteilt. Einwortige Termini sind nicht nur primäre (einfache) Wörter, sondern auch verschiedene Ableitungen und Zusammensetzungen, z. B.: asmenuotė (Grammatik), baudinys (Sport), deguonis (Chemie), garotiekis (Technik), jonazolė (Botanik) usw. Zusammengesetzte Termini bezeichnen meist verschiedene Unterbegriffe und zusammengesetzte Begriffe. Sie können aus zwei, drei oder allgemein mehreren Wörtern bestehen, z. B.: tikrinis daiktavardis (Sprachwissenschaft), naudingųjų iškasenų sodrinimas (Chemie, Geologie), neregistruotųjų vertybinių popierių rinka (Wirtschaft) usw. In wissenschaftlichen und fachsprachlichen Texten finden sich auch noch längere, sogenannte beschreibende zusammengesetzte Termini, z. B.: kopūstai po dobilų, įsėtų į vikių ir avižų mišinių žaliajam pašarui (Bezeichnung der Vorfrucht in der landwirtschaftlichen Terminologie), nacionalinių pajamų sukūrimo, paskirstymo, perskirstymo ir galutinio panaudojimo balansas (Wirtschaft) und dergleichen. Inhaltlich (oder funktional) werden Termini in Art-, Gattungs- und Kategoriebegriffe eingeteilt. Diese Einteilung hängt mit dem unterschiedlichen Umfang (Extension) und der unterschiedlichen Intension der Termini zusammen. Die erste Eigenschaft nannte Š. Šalkauskis tįsa, die zweite talpa. Sie stehen in einem umgekehrt proportionalen Verhältnis: Nimmt die eine ab, nimmt die andere zu. Den größten Umfang haben Kategoriebegriffe, den kleinsten Artbegriffe. Die Terminologie jedes Fachgebiets umfasst Tausende von Termini; daher ist bei der praktischen Terminologiearbeit auch die Frage der Beziehungen zwischen den Termini sowie ihrer Einteilung und Klassifikation wichtig. Bei der Lösung des Problems der Terminusinhalte und ihrer Beziehungen stützt sich die Terminologielehre vor allem auf drei Wissenschaften: das jeweilige Fachgebiet (Wissenschaft, Produktion, Sport usw.), die Sprachwissenschaft und die Logik. Diese Bereiche bilden die Grundlage der Terminologietheorie. Sowohl Š. Šalkauskis als auch E. Wüster bezogen den Gegenstand der Terminologielehre zudem auf die Ontologie, Psychologie, Philosophie und weitere Wissenschaften. Diese Bereiche weisen jedoch mit der Terminologielehre weniger Berührungspunkte auf als mit 1 Jakaitienė E. Leksinė semantika. V.,1988.P.18. 27 Logik, Wortbildung, Sprachkultur oder Soziolinguistik. Der kanadische Terminologe F. W. Rigs ordnet die Terminologie zwischen Lexikologie und Konzeptologie ein und veranschaulicht deren Zusammenhang mit folgendem Schema2: Sprachliche Anforderungen an Termini Die wichtigsten und am häufigsten genannten sprachlichen Anforderungen an Termini sind: Korrektheit, Genauigkeit, Systemhaftigkeit, Kürze, Wortbildungsfreundlichkeit, emotionale Neutralität u. a. Einige dieser Anforderungen haben wir bereits in anderen Publikationen3erörtert; deshalb behandeln wir diesmal ausführlicher drei wichtigere sprachliche Anforderungen an Termini, nämlich Korrektheit, Genauigkeit und praktische Handhabbarkeit. Korrektheit ist eine der wichtigsten Anforderungen an die Terminologie. In der nach der einschlägigen internationalen Norm (ISO 704–87) erarbeiteten Norm der Republik Litauen „Grundsätze und Methoden der Terminologie“ (1115–90) wird sie als Übereinstimmung mit den Normen einer bestimmten Sprache definiert. Korrektheit bedeutet also die Einhaltung der Regeln für Aussprache, Akzentuierung, Rechtschreibung, Grammatik, Wortbildung und Gebrauch. So darf beispielsweise ein Terminus oder sein Bestandteil nicht falsch gebildet sein (bešaudyklinės staklės, vyrinžinierius), falsch akzentuiert sein (dožimetras, įkrova, važiuoklė), falsch geschrieben sein (skersnukis, šašlikas, pusiausvyrumas), falsch flektiert sein (ekslibris, herbera, jacintas) usw. Termini sind oft komplexer gebildet als einfache Wörter, z. B.: [(žied)+yn]+ pumpuris (Botanik), {prieš + [(stipr)+ in) + turi + is } (Technik), {[į + (magnet + in)] + am] + umas (Technik), {[(šluo + t) + smilg] + ynas} (Botanik) usw. 2 Суперанская А., Подольская Н., Васильева Н. Общая терминология. М., 1989. С.21. 3 Gaivenis K. Lietuviškų terminų vaizdingumo klausimu//Lietuvių leksikos ir terminologijos problemos. V.,1991.P.26–31. 28 Theoretiker der Wortbildung bezeichnen Wortbildungsstufen mitunter auch als Wortbildungsschritte oder -akte. In den baltischen ebenso wie in den slawischen Standardsprachen gibt es durchschnittlich offenbar drei bis vier Wortbildungsschritte. Bei der Bildung von Termini sind es mitunter fünf bis sechs Schritte. Eine eingehendere Untersuchung der Stufigkeit (Tiefe) der Terminusbildung kann natürlich bereits über die Grenzen der synchronischen Wortbildung hinausgehen. Die häufigsten Fälle fehlerhafter Terminusbildung sind heute folgende: 1. Ungenaue Wahl eines Präfixes, Suffixes, einer Endung, eines Suffixes oder eines Grundworts, bedingt durch die Nachbildung der Wortstruktur anderer Sprachen, z. B.: Die Bezeichnung für ein wärmedämmendes Baumaterial apšildytojas ist nicht nur wegen des unpassenden Suffixes fehlerhaft, sondern auch wegen der falschen Wahl des Grundworts (es müsste lauten: šiltalas) usw. 2. Ungenaue Wahl eines Wortbildungstyps oder einer Wortbildungskategorie, bedingt durch die Anwendung des Prinzips der Pseudoanalogie. So ist die Neubildung bebrim-vietė nach dem Muster fragwürdiger Bildungen wie augimvietė, kirtimvietė, perimvietė, radimvietė gebildet worden und sollte durch die korrekte Neubildung bebravietė ersetzt werden. Man kann nicht behaupten, dass der fehlerhafte Terminus ugniaat-sparumas aus den Wörtern ugnis und atsparumas gebildet sei (tatsächlich ist er vom Adjektiv ugniaatsparus abgeleitet, das seinerseits aus den Wörtern ugnis und atsparus gebildet ist). Das Wort ugniaatsparumas ist also fehlerhaft, weil sein Grundwort, das Adjektiv ugniaatsparus, fehlerhaft ist. Dieser einsilbige Terminus sollte durch den zusammengesetzten Terminus atsparumas ugniai. ersetzt werden. 3. Ungenaue Wahl grammatischer Konstruktionen bei zusammengesetzten Termini, bedingt durch die Nachbildung der Struktur von Wortverbindungen anderer Sprachen. So werden in der russischen Terminologie zur Bezeichnung des Verhältnisses zwischen Ganzem und Teil zusammengesetzte Termini des Typs „Adjektiv + Substantiv“ verwendet, während man in unserer Terminologie Genitivverbindungen gebraucht, zum Beispiel: stabdinė (= stabdžių) pavarà, anteninis (= antenos) pérjungiklis usw. 4. Aus Entwürfen von Terminusnormen geht hervor, dass bei der Akzentuierung litauischer Termini häufiger Fehler bei der Bestimmung des Intonationsverlaufs als bei der Bestimmung der Akzentstelle gemacht werden (z. B. wurden in einer Stichprobe von 320 Termini 94 Fehler bei der Wahl des Intonationsverlaufs und 10 Fehler bei der Bestimmung der Akzentstelle festgestellt). Die häufigsten Fehler beim Intonationsverlauf sind: a) falsche Akzentuierung von Präfixableitungen (z. B. sąnaudos, įtvaras, povėržlė usw.); b) es wird nicht berücksichtigt 29 Akzentverschiebung bei Suffixsubstantiven (z. B. matúoklis, gru- pūotė usw.); c) der zweite Bestandteil zusammengesetzter Wörter wird falsch betont (z. B. lūpažiedžiai, šimtakojis, daugiasluoksnis usw.). 5. Die häufigsten Rechtschreibfehler bei Termini sind folgende: a) ein Zeichen wird eingefügt, wo es nicht nötig ist, oder weggelassen, wo es nötig ist (z. B. helioterapija, d. h. helioterapija, kompiuteris, d. h. kompiuteris, variantas, d. h. variantas usw.); b) an der Nahtstelle zusammengesetzter Termini sowie zwischen Präfix und Wortstamm werden nicht alle aufeinandertreffenden Konsonanten oder Vokale geschrieben (z. B. der Fischname skersnukis, d. h. skersnukis, das Adjektiv tarplanetinis, d. h. tarpplanetinis usw.); c) der Bindestrich zwischen den Bestandteilen eines zusammengesetzten Terminus wird dort gesetzt, wo er nicht nötig ist, oder dort weggelassen, wo er nötig wäre; außerdem wird der Bindestrich mit dem Gedankenstrich verwechselt (z. B. silabinė toninė eiliadara, d. h. silabinė-toninė eiliadara, gydytojas-chirurgas, d. h. gydytojas chirurgas usw.); d) Bestandteile zusammengesetzter Eigennamen aus der Astronomie, Geografie und einigen anderen Fachgebieten werden nicht gemäß den Rechtschreibregeln geschrieben (z. B. Didieji Grįžulo ratai, d. h. Didieji Grįžulo Ratai, Raudonasis kryžius, d. h. Raudonasis Kryžius usw.). Präzision. Die Präzision von Termini hängt in erster Linie mit ihrer Eindeutigkeit und der Bestimmtheit ihrer Bedeutung zusammen. In der praktischen Terminologienormung lassen sich diese Eigenschaften jedoch nur schwer erreichen. Die Eindeutigkeit von Termini bildet sich durch einen fortwährenden Meinungskampf heraus. Nur ein kleiner Teil der Termini wird von allen Fachleuten eines Gebiets über einen längeren Zeitraum hinweg gleich verstanden und verwendet. Ein uneinheitliches Verständnis von Termini kann Jahrzehnte andauern. So ist beispielsweise der geologische Terminus facija seit mehr als 100 Jahren gebräuchlich, hat aber bis heute keine annähernd einheitliche Definition. Außerdem wird dieser Terminus nicht nur in der Geologie, sondern auch in der geografischen Terminologie verwendet, wo sein Verständnis und seine Definition wiederum etwas anders ausfallen. Auch literaturwissenschaftliche Termini wie fabula ir siužetas sowie sprachwissenschaftliche Termini wie žodis, tranzityvumas, veiks las werden uneinheitlich verstanden und erklärt. Meist handelt es sich dabei um die inhaltlich reichhaltigsten kategorialen Begriffe. All dies ist im Allgemeinen normal. Würden alle Fachleute eines Gebiets Termini ausschließlich einheitlich verstehen und definieren, gäbe es keinerlei wissenschaftlichen Fortschritt. In der Terminologie gibt es auch die sogenannte kategoriale Polysemie- 30 keit. Dabei handelt es sich um ein Phänomen, bei dem derselbe Terminus sowohl eine Handlung als auch deren Ergebnis bezeichnet (z. B. vertimas – Literatur) oder sowohl eine Handlung als auch den Ort ihrer Ausführung (z. B. kirtimas – Forstwirtschaft). Fachleute in manchen Gebieten vermeiden eine solche terminologische Ungenauigkeit erfolgreich. So bezeichnen Physiker mit den Termini greitis, dažnis, tankis konkrete, in bestimmten Einheiten ausgedrückte Größen und verwechseln sie nicht mit Bezeichnungen von Eigenschaften. Fachleute anderer Gebiete hingegen bilden zur Benennung von Handlungsergebnissen häufig unnötigerweise (insbesondere unter dem Einfluss anderer Sprachen) aus Pluralformen von Handlungsbezeichnungen Termini (z. B. išrūkimai, d. h. išrūkos – Ökologie, išvarvėjimai, d. h. išvarvos– Veterinärmedizin usw.). Die Präzision von Termini hängt zweifellos auch mit ihrer Motivation zusammen. Man kann jedoch nicht sagen, dass motivierte Termini präzise und unmotivierte unpräzise seien. Als unpräzise sollte man nur irreführend motivierte Termini ansehen. Solche Termini entstehen oft unter dem Einfluss anderer Sprachen, z. B.: nepertraukiama (= nenutrūkstama) gamyba (Wirtschaft), padažnintas (= padažnėjęs) kvėpavimas (Medizin) usw. Außerdem darf die Präzision von Termini nicht mit ihrer Wortbildungsbedeutung gleichgesetzt werden. Fachleute verschiedener Gebiete tun dies sehr oft und behaupten, ein Terminus sei unpräzise, weil seine Wortbildungsbedeutung der terminologischen Bedeutung nicht widerspreche. Genauer gesagt verstehen sie die Wortbildungsbedeutung als das wichtigste Sem des Terminus. Tatsächlich liegt die Wortbildungsbedeutung aufgrund ihres Abstraktionsgrades gewissermaßen zwischen lexikalischer und grammatischer Bedeutung. Sie ergibt sich aus den strukturellen Bestandteilen eines Derivats und deren Verhältnis zueinander. So lautet beispielsweise die Wortbildungsbedeutung des Terminus pievagrybis (Agaricus) „ein auf der Wiese wachsender (Wiesen-)Pilz“. Seine lexikalische und terminologische Bedeutung sind wesentlich umfassender und konkreter. Botaniker unterscheiden mindestens mehrere Arten dieser Pilze und sprechen sogar von miškinius pievagrybius (Agaricus silvaticus) und dirvinius pievagrybius (Agaricus arvensis). Außerdem wachsen auf Wiesen noch viele andere Pilze, die nicht als pievagrybiai bezeichnet werden. Die Wortbildungsbedeutung ist also meist eine unechte, irreführende Wortbedeutung. Allgemein lässt sich sagen, dass die Präzision von Termini am stärksten mit ihrer Semantik zusammenhängt. Arbeitskomfort. E. Jakaitienė behauptet, dass zivilisierte Völ- 4 Jakaitienė E. Ten pat. P. 91. 31 In diesen Sprachen machen Ableitungen etwa 60% des Wortschatzes aus4. Andere Theoretiker sagen, dass das Verhältnis von Ableitungen zu primären Wörtern vom Grad der Synthetizität einer Sprache abhängt. In analytischen Sprachen gebe es mehr primäre Wörter als in synthetischen. V. Urbutis behauptet, dass Ableitungen im Litauischen mindestens 4/5 des gesamten Wortschatzes ausmachen sollten5. Im „Wortbildungswörterbuch“ der russischen Sprache von A. Tichonov (1985) sei das Verhältnis primärer Wörter zu Ableitungen wie folgt: 18118 und 126690= 1:76. Nach den Angaben von S. Keinys sind 92,5% der rein litauischen und hybriden einwortigen Substantivtermini im „Russisch-litauischen Wörterbuch der Wirtschaftsfachbegriffe“ (V. 1966) aus anderen Wörtern gebildet (insgesamt wurden für die Berechnung etwas mehr als 1600 verschiedene Wörter herangezogen, davon etwa 120 primäre). Etwa 90% der im „Russisch-litauisch-englischen Wörterbuch der Rechentechnik-Terminologie“ (V., 1971) sowie im „Wörterbuch der botanischen Fachbegriffe“ (V., 1965) aufgeführten Termini derselben Art sind ebenfalls Ableitungen (insgesamt etwas mehr als 1900 bzw. etwa 800 verschiedene Wörter, davon etwa 180 bzw. 120 primäre)7. Wie dem auch sei, Ableitungen machen den größten Teil der einwortigen Termini aus, und es ist wichtig, dass sie sich bequem bilden lassen. Ein Grundwort und eine Ableitung gelten als „Wortbildungspaar“, dessen markiertes Glied die Ableitung ist. Dieser Begriff ist gleichsam die grundlegende Zelle der gesamten Wortbildung. Der Wortbildungsprozess endet jedoch nicht mit dem Wortbildungspaar. Werden aus Ableitungen wiederum neue Wörter gebildet, entstehen Wortbildungsketten8, zum Beispiel: •—•—•—• (1) Abb. (1): leisti→laidus→laidininkas→puslaidininkis→puslaidininkinį; stiprus→stiprinti→stiprintuvas→priešstiprintuvis usw. 5 Urbutis V. Žodžių darybos teorija. V., 1978. P. 62. 6 Моисеев А. Основные вопросы словообразования в современном русском литературном языке. Л., 1987. С.5. 7 Keinys S. Priesaginė lietuviškų terminų daryba // Lietuvių terminologija. V., 1975. P. 7. 8 Моисеев А. Ebd. S.181 ff. 32 Solche Terminbildungsreihen können sich verzweigen, zum Beispiel: (2) Abb. (2): Aus dem Wort geležis wurde das Wort geležinis gebildet, und aus diesem wiederum geležinkelis, geležiniai (Fesseln); aus dem Wort geležinkelis wurde geležinkelininkas usw. Werden aus demselben Grundwort wiederum neue Wörter gebildet, entstehen Wortbildungsfächer, zum Beispiel: (3) Abb. (3): vilkas → vilkauglis, vilkauogė, vilkduobė, vilkdagis, vilkligė usw. Terminbildungsfächer können sich auch verbinden und Terminbildungskomplexe bilden. Außerdem sprechen Wortbildungsspezialisten von Wortbildungsnestern. Dieser Begriff wird allerdings oft unterschiedlich verstanden. Einige meinen, dass nur Wörter mit derselben Wurzel ein Nest bilden können, während andere sagen, dass ein Nest auch alle Ableitungen eines bestimmten Wortbildungsaffixes umfassen kann. Meistens wird jedoch angenommen, dass ein Wortbildungsnest die Gesamtheit verwandter Wörter mit gemeinsamer Wurzel umfasst. Ein Wortbildungsnest ist das Ergebnis von Wortbildungsprozessen. Zum Beispiel: drąsus – drąsumas – drąsiai – drąsuolis – drąsėti – drąsėjimas – drąsinti – drąsinimas – drąseika In Wortbildungsnestern können sich außerdem Wortbildungs- 33 Paradigmen sind Gesamtheiten von Wörtern derselben Ableitungsstufe. Anders gesagt, handelt es sich um Zweige von Wortbildungsnestern. Somit lassen sich auch die Nester selbst als große Paradigmen betrachten. Der Begriff „Wortbildungsnest“ steht, mathematisch gesprochen, in umgekehrt proportionalem Verhältnis zum Begriff „Wortbildungstyp“: Ein Nest ist eine Gesamtheit von Wörtern mit derselben Wurzel und unterschiedlichen Affixen, ein Typ hingegen eine Gesamtheit von Wörtern mit demselben Affix, aber unterschiedlichen Wurzeln. Zum Beispiel bilden alle Adjektive mit dem Suffix -inis einen Wortbildungstyp, obwohl ihre Wurzeln unterschiedlich sein können: von Substantiven (medinis: medis), Adjektiven (saldinis: saldus), Zahlwörtern (pirminis: pirmas), sogar von Buchstabennamen (tėjin: tė) usw. V. Urbutis sagt, dass ein Wortbildungstyp auf zweierlei Weise verstanden werden kann – entweder als ein in der Sprache vorhandenes abstraktes strukturelles Schema, nach dem alle Ableitungen gleicher Wortbildungsbedeutung und -form gebildet werden, oder als die in der Rede (d. h. im Sprachgebrauch) vorkommenden Ableitungen selbst, als deren Gesamtheit9. Man kann sich den Wortbildungstyp als formales Schema mit drei Dimensionen vorstellen: 1) der Wortbildungsbedeutung; 2) der lexikalisch-grammatischen Beschaffenheit des Grundworts und 3) dem Wortbildungsformans. Wortbildungsproduktivität bezeichnet die Eignung eines Terminus, neue, semantisch und formal von ihm abhängige Wörter zu bilden. Die größte Wortbildungskraft besitzen im Litauischen Substantive, Adjektive und Verben. Dies sind jedoch umfangreiche und stark verzweigte Wortklassen, und Termini werden nicht aus allen ihren Untergruppen gebildet. So werden beispielsweise Bezeichnungen für Werkzeuge nur aus Verben aktiver Handlungen gebildet. Handlungsbezeichnungen mit dem Suffix -imas werden nicht aus Mischverben gebildet, deren Infinitiv das Suffix -yti enthält. Bezeichnungen für Handlungsergebnisse mit dem Suffix -muo (-menys) werden nicht von präfigierten Verben abgeleitet. Die charakteristischsten und sehr seltenen Fälle der Bildung zusammengesetzter Termini sind folgende: 9 Urbutis V. Ten pat. P. 246. 34 Kompositum Häufig Mittelhäufig Selten Sehr selten (oder unmöglich) Substantiv + Substantiv + Substantiv + Adjektiv + Adjektiv + Substantiv + Adjektiv + Adjektiv + Adjektiv + Verb + Verb + Substantiv + Verb + Adjektiv + Verb + Verb + Sowohl in der Allgemeinsprache als auch in der Wissenschaftssprache werden Verben nicht nur aus Verben, sondern auch aus Nomina gebildet. In der Terminologie muss man häufig aus substantivischen Verben wiederum Substantive bilden. Ein solches Vorgehen ist bereits unpraktisch und wenig zukunftsträchtig. Im Allgemeinen sind bei der Bildung von Neubildungen kurze litauische Wörter am nützlichsten. Logische Anforderungen an Termini Logiker sagen, eine Bezeichnung oder ein Name sei ein sprachlicher Ausdruck, 35 der ein Objekt oder eine Klasse von Objekten bezeichnet10. Doch stimmen weder die Begriffe „Objekt“ noch „Gattungs- oder Eigenname“ in der Linguistik und der Logik überein. So gilt etwa das Substantiv žmonija („Menschheit“) in der Logik als Eigenname (Einzelname), in der Linguistik dagegen als Gattungs- und Kollektivname. Auch das Verständnis des Begriffs „Begriff“ unterscheidet sich. Gewiss verstehen Logiker unter einem „Begriff“ etwas Tieferes und Umfassenderes, während der Begriff in der Terminologie nur eine zweitrangige Bedeutung hat, obwohl er durch eine internationale Norm standardisiert ist (ISO|R 1087 – 1969): „jede Denkeinheit, die durch einen Terminus, einen Buchstaben oder ein anderes Symbol ausgedrückt wird“. Alle Termini bezeichnen Begriffe. Es gibt jedoch Wörter, die keine Begriffe bezeichnen, z. B. Konjunktionen, Partikeln, Interjektionen usw. Andererseits bezeichnen Termini keine gewöhnlichen, sondern spezielle Begriffe eines bestimmten Fachgebiets. Jeder Begriff hat einen Inhalt (die Gesamtheit seiner inneren und äußeren Merkmale) und einen Umfang (die Gesamtheit aller Objekte, die sämtliche Merkmale dieses Begriffs aufweisen). Je umfassender der Inhalt eines Begriffs ist, desto enger ist sein Umfang. Mit anderen Worten: Je größer die Zahl der Merkmale ist, die sich in einem Begriff widerspiegeln, desto weniger Objekte weisen diese Merkmale auf. Die beiden wichtigsten logischen Anforderungen an Termini sind Systematik und die Genauigkeit von Definitionen. Die erste Anforderung hängt mit der Gliederung und Klassifikation von Termini und den ihnen entsprechenden Begriffen zusammen, die zweite mit der Standardisierung von Definitionen. In der Terminologie wird die Gesamtheit der Begriffe zunächst in Kategorien gegliedert: Gegenstände, Prozesse, Werkzeuge, Eigenschaften, Größen. Für Gegenstände sind Merkmale wie Form, Größe, Herkunft, Konstruktion (Aufbau), Zweck, Material, chemische Zusammensetzung, Herstellungsverfahren und Wirkprinzip charakteristisch. Bei Begriffen der Prozesskategorie werden unter anderem Merkmale der Art des Ablaufs, seiner Geschwindigkeit und Intensität, seiner Dauer, seiner Ursache und seiner Ergebnisse unterschieden. Eine solche Einteilung in Kategorien ist natürlich noch nicht vollständig und genau. In der Terminologie unterscheiden sich Begriffe voneinander vor allem durch ihren Umfang. Danach können die Beziehungen zwischen Begriffen verschiedener Art sein, nämlich: 10 P l e č k a i t i s R. Logikos įvadas. V., 1968.P128. 36 1) Gleichheit der Bedeutung (Identität), z. B.: „Linguistik“ (A) und „Sprachwissenschaft“ (B), 2) Ausschluss, z. B.: „Krähe“ (A) und „Rabenkrähe“ (B) 3) Überschneidung, z. B. „Terminus“ (A) und „Wort“ (B) 4) Einschluss, z. B.: „Küken“ (A) und „Ente“ (B) In der praktischen Terminologiearbeit werden meist zwei Arten von Begriffsbeziehungen unterschieden: hierarchische und nicht hierarchische Beziehungen, z. B.: „Bus“ (Gattungsbegriff) und „Doppeldeckerbus“ (Artbegriff); „Bus“ (Begriff des Ganzen) und „Fahrgestell“ (Begriff des Teils). Nicht hierarchische Begriffsbeziehungen sind meist solche zwischen Material und Produkt, Ursache und Wirkung usw. Sie beruhen nicht auf inneren, sondern auf äußeren Merkmalen der Begriffe. Die Klassifikation von Begriffen hängt eng mit ihrer logischen Einteilung zusammen. Meist werden zwei Arten der Einteilung unterschieden: 1) Einteilung nach der Veränderung eines Merkmals und 2) Einteilung danach, ob ein Merkmal vorhanden ist oder nicht. Letztere Einteilung wird auch dichotomisch genannt. Dabei werden Klassen in nur zwei Unterklassen eingeteilt. Bei der Einteilung von Begriffen müssen bestimmte Regeln beachtet werden, nämlich: 1) Die Einteilung muss adäquat sein; 2) sie muss lückenlos sein; 3) die Einteilungsglieder müssen einander ausschließen und 4) die Einteilung muss nach einem einzigen Prinzip vorgenommen werden. Werden die Einteilungsregeln nicht eingehalten, entstehen verschiedene unsystematische Begriffe und die ihnen entsprechenden Termini. Zum Beispiel: 1) Flüchtige Bestandteile im Magma dürfen nicht in Wasser, Chlor, Fluor, Bor 37 oxid und Kohlensäure eingeteilt werden, da die Einteilung hier nicht nach einem einzigen Prinzip erfolgt: Einige Einteilungsglieder sind chemische Elemente (z. B. Chlor, Fluor), andere hingegen Verbindungen (Boroxid; Kohlensäure); 2) die wichtigsten antiseptischen Stoffe dürfen nicht in Phenole, Formaldehyde, Halogene, Wasserstoffperoxid, Kaliumpermanganat, Borsäure, Schwermetallsalze, Sulfanilamide und Antibiotika eingeteilt werden, weil die Begriffe „Wasserstoffperoxid“, „Kaliumpermanganat“ und „Borsäure“ Artbegriffe sind, während „Phenole“, „Formaldehyde“ und „Halogene“ Gattungsbegriffe sind (hier wird die Regel der Lückenlosigkeit der Einteilung verletzt); 3) Hebezeuge (Technik) dürfen nicht in mechanische, Schrauben- und hydraulische eingeteilt werden, da Schraubenhebezeuge eine Unterart der mechanischen Hebezeuge sind usw. Die Einteilung von Begriffen hängt eng mit ihrer Klassifikation zusammen: Jede Klassifikation ist zugleich eine Einteilung, doch nicht jede Einteilung ist eine Klassifikation. Logiker geben folgende Definition der Klassifikation: „Eine Klassifikation ist eine Einteilung, bei der (wenn – K. G.) Objekte so in Klassen eingeteilt werden, dass jede Klasse im Verhältnis zu den anderen Klassen einen festen, bestimmten Platz einnimmt“11. In der Logik werden meist zwei Arten der Klassifikation unterschieden – die Hilfsklassifikation und die Hauptklassifikation (die eigentliche, natürliche). Die erste Klassifikation hilft dabei, Objekte unter anderen Objekten zu finden (zum Beispiel die alphabetische Anordnung von Termini), während die zweite Objekte anhand ihrer wesentlichen Merkmale in Klassen einteilt. In der Terminologie hingegen werden häufiger zwei andere Klassifikationssysteme verwendet: das hierarchische, bei dem zwischen den klassifizierten Gruppen Über- und Unterordnungsverhältnisse festgelegt werden, und das Facettensystem, bei dem eine Menge unter verschiedenen Gesichtspunkten wiederholt unterteilt wird. Die Systemhaftigkeit von Termini wird mitunter auch als Typizität der Wortbildung verstanden. Dennoch wäre es genauer, als Systemhaftigkeit die Folgerichtigkeit und Kohärenz der Klassifikation oder Einteilung von Termini zu bezeichnen. Somit können unsystematische Termini durchaus korrekt und präzise sein. Auf die Präzision von Definitionen gehen wir in diesem Artikel nicht gesondert ein, da sie bereits früher in der Publikation „Terminologija“ behandelt wurde12. 11 P l e č k a i t i s R. Ebenda. S. 91. 12 G a i v e n i s K. Einige Gedanken zur Standardisierung von Termini// Terminologija. V., 1995. Bd. 2. S. 6–11. 38