scieee AI-readable full text Open interactive document viewer

Nuo liaudies terminijos prie mokslinės

Jonas Klimavičius

Full text

TERMINOLOGIJA IR DABARTIS Jonas KLIMAVIČIUS VON DER VOLKSTÜMLICHEN TERMINOLOGIE ZUR WISSENSCHAFTLICHEN Die wissenschaftliche Terminologie und die volkstümliche Terminologie sind sehr unterschiedliche Bereiche. Das liegt an den Unterschieden und Gegensätzen zwischen Wissenschaft, Zivilisation im Allgemeinen und Ethnik einerseits sowie dem Leben des Volkes andererseits. Terminologisch sind wissenschaftliche und volkstümliche Terminologie jedoch untrennbar miteinander verbunden. Zumindest in Mittel- und Osteuropa. Ihre Verbindung ist allerdings nicht gleichrangig. Es handelt sich um einen einseitigen Prozess von der volkstümlichen zur wissenschaftlichen Terminologie. Und diesen Prozess löst nicht der Ausgangspunkt – die volkstümliche Terminologie – aus und bestimmt ihn auch nicht, sondern der Bedarf, wissenschaftliche Begriffssysteme, gewöhnlich internationale und universelle, zu benennen. Nicht die volkstümliche Terminologie gibt, sondern die wissenschaftliche Terminologie leiht sich bei ihrer Auswahl Begriffe. Hier gibt es nicht zwei Akteure – eine Verleiherin und einen Entleiher –, sondern nur eine Quelle und eine Schöpfende, die ihren Durst nach Benennungen für ihr wissenschaftliches Begriffssystem stillt, indem sie, sofern es zu ihren Maßstäben passt, mit ihren Schöpfkellen auch aus dieser Quelle schöpft. Übrigens sind diese Quellen nicht für alle Zweige der wissenschaftlichen Terminologie gleich tief; manchmal gibt es sie überhaupt nicht. In der litauischen sprachwissenschaftlichen Tradition wurde die volkstümliche Terminologie vor allem als wichtigste Quelle und Vorbild der wissenschaftlichen Terminologie hervorgehoben. Kazimieras Būga schrieb in seiner unvollendeten Rezension des im Nachlass als Manuskript verbliebenen „Glossars zoologischer Systematiktermini“ von J. Elisonas (Kaunas, 1920): „Alle Wissenschaftszweige müssen ihre Termini aus der Umgangssprache nehmen. Was in der Umgangssprache fehlt, muss der Wissenschaftler anhand der Beispiele der lebendigen Sprache und nach ihren Regeln aus dem vorhandenen Sprachmaterial bilden“1. Es ist kaum vorstellbar, dass Botanik, Zoologie, Anatomie, physische Geografie, Geologie, Meteorologie, Landwirtschaftswissenschaften und sogar die Technik nichts aus der Volkssprache übernehmen. Sie haben reichlich davon übernommen, manchmal sogar sehr sorgfältig und einfallsreich. Doch auch hier kommt es vor, dass unnötige Lehnwörter, Lehnübersetzungen oder Neubildungen Eigenes verdrängen und die lebendige Kommunikation erschweren, zum Beispiel: 1 Būga K. Rinktiniai raštai. V., 1961. T. 3. P. 783. 4 Dachs (wir haben unser eigenes Wort opšrūs); Wermut, das ständig anstelle des eigenen Wortes mėtelė verwendet wird (: mesti, vgl. prametal as „offen, geschlossen“: pramesti); tri-kažolė – Zichorie; diastema – pradanitė; Kolik – Leibschmerzen; Furunkel – šunvotė (furunculus – Furunkel – šunvotė, aber furunculosis – bereits nur Furunkulose – multiple Furunkel MedŽ); Karies – ėduonis; Krankheitsrezidiv – Rückfall; Medikament – Arzneimittel; Kolostrum – priešpienis; Nasenloch (šnervė) – nosiaskylė (nosiaskylė). Juozas Balčikonis erwähnte in seinem um 1939 verfassten Artikel „Unsere Sprache und Terminologie“ ausdrücklich die Termini der lebendigen Sprache: „Aber weitaus mehr Termini haben wir aus der lebendigen Sprache selbst, die sie uns seit uralten Zeiten überliefert hat. --- Mehr noch: Die Termini der lebendigen Sprache, die unmittelbar aus dem Geist unseres Denkens hervorgegangen und nicht nach dem Leisten einer fremden Sprache zurechtgemacht sind, sind für uns verständlicher und klarer“². In seinem Aufruf von 1946 an die gebildete Öffentlichkeit und die Wissenschaftler, „Sammeln wir die lebendige Terminologie“, schrieb J. Balčikonis: „In der Volkssprache gibt es viel mehr Termini, als mancher von uns denkt – nicht nur aus dem Alltag, sondern auch aus dem Bereich der Wissenschaft“³. Die Termini der lebendigen Sprache werden thematischen Gruppen zugeordnet und manchmal als Namen, Bezeichnungen bezeichnet. Dabei gibt es auch beträchtliche Schwankungen. In Antanas Salys’ Artikel „Unsere Verwandtschaftsbezeichnungen“ von 1937 überwiegt zwar die Kategorie Verwandtschaftsbeziehungen GK 1937 1 14, doch „die angeheiratete Verwandtschaft – affinitas, Schwägerschaft, свойство – haben manche als gentystė zu bezeichnen versucht, aber das Wort setzt sich nicht durch“, weshalb „svainystė <…>“ hier viel besser passt GK 1937 1 4; später werden svaininė giminystė und pusinė giminystė verwendet GK 1937 1 5 76, doch nur am Anfang findet sich giminystės terminai GK 1937 1 4, während sonst überall gentivardžiai „Verwandtschaftsnamen, названия родства“ steht. A. Salys verwendete nämlich anstelle des in Litauen bereits geläufigen Wortes genties (gentis 1. „in der Urgesellschaft eine durch Verwandtschaft, Bräuche, Wirtschaft, Sprache und Gebiet verbundene Gemeinschaft“: Baltų gentys DŽ₃)⟧ und gebrauchte später kiltis⁴ (kiltis Die Erklärung in DŽ₃ – histor. „Zusammenschluss von Stämmen (gewöhnlich verwandten)“ – entspricht seit Langem nicht mehr dem Sprachgebrauch, sondern findet sich nur in DŽ₁ und 2 Balčikonis J. Rinktiniai raštai. V., 1978. T. 1. P. 164. 3 Ten pat. P. 194. 4 Salys A. Baltų kalbos, tautos bei kiltys. V., 1955. 5 DŽ2 Erbe]. Heute werden Gattungsbezeichnungen in Litauen immer häufiger und durchaus berechtigt in Analogie zur Volksbezeichnung „Gattungsname“ genannt, ja sogar: Pflanzengattungs- und Pflanzenartbezeichnungen KK 1979 37 27. Den Terminus Verwandtschaft verwendet Algirdas Sabaliauskas (LKK VIII 12). Er ist auch ein Forscher der Terminologie der Viehzucht der baltischen Sprachen (LKK XII 7). Diese Volksterminologie wurde jedoch als thematische Wortschatzgruppen und nicht als Terminologiesysteme verstanden und untersucht. Die litauische Sprachwissenschaft schenkte bekannten theoretischen Aussagen wenig Beachtung: „Als kennzeichnendes Merkmal der Volksterminologie gilt vor allem die geringere Strenge der Bedeutungen und des Gebrauchs ihrer Einheiten“5. G. Klepikova zufolge kann Volksterminologie auf z w e i e r l e i Weise untersucht werden: von innen – innerhalb der Mundart als ihr Terminologies y s t e m, von außen – als Terminologie s a m m l u n g der gesamten Volkssprache, in der sowohl Polysemie als auch Synonymie auftreten6. Von innen betrachtet unterscheiden sich Volks- und wissenschaftliche Terminologie nicht durch den Grad der Strenge, sondern nur dadurch, dass „in der wissenschaftlichen Terminologie das bewusste und konsequente Streben nach Eindeutigkeit und die Vermeidung von Synonymie zum Ausdruck kommen“. So sieht der Unterschied zwischen Volks- und wissenschaftlicher Terminologie aus. Das hatten unsere wissenschaftlichen Vorläufer bestens verstanden. Povilas Matulionis schrieb 1906: „ <…> Die lebendige Sprache der Menschen, noch häufiger aber Schriften, bezeichnen mit einem Wort oft 2–3 ganz verschiedene Pflanzen, und umgekehrt: Eine Pflanze hat mehrere Namen. – In solchen Fällen habe ich nur diejenigen Namen ausgewählt, die entweder weiter verbreitet sind, oder die Pflanze tatsächlich treffend bezeichnen, oder älteren Ursprungs sind, oder durch die Sprachen unserer benachbarten Völker – der Letten, Polen und Russen – besser bestätigt werden“8. Die wissenschaftliche Terminologie schöpft aus der Volksterminologie ähnlich wie der allgemeine Wortschatz der Standardsprache aus den Mundarten: Es wird nicht ein einzelnes System übernommen, sondern aus dem gesamten Bestand ausgewählt. Die G e n a u i g k e i t der Benennung wissenschaftlicher Begriffe verlangt, ein vorhandenes Wort zu t e r m i n o l o g i s i e r e n – seine Bedeutung zu erweitern, einzuengen, zu verallgemeinern oder anderweitig zu m o d i f i z i e r e n und von den Bedeutungen anderer Termini abzugrenzen. In dieser Hinsicht ist die Volkstermino- 5 К л е п и к о в а Г. П. Славянская пастушеская терминология. М., 1974. С. 30. 6 Ten pat. C. 31. 7 Ebenda. S. 33. 8 M a t u l i o n i s P. Žolynas. V., 1907. S. 3. 6 Ihre Verwendung bedeutet nicht, etwas von einem Gefäß in ein anderes umzufüllen, sondern eine Bluttransfusion mit der passenden Blutgruppe; nicht, etwas von einem Ort an einen anderen zu verlegen, sondern eine Transplantation oder Pfropfung. Außerdem wird aus dem Bestand volkstümlicher Termini und weiterem Material ein System wissenschaftlicher Termini geschaffen. Es ist bedauerlich, dass dies theoretisch nicht hinreichend durchdacht wurde und man sich häufig mit Bemerkungen begnügt, ein bestimmter Terminus sei irgendwoher aufgeschnappt worden, habe sich verbreitet und eingebürgert oder eben nicht. Wie problematisch die Sache ist, zeigt eindrücklich der 1960 dramatisch aufgenommene Artikel „Bičių terminologija“ von J. Balčikonis9. 1966 erschien LKŽ VII, woran man sich davon überzeugen kann, dass die unregelmäßige Variante medonėšis Pkr, Všn, Užv, Šauk, Jrb keineswegs erfunden ist, während die regelgerechte Form medunešis Jnš, Vdn (medunešys Ob) bereits 1954 in DŽ₁ stand. Die Benennung ist präzise; ähnliche Termini sind auch in der Volksterminologie gebräuchlich, vgl. sogar ¹ bitkopis 1. „das Abnehmen des Honigs von den Bienen“, 2. „Zeit der Honigernte“ (bitkopis, bičkop(t)is) LKŽ I₂, Heuernte, Roggenernte, Flachsernte, Flachsbrechen, Kartoffelernte. Fehlt ein Ausdruck in der Volksterminologie, wird er aber von der Wissenschaft benötigt, lässt sich die Benennung leicht präzisieren: So wird aus gyslos „Sehne“ kraujagyslė „Blutgefäß“ gebildet (in der Volkssprache ist krãugyslė gebräuchlich, siehe LKŽ VI; auch die Bezeichnung der Arterie gyvagyslė, siehe LKŽ III) und limfagyslė „Lymphgefäß“ (sausgyslė „Sehne“ – volkstümlich, siehe LKŽ XII); aus plėvės „Membran“ entstehen pilvaplėvė „Bauchfell“ und krūtinplėvė „Brustfell“. Und wenn es eine bičių šeima „Bienenfamilie“ gibt, sofern eine motina „Königin“ vorhanden ist, warum sollte man dann blind übersetzen? Im LKŽ XIV steht šeima unter Bedeutung 5: „Bienen eines Bienenstocks, eines Baumstamms“. Auch für Mšk ist die Form als veraltet gekennzeichnet, aber: Tei ma iškada, ka šeimelę buvau padaręs, į ta motina žuvo Jrb. Und šeimyna unter Bedeutung 6: Aps, Nmč, S. Dauk – nicht mehr als veraltet gekennzeichnet. Möglich ist avilys bičių „Bienenstock mit Bienen“, sofern es sich um Honigbienen handelt. Die Ethnologie kennt auch: naminių bičių šeima „Familie der Honigbienen“ Zoopsich 138 und žeminių bičių šeima „Familie der Erdbienen“ Zoopsich 137, ebenso vapsvų šeima „Wespenfamilie“ Zoopsich 137, skruzdžių šeima „Ameisenfamilie“ Zoopsich 140, termitų šeima „Termitenfamilie“ Zoopsich 141. Und nicht nur bei visuomeninių vabzdžių „staatenbildenden Insekten“ – in der Tierwelt gibt es zahlreiche Varianten von šeimų „Familien“, von der isolierten monogamen bis zur poligaminės šeimos „polygamen Familie“ Zoopsich 130. Die Motininė šeima „Mutterfamilie“, bestehend aus einem Weibchen und seinen Jungen, ist bei Vögeln weiter verbreitet, die tėvinė „Vaterfamilie“ dagegen bei Fischen und Amphibien, <...> Zoopsich 130; es gibt also auch eine paukščių šeima „Vogelfamilie“ Zoopsich 131 und eine vilkų šeima „Wolfsfamilie“ Zoopsich 132. Bereits 1972 enthält DŽ₂ unter Bedeutung 4 „Bienen eines Bienenstocks, eines Baumstamms“. Wer könnte 9 Balčikonis J. A. a. O. S. 353–354. 7 Es lässt sich bestreiten, dass aus der lebendigen Terminologie der Dialekte – Honigtragen und Honigträger – Honigträger genauer und systematischer ist? Und die Bienenfamilie, ob sie nun aus der lebendigen Terminologie stammt oder eine Lehnübersetzung ist, bezeichnet wie auch Mutter (in der lebendigen Terminologie bitinas, bitinėlis) das Leben der Bienen am genauesten: Bienenfamilie – „eine Gemeinschaft aus Arbeitsbienen, der Bienenkönigin und Drohnen“ LTE II. Der Unterschied zwischen wissenschaftlicher und volkstümlicher Terminologie ist jedoch viel größer als der zwischen volkstümlicher und wissenschaftlicher Terminologie. Er beschränkt sich weder auf Eindeutigkeit noch auf die Genauigkeit und Systematik der Benennung wissenschaftlicher Begriffe. Mindestens zwei weitere Unterschiede müssen hinzugefügt werden: Das wissenschaftliche System ist international und muss Definitionen enthalten. Die Internationalität des Begriffssystems zeigt sich in vielen Wissenschaftsbereichen auch in der formalen Internationalität der Terminologie und Nomenklatur. Die Terminologien der Botanik, Zoologie, Anatomie und Medizin sind lateinisch, nach bestimmten internationalen Kodizes gebildet und werden von internationalen Fachkongressen bestätigt. Die litauischen Entsprechungen dieser Termini, unter denen es, wie eingangs bereits gesagt, viele Wörter aus der lebendigen Terminologie gibt, sind lediglich eine nationale Variante – in der Wissenschaft werden sie, wenn überhaupt, gewöhnlich neben der lateinischen Form verwendet, während sie für sich allein häufiger in der Schul- oder populärwissenschaftlichen Literatur vorkommen. Die Wissenschaftlichkeit des Begriffsinhalts, die sich nicht nur in logischen Definitionen, sondern auch in sehr oder hinreichend genauen Maßen der Dinge oder Erscheinungen sowie ihrer Zusammensetzung oder Struktur äußert, führt dazu, dass manche Wörter aus dem entsprechenden Bestand volkstümlicher Termini allein zur Bezeichnung eines einfacheren wissenschaftlichen Begriffs geeignet sein können, andere hingegen volkstümlich bleiben oder, um die Worte des Dichters Justinas Marcinkevičius zu verwenden, unter der vermoderten Schwelle des Elternhauses zurückbleiben; für komplexe, sehr präzise Begriffe verwendet die Wissenschaft dagegen internationale Termini. Der Staub der Volkssprache eignet sich gut für Technik, Bergbau, Meteorologie, sogar Astronomie und teilweise Geologie: Erz-, Kohle- und Grubenstaub, Schnee- und Eisstaub, atmosphärischer, vulkanischer, kosmischer, interstellarer und radioaktiver Staub, Staubsturm, Staubschutz, Staubwirtschaft, Staubringe, Staubentfernung, Staubsauger, Staubabscheider, Staubstreuer, Staubsammler, Staubsauger, Staubfänger, Staubmesser, Staubkanal, Staubkrankheit (Pneumokoniose), Staubbrennstoff,... Staub sind jedoch lediglich bestimmte „Partikel“: Staub – „die feinsten (<μm) festen Stoffteilchen, die in der Luft und anderen Gasen verteilt sind oder sich auf Oberflächen abgelagert haben“ LTE III; 8 „Stoffteilchen, die in der Luft und anderen Gasen verteilt sind oder sich auf Oberflächen abgelagert haben“ LTE III; Staubteilchen – „die feinsten Bodenteilchen mit einem Durchmesser von 0,001 bis 0,05 mm. Es gibt noch feinere Teilchen (mit einem Durchmesser von weniger als 0,001 mm) – Schluff – und gröbere Sandteilchen mit einem Durchmesser von 0,05 bis 3 mm“ FGŽŽ. Die Petrographie, also die „Wissenschaft von der mineralogischen und chemischen Zusammensetzung von Gesteinen und ihren geologischen Merkmalen (Lagerungsverhältnissen, Verbreitung, Entstehung und Veränderung in der Erdkruste und an der Erdoberfläche)“ FGŽŽ, genauer gesagt die Lithologie, ein Teilgebiet der Petrographie, das Sedimentgesteine untersucht (magmatische und metamorphe Gesteine werden von der Petrographie untersucht), unterscheidet in der Klassifikation klastischer (detritischer) Gesteine keinen Staub: „Die Texturen klastischer und toniger Sedimentgesteine werden nach der Korngröße unterschieden – ps e phitische Textur (Körner >1 mm Durchmesser), psammitische (1–0,1 mm; nach anderen Klassifikationen 1–0,05 mm), aleuritische (0,1–0,01 mm; nach anderen Klassifikationen 0,05–0,005 mm), pelitische (<0,01mm)“ LTE XI 555; Psäphyte [gr. psēphos – Kiesel, Geröll] – „klastische Gesteine, die aus Bruchstücken mit einem Durchmesser von >2 mm (nach anderen Klassifikationen >1 mm) entstanden sind. Es können abgerundete Blöcke, Geröll, Kies und Schotter sowie nicht abgerundete Blöcke und Gesteinsschutt sein“ LTE IX; Psammite [gr. psammitēs – sandig] – „sandige Gesteine mit >50% 0,05–2 mm (nach anderen Klassifikationen 0,05–1 mm) großen Mineral- und Gesteinsbruchstücken. Lockere Psammite heißen Sand, zementierte Sandstein“ LTE IX; Pelite [gr. pēlos – Ton], Tongesteine – „klastische Gesteine verschiedener Zusammensetzung, die überwiegend aus Teilchen mit einem Durchmesser von <0,01 mm bestehen. Zu den Peliten gehören Ton, Schlamm und Argillit“ LTE VIII. Zwischen Psammiten (Sand) und Peliten (Ton, Schlamm, Argillit) liegt Aleurit [gr. aleuron – Mehl] – eine lockere Ansammlung von Mineralteilchen mit einem Durchmesser von 0,01–0,1 mm (feiner als Sand und gröber als Ton). Zu den Aleuriten gehören Staub, Schlamm, Löss und lössartige Gesteine. Zementierter Aleurit heißt Aleurolith; mit Wasser bildet er eine Masse – Schlamm“ LTE I. Der wissenschaftliche Unterschied zwischen Staub und Aleurit ist nun klar. Doch hier muss ein Exkurs gemacht werden, denn dies bietet eine hervorragende Gelegenheit zu zeigen, dass wissenschaftliche Genauigkeit nicht immer erreichbar ist; vor allem aber entstehen bei ihrem Streben auch höchst unerwünschte und schwerwiegende Widersprüche zwischen wissenschaftlicher und volkstümlicher Terminologie sowie 9 Unschärfen wissenschaftlicher Termini. Anders gesagt: Beim Streben nach einer Art von Genauigkeit erreicht man auch eine andere Art von Ungenauigkeit. So liegt Aleurit (Singular!) zwischen Psammiten (Sand) und Peliten(Ton, Schlamm, Argillit), doch Aleurit bedeutet 1) Staub, 2) Schlamm, 3) Löss; Aleurit bedeutet auch Schlamm (der auch Schlicksand genannt wird). So viele Widersprüche, während man präzisieren will! Deshalb muss noch geklärt werden, was Ton und Sand, Ton und Schlamm, Schlamm und Sapropel („verrotteter Schlamm“) sind und was Löss ist. Ton – „Sedimentgestein, das aus winzigen Teilchen besteht, <...>. Gelangen solche Teilchen ins Wasser, bilden sie Trübungen, <...>. <...>. Er saugt sich leicht mit Wasser voll, wird plastisch und behält diese Form auch nach dem Trocknen bei. Tief unter der Erde verliert Ton diese Eigenschaften – er verwandelt sich in Tonschiefer oder ein anderes toniges Gestein“ GŽ. „Tonschiefer zerfällt im Wasser nicht“ FGŽŽ. Sand – „--- Sand ist locker und porös (Porosität 26–49%). --- Sand mit hohem Aleuritanteil wird aleuritisch (staubig), Ton sandiger Boden wird tonig, Kies kiesig usw. Je nach Größe der vorherrschenden Teilchen ist Sand sehr fein, fein, mittel, grob oder sehr grob (...)“ LTE X. Außerdem gibt es ihre Mischungen – sandiger Lehm und lehmiger Sand (mit ihren jeweiligen Definitionen). Somit liegt der lockere, aber nicht rieselfähige Aleurit zwischen dem plastischen, zerfließenden und zu Klumpen zusammenbackenden Ton und dem klastischen – lockeren, porösen Sand, zu dem auch der aleuritische gehört. Aleurit ist 1) Staub, aber keineswegs jeder beliebige – es gibt auch Schlamm- und Sandstaub sowie Staub, der überhaupt nicht aus Sedimentgestein und sogar aus keinem Gestein stammt. Staub. Aleurit ist 2) Schlamm – „feine, weiche Ablagerungen am Grund von Meeren, Seen, Flüssen und Teichen. 30–50% ihrer Teilchen haben einen Durchmesser von weniger als 0,01 mm. <...>“ LTE III; „im Wasser von Seen, Sümpfen, Meeren oder Flüssen abgelagerte tonige Teilchen, die häufig durch Wasser aufgeweicht sind und organische Stoffe enthalten. Es gibt verschiedene Schlammarten: sandigen, tonigen, organischen (siehe Sapropel) usw.“ GŽ. „Unter natürlichen Bedingungen ist Schlamm fließfähig; getrocknet nimmt er die Eigenschaften eines festen Körpers an, <...>“ FGŽŽ. Damit wird nun klar, dass Staub lediglich eine bestimmte partikuläre S t r u k t u r bezeichnet, nicht aber die Z u s a m m e n s e t z u n g eines Stoffes (weder von Gesteinen noch von anderen Stoffen) und auch nicht dessen T e x t u r; Aleurit hingegen bezeichnet eine bestimmte T e x t u r bestimmter Gesteine – eine lockere, aber nicht rieselfähige Ansammlung klastischer Gesteine; feucht ist sie breiig und fließfähig, aber nicht plastisch, trocken spröde und blättrig, aber nicht hart“; Aleurit 10 Die Beschaffenheit kann nicht nur aus klastischem Gestein bestehen (meistens), sondern auch schlicht aus tonigem Gestein – Schlamm. Schlamm kann jedoch auch eine Zusammensetzung ohne Gesteine sein – Sapropel [gr. sapros – verfault + gr. pélos – Schlamm] – „Schlamm aus Blumenwasser und Sümpfen. Er enthält viele organische Stoffe. Er entsteht hauptsächlich aus Resten und Ablagerungen planktonischer und benthischer Organismen (Sand, Ton, Kalk). Enthält bis zu 30% Humus, <...>“ LTE X¹⁰. Eine Art Schlamm hat eine pelitische Struktur, eine andere eine aleuritische. Der Widerspruch betrifft nicht die Begriffe, sondern nur die Wörter: Ton unterscheidet sich von Sand, doch gibt es tonigen Sand; Schlamm ist tonig und sandig; Schlamm unterscheidet sich von Staub, doch gibt es auch Schlammstaub; es gibt auch Sandstaub – es gibt mehr Begriffe und Unterscheidungen zwischen ihnen als Wörter. Aleurit ist auch 3) Löss [dt. Löss] – „ein lockeres, poröses, gelbliches Gestein, das aus sehr feinen, staubartigen Ton-, Sand- und Kalksteinpartikeln besteht“. „Staubkorngroße (0,01 – 0,05 mm Durchmesser) Partikel machen 30 – 55% aus, Ton (<0,005 mm) 5 – 30%“ LTE VII – auf Litauisch wäre dies vielleicht Staubbeimengung, nicht aber „fruchtbarer leichter Lehmboden“ VLKŽ II. Der am schwersten aufzulösende Widerspruch lautet: Dribsėlis oder Dumslas? 1947 verzeichnet LKŽ II Dribsmėlis (Neologismus) – „?“: Im Dribsmėlis kommt es häufig vor, dass die Drainage nach einiger Zeit verstopft rš. Die Neubildung setzte sich durch und wurde 1954 in DŽ I anerkannt: Dribsmėlis – „rieselnder Sand“. 1956 taucht eine andere Neubildung auf: пыльный – думслас, о пыльнич песок – дрибсмелис GirFGTŽ. Danach werden beide verwendet, nur werden sie von manchen unterschieden, von anderen 10 Verwendet wurden auch Synonyme für Sapropel: гиттья – gitija, sapropelis, mauras GirFGTŽ, sapropelis, gitija, mauras GŽ. Gitija (schwed. gyttja – Schlamm, Morast) – „Seesedimente“, anders Sapropel TŽ, TLE I kann wohl kaum mit Sapropel konkurrieren (Sapropel siehe gitija JKTŽ 286 ist ein Rückschritt). Noch weniger kann maūras konkurrieren – 1) „an organischen Resten reicher Schlamm, der in versumpfenden Seeufern oder verschlammenden Flussbuchten entsteht“, 2) „lokale Bezeichnung für Wasserpflanzen – Algen“ GŽ: Obwohl Algen mit einer Neubildung benannt wurden (die ganze Wortfamilie: Grünalgen, Gelbalgen, Blaualgen, Braunalgen, Rotalgen, Goldalgen, Armleuchteralgen, Kieselalgen, Schleimalgen, Augenflagellaten, Fadenalgen, Pilzalgen, Algenkäfer), nicht mit dem Wort maurai (es gibt nur Gattungsnamen für Algen: maurenė, maurabragis, mauragimbė, maurakulis, mauragryškėtė) – dafür war es vielleicht auch ungeeignet (gemeint sind eher Bestände von Froschbiss und Wasserlinsen). Die Doppeldeutigkeit des Wortes maurai (mãuras) ist sehr ausgeprägt und zudem umgekehrt: 1. bot. „Wasserpflanze Wasserlinse (Lemna)“, 2. „Schlamm, Morast“ (jeder Art, nicht nur organischer!) LKŽ VII. 11 gleichgesetzt: dùmslas – „mit Wasser verdünnter Sand oder andere feinkörnige Ablagerungen. Sie verstopfen (verschütten) Brunnen und Bohrlöcher. Sandiger Dumslas wird auch Dribsmėlis genannt“ GŽ; dùmslas, dribsmėlis – „wassergesättigter Boden, meist Sand, der sich ausbreiten und kriechen kann“ FGŽŽ (doch ist sliuogas etwas anderes – „ein Schlammstrom, d. h. eine dünne, mit Schmelz-, Regen- oder Grundwasser gesättigte Boden- oder Erdschicht (weniger als 1 m mächtig), die hangabwärts gleitet“ FGŽŽ; noch etwas anderes ist šėlė [arab. sajl – Strom] – „ein heftiger, kurzzeitiger Strom von Wasser, Schlamm, Geröll und Felsblöcken in Gebirgsflussbetten“ EGŽ). Ein einziges Dribsmėlis hätte genügen können, auch wenn es manchmal kein Sand ist. Zwei sind ebenfalls ausreichend, obwohl tatsächlich sowohl Dribsmėlis als auch dùmslas gleichermaßen verschüttend wirken. Allerdings ist dumslas korrekt gebildet und sehr gut motiviert: dumti 7.// „Ablagerungen transportieren“: Die Minija nagt auf der einen Seite, auf der anderen trägt sie Ablagerungen heran Krt. Bei Hochwasser grub das Wasser eine große Vertiefung aus Kal. Der Brunnen ist verschlammt, er muss gereinigt werden Skr (LKŽ II₂). Daher wird Dribsmėlis völlig unnötig verdrängt, dumslas beiseitegeschoben und mit sperrigen Bezeichnungen herumhantiert: dùmslas, auch rieselnder Boden, sowie die Dreiergruppe rieselnder Boden, gleitfähiger Boden, dùmslas umfasst zudem zwei Arten: „wassergesättigter, lockerer Boden, der beim Graben unterhalb des Grundwasserspiegels zu einer dünnflüssigen Masse wird, wie eine schwere, zähe Flüssigkeit fließt und die Grubenwände zerstört. Man unterscheidet echten und unechten Δ. Echter Δ ist feinkörniger, staubiger, toniger oder schlammiger Sand mit Kolloiden. <…>. Daher <rieselt dieser Boden, wenn der hydrodynamische Druck gering ist>. Der unechte Δ rieselt, wenn der hydrodynamische Druck der Grundwasserströmung hoch ist. <…>. Es handelt sich um Sand und Kies verschiedener Korngrößen. <…>“ LTE III. Obwohl also staubiger, toniger, schlammiger Sand; er rieselt, statt Staub zu tragen oder zu gleiten, auch wenn der unechte Δ aus Kies besteht. Daher hat DŽ₃ mit seiner Traditionswahrung recht: dùmslas siehe dribsmėlis. Die Unterscheidung zwischen dribsmėlis und dumslas in JKTŽ 273 scheint unnötig, wenn die Entsprechungen im Russischen, Deutschen und Englischen übereinstimmen. Das einfache, heitere, klare, bewölkte oder bedeckte Wetter, in dem Vögel, Insekten oder Drachen und Kobolde fliegen, umherflitzen und herumsausen, Wolken ziehen oder stehen und Spinnweben sich ausbreiten, ist in der Wissenschaft eine komplexe, vielfältig strukturierte und mit allerlei Erscheinungen angefüllte Atmosphäre [gr. atmos – Luft + sphaira – Kugel] – „die die Erdkugel umgebende Luftschicht,“ 12 „die sich gemeinsam mit der Erde dreht“ GŽ. Das ist die Erdatmosphäre. Der gemessene Atmosphärendruck ist ebenfalls eine Atmosphäre, heute eine nicht SI-konforme Druckeinheit; tatsächlich gibt es zwei Atmosphären: eine normale oder physikalische Atmosphäre (atm), gleich 760 mm Quecksilbersäule; die andere, die technische Atmosphäre (at), ist kleiner und entspricht einem gleichmäßig verteilten Druck von 1 Kilogramm-Kraft (1 kgf oder kG) auf eine ebene horizontale Fläche von 1 cm² – das entspricht 735,56 mm Quecksilbersäule oder 0,968 atm. Die Erdatmosphäre wird vertikal in fünf Schichten unterteilt, die sich auch hinsichtlich Dichte und Temperatur unterscheiden: Troposphäre (die dichteste, bis 8–17 km, über Litauen 9,8–11,2 km), Stratosphäre, Mesosphäre, Thermosphäre, Exosphäre (oberhalb von 800 km). Es gibt außerdem Übergangsschichten, in denen sich die Temperatur kaum ändert: Tropopause, Stratopause, Mesopause, Thermopause. Horizontal finden in der Troposphäre die atmosphärische Zirkulation statt, die von der ungleichmäßigen Verteilung der Sonneneinstrahlung abhängt – Temperaturunterschiede erzeugen Druckunterschiede und Luftmassenbewegungen – sowie die atmosphärische Turbulenz, die wirbelartige Bewegung und Durchmischung von Luftströmungen: dynamische Turbulenz infolge von Winden und thermische atmosphärische Turbulenz oder Konvektion, die auch aufsteigende Luftströmungen, also Thermik, hervorruft. Hier wechselt das Wetter häufig. Das ist ebenfalls ein wissenschaftlicher Begriff; in der Volkssprache steht dafür dasselbe undifferenzierte, vieldeutige Wort oras. Orai ist noch neu, sein Gebrauch noch nicht gefestigt: погода – orai (nur Pl.) (Klim.) GirFGŽŽ (1956); orai – „Zustand der unteren Atmosphärenschicht (Temperatur, Luftdruck, Bewölkung, Niederschläge, Windrichtung und -stärke sowie andere atmosphärische Kennwerte) zu einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort“ GŽ (1972); orai, oras LTĖ VIII (1981); orai FGŽŽ (1987); orai, oras EGŽ (1994). Sind denn wirklich so v i e l e differenzierte Wetterlagen an e i n e m Ort zu e i n e r Zeit zu unterscheiden? Mykolas Mikalajūnas’ MeteorŽ von 1975 behauptet dies noch nicht so kategorisch, sondern unterscheidet lediglich das Wetter an einem Ort und dessen Plural – Wetterlagen: погода – oras, orai: heiteres / heiteres Wetter, windiges Wetter, regnerisches Wetter, schwüles [drückend-heißes] Wetter, unbeständiges Wetter, bedecktes Wetter, günstiges Wetter, Flugwetter, …, aber Aprilwetter, örtliche Wetterlagen, vorherrschende Wetterlagen oder trockenes Wetter / trockene Wetterlagen, feuchtes Wetter / feuchte Wetterlagen, klares Wetter / windstilles Wetter, Weltwetter / globales Wetter: морозная погода – 1. sehr kaltes, frostiges Wetter, 2. (Wetterklassifika- 13 …tion) kaltes Wetter. So auch in CAvŽ: Wetter [Wetterbedingungen] – weather conditions – условия погоды: gegenwärtiges Wetter, künftiges Wetter. Das entspricht der lebendigen Sprache, in der orai nur im Plural gebraucht wird: Im Laufe eines Tages ziehen mehrere Wetterlagen vorüber Pv. Er geht bei jedem Wetter hinaus – bei gutem wie bei schlechtem Trs (LKŽ VIII). Der gelegentlich vorkommende Plural eines Singularwortes ist unter dem Einfluss anderer Sprachen entstanden: schlechte Witterung – piktas oras. od. Pl. pikti orai K II 357, per ótrus atėjau – ich bin durch Wind und Wetter hergekommen (NLKŽ VIII). Hierher passt auch K. Donelaitis’ Tuo laukus orai drugni gaivindami glostė. Das Wetteramt ist längst zum Wetterdienst geworden, orotyra bedeutet lediglich Wetterkunde MeteorŽ, anders kann es nicht sein. Üblich ist orų tarnyba, doch in Wettervorhersagen findet sich oroda – orų [oro] prognozė MeteorŽ, Flugwettervorhersage, Streckenwettervorhersage, selbstständige Vorhersage des typischen Wetters, orientierende Wettervorhersage CAvŽ. DŽ₃ gibt dieselbe Bedeutung wie DŽ₂, oras 4. „Zustand der atmosphärischen Bedingungen zu einem bestimmten Zeitpunkt“, mit denselben Beispielen im Singular und Plural, etwas anders wieder: oras 4. gewöhnlich Pl. Tatsächlich wird für Litauen das Wetter im Plural gemeldet – in Vilnius und Palanga ist das Wetter selten gleich, es unterscheidet sich stets zwischen Tag und Nacht, Morgen und Mittag; an einem Ort zu einem bestimmten Zeitpunkt gibt es jedoch nur oras. Kehren wir zu Luft und Atmosphäre zurück. Es gibt atmosphärisches Ozon, atmosphärischen Druck, atmosphärische Trübung, Verschmutzung, Radioaktivität, atmosphärische Strömung, atmosphärische Zirkulation, Turbulenz, atmosphärische Elektrizität, atmosphärische Optik, Physik, Akustik, Chemie, aber Luftmassen, Luftfahrzeuge, Luftballons, Luftsäcke, Luftwege, Luftverkehr, Luftfahrtunternehmen, Luftkämpfe, Luftlandetruppen. Es gibt sogar atmosphärische Luft! Die Troposphäre wird in die Grenzschicht (bis 1,5 km) und die freie Atmosphäre unterteilt. In der Grenzschicht hängen die Eigenschaften der Luft noch von den Besonderheiten der Erdoberfläche ab. In ihr werden noch zwei untere Unterschichten unterschieden: die Bodennahschicht – „von der Erdoberfläche bis zu einer Höhe von 2 m (Schicht des größten vertikalen Gradienten der Lufttemperatur, Luftfeuchtigkeit und Windgeschwindigkeit (1976) und die erdnahe Schicht – „von 2 bis 100 m (in ihr findet die stärkste Luftdurchmischung – Turbulenz – statt)“ LTE I. Andernorts ist es anders: bodennahes Luftschicht, bodennahe Schicht – „<…>bis 30–50 m, manchmal bis zu einer Höhe von 250 m. <…>. Der untere Teil der bodennahen Schicht reicht bis zu einer Höhe von 2–2,5 m (Bodenschicht). <…>“ FGŽŽ (1987). Dirva bedeutet auch 2. „Boden“ DŽ₃, padirvys hingegen nur „ein Ort, eine Wiese entlang des Bodens“. 14 DŽ3 stützt die erste Variante und unterscheidet beim Wort pažemys selbstverständlich zwischen einer allgemeinen und einer terminologischen Bedeutung: pažemys 1. „Raum nahe dem Boden“: Die Schwalben fliegen dicht über dem Boden. Die Fenster des kleinen Ladens lagen niedrig [und pažemė „pažemys“: Sie fliegt bodennah; pažemiai „pažemys“. Rauch steigt aus den unteren Bereichen nach oben. Schon rollt die Sonne in Bodennähe dahin], 2. geogr. „Atmosphärenschicht bis 2 m“: Bodenwind, Bodennebel, Bodenluft, priežemis geogr. „Atmosphärenschicht von 2 bis 100 m“. Der Gegensatz zwischen Staub und Aleurit sowie zwischen Luft und Atmosphäre zeigt die weitgehende Abgrenzung der volkstümlichen von der wissenschaftlichen Terminologie. Häufig überwiegt die wissenschaftliche Terminologie, denn erst die Wissenschaft hat die Phänomene, obwohl sie schon existierten, untersucht, definiert und benannt. In der Gegend von Biržai und Pasvalys stürzte seit alters her der Boden ein, versanken Häuser und Vieh; Geologen berichten, dass sie dort schon lange smegdobučių, įdubalių gehört hätten. Doch erst die ausländische Geologie erklärte das Phänomen und benannte es: Karst, Karsterscheinungen und Karstrelief, auch wenn man inzwischen versucht, litauische Wörter zu verwenden: Karsteinsturz, Doline FGŽŽ; wenn in Gipsschichten Hohlräume entstehen, stürzt der Boden ein und es bilden sich Dolinen TLE II 226. In Litauen wehen seit alters her Brisen; es gibt Moränen, Sander, Kames, Oser und Warwen. Doch erst die Wissenschaft hat gesagt und definiert, dass dies Brise, Moräne, Sander, Kame, Os, Warwen sind. Nach einiger Zeit entstehen auch einige litauische Entsprechungen: Ožas (schwed. äs- Rücken) – „ein langer (bis zu 30–40 km) und schmaler (von einigen Metern, manchmal bis zu 2–3 km) Höhenzug oder Wall von bis zu mehreren Dutzend Metern Höhe. Meist aus Ablagerungen entstanden, die sich in Tälern von Schmelzwasserströmen im Inneren des Gletschers absetzten. Besteht aus fluvioglazialem Kies und Sand; gelegentlich treten Ansammlungen von Findlingen auf.<...>“ FGŽŽ führt als litauische Entsprechung ožnugaris an, GŽ, LTE VIII, TLE III, EGŽ, obwohl dies in der lebendigen Sprache ein sehr seltenes Wort mit ganz anderer Bedeutung ist – „eine kahle Stelle auf einem Hügel, an der kaum Gras wächst“ Srd (LKŽ VIII); doch kein einziger Os in Litauen wird ožnugariu genannt. Auch in der Standardsprache wird der berühmte Šeškinės ozas von Vilnius niemals ožnugariu genannt; vielmehr gibt es die Ozo gatvė. Deshalb führt auch DŽ3 jene Entsprechung von ozas nicht als geographischen Terminus an: ožnugaris „Os“. Noch mehr Mühe wurde darauf verwendet, für die schwedischen Warwen nicht nur eine Entsprechung, sondern auch einen Ersatz zu finden: ленточная глина – gebänderter Ton, Warwen GirFGŽŽ, várvos oder gebänderte Tone GŽ, gebänderte 15 Tone, várvos LTE V und várvos – „Ablagerungen von Stauseen am Gletscherrand“, sonst gebänderte Tone LTE XII, gebänderter Ton, Warwen TLE II und várvos, sonst gebänderter Ton TLE IV; nur gebänderte Tone FGŽŽ. Aber kann man sich schon freuen, hat sich der litauische Ersatz bereits durchgesetzt? Warum schwankt die Zahl so stark – gebänderte Tone, seltener gebänderter Ton? Woraus bestehen diese Bänder? Meines Erachtens ist der Terminus ungenau. Lesen wir genau: gebänderte Tone – „Ablagerungen von Eisrandseen, die aus dünnen Lagen von Ton und feinkörnigem Sand bestehen – abgelagerten Gletscherschwebstoffen. Im Frühling und Sommer, während der Gletscherschmelze, lagerte sich Sand ab, im Herbst und Winter Ton. Jedes Schichtpaar bildet ein Jahresband. Anhand der Zahl der Bänder lässt sich die Zeit bestimmen, in der sich die gesamte Mächtigkeit der gebänderten Tone bildete; <-->“ FGŽŽ. Auch schwed. varv bedeutet „Kreis, periodische Wiederkehr“ GŽ und nicht etwa „Ton“ oder „Bänder“. Treffender wäre also Ton-Sand-Bänder. Internationale wissenschaftliche Begriffe müssen nicht zwangsläufig mit Internationalismen oder sonstigen Lehnwörtern bezeichnet werden. Die Steine (Mineral) des litauischen Skalių kalnelis bestehen aus Dolomit; das aus Estland importierte metamorphe Gestein kukersitischer Schiefer (: Kukersas – Dorf Kukruse in Estland) heißt auf Litauisch degusis skalūnas, „brennbarer Schiefer“. Schiefer ist mindestens seit 1936 bekannt (LEnc IV 733). Die wissenschaftliche Terminologie grenzt sich von der volkstümlichen ab, indem sie deren Mehrdeutigkeit beseitigt – sowohl mit internationalen Termini: Staub – Aleurit, Luft – Atmosphäre, als auch mit eigenen Mitteln: oras – orai. Bei der Abgrenzung von Begriffen nutzt die Wissenschaft die Möglichkeiten des volkstümlichen Terminologiebestands sehr produktiv. Von den zwei Bedeutungen des Wortes lijundra in der Volkssprache und der allgemeinen Standardsprache – 1. „Regen, der beim Gefrieren Reif bildet“: Wohin willst du bei solchem Eisregen gehen, 2. „beim Gefrieren entstandener Reif aus Regen (oder Nebel)“: Der Boden ist mit Eis überzogen. Die Straße ist glatt – lijundra DŽ₃ (auch GirFGTŽ unterscheidet nicht: sowohl гололёд – lijundra, als auch гололедица – lijundra) hat die Meteorologie für lijundra nur die erste Bedeutung beibehalten, dafür aber zwei weitere Termini eingeführt: гололёд – lijundra, отложение гололёда – 1. lijundra (Prozess), 2. lijundra-Reif [Ablagerung], гололедица – Glatteis, vereiste Straße, volkst. [d. h. volkstümlich] im Winter glatte Straße MeteorŽ. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird apšalas sowohl als Terminus als auch als gewöhnliches Wort verwendet: 1. „Eisschicht infolge von Eisregen“: <-->, 2. „lijundra“: ap- 16 von Reif überzogen, 3. „Eis, das an einem Gegenstand festgefroren ist“: <...> DŽ₃. Nur in einem engen Gebiet bekannt plikledis 1. „Eisregen, Reif“: Plikledis ant medžiais S. Dauk, 2. I, J „bloßes, nicht mit Schnee bedecktes Eis“ LKŽ X (plikledis 2. hat ein Synonym grynledis MŽ, Š, Sn, grynledys Bd, grynledai (Šauk – LKŽ III) wurde zu einem weit verbreiteten Terminus: plikledis – „nach Schneeregen, Regen, Eisregen oder Tauwetter auf dem Boden und anderen Oberflächen gefrorenes Eis; auf Straßen auch von Fahrzeugen zusammengepresster und glattgefahrener Schnee“ LTE IX. Das Verhältnis von plikledžio zu lijundra ist also nur partiell: plikledis kann auch durch anderes als Eisregen entstehen. „Straßenglätte“ plikledis ist inzwischen sogar geläufiger als die populäre Wendung slidus kelias, denn eine Straße kann nicht nur vereist, sondern auch verschneit (besonders auf Eis) oder nass sein. Doch jedes Jahr nach dem ersten plikledžio muss man manche noch daran erinnern: Wenn die Straße glatt ist, handelt es sich nicht um plikšala – dann rattern und rumpeln die Räder über unbefestigte Wege11. Man müsste wohl daran erinnern, dass die Eisschicht auf dem Erdboden und auf verschiedenen Gegenständen (Drähten, Bäumen, Ästen usw.), die entsteht, wenn Regen- oder Nebeltröpfchen bei einer Lufttemperatur zwischen 0 und -3°C gefrieren, nicht lijundra heißt, wie FGŽŽ behauptet, sondern apšalas – schließlich steht gleich anschließend dort „Dicke des apšalas“ (allerdings findet sich dort noch eine weitere Ungenauigkeit: „Das nach dem Tauwetter auf der Erdoberfläche entstandene Eis wird plikledžiu genannt“ – plikledis entsteht vor allem durch Niederschläge und zuletzt durch Tauwetter). Wer könnte glauben, dass plikledis „die Kondensation von Feuchtigkeit und ihre Umwandlung in Eis auf den Oberflächen abgekühlter Gegenstände unter Bildung einer dünnen Eiskruste“ bedeutet, JKTŽ 178. Die Meteorologie grenzt regelmäßige (saisonale) Überschwemmungen von einem unerwarteten, durch Regen verursachten Hochwasser ab (tvanas benötigte sie hingegen überhaupt nicht). Die Auswahl von Synonymen aus dem volkstümlichen Wortschatz für ein System wissenschaftlicher Begriffe ist wohl noch schwieriger. Aus der Synonymreihe für „Nebel“ (in der Luft schwebender, sich verdichtender Wasserdampf) – rūkas, ūkas, ūkana, rūkana (= rūkana) machte die Meteorologie in SinŽ das Wort rūkas zum bevorzugten Ausdruck – „Ansammlung von Kondensationsprodukten des Wasserdampfs (feinen Wassertröpfchen oder Eiskristallen) in der untersten Atmosphärenschicht. <...>“ FGŽŽ. Rūkana ist auch in der Meteorologie mehrdeutig, doch die zweite Bedeutung ergibt sich aus der ersten – 1. „Ansammlung feiner Wassertröpfchen oder Eiskristalle in der Luft, die die Sichtweite in der Atmosphäre verringert (jedoch nicht auf unter 1 km; dichterer 11 Siehe ausführlicher: Klimavičius J. Plikšala // Mūsų kalba. 1987. Nr. 4. P. 43 – 47. 17 er Nebel, der die Sichtweite auf unter 1 km verringert, heißt rūkas“, 2. „atmosphärische Trübung, verursacht durch das von sehr kleinen Wassertröpfchen und Eiskristallen in der Luft gestreute Licht. <...>“ LTE IX. Ebenso DŽ: rūkana geogr. 1. „sehr leichter Nebel, bei dem die Sichtweite 1–10 km beträgt“, 2. „atmosphärische Trübung, verursacht durch das von Nebeltröpfchen oder Eiskriställchen gestreute Licht“ (DŽ₁ enthält den Eintrag überhaupt nicht, und DŽ₂ definiert rūkana gar nicht – „neblige Luft, ūkana, rūkas“). In MeteorŽ wurde die Mehrdeutigkeit vermieden (die übrigens auch anderen Sprachen eigen ist – russ. дымка, dt. Dunst, engl. haze), aber wohl kaum mit Erfolg: дымка – 1. rūkana; nicht empfohlen: rūkelis, dūmelis (atmosphärische Sichtweite von 1 bis 10 km), 2. ūkanotumas (Verschlechterung der atmosphärischen Sichtweite unterschiedlichen Grades). Denn es gibt auch ūkana – ähnlich wie rūkana?.. und doch anders: ū kana – „optische Erscheinung; an einem sonnigen, heißen Sommertag sieht man beim Blick zum Horizont, wie Dampf von der erhitzten Erde aufsteigt und die Luft gleichsam flimmert, strömt und wellt. <...>“ FGŽŽ, also bezeichnet rūkana atmosphärische Trübung, ū kana dagegen das Flimmern der Luft. DŽ₃ definiert ū kana als „sichtbare Schicht warmer, dampfender Luft oder aufsteigenden Nebels, rūkanas“: ryto, rudens ūkana. DŽ₁ und DŽ₂ geben für ū kana nur „Nebel, Dunst“ an. In MeteorŽ ist es lediglich ein umgangssprachliches Wort: марево – umgangssprachlich 1. ū kana, 2. miražas; RLKŽ II марево – 1. miražas, 2. ūkas, ū kana, blanda¹². Für Meteorologen ist ūkas lediglich ein umgangssprachliches Wort: мгла – 2. umgangssprachlich migla, ūkas MeteorŽ, für die Astronomie hingegen ein Terminus: ūkas, kosminis ūkas – „Ansammlung interstellarer Gase und Stäube“ AstrŽ (ähnlich LTE XI). Im allgemeinen Sprachgebrauch hat ūkas also eine gemeinsprachliche und eine spezielle Bedeutung: ¹ūkas 1. „ū kana“: <...>, 2. astr. <...> Hier sind wir schon ganz woanders – bei den Wolken: blanda „ū kana, Bewölkung“: Saulė į blandą leidžiasi, gali būti lietaus DŽ₃; LKŽ II, blandus – sogar 2. „dunkel, bewölkt, unklar“: Blandžios akys Kp. Pats blandumas – Mitternacht, Schlafenszeit Pl. Ähnlich bedeutet bereits ū kana „nebliges, bewölktes Wetter“ – пасмурная погода, Nebelwetter, cloudiness, cloudy weather JKTŽ 158. Doch пасмурная погода heißt doch apsiniaukęs oras „bewölktes Wetter“ MeteorŽ; allerdings ist auch MeteorŽ hier abgeschweift: пасмурно – bewölkt, ūkanota, пасмурность – nur ūkanotumas, пасмурный – bewölkt (Himmel), rūškanas (Tag, Wetter); sogar сумрачный wird mit ūkanotas, rūškanas wiedergegeben, obwohl сумрак „Dämmerung“ bedeutet. rūškanas, rūškanotas bedeuten lediglich „bewölkt“ (bei starker Bewölkung natürlich auch „dunkel“), nicht aber „neblig“; zudem gibt es in der Standardsprache bereits das Substantiv rūškana: 1. „bewölktes, rūškanas Wetter“ DŽ₃.12 18 (DŽ₁, DŽ₂¹ verweisen bei ūkas 2. astr. auf miglynas; AstrŽ erwähnt miglynas überhaupt nicht). Im Weltraum bilden Stäube einen Nebel. Und in der Luft? Hier nun wurde der größte Eingriff vorgenommen: migla – „Trübung der Luft durch feste Verunreinigungen (Staub, Rauch, Ruß).“ Dichter migla kann ebenso wie rūkas die Sichtweite stark verringern <...>. <...>“ LTE VII (ähnlich auch FGŽŽ). In der gesprochenen Sprache (Dialekten) hat rūkas eine ähnliche Bedeutung, nämlich 2. singular „Staub“: Dievuliau brangus, kaip buvo, vien rūke gyvenom – šitiek dulkių! Slm. Ant pilko rūbo tai nei pūkas, nei rūkas MI (LKŽ X). Die Motivation ist übrigens sehr deutlich – vgl. 1. rūkti 3. „Staub aufwirbeln, staubig werden“ (nur 6. „dampfen, schwitzen“) LKŽ XI. Migla ir rūkas sind die beiden am weitesten verbreiteten Synonyme, aber in der Meteorologie schwebt und verdampft seit Langem rūkas. MeteorŽ führt auch šlapias rūkas (мокрый туман „feuchter Nebel“) auf, vermerkt aber: сухой туман – nicht empfohlen: sausasis rūkas; stattdessen zu verwenden ist (sausoj)i migla: мгла – 1. (sausoj)i migla (feste Verunreinigungen in der Luft), selbstverständlich auch 2. umgangssprachlich migla, ūkas. Weitere Bezeichnungen für Unterarten sind dulkių [dulkinė], ūminė migla MeteorŽ; auch der Verweis in JKTŽ auf miglelė 153, siehe dunksą „Lufttrübung – Rauchschleier“, дымка, Dunst, haze 149, gibt zu denken. Dūmka ist, wie bereits gesagt, 1. rūkana, 2. ūkanotumas (нос дымиться – 2. rūkuoti, migloti) MeteorŽ. Wie könnte dunksa „Trübung, Rauchschleier“ bedeuten, wenn dunksoti „undeutlich sichtbar sein, dämmerig erscheinen“ heißt DŽ₃? Man könnte die Terminologen auf das Wort dūmaka aus Švnč, Vdš, Rš, Ml aufmerksam machen: „Nebel, Dunst, ūkana“: Rudenį būna dūmaka Dglš. Tokia ūžėjo dūmaka, kad par du žingsnius nieko nesiregi Tvr. Ryte buvo dūmaka – nei dangaus, nei žemės neseregėjo Tvr (LKŽ II₂). Semantikos požiūriu plg. dūmuoti 2. Vlkv, V. Piet. „apsiniaukti, rūkuoti, blaustis“, apsidūmuoti Ggr, Vdk „apsitraukti migla, apsiniaukti“, padūmuoti 2: Diena tokia ūkanota, dangus padūmavęs Ds. Padūmavę, pajuodavę visi pakraštėliai Alk, uždūmuoti 2. Grv, Trgn „mit Nebel überziehen“; dūmyti 4. refl. Bsg „sich aufklaren, verschwinden“; apsidūmėti „sich bewölken, neblig werden“: Apsidūmėjusi, bene lys Šts, dūmėtas 2. Žeml, Srj „neblig, unklar“; dūmsa Brt „trübe, neblige Luft“, dumcus 1. Brt „dunkel und neblig“ LKŽ II₂. Die Analyse dieses Mikrosystems lässt sich mit der Schlussfolgerung beenden, dass der volkstümliche Wortschatz über große Ausdrucksmöglichkeiten verfügt und vieles davon auf gelehrte Weise in die wissenschaftliche Terminologie übernommen wurde, 19 sorgfältig terminologisiert; einiges ist noch problematisch. Die Wissenschaft grenzte Meere ab (nannte sie theoretisch Lagune – „eine Meeresbucht, die durch eine Nehrung vom Meer getrennt ist“ GŽ) vom Meer (unterteilte es in: Randmeer; Binnenmeer, zum Beispiel die Ostsee; interkontinentales Meer, zum Beispiel das Mittelmeer, in dem es übrigens noch mehrere Meere gibt: das Marmarameer, die Ägäis, das Ionische Meer, die Adria, das Tyrrhenische Meer, das Ligurische Meer), trennte das Meer vom See (obwohl Politiker meinen mögen, das Kaspische Meer sei ein Meer) und vom Ozean, wenn auch nicht in jeder Hinsicht: Es gibt nur Ozeanografie, Ozeanologie, inzwischen auch ozeanische Ingenieurwissenschaft JKTŽ 47, es gibt ein Ozeanbecken, aber Meeresphysik, Meeresgeologie, Meeresbiologie, Seekarten, Seemeile, Meeresküste, Meeresspiegel, Meerwasser, Meereswellen, gewöhnlich Meeresströmungen (Ozeanströmungen / Meeresströmungen GŽ, aber bereits Ozeanströmungen žl. Meeresströmungen FGŽŽ), Seemann, Seefahrt, Seefahrer. Die Wissenschaft unterschied: beim Menschen den Magen, beim Vogel den Muskelmagen; die Bezeichnungen pilvelis und vėdaras aus dem SinŽ brauchte sie hier überhaupt nicht. Für die Agronomie ist dirva lediglich 1. „Ackerland, bewirtschaftetes Land, Feld“ DŽ₃, während „die für das Pflanzenwachstum geeignete oberste Erdschicht“ dirvožemis DŽ₃ heißt; folglich gibt es auch Wiesen- und Waldboden. Es gibt Bodenbelüftung, Bodenfeuchtigkeit, Bodenluft, Bodenwasser, Bodenerosion, Versalzung, Podsolierung, Bodenverwehung, Bodenkalkung, Bodensäure, Bodenalkalität, Bodenprofil, Bodenhorizont, Bodenstruktur, Bodentyp; die Bodenkunde heißt dirvotyra, ihr Teilgebiet dirvodara, und es gibt den Bodenkundler. Manchen gefällt der wissenschaftliche Ausdruck dirvožemis nicht. Doch wenn es Schwarzerde, Weißerde, Roterde, Gelberde, Braunerde, Grauerde, Feinerde, salzhaltigen Boden, Salzboden, Lehmboden, Sandboden gibt, dann fällt dirvožemis ab wie ein prall gefüllter Tropfen. Natürlich, obwohl der Terminus Frost an der Bodenoberfläche lautet und angekündigt wird, dass es Frost an der Erdoberfläche geben wird, kommt wohl niemand auf den Gedanken, dass das nur auf Äckern gilt. Ein Beispiel für die Verwendung und Nichtverwendung eines volkssprachlichen Terminusbestands könnte sogar nicht die wissenschaftliche Terminologie sein, sondern die allgemeine Umgangssprache, die das Lehnwort grybas übernommen, die eigenen Dialektwörter kremblys und budė aber verworfen hat. Warum? Das ist weder der einzige noch ein seltener Fall, in dem ein verbreitetes Lehnwort ein eng begrenztes Dialektwort oder eine ganze Gruppe solcher Wörter verdrängt hat: Kakerlake – kakšlė, prūsokas; Karausche – krakė; negė – graužavirba; Rebhuhn – čerekslė; Hof 20 – duba, butà; Hammer – plaktas, kūgis, pasėkelis, luokas; Nudelholz – valkas, velenas; Anzug – eilutė, karta; Metall – naugė. Es ist schwer überzeugend zu behaupten, dass Krembling und Budė überhaupt als Gattungsnamen für „Pilz“ entstanden wären. Die Variante 2Budis sf. Sdk, Ds, LzP bedeutet lediglich „Pilz aus der Familie der Blätterpilze“ LKKŽ I₂, [Blätterpilzartige (Agaricaceae) – „<...> Häufiger sind Arten der Gattungen Champignon (Agaricus), Schirmling (Lepiota), Riesenschirmling (Macrolepiota), Kleinschirmling (Phaeolepiota), Schuppenröhrling (Cystoderma)“ LTE VI]. Auch die weiter gefasste Variante 2Budė, Būdė hat viele spezifische Bedeutungen – 1. Arm „ungenießbarer Pilz, Giftpilz“; Allerlei budės begannen zu wachsen, auch džgs und Pilze Mrc, 2. Rdm „Paniabudė (Phallus impudicus), 4. Tvr, Lz, BB In 19, 29 „Baumschwamm, Schwamm“: Weißt du nicht, dass eine budė auf einem Baum wächst? Ad; außerdem 2budelė 1. Kžt, Trgn „Täubling (Russula)“, budelė MŽ „so ein Pilz“. Nur 2Budė 3. Lkm, Ds, Rš bedeutet „Pilz“: Nemunė ist eine solche budė Lkm [während nemunė ein Hallimasch ist, botanisch „ein essbarer, auf Stümpfen büschelig wachsender, rostbrauner Pilz mit gekrümmtem, faserigem Stiel (Armillariella)“ DŽ₃]. Budžių-Brücke Lkm (LKKŽ I₂). Ein charakteristischer Satz lautet: Die Arbeit ist wie eine budė (nicht fest) Ds. Tatsächlich sind Pilze feste oder nicht feste. Budė, budis ist die nicht feste. Andere geben sogar selbst zu, solche zu sein: lepšė, težė / ¹težlis 1. „lepšė“, 2. „Maronenröhrling“ LKŽ XVI, glébė / glebe „Maronenröhrling“ LKŽ III, rud-mesė. Kremblys bedeutet nur 1. B, R, MŽ; Km, Vl „Pilz“ (krembiai Vžns), 4. Al „Morchel“; in seinen übrigen Bedeutungen weist das Wort eindeutig auf Härte hin – nicht „lepšė-artig, matschig, weich“, nicht „fleischig“, sondern „knorpelig“: 5. Krok „verwachsener, knorriger Baum“ (vgl. 2kremlys Grv, Str, Švnč „Stiel, Baumstumpf“), 6. übertr. Krok „starrköpfiger Mensch“ LKŽ VI, vgl. kremzlė – nicht nur 1. „hartes, elastisches Bindegewebe im Körper von Mensch und Tier“ (auch kremblė, kremslė, ¹kremslys; obwohl auch kramslė MŽ, W, kramslys 1. B, N, Tv) und 3. „Sehne“, sondern auch 2. abwertend „Nase“: Wenn du ihm auf die Nase gibst, kommen dir sogar die Tränen! Skr, Vai, hör auf, sonst verschmierst du dir die Nase! Dkš, 4. gemeinsprachlich, nur im Nominativ. Arm „mageres Tier“ (vgl. auch kremblys 2. übertr. Vdžg „alter, schwacher Mensch“ – nicht „lepšė-artig“, sondern „verknöchert“) – das ist nicht unbedingt eine übertragene Bedeutung; vgl. kremzliai Ds „auf dem Feld liegen gebliebene lose Strohstücke; Stoppeln, verstreute Reste, abgeerntete Halme“, sogar krem-slės J(BzF128) „eine Pilzart“, ferner kremzdėti, krémzda, -ėjo. 21 VlkV, Alk „knirschen, knacken, grunzen, knirschen“: Wie du isst, knirschen die Grūzdai oder die ungekochten Kartoffeln zwischen den Zähnen J. Die Kartoffeln sind hart – beim Essen knirschen sie sogar Vrb; krėmsyti siehe kramsėti 2: Deine Pilze sind nicht gar, sie knirschen noch wie rohe Srv. Die Kartoffeln knirschen, sie sind noch nicht gar Srv; kramsėti2. Rm „knirschen, knacken“: Wenn die Kartoffel nicht gar ist, knirscht sie beim Essen J. Auch bezeichnend: Diese Pilze knirschen mir Ps. Besonders: Ein Lepšė kann niemals knirschen Žml (zweifelhafte Bedeutungsdeutungen: kramsėti 1. Nm, Vaižg „mit Geräusch kauen, schmatzen“ und kramsčioti siehe kramčioti 1. „langsam abbeißen, kauen“, pakramščoti „ein wenig kauen“, denn: Er knabberte ein bisschen an rohen Kartoffeln Lp – das ähnelt sehr „knirschen, knacken“). Daher bedeutet DŽ₃ budis, -iės m. „irgendein Lamellenpilz“, während krembly s „Pilz“ bedeutet: Krembliai wachsen schnell. In der Volksterminologie sind, mit den Worten von Antanas Baranauskas’ „Anykščių šilelis“, Pilze und Giftpilze nicht mit Namen bezeichnet. Neben dem Giftpilz (šunagrýbis, šūniagrýbis, šūngrybės) finden sich als Ergänzungen žūniabudė Srj, šūniamenunė Grv, šūnbaravykis Krs, siehe šėtonbaravykis LKŽ XV, grybekėsis Rdm, gribšis Rdm (LKŽ III). Der Slavismus grybas (die Variante grybė ist etymologisch nicht erklärt; gryba stammt vermutlich aus lett. grība) könnte wohl erforderlich gewesen sein, um einen verwandten Begriff zu bezeichnen, der die wuchtigen Kremblinge und die weichen budės, tikrinius [im westlichen Dzūkischen tikrìnis „Steinpilz“ LKŽ XVI] umfasst, in der Standardsprache Steinpilz oder Echter Steinpilz (Boletus edulis), da es auch Maronenröhrlinge (Xerocomus badius), Sandröhrlinge (Suillus variegatus), Schimmelröhrling 1. „Gyroporus cyanescens“, 2. „Sandröhrling (Gyroporus castaneus)“, sogar den giftigen Satansröhrling (Tylopilus felleus) und šūninis 1. „falsch“ LKŽ XV] gibt, dazu Kremblinge, pumpo-taukšlius, -tauškius, -tekšlius (:¹pumpa 3. „<···> Knolle“ LKŽ X), kukur-bezdalius (:kūkuràs „Buckel“) / (s)kūz-bezdalius. Die Mykologie gliederte Pilze in den 1970er Jahren in ein eigenes Organismenreich aus, Mycetalia, das zwischen den Pflanzen- und Tierreichen steht. In der wissenschaftlichen Terminologie gibt es keinen Gegensatz zwischen Pilzen und Giftpilzen; Giftpilze gibt es überhaupt nicht – Pilze (Fungi) sind essbare (in 4 Kategorien – darunter auch von Menschen gewöhnlich nicht verzehrte, minderwertige, aber ungiftige, angeblich essbare) und giftige Pilze. Die Einteilung ist also nicht logisch: Nicht alle 22 ungiftigen Pilze sind essbar, während weniger giftige nach dem Abkochen und Abgießen essbar sind. Diese Einteilung umfasst höhere Pilze; davon gibt es zwei Klassen: 1) Schlauchpilze (Ascomycetes) – Lorcheln, Morcheln, Ohrlappenpilze, Trüffeln, Godūnas sowie die sogenannten Kleinstpilze – Hefepilze, der parasitische Mehltaupilz, Raupėgrybis, der berühmte Pinselschimmel (Penicillium); 2) Ständerpilze, oder verständlicher Keulenpilze (Basidiomycetes) – „fast alle Speisepilze, Giftpilze, Porlinge, Boviste und Stinkmorcheln (=paniabūdės DŽ₃) <...>; <...> Rostpilze, Brandpilze, trobāgrybiai“ PDŽ II 35 – sie werden in Lamellenpilze (Unterseite des Hutes mit Lamellen), Röhrenpilze (Unterseite des Hutes porig), Schleimpilze usw. unterteilt; viele Gattungsnamen sind Neubildungen: nach den Wörtern der gesprochenen Sprache kiaūliabudė, kėlmabudė LKŽ VI – gaibudė, jaunābudė, kreivābudė, kūgiabudė, plaušābudė, skydābudė, šlakābudė, tauriābudė, žvynābudė. Auch bei den niederen Pilzen gibt es zwei Klassen: 1) Urzellenpilze (Archimycetes) – „die primitivsten einzelligen Pilze ohne Myzel“ TLE I, „der Körper ist ein nacktes Protoplasmaklümpchen oder ein schwach entwickeltes Myzel (Rhizomyzel)“ TLE IX; 2) Algenpilze (Phycomycetes) – in Schlamm und Wasser sowie auf Pflanzen wachsende Pilze, „die keine komplexen Fruchtkörper ausbilden“ PDŽ II 34 – „das Myzel ist meist unseptiert und vielkernig“ LTE III. Die fünfte Klasse ist eine Zwischenklasse – Fungi imperfecti (Fungi imperfecti oder Deuteromycetes) – „das Myzel ist septiert, doch eine geschlechtliche Fortpflanzung wurde nicht festgestellt“ LTE IV. So viele Neubildungen hat die wissenschaftliche Systematik hervorgebracht (einschließlich der Benennung aller Pilze, die in der Volkssprache keinen Namen haben und dort sogar unbekannt sind) – ganze Reihen von Bildungen mit den Bestandteilen -grybis, -budė (sogar -grybšis: skylegrybšis siehe skylėgrybis LKŽ XII). Hier wurde ein kleiner Teil des großen Vorhabens vom Übergang von der Volksterminologie zur wissenschaftlichen Terminologie (mit wissenschaftlichen Kompassen und Wegweisern) überblickt und kurz erwogen. Wendet man den Blick in die entgegengesetzte Richtung – nicht darauf, was die Volksterminologie beigetragen hat, sondern was die wissenschaftliche übernommen oder nicht übernommen hat und was sie selbst besaß –, kann man zu Recht fragen, wie erfolgreich sie diese Aufgabe erfüllt hat. Wenn sie nicht alles übernommen hat, was sie hätte übernehmen können, besteht die Hoffnung, dass sie es vielleicht noch tun wird. Vor allem stellt sich die Frage, ob sie die Volkssprache nicht unterdrückt und erdrückt hat, ob sie mit ihr nicht in Konflikt gerät und nicht drastisch in ihren jahrhundertealten Bestand eingreift. Das ist ein eigenes Thema. Einige Punkte seien hier erwähnt. Die Einführung von Masse anstelle von Gewicht geriet auf unmenschliche Weise mit der lebendigen Terminologie in Konflikt – wir alle sehen täglich, wie man diese Masse mit der Waage wiegt 23 en, und das in vielen Sprachen; darüber sprechen bereits die Wissenschaftler selbst. Jeder Physiker würde sagen, dass Eis und Schnee nicht schmelzen, sondern tauen, dass dabei keine Lösung, sondern eine Schmelze entsteht; Meteorologie und Geologie verwenden hier jedoch nur die Begriffe Schmelzen, Tauwetter – sie stehen nicht im Widerspruch zur lebendigen Terminologie. Wissenschaftliche und Alltagssprache sollten sich die Anwendungsbereiche friedlich teilen. Jeder Schüler kann sich wie ein Wissenschaftler fühlen, wenn er im Geografieunterricht erfährt, dass es in Litauen keine Berge, sondern nur Hügel gibt; doch wenn er einen kleinen Hügel hinunter ins Tal saust, ist ihm diese Wissenschaft einerlei. Abkürzungen AstrŽ – Astronomijos enciklopedinis žodynas / Sudarė A. Juška. V., 1984. CavŽ – Wörterbuch der Begriffe der Zivilluftfahrt / Herausgeber und Bearbeiter R. Eriksonienė, J. Klimavičius. V., 1996. DŽ – Dabartinės lietuvių kalbos žodynas: DŽ₁ – I leid., V., 1954. DŽ₂ – II leid., V., 1972. DŽ₃ – III leid., V., 1993. EGŽ – Vaitekūnas S. Enciklopedinis geografijos žodynas. K., 1994. FGŽŽ – Solovjovas V., Karpovas G. Fizinės geografijos žodynas-žinynas. K., 1987. GirFGTŽ – Gudelis V. Geologijos ir fizinė geografijos terminų žodynas. V., 1956. GK – „Gimtoji kalba“. GŽ – Agapovas S., Sokolovas S., Tichomirovas D. Geografijos žodynas. K., 1972. JKTŽ – Gudelis V. Jūros krantotyros terminų žodynas. V., 1993. KK – „Kalbos kultūra“. LEnc – Lietuviškoji enciklopedija. K., 1936, T. 4. LKK – Lietuvių kalbotyros klausimai. V., 1966, T. 8. 1970, T. 12. LKŽ – Wörterbuch der litauischen Sprache. V., 1968, Bd. 1, 2. Aufl. 1947, Bd. 2, 1. Aufl. 1969, Bd. 2, 2. Aufl. 1956, Bd. 3. 1962, Bd. 6. 1966, Bd. 7. 1970, Bd. 8. 1976, Bd. 10. 1978, Bd. 11. 1981, Bd. 12. 1986, Bd. 14. 1991, Bd. 15. 1995, Bd. 16. Im Artikel werden auch die Abkürzungen dieses Wörterbuchs verwendet. LTE – Litauische Sowjetenzyklopädie. V., 1976, Bd. 1. 1977, Bd. 2. 1978, Bd. 3. 1978, Bd. 4. 1979, Bd. 5. 1980, Bd. 6. 1981, Bd. 7. 1981, Bd. 8. 1982, Bd. 9. 1983, Bd. 10. 1983, Bd. 11. 1984, Bd. 12. MeteorŽ – Mikალjūnas M. Rusų-lietuvių kalbų meteorologijos terminų žodynas. V., 1975. PDŽ II – Pažinimo džiaugsmas: Gyvoji gamta. V., 1990. RLKŽ II – Rusų-lietuvių kalbų žodynas. V., 1983, T. 2 / Sudarė Ch. Lemchenas. SinŽ – Lyberis A. Sinonimų žodynas. V., 1980. 24 TLE – Enzyklopädie Sowjetlitauens. V., 1985, Bd. 1. 1986, Bd. 2. 1987, Bd. 3. 1988, Bd. 4. TŽ – Tarptautinių žodžių žodynas. V., 1985. VLKŽ II – Kr ž i n a u s k a s J., S m a g u r a u s k a s S. Deutsch-litauisches Wörterbuch. V., 1992, Bd. 2. Zoopsich – B a g d o n a s A. Zoopsychologie. V., 1983. Die Zahlen bezeichnen überall Jahre, Nummern (römische Zahlen – Bände) und Seiten. 25