„Sirgalius“, „aistruolis“, „mėgėjas“, „fanas“
Full text
Jonas KLIMAVIČIUS
DER FAN, DER BEGEISTERTE, DER LIEBHABER, DER FAN
Schon seit Langem bezweifeln manche die Güte des Wortes Fan – seine Litauischkeit und die Angemessenheit seiner Bedeutung. Hier herrscht viel Unwissenheit, man denkt oberflächlich, arbeitet sich tastend vor; allerlei Ersatzformen häufen sich – es entsteht ein unklarer, irrationaler Mischmasch. Deshalb ist es längst an der Zeit, die Sache gründlich zu klären und auch die Eignung der Synonyme oder Konkurrenten von Fan zu erörtern. Dass Fan eine Lehnübersetzung des russischen болельщик ist, beweist noch nicht seine Unangemessenheit. Im DŽ von 1954 1 ist es noch nicht enthalten. Im Protokoll Nr. 34 der Terminologiekommission des Instituts für Litauische Sprache vom 25. Juli 1958 ist festgehalten: болельщик – sirgalius, sirgčius (anwesend waren V. Kazakevičius, A. Kučinskaitė, V. Labutis, Ch. Lemchenas, J. Macaitis, A. Pranskėtis). Im STŽ von 1959 1 steht jedoch für болельщик Begeisterter (Sportenthusiast). Dennoch setzte sich damals Begeisterter nicht durch. Im DŽ von 1972 2 findet sich sowohl Fan: 1. „jemand, der ständig krank ist, kränkelt“, 2. „leidenschaftlicher Zuschauer von Sportwettkämpfen, Sportenthusiast, Begeisterter“, als auch Begeisterter: „jemand, der für etwas Leidenschaft empfindet; Enthusiast, Fan“; und selbst beim Wort Enthusiast („ein Mensch voller Enthusiasmus, von einer Idee ergriffen; ein Feuereiferer“) lautet der einzige Beleg: Sportenthusiast (diese Verbindung ist ein Synonym zur zweiten Bedeutung von Fan, und Enthusiast – des Begeisterten ist ein Synonym zur Erklärung von „Begeisterter“). Das LKŽ XII stützt sich ohne Angabe irgendwelcher Quellen und ohne Beispiele für den Sprachgebrauch auf das DŽ von 1972 2: Fan: 1. „jemand, der häufig krank ist, kränklich“, 2. „leidenschaftlicher Zuschauer von Sportwettkämpfen, Begeisterter“. Von den zweisprachigen Wörterbüchern lässt nur das RLKŽ von 1967 1 den Fan außer Acht: болельщик – Begeisterter, Liebhaber von Sportwettkämpfen. Die anderen führen sorgfältig beide Formen auf – sowohl den Fan als auch den Begeisterten – und versuchen nicht, eine Norm festzulegen. Übrigens gehen manche sehr umsichtig vor: Fan – болельщик (Sportbegeisterter), aber Begeisterter – страстный человек im LRKŽ1; demnach wird „Begeisterter“ eine breitere Bedeutung zugestanden. Selbst der vermeintliche Urheber des Wortes „Begeisterter“¹ (in Wirklichkeit wohl nur dessen Wiederbeleber) gibt dem Fan: болельщик den Vorzug: umgangssprachlich – (Sport-)Fan, Begeisterter im RLKŽ2, I.
1 Siehe A. Sabaliauskas, Woher kommen sie? V., 1994. S. 11.
17
Verwendet wurde überwiegend nur Fan. Natürlich gab es auch Murren, sogar von Sportfunktionären, allerdings wenig ernsthafte und schwach begründete Einwände, etwa: „Ist es nicht an der Zeit, unserem Zuschauer einen viel ehrenvolleren Namen zu geben [als Fan – J. K.]: Liebhaber, Verehrer, Kenner, Fachmann. Nun, bis die Sprachwissenschaftler einen einfallsreicheren Namen vorschlagen, geben wir uns auch mit dem alten zufrieden“ Šv 1981 3 27. Dennoch ist es bezeichnend, dass Enthusiast nicht anstelle von Fans vorgeschlagen wird.
Der Sirgalius – eine Lehnübersetzung. Doch kehren wir zum Litauischen zurück und beginnen mit dem Wort sirgti. Im LKŽ XII wird sirgti, Bedeutung 2, übertragen „sich sorgen, sich bekümmern“, anhand von Belegen aus a l l e n D i a l e k t e n reichlich illustriert: Wer sonst wird sich hier um deine Sorgen kümmern Taurāgnai. Kümmere dich nicht um fremde Angelegenheiten Kvėdarna. Was kümmert ihr euch um mich?, schaut auf euch selbst Alantà. Deine eigenen Sorgen kümmern dich nicht, du kümmerst dich nur um die der anderen Skudūtiškis. Wir sind jetzt ganz damit beschäftigt, wie wir die Kinder besser unterrichten Marijampolė. Mutter hat sich jetzt mit diesen Kartoffeln zu beschäftigen begonnen Skaisgirys. Wenn etwas fehlt, macht er sich immer Sorgen Mielagėnai. Hier findet sich auch ein Satz von J o n a s J a b l o n s k i s: Du machst dir unnötig Sorgen um uns. Nicht aufgenommen wurde ein Beleg von Kazimieras Būga: Denn meine anderen Freunde, Prof. Prälat A. Dambrauskas, Prof. Prälat P. Bučys und Prälat J. Tumas (Vaižgantas), hatten bemerkt, dass mir sprachliche Fragen am Herzen lagen und dass ich mich sogar ihretwegen sorgte K. Būg RR III 10. Dies wiederholten die Forscher zu K. Būga mehrfach, zum Beispiel: sie hatten festgestellt, dass Būga sich mit Leib und Seele den sprachlichen Fragen widmete Z. Zinkevičius und J. Kabelka, – K. Būg RR I 25.
In den Dialekten werden auch apsirgti, persirgti. Der Normantas von Tirtai war noch nie so verliebt gewesen wie zweimal Vaižgantas. Sorgen sind wie Krankheiten (Krankheiten): Eine übersteht man, schon befällt einen die nächste Utenà. Wir haben den Prozess überstanden, jetzt wird es leichter Dusetos. Es kommen auch besonders eigenartige Gebrauchsweisen vor: Unsere Ona ist in Petras verliebt (Petras gefällt ihr) Álovė. Seltene Substantive sirgutė, sirgulėlė bedeuten „Herzeleid“. Es gibt auch noch weiter entfernte Bedeutungen – apsirgti „die Angelegenheiten anderer ordnen, nach dem Rechten sehen“: Du kümmerst dich um alle Taurāgnai; atsirgti „büßen“: Ich habe mich übernommen und beeilt, danach musste ich dafür büßen Vabalninkas; „sich mit Mühe erkenntlich zeigen“: Für dieses Getreide habe ich es ihm vergolten: Ich habe bei der Ernte geholfen und Kartoffeln ausgegraben Taurāgnai.
Solche Belege für den Gebrauch von sirgti kuo? ir dėl ko? gibt es in Schriften – neben J. Jablonskis, K. Būga und Vaižgantas – viele bedeutende, ältere wie neuere. Antanas
18
Jasmantas (das poetische Pseudonym des Philosophen Antanas Maceina) dichtete um 1942:
Du hörtest ein Pferd aus der Handfläche, Unter einer alten Eiche auf dem Feld, Und spürtest nicht, wie der Wind weht Die kleinen Schlangen aus Samtlocken. Du hörtest ein Pferd aus der Handfläche... Und nun bin ich krank nach dir: Dein Lachen weht mir der Wind zu Und das Dröhnen silberner Hufeisen
A. Jasm P 36
1948 schrieb Juozas Lukša (Skrajūnas, Daumantas): Ihre Ankunft in Litauen löste das Problem der Verbindung mit dem Ausland, an dem die bereits im Land bestehende Widerstandsbewegung seit den allerersten Tagen der Bewegung krankte KB 1995 4 68. Meilė Lukšienė schreibt: Sie eilten zu leben, machten sich gegenseitig den Rang streitig und krankten an gesellschaftlichen Sorgen J. Bit VKB 81. Ich kranke an der Sehnsucht nach dem Meer, dichtet der Poet J. Kant KR 9. Auch an Beispielen aus der Presse fehlt es nicht: Am Himmel litt er unheilbar T 1981 17 4. Die Deutschen sind geradezu arbeitssüchtig LA 1997 22 27. Alle schlechten Übergangsabsichten kann ein einziger Kopf durchkreuzen, der sich um sein Unternehmen sorgt LA 1997 37 9. Der Direktor kümmert sich nicht um die Angelegenheiten des Unternehmens, ihn beschäftigen andere Dinge mehr LA 1996 219 9. Der Bürgermeister und die Vizebürgermeisterin „kranken“ an Kulturangelegenheiten LA 1996 65 17.
DŽ1 gibt, ohne Bedeutungen zu unterscheiden, an: Kränke dich nicht um mich (mach dir keine Sorgen). DŽ2 unterscheidet – sirgt 2. übertragen „sich kümmern“, DŽ3 – 2. übertragen „sich kümmern, sich sorgen“: <...>, 3. übertragen „leidenschaftlich für etwas eintreten“. Für „Žalgiris“ fiebern.
Systematisch folgt Krankheit – zunächst aus den Dialekten. LKŽ VII liga 2. übertragen „Sorge, Ärger“. Ach, du meine Krankheit (sagt ein Vater über sein Kind, um das er sich viele Sorgen macht)! Krosna. // „Schwierigkeit, unangenehme Sache“ Raseiniai, Er iškiai. △ an seiner eigenen Krankheit leiden „sich um seine eigenen Sorgen grämen“. Jeder krankt an seiner eigenen Krankheit Taurāgnai; an der Krankheit eines anderen leiden „sich um die Sorgen eines anderen kümmern“: Warum kränkst du an der Krankheit eines anderen? Anykščiai; an einer Krankheit leiden „mit derselben Sorge wie ein anderer leben“ A 1883 72.
19
Iš rimtų raštų: pats „Aušros“ sužadintas, esu raginęs kiek ir kitus žiūrėti „Aušros“ akimis į Lietuvos dalyką, skelbti jos skelbiamą evangeliją Lietuvos jaunomenei, esu kiek jos „liga“ sirgęs J. Jabl R I 249. Kai kurios gimnazijos tiesiog „sirgo“ gera prasme, sakau, sirgo literatūrine liga Kazys Bradūnas, – Snt 1991 R 108. <...> pirmiausia susergama poezija, paskui proza ir tik vėliausiai – dramaturgija, tarsi senatvės liga Viktoras Miliūnas, – Nkn 1968 2 5. Sako, naktį sapnuojantis Lietuvą, o dieną apie ją galvojantis. Jis serga savo žemės liga KV 1992 33 3. Neužmirština ir karštligė 3. prk. „veiklos įkarštis, skuba, karštymetis“ DŽ₃.
Das System wird durch anstecken (sich anstecken) vervollständigt. LKŽ VI užkrėsti 8. übertragen „jemandem seine Stimmung, Eigenheiten des Charakters... vermitteln; auf einen anderen übergehen, einen anderen erfassen (von einer Stimmung, Neigung)“: <...> // Wie ansteckend Armut und Krankheiten sind, so unendlich ansteckend sind auch Lachen und Fröhlichkeit Jonas Jablonskis. Seine Fröhlichkeit steckte alle an Juozas Balčikonis. // refl.: Als die anderen mein Kleid sahen, steckten sie sich alle an: Ich schaue hin – alle hatten sich auch eins genäht Upytė. Auch wir müssen aufpassen, uns nicht mit Lügen anzustecken Jonas Balvočius-Gerutis. Aus aktuellen Schriften: R. Ramunienė verstand es, so mit Liebe zur französischen Sprache anzustecken, dass wir es kaum erwarten konnten, ihre Vorlesungen zu besuchen LA 1997 108 14. Von der Krankheit der archäologischen Suche angesteckt, <...>sammelte er mit Hingabe Steinwerkzeuge Z. Kos LŽ 54. <...> Mit ihrer Liebe zu Kindern hat sie sich unheilbar angesteckt. Eine gute „Krankheit“ TMkt 1968 18 1. Damals steckte er sich auch mit dem Theater an LA 1997 100 27.
Natürlich kommt auch ein ungeschickter, geschmackloser Gebrauch vor: Wann und wie sind Sie zum Ruhestörer geworden und haben sich mit den Oginskis und anderen Merkwürdigkeiten angesteckt? LA 1995 107 12. Manches ist auf dem Niveau von Gelegenheitsbildungen: überreicht ein Dankeszeichen an einen „Handballkranken“ LA 1996 237 19.
Insgesamt ist die übertragene Bedeutung des Wortes krank sein jedoch sehr weit gefasst und gesetzmäßig. Auch im Sportbereich ist sie zweifach – auch hier unterscheidet man zwischen woran krankt man? und für wen? Vgl.: Nach diesem Spiel waren die Jungs geradezu vom Tischtennis begeistert Šv 1968 3 20. In den Niederlanden ist man massenhaft „krank“ nach dem Eisschnelllauf Sp 1968 33 4. Und: Damals spielte gerade Spasski gegen Fischer, und ich fieberte für Spasski LA 1996 24 19. Manchmal wird sogar mit dem Gegensatz zwischen wörtlicher und übertragener Bedeutung gespielt: Der Zuschauer ist 61 Jahre alt, hatte 1973 einen Herzinfarkt überstanden und „fiebert“ seit 30 Jahren für Kaunas „Žalgiris“ M ir T 1975 8 57.
20
Und „Sirgalius“ wird nicht nur im Sport verwendet: ein politischer „Sirgalius“ LA 1996 219 5, ein LTV-„Sirgalius“ LA 1996 20 14, Jurgis Kunčinas, ein „Sirgalius“ von [poezijos] Versen Kr 1995 1-3 97, Vytautas Rubavičius, [pypkiavimo] „Sirgaliai“ LA 1997 103 20. Diese Doppeldeutigkeit ist wohl auch den hauptsächlichen Verwendern von „Sirgalius“ einigermaßen bewusst, obwohl die Verbindung sporto sirgalius nicht gebraucht wird.
In der wörtlichen Bedeutung werden in den Dialekten, Wörterbüchern und Schriften zahlreiche, gewöhnlich jedoch seltene Bezeichnungen für Personen verwendet oder wurden verwendet: sargalius Žvr, Skr, NdŽ, sargalis BŽ 598, Rtr, NdŽ, sargulys J, sarguolys Blv; sergalis Sd; sirgalius DŽ₂, širgelis „wer krank gewesen ist“ (Būk tu širgelis, būk nesirgelis – vis tiek mirsi Sb), sirguolis tsp, sirgalynė Grž, sirgčius Vlk, sirglys Lk, Ser. Sie alle haben mehr oder weniger abwertende Bedeutung, und zwar nicht nur sirgalius, sargalius: Die abwertende Bedeutung wird nicht durch das Suffix -alius verliehen, sondern liegt in der Sache selbst – häufiges Kranksein, rasches Erkrankten, schlechte Gesundheit. Nicht miegalis ist abwertend, sondern schon das lange Schlafen selbst. Aber sind Tiere, die Winterschläfer – žiemos miegalai M ir G 1983 4 17 – abwertend bezeichnet, wenn ihre Physiologie, ihre Natur so beschaffen ist? Und nemiegalis?! Auch bei den mit dem Suffix -ėlis gebildeten ähnlichen Ableitungen ist ein Teil abwertend – apkiautėlis, ištvirkėlis, nebrendėlis –, doch einige „haben nicht immer, oder zumindest recht oft, eine abwertende Bedeutung: numirėlis, pabėgėlis, padėgėlis, paskendėlis, pavargėlis, pražuvėlis, suaudėlis, pasiryžėlis, pasišventėlis, persikėlėlis“². Gäbe es kein neutrales (oder neutraleres) Wort, hätte vielleicht auch sirgalius 1. keine abwertende Bedeutung. Wo es ein neutrales ligonis gibt, sind die anderen Bezeichnungen derselben Wurzel abwertend – ligąšas Krš, ligąšius Škn, Šl, Kair, × ligaška Klov, Sdb, ligašnikas Ps, Pai, ligiza „paliegėlis“ Lzd, ligóčas J, ligóšius Ds, liguiša Grš (LKŽ VII).
Da sirgalius, obwohl systemhaft und notwendig, eine Lehnübersetzung ist, lohnt ein Blick auf die Quelle. D. Ušakovs „Erklärendes Wörterbuch der russischen Sprache“ von 1935 führt die Bedeutung „проявлять сострадание, скорбеть, заботиться“ von болеть als veraltet an; nur die Verbindung болеть душой gilt nicht als veraltet. Im akademischen großen „Wörterbuch der modernen russischen Literatursprache“ von 1948 wird die Bedeutung von болеть „испытывать мораль-
2 Lietuvių kalbos gramatika. V., 1965. T. 1. P. 318.
21
ные страдания; беспокоиться, заботиться о ком-, о чем-нибудь“ – ohne jegliche Kennzeichnung angegeben, während im vierbändigen „Wörterbuch der russischen Sprache“ von 1957 die Bedeutung von болеть, „испытывать тревогу, беспокоиться; страдать“, als übertragen angegeben ist; ihre Nuance „остро переживать <...> в состязаниях“ wird als umgangssprachlicher Gebrauch vermerkt. Болельщик wird im „Wörterbuch der modernen russischen Literatursprache“ als misslungener Neologismus (нов. в просторечии) bewertet und als „шутливое прозвание страстного наблюдателя спортивных состязаний, „болеющего душой“ за участников“ erläutert. Im Laufe der Zeit entfiel jedoch die Bedeutungsnuance „scherzhaft“ – im „Wörterbuch der russischen Sprache“ und in S. Ožegovs „Wörterbuch der russischen Sprache“ (Ausgabe von 1989) wird болельщик bereits ohne „шутливое“ erläutert und als umgangssprachliches Wort eingestuft.
Aistruolis war bis vor kurzem ein rein schriftsprachliches Wort – nur gelegentlich verwendete es irgendein Liebhaber seltener Wörter: Aistruoliams vadovavo savi dirigentai N 1971 8 57, Kęstutis Andziulis. Ich habe es nie von jemandem im lebendigen Sprachgebrauch gehört. Die Gründe sind klar: 1) sirgalIus ist immerhin ein gewöhnliches Wort, 2) aistruolis hat keinerlei Rückhalt in der gesprochenen Sprache, anders als sirgalius (über die unerwünschten Assoziationen von aistruolio im lebendigen Sprachgebrauch – später). Zwar war das Wort aistringas im standardsprachlichen Gebrauch der letzten Jahrzehnte gewöhnlich positiv, z. B.: aistringas kovotojas DŽ₃, aistringas futbolo mėgėjas Šv 1980 22 30. Doch niemand hatte auch žemų aistrų kurstymo LA 1993 56 7 vergessen; nur wenige hatten von tauriąsias aistras gehört. Früher verachteten die Herren die Wissenschaft. Statt der sieben freien Künste interessierte sie eine Siebenzahl edler Leidenschaften: Reiten, Schwimmen, Bogenschießen, Fechten, Jagen, Schachspielen und Gedichteschreiben, <...> S. Mark NN 133. Noch seltener und individueller ist eine Art grakšti aistra: Nicht die Früchte der Erfahrung, sondern die Erfahrung selbst ist das Ziel... Immer in hellster, edler Flamme zu brennen, diese Ekstase zu bewahren – das ist der Erfolg des Lebens... Alles schmilzt unter den Füßen dahin; also besser einer edlen Leidenschaft nachjagen... die am hohen Himmel für eine Minute den Geist befreit und die Gefühle aufwühlt KB 1993 1 55 (Übersetzung). Im Übrigen sehen wir die ganze Skala der aistrų, von der automobiliomaniškos aistros Šv 1975 23 18 bis zur knygų medžiojimo aistros KB 1993 1 39. Gelegentlich versucht jemand, aistrą mit hobiu gleichzusetzen, wohl kaum mit Grund: Italijos kara
22
lius war ein leidenschaftlicher Sammler – ein Numismatiker: Er sammelte Münzen aus allen Ländern. Da Klimas von der Leidenschaft des Königs für sein Hobby wusste, schenkte er dem König eine Sammlung der in Litauen umlaufenden Münzen T ir N 1994 6 7. Kulturelle Leidenschaftlichkeit behauptet ihre Stellung weiterhin: Multimilijonierius[So-ros] gyvena paprastą gyvenimą ir yra žinomas kaip aistringas filo-sofas LA 1993 148 7; aistringas keistų, nenaudingu, bet gražių dalykų rinkėjas LA 1993 117 9.
Der Schritt von den standardsprachlichen Wörtern aistra, aistringas zur Semantik und Pragmatik von aistruolio ist sehr groß und abrupt. Man sollte weder spekulieren noch sich sorgen, wie ein solcher Gebrauch von aistr os aufgenommen wird: Futbolas – nacionalinė brazilų aistra T 1980 138 4. Futbolas – milijonų aistra (Titel des Buches von Rimas Mackevičius – „Vyturys“, 1990). Doch ein Sport-aistruolis ist keineswegs jemand, der nicht pfeift und keine Dummheiten macht; vgl.: tribūnose jau kilo peštynės tarp temperamentingų abiejų komandų aistruolių T 1990 105 4; užmištas vienas aistruolis KmT 1988 93 4. Jį suspardė ir apdaužė kumščiais įsiaudrinę futbolo aistruoliai LA 1996 164 19. Susimušė karštakošiai „Žalgirio“ aistruoliai LA 1997 39 18. Diese aistruoliai werden hier eindeutig mit niedrigen aistromis assoziiert (nicht mit der edlen aistra des Sports): Šiaip taip apraminusi aistras, policija turėjo evakuoti aistruolius iki keltų, vykstančių į Angliją LA 1995 33 19. Doch die Leidenschaften entflammten sich sowohl auf dem Spielfeld als auch auf den Tribünen. <...> Kein einziger Beamter war mehr beim Gästefanblock. Die Aufregung hielt lange an. Bei den Umkleidewagen forderten die einheimischen Fans „Resepovas Kopf“ LA 1995 160 26.
Natürlich sollte man nicht meinen, dass dies nicht auch sirgal iams eigen sein kann. Zum Beispiel: Wenn auf dem Spielfeld ein erbitterter Kampf stattfindet, kochen auf den Tribünen die Leidenschaften über; die Fans beginnen sogar mit Fäusten zu klären, welche Mannschaft stärker ist LA 1995 24 18. Insgesamt ist es möglich, eine ganze Gruppe von Sportbegriffen recht einfallsreich zu verjargonen, zum Beispiel: Als größter und gefährlichster Markt Europas gilt das Stadion zum 10. Jahrestag des Volks-Polens in Warschau. Hier versammeln sich, sportlich gesprochen, täglich etwa 50.000 „S p o r t l e r“ – Händler – und „F a n s“ – Käufer. Wie die örtliche Statistik zeigt, kommen die meisten von ihnen aus dem Osten – <...>. Die Ankommenden werden zuerst von den nationalen „S c h i e d s r i c h t e r n“ empfangen –
23
reketinginkai. Jeder von ihnen bedient nur „sein Team“. <...> Auf Sie lauern „Taschendiebe“. <...> Sie können ihren „Opfern“, meist Frauen, stundenlang folgen und darauf warten, dass eine Tasche unachtsam abgestellt wird. Wenn eine Frau sich eine Ware ansieht, landet ihre Tasche in einer anderen, größeren Tasche LA 1994 157 10.
Enthusiast, noch bevor es sich im Sport verbreitete, löste sich sehr schnell davon: Enthusiast für alte Gegenstände L ir M 1971 10 10, Flugbegeisterter T 1981 239 4, Enthusiasten antiker Kulturen N 1981 10 58, Fans der Unterhaltungsmusik KB 1983 3 9, Musikliebhaber KmT 1987 22 3, „Heavy-Metal“-Fans L ir M 1988 16 4, Filmfans ŠA 1991 31 4, Fans von Computerspielen T ir N 1994 6 4. Dann wird auch die hauptsächliche semantische Variante manchmal mit einem Objekt gebraucht – Sportbegeisterte T 1984 193 4, obwohl sie alle anderen so weit übertrifft, dass diese nähere Bestimmung nicht nötig ist, außer wenn die Sportart angegeben wird – Fußball- und Basketballfans. Ein Enthusiast wird manchmal auch nicht mit dem bezeichneten Gegenstand der Begeisterung verbunden: Fachleute, angebliche Fachleute und einfach sonstige Enthusiasten drehen und wenden ihren Entwurf auf alle mögliche Weise, wägen ihn ab; dafür hat er freilich gewisse Ambitionen KV 1990 47 2. Über N.s Vorliebe und Geschick fürs Angeln könnte man endlos sprechen. Enthusiast, Profi LA 1997 200 27. Das Fernsehen übertrug die heilige Messe, und die begeisterten Menschen, die die Festfreude teilen wollten, versammelten sich trotz des stürmischen Windes und des Schneeregens auf dem Juozapinė-Hügel, um Ostereier rollen zu lassen Gkr 1989 13 3. Sehr selten kommen Sätze vor, in denen nicht einmal ein Gegenstand angedeutet ist: Es schien, noch ein wenig, und die begeisterte Zigeunerin würde irgendeinem charmanten Litauer eine bezaubernde Rose zuwerfen L 1995 36 4. Gelegentlich dem Enthusiasten wird sogar eine sehr positive Bedeutung zugeschrieben: Ihre [der Geschichte] Lieblinge sind Enthusiasten, maßlos, mit Gedanken und Taten auf Abenteuer aus Š. Cveig ERTT 17. Es fehlt jedoch nicht an negativer Bewertung: Mit unverhohlener Verachtung blickt er auf Fußball- und Unterhaltungsmusikfans KmT 1987 22 3. Nun, genau dieses „Balsam“ musste man der Menge der Enthusiasten noch aufträufeln... LR 1990 157 3. Jetzt sind die „politischen Enthusiasten“ erschöpft, und wir können kulturelle nationale Arbeit leisten LA 1996 158 11. <...> Zerstreute, charmante, poetisch gestimmte westliche Linke küssen den „fortschrittlichen“ Terrorismus auf den Mund. Woher kommen so viele Enthusiasten?
24
Woher so viel Mitgefühl für Mörder, die mit einem einzigen demagogischen Vorfall alle Anschuldigungen zurückweisen? Dnvd 1997 19 5. Tatsächlich sehen wir auf dem Foto <...> eine Frau, die den wütenden „Jedinstva“-Anhängern zum Opfer gefallen ist T 1990 95 4. <...> der Parteifan Albertynas LA 1995 55 5. Selbst ein wahrer Sprachpurist tadelt mitunter die Reinheitsfanatiker GK 1992 8–9 13.
Vor allem darf man nicht vergessen, dass auch die Dialekte noch lebendig sind und was aistra in ihnen bedeutet. LKŽ I₂ aistra 1. „starke Neigung zu etwas, Begierde, heftiges Verlangen“: Ein heftiges Verlangen kam über sein Herz, d. h. noglas (plötzlich; heftig) Wunsch J. Man kann seine Begierden beherrschen Trg. <...>. 2. „Raserei, Tollheit“: Der Hund wurde rasend Ms, Šts. Wenn ihn die Raserei packt, zerreißt und zerfetzt er sogar die Hausbewohner Brs. / Die tierische aistra (Brunstzeit) ist gekommen J. Jabl. Im LKŽ I₁ ist die Bedeutungsreihenfolge umgekehrt; außerdem weicht die Erklärung etwas ab – 2. „Begierde, heftiges Verlangen, Hitze, Stimmung“. Beachtenswert ist auch das Verb aistruotis 1. „läufig sein“: Die Hündin ist läufig Šts. Auch DŽ₃ gibt für aistra 1. „starke Neigung, Begierde“ an: Die Leidenschaft kühlte ab. Eine glühende, verderbliche, schädliche, unbezwingbare Leidenschaft. Die Leidenschaften beherrschen. Seinen Leidenschaften freien Lauf lassen. 2. dial. „Raserei, heftiges Verlangen“ [DŽ₁ und DŽ₂ – „heftiges Verlangen“]: Der Hund wurde rasend. Von Spiritualität ist hier nichts zu spüren... Auch das „Wörterbuch der Psychologie“ (V., 1993) ändert daran kaum etwas: aistra (russ. страсть, engl. passion) – „ein starkes, beständiges Gefühl, das die gesamte Persönlichkeit eines Menschen erfasst und all seine Bestrebungen und Kräfte auf ein einziges Objekt richtet. <...>. Leidenschaft kann durch körperliche Triebe, Anschauungen oder Ideen hervorgerufen werden; sie kann auch pathologischen Ursprungs sein (z. B. infolge einer paranoiden Persönlichkeitsentwicklung). <...>“. Somit wird aistruolis auch folgendermaßen verwendet: Unter den Jugendlichen gibt es 2,8 Prozent, die von brennender Leidenschaft erfüllt sind und täglich Geschlechtsverkehr haben. R 1990 272–275 31.
Das ist der eigentliche, ursprüngliche aistruolis, der in der litauischen Lexikografie wohl erstmals 1929 in dem in Klaipėda erschienenen umfangreichen „Deutsch-litauischen Taschenwörterbuch“ von A. Šolcas und J. Talmantas belegt wurde – als Entsprechung des deutschen Wollüstling. Auf diesen Umstand hat Rainer Eckert bereits 1974 hingewiesen: Im LKŽ I₁ fand er aistruolis nicht, obwohl es im Wörterbuch von Aleksandras Kuršaitis aus dem Wörterbuch von A. Šolcas und J. Talmantas³ angegeben ist. Bei genauerer Untersuchung
3 E c k e r t R a i n e r. Zur Entwicklung der litauischen Literatursprache in der Sowjetepoche. – Beiträge zur Sociolinguistik. Halle-Saale, 1974. S. 131.
25
Zwischen den Quellen des LKŽ wurde die Lücke Wollüstling – gašluolis, aistruolis auch in späteren deutsch-litauischen Wörterbüchern gefunden – bei Vk. Gailius und M. Šlaža, Vokiškai-Lietuviškas žodynas. Klaipėda, 1932 [LKŽ verwendet die Abkürzung – GŠ] und Vokiškai lietuviškas žodynas / neu bearbeitet von K. Alminas. K., 1943. Somit wurde aistruolis 1955 mindestens zum vierten Mal verwendet.
So kam es, dass aistruolis auf einmal 26 Jahre älter wurde, sich als mehrdeutig erwies und nach fast 70 Jahren seines Bestehens vielleicht erst seinen Platz sucht. Denn die unbedachte Kritik an der gut etablierten, systematischen Lehnübersetzung sirgal ius sowie die unerwartete Aufwertung des unbekannten, später jedoch als mehrdeutig erkannten aistruolio, die genau in eine Zeit des Wandels bestimmter Sprachgewohnheiten fiel, rief Verunsicherung hervor und schuf eine Lücke im Gebrauch, in die weitere Synonyme und Konkurrenten strömten, die keineswegs immer wünschenswert sind. Dazu zählen zunächst Fremdwörter und Exotismen wie Fans, Torsidas und Ähnliches, die in die litauische Wirklichkeit übertragen wurden: „Fans von Banga“ LA 1992 89 15; „Banga wird so von ihrer unermüdlichen ‚Torsida‘ unterstützt“ LA 1992 180 11. Exotismen sind nur dann mit Recht angebracht, wenn sie das dortige Kolorit wiedergeben, z. B.: eine millionenstarke Torsida LR 1990 116 3, die temperamentvollen Torsida-Anhänger LA 1990 24 4, brasilianische Torcedores (Fans) Šv 1982 12 28. Wichtig sind jedoch Maß und die Verwendung korrekter, an die litauische Sprache angepasster sowie authentischer Formen: Tifoso (ital. tifoso, tifo „Typhus“; eher durch ein Typhussymptom motiviert – Tifomanie – Delirium bei Typhus); Torsidore (port. torsidoro, ursprüngliche Bedeutung „Anhänger des Stierkampfs“) und Kurzformen – der singularische Kollektivbegriff Torsida sowie Torsidos, Aficionados (span. aficionado, Pl. aficionados, ursprüngliche Bedeutung „Anhänger des Stierkampfs“).
Fans galten bisher in Wörterbüchern und im gehobeneren Sprachgebrauch als Anglizismus (engl. fan – Kurzform von fanatic): fan – Enthusiast, Liebhaber, Anhänger ALKŽ, sir galius Sport – Fan des Fußballs – football fan, aistruolis (Sportbegeisterter) – fan LAKŽ. Im Sprachgebrauch war der Exotismus der Fans nicht ausgeprägt, ihre abwertende Konnotation jedoch unbestreitbar: Fußballfans. Eine Mischung aus der Arroganz der Punks und der Aggressivität der Skinheads. Diese Jugendlichen machen Fußballplätze zu Gladiatorenarena LA 1992 61 10. Englische Fans lösten in Malmö Krawalle aus LA 1992 116 2. Doch in der Verwendung
26
Der alte Streit zieht sich hin, die Bewertungen sind unstet. Auf den Gebrauch und die Bewertungen komme ich noch zurück.
Der überraschendste, vielleicht sogar aufgezwungene Kandidat ist der bildukas. Die Art, wie er in Umlauf gebracht wurde (und nicht etwa sich verbreitete!), ist einer Gesellschaft würdig, die zwar ihre Ketten verloren, aber noch nicht wieder zu Atem gekommen ist. Hier ein Auszug aus dem Brief „Was wäre, wenn ‚bildukai‘?“: „Ich las in ‚Kalba Vilniuje‘ den Artikel ‚Das raue tägliche Brot‘ des Sportkommentators von TV, V. Mundrys, in dem er bedauert, dass wir keine gute Bezeichnung für einen Sportliebhaber haben, wie zum Beispiel das italienische ‚tifosi‘. Der Vorschlag kam mir schon am nächsten Tag in den Sinn, als ich zum Žalgiris-Stadion ging <...>. Unterwegs geriet ich in eine Gruppe von Fans von der Südosttribüne, die in festlicher Stimmung, mit Trommeln und Trompeten bewaffnet, in weiß-grünen Farben und mit Nationalflaggen geschmückt unterwegs waren, um ihre Lieblinge zu unterstützen. Als ich das Dröhnen ihrer Trommel hörte, erblickte ich eine Schar bildukai – flinke, muntere Raufbolde aus unserer Folklore, die erst zur Ruhe kommen, wenn sie ihr Ziel erreicht haben. <...>. Was meinen Sie also, meine Damen und Herren: Was wäre, wenn es ‚bildukai‘ wären? <...>“ Sp 1988 111 2, K. Dainiūnas (Sprache nicht korrigiert). Und schon ging es los: Die litauischen Sportler haben den jugoslawischen bildukai in letzter Zeit schon so oft schmerzhafte Stiche versetzt R 1990 58 6. In dem in London erschienenen Buch „Unter den Hooligans. Eine Leidenschaft für Gewalt“ erzählt sein Autor Bill Buford von Fußballfans, die man im Ausland meist Fans nennt, in Litauen aber als bildukai verspottet LA 1993 9 9.
Hier ist es vielleicht genau gesagt – man gibt ihnen Spitznamen, sie nennen sich nicht selbst so. Was geht es irgendjemanden an, den Zuschauern der berühmten Südtribüne einen Namen zu geben?! Doch der mythische Poltergeist R 281, K. K. Donel, Blv, Skr „pabalda, kaukas, kipšukas„ LKŽ I₁ ersetzt den Poltergeist recht treffend: POLTER-GEIST bedeutet aus dem Deutschen übersetzt „eine lärmende, Geräusche verursachende Seele“ oder auf Litauisch – Poltergeist VŠ 1990 2 8. Heute ist es kein Geheimnis mehr, dass die Erde von verschiedensten Wellen umgeben ist, die aus der Lithosphäre in die Ionosphäre aufsteigen und von dort zurückkehren; es ist gut möglich, dass sich besondere Energiekanäle – Wellenleiter – bilden, durch die die Seelen Verstorbener reisen. <...>. Die Litauer nannten diese Seelen so, und auch wir nennen sie heute Poltergeister. Sie wollen offenbar ihre Anwesenheit kundtun T 1990 139-140 6. Es ist nicht schlimm, auch einen sonstigen ausgeprägten Nachtschwärmer Poltergeist< zu nennen: Ich weiß nicht, wie viele Menschen jetzt die Nachtprogramme hören. >...
27
was gerade die Gelegenheit hatte, am Telefon mit den bildukai des Studios zu sprechen <...> mit den nicht schlafenden <...> Bürgern KV 1990 16 4. Doch ich glaube, dass Zuschauer von Fußballspielen niemals einwilligen werden, bildukai genannt zu werden – die Gulag-Bedeutung von bildukas lässt das nicht zu: Man sollte die „Urkas“ (Diebe) und die „Bildukai“ (Denunzianten) angemessen erwähnen. Unsere damalige Zeit wäre ohne diese Stalin-Arbeiter nicht richtig zu verstehen... LA 1990 114 3. ... <...> Er selbst gestand, dass er drei Jahre lang, während er als KGB-Informant arbeitete, die Kopeken des „bildukas“ vertrank R 1990 266 1.
Es ist an der Zeit, Schlussfolgerungen zu ziehen und zusammenzufassen, obwohl es angesichts des Sprachgebrauchs für endgültige Schlussfolgerungen vielleicht noch nicht ganz der richtige Zeitpunkt ist. Vorläufig nur so viel:
1. Sirgalius ließ sich nicht verdrängen; sirgal(i)us bleibt im Sport und im allgemeinen Sprachgebrauch bestehen – 2. „leidenschaftlicher Zuschauer von Sportwettkämpfen, Sportenthusiast, Aistruolis“ DŽ₃. Aistruolis hat bereits Fuß gefasst; sein Gebrauch im Sport und anderswo ist nicht gefestigt, und DŽ₃ definiert es nur vage als „jemand, der eine Leidenschaft für etwas hat, Enthusiast“. 1996 versucht STŽ₂, weiter auszuholen und noch mehr zu unterscheiden: 1) s p o r t o m ė g ė j a s – engl. sports fan, dt. Schwärme, Sportfreund, Fan; russ. болельщик – „eine Person, die sich für eine oder mehrere Sportarten sowie für die gesamte Sportbewegung interessiert. Ein Sportliebhaber besucht Wettkämpfe und sammelt auf verschiedene Weise Informationen über die bevorzugte Sportart oder die Sportbewegung“. Vgl. sirgal(i)us, aistruolis, fanatikas; 2) a i s t r u o l i s ↗ sporto mėgėjas; 3) s i r g a l i u s– engl. fan, dt. Fan, Sportfreund; russ. болельщик – „ein Sportliebhaber, der sich um die Angelegenheiten seiner bevorzugten Sportart, Mannschaft oder des Sports seines Landes kümmert (mitfiebert), Sportveranstaltungen besucht, die eigenen Sportler oder einfach ein schönes Spiel, die edlen Handlungen der Sportler und die Ideale des Sports unterstützt“; 4) f a n a t i k a s (lat. fanaticus – begeistert; entflammt; fanum – Heiligtum) – engl. fanatic; dt. Fanatiker; russ. фанатик – 1. „eine Person, die eine bestimmte Mannschaft leidenschaftlich und überschwänglich unterstützt; mitunter äußert sich ihre Missachtung gegenüber Gegnern und Schiedsrichtern“. Vgl. aistruolis, sirgalius, sporto mėgėjas (2. „eine Person mit radikalen Überzeugungen, die Andersgläubige zutiefst hasst; Fanatiker“; aufgenommen ist auch fanatizmas – „leidenschaftliche, blinde Hingabe an die eigenen Überzeugungen; bedingungsloser Glaube an die Richtigkeit einer Sache oder Idee. Fanatismus geht mit Intoleranz gegenüber fremden Ansichten und Bestrebungen einher. Im Sport ist er inakzeptabel, weil er sich nicht verein-
28
bar ist mit den grundlegenden Prinzipien des Olympismus als gesellschaftlicher Erscheinung“). Eigentlich würden hier die Worte von Adomas Mickevičius passen, auch wenn er sie aus einem anderen Anlass sagte: „Wahrlich gut <...> ergeht es denen, die überzeugt sind, mit dem Erwerb eines Wörterbuchs ein Tribunal in der Tasche zu haben, das auch die feinsten Streitfragen entscheiden kann“ (Adomas Mickevičius. Lyrik. Balladen. Poeme. V., 1975. S. 342). Das Wörterbuch sei Hüter der Tradition, Zeuge des Sprachgebrauchs und Sucher eines vernünftigen Auswegs. Zwei grundlegende und unterschiedliche Bedeutungen sind deutlich erkennbar: der Sportliebhaber, der mag und sich interessiert, und der Sirgalius, der für den Sport und die Mannschaft mitfiebert. Wenn der Sirgalius mitfiebert, ist das bereits ein Zeichen für die Stärke des Systems. Herabsetzung ist hier nicht beabsichtigt, einer Aufwertung bedarf es ebenfalls nicht, und Humor ist gesund. Sirgalius steht inzwischen sogar im „Wörterbuch für Grundschüler“ von Jonas Paulauskas und Gražvydas Kirvaitis (K., 1992. S. 20).
2. Und was tut der Aistruolis? Darauf gibt es noch keine Antwort. Eine Leidenschaft haben, leidenschaftlich sein – das ist erst ein halber Schritt; nebenbei bemerkt ist man vielleicht in anderen Bereichen erfolgreicher vorangekommen als im Sport. Im Artikel „Fünf Typen von Fans“ von A. Budrys und R. Delkus wurde 1984 versucht, etwas davon zu erfassen, doch ohne Erfolg: „Zum fünften Typ gehören die Aistruoliai – Menschen, die ganz in Sportveranstaltungen aufgehen. Sie interessieren sich für jeden Wettkampf und alle Informationen“ T 1984 264 4. Der Sprachgebrauch entwickelte sich ganz anders, obwohl er noch immer nicht gefestigt ist. Und man kann nur bedauern, dass wir durch diesen Aistruolis< heute ein solches Durcheinander im Sprachgebrauch haben: Dieses Spiel sahen 6800 Fußballliebhaber, etwa ein Drittel davon stammte aus Litauen. Die Beziehungen zwischen den Einheimischen und den Fans aus unserem Land waren herzlich und freundschaftlich, und es kam zu keinen Zwischenfällen. Doch im Sektor 15, wo die leidenschaftlichsten litauischen Fans saßen, gab es zahlreiche Konflikte mit der lettischen Polizei. Zwar sind die jungen litauischen Fußballfans keine Engel, doch >...< wurden unsere Fans angegriffen >...<. Deshalb mussten etwa hundert litauische Fußballfans Hilfe suchen >... LA 1992 158 11. Statt eines einzigen Sirgalius also ein semantischer Brei aus vier Wörtern, in dem keine fünf Typen zu erkennen sind... Und oft ist es so: <...> es versammelten sich etwa tausend Zuschauer, <...>. <...> von Zwischenfällen mit Fans war nichts zu merken <...> (direkt neben den lettischen Fans saßen 18 litauische Fans), <...> LA 1995 107 19. Die Fans von „VLPFK–Sirius“ schlugen in einem Spiel der Fan-Meisterschaft die Anhänger von „Inkaras–Grifas“ mit 18:1 LA 1995 89 19. Wo sind hier die fünf oder wenigstens zwei, drei Typen? Wo sonst ist das noch so unübersichtlich? Oder
29
Keine Zeit zum Paraphrasieren: drei Litauer – fünf Begriffe?
3. Indem STŽ₂ Fanatiker aufnimmt und nicht vergisst hinzuzufügen, dass „manchmal seine Geringschätzung gegenüber Gegnern und Schiedsrichtern zum Ausdruck kommt“, öffnet es dem Fanatismus – „im Sport unzulässig, da er mit den Prinzipien des Olympismus <...> unvereinbar ist“ – dem Fan keineswegs die Tür. Auch DŽ₂, das weiter fasst, weist auf die fehlende Bedeutung von Fanatiker hin: 2. übertr. „ein Mensch, der sich einer Arbeit, einer Sache oder einer Idee mit großem Eifer widmet und sich für nichts anderes interessiert“. So wird Fanatiker nicht nur im Sport verwendet: ein wahrer Kunstfanatiker N 1981 4 44; von jenen ersten Theaterfanatikern sind nur noch wenige übrig L und M 1983 22 12. Der Fanatiker ist also sowohl Sportler als auch Fan – ein positiver wie ein negativer, während der Fan nur ein Fan ist, der sich selbst als positiv betrachtet.
STŽ₂ hat Enthusiast wohlüberlegt nicht aufgenommen, obwohl es Begeisterung enthält – „einen Zustand großen seelischen Aufschwungs und großer Entschlossenheit. Begeisterung hilft, das gesetzte Ziel zu erreichen“. Wie bereits ganz am Anfang erwähnt, stand in STŽ₁ Aistruolis (Sportbegeisterter); in DŽ₂ (und DŽ₃) ist die einzige Belegstelle für Enthusiast Sportbegeisterter. Ein Enthusiast ist jedoch gewöhnlich kein Zuschauer und kein Fan, sondern ein Sportler (oder ein anderer aktiv Handelnder, nicht ein bloßer Sitzender): Laufbegeisterter Šm 1977 4 46, Flugbegeisterte T 1981 239 4. Natürlich kann man auch in den seltenen Augenblicken besonderen seelischen Aufschwungs begeistert unterstützen (zum Beispiel die eigene Nationalmannschaft), aber es ist keineswegs angemessen, die hellen, edlen Enthusiasten mit den beschränkten, blinden Fans. gleichzusetzen.
Abkürzungen
ALKŽ – Anglų-lietuvių kalbų žodynas / Sudarė A. Laučka, B. Piesarskas, E. Stasiulevičiūtė. V., 1975.
K. Būg RR – B ū g a K. Rinktiniai raštai. V., 1958, T. 1. V., 1961, T.3
J. But VKB – B ū t ė n a s J. Vinco Kudirkos bendrąžygiai. V., 1993.
Š. Cveig ERIT – C v e i g a s Š. Erazmo Roterdamiečio triumfas ir tragedija / Vertė R. Jonynaitė. V., 1991.
Dnvd – „Dienovidis“.
DŽ – Dabartinės lietuvių kalbos žodynas: DŽ₁ – I leid., V., 1954. DŽ₂ – II leid., V., 1972. DŽ₃ – III leid., V., 1993.
GK – „Gimtoji kalba“.
Gkr – „Gimtasis kraštas“.
J. Jabl R – Jablonskio raštai. K., 1932, T. 1.
A. Jasm P – J a s m a n t a s A. Poezija. V., 1992.
30
J. Kant KR – Kantautas J. Kranto randai. Klaipėda, 1994.
KB – „Kulturforen“.
KmT – „Komsomol-Wahrheit“.
Z. Kos LŽ – Kosidovskis Z. Lisipo žirgai / Vertė J. Ragauskas. V., 1968.
Kr – „Krantai“.
KV – „Sprache Vilnius“.
L – „Lietuva“.
LA – „Echo Litauens“.
LAKŽ – Piesarskas B., Svecevičius B. Lietuvių-anglų kalbų žodynas. V., 1979.
L und M – „Literatūra ir menas“.
LKŽ – Wörterbuch der litauischen Sprache. V., 1941, Bd. 1, 1. Ausgabe. V., 1968, Bd. 1, 2. Ausgabe. V., 1962, Bd. 6. V., 1966, Bd. 7. V., 1984, Bd. 12.
Im Artikel werden auch die Abkürzungen dieses Wörterbuchs verwendet.
LR – „Morgen Litauens“.
LRKŽ – Lyberis A. Lietuvių-rusų kalbų žodynas. V., 1971.
S. Mark NN – Markišas S. Niekam nenusileisiu / Vertė M. Žilionienė. V., 1969.
MedŽ – Astrauskas V., Biziulevičius S., Pavilonis S., Vaitilavičius A., Vileišis A. Wörterbuch medizinischer Fachbegriffe. V., 1980.
M und G – „Mokslas ir gyvenimas“.
M und T – „Mokslas ir technika“.
N – „Nemunas“.
NKn – „Neue Bücher“.
R – „Respublika“.
RLKŽ1 – Russisch-litauisches Wörterbuch / Vorbereitet von V. Baronas, V. Galinis. V., 1967, Bd. 1.
RLKŽ2 – Russisch-litauisches Wörterbuch / Zusammengestellt von Ch. Lemchenas. V., 1982, Bd. 1.
Snt – „Santara“ (R – Herbstnummer).
Sp – „Sport“.
STŽ1 – Wörterbuch der Sportterminologie / Verantwortlicher Herausgeber V. Steponaitis. V., 1959.
STŽ2 – Wörterbuch der Sportterminologie / Bearbeitet von S. Stonkus. K., 1996.
ŠA – „Nord-Athen“.
Šm – „Familie“.
Šv – „Leuchtturm“.
T – „Wahrheit’.
T ir N – „Ja und nein“.
TMkt – „Sowjetischer Lehrer“.
VŠ – „16. Februar“.
Die Ziffern bezeichnen überall Jahre, Nummern (römische Ziffern – Bände) und Seiten.
31