Terminas prie termino. II
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ANMERKUNGEN, ERÖRTERUNGEN, VORSCHLÄGE,
KLEINIGKEITEN
WORT FÜR WORT. II
Koffer, Reisekoffer, Gepäckstück
Falls jemandem die Frage käme, warum in den Korrekturen von Jonas Jablonskis kein russisches čemodanas vorkommt, sollte man sich vergegenwärtigen, welche Sprachkontakte und Lehnwortströme es in Litauen und darüber hinaus vor mehr als einem Jahrhundert gab. Leider ist unsere Lexikografie hier eher dürftig. Im LKŽ II₁, 1947, ist čemodanas aus Suvalkija – Geistarai und Keturvalakiai – verzeichnet, čemadanas aus Panevėžys; LKŽ II₂, 1969 fügt nichts hinzu. Im ersten Ratgeberheft zur Lexik der litauischen Schriftsprache, im 1907 erschienenen Svetimų ir nesuprantamų žodžių žodynėlyje von Jurgis Šlapelis, wird als unverständlich lagaminas angeführt und … mit fremden, verständlichen Wörtern erklärt: valizas (poln.), čemodanas (russ.) SNŽŽ 1907. Man könnte annehmen, dass Jablonskis schon früher, im polnischsprachigen Marijampolė, das polnische waliza, walizka, walizeczka gelernt haben musste, zumal dieses Wort französischen Ursprungs (valise < ital. valigia) damals auch im Russischen geläufig war, das Jablonskis am Gymnasium lernte. In der 1897 gedruckten Erzählung Keidošių Onutė von Vincas Pietaris wird valiza verwendet, V. Piet RR 1973 175, 177 (4x), 178 (3x). In der Autobiografie von Jonas Basanavičius, Mano gyvenimo kronika ir nervų ligos istorija. 1851–1922 m. apie, heißt es über 1906: Spalių 26 d. teko man pakelti sunkią valizą – tuojau pasirodė tachycardia <…> J. Basan MGK 1997 188. Valyza ist bei Antanas Lelis (Lalys) in LeLieŽ 1919 belegt. Noch 1923 schrieb Maironis in der Satire Kai kam: O sturbėlės, niekšai, bastūnų gauja! / Diplomotų valizų vežikai! Mair R I 1987 169) – hier bedeutet valiza nicht 1. „Reisekoffer“, sondern 2. „ein auf bestimmte Weise versiegelter, zollamtlich unantastbarer Koffer eines diplomatischen Kuriers“ TŽŽ 1936. TŽŽ 1936 führt auch lagaminas an – „verschließbares Reisekästchen zum Verstauen von Gegenständen“; und čemodanas (tatar.) – „kleines Kästchen aus Leder oder Stoff, Reisekoffer“; eine Normierung gibt es hier also kaum, obwohl čemodanas als gekennzeichnetes Fremdwort mit tot. (d. h. tatarisch) versehen ist. Die Normierung begann allerdings schon früher: čemodanas (russ. čemodan) – lagaminas; valizka (poln. walizka) – lagaminas KL 1933. Offenbar bereitete den Normierern danach čemodanas mehr Sorgen: „Wodurch kann man čemodaną ersetzen? – Dieses Slawische lässt sich am besten durch unser eigenes lagaminu ersetzen. Dieses Wort ist im žemaitischen Dialekt weit verbreitet und bezeichnet nicht nur Reisegepäck,
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deutsch Reisegepäck, russ. tiuk, sondern auch einen Koffer“ P. S. – GK 1936 7 113. KP 1939, von L. Dambrauskas zusammengestellt und von A. Šalys und P. Skardžius redigiert, korrigiert beide Formen: valizka (poln.) – lagaminas; čemodanas (russ. čemodan) – lagaminas. Diese Normierungsergebnisse blieben im LKRŽ 1948 erhalten – čemodano fehlt dort, obwohl es neben lagamino auch valiza. Valiza gibt es auch im DŽ 1954 – 1. „versiegelter Postsack eines diplomatischen Kuriers, der nicht geöffnet werden darf“; aber was ist dann 2. „Koffer, čemodanas“? Lagaminas wird im DŽ 1954 zunächst als gemeinsprachliches Wort aufgeführt, ist aber anscheinend ohne čemodano nicht verständlich – 1. „Reisekiste zum Verstauen von Gegenständen; čemodanas“; lagamino wird auch mit einer weiteren Bedeutung aufgeführt – mit der Kennzeichnung šnek. (tatsächlich gleichbedeutend mit tarm.) – „allerlei Umzugsgut (Kleider, Lumpen, Gegenstände); ein Bündel solcher Sachen“: Išvažiuavo su savo lagaminu. Visą lagaminą į vieną vežimą sukrovė. O čemodanas hat im DŽ 1954 keinerlei normierende Einschränkungen (weder „siehe“ noch „nicht zu gebrauchen“) – „Kiste mit Griff, die man auf Reisen zum Tragen von Gegenständen benutzt; lagaminas“.
Mehr brauchte es nicht – wenn nichts normiert wird, fällt es uns leichter, wir müssen uns nicht anstrengen! Verhängnisvoll erging es dem Dichter (Litauisten!) Justinas Marcinkevičius: 1956 lasen zahlreiche Studierende mit Vergnügen sein Gedicht Dvidešimtas pavasaris: Pas bendrabučio duris / Čemodanas ir Kairys. / Oi, kiek daug tų čemodanų: / 33. Ypač smagios esti dienos, / Kai pažįstamas bent vienas / Grįžta po kelių dienų / Su sunkiu čemodanu 128. Es waren Jahre der Ausrichtung – ideologisch, kulturell und sprachlich – nach Osten; so reimten sich auch die Orientalismen: karavanas (anstelle des aus dem lebendigen Sprachgebrauch verdrängten vilkstinės, das Jablonskis in der Gemeinsprache eingeführt hatte!) und čemodanas (< russ. чемодан, 18. Jh.; < türk. < pers. jamādān): Nulingուoja karavanas. / Prieky eina čemodanas Just. Marc DP.PKJ 1976 129. Allgemein waren es Jahre der Verurteilung des Purismus – der als „bürgerlich“ bezeichnet wurde! –, und nicht nur der Dozent R. Mironas verurteilte ihn, sondern auch Antanas Venclova, korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften der LSSR. So gibt es in diesem Gedicht nicht nur čemodanas, sondern auch pikliuotos bandelės 8, pikliuoti miltai 129, kerzavi batai 64, baliai 46, neprosytos kelnės 76… Und auch in der Übersetzung des berühmten Gedichts von Aleksandr Tvardovsky verwendet Vacys Reimeris čemodaną: Skaitytojau, tu pats ne kartą / Patikrinai kelią mane, / Suradęs mano posmams kertę / Daug mačiusiam čemodane A. Tvard TT 1963 173. Im Archiv von Bernardas Brazdžionis fand man hingegen: Žemiška žmogaus kelionė – / Išvykimai, sugrįžimai, / Pilnos rankos lagaminų, / Nuotykių pilni vežimai…Le ir M 2004 5 8.
Im Weiteren besserten sich die Verhältnisse jedoch, zumindest hinsichtlich der Normierung. DŽ 1972 Koffer siehe Reisegepäck, DŽ 1993 Koffer u. a. = Reisegepäck, und Reisekoffer 2. Bedeutung „Reisegepäck“, KPP 1976 und 1985 Koffer Nebenbedeutung – Reisegepäck, RLKŽ IV 1985 Koffer – 1. Reisegepäck, Reisekoffer (2. umg. Nebenbedeutung: (Artillerie-) Geschoss), Kofferstimmung
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– scherzhaft. vorreisefieber. In die Liste der Großen Sprachfehler ist čemodanas noch nicht aufgenommen.
Den Angaben des LKŽ VII 1966 zufolge wird lagaminas bei den Žemaiten am häufigsten in einer etwas anderen Bedeutung gebraucht – 2. sing. „alle Kleider, Wäsche, Habseligkeiten (gewöhnlich irgendwo verstaut)“: In dieser Truhe all ihr lagaminas (das Zusammengelegte) (Wörterbuch von A. Juška), d. h. nicht die Truhe, sondern deren Inhalt. Es wäre nicht verwunderlich, wenn gerade für die Žemaiten lagaminas in der Bedeutung „Truhe“ etwas ungewöhnlich wäre, obwohl diese Bedeutung bei den Žemaiten mancherorts bekannt ist: Groß ist sein lagamins, und gut ist in ihm gar nichts Šilalė. In dieser Bedeutung ist lagaminas im LKŽ VII 1966 auch aus dem Oberlitauischen belegt, allerdings nur aus Daugailiai.
Etymologisch betrachtet müsste die ursprüngliche Bedeutung von lagaminas gerade „Truhe“ sein – es wird (E. Fraenkel 1955–1965) mit litauisch pal‘gti „hinlegen, ablegen“ in Verbindung gebracht: Da wird ein Ochse gebraten, auf ein weißes Tischchen gelegt und ein messerstieliges Messer hineingesteckt A. Juška, Svotbinė rėda, 1880, S. 18 – LKŽ VII 1966, altbulgarisch ležati „liegen“ und ložiti „legen, hinlegen“ (entsprechen russisch лежать, ложить), deutsch liegen „liegen“, legen „legen“, sich legen „sich hinlegen“, lateinisch lectus „Bett; Lagerstatt; Liegestätte“, griechisch lektron „Lager“.
Zu beachten ist, dass es ein entlehntes Homonym gibt, 2xlagaminas (lit. legumina; von lat. legumen „Hülsenfrucht, Hülsenfruchtpflanze“) „Speise (Dessert)“: Für Hochzeiten macht man so einen lagaminas aus naliesninkai (d. h. Pfannkuchen): einmal fügt man Beeren hinzu, ein anderes Mal Äpfel und bestreut sie mit Zucker und bestreicht sie mit Ei, damit sie zusammenkleben; in einer Schüssel (d. h. einem Gefäß) schichtet man sie übereinander – so bereitet man einen lagaminas zu. Schmackhaft ist dieser lagamins Šakyna (LKŽ VII 1966).
Das uns interessierende litauische lagaminas, das der Standardsprache bereits 1907 (von J. Šlapelis) empfohlen wurde, braucht bis heute die Unterstützung seiner Sprecher. Zwar ist jetzt die Zeit der Taschen und Rucksäcke, häufiger ist vielleicht nur lagaminėlis.
Datteln – essbare Finger
Sich die Zunge verschlucken, sich die Finger lecken – so sagt man, wenn etwas wirklich sehr lecker ist. Heutzutage gibt es auch allerlei essbare Fingerchen – vom Kalb und anderes. Das gab es auch früher schon – vielleicht sogar in Vergessenheit geraten, kürzlich wieder in Erinnerung gerufen: Rosinensorten. <...>. 4. Große, fleischige, längliche Rosinen (Länge bis zu 2,50 cm). Diese Rosinen sind sehr süß und aromatisch, enthalten jedoch 2–3 ziemlich große Kerne. Sie werden aus Trauben getrocknet, die vom Volk „Damenfinger“ genannt werden Sav mit TV 2004 29 14. Dieses Volk ist wahrscheinlich das russische (und städtische!), hat es sich aber wohl auch nicht selbst ausgedacht.
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Vielleicht noch erstaunlicher ist, dass auch Daktylen gegessen werden: Die Armenier bewirteten uns in Jerewan mit gutem armenischem Wein, ausgezeichneten Orangen aus Georgien und Daktylen aus der Türkei A. Žmuidz P ir G 1961 351. Vielleicht erinnert sich jemand aus der Metrik an Trochäus, Jambus, Daktylus, Amphibrachys, Anapäst, aber ganz sicher weiß nicht jeder, dass Daktylus – „ein dreisilbiger Versfuß, dessen erste Silbe betont oder lang ist“ – wörtlich (auf Griechisch) „Finger“ bedeutet (vgl. Daktyloskopie „Untersuchung der Handflächen- und Fingerabdrücke“ DŽ 2000).
Diese Daktylen aus der Türkei sind Datteln. Es sind die nahrhaften, süßen Früchte der immergrünen Dattelpalme (Phoenix dactylifera), die in Nord- und Ostafrika sowie Südwestasien wächst und ihren Namen nach dem Land der Phönizier (lat. Phoenices) erhielt; für die Araber sind sie so wichtig wie Brot. Der Name für die Früchte – einsamige Beeren – verdankt sich dem erlesenen Geschmack der Römer. Übrigens bezeichnete Plinius der Ältere mit dem griechischen Namen (dáktylos) daktylus nicht nur eine Pflanze, sondern – stets wegen derselben Ähnlichkeit mit einem Finger – die Dattelpalme, eine Hirseart (Panicum) (P. dactylon) sowie dactylis, -idis – den sogenannten Daktyliden –, Trauben mit fingerähnlichen Beeren. Carl von Linnaeus nannte mit dem Namen Dactylis das Hundsgras (in Mundarten auch „Unkraut“ schlechthin), und J. (A.) Pabrėža bezeichnete Digitaria (: lat. digitus – „Finger“) mit der Neubildung pirštuotė.
Von den Römern gelangte das Wort zunächst in die romanischen Sprachen – ital. dattero, frz. dattier, die Frucht – datte. In dem von Chrétien de Troyes (12. Jh.) geschilderten Festmahl auf der Burg des Königs Nußknacker, wo die Prozession des Heiligen Grals stattfindet, werden unter zahlreichen Köstlichkeiten auch Datteln erwähnt. Zum Abendessen servierte man ihnen noch Früchte. Und was es dort nicht alles gab! Datteln, Feigen und Muskat, Nüsse, Granatäpfel, Gewürznelken, Alexandrinischen Ingwer und viele andere Leckereien Troyes Pers 2003 59. Weiter dann engl. date, dt. Dattel (als Metrikbegriff Daktylus). Die Formen aller Sprachen haben sich verändert, die polnische lautet daktyl. Daher auch TŽŽ 1936 daktilis 2. „Frucht der Dattelpalme“. Noch zwei Jahrzehnte später verwendete A. Žmuidzinavičius den Ausdruck, obwohl bereits im LKRŽ 1948 und DŽ 1954 datulė stand (vielleicht nur in Fachgeschäften). Übrigens ist dies das zweite Mal, dass datulė ins Litauische gelangt – nachdem es 1620 im SD nicht dazu gekommen war (Dá ktylowe drzewo / palma und Dá ktylowy owoc / Dactylus – ohne litauische Entsprechungen), ist es bereits 1747 im deutsch-litauischen Lexikon des kleinlitauischen Lexikografen P. Ruigys als Datteln – Dattulė belegt (R 1747). Das -ulė anstelle von dt. -el gibt es also schon sehr lange. Die später mancherorts empfohlene deutsche Betonung dátulė gehört bereits der Vergangenheit an.
Obwohl TŽŽ 1936 unter daktilis die Bedeutung 2. „Dattel“ aufführt, findet sich dort auch finikas – „Frucht der Dattelpalme“. Phoenix – феникс, финик, пальма финиковая, P. dactylifera – финик финиконосный BVŽ 1998. In den Übersetzungswörterbüchern (aus dem Russischen) TŽŽ 1951 und 1969 wird datulė natürlich nicht aufgeführt, obwohl sie in der Erklärung zu finikas enthalten ist – „Dattel, Frucht der Dattelpalme“ (TŽŽ 1951), „essbare Frucht des Dattelbaums (der Dattelpalme)“.
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TŽŽ 1936 enthält keine Normierung, sondern lediglich Erläuterungen; TŽŽ 1951 und 1969 normiert nach dem Russischen. Auch in den späteren TŽŽ wurde keine Ordnung geschaffen – 1985 ist die Frucht nicht nur finikas, sondern auch datulė (terminologisch ein Synonymiefehler), 2001 hingegen sowohl finikas als auch datulė – sowohl der Baum als auch die Frucht.
Auch in den normativen Wörterbüchern der Gemeinsprache ist hier eine Bereinigung nötig. Im DŽ 1954 fehlt finiko, während datulė als botanisch „Palme mit essbaren Früchten; die Frucht dieses Baumes“ definiert ist. So ist es auch in den späteren Ausgaben. Tatsächlich unterscheiden sich die Bezeichnungen für Pflanze und Frucht: Die Pflanze heißt datulinis finikas, die Frucht datulė.
Übrigens gibt es datulė auch in der Zoologie: Die Muschel Lithophaga lithophaga – jūrinė datulė (russ. морской фундук).
Puder und Puderzucker
Schon im Wörterbuch von P. Ruigys (1747) findet sich der Germanismus pūderis. Aus dem Anfang von K. Donelaitis’ Metų pačios Žiemos rūpesčių erinnern wir uns: barzdoti pušynai / Su savo kuodais garbanuotais visur pasirodo / Ir nei pūderuoti ponaičiai stov iširėmę. Mit dem Wörterbuch von F. Kurschat klingt dieser Germanismus fast aus; im Wörterbuch von A. Juška zeigen sich neben dieser Bedeutung bereits freie Weiterbildungen – pūderėtis „sich schmücken, sich herausputzen“ und „sich einpudern“, in Jurbarkas pūderis – „jemand mit aufgebauschtem Haar“, LKŽ X 1976. Die Letten haben den Germanismus pūderis weiterhin.
Die Litauer änderten sowohl die Entlehnungsquelle als auch die Form des entlehnten Wortes. Fast vor 100 Jahren, 1907, findet sich bereits in J. Šlapelis’ Svetimų ir nesuprantamų žodžių žodynėlyje ein international verwendetes Wort französischer Herkunft, das über das Russische entlehnt wurde: pudra, „feine Stärkepulver, die auf die Haut gestäubt werden, damit sie weicher wird“.
Ein Wort aus einer anderen Sprache (auch ein internationales Wort) wird meist nicht mit all seinen Bedeutungen entlehnt, sondern nur mit einer benötigten (oder mehreren benötigten) Bedeutung(en). Das französische poudre bezeichnet ganz allgemein verschiedene Pulver: für die Zähne und zum Waschen (sogar Staub – vgl. litauisch dulkės 1. „lockerer Mineraldünger, Superphosphat“, Tauragnai, 2. „Waschpulver“, Suginciai – LKŽ II₂ 1969; ebenso Sprengpulver, d. h. Schießpulver (russ. порох bedeutet ebenfalls „Pulver“, vgl. порошок – Pulver). Ähnlich bedeutet englisch powder – Pulver, Staub (auch dust), Schießpulver und Puder. Man kann hinzufügen, dass der internationale Charakter von Puder zwar tatsächlich besteht, aber nicht universell ist: Auf Italienisch heißt es beispielsweise cipria (lot. Cypria – Kiprietė, t. y. Venera Kipridė).
Das mit nur dieser einen Bedeutung entlehnte internationale Wort pudra hat eine ganze Wortfamilie: pudruoti, pudravimas, pudrinti, pudrinė, pudrinukas (mundartlich pudrininkė „eine Frau, die sich gern pudert“, Grūžiai).
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Es gibt auch Randfälle und Unklarheiten. Im DŽ 1972 erschien auch Zuckerpuder „sehr feiner Zucker“ – aufgeführt als … Phraseologismus. Die Darstellungsweise wäre sinnvoll, denn Zucker-puder wird nicht gepudert; die Normierung selbst ist jedoch unvernünftig, denn womit nicht gepudert wird, das ist auch kein Puder. Im LKŽ X 1976 ebenso; dort finden sich außerdem Puderzucker, Pudersschnee, Puderfedern. Aluminium-Puder drang nicht sofort in die Terminologie ein: PolŽ 1984 nydpa met. – Pulver: Aluminiumpulver, Perlitpulver; StatŽ 2002 führt ebenfalls Aluminiumpulver auf (ebenso Dolomit-, Kalk-, Kieselgur-, Mineral-, Kunststoff- und Schleifpulver) sowie Aluminium-Puder (ebenso Zementpuder).
Ich habe begründet, dass es bei der terminologischen Bereinigung die linguistisch vernünftige Lösung ist, auf eine solche unsystematische Bedeutung des Internationalismus Puder zu verzichten: Wenn nicht gepudert wird, dann ist es kein Puder, sondern Pulver. Also: Puderzucker, Aluminiumpulver, Zementpulver. MeteorŽ 1975 снежная пудра – снегдулькес, pudriger Schnee.
Feinbearbeitung von Details?
DŽ 1954 verzeichnet nur die Suppe aufessen. DŽ 1972, wo Verben mit Präfix separat aufgeführt werden, ist umfassender und genauer: auch er war mit dem Fällen des Waldes fertig, das Mehl ging zur Neige; erklärt wird es mit „etwas ganz zu Ende tun (von innen heraus)“. Doch der Bedeutungsbestandteil „von innen heraus“ scheint nicht notwendig und ist im Fall von mit dem Fällen fertig werden sogar unmöglich. Im DŽ 1993 fehlt das Beispiel er war mit dem Fällen des Waldes fertig – die Beispiele wurden der Erklärung besser angepasst, aber entsprechen sie dem Sprachgebrauch?
LKŽ1 1941 abschließen wird nicht nur durch „innere“ Beispiele veranschaulicht: Abgeschlossene Arbeit Wörterbuch von A. Juška. Damals hörte der Vogel auf, sie ans Ufer zu tragen, und ließ sie unversehrt frei Märchen von J. Murka. Jetzt kommen jene Bräuche bereits aus der Mode Grūžiai. Ich bin mit dem Weben des Leinens fertig geworden J. Šlapelis; Abschluss: Das Gesicht wäre schön, nur der Abschluss ist nicht besonders Geistarai. Die Zuweisung einer „inneren“ Bedeutung an das Verb abschließen ist übertrieben – das Verb įbaigti hat überhaupt keine „innere“ Bedeutung: Wir sind noch nicht fertig mit dem Säen des Roggens Dusetos (LKŽ1, 1941). Die Kartoffeln sind noch nicht fertig gehäufelt Kupiškis (LKŽ2, 1968). Im Allgemeinen bedeutet baigti mit fast allen Präfixen lediglich den gewöhnlichen Abschluss eines Vorgangs: Ich habe das Feld fertig geeggt, jetzt gehe ich frühstücken č riškiai. Auch sie haben inzwischen mit dem Säen aufgehört Skirsnemunė. Ich bin fertig mit dem Flachsausreißen Panevėžys. Gestern habe ich die letzten Roggengarben fertig eingefahren Panevėžys. Schieb die Glutreste zurecht, damit sie weiterbrennen, bis sie ganz aus sind Surviliškis. Wenn du schon so weit gebohrt hast, dann bohr ganz durch Kupiškis. Er hat sein Geld (Vermögen) aufgebraucht Wörterbuch von F. Kuršaitis. Es begann bereits zu dämmern Krinčinas. Schreib einen Brief, wie deine Angelegenheiten ausgegangen sind Keturvalakiai.
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Ved inys išbaiga – „išbaigimas, galas“ DŽ 1954, „pabaiga, galas“ DŽ 1972 ir 1993 yra labai retas, LKŽ IV 1957 paliudytas tik iš A. Baranausko Biblijos vertimo: Sergėjimas gi zokonų yra išbaiga nesugedimo Išm 6, 19 (1998 ŠR Išm 6, 18 – laikymasis įstatų – nemarumo pagrindas). DŽ išbaigos „liekanos“ yra iš RLŽ 1932 (docmalb – liekanos, išbaigos).
Zur Zeit der Zweisprachigkeit nannte man den Endbearbeiter in der Teilefertigung schlicht auf Russisch dovočikas (russ. доводчик). Wissenschaftlich heißt доводка laut PolŽ 1984 Endbearbeitung. Dieser zweigliedrige Terminus findet sich auch in TechEnc I 2000. In der Umgangssprache ist jedoch Endfertigstellung verbreitet. Weder in KPP 1976 und 1985 noch in TT 1992 wird Endfertigstellung irgendwie beanstandet. Natürlich bedeutet fertigstellen in den Dialekten einfach „beenden“, hier aber „endgültig fertigstellen“. Der einwortige Terminus Endfertigstellung ist gewiss praktischer und systematischer – dazu gibt es auch den Endbearbeiter, während aus Endbearbeitung wohl kaum ein passender Endbearbeiter gebildet werden könnte.
In KPP 1985 findet sich nur fertig – mancherorts besser abgeschlossen, vollkommen, endgültig: Im Portfolio des Filmstudios gibt es noch wenige fertige (– abgeschlossene, endgültig geschriebene, vorbereitete) Drehbücher. Ein solcher Gebrauch war tatsächlich lästig und schablonenhaft – man musste ihn eindämmen. Doch fertig, Vollendung (im LKŽ IV 1957 bereits aus der Vorkriegszeit belegt) sind litauisch, und auch das Wort „vollkommen“ lässt sich abnutzen (vollkommener Urlaub und Ähnliches).
Maßstab, Kartenmaßstab, Maštabas
Das deutsche Maßstab (wörtlich etwa „Größenanzeige“) und das davon abgeleitete russische масштаб bezeichnen sowohl das „Verhältnis der Länge einer Karten- oder Zeichnungslinie zur tatsächlichen Länge des Ortes oder des abgebildeten Gegenstands“ (Kartenmaßstab, DŽ 1954) als auch das „relative Maß einer beliebigen Größe“, „Umfang, Ausmaß“ (Maßstab, Bedeutungen 2 und 3, DŽ 1954). Auch der Sprachwissenschaftler Jonas Jablonskis und der Mathematiker Zigmas Žemaitis verfuhren so – sie bezeichneten den „Kartenmaßstab“ mit dem Wort Maß: Er fertigt eine Karte maßstäblich an J. Jablonskis (LKŽ VII 1966); Maßstab – масштаб und масштаб – Maß G und TTR 1920.
Doch DŽ 1954 verweist bei Maß, Bedeutung 1, auf Kartenmaßstab (ebenso DŽ 1972), obwohl Kartenmaßstab bereits im LKRŽ 1948 und noch früher vorkam (wie wir gleich sehen werden). Die Begründung für die Änderung ist mehr als fragwürdig: Kartenmaßstab ist eben nur ein kleiner Maßstab … Und in keiner anderen Sprache gibt es einen solchen ausgeklügelten „Kartenmaßstab“.
Damit nicht genug: 1936 erscheint im TŽŽ auch das Lehnwort Maštabas (deutsch) – 1. „Kartenmaßstab, kleines Maß, das vereinbarungsgemäß anstelle eines anderen, größeren Maßes angenommen wird, <…>“, 2. „relatives Maß einer beliebigen Größe“. Dabei war noch kurz zuvor – in KL 1933 – korrigiert worden: Maštabas (russ. масштаб < deutsch Maßstab) – Maß: im großen Maßstab – im großen
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Maßstab. KP korrigiert 1939: maßstab (...) – Maßstab: <...>; (Karten-)Maßstab. Mȧstabas steht auch in zwei späteren Übersetzungswörterbüchern, TŽŽ 1951 und 1969, und... DŽ 1954 – 1. „Maßstab“, 2. „relative Größe von etwas, Ausmaß“ (auch DŽ 1972). Vielleicht versuchte man deshalb nur zaghaft, KPP 1976 und 1985 zu stützen: mȧstab as fremdsprachlich – besser: Ausmaß, Vorhaben, Größe: Umfang der Tätigkeit (– Ausmaß, Vorhaben). Kompositionen von großem mȧstab as (– großen Maßstabs, großer).
RLKŽ II 1983 масштаб – nur 1. Maßstab, 2. übertragen Ausmaß, aber масштабный – zwar 1. maßstäblich, aber 2. übertragen weitreichend [groß angelegt], масштабно – in großem Umfang [mit großem Vorhaben], масштабно, масштабность – weitreichendes Ausmaß, (großes) Vorhaben, Maßstäblichkeit: das Ausmaß [die Maßstäblichkeit] der Pläne. Man kann ohne zu irren sagen, dass mastabiškas, mastabiškai, mastabiškumas damals einigen Literatur- und Kunstkritikern sowie ideologischen Mitarbeitern geradezu von den Lippen und aus den Federn tropfte; man muss jedoch hinzufügen: Obwohl dies ein jargonhafter Gebrauch war, scheute man sich, ihn stärker anzutasten. Davon ist heute keine Spur mehr übrig. DŽ 1993 mȧstab as nicht empfehlenswert = 1. Maßstab, 2. Ausmaß 1 (d. h. „Vorhaben, Umfang, Größe“).
Seit nunmehr zehn Jahren lese ich wieder und wieder, inzwischen schon zum zehnten Mal: Das Reich Gottes ist kein politischer Begriff; daher ist es auch kein politischer Maßstab, anhand dessen sich politische Praxis unmittelbar gestalten oder politische Gebilde kritisieren ließen J. Ratz Esch 1996 60. Die Zeit im Fegefeuer kann nach menschlichem Maßstab zweifellos eine lange Zeit sein J. Le Goff VV 2003 120. Man muss sich an jene Geschichte erinnern, um den wahren Preis der Staatlichkeit und Unabhängigkeit, ihren wirklichen Maßstab zu begreifen <...> MoksliL 2004 18 13. Die Ereignisse in Kiew unterscheiden sich von der litauischen singenden Revolution durch ihre Größenordnung, die geballte Energie und die allgegenwärtige Bedrohung Vd 2004 49 33. <...> – das ist eine fantastische Utopie mit Detektivelementen, und die Anforderungen an Originalität und Spannung, die an sie gestellt werden, sind anderer Größenordnung als jene, die für realistische Werke gelten Vd 2005 5 55. Es besteht kein Zweifel, dass das Jahr 2004, selbst wenn man es an einem großen, vielleicht sogar am größtmöglichen historischen Maßstab misst, in die Tabellen zur künftigen Synthese und Chronologie der Geschichte Litauens eingehen wird Vd 2005 10 4. <...> Auch am Maßstab der Geschichte gemessen, mangelte der Politik der sogenannten traditionellen Parteien an innerer historischer Erneuerung; ihr fehlte eine durchdachte nationale Strategie, die die Positionen des politischen Volkes als Ganzes zum Ausdruck gebracht hätte Vd 2005 25 62. Doch ihrer Auffassung nach ist der einzige Maßstab, an dem die Kirche zu messen sei, die Zweckmäßigkeit, <...> NŽA 2005 6 265. Das Leben hier verläuft gleichsam in einem anderen Maßstab Vd 2005 27 80. <...> Sie wenden auf die Sprache mit geschlossenen Augen nicht die Maßstäbe der Standardsprache an L ir M 2005 26 4. Derselbe Wohlfahrtsstaat, <...>, allerdings natürlich in ungleich bescheidenerem Maßstab Vd 2005 37 4. Bewertet man die Folgen dieser Handlung am Maßstab der klassischen politischen Theorie <...> Vd 2005 46 62. Die eigene
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Arbeit muss in einem breiteren Kontext bewertet und an den Maßstäben der Entwicklungen im Land, in Europa und vielleicht auch weltweit gemessen werden MokslL 2005 18 5. Dieses Lagerstättenfeld, dessen räumliche Ausdehnung mit den unerwarteten Ausmaßen von 75 X 45 km überrascht <...>, wird in drei Jahren in Betrieb genommen Vd 2005 51 23. Menschlicher Zeitmaßstab, Maßstab der Geschichte oder der Ereignisse, Maßstab der Anforderungen oder Zweckmäßigkeit, den Maßstab begreifen – hier ging es immer um das Ausmaß! Und warum nach einem Maßstab, sogar einem politischen, gestalten, Maße mit einem Maßstab messen, mit einem Maßstab (und nicht mit einem Maß?!) messen, bewerten und vergleichen, sogar in großem Maßstab, im Maßstab stattfinden – spürt man überhaupt nicht mehr, was man schreibt?
Schlussfolgerungen
1. Schon vor mehr als 100 Jahren war im Litauischen über das Polnische das internationale Wort französischen Ursprungs valiza in Gebrauch gekommen. Nicht viel später begann der tatarische Russismus čemodanas, es zu verdrängen. Doch zu jener Zeit (1907) wurde bereits auch das litauische Wort lagaminas. Valiza allmählich, aber ohne Schwierigkeiten, verdrängt; čemodanas erhielt in der Sowjetzeit durch die russische Zweisprachigkeit starken Rückhalt. Dennoch ist lagaminas⟧ bereits kodifiziert und gut etabliert (besonders lagaminėlis).
2. Bereits im alten Wörterbuch von K. Sirvydas (~ 1620) stand lat. Dactylus (Baum und Frucht), jedoch noch ohne litauisches Äquivalent. Im Wörterbuch von P. Ruigys (1747) findet sich die Form deutschen Ursprungs Dattulé, und 1936 im Wörterbuch der Internationalismen – daktilis, 2. „Frucht der Dattelpalme“ (d. h. „Dattel“) – mit derselben Herkunft wie der Versfuß Daktylus (gr. daktylos – „Finger“). Damenfinger werden manchmal bestimmte Traubensorten genannt.
3. Schon im Wörterbuch von P. Ruigys (1747) findet sich der Germanismus pūderis, und im Wörterbüchlein fremder und unverständlicher Wörter von J. Šlapelis (1907) – pudra. Frz. poudre bezeichnet allerlei Pulver (auch Waschpulver), sogar Staub (engl. powder – auch Schießpulver < russ. порох). Pudra hat eine ganze Wortfamilie – pudruoti, pudravimas, pudrinti, pudrinė, pudrinukas. Dazu passen weder Zucker- noch Aluminium- oder Zementpudra (damit pudert man nicht!), noch Puderzucker; daher werden hier Pulver, pulverförmig empfohlen.
4. Die Fertigbearbeitung von Bauteilen könnte auch anders bezeichnet werden – als Endbearbeitung, doch ein Endbearbeiter ist nicht möglich. Betrachtet man jedoch die Semantik des Verbs fertigstellen genauer, zeigt sich, dass es keinerlei Hindernisse für den Terminus Fertigstellung gibt, ebenso wenig für Fertigsteller. Auch die Kürze des Terminus ist wichtig.
5. Der Sprachwissenschaftler Jonas Jablonskis und der Mathematiker Zigmas Žemaitis bezeichneten den „Maßstab“ mit dem Wort mast as. Doch im Wörterbuch der Internationalismen von 1936 findet sich auch mašt abas (dt.) – 1. „Maßstab, <...>“, 2. „relatives Maß beliebiger Größe“. Mašt abas wurde bereits 1939 im Sprachratgeber korrigiert, fand sich aber noch 1954 und sogar 1972.
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Im Wörterbuch der heutigen litauischen Sprache, während der gesamten Sowjetzeit aber auch maštabiškas, maštabiškai, maštabiškumas (es war beängstigend, das stärker anzutasten, weil es von ideologischen Mitarbeitern häufig verwendet wurde). Heute ist vom maštabas keine Spur mehr übrig. Doch mastelis ist außer Rand und Band geraten – es wird sowohl anstelle von mastas als sogar auch anstelle von matas verwendet. Von allen Faktoren, die Sprachnormen bestimmen – System, Tradition, Zweisprachigkeit, Mode –, wirkten in diesen Fällen das System am schwächsten und Zweisprachigkeit sowie Mode am stärksten. Im letzten Fall (mastelis anstelle von mastas) wird die Tradition verletzt, doch die Grundlage dieser Abweichung ist wirklich eigenartig – es ist schwer, mastą und mastelį sinnvoll zu unterscheiden; nun ist es aber umgekehrt gekommen: mastelis (das eigentlich überhaupt nicht gebraucht werden sollte) anstelle von mastas. Würde es sich umgekehrt entwickeln – in beiden Fällen mast as –, wäre die Abschaffung des unsystematischen und unlogischen mastelio gerechtfertigt. Man müsste sich nur einigen.
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Jonas KLIMAVIČIUS
Institut für litauische Sprache
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