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Lietuvių kalba ir visuomenė: bendrasis ir terminologinis aspektai

Jonas Klimavičius

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Die litauische Sprache und die Gesellschaft: allgemeine und terminologische Aspekte JONAS KLIMAVIČIUS Lietuvių kalbos institutas Straipsnio tema skaičiusiam Simo Karaliūno monografiją Kalba ir visuomenė (1997) gal pasirodytų reikalaujanti tik paprastos dedukcijos. Tačiau literatūros šia tema nepaprastai gausu, daug naujos (apie globalizaciją iki 1997 m. Lietuvoje dar mažai rašyta). Straipsnio autorius taip pat nestokoja minčių, ką ir kaip l i e t u v i š k o j e šios temos problematikoje reikėtų aktualizuoti ir kokius konkrečios situacijos akcentus dėlioti. Vis dėlto beveik viskas straipsnyje, nors siekiama aktualumo, dėstoma daugiausia konceptualumo lygmeniu, be jokios gausios empir ikos ir konkretikos – tai irgi svarbu, reikšminga, tvarkytina, bet tai jau kito lygmens dalykas. Šiuo atžvilgiu straipsnis labai skiriasi ir nuo Ritos Miliūnaitės knygos Apie kalbą ir mus (2006), nors jos tema ir panaši: „Visuomenės gyvenimo pokyčiai, pirmiausia – išorinis ir vidinis laisvėjimas, atsivėrimas pasauliui, nepalieka nuošaly ir kalbos. Kad geriau suvoktume, kas darosi kalboje, kaip mes ją veikiame ir kaip ji veikia mus, atrodo pravartu žvilgterti, kaip sugyvenome su savo kalba pastaruosius penkiolika metų“ (Miliūnaitė 2006: 6). I 1. Globalizacijos pavoj aus ir mobilizacijos varpo aidai jau apie 20 metų skamba ir Lietuvoje. Kalbų vartojimo, kitimo, ateities ir net likimo įvairūs klausimai labai tiesmukai siejami su globalizacija, vis šmaukštint kitu padažnėjusiu (Arnoldo Toynbee’o) žodžiu i š š ū k i a i. Žinoma, galima ir reikia, šis tas išeina, nors a t s a k a i ne tokie skambūs, juoba gana nekonkretūs. Tas tiesmukumas toks, kad neretai net nesirūpinama suprasti, kas yra ta globalizacija. In der litauischen Sprachwissenschaft kommen die Echos der Globalisierung mit Verspätung und in Form fragmentarischer Bemerkungen an. Etwas ausführlicher, wenn auch recht knapp, aber durchaus präzise und klar, spricht Aldonas Pupkis darüber im Unterkapitel 6.1 „Internationaler Kontext des Funktionierens der litauischen Sprache“ des Abschnitts „Litauische Sprache in der modernen Gesellschaft“ in seinem Buch Kalbos kultūros studijos 6 Lietuvių kalba šiuolaikinėje visuomenėje, Unterabschnitt 6.1. International 56 Jonas Klimavičius | Lietuvių kalba ir visuomenė:… Kontext des Funktionierens der litauischen Sprache, Abschnitt 6.1.1 „Globalisierung“ (Pupkis 2005: 206–209). Zunächst wird angemerkt, dass es sich um ein „Phänomen der Weltwirtschaft“ handelt, das jedoch „die sozialen Beziehungen der Menschen grundlegend verändert“ (Pupkis 2005: 206, 207); anschließend kommt Pupkis auf die Sprache zu sprechen: „In der Konsumgesellschaft erhält die Sprache eine neue Funktion – die Konsumfunktion. Diese Funktion richtet den Sprachakt klar auf den Käufer aus – <...>. In bestimmten Fällen wird die Sprache einer Verpackung ähnlich – <...>. Die Konsumfunktion tritt in der Werbung deutlich hervor“ (Pupkis 2005: 207). „In der Konsumgesellschaft wird die Sprache selbst zur Ware, <...> (Pupkis 2005: 208). Die Annahme, dass „die Globalisierung eine lokale Gegenreaktion hervorruft und die lokale Identität stärkt“ (Pupkis 2005: 208), gehört lediglich zu den schwer zu verwirklichenden Möglichkeiten; im Grunde handelt es sich nur um eine Antiglobalisierungsbewegung. Nachdem Pupkis die Globalisierung als eine Seite des internationalen Kontexts des Funktionierens der litauischen Sprache (also nicht als unmittelbaren Faktor) bewertet hat, führt er im folgenden Abschnitt 6.1.2 „Litauische Sprache in der Europäischen Union“ aus: „Somit sind alle Ursachen für die Gefährdung der litauischen Sprache innerer Art; sie liegen in unseren eigenen Lebensbedingungen und Einstellungen. <...>. <...>. Die gesamte Politik der Institutionen der Europäischen Union ist der litauischen Sprache wohlgesinnt. Es gibt keinen einzigen Rechtsakt der Europäischen Union, der den Gebrauch der litauischen Sprache in Litauen auch nur geringfügig einschränkt. <....>. <...> Die (Amtssprachen) aller Länder wurden zu offiziellen Sprachen der Europäischen Union erklärt. Bei offiziellen Veranstaltungen der Europäischen Union wird Litauisch verwendet; Rechtsakte und andere Dokumente werden ins Litauische übersetzt. Dadurch wird das Ansehen unserer Sprache von außen gestärkt und ihre Entwicklung beschleunigt“ (Pupkis 2005: 210). In diesen Institutionen jedoch „wird inoffiziell meist Englisch gesprochen“, und „in vielen Wissenschaftsbereichen wird diese Sprache nicht nur privat, sondern auch offiziell verwendet“ (Pupkis 2005: 211). In Litauen selbst „wurde englischsprachige wissenschaftliche Produktion finanziell gefördert, litauische wissenschaftliche Texte hingegen nicht“ (Pupkis 2005: 211). Deshalb „muss man aktiv zu internationalen Initiativen beitragen, die Gleichberechtigung der Sprachen zu verankern“ (Pupkis 2005: 211). Die Echos der Globalisierung erreichten die litauische Terminologie durch Vorträge ausländischer Terminologen auf den von uns veranstalteten Konferenzen sowie durch ihre Artikel in der Zeitschrift Terminologija. Es wird behauptet, dass sich neben der globalistischen und der antiglobalistischen inzwischen auch eine dritte Sichtweise herausgebildet habe: „Eine natürliche Entwicklung der Globalisierung und einer gemeinsamen internationalen materiellen und geistigen Kultur lässt sich erreichen, indem man die Kultur auf nationaler oder zumindest regionaler Ebene pflegt: <...>“ (Leitchik 2006: 34), wobei auch die globalen Dimensionen nicht außer Acht gelassen werden – „die Schaffung einer gemeinsamen Weltsprache“ und „einer internationalen wissenschaftlichen, technischen und wirtschaftlichen Terminologie“ (Leitchik 2006: 34, 34–35). Das sind sehr abstrakte Einschätzungen. Wesentlich konkreter sind die sprachpolitischen Aussagen – „die Schaffung einer optimalen künstlichen internationalen Sprache“ Terminologija | 2008 | 15 5 7 „, maschinelle Übersetzung und die internationale Wahl einer der am häufigsten verwendeten Sprachen“, ebenso wie „Möglichkeiten einer Politik zur Koordinierung der konvergenten Entwicklung der Terminologie verwandter Sprachen“ (Griniewicz 2006: 16). Unklar ist, warum eine problematische maschinelle Übersetzung vorgeschlagen, die einfache Übersetzung hingegen vergessen wird, die der europäischen Kultur seit mehr als 2000 Jahren bekannt ist. Von einer direkten Auswirkung der sozialökonomischen Globalisierung auf die Terminologie zu sprechen (Fóris 2006: 21), ist recht direkt; dass die Sprachen kleiner Völker „nur einen Teil der weltweiten Terminologie verwenden können“ (Fóris 2007: 53), hängt kaum unmittelbar von der Globalisierung ab. Zutreffende Gedanken sind: „Nur Sprachen mit staatlichem Status können vielseitig verwendet werden“ und „Terminologie ist eine Garantie für das Überleben einer Sprache“; doch die Gefahren – „die Verstärkung der Globalisierung“ und „die praktische Verdrängung der Nationalsprachen“ (Пустай 2006: 41) – bleiben bedrohlich und beständig. Wenn man also über die Auswirkungen eines derart bedrohlichen planetarischen Phänomens auf die Sprache (und die Kultur im Allgemeinen) spricht, kann man sich nicht länger nur an Allgemeinplätzen orientieren – man muss es, seine Entstehung, Geschichte und Prognose eingehender kennenlernen. Betrachten wir zunächst die enzyklopädische Erklärung: Globalisierung – „die zunehmende Bewegung von Waren, Kapital, Menschen, Informationen und Technologien zwischen den Staaten der Welt, die verschiedene Lebensbereiche beeinflusst. – – – <...> aufgrund der unterschiedlichen Auswirkungen von Δ haben sich die Unterschiede in der wirtschaftlichen Entwicklung weltweit vergrößert. – – – – Kritiker von Δ zufolge wirken sich die zunehmenden Verbindungen zwischen den Ländern der Welt negativ auf die Kultur jedes einzelnen Landes aus und fördern das Verschwinden traditioneller Unterschiede, die Angleichung, Standardisierung oder die Vorherrschaft der Populärkultur des weltweit dominierenden Staates – der USA – in anderen Ländern. Anders als die Antiglobalisten behaupten, zeigt die EU – <...> am Beispiel, dass mit der Beseitigung von Hindernissen für den Verkehr von Waren, Dienstleistungen, Personen und Kapital die kulturellen Unterschiede zwischen den Mitgliedstaaten nicht nur nicht abgenommen haben, sondern sich auch Tendenzen einer erfolgreichen Entwicklung nationaler Kulturen herausgebildet haben (zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurde die Popularität der irischen Sprache deutlich, – – – die Rolle Schottlands in der EU-Politik) (VLE VI 2004, Ramūnas Vilpišauskas). Eine sehr wohlwollende und recht optimistische Definition, die jedoch auch Mängel aufweist. Erstens wird der Begriffsinhalt eher skizzenhaft dargestellt, während die Bewertung der Ursachen und Folgen des Phänomens teilweise durch Wunschdenken und angestrebte Leitlinien geprägt ist; Kritik wird ausschließlich den Antiglobalisten zugeschrieben. Zweitens weist die Entstehungsgeschichte des Phänomens Lücken auf, und eine Prognose fehlt praktisch ganz. Eine andere enzyklopädische Definition setzt deutlich andere Akzente: Globalisierung – „die Intensivierung und Ausweitung menschlicher und gesellschaftlicher Beziehungen, vor allem wirtschaftlicher Art, wodurch die gegenseitige Abhängigkeit rasch zunimmt, die Bedeutung der Staaten und ihrer Grenzen abnimmt und die Welt einheitlicher wird“ (PolEncŽ 2007). 58 Jonas Klimavičius | Lietuvių kalba ir visuomenė:... Globalisierung wird von internationalen Konzernen, dem Internet und Streitkräften vorangetrieben und weiterentwickelt, die „Feinde in Tausenden von Kilometern Entfernung aufspüren und vernichten“ können, sowie durch ein unbestimmtes „usw.“ (PolEncŽ 2007). Als positiver Aspekt der Globalisierung gilt: „Die ‚Verkleinerung‘ der Welt verstärkt die gegenseitige Abhängigkeit der Staaten und bildet eine neue Weltgemeinschaft mit zahlreichen gemeinsamen Interessen“, negativ ist jedoch, dass „durch die Vereinheitlichung der Welt Vielfalt und Lebendigkeit verloren gehen“ (PolEncŽ 2007). Mit Recht wird der Globalismus unterschieden – „eine Theorie der internationalen Politik, der zufolge die internationale Politik ein einheitlicher, auf dem gesamten Planeten ablaufender Prozess ist, in dem das vorherrschende globale Wirtschaftssystem – der Kapitalismus – die wichtigste und entscheidende Rolle spielt“ und in dem einige Staaten dominieren, während andere abhängig sind (PolEncŽ 2007). Zum Teil besteht bereits auch eine globale Steuerung – „ein System und ein fortlaufender Prozess zur Fassung und Umsetzung allgemeingültiger Beschlüsse“ – zur Lösung von Problemen in den Bereichen Krieg und Frieden, Umweltschutz, Verkehr und Ähnlichem auf der Ebene der Menschheit (PolEncŽ 2007). Globalisierung Bei der Entstehung des Konzepts muss ich an die Metapher globales Dorf (global village) denken, die der kanadische Soziologe, Literaturwissenschaftler und Philosoph Herbert Marshall McLuhan (1911–1980) bereits 1964 in die Welt setzte: „Unsere spezialisierte und fragmentierte Zivilisation mit ihrer Struktur aus Zentrum und Peripherie erlebt plötzlich, wie sich alle ihre mechanisierten Teile augenblicklich zu einem organischen Ganzen verbinden. Das ist die neue Welt des globalen Dorfes“ (McLuhan 2003: 103). „Das Radio <...> führt uns weiter rückwärts in Richtung Implosion oder Reintegration <...>. Die äußerste Form dieser Implosion oder Schrumpfung ist das Bild eines Kosmonauten, eingeschlossen in einem winzigen Raum, der ihn von allen Seiten umgibt. Er erweitert unsere Welt keineswegs, sondern verkündet, dass sie auf die Größe eines Dorfes geschrumpft ist“ (McLuhan 2003: 284). Dieses Bild entwickelte M. McLuhan 1968 in seinem Buch War and Peace in the Global Village (Krieg und Frieden im globalen Dorf) weiter: „Der Autor erkannte in einer Zeit, in der es noch weder eine massenhafte Computerisierung noch das Internet gab, dass die neuesten Kommunikationsmittel unser bisheriges Verständnis von Zeit und Raum verändern“ (Kopaliński 2001). Im litauischen Diskurs ist das globale Dorf ziemlich selten und irgendwie ungewohnt – es heißt mal so, mal mythisch, z. B.: Erwähnenswert ist noch ein weiteres Modell, <...>: Europa ist kein Staat, denn die staatlichen Institutionen verschwinden allmählich, die Ordnung des Systems funktioniert von selbst, und die wichtigsten Aufgaben des Alltags lösen die Menschen in ihren kleinen lokalen Gemeinschaften. Ein solches Europa kann entstehen, wenn sich die Welt tatsächlich in Richtung des sogenannten globalen Dorfes entwickelt, was durchaus wahrscheinlich ist NŽA 2008 6 286 (derselbe Übersetzer, E. Vareikis, der auch M. B. Stegers Buch Globalisierung übersetzt hat). <...> Die Welt wird in der Tat zunehmend dem mythischen globalen Dorf ähneln Terminologija | 2008 | 15 59 mit ihren eigenen lokalen Gemeinschaften NŽA 2008 3 139 (E. Vareikis). Der ursprüngliche Inhalt der Globalisierung war keineswegs rosig: „Diese Globalisierung verändert die Welt: Die Mafia gewinnt an Macht; der Drogenschmuggel breitet sich aus; durch die Modernisierung der Produktion gehen Arbeitsplätze verloren; die technische Revolution schadet der Demokratie, weil Millionen von Menschen sozial ausgegrenzt werden; die Menschen strömen aus dem Produktions- in den Dienstleistungssektor; die Gewerkschaften lösen sich auf; die Wirtschaft wird zunehmend privatisiert; die Ausgaben für Forschung und Entwicklung sowie für Informationstechnik steigen; die Haushalts-, Geld- und Finanzpolitik wird immer internationaler und globaler“ (Kopaliński 2001). Besonders stach damals ein Bereich hervor, der mit einem zwar ähnlichen, aber eigenständigen Begriff bezeichnet wurde: Globalismus – „die Phase des Kalten Krieges von 1958 bis 1990, in der die beiden Supermächte, die USA und die UdSSR, darum wetteiferten, zu den führenden Mächten der Weltpolitik zu werden <...>“ (Kopaliński 2001). Ansonsten bedeutet Globalismus heute „Ideologie und Propaganda der Globalisierung“. Man kann sich noch an einen der ersten Begriffe dieses Bereichs erinnern – an N. Chruschtschows globale Bombe. Als Kurt Waldheim, der spätere Generalsekretär der UNO (1972–1981), 1971 sein Buch Der Österreichische Weg schrieb, erwähnte er den Begriff Globalisierung noch nicht; er sprach lediglich vom außerordentlich raschen Fortschritt von Wissenschaft und Technik und von der weltweiten Ausbreitung der industriellen Revolution (Вальдхайм 1976: 216) sowie von der Überwindung der Isolation: „Сегодня мир пронизывают потоки информации в виде образов, звуков, широких миграций товаров, людей, стилей, идей, изобретений и – в последнее время – общественного мнения“ (Вальдхайм 1976: 217). Zu Ehren Kurt Waldheims muss gesagt werden, dass er auch die andere Seite des Phänomens klar erkannte: „тенденция к большему единству на нашей планете сопровождается глубокой заинтересованностью в сохранении самобытности народов, культур и наций. <...>, другой чертой является стремление групп, культур, наций и языков противостоять нивелирующей тенденции, <...>. Таким образом, возникают очертания мира, в котором будет и больше единства, и больше разнообразия, больше внимания к будущему и к прошлому, больше богатства и больше забот о сохранении природы, культуры и искусств“ (Вальдхайм 1976: 220). „Мир, справедливость и прогресс на нашей планете не требуют единообразия и сокрушения ценностей, унаследованных от прошлого“ (Вальдхайм 1976: 221). Die Literatur zur Globalisierung ist gewaltig. Beginnen muss man mit dem 2003 verfassten Buch des Professors Manfred B. Steger von der University of Illinois in den USA – 60 Jonas Klimavičius | Lietuvių kalba ir visuomenė:... Globalization: A Very Short Introduction, Oxford University Press (Globalisierung. Eine sehr kurze Einführung, 2008, 208 S.). Eine sehr knappe Einführung lässt sich nur schwer noch weiter kürzen, doch bleibt keine andere Möglichkeit, als es zu versuchen. Der erste Schritt ist das grundlegende Begriffsinventar dieses Themas: g l o b a l: globaler Markt 61, 75, 84, 103 (und einen Markt integrieren 89), globale Märkte 102 (und internationale Märkte 102), globale Finanzmärkte 9, globale Devisenmärkte 80, globale Kapitalmärkte 102; globaler Austausch 144, globaler Finanzaustausch 80; globale Investoren 172; globale Wirtschaft 89, 102, globale Wirtschaftsordnung 69, globale Wirtschaftsentwicklung 102, globale Ordnung 149; globale Warenströme 66, globale Waren- und Ideenströme 12; riesige Unternehmen und ihre globalen Strategien 86; globale Beziehungen 43, globale gegenseitige Abhängigkeit 24, 67; Abhängigkeit zwischen dem Globalen und dem Lokalen 27; globale Netzwerke 40, 101, globales Netzwerk politischer wechselseitiger Abhängigkeiten 99; globale Infrastruktur 63, globales Internet 164; globale Medienakteure [Al Jazeera] 23; globaler Kapitalismus 85, 101, globaler Konsumkapitalismus 120; globale Expansion kommerzieller Produkte 58; globale soziale Strukturen 101, globale soziale Interaktionen 42, globale Zusammenarbeit 195, globale Kräfte 173, globale Probleme 113, globale Thesen 148, globale Phänomene 21; globale Prozesse 25, globaler wirtschaftlicher Prozess 184, globale Handlungen 36, globale Umwelt 12, 142, globale Ebene 85, globaler Maßstab 134, globale Arena 118; eine sich rasch g l o b a l i s i e r e n d e Welt 19, eine g l o b a l i s i e r t e W e l t 105; globale Welt 36, unsere gesamte globale Welt 36, der Globale Süden 27, der Globale Norden 40; globale Steuerung 106, globale Verwaltungseinheiten 105, globale Herrschaftsstrukturen 177 [Zu Beginn des 21. Jahrhunderts befand sich die Welt in einer Übergangsphase zwischen dem System moderner Nationalstaaten und postmodernen Formen globaler Steuerung 106]; Die Gestalt globaler Herrschaftsstrukturen wird auch von der „globalen Zivilgesellschaft“ geprägt 109; globale Städte 103 [„Globale Städte“ wie Tokio, London, Neu- Terminologija | 2008 | 15 61 New York und Singapur streben danach, stärker miteinander verbunden zu sein als mit den meisten Städten in ihren jeweiligen Ländern 107]; in der Perspektive – ein globales Parlament 111; ein integriertes globales Rechtssystem, das auf globaler Ebene funktionieren kann 111; die kulturelle Möglichkeit, eine globale Demokratie zu verwirklichen 111 und zahlreiche Pejorativa: eine globale Wirtschaftskrise 66, globale wirtschaftliche Instabilität 72, ein globaler wirtschaftlicher Abschwung 83; globale Spekulanten 80, ein globaler Rückgang des Arbeitsschutzes 76, ein Konflikt globalen Ausmaßes 195; globaler menschlicher Einfluss auf die Umwelt 136, globale Umweltdegradation 135 / globale Umweltdegradation 136 // globale Degradation der natürlichen Umwelt 175, Umweltzerstörung 136; globale Erwärmung 137, globale Klimaerwärmung 142, globaler Temperaturanstieg 138; ein globales Terroristennetzwerk 104–105 [die Kalaschnikow ist ihre Waffe der globalen Wahl 26]; Globalisierung, z. B.: die Globalisierung der weltweiten sozialen Beziehungen 34–35,... und die Globalisierung der organisierten Kriminalität 26,... Der Buchautor erklärt den Unterschied zwischen Globalisierung und Globalität folgendermaßen: „<...>, die unbeholfene Verknüpfung des Prozesses selbst mit den Bedingungen, unter denen er stattfindet, führt zu einer unlogischen Definition, die kaum etwas erklärt. Nehmen wir die weit verbreitete Auffassung, dass G l o b a l i s i e r u n g (P r o z e s s) die Voraussetzungen für noch mehr G l o b a – l i s i e r u n g (B e d i n g u n g e n) schafft und es unmöglich macht, Ursache und Wirkung (=Folge) voneinander zu unterscheiden. Daher schlage ich vor, den Begriff G l o b a l i t ä t zur Bezeichnung einer sozialen Situation zu verwenden, die durch Wechselwirkungen und Tendenzen in globaler Wirtschaft, Politik, Kultur und natürlicher Umwelt gekennzeichnet ist, <...>. Wir sollten also nicht behaupten, dass G l o b a l i t ä t einen Zustand bedeutet – einen Endpunkt, der weiterer Entwicklung den Weg versperrt“ (Steger 2008: 28–29). Globalisierung ist – wie andere verbale Substantive mit dem Suffix „-isierung“ (Steger 2008: 30) – eine Bezeichnung für einen Vorgang. Globalizacijos terminas pradėtas vartoti XX a. septintajame dešimtmetyje (Steger 2008: 28), nors globalizacijos istorija sparti globalių mainų plėtra šuoliu pradėjusi aštuntajame dešimtmetyje (Steger 2008: 44). Obwohl der Begriff Globalisierung der Gegenwart zugerechnet wird, nehmen die wechselseitigen Verbindungen in der Welt schon seit Langem zu, was die Anerkennung und Bestätigung eines gemeinsamen 62 Jonas Klimavičius | Lietuvių kalba ir visuomenė:... visiems žmogiškąją prigimtį“ (Steger 2008: 12), todėl „globalizacija yra tokia pat sena, kaip ir pati žmonijos istorija“ (Steger 2008: 45). Globalizacijos chronologija (Steger 2008: 46) pradedama, kai žmonės pasiekė kiekvieno žemyno įvairias vietas. Skiriami jos 4 periodai: priešistorinis (10 000 m. pr. Kr.–3500 m. pr. Kr.), priešmodernėjimo (3500 m. pr. Kr.–1500 m.), ankstyvasis modernėjimo (1500 m.–1750 m.), modernėjimo (1750–1970) ir dabartinis (nuo 1970); laikotarpį nuo 1960 m. kai kas apibūdina kaip „radikalios politikos taisyklių ir valdymo „deteritorializacijos“ (Steger 2008: 95) laiką. Ein Sprung in die Zukunft erlaubt die Erinnerung: „Globalisierung ist unumkehrbar“ (Bill Clinton) (Steger 2008: 152). Und man kann sagen: aber!.. Zunächst lassen sich 4 (3+1) Merkmale der Globalisierung nennen: 1) sie ist ein „vielgestaltiges Gebilde sozialer Prozesse“ (Steger 2008: 10), 2) sie „ist nicht einfach ein objektives Phänomen, sondern eine Vielzahl von Meinungen“ (Steger 2008: 10), und „die Konzeptualisierung der Globalisierung ist selbst ein kontinuierlicher Prozess und keine Statik“ (Steger 2008: 30), 3) sie ist ein „geografisch begrenzter und ungleichmäßiger Prozess“ (Steger 2008: 40), 4) außerdem zeichnet sich eine „Ideologie aus, die dem Globalisierungskonzept neoliberale Werte und Bedeutungen verleiht“ (Steger 2008: 145) – das ist Globalismus. Manfred B. Steger, nachdem er zunächst die „fundamentale Unbestimmbarkeit des Globalen“ hervorgehoben hat (Steger 2008: 29), schlägt folgende Definition vor: „Globalisierung ist eine multidimensionale Sammlung sozialer Prozesse, die soziale Interdependenz und sozialen Austausch hervorbringt, vervielfacht, differenziert und intensiviert und zugleich ein tieferes Verständnis der zunehmenden Verbindungen zwischen dem Lokalen und dem Entfernten ermöglicht“ (Steger 2008: 36). Roland Robertson, Professor für Soziologie an der University of Pittsburgh, beschreibt sie sehr knapp: „Globalisierung als Konzept geht aus der Verdichtung der Welt und dem zunehmenden Bewusstsein der Welt als Einheit hervor“ (Steger 2008: 33). Noch prägnanter wird dies in dem bekannten Ausspruch ausgedrückt: „Globalisierung komprimiert Raum und Zeit“ (Steger 2008: 35). Nun können wir uns bereits der detaillierteren (wenn auch denkbar knappsten) Struktur der Globalisierung zuwenden, in der wir auch die für uns wichtigste kulturelle und sprachliche Globalisierung finden: W i r t s c h a f t l i c h e (69) oder Ö k o n o m i e (74) Globalisierung wird häufig, insbesondere von Kritikern, als „Globalisierung der Konzerne“ oder „Globalisierung von oben“ (84) bezeichnet. Wenn wir die wirtschaftliche Globalisierung als Motor und die Technologien als Treibstoff bezeichnen würden, Terminologija | 2008 | 15 63 Finanzen – Sauerstoff, die Weltmärkte – Straßen: Dann wären die politischen Globalisierungen (94) die Antriebe – Räder oder Ketten. Hier gibt es nichts weiter zu verlieren; es lohnt sich jedoch, auf einen prägnanten Gedanken hinzuweisen: „<...>, Wilson legitimierte widerwillig radikale nationalistische Kräfte, die die Großmächte in einen weiteren Krieg globalen Ausmaßes trieben“ (Steger 2008: 99). Globalisierung wird als unumkehrbar verkündet, aber nicht ohne Kriege (wenn auch inzwischen nur noch lokale)?.. Kulturelle Globalisierung (112) bildet nach Ansicht einiger Kommentatoren „das Wesen der modernen Globalisierung“ (Steger 2008: 113); andere, die pessimistischen Hyperglobalisten, meinen: „Wir nähern uns keinem kulturellen Regenbogen, der die Unterschiede der Weltkulturen widerspiegelt. Wir beobachten (=Sehen⟧) vielmehr die Ausbreitung einer zunehmend homogenisierten Populärkultur, <...>“ (Steger 2008: 114). Schon Goethe prägte den Begriff Weltliteratur (Fridental is 1977: 651); er verbreitete sich und setzte sich durch, doch sein Kern – Originalität und Einzigartigkeit, nationale Eigenart und vor allem Universalität – findet sich in diesem Sinne bereits bei V. Bielinskis Ausdruck Weltpoet (Bielinskis 1948: 288–289). Daher wirkt der Begriff globale Kultur (113) wie ein schreckliches contradictio in adjecto. Obwohl für den Buchautor „die Ausbreitung der amerikanischen Populärkultur offenbar unaufhaltsam ist“ (Steger 2008: 115) und der neue Amerikaner „Francis Fukuyama die Ausbreitung angloamerikanischer Werte und Lebensweisen offen begrüßt und die Amerikanisierung der Welt mit der Ausbreitung von Demokratie und freiem Markt vergleicht“ (Steger 2008: 118), lassen die Bemühungen, sich dem „kulturellen Imperialismus“ (Steger 2008: 11) – dem Ansturm der amerikanischen Populärkultur – entgegenzustellen, nicht nach und sind teilweise erfolgreich; der alte Amerikaner Roland Robertson hingegen behauptet, dass „kulturelle Globalisierung immer in einem lokalen Kontext stattfindet“, dass „nicht von ‚Globalisierung‘, sondern von der ‚Interaktion globaler und lokaler Elemente‘ die Rede ist“ und dass „die These der kulturellen Homogenisierung zurückgewiesen wird“ (Steger 2008: 120). Eine andere Sache ist die kulturelle „Hybridisierung, die am deutlichsten in Mode, Musik, Tanz, Film, Esskultur und Sprache zu erkennen ist“ (Steger 2008: 120) [übrigens ist die Esskultur der Neulitauer sklavisch, affenhaft und schrecklich eklektisch...]. Globale Kulturströme (120, 122) sind unbestreitbar; ein globaler Kulturraum (122) ist schwer vorstellbar, und globale Kultur wäre kulturelle Verarmung (im besten der schlechten Fälle). Die Medien als kulturelles Phänomen sind, sofern sie kommerziell und somit nicht kulturell sind, nur dann globale Medien (122): „Die Entstehung eines globalen Marktes für kommerzielle Medien fördert ein globales Oligopol“ (Steger 2008: 123) – dann werden TV-Programme zu einem globalen ‚Geschwätzmarkt‘ (Steger 2008: 123); ihre „verbreiteten Werte sichern nicht nur die unangefochtene kulturelle Hegemonie der Populärkultur, sondern fördern auch die Entpolitisierung des sozialen Lebens, schwächen 64 Jonas Klimavičius | Lietuvių kalba ir visuomenė:... bendruomenės vidinius ryšius“ (Steger 2008: 129). Žurnalistikos doktrina – žinių ir verslo interesų atskyrimas – paminama ir pakasama. Die Globalisierung der Sprachen (129) besteht im Wesentlichen aus globalen Tendenzen des Sprachgebrauchs (129): Rückgang der Zahl der Sprachen in einzelnen Teilen der Welt, Migration von Sprachen (zusammen mit den Migranten), die Rolle des Tourismus und insbesondere des Internets bei der Verbreitung und Vorherrschaft mancher Sprachen, internationale wissenschaftliche Veröffentlichungen in den „Sprachen des globalen intellektuellen Diskurses“ (Steger 2008: 130). Die Bedeutung des Englischen, Chinesischen, Spanischen und Französischen nimmt zu; Englisch gilt als die lingua franca des 21. Jahrhunderts (132). Die ideologische Dimension der Globalisierung (143) ist der bereits erwähnte Globalismus (145). Die Werbung für die Globalisierung (145) stützt sich auf fünf Slogans: 1) Globalisierung bedeutet Liberalisierung der Märkte und globale Integration (Steger 2008: 148), 2) Globalisierung ist unvermeidlich und unumkehrbar (Steger 2008: 152) [„Es scheint, dass die Kräfte des Globalismus das Paradigma des 19. Jahrhunderts von der avantgardistischen Rolle der Angloamerikaner wiederbeleben“ (Steger 2008: 155)], 3) Niemand ist für die Globalisierung verantwortlich – sie wird von der „unsichtbaren Hand des Marktes“ bestimmt (Steger 2008: 155), 4) Globalisierung nützt allen (Steger 2008: 158), doch: „Selbst Daten der Weltbank zeigen, dass die Einkommensunterschiede zwischen einzelnen Völkern schneller wachsen als jemals zuvor“ (Steger 2008: 159), 5) Globalisierung fördert die Ausbreitung der Demokratie in der ganzen Welt (Steger 2008: 166), doch: „Je mehr Länder demokratisch werden, desto eher entscheidet sich die amerikanische Wirtschaft für diktatorisch regierte Länder“ (Steger 2008: 169). Die Schlussfolgerung ist also ungefähr das Gegenteil dieser Slogans: „Globalisierung besteht aus einer Vielzahl suggestiver Märchen, die neoliberale Ansichten propagieren, das kollektive Bewusstsein und eine populär verstandene Identität formen“ (Steger 2008: 170). Im Kapitel Herausforderungen des Globalismus (171–195) heißt es: „Der Globalismus – die vorherrschende Ideologie unserer Zeit – hat vielen Menschen auf der Welt eine neoliberale Auffassung der Globalisierung in den Kopf gesetzt, die ihrerseits von mächtigen politischen Institutionen und Wirtschaftskonzernen verstärkt und bestätigt wurde“ (Steger 2008: 171). Obwohl diese Sache als „Amerikanisierung der Globalisierung“ (173) oder als Amerikanisierung der Welt (173) verstanden wird, sieht man doch auch eine Gefahr für die traditionelle Ordnung Amerikas selbst: „In den letzten Jahren ist die Zahl nationalistischer Organisationen in Amerika stark gestiegen, <...>. <...>. Da sie den Globalismus als eine fremde Terminologija | 2008 | 15 6 5 und gottlose Ideologie betrachten, die ihr Land allmählich verschlingt, fürchten sie, dass transnationale Kräfte die „traditionelle amerikanische Lebensweise“ rücksichtslos zerstören (Steger 2008: 176). Und durchaus begründet wird die kritische Schlussfolgerung gezogen: „Die Unterschiede zwischen ideologischen Parolen und der tatsächlichen menschlichen Erfahrung können eine Krise des dominierenden Paradigmas auslösen“ (Steger 2008: 171). Hier wird der begriffliche Apparat der Globalisierung wesentlich erweitert: Globalisten 151–153, 155, 166, 174; Antiglobalisten 173, 175, 207, Allianz der Antiglobalisten 185, antiglobalistische Bewegungen 198, antiglobalistische Proteste 170, antiglobalistische Einstellungen 176, antiglobalistische Nichtregierungsorganisationen 175; Hyperglobalisten 101–103, 205, optimistische Hyperglobalisten 118, Lager der Hyperglobalisten 95, hyperglobalistische Prognose einer grenzenlosen Welt 104, Hyperglobalisierung 205, 206 (2x); globale Unterschiede bei Reichtum und Lebenswohlstand 171, globale Ungleichheit 174, 200, „Opfer der Globalisierung“ 179, korporative Globalisierung 180, globale Solidarität 173, „Globalisierung von unten“ 174. Dabei kommt noch hinzu, dass „selbst diejenigen, die sich der Modernisierung widersetzen, dem Globalisierungsprozess, den sie öffentlich verurteilen, nicht entkommen können. Um ihre Ansichten zu verbreiten und neue Anhänger zu gewinnen, müssen Antimodernisten die Instrumente (– Mittel) der Globalisierung nutzen“ (Steger 2008: 25). Kapitel 8 Prognosen zur Zukunft der Globalisierung (196–201) beginnt lehrreich mit einem Blick in die Vergangenheit: „Das ‚Goldene Zeitalter‘ der Globalisierung war die Zeit von 1860 bis 1914, <...>. <...>. <...>. Großbritannien – die größte Supermacht der Welt – verbreitete sein politisches System und seine kulturellen Werte weltweit. Doch alle gebündelten Bemühungen, einen vom Britischen Empire kontrollierten Markt zu schaffen, schlugen als brutaler Gegenschlag gegen die Globalisierung zurück und endeten im Ersten Weltkrieg“ (Steger 2008: 197). In seiner Studie The Great Transformation (1944) vertritt Karl Polanyi die Auffassung, dass der antiglobalistische „partikulare Protektionismus“ plötzlich in den extremsten Formen des italienischen Faschismus und des deutschen Nationalsozialismus zum Ausdruck kam“ (Steger 2008: 198)1. Im Hinblick auf die Möglichkeiten, die Globalisierung zu einer wirklich demokratischen und egalitären Weltordnung zu machen, wird neben anderen Maßnahmen der Plan für globale Entwicklung erwähnt (201). Das Buch des namhaften US-amerikanischen Politikwissenschaftlers Zbigniew Brzezinski Die Welt aus dem Gleichgewicht trägt den eindeutig kritisch ausgerichteten Untertitel Globale Turbulenzen am Vorabend des 21. Jahrhunderts (Vilnius, 1998, XVI+240 S.). Über die Globalisierung selbst heißt es darin 1 Diese schreckliche Vergangenheit mahnt dazu, eine solche Hoffnung auf eine bessere Zukunft mit Vorsicht zu betrachten: „Auf eine Welle der Globalisierung folgt gewöhnlich stets eine Welle des Nationalismus – das zeigt die europäische Geschichte“ (Vaišnienė 2004: 7 48). 66 Jonas Klimavičius | Lietuvių kalba ir visuomenė:... wird nicht aufgeführt (erwähnt wird lediglich die Globalisierung der politischen Moral 91), doch gibt es sehr viele und verschiedenartige globale Dinge: globale Politik XIV, 99, 221, globales politisches Erwachen XI, 53, 54, 75, 95, 154, globales Erwachen der Menschheit XIII, globale politische Gemeinschaft 51, globale politische Perspektive 55, globaler politischer Konsens 84, globale politische Macht 87, globaler Konsens 226, globaler politischer Prozess 91(2x), 92, 94, 99, 130, 147, 152, 153(2x), 223, 227, globaler Prozess 100, globaler politischer Prozess gegenseitiger Abhängigkeit 97, globale politische Miniatur 97, globales politisches Gewicht 134, globale politische Probleme 220, globale geopolitische Dynamik 200; globale Macht XIV, 48, 85 (Dritter Teil. Unübertroffene globale Macht 85–148), 87, 90, 97, 105, 117, 152, 164, 197, 207, 225, globale Macht Amerikas 100(2x), globale Machtstruktur 3, Verschiebungen der globalen Macht 154, globale Ohnmacht 97; globale Herrschaft (: globale Macht Amerikas bedeutet noch keine globale Herrschaft Amerikas) 100; globaler wirtschaftlicher Einfluss 87, globaler wirtschaftlicher Wohlstand 211, globaler wirtschaftlicher und finanzieller Vorteil 121, globale wirtschaftliche Führungsrolle 124, globale wirtschaftliche Zersplitterung 210; globale militärische Fähigkeit 87, globale kulturelle und ideologische Anziehungskraft 87, globale Anziehungskraft 115, globale Vorrangstellung 103, globale Autorität 102, 116, 127; globale Supermacht 97, 124, 125, Staat mit globaler Heilsmission 83–84, globale Konföderation 152, globale Hierarchie 37, 97, globale Anarchie 197, globale Unordnung (Vierter Teil. Probleme der globalen Unordnung 149–200), globale Katastrophe 185; globales System 198, globale Wirklichkeit 153, globaler Status quo 199, 206; globale Stabilität 133, globale Instabilität XIV, 167, globale Rolle 129(2x), globale Aufmerksamkeit 193, globale Wirkung 100, globaler Einfluss 206, globale Zusammenarbeit 100, 200, globaler Konsens 48, globale Angelegenheiten 206, globale Gespräche 94, 132; globales Denken 94, globales Bewusstsein XV, globale Ansichten 226; globale Armut XVI, globale Ungerechtigkeit 77, globale Ungleichheit 115, 154, 182, 183, globale Unterschiede 84, globaler Aufstand der Massen 198, globale Kohäsion 77, globale soziale Kohäsion 77, globale Kluft 211, 226; globale Veränderungen X, 89, 111, 151, 231, globale ideologische Herausforderung 155, globale soziale Probleme 81, globaler Bildungsaustausch 94; Terminologija | 2008 | 15 6 7 globales Fernsehen 49, globaler Umweltschutz 221; globale amerikanische Führung 101, globale amerikanische Überlegenheit 111, globale amerikanische Vorherrschaft 115, globale japanische Führungsrolle 125, globaler japanischer Status 129; global bedeutsames Wertesystem XIV, global destruktiv 151, global verantwortungsbewusster 224. Wie wir sehen, kommt Brzezinskis zielgerichtet und begründet kritische Haltung in negativen Vorstellungen zum Ausdruck – globale Unfähigkeit, globale Instabilität, globale Ungerechtigkeit, globale Ungleichheit, globale Armut, globale wirtschaftliche Spaltung, globales Chaos, globaler Aufstand der Massen. Gekrönt wird diese Kritik von einer globalen spirituellen Krise 230 (und einer allgemeinen spirituellen Krise 54). Die Richtung der Hoffnung weist ein moralisches Gebot: „<...> die Menschheit braucht, wenn sie ihr Schicksal selbst bestimmen will, einen moralischen Kompass und einen Sinn für Maß oder Ausgewogenheit“ (Brzezinski 1998: 228). Zum Abschluss dieses theoretischen und kritischen Überblicks über die Globalisierung lässt sich sagen, dass es globale Bestrebungen schon vor dem Aufkommen und der Durchsetzung der hier behandelten Phänomene gab. Zum Beispiel: <...> Für die Anstifter der Revolution ist das Durcheinander von Veränderungen und Umgestaltungen das einzige Element, in dem sie sich wohlfühlen; sie können ohne Brot auskommen, gib ihnen nur irgendeine globale, weltumspannende Idee (Pasternakas 1991: 315). Andererseits kann die Globalisierung durch die in Samuel P. Huntingtons (1927–2009) 1996 erschienenem Buch Der Kampf der Kulturen und die Neugestaltung der Weltordnung (The Clash of Civilizations and The Remaking of World Order) entwickelte „Konzeption“ neutralisiert oder sogar aufgehalten werden. Sie besagt, dass nach dem Ende des Kalten Krieges und der damals vorherrschenden ideologischen Gegenüberstellung von Liberalismus und Kommunismus internationale Konflikte hauptsächlich durch kulturelle und zivilisatorische Unterschiede zwischen dem westlichen und dem östlichen Christentum, dem Konfuzianismus, dem Islam, dem Hinduismus und anderen geprägt sein werden – „Staaten, die derselben Zivilisation angehören, werden sich zu regionalen Bündnissen zusammenschließen“ (PolEncŽ 2007). Das 1998 verfasste Buch Globalisierung: Die Folgen für den Menschen (2002; 2. Aufl. 2007, Vilnius, 208 S.) des Zygmunt Bauman (geb. 1925 in Polen), der von 1971 bis 1990 Professor an der Universität Leeds in Großbritannien und später Honorarprofessor war, fügt dem Begriffsbestand nicht allzu viel hinzu; insgesamt sind die Begriffe nicht sehr zahlreich: „globale Menschen“ 9, globale Eliten 11, globale Elite 84, globale Elite 152, globale Elite 189, „globalisierte“ Elite 154, die „Globalität“ der Elite 189, globalisierte Intellektuelle 9, globale Geschäftsleute, globale Kulturmanager und globale Wissenschaftler 136, globalisierte Spitze 10, Vorrang globaler Kräfte 187, globalisierte Welt 118, „globalisierte“ Welt 153, „globalisierende“ Welt 153; 68 Jonas Klimavičius | Lietuvių kalba ir visuomenė:… globalisierte Wirtschaft 11, die „Globalisierung“ aller Aspekte der Wirtschaft, globale Unternehmen 106, globale Finanzen 106, 181, globale Finanzmärkte 103, globales Kapital 106; Globalisierung der Märkte und Informationen 109, globales Informationsnetz 32; globale Gesetze 198, „globale Politik“ 97, „globale Ordnung“ 91, 98, globale Angelegenheiten 92, 93, globale Phänomene 156, globale Freiheiten 192, globale Bewegungsfreiheit 107, 183, globale Horizonte 98, globalisierende Tendenzen 105, „globalisierende“ Prozesse 109, globale Symbole 154, „globale Bühne“ 97, 99; globale Initiativen und Vorhaben 94, globale Folgen 94. Neu sind die Gegenüberstellungen: Globalität und Lokalität 183, globale und lokale Pole der Hierarchie 183; „lokalisierte“ globalisierte Welt 9; Binnenmarkt und globaler Markt 102; globale Ursachen lokaler Armut 115: G l o b a l i s i e r u n g zersetzt ebenso wie sie vereinigt; sie spaltet, indem sie vereint <...>. <...>, beginnt der Prozess der „L o k a l i s i e r u n g“, der den Raum definiert 8. <...> Immer rascher bricht die Kommunikation zwischen den zunehmend g l o b a l e r e n und extraterritorialeren Eliten und den immer stärker l o k a l i s i e r t e n anderen Menschen zusammen 10. <...> Das Bild einer „g l o b a l e n Ordnung“ ist verflogen und hat sich in die Summe der gemeinsamen Anzahl l o k a l e r Ordnungen verwandelt, <...> 98. Reichtum ist g l o b a l, Armut hingegen l o k a l, <...> 115. G l o b a l e Reisen finanzieller Ressourcen 116 und l o k a l e Spuren, die diese Reisen hinterlassen, <...> – die Zerstörung lokaler Ökonomien 116. G l o b a l e Gesetzgebung, l o k a l e Ordnungen (Kapitelüberschrift) 156. Die g l o b a l e Dimension der Investorenwahl im Vergleich zu den streng l o k a l e n Beschränkungen der Auswahl von „Arbeitskräften“ schafft jene Asymmetrie, die wiederum die Vorherrschaft der Ersteren begründet 159. Übrigens ist dieser Gegensatz zugleich auch eine Einheit – Glokalisierung: „Was für die einen freie Wahl ist, fällt den anderen als grausames Schicksal zu. Und da die Zahl dieser ‚anderen‘ unaufhörlich wächst und sie immer tiefer in die Verzweiflung einer hoffnungslosen Existenz versinken, kann man von ‚Glokalisierung‘ sprechen (ein treffender Begriff von Roland Robertson, der die unauflösliche Einheit der ‚globalisierenden‘ und ‚lokalisierenden‘ Entscheidung zum Ausdruck bringt, – <...>“ (Bauman 2007: 109). Dieser schmerzliche und ungerechte Gegensatz wird häufig auch anders ausgedrückt: „<...> Die technologische Aufhebung räumlicher und zeitlicher Distanzen homogenisiert die menschliche Existenz nicht, sondern polarisiert sie vielmehr. – – – Für die einen verheißt dies die Freiheit, S i n n e zu schaffen, während es die anderen zur S i n n l o s i g k e i t verdammt. Gegenwärtig können manche, wenn sie wollen, Terminologija | 2008 | 15 6 9 können fortziehen – ganz gleich, aus welcher Gegend, während andere hilflos zusehen, wie ihnen die einzige Gegend, in der sie leben, unter den Füßen entgleitet“ (Bauman 2007: 33). „<...> Globalisierung ist ein Paradoxon: Indem sie einer kleinen Gruppe sehr viel gibt, stößt sie zwei Drittel der Weltbevölkerung ab und marginalisiert sie“ (Bauman 2007: 111). „Die weithin bekannte und zunehmend beunruhigende Polarisierung <...> der Welt und ihrer Bewohner ist eine Folge derselben Globalisierung“ (Bauman 2007: 143). „Wenn ganzen Völkern ihre Ressourcen genommen werden, nennt man das ‚Förderung des freien Handels‘; wenn Familien und Gemeinschaften ihre Lebensgrundlagen genommen werden, nennt man das ‚Stellenabbau‘ oder einfach ‚Rationalisierung‘“ (Bauman 2007: 186). <...> Fragmentierung und Entfremdung „unten“ sowie Globalisierung „oben“ sind Zwillinge (Bauman 2007: 193). Bauman entwirft also eine recht überzeugende Plattform des Antiglobalismus. Wie Brzezinski spricht er von globalem Chaos: „Das Bild des globalen Chaos spiegelt wohl eine neue Einsicht wider (die durch das plötzliche Ende der Blockpolitik erleichtert, aber nicht unbedingt verursacht wurde), dass die Dinge, die zuvor fest unter Kontrolle schienen <...>, im Grunde ungestüm und zufällig sind“ (Bauman 2007: 91). „Globalisierung ist eine andere Bezeichnung für Kennth Jowitts ‚neues Weltchaos‘“ [so heißt das Buch dieses Autors] (Bauman 2007: 93). Bauman betrachtet Globalisierung nicht als Scheitern oder Verzerrung bei der Umsetzung einer guten Idee, sondern als grundsätzlich verfehlt: „Die Angelegenheiten der Welt sind unbestimmt, unkontrollierbar und sich selbst überlassen“ (Bauman 2007: 92). Globalisierung versteht er als Abweichung von der ursprünglichen Idee der Universalisierung, die „die Hoffnung, Absicht und Entschlossenheit bedeutete, Ordnung zu schaffen“, „die Absicht verkündete, die Welt zu verändern und besser zu machen als zuvor und Veränderungen sowie Verbesserungen global, im Maßstab der gesamten Menschheit, zu verbreiten“ (Bauman 2007: 93). Bauman erklärt, wie es dazu kam, dass sich die Dinge so schlecht entwickelten; hier interessiert uns nur das misslungene Ergebnis: „‚Globalisierung‘ ist nicht das, was wir alle oder zumindest die Initiativreichsten und Einfallsreichsten tun und hoffen zu tun hoffen. Globalisierung ist das, was uns allen widerfährt“ (Bauman 2007: 94). Der Autor spricht mit schmerzlicher Ironie auch von der Ohnmacht des Staates angesichts der Allmacht der Globalisierung: „Im Kabarett der Globalisierung führt der Staat einen Striptease auf und steht am Ende der Vorstellung nur noch mit dem Allernötigsten da – seinen eigenen repressiven Befugnissen <...> – sodass der Nationalstaat zu einem einfachen Schutzdienst für Megakonzerne wird...“ (Bauman 2007: 103). „Schwache Quasi-Staaten lassen sich leicht dazu zwingen, die (nützliche) Rolle örtlicher Polizeiwachen zu spielen; <...>“ (Bauman 2007: 106). „Armut wird kriminalisiert“ (Bauman 2007: 190), und „Inhaftierung ist eher eine Alternative zur Beschäftigung: eine Möglichkeit, einen großen Teil der Bevölkerung loszuwerden 70 Jonas Klimavičius | Lietuvių kalba ir visuomenė:... dalies (ar ją neutralizuoti), <...>“ (Bauman 2007: 169). Tai globalizacijos atstumtieji bei globalizacijos atliekos (171). Jetzt, da sogar in Litauen Bücher darüber geschrieben werden, dass Politik ohne Werte unmoralisch ist (Jokubaitis 2008), spricht der Regent der Apostolischen Pönitentiarie des Vatikans, Monsignore Gianfranco Girotti, von den mit der Globalisierung verbundenen sozialen Sünden: „Genetische Manipulation, Umweltverschmutzung, soziale Ungleichheit, unerträgliche soziale Ungerechtigkeit: Das sind die neuen Formen der Sünde, die am Horizont der Menschheit aufgetaucht sind, als krönender Abschluss des unaufhaltsamen Globalisierungsprozesses. — — — Mit anderen Worten: Buße wird heute stärker auf der sozialen Ebene verstanden, besonders nachdem die sozialen Beziehungen geschwächt und komplizierter geworden sind. Und dies ist eine der Folgen der Globalisierung“ (Nuodėmė 2008: 12 6). Die knappe Schlussfolgerung aus diesen Übersichten und Bewertungen könnte lauten: Globalisierung ist ein historisch gesetzmäßiges Phänomen, doch auch ihre Unvermeidlichkeit und ihre großen Nachteile sind zu berücksichtigen; zu diesen zählt die rasche, starke und plötzliche Ausdünnung der Sprachen der Welt sowie ihre Einteilung in globale, regionale, amtliche/staatliche und häusliche Sprachen mit eingeschränkten Funktionen (all dies sind ewige Prozesse), auch wenn sie den Wortschatz oder die Grammatik der fortbestehenden Sprachen nicht direkt beeinflusst, sondern nur als schicksalhafter Kontext oder ungünstiger Hintergrund wirkt. Im litauischen Diskurs werden Bewertungen von Globalisierung und Globalismus nur gelegentlich rational thematisiert: „Die nationale Kultur wird nicht durch Abschottung gerettet, sondern durch Expansion, durch den Schritt in das Umfeld moderner Nationen und durch eine kluge Offenheit dafür. Wenn wir heute, und erst recht morgen, über das Erbe einer Nation sprechen, muss die Bekräftigung Vorrang haben, nicht die Verneinung (Treinys 2000: 18). Doch das lässt sich nicht allein, ohne ‚wohlwollende Austauschpartner und kulturelle Verbündete‘ erreichen; dies müssten ‚Menschen und Nationen sein, die ihr eigenes Gesicht nicht verlieren und nicht bloß zu Konsumenten einer McDonald’s- und Teletubbies-Kultur werden wollen‘ (Treinys 2000: 18). Terroristische Antiglobalisten können keine Verbündeten sein; sie ‚streben danach, das Nationalbewusstsein in ein Werkzeug der Rache, des Terrors oder anderer Aggression zu verwandeln und wirken dadurch <...> als ein den Apologeten der totalen Globalisierung gelegenes Argument, um jede Ausdrucksform der Ideologie des Nationalbewusstseins zu verneinen‘ (Treinys 2000: 20). Im öffentlichen Diskurs gibt es nur sehr wenige Begriffe zu Globalisierung und Globalismus, zum Beispiel: eine sich globalisierende Welt MokslL 2008 6 2, globalisierte Wirtschaft NŽA 2008 11–12 480, Globalisierung des Weltfinanzsystems Vd 2008 45 13, Massenglobalisierung Vd 2008 24 53, Tsunami der Globalisierung Vd 2008 15 38, die dunkle Seite der Globalisierung NŽA 2008 11–12 501, „globale Herrschaft“ Vd 2008 31 41, globale Ordnung NŽA 2008 11–12 501, globaler Handel L ir M 2008 44 3, Terminologija | 2008 | 15 7 1 globale Kultur GŽ 2008 1 1 25, globale Moden L ir M 2008 44 3, globale Sicherheit NŽA 2008 11–12 501, globaler pragmatischer Frieden NŽA 2008 6 286. Heute sind negative Entwicklungen besonders aktuell: globale Erwärmung Sav su TV 2008 33 15, Bedrohungen globalen Ausmaßes MokslL 2008 16 7, globale Krise Sav su TV 2008 11 6, Krise des globalen Kapitalismus NŽA 2008 11–12 501, globale Finanzkrise Sav su TV 2008 46 16, globale Teuerung Sav su TV 2008 11 6, globale Nachfrage nach Lebensmitteln Sav su TV 2008 11 7. Diese geringe Zahl von Begriffen ist ein Zeichen dafür, dass die Bedeutung der Globalisierung nur unzureichend verstanden wird. Am häufigsten wird über Unruhen und Ausschreitungen von Antiglobalisten geschrieben und berichtet. Nur Donatas Katkus wagt zu sagen: Ich bin ein kultureller Antiglobalist L ir M 2008 44 3. Zum Schluss noch zwei rein sprachliche Bemerkungen. Der Grundbegriff Globalisierung verlangt systematisch auch das Adjektiv global (nicht aber globalistisch), nicht allgemein, zum Beispiel: Pandemie der Korruption, globales Bestechungswesen Vd 2008 51 45, und das daneben verwendete allgemeine Bestechlichkeit wirkt, als wäre es nicht dasselbe. Es ist sehr fraglich, ob es angemessen ist, den Informatikterminus Internationalisierung – „Entwurf von Software und ihren Datenstrukturen, sodass all dies problemlos an verschiedene Sprachen und Kulturen angepasst werden kann“ EncKompŽ 2005 – durch Globalisierung zu ersetzen, etwa: „Große Hoffnungen setzt man in die Möglichkeiten, Informationstechnologien im Wissensmanagement einzusetzen, wo der Begriff Lokalisierung immer wichtiger wird <…>. <…> Lokalisierung bedeutet, ein Produkt an Sprache und Kultur anzupassen. Lokalisierung ist nicht dasselbe wie Globalisierung (Anpassung von Marktstrategien an die Anforderungen aller Regionen) oder Internationalisierung (Herstellung eines Produkts, etwa einer Software, das an die Anforderungen verschiedener Orte angepasst werden kann)“ (Crystal 2005: 148). Ein globaler Name, eine globale Variable wären unproblematisch. 2. Die ausschließliche Konzentration der gesamten Aufmerksamkeit auf die Auswirkungen (Herausforderungen) der Globalisierung ist nicht nur wegen ihrer Einseitigkeit sehr falsch, sondern auch, weil andere wichtige Faktoren verschwiegen werden. Es gab mehr als einen, und sie waren unterschiedlicher Art. Hinter dem Eisernen Vorhang gediehen ungestüm widerspenstige Phänomene des 20. Jahrhunderts, die zumindest teilweise als ungünstiger irrationaler Hintergrund für das Funktionieren der Sprache im Allgemeinen und bestimmter Sprachen, insbesondere kleiner Sprachen, gelten können: Konsumkult und Kapitalkonzentration – „das ist die samtige Tyrannei der Demokratie des 20. Jahrhunderts. – – – Heute drückt der Mensch den Sinn seiner Existenz durch Kaufen aus. Hypermärkte sind die Heiligtümer unseres Konsumkults. – – – Der Kapitalismus des ausgehenden 20. Jahrhunderts schafft Bedürfnisse, <…>“; Konsumgesellschaft – „In der Konsumgesellschaft muss unbedingt eine Zwei- 72 Jonas Klimavičius | Lietuvių kalba ir visuomenė:... Sklaven ihrer Arten: Sklaven der Gewohnheit und Sklaven des Neides.“ So schrieb Ivan Illich (Illich; geb. 1926) in seinem Buch „Tools of Conviviality“ (1973)“; Massengesellschaft – „eine kritisch bewertete moderne Gesellschaft – rückgratlos, konformistisch, ohne Ideale und traditionelle Werte, ausschließlich auf materiellen Nutzen bedacht, passiv, entfremdet, verbürokratisiert, anfällig für Propaganda und Werbung. <...>“; Wegwerf-Zivilisation – „die unwirtschaftliche, verschwenderische, umherschweifende, rücksichtslose Zivilisation des 20. Jahrhunderts, die immer mehr Dinge anschafft, auch solche, die kaum gebraucht werden und nach einmaligem Gebrauch weggeworfen werden müssen, <...>. – – –“; Marketing (engl. marketing) – „<...>. Es verlangt, <...> die Psychologie des Verbrauchers zu analysieren und sie beeinflussen zu können, die Bedürfnisse der Gesellschaft zu fördern <...>“; Werbung – „— — — Die Werbung des 20. Jahrhunderts beruht nicht mehr auf Vernunftargumenten. Sie spricht selten über die Eigenschaften des Produkts, sondern appelliert häufiger an den Charakter des Verbrauchers und zielt auf seine Schwächen, Träume, Wünsche und Ängste ab.“ „<...> Im 8. Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts erblühte die Kunst der Fernsehwerbung, die sich einer raffinierteren Rhetorik und eines ausgefeilteren Stils bediente. Auch die politische Propaganda übernahm die Methoden der Fernsehwerbung: Wichtiger wurde ihr das Fernsehbild des Politikers (image) als das, was er zu sagen hat. Im 9. Jahrzehnt beeinflussten die Methoden der Fernsehwerbung bereits auch viele Spielfilme – <...>“; Agitator – „Die Kunst des Agitators besteht darin, sich so dumm zu stellen wie seine Zuhörer, damit sie glauben, sie seien so klug wie er“ (Karl Kraus (1874–1936), österreichischer Dramatiker, Dichter und Publizist), <...>“; Massenmedien (engl. mass media) – „Mittel der öffentlichen Information, <...>. Die Theorie besagt, dass die Massenmedien nur dann wirksam sind, wenn es viele Zuhörer (Leser, Zuschauer) gibt, die gebildet genug sind, um die erhaltenen Informationen zu verstehen und sich dafür zu interessieren. Doch <...> sucht die Mehrheit der Informationsempfänger in ihnen weniger nach Wissen als nach möglichst billiger Unterhaltung. Deshalb sind die Medienorganisatoren, die überwiegend von Werbung leben, gezwungen, schlechtere Informationen auf niedrigerem Niveau anzubieten, <...>. All dies, so muss man annehmen, verarmt den Intellekt weniger widerstandsfähiger Informationskonsumenten, insbesondere von Kindern und Jugendlichen, und verdirbt ihren Geschmack“; Massenkultur (engl. mass culture) – „ein Begriff, der Anfang der 1950er Jahre in den USA aufkam: Er bezeichnet die Gesamtheit intellektueller, künstlerischer und unterhaltender Publikationen, die für die moderne urbanisierte Gesellschaft charakteristisch sind und von den Massenmedien für die Massen bereitgestellt werden. Diesen Publikationen werden ein niedriges intellektuelles, ästhetisches und moralisches Niveau sowie die Vergröberung und Vereinfachung der Werke vorgeworfen <...>“; Terminologija | 2008 | 15 7 3 Drei-Minuten-Kultur – „eine Flut kurzer, oberflächlicher Nachrichten, die den durchschnittlichen Informationsempfänger aus Radio, Fernsehen und Internet überhäuft und aus der Bahn wirft; der gewöhnliche Bürger ist nicht mehr in der Lage, einer einzigen Thematik länger als 3 Minuten aufmerksam zu folgen. In Kenntnis dessen unterbrechen Fernsehmoderatoren (...) selbst den interessantesten und gehaltvollsten Kommentar eines Fachmanns nach drei Minuten und lassen ihn nicht zum Kern der Sache gelangen <...>“; Starsystem – „<...>. Die wertvollste Eigenschaft eines Filmstars waren nicht mehr so sehr schauspielerisches Können und Talent, sondern vielmehr seine Aura, die Atmosphäre um den Star, seine Fähigkeit, das Publikum durch persönlichen Charme, körperliche Attraktivität und Sexualität zu verführen. In Hollywood <...> gab es Spezialisten, die einen Star als unerreichbares Traumobjekt modellieren konnten, mit dem sich der Zuschauer identifizieren wollte, als einen der Archetypen der modernen Mythologie, der sich mit Mode und Sitten wandelte. – – –“ (Kopalįnski 2001). Der gemeinsame Nenner all dieser Erscheinungen ist die Verflachung des Menschen und seines Lebens. Ähnliche Verzerrungen werden durch die Zitate des Jahrhunderts treffend ergänzt und hervorgehoben: „Die heutigen Berühmtheiten lassen sich weder beschämen noch erniedrigen. Was einst Schande und Erniedrigung hieß, heißt heute Werbung“ (aus dem Buch „Gine War a Chanse“ („Gebt dem Krieg eine Chance“; 1992) von P. J. O’Rourke (P. J. Rourke; geb. 1947)) (Kopalįnski 2001: 79). „(Was) interessant ist, ist heute wichtiger als die Wahrheit; was seltsam und aufregend ist, setzt sich gegen die wirklichen Dinge durch. <...>. Tatsächlich ist in unserem Jahrhundert nichts billiger als die Wahrheit. Und die Wahrheit verpflichtet zweifellos.“ So sagte der französische Schriftsteller René Daumal (René Daumal; 1908–1944) <...>“ (Kopalįnski 2001: 173). Filosofas Karlas Raimundas Popperis (1902–1994) paskutiniame savo darbe – esė Nepiktnaudžiauti televizija (paskelbtame 1995 m.) nustatė televizijos maro diagnozę: „<...> televizija yra blogio jėga, ji galėtų tapti gėrio jėga. Deja, tai beveik neįtikimas dalykas. Priežastis paprasta: apskritai bet kokią kultūrinę jėgą yra be galo sunku priversti tarnauti gėriui“ (Popper 1995: 14). Kol televizijų konkurencija buvo nedidelė, tol ir paklausa buvo maža, tad „pirmaisiais savo gyvavimo metais laidų kokybei televizija buvo kur kas reiklesnė“ (Popper 1995: 15). Dabar gausybė k o m e r c i n i ų televizijų varžosi, kad „prisiviliotų kuo daugiau publikos, o šis siekimas, savaime suprantama, jokių auklėjamųjų tikslų neturi“ (Popper 1995: 14). Žiūrovų masėms jų nė nereikia – tik circenses. Kultūros paklausa nedidelė... Transliuotojams rūpi pelnas, o jį užtikrina reklama, duodama į tas laidas, kurių žiūrimumo rodikliai aukšti. Popperis greičiausiai klysta, kad transliuotojai n u o š i r d ž i a u s i a i įsitikinę, jog rodyti reikia tai, ko žmonės nori. Žiūro- 74 Jonas Klimavičius | Lietuvių kalba ir visuomenė:... Die Fernsehsucht der Menschen, besonders von Kindern und Jugendlichen, aber auch von Rentnern, ist wirklich ungesund. Ein Paradoxon: Der Wettbewerb in der Produktion sichert die Qualität der Waren, der Wettbewerb zwischen Fernsehsendern senkt die Qualität der Sendungen. Nicht viel besser ist die Amerikanisierung der Kultur – „Eines der wichtigsten kulturellen Ereignisse des 20. Jahrhunderts ist die Veränderung der Richtung des transatlantischen Einflusses. Die Kultur der USA, die bis zum Beginn des Jahrhunderts von Europa genährt wurde, überschwemmte anschließend selbst Europa und die ganze Welt, zusammen mit dem wirtschaftlichen und politischen Einfluss, der aus zwei Weltkriegen und dem dadurch ausgelösten Niedergang Europas resultierte, zumal die USA entscheidend dazu beitrugen, diese Kriege zu gewinnen und das wiederaufzubauen, was in ihnen zerstört worden war.“ Zu den Erscheinungen dieser Kultur zählen Jazz, Rock, Popmusik, Hollywoodfilme, Western, Serien, Thriller, Krimis, Autos, aufdringliche Werbung, Seifenopern, Fast Food und Jeans. „Unter angelsächsischem Einfluss verändert sich die Sprache bis zur Unkenntlichkeit“ (Kopaliński 2001). Frankreich versucht, sich zu widersetzen, doch das Ergebnis ist Franglais – „die französische Sprache, die voller englischer Wörter und Wendungen ist. Diese Bezeichnung, gebildet aus den französischen Wörtern français (französisch) und anglais (englisch), machte um 1965 René Etiemble, Professor für vergleichende Linguistik an der Sorbonne, populär, <…>. Der Professor rief dazu auf, englische Wörter durch französische zu ersetzen, <…>. <…>. Im heutigen Polen begann die Zeitung „Gazeta Wyborcza“ im November 1996 eine Initiative zur Polonisierung englischer Fachbegriffe; auch Leser halfen mit, doch die Ergebnisse waren nicht besonders erfreulich: <…>“ (Kopaliński 2001). Ein weiteres Ergebnis ist die Holzsprache – „eine Sprache voller Banalitäten und abgedroschener Wendungen. <…>“ (Kopaliński 2001). Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs strömten diese Erscheinungen auch nach Litauen, dessen ausgelaugtem Geist alles aus dem Westen leider nur gut erschien. Allerdings war nicht alles unbekannt. Einiges wurde von der sowjetischen antiamerikanischen Propaganda primitiv angeprangert, manches war aus dem ernsthafteren philosophischen Diskurs Litauens bekannt, anderes aus unserer Emigrantenliteratur. Doch oft kam ernsthafte Kritik zu spät. Bereits 1969 schrieb in Amerika einer der Pioniere der litauischen Essayistik und ein scharfsinniger Publizist, der Dichter Jonas Aistis: „Werbung ist eine große Macht unserer Zeit, vor der sich alle Konfessionen, alle Throne und alle Herrschaften beugen müssen“ (Aistis 1991: 418). Hinzuzufügen sind auch die in den letzten Jahren vom Institut für Litauische Sprache und der Gesellschaft für Litauische Sprache unternommenen Bemühungen um einen kritischen Geist (RekK 2004). Allerdings fehlt es in diesem Bereich der Opioide nicht an apologetischen Bewertungen der Werbesprache. Terminologija | 2008 | 15 75 Reklamos sesuo mada į XX a. mitų (Kopaliński 2001) tarpą nepateko, nes smarkiai reiškiasi nuo daug anksčiau. Jau rusų rašytojas N. Gogolis, Romoje lygindamas senojo meno grožį su savo laiku, rašė: „Ir kokia netauri, žema prieš šitą didingą, gražią prabangą pasirodė jam dabar XIX šimtmečio prabanga, smulki, niekinga prabanga, tinkanti tik krautuvės puošti – <...>. – – Kokie menki atrodė jam prieš šitą pastovią palaimingą prabangą, supančią žmogų daiktais, kurie kilmina ir auklėja jo sielą, nūdieniai smulkmeniški papuošalai, kuriuos laužo ir išmeta lauk nenuorama mada, tasai keistas, nesuprantamas XIX amžiaus padarinys [t. y. reiškinys], prieš kurį tyliai nusilenkę išminčiai, šitas žudyt ojas ir griovėjas visko, kas kolosalu, didinga, šventa“ (Gogolis 19541: 236). Savo kūrybos ataskaitoje Šešiasdešimt mano literatūrinio gyvenimo metų prancūzų akademikas A. Maurois teigia, kad dėl mados išpuolių pasidarė nuoseklus moralistas: „Tokiu metu, kai mada reikalavo nepaisyti doros normų ir dėsnių, be kurių negali egzistuoti jokia visuomenė, aš tiesiog savaime pasijutau priverstas, profesijos įpareigotas jas ginti. Todėl tapau moralistu. Vėliau rašiau romanus, biografijas, tačiau manyje romanisto ir biografo nugarkaulį sudaro moralistas“ (Morua 1991: 18). Kitam prancūzui – mokslinių esė knygos Viduramžių vaizduotė autoriui Jacques’ui Le Goffui mados gynimas ir gyrimas (gal pergy­rimas) irgi neišeina be naikinamos kritikos: „Po Roland’o Barthes’o esu pasiryžęs ginti madą. Ji dėmesinga naujovei, modernumo variklis, gali būti atsinaujinimo priemonė. Tai istorijos varomoji jėga. Kaip kiekvienas reiškinys, ji gali išsigimti ir nugrimzti į snobizmą – tiesą sakant, jaudinantį iškrypimą vyrų ir moterų, kurie stengiasi sustabdyti bėgantį laiką ir atitolinti mirties grėsmę apgailėtinu ir beviltišku noru visada būti mados viršūnėje ir užmiršti laiko jausmą, diena iš dienos keisdami išvaizdą“ (Le Goff 2003: 26). Šitai yra nuolat. O išlyga – daugiau teorinė: „Tačiau mada – tai pirmiausia Zeitgeist, laiko dvasios, apraiška, susiejanti išvaizdą su giluminiais istoriniais poslinkiais“ (Le Goff 2003: 26). Mados uniformizmas ir meninė, štampinė kalba – kalbos uniformizmas yra susiję paliegusios mūsų laiko dvasios ženklai. Vėl galima prisiminti mūsų guvųjį J. Aistį: „Kultūra turi kruvinu prakaitu išeiti iš tautos iščių. Kita vertus, mada visada išeina iš mados. – – – Labai madingi dalykai, išėję iš mados, yra juokingi ir kvaili“ (Aistis 1991: 476). Erst mit dem Fall des Eisernen Vorhangs erreichten uns aus dem Westen Wahrheiten über unser eigenes Leben im Reich des Bösen, die fast ein halbes Jahrhundert alt waren: Neusprech (engl. newspeak) – „eine neue, von einer monopolistischen Macht geschaffene 76 Jonas Klimavičius | Lietuvių kalba ir visuomenė:... Sprache, deren Wortbedeutungen sich mit den offiziellen politischen Ansichten des Staates ändern. In Neusprech ist es nicht nur unmöglich, illoyale Ansichten zu äußern, sondern auch, sie zu formulieren, denn die dafür nötigen Wörter fehlen. Der Begriff stammt aus dem Roman „1984“ von George Orwell (1903–1950); Gedankenpolizei – „eine im Roman „1984“ von George Orwell dargestellte Parteiinstitution, die die Gedanken der Mitglieder der Äußeren Partei überwacht. Sobald sie irgendeine Abweichung von der vorgegebenen „Linie“ bemerkt (=m. – J. K.), sorgt sie (=w. – J. K.) dafür, dass der Schuldige verhaftet, (im Ministerium für Liebe) gefoltert und vernichtet wird“; Doppeldenk (engl. doublethink) – „das gleichzeitige Erfassen zweier gegensätzlicher Gedanken oder Meinungen und der bewusste Glaube an beide. Der Begriff stammt aus dem Roman „1984“ (1949) des englischen Schriftstellers George Orwell (1903–1950); er bezeichnet den Einfluss des Neusprechs auf den „versklavten Geist“; „Der versklavte Geist“ – „ein Buch von Czesław Miłosz (1953), in dem der Autor die psychischen Schutzmechanismen der Schriftsteller in der Volksrepublik Polen analysiert, die sie dazu bringen, Parolen zu verkünden, die der offiziellen Propaganda entsprechen, und ihre wahren Gedanken und Gefühle sorgfältig zu verbergen, <...>“ (Kopaliński 2001). Die Versklavung des Geistes beginnt mit Leere (einem Umfeld ohne Religion) und der Absurdität eines ziellosen Lebens, führt über die Notwendigkeit eines neuen Lebens und mündet in den gebotenen Erfolg (Miłosz 1995: 20, 22, 24, 30). Doch der Erfolg bleibt nicht ohne traurige Folgen: „In der Tiefe sind die alten moralischen und ästhetischen Ansprüche erhalten geblieben, deshalb spaltet sich der Mensch“ (Miłosz 1995: 36) – „alle spielen allen etwas vor, und alle wissen voneinander, dass sie schauspielern“ (Miłosz 1995: 76); „Es wäre falsch zu behaupten, dass sich die Werte nicht mehr spalten, doch der Widerstand ist emotional und kann nur selten mit der Konkurrenz rationalisierter Reflexe mithalten“ (Miłosz 1995: 244). Die verhängnisvolle vorangegangene Epoche ließe sich knapp mit zwei schrecklichen zeittypischen Wendungen, mit Wertesymbolen, beschreiben – von Osten her: хлам (Plunder) – ein Akronym aus den Wörtern художники, литераторы, артисты, музыканты; von Westen her: Wenn ich Kultur höre… entsichere ich meinen Browning (Autor: Hans Johst, Verbreiter: Hermann Göring). Erst am 26.–27.11.1988 formulierte David Glencross einen zutreffenden epochalen Gedanken: „Es ist unglaublich, dass irgendeine Regierung beim Hören des Wortes „Kultur“ zur Pistole greifen würde. Ich denke, sie sollte zum Wörterbuch greifen“ (Kopaliński 2001: 197–198). Die in zwei antagonistische Lager polarisierte Welt mit einem fluktuierenden und Terminologija | 2008 | 15 77 …dem vegetierenden Dritten Welt2 Transformation, die Desintegration des stalinistischen Imperiums, in dem zu Breschnews Zeiten bereits offen die Annäherung und Verschmelzung der Sprachen projektiert und verkündet wurde, die Wiederherstellung der Unabhängigkeit Litauens und die Verstaatlichung der litauischen Sprache (ihre Erklärung zur Staatssprache und die Gewährung staatlichen Schutzes, Programme und Projekte zu ihrer Verwendung und Förderung), die nationale Wiedergeburt, die Demokratisierung der Gesellschaft und die Entstehung einer Zivilgesellschaft, Litauens europäische und transatlantische Integration und die einsetzende Anglisierung sowie auch die Computerisierung und Internetisierung – zahlreiche konkrete Faktoren; ihre Bedeutung für die Identität und das Selbstbewusstsein des Volkes, für Kultur und Sprache, Wissenschaft und Sprachwissenschaft, Sprachkultur und Terminologie ist seit 20 Jahren entscheidend und wird es noch lange bleiben – sie ist epochal. II 3. Die materielle Welt ist eine. Obwohl es zahlreiche und große Unterschiede in Landschaft, Pflanzen- und Tierwelt, Klima und damit verbundenen Lebensweisen gibt, verringern die Menschen diese zum einen (auch dies ist eine gewisse Globalisierung); zum anderen ist die dingliche menschliche Wirklichkeit bereits sehr umfassend und nicht so unterschiedlich. Die Logik ist in der gesamten vernunftbegabten Welt eine, obwohl sie mancherorts stärker, andernorts weniger ausgeprägt ist. Die dritte Erscheinungsform des Seins in der Welt – die Sprache (Лукшите 1981: 166) – ist eine enorme Vielfalt, die sich nicht genau zählen lässt (sind es 3000 oder 7000?). Jede lebendige Sprache ist ethnisch oder national – Muttersprache. Auch Wesen, Geist, Bräuche und Lebensweise eines Volkes sind beheimatet. Man muss dies nur wahrnehmen und die Ursachen verstehen können. Hier eine sehr treffende Beobachtung: „Die Unterschiede der Bräuche ragten aus jeder Handlung und jedem Schritt hervor. Die Gesten der Menschen spiegelten geografische Zonen, Breitenkreise und Meridiane wider; in ihnen zeigte sich der Alltag von Hirten, Bauern, Kaufleuten und Seeleuten; der Bratspieß in den Händen eines Spartaners bewegte sich wie der Speer im Kampf, ein Argiver saß auf der Bank wie auf einem Pferd, und einen Bewohner der Wälder konnte man an seinem leisen Gang erkennen“ (Parandovskis 1984: 118). 2 Den Begriff „Dritte Welt“ (franz. Tiers monde) verwendete um 1950 der französische Soziologe und Demograf Alfred Sauvy: So bezeichnete er die über 130 postkolonialen Staaten Afrikas, Lateinamerikas, Asiens und Ozeaniens, die er von den entwickelten Staaten mit Marktwirtschaft und den Ländern des damaligen (bis 1990) kommunistischen Blocks unterschied“ (Kopalįnski 2001). Übrigens entstand später eine ganz andere Dritte Welt: „Nach K. Popper [Popper K. Objective Knowledge: An Evolutionary Approach, Oxford, 1972] ist die ‚Dritte Welt‘ die Welt der Ideen überhaupt, die durch die Regeln der Logik verbunden sind. Sie umfasst alle in der Geschichte der Menschheit geschaffenen Theorien und Konzepte sowie jene, die noch geschaffen werden, außerdem alle Hypothesen, alle Aufgaben und Gleichungen – gelöste, zu lösende und noch zu lösende“ (Joninas 1987: 69). Noch anders ist das dritte Sein: „А. Ф. Лосев говорит, что „языковое и словесное бытие есть третий вид бытия, наряду с чисто логическим и чисто вещественным, или материальным“ [Лосев 1976, с. 399] (Лукшите 1981: 166). 1959 formulierte Charles P. Snow den Konflikt zwischen den zwei Kulturen – Geisteswissenschaftlern und Naturwissenschaftlern –, und 1995 schrieb John Brockman in seinem Buch Die dritte Kultur über jene, die „die Mission der intellektuellen Elite übernehmen, Antworten auf Fragen zu suchen, die die Menschheit seit jeher umtreiben: Was ist das Leben, wer sind wir, wohin gehen wir (...) <...>“ (Kopalįnski 2001). 78 Jonas Klimavičius | Lietuvių kalba ir visuomenė:... Die Muttersprache und andere beheimatete Dinge bewahren die eigene Identität. Vollkommene Reinheit können sie jedoch nicht gewährleisten, denn ringsum gibt es fremde Sprachen und allerlei Fremdes: „Und dennoch erschien Mutter Griechenland trotz dieser Vielfalt beinahe einheitlich inmitten des fantastischen Gewimmels der Kolonien: Afrika, Iberien, Gallien, Illyrien, Skythien, Sarmatien, Syrien und Ägypten hauchten aus den geheimnisvollen Tiefen der Geschichte und der Zivilisation ihren Hauch in Hunderte griechischer Städte, <...>. Im täglichen Umgang mit den Barbaren, auf Karawanenreisen und im Lärm der Häfen hafteten fremde Gedanken, Vorurteile und Laster am Menschen wie Straßenstaub, der in die Poren der Haut dringt“ (Parandovskis 1984: 118–119). „Die Sprache, in unzählige Dialekte und Mundarten zersplittert und in den Kolonien mit fremdem Unkraut überwuchert, führte zu schrecklichen Missverständnissen“ (Parandovskis 1984: 119). Unsere Muttersprache – das Litauische – hatte unter Bedingungen anhaltender subordinativer Zweisprachigkeit sehr viele Berührungspunkte mit dem Polnischen; sie wurde regelrecht davon überschwemmt, sodass nur abgelegene, von Kirche und Gutshof nicht überschattete Inseln weniger davon betroffen blieben. Daher nahm sie eine Vielzahl von Fremdwörtern auf und verlor beträchtliche Gebiete ihrer Muttersprache sowie einen großen Teil ihrer Sprecher – nicht nur der Magnaten und des Adels, sondern auch des Volkes. Nur ein Teil der Folgen wurde beseitigt, der größte Teil bedeutet unwiederbringliche Verluste. Nach der Teilung der Republik beider Nationen begann dasselbe mit dem Russischen (Lehnwörter daraus gab es schon zuvor reichlich), und es dauerte zwei Jahrhunderte lang, nur mit kurzen Tauwetterperioden (aber ohne vollständige Unterbrechungen) während der I. und II. Republik. Nun, nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit, hat die Epoche der Kontakte mit dem Englischen begonnen. Daher ist es nützlich, sich wenigstens ein wenig mit diesen Sprachen von innen heraus vertraut zu machen – damit, wie die Russen und Engländer selbst sie verstehen und bewerten. Am meisten interessiert der (selbst-)kritische Aspekt. Die russisch-französische Zweisprachigkeit ist wohlbekannt, genauer gesagt die französische Sprachpraxis der russischen Oberschicht. Eng damit verbunden ist auch die Abgrenzung der russischen Standardsprache von dem als просторечие bezeichneten Phänomen – „Wörter, Ausdrücke, Wendungen und Flexionsformen, die nicht zur Norm der Literatursprache gehören; sie werden in literarischen Werken und der Umgangssprache oft zur Erzeugung eines bestimmten Kolorits zugelassen“ – engl. popular language, dt. Volkssprache (Ахманова 1966); lett. vienkāršruna – obwohl разговорная речь, обиходно-разговорная речь – sarunvaloda (ValTV 1963), aber vienkāršruna – šnekamoji kalba (LaLieŽ 1977). Zweifelhaft ist auch das Äquivalent dt. Volkssprache. Ziemlich ungenau und zu weit gefasst ist das litauische Äquivalent neliteratūrinė šneka für russ. просторечие: „eine für Bewohner großer Städte typische Sprachform, die mehr oder weniger von den Normen der Literatursprache abweicht. Die lexikalischen, grammatischen und phonetischen Merkmale dieser Sprachform entstehen aufgrund dialektaler Terminologija | 2008 | 15 79 und die Vermischung literatursprachlicher Elemente sowie häufig auch aufgrund des merklich stärkeren Einflusses anderer Sprachen“. Vgl. jargonale Sprache – engl. non-standard speech, popular language (Gaivenis, Keinys 1990). Es ist ungenau, просторечие mit Umgangssprache zu übersetzen (Gudavičius 2000: 40), Volkssprache, Umgangssprache RLKŽ II 1967. Das russische просторечие ist untrennbar mit простонародье verbunden, abwertend – einfache Leute, Unterschicht RLKŽ II 1967, Unterschicht RLKŽ III 1984, простолюдин abwertend – einfacher Mann, Angehöriger der Unterschicht, Mensch ohne Privilegien RLKŽ III 1984, простонародный abwertend – volkstümlich, der Unterschicht zugehörig: простонародная речь – einfache [volkstümliche] Sprache RLKŽ III 1984, also auch просторечие – einfache Umgangssprache, Sprache der [Unterschicht] (nicht buchsprachlich, literatursprachlich) RLKŽ III 1984 (abwert. – Wort, Wendung der einfachen Umgangssprache – просторечное RLKŽ I 1982: 15), einfache Umgangssprache – просторечие LRKŽ 1988. Nicht zu vergessen ist, dass einfache Umgangssprache ein russischer Terminus ist, der nur auf die russische Sprache angewendet wird. Da das russische просторечие in literarischen Werken zulässig ist, kämpften russische Schriftsteller besonders entschieden für die Volkstümlichkeit – das Russischsein – der Sprache. V. Bielinskis Literatūrinėse svajose (1834) erfasste auch die Ursache sehr treffend: „Das V o l k oder, besser gesagt, das V o l k s v o l k und die G e s e l l s c h a f t gingen bei uns also auseinander. Das Erstere lebte weiterhin sein ursprüngliches, raues und halb wildes Leben und sang seine traurigen Lieder, aus denen seine Seele in Not und Freude geradezu hervorströmte; das Letztere hatte sich offenbar verändert, wenn nicht gar gebessert, hatte alles Russische vergessen, sogar vergessen, R u s s i s c h z u s p r e c h e n; <...>“ (Bielinskis 1948: 71). „<...> Der höheren Gesellschaftsschicht bot sich Anlass, die Muttersprache zu verachten, denn die Schriftsprache stand im Widerspruch zur Umgangssprache“ (Bielinskis 1948: 95). Bielinskis erkannte die Vielfalt des russischen Purismus und beurteilte sie differenziert, während er dem Purismus im Allgemeinen mit Zurückhaltung begegnete: „Das Wort ‚Fortschritt‘ musste naturgemäß auf besonders heftigen Widerstand bei den russischen Sprachpuristen stoßen, die jedes fremde Wort empört als Häresie oder Abspaltung von der Orthodoxie der Muttersprache betrachteten. Ein solcher Purismus hat eine berechtigte und ernstzunehmende Grundlage; dennoch ist er eine Einseitigkeit, die bis zum Äußersten getrieben wird“ (Bielinskis 1948: 530). „Es besteht kein Zweifel, dass der Wunsch, die russische Sprache ohne Not und ohne ausreichenden Grund mit Fremdwörtern zu durchsetzen, dem gesunden Menschenverstand und dem guten Geschmack zuwiderläuft; <...>. Doch das entgegengesetzte Extrem, also ein unbegrenzter Purismus, führt zu denselben Folgen, denn Extreme fallen zusammen“ (Bielinskis 1948: 532). Auch N. Gogol bewertete die vornehme französische Sprachpraxis der russischen Oberschicht kritisch: „Die Damen der Stadt N. zeichneten sich aus <...> durch außerordentliche Vorsicht und Anständigkeit in ihren Worten und Wendungen. <...>. Keinesfalls konnte man sa- 80 Jonas Klimavičius | Lietuvių kalba ir visuomenė:... gen: ‚Dieses Glas oder dieser Teller stinkt‘, <...>. Um die russische Sprache noch vornehmer zu machen, wurden fast die Hälfte der Wörter vollständig aus der Sprache verbannt, sodass man sehr oft auf das Französische zurückgreifen musste; im Französischen hingegen war die Sache anders: Dort waren Wörter erlaubt, die wesentlich derber waren als die genannten“ (Gogolis 19542: 183). Wenn er die bittere Wahrheit ausspricht, scheut er auch vor beißender Ironie nicht zurück: „Doch obwohl der Autor sich mit ehrfürchtiger Hochachtung vor dem segensreichen Nutzen verneigt, den die französische Sprache Russland bringt, und obwohl er sich mit ebenso großer Hochachtung vor der lobenswerten Sitte unserer höheren Kreise verneigt, deren Vertreter zu jeder Tagesstunde ihre Gedanken in dieser Sprache ausdrücken, natürlich aus großer Liebe zum Vaterland, wagt er dennoch nicht, irgendeine fremdsprachige Wendung in dieses sein russisches Gedicht einzufügen“ (Gogolis 19542: 211). Die Russen der höheren Schichten, von denen „man niemals auch nur ein einziges anständiges russisches Wort hört, während sie dich mit französischen, deutschen und englischen Worten wohl überreich beschenken <...> und dabei alle möglichen Ausspracheweisen beibehalten: Französisch durch die Nase und näselnd, Englisch sprechen sie so aus wie ein Vogel und machen sogar ihr Gesicht zu einem Vogelschnabel“, sehen die Pflege der Muttersprache auf ganz eigentümliche Weise: „Sie wollen unbedingt, dass alles in der strengsten, reinsten und edelsten Sprache geschrieben wird – mit einem Wort, sie wollen, dass die russische Sprache plötzlich fertig ausgearbeitet aus den Wolken herabsteigt und sich unmittelbar auf die Zunge setzt, während sie selbst nichts weiter tun müssten, als den Mund zu öffnen und die Zunge herauszustrecken“ (Gogolis 19542: 190). Während sich der Sturm der russischen Revolution zusammenbraute, wurde die Sprache der einfachen Leute bereits (1914) als schreckliche Bedrohung durch Kulturlosigkeit und Barbarei verstanden: „В тягостные дни <...> варвар и дикарь с гаканием устремились на все, что нам дорого, и едва ли не первейшей задачей стремительного своего набега поставили уничтожение русской речи, оплевание и заушение нашего изумительного, чарующего, свободного языка, <...>“ (Соболев 2001: 330). Die Sprache der Revolutionszeit war ein Gemisch unterschiedlichster Veränderungen und höchst unerwarteter Merkmale: „В качестве характерных признаков языка революционного времени разными исследователями отмечались обилие заимствованных слов и выражений, большое количество разного рода сокращений, использование, с одной стороны, грубой, бранной и нецензурной, а с другой – высокой и архаичной лексики, повышенная экспрессивность и эмоциональность речи, достигаемая разными средствами (перифразы, метафоры и др.), интонационная близость к ораторской речи, влияние канцелярского стиля, штампованность; многие современники жаловались и на самую обыкновенную безграмотность (это касается Terminologija | 2008 | 15 81 в первую очередь языка газеты)“ [*См., напр.: Винокур Г. О. Культура языка. Очерки лингвистической технологии. М., 1925; Горнфельд А. Т. Новые словечки и старые слова. <...>. Петербург, 1922; Гус М., Загорянский Ю., Каганович Н. Язык газеты. М., 1926; Селищев А. М. Язык революционной эпохи. <...>. М., 1928; Mazon A. Lexique de la guerre et de la révolution en Russie (1914–1918). Paris, 1920; Mendras Ed. Remarques sur la vocabulaire de la révolution russe [<...>. Paris, 1925. P. 257–269] (Риникер 2001: 638–639). Dieser entscheidende Niedergang der Sprache, der später zwar etwas gebremst wurde, blieb unumkehrbar. Bei der feierlichen Gedenkveranstaltung 1962 zum 125. Todestag A. Puschkins wagte A. Twardowski sogar, von der bekal By stę – безъязыклость, der Schriftsteller sowie von der „скудость, сглаженность и обезличение языка“ zu sprechen (Твардовский 1979: 14, 15). Seine Sorge, dass „вопрос об охране языка должен встать в государственном масштабе“ (Твардовский 1979: 14), blieb natürlich ohne die geringste Resonanz, denn die Behörden aller Ebenen standen gerade an der Spitze der Sprachverderbung. In den Jahren der Stagnation und des Zerfalls der Sowjetunion wiederholte sich der sprachliche Niedergang als sich verfestigender Rückfall: „В последние десятилетия наблюдается активное вхождение жаргонной лексики во все сферы речевого общения – литературу (художественную и публицистическую), тексты СМИ, парламентскую речь и др. В связи с этим многие говорят о жаргонизации русского языка“ (КРусР 2003: 1862). Das Englische, einst eine imperiale und koloniale Sprache und heute die große internationale Weltsprache, ist ein wichtiger Gegenstand bei der Frage, welche Eigenschaften es dazu machen, es emporheben und in dieser Stellung halten. Der Engländer Thomas Stearns Eliot äußert sich unverblümt: „Jede Sprache hat ihre eigenen Ressourcen und die Grenzen ihrer Möglichkeiten“, obwohl sie danach strebt, „ihre Möglichkeiten so weit wie möglich zu entfalten“ (Eliot 1990: 4 222). Während er behauptet, dass „die Reife der Sprache mit der Reife des Denkens und der Sitten zusammenfällt“ (Eliot 1990: 4 222), betrachtet er die Reife des Englischen als ausgesprochen eigenartig und untypisch: „In England haben wir weder ein klassisches Zeitalter noch einen klassischen Dichter; wenn wir verstehen, warum das so ist, wird uns sofort die Lust vergehen, es zu bedauern; <...>. Das Genie der englischen Sprache hat ein solches Ideal nicht verkörpert – es hatte stets andere Ziele“ (Eliot 1990: 4 222). Und das wird als erfreulicher Erfolg gewertet: „<...>, ist es nicht unser Glück, eine Sprache zu haben, die, anstatt einen Klassiker hervorgebracht zu haben, auf eine reiche Vielfalt in der Vergangenheit und absehbare Neuerungen in der Zukunft stolz sein kann?“ (Eliot 1990: 4 224). Die Eigenart der Muttersprache arbeitet Eliot anschaulich durch einen Vergleich heraus: „<...>, können die romanischen Sprachen sich dem Klassischen stärker annähern – nicht weil sie lateinischen Ursprungs sind, sondern weil sie homogener als das Englische sind und bereits 82 Jonas Klimavičius | Lietuvių kalba ir visuomenė:... von Natur aus zum allgemeinen Stil neigen; die englische Sprache ist in ihren Bestandteilen selbst die vielfältigste unter den großen Sprachen und neigt eher zur Vielfalt als zur Vollkommenheit; sie braucht mehr Zeit, um ihre Möglichkeiten zu entfalten, und besitzt vielleicht noch mehr ungenutzte Möglichkeiten. Sie zeichnet sich wohl durch die größte Fähigkeit aus, sich zu wandeln und dennoch sie selbst zu bleiben“ (Eliot 1990: 4 224). Statt sich der Klassik, der Norm (dem Standard), zuzuwenden, „lässt sie den stilistischen Variationen viel Freiheit: Es scheint, dass in dieser Sprache weder eine Epoche noch, selbstverständlich, ein Schriftsteller Normen durchzusetzen vermag. Die französische Sprache scheint durch den normativen Stil viel stärker eingeschränkt und im 18. Jahrhundert endgültig gefestigt worden zu sein; doch auch in ihr schlummert der esprit gaulois* [*mächtige Geist], jene Fülle an Ressourcen, durch die sich Rabelais und Villon auszeichneten“ (Eliot 1990: 4 225). Eliots Lob seiner englischen Muttersprache kann man nicht als rational begründete Aussage betrachten, sondern als „ursprüngliche Treue“ (Chesterton 1998: 76): „Die Menschen liebten Rom nicht, weil es groß war. Es wurde groß, weil die Menschen es liebten“ (Chesterton 1998: 77). Eliot hatte jedoch noch eine andere Liebe, die ihn nach England zurückführte – die klassischen Sprachen und die antike Kultur: „Man muss sich beiden toten Sprachen zuwenden: Gerade ihre Totenheit ist wichtig, denn erst nach ihrem Tod konnten wir das Erbe übernehmen; die Tatsache ihres Todes würde ihnen keinerlei Wert verleihen, wenn nicht alle Völker Europas ihre Erben wären“ (Eliot 1990: 4 225). Und gerade dort, wo Eliot den ersten (und vielleicht einzigen echten) Klassiker findet – Vergil, der auch das Kriterium der Klassik geschaffen hat –, liegt das wahre Ideal der Sprache: die Norm (der Standard), nicht unbegrenzte Vielfalt und endlose Möglichkeiten des Wandels. Eliot beklagt lediglich, dass diese Erbschaft in der Neuzeit recht problematisch, ja sogar unecht und verzerrt wird: „In unserem Zeitalter, in dem die Menschen offenbar mehr denn je dazu neigen, Weisheit mit Wissen und Wissen mit Informiertheit zu verwechseln <...>, entsteht eine neue Art von Provinzialismus, <...>. Es ist kein Provinzialismus des Ortes, sondern der Zeit: Für ihn ist Geschichte nur eine Chronik, in der die von Menschen erfundenen Geräte verzeichnet sind, die ausgedient haben und auf den Schrott geworfen wurden; die Welt ist ausschließlich Eigentum der Lebenden, an dem die Toten keinerlei Anteil haben. <...> wir alle zusammen, alle Menschen auf dem Erdball, könnten sich als Provinzler erweisen, und denen, die dies nicht sein wollen, bliebe nur, zu Einsiedlern zu werden. <...> er [dieser Provinzialismus] fördert unsere Nachlässigkeit, wenn wir eigentlich ein klares, unversehrtes Dogma oder einen Standard bewahren müssten, <...>“ (Eliot 1990: 4 226). Es gibt also eine Muttersprache und Fremdsprachen. Viele Sprachen zu beherrschen ist, als hätte man viele Schlüssel für ein einziges Schloss (Voltaire). Ein Mensch, der zwei Sprachen beherrscht, ist zwei Menschen wert, sagt die französische Weisheit (Crystal 2005: 50). Doch Polyglottismus ist nicht weit verbreitet. Fremdsprachen Terminologija | 2008 | 15 83 zu beherrschen, hat viele Abstufungen: übersetzen, schreiben, sprechen, gut oder ein wenig verstehen. „Wenn wir eine andere Sprache lernen, gewinnen wir eine neue Sicht auf die Welt, <...>“ (Gudavičius 2000: 19). Iwan Bunin, der mehrere Sprachen beherrschte und literarische Werke aus dem Englischen, Französischen, Polnischen und Ukrainischen übersetzte, äußerte sich kategorisch: „Пишите на том языке, с которым родились и выросли. Двух языков человек знать не может“ (Бунин 2001: 224). Ein großes Problem des Funktionierens von Sprachen sind das Nebeneinander und die Kontakte zwischen ihnen. Isoliertes Nebeneinander von Sprachen war vermutlich nie besonders typisch, denn sowohl friedliche Beziehungen – Exogamie und Warentausch – als auch Kriege und das Nehmen von Gefangenen sind alte Erscheinungen. Intersprachliche Kommunikation äußert sich also in Sprachkontakten, Zweisprachigkeit (verschiedener Art), Übersetzung, Lehnübersetzungen, Entlehnungen, Fremdwörtern und schließlich Assimilation (einzelner Personen oder eines Stammes beziehungsweise Volkes). Die Übersetzung ist die kultivierteste und gleichberechtigtste Form der intersprachlichen Kommunikation. Die Geschichte der Übersetzungen der Heiligen Schrift sowie der schöngeistigen und wissenschaftlichen Literatur ist lang und umfangreich. Übersetzungen vermitteln zunächst neue Inhalte – Begriffe, Wörter und Bedeutungen (Genzelis 1980: 90). Sie fördern auch die Möglichkeiten der Muttersprache: Fremde Inhalte, in die Muttersprache gekleidet, gewährleisten „die Möglichkeit eines tieferen Verständnisses“ (Laumenskaitė 2007: 11–12 551). Zweisprachigkeit ist zweierlei: koordinativ und subordinativ. Die Bilingualität von Muttersprache und Regional- oder internationaler Sprache steht dem koordinativen Typ der Zweisprachigkeit näher, diejenige von Mutter- und Imperialsprache hingegen dem subordinativen Typ. Nach dem Zerfall des Römischen Reiches und dem Verschwinden des klassischen sowie dem Niedergang des vulgären Lateins entstanden in Europa zwei Wellen der Zweisprachigkeit. Die eine war die Aufteilung der Funktionen zwischen klassischem Latein und der Muttersprache sowie deren parallele Verwendung. Es gab auch andere Formen der Zweisprachigkeit: „So gab es im Mittelalter regionale Sprachen – Latein, Arabisch und Altkirchenslawisch. Sie wurden von den offiziellen Institutionen der damaligen Zeit verwendet: der Kirche, den wissenschaftlichen Einrichtungen und den staatlichen Kanzleien. <...>. Die Wahl der Sprachen wurde durch die Konfession bestimmt: der Katholizismus durch Latein, der Islam durch Arabisch, die orthodoxe Kirche der Völker des Nordens durch Altkirchenslawisch. <...>. <...>; Latein war allgemein lediglich Schriftsprache, und kein Volk sprach es. Alle mittelalterlichen Schriftsteller, Dichter und Philosophen West- und Mitteleuropas schrieben auf Latein. <...>. In der Philosophie wurde das Latein erst in der Neuzeit aufgegeben. Diese Übergangszeit brachte viele zweisprachige Kulturschaffende hervor. Dante verfasste die „Göttliche Komödie“ auf Italienisch und die philosophische Abhandlung „Über die Monarchie“ auf Latein. F. Bacon und R. Descartes schrieben ihre philosophischen Abhandlungen in zwei Sprachen: für die wissenschaftliche Gemeinschaft auf Latein, für die Leser ihrer Heimat in ihrer Muttersprache“ (Genzelis 1980: 92). 84 Jonas Klimavičius | Lietuvių kalba ir visuomenė:... Eine weitere Welle entstand durch lingua franca („(ital. lingua franca – Sprache der Franken, westgermanischer Stämme, die später die Grundlage der Bevölkerung Westdeutschlands und Ostfrankreichs bildeten; im übertragenen Sinn – Sprache der europäischen Christen)“; genauer: 1. „Eine Mischsprache, ein Pidgin. Ihre Grundlage ist die italienische Sprache, vermischt mit Provenzalisch, Spanisch, Portugiesisch sowie auch Französisch, Griechisch und Arabisch. Sie wurde vom 11. bis zum 19. Jahrhundert im Mittelmeerraum, vor allem in Nordafrika (dem heutigen Marokko, Algerien, Tunesien und Libyen, d. h. den Ländern des Maghreb), von Juden und Kaufleuten, die verschiedene Sprachen sprachen, als internationale Handelssprache verwendet; ebenso von Piraten, Gefangenen, Galeerensklaven, Häftlingen und Einwanderern aus Europa. Bekannt ist auch die synonyme Bezeichnung sabiras („ich weiß“; frz. savoir, span. saber); <…>“, später verallgemeinert als 2. „Beliebige Kommunikationssprache zwischen Menschen mit unterschiedlichen Muttersprachen, sofern sie nur eine einzige Sprachfunktion erfüllt – die eines Kommunikationsmittels. Sie ist die Sprache des angesehensten, einflussreichsten oder wirtschaftlich mächtigsten Volkes (der ethnischen Gruppe, Gemeinschaft) eines bestimmten Landes oder einer Region. Sie wird gewöhnlich im Handel verwendet, kann aber auch Kultur- (z. B. Latein) oder Diplomatensprache (z. B. Französisch) sein. Im 20. Jahrhundert begann man, eine solche Sprache auch als international oder global zu bezeichnen (z. B. International English, Global English, Globish) [auch 4. „speziell geschaffene künstliche Sprachen für die internationale Kommunikation“ (Volapük, Esperanto, Latino sine flexione, Ido (reformiertes Esperanto), Occidental, Novial, Interlingua 2 u. a.)] (VLE XIII 2008, Laima Kalėdienė). Hier wird das Wesen von lingua franca sehr treffend hervorgehoben – sie erfüllt lediglich die Kommunikationsfunktion. Wohl auch bedauerlicherweise wird genau diese – die bloße Kommunikationsfunktion – auf Sprache im Allgemeinen übertragen: „Die Auffassung des Kommunikationsmittels als eines Mittels, das der Gesellschaft dient, ist zu eng“, denn „die Entstehung der Gesellschaft setzt dieses Mittel als soziales Produkt, als kollektives Schaffen voraus, das untrennbar mit der sprachlichen Tätigkeit des einzelnen Individuums verbunden ist“ (Лукшите 1981: 164). Bisweilen taucht in Sprachdefinitionen fälschlich nur diese eine Funktion auf. Oder man beginnt etwas unbedacht damit: Sprache – 1. „Ein System von Zeichen (oder Symbolen), das zur zwischenmenschlichen Kommunikation verwendet wird, die Fähigkeit, es als Informationsmittel zu nutzen“; erst danach heißt es: „Sprache ist ein individuelles und gesellschaftliches Phänomen: ein Mittel der menschlichen Kommunikation und zugleich des Denkens, des Ausdrucks und des Schaffens des Einzelnen, d. h. sie erfüllt sowohl gesellschaftliche als auch kognitive Funktionen. <…> – als sozialer Natur ist ∆ zugleich ein Phänomen kognitiver und gnoseologischer Art. – – –“ (VLE IX 2006, Axel Holvoet). Noch weiter geht in Litauen die ansonsten nach wie vor scheue Ethnolinguistik, anthropologische Linguistik, Kulturlinguistik (sie fehlt ebenso wie die Psycholinguistik noch in LKENc 1999 und 2008, während die Soziolinguistik dort vertreten ist) – „ein Zweig der Sprachwissenschaft, der die Beziehungen zwischen einer Sprache und der Kultur der Gemeinschaft, die sie verwendet, insbesondere der Gruppenmentalität und dem traditionellen Verhalten, untersucht. – Terminologija | 2008 | 15 85 wissenschaftlicher Zweig, der die Beziehungen der Sprache zur Kultur der sie verwendenden Gemeinschaft untersucht, besonders zur Gruppenmentalität und zum traditionellen Verhalten. <...>. <...>. Sie verankert die von der Gesellschaft anerkannte Erkenntnis der Wirklichkeit und eine besondere Weltanschauung. Zugleich ermöglicht die Sprache, Kultur zu analysieren, zu klassifizieren und zu interpretieren und die Erinnerung der Gemeinschaft an ihre Vergangenheit zu bewahren, <...>. – – –“ (VLE V 2004, Vincas Urbutis). Grundlage der Ethnolinguistik ist die Sapir-Whorf-Hypothese von E. Sapir und B. L. Whorf, „die aus zwei Prinzipien besteht: dem linguistischen Determinismus (unsere Sprache bestimmt unser Denken) und der linguistischen Relativität (bestimmte Merkmale einer Sprache finden sich nicht in anderen Sprachen)“ (Crystal 2005: 60). In weiterem Sinne wird Sprache als Grundlage der Kultur und Bedingung ihrer Entwicklung gesehen, als Fixierung des Kulturinhalts; man erkennt, wie sich ein Volk in der Sprache zeigt und wie eigentümlich und relativ das Weltbild einer Nationalsprache ist – nicht ein Abbild der Wirklichkeit, sondern deren Interpretation (Gudavičius 2000: 7, 8, 10, 11), auch wenn es sich dabei nur um „Relativismus innerhalb bestimmter Grenzen des Universalismus“ handeln sollte (Gudavičius 2000: 43). Somit ist „Gegenstand der Ethnolinguistik das Volk in der Sprache, der Widerschein des mentalen und geistigen Lebens des Volkes in der Sprache, denn Sprache ist eines der wesentlichen Merkmale eines Volkes“ (Gudavičius 2000: 10). Selbst die „Isomorphie der Struktur und funktionalen Gesetzmäßigkeiten“ von Sprache und Kultur wird aufgezeigt (Gudavičius 2000: 40). Die Muttersprache ist ihrer Natur nach national, und das Erwachen der Nationalliteraturen festigte die Nationalsprachen. „<...>, unter dem Einfluss der Ideen der Aufklärung rückten die Staatssprachen in den Vordergrund“ (Genzelis 1980: 93). „Der Ursprung der Völker liegt in den Sprachen“ (Crystal 2005: 48), und der Staat ist Sprache: „In Anlehnung an Ludwig XIV. behauptet Pluche [1751], dass l’etat c’est la langue“ (Eco 2001: 310). Zwar gibt es vielleicht etwas mehr Staats- oder Amtssprachen als Staaten, doch sind es um ein Vielfaches weniger als Sprachen insgesamt. Nichtstaatliche Sprachen sind nicht geschützt, aber deshalb nicht wertlos. In Einar Haugens Aufsatzsammlung von 1971 The ecology of language wurde ökologisches Denken auch auf Sprache angewandt: So wie „es die Aufgabe der Humanökologie ist, die Struktur menschlicher Gemeinschaften mit ihrer Umwelt in Verbindung zu bringen“ (Crystal 2005: 13), so wird die Sprachökologie als Beziehung zwischen Sprache und ihrer Umwelt beschrieben, als Verbindung des gemeinsamen Bewusstseins der Sprachverwender mit der sozialen und natürlichen Umwelt (Crystal 2005: 104). Ökolinguistik (Crystal 2005: 9), oder „grüne Linguistik“ (Crystal 2005: 39), richtet sich zwangsläufig auf die präventive Linguistik oder Perilinguistik (Crystal 2005: 93), ja sogar auf die klinische Linguistik (Crystal 2005: 150). Es gibt lebende und tote (ausgestorbene) Sprachen. Der Erhalt oder Verlust der Muttersprache, seltener ihre Wiedergewinnung, das Sprachensterben und, selten, die Wiederbelebung von Sprachen reichen über die Grenzen der Sprachwissenschaft hinaus. Die litauische Sprache 86 Jonas Klimavičius | Lietuvių kalba ir visuomenė:... hat eine tote Schwester – die prußische Sprache. Das Verbreitungsgebiet des Litauischen selbst ist im Westen und besonders im Südosten geschrumpft; die am Rand verbliebenen Sprachinseln sind für Linguisten eine noch lebendige Troja, doch ihr Leben ist bedroht. Nach vielen Jahrhunderten, in denen eine unbekannte Zahl von Sprachen verschwand oder ausgelöscht wurde, wurde Ende des 20. Jahrhunderts – noch bevor die Zahl aller lebenden Sprachen der Welt genau ermittelt war (3000, 6000 oder 6900–7000) – vor der Gefahr einer ökologischen Sprachkatastrophe gewarnt (nur jede zehnte Sprache werde überleben); 1996 wurde die Allgemeine Erklärung der Sprachrechte von Barcelona verkündet (Crystal 2005: 97). Sprachen sterben nicht, weil sie krank werden oder altern; nur selten sterben sie, weil alle oder die meisten ihrer Sprecher verschwinden oder umkommen, sondern aufgrund kultureller Assimilation. Der Mechanismus ist einfach und wirkt manchmal ziemlich schnell: „Es gibt drei große Phasen. Kennzeichnend für die erste ist der enorme Druck auf die Menschen, die dominante Sprache zu sprechen. <…>. Sie kann ‚von oben nach unten‘ erfolgen, <…>; oder ‚von unten‘, – – – (Crystal 2005: 84). Übrigens kann Druck von oben Widerstand hervorrufen, während Druck von unten – materieller Wohlstand oder kulturelle Überlegenheit – sogar leichter assimilieren kann. Die zweite Phase ist die Zweisprachigkeit, die schließlich zu Folgendem führt: „Innerhalb einer Generation, manchmal sogar in nur einem Jahrzehnt, geht eine florierende Zweisprachigkeit unmerklich in bewusstes Halbsprachigsein (self-conscious semilingualism) und dann in Einsprachigkeit über“ (Crystal 2005: 85). Selbstverständlich sind in diesem Mechanismus nur die Sprecher der assimilierten Sprache zweisprachig: „Während der langen Jahrhunderte ihrer kulturellen Vorherrschaft hat sich in der Denkweise der Einsprachigen die Auffassung herausgebildet, dass die anderen ihre Sprache lernen müssen, während sie selbst keine anderen Sprachen benötigen. Es wurde festgestellt, dass Einsprachigkeit und eine einsprachige Haltung bei Völkern anzutreffen sind, die einst viele Kolonien besaßen und religiöse Expansion betrieben“ (Crystal 2005: 51). „Die Einsprachigkeit wurde schlicht als Teil einer langen kolonialen Tradition zu einer gewöhnlichen Lebensweise“ (Crystal 2005: 85). Deshalb sagt D. Crystal: „<…> der Begriff Vorherrschaft muss verschwinden“ (Crystal 2005: 86). Die Welt ist von Natur aus mehrsprachig und darin liegt der Schlüssel zu ihrem Erfolg: „Wir haben den Planeten gerade deshalb besiedelt, weil wir verschiedene Kulturen schaffen konnten, die sich an unterschiedliche Umgebungen anpassen“ (Crystal 2005: 40). „Der Verlust der Vielfalt in der Sprachwelt ist wahrscheinlich ein größerer Verlust als der Rückgang der Vielfalt in der biologischen Welt, denn die Struktur der Sprache bezeugt die intellektuellen Fähigkeiten des Menschen (Komitee für bedrohte Sprachen und ihren Schutz 1984: 5)“ (Crystal 2005: 41). Am wichtigsten ist, dass ein Teil des lingualen Erbes der Menschheit verloren geht: „Die gesamte Weisheit der Menschheit findet sich in keiner einzigen Sprache, und keine Sprache kann das gesamte Wissen der Menschheit vermitteln“ (Crystal 2005: 58). Eine sterbende Sprache wird aus der Vergangenheit getilgt, Menschen verlieren ihre persönliche Geschichte, ein Volk verliert sein Herz (Crystal 2005: 48, 41, 43). Terminologija | 2008 | 15 87 D. Crystal zufolge gibt es zwei Auffassungen von Sprache als Teil der Kultur: „Sprache ist ein obligatorisches Merkmal der nationalen Identität“ und „ein nicht obligatorisches Merkmal der nationalen Identität“ (Crystal 2005: 125, 126). Darüber streiten auch die Anhänger der zweiten Auffassung: „<...>, in Wales wird heftig darüber diskutiert, ob man Waliser sein kann, ohne Walisisch zu sprechen“ (Crystal 2005: 46). Mehr als offensichtlich ist, dass die zweite Auffassung auf sehr wenigen Beispielen beruht, wenn nicht auf Ausnahmen – unglücklichen, nur mitunter erträglichen. Auf tragische Weise ist offensichtlich, dass mit dem Aussterben des Preußischen auch das preußische Volk verschwand und dass, nachdem die litauischen Großgrundbesitzer und der Adel massenhaft die polnische Sprache übernommen hatten, dieser Stand im litauischen Volk nicht mehr vertreten war, sondern nur noch einzelne wenige Angehörige übrig blieben; deshalb bauten im 20. Jahrhundert Auswanderer aus dem einfachen Volk Litauen wieder auf und schufen die moderne litauische Nation. Ich bezweifle, dass es Sache der Linguisten ist zu entscheiden, welche Sprachen aussterben sollten. Erstens weiß das niemand genau (vielleicht sterben die großen Sprachen aus und kleine bleiben in abgelegenen Dschungeln erhalten); zweitens wäre es nicht besser, darüber zu sprechen, wie Sprachen überleben können? Die Litauische Literarische Gesellschaft (Litauische literarische Gesellschaft), die sich 1879 in Tilsit zusammengefunden und das Ziel verkündet hatte, das Erbe der Sprache und Kultur eines aussterbenden Volkes zu sammeln, wurde als Totengräbergesellschaft verspottet (Zemlickas, Kaunas 2008: 3 9). Vielleicht würde es den Linguisten genügen, eines zu sagen: Sprachen mit dem Status einer Staats- oder Amtssprache entwickeln alle möglichen Funktionen und Stile; jene, die über Schrift, Literatur und eine Schule verfügen, haben eine Zukunft, funktionieren aber schwächer und in einem engeren Bereich; Sprachen ohne Schrift, Literatur oder Schule bleiben auf dem Niveau gesprochener Sprachen, auch wenn ihre Zukunft lange dauern kann. Eine Welt ohne die Vorherrschaft nationaler Sprachen gibt es zwar, doch ist sie anders, aber ebenfalls zweisprachig: „Eine Welt, in der die Menschen mindestens zwei Sprachen sprechen – die Sprache ihres Volkes und eine internationale lingua franca – ist durchaus möglich und (...) wünschenswert. Zwei Sprachen – zwei unterschiedliche Ziele. Die eine, um die Identität zu bewahren, die andere, damit man verstanden wird. Diese Ziele widersprechen einander nicht“ (Crystal 2005: 37). Die Wirklichkeit ist jedoch weit von den Möglichkeiten und Erfordernissen entfernt. Auch die subtraktive Zweisprachigkeit besteht fort. Obwohl „die Hälfte der Menschen auf der Welt mindestens zwei Sprachen spricht“ (Crystal 2005: 51), „beherrschen in der gesamten EU 47,3 Prozent der Menschen keine Fremdsprache“ und „zwei Drittel der Briten beherrschen keine Fremdsprache“, während „es in Luxemburg nur 2,2 Prozent solcher Menschen gibt, in Dänemark 12,3 Prozent“ (TautGyvY 2008: 49 29). Das Ideal der Europäischen Union – die Beherrschung zweier Fremdsprachen – liegt im Nebel der Erklärungen, sofern es nicht überhaupt nur eine Fata Morgana ist. Der Chefredakteur des UNESCO-Kuriers Eduardo Glissans Einschätzung der interlingualen Verständigung lautet: „То, что человек говорит на своем языке, не исключает его способности понимать других людей и ценить их культуры...“ und seine Formel: „Я говорю с тобой на твоем языке, 88 Jonas Klimavičius | Lietuvių kalba ir visuomenė:... но понимаю тебя на своем“ (Глиссан 1983: 8 9) tam tikrais atvejais galėtų būti dar pagerinta – kalbu su tavimi savo kalba, tave klausau tavo kalba: „Daugiakalbė Europa – <...> tai žemynas, kuriame žmonės galėtų susitikti ir kalbėtis kiekvienas savo kalba ir suprasti kito kalbą“ (Eco 2001: 320). Tai būtų visiška bendravimo lygybė. 4. Über Verwendung, Funktionen und Veränderungen des Systems der litauischen Sprache wird viel und an vielen Stellen gesprochen (nicht nur in der Sprachwissenschaft). In der Theorie der litauischen Sprachwissenschaft heißt es ausdrücklich, dass „Sprache ein polyfunktionales Phänomen ist“ (Karaliūnas 1997: 119) und „Tradition, ein Kulturphänomen“ (Karaliūnas 1997: 48). Erklärt wird auch eine seit Langem bestehende und inzwischen tief verwurzelte Abweichung: „Die Auffassung, dass Sprache das wichtigste Kommunikationsmittel ist, setzte sich in der europäischen linguistischen Tradition <...> um 1930 <...> durch. <...>. Die Untersuchung der Sprachfunktionen ging damals aus der Zuständigkeit der Psychologie in die der Linguistik über. Nachdem Sprache als Kommunikationsmittel anerkannt worden war, verfiel man in das andere Extrem: Die kommunikative Rolle der Sprache wird übertrieben und verabsolutiert, die kommunikative Funktion gilt als die einzige Sprachfunktion“ (Karaliūnas 1997: 109). Manche meinen sogar, „Sprache sei ein monofunktionales Phänomen und alle anderen Verwendungszwecke der Sprache seien Ausdruck der kommunikativen Funktion“ (Karaliūnas 1997: 109). Doch „die kommunikative Sprachfunktion selbst hängt, wie es scheint, von anderen Funktionen ab, die Sprache erfüllt, zum Beispiel von der bezeichnenden und der repräsentativen. Um jemandem etwas sagen, mitteilen zu können, muss man es zunächst bezeichnen, benennen“ (Karaliūnas 1997: 110). Diese beiden Funktionen hängen zusammen: „<...> Darstellungsfunktion ist sowohl als kommunikative als auch als repräsentative (referentielle Funktion nach R. Jakobson) zu verstehen. <...>. In der wissenschaftlichen Literatur zu dieser Frage werden die kommunikativen und repräsentativen Sprachfunktionen sehr häufig nicht streng voneinander unterschieden und gemeinsam als symbolische Sprachfunktion bezeichnet“ (Karaliūnas 1997: 134). Dass „eine wesentliche Eigenschaft der menschlichen Sprache die Repräsentation ist“, zeigt sich auch daran, dass „es in der tierischen Kommunikation Expression und Appell, aber keine Repräsentation gibt“ (Karaliūnas 1997: 190). S. Karaliūno dar skiriama etninė kalbos funkcija (Karaliūnas 1997: 159) – tapatinamoji-vienijamoji, tautinio atribojimo, tautinės individualybės, kalbos tautinio priklausymo funkcija (Karaliūnas 1997: 163, 164). Nors „bendroji tautos kalba ir kalba, kaip etninio priklausymo reiškėja, yra skirtingi dalykai“, bet tik gana retais atvejais „vartojamoji kalba ir kalba – etnoso reiškėja – nesutampa“ (Karaliūnas 1997: 164) ir pastarosios „netekimas laikomas pirmąja tautybės praradimo pakopa“ (Karaliūnas 1997: 168). Terminologija | 2008 | 15 89 Die Dualität der Beziehungen zwischen Sprache und Gesellschaft ist offensichtlich: „Nicht die Sprachpfleger, sondern die Gesellschaft entscheidet über den Erfolg der Umsetzung von Sprachpflege, auch wenn es ohne Erstere keine planmäßige Sprachpflege gäbe, sondern nur die natürliche Sprachentwicklung“ (Grumadienė 1996: 13). Hier geht es allerdings nicht um eine Dualität, sondern um ein schlicht zweideutiges Verständnis der Gesellschaft selbst: „Derzeit orientieren sich viele Sprachpfleger traditionell an einem abstrakten Sprecher der Standardsprache, doch die Gesellschaft ist nicht homogen“ (Grumadienė 1996: 13). Allerdings verwendet nicht die gesamte heterogene Gesellschaft die Standardsprache, sondern nur ein Teil von ihr – die gebildete Schicht, die selbst ebenfalls nicht homogen ist. Außerdem ist der große Teil der Gesellschaft, der die Standardsprache nicht verwendet, meist ein ihr abträglicher, manchmal sogar entgegenwirkender Faktor. Nicht ohne Grund wird festgestellt: „die allgemeine Einstellung der Gesellschaft und der Mangel an Sprachbildung“ seien „ein Faktor, der das Ziel begründet, das Sprachbewusstsein der Gesellschaft zu fördern“ (Miliūnaitė 2006: 63). Bereits 1994 stellte Pranas Kniūkšta eine Verschlechterung des sprachlichen Zustands der Gesellschaft fest: „Das durch Zweisprachigkeit ausgehöhlte Fundament, die zerrüttete Disziplin und die opportunistische Verunreinigung der Sprache haben den heutigen Sprachgebrauch durcheinandergebracht und herabgesetzt“ (Kniūkšta 2001²: 199). „Die Sprachkultur der Gesellschaft verbessert sich bisher kaum“ (Mikulėnienė 1998: 8). Rita Miliūnaitė entkräftet den Mythos von der natürlichen Sprachentwicklung, den manche Journalisten und Kulturwissenschaftler der Gesellschaft und sogar einigen Linguisten einreden, und sagt: „Wenn wir die Standardsprache des letzten Jahrzehnts betrachten, könnten wir nicht sagen, dass sie sich auf natürliche Weise verändert: Der Einfluss anderer Sprachen ist sehr stark“ (Miliūnaitė 2006: 166). Differenzierter ausgedrückt kann man sagen, dass sich der Einfluss des Russischen verändert hat – er ist nicht mehr äußerlich, sondern innerlich und von Trägheit geprägt; der Einfluss des Englischen geht hingegen eher von uns selbst aus – von der Anglophonie der Litauer – und kommt ebenfalls nicht von oben, sondern von unten, von der mangelhaften Form des Englischen, oft nicht von der Sprache der Engländer selbst. Nicht an einen abstrakten Sprecher der Standardsprache, sondern an ganz konkrete Nichtsprecher oder Verderber derselben wendet sich Albertas Rosinas mit der Frage Wird der Staat die Staatssprache verteidigen?: „Verfechter von Halbsprachigkeit und mangelnder Schriftsprachlichkeit sind nicht nur Beamte aller Ebenen, zahlreiche Journalisten, Wissenschaftler und Lehrende, sondern auch ein Teil der Leiter neuer Verlage, die unverantwortlich alte, in schlechter Sprache verfasste und neue, nicht redigierte Publikationen herausbringen, <…>“ (Rosinas 1992: 2 28). Hier kann man sich erneut daran erinnern, dass der Staat Sprache ist: „Wenn der Staat seine Staatssprache nicht vor der Willkür der Schriftunkundigen und Halbsprachigen schützt, ist er des Staatsnamens nicht würdig“ (Rosinas 1992: 2 8). Nach der Wiederherstellung der Unabhängigkeit erinnerte man sich an Der rechtliche Schutz der Staatssprache in den Jahren 1918–1940: „Der Staat verlangte durch das Pressegesetz (1935) von 90 Jonas Klimavičius | Lietuvių kalba ir visuomenė:... die Beschäftigten der Presse dazu anzuhalten, die Eigenart der litauischen Sprache zu bewahren und sich um ihre Lebendigkeit und Korrektheit zu kümmern“ (Rosinas 1998: 10). Man bemüht sich, die theoretische Grundlage der Sprachpflege zu festigen und auszubauen – vor allem, „die allgemeine Theorie der Sprachförderung konstruktiv weiterzuentwickeln, unter Berücksichtigung der Bedingungen des Gebrauchs der litauischen Standardsprache und der Bedürfnisse der Gesellschaft und unter Verzicht auf eine defensive Taktik (...)“ (Rosinas 1996: 6). Natürlich wird auf die Verteidigung der Sprache nicht vollständig verzichtet – die Staatliche Kommission für die litauische Sprache (VLKK) reagiert verwaltungsmäßig auf Verletzungen der Rechte der litauischen Sprache, während die Hauptfunktion der Sprachinspektion gerade eine verteidigende, schützende ist. Die theoretische Grundlage könnte durch die Sprachkritik erweitert werden, die in der Nachkriegszeit in Westeuropa populär wurde und zweigleisig ist – philosophisch wie auch stilistisch oder textbezogen – sowie auf Normen und auf den nicht hinreichenden Sprachgebrauch gerichtet (Rosinas 1996: 4–5). In Litauen gibt es sie jedoch zumindest unter dieser Bezeichnung nicht; selbst der Theoretiker A. Pupkis (2005) erwähnt sie nicht. Insgesamt ist das Niveau konstruktiver Kritik in Litauen niedrig. Obwohl der VLKK „die staatlichen Bereiche der Sprachpflege anvertraut sind: der wissenschaftliche (normative), der administrative und der rechtliche“, und obwohl „Sprachverwaltung sowohl den Sprachgebrauch als auch den Gebrauch der Sprache (der Sprachen) umfasst“ (Mikulėnienė 1996: 18), „...ist bei der Umsetzung des Sprachstatus de fakto noch nicht alles getan worden“. Deshalb wurde die Regierung gebeten, die Voraussetzungen für die Umsetzung der im Gesetz über Wissenschaft und Studium dargelegten Bestimmung zu schaffen: „Der Staat erkennt stets den Vorrang der Grundlagenforschung zur litauischen Sprache an“ (Rezoliucija 1996: 242 3). Die Kommission selbst kümmert sich offenbar stärker um die Sprachpflege (mit Bronys Savukynas’ Begriff: Sprachregelung), um deren Ziele, Strategie und theoretische Grundlagen (Kniūkšta 1995: 3–5), auch wenn diese nicht ganz neu sind: „Systematik ermöglicht es, sprachliche Phänomene gleichsam von innen, aus rein sprachlicher Sicht, zu beurteilen, Zweckmäßigkeit dagegen von außen, aus gesellschaftlicher Sicht“ (Kniūkšta 1996: 15). Neuer ist die institutionalisierte – administrative – Sprachpflege, doch sie hat auch eine Kehrseite: „Die Tätigkeit der Kommission ist nicht das Gegenteil einer einfachen Sprachpflege, <...>. Andererseits aber wird die Sprachpflege in ein Korsett aus Vorschriften und Bürokratismus gezwängt; nicht nur die Gesellschaft, sondern auch ein beträchtlicher Teil der Sprachwissenschaftler wird von ihr ferngehalten“ (Kniūkšta 2001: 7). Eine gute grundlegende Maßnahme wurde administrativ eingeführt: „Seit 1996 ist an allen Hochschulen, höheren Schulen und Berufsschulen ein obligatorischer Kurs in Sprachkultur und Fachsprache vorgesehen (...)“ (Mikulėnienė 1998: 8). Nun möchte man diesen Gegenstand überarbeiten und festschreiben und darüber hinaus noch mehr erreichen: „Im Masterstudium wäre ein nach einem eigenen Programm angebotener Kurs zu den Grundlagen der Terminologie angemessen, <...>“ (Akelaitis 2008: 12 5). Für die weiterführende Schule werden gute Ziele gesetzt – „1) das Verständnis der Sprache als Wert des Volkes zu vermitteln, 2) den Schülern den Zweck und die Funktionen der Standardsprache zu erklären, Terminologija | 2008 | 15 91 3) die Motivation zum Erlernen der Standardsprache zu fördern, 4) das Vertrauen der Schüler in ihre Muttersprache und deren schöpferische Kräfte zu stärken“ (Miliūnaitė 2006: 63). Doch wie soll das geschehen, wenn „im Litauischunterricht an allgemeinbildenden Schulen keine systematische Sprachkultur mehr vermittelt wird“ (Akelaitis 2008: 12 4)? Das Gesamtbild neuer Sprachphänomene und auch eines neuen Verständnisses bereits bekannter Sachverhalte ist bislang recht oberflächlich, fragmentarisch und lückenhaft. Die zusammenfassenden Schlussfolgerungen dreier bedeutender Sprachwissenschaftler, die zu unterschiedlichen Zeiten gezogen wurden, sind jedoch sehr klar, sehr ähnlich und sehr traurig: „Der Stamm unserer Muttersprache kracht schmerzlich und bedrohlich“ (Ambrazas 1990: 2 6). „Die Staatssprache ringt kaum noch nach Atem“ (Vitkauskas 2008: 17 7). Dem dritten erscheinen „direkte Predigten“ und „Appelle an das Schamgefühl des Sprechers oder Schreibers“ völlig wirkungslos; es bleibt nur Ironie (Rosinas 2005: 3). Wenn klarere Zusammenhänge zwischen Sprachwandel und konkreten Faktoren und Ursachen fehlen, können wohl kaum präzisere Empfehlungen dazu entstehen, wie Veränderungen – insbesondere unerwünschte (die das System verletzen und Ähnliches) – angemessen zu regulieren sind. Vorherrschend ist das Gebot „man muss“, nicht aber Handlungsorientierung – wie. Weitreichende Projekte zur Sprachverwendung und Sprachförderung sind leichter zu erkennen (und aufzuzeigen), obwohl sie oft ganz gewöhnlich sind. Man kann behaupten, dass sich die litauische Sprache polarisiert: Eine noch breite, aber immer dünnere Schicht der vollkommenen Standardsprache bleibt bestehen (wird aber wohl kaum stärker), während sich eine ziemlich aggressive Schicht von Slang und die Verslangung der Standardsprache selbst ausbreiten. Der aufgebrachten Rezensentin reichten die Mittel der Standardsprache nicht aus, um das schlechte Slang-Wörterbuch zu beurteilen (Zaikauskas 2007); sie griff beherzt zu einem derb-sexistischen Slangausdruck (Mataitytė 2007: 28), der in gemischter Gesellschaft unzulässig ist. Was soll man erwarten – die Liebe zum Slang ist alt: „Marija Mašiotaitė-Urbšienė schildert in ihren Erinnerungen anschaulich, dass es im zwischenkriegszeitlichen Kaunas Mode war, in einem gemischten russisch-litauischen Slang zu sprechen – und zwar nicht in einfachen Kreisen, sondern im Umfeld der höchsten Regierungsschicht!“ (Sakalavičiūtė 2007: 8–9 398). Die litauische Sprache wird tatsächlich schlechter und vulgärer: „Am stärksten gefährdet sind die komplexen, subtilen und ausdrucksstarken Sprachphänomene. Sie können als Erste, <...>, der Konkurrenz primitiverer Konstruktionen und gröberer Erscheinungen nicht standhalten“ (Piročkinas 2004¹: 8 4). Der Grundsatz des staatlichen Schutzes der litauischen Sprache wird verwirklicht, allerdings nicht ganz konsequent. Zugleich versucht sich eine alternative „Theorie“ der Sprache durchzusetzen, gestützt auf das Pseudoprinzip Man kann vieles korrigieren, aber... Das heißt: Korrigieren wir, soweit es erlaubt ist und keinen Widerstand hervorruft. Der Normierung fehlt es sehr an Systematik; viele Entscheidungen erfolgen ad hoc. Man ist erstaunt – erfreut, aber auch misstrauisch – über die Haltung des neuen Kulturministers Remigijus Vilkaitis: „Die korrekte litauische Sprache muss 92 Jonas Klimavičius | Lietuvių kalba ir visuomenė:... im öffentlichen Raum, in staatlichen Einrichtungen und in Schulen dominieren“ (Vd 2008 48 20). Wird man das Versprechen halten? Das Verhältnis der Gesellschaft zur Sprache ist ein sehr weites Thema. Beginnen könnte man mit einer Verallgemeinerung: „So entsteht eine Art Schere: Sprachwissenschaftler schreiben immer mehr über Sprachkultur und geben immer mehr Ratschläge, während die Gesellschaft diese Ratschläge immer weniger befolgt“ (Piročkinas 20042: 9 7). Diese Verallgemeinerung bedarf einer erheblichen Präzisierung – die Sache ist vielschichtig und nicht so, wie sie sein sollte. Ein Teil der Sprachwissenschaftler schreibt nur Theorien (ziemlich kompilatorische), ohne irgendwelche Ratschläge zu geben; sie arbeiten nur mit weißen Handschuhen und machen sich mit konkreten Korrekturen nicht die Finger schmutzig. Die breitere Öffentlichkeit erhält Ratschläge eher nicht unmittelbar – aus Artikeln und Aufsätzen von Sprachwissenschaftlern in Kalbos kultūra, Terminologija, Gimtoji kalba und Gimtasis žodis –, sondern über Vermittler: Wörterbücher, Nachschlagewerke sowie Bücher und Büchlein mit Sprachratgebern. Wichtig wären hier auch die vermittelnden Personen – Sprachbeauftragte der Kommunen sowie Lektoren von Büchern, Medien, Ministerien usw. Doch muss man mit Entsetzen sowohl ihre unzureichende Zahl als auch ihre sprachliche Unfähigkeit, ja sogar ihre Disqualifizierung, Nachlässigkeit und Rechtlosigkeit feststellen. Ohne dieses wichtige Zwischenglied ist es nur ein Traum mit offenen Augen, die „gleichgültige Mehrheit“ der Gesellschaft in Bewegung zu bringen (Piročkinas 20042: 9 7)... Gewisse Vermittler sind auch die Beschäftigten für die litauische Sprache in Brüssel. Die Kanzlei des Seimas hat eine Konferenz veranstaltet: Lietuvių kalba Europos Sąjungos erdvėje (Urnėžiūtė 2008: 12 20–24). Doch die Stimmen von dort, wonach die litauische Sprache dadurch „Möglichkeiten gewinnt und sich für Veränderungen öffnet“ (Morkus 2008: 7–8 347), weil sie die Sprache und das Terminologiesystem f o r m e n (Morkus 2008: 7–8 348, 349), geben auch Anlass zu einiger Sorge. Das sprachliche Bewusstsein der Gesellschaft, genauer gesagt der Sprecher der Standardsprache oder jener, die es sein sollten, und die darauf beruhende Aktivität sind unzureichend. Dafür gibt es viel schlechte Aktivität und sogar Aggressivität. Zunächst aber sollte man sich an die unvergesslichen Worte von Jonas Basanavičius im Aušra von 1883, in der Priekalba, erinnern: „<...>: Litauen schwindet allmählich dahin, denn seine Sprache schwindet dahin“ (Basanavičius 1970: 695). Und man kann nicht behaupten, dass es heute überhaupt nicht mehr dahinschwindet. Auch Jonas Aistis sollte nicht vergessen werden. Er verteidigte sich einfallsreich wegen seines Pseudonyms Kossu, griff jedoch alle Sprachwissenschaftler grob an und beleidigte sie; in seinen reifen Jahren gestand er: „Ich beherrsche meine Sprache nicht gut“ (Aistis 1991: 310), und schließlich sprach er eine große, aber schreckliche Wahrheit aus: „Ein Litauer verdreht sich nicht wegen zweier Dinge die Zunge: seiner Muttersprache und der Geschichte seines Volkes“ (Aistis 1991: 457). Sobald er aber anfängt, sich damit zu befassen, schreibt so mancher schrecklichen Unsinn. Am leichtfertigsten geschieht dies, wenn einem im Rücken Personen mit entsprechendem Status stehen Terminologija | 2008 | 15 9 3 die nur die klugen Westler sein können – dann braucht man nicht nachzudenken, zum Beispiel: „Tok Pisin ist die Amtssprache Papua-Neuguineas, bekannter unter dem Namen Pidgin English (vereinfachtes Englisch, Slang). Elemente des Englischen, Deutschen und Portugiesischen haben sich darin mit den Sprachen von 720 völlig verschiedenen, auf der Insel lebenden Bevölkerungsgruppen vermischt. Ausgehend von der freien Entwicklung dieser Sprache, die nicht durch akademische Grammatikregeln reguliert wird, <...>“ (Tok pisin 2003: 37 52). Das Lob des freien Pidgins wirkt wie ein Vorwurf gegen das von Sprachwissenschaftlern eingeschränkte Litauisch – wohlmeinende Unkenntnis, wie V. Bielinskis sagt. Was kümmert es, dass Bildungswillige weiter blicken: „<...> Das Buch tritt wieder zurück, die Sprache verarmt. Selbst die Briten, die eine große Tradition haben, beklagen sich, dass die Sprache ihrer Presse immer ärmer wird. Und die Boulevardzeitung mit der höchsten Auflage, „The Sun“, hat sogar ein spezielles Computerprogramm eingerichtet, das darauf achtet, dass der Text keine zu langen, acht Buchstaben umfassenden Wörter enthält. Sind es zu viele und gibt es zu wenige viersilbige Wörter, schickt der Computer den Text automatisch an den Autor zurück“ (Gadeikis 2005: 6 4). Manchmal gelingt es, aus bitterer Erfahrung selbst zur Besinnung zu kommen: „Mit den Spaniern über die Arbeit, erklären die Männer, verständigen wir uns ausgezeichnet. Die Filmsprache ist international, ein Wort hier, ein Wort in einer anderen Sprache... Doch wenn wir <...> versuchen, <...> über das Leben zu sprechen – Schluss, es geht nicht mehr. <...>“ (Vd 2005 3 57). Die Jüngsten halten die provinziellen Neulitauer für ihre Vorfahren; schon vor langer Zeit habe ich sie mit den unausgesprochenen, aber aus ihrem ganzen Hochmut gleichsam schwebenden Worten beschrieben: vor uns war die Sintflut, allenfalls vielleicht ein Greimas, aber keinesfalls ein Jablonskis. Bei einem Aufsatzwettbewerb für angehende, aber bereits schreibende Journalisten, den das Informationsbüro des Europäischen Parlaments veranstaltet hatte, fand das Thema Mehrsprachigkeit in der EU: Chance oder Bruch? das größte Interesse (Vd 2008 48 46). Sei’s drum, obwohl die alternative Formulierung eine dritte Möglichkeit offenbar ausschließt. Aber warum sollte eine Zeitschrift, die sich als Qualitätsmagazin ausgibt, obwohl sie bereits im Niedergang begriffen ist, kindische wohlmeinende Unkenntnis veröffentlichen, etwa: „<...> Man sollte verstehen, dass die Übernahme und Einbürgerung von Wörtern aus anderen Sprachen für unser Volk nützlich ist. Es ist aussichtslos, sie durch litauische Neubildungen zu ersetzen, die oft einfach absurd klingen“ (Vd 2008 48 47). Doch dieselbe Zeitschrift stellt zutreffend fest, dass selbst den Begabtesten und sogar den Polyglotten „die litauische Sprache Schwierigkeiten bereitet“, insbesondere der misslungene Gebrauch internationaler Wörter (Laurinėnaitė 2008: 15 49, 50). Liegt das nicht daran, dass das Ansehen der litauischen Sprache gering ist und sie – zusammen mit der Nationalität und dem Patriotismus – herabgesetzt wird? Und Sprachwissenschaftler werden bisweilen geradezu verprügelt. So geißelt die Journalistin Renata Baltrušaitytė genüsslich, wie Vytautas Petkevičius mit seinem kodėlčiukas „den Feind den Fachleuten erklärte“ und wie die „Kenner der litauischen Morphologie“ dem nicht standgehalten hätten (Vd 2008 51 52). D. Crystallo 94 Jonas Klimavičius | Lietuvių kalba ir visuomenė:... Die Übersetzung des Buches Kalbos mirtis weckt bei Dalia Zabielaitė keinerlei Assoziationen mit dem Schwinden oder der Zerstörung der litauischen Sprache, sondern nur eine erbitterte Gegenüberstellung: „Sie wird ein breiteres Feld von Sprachproblemen erschließen als jenes, in das der enge sprachwissenschaftliche Purismus der Lehre einsperrt“ (NŽA 2005 10 502). Die Sprachwissenschaftler niederschmetternde Kritik des Naujojo židinio–Aidai wird in den trübseligen Artikeln von Tomas Daugirdas auf unbeschreiblich seltsame Weise theoretisiert. Er beginnt beinahe vernünftig: „Was ist die litauische Sprache heute für uns: ein Bestandteil litauischer Identität, eines der Instrumente, das den Austausch von Gedanken und Informationen ermöglicht, oder eine Möglichkeit, Gedanken und Ausdruck zu kontrollieren?“ (Daugirdas 2004: 11 535). Über den Bestandteil der Identität sagt er anschließend kein Wort; ausführlich spricht er von einem „Mittel des Verhältnisses des Menschen zur Welt und zu einem anderen Menschen“ und einem „Instrument zum Übermitteln und Empfangen von Informationen“ (Daugirdas 2004: 11 535, 536). Das ganze Pathos des Artikels richtet sich gegen ein angeblich von irgendwem und auf irgendeine Weise geschaffenes Idol der litauischen Sprache; dagegen, dass die von Sprachwissenschaftlern angeblich geschaffene Sprache „als Wohnstatt der Wahrheit und Ausdruck des Wesens der Welt“ fungiere, obwohl „die Welt vielfältig und von unterschiedlicher Bedeutung oder bedeutungslos ist“; gegen die nur in den „Köpfen“ der Sprachwissenschaftler entstehende „Reinheit und Authentizität der litauischen Sprache“, gegen „allerlei erfundene Normen“, gegen Sprachwissenschaftler, die „für sich beanspruchen, Aufseher eines Sprachgefängnisses zu werden, in dem die heutige litauische Gesellschaft eingesperrt sein wird“, denn nach der Sowjetzeit seien „alle äußeren Bedrohungen“ der Sprache verschwunden, und jetzt... drohe der litauischen Sprache durch die Sprachwissenschaftler „eine weitere Entartung“, den Litauern aber ein Schicksal „ohne Stimme“ (Daugirdas 2004: 11 535–536). Man meint, irgendein kleinlicher, aber verantwortungsloser Schwätzer sei zu lesen, nicht aber „ein Monatsblatt für Religion, Kultur und Gesellschaft“ – weder elementare Kultur noch christliche Nächstenliebe... Am schlimmsten ist, wenn litauischen Sprachwissenschaftlern aus böser Absicht ganz konkrete, frei erfundene Dinge unterstellt werden, zum Beispiel: Sie hätten versucht, „die litauischen Warenzeichen ausländischer Firmen zu verbieten“ (Daugirdas 2004: 11 536). Der Autor tadelt angeblich von Sprachwissenschaftlern geschaffene Entsprechungen und Lehnübersetzungen (?!), doch sein Beispiel ist geradezu anekdotisch beleidigend: „Warum nennen wir einen Pädagogen auch heute nicht mit dem so genauen und schönen [?! – J. K.] vorgeschlagenen litauischen Äquivalent ‚vaikžiedys‘, das allerdings ein wenig an ‚vaikžudys‘ erinnert“ (Daugirdas 2004: 11 535). Wer hat das vorgeschlagen, und ist etwa jeder Vorschlagende schon Sprachwissenschaftler?! Jonas Varnauskas paklausė tiesiai – Ima šokas nuo gimtosios kalbos? (NŽA 2005: 3–4 140–141) ir ar čia taisomas išmaltas „bromininkų kelias“ (Varnauskas 2005: 3–4 140) – be „kontrolės“, be „kalėjimo“, tik vedantis į ištautėjimą. Doch Tomas Daugirdas gibt keine Ruhe – erneut schreibt er darüber, was zu tun sei, damit „die Sprache ein geeignetes und handliches Mittel“ sei (Daugirdas 2008: 1–2 8). Der Autor sinniert trübselig über die Computer-„Maus“, die keine Kabel annagt und deren äußere Gestalt erinnert Terminologija | 2008 | 15 9 5 wirklich, statt sich daran zu erinnern, wie beweglich und flink sie ist (da huscht das Mäuschen unter den Besen). Hier erinnert er auch an die von wem auch immer vorgeschlagenen Ersatzwörter für Maus – rodmuo und sprukelys, und das von irgendwelchen Sprachwissenschaftlern vorgeschlagene skreitininkas anstelle von Laptop, und dass „das von den Sprachwissenschaftlern [von welchen denn?! – J. K.] vorgeschlagene ‚vielbraukys‘ viel mehr aussagen würde <...> als ‚Oberleitungsbus‘ (Daugirdas 2008: 1–2 8). Er schrieb und schrieb sich heraus, jetzt schreibt er aus dem Hut... Und immer spuken Götzenbilder herum – mal die Sprache, mal der Patriotismus (Daugirdas 2005: 3–4 121–122). Er schreibt und schreibt und bringt es so weit, dass aus dem Sprachwissenschaftler ein Schreckgespenst wird. Dann vermittelt die Journalistin R. Baltrušaitytė – sie führt die Stereotype auf: 1) Die Gefahr für die litauische Sprache ist heute größer als in der Sowjetzeit, 2) am meisten verunstalten die Sprache die Jugend und der Jargon, 3) der Sprachwissenschaftler ist ein Schreckgespenst (Baltrušaitytė 2004: 7 46); sie setzt einen Kulturwissenschaftler (und Journalisten), einen Schriftsteller (und Juristen) zusammen und ihnen gegenüber zwei Sprachwissenschaftlerinnen, damit jene Stereotype widerlegt werden, damit die Ersteren alle Sprachwissenschaftler beschuldigen und die Letzteren – statt sie zu verteidigen – sich nur selbst rechtfertigen: nein, nicht wir beide, vielleicht war vor langer Zeit eine von uns eine schwarze „Pupkinistin“, aber beide hätten den „M y t h o s der Sprachpfleger, die eine s t r e n g e Auswahl nicht zulassen, zerstört“ (Baltrušaitytė 2004: 7 46). Ein trauriges Bild von allen: Für den einen ist Unkorrektheit nichts, Hauptsache, es gibt Bildhaftigkeit – aus Kleinstädten und Jargon; für ihn heißt es marketingas und nicht rinkodara, aber wenn es um Letzteres – rinkodara – geht, würde er selbst... grammatische Fehler verwenden (Savukynas 2004: 7 46, 47, 48); dem anderen, der russische Presse liest, scheint es als großem Experten immer noch, dass „sie viel weniger Angst vor allen möglichen Fremdwörtern haben“; daraus werde „keine Tragödie gemacht, vieles mit leichter Hand zugelassen“ – „dort versteht man, dass Sprache in erster Linie ein Kommunikationsmittel ist“ und dass „im Slang schöne litauische Wendungen entstehen“ (Puklevičius 2004: 7 46); für eine Sprachwissenschaftlerin sind die Sprachwissenschaftler der Sowjetzeit schuld, die „zwei Generationen die Lust am Litauischsprechen genommen haben“ [??!! – J. K.], während „Jargon nicht schlecht ist, man muss ihn nur entstehen lassen“; išdūrė sei „ein im gegebenen Kontext [für den Premierminister!] völlig zulässiges Wort“ [Savukynas lobt: „die Spitzen der Sprachwissenschaftler [d. h. die Sprachwissenschaftsfunktionäre] sind schon tolerant“ 47]; bambalis, „vor d r e i Jahren in S a m a i t e n gehört“ – sei bereits „ein Ausdruck der G e m e i n s p r a c h e“ (Smetonienė 2004: 7 47, 48); nur findet Savukynas ihn nicht, obwohl er „Wörterbücher aufschlägt“, und beide kommen nicht auf die Idee, das LKŽ zur Hand zu nehmen, wo es s c h o n l a n g e den nord-samogitischen bambalis gibt – 1. „ein Milchgefäß, <...>, eine Milchkanne“, 2. „ein Petroleumgefäß“. Und nur eine Sprachwissenschaftlerin wirft ein: „Die Öffentlichkeit interessiert sich nicht mehr für den Prozess der Sprachgestaltung“; „die Sprache ist auch deshalb wortarm, weil die Jugend nicht liest“, „ich werde stets denen widersprechen, die sagen, Litauisch sei für die moderne Welt ungeeignet und man könne sich damit nicht mehr verständigen“, „unsere Sprache können nur wir selbst sterben lassen – und niemand sonst“ (Vaišnienė 2004: 7 46, 48). Ist sie vielleicht schon ein kleines Schreckgespenst?.. 96 Jonas Klimavičius | Lietuvių kalba ir visuomenė:... Ir mokinys, pasak Smetonienės, ne prieš šimtą metų sukurtas (Okmanas 2004: 8 40), o vartotas jau ir K. Sirvydo, Krauzės žodyne, ir A. Juškos dainose (Drotvinas 2001: 113, 114, 115). Die Sprachwissenschaftler, die akademische Gemeinschaft überhaupt, werden seit Langem von einem extralinguistischen Krebsgeschwür zerfressen. Sie schweigen, während ein polnischer Kollege spricht: „Beim Zusammensitzen in einem Café gelingt es litauischen Sprachwissenschaftlern, viele Missstände in diesem Wissenschaftsbereich im Land aufzudecken, doch wird daraus keine gesellschaftlich bedeutsame Diskussion in der Presse. Das heißt, wir leben gewissermaßen in zwei Systemen – einem privaten und einem offiziellen. Für die Wissenschaft ist das nicht gut. <...>. <...>. Man kann nur zu folgendem Schluss kommen: Wer seine Meinung offen äußert, hat das Gefühl, seine wissenschaftliche Laufbahn aufs Spiel zu setzen. – – – Das ist eine bestimmte Form der Korruption, und darüber muss man die Wahrheit sagen“ (Smoczyński 2008: 13 5). Kommentare sind nicht nötig – es braucht Taten. Es gibt auch Anlass zu Optimismus, sogar Erfolge. Litauische Sprachwissenschaftler sowie Geistes- und Sozialwissenschaftler insgesamt wagen es, der antikulturellen Globalisierung die Stirn zu bieten, und sind erfolgreich. Ich werde zwei Erfolge erwähnen. Nach großen Anstrengungen und langen Kämpfen setzt sich die offenkundige Wahrheit durch, dass die wichtigste internationale (und einzige interne) Sprache der Litauenforschung Litauisch ist. Daher müssen wissenschaftliche Arbeiten der Litauenforschung, die sich in erster Linie an die Öffentlichkeit Litauens richten, nicht mehr obligatorisch auf Englisch veröffentlicht werden. Die internationale Datenbank dieser Wissenschaften, Lituanistika, wird auf Litauisch und – in den Zusammenfassungen – auf Englisch erstellt (das Projekt wird von zwei Frauen durchgeführt – Ingė Lukšaitė und Danguolė Mikulėnienė, und ich freue mich, dass meine moralischen Vorschüsse an das stärkere Geschlecht wenigstens in diesem Fall bestens gerechtfertigt sind). Hier ist auch der richtige Ort, daran zu erinnern: „Die Nation liegt in den Händen der Mutter“ (Aistis 1991: 160). Manchmal kann man sich darüber freuen, dass man von jemandem, der gar keine Sprachwissenschaftlerin ist, lernen kann, zu verstehen, was eine Norm ist: „<...>, unversehens können wir in die Gefahr geraten, eine statistische Tatsache als Ausgangspunkt für die Bestimmung einer Norm zu nehmen: <...>“, obwohl „die menschliche Norm auf dem beruht, was für den Menschen gut ist, was aus seiner Natur hervorgeht, über die die Anthropologie weit verlässlicher Auskunft gibt als statistische Daten“ (Laumenskaitė 2007: 11–12 550). Die personellen Ressourcen der Terminologen unter den Sprachwissenschaftlern sind unverhältnismäßig knapp. Es ist unvermeidlich, alle Fachrichtungen abzudecken. In der modernen Sprachwissenschaft sollten Terminologen ein Zehntel der Forschenden ausmachen. Doch die wissenschaftliche Zeitschrift Terminologija wird herausgegeben (14 Ausgaben sind erschienen) und ist seit Nr. XIII international (dreisprachig). Internationale Konferenzen werden veranstaltet. Dennoch ist ein deutlicher quantitativer Durchbruch zu erkennen. Ein gewisser Erfahrungsschatz hat sich angesammelt. Nachwuchs wächst heran. Mit Unterstützung der Staatlichen Kommission für die litauische Sprache und unter Förderung des Terminologiezentrums wird umfangreiche terminologische Arbeit geleistet. Terminologija | 2008 | 15 97 Die litauische Sprache und die schriftkundige Gesellschaft, die Sprachwissenschaft und die Terminologie befinden sich auf einem neuen Aufbruch und scheinen, an den Kreuzungen innezuhalten, sich einem Zustand zu nähern, der die Sprachwissenschaftler und die Gesellschaft zufriedenstellen könnte – einem halbwachen. Nur gilt es, die Natur zu überwinden, die „die Sterblichen, besonders die etwas Klügeren, mit der Neigung beschenkte, das Eigene zu verachten und das Fremde hochzuschätzen“ (Erasmus 1963: 45). SCHLUSSFOLGERUNGEN 1. Fragen des Sprachgebrauchs, des Sprachwandels, der Zukunft und sogar des Schicksals von Sprachen werden oft, aber sehr oberflächlich, mit der Globalisierung verknüpft; dabei wird immer häufiger ein anderes Wort bemüht – die Herausforderungen (Arnold Toynbee). Die Antworten klingen weniger eindrucksvoll, und häufig macht man sich nicht einmal die Mühe zu verstehen, was Globalisierung eigentlich ist. Ihre Entstehungsgeschichte und ihr Begriffsapparat erlauben es, auch kulturelle Globalisierung und darin die Globalisierung der Sprachen zu unterscheiden, das heißt globale Tendenzen des Sprachgebrauchs. Unterschieden werden ferner der Globalismus – die Ideologie der Globalisierung oder die Theorie einer planetarischen internationalen Politik – und der Antiglobalismus, dem es bislang an einer klareren und positiveren theoretischen Grundlage mangelt, während Protestaktionen, ja sogar terroristische Handlungen, übermäßig aggressiv sind. Somit ist die Globalisierung nur für den Sprachgebrauch ein ziemlich unmittelbarer Bedrohungsfaktor; für das Funktionieren und den Gebrauch der Sprache bildet sie einen ungünstigen Hintergrund. 2. Die gesamte Aufmerksamkeit ausschließlich auf die Auswirkungen einer unbestimmten Globalisierung zu richten, ist nicht nur wegen der Einseitigkeit sehr falsch, sondern auch, weil dabei andere, wichtigere und konkretere Faktoren vergessen oder verschwiegen werden. Davon gab und gibt es viele. Hinter dem Eisernen Vorhang blühten ungezügelt schädliche Erscheinungen des 20. Jahrhunderts, die ebenfalls als ungünstiger, irrationaler Hintergrund für die Sprache im Allgemeinen und für das Funktionieren konkreter Sprachen, insbesondere kleiner Sprachen, sowie als unmittelbare Faktoren zu unterscheiden sind: die Konsum- und Massengesellschaft, die Wegwerfzivilisation, Marketing, Werbung, Propaganda, Massenmedien und insbesondere die Kommerzialisierung des Fernsehens, Massenkultur, Drei-Minuten-Kultur, Mode, der Starkult sowie die Amerikanisierung der Kultur (Popmusik, Hollywoodfilme, Western, Serien, Thriller, Seifenopern,...). Der gemeinsame Nenner dieser Erscheinungen ist die Verflachung des Menschen und des Lebens, konkret auch die hölzerne Sprache. Von der sowjetischen antiamerikanischen Propaganda heftig bekämpft und im litauischen philosophischen Diskurs nur teilweise wissenschaftlich bewertet, strömten diese Erscheinungen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs mit Macht nach Litauen, dessen geistlich ausgehöhlt wirkender Bevölkerung leider alles aus dem Westen nur gut erschien. Zugleich erreichten uns aus dem Westen auch Wahrheiten über unser eigenes Leben im Reich des Bösen, die beinahe ein halbes Jahrhundert alt waren: Neusprech, Gedankenpolizei, Doppeldenk, Unterwerfung des Verstandes. Sie erreichten uns, wirkten sich aber nicht hinreichend aus. Die Desintegration des Reiches des Bösen, die Wiederherstellung der Unabhängigkeit Litauens – 98 Jonas Klimavičius | Lietuvių kalba ir visuomenė:... die Schaffung und die Verstaatlichung der litauischen Sprache, das nationale Wiedererwachen, die Demokratisierung der Gesellschaft und die Entstehung einer Zivilgesellschaft, die europäische und transatlantische Integration Litauens sowie die übertriebene, wenn auch nicht offizielle Anglisierung, ferner die Computerisierung und das Internet – all dies sind heute sehr konkrete Faktoren, deren Bedeutung für die nationale Identität und das Selbstbewusstsein, für Kultur und Sprache seit 20 Jahren deutlich ist und noch lange entscheidend und epochal sein wird. 3. Jede Sprache ist ethnisch oder national – eine Muttersprache. Unsere Muttersprache – das Litauische – hatte unter den Bedingungen einer mehrere Jahrhunderte währenden, durchgängigen subordinativen Zweisprachigkeit sehr viele Kontakte mit dem Polnischen – dieses hatte das gesamte litauischsprachige Gebiet geradezu überflutet. Nur ein Teil der Folgen wurde beseitigt, der größte Teil (und ein Teil des Sprachgebiets) ist unwiederbringlich verloren, obwohl diese Kontakte schon seit Langem nahezu abgebrochen sind. Zwei Jahrhunderte lang verrichtete das Russische im litauischsprachigen Gebiet eine ähnlich verheerende Arbeit. Nun hat die Epoche der Kontakte mit dem Englischen begonnen – das Sprachgebiet geht nicht verloren, doch ein Teil der Sprecher des Litauischen geht verloren. Deshalb empfiehlt es sich, diese imperialen, kolonialen und internationalen Sprachen kennenzulernen (auch als linguae francae) und zwar von innen heraus – so, wie sie von den Russen und Engländern selbst verstanden und bewertet werden. Wichtig ist, nicht zu vergessen, dass das Wesen der linguae francae allein in der Erfüllung der Kommunikationsfunktion liegt. Für das Leben und Fortbestehen einer Nationalsprache reicht das nicht aus – davon kann sie geradezu sterben. Die litauische Sprache hat eine tote Schwester – das Preußische; das Gebiet der litauischen Sprache ist sowohl im Westen als auch im Südosten geschrumpft und selbst innerhalb der Staatsgrenzen nicht zusammenhängend. Sprecher großer Sprachen können theoretisch darüber diskutieren, ob Sprache ein notwendiges oder nicht notwendiges Merkmal von Nationalität und Staatlichkeit ist. Ein Litauer kann hier nur von glücklichen oder unglücklichen (für sich selbst!) Ausnahmen sprechen. Gewiss ist nur die alte, nahezu allgemeingültige Regel: Sicher ist allein die staatliche Nationalsprache, oder: Staat bedeutet, dass man seine eigene Sprache hat. Obwohl die Welt zweisprachig ist (und zwar ebenfalls meist nur im Sinne der Kommunikationsfunktion), ist Zweisprachigkeit nicht für große, sondern für kleine Sprachen charakteristisch, und sie ist subordinativ, also nicht ohne Gefahren. 4. In der Theorie der litauischen Sprachwissenschaft gilt die Funktion des Kommunikationsmittels schon weder als einzige noch überhaupt als wichtigste, und S. Karaliūnas unterscheidet auch eine ethnische Sprachfunktion. Doch allerlei Journalisten, Kulturwissenschaftler und sonstige zeitlich-provinziell Denkende (vor uns war die Sintflut) reden aus dem Stegreif nur vom Kommunikationsmittel, fordern eine uneingeschränkte Sprachentwicklung, verkünden antikodifikatorische Positionen, die Rechte und Vorzüge des Jargons sowie ähnliche wohlmeinende Unkenntnis, traktieren die Linguisten und machen sie zum Schreckgespenst. Sie bringen auch manche Linguisten dazu, denn es fehlt an einfachster Solidarität und Kultur. Die litauischen Linguisten wagen es dennoch, der antikulturellen Globalisierung die Stirn zu bieten, und gewinnen bisweilen. Die Kräfte der terminologischen Linguisten sind unverhältnismäßig gering. Aber es wird herausgegeben Terminologija | 2008 | 15 9 9 wissenschaftliche Zeitschrift Terminologija (ab Nr. XIII international). Das Prinzip des staatlichen Schutzes der litauischen Sprache wird umgesetzt, jedoch nicht ganz konsequent. ŠALTINIAI GŽ – Gimtasis žodis (žurnalas). L ir M – Literatūra ir menas (savaitraštis). MokslL – Mokslo Lietuva (laikraštis). NŽA – Naujasis židinys-Aidai (mėnraštis). Sav su TV – Savaitė (su TV) (savaitraštis). Vd – Veidas (savaitinis žurnalas). LITERATŪRA Aistis J. 1991: Milfordo gatvės elegijos, Vilnius. Akelaitis G. 2008: Dėl specialybės kalbos dalyko ir jo programų. – Gimtoji kalba 12, 3–6. Ambrazas V. 1990: Kamieno braškėjimas. – Gimtoji kalba 2, 5–7. Baltrušaitytė R. 2004: Kalbos normintojas: tikras ar išgalvotas baubas [pokalbis]. – Veidas 7, 46. 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THE LITHUANIAN LANGUAGE AND SOCIETY: GENERAL AND TERMINOLOGICAL ASPECTS Questions of the usage of languages, their changes, their future and even their fate are often very directly linked with globalization. Another word frequently used is challenges (by Arnold Toynbee). Answers are not so loud and often there are no attempts made to understand what globalization is. Its genesis and concepts allows us to separate cultural globalization and within it – globalization of languages, i.e. global tendencies of the usage of languages. Also globalism – an ideology of globalization or a theory of global international politics – stands out together with anti-globalism, which at least for now has a confused and negative theoretical background and is associated with too many aggressive actions of protest and even terror. Thus globalization is a rather direct threatening factor for the usage of languages and an unfavourable background for the functioning and usage of the language. Concentration of everybody’s full attention only on the impact of undefined glo- 102 Jonas Klimavičius | Lietuvių kalba ir visuomenė:... balization is wrong not only because of its one-sidedness, but also because other more important and specific factors are forgotten or hushed up and they are and were abundant. On the other side of the iron curtain the ugly phenomena of the 20th century were flourishing, directly impacting upon as well as causing a negative background for the functioning of language in general and small languages in particular. Such phenomena include consumer and mass society, disposable civilization, marketing, advertising, agitation, mass media and especially commercialisation of television, mass culture, three minute culture, fashion, creation of stars, Americanization of culture (pop music, Hollywood films, westerns, TV serials, soap operas,...). In general terms a common denominator of these phenomena is their tendency to make a man and a life primitive, specifically the creation of a wooden language. These phenomena, strongly attacked by soviet anti-American propaganda and to some extent evaluated in Lithuanian philosophical discourse after the fall of the iron curtain swept into Lithuania, to the weary spirit of which everything coming from the West seemed to be good. At the same time fifty year old truths about our own life in the evil empire – new language, thought police, double think, enslavement of the mind – reached us from the West as well. These truths reached us, but did not have the right impact on us. Together with such things as the disintegration of the evil empire, restoration of the independence of Lithuania, status of the Lithuanian language as a state language, national rebirth, democratisation of the society and the creation of a civil society, European and transatlantic integration of Lithuania, came unofficial Anglization, computerization and internetization which are now very specific factors, the importance of which to national identity and self-awareness, culture and language has been considerable for twenty years and will remain crucial and epochal for a long time. Every language is ethnic or national – native. Our native language – Lithuanian – for a few centuries under the conditions of continuous subordinate bilingualism had very many contacts with the Polish language – the whole area of the Lithuanian language was flooded with it. Only a few consequences have been eliminated, and although contacts with Polish have for some time been almost broken, the majority of losses are, like loss of national territory, irreversible. For two centuries a similar destructive work in the Lithuanian language area was done by the Russian language. Now a new era of contacts with the English language has arrived – territory is not being lost, but a part of the Lithuanian language speakers are. Therefore it is useful to get acquainted with these imperial, colonial as well as international languages (and linguae francae) from inside – how they are perceived and judged by Russians and English themselves. It is important to remember that the essence of linguae francae is only the performance of the communicative function. This is not enough for the national language to live and survive – it could cause death. The Lithuanian language has a dead sister – the Prussian language. The area of the Lithuanian language has crumbled away in the west and in the south-east and it is not even continuous within the state borders. Speakers of a big language can have a theoretical discussion if the language is or is not an obligatory element of nationality and statehood. A Lithuanian can speak here only about lucky or unlucky (for himself!) exceptions. Only the old nearly universal order provides guarantees: only a national state language is safe or: a state is its own language. Although the world is Terminologija | 2008 | 15 1 0 3 bilingual (mostly in that communicative function), bilingualism is a characteristic not of big, but of small languages and it implies subordination, thus some dangers. In the theory of Lithuanian linguistics, the communicative function is considered to be neither the only, nor the main one. Simas Karaliūnas separates the ethnic function as well. Various journalists, specialists of culture and other provincials of the time (avant nous, le Déluge) are talking only about the means of communication, demanding unrestricted development of the language, declaring anticodification attitudes, rights and validity of jargon and similar good willed ignorance and demonising linguists. They defeat some linguists because of the lack of solidarity and culture of the latter. Lithuanian linguists dare to challenge anti-cultural globalization and sometimes win. The force of terminologists is small, but they publish the scientific (international from the 13th issue) magazine Terminologija (Terminology). The principle of state protection of the Lithuanian language is being implemented although not consistently. Gauta 2008-12-15 Jonas Klimavičius Lietuvių kalbos institutas P. Vileišio g. 5, LT-10308 Vilnius E. paštas: [email protected] 104 Jonas Klimavičius | Lietuvių kalba ir visuomenė:…