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Autorinis tarminis grafolektas ir jo percepcijos galimybės

Daiva Aliūkaitė; Violeta Meiliūnaitė

Abstract

Straipsnyje pristatomas rašytinio tarmiškumo tyrimas. Atliekant tyrimą siekta vertinti autorinį grafolektą sakytinio tarmiškumo perteikimo ir užrašymo sprendimų požiūriu. Tarmėtyrinio diskurso pagrindas – vienos rytų aukštaičių panevėžiškių atstovės feisbuko įrašai, paskelbti tarminiu grafolektu. Straipsnyje pirmiausia analizuojami autorės-informantės ortografiniai sprendimai perteikti skiriamąsias rytų aukštaičių panevėžiškių ypatybes, paskui pristatomas tarminio grafolekto percepcijos tyrimas, analizuojama, kaip paprastiesiems kalbinės bendruomenės nariams yra perskaitomas ir suprantamas tarminiu grafolektu užrašytas tekstas.

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DAIVA ALIŪKAITĖ, VIOLETA MEILIŪNAITĖ Institut für Litauische Sprache doi.org/10.35321/bkalba.2022.95.09 AUTORIALER DIALEKTALER GRAPHOLEKT UND SEINE WAHRNEHMUNGSMÖGLICHKEITEN SCHLÜSSELWÖRTER: dialektaler Grapholect, Wahrnehmung, Dialekttranskription. ZUSAMMENFASSUNG Der Artikel stellt eine Untersuchung schriftlicher Dialektalität vor. Ziel der Untersuchung war es, den autoralen Grapholect unter dem Gesichtspunkt der Wiedergabe mündlicher Dialektalität und der dabei getroffenen Verschriftlichungsentscheidungen zu bewerten. Grundlage des dialektologischen Diskurses sind Facebook-Beiträge einer Vertreterin der ostaukštaitischen Unterdialektgruppe von Panevėžys, die in einem dialektalen Grapholect veröffentlicht wurden. Zunächst analysiert der Artikel die orthografischen Entscheidungen der Autorin-Informantin zur Wiedergabe der charakteristischen Merkmale des ostaukštaitischen Unterdialekts von Panevėžys. Anschließend wird die Untersuchung zur Wahrnehmung des dialektalen Grapholects vorgestellt und analysiert, wie gewöhnliche Mitglieder der Sprachgemeinschaft einen in einem dialektalen Grapholect verfassten Text lesen und verstehen. ABSTRACT Dieser Artikel behandelt eine Untersuchung schriftlicher Dialektalität, die durchgeführt wurde, um zu bewerten, wie der autorale Grapholect mündliche Dialektalität vermittelt, und die Rechtschreibentscheidungen der Autorin zu analysieren. Der für diese Untersuchung verwendete dialektale Diskurs besteht aus mehreren Facebook-Beiträgen, die von einer Informantin in einem dialektalen Grapholect veröffentlicht wurden. Der erste Teil des Artikels konzentriert sich auf spezifische orthografische Entscheidungen der Autorin-Informantin, mit denen sie die charakteristischen Merkmale ihres heimischen ostaukštaitischen Unterdialekts von Panevėžys wiedergibt. Der zweite Untersuchungsteil des Artikels befasst sich mit der Wahrnehmung eines dialektalen Grapholects und untersucht genauer, wie gewöhnliche Sprachverwender darin verfasste Texte lesen und verstehen. EINLEITUNG Dialektforscher konzentrieren sich bei ihren Bemühungen, die Vitalität dialektaler Codes zu messen und ihre Kontinuität zu bewerten, nach wie vor hauptsächlich auf das gesprochene Wort. Die Bemühungen, authentische Ausdrucksweisen und stärker dialektale vs. weniger dialektale Simulationen voneinander zu unterscheiden, veranlassen Forschende, die Prinzipien und Technologien zur Beobachtung (regionaler) Varianten zu diversifizieren und tech- 48 BENDRINĖ KALBA | 95 nologien (vgl. Methoden der direkten und indirekten Beobachtung, die incognito-Technik u. a.). Natürlich ermöglichen Zugänge zur Inventarisierung des Untersuchungsmaterials (des gesprochenen Wortes) sowohl vielfältigere als auch genauere Untersuchungen regionaler Variation. Dennoch reicht trotz der Tatsache, dass die Erforschung von Dialekten und Dialektalität im 21. Jahrhundert multidimensional ist und damit nicht nur Zugänge zur Erhebung von Daten zur Dialektalität, sondern auch die Anerkennung von Dialektalität per se gemeint ist (vgl. Mikulėnienė 2019: 60–61), die alleinige Beobachtung des gesprochenen Wortes nicht aus, um eine zielgerichtete dialektologische Erzählung zu entwickeln (inwieweit ein sekundärer Diskurs über das Wort überhaupt genau sein kann). Walter J. Ong hat die Auffassung vertreten, dass die Schrift dem Grapholect eine Macht verleiht, die die Macht jedes gesprochenen Dialekts bei Weitem übersteigt (Ong 2002: 8). Somit steht außer Zweifel, dass Untersuchungen schriftlicher Dialektalität nicht nur eine neue Ebene dialektologischer Daten legitimieren, sondern auch neue Perspektiven eröffnen können: erstens zur Bewertung der Rolle einfacher Mitglieder einer bestimmten Gemeinschaft in der Geschichte der Vitalität eines konkreten Dialektcodes, zweitens zur Ermittlung relevanter Merkmale dialektaler Codes aus der Perspektive der Mitglieder der Gemeinschaft selbst und drittens zur allgemeinen Einschätzung der Funktionalität des Dialektgrapholects, anders gesagt: der Perspektiven neuer Grapholecte und ihres kommunikativen Werts in der Gemeinschaft. Daher richtet dieser Artikel den Blick auf schriftliche Dialektalität, d. h. er stellt eine Untersuchung eines individuellen Dialektgrapholects vor. Das Ziel der vorgestellten Untersuchung hat zwei Aspekte: Erstens sollte das individuelle Grapholect im Hinblick auf die Wiedergabe gesprochener Dialektalität und die Entscheidungen bei deren Verschriftlichung bewertet werden; zweitens sollte es unter dem Gesichtspunkt der Perzeption untersucht werden, also danach, an welches Publikum sich das Schreiben in einem Dialektgrapholect richtet. Das Untersuchungsmaterial bilden Facebook-Beiträge von Danutė Montvilaitė, einer Vertreterin der ostaukštaitischen Panevėžiškiai, die in einem Dialektgrapholect veröffentlicht wurden. Danutė Motvilaitė ist eine Schriftstellerin, die im Dorf Paežeris (Rajon Panevėžys) geboren wurde, an der Universität Vilnius Biologie studierte, später in Joniškėlis Biologie unterrichtete und anschließend nach Panevėžys zurückkehrte. In der Standardsprache veröffentlichte sie zwei autobiografische Büchlein (Pakelių žydėjimo šviesa, 2018; Prisiminimai apie Bernotus; Prie ežerėlio, 2010) und schreibt aktiv in der Facebook-Gruppe Suskambėjimų zu aktuellen Themen des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens sowie zu Festen im Panevėžiškiai-Subdialekt. Man kann davon ausgehen, dass eine solche Autorin-Informantin1 den Merkmalen einer sogenannten Einheimischen (engl. indigenes) entspricht (vgl. Chambers 2000: 181, siehe auch Aliūkaitė et al. 2014: 57). Abgesehen von den Studienjahren verbrachte die Informantin ihr ganzes Leben im Gebiet des Subdialekts. Da keine zusätzlichen Informationen vorliegen 1 Um den dialektologischen Diskurs kohärent zu gestalten, werden im Artikel sowohl die einzelnen Begriffe Autor, Informant als auch Autor-Informant verwendet. DAIVA ALIUKAITĖ, VIOLETA MEILIŪNAITĖ. Autorinis tarminis grafolektas ir jo percepcijos galimybės 49 hinsichtlich der Herkunft und des Wohnorts ihrer Eltern lässt sich der Regionalitätsindex der Informantin (engl. regionality index; zum Regionalitätsindex siehe ausführlicher Chambers 2000: 178–181) mit 1–3 zusammenfassen; anders gesagt, sie ist ein Mitglied der Gemeinschaft mit dem Status einer tatsächlich Einheimischen. Zur Materialerhebung wurde eine Variante der Technik der direkten Beobachtung eingesetzt. Es muss eingeräumt werden, dass die Unterscheidung zwischen der Methode der direkten Beobachtung (engl. direct method) und der Methode der indirekten Beobachtung (engl. indirect method) in Untersuchungen regionaler Variation – wobei die Rolle der Forschenden bei der Erhebung des Materials auf die eine oder andere Weise berücksichtigt wird (vgl. im ersten Fall als unmittelbar Ausführende, im zweiten als Entwickelnde eines bestimmten Instruments zur Materialerhebung [Fragebogen, Aufgabenheft] und eher als Forschungsmanager2) sowie die Risiken für die Authentizität des Materials in beiden Fällen eingeschätzt werden (vgl. im ersten Fall die Einbeziehung des Faktors des Beobachterparadoxons [engl. observer’s paradox]3, im zweiten Fall die Zuverlässigkeit der Verschriftlichung dialektaler Daten u. a.) – auf der Idee der Beobachtung gesprochener Dialektalität beruht. Die von den Forschenden selbst vorgenommene Suche nach Texten in nichtstandardisierter Orthografie entspricht jedoch ebenso wie die Befragung von Vertretern dialektaler Codes und die Aufzeichnung von Interviews zur Gewinnung primären dialektologischen Materials einem Zugang der direkten Beobachtung. Somit wird bei der Ausrichtung auf schriftliche Dialektalität in dieser Hinsicht sogar der Begriff der direkten Beobachtungsmethode erweitert: Eine solche Art der Materialerhebung sieht nicht nur die Sammlung mündlichen, sondern auch schriftlichen Materials vor. Das Untersuchungsmaterial wurde von Januar bis September 2022 erhoben. In diesem Zeitraum veröffentlichte die Autorin-Informantin des Dialektgrapholects 39 Beiträge. Das Material der Beiträge (Beispiele siehe Tabelle 1) bildet die Grundlage für die Entwicklung eines kritischen Diskurses über die Wiedergabe von Dialektalität und die Entscheidungen bei ihrer Verschriftlichung. Die zweite Ebene des Untersuchungsmaterials bilden die Daten aus einer Wahrnehmungsaufgabe zum individuellen Dialektgrapholect. Solches Material ist wertvoll, um die Bewertung schriftlicher Dialektalität zu erweitern und zugleich einen Diskurs über die Funktionalität des Dialektgrapholects anzustoßen. Die explorative Wahrnehmungsaufgabe zum individuellen Dialektgrapholect wurde methodisch nach der Idee der indirekten Beobachtungsmethode konzipiert, die Georg Wenker, Begründer der Marburger Schule der Sprachgeografie, entwickelt hatte. Um Material für den Atlas (Sprachatlas des Deutschen Reichs) zu sammeln, stellte G. Wenker 404 Sätze zusammen 2 Dėl metodų žr.: Seiler 2010: 502–506; Van Keymeulen 2018: 49–50. 3 Dėl termino žr. Labov 2006: 86. 4 Ergänzend sei erwähnt, dass G. Wenker bei seinen Dialektuntersuchungen in Norddeutschland (in der preußischen Rheinprovinz) im Jahr 1876 zunächst 42 Sätze verwendete. Später arbeitete er eine Zeit lang mit einem Korpus von 38 Sätzen und legte erst 1881 die 40 Sätze endgültig fest, die bis heute vor allem für die Untersuchung deutscher Dialekte verwendet werden, und zwar nicht nur in Deutschland. 50 BENDRINĖ KALBA | 95 TABELLE 1. Beispiele für den autorischen dialektalen Grafolekt Zeit des Beitrags 2022 09 04 Beitrag Transkription des Beitrags Gamt su mum atsisveikin tykė, iš palungva. Zeit des Beitrags 2022 05 22 Beitrag Transkription des Beitrags BARAVYKS. Es muss wohl in der zweiten Hälfte des Sommers gewesen sein. Wie alt ich damals war, erinnere ich mich nicht, aber von Schule war noch keine Rede. Und die Sache war ganz einfach. Papa liebte es sehr, Pilze zu sammeln. Sobald er etwas freie Zeit hatte, war er schon weg und in den Wald gelaufen. Der Wald war vielleicht einen Kilometer entfernt, vielleicht etwas mehr. Wie oft ich ihn auch bat, mich mitzunehmen, ließ er mich nicht mitgehen und sagte: „Du bist noch zu klein, um Pilze zu sammeln.“ Unser Wald ist Mischwald, nass, sumpfig und schwer zu durchqueren. Du wirst nur müde, kannst nicht mehr aufpassen und wirst den Pilzsammlern zum Problem. <...> DAIVA ALIUKAITĖ, VIOLETA MEILIŪNAITĖ. Autorinis tarminis grafolektas ir jo percepcijos galimybės 51 Zeitpunkt des Posts 2022 01 22 Post Transkription des Posts Unser Nachbar Ladze hatte eine kuhfarbene Kuh. Sie wollten sie verkaufen. Die beiden waren mit ihrem Vater schon gut in den Siebzigern. Sie bekommen Rente, wozu brauchen sie diese Mühe? Jeden Tag füttern, melken, nirgendwohin wegkönnen. Alles kann man im Laden kaufen. Mit der Sonne lebt man nicht. Nun wurde sie immer wieder ausgeschrieben und auf dem Markt angeboten. Käufer kamen ständig vorbei. Aber schau hin, sagt er – eine Kuh wie jede andere, aber man ist es nicht gewohnt. Wir hatten noch nie eine Tukė, also ist sie nicht nach unserem Geschmack und ziemlich braun. Und sie fährt weg. Gestern traf ich Ladzienė auf der Straße. Ich fragte, ob ihre Kuh verkauft worden sei. Sie sagt – das Problem liegt gar nicht an der Kuh, sondern daran, dass der Käufer nicht vernünftig war. Die Kuh ist gesund, milchreich, jung. Was nützt die Farbe, die Schönheit, wenn sie so wenig einbringt wie eine Ziege? Aber einem Dummen kann man Vernunft nicht mit dem Löffel einflößen. Also haben wir sie bis zum Frühling behalten. Vielleicht finden sich auf dem frischen Gras vernünftigere Käufer. in standarddeutscher Sprache (z. B.: 1. Im Winter fliegen die trockenen Blätter in der Luft herum; 2. Es hört gleich auf zu schneien, dann wird das Wetter wieder besser; 3. Tu Kohlen in den Ofen, damit die Milch bald zu kochen anfängt) (siehe: Chambers, Trudgill 2004: 15–16; Schrammbke 2010: 88–90), die die Informanten in ihre eigenen Dialekte übersetzen sollten. Ohne näher auf die Untersuchungen von G. Wenker und seinen Nachfolgern einzugehen, sei darauf hingewiesen, dass die Idee der Dialektübersetzung selbst für die Konzeption einer Wahrnehmungsaufgabe zum autorischen Grapholect bedeutsam ist. Anders als die Aufgaben der Vertreter der Sprachgeografie (oder später der Dialektologen im Allgemeinen) besteht die Wahrnehmungsaufgabe zum autorischen Grapholect jedoch darin, Fälle schriftlicher Dialektalität für einfache Mitglieder der Sprachgemeinschaft in die Standardsprache zu übersetzen, anders gesagt: das dialektale Grapholect in den Code der Standardsprache zu übertragen (ein Beispiel für die durchgeführte Aufgabe siehe Abb. 1). Für die Wahrnehmungsstudie wurden zwei Fälle schriftlicher Dialektalität vorgelegt: Nu i ronkių tuos ubalėls. Pakėlo galvo pažiūrėt a da daug unt medže likė (Nun und pflücke diese Äpfelchen. Ich hob den Kopf, um zu schauen, ob noch viele am Baum übrig sind) aus dem Facebook-Post der Autorin-Informantin vom 24. August 2022. 52 BENDRINĖ KALBA | 95 ABB. 1. Beispiel für die Übersetzung eines autorischen dialektalen Grapholects des Facebook-Posts der Autorin-Informantin vom 24. August; Gyvenam tam laiki katra viss mets labjaus laukiam. Gal ne viss mets, a viso gyvenimo (Wir leben in jener Zeit, auf die wir das ganze Jahr über am meisten warten. Vielleicht nicht das ganze Jahr, sondern das ganze Leben) aus dem Facebook-Post der Autorin-Informantin vom 12. Juni 2022) (siehe Abb. 1). Die Teilnehmenden sollten die Texte nicht nur in die Standardsprache übersetzen und übertragen, sondern sie auch anhand der für die Forschungstradition der perzeptiven Dialektologie typischen Parameter zur Bewertung des dialektalen Codes beurteilen (vgl. Preston 1999: XXXIV–XXXV): Verständlichkeit, Ästhetik und Korrektheit. Wie Abbildung 1 zeigt, wurde zur Erläuterung der Parameter des dialektalen Codes eine fünfstufige semantische Bewertungsskala verwendet. Für die Wahrnehmungsstudie wurden relativ einfache Ausschnitte des dialektalen Grapholects ausgewählt; zweitens wurde bei der Auswahl der Sätze darauf geachtet, dass sie die unterscheidenden Merkmale der ostaukštaitischen Panevėžiškiai repräsentieren (vgl. den Erhalt der Diphthonge an, am, en, em und der Nasalvokale ą, ę), ebenso wie die Merkmale der Unterdialektgruppe (vgl. die Reduktion der Endungsvokale). An der Wahrnehmungsstudie zum autorischen dialektalen Grapholect nahmen 20 Studierende (21–28 Jahre) teil. Die homogene Gruppe der Teilnehmenden wurde gezielt gebildet; es wird erwartet, dass die Wahrnehmungsergebnisse dieser homogenen Gruppe als Grundlage für erste wertende Schlussfolgerungen dienen. Neben den bereits erfassten Elementen sind für die Erörterung der Wahrnehmungsdaten auch die Antworten auf Fragen und Aufgaben zur Selbsteinschätzung der Kompetenz im dialektalen Code und zur Bewertung der Markiertheit des Umfelds relevant (siehe Abb. 2). DAIVA ALIUKAITĖ, VIOLETA MEILIŪNAITĖ. Autorinis tarminis grafolektas ir jo percepcijos galimybės 53 ABB. 2. Fragment des Untersuchungsinstruments Die im Artikel vorgelegte Analyse des autorenspezifischen Grafolekts ist als qualitativ-explorativ zu bewerten. Ziel ist es, allgemeine Prinzipien festzuhalten: ob der autorenspezifische dialektale Grafolekt konsequent und als einheitliches Orthografiesystem ausgebildet ist (oder sich herausbildet) und ob ein solcher Grafolekt unter kommunikativen Gesichtspunkten erfolgreich sein kann. Bei der Bewertung des Forschungsstands zum Untersuchungsgegenstand – schriftliche Dialektalität im weiteren Sinne – muss eingeräumt werden, dass sich eine Tradition kohärenter analytischer Diskurse in der litauischen Dialektologie erst herauszubilden beginnt. Daher ist auch die vorliegende Untersuchung nicht als abgeschlossen, sondern eher als Vorstellung eines Modells zu bewerten: wie Material zur schriftlichen Dialektalität, selbst das eines einzelnen Autors (oder, in der dialektologischen Terminologie, eines Informanten), in die dialektologische Analyse einbezogen werden kann, warum solches Material einzubeziehen ist, welche Risiken mit Verallgemeinerungen über einen solchen Gegenstand verbunden sind usw. Iš atliktų tyrimų galima paminėti Violetos Meiliūnaitės (2015: 248–258; taip pat 2019) darbus, kuriuose tyrėja, vertindama kai kuriuos Antano Baranausko užrašytų tekstų netikslumus, yra aptarusi šnekamosios kalbos užrašymo specifiką. Vadinasi, galima pripažinti, kad iš esmės keltas tarminio grafolekto klausimas. Paskirų įžvalgų dėl tarminio kodo autofiksacijos teikė ir kiti tyrėjai (Balčiūnienė ir kt. 2019). Die Autorinnen dieses Artikels haben gemeinsam begonnen, einen kohärenteren kritischen Diskurs über die zeitgenössische schriftliche Dialektalität zu entwickeln. Bei der Analyse ostaukštaitischer Texte, 54 BENDRINĖ KALBA | 95 publikuotus almanachuose Bundanti versmė (2013, 2014), nagrinėta, ar rašytinis tarmiškumas yra tarminių kodų gyvybingumo ir tęstinumo indikacija, taip pat apžvalgiai vertinta, kaip tarminiuose grafolektuose perteikiamos skiriamosios rytų aukštaičių ypatybės (Aliūkaitė, Meiliūnaitė 2022). Galima teigti, kad šiuo – autorinio tarminio grafolekto – tyrimu tęsiamas pradėtas diskursas, tiek plėtojant konceptualias įžvalgas dėl rašytinio tarmiškumo ir jo vertės tarmėtyrinių tyrimų tradicijai, tiek tvirtinant tam tikras metodologines nuostatas, tiek vertinant autorinį tarminį grafolektą per percepcijos perspektyvą, kitaip – komunikaciniu požiūriu. 1. VON DER STANDARDORTHOGRAFIE ZU NICHTSTANDARDISCHEN SCHREIBWEISEN 1.1. Schreibentscheidungen Forschende weisen darauf hin, dass eine standardisierte Orthografie die grundlegende Voraussetzung für nichtstandardisierte Schreibweisen ist (vgl. Bowdre 1964: 8). Somit weicht man einerseits bei der Positionierung von Dialekten von der Standardorthografie ab, andererseits wird ein neuer Grafolekt geschaffen. Es handelt sich also um eine sinnvolle Destruktivität, obwohl in Forschungsdiskursen nichtstandardisierte Orthografien sowohl in der schönen Literatur als auch in elektronischen Diskursen bisweilen als falsche Schreibweise (engl. misspelling) oder als ungebildete Rechtschreibung (engl. an ‘illiterate’ spelling) bezeichnet werden (vgl. Leech, Short 2007: 135). Wie im analytischen Teil des Artikels deutlich werden wird, erscheint eine solche Kategorisierung auf den ersten Blick begründet, insbesondere wenn wir nichtstandardisierte Orthografie aus der Perspektive der Perzeption betrachten. Doch dazu später mehr. Zur Analyse nichtstandardisierter Schreibweisen, mit denen sowohl regionale als auch soziale Varianten wiedergegeben werden, wird am häufigsten die 1985 von Dennis R. Preston vorgestellte dreigliedrige Typologie der Verschriftlichung von Äußerungen herangezogen, nämlich die sogenannte allegro-Rede (engl. allegro speech), der Augen- (visuelle) Dialekt (engl. eye-dialect) und die Dialektumschrift (engl. dialect respelling) (Preston 1985: 328–329; Näheres siehe Aliūkaitė, Meiliūnaitė 2022). Der erste Typ – die allegro-Rede – ist mit der Wiedergabe von Wortverkürzungen sowie dem Verschmelzen von Wörtern oder Silben verbunden (vgl. Beal 2006: 84). Der zweite Typ, wie die Bezeichnung Augendialekt treffend erkennen lässt, erzeugt lediglich visuell die Illusion einer Abweichung von der Standardorthografie. So entspricht beispielsweise engl. ‘sez’ dem Wort ‘says’ (lit. sako), das heißt, die im Augendialekt geschriebenen Formen geben keinerlei phonologischen Unterschied wieder DAIVA ALIUKAITĖ, VIOLETA MEILIŪNAITĖ. Autorinis tarminis grafolektas ir jo percepcijos galimybės 55 und vermitteln somit eher durch stilistische oder andere Erwägungen den Eindruck von Ungebildetheit (vgl. Adamson 1999: 600). Der dritte Typ – die Dialektumschrift – beruht im Gegensatz zum Augendialekt auf der Wiedergabe tatsächlicher Unterschiede. Setzt man die metaphorische Terminologie fort, ließe sich sagen, dass die Dialektumschrift dem Ohrendialekt entspricht: Liest man einen in Dialektumschrift verfassten Text, hört (und erkennt) das Ohr die Unterschiede (vgl. Preston 1985: 328–329; siehe auch Aliūkaitė, Meiliūnaitė 2022). Der Augendialekt vermittelt also lediglich den Eindruck einer nichtstandardisierten Aussprache, während die in Ohrendialekt (Dialektumschrift) festgehaltene Variante de facto eine andere ist. Da nichtstandardisierte Orthografie ein weit gefasster Gegenstand ist, der nicht nur mit Grafolekten regionaler Varianten verbunden ist, haben Forschende auch andere Schreibweisen unterschieden. Neben den bereits erwähnten Formen der falschen Schreibweise oder ungebildeten Rechtschreibung (vgl. Leech, Short 2007: 135) nennen Forschende die halbphonetische Schreibweise (engl. semi-phonetic spelling) sowie die Schreibung von Regionalismen (engl. regionalisms) (vgl. Beal 2006: 84). Gesondert zu erwähnen ist eine Untersuchung deutscher Fanzines durch Jannis K. Androutsopoulos5, die eine der detailliertesten Typologien nichtstandardisierter Schreibweisen vorlegt. Bei der Analyse der Fanzines werden sechs Typen nichtstandardisierter Schreibweisen unterschieden: phonetische Schreibweisen (engl. phonetic spellings), umgangssprachliche Schreibweisen (engl. colloquial spellings), regiolektale Schreibweisen (engl. regiolectal spellings), prosodische Schreibweisen (engl. prosodic spellings), interlinguale Schreibweisen (engl. interlingual spellings) und homophone Schreibweisen (engl. homophone spellings), zu denen lexikalische Substitutionen (lexikalische Ersetzungen; engl. lexical substitutions) und Graphemsubstitutionen (Graphemersetzungen; engl. grapheme substitutions) zählen (Näheres siehe Androutsopoulos 2000: 521–522). Aufgrund der genrespezifischen Besonderheiten sind natürlich nicht alle in Fanzinetexten verwendeten Strategien für die Analyse schriftlicher Dialektalität relevant. Das gilt beispielsweise für die homophone Schreibweise. Bei einer lexikalischen Substitution werden bestimmte Wörter oder Wortsegmente durch homophone Wörter oder Ziffern ersetzt; im Deutschen ersetzt beispielsweise die Ziffer 1 die Silbe /ain/ im Wort ‘Eintritt’ – 1-tritt (lit. Eintritt) (Androutsopoulos 2000: 522). Einige Elemente dieses methodischen Ansatzes können jedoch auch bei der Untersuchung eines autorenspezifischen dialektalen Grafolekts hilfreich sein. Natürlich muss hinzugefügt werden, dass beim Vergleich des dreigliedrigen Systems von D. R. Preston mit dem sechsgliedrigen System nichtstandardisierter Schreibweisen von J. K. Androutsopoulos6 auch inhaltliche Entsprechungen festzustellen sind; so weist etwa die sogenannte Dialektumschrift Bezüge auf 5 Fanzinai – tai specializuota įvairių subkultūrų spauda (plg. Liubinienė 2009: 199–220). 6 J. K. Androutsopoulos hat ebenso wie D. R. Preston lediglich Systeme vorgestellt; es handelt sich jedoch nicht um ihre eigenen Modelle, sondern die Forschenden haben Forschungstraditionen und Einzelfälle zusammengefasst. 56 BENDRINĖ KALBA | 95 Im Zusammenhang mit phonetischer und regiolektaler Schreibweise steht das allegro-Sprechen für die Verschriftlichung gesprochener Sprache. Für die Bezeichnung des Augen- (visuellen) Dialekts verwendete J. K. Androutsopoulas bei der Analyse von Fanzinetexten den technischeren Begriff „Graphem-Substitutionen“ (engl. grapheme substitutions) (Androutsopoulas 2000: 522). Aus ersten Untersuchungen zum zeitgenössischen schriftlichen Dialektgebrauch (vgl. Aliūkaitė, Meiliūnaitė 2022) ging hervor, dass die sogenannten Grapholecte litauischer Dialekte (engl. dialect grapholect; zum Begriff siehe Redling 2006: 16) den Prinzipien der Dialekttranskription von D. R. Preston entsprechen oder, wie wir diese orthografische Strategie im Artikel metaphorisch bezeichnet haben, dem Ohr-Dialekt. Das heißt, beim Lesen eines Textes in Dialekttranskription oder Ohr-Dialekt werden Unterschiede, ein anderer Code, hörbar (und erkennbar). Somit kann mit dieser Auffassung auch die Analyse eines autorischen dialektalen (Dialekt-)Grapholects beginnen. 1.2. Schreibmotivation Schriftlicher Dialektgebrauch ist visuell präsent und beständiger als mündlicher Dialektgebrauch (siehe auch Barton 2007: 89). Daher lässt sich davon ausgehen, dass die Entscheidung, in einem Dialektcode zu schreiben, ein besonderes Dialektbewusstsein bezeugt. Durch das Aufschreiben wird die Absicht ausgedrückt, etwas zu bewahren und weiterzugeben. Da es keine standardisierte Dialektschreibung gibt, unternimmt jeder Sprecher eines Dialektcodes, der den Dialektgebrauch repräsentiert und in gewisser Hinsicht „konserviert“, zweifellos größere Anstrengungen, um aus dem einen oder anderen Grund die Identität als Sprecher eines Dialektcodes zu positionieren, als jemand, der den Dialektcode lediglich durch dialektales Sprechen repräsentiert. Mit Blick auf die viergliedrige Typologie von Dialektsprechern von Philippe Blanchet und Nigel Armstrong (Blanchet, Armstrong 2006: 254) lässt sich sagen, dass Vertreter des schriftlichen Dialektgebrauchs einerseits mit regelmäßigen aktiven Sprechern (engl. regular active speakers) verbunden werden können, also mit Dialektsprechern, die den Dialektcode fließend sprechen und für die dieser Code zum Alltag gehört; andererseits lässt sich behaupten, dass das Sprachverhalten der Vertreter des schriftlichen Dialektgebrauchs auch an symbolische Nutzer des Dialekts (engl. symbolic users) erinnert, das heißt an Dialektsprecher, die sich dem Dialekt verbunden fühlen, seine Verbreitung unterstützen und ihn als Symbol kultureller Identität wertschätzen. Andererseits muss hier kritisch überlegt werden, ob ein Vertreter des schriftlichen Dialektgebrauchs tatsächlich ein regelmäßiger aktiver Dialektsprecher ist. Da das Material zum schriftlichen Dialektgebrauch sekundär ist, kann der Forscher im Gegensatz zur Untersuchung mündlichen Dialektgebrauchs lediglich das Ergebnis beobachten; er kann nicht feststellen, inwieweit die Ausdrucksweise authentisch ist und inwieweit sie aus dem einen oder anderen Grund übertrieben oder simuliert wurde- DAIVA ALIUKAITĖ, VIOLETA MEILIŪNAITĖ. Autorinis tarminis grafolektas ir jo percepcijos galimybės 57 -liert wurde. Dabei ist zu beachten, dass gerade die Beobachtung schriftlichen Dialektgebrauchs dazu anregt, die Möglichkeit einer Überwindung des sogenannten Beobachterparadoxons (engl. observer’s paradox; zum Begriff siehe Labov 2006: 86) kritisch zu beurteilen. Ein Forscher, der schriftlichen Dialektgebrauch untersucht, kann nie sicher sein, ob der durch eine bestimmte orthografische Entscheidung „erstarrte“ Dialektgebrauch ein Zeugnis für die Vitalität des Dialektcodes in der Gegenwart (engl. apparent time; zum Konzept vgl. Sankoff 2006: 110–116) ist, das heißt, ob er in der Gemeinschaft noch kommunikativen Wert besitzt oder nur noch ein bestimmter Indikator einer gepflegten lokalen Identität ist, der sehr bewusst aus der Vergangenheit wiederbelebt wurde. Der japanische Dialektologe Fumio Inoue hat die treffende Kategorie der Erinnerungszeit (engl. memory time) vorgeschlagen. Erinnerungszeit ist ein technischer Begriff, der in erster Linie den Zugang der Forscher bezeichnet und natürlich mit der Erhebung mündlicher Dialektdaten zusammenhängt: Ein Dialektologe fragt seine Versuchsperson etwa nach früher verwendeten Wörtern und im Kindesalter realisierten (oder zumindest gehörten) Variantenmerkmalen, um die sprachliche Markiertheit und Eigenart eines Gebiets zu ermitteln (vgl. Inoue 2022: 142–145; auch Aliūkaitė, Meiliūnaitė 2022). Obwohl Vertreter des schriftlichen Dialektgebrauchs nicht unbedingt ihren eigenen Dialektgebrauch aufzuzeichnen versuchen und möglicherweise die Technik der Erinnerungszeit angewandt haben, um den früheren Dialektgebrauch eines Gebiets zu positionieren, müssen solche Fälle aus dialektologischer Sicht dennoch als Daten der Gegenwart anerkannt werden. Denn wie W. J. Ongo bereits zitierter Gedanke über die Macht des Grapholects im Vergleich zur Macht des mündlichen Dialekts vermuten lässt, kann durch ein dialektales Grapholect eine oder andere dialektale Besonderheit hier und jetzt. wiederbelebt und verankert werden. Forscher nennen den Identifikationsfaktor als Erklärung für die Wahl nichtstandardisierter Grapholecte. Wer sich für nichtstandardisierte Codes entscheidet, strebt einerseits danach, sich von Vertretern anderer Grapholecte abzugrenzen; andererseits zielt man mit dem Schreiben in einem bestimmten Grapholect darauf ab, Andersartigkeit und die Zugehörigkeit zu einer anderen Gemeinschaft zu positionieren (vgl. Fasold 1984: 248, zit. nach Unseth 2005: 22). Somit ist selbst ein wiederbelebtes Dialektmerkmal bedeutsam, da es sowohl als abgrenzendes als auch als verbindendes, also identitätsstiftendes Zeichen wirkt. Im Grunde ist gerade der Identitätsaspekt wohl der wichtigste Faktor bei der Bewertung der Motivation, nach nichtstandardisierten Schreibweisen zu suchen. Erstens ist der Identitätsaspekt einerseits mit dem Streben nach kommunikativer Genauigkeit verbunden: Eine andere mündliche Ausdrucksweise muss anders verschriftlicht werden, damit die wesentlichen und konnotativen Informationen des Dialekts nicht durch den Standardcode nivelliert werden. Wie Aleksas Girdenis feststellte: „<...> Man darf den Dialekt nicht nur als eine andere Aussprache ungefähr derselben Wörter betrachten, obwohl auch das äußerst wichtig ist. Man müsste schon ein sehr abgestumpftes Gemüt haben, um nicht zu spüren, dass ein östliches dungus oder kolnas viel edler klingt als 58 BENDRINĖ KALBA | 95 dangus und kalnas, als dass einem die unterschiedliche Energie der Sätze eines Ostlitauers und eines Nordžemaiten entgehen könnte“ (Girdenis 2001: 457). Nichtstandardisierte Schreibweisen sind also notwendig, um die Identität des Dialektgebrauchs per se zu vermitteln. Zweitens ist der motivationale Identitätsaspekt auch mit dem Nutzer verbunden. Die markierte Ausdrucksweise wird sowohl auf subjektiver Ebene zum Ausdruck der Selbstverwirklichung als auch zum Zeugnis der Zugehörigkeit zu einer bestimmten (und nicht irgendeiner anderen) Gemeinschaft. 2. MÖGLICHKEITEN DES AUTOREIGENEN DIALEKTALEN GRAPHOLEKTS 2.1. Autoreigener dialektaler Grapholect im Hinblick auf die Wiedergabe gesprochener Dialektalität und orthografische Entscheidungen Die Urheberin des autoreigenen dialektalen Grapholects, die Vertreterin des Panevėžys-Dialekts Danutė Montvilaitė, zeigt in den untersuchten Facebook-Beiträgen die Ausdrucksweise einer dauerhaft aktiven Dialektsprecherin. Sie gibt ihre heimische Mundart konsequent wieder, wenn sie aktuelle Beobachtungen, Scherze oder mit der traditionellen Kultur verbundene Phänomene festhält. Die Analyse der vorliegenden Texte lässt erkennen, dass sie im Wesentlichen sämtliche Merkmale des zentralen Teils des Panevėžys-Dialekts widerspiegeln (wie erwähnt, wurde die Autorin im Dorf Paežeris geboren, das zur Übergangszone zwischen den nördlichen und südlichen Teilen des Panevėžys-Subdialekts gehören dürfte). Aus den Texten der Autorin und Informantin lassen sich zunächst Rückschlüsse auf die Lebendigkeit der unterscheidenden Merkmale der ostlitauischen Hochlanddialekte ziehen. Die Verengung der ersten Komponenten der Diphthonge an, am, en, em belegen folgende orthografische Entscheidungen: A tarnaut reikėdava pinks mets (Beitrag vom 12. Januar); Kuntrė stov krumtydams pamesto šieno, aukštyn žemyn musikuodams galvo (Beitrag vom 6. März); Unt parunkių blizguns ridikulė (Beitrag vom 23. April); Da venuolek ilgejunčių denų lika (Beitrag vom 12. Juni); Paskutinė vasaras švintė, da šiułt, da graž, ale nebejilgė (Beitrag vom 13. September). Ergänzend lässt sich feststellen, dass auch hier, wie bei gesprochener Dialektalität, Inkonsistenzen dokumentiert werden: Im selben Diskursfragment kann die Autorin sowohl ein dialektales als auch ein nichtdialektales Merkmal wiedergeben, vgl.: Pincijjėls gaun, kam jem tas klapats. Kasdien liuobt, melžt, niekur neatsitraukt. Užteks, viska krautuvė nusipirks. Su saul negivens. (Beitrag vom 22. Januar). Dass das autoreneigene Dialekt-Grapholect auch Akkommodationsprozesse bezeugt (ein Fall vertikaler Konvergenz), bestätigt bis zu einem gewissen Grad die Authentizität des Ausdrucks. Man kann davon ausgehen, dass die Autorin und Informantin die Dialektalität nicht „übertreibt“, sondern so schreibt, wie sie spricht; und wenn sie unterschiedlich spricht, wird auch das im Grapholect widergespiegelt. DAIVA ALIUKAITĖ, VIOLETA MEILIŪNAITĖ. Autorinis tarminis grafolektas ir jo percepcijos galimybės 59 Dies bedeutet, dass die Aufzeichnung der Ergebnisse von Akkommodationsprozessen im Fall schriftlicher Dialektalität eine gewisse Voraussetzung dafür ist, das Beobachterparadoxon zu überwinden. Das autoreneigene Grapholect belegt auch ein weiteres unterscheidendes Merkmal der ostlitauischen Hochlanddialekte – die Verengung der Nasalvokale ą, ę, z. B.: Tėvs nutaikės kukio liusesne dieno čystė nusiskut barzdo, nusivaksavoj čebats, apsimaun galifė kelns (Beitrag vom 12. Januar); A nupiepės nubalės kėp meškašuds slabaks viso amžel trešk trešk i nelūžt (Beitrag vom 6. April); Ka tik nutaikis kiek liusesnė valundo, ja jo i nera, unt miško išlėkės (Beitrag vom 22. Mai). Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Autorin und Informantin, um die für das Gebiet charakteristische Vokalverengung im Grapholect wiederzugeben, keine Sonderzeichen schafft, sondern auf das Grapheminventar der Standardsprache zurückgreift; dafür verwendet sie die Grapheme o und ė. Aus dialektologischer Perspektive ließe sich beurteilen, dass die Informantin und Autorin ein recht ausgearbeitetes Transkriptionssystem entwickelt – selbstverständlich auf subjektiver Ebene, d. h. sie wendet es selbst mehr oder weniger konsequent an. Gemeinsam ist zunächst, dass sie sich bemüht, die dialektale Aussprache wiederzugeben; daher lässt sich von einer sogenannten Dialekt-Transkriptionsstrategie sprechen. Dennoch muss eingeräumt werden, dass die Verwendung von Graphemen zur Kennzeichnung verschiedener Vokale (vgl. Tėvs nutaikės) die Adressaten verwirren kann. Wie im Folgenden zu sehen sein wird, wird das Graphem ė auch zur Wiedergabe des durch Monophthongierung von ai, ei entstandenen Monophthongs verwendet. Solche mehrdeutigen grapholectalen Entscheidungen können daher als ungebildete Schreibweise bewertet werden (siehe auch Abschnitt 2.2). Als unterscheidendes Merkmal des Panevėžys-Dialekts gilt eine besonders starke Reduktion der Endungsvokale. In den Texten ist die Reduktion kurzer Vokale konsequent dokumentiert, meist bis zum Nullgrad, z. B.: Gird tų žmonių šnekts, daug kas atsinaujin, sugrįžt (Beitrag vom 30. Dezember); Kol žmogos given, tol ieška grožė (Beitrag vom 5. April); Didžiausss gamtas sujudims, augims i žydėjims. Kožns augalėls paroda savo žiedo, žėdel (Beitrag vom 12. Juni); ni či aš nor išsakyt kuks neigiams emocijs, ni pasidėjuot, ale buva kėp buva (Beitrag vom 18. September). Wie die Beispiele zeigen, werden sowohl offene als auch geschlossene Endungen stark reduziert. In fast allen Fällen bleibt der Vokal aus. In diesem Fall muss der Leser selbst überlegen und bestimmen, welcher Vokal – ein Vorder- oder Hinterzungenvokal – am Wortende stand, da die Autorin und Informantin nicht durch Sonderzeichen kennzeichnet, dass nach der Reduktion eines Vorderzungenvokals die Weichheit des Konsonanten erhalten bleibt. Ebenso wird die Akzentstelle nicht markiert, was implizit voraussetzt, dass der Adressat hinreichend kompetent ist, um das Akzentsystem der Mundart der Autorin zu kennen. Einerseits lässt sich in solchen Fällen eine gewisse Erwartung gelingender Kommunikation erkennen; andererseits, 60 BENDRINĖ KALBA | 95 lässt diese Überschätzung der perzeptiven Kompetenz des Adressaten auch vermuten, dass nur für „Eingeweihte“ geschrieben wird Auf formaler Ebene lässt sich überlegen, ob die Wiedergabe der Endungsvokalreduktion nicht einem von D. R. Preston erwähnten Typ entspricht – allegro-Sprechen – oder dem von J. K. Androutsopoulo beschriebenen Typ der Schreibung gesprochener Sprache, bei der eine für die gesprochene Sprache charakteristische Reduktion schriftlich wiedergegeben wird. Ein solcher Eindruck kann sich beim Lesen einstellen. Dennoch wäre eine solche Aussage weder konzeptuell noch methodologisch zutreffend, denn die Reduktion der Endungen ist per se ein charakteristisches Merkmal des Panevėžys-Subdialekts: Sie ist schlicht typisch und entsteht nicht erst aufgrund bestimmter Umstände. Es werden weder Sonderzeichen zur Kennzeichnung der durch den Akzent gedehnten Vokale geschaffen noch solche zur Wiedergabe spezieller Laute des Panevėžys-Dialekts verwendet, z. B.: Sekmadien atėjo unt mūsų Panioižė parko, kad nepražiupsot tų japoniškų sakurų žydėjima, katruos daba vis tep garbin. Saka jas žydž api dvi savaitį. Nugi gražūs medelė i žmonių nemažė apžiūrinėj, futigrafuojes. Da nepardidelė, tik prieš kels mets pasudint. Ale rado i daugiau gružybių, mum įprastų. I juodvarnių lizdų kulonijo, i žydinčių klevų, i slyvelių prie Nevėže (Beitrag vom 2. Mai). Wie aus dem vorgelegten Text hervorgeht, kennzeichnet die Autorin nicht die Länge kurzer, durch Akzent gedehnter Vokale; unbetonte Langvokale, die beim Sprechen verkürzt werden, gibt sie mit Graphemen für Langvokale wieder. Im Wesentlichen folgt sie demselben Schreibprinzip wie in der Standardsprache: Positionsbedingte quantitative Vokalveränderungen werden in der Schrift nicht eigens gekennzeichnet. Auch der Unterschied zwischen Monophthongen, die durch Monophthongierung der Diphthonge ai, ei entstanden sind, wird nicht markiert (vgl. gražūs medelė (= medeliai) i žmonių nemažė (= nemažai) – in beiden Fällen wird das Graphem ė der Standardsprache gewählt; daran sei erinnert, dass diese Laute in der wissenschaftlichen Transkription mit zwei Zeichen wiedergegeben werden – ɛ, e). Bemerkenswert ist, dass das in unbetonter Position befindliche und in der Aussprache abgeschwächte o im Panevėžys-Dialekt ähnlich wie u ausgesprochen und daher auch in der Schrift mit dem Graphem u wiedergegeben wird (nepražiupsot = nepražiopsot(i), gružybių = grožybių, kulonijo = koloniją). Bei der Durchsicht der Beispiele zeigt sich, dass die Autorin sich konsequent an der Orthografie der Standardsprache orientiert und das dort verwendete System orthografischer Zeichen nutzt – für die Wiedergabe spezifischer Laute des Panevėžys-Dialekts werden keine Sonderbuchstaben gesucht. Auch positionsbedingte quantitative Vokalveränderungen und die Palatalisierung von Konsonanten werden in der Schrift nicht eigens gekennzeichnet. Daraus lässt sich schließen, dass die Autorin zur Verschriftlichung des Subdialekts das Grapheminventar und die allgemeinen orthografischen Prinzipien der Standardsprache übernimmt. Daher können solche Texte zumindest theoretisch mehr oder weniger auch von Sprechern anderer litauischer Sprachvarietäten gelesen werden. Eine andere Ebene ist selbstverständlich die Genauigkeit des Verständnisses dessen, was gelesen wird. DAIVA ALIUKAITĖ, VIOLETA MEILIŪNAITĖ. Autorinis tarminis grafolektas ir jo percepcijos galimybės 61 2.2. Die Wahrnehmung des autorischen dialektalen Grapholekts Gerade der kommunikative Erfolg vs. Misserfolg des autorischen dialektalen Grapholekts lässt sich durch eine Wahrnehmungsstudie beurteilen. Selbstverständlich können angesichts der Stichprobe keine strikten Schlussfolgerungen zum kommunikativen Erfolg des dialektalen Grapholekts und dergleichen formuliert werden; überprüfbare Annahmen lassen sich jedoch präzisieren. Zunächst sind daher die soziolinguistischen Profile der Studienteilnehmerinnen im Hinblick auf ihr Verhältnis zur Dialektalität vorzustellen, das heißt, es wurde ermittelt, welche sprachlichen Erfahrungen die Teilnehmerinnen mitbrachten, als sie versuchten, den dialektalen Grapholekt zu erschließen. Es ist festzustellen, dass der dialektale Code den Teilnehmerinnen der Wahrnehmungsstudie eher fremd als vertraut ist. Nur vier Teilnehmerinnen gaben an, einen Dialekt zu beherrschen. ADG_M017 erklärte, den Panevėžys-Dialekt zu beherrschen, und räumte ein, ihn häufig zu verwenden; sie schätzte ihre Dialektkenntnisse als gut ein und gab an, diese Ausdrucksweise im Gespräch mit Gleichaltrigen zu wählen, zu denen sie eine enge Beziehung oder zumindest Bekanntschaft hat. Die Teilnehmerin ADG_M02 nannte den häufig verwendeten und gut beherrschten Varnių-Dialekt der Žemaiten; nach eigener Einschätzung verwendet sie ihn sowohl im Umgang mit Gleichaltrigen als auch mit nahestehenden oder bekannten Angehörigen der Elterngeneration. Die Teilnehmerin ADG_M08 erklärte, den sehr gut beherrschten Dialekt der Oberlitauer zu sprechen und ihn im Umgang mit nahestehenden und bekannten Personen aller Generationen zu verwenden. Eine weitere Teilnehmerin, ADG_M15, erklärte, den ausgezeichnet beherrschten Suvalkija-Dialekt gelegentlich mit Personen ihrer eigenen Generation und der Generation ihrer Großeltern zu verwenden, zu denen sie eine enge Beziehung hat. Alle anderen Teilnehmerinnen distanzieren sich hinsichtlich ihrer erklärten Sprachkompetenz vom dialektalen Code, räumten jedoch ein, in ihrem Mikrobereich (Familie oder Freundeskreis) oder Makrobereich (Stadt) Gelegenheiten zu haben, diesen Code zu hören (siehe Abb. 3). Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass alle Teilnehmerinnen die Möglichkeit haben (oder hatten), Erfahrungen mit der Wahrnehmung des dialektalen Codes zu sammeln. Dennoch muss zwischen der Möglichkeit, einen dialektalen Code zu hören, und der Möglichkeit, einen in einem dialektalen Code verfassten Text zu lesen, unterschieden werden. Die im autorischen dialektalen Grapholekt verfassten Sätze wurden von den Teilnehmerinnen als durchschnittlich verständlich und eher ungrammatisch als grammatisch beurteilt. Der Mittelwert der Attraktivitätsbewertungen ist zwar höher als jener der Verständlichkeits- und Korrektheitsbewertungen, fällt aber dennoch nicht hoch aus (siehe Abb. 4). Mit anderen Worten: Diese Wahrnehmung lässt sich als Ausdruck einer gewissen Distanzierung der Teilnehmerinnen deuten. 7 Die Fragebögen der Teilnehmerinnen wurden wie folgt codiert: ADG steht für autorischen Dialektgrapholekt, M kennzeichnet eine Teilnehmerin, und die Zahl bezeichnet den Fragebogen der jeweiligen Teilnehmerin. Diese Codierung wurde gewählt, in der Erwartung, dass die Studie fortgesetzt und die Daten in weitere Untersuchungen zu Dialektgrapholekten einbezogen werden. 62 BENDRINĖ KALBA | 95 ABB. 3. Möglichkeiten der Verwendung des dialektalen Codes und von Wahrnehmungserfahrungen Die Bewertungen der Korrektheit sind gesondert zu betrachten. Bei der Formulierung dieser Aufgabe ist ein methodischer Fehler einzuräumen. Den Teilnehmerinnen wurde nicht präzisiert, ob sie die Korrektheit der Verschriftlichung bewerten sollten; daher kann sich insbesondere diese Bewertung sowohl auf eine grundsätzliche Einstellung zum dialektalen Code im Allgemeinen als auch auf eine Einstellung zur nichtstandardisierten Rechtschreibung beziehen. Somit lässt sich nur DAIVA ALIUKAITĖ, VIOLETA MEILIŪNAITĖ. Autorinis tarminis grafolektas ir jo percepcijos galimybės 63 Verständlichkeit Ästhetik Korrektheit ABB. 4. Bewertung von Texten, die in dialektalen Grapholekten verfasst sind schlussfolgern, dass die Teilnehmerinnen die Texte möglicherweise auch deshalb so kritisch bewerteten, weil sie, mit den Worten Geoffrey Leechs und Mick Shorts (Leech, Short 2007: 135), eine ungebildete Rechtschreibung aufwiesen. Bei der Fortführung der in Abschnitt 2.1 begonnenen Diskussion über die Lesbarkeit und das Verständnis von in dialektalen Grapholekten verfassten Texten muss dennoch eingeräumt werden, dass eine dialektale Umschrift, die Dialektalität vermittelt, für Personen ohne Erfahrung mit dem dialektalen Code oder mit nur geringer Wahrnehmungserfahrung lediglich teilweise zu erschließen ist. Natürlich gilt, wie Gladis Massini-Cagliari angemerkt hat: „[J]eder Sprecher ist notwendigerweise ein „Polyglott“ seiner Muttersprache (Massini-Cagliari 2004: 16)8. Auch wenn der Sinn der Sätze ganzheitlich erfasst wurde, sind die Übertragungen aus dem Dialekt in die Standardsprache dennoch nicht völlig genau (siehe Tabelle 2). Die Genauigkeit bzw. Ungenauigkeit der Dialektübertragung wurde anhand einzelner charakteristischer und spezifischer Merkmale des Panevėžys-Dialekts bewertet (siehe Tabelle 3). In den übersetzten Sätzen zeigte sich somit eine variierende Rekonstruktion der dialektalen Umschrift in der Standardsprache. 8 So schreibt eine Wissenschaftlerin, die die sprachliche Situation in Brasilien untersuchte und die Beziehungen zwischen dem Portugiesischen und 200 weiteren lebenden Sprachen (darunter 170 indigene Sprachen bzw. Dialekte) analysierte: Jeder Muttersprachler, der seine Sprache gelernt hat, lernt auch, Sprachvarianten zu unterscheiden; jeder Sprecher ist notwendigerweise ein „Polyglott“ seiner Muttersprache. Außerdem weiß ein Muttersprachler, welche Redewendungen jungen Menschen zuzuordnen sind, welche nur in informellen Situationen passen usw. (Massini-Cagliari 2004: 3–23). 64 BENDRINĖ KALBA | 95 TABELLE 2. Dialektübersetzungen in die Standardsprache Untersuchungsteilnehmerin Erstes Fragment. Nun sammle ich die Äpfelchen. Ich hob den Kopf, um nachzusehen, ob noch viele am Baum hängen geblieben sind (Nun sammle ich die Äpfelchen. Ich hob den Kopf, um nachzusehen, ob noch viele am Baum übrig sind). Zweites Fragment. Wir leben in der Zeit, auf die wir jedes Jahr mehr warten. Vielleicht nicht jedes Jahr, sondern ein ganzes Leben lang (Wir leben in der Zeit, auf die wir jedes Jahr am meisten warten. Vielleicht nicht jedes Jahr, sondern ein ganzes Leben lang). 1. 2. 3. ADG_M01 Ich sammle Äpfel. Ich hob den Kopf, um nachzusehen, ob noch viele am Baum übrig waren. Wir leben in solchen Zeiten, auf die wir jedes Jahr mehr warten. Vielleicht nicht ein Jahr, sondern ein ganzes Leben. ADG_M02 Na, und sie sammelt diese Äpfelchen. Sie hob den Kopf, um nachzusehen, ob noch viele am Baum übrig waren. Wir leben in der Zeit, auf die wir das ganze Jahr über am meisten warten. Vielleicht nicht das ganze Jahr, sondern ein ganzes Leben. ADG_M03 Na, und ich sammle diese Äpfelchen. Ich hebe den Kopf, um nachzusehen, ob noch viele übrig sind. Wir leben in dieser Zeit, auf die wir jedes Jahr mehr warten. Vielleicht nicht alle Jahre, sondern ein ganzes Leben. ADG_M04 Na, und du sammelst diese Käferchen. Sie hob den Kopf, um nachzusehen, ob noch viele an den Bäumen übrig waren. Wir leben in einer Zeit, auf die wir das ganze Jahr über am meisten gewartet haben. Vielleicht nicht das ganze Jahr, sondern ein ganzes Leben. ADG_M05 Na, nimm die kleinen Äpfel in die Hand. Sie hob den Kopf, um nachzusehen, ob noch viele am Baum hängen. Wir leben in dieser Zeit, auf die wir uns das ganze Jahr über am meisten freuen. Vielleicht nicht das ganze Jahr, sondern unser ganzes Leben lang. ADG_M06 Na, dann pflück die Äpfel. Heb den Kopf, schau nach, ob noch viele am Baum hängen. Wir leben in der Zeit, in der wir das ganze Jahr auf morgen warten. Vielleicht nicht ein ganzes Jahr, sondern ein ganzes Leben. ADG_M07 Ich hob den Kopf, um nachzusehen, ob noch viele am Baum hängen. Wir leben in der Zeit, auf die wir Jahr für Jahr am meisten gewartet haben. Vielleicht nicht das ganze Jahr, sondern unser ganzes Leben lang. ADG_M08 Na, und ich pflücke die Äpfel. Ich hob den Kopf, um nachzusehen, ob noch viele am Baum hängen. Wir leben in der Zeit, auf die wir uns das ganze Jahr über sehr freuen. Vielleicht nicht ein ganzes Jahr, sondern ein ganzes Leben. ADG_M09 Na, und sie sammeln die Äpfel auf. Ich hob den Kopf, um nachzusehen, ob noch viele am Baum hängen. Wir leben in der Zeit, in der wir uns mit jedem Jahr mehr auf das Jahr freuen. Vielleicht nicht auf ein ganzes Jahr, sondern auf ein ganzes Leben. DAIVA ALIUKAITĖ, VIOLETA MEILIŪNAITĖ. Autorinis tarminis grafolektas ir jo percepcijos galimybės 65 1. 2. 3. ADG_M10 Na und pflück diese Äpfel. Sie hob den Kopf, um nachzusehen, ob noch viele am Baum hängen. Wir leben in der Zeit, auf die wir uns das ganze Jahr über am meisten freuen. Vielleicht nicht das ganze Jahr, sondern unser ganzes Leben. ADG_M11 Na, die Äpfelchen reifen ja. Ich hob den Kopf, um nachzusehen, ob noch viele am Baum übrig waren. Wir leben in dieser Zeit, auf die wir uns immer am meisten freuen. Vielleicht nicht zu jeder Zeit, aber unser ganzes Leben lang. ADG_M12 Na, pflück diese Äpfelchen. Sie hob den Kopf, um nachzusehen, ob noch viele am Baum hängen. Wir leben in dieser Zeit, in der wir immer auf etwas warten. Vielleicht nicht das ganze Jahr, sondern unser ganzes Leben. ADG_M13 Na, pflück diese Äpfel. Heb den Kopf und schau nach, ob noch viele an den Bäumen übrig sind. Wir leben in einer solchen Zeit, in der wir immer mehr auf das Jahr warten (?) Vielleicht nicht auf das ganze Jahr, sondern auf das ganze Leben. ADG_M14 Na, diese Äpfel pflücken. Sie hob den Kopf, um nachzusehen, ob noch viele am Baum übrig waren. Wir leben in dieser Zeit, auf die wir uns jedes Jahr am meisten gefreut haben. Vielleicht nicht jedes Jahr, sondern unser ganzes Leben lang. ADG_M15 Und da ist das Stückchen in meiner Hand. Ich hob den Kopf, um nachzusehen, ob noch viele am Baum hängen. Wir leben in dieser Zeit und warten jedes Jahr mehr darauf. Vielleicht nicht jedes Jahr, sondern unser ganzes Leben lang. ADG_M16 Und da sammelte sie diese Äpfelchen. Sie hob den Kopf, um nachzusehen, ob noch viele am Baum hängen. Wir leben in einer bestimmten Zeit, auf die wir das ganze Jahr über am meisten warten. Vielleicht nicht das ganze Jahr, sondern unser ganzes Leben lang. ADG_M17 Ich pflückte diese Äpfelchen ab. Ich hob den Kopf, um nachzusehen, ob noch viele an den Bäumen hängen. Wir leben in dieser Zeit, auf die wir das ganze Jahr über am meisten warten. Vielleicht nicht das ganze Jahr, sondern unser ganzes Leben lang. ADG_M18 Und da sammelt sie die Äpfelchen (liest sie auf). Sie hob den Kopf, um nachzusehen, ob noch viele am Baum hängen. Wir leben in dieser Zeit, auf die wir das ganze Jahr über am meisten warten. Vielleicht nicht das ganze Jahr, sondern unser ganzes Leben lang. ADG_M19 Und da sammle ich diese Äpfel. Ich hob den Kopf, um nachzusehen, ob noch viele am Baum hängen. Wir leben in dieser Zeit, auf die wir das ganze Jahr über am meisten warten. Vielleicht nicht das ganze Jahr, sondern unser ganzes Leben lang. ADG_M20 Und da sammelt sie diese Äpfel. Sie hob den Kopf, um nachzusehen, ob noch viele am Baum hängen. Wir leben in der Zeit, auf die wir uns das ganze Jahr über am meisten freuen. Vielleicht nicht das ganze Jahr über, sondern ein Leben lang. 66 BENDRINĖ KALBA | 95 TABELLE 3. Wahrnehmung und Übersetzung distinktiver Merkmale, die durch den autorischen Dialekt-Grafolekt wiedergegeben werden Untersuchungsteilnehmerin ronkij ← rankioj(a) gal-vo ← galvą likė ← likę viso gyvenimo ← visą gyvenimą viss mets ← visus metus ADG_M01 sammle Kopf blieb ganzes Leben jedes Jahr ADG_M02 sammle Kopf blieb ganzes Leben jedes Jahr jedes Jahr ADG_M03 sammle Kopf blieb ganzes Leben jedes einzelnen Jahres jedes Jahr ADG_M04 sammel Kopf geblieben ganzes Leben jedes Jahr jedes Jahr ADG_M05 Hand Kopf geblieben ganzes Leben jedes Jahr jedes Jahr ADG_M06 sammeln Kopf geblieben ganzes Leben jedes Jahr jedes Jahr ADG_M07 – Kopf geblieben ganzes Leben Jahr für Jahr jedes Jahr ADG_M08 sammle Kopf blieb ganzes Leben jedes Jahr jedes Jahr ADG_M09 sammelt den Kopf geblieben ganzes Leben jedes Jahr der ganzen Zeit ADG_M10 sammel den Kopf geblieben ganzes Leben jedes Jahr jedes Jahr ADG_M11 reift den Kopf blieb ganzes Leben zu allen Zeiten zu allen Zeiten ADG_M12 sammeln den Kopf geblieben ganzes Leben immer (?) zu allen Zeiten ADG_M13 sammeln den Kopf blieb ganzes Leben immer mehr Jahre jedes Jahr ADG_M14 sammeln den Kopf geblieben ganzes Leben jedes Jahr jedes Jahr ADG_M15 Handgelenk Kopf geblieben ganzes Leben jedes Jahr jedes Jahr DAIVA ALIUKAITĖ, VIOLETA MEILIŪNAITĖ. Autorinis tarminis grafolektas ir jo percepcijos galimybės 67 Untersuchungsteilnehmerin | ronkii ← rankioj(a) | gal-vo ← galvą | likė ← likę | viso gyvenimo ← visą gyvenimą | viss mets ← visus metusADG_M16 | sammelte | Kopf | geblieben | ganzes Leben | jedes Jahr | jedes JahrADG_M17 | räumte ab | Kopf | geblieben | ganzes Leben | jedes Jahr | jedes JahrADG_M18 | sammelt (sammelt) | Kopf | blieb | ganzes Leben | jedes Jahr | jedes JahrADG_M19 | sammle | Kopf | geblieben | ganzes Leben | jedes Jahr | jedes JahrADG_M20 | sammelt | Kopf | geblieben | ganzes Leben | jedes Jahr | jedes Jahr Galima apibendrinti, kad skiriamosios rytų aukštaičių ypatybės – dvigarsio an panevėžiškiams būdingo atliepinio on – dialekto perrašą į bendrinę kalbą tiksliai išvertė trys tiriamosios. Tiksliausiai – ADG_M09 tiriamoji, perrašiusi rankioja; ADG_M18 užrašė su pasitikslinimu: renka (rankioja). Vertinant ADG_M10 tiriamosios užrašymą rankiok, galima pridurti, kad, nors atliepinio on rekonstrukcija nepasirodė sudėtinga, dėl neatpažintos terminų grafolektų užrašytos veiksmažodžio formos tiriamoji šiek tiek netiksliai suprato sakinį. Manytina, kad ir rekonstrukciniai variantai ranką (ADG_M05) ar rankoj (ADG_M15) rodo atliepinio an→on tikslų perskaitymą, tačiau užrašymas ronkii tiems, kurie nėra tiriamojo terminio kodo atstovai, yra neįveikiamas. Minėta, kad rašant terminį grafolektų tikimasi, kad adresatas bus pakankamai kompetentingas, o jei taip nėra, perskaitymas būna kiek klaidus. Manytina, kad taip nutikta ir šiuo atveju. Supratimo požiūriu nelaikytini klaidingais ir variantai renku, renki, rinkti, manytina, kad tai labiau holistinės percepcijos dalykas, žodis atpažįstamas kaip visuma. Grafolekto autorė-informantė ą ir ę terminiams atliepiniams – susiaurėjusiems garsams – perteikti naudoja grafemas o ir ė, percepcijai teiktuose sakiniuose tiriamosios suprasti ir bendrine kalbą perrašyti turėjo šiuos žodžius: galvo, likė ir viso gyvenimo. Visos tyrimo dalyvės tiksliai rekonstravo ą iš terminio varianto o – galvą←galvo. 65 proc. tiriamųjų rekonstravo tiksliai – likę, 35 proc. tiriamųjų užrašė liko. 95 proc. taip pat tiksliai užrašė bendrinę 68 BENDRINĖ KALBA | 95 Form visą gyvenimą korrekt auf; nur eine Untersuchungsteilnehmerin behielt viso gyvenimo bei. Die Untersuchungsteilnehmerin ADG_M13 verstand das zweite zu bewertende Fragment überhaupt nicht (siehe Tabellen 2–3). Die Reduktionsfälle der Vokale viss mets konnten 55 Prozent der Untersuchungsteilnehmerinnen korrekt in die Standardsprache übertragen (Tabellen 2–3). Es ist anzunehmen, dass den übrigen Untersuchungsteilnehmerinnen irgendein Hinweis fehlte. Man kann vermuten, dass der dialektale Grafolekt dann genauer verstanden wird, wenn das Schriftsystem der Standardsprache konsequent herangezogen werden kann; dies lässt sich jedoch nicht über Fälle der Endungsreduktion sagen. Insgesamt ist dennoch festzustellen, dass die untersuchten Fragmente des autorischen dialektalen Grafolekts für die Untersuchungsteilnehmerinnen unter kommunikativen Gesichtspunkten informativ waren. SCHLUSSFOLGERUNGEN Nach der Untersuchung des autorischen dialektalen Grafolekts hinsichtlich der Wiedergabe und Verschriftlichung gesprochener Dialektmerkmale sowie der Wahrnehmung lassen sich folgende zusammenfassende Erkenntnisse formulieren: 1. Der dialektale Grafolekt der Autorin und Informantin aus dem ostaukštaitischen Unterdialekt der Panevėžiškiai ist recht systematisch: Die Übertragung erfolgt meist nach dem phonetischen Prinzip; das morphologische Prinzip kommt bei positionsbedingten quantitativen Vokalveränderungen zum Einsatz. In einzelnen Wortformen auftretende Schwankungen werden in der Schrift nicht festgehalten. Die Autorin und Informantin verwendet das für die Standardsprache typische Grapheminventar; zur Wiedergabe spezifischer Laute der Panevėžiškiai werden weder neue Grapheme geschaffen noch solche aus den Orthografiesystemen anderer Sprachen entlehnt. 2. Im sprachlichen Herkunftsort der Autorin und Informantin ist die Akzentzurückziehung häufig eine Ursache für die Endungsreduktion. Wenn jedoch weder der Akzent noch die nach dem Ausfall eines Vokals verbleibende Palatalisierung des Konsonanten schriftlich markiert werden, wird es für Leserinnen und Leser – insbesondere für jene, die eine andere Varietät des Litauischen sprechen (dialektal oder standardsprachlich) – übermäßig schwierig, die von der Autorin und Informantin festgehaltene grammatische Form eindeutig zu bestimmen. Dies zeigte auch die Wahrnehmungsstudie. Den Teilnehmerinnen der Wahrnehmungsstudie zum autorischen dialektalen Grafolekt ist der dialektale Code, ihren soziolinguistischen Profilen nach zu urteilen, im aktiven Gebrauch eher fremd als vertraut; sie hatten jedoch Gelegenheit, Erfahrungen mit der Wahrnehmung gesprochener dialektaler Codes zu sammeln. Obwohl der autorische dialektale Grafolekt für sie ganzheitlich betrachtet verständlich war, gelang es ihnen dennoch nicht, ihn vollständig korrekt in die Standardsprache zu übertragen. Bei der Übertragung des Dialekts (sowohl des ersten als auch DAIVA ALIUKAITĖ, VIOLETA MEILIŪNAITĖ. Autorinis tarminis grafolektas ir jo percepcijos galimybės 69 Die variantenhafte Übertragung des zweiten untersuchten Fragments in die Standardsprache legt die kommunikativen Grenzen der schriftlichen Dialektalität offen. Es ist zu betonen, dass dies keine kritische Bewertung des autorischen dialektalen Grafolekts ist, denn kommunikative Begrenztheit bringt nicht nur Nachteile, sondern auch Vorteile mit sich. Der dialektale Grafolekt markiert abgrenzend; anders gesagt: Außerhalb der Variantengemeinschaft wirkt (oder kann wirken) ein unverstandener oder nur teilweise verstandener dialektaler Grafolekt innerhalb der Gemeinschaft als vollwertiger Code, der sogar eine gewisse Selbstregulierung aufweist. Natürlich sollte die Erforschung der schriftlichen Dialektalität unter diesem Aspekt ausgeweitet und vertieft werden. 3. Am Beispiel des untersuchten Falls lassen sich Überlegungen zur Rolle eines gewöhnlichen Mitglieds einer einzelnen Gemeinschaft in der Geschichte der Vitalität eines konkreten Dialektcodes begründen. Die durch eine bestimmte orthografische Entscheidung der Autorin-Informantin „erstarrte“ Dialektalität der Panevėžiškiai, die sowohl unterscheidende als auch charakteristische Merkmale repräsentiert, ist nicht zwangsläufig ein Beleg für die Vitalität des Dialektcodes zum Beobachtungszeitpunkt, auch wenn die im selben Diskursfragment koexistierenden dialektalen und nichtdialektalen Merkmale eine solche Einschätzung stützen könnten, denn geschrieben wird, wie gesprochen wird, und gesprochen wird auf unterschiedliche Weise. In jedem Fall ist anzuerkennen, dass die lokale, d. h. innerhalb der Gemeinschaft zugängliche (wenn auch nur einem Teil ihrer Mitglieder) „Konservierung“ dialektaler Merkmale – im untersuchten Fall durch das Lesen auf Facebook – anders als etwa Dialektwörterbücher die Verbreitung dieser Merkmale beeinflussen kann. Natürlich sind umfangreichere Untersuchungen erforderlich, um solche Annahmen zu bestätigen. 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The first part of the article focuses on specific orthographic decisions made by the author-informant to convey the distinct features of her native Eastern Aukštaitian subdialect of Panevėžys. The second investigative section of the article examines the perception of a dialectal grapholect, looking closely at how ordinary language users read and understand texts written in it. The study shows that the dialectal grapholect used by the author-informant – a speaker of the Eastern Aukštaitian subdialect of Panevėžys – is relatively systematic. Her transcription is predominantly phonetic, with the morphological principle employed in cases of positional quantitative vowel changes, i.e., no variations in individual word forms were captured in the written materials. The author-informant utilises the grapheme inventory of the standard language, without inventing any new graphemes or borrowing them from the orthographic sets of other languages in order to reflect certain specific sounds of the Panevėžys subdialect. Stress retraction is one of the most common causes for ending reduction in the linguistic homeland of the author-informant. However, when neither the accent nor the consonant palatalization after dropping the vowel are marked in the written text, anyone reading it, especially speakers of other Lithuanian variants, may struggle to clearly identify the grammatical form recorded by the author-informant. This was also confirmed by the perceptual study conducted at the same time. The sociolinguistic portraits of its participants indicate that dialectal codes were more alien than familiar to them in terms of active usage, but that they have had opportunities to gain some perceptual experience in spoken dialectal codes. However, despite a relatively good holistic understanding of the authorial dialectal grapholect, the participants of this study were not able to translate it accurately into Standard Lithuanian. Variations in translating the transcribed dialect into the standard language indicate communicational limitations of written dialecticism. It is important to stress that this is not a critical evaluation of the authorial dialectal grapholect, as communicational limitation can have certain advantages, too. By distinguishing, a dialectal grapholect also designates. While it may be misunderstood or partially understood outside of the variant’s community, a dialectal grapholect functions (or can function) as a fully-fledged, even self-regulating, code within that community. However, this aspect of written dialecticism requires more in-depth research. The discussed case study provides certain insights into the role of an ordinary community member in preserving the vitality of their dialectal code. By making certain orthographic decisions, the author-informant “solidifies” the dialecticism of her native variant, with all its distinguishing and common features. But this does not necessarily confirm the vitality of the dialectal code in apparent time, despite the co-existence of certain dialectal and non-dialectal features in the same discourse fragment (spelling the way one pronounces but that pronunciation can DAIVA ALIUKAITĖ, VIOLETA MEILIŪNAITĖ. Autorinis tarminis grafolektas ir jo percepcijos galimybės 73 vary). Either way, it is clear that local “conservation” (i.e., within the community or at least amongst some of its members) of dialectal features, differently to dialect dictionaries, can have an impact on the spread of those features. However, this subject would undoubtedly benefit from further large-scale studies. KEYWORDS: dialect grapholect, perception, dialect respelling. DAIVA ALIŪKAITĖ Lietuvių kalbos institutas Petro Vileišio g. 5, LT-10308 Vilnius [email protected] VIOLETA MEILIŪNAITĖ Lietuvių kalbos institutas Petro Vileišio g. 5, LT-10308 Vilnius [email protected] DAIVA ALIŪKAITĖ, VIOLETA MEILIŪNAITĖ AUTORINIS TARMINIS GRAFOLEKTAS IR JO PERCEPCIJOS GALIMYBĖS Santrauka Straipsnyje pristatomas rašytinio tarmiškumo tyrimas. Atliekant tyrimą siekta vertinti autorinį grafolektą sakytinio tarmiškumo perteikimo ir užrašymo sprendimų požiūriu. Tarmėtyrinio diskurso pagrindas – vienos rytų aukštaičių panevėžiškių atstovės feisbuko įrašai, paskelbti tarminiu grafolektu. Straipsnyje pirmiausia analizuojami autorės-informantės ortografiniai sprendimai perteikti skiriamąsias rytų aukštaičių panevėžiškių ypatybes, paskui pristatomas dialekto grafolekto percepcijos tyrimas, analizuojama, kaip paprastiesiems kalbinės bendruomenės nariams yra perskaitomas ir suprantamas tarminiu grafolektu užrašytas tekstas. Atlikus autorinio tarminio grafolekto tyrimą, formuluojamos apibendrinamosios įžvalgos, kad rytų aukštaičių panevėžiškių patarmės autorės-informantės tarminis grafolektas yra gana sistemingas – perrašoma dažniausiai remiantis fonetiniu principu, morfologiniu principu remiamasi tais atvejais, kai kalbama apie pozicinius kiekybinius balsių pokyčius; atskirose žodžio formose atsirandantis įvairavimas rašte nėra fiksuojamas. Autorė-informantė remiasi bendrinei kalbai būdingu grafemų inventoriumi – specifiniams panevėžiškių garsams atspindėti naujų grafemų nei kuriama, nei skolinamasi iš kitų kalbų ortografijos rinkinių. Autorės-informantės kalbinėje gimtinėje kirčio atitraukimas dažnai yra viena iš galūnių redukcijos priežasčių, tačiau kai rašte nežymimas nei kirtis, nei nukritus balsiui 74 BENDRINĖ KALBA | 95 likusi priebal­sio palatalizacija, skaitytojui, ypač atstovaujančiam kitam lietuvių kalbos variantui, tampa pernelyg sunku aiškiai nustatyti, kokia gramatinė forma autorės-informantės fiksuota. Tai atskleidė ir percepcijos tyrimas. Autorinio tarminio grafolekto percepcijos tyrimo dalyvėms, sprendžiant iš jų sociolingvistinių portretų, aktyvios vartosenos požiūriu tarminis kodas yra labiau svetimas nei savas, bet jos turi galimybių įgyti percepcinės sakytinio tarminio kodo patirties. Nors joms autorinis tarminis grafolektas holistiniu požiūriu ir buvo suprantamas, vis dėlto jo išversti į bendrinę kalbą visiškai tiksliai nepavyko. Dialekto perrašos variantškas vertimas į bendrinę kalbą atskleidžia rašytinio tarmiškumo komunikacinį ribotumą. Būtina pabrėžti, kad tai nėra kritinis autorinio tarminio grafolekto įvertinimas, nes komunikacinis ribotumas turi ne tik trūkumų, bet ir pranašumų. Tarminis grafolektas atskirdamas pažymi, kitaip – nesuprastas ar iš dalies suprastas tarminis grafolektas už varianto bendruomenės ribų, bendruomenėje veikia (gali veikti) kaip visavertis kodas, kuriam netgi būdinga savotiška savireguliacija. Žinoma, šiuo aspektu rašytinio tarmiškumo tyrimas plėstinas ir gilintinas. Tirtojo atvejo autorės-informantės pavyzdžiu galima grįsti įžvalgas dėl paprastojo paskiros bendruomenės nario vaidmens konkretaus tarminio kodo gyvybingumo istorijoje. Tam tikru autorės-informantės ortografiniu sprendimu „sustingdytas“ panevėžiškių tarmiškumas, reprezentuojąs ir skiriamąsias, ir būdingąsias ypatybes, nebūtinai yra stebimojo laiko tarminio kodo gyvybingumo paliudijimas, nors tokį vertinimą grįstų tame pačiame diskurso fragmente koegzistuojančios tarminės ir netarminės ypatybės, nes rašoma taip, kaip tariama, o tariama įvairiai. Bet kokiu atveju reikia pripažinti, kad lokalus, t. y. pasiekiamas bendruomenėje (kad ir dalies jo narių), tarminių ypatybių „konservavimas“, kitaip nei kokie nors tarmių žodynai, gali turėti poveikį ypatybių sklaidai. Žinoma, siekiant tokių prielaidų patvirtinimo, reikalingi didesnės aprėpties tyrimai. ESMINIAI ŽODŽIAI: tarminis grafolektas, percepcija, dialekto perraša. DAIVA ALIŪKAITĖ Lietuvių kalbos institutas Petro Vileišio g. 5, LT-10308 Vilnius [email protected] VIOLETA MEILIŪNAITĖ Lietuvių kalbos institutas Petro Vileišio g. 5, LT-10308 Vilnius [email protected] DAIVA ALIUKAITĖ, VIOLETA MEILIŪNAITĖ. Autorinis tarminis grafolektas ir jo percepcijos galimybės 75