scieee AI-readable full text Open interactive document viewer

Simonas Daukantas – lietuviškos gramatinės terminijos pradininkas

A. Balašaitis

Full text

LIETUVIŲ KALBOS LEKSIKOS RAIDA LIETUVOS TSR MOKSLŲ AKADEMIJA SIMONAS DAUKANTAS – EIN WEGBAHNER DER LITAUISCHEN GRAMMATISCHEN TERMINOLOGIE A. BALASAITIS Įvairiapusiška veikla Simonas Daukantas (1793–1864) yra nusipelnęs vieno iš žymiausių XIX a. pirmosios pusės lietuvių švietėjų vardą. Iki šiol lietuvių literatūros ir istorijos veikaluose nušviečiami ir akcentuojami jo nuopelnai istorijos, literatūros ir tautosakos srityse. Ne mažiau reikšmingi S. Daukanto darbai lietuvių kalbotyroje kol kas mažai tenagrinėti. Šiame straipsnyje apžvelgsime S. Daukanto pastangas kurti lietuvišką gramatikos terminiją. S. Daukantas begann seine wissenschaftliche und pädagogische Tätigkeit noch während seines Studiums an der Universität Vilnius. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts dachten aufgeklärte litauische Studenten über litauische Mittelschulen und Lehrbücher in litauischer Sprache sowie über die Volksbildung in der Muttersprache nach. Beeinflusst von den populären Ideen der Volksbildung und der Schaffung einer nationalen Kultur betrachtete der künftige Wissenschaftler die Erstellung allgemein zugänglicher Bildungsliteratur und litauischer Lehrbücher als eines seiner Tätigkeitsziele1. Davon zeugen die von S. Daukantas herausgegebenen übersetzten und Originalbüchlein über Bienen, Feuer und Gärten sowie über den Anbau von Futtergräsern, Hopfen, Tabak und anderem. S. Daukantas bereitete auch Lehrbücher für künftige litauische Schulen vor. Er veröffentlichte eine lateinische Grammatik, „Prasmą lotynų kalbos“ (1837)2, eine Chrestomathie mit Wörterverzeichnis, „Epitome historiae sacrae“ (1838), und ein litauisches Fibelbuch, „Abėcėlę lietuvių kalnėnų ir žemaičių kalbos“ (1842)3. Außerdem ist das Manuskript eines von ihm zusammengestellten umfangreichen polnisch-litauischen Wörterbuchs erhalten geblieben, ebenso der Anfang eines litauisch-lateinischen Wörterbuchs und weitere lexikografische Materialien4. Auf Grundlage der Grammatik und des Fibelbuchs werden wir S. Daukantas’ Verdienste um die Herausbildung der Terminologie der litauischen Grammatik charakterisieren. Zunächst einige Worte über „Prasmą lotynų kalbos“. Dem Titel nach zu urteilen, werden in diesem 129-seitigen5 Büchlein nur Themen der lateinischen Grammatik behandelt. Nachdem der Autor den Leser jedoch kurz mit dem Lautsystem und den Wortarten des Lateinischen vertraut gemacht hat, begründet er in einer Anmerkung vor der Behandlung des Substantivs die Auswahl des Stoffes folgendermaßen: 1 Žr. Lietuvių literatūros istorija, I (red. K. Korsakas), Vilnius, 1957, p. 478. 2 Prasmą lotinų kalbos paraszė K. W. Myle. Petrapilis, 1837; toliau „Prasma“. 3 Abečelą lijtuwių-kalnėnių ir žiamajtių kalbos..., Petropilė, 1842; toliau „Abėcėlė“. 4 Žr. J. Kruopas, S. Daukanto leksikografiniai darbai, „Lietuvių kalbotyros klausimai“, IV, Vilnius, 1961, p. 301–317. 5Bei der Seitennummerierung der „Prasmos“ liegt ein Versehen vor: Anstelle von Seite 121 wurde 112 gedruckt, danach folgen wieder der Reihe nach 113 usw. Die Nummerierung endet mit Seite 120. Somit umfasst die „Prasma“ tatsächlich 129 Seiten. 203 … die Darlegung im Lehrbuch: „… um die lateinische Sprache möglichst umfassend zu erschließen, werde ich zuerst die Flexionsformen oder Deklinationen der žemaitischen Sprache darstellen, denn jedem fällt es viel leichter, eine fremde Sprache zu lernen, wenn er alle Möglichkeiten der eigenen kennt; so kann er beide miteinander vergleichen und erkennen, worin sie voneinander abweichen“⁶. Diesem Grundsatz folgend, beschreibt S. Daukantas ausführlich die Deklination der Substantive und die Konjugation der Verben in seinem heimischen westžemaitischen Dialekt und widmet diesem Gegenstand fast die Hälfte des gesamten Lehrbuchs: Von den 129 Seiten sind in der „Prasma“ 53 Seiten den Themen der litauischen Sprache gewidmet. Außerdem vergleicht er bei der Erläuterung des Lautsystems des Lateinischen dieses mit den Lauten des žemaitischen Dialekts. Bei der Beschreibung der Verbklassen und der Flexion im Lateinischen erläutert er in einer zweiseitigen Anmerkung die Bedeutungsunterschiede zwischen den Verben des Litauischen und die Vielfalt ihrer Tempora⁷. Somit ist die „Prasma“ auch ein kurzes Lehrbuch der litauischen Sprache, in dem erstmals auf Litauisch die grundlegenden Gegenstände der Morphologie des Litauischen (des heimischen westžemaitischen Dialekts des Autors) dargestellt und litauische grammatische Termini gebildet werden. Bis dahin waren Grammatiken der litauischen Sprache auf Latein oder Deutsch verfasst worden, und die darin verwendeten Termini waren lateinisch. Gewisse zaghaft unternommene Versuche, litauische grammatische Termini zu bilden, hatte es allerdings schon vor S. Daukantas’ „Prasma“ gegeben. K. Nezabitauskis bezeichnete in seinem Abecedarium „Naujas mokslas skaitymo“ (1824)⁸ einige mit dem Lesen und Schreiben verbundene Begriffe auf Litauisch, nämlich: skaitytinės „Buchstaben“, balsinės oder balsininkės „Vokale“, dvibalsinės „Diphthonge“, pusbalsinės „Konsonanten“. Übersetzungsäquivalente einiger polnischer Termini führte auch K. Kasakauskis in Klammern in seiner auf Polnisch verfassten litauischen Grammatik „Kalbrėda liežuvio žemaitiško“ (1832)⁹ an. Ohne die Besonderheiten der Wortbildung im Litauischen zu beachten, übersetzte K. Kasakauskis die Termini sklavisch aus dem Polnischen. Die meisten seiner Übersetzungsneubildungen sind misslungen, zum Beispiel: patbalsės (: samogłoski) „Vokale“, skaitlius daug ingas (:liczba mnoga) „Plural“, susmulkintiniai vardai (:zdrobniale imiona) „Diminutive“, žingsniai (:stopnie) „Grade“, daiktininkas (: rzeczownik) „Substantiv“, pripultininkas (: przymiotnik) „Adjektiv“, praštuktojis (: wykrzyknik) „Interjektion“, žodis (: verbum, słowo) „Verb“ usw. Nur wenige seiner Übersetzungen haben sich durchgesetzt und sind bis heute gebräuchlich: balsės, dvibalsės, aukštesnis || aukščiausiasis (laipsnis), sudėtiniai žodžiai. S. Daukantas, der seine Lehrbücher für eine künftige litauischsprachige Schule bestimmte, war es im Abecedarium und in der Grammatik ein Anliegen, sämtliche behandelten grammatischen Begriffe auf Litauisch zu benennen und dadurch zugleich zu zeigen, dass sich auch in litauischer Sprache wissenschaftliche Werke verfassen lassen. Dazu mussten zahlreiche Neubildungen geschaffen werden. In der „Prasma“ finden sich nur wenige von anderen Autoren gebildete oder verwendete Termini (z. B.: balsės, aukštesnysis || aukščiausiasis (laipsnis), laikas, sudėtinis (įvardis),; in der „Abėcėlė“ außerdem dvibalsės), während alle übrigen Termini in „Prasma“ und „Abėcėlė“ (insgesamt etwa 150) von S. Daukantas selbst gebildet wurden. 6 Siehe „Prasma“, S. 11. Zitate und Termini werden der Einfachheit halber in der heutigen Rechtschreibung wiedergegeben. Phonetische Dialektformen wurden in die Literatursprache übertragen. 7 Um die „Weite und Klarheit der žemaitischen Sprache“ zu zeigen, nahm S. Daukantas in einigen Fällen auch nicht gebräuchliche Tempusformen in das Paradigma auf: būsiu esęs, būčiau esęs, die kausativen Verben būdinti (būti), braukinti (braukti) und andere. 8 Naujas mokslas skaytima diel mažų waykų Žemajcziu yr Lietuvos… par Kajetona Niezabitawski, Vilnuje, 1824. 9 Gramatika języka litewskiego Kalbrieda leżuwio żiamaytiszko przez K. Kossakowskiego, Wilno, 1832. 204 Die Termini der „Prasma“ sind thematisch geordnet; zugrunde liegen dabei die lateinischen Termini. Die Zahlen geben die Seiten an, auf denen sie verwendet werden. Grammatica – Sprachwissenschaft oder grammatika 7,44,113 || pras ma 1. Litera – Vokal 12,74,112 || Vokale 3, 5, 6, 7,24; vocales – Vokale: kurz und lang 4; consonantes – Konsonanten 4: labiales – Labiale 5, dentales – Dentale 5, gutturales – Gutturale 5, liquidae – Liquidae 5, mutae – Mutae 5; diphthongi – Diphthonge, oder Doppellaute 4; syllaba – Silbe10 6,38,43,63. Augmentum – Zuwachs 50,52,87 || Zunahme 48,61,85; terminatio – Endung 114; composita – Zusammensetzungen 9 || zusammengesetzte Wörter 115: simplicia – einfache 9, primitiva – ursprüngliche 9, pirtmutiniai 112, derivativa – abgeleitete 9. Partes orationis – Wortarten 7: flexibiles – flektierbare 7, inflexibiles – unflektierbare 7. Nomina – Nomina 7; verba – Verben 7; particulae – Partikeln 7; nomen substantivum – Substantiv 9: proprium – Eigenname 9, appellativum – Gattungsname 9 oder allgemeiner Name 9, commune – gemeinsamer Name 9; nomen adjectivum – adjektivischer Name 8 oder Adjektiv 8,16,33,38 || būdrod is 36,37: maskuline || feminine || neutrale Adjektive 33, „Adjektive maskulinen, femininen und neutralen Geschlechts“; adjectiva numeralia – Zahladjektive 39 „Numeralia“: cardinalia – Grundzahlen 39, ordinalia – Ordnungszahlen 40, distributiva – Verteilungszahlen 40, adverbia numeralia – Zahladverbien 40. Pronomen – Pronomen 8: pronomina indefinita – unbestimmte Pronomen 20, definita – bestimmte Pronomen 21 „pronominale Adjektive“, personalia – Personalpronomen 42, simplicia – einfache 42, composita – zusammengesetzte 42. Verbum – Verb 8: verba inchoativa – inchoative Verben 8,113, frequentativa – frequentative Verben 8,113, impersonalia – unpersönliche Verben 119, activa – Aktivverben 45, passiva – Passivverben 45, deponens – Deponens 45, verbum substantivum – Hilfsverb 47, pašalpinis 95, pašelpinis 114, participium – Partizip 8,60, participia activa – aktive Partizipien 73, passiva – passive Partizipien 81, irregularia – unregelmäßige Verben 113. Adverbium – Adverb 8,117. Praepositio – Präposition 12,116 || erstes Verfahren 8: praepositiones – trennbare Präpositionen 112, trennbare Präpositionen 113, praefixae – untrennbare Präpositionen 112, nicht trennbare Präpositionen 116; praefixae verborum – Vorsilben 20. Conjunctio – Konjunktion 8 || Konjunktion 113: copulativae – verbindende 113, disjunctivae – trennende 114, conditionales – bedingende 114, adversativae – entgegenstellende 114, concessivae – einräumende 114, causativae – Ursache anzeigende 114, conclusivae – schlussfolgernde 114, ordinativae – ordnende. Interjectio – Ausruf, oder ach 9; Ausrufen oder Aufschreien || Ausrufung 114. Subjectum – Handelnder 45. Numerus – Zahl oder Anzahl 10: singularis – Einzahl 10, Einzahl 14,24,43, pluralis – Mehrzahl 10, Mehrzahl 14,24,43, dualis – Zweizahl 14. Genus – Geschlecht 9: masculinum – männlich 9, femininum – weiblich 9, neutrum – sächlich 9. Declinatio – Deklination 9 || Beugung 12 || Kasusform 12; casus – Kasus 9: nominativus – Werfall 10, genetivus – Wesfall 10 – dativus – Wemfall 10, accusativus – Wenfall 10, vocativus – Anredefall 10, localis – Ortsfall 11; casus recti – gerade Kasus 11. Gradatio – Steigerung 38; gradus – Grad 39 || Steigerungsstufe 112: positivus – Positiv 38, comparativus – Komparativ 38, superlativus – Superlativ 38, der allerhöchste 38. Tempus – Zeit 51: praesens – Gegenwart 51, imperfectum – Vergangenheit 51, imperfectum consuetudinis – Gewohnheitsvergangenheit 53, perfectum – vollendete Vergangenheit 53, plusquamperfectum – Vorvergangenheit 10 Auf S. 3 der „Prasma“ kommt einmal auch die Form balsinys (Nominativ Plural) vor. 11 Auf S. 38 wurde dieser Terminus einmal mit vertauschten Bestandteilen verwendet – rodveikvardžiai. 12 Auf S. 8 kommt einmal die Form prievardė vor. 13 Nicht selten werden in der „Prasma“ einzelne Kasus auch mit Zahlen bezeichnet, z. B.: 4. Kasus, 1. Kasus usw. 205 53, būtinai prejusiasis 59, Futur — atentis 59, Futur exakt — ateisiantesis 61, atentesis 67, zusammengesetzte Vergangenheitstempora — praeje laikai sudurtiniai 85. Conjugatio — laikuosena14 46,47,112 || laikuotinė 62,82 || jungtinė 119: conjugatio parisyllabica — laikuotinė lygbalsūninė 62, imparisyllabica — nelygbalsinė 82,77; persona — asaba 45. Modus — dingstė 57,69,73,75,81 || dingsis 45,51,63 || dėsmė 45: infinitivus — abelinė 61, indicativus — reiškinė 46,63, reiškiančioje 51,75, conjunctivus — linkėtinė 46,69 || linkinčioje 57, imperativus — liepiantinė 46 || liepiančioje 61,73,81. Actio indeterminata — veikimas abelnas 48: continua — tuoįtipminis 48, perfecta — tobulas 48, determinata — paženklintas 48. Die Termini der „Abėcėlė“ präsentieren wir ebenfalls thematisch. Die Zahlen geben die Seiten an, auf denen sie verwendet werden. Rodbalsės 7 „Buchstaben“: stambiosios 7 „Großbuchstaben“, smulkiosios 7 „Kleinbuchstaben“; Vokale 2; gret-Vokale oder glaudbalsės 5 „Konsonanten“; Diphthonge 3: echte, unechte 3; Triphthonge 3; Rodbalsės dentale || labiale || nasale || linguale 5; Halbnasale 5; drika 12 „Silbe“; Vergangenheit (Zeit) 5 „Präteritum“; dritte Person 5 „dritte Person“. Schriftzeichen 7 „Satzzeichen“: il­sis „Komma“, ilsūnas „Semikolon“, dvispuogis „Doppelpunkt“, spuogis „Punkt“, leider „Ausrufezeichen“, klaustinis „Fragezeichen“, svetžodis „Anführungszeichen“, raukys 8 „Apostroph“. Wann schuf S. Daukantas litauische Termini? Selbstverständlich konnten die traditionelle lateinische grammatische Terminologie und die sich damals in der polnischen und deutschen Sprachwissenschaft herausbildende nationale Terminologie nicht ohne Einfluss auf ihn bleiben. Daher übersetzte auch S. Daukantas bei der Bildung litauischer Entsprechungen häufig aus anderen Sprachen. Einige Termini der „Prasma“ sind aus dem Lateinischen übersetzt, z. B.: Wortarten (: partes orationis), Nomina (: nominal), numerische Adjektive (: adjectiva numeralia) „Zahlwörter“, pamaininiai (: cardinalia) „Kardinalzahlen“, veikiniai, veiktiniai (: activa), Flexion, Flexionsform (: declinatio), Grad (: gradus), Steigerung (: gradatio), Imperativform, imperativische Modi (: modus imperativus), Liquidae (: liquidae), vollendete Handlung (: actio perfecta) usw. Einige Termini sind aus dem Deutschen übersetzt: Sprachwissenschaft (: Sprachlehre), Nominativ (: Werfall), Genitiv (: Wesfall), Dativ (: Wemfall). Polnische grammatische Termini könnten die Entstehung dieser Termini beeinflusst haben: Flexion, Flexionsform (: czasowanie) „Konjugation“, svetžodis (: cudzysłów) „Anführungszeichen“, Schriftzeichen (: znaki pisarskie) „Satzzeichen“. Abgesehen von den genannten Lehnübersetzungen sind die meisten von S. Daukantas verwendeten Termini eigenständige beschreibende Neubildungen, die auf der Bedeutung oder den Funktionen des Begriffs beruhen. Bei der Erstellung seiner Lehrbücher für die litauische Schule bemühte sich der Autor darum, dass die Wortbestandteile neuer Termini den Inhalt eines speziellen linguistischen Begriffs zum Ausdruck bringen, z. B.: Substantiv (Name eines Gegenstands), Adjektiv (Name einer Eigenschaft), rodbalsė (ein Zeichen, das einen Laut anzeigt), veikrodis (ein Wort, das eine Handlung oder Tätigkeit bezeichnet), pryvardeš (ein Wort, das beim Namen, d. h. beim Nomen, steht), veikrodvardis (ein Name, der eine Handlung bezeichnet), veikro­daiškis (ein Wort, das den veikrodis erläutert), veikėjas (derjenige, der handelt). Viele der von S. Daukantas verwendeten Termini sind Wörter der Umgangssprache, meist seines heimischen Dialekts, die für die Bezeichnung spezieller Begriffe angepasst wurden. Auf diese Weise gebildete 14 Neben der im gesamten „Prasma“ verwendeten laikuosenos und der Verbform laikuojas (orig. laikousina, laikouies), die auf S. 45 einmal auch als laikausina geschrieben steht. Nur mit dem Suffix -ausena wird dieser Terminus in P. Skardžius’ „Žodžių daryboje“ (S. 593) aufgeführt; aufgenommen werden hätte jedoch die im gesamten Lehrbuch verwendete Form laikuoseną. 206 Diese Termini: Zeit, drika „Silbe“, baigimas „Endung“, ištisiniai (Wörter), pašalpos „Funktionswörter“, antaugas „Suffix“, dejavimas oder ačiavimas „Interjektion“, dingstis „Modus“, atentis laikas „Futur“, prydurai „praefixae verborum“, vientinys (Genus) „Singular“, keimarinis (Genus) „Dual“ usw. Auch die Bezeichnungen für Lautklassen sind umgangssprachliche Adjektive: Lippenlaute || Dentalen || Gutturale || Verschlusslaute || Nasale (Gaudės). Wörter der Umgangssprache verwendete S. Daukantas auch zur Bezeichnung folgender spezifischer Begriffe: ištisiniai žodžiai, tikrasis vardas, aiškiosios (įvardės) „definita“, ištisosios (įvardės) „simplicia“, stambiosios || smulkiosios (rod­bal­sės) „Buchstaben“, tuoigtimpinis veikimas „actio continua“. Allgemein nutzte S. Daukantas bei der Bildung von Termini auch die Wortbildungsmöglichkeiten seiner Mundart. Das für die Žemaiten typische Suffix -sena, das dieselbe Bedeutung hat wie -imas (vgl. krioksena „Schreien, Brüllen“, lėksena „Fliegen, schnelles Laufen“, sėsena „Säen“), verwendete er auch in Termini, z. B.: lankuosena „Deklination“, laiptosena „Steigerung“, laikuosena „Konjugation“. Mit diesem Suffix bildete S. Daukantas noch weitere Neubildungen, z. B.: aukau­sena „Opfern“, griesena „Rauben“, kariausena, jaunikau­sena, mergusena usw. Wie aus der vorgelegten Terminologieliste hervorgeht, bemühte sich S. Daukantas, eine durch und durch litauische grammatische Terminologie zu schaffen. Selbst den Begriff Grammatik bezeichnete er mit dem litauischen Wort prasmą15, das er in anderen Schriften im Sinne von „Verständnis“ verwendete, zum Beispiel: „Die Frauen spannen, webten und färbten ihre Leinwand und ihr Tuch in verschiedenen Farben, ohne von jemandem unterrichtet zu werden, durch ihre eigene prasmà. Auch spielten sie auf der Geige oder Fiedel, durch ihre eigene prasmą.16 Anstelle der damals und auch später noch verwendeten übersetzten adjektivischen Konstruktion lietuviškas liežuvis, lietuviška kalba17 verwendete S. Daukantas dafür meist den charakteristischen Genitiv, zum Beispiel: Prasma lotynų kalbos, „zum besseren Verständnis der lateinischen Sprache werde ich zunächst die Deklination der žemaitischen Sprache darstellen“ und Ähnliches. Die Reinheit und der litauische Charakter der grammatischen Terminologie S. Daukantas’ zeigen sich auch darin, dass er Fremdwörter vermied und sie, falls er sie doch verwendete, nur dann aufnahm, wenn sie in der Umgangssprache etabliert waren und ihm kein litauisches Äquivalent dafür einfiel – oder wenn er sie möglicherweise als einheimische oder allgemein gebräuchliche Wörter betrachtete. Von den in der Umgangssprache verwendeten Fremdwörtern wurden nur wenige für grammatische Termini herangezogen, z. B.: abelnosios (įvardės) „indefinita“, asaba „persona“, neasabiniai „impersonale“, abelninė (dingstė) „infinitivus“, (veikimas) abelnas „actio indeterminata“. 15 In der 1935 erschienenen Ausgabe von S. Daukantas’ „Būdė“ wird dieses Wort vom Herausgeber dem Maskulinum zugeordnet, und es heißt „savo prasmų“. Das geschah vermutlich deshalb, weil bei den o- und a-Stämmen die Instrumentalendung der Substantive von S. Daukantas gleich geschrieben wird (da sie in seiner Mundart auch gleich ausgesprochen wird), zum Beispiel: vaiszino keptą mesą, duoną juodą ir prastą mint, jauną budams, to tarpop und Ähnliches. In handschriftlichem Material für das Wörterbuch gab S. Daukantas auch die Nominativform dieses Wortes an: prasma – nuomonė, ingenium. Für das Femininum dieses Wortes spricht auch das davon abgeleitete Substantiv prasmėna, zum Beispiel: Taip pagal mano prasmenos vis pasakiau, ką apie jaunas augymes buvo galima pasakyti (Pamokslai apie sodnus, 1849, S. 26). 16 Žr. S. Daukantas, Rinktiniai raštai, 1955, p. 205. I. Simonaitytės raštuose žodis prasma vartojamas „išmislo, išmonės“ reikšme, pvz.: „Čia jau nei tikėti, nei įsivaizduoti; aišku, kad tai ne o, o vienos Eitmes prasma ir darbas. Ir sakyk tu viens žmogau, prie kokių minčių pereinama“ (I. Simonaitytė, Raštai, t. 1, Vilnius, 1957, p. 401). 17 Pvz.: K. Kasakauskio „Kalbrėda liežuvio žemaitiško“ (1832), S. Stanevičiaus „Trumpas pamokymas kalbos lietuviškos arba žemaitiškos“ (1829), J. Juškos „Kalbos lietuviško liežuvio“ (1861) ir kt. 207 Wir sehen, dass S. Daukantas den richtigen Weg der Terminusbildung wählte: Bei der Bildung von Neubildungen stützte er sich vor allem auf die Wortbildung der gesprochenen Volkssprache. Dadurch sind seine Termini verständlicher und flüssiger als die sklavischen Übersetzungen von K. Kasakauskis. S. Daukantas ist daher als bewusster Begründer der litauischen grammatischen Terminologie anzusehen, der die Terminusbildung richtig verstanden hatte. Während der Herrschaft der Bourgeoisie wurde das sprachwissenschaftliche Erbe S. Daukantas’ in Litauen nicht untersucht, und vermutlich wurde deshalb A. Baranauskas fälschlich als erster Schöpfer der litauischen Sprachterminologie angesehen18. Berücksichtigt man die sprachwissenschaftlichen Arbeiten S. Daukantas’, muss der Beginn der litauischen linguistischen Terminologie vom Ende des 19. Jahrhunderts in frühere Zeiten, nämlich in die 1830er Jahre des 19. Jahrhunderts, zurückverlegt werden. Wegen der ungünstigen politischen und kulturellen Lebensbedingungen konnte S. Daukantas’ „Prasmą“ jedoch ihre Wirkung nicht entfalten. Die litauischen Schulen, für die sie bestimmt war, wurden im 19. Jahrhundert nicht gegründet. Daher konnten sich auch die Termini der „Prasmos“ nicht weiter verbreiten, da das Werk nicht als Lehrbuch verwendet und vergessen wurde. Litauisch wurden einige Fächer und auch der Kurs der litauischen Sprache erst 30 Jahre später (1867) am Priesterseminar Kaunas unterrichtet. Dessen Dozenten A. Baranauskas und K. Jaunius begannen selbst, litauische linguistische Termini zu bilden, wobei sie Grammatiken von A. Schleicher oder F. Kurschat heranzogen und nur den einen oder anderen gelungenen Terminus aus S. Daukantas’ „Prasmos“ übernahmen. Dieses Buch war damals als Lehrbuch der lateinischen Sprache aufgrund der geringen Zahl verfügbarer Exemplare und insbesondere wegen seines mundartlichen Charakters nur schwer zugänglich. Ende des 19. Jahrhunderts, als sich die litauische Literatursprache auf der Grundlage der westaukštaitischen Mundart herausbildete, eignete sich die „Prasma“ auch nicht mehr als Lehrbuch der litauischen Sprache. Welche Verdienste hat S. Daukantas um die litauische linguistische Terminologie? Erstens sein bewusstes Bemühen, auf Litauisch zu schreiben – ein Vorbild für spätere Autoren sprachwissenschaftlicher Arbeiten. Ein Teil der Termini S. Daukantas’ erschien auch anderen Verfassern litauischer Grammatiken akzeptabel. Dieselben oder nur leicht veränderten Termini aus der „Prasmos“ und der „Abėcėlė“ verwendete auch J. Juška in „Kalbose lietuviško liežuvio“ (1861) und „Lietuviškoje kalbrėdėje“ (1862): abelninė || liepiančioji || linkėtinė || reiškinė dėsmė, aiterėjimas, asaba, ateinansıs || ateisiansis laikas, daiktavardis, gaudžios, laikusena, linkis, lytis, pabaiga, rodobalsė, vienlykis; M. Miežinis in „Lietuviškoje gramatikoje“ (1886): abelninė || liepiančioji || linkinčioji || reiškinė dėsmė, asaba, būdvardininkas, dvispuogis, išūnas, kergė, klausinis, laikusena, lankstysena, linkis, prievardės; und K. Jaunius in „Lietuviškame kalbomoksl yje“: antauga, arba prydura, būdvardis, esantysis || praėjusis laikas, jungė, lankstymas „Deklination“, veikėjas. Doch nicht alle diese Termini etablierten sich und gingen in den Sprachgebrauch der Literatursprache ein, da weder die sprachwissenschaftlichen Arbeiten S. Daukantas’ noch die späterer Autoren damals einem breiteren Publikum bekannt sein und als Lehrbücher verwendet werden konnten. Von den von S. Daukantas gebildeten oder verwendeten Termini wurden die folgenden von späteren Autoren verwendet und etablierten sich: daiktavardis, būdvardis, trumpieji balsiai (S. Daukantas’ trumpos bal- 18 Siehe Lietuviškoji enciklopedija, Bd. II, Sp. 1181, wo es heißt: „Er (A. Baranauskas. — A.B.) ist der erste Schöpfer der litauischen grammatischen Terminologie; die Schriften der älteren Grammatik sind lateinisch und deutsch verfasst. Seine Termini balsis, liemuo, būdvardis, skaityvardis, sakinys, rašyba, tarmė … fanden sofort allgemeine Verbreitung.“ Wir sehen, dass eine solche Aussage den historischen Tatsachen nicht entspricht. Außerdem sind nicht alle hier genannten Termini A. Baranauskas’ Werk. Schon S. Daukantas verwendete balsė, būdvardis. Im VI. Band der „Lietuviškosios enciklopedijos“, der S. Daukantas behandelt, wird seine „Prasma“ dagegen nicht näher besprochen und werden die Termini nicht erwähnt (siehe Sp. 144–145). 208 sės), der höchste Steigerungsgrad, dental || labial || nasal (Konsonanten), Wortarten, zusammengesetzte Wörter, zusammengesetzte Zeiten, maskulin || feminin (Genus). Diese grundlegenden grammatischen Termini, die S. Daukantas unter ungünstigen Bedingungen für das Wachstum der litauischen nationalen Kultur geprägt hat, bilden einen Teil seiner Verdienste um die litauische wissenschaftliche Terminologie (auch weitere seiner Neuschöpfungen aus Geschichte und Ethnografie haben sich durchgesetzt) und um die Herausbildung der Literatursprache im Allgemeinen. SIMONAS DAUKANTAS — BEGRÜNDER DER LITAUISCHEN GRAMMATISCHEN TERMINOLOGIE А. БАЛАШАЙТИС Zusammenfassung Simonas Daukantas (1793—1864) war einer der herausragenden litauischen Aufklärer und Gelehrten der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts. Er verfasste zahlreiche populärwissenschaftliche Arbeiten zur Geschichte und Ethnografie Litauens. In der Zeit des Erwachens des nationalen Selbstbewusstseins des litauischen Volkes spielten die in der Muttersprache verfassten Werke von S. Daukantas eine sehr positive Rolle. Darüber hinaus hat er sich auch auf den Gebieten der Linguistik und Pädagogik verdient gemacht: Er stellte Wörterbücher zusammen und veröffentlichte erstmals eine Grammatik der lateinischen Sprache auf Litauisch, „Prasma lotynu kalbos“ (1837). Einer der Tätigkeitsbereiche von S. Daukantas verdient besondere Beachtung: seine Wortschöpfungen. Denn um Lehrbücher auf Litauisch zu verfassen, musste eine spezielle Terminologie geschaffen werden, da alle bis dahin veröffentlichten litauischen Grammatiken auf Latein oder Deutsch geschrieben waren. In der erwähnten lateinischen Grammatik und der Fibel „Abėcėlė“ (1842) schuf S. Daukantas rund 150 litauische linguistische Termini. Viele davon waren gelungen und wurden von anderen Verfassern litauischer Grammatiken (I. Juška, K. Jaunius) verwendet; Begriffe wie daiktavardis „Substantiv“, būdvardis „Adjektiv“, laipsnis „Komparationsgrad“, kalbos dalys „Wortarten“, sudurtiniai žodžiai „zusammengesetzte Wörter“, trumpieji balsiai „kurze Vokale“ und andere gingen fest in die litauische Literatursprache ein und sind bis heute gebräuchlich. Daher ist der Beginn der litauischen linguistischen Terminologie in die erste Hälfte des XIX. Jahrhunderts zu setzen; als ihren Begründer muss man S. Daukantas ansehen und nicht A. Baranauskas (1835—1902), wie man es bislang getan hat. 14. Užsak. Nr. 174