scieee AI-readable full text Open interactive document viewer

Dėl Lietuvos upių vardų „Dunojus“ ir „Dniepras“ kilmės

A. Vanagas

Full text

LIETUVIŲ KALBOS LEKSIKOS RAIDA LIETUVOS TSR MOKSLŲ AKADEMIJA ZUR HERKUNFT DER LITAUISCHEN FLUSSNAMEN DŪNOJUS UND DNIEPRAS A. VANAGAS Derzeit umfasst das Verzeichnis der litauischen Flussnamen mehr als achttausend Flussnamen und ihre Varianten (einschließlich wiederkehrender Namen). Dieses System aus mehreren Tausend Namen bildete sich über die langen Jahrhunderte des Bestehens des litauischen (in gewissem Sinne auch des baltischen) Volkes heraus. Daher ist es nicht einheitlichen Ursprungs: Neben litauischen (baltischen) Namen finden sich darin auch Flussnamen fremder Herkunft. Bei der Untersuchung der Wortbildung litauischer Flussnamen müssen einheimische, baltischen Ursprungs, von fremden, entlehnten Namen unterschieden werden. Bei manchen Flussnamen ist die nichtbaltische Herkunft offensichtlich, bei anderen können die verschiedensten Zweifel aufkommen. Heute, da die litauische Hydronymie und ebenso das gesamte Namensgut bereits vergleichsweise sorgfältig erfasst sind, kann die Herkunft oder Wortbildung so manchen Flussnamens ausführlicher und in gewissem Sinne präziser erläutert werden (vor allem angesichts der Fülle und Vollständigkeit des Materials), als dies bisher möglich war. In diesem Aufsatz werden zwei Gruppen litauischer Flussnamen (sowie weiterer Ortsnamen) untersucht. Eine davon ist unserer Meinung nach über die Slawen in das litauische Namensgut gelangt; der Weg, auf dem die zweite Gruppe dorthin gelangte, ist noch nicht völlig klar. Doch auch die Ortsnamen dieser letzteren Gruppe stehen mit der heutigen slawischen Hydronymie in Verbindung. Die Herkunft der Ortsnamen beider Gruppen ist nicht vollständig geklärt. a) Einer dieser litauischen Flussnamen unklarer Herkunft ist Dunojus (2) 1. Čk., Nebenfluss der Dubysa. 2. Gl., Nebenfluss der Jotija. 3. Ks., beim Dorf Juodkoniai. 4. Srd., Nebenfluss des Naudupis; sowie Dunãjus (2) 1. Akm., rechter Nebenfluss der Dabikinė. 2. Grnk., beim Dorf Tendžiogala. 3. RdN., Nebenfluss der Apaščia. 4. Rs., beim Dorf Pakapurnis. 5. Skd. 6. Vn., Nebenfluss der Bikava. 7. Vn., Nebenfluss der Šustis. 8. Vvr., rechter Nebenfluss der Dumblė. Vgl. Dumõjus || Gudonių ežeras, bei Gudonys, Srj., und Dūnõjus, See bei Trainiškis, Lkm. Derzeit ist nicht klar, ob die litauischen (und lettischen: Dunajs, z. B.; Dunaji, z. B.; Dunaj-plava, z. B.; vgl. andere Ortsnamen mit dem Stamm dun-, dūn-, die J. Endzelīns mit lett. dunajs oder lit. Dunõjus, Dūnõjus vergleicht — siehe J. Endzelīns, LV I 1. 238, 239, 243) Flussnamen Dunõjus, Dunãjus baltischen Ursprungs sind und aus dem im lettischen Namensgut etwas häufiger vorkommenden Stamm dun- und den Suffixen -ojus, -ajus¹ gebildet wurden, oder ob es sich um Entlehnungen handelt, die auf irgendeine Weise mit dem Namen eines der größten Flüsse Europas, Dunõjus, verbunden sind. Zunächst ist hier daran zu erinnern, dass in der litauischen Volksüberlieferung (am häufigsten in Volksliedern) das appellativische Wort dunõjus „großes Gewässer“ weit verbreitet ist, zum Beispiel: Mitten im Gutshof ein breiter dunojus Alvt. Da rief mich mein Liebchen vom dunõjus und von den kleinen Meeren Žrm. Am Ufer des Meeres ein tiefer dunojėlis, dort wusch das junge Mädchen ihr weißes Gesicht Lp. Hinter tiefen Meeren, hinter dem kleinen dunojėlis, dort ist mein Mädchen bei ihrer Mutter LKŽ II 606; dunãjus „ebd.“: Die Mutter schickte mich zum dunajus, um Wasser zu holen. Im dunojėlius ging ich hinaus LKŽ II 606. Neben den Wörtern du- 1 Zum Suffix -ojus und -ajus vgl. die Flussnamen Luk-õjus, Or-õjus, Ram-õjus, Žiežm-õjus sowie Blind-ajus und Nik-ajus. 173 nōjus und dūnājūs finden sich in litauischen Volksliedern viele weitere Varianten dieser Wörter, zum Beispiel: dunojis „ebd.“: …dunojin šal to vandenėlio Ld.²; dūnojus „ebd.“: Die Mutter schickte mich zum dūnojus, um Wasser zu holen Vl. LKŽ II 606. Durch den Hof fließt ein kleiner dūnojėlis Ld. Ich werde zum stillen dūnojun gehen Ld. Ich ritt bei Tag, ich ritt bei Nacht und kam zu einem kleinen dūnojėlis Ld.; dunujėlis: Mitten auf dem dunujėlis Ld.; dūnavėlis: Und der Wind wehte den Kranz fort in jenes dūnavėlis Ld.; dunava: Und der Nordwind erhob sich und wehte den Kranz in den kleinen See dunava Ld.; dujonaitis: Ein Steinchen wird aus dem dujonaitis herausschwimmen LKŽ II 560; dujonėlis: Am Rand des dujonėlis: Wirf ein Steinchen in den dujonėlis LKŽ II 560; dujūnas „solches Wasser, tiefer Fluss, dunojus“ (im Lied): Und Bendorutė fiel in den tiefen dujūnas Jrb. LKŽ II 560. Vgl. die preußisch-litauischen Formen donajus, dano jus³; donujėlis: Auf jener Seite des donujėlis Kdn. Ld.; donojėlis: Auf jener Seite des donojėlis Slč. Ld.; danujėlis: Auf jener Seite des danujėlis ergrünte eine Wiese Ps. Ld.; duinojėlis: Ažū duino duinojėlio Ad. Ld. (und vielleicht duinajėlis: Ažū duina duinajėlio Ad. Ld. Až to duino duinajėlio Ml. Ld., obwohl der Vokal a nach n hier dialektbedingt sein kann); daina: Die Mutter schickte mich zum daina-Fluss, um Wasser zu holen Kltn. Ld.; dauni: Die Mutter schickte mich zum dauni [Fluss], um kaltes Wasser zu holen Ld. Die Wörter dunojus, dunājūs, dūnojus usw. bezeichnen, wie die wenigen hier angeführten Beispiele zeigen, keinen bestimmten Fluss, sondern Wasser im Allgemeinen⁴. In litauischen Volksliedern entstanden daraus verschiedene weitere Wörter (gewöhnlich in Refrains) mit dem Stamm dun-, dūn-, die fast ausnahmslos in einem Zusammenhang gebraucht werden, in dem von Wasser die Rede ist, zum Beispiel: dūnoja Refr.: Ein tiefer kleiner See dūnoja, der Fluss dūnoja Ds.; dūnojo Refr.: Dūnojo; dūnojo, ein kleiner Fluss fließt, ich hörte, ich hörte, was Vater spricht Sb.; dūnō: Du dummer Bursche, dūno dūnoj, das Bächlein dūno, das Bächlein. Dūnō dūna, der Fluss dūna, der Fluss fließt, lylio, in den kleinen See Jž.; sudunti (-dūna, -dūno) intr.: Das Bächlein suduno, dūno, mit meinen Tränlein, dūno LKŽ II 606; dunolaiški Refr.: Dunojau, auf dem Hügel ein Gutshof, dunojau dunolaiški Kb. LKŽ II 606 (oder dunala iške: Dunojau, auf dem Hügel ein Gutshof, dunojau dunala iške Kb. LKŽ II 589); duna: Still fließt das kleine Flüsschen duna Brž. Ld.; dunas „?“: Hinter jenem duno, jenem kleinen dunojėlis Ml. Ld.; Die Mutter schickte mich zum dunan, um kaltes Wasser zu holen, vgl. donas: Die Mutter schickte mich zum donan, um kaltes Wasser zu holen, ajai ajai, zum donan, um kaltes Wasser zu holen Ld., vgl. dūnelė „?“: Der Kranz schwamm in das tiefe dūnelė, ai ai, in das tiefe dūnelė LKŽ II 602; dunūs,-i „?“ (Liedwort): Dunios marios LKŽ II 606. Auch die ersten Wörter der folgenden Varianten eines litauischen Volksliedes⁵ zeigen die Entwicklungsrichtung solcher appellativischen Wörter dunojus, dunājūs: „In den dunojus, in den dunojus …“ „Dūno er, dūno er, das kleine dunojėlis fließt …“ „Dunojau, dunojau, das kleine dunojėlis fließt …“ „Dunojo, dunojau, das kleine dunujėlis fließt …“ „Dūnojo, dūnojo, das kleine donujėlis fließt …“ „Dunojo, dunojo, das kleine dunojėlis fließt …“ ² Dieses und die übrigen Beispiele, nach denen die Abkürzung Ld. steht (Worte aus Volksliedern), stammen aus den volkskundlichen Sammlungen des Instituts für Litauische Sprache und Literatur oder aus dem systematischen Katalog litauischer Volkslieder. ³ Žr. Chr. Bartsch, Über litauische Volksliteratur, „Mitteilung der litauischen litterarischen Gesellschaft“, Heft 8 (II.2), Heidelberg, 1884, p. 107. ⁴ Nach A. Juška bedeutet dunojus „Tiefe (in einem See oder Fluss), See“ (Литовский словарь А. Юшкевича с толкованием слов на русском и польском языках, I, С. Петербург, 1904, S. 366; nach O. Kollberg bedeutet dunajus „eine beliebige Wassermasse: ein riesiger Teich, See, Meer“ (Pieśni ludu litewskiego zebrął Oskar Kollberg, S. 212). ⁵ Nach dem systematischen Katalog der Volkslieder des volkskundlichen Bereichs des Instituts für Litauische Sprache und Literatur (hier und im Folgenden). 174 Interessant ist, dass in litauischen Volksliedern dūnojus, dūnojus und ähnliche Formen häufig mit anderen Gattungs- oder Eigennamen (Flussnamen) wechseln. So lautet der Anfang verschiedener Varianten eines bekannten Volksliedes: Still, still fließt der kleine Dunojus; Still, still fließt der kleine Nemunas; O still, still fließt die kleine Širvinta Šk. Ld.; …Švento toja fließt Ds. Ld.; Still, still floss das Bächlein; Still und ruhig floss das Bächlein; Still, dūmiai, floss das Bächlein; O still, o still fließt der kleine Dunojus; Still und ruhig fließt der kleine Nemunas; Still fließt das kleine Dunaflüsschen usw. Oder: Durch den Hof fließt ein kleiner See; Durch das Gut fließt der kleine Dunojus; Durch den Hof fließt der kleine Dunajus; Der Seitenbach fließt durch den Hof; Durch den Hof fließt der kleine Dunojus; Durch das Feld fließt ein kleines Bächlein; Ein Bach, ein kleiner See fließt; Ein kleiner See, ein Bach fließt; In den kleinen See, in den kleinen See fließt ein reißender Fluss; Durch den Bach fließt ein kleiner See; Das Bächlein plätschert zum Meeresufer; Der kleine Dunajus, kein Bach, fließt; O Wein, Wein, der Fluss fließt; Durch das Gut fließt der kleine Nemunas; Durch das Gut fließt der kleine Dunojus; Durch den Hof fließt der kleine Dunojus; Am Gut der Großmutter vorbei fließt der kleine Dunojus usw. Einige Forscher der litauischen Folklore waren der Ansicht, dass in Volksliedern dūnojus, Nemunėlis, upelė, ežerėlis und Ähnliches je nach der geografischen Lage des Liedes wechseln (in Gegenden mit vielen Seen wird das Wort ežeras verwendet, näher am Nemunas Nemunas, Nemunėlis, am Meer marios, jūra usw.). Diese Auffassung ist nicht ganz unbegründet, lässt sich jedoch etwas präzisieren. Zunächst sei gesagt, dass es vergleichsweise wenige landesweit gesungene Lieder gibt, in denen dūnojus mit anderen Wörtern wechselt. Areale Lieder eignen sich weniger dazu, die geografische Verbreitung von dūnojaus zu bestimmen. Unter den beliebtesten und nahezu in ganz Litauen bekannten Liedern, in denen dūnojus mit anderen Wörtern wechselt, sind folgende zu nennen: „Jenseits des Nemunėlis grünt eine kleine Wiese“, „Am Samstagabend“, „Still, still fließt der Nemunėlis“, „Mutter schickte mich zum Wasser des Dunojus“. Am weitesten bekannt sind von diesen vier Liedern die ersten beiden, das dritte und vierte sind weniger beliebt. Allerdings lässt sich die Beliebtheit und Verbreitung eines Liedes nur annähernd feststellen, denn alle Lieder „wandern“. Daher können einige von ihnen, darunter auch die vier genannten, erst vor Kurzem und auf verschiedenen Wegen an den einen oder anderen Ort Litauens gelangt sein. Unsere Bemerkungen zur geografischen Verbreitung dieser Lieder und ihrer Varianten sagen folglich nichts über ihren Ursprungsort und ihre Migrationsrichtungen aus, sondern zeigen lediglich ihre Verbreitung in den vergangenen drei bis fünf Jahrzehnten. Betrachtet man diese vier Lieder zusammen, so zeigt sich kein deutlicher Zusammenhang zwischen dem Wechsel von dūnojaus mit anderen Wörtern und der Physiografie der jeweiligen Gegend. So wird in dem Lied „Still, still fließt der Nemunėlis“ das Wort Nemunėlis am häufigsten durch ežerėlis ersetzt, und zwar in einem vergleichsweise sehr seenarmen Gebiet – im mittleren Teil Nordlitauens (in der Umgebung von Mažeikiai, Joniškis, Pušalotas, Linkuva u. a.). In der wohl seenreichsten nordöstlichen Ecke Litauens wird das Wort Nemunėlis sehr oft (in manchen Gegenden – Smalvos, Dūkštas, Daugėliškis, Tverečius, Mielagėnai u. a. – immer) durch upelė, upelis ersetzt. Südlich der Flüsse Nemunas und Neris wird Nemunėlis hingegen kaum durch ein anderes Wort ersetzt. Im Lied „Mutter schickte mich zum Wasser des Dunojus“, das in Žemaitija fast unbekannt ist, wird das Wort dūnojaus nur selten durch ein anderes Wort ersetzt; abgesehen von einigen Ausnahmen geschieht dies nur in Nordostlitauen (meist durch upelė, upytėlė und Ähnliches). Das Wort dūnojaus wechselt im Lied „Am Samstagabend“ nur gelegentlich mit anderen Wörtern; eine deutlichere Abhängigkeit des Wandels von der Physiografie der jeweiligen Gegend ist jedoch nicht festzustellen. Wohl am häufigsten unter den vier genannten Liedern wechselt dūnojaus mit verschiedensten anderen Wörtern in dem Lied „Jenseits des Nemunėlis“. Interessant ist, dass im Nordosten Litauens, 175 also besonders in der seenreichen Ecke Litauens, in Liedern dūnoju, Nemunėli sehr oft durch ežeras, ežerėlis ersetzt werden. Doch auch hier gibt es keine klare Regelmäßigkeit. So kommt das Wort Nemunėlis anstelle von dūnojus häufig nicht nur in der Umgebung von Jurbarkas, Raudonė und Kaunas, sondern auch bei Mažeikiai, Vieksniai, Akmenė und Laižuva vor. Außerdem zeigt die kartografische Darstellung des Wechsels von dūnojaus mit anderen Wörtern in diesen vier Liedern nicht, wie einige Folkloreforscher angenommen hatten, dass das Wort dūnojus in Volksliedern am häufigsten in den an Polen und Belarus grenzenden Gebieten vorkomme und nach Norden und Nordwesten hin allmählich seltener werde, wobei es upeliui, ežerėliui, marelėms und Ähnlichem Platz mache. Zwar ist dūnojus im Lied „Mutter schickte mich“ südlich der Flüsse Nemunas und Neris besonders häufig, doch dürfte auch das Lied selbst dort beliebter sein. Im Lied „Still, still fließt der Nemunėlis“ wird, wie bereits erwähnt, Nemunėlis bis auf wenige Ausnahmen nur nördlich der Flüsse Nemunas und Neris durch dūnojus ersetzt. In den Liedern „Am Samstagabend“ und „Jenseits des Nemunėlis“ ist dūnojus nördlich der Flüsse Nemunas und Neris wohl häufiger als südlich davon. Das deutet darauf hin, dass sich dūnojus in litauischen Volksliedern vermutlich schon vor längerer Zeit eingebürgert hat. Was bedeuten die in litauischen Volksliedern so häufig vorkommenden Wörter dūnojus, dunājūs, dūnōjus und Ähnliches, und in welcher Beziehung stehen sie zu den Flussnamen Dunōjus, Dunājus? Sind dies einheimische baltische Bildungen, oder hängen sie irgendwie mit dem Namen des europäischen Flusses Dunōjus zusammen? Interessanterweise treten hinsichtlich des Dunōjaus in der Hydronymie und des dūnojaus in Folklore oder Dialekten ähnliche Unklarheiten wie bei den Litauern vor allem bei Bulgaren, Slowenen, Polen, Russen, Ukrainern, Tschechen und anderen slawischen Völkern auf. In den slawischen Sprachen gibt es nicht nur viele Flüsse namens Дунай, Дунаеџ und Ähnliches⁶, sondern auch das weit verbreitete Appellativ dunajъ (дунай, dun’aj, dunaj und Ähnliches), mit den Bedeutungen „Fluss, Strömung, Tiefe, Flussbett, reißende Strömung; unbekannter und ferner Fluss, sehr reißend oder sehr tief und ruhig; Teich, Kanal, stehendes Wasser; wassergefüllte tiefe Grube, Quelle, Quellort, Wasserabgrund“ usw.⁷. Auffällig ist, dass das als Hydronym und Appellativ verwendete Wort Dunōjus kein Einzelfall ist: Vor allem in einigen slawischen Sprachen verhält es sich ganz ähnlich mit dem Wort Visla, das nicht nur den Fluss bezeichnet (poln. Wisła), sondern auch als Appellativ verwendet wird: poln. wisła „Fluss, großes Gewässer, jeder große Fluss, Bach, Hochwasser“⁸. Eine gewisse Analogie lässt sich auch beim litauischen Wort Nėmunas erkennen, das nicht nur Flüsse bezeichnet (Nėmunas – zwei Flüsse, Nemunėlis – vier Flüsse, Nemuniūkas Fl., Nemuny kštis Fl.), sondern auch allgemein einen Fluss oder Wasser (vgl. nemunai, nėmunai: „In jenem Frühjahr traten die Flüsse nicht über die Ufer“ Grg. „Über grüne Wiesen reiten wir, auf den kleinen Flüssen werden wir schwimmen, werden wir schwimmen. Über kleine Seen, über kleine Flüsse kommt ein graues Pferd geschwommen“ Drsk.; nemunaičiai: „Auf dem Berg kleine Birkenwäldchen, im Tal kleine Flüsse; nemunėlis: „Auf dem Berg ein kleiner Nemunėlis, unter dem Berg ein kleiner Dunojus“ LKŽ K). ⁶ Žr. T. Lehr-Splawiński, Rozmieszczenie geograficzne prasłowiańskich nazw wodnych, „Rocz. sł.“ XXI, cz. I, p. 11; П. Маштаков, ДБ, p. 248; В. Топоров, О. Трубачёв, ЛАГВП, p. 224. ⁷ Siehe B. Ślaski, Dunaj i Wisła, „Sl. occ.“, Bd. 16, S. 183; T. Lehr-Splawiński, Rozmieszczenie…, S. 11; M. Jurkowski, Rzeka, potok i jej synonimy w języku ukraińskim, „Sl. or.“, Jg. XII, Nr. 3, S. 462; V. Jagić, Dunav-Dunaj in der slavischen Volkspoesie, AslPh, I, S. 299—333. ⁸ Siehe M. Rudnicki. Etymologies du nom de la Vistule et de la dénomination Veneti, „Premier Congrès International de Toponymie et d’Anthroponymie. Actes et mémoires“, Paris, 1938, S. 205 (dasselbe in „Sl. occ.“, Bd. 17, S. 132); B. Ślaski, Dunaj i Wisła, „Sl. occ.“, Bd. 16, S. 186; T. Lehr-Splawiński, Rozmieszczenie…, S. 7. 176 Ähnlichen Ursprungs sind wahrscheinlich auch die litauischen Appellativa alaušai || alaušos „wo viel Wasser hingegossen ist; Pfütze“: Wenn er es ausgegossen hat, stehen Pfützen auf den Feldern Užp. Schau, du hast Pfützen auf dem Tisch gemacht Užp. Wie viel Besitz sie haben — Pfützen voller Güter! Ds. Auf den Feldern stehen Pfützen aus Wasser Užp. LKŽ I 76; vgl. alaušą „ein einfältiger Mensch, Schwätzer“: Hör bloß nicht auf diesen Schwätzer — für ihn wird ein Körnchen zum Berg Ds. Wie aus den Beispielen hervorgeht, sind all diese Appellativa nur in einem sehr kleinen Gebiet bekannt (Užpaliai, Dusetos). Gerade in dieser Gegend gibt es zwei Seen namens Alaūšas (Alaūšas), einen See namens Alaūšai und einen Fluss namens Alaūša9. Es gibt also Grund zu der Annahme, dass es sich nicht um ein außergewöhnliches, völlig isoliertes Phänomen handelt, sondern um einen sehr eigenartigen Typ der Bildung von Appellativa und Hydronymen. Was die litauischen Nėmunas und nemunai betrifft, so ist es offenbar unzweifelhaft, dass das Appellativum lediglich metaphorisch als Name des größten Flusses des Landes verwendet wird, während einige Namen anderer Flüsse (Nėmunas, Nemunykštis, Nemunėlis) wahrscheinlich sekundäre Bildungen sind, die mit dem Namen des großen Nemunas zusammenhängen (in dem einen oder anderen Fall vielleicht mittelbar, über das Appellativum nėmunas, nemunėlis). Ähnlich verhält es sich mit Visla, visla10. Nur hinsichtlich Dunojus (Name des europäischen Flusses) und slaw. dunajb gibt es unterschiedliche Auffassungen. Einige meinen, das slawische Appellativum dunajb habe nichts mit dem Flussnamen Dunojus zu tun, sondern gehe auf idg. *dheu- || „laufen, fließen“11 zurück; andere sind der Ansicht, dass das in den slawischen Sprachen weit verbreitete Hydronym Dunajb aus dem Namen des europäischen Flusses Dunaj entstanden sei; später seien aus Dunajo Flussnamen wie Дунай, Дунаец usw. hervorgegangen12. Eine endgültige Lösung dieses Problems wurde dadurch erschwert, dass der Ursprung des Namens des europäischen Flusses Dunojus bis heute sehr unklar war. Die Entstehung des Flussnamens Dunojus (russ. Дунай, rum. Dunăre u. a.) wurde auf sehr unterschiedliche Weise erklärt. Einige Forscher hielten den europäischen Dunojus für einen keltischen Namen13, andere für einen iranisch-skythischen14, dritte für einen thrakisch-dakischen15, vierte für einen slawischen16; wieder andere hielten ihn für einen nichtindoeuropäischen Namen (georgisch17) usw. Von den zahlreichen Arbeiten über den Namen des europäischen Flusses Dunojus 9 Zur Herkunft dieser Hydronyme siehe K. Būga, RR, I, S. 311, 500; III, S. 407, 414, 424 u. a. 10 Ebenda. 11 K. Zierhoffer, Nazwy miejscowe północnego Mazowsza, Wrocław, 1957, p. 162–163; T. Lehr-Splawiński, Rozmieszczenie..., p. 11; T. Lehr-Splawiński, O pochodzeniu i pra-ojczyźnie słowian, Poznań, 1946, p. 73. 12 Siehe M. Vasmer, REW, S. 380 (dort auch die Literatur); B. Топоров, О. Трубачёв, ЛАГБИ, S. 224. 13 M. Förster, Der Name der Donau, ZsPh, I, S. 23–24; M. Vasmer, REW, I, S. 380 (keltisch-lateinisch); B. И. Георгиев, Исследования по сравнительно-историческому языкознанию, M., 1958, S. 254; Wł. Georgijew, Нынешнее состояние ономастических исследований в Болгарии, „I międzynarodowa slawistyczna konferencja onomastyczna“, Wrocław-Warszawa-Kraków, 1961, S. 13; A. Л. Погодинъ, Изъ истории славянских передвижений, С.-Петербургъ, 1901, S. 85; B. Топоров, О. Трубачёв, ЛАГБИ, S. 224. 14 P. Kretschmer, Zum Balkan-Skythischen (I. Der Name der Donau), „Glotta“, XXIV, 1936, p. 1 ir kt.; A. A. Зализняк, Проблемы славяно-иранских языковых отношений древнейшего периода, ВСЯ, вып. 6, p. 45; R. Meister, Der Name der Donau, KZ, 78, 1/2. Heft, p. 55. 15 Zur Literatur siehe G. Ivănescu, Origine pré-indo-européenne des noms du Danube, „Contributions onomastiques“, Bucarest, 1958, S. 127. 16 T. Lehr-Splawiński, O pochodzeniu..., S. 73; T. Lehr-Splawiński, Rozmieszczenie..., S. 11; K. Zierhoffer, Nazwy miejscowe północnego Mazowsza, S. 162; J. Rozwadowski, Studia nad nazwami wód słowiańskich, Kraków, 1948, S. 247–251. Weitere Literatur siehe G. Ivănescu, a. a. O., S. 125. 17 H. Я. Марр, Лингвистически намечаемые эпохи развития человечества и их увязка с историей материальной культуры, „Сообщения ГАИМК“, 1, Л., 1925, S. 40. (Oder 12. Užsak. Nr. 174 177 išsiskiria neseniai pasirodęs Vl. Georgijevo darbas18. Jame yra ne tik gana vykusiai paaiškintas santykis tarp *Dānavi(s) (sena Dumōjaus vardo forma) ir rumunų Dunăre bei slavų Dunajъ ir Dunav (šis santykis iki šiol buvo labai miglotas), bet ir paties Europos upės vardo Dunōjus (kartu ir slavų Dunaj) kilmė aiškinama bene patikimiausiai. Vl. Georgijevo nuomone, Europos Dunojus yra turėjęs tris svarbesnius pavadinimus: 1) žemupys vadinosi Ἴστρος (trakiškas vardas); 2) aukštupys (ir dalis vidupio) — Dānuvius < ide. *dānu-io- (keltiškas vardas); 3) žemupys ir dalis vidupio (apytikriai nuo Budapešto ar Belgrado) turėjęs panašų dakišką-mižišką pavadinimą *Dānavi(s) < ide. *dānaw-jo-. Dakų-mižų kalboje ilgas kirčiuotas ā po III—IV m.e. amžiaus virto ō (vadinasi, *Dānavi(s) > *Dōnavi(s)). Vėliau dakų-mižų kalboje intervokalinis v dėsningai išnyko, ir *Dōnavi(s) > *Dōnai(s). Slavų Dunajъ (plg. rus. Дунай, lenk. Dunaj, chorv. Dunaj) tegalėjo kilti iš formos *Dōnai(s), nes praslavų kalba neturėjo fonemos ǭ (plg. s. bulg. цкоуна < gr. εἰκών, būky < got. bōka). Iš čia išplaukia dar viena mūsų reikalui svarbi išvada: kadangi Europos upės vardo Dunōjus šaknies archetipas yra *dān- > *dōn (arba *dān-), tai lietuviškas Europos upės vardo Dānuvius variantas Dunōjus galėjo kilti tik iš slavų Dunajъ (< *Dōnai(s)), nes, jeigu lietuvių Dunōjus būtų atėjęs ne iš slavų, tuomet šaknyje turėtume kitą balsį.22 Die Tatsache, dass das slawische Dunajъ wahrscheinlich eine Entlehnung aus dem dakisch-mysischen *Dōnai(s) ist und das litauische Dunōjus aus dem slawischen Dunajъ stammt, bedeutet noch nicht, dass zahlreiche andere slawische Hydronyme mit dun- (Дунай, Дунаец u. a.) und das Appellativ dunajъ sowie die litauischen Ortsnamen Dūnōjus, Dunajus, Dunōjus und die Appellative dūnōjus, dunājus, dunōjus mit dem Namen des europäischen Flusses (slaw. Dunajъ, lit. Dunōjus) zusammenhängen. Wie erwähnt, sind einige Forscher der Ansicht, dass slawisch Dunajъ und dunajъ unabhängig vom Namen des europäischen Flusses Dunajъ entstanden sind. Auch das litauische Hydronym Dunōjus hat man zu untersuchen versucht, ohne es mit dem Namen des europäischen Flusses Dunōjus in Verbindung zu bringen. Einer solchen Deutung widersprechen jedoch zahlreiche Fakten. Was die slawischen Flussnamen mit dun- (Дунай, Дунаец) und das Appellativ dunajъ betrifft, so muss man M. Fasmer, V. Toporov, O. Trubačëv und anderen (siehe oben) darin zustimmen, dass das slawische Appellativ dunajъ lediglich metaphorisch als Name des größten europäischen Flusses verwendet wird und die übrigen slawischen Hydronyme (Дунай, Дунаец usw.) jüngeren, sekundären Ursprungs sind. Uns scheint, dass auch die litauischen Flussnamen Dunājus, Dunōjus und die Appellative dunōjus, dunōjus (ähnlich wie Nėmunas, Nemunėlis und ne- H. Я. Марр, Избранные работы, III, p. 37); G. Ivănescu, min. veik., p. 131—136. (Šio str. recenziją žr. ВЯ, 1960, Nr. 2, p. 141). 18 Вл. Георгиев, Дунай, Дунаве, Dunāre, „Studia linguistica in honorem Thaddaei Lehr-Spławiński“, Warszawa, 1963, p. 87—90. 19 A. Vaillant, Gramaire comparée des langues slaves, I, Paris, 1950, p. 120. 20 Vgl. auch G. Ivănescu, a. a. O., p. 126. 21 A. Vaillant, min. veik., p. 120; Вл. Георгиев, Дунай, Дунаве, Dunāre..., p. 88. 22 Lateinische Wörter in den germanischen Sprachen zeigen, dass ō zu einer bestimmten Zeit auch in den germanischen Sprachen zu ū werden konnte; vgl. lat. Rōma > *Rūma, altsächsisch, althochdeutsch Rūma; lat. Rōmāni > got. Rūmōneis (siehe Сравнительная грамматика германских языков, II, М., 1962, p. 116). Da es jedoch in den germanischen Sprachen keine weiteren Hydronyme und Appellative mit dunaj- gibt und die sprachlichen Kontakte zwischen dem Baltischen und Germanischen weniger intensiv waren als die zwischen dem Baltischen und Slawischen, lässt sich schwer vorstellen, dass der Name des europäischen Flusses Dunōjus über die Germanen ins Litauische gelangt wäre. Siehe ferner K. Būga, RR, III, p. 671; E. Fraenkel, LEW, p. 111. 23 Siehe B. Savukynas, Ežerų vardai, LKK, V₁, p. 197. 178 munai, nemunėlis: Visla und visla· Alaušai und alaušai) stehen miteinander in Zusammenhang und sind genetisch untrennbar vom Namen des europäischen Flusses Dunojus und vom slawischen Appellativum dunajь. Dieses in den slawischen Sprachen sehr weit verbreitete Appellativum, besonders in der Folklore, könnte auch in die baltischen Sprachen gelangt sein²⁴, als eigenständiges Symbol für Fluss oder Wasser, als poetisches Bild. Zwar weisen alte slawische Lehnwörter im Litauischen anstelle von sl. u gewöhnlich ū auf, vgl. grūšia < spuća, kūmas < кум, dūlia < дуля, būbnas < бубен, tijūnas < тиюн²⁵. Streng phonetisch betrachtet könnte es scheinen, dass litauisch dun- nicht sl. dun- entspricht. Diese Abweichung ließe sich folgendermaßen erklären: lit. dunãjus, dunõjus (und lett. dunavas sowie die Ortsnamen Dunava, Fluss, Dunajs, See, usw. — siehe J. Endzelīns, LV I 1. 238) sind spätere Entlehnungen, die aus dem Slawischen in die baltischen Sprachen gelangten, nachdem das lange u im Slawischen gekürzt worden war. Im Litauischen gibt es zahlreiche entlehnte Appellativa, in denen anstelle von sl. u kurzes u steht, z. B. bujà, burõkas < brus. буракъ, juká < brus. юха < poln. jucha, jupà < poln. jupa < brus. юпа, kupà < brus. купа < poln. kupa, kūtas < poln. kut, rujà < poln. ruja, šūtas < brus. шута²⁶. Wie erwähnt, kommen in der Folklore neben den Wörtern dunõjus, dunõjus häufig auch dunõjus, dunojėlis vor, vgl. dūnavėlis. Auch in der litauischen Namenlandschaft sind Ortsnamen mit langem ū im Stamm recht häufig, z. B.: Dūnãjus See, Lkm., Dorf Trainiškis, Dūnãjus Teich, Brž., Dorf Meilūnai, Dūnõjus See, And., Dorf Laičiai, Dūnõjus See, Vb., Dorf Medžiūnai, Dūnõjai See, Užp., Dorf Viešeikiai, Dūnõjai See, Všt., Dorf Pavištytis. Man kann annehmen, dass die Appellativa dunõjus und dūnõjus zu unterschiedlichen Zeiten aus den slawischen Sprachen ins Litauische gelangten: dūnõjus wäre eine ältere Entlehnung als dunõjus. Es gibt noch weitere Wörter, die zu unterschiedlichen Zeiten aus den slawischen Sprachen ins Litauische gelangt sind, zum Beispiel pundùs (K. Būga, RR I 339) und pūdas (ebd., II 364), kuila (ebd., I 347) und kyla (ebd., 348), viešnė (ebd., II 660) und vyšnia (ebd.) usw. Dass Wörter mit der Wurzel dun- erst später in die litauische Folklore gelangten, dafür spricht auch der Umstand, dass die Refrainwörter dūnoja, dūnojo, dūnõ, die wahrscheinlich wesentlich älter sind als die Appellativa dunõjus, dunãjus usw., im Stamm langes ū aufweisen. Aus den Appellativa dunõjus, dunãjus, dunõjus könnten später mehrere Namen kleiner Bäche oder Tümpel entstanden sein. Es ist schwer zu glauben, dass der über die Slawen übernommene Name des europäischen Flusses Dunõjus im baltischen Namenschatz bereits andere, ganz unabhängig entstandene baltische Dunõjus vorgefunden hätte. Zwar könnte es auf den ersten Blick scheinen, dass die litauischen Hydronyme Dūnõjus, Dūnõjus usw. als baltisch-dakisch-mysische (oder baltisch-thrakische, baltisch-illyrische) Isoglosse gelten können. Eine solche Isoglosse ist angesichts der zahlreichen baltisch-illyrischen Parallelen bei anderen Ortsnamen²⁷ nicht ausgeschlossen. Doch die Phonetik spricht gegen diese Annahme. Da der Archetyp der Wurzel des europäischen Dunojus *dān- > *dōn- (oder *dān-) lautet, könnte der Wurzelvokal baltischer Entsprechungen dieses Namens nicht ū oder u sein. Dass die litauischen Ortsnamen Dūnõjus, Dūnõjus, Dūnõjus, Dunãjus sekundär und jüngeren Ursprungs sind und aus dem entlehnten Appellativum dunõjus usw. entstanden, zeigt auch die völlige Isolation der Wurzel dūn-, dun- im litauischen Namenschatz. ²⁴ Dass die litauischen dunojų aus der slawischen Folklore übernommen seien, vertrat A. Becenbergeris (A. Bezzenberger, Litauische Forschungen. Beiträge der Kenntniss der Sprache und des Volkstumes der Litauer, Göttingen, 1882, p. 18, Fußnote 1); sehr zurückhaltend äußerte sich dazu Chr. Barčas (Chr. Bartsch, Über litauische Volksliteratur, p. 108). Das Wörterbuch der litauischen Sprache, II, p. 606, betrachtete dunojų als Entlehnung aus dem Slawischen. ²⁵ Siehe K. Būga, RR, I, p. 271; II, p. 621. ²⁶ Žr. P. Skardžius, Die slawischen Lehnwörter im Altltauischen, Kaunas, 1931. ²⁷ B. H. Топоров, Несколько иллирийско-балтийских параллелей из области топономастики, „Проблемы индоевропейского языкознания“, М., 1964, S. 52. 12* 179 Eine weitere Parallele ist interessant. In den baltischen Sprachen gibt es neben dūnaj-, dūnoj- auch dūnav-, vgl. lit. dūnavėlis, dunava, preuß. Dunow (G. Gerullis, AO 32), lett. dunavas „kleiner Bach; Quelle, Ursprung; nicht zufrierendes Wasser“ LVV 518, Dunav-a Fluss (J. Endzelins, LVI 1. 238). Ähnliche Varianten sind auch in den slawischen Sprachen häufig (vgl. russ. Дунай, Дунаецъ ir Дунавец28). Der slawische Flussname Dunav- ist wie Dunajь wahrscheinlich auf denselben europäischen Flussnamen Dunōjus zurückzuführen, der in den slawischen Sprachen zwei Formen hat: Dunajь und Dunav, vgl. russ., ukrain. Дунай, kroat. Dūnai, slowen., tschech., poln. Dunaj und altbulg. Доунавъ, altserb. Доунавъ, bulg. Дунав, serb. Дунав, Дунаво29. Wie erwähnt, stammt slaw. Dunajь wahrscheinlich aus einer jüngeren europäischen Namensform des Donaus dakisch-mysischen Ursprungs, *Dōnai(s). Nach Vl. Georgijev geht slaw. Dunav ebenfalls auf eine ältere dakisch-mysische Namensform der Donau zurück, *Dōnavi(s)30. Somit ist die Parallele zwischen baltischen Ortsnamen Dūnav- (neben Dūnaj-) und slaw. Dunav (neben Dunajь) wahrscheinlich nicht zufällig. Man kann vermuten, dass balt. Dūnav- ebenso wie Dūnaj- eine slawische Form des europäischen Donaunamens Dunav ist31. Die Entstehung der litauischen Ortsnamen Dūnōjus, Dūnājus, Dunājus usw. lässt sich schematisch folgendermaßen darstellen: *Dōnai(s) (dakisch-mysische Bezeichnung der europäischen Donau)→Dunajь (slawische Bezeichnung der Donau)→dūnojus, dūnajus, dunajus, dunojus usw. (litauische Appellativa)→Dūnōjus, Dūnājus, Dunōjus, Dunājus (litauische Ortsnamen). b) Eine zweite Gruppe von Flussnamen unklarer Herkunft bilden Dniėpras, Šmn., Zufluss der Lakme-nia, Doniėpras (2), Šln., Zufluss der Šūšvė, Dunėprėlis (2), Jž., Dorf Čivyliai. Zu dieser Gruppe gehören auch einige weitere Ortsnamen, zum Beispiel Dunėpriai See, RdN., Dorf Latveliai, Dunėpras See, Jž., Dorf Čivyliai. Man kann annehmen, dass sie alle denselben Ursprung haben, obwohl die Stämme dniepr-, doniepr-, dunepr-, dinepr- nach den phonetischen Regeln des Litauischen nicht von einem einzigen Archetyp abgeleitet werden können. Sie hängen wahrscheinlich mit dem Namen des ukrainischen Flusses Dnepras zusammen. Wie bekannt, hieß der Dnepr in der Antike Borysthēnēs (βορυσ-θενης); der später entstandene Name Dniėpras hatte zahlreiche Varianten: Δανάπρις (Danapris), Дънѣпръ, Дънѣпръ, Непръ, Dnieper, Neper, Nieper, Niepor, Niper, Nyeper32. Der Flussname Dnepras ist nicht slawisch. Seine Wurzel an- < dan- (vgl. Danapris) wird gewöhnlich mit iran. danu- „Fluss“ und osset. don „Fluss, Wasser“33 in Verbindung gebracht. Die litauischen Ortsnamen Dniėpras, Doniėpras, Dunėprėlis, Dunėpriai, Dunėpras sind wahrscheinlich von verschiedenen Varianten des Namens Dnepr abgeleitet. Den litauischen Ortsnamen am nächsten stehen die Varianten Днепр, Данап-рис, Дънѣпръ, doch zeigt ein Vergleich der litauischen Ortsnamen mit den Varianten des Dneprnamens auch teilweise phonetische Abweichungen (z. B. Doniepras – Danapris). Es ist anzunehmen, dass sich einige litauische Ortsnamen später verändert haben oder auf andere, in Schriftquellen nicht belegte Varianten des Dneprnamens zurückgehen. Außerdem müssen nicht alle litauischen Ortsnamen zur selben Zeit entlehnt worden sein. Es gibt Anlass zu der sehr hypothetischen Vermutung, dass die älteste Entlehnung der Flussname Doniėpras ist34 (vgl. Danapris). Vielleicht ist dieser Flussname ins Litauische 28 П. Маштаков, ДБ, p. 248. 29 Вл. Георгиев, Дунай, Дунав, Dunāre..., p. 87. 30 Ebenda, p. 89. 31 Zur slawischen Herkunft von lit. Dunaj- und lett. dunavas siehe auch M. Vasmer, REW, p. 381. 32 П. Л. Маштаковъ, ДБ, p. 1. 33 Siehe A. A. Зализняк, Проблемы славяно-иранских языковых отношений древнейшего периода, ВСЯ, вып. 6, М., 1962, p. 45; T. Lehr-Spławiński, O pochodzeniu..., p. 61; M. Viasmer, REW, I. 354. 34 Wenn das o zwischen d und n nicht später eingeschoben wurde. 180 in die Sprache gelangte, nicht über die Slawen, sondern von den alten Balten, die im Dneprbecken lebten, mitgebracht oder von den Litauern von jenen baltischen Stämmen übernommen wurde, die in der Antike im Gebiet am Dnepr lebten. Auf ähnliche Weise könnten vielleicht auch Ortsnamen mit dniepr, dunėpr- und Ähnlichem in die litauische Sprache gelangt sein, obwohl ihr Überlieferungsweg ins Litauische insgesamt unklar ist. Für eine spätere, sekundäre Bildung (wie Dunõjus, Dunãjus und Ähnliches) haben wir keine Belege. Abkürzungen aukšt. — Aukštaitisch brus. — Weißrussisch bulg. — Bulgarisch chorv. — Kroatisch dš. — rechter (Nebenfluss) gn. — Weide got. — Gotisch gr. — Griechisch int. — Nebenfluss ir. — Iranisch kr. — linker (Nebenfluss) lat. — Lettisch liet. — Litauisch lat. — lateinisch osset. — ossetisch Wiese — Wiese rum. — rumänisch russ. — russisch s. — alt sl. — slawisch dt. — deutsch žem. — niederlitauisch AO — Die altpreussischen Ortsnamen gesammelt und sprachlich behandelt von G. Gerullis, Berlin und Leipzig, 1922. AšlPh — Archiv für slavische Philologie, Berlin, 1876 ff. KZ — Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung auf dem Gebiete der indogermanischen Sprachen, begründet von A. Kuhn, Berlin und Gütersloh, 1852 tt. LEW — Litauisches etymologisches Wörterbuch von E. Fraenkel, Göttingen, 1962. LKK — Fragen der litauischen Sprachwissenschaft, Vilnius, 1957 ff. LKŽ — Wörterbuch der litauischen Sprache, Vilnius, 1941 ff. LKŽK — Zettelkatalog des „Wörterbuchs der litauischen Sprache“ des Instituts für litauische Sprache und Literatur der Akademie der Wissenschaften der Litauischen SSR. LV — J. Endzelīns, Latvijas PSR vietvārdi, Rīgā, 1956 ff. REW — M. Vasmer, Russisches etymologisches Wörterbuch, Heidelberg, I, 1953; II, 1955; III, 1958. Rocz.sl. — Rocznik slawistyczny. Kraków, 1908 tt. RR — K. Būga, Gesammelte Schriften, Vilnius, I, 1958; II, 1959; III, 1961. Sl.Occ. — Slava Occidentalis, Poznań. Sl. Or. — Savia Orientalis, Warszawa. ВСЯ — Вопросы славянского языкознания, Москва, 1957 tt. ВЯ — Вопросы языкознания, Москва. ДБ — П. Л. Маштаков, Список рек Днепровского бассейна, С. Петербург, 1913. ЛАГВП — В. Н. Топоров и О. Н. Трубачёв, Лингвистический анализ гидронимов Верхнего Поднепровья, Москва, 1962. Anmerkung: Die Abkürzungen der Ortsnamen sind dieselben wie im „Wörterbuch der litauischen Sprache“ (siehe Bd. III, Vilnius, 1956). 181 ZUR HERKUNFT DER NAMEN LITAUISCHER FLÜSSE Dinojis und Dniepras А. ВАНАГАС Zusammenfassung In diesem Artikel werden zwei Gruppen litauischer Flussnamen behandelt: a) Dunõjus (vier Flüsse), Dunājūs (acht Flüsse), vgl. Dunājūs || Gudonių ežeras-See, Dūnõjus-See, Dūnājūs lug, Dūnõjus lug, Dūnõjai lug. Zwischen diesen Toponymen und den Appellativa dunõjus, dunājūs, dūnõjus „großes Wasser u. Ä.“ besteht ein gewisser Zusammenhang, vgl. dūnõjis, dunujēlis, dūnavēlis, dujonēlis, dūjūnas, donajus, danojus, donajēlis, donojēlis, danujēlis, duinojēlis, Refrains dūnoja, dūnojo, dūno, das Verb sdundti (-dūna, -dūno), dūma ³⁴, dūnas ³⁵, dūnūs ³⁶. Sie sind in litauischen Volksliedern sehr weit verbreitet. Die Appellativa dunõjus, dunājūs, dūnõjus u. a. gelangten als eigenständiges poetisches Bild, als Symbol des Wassers, aus slawischen Volksliedern in die litauische Folklore. Die litauischen Toponyme Dunõjus, Dunājūs, Dūnõjus, Dūnājūs sind höchstwahrscheinlich sekundäre Bildungen aus diesen Appellativa. b) Dniepras, Doniēpras, Duneprēlis, vgl. Dunēprāi (Wiese), Dunēpras (Wiese). Genetisch hängen diese Toponyme mit dem Namen des ukrainischen Flusses Dnepr zusammen. Bekanntlich hatte der Name Dnepr früher viele Varianten: Δανήπρ, Дънѣпръ, Дънѣпрь, Непръ, Dnieper, Niper, Nieper, Непер u. a. Die litauischen Toponyme Dniepras, Doniēpras, Duneprēlis, Dunēpras stammen möglicherweise von verschiedenen Varianten des Namens Dnepr ab. Beim Vergleich der litauischen Toponyme mit den Varianten des Namens Dnepr zeigen sich teilweise phonetische Abweichungen. Es ist anzunehmen, dass einige Veränderungen der litauischen Toponyme später eingetreten sind. Der Weg, auf dem der Name des Flusses Dnepr in die litauische Toponymie gelangte, ist nicht ganz klar. Möglicherweise sind die Namen Dniēpras, Doniēpras u. a. ein Reflex jener fernen Zeit, als die Balten in den ausgedehnten Gebieten des oberen Dneprbeckens siedelten. 182