Galininkas su dalyviu XVI–XVII a. lietuvių kalbos paminkluose (paplitimas ir santykis su originalų konstrukcijomis)
Full text
LIETUVIŲ KALBOS GRAMATIKOS TYRINĖJIMAI LIETUVOS TSR MOKSLŲ AKADEMIJA
DER AKKUSATIV MIT PARTIZIP IN LITAUISCHEN SPRACHDENKMÄLERN DES 16.—17. JAHRHUNDERTS
(Verbreitung und Verhältnis zu den Konstruktionen der Originale)
V. AMBRAZAS
Mit dem traditionellen Terminus Akkusativ mit Partizip (accusativus cum participio) werden gewöhnlich Konstruktionen bezeichnet, die nach Verben des Empfindens, Fühlens, Wahrnehmens, Wissens, Sprechens usw. aus einem Substantiv oder Pronomen im Akkusativ mit einem kongruierenden Partizip gebildet werden, z. B.: ich sah das Kind laufen, ich höre dich zurückgekehrt. Solche Konstruktionen sind in vielen indoeuropäischen Sprachen belegt, haben sich jedoch im Laufe der Zeit fast überall verändert oder sind verschwunden. Auch im heutigen Litauischen hat sich ihr Gebrauchsfeld verengt, und der Akkusativ des Partizips ist in vielen Fällen durch ein Gerundium ersetzt worden1. In den alten Schriften dagegen wird der Akkusativ mit Partizip sehr häufig verwendet. Mehr noch: Die Fülle und Vielfalt dieser Konstruktionen kann als eines der auffälligsten syntaktischen Merkmale unserer alten Literatur gelten. In den alten Schriften begegnet der Akkusativ mit Partizip oft unter Bedingungen, unter denen er in der heutigen Literatursprache ebenso wie in den Dialekten kaum vorkommt. Hier einige Beispiele.
Ich weiß, dass mein Erlöser lebt. BrP II 40. Gib uns, dass wir an den Sohn Gottes glauben. RG 576. Meinst du, die Frau sei gerecht, weil sie sich von diesem Bauern ferngehalten hat, ohne ihn zu bedrängen, sondern ihn mit List geweckt hat? SE 75. Dem König von Ägypten wurde gesagt: Die Menschen sind geflohen. BrB II Moz 14,5. Sie glauben, dass es so ein Leben gibt. DP 58431. Ich... nehme dich als Richter an MT 121a. Denn es ist schon bekannt, dass diese Gefangenen aus dem Feld zusammengetrieben worden sind. BrP 395.
Die alten Schriften sind die wichtigste und in vielen Fällen einzige Quelle, aus der wir Erkenntnisse über den Aufbau und den Gebrauch dieser Konstruktionen in ferner Vergangenheit gewinnen können. Daher müssen ihre Belege sorgfältig überprüft und untersucht werden.
Ziel dieses Artikels ist es, die Verbreitung des Akkusativs mit Partizip in litauischen Sprachdenkmälern des 16.—17. Jahrhunderts zu überblicken und zu versuchen, das Verhältnis der dort vorkommenden Konstruktionen zur gesprochenen Sprache jener Zeit zu bestimmen.
Von den Akkusativkonstruktionen mit Partizipien werden hier nur diejenigen behandelt, in denen das Partizip eine attributiv-prädikative Funktion hat; viele solcher Konstruktionen können als Entsprechungen von Nebensätzen dienen, vgl. ich sehe den Nachbarn krank und ich sehe, dass der Nachbar krank ist. Der Terminus Akkusativ mit Partizip wird nicht auf Äußerungen angewandt, in denen das Partizip
1 Ausführlicher zu Akkusativkonstruktionen mit Gerundium siehe Verf., „Baltistica“, IV (2), 1968, S. 192 ff. Zum Akkusativ mit Partizip siehe E. Tangl, Der Accusativus und Nominativus cum Participio im Altlitauischen, Weimar, 1928.
41
Der Akkusativ ist hier ein unmittelbares Attribut des Substantivs, z. B.: ich traf den Nachbarn, der schwer krank war; von solchen Konstruktionen hat man sich auch bei der Angabe statistischer Daten zu distanzieren versucht. Aufgrund der unterschiedlichen Interpunktion in den älteren Schriften und aus anderen Gründen ist diese Abgrenzung jedoch bisweilen schwierig, und Subjektivität lässt sich hier nur schwer vermeiden. Im Allgemeinen hat man lediglich die Beispiele ausgeklammert, in denen der Partizipialakkusativ zweifellos als einfaches Attribut fungierte.
Zur Bestimmung der Häufigkeit des Gebrauchs des Akkusativs mit Partizip wird die Zahl der Konstruktionen auf einer Autorenseite zugrunde gelegt, die ungefähr 40.000 Druckzeichen umfasst. Diese Zahl gilt als Häufigkeitsmaß für die betreffenden Konstruktionen.
Der Akkusativ mit Partizip ist in den verschiedenen Schriften des 16. und 17. Jahrhunderts sehr unterschiedlich verbreitet. V. Falkenhan hat darauf hingewiesen, dass diese Konstruktion besonders bei J. Bretkūnas beliebt ist, während sie von anderen Autoren seltener verwendet wird2. Da J. Bretkūnas’ Schriften den größten Teil der litauischen Sprachdenkmäler des 16. Jahrhunderts ausmachen und das umfangreichste darunter – das Manuskript der Bibelübersetzung – bisher kaum erforscht worden ist, empfiehlt es sich, ihnen zunächst Aufmerksamkeit zu widmen.
In J. Bretkūnas’ Bibel finden wir 1191 Konstruktionen des Akkusativs mit Partizip. Im Durchschnitt kommen hier auf einer Autorenseite etwa 12 Konstruktionen vor, doch sind sie in den verschiedenen Teilen der Übersetzung sehr ungleich verteilt. Unter den Teilen des Neuen Testaments ist ihr Häufigkeitsmaß in der Offenbarung (32,5) und im Johannesevangelium (20,5) am höchsten; darauf folgen das Markusevangelium (18,9) und das Lukasevangelium (17,1). Unter den Teilen des Alten Testaments wird der Akkusativ mit Partizip am häufigsten in der Prophezeiung des Baruch (40), in den Makkabäerbüchern (32,5) und im Buch Judith (24) verwendet; darauf folgen Daniel (22,5), Ezechiel und Ester (20), Samuel (18,8) sowie das Buch der Weisheit (18,1). Andererseits sind diese Konstruktionen in einigen Teilen der Übersetzung sehr selten. Am seltensten kommen sie im Sprüchebuch des Alten Testaments (0,5), im Psalter (1,6) und in den Chroniken (5) vor; ihr Häufigkeitsmaß ist in Jesaja (6,7) und im Buch Jesus Sirach (6,9) fast halb so hoch wie der Durchschnitt, und unter den Teilen des Neuen Testaments in den Paulusbriefen (6,5). Kennt man die Reihenfolge, in der die einzelnen Teile der Bibel übersetzt wurden, lässt sich feststellen, wie sich die Häufigkeit des Akkusativs mit Partizip während der mehr als zehnjährigen Übersetzungsarbeit an der Bibel verändert hat. Tabelle 1 zeigt diese Entwicklung. Daraus geht hervor, dass die Häufigkeitsmaße der betreffenden Konstruktionen von Beginn der Übersetzung an stark schwanken: in den 1579–1580 übersetzten Teilen zwischen 6,5 und 32,5, 1585 zwischen 0,5 und 15, 1586 zwischen 4,1 und 24, 1589 zwischen 5 und 32,5; im letzten Jahr, 1590, steigen sie wieder auf Werte zwischen 7,1 und 40. Der Akkusativ mit Partizip ist also nicht nur für die frühe3, sondern auch für die spätere Schaffensperiode Bretkūnas’ sehr charakteristisch. Die Statistik zeigt keinen stetigen Rückgang oder Anstieg seiner Häufigkeit. Vergleicht man seinen Gebrauch im 1579–1580 übersetzten Neuen Testament mit dem in einem ungefähr gleich umfangreichen Teil des Alten Testaments, von Josua bis zu den Büchern Esra-Nehemia (1589 übersetzt), so zeigt sich, dass sich die Anzahl und Häufigkeit der Konstruktionen nicht wesentlich unterscheiden (NT: 284 und 13,3; Jos–Neh: 238 und 11,3). Gegen Ende seiner Bibelübersetzung verwendete J. Bretkūnas diese Konstruktionen mitunter sogar häufiger als in den ersten Arbeitsjahren.
2 Žr. V. Falkenhanhahn, Der Übersetzer der litauischen Bibel Johannes Bretke und seine Helfer, Königsberg und Berlin, 1941, p. 186.
3Vgl. V. Falkenhanhahn, ebenda.
42
Tabelle 1
Häufigkeit des Akkusativs mit Partizip in Bretkūnas’ Bibel
Übersetzungsjahr | Abkürzung des Buches | Häufigkeitsmaß | Übersetzungsjahr | Abkürzung des Buches | Häufigkeitsmaß | Übersetzungsjahr | Abkürzung des Buches | Häufigkeitsmaß 1579 | Luk | 17,1 | 1586 | Apokr | 11 | 1589 | GG | 10 | Lašk | 6,5 | | Judit | 24 | | Mak | 32,5 1580 | Apr | 32,5 | | Pam | 4,1 | | Job | 16 | Apd | 14 | | Išm | 18,1 | | Iz | 6,7 | Jon | 20,5 | 1589 | Joz | 9 | | Jer | 7,2 | Mork | 18,9 | | Teis | 9 | 1590 | Ezech | 20 | Mat | 10,7 | | Rut | 15 | | Dan | 22,5 | NT | 13,2 | | Sam | 18,8 | | Bar | 40 | Ps | 1,6 | | Kar | 12,2 | | Maž. Pran. | 7,1 1585 | Sir | 6,9 | | Kron | 5 | | Moz* | 10,1 | Tob | 15 | | Ezr-Neh | 8,5 | | ST | 11,4 | Pat | 0,5 | | Est | 20 | | Insgesamt | 12
* Hier sind auch die Daten für Genesis (I Moz) berücksichtigt, die 1588 übersetzt wurde.
Die Intensität des Gebrauchs des Akkusativs mit Partizip lässt sich in bestimmten Fällen mit dem Stil des übersetzten Textes in Verbindung bringen. Es ist leicht zu erkennen, dass die betreffenden Konstruktionen häufiger an Stellen vorkommen, die von epischer Erzählung geprägt sind, und seltener in didaktischen und poetischen Teilen. Als Ausnahme könnte die hohe Häufigkeit dieser Konstruktionen in der Offenbarung sowie in den Büchern Ezechiel, Daniel und Baruch gelten; sie erklärt sich jedoch dadurch, dass sich hier sehr ähnliche stereotype Konstruktionen vielfach wiederholen. So wird beispielsweise die Konstruktion Und ihr werdet erkennen, dass ich der Herr bin mit geringfügigen Variationen (verschiedene Tempora und Modi, bisweilen eine abweichende Wortstellung) in der Prophezeiung des Ezechiel 51-mal wiederholt. In ihrer Verteilung auf die einzelnen Übersetzungsteile je nach Textstil entspricht der Akkusativ mit Partizip also ungefähr dem absoluten Dativ (vgl. LKK V 50).
Dass die Verbreitung des Akkusativs mit Partizip in hohem Maße vom Textstil abhängt, bestätigt auch J. Bretkūnas’ Gesangbuch, in dem diese Konstruktion vergleichsweise selten ist. Zwar wurde ein großer Teil der Lieder hier aus dem Gesangbuch Mažvydas’ nachgedruckt, doch ist der Akkusativ mit Partizip auch in den von Bretkūnas selbst übersetzten Liedern viel seltener als in Prosaschriften.
Um das Verhältnis der in J. Bretkūnas’ Schriften vorkommenden Konstruktionen zur gesprochenen Sprache jener Zeit besser zu verstehen, muss zunächst festgestellt werden, in welchem Maße die von ihm verwendeten Originale ihren Gebrauch beeinflusst haben könnten.
Zur Klärung des Einflusses der Originale wurde Bretkūnas’ Bibel mit der Ausgabe der Lutherbibel von 1549⁴ verglichen, die ungefähr ein Jahrzehnt später erschien als die vom Übersetzer verwendeten Ausgaben von 1537 und 1540 (diese waren uns nicht zugänglich; mit der Vulgata,
⁴ Biblia: Das ist: die gantze heilige Schrifft: Deudsch Auff's new zugericht. D. Mart. Luth. Wittemberg. Gedruckt durch Hans Lufft. 1549.
43
deren Text des Alten Testaments nach der Ausgabe von 15395 wiedergegeben wird, während der des Neuen Testaments nach E. Nestle6.
Da die Übersetzungstechnik von Bretkūnas Bibel und ihr Verhältnis zu den Originalen bislang nicht untersucht worden sind, müssen zunächst einige allgemeinere Fragen angesprochen werden.
Wie bekannt ist, begann J. Bretkūnas, die Bibel aus dem Lateinischen zu übersetzen, und, dem Eintrag im Manuskript7 zufolge, übersetzte er 1579 innerhalb eines Monats das gesamte Lukasevangelium. Ein Vergleich der Texte zeigt deutlich, dass dieser Teil tatsächlich aus der Vulgata übersetzt wurde. Das zeigen von Anfang an zahlreiche Stellen, an denen Bretkūnas’ Text der Vulgata wörtlich entspricht und sich von Luthers Fassung unterscheidet (vgl. z. B. 1, 2, 4, 6, 14, 17, 18, 19, 23, 37, 43, 44, 46, 48, 54, 62, 63, 2, 8, 9 usw.). Einige Stellen lassen jedoch darauf schließen, dass Bretkūnas beim Übersetzen auch Luthers Text zur Hand hatte und ihn benutzte. Es kommen Sätze vor, die Luthers Fassung viel näher stehen als der Vulgata und wohl kaum unmittelbar aus Letzterer übersetzt worden sein können, vgl.: Ne prabikite daugesnia neį padarita ira (darüber: prisakita ira dūti). 3,13 – Nihil amplius, quam quod constitutum est vobis, faciatis. – Foddert nicht mehr / denn gesetzet ist. Hier zeigt auch der Wortschatz die Benutzung von Luthers Text: (Gwaltu) (darüber: Niewalios) ne wienam ne darikite, (pikta) nei ne tiesas. 3,14 – Neminem concutiatis, neque calumniam faciatis. – Thut niemand gewalt noch vnrecht. Vermutlich ist auch die vom deutschen Text angeregte Übersetzung von ecce als weisdek (1,31 u. a.) oder dabakes (1,36) zu erklären, vgl. dt. sihe. Offenbar zog Bretkūnas auch den deutschen Text heran, wenn ein Satz unmittelbar aus dem Lateinischen wegen Redewendungen, einer für das Litauische ungewohnten Konstruktion oder ähnlicher Gründe schwer zu übersetzen war; dazu vgl. auch: Weisdek, nescheze busi 1,31 – ecce concipies in utero – sihe du wirst schwanger werden. Außerdem gliederte Bretkūnas den zu übersetzenden Text nach dem Vorbild der Lutherbibel in Absätze. Die Hauptquelle, aus der das Lukasevangelium seitenweise übersetzt wurde, ist jedoch zweifellos die Vulgata.
Im Herbst desselben Jahres begann Bretkūnas, die Briefe des Paulus zu übersetzen. Zunächst versuchte er ebenfalls, sich auf die Vulgata zu stützen, übersetzte daraus jedoch nur die ersten Absätze (Röm 1,1–3) und wechselte von dort an die Grundlage der Übersetzung. Auf derselben Seite wurde nach einem kleinen Zwischenraum mit dem Eintrag Vel sic: derselbe Text erneut, nun aus der Lutherbibel, übersetzt; auch die folgenden Seiten der Briefe und die übrigen Teile des Neuen Testaments wurden aus ihr übersetzt.
Bei der Übersetzung der übrigen Teile des Neuen Testaments diente die Vulgata Bretkūnas nur als Hilfsquelle. Überall ist der Geist und der Wortlaut des deutschen Originals deutlich zu spüren. Nur gelegentlich weicht der Übersetzer von Luthers Fassung ab und formuliert den Satz nach der Vulgata, z. B.: Pravakas savo tiewischkeie garbes ne tur Jon 4,44 – ein Prophet daheim nichts gilt – propheta in sua patria honorem non habet; Wieschpatie, lei miekt, bus sweiks Jon 11,13 – Herr, schläft er / so wirds besser mit im – Domine, si dormit, salvus erit; vgl. außerdem Kana Galileos Jon 4,46 – Cana in Galilea – Cana Galilaeae. Der Text der Vulgata half Bretkūnas offenbar dabei, Sätze mit Redewendungen zu übersetzen, wie etwa: Nesa bus, kaip (darüber: iog) Herodas tha Berneli ieschkos ant nuszavinimo Mat 2,14 – Denn es ist furhanden / das Herodes das Kindlin sueche / dasselb vmb zu bringen – Futurum est enim ut Herodes quaerat puerum ad perdendum eum, oder: Nesa tu nebehuwa Mat 2,18 – Denn es war aus mit jnen – quia non sunt; Bei Iesus prawirka Jon 11,35 – Vnd Jhesu gingen die augen uber – Et lacrymatus est Iesus. Die einzelnen Sätze jedoch, die nicht unmittelbar aus Luther übersetzt wurden, sind lediglich kleine Inseln in einem durchgehenden Strom von Absätzen, deren deutsche Übersetzungsgrundlage unzweifelhaft ist. Ähnlich wurde auch das Alte Testament aus dem Deutschen übersetzt, wobei nur gelegentlich Texte aus dem Lateinischen, Griechischen und Hebräischen herangezogen wurden8.
Im Spätlatein, aus dem J. Bretkūnas das Lukasevangelium übersetzte, kommt der Akkusativ mit Partizip (accusativus cum participio) recht häufig vor. Daher muss zunächst das Verhältnis zwischen den vom Übersetzer verwendeten Akkusativ-mit-Partizip-Konstruktionen
5 Biblia sacra Vvlgatae editionis Sixti Qvinti pont. max. ivssv recognita atqve edita Romae… MDXCIII.
6 Novum Testamentum Graece et Latine, Utrumque textum cum apparatu critico ex editionibus et libris manu scriptis collecto imprimendum curavit Eberhard Nestle, Stuttgart, 1921.
7 Po Luko ev. vertimo: Isch latinischko perguldita… Incepi vertere 6. die Martij Et absolui 30. Martij.
8 Žr. A. Bezzenberger, Beiträge zur Geschichte der litauischen Sprache, Göttingen, 1877, p. XVII; aut., LKK V, 1962, p. 37.
44
mit den entsprechenden Stellen des lateinischen Textes. Welche Formulierungen der Vulgata J. Bretkūnas mit dem Akkusativ mit Partizip übersetzte, zeigt Tabelle 2.
Tabelle 2
Das Verhältnis der Übersetzung des Lukasevangeliums zur Vulgata
Vulg | Akkusativ mit Partizip: nach sehen, hören u. Ä. | nach finden | nach anderen Verben | Gesamtzahl Accusativus cum participio | 11 | 15 | – | 26 „ „ cum infinitivo | 4 | – | 13 | 17 „ „ cum adjectivo | – | – | 1 | 1 Nebensätze mit quod | – | – | 3 | 3 „ „ mit quia, quoniam u. a. | – | – | 2 | 2 Insgesamt | 15 | 15 | 19 | 49
Aus der Tabelle geht hervor, dass das lat. accusativus cum participio mehr als die Hälfte aller litauischen Entsprechungen des Akkusativs mit Partizip ausmacht. In all diesen Fällen steht der Akkusativ mit Partizip jedoch nach den Verben sehen, hören, finden u. Ä., die den Akkusativ regieren. In solchen Konstruktionen ist die unmittelbare Rektion zwischen dem Verb und dem Substantiv (Pronomen) im Akkusativ nicht aufgehoben, und der Akkusativ kann als Objekt des Verbs angesehen werden, z. B.:
Wenn ihr eine Wolke aufsteigen seht vom Abend her, sagt ihr alsbald 12,54 – Cum videritis nubem orientem ab occasu, statim dicitis.
Als er die Menge hörte, die herbeikam, fragte er 18,36 – Et cum audiret turbam praeferentem, interrogabat.
Wenn ihr hineingeht, werdet ihr ein angebundenes Eselsfüllen finden 19,30 – introëuntes invenietis pullum asinae alligatum.
Mit Konstruktionen, die nach sagen, wissen und anderen Verben stehen und mit ihnen nur durch eine phraseologische Rektion verbunden sind (wie auch erläuternde Nebensätze), wird das lateinische accusativus cum participio nicht übersetzt. Mit ihnen übersetzte Bretkūnas meistens das accusativus cum infinitivo oder Nebensätze, z. B.:
Wen sagt ihr aber, dass ich sei? 9,20 – Vos autem quem me esse dicitis?
Denn ich spüre, dass eine Kraft von mir ausgegangen ist 8,46 – nam ego novi virtutem de me exisse.
Und sie erkannten, dass er eine Erscheinung im Tempel gesehen hatte (Hervorhebung) der Kirche 1,22 – et cognoverunt quod visionem vidisset in templo.
Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Macht auf Erden hat 5,24 – Ut autem sciatis quia Filius hominis habet potestatem in terra.
Für solche selbstständigen Konstruktionen des Akkusativs mit Partizip in Bretkūnas’ Übersetzung gab es im lateinischen Original überhaupt kein Vorbild, und ihre Verwendung konnte nicht unmittelbar von ihm beeinflusst sein. Allgemein ist das accusativus cum participio im Lateinischen in diesen Fällen unüblich; stattdessen wird hier meistens das accusativus cum infinitivo verwendet. Dagegen gerade solche selbstständigen Konstruktionen des Akkusativs mit Partizip
45
Reichtum und Vielfalt sind ein deutliches Merkmal der Sprache Bretkūnas und vieler anderer unserer alten Autoren.
Wie stark das lateinische Original den Gebrauch des Akkusativs mit Partizip in den aus dem Lateinischen übersetzten Passagen beeinflussen konnte, lässt sich auch mit der Differenzmethode leicht überprüfen. Zu diesem Zweck vergleichen wir die Daten aus Tabelle 2 mit den Daten, die wir durch den Vergleich der in anderen, aus dem Deutschen übersetzten Teilen des Neuen Testaments verwendeten Konstruktionen mit der Vulgata erhalten.
Tabelle 3
Verhältnis der anderen Teile der Übersetzung des Neuen Testaments zur Vulgata
Vulg | Akkusativ mit Partizip: nach sehen, hören usw. | nach finden, zurücklassen | nach anderen Verben | Gesamtzahl Accusativus cum participio | 97 | 20 | 2 | 119 „ | „ | infinitivo | 9 | — | 22 | 31 „ | „ | adjectivo | 1 | 1 | 2 | 4 Nebensätze mit quod | 3 | — | 11 | 14 „ | „ | mit quia, quoniam usw. | 7 | — | 38 | 45 Andere Konstruktionen | 12 | 1 | 8 | 21 Insgesamt | 129 | 22 | 83 | 234
Aus dem Vergleich geht klar hervor, dass das Verhältnis litauischer Konstruktionen zum lateinischen accusativus cum participio in beiden Fällen nahezu gleich ist. In der Übersetzung des Lukasevangeliums macht der acc. c. part. etwa 53% aller Entsprechungen des Akkusativs mit Partizip aus, in den übrigen Teilen dagegen 50,9%. Auch ihre Verteilung nach Konstruktionstypen ist ähnlich: Dem lateinischen acc. c. part. entsprechen gewöhnlich Konstruktionen, in denen der Akkusativ nach Verben wie sehen, hören, finden usw. steht und als deren Objekt angesehen werden kann; nur ausnahmsweise handelt es sich um selbstständige Akkusativ-mit-Partizip-Konstruktionen nach anderen Verben. Dies bestätigt erneut, dass der lateinische accusativus cum participio keinen merklichen Einfluss auf den Gebrauch litauischer Akkusativ-mit-Partizip-Konstruktionen im Lukasevangelium hatte.
Etwas anders ist in beiden Fällen das Verhältnis litauischer Konstruktionen zum accusativus cum infinitivo und zu Nebensätzen. Im Lukasevangelium machen die Entsprechungen des acc. c. inf. 34,6% der litauischen Konstruktionen aus, in den übrigen Teilen der Übersetzung des Neuen Testaments dagegen nur 13,2%; dafür sind Nebensätze mit quod, quia, quoniam und anderen Konjunktionen dort mehr als doppelt so häufig (10,2% im Lukasevangelium und 25% in den übrigen Teilen). Die lateinischen Konstruktionen accusativus cum infinitivo waren ihrem Aufbau nach dem litauischen Akkusativ mit Partizip ähnlicher als Nebensätze; daher konnten sie den Gebrauch des Akkusativs mit Partizip in den aus dem Lateinischen übersetzten Textteilen indirekt begünstigen. Dieser begünstigende Einfluss des acc. c. inf. kann jedoch nur sehr gering gewesen sein. Denn in dem aus dem Lateinischen übersetzten Lukasevangelium ist der Häufigkeitswert des Akkusativs mit Partizip niedriger als in den aus dem Deutschen übersetzten Evangelien nach Johannes und Markus (20,5: 18,9), ganz zu schweigen von der Apokalypse oder solchen Teilen des Alten Testaments,
46
wie den Büchern der Makkabäer. Es gibt keinerlei Grund, von einem Einfluss des acc. c. inf. auf den Aufbau oder den Gebrauch der litauischen Konstruktionen selbst zu sprechen.
Um festzustellen, welche deutschen Konstruktionen J. Bretkūnas mit dem Akkusativ mit Partizip übersetzte, wurden die alttestamentlichen Bücher von Bretkūnas’ Bibel von Josua bis einschließlich Nehemia mit dem deutschen Original verglichen. Sie waren nacheinander 1589 übersetzt worden und entsprachen vom Umfang her dem Neuen Testament (etwa 13 Druckbogen). Die Vergleichsdaten sind in Tabelle 4 dargestellt.
Tabelle 4
Das Verhältnis der Übersetzung der Bücher Josua–Nehemia zur Lutherbibel
LB | Akkusativ mit Partizip | nach sehen, hören usw. | nach finden, zurücklassen usw. | nach anderen Verben | Gesamtzahl | Accusativus cum participio | 3 | 2 | – | 5 | „„ infinitivo | 26 | 5 | – | 31 | Nebensätze mit dab | 66 | 1 | 112 | 179 | Andere Nebensätze | 3 | 3 | 5 | 11 | Konjunktionslose Sätze | – | – | 9 | 9 | Andere Konstruktionen | 1 | – | 2 | 3 | 99 | 11 | 128 | 238
Abgesehen von einigen Akkusativkonstruktionen mit part. perf. pass. (z. B.: sie sahen den Körper auf dem Weg hingeworfen I Kön 13,25 – sahen sie den Leichnam in den Weg geworffen) gab es im deutschen Text keine Wendungen, die ihrer Struktur nach dem litauischen Akkusativ mit Partizip entsprachen. Am nächsten kam ihm die Konstruktion accusativus cum infinitivo. Der Akkusativ mit Partizip entspricht ihr jedoch nur selten und nur dann, wenn er nach Verben wie sehen, hören, finden usw. steht, mit denen er durch Rektion verbunden werden kann, zum Beispiel:
Ich sehe die Götter aus der Erde aufsteigen I Sam 28,14 – Ich sehe Götter aus der Erde aufsteigen.
Kaip kada girdetumbei wiena balsą garbinantį ir dėkawojentį II Chron 5,13 – als hoeret man eine stimme zu loben vnd zu dancken.
Sie fanden Dagon mit dem Gesicht nach unten auf der Erde liegen I Sam 5,3 – sie fanden Dagon mit dem Gesicht nach unten auf der Erde liegen.
Das Verhältnis der litauischen Konstruktionen zum lateinischen und deutschen accusativus cum infinitivo ist also unterschiedlich: Dem lateinischen acc. c. inf. entsprechen meist völlig selbstständige Konstruktionen aus Akkusativ und Partizip, dem deutschen hingegen solche, in denen der Akkusativ noch als Objekt des Verbs fungieren kann (mit solchen Konstruktionen wurde im Lukasevangelium häufig lat. acc. c. part. übersetzt). Dies erklärt sich durch den unterschiedlichen Gebrauch des acc. c. inf. in den genannten Sprachen: Im Lateinischen ist diese Konstruktion wesentlich selbstständiger, im Deutschen dagegen eng mit Verben bestimmter lexikalischer Bedeutung verbunden, die den Akkusativ regieren. Wie wir sehen, spürte J. Bretkūnas diesen Unterschied und wählte bei der Übersetzung in beiden Fällen unterschiedliche sprachliche Mittel. Berücksichtigt man die Übersetzungstechnik jener Zeit, zeugt dies von einem sehr feinen Sprachgefühl des Übersetzers.
47
Mit selbstständigen Konstruktionen aus Akkusativ und Partizip, in denen zwischen Verb und Akkusativ keine Rektion mehr erkennbar ist, übersetzte J. Bretkūnas meist deutsche Nebensätze, insbesondere solche mit der Konjunktion daß.
Er erhob seine Augen und sah einen Mann vor sich stehen. Joz 5,13 – vnd ward gewar das ein Man gegen jm stund.
Da sahen alle Menschen, dass Mose einen Sack um den Leib trug! II Kar 6,30 – Da sahe alles volck/das er einen Sack vnten am leibe anhatte.
Doch die Obersten wussten nicht, wohin ich ging oder was ich tat! Neh 2,16 – Vnd die Obersten wussten nicht/wo ich hin gieng/oder was ich machte.
Einigen Konstruktionen aus Akkusativ und Partizip entsprechen im Original auch asyndetische Sätze nach einem Verb mit erklärender Bedeutung, zum Beispiel:
Denn sie werden sagen: Wir fliehen vor ihnen, wie zuvor Joz 8,6 – Denn sie werden gedencken/wir fliehen fur jnen/wie vor hin.
Idant szinnotumbit Mane sant! PONV I Kar 20,28 – Das jr wisset/Ich sey der HERR.
Manchmal übersetzte Bretkūnas, indem er sich weit vom Wortlaut des Originals entfernte, mit einer Konstruktion aus Akkusativ und Partizip auch andere deutsche Konstruktionen, zum Beispiel:
Wenn die Syrer mich besiegen, dann komm mir zu Hilfe I Kron 20,12 – Wenn mir die Syren zu starck werden/so kom mir zu huelff (Si vicerit me Syrus…).
Er nori schechūli deschimti trapu (Randglosse: schinkšnių) toliaus aisenti (korrigiert zu iog scheschūlis.... eitu) oder deschimti trapu (Randglosse: pakopų) rückwärts? II Kar 20,9, – Sol der schatten zehen stuffen forder gehen/oder zehen stuffen zuruecke gehen? (vis ut ascendat umbra…).
Ach, wenn doch mein Herr bei dem Propheten in Samaria wäre II Kar 5,3 – Ach/das mein Herr were bey dem Prophete zu Samaria (Utinam fuisset dominus…).
Diese Aussagen konnte Bretkūnas, ebenso wie die oben erwähnten Neben- und asyndetischen Sätze, korrekt übersetzen, indem er sich stärker am Original orientierte und sich nicht davon entfernte. Denn neben Konstruktionen aus Akkusativ und Partizip waren in der litauischen Sprache jener Zeit Nebensätze mit der Konjunktion jog, asyndetische Sätze und andere Konstruktionen, die den Ausdrucksweisen des deutschen Textes entsprachen, weit verbreitet; sie sind auch in Bretkūnas’ eigener Übersetzung häufig. Zur Wahl gerade dieser Mittel veranlasste das Original – ein sakraler Text, der nach den damaligen Grundsätzen möglichst genau, „verbum verbo“, übersetzt werden musste. Das deutsche Original förderte den Gebrauch der Konstruktion aus Akkusativ und Partizip nicht nur nicht, sondern schränkte ihn im Gegenteil stark ein. Und dennoch übersetzte Bretkūnas, indem er sich dem Einfluss des Originals widersetzte, häufig verschiedene, syntaktisch völlig unterschiedliche Ausdrucksmittel mit einer Konstruktion aus Akkusativ und Partizip. Dies lässt sich nur dadurch erklären, dass diese Konstruktion in der Sprache des Übersetzers selbst stark verankert war.
Galininko su dalyviu produktyvumas dar labiau išryškėja Bretkūno Postilėje (1589), kurios viename aut. lanke vidutiniškai randame 37,8, o abiejuose tomuose — 719 konstrukcijų. Savo struktūros ypatybėmis ir vartosena jos maždaug atitinka Biblijos vertime randamas konstrukcijas. Tačiau jų vidutinis dažnumo rodiklis čia daugiau nei dvigubai didesnis, kaip Biblijoje, ir pranoksta rodiklius net tokių jos dalių, kuriose galininkas su dalyviu itin gausiai vartojamas (pvz.: Mak, Apr, Dan, Jon ir kt.).
Wie lässt sich dieser Unterschied erklären?
48
Die Postille wurde zu einer Zeit verfasst, als bereits das gesamte Neue Testament und ein Teil der Bücher des Alten Testaments übersetzt worden waren (Ps, Sir, Tob, Pat, Apokr, Judit, Pam, Išm)9. Eine besondere Zunahme des Akkusativs mit Partizip in den späteren Übersetzungsteilen im Vergleich zu denen, die bis 1588 übersetzt wurden, ist nicht festzustellen; chronologische Faktoren (z. B. die Gewohnheit, unter bestimmten Umständen ständig bestimmte Konstruktionen zu verwenden, die Automatisierung ihres Gebrauchs, die Standardisierung) konnten hier also keine größere Rolle spielen. Beim Verfassen der Postille war Bretkūnas jedoch weniger durch die verwendeten Quellen gebunden. Obwohl das Verhältnis der Postille zu diesen Quellen bisher nicht untersucht wurde und uns die Quellen selbst vorerst nicht zugänglich sind, zwingt schon der Charakter des Textes zu der Annahme, dass die Postille eine Kompilation und zumindest teilweise ein eigenständiges Werk ist. Viele Stellen des Buches, die den litauischen Bauern gewidmet sind und ihren Alltag, ihre Bräuche, Krankheiten und Unglücksfälle betreffen, wurden zweifellos von Bretkūnas selbst verfasst; an anderer Stelle wiederum wurden offenbar „Kommentare der bedeutendsten Theologen“ frei nacherzählt. Da Bretkūnas weniger durch die Originale gebunden war, konnte er hier seine üblichen sprachlichen Mittel freier verwenden, darunter auch verschiedene Partizipialkonstruktionen. So begegnet beispielsweise der Dativus absolutus hier deutlich häufiger als in der Bibelübersetzung (siehe LKK V 51–52); dasselbe lässt sich auch über Partizipialgruppen mit verbindenden Wörtern sagen, die als Äquivalente von Nebensätzen fungieren, über Halbpartizipialkonstruktionen und andere Konstruktionen. Die hohe Produktivität des Akkusativs mit Partizip ist hier also eine gesetzmäßige Erscheinung, die mit dem gesamten System des Gebrauchs von Partizipialformen zusammenhängt und offenbar in den Tendenzen der lebendigen Sprache begründet ist.
Um den häufigen Gebrauch des Akkusativs mit Partizip in den Prosaschriften von J. Bretkūnas zu erklären, stellte V. Falkenhan die Hypothese auf, dass den Autor dabei die altpreußische Sprache beeinflusst haben könnte, die er von klein auf beherrschte10. Über den Gebrauch des Akkusativs mit Partizip im Altpreußischen wissen wir nichts Sicheres. In den erhaltenen altpreußischen Schriften sind solche Konstruktionen nicht belegt, obwohl deutsche Wendungen mit Infinitiv bisweilen durch Partizipialkonstruktionen übersetzt werden. Wir könnten annehmen, dass Bretkūnas hier vom Altpreußischen beeinflusst war, wenn der häufige Gebrauch des Akkusativs mit Partizip ein spezifisches, herausragendes Merkmal von Bretkūnas’ Sprache wäre, das anderen Autoren fremd ist. Bei der Untersuchung anderer Schriften aus jener Zeit zeigt sich jedoch, dass dies nicht der Fall ist.
In seinen sprachlichen Merkmalen steht B. Vilentas Bretkūnas nahe; Auszüge aus seinen „Evangelien und Episteln“ (1579), die sogenannten Perikopen, finden sich ohne größere Änderungen in Bretkūnas’ Postille. Obwohl der Umfang von B. Vilentas’ Schriften gering ist und es hier viel weniger Beispiele für den Akkusativ mit Partizip gibt, kommt „Evangelien und Episteln“ hinsichtlich der Gebrauchshäufigkeit (12,8) der Übersetzung des Neuen Testaments von Bretkūnas (13,3) beinahe gleich und übertrifft die Übersetzung der gesamten Bibel (12) leicht. Bei der Übersetzung von Teilen des Neuen Testaments verwendeten beide Autoren den Akkusativ mit Partizip also ungefähr gleich häufig. Diese Übereinstimmung ist umso bedeutsamer, als sowohl B. Vilentas als auch J. Bretkūnas aus derselben Quelle übersetzten – aus Luthers Bibel. Das Verhältnis der von B. Vilentas verwendeten Konstruktionen zum Original ist in Tabelle 5 dargestellt.
9 Vgl. V. Falkenhahn, a. a. O., S. 97 ff.
10 Siehe V. Falkenhahn, a. a. O., S. 187.
4. Lietuvių kalbos gramatikos tyrinėjimai
49
Das Verhältnis von B. Vilentas’ „Evangelien und Episteln“ zu Luthers Bibel
Tabelle 5
LB
Akkusativ mit Partizip
nach Verben des Sehens, Hörens usw.
nach „finden“
nach anderen Verben
Gesamtzahl
Akkusativ mit Partizip
2
10
—
12
„ „ mit Infinitiv
20
4
—
24
Nebensätze mit daß
5
—
6
11
Andere Nebensätze
1
—
—
1
Satzgefüge ohne Konjunktion
1
—
7
8
Andere Konstruktionen
5
1
2
8
34
15
15
64
B. Vilentas übersetzte häufiger als J. Bretkūnas asyndetische Sätze des deutschen Originals mit dem Akkusativ mit Partizip, etwas seltener dagegen Nebensätze mit der Konjunktion daß (vgl. Tabelle 4). Außerdem übersetzte B. Vilentas nach dem Verb rasti den Akkusativ mit Partizip häufiger für das acc. c. part. des Originals. Diese Unterschiede wurden offenbar durch individuelle Besonderheiten der Übersetzungstechnik bedingt. In den übrigen Fällen ähneln sich die Daten aus dem Vergleich beider Übersetzungen mit dem Original. Bei der Verwendung des Akkusativs mit Partizip musste B. Vilentas ebenso wie J. Bretkūnas fast überall der Suggestion der Originalsprache widerstehen und gegen den Strom schwimmen. Wir führen einige Beispiele für eine solche Übersetzung an, die die Produktivität des Akkusativs mit Partizip zeigen.
Denn ein jeder hörte, dass sie mit seiner eigenen Sprache redeten 84 – Denn es hoeret ein jeglicher|das sie mit seiner Sprache redten Apd 2,6.
Er ist mein Vater … von dem ihr sagt, dass er euer Gott sei 61 – welchen jr sprecht|er sey ewer Gott Jon 8,55.
A mes tikeiomese | ghy atpirksenti Israel 67 – Wir aber hoffeten|er solte Israel erloesen Luk 24,21.
Dieser … wird so kommen, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen 81 – wie jr jn gesehen habt|gen Himel faren Apd 1,11.
Im Enchiridion des B. Vilentas – einem didaktischen Büchlein mit sehr wenigen erzählenden Elementen – finden wir den Akkusativ mit Partizip deutlich seltener; seine Häufigkeitsrate (5) ist hier ähnlich wie in den Büchern Kohelet (4,1), Chronik (5) und Sirach (6,9) der Bibel von Bretkūnas, aber höher als im didaktischen Buch der Sprichwörter (0,5).
Noch häufiger als B. Vilentas verwendete S. Vaišnoras den Akkusativ mit Partizip. In seinen Schriften, deren größter Teil („Žemczvga schwentoia raschta“, „Ape dvsches…“) aus dem Lateinischen übersetzt wurde11, während der kleinere Teil („Ape popieszischkaie missche“) aus dem Deutschen stammt, liegt die durchschnittliche Häufigkeitsrate dieser Konstruktion (20,2) deutlich höher als in der Bibel von Bretkūnas. Vaišnoras steht Bretkūnas auch hinsichtlich der freien und vielfältigen Verwendung des Akkusativs mit Partizip nicht nach; in seinen Schriften ist diese Konstruktion fast nie durch direkte Rektion mit Verben verbunden. Viele von ihnen weisen eine komplexe Struktur auf. Hier einige Beispiele:
11 Siehe W. Witte, Der Übersetzer Simon Waischnoras d. Ae., I, Braunschweig, S. 56 ff.
50
Damit die Gerechtigkeit … in aller Deutlichkeit dargelegt und offen verkündet werde | und uns den Glauben wahrhaft für heilig erklärt | und dieser Glaube nicht sterbe | sondern in unseren Herzen lebe und gedeihe MT 92.
Es gibt keinen Grund zu zweifeln | dass er sie mit den anderen Jüngern mit seinem Leib und Blut Christi empfangen hat MT 156a.
(Irrlehren) der alten Epikureer | die meinten, ihre Welt sei aus Zufall entstanden | und werde durch Zufall zugrunde gehen | und die Menschen | (245) seien wie die Tiere | mit Seele und Leib | aus dem Nichts erdacht MT 245–245a.
Ich bekenne dich als angenommen um des Sohnes, des Erlösers der Kirche, und des heiligen, heiligenden Geistes willen MT 122.
Obwohl uns das lateinische Original der „Žemčiūgos“ nicht vorliegt, lässt die Struktur der hier verwendeten Konstruktionen selbst jedoch darauf schließen, dass der lateinische accusativus cum participio auf sie keinen merklichen Einfluss ausgeübt haben kann, denn in den Fällen, in denen Vaišnoras den Akkusativ mit Partizip verwendet, ist der acc. c. part. im Lateinischen entweder gar nicht möglich oder sehr selten. Anders verhält es sich mit der Konstruktion accusativus cum infinitivo, die im damaligen Latein unter ähnlichen Umständen verwendet wurde wie der Akkusativ mit Partizip in Vaišnoras’ Schriften. Obwohl der acc. c. inf. anders gebaut ist, konnte er hier, ebenso wie an den aus dem Lateinischen übersetzten Stellen der Bretkūnas-Bibel, den Gebrauch des Akkusativs mit Partizip etwas angeregt haben. In der aus dem Lateinischen übersetzten „Žemčiūga“ ist der Akkusativ mit Partizip häufiger als im Buch „Ape popiežiškąją mišą“. Struktur und Gebrauch dieser Konstruktion sind hier jedoch genau dieselben wie in den originalen litauischen Vorreden und den aus dem Deutschen übersetzten Teilen. Das Lateinische kann daher die Konstruktionen des Akkusativs mit Partizip in Vaišnoras’ Schriften nicht wesentlich beeinflusst haben.
Wie bekannt, war S. Vaišnoras einer der Korrektoren von Bretkūnas’ Postille12, und Zacharijus Blotnas, der für Vaišnoras’ Buch eine originale litauische Vorrede verfasste, korrigierte das Manuskript von Bretkūnas’ Übersetzung des Buches Tobit13. An zwei Stellen dieses Buches änderte Z. Blotnas von Bretkūnas verwendete Nebensätze eigenhändig in einen Akkusativ mit Partizip um.
Und er wusste nicht, dass er ein Engel Gottes war (von „jog“ unterstrichen, darüber: dass er ein Engel Gottes sei 5,6 — wusste nicht | dass der Engel Gottes war (ignorans quod… esset).
Da rief Tobias den Engel zu sich, der sagte, als wäre er ein Mensch (das „s“ durchgestrichen, darüber: er glaube, ein Mensch zu sein) 9,1 — denn er meinte, | es sei ein Mensch (quem quidem hominem existimabat).
In der Übersetzung des kurzen Buches Tobit finden sich außer diesen noch 13 Konstruktionen des Akkusativs mit Partizip. Z. Blotnas schien jedoch zu meinen, dass Bretkūnas sie noch nicht ausreichend verwendete, und er sah die Notwendigkeit, einige Nebensätze durch diese Konstruktion zu ersetzen.
In den anderen – poetischen und didaktischen – Schriften des 16.–17. Jahrhunderts aus Preußisch-Litauen (von M. Mažvydas, J. Rėza, J. Rikovimaus u. a.) findet sich der Akkusativ mit Partizip seltener (siehe Tabelle 7).
Der Akkusativ mit Partizip wird in allen wichtigeren Veröffentlichungen jener Zeit verwendet, die im Großfürstentum Litauen erschienen, wenn auch nicht in demselben Umfang wie in den epischen Schriften der Autoren aus Preußisch-Litauen. Hier sind diese Konstruktionen vor allem
12 Siehe V. Falkenhahn, a. a. O., S. 389 ff.
13 Ebenda, S. 255 ff.
4*
51
Beispiele sind in M. Daukšas Postille belegt, doch ist ihr Häufigkeitswert angesichts des großen Textumfangs gering – er erreicht nicht einmal 4.
Welche Wendungen des polnischen Originals übersetzte M. Daukša, der aus dem mittleren Oberlitauischen stammte, mit dem Akkusativ mit Partizip, und in welchem Maß konnte das Original den Gebrauch dieser Konstruktion beeinflussen? Um diese Frage beantworten zu können, wurde Daukšas Postille mit den Ausgaben der Kleinen Postille von J. Wujek aus dem zweiten (1582)14 und dem sechsten (1617)15 Jahrgang verglichen (siehe Tabelle 6).
Tabelle 6
Das Verhältnis von M. Daukšas Postille zu J. Wujeks Postille
W
Akkusativ mit Partizip
nach Verben des Sehens, Hörens u. Ä.
nach dem Verb finden
nach anderen Verben
Gesamtzahl
Akkusativ mit Partizip
78
12
4
94
” ” mit Infinitiv
2
—
29
31
Nebensätze mit den Konjunktionen że, iż usw.
6
—
7
13
Andere Konstruktionen
6
3
5
14
92
15
45
152
Das Verhältnis zwischen dem Akkusativ mit Partizip in Daukšas Postille und den Konstruktionen des Originals erinnert in vielerlei Hinsicht an das Verhältnis zwischen litauischen und lateinischen Konstruktionen in Bretkūnas Übersetzung des Lukasevangeliums. Auf den accusativus cum participio des Originals folgen hier gewöhnlich Konstruktionen nach Verben des Sehens, Hörens, Findens u. Ä.; in den meisten Fällen kann der Akkusativ als direktes Objekt der genannten Verben aufgefasst werden, z. B.:
Und Paulus hörte ihn sprechen: Warum verleumdest du mich? 19634 — I Pàwel słyszał go mówiącego W3 333.
Denn dort sehe ich die Länge verkürzt | die Breite eingeengt | die Höhe erniedrigt | die Tiefe verringert 39917 — Abowiem tâm widzę długość skroconą | szerkość ścísnioną | wysokość poddāną | głębokość zrownāną W3 655.
Und als er zurückkehrte, kam er 9 —... y powtore náłasl ie spięce W2 9.
M. Daukša verwendet eigenständigere Konstruktionen mit Akkusativ und Partizip häufiger, wenn er den accusativus cum infinitivo und Nebensätze des polnischen Originals übersetzt, z. B.:
Anis tiektaĭ szitą giwātą būsenčią tiki 58431 — sie glauben nur, dass dieses Leben besteht W3 995.
Tame paźis wissi ius sancziūs mókitineis manáis 14236 — Danach erkennen alle, dass ihr meine Jünger seid W2 164.
Regėiimą Anglų regėjo | kurie ii sàke giwą sąnti 18919 — die sagen, dass er lebt W3 322.
14 Postilla Catholliczna mnieysza... Przez Jakuba Wuyka... w Poznaniu Roku Pańskiego MDLXXXII.
15 Postille... Przez D. Jakoba Wuyka... w Krakowie... 1617.
52
Bei der Übersetzung des polnischen acc. c. inf. war es notwendig, die Konstruktion des Originals zu ändern; die Nebensätze mit že, iż hätte M. Daukša hier jedoch, wie an vielen anderen Stellen seines Buches, mit litauischen Nebensätzen wiedergeben können. Da Daukša sich streng an das Original hielt und sich bemühte, ohne zwingenden Grund nicht davon abzuweichen, sind solche Fälle der Paraphrase symptomatisch und zeugen ebenfalls von der Produktivität der Konstruktion mit Akkusativ und Partizip.
Im Altpolnischen wurden der acc. c. part. und insbesondere der acc. c. inf. stark von den entsprechenden lateinischen Konstruktionen beeinflusst. Damit lässt sich die Ähnlichkeit erklären, die beim Vergleich des Verhältnisses der Konstruktionen in Daukšas Postille und Bretkūnas Lukasevangelium zu ihren Originalen auffällt.
Dass die Konstruktion mit Akkusativ und Partizip auch in den ostoberlitauischen Dialekten verbreitet war, zeigt sich an den „Punktai sakymų“ (1629–1644), wo sie fast doppelt so häufig verwendet wird wie in Daukšas Postille (siehe Tabelle 7). Diese Werke lassen sich gut vergleichen, da ihr Stil sehr ähnlich ist. Die „Punktai sakymų“ sind jedoch größtenteils ein Originalwerk, was wahrscheinlich zur häufigeren Verwendung dieser Konstruktionen beigetragen hat.
Die Evangelienauszüge der „Punktai sakymų“, die sogenannten Perikopen, sind den „Evangelijos“ von J. Jaknavičius entlehnt, in denen ebenfalls der ostoberlitauische Dialekt vertreten ist, aber bereits durchgehend ein epischer Stil vorherrscht. Daher könnte man hier eine wesentlich größere Anzahl der besprochenen Konstruktionen erwarten. Tatsächlich sind sie hier jedoch seltener (Häufigkeitswert: 6,8). Offenbar regte die Übersetzung aus dem Polnischen die Verwendung der Konstruktion mit Akkusativ und Partizip nicht nur nicht an, sondern hemmte sie. Der polnische acc. c. part. entspricht hier, wie auch in Daukšas Postille, nur bei der Mehrheit jener Konstruktionen, die durch direkte Rektion mit den Verben sehen, hören, finden usw. verbunden sind (15 Beispiele); eigenständigere Konstruktionen entsprechen Nebensätzen mit že, iż (5) und dem acc. c. inf. (2). Beim Vergleich der entsprechenden Perikopenstellen lässt sich feststellen, dass in den „Evangelijos“ die Konstruktion mit Akkusativ und Partizip auch dort verwendet wird, wo Daukša einen Nebensatz gebraucht, vgl.:
Sakot Beelzebuby mani iżmetineiuntti welnus Ev 49 (ebd. SP II 43).— bílote / idant asz Beelzēbube iżtremdinėczę welinuwas DP 11740 (ihr sagt, dass ich die Teufel durch Beelzebub austreibe).
An anderen Stellen stimmen beide Quellen jedoch gut überein, vgl.:
Kuo sako ásunti žmones sūnų žmogaus? Ev 181 — Kù sàko sąnti žmones sūnų žmogaus DP 465 (Für wen halten die Leute den Sohn … Quem dicunt homines esse Filium…); vgl. außerdem: Kù szmones saka sąnti Sunu žmogaus? VEE 142; ebenso Ev 181 — DP 465 — VEE 142; Ev 67 (SP II 236) — DP 18924.
In den Schriften der Reformierten des Großfürstentums Litauen, in denen vor allem die Merkmale der mittel- und nordoberlitauischen Dialekte hervortreten, wird die Konstruktion mit Akkusativ und Partizip unterschiedlich häufig verwendet. In der umfangreichsten dieser Schriften, Morkūnas’ Postille von 1600, kommt sie etwa dreimal seltener vor als in M. Daukšas Postille. Das Verhältnis der Konstruktionen zum Original – M. Rėjas’ Postille von 155616 – ähnelt stark dem in M. Daukšas Postille und J. Jaknavičius’ „Evangelijos“: Die von den Verben sehen, hören, zeigen usw. abhängigen Konstruktionen entsprechen dem acc. c. part. des Originals (29 von 38; für 9 Entsprechungen ist die Zuordnung unklar17), während eigenständigere Konstruktionen, die mit den Verben in keiner direkten Rektion stehen,
16 Świętych słow ásprav Pańskich… Kronyiká álbo Postillá… krotce vczyniona… 1556.
17 Da das Exemplar von Rėjas’ Postille in der Abteilung für seltene Drucke der Akademie der Wissenschaften der LSSR beschädigt ist (einige Blätter wurden herausgeschnitten), ließen sich nicht alle Entsprechungen der Konstruktion mit Akkusativ und Partizip darin finden.
53
Akkusativ mit Partizip in Texten des 16.–17. Jahrhunderts (statistische Angaben)
Akkusativ mit Partizip: | Quellen | Umfang (Bögen) | Präsens Aktiv | Präteritum Aktiv | Futur Aktiv | Präsens Passiv | Präteritum Passiv | Futur Passiv | Gesamtzahl | Anzahl pro Bogen
M. Mažvydas’ Schriften (1547–1570) | 6 | 8 | 8(10) | – | – | 3 | – | – | 19(10) | 3,1
B. Vilentas, „Enchiridion“ (1579) | 1,2 | 6(2) | – | – | – | – | – | – | 6(2) | 5
B. Vilentas, „Evangelias bei Epistolas“ (1579) | 5 | 53(5) | 3 | 1 | – | 7 | – | 64(5) | 12,8
J. Bretkūnas, „Biblija...“ (1579–1590) | 100 | 826(110) | 223(31) | 60(16) | 17(2) | 65(14) | – | 1191(173) | 12
J. Bretkūnas, „Postilla...“ I–II (1591) | 19 | 352(22) | 281(93) | 46(24) | 11(8) | 29(28) | – | 719(275) | 37,8
J. Bretkūnas, „Giesmes Duchaunas...“ (1589) | 2,3 | 3 | 3(2) | 1 | 1 | 2 | – | 10(2) | 4,3
M. Daukša, „Postilla...“ (1599) | 40 | 113(27) | 14(2) | 1 | 1 | 23(9) | – | 152(38) | 3,7
M. Petkevičius, „Katechism...“ (1598) | 3,8 | 3 | 1 | 1 | – | 5(4) | – | 10(4) | 2,6
„Išguldimas Evangeliv...“ (1573) (Auszüge) | 1,2 | 1 | 4 | – | – | 1 | – | 6 | 5
S. Vaišnoras, „Margarita Theologica...“ (1600) | 11,3 | 163(35) | 21(7) | 12(6) | 22(1) | 8(4) | 3 | 229(63) | 20,2
54
Tabelle 7 (Fortsetzung)
1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 „Postilla Lietuwizka“ (1600) | 41,5 | 33(2) | 4 | 1 | – | – | 12(2) | – | 50(4) | 1,2 J. Reza, „Psalteras Dowido“ (1625) | 5,4 | 7 | – | – | – | – | 1 | – | 8 | 1,5 K. Sirvydas, „Punkty sakimu...“ I–II (1629–1644) | 9 | 42(13) | 10(3) | 1 | 2(1) | 15(1) | – | 70(18) | 7,7 S. M. Slavočinskis, „Giesmes...“ (1646) | 3,6 | 15(2) | 5(4) | – | – | 10(4) | – | 30(10) | 8,3 „Kniga Nobanistes...“ (1653) | 5,5 | 11(3) | 4(2) | – | – | 1 | – | 16(5) | 2,8 „Summa... Ewangeliy...“ (1653) | 7 | 39(11) | 10(5) | 3 | 3 | 4,2 | – | 59(18) | 8,4 „Maldos Krikscioniszkos“ (1653) | 1,5 | – | – | – | – | – | – | 1 | 0,6 S. B. Chylinskis, „Nowm Testamentum...“ (1658...) | 21,3 | 38(8) | – | – | – | 22(3) | – | 60(11) | 2,6 „Ewangelie Polskie y Litewskie...“ (1674) | 3,5 | 23(3) | 1 | – | – | – | – | 24(3) | 6,8 J. Rikovijus, „Naujos... Giesmių Knygos...“ (1685) | 6,5 | 15 | 5(3) | – | – | 2 | – | 22(3) | 3,3 D. Kleinas, „Naujos... Maldu Kny-geles...“ (1685) | 3 | 2 | – | – | – | – | – | 2 | 0,6 | | 1754(343) | 597(162) | 127(46) | 57(22) | 210(71) | 3 | 2748(641)
Anmerkung. In Konstruktionen mit einem Substantiv oder Pronomen im Akkusativ stehen manchmal nicht eine, sondern zwei oder mehrere Partizipialformen. In diesem Fall ist die Anzahl der Akkusativformen der Partizipien, die an dritter oder einer weiter entfernten Stelle stehen, in Klammern angegeben.
55
lässt sich nicht verbinden; dies entspricht Nebensätzen (gewöhnlich mit iš – 5 Belege) und dem acc. c. inf. (4, weitere 4 Entsprechungen sind unklar). Zum Beispiel:
Und nun siehst du ihn so ermattet | so verwundet15330 – á teraz go widži ták zhedzonego | ták zekrwáwionego RP 105a.
Sakie ghi giwa santi 164a – sagten, dass er lebe RP 111.
Ponas... pádáre tą kálbeimą... kaip ghi tárp sáwe santi iszmánitu III 31a20 – als ob sie sich untereinander verstanden hätten RP 300a.
Fast alle eigenständigeren Konstruktionen in Morkūnas Postille finden sich in Perikopen, die aus B. Vilentas „Evangelijų ir epistolų“ übernommen und lediglich vom Übersetzer redigiert wurden18.
Etwas häufiger wird der Akkusativ mit Partizip in Chylinskis Bibel verwendet (obwohl er hier nur nach Verben steht, die unmittelbar den Akkusativ regieren: regėti, girdėti, rasti und Ähnliches) sowie in „Knyga nobažnystės“ (1653); in „Summa evangelijų“ (1653) ist sein Häufigkeitswert (8,4) sogar höher als in „Punkty sakymų“.
„Summa evangelijų“ unterscheidet sich von den übrigen reformierten Schriften nicht nur durch den wesentlich häufigeren Gebrauch dieser Konstruktionen, sondern auch dadurch, dass die meisten von ihnen (33 von 59) eigenständig sind und nicht durch Rektion mit Verben verbunden werden, zum Beispiel:
Andererseits aber wisse, dass es nicht Gottes, sondern des Teufels Lehre sei 73. Wer jemanden liebt, tut nur das; was du glaubst, wirst du lieben 124. David... sagt | die Hügel, die er auf den Bergen angepflanzt hat 242–243.
Betrachtet man die Verbreitung des Akkusativs mit Partizip in bedeutenderen Sprachdenkmälern des 16.–17. Jahrhunderts, so lässt sich feststellen, dass sie mit dem Dialekt der Autoren zusammenhängt. Am häufigsten wird diese Konstruktion in den Schriften von Autoren aus den westaukštaitischen und žemaitischen Dialekten (J. Bretkūnas, B. Vilentas, S. Vaišnoras) sowie allgemein in der älteren Literatur Kleinlitauens verwendet, die von Anfang an auf der Grundlage des westaukštaitischen Dialekts geschaffen wurde. Auch spätere größere Werke, die hier erschienen (z. B. S. Bytners Neues Testament von 1701, J. Kvants Bibel von 1755 und sogar die Bibel von 1823), stehen J. Bretkūnas’ Schriften hinsichtlich des Umfangs und der Vielfalt des Gebrauchs des Akkusativs mit Partizip nicht nach; manche übertreffen sie sogar. So finden sich im Apostelgeschichte-Buch der Bibel von 1823 58 Akkusativkonstruktionen mit Partizipien und 15 mit Halbpartizipien (die meisten davon sind völlig eigenständig); daher ist der Häufigkeitswert des Akkusativs mit Partizip (21,4) hier deutlich höher als im selben Buch der Bretkūnas-Bibel (14), selbst wenn die genannten Halbpartizipialkonstruktionen nicht mitgezählt werden. Den Akkusativ mit Partizip verwenden auch Autoren aus dem ostaukštaitischen Dialekt recht intensiv. In Schriften, die auf den mittel- und nordaukštaitischen Dialekten beruhen, ist diese Konstruktion seltener, obwohl ihre Häufigkeitskurve in einigen davon (zum Beispiel in „Summa evangelijų“) wieder stark ansteigt.
Wenn wir nun die Dialekte des heutigen Litauischen betrachten, erkennen wir ein recht ähnliches Bild. Die besprochene Konstruktion wird am weitesten von den Žemaiten und Westaukštaiten verwendet; anstelle des Akkusativs der Partizipien finden wir hier jedoch viel häufiger unflektierte Formen – Halbpartizipien. Bei den Ostaukštaiten (besonders in der Folklore) ist diese Konstruktion noch recht beliebt, wenn auch seltener und bereits im Begriff zu erstarren; in den mittelaukštaitischen Dialekten ist sie sehr selten oder wird überhaupt nicht mehr verwendet. Besonders intensiv ist der Gebrauch dieser Konstruktion-
18In beiden Exemplaren von Morkūnas Postille, die sich in der Handschriftenabteilung der VVU befinden, fehlen die letzten 46 Blätter. Ihre Daten sind dem Autor nicht bekannt.
56
Besonders hervorstechen die Dialekte der nordwestlichen Hochlitauer, die auf dem Gebiet des ehemaligen Ostpreußens leben. Dies zeigt sich deutlich an der von C. Jurkšaitis, V. Kalvaitis und anderen Sammlern in diesem Dialektgebiet aufgezeichneten Folklore, in der die betreffende Konstruktion auf nahezu jeder Seite vorkommt. Das Gebiet der größten Verbreitung des Akkusativs mit Partizip (Halbpartizip) deckt sich somit mit dem Gebiet des intensiven Gebrauchs des absoluten Dativs (vgl. LKK V 51 ff.) und anderer archaischer Partizipialkonstruktionen.
Schlussfolgerungen
1. Der Akkusativ mit Partizip ist in allen bedeutenderen Sprachdenkmälern des 16.–17. Jahrhunderts belegt und wird in ihnen wesentlich intensiver gebraucht als im heutigen Litauischen. Am produktivsten ist diese Konstruktion in den Prosaschriften von Autoren, die die westaukštaitischen und žemaitischen Dialekte vertreten: J. Bretkūnas, B. Vilentas und S. Vaišnoras.
2. Der Vergleich der Übersetzungsschriften von J. Bretkūnas, B. Vilentas, M. Daukša, J. Jaknavičius und anderen Autoren mit den Originalen zeigt, dass der Akkusativ mit Partizip in der älteren litauischen Literatur unabhängig vom Einfluss anderer Sprachen verwendet wird. Mit dieser Konstruktion übersetzten die Autoren meist Nebensätze sowie den accusativus cum infinitivo aus deutschen, lateinischen und polnischen Originalen und nur in bestimmten Fällen den accusativus cum participio. Die lateinischen Originale regten den Gebrauch nur vereinzelt an, während die deutschen und polnischen ihn gewöhnlich einschränkten.
3. Der Gebrauch des Akkusativs mit Partizip in der älteren litauischen Literatursprache beruht auf der lebendigen Sprache; seine Verteilung in verschiedenen Texten spiegelt die dialektalen Tendenzen jener Zeit wider.
DER AKKUSATIV MIT PARTIZIP IN DEN LITAUISCHEN SPRACHDENKMÄLERN DES 16.–17. JAHRHUNDERTS
(Verbreitung und Verhältnis zu den Konstruktionen der Originale)
В. АМБРАЗАС
Zusammenfassung
Der Akkusativ mit Partizip (accusativus cum participio) weist in der altlitauischen Schriftlichkeit einen breiten Anwendungsbereich und eine hohe Produktivität auf. Der Artikel untersucht die Verbreitung dieser Konstruktion in nahezu allen für die Forschung verfügbaren Denkmälern des 16. und 17. Jahrhunderts (mit Ausnahme der Wörterbücher), wobei das Verhältnis der Übersetzungstexte zu den deutschen, polnischen und lateinischen Originalen berücksichtigt wird.
Auf der Grundlage einer statistischen Analyse der Konstruktionen, die durch vollständige Erhebung aus altlitauischen Denkmälern gewonnen wurden, wurde festgestellt, dass der Akkusativ mit Partizip vor allem für jene Autoren charakteristisch ist, die die westaukštaitische und žemaitische Mundart vertreten (I. Bretkūnas, B. Vilentas, S. Vaišnoras). Das Gebiet der größten Verbreitung dieser Konstruktion deckt sich ungefähr mit dem Gebiet der intensiven Verwendung des Dativus absolutus und anderer archaischer Partizipialkonstruktionen sowie – in der modernen Sprache – mit dem Verbreitungsgebiet des Akkusativs mit Gerundium.
57
Der Vergleich mit den Originalen der Übersetzungstexte (den Bibelhandschriften von I. Bretkūnas, der Postille von M. Daukša, der anonymen Postille von 1600, den Übersetzungen von B. Vilengas, I. Jaknavičius u. a.) zeigte, dass der Akkusativ mit Partizip in der altlitauischen Schriftlichkeit nicht vom Einfluss anderer Sprachen abhängt. Mit dieser Konstruktion werden am häufigsten deutsche, polnische und lateinische Nebensätze übersetzt. Einige Konstruktionen, die mit Verben der direkten Rektion verbunden sind, haben in den lateinischen Originalen ein accusativus cum participio als Entsprechung; für die freiere Verwendung des Akkusativs mit Partizip hatte dieser Ausdruck jedoch keinen merklichen Einfluss. In Übersetzungen aus dem Lateinischen lässt sich lediglich eine stimulierende Wirkung der Konstruktion accusativus cum infinitivo feststellen. Polnische und deutsche Originale hingegen behinderten das Eindringen des Akkusativs mit Partizip in die Übersetzungswerke. Die Häufigkeit der Verwendung des Akkusativs mit Partizip ist in Originalwerken gewöhnlich höher als in Übersetzungen desselben Autors (vgl. das Verhältnis 3: 1 in der Postille und der Bibel von I. Bretkūnas).
Die häufige Verwendung des Akkusativs mit Partizip in altlitauischen Texten beruht auf der gesprochenen Sprache und spiegelt die dialektalen Besonderheiten des Litauischen im untersuchten Zeitraum wider.
Die Ergebnisse des Vergleichs der Übersetzungstexte mit den Originalen sowie die Statistik zur Verbreitung der untersuchten Konstruktionen sind in den Tabellen Nr. 1–7 dargestellt.