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Nepastebėta senųjų raštų tariamosios nuosakos forma

Z. Zinkevičius

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B A L T U K A L B Ų V E I K S M A Ž O D Ž I O T Y R I N Ė J I M A I L I E T U V O S T S R M O K S L Ų A K A D E M I J A Z. ZINKEVIČIUS EINE BISHER UNBEACHTETE FORM DES KONDITIONALS IN ALTEN SCHRIFTEN In einem der Lieder, die in den 1677 erschienenen ostlitauischen Belarmino-Katechismus aufgenommen wurden und lateinisch „Stabat Mater dolorosa“ (S. 43—45) betitelt sind, finden sich zwei Beispiele der 1. Person Singular des Konditionals, die eine Form aufweisen, die in der litauistischen Literatur offenbar bislang weder erwähnt noch untersucht worden ist und auf -tumiau endet. Im Folgenden werden sie in einem größeren Kontext wiedergegeben: O czyščiauſia wiſų mergų. Kiſt ſunkibes tawo wargų, Duok idant galetumiau², Idant vnt kriziaus kintuſio, Vnt ſunaus tawo miruſio Wiſadu atmintumiau² (44₃₀—45₁). 1. sg. galetumiau 45₁ „ich könnte“ und atmintumiau 45₄ „ich würde mich erinnern“³ sind die einzigen Beispiele für Konditionalformen in den Liedern dieses Katechismus. Im Text des Katechismus selbst hat der 1. sg. cond. eine andere Form mit -čia, nämlich ápturečia 12₂₃ „ich würde erhalten“ (einziges Beispiel). Die Sprache der Lieder unterscheidet sich jedoch auch sonst in ihren phonetischen und morphologischen Merkmalen von der Sprache des Katechismustextes selbst⁴. Auch in der Rechtschreibung gibt es deutliche Unterschiede⁵. Das zeigt, dass sie von einer anderen Person übersetzt wurden. Dialektologische sprachliche ¹ Trumpas mokslo krikščoniško surinkimas, Nuog Roberto Bellármino Kárdynolo pará-šitas. Vilnæ Typis Acad: Societatis Iesu, Anno 1677. ² Von mir hervorgehoben. — Z. Z. ³ Dass es sich tatsächlich um Formen der 1. sg. handelt, zeigt der Reim des Zitats: Kád vnt ſudo paſtatitas Sunkíay buſiu ap-raiſytas (= verklagt; von mir hervorgehoben. — Z. Z.). ⁴ So werden in den Liedern statt der Formen des Katechismus a’o’, adunt „damit“, aų „hinter“ (Präposition und Präfix), priβ „gegen“, tiektay „nur“ systematisch die Varianten o, idant, už, prieb, tiktay verwendet. Im Katechismus bleibt das anlautende e- des Wortes erhalten, in den Liedern wird es bisweilen durch a- ersetzt, z. B. aſſunt 40₁ „seiend“, auis 53₃₁ < eius „gegangen“. Der Diphthong au in den Zirkumflex-Endungen wird in den Liedern stellenweise mit ou wiedergegeben, z. B. adv. Iou 39₇ „schon“, all. sg. Annoſiouſp 45₂₅, Káyfoßouſp 45₂₆. Im Katechismus gibt es eine solche Schreibweise nicht. Die Loc.-pl.-Formen enden in den Liedern ausschließlich auf -sa (alle Belege), im Katechismustext variieren sie dagegen: mit -se (14 Belege), -sa (15 Belege) und -su (2 Belege, beide in Gebeten). ⁵ Zum Beispiel werden in den Liedern lange Vokale häufig durch Doppelbuchstaben bezeichnet: 3. praet. Eėme 41₁₁, 47₁ „nahm“; 3. praes. Neė 48₅ „ist nicht“; n. sg. m. weėlus 46₂₇ „spät“; a. sg. dėeku 53₂₇ „(als) Dank“; l. pl. praes. reegime 54₂₄ „wir sehen“; n. pl. iuus 37₅, 41₂₀ „ihr“; g. pl. iuuſu 48₁₈ „euer“, iuu 39₁₅, iuu 41₉ „ihrer“, tuu 42₄ „dieser“, dunguu 40₁₇ „der Himmel“, warguu 44₃₁ „der Mühen“, kapuu 58₁ „der Gräber“, wiſų mergų 44₃₀ „aller Mädchen“; a. sg. iuu 44₁ „sie“ (ostlit. jū); 3. praes. iir 36₂₄, 41₁₁, 50₁₅ „ist“, a. sg. Kurij 43₁ „wen“, adv. Tii 41₁₉ „dort“ (ostlit. tī < ten). Im Katechismustext gibt es überhaupt keine solchen Beispiele. Dort steht jedoch d. sg. taw 13₄ „dir“, ſáu 9₂₀, 32₁₀ „sich“ (in den Liedern nur tau, ſau); außerdem werden die Buchstaben з, ӡ verwendet (in den Liedern z, ž). 183 Die Analyse der Merkmale veranlasst dazu, sowohl den Übersetzer des Katechismus als auch den der Gesänge aus dem Raum Vilnius herzuleiten, allerdings stammen beide aus unterschiedlichen Mundarten. Sprache und Orthographie der Gesänge ähneln der Sprache und Orthographie der letzten sieben Evangelien (S. 201–211) der Ausgabe von „Ewangelie polskie y litewskie“ aus dem Jahr 1647⁶. Es lässt sich sogar vermuten, dass beide Texte von derselben Person übersetzt wurden, die außerdem an der Vorbereitung des II. Teils von K. Sirvydas’ „Punktai sakymų“ für den Druck mitwirkte⁷. Ihr Geburtsort ist in der Umgebung von Vilnius, nicht weit von der an//un-Isophone, zu suchen⁸, während der Übersetzer des Katechismustextes aus einem weiter nördlich oder nordwestlich gelegenen Ort stammen dürfte. Leider kommt die Form der 1. sg. des Konditionalis im Text der erwähnten sieben Evangelien nicht vor. Somit sind die beiden von uns untersuchten Beispiele der 1. sg. des Konditionalis mit -tūmiau die einzigen bekannten Beispiele dieser Form aus der Mundart des Übersetzers der Gesänge. In der gesamten ostlitauischen Schriftüberlieferung des 17. Jahrhunderts⁹ wurden nur 29 Beispiele der 1. sg. des Konditionalis gefunden. Die meisten davon (sogar 22) enden auf -čia; an zweiter Stelle stehen Beispiele mit dem Formans -čio desselben Ursprungs (vier Belege). Somit machen die Repräsentanten von *-tiā sogar 90% aller Beispiele aus. Offenbar waren Formen dieses Typs Mitte des 17. Jahrhunderts in der Umgebung von Vilnius vorherrschend. Eine Ausnahme bilden die zwei von uns untersuchten Beispiele aus den Gesängen des Belarmino-Katechismus sowie das einzige Beispiel der 1. sg. des Konditionalis im Katechismus von 1605: ne nufidetumbiau56₂ ‚ich würde nicht sündigen‘. Dieses Beispiel ist chronologisch das älteste, denn in früheren Denkmälern der ostlitauischen Schriftüberlieferung kommt die Form der 1. sg. des Konditionalis nicht vor. Es ist festzustellen, dass die Form der 1. sg. des Konditionalis mit -tūmiau im Litauischen des 16. und 17. Jahrhunderts (nicht nur im ostaukštaitischen Dialekt) sehr selten verwendet wurde. Außer dem angeführten Beleg aus dem ostlitauischen Katechismus von 1605 ist offenbar nur noch ein Beispiel aus Westlitauen bekannt (aus den Schriften Mažvydas), nämlich įįsakītumbiau Mž 521₁₈ ‚ich würde befehlen‘. Im Übrigen werden in den Schriften des 16. und 17. Jahrhunderts allgemein die Formen des Typs -čia // -čio verwendet, neben der selteneren Variante -čiau, die damals nur in den Schriften von Autoren aus Westlitauen vorkommt, etwa bei J. Bretkūnas (neben -čia, -čio), D. Klein (neben -čia) und S. M. Slavočinskis (nur -čiau)¹⁰. Die Endung -tūmiau in den untersuchten Beispielen aus den Gesängen des Belarmino-Katechismus ist aus einem älteren -tūmbiau herzuleiten, wobei der labiale Konsonant b nach dem labialen Nasal m schwand. Ein solcher assimilatorischer Schwund eines von zwei benachbarten labialen Konsonanten ist im Litauischen nicht selten, z. B. kam̃lỹs Žasliai, Palomenė, Gelvonai, Tauragnai, Kuktiškės, Lazūnai < neben kam̃blỹs ‚verdickter Teil des Pflanzenstängels‘; ad. sg. támp // tám, baltámp // baltám Lazūnai, Zietela; all. pl. vilkum̃p // vilkum̃ Lazūnai; àmėtė Dieveniškės. 6 Siehe Z. Zinkevičius, Zur Genese und Sprache von K. Sirvydas’ „Punktai sakymų“. – Baltistica, VII(2), 1971, S. 160–161. 7 Ebenda. 8 Ebenda, S. 166. 9 Eine Liste der erhaltenen Denkmäler dieser Sprachform ist im Artikel „Die Sprache der ostlitauischen Schriften des 17. Jahrhunderts, ihr Ursprung und ihr Verschwinden“ veröffentlicht, – Baltistica, VIII(1), 1972, S. 80–82. 10 Schon diese Tatsache allein zeigt die Unbegründetheit von J. Kazlauskis Hypothese, -čia stamme von -čiau ab (LKK, IV, S. 84; Lietuvių kalbos istorinė gramatika, V., 1968, S. 400; A. Girdenis versucht, sie zu stützen, Baltistica, IV, S. 143–144); siehe außerdem Chr. S. Stang, Vergleichende Grammatik der Baltischen Sprachen, Oslo–Bergen–Tromsö, 1966, S. 432¹; Z. Zinkevičius, Lietuvių dialektologija, V., 1966, S. 364; G. B. Ford, Jr., The Origin of the Lithuanian First Person Singular Optative (Conditional or Subjunctive), – Donum Balticum, Stockholm, 1970, S. 125. Sie widerlegt auch J. Otrębskis Hypothese (J. Otrębski, Gramatyka języku litewskiego, III, Warszawa, 1956, S. 233), in der Formen mit -čiau ebenfalls als älter als solche mit -čia gelten. 184 „warf hin“, klìmtì Šakýna, Palómenė, Dùsmenys, Dievēniškės Žietela (> kliùmti), K. Sirvydas, Dictionarium5 132 „versinken“, kùmti Šakýna < kūmpti, „sich neigen“, tem̃ti|| tem̃pti Kalnalis, žem. kõ˙ms Plungė, Telšiai „Winkel“, kù˙ms ebenda „krumm“, trù˙ms Plungė „kurz“, 3. praes. sušlò˙m Grūšlaukis „wird nass“; avadãi Rudami- nà „Umgehänge“, averždo Pelėšà „wendet um“, avìrto Dievēniškės, Gervėčiai „kehrte um“, apinýš < apvinýš usw.11 So b verschwand auch in den Formen der übrigen Personen des Konditionalis: 2. sg. eitumbei > eitumei, 1. pl. eitumbime > eitumime, 2. pl. eitumbite > eitumite, 1. du. eitumbiva > eitumiva, 2. du. eitumbita > eitumita. In der ostlitauischen Schriftlichkeit des 17. Jahrhunderts weist ebenfalls nur der Katechismus von 1605 Formen der übrigen Personen des Konditionalis mit erhaltenem b auf (zwanzig Belege der 1. pl.; Formen anderer Personen kommen nicht vor). In den übrigen, späteren Schriftdenkmälern (in den früheren gibt es überhaupt keine Belege) finden sich nur Varianten dieses Typs ohne b: 2. sg. eitumei PS (8)12, BK (1), Ev (8), eitum AgP (2), 1. pl. eitumime PS II (10), eitume refl. -ės PS I (22), PS II (10), BK (18), Ev (1), eitum BK (3), refl. -tumėmos BK (1), 2. pl. eitumite PS (19), Ev (18), eitumėte Ev (113)14. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts waren Formen mit b also offenbar nicht nur in den Dialekten des Übersetzers der Gesänge im Belarmino-Katechismus, sondern auch in denen anderer Verfasser ostlitauischer Schriftdenkmäler bereits praktisch durch die neueren Varianten ohne b aus dem Gebrauch verdrängt worden15. Daher finden wir in den Gesängen des Belarmino-Katechismus anstelle der erwarteten 1. sg.-Form mit -tumbiau die Form -tumiau16. Die oben angeführten Daten zeigen, dass es in der Epoche vor dem Erscheinen der ersten litauischsprachigen Schriftdenkmäler eine suppletive Paradigma des Konditionalis gab, in dem die 1. sg. eine anders gebildete Form *-tjā hatte, während die Formen der übrigen Personen aus dem Supinum mit den Endungen -bei, -bimė, -bitė, -bivā, -bitā gebildet wurden. Die sehr selten in alten Schriftdenkmälern vorkommende 1. sg.-Form Supinum + -biau, deren Fortsetzungen wohl auch die beiden untersuchten Beispiele aus den Gesängen des Belarmino-Katechismus sind, könnte nach dem Muster der 1. pl. und der übrigen Personen gebildet worden sein. Vielleicht ist als ihr Überrest (?) die heute stellenweise in ostlitauischen Dialekten vorkommende Form suktum „ich würde drehen“17 anzusehen. Nachtrag. Während die Veröffentlichung für den Druck vorbereitet wurde, erschien ein Artikel von J. Palionis über das bislang von Sprachwissenschaftlern noch nicht untersuchte Manuskript „Contiones Litvanicae“ vom Beginn des 18. Jahrhunderts (Kalbotyra, XXIII, 1, S. 35—47). Darin führt der Verfasser neben 1. sg. Cond.-Formen auf -tau, -čia auch einige Beispiele auf -tumiau an (ebenda, 40). Nach J. Palionis’ Ansicht war der Verfasser des Manuskripts ein Südost-Aukštaitier aus dem Raum Vilnius. Das bestätigt also lediglich die oben dargelegte Überlegung zur Entwicklung der 1. sg. Cond.-Formen in Vil- 11 Weitere Beispiele siehe Z. Zinkevičius, Lietuvių dialektologija, S. 179, 183, 187. 12 Abkürzungen: PS — K. Sirvydas’ „Punktai sakymų“, BK — Belarmino-Katechismus (ohne Gesänge), Ev — Ausgabe der Evangelien von J. Jaknavičius aus dem Jahr 1647, AgP — Ausgabe der „Agenda parva“ von 1616. In den übrigen ostlitauischen Schriftdenkmälern jener Zeit gibt es keine Belege. Die Zahl der Belege in den Schriftdenkmälern steht nach der Abkürzung in Klammern. 13 Am Ende des Buches, das heißt in den letzten 7 Evangelien. 14 Beispiele des Duals gibt es überhaupt nicht. 15 In den übrigen Teilen Ostlitauens müssen sie damals noch lebendig verwendet worden sein, denn stellenweise im Gebiet von Vilnius, vor allem im nördlichen Teil, findet sich das Formans -b- noch heute; siehe Z. Zinkevičius, Lietuvių dialektologija, S. 364—366. 16 Damals wurde wahrscheinlich -tumjau (bzw. -tumbjau) ausgesprochen. Nach allen Lippenkonsonanten wird das Jot im Osten Litauens auch heute noch vielerorts beibehalten (zumindest fakultativ); siehe Z. Zinkevičius, ebenda, S. 187—188. 17 Z. Zinkevičius, ebenda, S. 364. 185 in den Mundarten der Region Vilnius. Die Variante mit -tau, die hier am frühesten belegt ist, ist heute für das Gebiet südlich und südwestlich von Vilnius charakteristisch (etwa bis zur Linie Punia–Rūdiškės–Ašmena). 3. ЗИНКЯВИЧЮС EINE VON FORSCHERN ÜBERSEHENE FORM DES KONDITIONALS IN ALTEN LITAUISCHEN DENKMÄLERN Zusammenfassung In einem der Lieder, die in der 1677 erschienenen ostlitauischen Übersetzung des Katechismus Bellarmins gedruckt wurden, gibt es zwei Beispiele für die 1. Person Singular des Konditionals auf -tımiau. Diese Form entstand aus einer älteren Form auf -timbiau, die zu Beginn des 17. Jahrhunderts in den Mundarten des ostlitauischen Dialekts neben der vorherrschenden Form auf -čia verwendet wurde. Der Artikel behandelt auch einige allgemeinere Fragen der Erforschung ostlitauischer Denkmäler, beispielsweise wird die Verwendungshäufigkeit einzelner Varianten der Konditionalformen statistisch erfasst und festgestellt, dass der Verfasser der Lieder nicht der Übersetzer des Katechismus, sondern eine andere Person war, deren Heimatmundart irgendwo in der Umgebung von Vilnius, unweit der an||un-Isophone zu suchen ist.