Несколько замечаний о балтийских глаголах на «-sta» в связи с происхождением этого форманта (индоевропейская перспектива)
Full text
БАЛТУ КАЛБУ ВЕИКСМАЖОДЖИО ТЫРИНЕЙИМАИ ЛИЕТУВОС ТСР МОКСЛУ АКАДЕМИЯ
W. N. Toporow
EINIGE BEMERKUNGEN ZU DEN BALTISCHEN VERBEN AUF -sta IM ZUSAMMENHANG MIT DER HERKUNFT DIESES FORMANS (INDOGERMANISCHE PERSPEKTIVE)
In den letzten Jahren galt die Aufmerksamkeit vieler Forscher den baltischen Präsensstämmen mit dem Element -st(a). Diese Bildungen wurden sowohl synchronisch1 als auch historisch2 untersucht. Dabei hat sich umfangreiches Material angesammelt, das wesentliche Verallgemeinerungen zum Charakter dieses Typs von Präsensstämmen ermöglicht. Gegenwärtig ist es angebracht, erneut die Frage nach der Herkunft des Formans -st(a) selbst aufzugreifen, zumal in dieser Frage nicht nur keine Einigkeit besteht, sondern eine ganze Reihe konkurrierender, oft völlig gegensätzlicher Auffassungen vertreten wird.
Die Schwierigkeit, die verlässlichste Lösung zu bestimmen, hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass sich auf Grundlage der baltischen Daten die innere Rekonstruktion jenes Bereichs des Verbalsystems, in dem das Formans -st(a) Gestalt annahm, nur schwer oder sogar überhaupt nicht vornehmen lässt. Zieht man hingegen den indogermanischen Zustand zurate, zeigt sich nicht selten ein Bild, das paradoxerweise chronologisch auf den baltischen Zustand folgt. Daraus ergeben sich zahlreiche Missverständnisse, Verzerrungen der relativen chronologischen Perspektive und der offenkundige Wunsch, nicht nur die Sekundarität, sondern überhaupt den späten (jüngeren) Ursprung dieses Typs der Bildung von Präsensstämmen zu beweisen. In dieser Hinsicht empfiehlt es sich, herauszu-
J. Otrębski, Gramatyka języka litewskiego, II, Nauka o budowie wyrazów, Warszawa, 1965, S. 320—326; A. Senn, Handbuch der litauischen Sprache, Heidelberg, 1966, S. 266—268; Lietuvių kalbos gramatika, II, Morfologija, Vilnius, 1971, S. 226—228; Mūsdienu latviešu literārās valodas gramatika, I, Fonētika un morfoloģija, Rīga, 1959, S. 673—675 u. a.1
2 См. J. Kazlauskas, Lietuvių kalbos istorinė gramatika, Vilnius, 1968, стр. 316—336; J. Endzelīns, Latviešu valodas gramatika, Rīga, 1951, стр. 751—763, — в том, что касается отдельных балтийских языков, и также: Chr. S. Stang, Das slavische und baltische Verbum, Oslo, 1942, стр. 131—138; его же, Vergleichende Grammatik der Baltischen Sprachen, Oslo—Bergen—Tromsö, 1966, стр. 338—349; J. Endzelīns, Baltu valodu skaņas un formas, Rīga, 1948, стр. 190—192; E. Fraenkel, Die baltischen Sprachen, Ihre Beziehungen zueinander und zu den indogermanischen Schwesteridiomen als Einführung in die baltische Sprachwissenschaft, Heidelberg, 1950, стр. 90 и след., — в том, что касается сравнительно-исторического анализа этих образований. Ср. также обращение к глаголам на -st(a) в работах по индоевропеистике — прежде всего: J. Kuryłowicz, The Inflectional Categories of the Indo-European, Heidelberg, 1964, стр. 50—51; В. В. Иванов, Общеиндоевропейская, праславянская и анатолийская языковые системы (сравнительно-типологические очерки), М., 1965, стр. 154 и след.
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Den genannten Auffassungen ist auch die ältere Ansicht von K. F. Johansson hinzuzufügen, der im baltischen Formans -sta einen Reflex des alten Suffixes der 3. Person des medialen sigmatischen Aorists -s-tо3 sehen wollte, sowie alle übrigen Auffassungen, die im Kern einen sekundären und späten Ursprung dieses Typs behaupten (4 *-st- < *-sk- oder *-st < *-t-t- u. Ä.).
Bevor wir uns der Frage nach möglichen Quellen des baltischen -st(a) in Präsensstämmen zuwenden, empfiehlt es sich, zwei Fragen zu beantworten: Was ist gemeint, wenn von einem sekundären und späten Ursprung dieses Typs gesprochen wird, und welchen Platz nimmt dieser Stammtyp im System der baltischen Verbalwort- und Formenbildung ein?
Von der Sekundarität des Formans -st(a) im Baltischen kann man nur insofern sprechen, als es offenbar aus Elementen besteht, die unter Bewahrung einer grammatischen oder wortbildenden Bedeutung auch getrennt, d. h. unverbunden, auftreten können. Vgl. Verben auf -soti wie murksōti, vēpsōti, snopsōti u. Ä., bei denen -s- aufgrund seiner nominalen Herkunft (vgl. murksà und mùrksa, vēpsà, snòpsa u. Ä.) und Intransitivität (Bezeichnung eines Zustands) einerseits dem -s- in ilgsta oder sénsta (vgl. die ursprünglichen Nominaltypen ìlgas und sēnas sowie die intransitive Bedeutung der entsprechenden Verben) ähnelt, andererseits den Verbableitungen mit dem Element -t- (vgl. prädikative Typen, etwa kárvē pašērta oder pēdos pālikta, oder Verben mit der Bedeutung einer momentanen Einzelhandlung auf -telēti: žvilgtelēti5, čiūptelēti, báubtelēti u. Ä.). Das Vorkommen von Paaren aus Wurzel + telēti und Wurzel + stelēti (d. h. -t-: -st-), wobei diese Formantien in zahlreichen Fällen bei ein und derselben Wurzel auftreten (vgl. dùrtelēti und dùrstelēti u. Ä.), kann ebenfalls als Argument dafür gelten, im -st- zusammengesetzte Elemente anzusetzen.
Schließlich spricht man häufig von der Sekundarität und dem späten Ursprung des Typs auf -st(a) und meint damit die Ausbreitung dieses Typs unter Verben, die dieselbe Bedeutung zuvor mit anderen Mitteln ausdrückten6. Eine solche Vorstellung von Sekundarität ist nicht konstruktiv, da sie nur diese Faktengruppe berücksichtigt und nicht alle möglichen Fälle des Gebrauchs des untersuchten Formans. Mit anderen Worten: Ein solcher Ansatz widerlegt lediglich das Vorhandensein von …
3 См. К. F. Johansson, Eine analoge Neubildung der Verbalflexion im Altindischen und Baltisch-Slavischen, — KZ, Bd. 32, 1893, стр. 476; ср. также H. Hirt, Indogermanische Grammatik, Bd. IV, Heidelberg, 1928, стр. 236.
4 Обзор этих точек зрения см. в кн.: Chr. S. Stang, Das slavische und baltische Verbum, стр. 134 и след.; J. Kazlauskas, Op. cit., стр. 330 и след.
5 Vgl. žvilgtelēti in Daukšas „Postilė“ (335, 44) und ähnliche Bildungen in den Dialekten.
6 Vgl. J. Kazlauskas, Op. cit., S. 324—325: „Dass das Formans -sta- in diesen Verben jünger ist, zeigt nicht nur die doppelte Bildung ihrer Präsensformen (Infix und -sta-), sondern auch, dass diese Verben in manchen Dialekten häufig das Formans -sta, in anderen dagegen nur ein Infix aufweisen, vgl. glęžta und glęžta; gęsta und gęnsa, gęsa;... glūžta und glūna u. a. Es besteht kein Zweifel, dass die Infixformen älter sind; von den Formantien -sta ist hier später die Rede, insbesondere wenn man die Fälle betrachtet.“ Auch Chr. S. Stang, Vergl. Gramm., S. 342: „Der Umstand, daß es (scil. das Suffix -sta-) als Supplement zum Nasalinfix auftritt, d. h. daß dessen Verbreitung vorwiegend nach der Gebräuchlichkeit bzw. nicht-Gebräuchlichkeit des Nasalinfixes geregelt ist, deutet darauf, daß die Produktivität dieses Suffixes nicht besonders weit zurückreicht. In dieselbe Richtung deutet auch die Tatsache, daß s nach r und k nicht durch š vertreten ist: wir stehen also einer Expansion des Suffixes in der Form -st- gegenüber…“
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…heit -st(a) in einem bestimmten Kreis von Verben, doch die Tatsache der Verwendung von -st(a) wird dadurch nicht widerlegt. Mehr noch: Wenn behauptet wird, -st(a) trete nur beim Verlust des Nasalinfixes oder – was besonders wichtig ist – in Verben auf, bei denen ein Nasalinfix aufgrund der Lautstruktur der Wurzel unmöglich war, wird die Frage ignoriert, auf welche Weise die betreffende Bedeutung der Verbalbasis ausgedrückt wurde, wenn sie nicht durch ein Infix ausgedrückt werden konnte. Schließlich sollte man bei der Erörterung der Sekundarität und des späten Ursprungs eines bestimmten Formans in so einzigartigen archaischen Sprachen wie den baltischen bedenken, dass viele Prozesse, die bereits zur Zeit der ältesten Denkmäler der indoeuropäischen Sprachen nicht mehr wirksam waren, in den baltischen Sprachen weiterhin wirksam sind und neue Faktenbereiche erfassen⁷. Ebenso wäre es unzulässig anzunehmen, dass die -и-Stämme im Litauischen sekundär sind, nur weil dieses Verfahren lange produktiv blieb und eine ganze Reihe neuer Nomina erfasste; ebenso haben wir keinen Grund anzunehmen, dass -st(a) sekundär ist und erst relativ spät entstanden ist. Man muss wohl davon ausgehen, dass der Unterschied in der Interpretation dieser beiden Formantien dadurch zu erklären ist, dass das stammbildende -и aus den verschiedensten indoeuropäischen Sprachen gut bekannt ist, während -st-(a) als ausschließlich baltische Bildung gilt, woraus unzulässigerweise geschlossen wird: baltisch, also nachindoeuropäisch. Doch dazu später. Wie dem auch sei, die hier vertretene Auffassung von Sekundarität darf die Suche nach indoeuropäischen Entsprechungen dieses Formans keineswegs behindern. Dabei (und das ist ebenfalls sehr wesentlich) sind unter Entsprechungen nicht nur Fälle eines isofunktionalen Gebrauchs dieses Formans (im Verhältnis zu den baltischen Befunden) zu verstehen, sondern auch Fälle, in denen dieses Formans (oder sogar seine Bestandteile) in anderen Bedeutungen auftritt und sogar seinen Rang verändert (Wurzelerweiterung, morphologisches oder Wortbildungselement, Bestandteil eines solchen usw.). All dies gilt selbstverständlich unter der Voraussetzung, dass sich eine beliebig lange Kette von Rekonstruktionen aufstellen lässt, die es ermöglicht, die verglichenen Formantien in verschiedenen indoeuropäischen Sprachen letztlich miteinander zu verbinden.
Die zweite Frage, von deren Lösung für das Problem des Ursprungs von -st(a) viel abhängt, besteht darin, die Stellung dieses Formans im System der baltischen Verbaltypen zu bestimmen. In diesem Zusammenhang müssen einige mehr oder weniger bekannte Tatsachen in Erinnerung gerufen werden, wobei einige davon stärker fachlich akzentuiert oder in einen etwas anderen Kontext gestellt werden.
Als eine der Errungenschaften der Indogermanistik der letzten Jahrzehnte ist die Anerkennung der Tatsache anzusehen, dass das Auftreten dieses Kreises stammbildender Formantien im Präsens bei einer bestimmten Wurzel nicht zufällig ist—
7 Insbesondere erklärt dies natürlich die zahlreichen Fälle des Nebeneinanders von Stämmen auf -st- und anderen Stämmen in einer Reihe von Mundarten (vgl. in den oberlettischen Mundarten: l’ēpiri und lēpstu zu l’īpt’, tÿuki und tÿukstu zu mukt, klÿuri und klÿupstui zu klupt’ usw.) oder das Vorhandensein von Stämmen auf -st- in einer Reihe von Mundarten bei Verben, deren Präsens in anderen Mundarten oder in der Literatursprache auf andere Weise gebildet wird (vgl. lettisch/dialektal izsmōkstu, smokstu, apsūpst u. a. (Kalupē). Siehe M. Rudzīte, Latviešu dialektoloģija, Rīga, 1964, S. 360; teilweise vgl. K. Draviņš, V. Rūķe, Verbalformen und undeklinierbare Redeteile der Mundart von Stenden, Lund, 1958, S. 14–15.
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…t sich als Zufall; dass diese Erscheinung (das Nebeneinander von Stämmen) ausreichend strengen, im Prinzip systemhaften Gesetzmäßigkeiten unterliegt; und dass sich folglich aus dem Vorhandensein dieser Formantien mit mehr oder minder großer Wahrscheinlichkeit auf das Vorhandensein anderer, systematisch mit ihnen verbundener Formantien schließen lässt. Die in verschiedenen indoeuropäischen Sprachen festgestellte beträchtliche Zahl von Verbalwurzeln, die mithilfe einer Reihe von Formantien (-n-, -s-, -sk-, -io- usw.) Reihen ähnlicher Präsensstämme bilden, ist als praktischer Beweis für die Realität der Beziehungen zwischen verschiedenen Präsensstammtypen einerseits und für die Möglichkeit zu verstehen, diese Gesetzmäßigkeiten in eine ausreichend frühe Zeit zurückzuführen, als die Verbindungen zwischen verschiedenen Teilen des indoeuropäischen Sprachraums noch wirksam waren.
In diesem Zusammenhang ist nachdrücklich die Besonderheit der Beziehungen hervorzuheben, die in den baltischen Sprachen8 zwischen Präsensstämmen auf -st(a) und Präsensstämmen mit Nasalinfix bestehen. Die baltischen Präsensstämme auf -st(a)- und mit Nasalinfix (-n-, -m-) gehen auf sehr alte Bildungen zurück und entwickelten sich in der Geschichte der baltischen Sprachen weit9. Obwohl sie eine Reihe neuer Besonderheiten (insbesondere semantischer Art) erworben haben, bewahren sie dennoch einige ausgesprochen archaische Züge, die es erlauben, zumindest in groben Umrissen bestimmte Verhältnisse ältesten Typs zu rekonstruieren, etwa solche aus der Zeit vor der Herausbildung und Aktualisierung von Tempusoppositionen. Diese beiden Typen der Präsensbildung stehen in komplementärer Distribution zueinander. Daraus ergeben sich ihre gemeinsamen Merkmale, die es ermöglichen, beide Typen auf einer höheren Ebene (der Ebene der grammatischen Semantik) zu einem Typ zusammenzufassen, sowie ihre Unterschiede auf der Ebene der formalen Merkmale.
Unter den Merkmalen, die diese beiden Typen verbinden, ist vor allem ihre intransitiv-inchoative Bedeutung zu nennen. Zugleich besteht kein Grund zu der Annahme, dass gerade diese beiden Verfahren der Präsensstammbildung (-st(a)- und Nasalinfix) das ursprüngliche oder ausschließliche Mittel zum Ausdruck dieser Bedeutung seien, da sie außerhalb des Präsenssystems durch andere Mittel ausgedrückt wird. In diesem Zusammenhang ist auch ein weiteres gemeinsames Merkmal der beiden genannten Typen der Präsensstammbildung zu vermerken: Beide bilden ein Präteritum mit dem Element -ā, das gewöhnlich gerade mit Intransitivität in Verbindung gebracht wird (im Gegen-
8 Besonders aufschlussreich sind gerade die litauischen Daten, insbesondere die aus jenen Dialekten, in denen das Nasalinfix nicht verloren ging, wie es beispielsweise im Lettischen der Fall ist. Was die altpreußischen Daten betrifft, so sind sie zu spärlich, um auf ihrer Grundlage eigenständige Schlussfolgerungen zu ziehen (vgl.: wiršt, polinka, sindats / syndens, vgl. poprestemmai / issprestun).
9 Es sei darauf hingewiesen, dass die außergewöhnliche Produktivität des Präsensbildungstyps mit Nasalinfix in den baltischen Sprachen eine Art pendant zur ebenso weiten Verbreitung von Stämmen auf -sta bildet. Wie im letztgenannten Fall tritt das Nasalinfix bei einer beträchtlichen Zahl litauischer Verbalwurzeln auf, obwohl die entsprechenden Wurzeln in anderen indoeuropäischen Sprachen (selbst in solchen, die wie das Altindische, Hethitische und Tocharische diesen Typ von Präsensstämmen gut bewahrt haben) keine Präsensstammbildung mit Infix kennen. Die Ausbreitung von Stämmen mit Nasalinfix im Litauischen ist umso erstaunlicher, als sie im Slawischen sehr selten ist (sed̑a, leģa, b̑eḑe, vgl. gotisch rēsti mit transitiver Bedeutung), während sie im Germanischen überhaupt nur durch ein Beispiel vertreten ist (vgl. gotisch standan-stop).
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…liche von -ē, das mit Transitivität verbunden ist)¹⁰; Ausnahmen sind minimal und lassen sich erklären¹¹. Ein drittes Merkmal, das hier erwähnt werden sollte, ist der (im Allgemeinen) gemeinsame Bestand an Phonemen, die den Stamm abschließen, an den -st(a) angefügt wird oder in den ein Nasalinfix inkorporiert ist. Allerdings zeichnen sich hier auch Abweichungen ab, die auf phonetische Vorgänge zurückzuführen sind. Vgl. einerseits zumindest ambige Fälle vom Typ gel-sta (aber: gelto), nīrsta (aber: nīrto), výsta (aber: výto), výsta (aber: výdo), žýsta (aber: žýdo), skýsta (aber: skýdo) u. Ä. und andererseits Fälle vom Typ džīuva, lýja, drýska, tīška, dīna u. Ä., bei denen ein Nasalinfix angenommen wird¹².
Für die Rekonstruktionsaufgaben sind jedoch die Unterschiede zwischen den Stämmen auf -st(a) und denen mit Nasalinfix wichtiger. Unter diesen Unterschieden ist das Vorhandensein von Intonationsoppositionen in der Wurzel der Stämme auf -st(a) wesentlich; vgl. ė: ė̃ (drėksta, plėksta, aber: šėlsta); ó: õ (nóksta, slópsta, sprógsta, aber: blõgsta, lóbsta); ū: ũ (džīūsta, rīgsta, slūgsta, trāksta, aber: dūksta, rūksta); ý: ỹ (dýgsta, klýsta, aber: dýksta, klýpsta, krýpsta, nýksta, pýksta, výksta); il: il (ilgsta, tvilksta, aber: silpsta, smilksta); ir: ir (tvirksta, aber: mirksta, sirpsta, tirpsta); in: in (brinksta, stingsta, tiñsta, tvinsta, pažįsta: pažinti, aber: dingsta, linksta, sprīngsta, tvinksta); im: im (kimsta, rimsta, aber: gimsta, klim̄psta); ul: ul (smūlksta, aber: stulbsta); al: al (ālksta, aber: alpsta). In den mit einem Nasalinfix gebildeten Präsensstämmen fehlen Intonationsunterschiede; überall steht der Zirkumflex: aīka, teīka, krīnta, jūnka; taīra, leīra, līt́ra, kluītra; bāla, skāra, glēra, kȳla, bȳra, skȳla, svȳra, gūra; drȳska, mȳzga, īȳska usw.
Dieses Verhältnis von Freiheit und Unfreiheit der Intonation im Präsens, das bei den Stämmen auf -st(a) und bei den Stämmen mit Nasalinfix besteht und sie voneinander scheidet, nimmt mit Blick auf andere Glieder des verbalen Systems eine andere Gestalt an. Die Stämme auf -st(a) weisen beim jeweiligen Verb im Präsens, Präteritum und Infinitiv dieselbe Intonation auf (vgl. ālksta, ālko, ālkti; alpsta, alpo, alpti; kimsta, kimo, kimti usw.)¹³. Stämme mit einem neu hinzugekommenen Infix stehen gleichsam als Ausgleich für das Fehlen einer Wahl zwischen Intonationsmustern im Präsens mit solchen Präterital- und Infinitivstämmen in Beziehung, deren Intonation gewöhnlich (zumindest bei einem dieser Stämme) von der des Präsens abweicht. Vgl. Präsens – Präteritum, aber Infinitiv: raīnda, rādo, aber rāsti; senka,
¹⁰ См. Chr. S. Stang, Das slavische und baltische Verbum, стр. 98, 189; P. Arumaa, Von der Eigenart des Ablauts und der Diathese im Baltischen, — ZfsIPh, Bd. 26, 1957, стр. 118—149.
¹¹ Vgl.: „Die sta-Stämme haben im Präteritum stets auch den Stammauslaut -ā, mit Ausnahme von gimsta, gimė und miršta, mirė. Das Verb gimsta hat den Stamm auf -sta jedoch erst vor Kurzem erhalten, vgl. gėma: gimė; die Präteritalform auf ē-Stamm mirė entstand offenbar zu einer Zeit, als der ē-Stamm des Präteritums kein Transitivitätsmerkmal mehr war.“ Siehe J. Kazlauskas, Op. cit., S. 319. Interessanterweise bildet miršta auch hinsichtlich des Übergangs von s zu š nach r eine Ausnahme; dazu siehe Chr. S. Stang, Vergl. Gramm., S. 342—343. Möglich ist jedoch auch eine ganz andere Erklärung (-š- in miršta aus -sk’-); siehe J. Endzelin, Über den slavisch-baltischen Reflex von idg. sk’, — ZfsIPh, Bd. 16, 1939, S. 114; J. Kazlauskas, Op. cit., S. 330.
¹² Vgl. auch: bāla, būra, glīma, kīrža, bīzga usw.
¹³ Ausnahmen sind selten und erklärbar; vgl. sēnsta, sēno, sērti; tēnsta, tēmo, tēnti. Bei lettischen Stämmen auf -st- zeigt sich dasselbe Bild; vgl. tirpstu, tirpu, tirpt; klistu, klidu, klīst; tūlstu, tūlzu, tūlzt; rīgstu, rīgu, rīgt usw.
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sėko, aber sėkti; šlam̃pa, šlāpo, aber šlāpti; stẽmba, stẽbo, aber stẽbti; sãla, sãlo, aber sálti; gvẽra, gvẽro, aber gvẽrti usw.; Präsens, aber Präteritum – Infinitiv (mit wurzelinternem -in-, -un-, -im-, -um-, -y-, -ū-): kiñta, aber kito, kisti; buñka, aber būko, būkti; kiñba, aber kibo, kibti; grūmba, aber grūbo, grūbti; dỹla, aber dilo, dilti; žiūra, aber žiūro, žiūrti; rỹzga, aber rizgo, rizgti usw.
Ein weiterer Unterschied, der mit den bereits genannten in irgendeiner Weise zusammenhängt, besteht darin, dass das Spektrum der Wurzelvokale bei Präsensstämmen auf -st(a) breiter (praktisch unbegrenzt) ist als bei Stämmen mit Nasalinfix, wo -i- und -u- deutlich überwiegen (drīñka, kiñta, kriñka, kriñta, miñga, miñta, driñba, kiñba, liñpa, stiñpa, šim̃pa; juñta, kruñta, pluñka, puñta, siūñta, buñda, buñka, guñda, šūñta, truñka, čiūñpa, duñba, grūmba, kluñpa, skuñba usw.)14, während -a- und -e- wesentlich seltener und möglicherweise sekundär auftreten (añka, kañka, rañda, šlam̃pa, tam̃pa, bãla, sãla, skãra, šãla; geñda, señka, smeñga, teñka, gleñba, kneñba, leñpa, skrem̃ba, šeñpa, glẽra, gvẽra15.
Diese Unterschiede in der Ausgestaltung des Vokalzentrums und der Intonationsparadigmen zwischen Verben, die das Präsens auf -st(a)- bilden, und Verben, die das Präsens mithilfe eines Nasalinfixes bilden, sind vor allem insofern aufschlussreich, als sie von der alten Is funktionalität dieser Typen und ihrer formalen (für eine bestimmte Periode geltenden) Gegenüberstellung zeugen. Nur im Rahmen dieser beiden Klassen zusammengenommen finden sich die dem Ganzen eigenen Möglichkeiten (alle Arten des Wurzelvokalismus, alle Typen von Intonationsmustern – sowohl innerhalb des Präsens als auch innerhalb der Gesamtheit der Verbalstämme). Unter Berücksichtigung dieser Besonderheiten lässt sich die Vermutung äußern, welche Typen in welcher Hinsicht führend sind (d. h. am stärksten dazu beitragen, die Möglichkeiten voneinander zu unterscheiden)16. Hier und jetzt ist jedoch wichtiger zu betonen, dass sowohl die gemeinsamen Elemente als auch die Unterschiede zwischen dem Typ auf -st(a) und dem Typ mit Nasalinfix unwiderleglich von der engsten – synchronen und historischen – Verbindung zwischen diesen beiden Präsensstamtypen zeugen, von ihrer derart ausgeprägten Korrelation und Ausgewogenheit, dass sie sich in vielen Fällen einer komplementären Verteilung nähert und vor allem die Annahme ausschließt, diese Entsprechung sei zufällig und erst ganz vor Kurzem entstanden. Das Vorhandensein von Möglichkeiten, die Präsensstämme in den Dialekten unterschiedlich zu bilden (vgl. glẽta, Stamm auf -st(a): gleñza, Stamm mit Infix; gẽsta: geñsa, kiūžta: kiuñza, gniūžta: gniuñža, dūžta:
14 Vgl. lett. tirpstü, gibstu, atzilstu, vīstu, atbilstu, klīstu, svīstu, nīstu, škīstu, likstu, mirstu, nikstu, slīkstu, trīkstu, digstu, ligstu, sirgstu, atspirgstu, stingstu, birstu, irštu, mirstu, silstu, svilstu, dilstu, pazīstu, grimstu, rimstu, dzimstu, bīstos, [dzīst; skurbstu, stulbstu, plūstu, trūkstu, tū̄kstu, kūstu, listu, skumstu, grīstu, klūstu, pūstu, žīstu u. Ä.
15 Vgl. lett. pampstu, slāpstu, skābstu, kalstu, alkstu, sprāgstu, vārģstu, salstu usw.
16 Insbesondere lässt sich die Expansion der Stämme auf -st(a) im Präsens damit erklären, dass sie Verben mit den verschiedensten Arten von Wurzelvokalismus und Intonation maximale Möglichkeiten eröffnen, in das Präsenssystem aufgenommen zu werden (was allerdings nicht ausschließt, dass andere Oppositionen ausgedrückt werden, etwa Intransitivität – Transitivität in Abhängigkeit von der Ablautstufe des Wurzelvokals; vgl.: lit. dỹgsta: diegia, lett. digstu: diẽdzu usw.). Verben, die im Präsens ein Nasalinfix erhalten, eignen sich dagegen besonders dazu, Verbalstämme (insbesondere Tempusstämme) mithilfe der Intonation zu unterscheiden.
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duñža, priñsta: pruñsa, gniñsta: gniñsa, dūsta: duñsa, čyžta: čiñža, šąžta: šañša, sūsta: suñsa, dvýsta: dviñsa, gyžta: giñža, glyžta: gliñža u. a.)17 setzt streng genommen nicht nur die diachrone Nachbarschaft des Infixes -n- / -m- zu stammbildenden Formanten des Typs -st(a) voraus (dūsti) du-n-ś(a): *dūs-sta, sondern auch das synchrone gemeinsame Auftreten dieser Formanten, etwa *du-n-s- + sta > dūsta, das für alle Stämme mit Infix unvermeidlich ist, die den Formanten -st(a) annehmen. Mehr noch: Formen des Typs dūsta oder grýsta < *gris-sta < *grins-sta müssen zweifellos während der Anfangsphase ihrer Entstehung nicht als einfache Stämme auf -sta: dus-sta oder gris-sta aufgefasst werden, sondern gerade als Präsensstämme à deux termes — -n und -st(a), zumal ū und y̆ in der Wurzel dieser Verben (wie übrigens auch in anderen vergleichbaren Fällen) Archiphoneme sind, in denen jeweils ū und un (um), y und in (im) neutralisiert werden.
Angesichts der so engen und alten Verbindung zwischen Stämmen mit Nasalinfix und Stämmen auf -st(a), ganz zu schweigen von den Belegen aus anderen alten indogermanischen Sprachen, muss die Erklärung der Entstehung von -st(a), die J. Kurylowicz vor kurzem gegeben hat18, als umstritten gelten, da sie die Verbindung zwischen diesen beiden Stammtypen nicht berücksichtigt. Es wäre höchst seltsam, wenn das baltische Bild, das eine Verbindung von Stämmen auf -st(a) und Stämmen mit Nasalinfix voraussetzt, lediglich zufällig den indogermanischen Zustand nachahmte. J. Kurylowicz hat jedoch zweifellos recht, wenn er die allgemeinen Prinzipien der Entstehung und Verbreitung von Formanten unter Berücksichtigung der Beziehungen zwischen primärer und sekundärer semantischer Funktion skizziert. Besonders bedeutsam ist, dass sich aus diesem Schema die grundsätzliche Beweglichkeit der semantischen Werte dieses Lautkomplexes ergibt — von Null bis hin zu wortbildenden und formenbildenden Bedeutungen. In verschiedenen indogermanischen Sprachen, darunter auch den baltischen, markiert das Element -s- gerade unterschiedliche semantisch-grammatische Ränge und Übergänge von einem Rang zum anderen. Nebenbei bemerkt wurde diesen Übergängen das archaische Flexionssystem der Konjugation förderlich, das infolge der jüngsten Forschungen immer deutlicher zutage tritt (vgl. die unflektierte 3. Person des Verbs, die fehlende Unterscheidung der Flexionsendungen der 2. und 3. Person in der Konjugation, die Verbindung der Flexionsendungen der Konjugation der 2. Reihe (heth. -ḫi) mit Medium-Passiv und Perfekt, die Aufdeckung einer breiten Schicht von Injunktivbildungen usw.).
17 Siehe J. Kazlauskas, Op. cit., S. 324—325. Lettische Beispiele dieses Typs siehe: J. Endzelīns, Latviešu valodas gramatika, S. 762—763.
18 Siehe J. Kuryłowicz, Op. cit., S. 50—51. Als Quelle dieses Formanten gelten Partizipialformen auf -tas von Verben mit den Wurzelauslauten -d, -t, -s, -š, -z (-sk, -šk). Diese Formen lassen eine doppelte Deutung zu, zum Beispiel vìrstas = 1. virt-tas (Primärform) oder 2. virt-stas (Sekundärform). Vgl. weiter unten (S. 51): „Diese Möglichkeit wird genutzt, wenn das betreffende Verb eine Doppelfunktion aufweist, z. B. wenn es, grundsätzlich transitiv, in bestimmten Kontexten einen intransitiven Wert hat oder wenn es sich um ein Zustandsverb mit sekundärer durativer Funktion handelt. So kann ein Partizip wie vìrstas mit der primären passiven Bedeutung ‚das umgedreht worden ist‘ und der sekundären intransitiven Bedeutung ‚das sich umgedreht hat‘ in vìrt-tas (primäre semantische Funktion) und vìrt-stas (sekundäre Funktion) aufgespalten werden. Im Partizip und im Infinitiv auf -ti lediglich virtuell, wird die Aufspaltung im entsprechenden Präsens realisiert: vìrt-tas: vìrt-st-as=vert’ù: virt-st-ù. Nach § 36 ergibt sich die Abtrennung von -t- in virt-t-(as), was die Wiederherstellung der Vollstufe vert’ nach sich zieht, da die Nullstufe der Wurzel lediglich eine Folge der Hinzufügung von -tas ist; demnach stellt das Partizip vert’-: virt-st-= das Präsens vert’-: virt-st- dar und bildet eine korrekte Proportion …“ usw.
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Im Zusammenhang mit dem zusätzlichen Verhältnis -n-/-m-: -st- in den baltischen Präsensstämmen bieten sich eine Reihe von Parallelen und Analogien an. Bedenkt man, dass die baltischen, slawischen und germanischen Sprachen von den drei Typen des indogermanischen Präsens mit Nasalformans (1. *linekʷ-: *linkʷ-, 2. *k’l̥neu-: *k’l̥nu-, 3. *kʷrineH₂-: *kʷriṇ₂) jeweils nur einen Typ übernommen haben (die baltischen den ersten, die slawischen den zweiten, die germanischen den dritten) und dabei die allgemeine Bedeutung der Intransitivität bewahrten, muss man auf eine gewisse Berechtigung des Vergleichs zwischen dem baltischen Infix- und dem slawischen Suffix-Präsensstammtyp mit dem Element -n- schließen. In diesem Fall ist besonders aufschlussreich, dass die ursprünglich protoslawischen Stämme auf -ne- (*dvignoti, *dvigneši) ausschließlich einen asigmatischen Aorist (*dviǵō) bildeten, wie dies beispielsweise in den altkirchenslawischen Denkmälern belegt ist. Für einen gewissen Zeitraum lässt sich somit folgendes Schema der Verteilung der Formen im Aorist rekonstruieren: Präsensstämme mit Nasalsuffix (-n-) → asigmatischer Aorist; Präsensstämme ohne Nasalsuffix (wenn auch nicht alle) → sigmatischer Aorist, d. h. *dvigneši — *dviǵō, aber *znaješi — *znaxъ. Berücksichtigt man die Phase, in der sich besonders gebildete Stämme aus dem Injunktiv herauszulösen begannen, lässt sich auch für das Protoslawische das Nebeneinander und Gleichgewicht eben dieser beiden Typen — mit -n- und mit -s- — ansetzen. Bezeichnenderweise muss auch bei den slawischen Sprachen mit der Ausbreitung des sigmatischen Typs gerechnet werden; vgl. die späten Formen sigmatischer Aoristbildung von Verben mit -n- im Präsens: dvigoхъ neben dem älteren dviǵō. Mehr noch: Wie bei den litauischen Formen ist das gemeinsame Auftreten des Nasalelements und von -s- (-x-, -š-) innerhalb einer Wortform in sigmatischen Aoristen von Präsensstämmen mit Nasal festzustellen, zum Beispiel: КОСНѦХЪ, ПО-МѦНѦХЪ, ОУСЬКНѦХЪ u. Ä.¹⁹ (d. h. in der letzten Perspektive *-šek-non-s-). Diese Analogien machen die Annahme einer Verbindung von -s- in den baltischen Präsensstämmen mit dem slawischen Aoristmarker natürlich noch plausibler und führen zur Hypothese einer Verbindung von -t- in -st- in den baltischen Formen mit -t- in den Aoristformen der 2. und 3. Person Singular des Typs ritō, jetō, vielleicht auch dadtō, falls man hier keine Reduplikation annimmt. Da sich in jüngster Zeit zunehmend die Auffassung durchsetzt, diese Form sei einfach (*da-stō), bietet sich ein Vergleich mit pruß. dāst, altlit. dūosti sowie einer Reihe weiterer Bildungen an; vgl. heth. daš (2.–3. Person Singular des Präteritums der ḫi-Konjugation), alb. dhashë (1. Person Singular des Aorists, ‚ich gab‘), venet. dona.s.to u. Ä.²⁰ Schon aus den oben angeführten Beispielen ist ersichtlich, dass -s- bald als Kennzeichen von Präsensstämmen, bald als Aoristmarker, bald als Flexion (oder Teil einer Flexion) der Person in der Verbkonjugation auftritt. Bei der Klärung seiner Herkunft muss man diese „Beweglichkeit“ von -s- selbstverständlich berücksichtigen.
Wenn man die weiteren Erörterungen zum slawischen Aorist beiseitelässt, sei lediglich daran erinnert, dass die Verteilung seiner Formen bedingt war durch
19 См. Н. Ван-Вейк, История старославянского языка, М., 1957, стр. 342—345.
20 Siehe V. Rosenkranz, Historische Laut- und Formenlehre des Altbulgarischen, Heidelberg, 1955, S. 129; В. В. Иванов, Указ. соч., стр. 82; его же, Отражение двух серий индоевропейских глагольных форм в праславянском, — „Славянское языкознание“, М., 1968, стр. 257; В. Н. Топоров, К вопросу об эволюции славянского и балтийского глагола, — ВСЯз, 5, 1961, стр. 69.
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nicht nur durch den Stammtyp, sondern auch durch die Akzentparadigmatik des Verbs. Vgl. die akzentuell-morphologische Regel, die bereits vor dem Auftreten schriftlicher Denkmäler der altkirchenslawischen Sprache bestand und die Verteilung der Aoristformen erklärte21: Nichtabgeleitete barytonierte Verben mit gleichsilbigen Stämmen bildeten den einfachen Aorist, wenn der Stamm auf einen Konsonanten endete, und den sigmatischen Wurzelaorist, wenn der Stamm auf einen Vokal oder Sonoranten endete. Nichtabgeleitete oxytonierte Verben desselben Typs bildeten den sigmatischen Aorist vom Typ ВѢСЬ — ВЕДЕ, wenn der Stamm auf einen Konsonanten endete, und den sigmatisch-dentalen Aorist, wenn der Stamm auf einen Vokal oder Sonoranten endete (vgl. В. А. Дыбо, a. a. O., S. 37—38). Daraus folgt: pirъ, aber bi oder idъ, aber věsъ usw.
Wenn im baltischen und slawischen Verb die Elemente -n- und -s- miteinander konkurrieren und nur selten gleichzeitig in ein und derselben Form auftreten (wobei solche Bildungen entweder instabilen, intermediären Charakter haben oder die Aufgabe der früheren Bedeutungen der miteinander kombinierten Elemente voraussetzen), so haben einige andere indogermanische Sprachen regelmäßige Bildungen entwickelt, die durch die Verbindung nasaler und sigmatischer Elemente gekennzeichnet sind.
Vor allem sind hier die tocharischen A-Verben der VIII. Klasse und die tocharischen B-Verben der X. Klasse zu nennen, denen (entsprechend) die Suffixe -nās-, -nās- und nāšk-, -nāsk- eigen sind. Vgl. toch. A yār- ‘baden’ — yārnāssi (Inf.), wäl — ‘sterben’ — wällāstār (< *wäl-nās-tär) usw.; toch. B yāp- ‘eintreten’ — yänmaskau (< *yäp-naskāu), päk- ‘beabsichtigen’ — päknās-tär, käm- ‘kommen’ — kämmaššäm (mm < mn), täm- ‘geboren werden’ — tänmastär (nm < mn) usw., ganz abgesehen von einer Reihe von Verben mit wortauslautendem -n: klin- ‘müssen’ — klinassäm, aun- ‘beginnen’ (im Med.) — aunastär, pin- ‘blasen’ — pinasle (Ger. I), rin- ‘zurücklassen’ — rinastär, sain- ‘sich verteidigen’ — sainaskentär usw.22. Die Segmentierbarkeit dieses tocharischen Formans -nās- (-nās-), -nāšk- (-nāsk-) wird durch das Vorhandensein einer Reihe von Präsensstämmen gewährleistet, die nur durch eines der beiden genannten Formantien gekennzeichnet sind oder in denen diese Formantien andere Verbindungen eingehen. Es genügt, an solche Klassen zu erinnern wie etwa toch. B VIII (-s-: -s-): er-: ersām, aip-: aiyesem, kāil-: kāilsām, kau-: kausām usw.; IX (-sk-: -ss-): yām-: yamskau, we-: wskau, ai-: aiskau usw.; XI (-s-…sk-: -s…ss-): auk-: auksāsšām, tu(twā-): twāssām usw. (Vermischung der Klassen VIII und IX) einerseits, und die Klassen VII (nasales Infix): kätk-: kättankām, pik-: pinkām usw.; VI (-nā-): alp-: alpanam, rap-: rapanam usw.; XII (-ññ-): käsk-: käskannitär, klänts-: kläntsannī usw. andererseits. Im Lichte dieser Zusammenhänge findet die Herausbildung der Klasse X im Tocharischen B (und der Klasse VIII im Tocharischen A) eine vollständige Erklärung.
21 Diese Regel wurde von В. А. Дыбо formuliert; siehe seinen Aufsatz: Ударение славянского глагола и формы старославянского аориста, — „Краткие Сообщения Института Славяноведения“, вып. 30, М., 1961, стр. 33—38.
22 Siehe W. Krause, Westtocharische Grammatik, Bd. 1, Das Verbum, Heidelberg, 1952, S. 96 ff.; W. Krause, W. Thomas, Tocharisches Elementarbuch, Bd. 1, Grammatik, Heidelberg, 1960, S. 214; E. Sieg, E. Siegl i ng, W. Schulze, Tocharische Grammatik, Berlin, 1931, S. 357 ff.
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Von den hierher gehörenden anatolischen Faktoren23 sind vor allem hethitische Verben zu nennen, deren Präsensstamm durch die Verbindung eines Suffixes mit einem nasalen Element und des Suffixes -šk- (-šš-) gebildet wird; das erste hat gewöhnlich kausative, das zweite iterative Bedeutung. Vgl. arnušk- ‘wiederholt herbeibringen’ gegenüber ar- ‘sich aufhalten’, ‘erreichen’ und arni- ‘bringen’, ‘liefern’; vgl. auch: huš-nu-šk- usw. oder Verben auf -nešk- (luwische auf -nešš-): vgl. heth. ti-ia-ni-eš-ni-mi gegenüber luw. ti-ia-ni-eš-šu-i, ferner heth. tešḫannešk- usw. Von besonderem Interesse sind Fälle, in denen -šk- an einen Präsensstamm mit nasalem Infix angefügt wird; vgl. ḫarninkisk- ‘wiederholt zugrunde richten’ gegenüber ḫarnink- ‘zugrunde richten’ und ḫark- ‘zugrunde gehen’. Wie bei den tocharischen Sprachen muss man bei der Betrachtung hethitischer Bildungen mit einem komplexen Formans aus einem nasalen Element und -š(k)- auch andere Typen von Präsensstämmen berücksichtigen (-annai-, -nu-, -nin-, -eš-; vgl. denominative Verben vom Typ parkueš- ‘rein werden’ gegenüber parkui- ‘rein’, šalleš- ‘größer werden’ gegenüber šalli- ‘groß’ usw.). Eine Sequenz -n-s- wird auf dieser Grundlage auch für das Luwische angenommen: ↑e-n-s ‘stellen’, ‘weihen’. Die anatolischen Fakten, insbesondere die hethitischen, sind sehr aufschlussreich, unter anderem insofern, als die Ausbreitung des Suffixes -šk- bereits im Laufe der schriftlich überlieferten Geschichte des Hethitischen bezeugt ist und mit der Verdrängung des Suffixes *-šša- (aus *-so-) zusammenhängt. Daher ist eine Rekonstruktion älterer Präsensstämme mit einem Formans, das ein nasales Element mit -š- (und nicht -šk-) verbindet, nicht ausgeschlossen. Die Spezialisierung des Suffixes -šk- im Hethitischen (vor allem zum Ausdruck der Iterativität) und seine Universalisierung (Möglichkeit der Anfügung an jeden Verbalstamm) mindern jedoch etwas den heuristischen Wert dieser Bildung für die Rekonstruktion des ursprünglichen Kreises von Fällen, in denen ein komplexes Formans dieses Typs verwendet wurde. Mit den gebotenen Vorbehalten lässt sich dasselbe über altgriechische Verben des Typs ἀλύσκάνω ‘vermeiden’, ‘sich retten’ (bereits bei Homer und Hesiod) gegenüber ἀλύω ‘verwirrt sein’, ‘umherirren’, ἀλύσσω (bei Homer) oder über ältere Bildungen des Typs αὐξάνω ‘vergrößern’, ‘wachsen’ usw. gegenüber αὔξω ‘vermehren’ usw. sagen, bei denen die Reihenfolge der Elemente im Vergleich zu den bisher betrachteten Beispielen umgekehrt ist. Dieselbe umgekehrte Reihenfolge findet sich auch in armenischen Verben des Typs harç-an-em ‘ich frage’ (anstelle des erwarteten harçem), in denen sich die ursprüngliche Sequenz *-sk’- + *-n- erkennen lässt (vgl. altind. prcchámi, lat. poscō). Im Zusammenhang mit den armenischen Daten ist es jedoch wichtig, die folgenden beiden Besonderheiten hervorzuheben: die mediale Bedeutung des Elements -n- in Präsensstämmen (vgl. melkel ‘schwächen’ [aktiv] — melkanal ‘schwach werden’ [medial]24) und die Bildung des Aoristindikators ç (vgl. sireac von sirem ‘ich liebe’ oder gorceaç von gorce
23 О них подробнее см. И. Фридрих, Краткая грамматика хеттского языка, М., 1952, стр. 82 и след.; G. Bechtel, Hittite Verbs in -sk-, Ann Arbor, 1936; В. В. Иванов, Общеиндоевропейская, праславянская и анатолийская языковые системы, стр. 139 и след., особенно стр. 147—148. О соотношении носового форманта и форманта *-sk- в индоевропейских языках см. W. Couvreur, Les dérivés verbaux en -ske/o- du hittite et du tokharien, — „Revue des études indoeuropéennes“, t. 1, fasc. 1, 1938; см. также C. Watkins, Indogermanische Grammatik, Bd. III: Formenlehre, Heidelberg, 1969, стр. 70 и след.
24 Siehe Э. Г. Туманян, Древнеармянский язык, М., 1971, стр. 334—335; А. А. Абрамян, Учебник грабара, Ереван, 1964, стр. 116 и др. (на арм.).
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‚ich tue‘) aus idg. -sk-²⁴а. Die Tatsache, dass -sk- in den Aoristformen anderer indoeuropäischer Sprachen als Aoristformans neben -s- auftritt, sollte wahrscheinlich im Zusammenhang mit dem Verhältnis von baltisch -st- zu -s- in einer Reihe anderer verwandter Sprachen berücksichtigt werden. Wenn man jedoch das Eindringen von -sk- in das Präteritumsystem des Tocharischen (und, wie einige in Anlehnung an Karsten annehmen, des Slawischen: -ахъ < *-ā-ske-) berücksichtigt, kann man annehmen, dass der Gegensatz Grundverb: Verb mit dem Indikator -sk- den sogenannten „pontischen“ Sprachen (Anatolisch, Tocharisch, Armenisch, Slawisch) bekannt war²⁴⁶.
Im Zusammenhang mit der baltischen Problematik sind jedoch die Beispiele wichtiger, in denen die Sequenz -n- + -s- vorliegt. Unter ihnen verdient das Verhältnis homerisch χνέω: ἔχυσσα Beachtung, das eine Rekonstruktion *χu-vε-σ-μ²⁵ nahelegt, ebenso wie vedische Formen des Typs gr-niṣ-e (von gir-) oder pu-niṣ-e (von pū-)²⁶, deren Indikator -niṣ- mit der medialen Flexion verbunden wird; oder venetische Formen wie zonasto, wo -nas- dank der parallelen Form zoto klar abgegrenzt werden kann. Vgl. mexo zona.s.to re.i.tiia.i. ner.ka lemeto.r.na „Nerka, die Tochter des Lemetor, hat mich der Reitia geweiht“ (PID 26. Este) oder mexo zona.s.to sahnate.i re.i. tiia.i porah „Porah hat mich der Reitia Sanatis geweiht“ (PID 31. Este), aber: vhremah.s.tna zoto re.i.tiia. i „Fremastna hat (mich) der Reitia geweiht“ (PID 19. Este); vgl. lydisch ↑ens neben ↑es- ‚weihen‘, ‚legen‘ (sowie lykisch tas-: ta- oder hethitisch zikk- [t-sk-] zu tehhi ‚legen‘, ‚stellen‘)²⁷, ganz abgesehen von einer Reihe weiterer Fälle²⁸.
Nach der Betrachtung dieses Materials ist es angebracht, an die unstrittige Schlussfolgerung über den Zusammenhang der hethitischen Verben auf -s- (wie auch einiger anderer sigmatischer Formen) mit der -ḫi-Konjugation und folglich mit der 2. Serie indoeuropäischer Verbformen zu erinnern²⁹. Daraus ergeben sich die medialen Bedeutungen der Entsprechungen hethitischer Formen in anderen indoeuropäischen Sprachen, die den Zusammenhang erklären
²⁴а Vgl. R. Godel, Les aoristes arméniens en -ć-, — „Studia classica et orientalia Antonio Pagliaro oblata“, II, Roma, 1969, S. 253—258.
²⁴⁶ Vgl. B. Rosenkranz, Zur Entstehungsgeschichte der indogermanischen Verbalflexion, — „Arbeitspapier“, N 16. Institut für Sprachwissenschaft — Universität, Köln, 1971, S. 5—7. Rosenkranz weist an derselben Stelle darauf hin, dass es in den genannten Sprachen Bildungen gerade auf -l- gibt, die in das Verbsystem eingeführt wurden, und dass ein Perfekt indoeuropäischen Typs fehlt.
²⁵ Vgl. analog dazu: dvigneši — dvigoxъ — dvignoxъ (vgl. КОСНЖЖХЪ).
²⁶ См. об этих формах Т. Я. Елизаренкова, Аорист в Ригведе, М., 1960, стр. 29. Следует также напомнить, что в древнеиндийском, помимо трех презентных классов с носовым элементом, существовали многочисленные глагольные образования на -s-: сигматический аорист разных видов (в частности, на -sa- и даже на -ṣiṣ-; последний тип — результат неправильного анализа существовавших сигматических форм и аналогических выравниваний), будущее время, прекатив, дезидератив и даже презентные основы, см. F. B. J. Kuiper, Zur Geschichte der indoiranischen s- Präsensia, — „Acta Orientalia“, 12, 1934.
²⁷ Vgl. auch phrygisch ε-δαες ‚stellte auf‘.
²⁸ Vgl. zum Beispiel avestisch činas ‚er wird zuweisen‘ (aus dem angenommenen *ki-na-s-t?).
²⁹ Vgl. В. В. Иванов, Указ. соч., S. 173—174; vgl. von ihm auch Отражение двух серий..., S. 257 u. a.
11. 902
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-s- mit dem Mediopassiv im Tocharischen, dem medialen Genus im Vedischen30 und – in diesem Fall ist diese Schlussfolgerung entscheidend – mit den intransitiv-inchoativen Verbalbildungen auf -st(a) in den baltischen Sprachen. Plausibel ist, dass auch das litauische Präteritum der intransitiven Verben auf -o (aus *-ā)31 gerade der zweiten Reihe der indogermanischen Konjugation zugeordnet werden kann.
Unserer Ansicht nach kann das baltische -st- als Formans von Präsensstämmen – aus all den oben angeführten Gründen – mit der Flexion -st- verglichen werden, die in einer Reihe indogermanischer Sprachen auftritt. Dabei geht es vor allem um die Endung der 2. und 3. Person Präteritum in der -ḫi-Konjugation (während diese Flexion im Präteritum der Verben auf -mi fehlt), vgl. dāišta, von dāi- ‘stellen’, ‘legen’ (1. Pers. Sg. Präsens -teḫḫi), neben der 2. Pers. Pl. Imperativform dāišten; temišta, von tema- ‘sprechen’ (1. Pers. Sg. Präsens — temaḫḫi), neben der 2. Pers. Pl. Imperativform temišten; eš(š)ešta, von ešša- ‘vollbringen’ (1. Pers. Sg. Präsens — eššaḫḫi); aušta, von au(š)- ‘sehen’, ‘schauen’ (1. Pers. Sg. Präsens -uḫḫi), neben der 2. Pers. Pl. Imperativform aušten und der 2. Pers. Pl. Präsensform aušteni, ušteni (sowie autteni)32, was sich unmittelbar mit lit. aušta (: aušo, aušti) und lett. àust (: àussa, àust)33 vergleichen lässt. Dieselben Flexionen treten in einer Reihe von ihrem Charakter nach gemischten Paradigmen auf, in denen Merkmale der -mi- und der -ḫi-Konjugation verbunden sind; vgl. dalešta, von dala-, daliia- ‘zurücklassen’ (1. Pers. Sg. Präsens dalaḫḫi und daliiam(i)), neben der 2. Pers. Pl. Präsensform dalešteni usw. Noch interessanter ist, dass neben der Flexion -šta in der 2. und 3. Pers. Sg. des Präteritums auch verbreitetere Flexionen existieren, die gewissermaßen Bestandteile der genannten Flexion darstellen, nämlich -š und -ta, vgl.: dāš (2. und 3. Pers. Sg. Präteritum von dā- ‘nehmen’), dāiš (3. Pers. Sg. Präteritum von dāi- ‘stellen’, ‘legen’, daneben dāišta und sogar dāitta in der 2. Pers.), paiš (3. Pers. Sg. Präteritum von pāi- ‘geben’, mit pešta in derselben Form und pāišta und sogar pāitta in der 2. Pers.), nāiš (3. Pers. Sg. Präteritum von nāi- ‘richten’, ‘senden’, daneben nāešta in derselben Form), zāiš (von zāi- ‘übergehen’), ḫalzāiš (von ḫalzāi- ‘rufen’), tarnaš (2. und 3. Pers. Sg. Präteritum von tarna- ‘zurücklassen’,
30 Dabei geht es nicht nur um Formen des Typs puniše oder griṇiše, sondern auch um die jüngst festgestellte Tatsache, dass im Indikativ die medialen Formen des Aorists auf -s- entschieden überwiegen (Aorist 4). Ein Forscher des vedischen Aorists neigt dazu, diese Tendenz damit zu erklären, dass gerade unter den sekundären medialen Endungen die mit einem Vokal beginnenden Endungen überwiegen. Bezeichnenderweise sind auch unter den Formen, in denen -s- vor einem Konsonanten steht, die meisten medial. Daraus ergibt sich der plausible Schluss, dass dieses Element -s- überhaupt mit der medialen Paradigmatik assoziiert wurde. Siehe T. Ja. Jelizarenkova, a. a. O., S. 78.
31 In der lettischen Schriftsprache wurde wie in den meisten Dialekten das Präteritum auf -ā verallgemeinert, obwohl in mittellettischen Texten des 16.–17. Jh. und in einem Teil der heutigen Mundarten (im Südwesten Kurlands, in einem großen Teil der oberlettischen Mundarten) auch ein Präteritum auf -ē belegt ist. Siehe J. Endzelīns, Latviešu valodas gramatika, S. 863 ff.; M. Rudzīte, a. a. O., S. 367 ff. Die altpreußischen Belege (Präteritum auf -ā und -ē) sind zu spärlich, als dass man auf ihre verlässliche Deutung hoffen könnte.
32 Zu den indogermanischen Parallelen siehe V. V. Ivanov, Obščeindoevropejskaja…, S. 153 ff.
33 Vgl. ferner J. Endzelīns, — FBR 17, 1937, S. 164; ders., — ZfslPh, Bd. 16, 1938, S. 107 ff. u. a.
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‘stellen’, ‘loslassen’ neben tarništa in der 3. Person – eine Doppelform), šarraš (3. Pers. Sg. Präteritum von šarra- ‘teilen’, ‘zerbrechen’, mit šarratta in der 2. Person), uaštaš (2. und 3. Pers. Sg. Präteritum von uašta- ‘sündigen’), temaš (3. Pers. Sg. Präteritum, daneben temišta in der 2. und gelegentlich in der 3. Person), dališ (3. Pers. Sg. Präteritum) – hinsichtlich der Flexion -š; sowie šakta (2. und 3. Pers. Sg. Präteritum von šak- ‘wissen’), datta (2. Pers. Sg. Präteritum, daneben dāš in der 3., gelegentlich auch in der 2. Person), dāitta (2. Pers. Sg. Präteritum, daneben dāiš in der 3. Person und gelegentlich dāišta in der 2. Person), daliiat (3. Pers. Sg. Präteritum neben den konkurrierenden Formen dališ und dalešta), hašta (3. Pers. Sg. Präteritum von haš ‘zeugen’) usw. – hinsichtlich der Endung -ta. Bemerkenswert ist, dass diese Flexionen auf -š und -ta den Flexionen entsprechender Formen der -mi-Konjugation entsprechen können; vgl. hatraēš und hatraīt (auch hatraiš ist belegt), von hatrai- ‘schreiben’; daškēš und daškit, von dašk- ‘wiederholt sprechen’; harši (häufiger ḥarti) und ḥarzi, von har(k)- ‘halten’, ‘haben’ u. Ä. Vgl. jedoch auch die vereinheitlichten Flexionen der 2. und 3. Pers. Sg. Präteritum in der -mi-Konjugation: -t (-ta): epta von ep- ‘ergreifen’; kuenta von kuen- ‘schlagen’, ‘töten’; puništa von puniš- ‘fragen’; uuatet von uuate- ‘bringen’; iijat von iia- ‘machen’ usw. Die Formen der 2. und 3. Pers. Sg. Präteritum zeigen somit am anschaulichsten, wie die Flexion -šta im Hethitischen entstanden ist, wie leicht und klar sich ihre Bestandteile herauslösen ließen und sogar, in welcher Richtung sich diese Flexion ausbreitete (vgl. die Imperativformen)³⁴. All dies ist für die Geschichte der Herausbildung des baltischen -st(a) von Bedeutung.
Die tocharischen Fakten zum Imperfekt, Präteritum, Konjunktiv und Optativ Präteritum erinnern in vieler Hinsicht an die hethitischen. Hier nur einige Beispiele: toch. A — wolkašt (2. Pers. Sg. Präteritum von wätk- ‘befehlen’, neben der 3. Pers. wotäk); kakläšt (dieselbe Form wie auch im Folgenden, von käl- ‘tragen’, ‘ertragen’, neben kakäl, 3. Pers.); toch. B — yamassit (2. Pers. Sg. Imperfekt
34 Es ist Aufgabe der Hethitologen, das ursprüngliche Bild und die Ausbreitungsstufen der Flexionen -š, -ta und -šta in der 2. und 3. Pers. Sg. des Präteritums zu bestimmen. Hierzu lässt sich vorerst kaum etwas Bestimmtes sagen, da in den erhaltenen Texten zwei entgegengesetzte Varianten belegt sind: eine einheitliche Form in der 3. Person (dāš, dāiš) bei konkurrierenden Formen in der 2. Person (dāš und datta, dāišta und dāitta) und eine einheitliche Form in der 2. Person (tarnaš, temišta) bei konkurrierenden Formen in der 3. Person (tarnaš und tarništa, temaš und temišta). Die naheliegende Annahme, dass es einst eine Verteilung des Typs 2. Pers. Sg. Prät. -š, 3. Pers. Sg. Prät. -ta gab (wie offenbar im hieroglyphischen Hethitischen: -sa/-s und -ta; im Luwischen: -s (?) und -ta; vielleicht im Palaischen: -si und -til-i sowie im Lykischen, wo jedoch keine Formen der 2. Pers. Sg. Präteritum belegt sind), woraus sich später die für die 2. und 3. Person gemeinsame Flexion -šta entwickelt hätte, bedarf natürlich rein hethitologischer Argumente. Sicherer lässt sich offenbar über die allmähliche Ausbreitung der Flexion -šta als der repräsentativeren sagen (unter anderem, weil sie die jeweiligen Personenkennzeichen vereint). Übrigens ist etwas Ähnliches in der Geschichte der Flexion einfacher (sigmatischer) Vergangenheitszeiten in den slawischen Sprachen zu beobachten, besonders während des Zerfalls des Systems dieser Zeiten (vgl. die Orientierung an der charakteristischsten Form). Zu den Flexionen der 2. und 3. Pers. Sg. Präteritum siehe I. Friedrich, a. a. O., S. 106 ff.; H. Kronasser, Vergleichende Laut- und Formenlehre des Hethitischen, Heidelberg, 1956, S. 190–193; C. Watkins, Indo-European Origins of the Celtic Verb, I, The Sigmatic Aorist, Dublin, 1962, S. 90 ff., 97 ff.; vgl. auch dessen Indogermanische Grammatik, Bd. III u. a. J. Kurylowicz betrachtet auch heth. -š in der 2. (und 3.) Pers. Sg. Präteritum als Ergebnis einer späten, rein hethitischen Entwicklung (dasselbe gilt für -š in altpers. akunaus ‘er tat’ u. Ä.), siehe J. Kuryłowicz, a. a. O., S. 156 ff.
11*
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von yām- „machen“, bei yamaṣṣi (3. Person); śälasta (2. Person Singular des Präteritums von käl- „bringen“, bei śala-, 3. Person); yamit (2. Person Singular des Optativs von yām-, bei yami, 3. Person)³⁵ usw.
Flexionen dieses Typs könnten sich auf die eine oder andere Weise auch in anderen Sprachen widerspiegeln (vgl. venetisch zonasto oder vhaxṣδo, lat. -īstī usw.). Eine weitere Auflistung derselben ist in diesem Zusammenhang nicht erforderlich. Als außerordentlich wichtig und für die mögliche Geschichte des baltischen Verbalformans -st(a) relevant sind dagegen die folgenden Fakten zweierlei Art anzusehen.
Erstens geht es um die durch schriftliche Denkmäler belegte Ausbreitung von -s- in den altindischen Formen des Precativs (Optativs des Aorists)³⁶. Vgl. die entsprechenden Abschnitte der vedischen Precativformen (im Aktiv):
1. Pers. Sg. bhūyām 1. Pers. Du. bhūyāva 1. Pers. Pl. bhūyāma 2. Pers. Sg. bhūyās 2. Pers. Du. bhūyātam 2. Pers. Pl. bhūyāta 3. Pers. Sg. bhūyās 3. Pers. Du. bhūyātām 3. Pers. Pl. bhūyur
und im späteren klassischen Sanskrit (im Aktiv):
1. Pers. Sg. bhūyāsam 1. Pers. Du. bhūyāsva 1. Pers. Pl. bhūyāsma 2. Pers. Sg. bhūyās 2. Pers. Du. bhūyāstam 2. Pers. Pl. bhūyāsta 3. Pers. Sg. bhūyāt 3. Pers. Du. bhūyāstām 3. Pers. Pl. bhūyāsur
Wie der Vergleich dieser Paradigmen zeigt, bildeten gerade die sigmatischen Formen der 2. und 3. Person Singular den Ausgangspunkt für die Ausbreitung dieses -s- als Bestandteil des Precativmarkers in die Form der 1. Person Singular und anschließend auch in die Formen der übrigen Numeri. Es ist keineswegs unwahrscheinlich, dass sich etwas Ähnliches auch bei der Entwicklung dieses Formans in den baltischen Sprachen ereignet haben könnte³⁷.
Zweitens ist für den angenommenen Prozess der Umgliederung, der mit einer Veränderung des ursprünglichen (oder, genauer gesagt, früheren) Lokus von -st- im Baltischen verbunden ist, die Berücksichtigung solcher Formen von großer Bedeutung, in denen -st- streng genommen nicht mehr als bloße Flexion betrachtet werden kann, aber noch nicht den Status eines Verbalklassenmarkers innerhalb ein und derselben Tempusform (etwa des Präsens) erlangt hat, sondern eine Zwischenstellung beibehält. Vgl. altgriech. λέκτο, für das sehr plausibel eine ältere Form *λέχ-στο neben dem sekundären λέξατο rekonstruiert wird, ved. a-tam-sta (=avest. mə-sta) usw.³⁸.
³⁵ Vgl. entsprechend Tocharisch A: *kälñāsiṣt – *kälñāsi u. Ä.
³⁶ Siehe T. Burrow, The Sanskrit Precative, — „Asiatica. Festschrift Friedrich Weller“, Leipzig, 1954, S. 35—42.
³⁷ Vgl. beispielsweise das folgende hypothetische Schema: I: 1. Pers. Sg. -ō → II: 1. Pers. Sg. -ō → III: 1. Pers. Sg. -ō → IV: 1. Pers. Sg. -stu 2. Pers. Sg. -s 2. Pers. Sg. 2. Pers. Sg. -st(i) 2. Pers. Sg. -sti 3. Pers. Sg. -(t) 3. Pers. Sg. -st (-s, -t) 3. Pers. Sg. -st(a) 3. Pers. Sg. -sta. Wenn dieses Schema (in ganz groben Zügen) plausibel sein kann, wird die Frage nach der Umverteilung entscheidend, die zur Bildung eines Präsensmarkers aus dem Material der Flexion geführt hat.
³⁸ Vgl. H. Kronasser, Op. cit., S. 193.
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Unter der Annahme, dass gerade die 2. und 3. Person Singular die Formen waren, in denen die Umsegmentierung einsetzen konnte, deren Ergebnis die Umwandlung von -st- in ein Kennzeichen des Präsensstamms war39, ist es wichtig, an die zahlreichen Fälle der Nichtunterscheidung der Endungen in der 2. und 3. Person Singular in verschiedenen indogermanischen Sprachen zu erinnern, von denen teilweise weiter oben die Rede war und über die wiederholt geschrieben wurde, insbesondere in jüngster Zeit40. Zugleich muss man sich auch die Fälle eines Wechsels der Endung in der 2. und 3. Person gegenüber dem üblicheren Bild vor Augen halten (vgl. -s in der 3. Person, ved. dhās u. Ä.41 oder -t in der 2. Person, heth. datta usw.)41а. Natürlich begünstigten diese Bedingungen sowohl den Beginn des Umsegmentierungsprozesses selbst als auch die Tatsache, dass gerade diese Formen die Ausbreitung von -st- im Konjugationsparadigma der baltischen Sprachen auslösten. Bezeichnenderweise unterscheiden auch im Slavischen verwandte Typen, insbesondere der sigmatische Aorist und das Imperfekt, die Endungen in der 2. und 3. Person nicht und haben sie möglicherweise in einem Teil der Fälle (zumindest) nie unterschieden (siehe dazu andere Arbeiten des Verfassers)42. Generell ist anzuerkennen, dass zahlreiche Rekonstruktionen von Endungen der 2. und 3. Person mit -s-, das an den ursprünglichen Konsonanten der Wurzel angefügt wird, vom Typ... (t)-s-s- (vgl. heth. daiš < *dejk’-s-s) oder (t)s-t, die einst heuristischen und methodologischen Wert hatten, nun zunehmend die Ermittlung eines älteren und spezifischeren Bildes behindern, das später durch analogische Tendenzen überlagert wurde. Paradoxerweise sollte sich der Forscher bei der Erörterung der Herkunft von -st- nicht in starre Grenzen zwängen lassen. Die Antwort kann in anderen Teilen des Wortes liegen (etwa in der Flexion und nicht im stammbildenden Element) und in anderen Bereichen des Paradigmas (etwa im Aorist und nicht im Präsens). Ein bezeichnendes Beispiel ist die Konjugation des athematischen Verbs dati im Präsens und Aorist im Altkirchenslavischen sowie dúoti im Litauischen43.
39 Genau genommen: der Stamm, der später das Präsens kennzeichnete. Vielleicht wäre es präziser, von Injunktivstämmen zu sprechen, die in den baltischen Sprachen in das Präsenssystem, in anderen Sprachen in das (sigmatische) Aoristsystem und in wieder anderen sowohl in das Präsens- als auch in das Aoristsystem übergingen.
40 Siehe T. Burrow, An Archaic Verbal Termination in Early Indo-Iranian, — „Indo-Iranian Journal“, vol. 1, 1957, S. 61—76; A. S. C. Ross and R. A. Crossland, Supposed Use of the 2nd Sg. for the 3rd Sg. in „Tocharian A“, Anglo-Saxon, Norse and Hittite, — „Archivum Linguisticum“, vol. 6, 1954, S. 112—121; vgl. auch — KZ, Bd. 69, 1951, S. 150—164.
41 Об этих формах ср. J. N. Narten, Die sigmatischen Aoriste im Veda, Heidelberg, 1964, стр. 18 и след.; C. Watkins, Indogermanische Grammatik, Bd. III, стр. 53 и след.
41а In jüngster Zeit hat Rosenkranz auf die Entsprechung zwischen den hethitischen Präteritalendungen und den elamischen Personalendungen hingewiesen (vgl. 1. Sg. -h, 2. Pers. -t, 3. Pers. -š usw.). Möglicherweise könnte in dieser Hinsicht vieles durch die Untersuchung anderer „nostratischer“ Sprachen geklärt werden, deren Konjugationssystem deutliche Parallelen zu den genannten Endungen aufweist.
42 Bei den Beispielen für die Nichtunterscheidung von Verbendungen im Altpreußischen scheint die Sachlage etwas anders zu sein.
43 Zur Konjugation von dúot im Lettischen siehe J. Endzelins, Latviešu valodas gramatika, S. 723—725; M. Rudzīte, Op. cit, S. 359 u. a.; vgl. altpreuß. dāst usw.
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Präsens Singular 1. Pers. datь dasi 3. Pers. dastъ Dual 1. Pers. (davē) 2. Pers. dosta 3. Pers. daste, dosta Plural 1. Pers. datь 2. Pers. daste 3. Pers. dadētъ Aorist daxъ dastъ, da dastъ, da daxovē dasta daste, dasta daxomъ daste daše Präsens duomi duosi⁴⁴ duosti, duost duova duosta duosti, duost duome duoste duosti, duost
In diesem Vergleich verdienen vor allem (im Hinblick auf die in diesem Artikel gestellte Aufgabe) zwei Besonderheiten Beachtung: erstens die sozusagen homonymische Funktion von -st- (vgl. -stъ als Endung der 3. Pers. Sg., dastъ — da und -sta in der 2. Pers. Dual als Ergebnis der Rekodierung von … d-ta, vgl. ideta oder sukata, zu -sta u. Ä.); zweitens die temporale Übergreifung dieses -st- (vgl. dasta, 2. und 3. Person des Präsens und Aorists), die — neben vielen anderen Befunden — eine Grundlage für die Rekonstruktion eines Zustands vor der Herausbildung eines Tempussystems aus dem Kontinuum der Injunktivformen bietet; dies ist offenbar besonders für das baltische Verb plausibel. Schließlich ist festzuhalten, dass sich -st- in den angeführten Paradigmen gerade auf die Formen der 2. und 3. Person konzentriert.
Das Letzte, was zur Beteiligung von -st- am System der Präsensstammkennzeichen im Baltischen zu sagen ist, betrifft die unterschiedlichen Bedingungen für das Auftreten von -st- dort, wo es als Flexionsendung erscheint (Hethitisch oder Tocharisch), und dort, wo es ein stammbildendes Formans ist (die baltischen Sprachen). Im ersten Fall geht diesem -st- stets ein Vokal voraus (vgl. tarništa, pahhašta, dāišta; šälästa, wotkast; dastъ u. Ä.), im zweiten stets ein Konsonant (vgl. alpsta, dȳksta u. Ä.). Dieser Unterschied der Bedingungen muss für das weitere Schicksal von -st- im Baltischen ausschlaggebend gewesen sein: Es konnte keine Flexionsendung bleiben, da in diesem Fall der finale Wurzelkonsonant und -st- dreikonsonantische Wortauslautgruppen gebildet hätten: … p-st, … k-st, … t-st usw. Strukturen des Typs … a-st u. Ä. waren hingegen praktisch nicht vorhanden (abgesehen von einzelnen Beispielen aus der athematischen Konjugation, bei denen zudem die Verbindung von -s- mit -d- deutlich spürbar war, vgl. kliest, 3. Pers. Sg. von kliedeti; nusėst von nusėdėti, giest von giedoti u. Ä.).
Natürlich ist die Frage nach -st- als Kennzeichen von Präsensstämmen untrennbar mit der Frage nach der abgeleiteten Konjugation der Verben auf -styti verbunden (barštyti: berti, dūrstyti: durti, dāigstyti: dėgti u. Ä.)⁴⁵; vgl. die typologisch ähnliche Verwendung von -s- einerseits zur Bildung des Präsens oder Aorists und andererseits zur Bildung abgeleiteter Konjugationen (Desiderativ) im Altindischen. Bezeichnenderweise kann sich -st- in der abgeleiteten Konjugation auch an einen vokalischen Wurzelauslaut anschließen (klōbyti: klōti, krāustyti: krāuti, kāustyti: kāuti usw.), wodurch diese Formenreihe den Präsensstämmen mit demselben Element gegenübergestellt wird⁴⁶ und sich somit zusätzliche Gründe für die Bestimmung des ursprünglichen-
44 Vgl. in Daukjšas „Postille“: duosi, duosi, duost — Formen, die im Zusammenhang mit den slavischen Parallelen von besonderem Interesse sind.
45 Siehe P. Skardžius, Op. cit., S. 537—539; J. Otrębski, Op. cit., Bd. 2, S. 388—390 usw.
46 Vgl. auch die gewöhnliche Transitivität (oder Reflexivität) der Verben auf -styti.
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der Ausgangsbedingungen für die Differenzierung dieser beiden Typen47. Es ist anzunehmen, dass auch die Verben auf -soti, die die Idee der Dauer ausdrücken48, eine Reihe gemeinsamer Merkmale sowohl mit den bereits genannten Typen als auch mit anderen, den Formanten -s- enthaltenden, hier jedoch nicht behandelten Verben aufweisen. Berücksichtigt man all diese Bildungen und bedenkt man die in der Geschichte des baltischen Verbs häufigen Prozesse der Veränderung des grammatischen und semantischen Status ein und desselben Lautsegments oder einer Lautsegmentfolge49, so kann man auf eine schrittweise Lösung des gesamten Problemkreises hoffen, der mit der Herkunft der Verbformen mit dem Element -s-, insbesondere -st-, verbunden ist. Die Einzelheiten des Gesamtbildes sind schwer vorherzusagen, doch scheint alles, was bislang über die relative Chronologie der Entwicklung des baltischen Verbs bekannt ist, die Annahme nahezulegen, dass die Herausbildung einer Reihe von s-Formen des Verbs und vor allem der Stämme mit dem Element -st- unter wesentlich anderen Bedingungen erfolgte als ähnliche Erscheinungen in den meisten anderen indogermanischen Sprachen, nämlich in einer typologisch älteren Situation. Wie diese Situation aussah, d. h. durch welche Grammatikalisierungskategorien und einzelnen Grammeme sie bestimmt war, lässt sich bislang schwer sagen. Mehr noch: Gegenwärtig bildet diese Unklarheit das Haupthindernis für die Interpretation der Bedeutungen, die einst mit -st- verbunden waren. Indem K. F. Johansson die baltischen Verben auf -st(a) mit der medialen Form der 3. Person Singular des sigmatischen Aorists verglich, hatte er insofern recht, als diese beiden Formanten grundsätzlich und letztlich vergleichbar sind. Aus dieser Schlussfolgerung folgt jedoch keineswegs, dass die Entstehung von balt. -st(a) das Vorhandensein eines (sigmatischen) Aorists oder eines Mediums vom Typ des Altgriechischen oder Altindischen voraussetzt (oder irgendwelcher anderer konkreter Formen, die dieses -t- erklären: Partizipien auf -to-, Verbalflexionen auf -tha, der Stamm des Demonstrativpronomens *-to-, Stammtypen auf -to wie lat. plecto: explicāre, altgriech. πέπτο: πέλω, heth. mant-: altgriech. μένω usw.).
47 Besonders aufschlussreich ist die formale Identität genetisch verwandter Wörter wie lit. māsto „er denkt“, „er sinnt nach“ (aus *man-stā, vgl. māstyti: manȳti: mīnti, vgl. P. Skardžius, Op. cit., S. 538), ved. a-mam-sta (vgl. a-mam-sata) „er dachte“, avest. māsta „er dachte“ (*man-sta), obwohl -sta in den indo-iranischen Beispielen semantisch nicht mit lit. -sta verbunden werden kann.
48 Vgl. iterative Verben auf -sa im hieroglyphischen Hethitischen: pipas(a)- „geben“ zu pi(a)- „geben“, aias(a)- „mit etwas umgehen“ zu aia- „tun“ (vgl. -s(a)- im Luwischen) usw., wobei – anders als im Hethitischen – das Suffix -sk- fehlt. In diesem Zusammenhang sind die khotansakischen Verben mit dem Suffix -s- von großem Interesse (das, wie angenommen wird, auf gemeiniranisch -sa- zurückgeht, aus *-ske-/*-sko*), die eine intransitiv-inkohative Bedeutung haben (wie auch die baltischen Verben auf -sta), vgl. stās- „bleiben“; sta- „stehen“, pars- „frei werden“; parrij- „retten“ usw.; ein ähnlicher Typ ist auch im Shughnischen belegt. Zu weiteren Belegen aus dem Khotansakischen vgl. die Stämme auf -sta vom Typ sūh-: śūsta „ausrüsten“, pyū-: pyūšta „hören“ usw., wobei s mit dem entsprechenden Konsonanten im Auslaut der Wurzel verbunden ist (vgl. auch bai-: basta „binden“, aus *bad-, sowie außerdem Partizipien der Vergangenheit auf -sta). Vgl. L. G. Herzenberg, Die khotansakische Sprache, M., 1965.
49 Selbstverständlich lässt sich dasselbe auch über eine Reihe anderer Sprachen sagen. Zur Entstehung von -s in der Flexion der 3. Person Singular und im Aorist siehe: C. Watkins, Indo-European Origins of Celtic Verb, S. 90 ff.; vgl. auch seinen Beitrag Indogermanische Grammatik, Bd. III, S. 53 ff.