Kalbotyrinės pastabos
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SPRACHWISSENSCHAFTLICHE BEMERKUNGEN
1. Lit. gaibjė
Lit. gaibjė „Herde“ LKŽ III 15 gehört vielleicht zum selben semantisch-derivationalen Modell „bekommen, erwerben, nehmen“ → „(erworbenes, erlangtes) Gut“ → „Haustiere (|| Herde)“ wie viele andere Bezeichnungen für Vieh (und dessen Herden) in verschiedenen Sprachen1. Das entsprechende Verb könnte ap-giėbti (-ia) „umfassen, umarmen“ Mielagėnai sein (vgl. auch die weitere semantische Entwicklung von nu-, su-giėbti, -ia „etwas verstehen, eine Ahnung haben, können“ Mielagėnai, Skirsnemunė)2. Als seine Verwandten in den germanischen Sprachen sind offenbar norw. dial. keiva „linke Hand“, keiv „krumm, verdreht“ (idg. *geibh-) anzusehen. Derselben Wurzel, jedoch ohne Format, gehören offenbar auch lit. į-gyti (-gyja) „bekommen, sich aneignen“, nu-gyti (-gyja) „bekommen“ LKŽ III 357–8 an.
Dass gaibjė „Herde“ höchstwahrscheinlich kein erfundenes, sondern ein lebendiges Wort der litauischen Mundarten war (wenn auch nur in begrenztem Gebrauch), dafür spricht allein schon seine Bezeugung in den alten preußisch-litauischen Wörterbüchern: Gaibje, ės (wie Gauje, ės)3. Es ist ganz klar, dass es hier so aufgezeichnet wurde, wie es ausgesprochen wurde, d. h. gaibjė, gaibjės, gaibjei usw. (wie gauje, gaujės, gaujei usw.). Somit ist gaibjė (wie auch gaujė, vgl. gaujė Kretinga) aufgrund der für nicht nur eine westlitauische Mundart charakteristischen Neutralisierung des Unterschieds zwischen den ǽ- und ē-Stämmen nach palatalen Konsonanten in den ē-Stamm übergegangen4. Das Wort gehört also tatsächlich zum ǽ-Stamm (d. h. gaibja <*gaibjā), zu dem auch Wörter mit kollektiver Bedeutung gehören (z. B. gaujā).
2. Baltisch *galvā
Der semantische Zusammenhang zwischen der baltischen Bezeichnung für den Kopf *galvā und balt. *gala(n) „das Ende“ ist ziemlich klar, da er auch in anderen indogermanischen und nichtindogermanischen Sprachen wiederkehrt5. Weniger klar ist das Wortbildungsverhältnis dieser Wörter (Stammausgang -ā, Element -v-, langer Wurzelvokal bzw. Akut).
Man kann annehmen, dass die Bezeichnung für den Kopf in den urbaltischen Dialekten ein feminines Substantiv des u- (oder ū-) Stammes war: *galus (oder *galūs), wie es für Bezeichnungen von Körperteilen in anderen indogermanischen Sprachen nicht selten ist (vgl. fem. lat. manus „Hand“, got. handus „ebd.“, gr. γένυς „Kiefer“, altind. bhruḥ „Augenbraue“). Dass neben dem o-stämmigen Substantiv *gala(n) „das Ende“ in den urbaltischen Dialekten auch ein u-stämmiges Wort *galu- „Ende, Spitze, Kopf“ existierte, lässt die Präposition galū sowie die zahlreichen Komposita (galūardis, galūdaržė, galūdienis, galūdirvis, galūgalvis, galūkai-mė usw.6) vermuten, deren erstes Glied galū- wohl ein reiner u-Stamm ist. Für diesen Stamm war kennzeichnend, dass in den Paradigmen femininer Substantive, besonders in den obliquen Kasusformen, neben *-eu- / -ou- auch die Ablautstufe des Stammausgangs *-ue- / -uo- auftrat; vgl. z. B. altind. Gen., Abl. Sg. dhenoḥ, dhenvāḥ, Dat. Sg. dhenāve, dhenvāi usw. (Nom. Sg. Fem. dhenūḥ „Kuh“). Dass das Letztere
1 Этимология 1971, Москва, 1973, p. 281 tt.
2 LKŽ III 286.
3 Näheres siehe A. Sabaliauskas, Iš baltų kalbų gyvulininkystės terminologijos istorijos, LKK XII 18.
4 Plg. J. Gerullis ir Chr. Stangas, Lietuvių žvejų tarmė Prūsuose, Kaunas, 1933, p. 31.
5 В. Н. Чекман, Балтийское и славянское *galvā, — III Sąjunginė baltų kalbotyros konferencija. Pranešimų tezės, Vilnius, 1975, S. 154–5; vgl. ferner „Baltistica“, VI, 1970, S. 47–8.
6 LKŽ III 72 tt.
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Dass Flexionen eines u- (oder ū-) Stammes auch in den proto-baltischen Dialekten vorhanden waren, zeigen Infinitive des Altpreußischen wie dātwei „geben“, girtwei „loben“ usw.7 Als in den baltischen Sprachen der feminine u- (und ū-) Stamm schwand, war der leichteste Weg für das feminine Nomen *galus (oder *galūs), in den ā-Stamm überzugehen, da auch andere Bezeichnungen für Körperteile ā-Stämme waren (vgl. rankà, rùoka, rancko, nagà, pr. nage „Fuß“, sl. noga, kója, kàja usw.) und u-stämmige Formen des Typs *galua- / *galue- existierten, die zur Grundlage der Generalisierung wurden.
Während der Thematisierung führte der Gegensatz zwischen dem Grundwort und dem Derivat offenbar auch dazu, dass der Wurzelvokal des Derivats gelängt wurde (*galu- / *galua- / *galue- → *gā-luā) (oder, falls dies nach dem Entstehen der Intonationen geschah, seine Wurzel einen Akut erhielt) und dass es der mobilen Paradigmatik zugeordnet wurde.
Da in den slawischen Sprachen ebenfalls keine femininen u-stämmigen Nomina erhalten geblieben sind, lässt sich ein ähnlicher Prozess auch für die urslawischen Dialekte annehmen.
3. Altpreußisch — karkis
Die zweite Komponente -karkis des altpreußischen Kompositums birga-karkis „kelle (ein grösserer Schöpflöffel, kaušas, samtis)“ muss keineswegs zu *karikis8 oder *kartis9 korrigiert werden, denn im Litauischen könnte ihm kárka „Schienbein eines Schweins oder Schafs, Gelenk am Bein; Bein vom Knie bis zur Wade; Schinkenbein, an dem er zum Räuchern aufgehängt wird; Fessel eines Tieres“10 entsprechen. Ein ähnliches Bedeutungsverhältnis findet sich beispielsweise bei lit. káušas „hölzerne Schöpfkelle mit kurzem Stiel zum Schöpfen von Viehfutter, Wasser, Getreide, Mehl usw. …; Vorsprung an den Hinterbeinen an der Biegung; Ferse, Knöchel“ (vgl. kojų káušas Alsėdžiai) LKŽ V 445–6 (vgl. auch krãjus „Seiten eines Siebs oder einer Schwinge, Geflecht, Rand; Erhebung des Fußrückens; Stelle des Schuhs am Spann“; lett. puõds „der Topf; der Kessel“ puõdikis9 „ein Spann (Fußrücken)“).
4. Altpreußisch baytan
Um das altpreußische baytan „zeeb (Sieb)“ mit lit. sietas und lett. siēts zu verbinden, emendiert V. Mažiulis es zu *saytan11. Das ist durchaus möglich, wenn man die häufigen orthographischen Ungenauigkeiten und sogar Fehler in den altpreußischen Schriftdenkmälern bedenkt. Dennoch sei darauf hingewiesen, dass erstens aufgrund der Fragmentarität der Texte die für die lebendige Sprache charakteristische Polysemie eines Wortes im Altpreußischen völlig verloren ist und zweitens die (Grund-)Bedeutung eines Wortes häufig aus einer Bedeutung hervorgegangen ist, die historisch nichts mit der bekannten Bedeutung des Wortes zu tun hat (vgl. etwa die Bedeutungen von lit. rėtis, rėtỹs „Sieb“, „Korb, Tasche“ (im Wörterbuch von K. Sirvydas), „Rüstung“ und ihre Verwandten lit. rėtis, rėtis, rėtỹs „Narbe einer verheilten Wunde; vom Messer verursachte Kerbe, Splitter, Absplitterung“, lett. rēta, rēte „die Narbe, Wunde“, rēsti, reñta, retēti, -ēja „sich lichten; locker, mit Zwischenräumen werden …“, rēsti, rēta, -ē, retēti, -ēja „beim Heilen kräftiger werden; beim Heilen wachsen; dünner werden, schwellen“12). Vielleicht steht dann auch altpreußisch baytan „Sieb“ ebenso wie altpreußisch -karkis für eine semantische Entwicklungskette, die—
7 Plg. V. Mažiulis, Baltų ir kitų indoeuropiečių kalbų santykiai, Vilnius, 1970, p. 272 tt.
8 J. Endzelīns, Senprūšu valoda, Rīgā, 1943, p. 151.
9 V. Mažiulis, Prūsų etimologijos, „Baltistica“, XI, 1975, p. 84.
10 Weitere Ausführungen dazu siehe E. Fraenkel, LEW 222.
11 V. Mažiulis, op. cit., S. 85.
12 E. Fraenkel, LEW 724–5.
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Das Ende der Reihe wäre lett. biete „ein Kalk-, Lehmschlägel“ ME I 306. Das Verhältnis der Wurzeln hinsichtlich ihres Vokalismus wäre dasselbe wie beispielsweise bei altpr. playnis: lit. plienas, lett. pliens; das verbindende semantische Glied könnte vielleicht lett. bite „der Proviantsack, die Speisepaudel“ ib. 304 bilden (weiter vgl. die Verben bit „schieben“, bi-d-id „schieben, rücken, schiebend stoßen“).
S. KARALIŪNAS
ZUR INTERPRETATION ZWEIER PHONETISCHER PHÄNOMENE
1. Entsprechungen des litauischen literatursprachlichen ie, uo im Dünininker Dialekt
Dass bereits im 16. Jahrhundert in den dünininkischen Dialekten i˙ ~ y und i˙ ~ ie in der Aussprache zusammengefallen waren, zeigen deutlich die Angaben in J. Sprogis’ Wörterbuch¹. Hier werden neben den mit u geschriebenen žemaitischen Formen (=žem. i˙, lit. ie) Ortsnamen aus dem dünininkischen Gebiet, die auf Russisch notiert sind, häufig auch mit e, ie (=lit. ie) wiedergegeben, z. B.: Сетова (S. 289), Ситова (S. 290) ‚Fluss, der Paršėžeris mit Lūkstas verbindet‘; Скабя пиева (S. 290) (Gemeinde Pavandenė), Кявлес пивас мишкас (S. 159) (Gemeinde Karšuva), Жардинветис (S. 112) ‚Acker der Gemeinde Kražiai‘, Жардинвиты (S. 112) ‚Acker der Gemeinde Karšuva‘ u. a. Die Formen mit e, ie (=lit. ie) sind wahrscheinlich das Ergebnis einer aukštaitischen Angleichung der Ortsnamen. Dass dies wohl tatsächlich der Fall ist, zeigen die im Wörterbuch vorkommenden hyperkorrekten Ortsnamenformen, d. h. die Schreibung e (=ie) anstelle von i˙ ~ y, z. B.: Ежня (S. 108) = Ėžnė ‚Fluss der Gemeinde Karšuva‘ neben Поижни (S. 246) = Payžnys ‚Gut der Gemeinde Karšuva‘; Пекойти (S. 225) = Pykaičiai ‚Gut der Gemeinde Pajūris‘ neben Пикойти (ebenda) usw. Folglich konnten bereits im 16. Jahrhundert auch die Sprecher der dünininkischen Mundarten das dort zusammengefallene lit. y und ie (ebenso ū und uo) nicht unterscheiden.
Die ersten Hinweise darauf, dass die Diphthonge ie, uo in den žemaitischen Mundarten durch į, ū wiedergegeben werden, finden sich bereits in A. Schleichers litauischer Grammatik². Später präzisierte und detaillierte J. Juška³ diese Aussage. Sie wird auch durch die Arbeiten aller Sprachwissenschaftler eindeutig belegt, die die dünininkischen Dialekte der Žemaiten untersucht haben – K. Jaunius, A. Salys, J. Gerullis, P. Jonikas, V. Grinaveckis, Z. Zinkevičius, A. Balašaitis, V. Vitkauskas und andere – sowie durch die in der Publikation „Die litauischen Dialekte“ vergleichsweise fachkundig aufgezeichneten Texte dieser Mundarten⁴. Der Sprachwissenschaftler A. Girdenis erkennt diesen Zusammenfall jedoch nicht an. In seinem Aufsatz „Was haben die Dünininker anstelle des literatursprachlichen ie, uo?“⁵ will er prüfen, ob „die Entsprechungen des standardlitauischen ie, uo im dünininkischen Dialekt der Žemaiten lange Monophthonge į, ū sind, die sich nicht von den langen į, ū = y, ū unterscheiden“ (S. 143). Zu diesem Zweck wurden, wie der Verfasser des Aufsatzes angibt, „Wortpaare ausgewählt, die sich in der Standardsprache und in den aukštaitischen Dialekten nur durch die Oppositionen ie: i, uo: ū unterscheiden: grūodas: grūdas, kuodas: kūdas ‚mager‘, liėti:
1 Siehe: Географический словарь древней жомойтской земли XVI столетия, Составленный Иваном Яковлевичем Спрогисом, Вильна, 1888, 363 стр.
2 Žr. Handbuch der litauischen Sprache von August Schleicher, I, Grammatik, Prag, 1856, p. 5.
3 Siehe Jon’s Juszka, Kalbos lėtuviško ležuvo’oir lėtuviškas statrazimas arba ortografija, Peterburge, 1861, S. 12, 14.
4 Siehe LKT, S. 93–129.
5 Siehe A. Girdenis, Ką turi dünininkai vietoj literatūrinės kalbos ie, uo, „Baltistica“ VI(2), 1970, S. 143–146.
14. Užs. Nr. 1026
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