Netiesioginės nuosakos (modus relativus) paplitimas ir kilmės problema
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LIETUVIŲ AREALINĖS LINGVISTIKOS KLAUSIMAI
LIETUVOS TSR MOKSLŲ AKADEMIJA
V. AMBRAZAS
DIE VERBREITUNG DES MODUS RELATIVUS UND DAS PROBLEM SEINER HERKUNFT
1. KONSTRUKTIONEN MIT AKTIVISCHEN PARTIZIPIEN
1.1. Als indirekter Modus (modus relativus, im Folgenden NN) werden gewöhnlich die Nominativformen der aktiven Partizipien im Litauischen bezeichnet, die im Satz die Position des verbum finitum einnehmen und dem direkten Modus aufgrund der Bedeutung einer wiedergegebenen oder auf andere Weise indirekt erfahrenen Handlung gegenüberstehen, vgl.: jis gyvenęs kaime (ind. Modus) und jis gyvena kaime (dir. Modus). Der Begriff „indirekter Modus“, der 1937 in „Gimtoji kalba“ eingeführt wurde1, hat sich in den letzten Jahrzehnten in der litauischen Sprachwissenschaft durchgesetzt2. Obwohl er bisweilen auch diskutiert wird3, ist er dennoch zweckmäßiger und präziser als der zuvor verwendete Begriff „Partizipialsprache“, mit dem zahlreiche unterschiedliche Fälle des Partizipiengebrauchs bezeichnet wurden. Wie die anderen Modi des Litauischen verfügt NN über eine spezifische modale Semantik und ein fest umrissenes Formenparadigma.
1.1.1. In der heutigen litauischen Literatursprache umfasst das Paradigma des indirekten Modus folgende Formen:
1. Einfache Formen: Präsens Sg. metęs, -anti, Pl. metę, -ančios; Präteritum I Sg. metęs, -usi, Pl. metę, -usios; Präteritum II Sg. mesdavęs, -usi, Pl. mesdavę, -usios; Futur Sg. mesiąs, -ianti, Pl. mesią, -iančios.
2. Zusammengesetzte Formen: ingressiv im Aktiv: Präteritum I Sg. buvęs bemetęs, buvusi bemetanti, Pl. buvę bemetę, buvusios bemetančios; Futur Sg. būsias bemetęs, būsianti bemetanti, Pl. būsią bemetę, būsiančios bemetančios; resultativ im Aktiv: Präsens Sg. esąs metęs, esanti metusi, Pl. esą metę, esančios metusios, Präteritum I Sg. buvęs metęs, buvusi metusi, Pl. buvę metę, buvusios metusios;
1 Žr. J. Lazausko str. „Penkt oji nuosaka“ GK 1937, Nr. 2, p. 24–6 su pritariamu redakcijos prierašu.
2 Vgl. J. Balkevičius, Sint. 94 ff.; P. Gailiūnas, LKG II 58–9; N. Sl žienė, LKG II 167 ff.; A. Paulauskienė, Veiksm. 158 u. a.; zum Begriff modus relativus im Litauischen vgl. E. Fraenkel, IF XLVI 44; P. Trost, LKK III 220; W. K. Matthews, SEER XXXIII 370, E. Hofmann, Indogermanica 29; I. Marvan, SIPr IV 254, B. Сиртаутас, Глагольное сказуемое в совр. литовском лит. языке, Авт. канд. дисс., Вильнюс, 1968, p. 5; Ia. J. Endzelins, DI.I 144; LaGr. 902; M. Rudzīte, Dial. 138, 241, 374; A. Bergmane, MLVG I 624 u. a. Formenparadigmen mit entsprechender Bedeutung in anderen Sprachen werden ebenfalls gewöhnlich als eigenständige Modi angesehen und modus obliquus (A. Sauvageot, BSL L. 2 208; W. K. Matthews, SEER XXXIII 370), commentativus (W. Fiedler, WZL XV 3 565), imperceptivus (V. Koseska, SFPS XIII 166), narrativus (B. Panzer, OSS III 70 und in bulgarischen Grammatiken), auditivus (J. Endzelins, LaGr. 902; В. З. Панфилов, Взаимоотношения языка и мышления, Москва, 1971); nach der von B. Panzer, OSS III 70, vorgeschlagenen universalen Tabelle für Modalität und Modi: modus narrativus (auditivus). Daher ist die für das Litauische und Lettische verwendete Bezeichnung modus relativus traditionell. Zu den theoretischen Grundlagen und Beweggründen für die Abgrenzung des NN im Litauischen und Lettischen siehe I. Marvan, SIPr IV 253–4.
3 A. Girdenis, V. Žulys, Baltistica IX (2) 210.
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Partizipien des Vorvergangenheitsindikativs Aktiv Singular būdavęs metęs, būdavusi metusi, Plural būdavę metę, būd avusios metusios; Partizipien des Futurindikativs Aktiv Singular bū sias metęs, būsianti metusi, Plural būsią metę, bū siančios metusios;
Passivformen mit Partizipien des Präsens: Präsens Singular esąs metamas, esanti metama, Plural esą metami, esančios metamos; Perfekt Singular buvęs metamas, buvusi metama, Plural buvę metami, buvusios metamos; Vorvergangenheit Singular bū davęs metamas, būdavusi metama, Plural būdavę metami, būdavusios metamos; Futur Singular būs iąs metamas, būsianti metama, Plural būsią metami, bū siančios metamos;
Passivformen mit Partizipien des Perfekts: Präsens Singular esąs mestas, esanti mesta, Plural esą mesti, esančios mestos; Perfekt Singular buvęs mestas, buvusi mesta, Plural buvę mesti, buvusios mestos; Vorvergangenheit Singular bū davęs mestas, būdavusi mesta, Plural būdavę mesti, būdavusios mestos; Futur Singular būs iąs mestas, būsianti mesta, Plural būsią mesti, bū siančios mestos.
Das Paradigma der Formen der NN ist symmetrisch zum Paradigma des Indikativs. Sowohl die einfachen als auch die zusammengesetzten Tempusformen der NN stehen den entsprechenden Indikativformen gegenüber, vgl.: yra, buvo, būdavo, bus metęs: esąs, buvęs, būdavęs, būsiąs metęs. Ebenso verhalten sich zum Indikativ die Passivformen der NN yra, buvo, būdavo, bus metamas: esąs, buvęs, būdavęs, būsiąs metamas; yra, buvo, būdavo, bus mestas: esąs, buvęs, būdavęs, būsiąs mestas.
1.1.2. Von den anderen Modi des litauischen Verbs unterscheidet sich die NN dadurch, dass ihre Formen nicht nach Personen flektiert werden. In dieser Hinsicht kann sie nur bedingt als Teil des Systems der finiten Verbformen gelten. Auch ihre Stellung unter den anderen Modi ist eigenständig. In der Literatursprache werden NN-Formen verwendet, die aufgrund ihrer Bedeutung eines indirekt erfahrenen Vorgangs auch mit dem sogenannten Optativ (oder der 3. Person des Imperativs) korreliert werden, z. B.: tenėša: tenėšas, -anti; tenėšą, -ančios; tegu(l) neša: tegu(l) nešąs, -anti, tegu(l) nešą, -ančios. In diesem Fall erklärt sich die Überschneidung von indirekter und optativischer (imperativischer) Modus durch den Umstand, dass die Formen des sogenannten Optativs tenėša, tegu(l) neša ebenso wie tenėš, tegu(l) neš tatsächlich Indikativendungen haben und als Indikativformen mit den Partikeln te-, tegul aufgefasst werden können (vgl.: benėša, benėš4). In den ostlitauischen Dialekten (um Subačius und Karšakiškis) hat die NN auch optativische Formen, die mit dem Konjunktiv korreliert werden, vgl.: eitų: eitąs, -anti; būčiau ėjęs: būčias ėj ęs5. Dies liegt daran, dass die NN die Modalität des Vorgangs unter einem etwas anderen Aspekt ausdrückt als der Konjunktiv, nämlich entsprechend der Art der dem Sprecher verfügbaren Information und seiner Einschätzung der Wirklichkeit des Vorgangs. Die genannten Dialektformen sind jedoch nur eng begrenzt verbreitet und stellen kein formales Hindernis dar
4 Dies gilt auch für die entsprechenden lettischen Formen, z. B. lai ved; lai vedot, vgl. I. Marvan, SlPr IV 255; zu weiteren formalen und semantischen Motiven siehe P. Пазухин, Так называемое „повелительное наклонение“, „Studia Rossica Posnaniensia“, VI, Poznań, 1975, S. 94.
5 Z. B.: kad norėtu.s, tai jimtu.s ir padari.tu.s Sb; jėgu būt.čiu.s žinoj.si.s, nebūt.čiu.s nė iš vieta.s ju.dimi.si.s Krs, siehe A. Kučinskaitė, K. Morkūnas, MAD 1 (16) 215 ff.; A. Vidugiris, LKK VII 190–1.
6 Die Wiedergabe eines Vorgangs aufgrund von Zeugnis, d. h. aufgrund einer Mitteilung über diesen Vorgang, betrachtet R. Jakobson als eigenständige Evidentialitätskategorie, siehe Р. О. Якобсон, Шифтеры, глагольные категории и русский глагол, — Принципы типологического анализа языков различного строя, Москва, 1972, S. 101. Auf dieser Grundlage werden Paradigmen von Formen, die ihrer Bedeutung nach der litauischen und lettischen NN nahestehen, in vielen Sprachen unterschiedlicher Sprachfamilien unterschieden, z. B. im Bulgarischen, Mazedonischen, Albanischen (siehe 3.6.1–2), Estnischen, Livischen (siehe 3.5), Türkischen, Turkmenischen (siehe 3.6.3), Arabischen (Б. М. Гранде, Введение в сравнительное изучение семитских языков, Москва, 1972, S. 397), Georgischen, Swanischen (J. Lohmann, KZ LXIII 45 ff.; У. Д. Салтиховшвили, Sintagmatika 146 ff.), den Sprachen der amerikanischen Ureinwohner (Р. О. Якобсон, ebenda mit Literaturangaben), dem Nganasanischen (Н. М. Терещенко, ЯН СССР III 431) u. a.
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die Nominative der Partizipien, die eine wiedergegebene Handlung bezeichnen, als einen der Modi des litauischen Verbs anzusehen.
1.1.3. Die wichtigsten strukturellen Merkmale der NN-Formen, durch die sie sich von anderen Partizipialnominativen unterscheiden, sind die Stellung des finiten Verbs im Satz und das Fehlen einer finiten Form des Hilfsverbs.
Die Stellung des Verbs unterscheidet die NN-bildenden Partizipien von den entsprechenden attributiven und halbprädikativen Partizipien (vgl. skaudanti ranka pasveiko und jam ranka skaudanti). Außerdem hat der Nominativ Singular und Plural der Partizipien Aktiv Präsens Maskulinum bei der Bildung der NN gewöhnlich eine Kurzform (historisch: eine Form mit konsonantischem Stamm), z. B.: gyvenas, gyveną, während für attributive Partizipien die längeren, jüngeren Formen charakteristischer sind (gyvenantis, gyvenantys).7
Durch das Fehlen einer Form des Hilfsverbs im Indikativ unterscheiden sich NN von prädikativen Partizipien, die zum System der zusammengesetzten (periphrastischen) Zeiten gehören; vgl. vakar jis rašęs laišką und jis yra (buvo, bus) rašęs laišką. Die Partizipien Aktiv Präteritum frequentativ und Futur werden nicht mit einem Hilfsverb verwendet; insofern sind sie somit die deutlichsten Vertreter der NN. Die Partizipien Aktiv Präsens werden in der heutigen Literatursprache ebenfalls fast nie mit der Präsensform des Hilfsverbs būti gebraucht, und mit den Formen des Präteritums, des Präteritums frequentativ und des Futurs werden sie nur dann verbunden, wenn sie das Affix be- haben und die sogenannten Inchoativzeiten bilden. In der Position des verbum finitum ohne Kopula stehend, werden Partizipien Aktiv Präsens daher stets als NN-Formen verstanden. Partizipien Aktiv Präteritum gehören zum Teilsystem der zusammengesetzten Perfektzeiten und können, wenn sie ohne eine finite Form von būti gebraucht werden, als Präsensperfekt mit Nullkopula gelten, z. B. jis pavargęs. Solche Partizipialnominative des Präteritums (besonders präfigierte Formen mit perfektiver Aktionsart) sind homonym: Ob sie die Bedeutung des Präsensperfekts im Indikativ oder die des Präteritums der NN haben, hängt vom Kontext ab. Das gilt auch für die zusammengesetzten passiven Präteritumsformen buvęs metamas und buvęs mestas, bei denen ebenfalls eine Nullkopula möglich ist. Nur in den genannten drei Fällen ist die Opposition zwischen Indikativ und indirekter Rede formal nicht ausgedrückt (neutralisiert).
In Fällen der Neutralisierung kann die Bedeutung der NN dadurch hervorgehoben werden, dass dem Partizip des Präteritums noch ein Partizip des Hilfsverbs būti hinzugefügt wird, d. h. statt der einfachen Form jis pavargęs wird die zusammengesetzte Form jis esąs (buvęs) pavargęs verwendet. Anstelle einfacher Formen gebraucht, betonen die zusammengesetzten Perfektformen der NN die modale Nuance der Handlung8. Eine ähnliche Funktion hat die aus den NN hervorgegangene und zum Einschubwort gewordene neutrale Partizipialform esą (seltener būsia LKŽ I 1209 oder sogar būsin ib.), die die Unsicherheit des Sprechers oder seinen Zweifel an der Wirklichkeit der Handlung bezeichnet9.
7 Nur in einigen Dialekten (vor allem im Gebiet entlang der Memel) werden die Langformen des Nominativs Singular der Partizipien Aktiv Präsens neben den Kurzformen verwendet, z. B.: sakė, jis žinantis / žinąs visą miestą Ig, Grl, Kdn, oder sie überwiegen sogar (Zp, Plūt, Jsv, Krkn, Ss). Für die Literatursprache ist ein solcher Gebrauch untypisch. Abgesehen von J. Balčikonis’ Schriften aus der letzten Periode, in denen man die Kurzformen generell zu vermeiden sucht, bilden in der Literatursprache fast immer die Kurzformen des Nominativs der Partizipien Aktiv Präsens die NN. Die Tendenz, attributive und prädikative Partizipien formal zu unterscheiden, ist auch in anderen, besonders slawischen Sprachen zu beobachten (dazu siehe 2.2.5.2). Lateinische Partizipien mit einer verbnahen Bedeutung bewahren gewöhnlich ebenfalls den konsonantischen Stamm, während sie, wenn sie adjektiviert werden, zum i-Stamm überzugehen neigen; vgl. J. Safarewicz, The development of participles in Latin, – Linguistic studies, Hague – Paris, 1974, S. 245.
8 Vgl. die entsprechende (nur noch deutlicher ausgeprägte) Funktion der zusammengesetzten (bzw. emphatischen) Formen der indirekten Rede im Lettischen (siehe 1.3.1) und Bulgarischen (siehe 3.6.1).
9 Vgl. Modalpartikeln mit derselben Funktion oder Wörter, die in anderen Sprachen zu solchen werden: russ. мол (von молвити B. Fraenkel, Baltosl. 40), skr. iti usw.
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1.2.1. Die Semantik der NN-Formen besteht aus spezifischen modalen Bedeutungen. Die Formen dieses Modus bezeichnen:
1) eine nacherzählte oder auf andere Weise indirekt erfahrene Handlung oder die Rede und Gedanken einer anderen Person, z. B.: ich habe gehört, dass er gut getrunken habe10; andere sagen, dass auch er etwas abbekommen habe Tt; hier, sagt man, habe es Wälder gegeben Krš; Unsere alte Frau erzählte, wenn sie von den Frondiensten sprach, wie man gegangen sei, wie man gearbeitet habe Mšk; er fragt nur, ob ich fünfzig Litas für die Medizin haben werde Šll; das werde er machen, das werde er machen, wie es sich gehört, nichts Plvn; er habe sich geirrt, dass es keine Stürme geben werde BalčHP 25; der Hirte wusste, dass der Alte noch Geld besaß Ms;
2) eine bezweifelte, nicht sicher bekannte oder als unwirklich angesehene Handlung, z. B.: wir glaubten, die Bienchen kämen angeflogen JV 912; vielleicht habe er sich von seiner Frau getrennt SmIn; das vergrabene Geld brenne Vrn; dass sie doch angeblich zum Wettrennen gegangen seien Mžš; die Eltern hatten sich schon Sorgen gemacht, ob Petras, wenn er sich unter den Leuten zeigte, nicht irgendein Unglück heraufbeschwören werde Myk-PutS 514; es scheint, als sei die Welt aus den Gräbern gekommen VrnV;
3) eine plötzlich, unerwartet erfahrene und Verwunderung auslösende Handlung11, z. B.: ich gehe hinaus aufs Feld, und siehe da: Der Kleeklee ist warm und nass Krp (LKŽ VII 589); immer wenn es Tanzabende gab, schau nur — schon kam er an Jnš (LKT 214); ich gehe nachsehen, was mit dem Hund los ist, ich schaue — da hat er einen Igel gefunden Sk (LKT 153); ich stehe auf, leuchte hin — die Katze ist in die Kornkammer geschlichen und dort gefangen worden Rt (LKT 89);
4) eine aus den Ergebnissen erschlossene Handlung, z. B.: Ach, schau an, nun verstehst du offenbar schon Litauisch … SimonR IV 74; diese Katzen haben offenbar nicht einmal ihre eigene Schüssel sauber geleckt Vvr; der Vater besah die Pferde und sah, dass die Pferde mit dem grauen Pferd Grg; offenbar waren diese Kinder, die kleinen Kröten, in den Bohnen gewesen: Die tiefsten Spuren waren zurückgeblieben Tt (LKT 108); der Stier hatte offenbar die Pflöcke ausgerissen, die Kartoffeln umgeworfen und alles verwühlt Krtn (LKT 76).
Die Semantik der NN ist also nicht einheitlich: Sie umfasst Bedeutungen, die in anderen Sprachen durch eigene Modi ausgedrückt werden können, z. B. die Wiedergabe einer Erzählung durch den Narrativ, die Abweichung von der Wirklichkeit durch den Irrealis, Zweifel durch den Dubitativ, Plötzlichkeit und Verwunderung durch den Admirativ usw.12 In der litauischen Sprache werden all diese Bedeutungen durch dieselbe NN-Paradigmatik verbunden. Sie sind jedoch unterschiedlich verbreitet und nicht allen Partizipialformen gleichermaßen eigen. Am weitesten verbreitet ist die Bedeutung einer nacherzählten, indirekt erfahrenen Handlung, mit der auch eine Nuance des Zweifels eng verbunden ist (nacherzählte Sachverhalte können dem Sprecher schon an sich zweifelhaft erscheinen). Diese Bedeutungen kommen bei Partizipien aller Tempora vor. Die Bedeutung einer plötzlich erfahrenen Handlung ist nur den Partizipien des Präsens Aktiv (besonders mit dem Präfix be-) und den Partizipien des Präteritums Aktiv (seltener) eher eigen. Diese Formen können auch die Bedeutung einer aus den Ergebnissen erschlossenen Handlung haben, die am seltensten vorkommt. Auch die beiden letztgenannten Bedeutungen stehen einander nahe. Somit besteht die Semantik der NN aus zwei miteinander verbundenen Bedeutungsgruppen, die denselben morphologischen Ausdruck haben und im Folgenden gemeinsam als Bedeutung der indirekt erfahrenen Handlung bezeichnet werden.
Es sei darauf hingewiesen, dass eine indirekt erfahrene Handlung auch durch Formen des Indikativs ausgedrückt werden kann, insbesondere dann, wenn die Nacherzählung oder der Zweifel im Satz durch lexikalische Mittel markiert wird. Die Konstruktionen er sagte, er werde kommen und er sagte, er werde wohl kommen sind in der heutigen Literatursprache gleichwertige Varianten. Das liegt daran, dass die NN mit dem Indikativ eine privative Opposition bildet. Das markierte Glied dieser Opposition ist die NN, und das unterscheidende semantische Merkmal ist die Bedeutung der indirekt erfahrenen Handlung.
10 Die Beispiele für Prädikate werden im Artikel phonetisch in die Literatursprache übertragen, wobei morphologische und syntaktische Besonderheiten erhalten bleiben; sie sind mit Abkürzungen aus dem LKŽ gekennzeichnet. Auch Beispiele aus im 19.–20. Jahrhundert veröffentlichten Dialekttexten werden in heutiger Rechtschreibung wiedergegeben.
11 Vgl. „Wir bedienen uns der Partizipien häufig auch für unerwartete, bisweilen gleichsam verspätete Beobachtungen, Erfahrungen und überhaupt für Bemerkungen“ J. Jablonskis, RR I 527.
12 Vgl. B. Panzer, OSS III 63 ff., 70.
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1.2.2. Die Formen der indirekten Rede werden verwendet: 1) in den Nebensätzen angeschlossener erläuternder Satzgefüge, wenn in den Hauptsätzen kommentierbare (d. h. Verben mit Phrasenrektion)13 Verben stehen, die meist Empfindungen, Wahrnehmungen, Denken und Informationsvermittlung bezeichnen, z. B.: kalbėjo, kad rugių nesą viškai Slm; girdėjau, ka ans beesąs namie Skd; 2) in den zweiten Teilsätzen unverbundener Sätze, gewöhnlich nach Verben gleicher Bedeutung, z. B.: Ona sapnavus, visur einas, visur šnekas Jrb; sakė, grausmas sudegines trobą Ktk; 3) in selbständigen Sätzen, z. B.: aitvarai pas vieną nešdavę, katras juos turėdavęs BsMt I 129; puodžius verkdamas arklio kad pilsias su pagaliu per puodus, net visi šukelėmis pabirę BM 52.
In den ersten (präpositionalen) Teilsätzen unverbundener Sätze kommen Partizipien der indirekten Rede relativ selten vor, z. B.: tai jis vilką mušovęs, kalba KzR; visokių dainių dainiavusi, sako Vvr. In angeschlossenen Satzgefügen und ihnen synonymen unverbundenen Sätzen wird der modale Bedeutungscharakter des Partizips durch das Verb des anderen Teilsatzes verdeutlicht14; in selbständigen Sätzen ergibt er sich aus dem Kontext und der Situation.
1.3.1. In der lettischen Literatursprache wird die indirekte Rede (atstāstamā izteiksme) gewöhnlich von erstarrten aktiven Partizipien des Präsens und Futurs mit dem Suffix -ot <*ant (celot, celšot usw.) gebildet. Als Hilfsverben der zusammengesetzten Tempora dienen Partizipformen, die weder nach Kasus noch nach Genus flektiert werden: esot, tiekot (tapot); būsot, tikšot (tapšot). Erstarrte aktive Partizipien des Futurs haben nur noch die Bedeutung der indirekten Rede und werden daher aus heutiger Sicht überhaupt nicht mehr zu den Partizipien gerechnet15. Aktive Partizipien des Präteritums gelten gegenwärtig nur dann als paradigmatische Formen der indirekten Rede, wenn sie mit einer partizipialen Kopula auftreten, z. B. esot runājis, d. h. zur Bezeichnung vergangener Handlungen werden nur die sogenannten zusammengesetzten Präsensformen verwendet. Somit ist die modale Funktion der partizipialen Kopula im Lettischen noch ausgeprägter als im Litauischen. Auf diese Weise wird in den Paradigmen der Literatursprache eine Homonymie der indirekten Rede mit dem zusammengesetzten Präsens des Indikativs vermieden. In Wirklichkeit werden aktive Partizipien des Präteritums in den lettischen Dialekten und zum Teil auch in der Sprache der schönen Literatur jedoch weiterhin mit der Bedeutung der indirekten Rede auch ohne die Kopula esot verwendet, z. B. kādam tēvam bijuši trīs dēli16, d. h. ganz wie im Litauischen. In den hochlettischen (aukšzemnieku) und einigen anderen Dialekten kann das aktive Partizip der indirekten Rede noch nach Genus und Numerus mit dem Nominativ eines Substantivs oder Pronomens kongruieren, z. B.: viņi uskrituoši, viņa navaruete ozimgt17. Kongruierende Formen der indirekten Rede sind auch in den älteren lettischen Schriften belegt, vgl. in Adolfs Grammatik Nom. Sg. Mask. sarguots, Fem. sarguoti; Nom. Pl. Mask. sarguoši, Fem. sarguošas usw.18 Die indirekte Rede wurde auch mit der Neutrumform der Präsenspartizipien gebildet esu ~ lit. esą, die in den Dialekten noch bekannt ist, z. B. es esu bijis (R. Grisle ib. 252). Somit besteht die lettische indirekte Rede historisch aus denselben Partizipformen wie im Litauischen, nur sind diese gegenwärtig stärker verändert. Außerdem wurden im Lettischen nach dem Paradigma des Indikativs19 Formen der indirekten Rede gebildet
13 Zu den Termini siehe Verf., LKK XV 210 mit Lit.
14 Gelegentlich schiebt es sich in einen Satz oder Satzteil mit einem Partizip der indirekten Rede ein und wird zum Einschubwort, z. B.: ligoninė, sako, buvusi Sd.
15 J. Endzelīns, LaGr. 1009; A. Bergmane, MLLVG I 624, 661 tt.; J. Kabelka, La, 155, 166.
16 J. Endzelīns, ib. 977; žr. dar A. Bergmane, ib. 625.
17 J. Endzelīns, ib. 977; M. Rudzīte, Dial. 374.
18 P. Šmits, RKr XIV 29, 38; J. Endzelīns, ib. 977–8; R. Grisle, LVLIR VII 251–2.
19 J. Endzelīns, DII 144. Da das lettische Debitiv sich auch mit dem Konjunktiv überschneidet (vgl. būtu jāmet, būtu bijis jāmet), schlägt I. Marvan SIPr IV 255 vor, es von den übrigen Modi abzugrenzen und als eigenständige verbale Kategorie zu betrachten.
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Formen des Notwendigkeitsmodus (Debitiv), z. B.: esot jāmet, būšot jāmet; esot bijis jāmet, būšot bijis jāmet. Aufgrund dieser späteren Veränderungen wurde der lettische NN morphologisch eindeutiger20.
Semantisch entspricht der lettische NN der Hauptgruppe, d. h. der Gruppe 1–2, der Bedeutungen des litauischen NN. Mit ihm wird gewöhnlich eine nacherzählte, nicht sicher bekannte oder bezweifelte Handlung bezeichnet.
1.3.2. In den Denkmälern des Altpreußischen sind Partizipien mit eindeutigem Indikativ der indirekten Rede nicht belegt. Altpreußische Partizipien können jedoch die Position eines verbum finitum einnehmen und ihrer syntaktischen Funktion nach NN-Formen entsprechen. Als syntaktische Voraussetzungen des NN sind die Partizipien des Notwendigkeitsmodus, 1. Aktiv, anzusehen, die nach dem Relativpronomen kawids in Nebensätzen von Relativsätzen verwendet werden, z. B.: tans… prei isspreštun dāst | en kawidsei debīkun nautīn bhe wargan stai gurijnai malnijkiku embaddusisi 71₂₋₅ — Er… zuerstehen gibt | in was grosser Not vnd Gefahr die armen Kindlein stecken; kai ious… sen seilin pomīrit quoietē en kawidsu debīkan powargsennien | bhe nautien | schis malnijkiks… embaddusisi 71₂₉₋₃₂ — das ihr… mit fleiß bedenken wolt | in was grossem Jammer vnd Noth diß Kindlein… stecket21. Die autochthone Herkunft solcher Verwendungen wird dadurch bestätigt, dass das Partizip eine finite Verbform des Originals wiedergibt (vgl. die entsprechenden litauischen Partizipialkonstruktionen mit Konnektoren 1.9.3).
1.4. Sowohl der litauische als auch der lettische Indikativ der indirekten Rede ist als bestimmte Verbalkategorie relativ jung und aus Formen nominalen Ursprungs entstanden. Zwar sind die ihn bildenden Partizipien (einst Verbaladjektive) mit den Suffixen nt und us aus der indogermanischen Grundsprache ererbt, doch ist eine solche Verwendung in den meisten verwandten Sprachen nicht belegt. Sie findet sich auch nicht in den ältesten Denkmälern der indogermanischen Sprachen (z. B. in hethitischen Texten, den Veden und Homers Epos). Dies lässt vermuten, dass der NN in der eigenständigen Entwicklungsperiode der baltischen Sprachen entstanden ist, und legt nahe, seine Grundlage im Gebrauch der Partizipien dieser Sprachen zu suchen.
Zur Herkunft des NN in den baltischen Sprachen sind verschiedene Ansichten geäußert worden.
1.4.1. B. Delbrück betrachtete VS II 491 die Konstruktion aus Akkusativ und Partizip (accusativus cum participio) als Grundlage des Indikativs der indirekten Rede und vermutete, dass sich aus Äußerungen wie sakė tėvą ateisiantį (ateisiant), neben denen sinngleiche Äußerungen mit dem Indikativ verwendet wurden, sakė, (kad) tėvas ateis, die Konstruktion sakė tėvs ateisiąs entwickeln konnte und später auch sakė, kad tėvs ateisiąs. Dieser Auffassung stimmte J. Endzelin LaGr. 976–977, 979 zu; er fügte hinzu, dass die Kontamination der Akkusativ-mit-Partizip-Konstruktion mit sinngleichen Äußerungen mit Indikativverben auch die Konstruktion aus Nominativ und Partizip (nominativus cum participio, im Folgenden — VD) begünstigt haben könnte, z. B. jis sakos daug žinąs. E. Hofmann zufolge entwickelte sich der baltische NN aus der indirekten Rede, die mit Konstruktionen vom Typ accusativus cum gerundio ausgedrückt wird22. Aus der Akkusativkonstruktion als ursprünglicher Quelle („letzten Endes“) leitet auch G. Bense den lettischen NN ab, LKK VI 192.
1.4.2. A. Potebnia (Зап. I–II 230–1) brachte den Indikativ der indirekten Rede mit dem VD (nominativus cum participio) und ihm verwandten Konstruktionen in Verbindung. Er vertrat die Auffassung, dass der indirekte
20 Vgl. I. Marvan ib. 253.
21 Siehe J. Zubaty, IF VI 302; E. Fraenkel, Baltosl. 46, anders J. Endzelin AprGr
22 E. Hofmann, Zum Gebrauch der Partizipien in den Skireins, Indogermanica, Festschrift für W. Krause, Heidelberg, 1960, p. 29.
12
Der sprachliche oder zweifelnde Beiklang könnte ursprünglich aus der lexikalischen Bedeutung des in diesen Konstruktionen verwendeten Verbs (z. B.: dûmoti, dėtis) entstanden sein, die später durch Konjunktionen wie buk, nei usw. verstärkt worden sei, z. B.: bijojos, dûmodami, buk dwase kokę regį; dėtis turėjo, ney esą teisus (die Konstruktion selbst sei hinsichtlich des Modus ursprünglich indifferent gewesen). Solche Konstruktionen entsprechen durchaus den slawischen: mъnjaacho (aky) ducho videste. Die baltischen Sprachen gingen jedoch weiter: Sie begannen, Partizipien auch dann zu verwenden, wenn das Subjekt ihrer Handlung nicht mit dem Subjekt der Verbalhandlung übereinstimmte (z. B.: aš nežinau, ar jis ateisęs 225, vyns lika atsacit, ka tēvs majās ne esot 227). A. Potebnia, der die im Litauischen und Lettischen verbreiteten Konstruktionen mit unterschiedlichem Subjekt der Partizipialhandlung für jüngere hielt23, führte zugleich Umstände an, die dieser Auffassung widersprachen: heterosubjektische Konstruktionen stehen den nominalen näher und sind weniger einheitlich, während die Sprachentwicklung gerade in Richtung einer Vereinheitlichung des Satzes verläuft.
1.4.3. E. Tanglis leitet Acc. 50–51 den Modus relativus unmittelbar aus VD-Konstruktionen (nom. c. participio) mit nichtreflexiven Verben ab, die seiner Ansicht nach später entstanden seien und sich im 16.–17. Jahrhundert noch nicht hätten verbreiten können. E. Tanglis betrachtete den Modus relativus als neue Erscheinung, die sich offenbar erst in der Zeit der schriftlichen Überlieferung durchgesetzt habe. Ähnlich erklärte I. Marvan24 die inneren Ursachen für das Entstehen von NN und fügte hinzu, dass VD mit nichtreflexiven Verben Varianten von Nebensätzen gewesen seien und nach ihrem Vorbild Konjunktionen sowie ein eigenes Handlungssubjekt erhalten haben könnten. Da VD von diesen Autoren aus einer Akkusativkonstruktion abgeleitet wird, wird ungefähr folgende Entwicklungskette für NN postuliert: sako save atėjusi→sakosi atėjęs → sako (kad) atėjęs → sako (kad) tėvas atėjęs → tėvas atėjęs.
1.4.4. J. Kazlauskas erklärte die Entstehung von NN ganz anders (LKK IV 86–87, Ist. gr. 402–403). Seiner Meinung nach könnte es sich um einen Überrest des periphrastischen Optativs (*bi negelbas, *bi nekelės) handeln, dessen Existenz im Litauischen Ch. S. Stang anhand von Bedingungskonstruktionen mit Partizipien nachgewiesen hat (NTS XVIII 348–356, VGr. 429), z. B.: jeib negelbas, jeib nekelės usw. In anderen idg. Sprachen wird die indirekte Rede häufig durch den Optativ ausgedrückt; daher könnte dies auch im Litauischen der Fall gewesen sein. Nachdem die Last der optativischen Bedeutung vom Hilfsverb bi, das zu einer Partikel geworden war, auf das Partizip übertragen worden sei, könnte diese Partikel verschwunden sein.
Die Herkunft von NN wird also recht widersprüchlich erklärt. Um sie etwas klarer zu erfassen, empfiehlt es sich, den Gebrauch von NN am Anfang der schriftlichen Überlieferung, ihre Verbreitung und ihr Verhältnis zu anderen Konstruktionen ähnlicher Bedeutung zu untersuchen.
1.5. Was wissen wir über den Gebrauch von NN am Anfang der litauischen Schriftüberlieferung? E. Tanglis fand in den alten Schriften keine Beispiele für NN (Acc. 50–51). Für die Sprache der von ihm untersuchten Schriften von J. Bretkūnas, M. Daukša und anderen sind eigenständige NN-Konstruktionen, die sich ihrer Form nach von VD unterscheiden, tatsächlich untypisch. Einzelne Fälle, in denen die Partizipien dem Modus relativus nahekommen (z. B.: DP 51236, BrB I Moz 48, 18; Joz 10,1), lassen sich auch als Formen zusammengesetzter Tempora mit Nullkopula interpretieren25. Die Untersuchung weiterer Quellen des 16.–17. Jahrhunderts lässt jedoch keinen Zweifel daran, dass NN zu Beginn der schriftlichen Überlieferung vollständig ausgebildet war. In dieser Hinsicht sind die Schriften von S. Vaišnoras besonders bedeutsam. In seinen Übersetzungen „Žemčiūgos“ und „Apie popiežiškąją mišį“ finden wir 35 völlig selbstständige (mit einem eigenen
23 In jüngerer Zeit äußerte sich V. Sirtautas ähnlich, Kalbotyra XXV (I) 95.
24 H. Марban, Kalbotyra IV 36–37; Baltistica V(1) 18.
25 Z. B.: Ka wel paskui to daug kitų szwentių / miniku / ir mergu padariusias DP 51236 (Co tež potym wiele inszych świętych… vczynilo W 876).
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Beispiele für NN mit einem Handlungsurheber). Da sie bislang nirgendwo behandelt wurden, beschreiben wir sie etwas ausführlicher.26
1.5.1. Mit Ausnahme eines Falls mit optativer Bedeutung (siehe 3.3.2) stehen alle NN-Formen in den Übersetzungen von S. Vaišnoras mit dem Modalpartikel būk, das den Anflug von Unsicherheit und Zweifel unterstreicht27. Mit diesem Partikel ist NN auch heute noch in Samogitien weit verbreitet (z. B. in der Gegend von Telšiai, Šalantai, Len kimai, Paplė, Tytuvėnai, Užventis, Kalnėnai, Šiauliai, Raseiniai und Laukuva), ebenso im Nordosten Litauens (um Joniškis, Pasvalys, Linkuva, Daugailiai, Dusetos und Miežiškiai), bisweilen sogar in den südlichen Mundarten, in denen NN-Partizipien insgesamt sehr selten sind. S. Vaišnoras verwendet diese Partizipien gewöhnlich in Nebensätzen mit den Konjunktionen jog, kaip und den Relativpronomen kuris, kursai. Wenn NN in einem Teilsatz eines Satzgefüges ohne Konjunktion steht, übernimmt derselbe Partikel deren Funktion: būk. Nebensätze mit NN-Formen liegen häufig sehr weit von den Hauptsätzen entfernt, sind durch ganze Komplexe weiterer Teilsätze getrennt und dadurch recht selbständig.
Bei der Wiedergabe indirekter Rede stehen im Hauptsatz oder im vorausgehenden Kontext Verben wie sakyti, perkalbėti, taryti; paspirinti „tvirtinti“, rašyti, zum Beispiel: Teipajeg saka ghie… jog spawiednie būk priwalingas essąs ischskaitimas wissų griekų 14822; skaisczęi nor perkalbeti | kaip būk macis tokia io walgimo | ir kitiems tos regetoiems ant gera atenti PM 3223; netikumus staczei uschstoie taridami… jog ipaczia wiera ing Christu | būk nesanti dalis Pakutos 14815; raschiti | ir neprotingai pastiprinti dressa… Buk Chrikschtas… ne essas apmasgoimu 132a21.
Bei der Wiedergabe von Gedanken und Überzeugungen, die der Autor für unwirklich und unrichtig hält, stehen NN-Partizipien nach den Verben dūmoti, laikytis, mokinti, pramanyti, pramanymūs ginti: (die Stoiker) dumoie | būk Diewas ir ischkadingu paiudin ojimu (177) žmones biauribump werčęs 177–177a. Popiežischkei… klajojme laikosi | jog būk dūna ingi kuna Christaus butischkai persimainanti PM 30a14; mokin teipajeg. Iog atgimimas ir ischganimas mussu būk ne nūg Chriks ch ta kabąs 133a12. Nessa žmogischkasis protas pramana | Diewa santi sudcze swietischku | kursai sawo dingscze būk danguie ischkadingus pastatimus raschęs 16421; pramanimus ginna: Pirmiausei iog Diewas… nekur ius žmones … ant amžinoses prapulties būk paskires 178a23.
1.5.2. Die indirekte Rede wird in den Schriften von S. Vaišnoras meist durch Präsens-Aktivpartizipien (25 Beispiele), seltener durch Präteritum-Aktivpartizipien (5 Beispiele) gebildet. Das Partizip des Verbs būti (12 Beispiele) steht als Kopula und wird mit Substantiven verbunden (ne essas apmasgoimu 132a24, uschmokejmu… essas 264a6, kitu nosrais essa 3223), Adjektiven (priwalingas essąs 14823, nei naudingas nei ischkadingas… essas 132a7) sowie ihren
26 In zwei Beispielen ist aufgrund der Schreibweise nicht eindeutig, ob Partizipien oder finite Formen des Indikativs vorliegen: ischrinktieghi būk palaika (-ą oder -o?) malone 17913, Apaschtolai būk… laike (-ę oder -ė?) PM 376. Die übrigen Fälle lassen keinen Zweifel aufkommen. Sechs Konstruktionen sind im Buch „Apie popiežiškąją mišią“ (PM) belegt, 29 in der „Žemčiūga“ selbst.
27 Mit derselben Bedeutung wird dieses Partikel mehrfach auch mit dem Indikativ verwendet (11a16, 13320, 1785–8, 178–178a, PM 2321, 27a11–13), an einer Stelle aber mit dem Genitiv eines Partizips: ghie ir regima affiera… (25) be iokia ischstowincza grunta | kaip buk priwalomo sancze | be reikos stata PM 25–25a; entsprechende Fälle in der heutigen Sprache siehe LKŽ I 1136; vgl. ferner E. Fraenkel KZ XIV (Erg. H.), 36, 98 ff. Der Partikel būk sen. wird in älteren Schriften auch als Bestandteil der Konjunktion būk… alba, būk… „sei es… oder“ verwendet, zum Beispiel: būk tatai Namai alba Miestas būtų BrB III Moz 25, 34 (vgl. ferner 17, 10; 22, 18; 22, 28; IV Moz 15, 2; V Moz 12, 3; 13, 6 u. a.).
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durch sächliche Formen (priwalu essa PM 33a₁₈) und eine Präpositionalkonstruktion (nūg czesa Apaschtolu santi PM 39₆). Mit Präsens-Passivpartizipien bildet der Partizipialstamm des Verbs būti zusammengesetzte NN-Formen des Passivs:
Adoma butibe… muodemaĩ buk santi attolinama 69a₁₇; tie | kad isch schos giwatas ischeiti… nūg biaurjubu grieku buk essa nuczistijemi 263a–264; pramana ipaczus pagawimus | kureis buk žmones ir be to vreda Baszniczes esq priwerczemi 113a₁₂; neatmestiemus | kurie… buk niekudais ne essa atgimdomi 133a₁₇.
Wie bei NN in den Übersetzungen von S. Vaišnoras werden auch Verbindungen des Konverbs esant mit der sächlichen Adjektivform priwalu und dem prädikativen Adverb gana sowie unpersönliche Konverben reikent, tereikiant verwendet, die die Bedeutung entsprechender sächlicher Partizipialformen haben (vgl. reikią, tereikią): norėtu tu perkальbeti | ghiems nebereikent walgjti | bet buk essant ganna PM 32a₆; Paskiausei mokin | iog buk apie nuleмima ir isch-rinkima Diewa reikent suditi | tiektaĩ isch tiuau nūdarbiu 179₁₉; Enthusiastai… saka… buk reikent laukti pagawimu gwoltinguiu 69a₂₃ (Antonyme) nūg Euangelias pradesti | ir tq be žokana tiektaĩ per Euangelia buk teireikent sakiti ir mokinti 75a₂₃.
Solche Aussagen nach expliziten oder impliziten Verben des Sagens (75a₂₃) mit erläuternder Bedeutung stehen dem Akkusativ mit Konverb sehr nahe; vgl. mokiną reikjant sūdyti, sako reikjant laukti. Gerade in unpersönliche Akkusativ-mit-Partizip-Konstruktionen drang das Konverb zuerst ein und verdrängte die sächliche Partizipialform; siehe Baltistica IV (2) 197 ff. Offenbar bestand die Tendenz, die Konverbform auch auf andere Fälle unpersönlichen Gebrauchs auszudehnen; darauf weisen auch Wendungen hin, die F. Kurschat anführt, etwa aš misliju, (kad) šiandien lysiant KGr. 424, 426 neben lysia K I 284.
1.5.3. Wie auch in der heutigen Sprache kann NN in den Schriften von S. Vaišnoras neben dem Indikativ mit genau derselben Bedeutung stehen, zum Beispiel: anis toktai… raschti | ir neprotingai pastiprinti dressa: 1. Pirmiausei | Buk Chrikschtas wlosnai kalbant | ne essas apmasgoimu atgimima … bet Figurischkai (132ᵃ)… buk tiektaĩ issimano widutini atgimima bei atnaughinima Dwasses schwentoses | kursai ir be Chrikschta | ischrinktkusamp buk galis nusidūti ant amžina ischganima 132a–133.
1.5.4. Aus den behandelten Beispielen geht hervor, dass die in den Schriften von S. Vaišnoras vorkommenden NN-Konstruktionen sowohl ihrer Struktur als auch ihrer Bedeutung nach im Wesentlichen der heutigen Sprache entsprechen. NN fungiert hier als ausgebildetes grammatisches Mittel zur Kennzeichnung einer wiedergegebenen, zweifelhaften oder irrealen Handlung. Der Umstand, dass NN in den Quellen des 16.–17. Jahrhunderts am deutlichsten in den Schriften von S. Vaišnoras belegt ist, lässt sich vor allem durch die Herkunft des Autors aus Samogitien erklären, wo die indirekte Rede auch gegenwärtig am weitesten verbreitet ist, sowie durch die polemische Zweckbestimmung der Bücher selbst. Bei der Darlegung ihm fremder Ansichten bemühte sich der Übersetzer, deren Irrealität mit allen sprachlichen Mitteln hervorzuheben und sich von ihnen zu distanzieren (darauf weist auch die bereits erwähnte Verwendung des Partikels būk mit Formen der indirekten und bisweilen auch der direkten Rede hin). Andererseits lässt sich die Vermeidung von NN in den meisten anderen Schriften jener Zeit teilweise ebenfalls durch deren Art und Inhalt erklären: Die darin dargestellten religiösen Wahrheiten und beschriebenen Ereignisse galten ihren Verfassern als unbestreitbar wahr und gewiss.
Da NN im Lettischen ebenfalls seit den Schriften des 17. Jahrhunderts verwendet wird, besteht kein Zweifel daran, dass sie sich in den ostbaltischen Dialekten bereits in vorgeschichtlicher Zeit herausgebildet hat.
1.6.1. Die Kartothek des Litauischen Sprachatlasses hilft dabei, die Verbreitung von NN im Gebiet der heutigen litauischen Sprache und ihr Verhältnis zu anderen Konstruktionen ähnlicher Bedeutung zu bestimmen, insbesondere die Antworten auf die Fragen 120, 145ᵇ, 151, 175 und 176 des Fragebogens zur Erhebung des Materials für diesen Atlas
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Fragen28. Werden diese Antworten mit den Daten aus verschiedenen Dialekttexten29 kombiniert, lassen sich die Verbreitungsgrenzen der NN und einiger ihr nahestehender partizipialer Konstruktionen zumindest annähernd bestimmen. Das Verbreitungsgebiet der NN ist in Abb. 1 eingezeichnet.
Die Verbreitungsgrenzen syntaktischer Erscheinungen schwanken erheblich stärker als die der Phonetik oder Morphologie; daher sind sie wesentlich schwieriger zu bestimmen. Einzelne syntaktische Konstruktionen gelangen aufgrund ihrer mehr oder weniger motivierten Beschaffenheit durch folkloristische Texte, Phraseologismen und auf anderen Wegen häufig weit über ihr Hauptverwendungsgebiet hinaus. Deshalb sind auch die in den Karten eingezeichneten Isoglossen einzelner partizipialer Konstruktionen nicht absolut, sondern relativ: Sie zeigen Gebiete, in denen die Wahrscheinlichkeit, eine bestimmte Konstruktion zu wählen, am größten ist und ihre Verwendungstendenzen am deutlichsten hervortreten, obwohl entsprechende Äußerungen auch andernorts vorkommen können.
Auch die Beschaffenheit des verwendeten dialektologischen Materials lässt keine strikte Abgrenzung der Verwendungsgebiete partizipialer Konstruktionen zu. Im Erhebungsprogramm für das Atlasmaterial sind nicht alle genannten Fragen hinreichend präzise formuliert (z. B. wird in Frage 176 eine Alternative gestellt: ob der Akkusativ mit einem Gerundium oder indirekte Rede verwendet wird, obwohl tatsächlich vielerorts beides möglich ist). Außerdem wurden in einigen Antworten, die von weniger erfahrenen Mitarbeitern aufgezeichnet wurden, lediglich die Sätze des Programms wiederholt, sodass ihre Aussagekraft zweifelhaft ist. Solchen Antworten wurde möglichst wenig Gewicht beigemessen; maßgeblich waren vor allem authentische, am jeweiligen Erhebungsort aufgezeichnete Sätze. Wo es möglich war, wurden die Antworten auf mehrere sich überschneidende Programmfragen miteinander verglichen (z. B. 151 und 176; 120 und 145b), und die Grenzen wurden anhand der Ergebnisse dieses Vergleichs festgelegt (widersprüchliche, nicht übereinstimmende und verdächtige Antworten wurden ausgeschlossen). Übereinstimmungen mit von anderen Sammlern veröffentlichten oder handschriftlich aufgezeichneten Texten desselben Dialekts galten als Argument für die Zuverlässigkeit einer Antwort.
1.6.2. Die NN ist im Žemaitischen am weitesten verbreitet. Im Osten fällt die Isoglosse ihres intensiven Gebrauchs ungefähr mit der heutigen Grenze des Žemaitischen zusammen; im Süden umfasst sie auch einen Teil des westlichen Aukštaitischen (darunter alle Aukštaiten des Memellandes, zu denen, wie ältere Aufzeichnungen zeigen, in dieser Hinsicht auch mindestens ein Teil der ehemaligen ostpreußischen Aukštaiten zu zählen wäre). In diesem Gebiet werden die Formen der Partizipien Aktiv Präsens, Präteritum und Futur intensiv verwendet; sie können entweder ganz selbstständig stehen (z. B. bei der Wiedergabe eines längeren Textes) oder nach den Verben sakyti, girdėti, manyti, rodytis und Ähnlichem, mit oder ohne Konjunktionen. Im Gebiet südlich der Memel ist die NN bereits seltener; vielerorts wurden dort nur Konstruktionen mit Partizipien Aktiv Präteritum beobachtet, die auch als Formen des Perfekt Präsens mit Nullkopula aufgefasst werden können.
Ein zweiter ausgeprägter Schwerpunkt des NN-Gebrauchs liegt in der nordöstlichen Ecke des litauischen Sprachgebiets. Sein westlicher Rand entspricht im Norden ebenfalls ungefähr der Grenze der Dialekte Panevėžiškiai und Kupiškėnai des östlichen Aukštaitischen, reicht jedoch nicht bis Anykščiai und umfasst nicht den südlichen Teil des östlichen Aukštaitischen. Die Partizipien Aktiv Präsens und Futur werden mit der Bedeutung der NN im nördlichen Teil dieses Gebiets (um Rokiškis, Kupiškis, Dusetos und Zarasai) intensiv gebraucht; südlich von Utena treten dagegen häufiger nur Formen des Präteritums auf.
Die beiden genannten Schwerpunkte intensiven NN-Gebrauchs im Norden verbindet ein schmaler Streifen, der unmittelbar entlang der lettischen Grenze verläuft. Südlich davon wird die NN in einem breiten Zwischengebiet (fast von Šiauliai bis Anykščiai) gar nicht oder nur vereinzelt verwendet. Sie ist auch für das südliche Aukštaitische ganz untypisch, in dessen Dialektgebiet nach Verben des Sagens verwendet wird-
28 Siehe Erhebungsprogramm für das Material des Atlas der litauischen Sprache, Institut für litauische Sprache und Literatur der Akademie der Wissenschaften der Litauischen SSR, Vilnius, ²1956.
29 Am häufigsten wurden davon die in der Chrestomathie Lietuvių kalbos tarmės veröffentlichten Texte verwendet, hrsg. von E. Grinaveckienė und K. Morkūnas, Vilnius, 1970, sowie Texte aus den Reihen „Lietuvių kalbotyros klausimai“ und „Kalbotyra“ und aus den von Studierenden der Litauistik an der VVU verfassten Diplomarbeiten – Beschreibungen einzelner Dialekte.
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1. NN mit Partizipien Präsens 2. VD mit reflexiven Verben (bestellte sich vorzustellen)
2. Best.-Nr. 1026
Die Formen der Partizipien des Präteritums ohne zusammengesetzte Perfektzeiten unterscheiden sich in nichts von diesen.
1.7.1. Vergleicht man die Verbreitungsgebiete von NN und dem Nominativ mit Partizip (VD) nach Verben des Sagens (siehe Abb. 1), so zeigt sich, dass sie sich größtenteils decken. Besonders deutlich ist diese Übereinstimmung im Gebiet des samogitischen Dialekts. Den verfügbaren Daten zufolge scheint NN im Unterlauf der Dubysa und entlang der Memel etwas häufiger verwendet zu werden als VD30. Im Nordosten Litauens, wo VD mit nichtreflexiven Verben des Sagens gebildet wird, lassen sich die beiden Konstruktionen überhaupt nicht unterscheiden: Die Äußerung sako šiandien dirbęs kann sowohl als VD als auch als NN mit übereinstimmendem Handlungssubjekt von Partizip und Verb aufgefasst werden. Dass zwischen Verb und Partizip hier keine Pause gemacht wird, ist kein besonderes Merkmal, denn sehr oft folgt auch dann keine Pause auf das Verb, wenn das Partizip einen eigenen Handlungsträger hat, z. B.: (die Leute) sako devintą dešimtį einanti Vvr; jau vakar vakare sakė mirusi Grg; girdėjau ãnas didelius mokslus aĩns Ut usw.31
Die Bedeutungsnähe und die Übereinstimmung der Verbreitungsgebiete weisen auf enge Beziehungen zwischen NN und VD hin. Letztere Konstruktion ist, anders als NN, für viele verwandte Sprachen charakteristisch. Ihre Grundlage bilden Verbverbindungen mit einem nominalen Glied (dem sogenannten prädikativen Attribut oder Adjunkt), die wahrscheinlich aus der Zeit der indogermanischen Sprachgemeinschaft ererbt sind. All dies scheint für die bereits erwähnte Hypothese von E. Tangl und I. Marvan zu sprechen, der zufolge NN aus VD hervorgegangen ist. Andere Umstände lassen jedoch nicht zu, sie anzunehmen.
1.7.2. In intonatorisch ungeteilten Sätzen wie sako jis dabar negeriąs Rs32 unterscheiden wir deutlich zwei syntaktische Einheiten: sako und jis dabar negeriąs. In dieser Hinsicht entsprechen Äußerungen mit Partizipien völlig Äußerungen mit finiten Verbformen, die häufig ohne Pause auf Verben wie sakyti, girdėti, manyti, žinoti usw. folgen, z. B.: sako nebus vasaros Krk; girdėjau seniai nebegeri Vk, siehe auch V. Sirtautas, ib. 95. Die Verben sakyti, girdėti usw. neigen hier dazu, ihre semantische und syntaktische Selbstständigkeit zu verlieren und sich den Modalwörtern anzunähern (vgl. aus Verben hervorgegangene Modalwörter wie matyt, mat, girdi). Es besteht jedoch kein Zweifel, dass solche Sätze aus zwei getrennten Äußerungen entstanden sind, die auch heute häufig intonatorisch getrennt werden, vgl.: sako, dabar jau namus statos Prn. Ganz ebenso werden auch entsprechende Äußerungen mit Partizipien intonatorisch getrennt, z. B.: sako, vyresnysai jau daktaru esąs Kp; žmonės kalba, tu pačią primušęs Svn. Die Analogie zu verbalen Äußerungen lässt vermuten, dass solche Sätze eine ältere semantische und intonatorische Gliederung bewahrt haben als die oben erwähnten Sätze ohne Pausen.
Eine genau entsprechende Analogie zu verbalen Äußerungen zeigt sich auch in Sätzen, in denen das Subjekt der durch Partizip und Verb bezeichneten Handlungen übereinstimmt:
a) intonatorisch ungeteilte Sätze, z. B.: sakė neturinčios laiko Krtv; pirmą sykį girdžiu turįs ponus ant savo žemėsŽemR₁ II 24; Janė sakė Petrą sutikus Kp; žmonės kalbėjo matę Kraujelį Vžns; sako porą tik stikliukų buvęs gėręs; sakė nešančios vežimų kraut Vl (vgl.: tėvas sakė eis valgyt Krk);
30 Andererseits wurde die VD-Konstruktion mit passiven Partizipien (vom Typ duodasi mušamas) von K. Sirtautas (KK 9.31) auch dort festgestellt, wo NN unüblich ist, zum Beispiel bei Šeduva, Radviliškis und Alksnėnai.
31 V. Sirtautas, Kalbotyra XXV (1) 94–95 führt eine Reihe solcher Beispiele an und weist auf ihre Seltenheit hin. In der literarischen Schriftsprache, in der Texte entsprechend ihrer syntaktischen Struktur und Bedeutung durch Kommata gegliedert werden, sind Sätze ohne Pause zwischen verbum dicendi und Partizip oder einem anderen Verb tatsächlich recht selten. In der Volkssprache sind sie jedoch sogar häufiger und weiter verbreitet als entsprechende Sätze mit Pausen. Dies zeigen Texte, die unmittelbar nach mündlichen Äußerungen von Dialektsprechern aufgezeichnet wurden, sowie Beobachtungen der Volkssprache.
32 Ähnlich SInt, Vvr, Rt, Grg, Šl, Šlu, Krš; Kp, Ut, Mlt u. a.; ebenso mit Partizipien Präsens Aktiv im Futur: Kv, Dr, Šv, Vn, Klp, Skd; Čk, Jrb, Trg, Pnv; Trgn, Jž, Kp, Skp u. a.
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b) intonatorisch gegliederte Sätze: sako, vežąs šieną pirmmininku Plng; pasakojo susiedka, rozą važąvius iš Vilniaus Mlt; mama sakė, kuone verkus kaip karvę išvedė Rk; sakė, sutaise gerai Šl; vaikas sakė, buvęs susitikęs vilką Km; sakė, ateisianti kitą sykį Šlu (vgl. Ona sakė, rado baravykų Sv).
Nach reflexiven Verben wie sakytis, pasisakyti, pasakotis, girtis usw. werden ebenfalls sowohl intonatorisch gegliederte als auch ungegliederte Äußerungen verwendet, z. B.: sakeis pi-ningų neturįs Grz; ans sakos, tik iš bado valgęs Mžk, vgl. sakės, (kad) važiuos Ker, Užg, Kš, Vlkn u. a.
Wenn man annähme, dass die NN unmittelbar aus der VD hervorgegangen ist, müsste man die monosubjektiven, intonatorisch ungegliederten Konstruktionen als die ältesten ansehen, z. B. sakė(si) grįžęs, und von ihnen die zweiteiligen Sätze sakė(si), grįžęs sowie sakė, tėvas grįžęs ableiten. Einer solchen Annahme widerspräche jedoch die allgemeine Entwicklungsrichtung des syntaktischen Systems, die bei den entsprechenden Sätzen mit Verben deutlich hervortritt. Dass sich die Satzentwicklung im Baltischen wie auch in anderen idg. Sprachen durch die Synthese einzelner Äußerungen und nicht durch analytische Gliederung vollzog, zeigen nicht nur die gesamte Geschichte des zusammengesetzten Satzes, sondern auch solche innerhalb des Satzes ablaufenden Prozesse wie die Umwandlung einzelner nominaler Sätze in Satzglieder und ihre Adverbialisierung (vgl. die aus dem Nominativ entstandenen Adverbien gana, gėda, gaila usw., s. K. Ulvydas, LKK XI 7 ff.), sowie die Entwicklung selbstständiger Äußerungen matyti, girdėti, žinia, aišku, žinoma, suprantama u. a. zu parenthetischen Wörtern. Es ist kaum vorstellbar, dass die Entwicklung der Partizipialkonstruktionen in die entgegengesetzte Richtung verlaufen wäre und zunächst monolithische Äußerungen des Typs sakė(si) grįžęs sich später in relativ selbstständige Einheiten aufgespalten hätten, die sogar unterschiedliche Handlungssubjekte erhielten. Die Entstehung der NN lässt sich auch auf natürlichere Weise erklären, die der Entwicklung der syntaktischen Struktur besser entspricht, wenn man die Archaischheit der in den Dialekten breit belegten zusammengesetzten asyndetischen Sätze des Typs sakė, grįžęs und sakė, tėvas grįžęs anerkennt. Dazu muss man Konstruktionen beachten, in denen die Nominative der Partizipien dieselbe Form und Funktion aufweisen wie bei der Bildung der indirekten Rede.
1.8.1. Hinsichtlich ihrer wesentlichen Strukturmerkmale – der Position des verbum finitum und des Fehlens eines Hilfsverbs – entsprechen der indirekten Rede zunächst die Partizipien Aktiv des Präteritums, die ohne Kopula verwendet werden und aus der Sicht der Gegenwartssprache zusammengesetzte Perfektformen der Gegenwart bilden; vgl. tėvas grįžęs (: buvo grįžęs: būdavo grįžęs: bus grįžęs). Das Präteritum der NN unterscheidet sich von ihnen lediglich durch seine modale Bedeutung. Diese modale Bedeutung wird jedoch oft erst aus dem Kontext und der Situation deutlich und kann bisweilen auch völlig unbestimmt sein. Selbst nach Wahrnehmungs- und Informationsverben, die wiedergegebene Rede anzeigen, kann das Partizip Aktiv des Präteritums doppeldeutig verstanden werden, besonders am Rand des Verbreitungsgebiets der NN, wo die entsprechenden Partizipien Aktiv des Präsens überhaupt nicht oder kaum verwendet werden, z. B.: sako, ką ans jau dabar miręs Škn; anas, girdėjau, pasikoręs Mlt; sako, katro žvakės visai užgesusios, tai tie žmonės visai užmiršę apie aną pasaulį Vl; rodos, iš kapų svietas suvejęs Vrnv usw. Andererseits werden die Partizipien Aktiv des Präteritums mit Präsenskopula im žemaitischen Dialekt bisweilen auch zur Bezeichnung mittelbar erfahrener Handlungen verwendet und entsprechen daher ihrer Bedeutung nach ganz den Formen der NN, z. B.: kalbà yra, kad prie to upelio yr žmones korę Rsn; sako, ans yr išvažiavęs Kin; sako, grąžota įkritusi yra Šlu; ateit ta žmona sakyt, kad vaiką y morką išrovęs Kin; šėpo(j) žiūrėk y buvusi Akm; kiek anà p(r)irašiusi y! Skd; ebenso in den Schriften von S. Vaišnoras, vgl. saka ghie… iog Sunus Diewa buk beiktinu ir paslapczu pastatimu Diewa / ne wissa Swieta (178)… yra kentejes ir numires MT 178–178ᵃ. Daher kann das Verbreitungsgebiet der NN
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nun klarer nur anhand der Verbreitungsgrenzen der Partizipien Aktiv des Präsens und Futurs bestimmt werden.
1.8.2.1. Die Partizipien Aktiv des Präsens gehören heute nicht zum System der zusammengesetzten Tempora der Literatursprache; stehen sie daher ohne Hilfsverb an der Position des verbum finitum, werden sie als Formen der NN verstanden. Dieser Zustand ist jedoch nicht alt. Erstens können Partizipien Aktiv des Präsens mit be- im žemaitischen Dialekt zur Bezeichnung einer andauernden Handlung verwendet werden, ohne eine deutliche modale Bedeutung zu haben, z. B.: karvė minkšta (melken), piens bebėgąs Pln; aš parėjau ir ana beinanti Vkš; tame darže teip žolė numinta — teip numinta, ir ten toks piemėnelis avelas beganas SlančP 13, vgl. auch N. Slizienė, LKK IV 70. Dass dieser Gebrauch alt ist, belegen auch Beispiele aus Volksliedern, deren rhythmische Struktur syntaktische Archaismen besser bewahren kann, vgl.: Auštrytėlė beauštanti, saulytėlė betekanti, galvelė beskaudanti Sk (LKK III 84), ką tas bernužėlis bemislyjąs, ką jaunasis bedūmojąs, aukso žiedą, žiedą bekaldinąs, ir mano vardužį bemušdinąs KlvD 163. Verwendet werden auch Partizipien Aktiv des Präsens ohne das Affix be-, z. B.: reik namien darbininko, mama serganti Pj (LKT 114); ana turinti du broliu, o dvi seseri esančios Plng. Das Affix be- ist also seit alters her nicht mit der admirativen Bedeutung der Partizipien verbunden. Diese Bedeutung haben Partizipien Aktiv des Präsens häufig auch ohne dieses Affix, z. B.: Jis užmiršęs pasižegnot ir atsigręžęs an kita pusę, žiūri — stovįs velnias Slm; žiūriu, žiūriu, veizu ir pareitas Tln; währenddessen bezeichnen Partizipien mit be- häufig auch wiedergegebene, von anderen erfahrene Handlungen, z. B.: girdėjau šienauti besiruošęs Krtn; sakė an traktoristų besimokąs Vg.
Andererseits werden die Partizipien Aktiv des Präsens im westlichen Teil der žemaitischen und westoberlitauischen Dialekte mit dem Hilfsverb būti verwendet und bilden ein weitgehend ausgebildetes Paradigma zusammengesetzter Tempora: Präsens esu, esi, yra… einąs, -anti; Präteritum buvau, buvai, buvo… einąs, -anti; Futur būsiu, būsi, bus… einąs, -anti; Konjunktiv būčiau, būtum, bus… einąs, -anti (Formen des iterativen Präteritums und des Imperativs wurden nicht festgestellt, sind aber durchaus möglich), z. B.: veiz, kap aš esu kalbanti (=wie ich spreche) Mž; ans y(ra) sergąs Žd, Prk, Klp, Eig, tiek ana y(ra) žinanti Skd, Kl; kas nors spaudas yra Šl; jis buvo biškį sergąs Sl, Klm; tuojau bus nesą to lytaus Klp; ka būsi rūkas, kvepės Vaŕniai; bus su slieku begyvenąs, kad nuvarys į frontą Šts, o kad taip jų pačių būtų esąs, tai tik gulbės pieno tetrūktų Brs (LKŽ VII 77). Ebenso werden entsprechende Partizipialformen mit dem Affix be- verwendet, jedoch mit deutlich betonter Dauerbedeutung, z. B.: mano karvė dideliai gera melžti: pritvinko, i bus bebėgęs piens Pln (LKT 79); gerai, ka tu nevažiuavai: būtum besergąs Eig (LKT 73); būčiau negyvenanti, ale dabā sutvarkė Žr. Mit einem Partizip Aktiv des Präsens werden gelegentlich auch noch komplexere Formen zusammengesetzter Tempora gebildet, z. B.: ka būčiau buvus sugebanti, būč nuvaž iavus Skd, vgl. (heretikay) klaydawo / kayp butu anas wienu noru ne sutwertu turis essus (bladžili / iakoby on mial mieć iednę wolą nie stworzoną) SP I 193₁₂. Formen der Vergangenheit werden bisweilen auch zur Bezeichnung einer begonnenen, aber abgebrochenen Handlung gebraucht; ihrer Bedeutung nach entsprechen sie also dem inchoativen Präteritum, das mit dem Affix be- gebildet wird, z. B.: girdėja, anas buvo jam einąs iš namų, ale sugrįžo Trgn.
1.8.2.2. Die Altertümlichkeit dieses Gebrauchs wird durch Sprachdenkmäler des 16.–17. Jahrhunderts bestätigt. Gerade in den Schriften von J. Bretkūnas und besonders von S. Vaišnoras, die die genannten Dialekte vertreten, werden Partizipien Aktiv des Präsens mit einem Hilfsverb in der Bedeutung zusammengesetzter Tempora verwendet, z. B.:
Kaip (Ponas) ira milins Szmones, Wiss i io Schwenteiei ira tawa Rankoie BrB V Moz 33,3 (Wie hat er die Leute so lieb; dilexit populos); netarent ios miegi | bet
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... und die Sünde der Lebenden MT 260a₂₁; O Kursai Sunui netikjs jra, ne reges giwatas MT 262a₁₇–₁₈;
Wina schaknis (pabr., virš.: medis)… turreia tris schakkas ir buwa szellioens (iš -enti), auga ir szideia BrB I Moz 40,10 (und er grúnete, wuchs und blúete); Diewas jstate tq sawedima… kad dabar (žmonės)… prigimtaie Teisibe buwa tebturi; MT 221₁₃–₁₄;
Es wird sein (die Leiber) nicht verderben MT 245₄;
Das wurde so oft gesagt | als ob sie nun zu Gott beteten | damit es ihnen … gefiele MT (PM) 29a₁₁–₁₂ (siehe auch N. Sližienė LKK IX 80).
Etwas seltener kommen solche Konstruktionen in anderen Sprachdenkmälern vor, vgl. Und dann wird der Menschensohn zur Rechten der Macht Gottes sitzen DP 163₁₁ (bedzie siedzial W 13; erit sedens); Ach, was wird dann geschehen SG 71₇.
In den Schriften von S. Vaišnoras und einigen anderen Autoren (M. Daukša, K. Sirvydas) wird besonders gern das Partizip esąs, -anti mit dem Hilfsverb verwendet, z. B.: wer gewiss sei MT 7₈; Der Teufel ist von Anfang an ein Lügner gewesen MT 42₂₀; ich würde ihn … ebenso sein lassen MT (BĮ) XVIII₁₁–₁₃; beschrieben … das Wesen des Alten | was dort gewesen sei MT 150₁₅; welche wahre Religion sei? MT (LĮ) XXIV₁₂; Damit dieser nicht ein Übeltäter sei | hätten wir ihn dir nicht ausgeliefert DP 163₃₃ (By to nie byl zloczyńcá W 279₁₉; si non esset hic malefactor); Wäre mein Reich nicht von dieser Welt | würden meine Diener gewiss für mich kämpfen DP 164₉ (Być z tego świata bylo krolestwo moje W 280₅; si ex hoc mundo esset regnum meum)³³. Eine solche Verbindung aus Partizip und Hilfsverb kann ihrerseits mit anderen Partizipien oder Adjektiven eine zusammengesetzte Kopula bilden, z. B.: dass die Kirche Christi gegründet sei | oder von irgendeinem anderen Apostel gehalten … (37ª), also hätte man auch darüber gut sprechen sollen MT (PM) 37ª–38; alle diese Teile werden an einem Ort geweiht | nicht etwa, weil sie an sich heilig, verdorben und unnütz wären MT (PM) 36₁₄, 34.
Die Präsens-Aktivpartizipien mit dem Affix be- bilden, wenn sie mit dem Hilfsverb būti verbunden werden, in den Schriften von J. Bretkūnas häufig dieselben zusammengesetzten Vergangenheitsformen wie andere Präsens-Aktivpartizipien. Das Affix be- hebt hier die Dauer der Handlung hervor und verstärkt sie, z. B.:
Und als er zurückkehrte, siehe, war er gerade bei seinem Brandopfer IV Moz 23, 17 (sihe | da stund er bey seinem Brandopffer LB); Ein Mann … brachte … eine Midianiterin …, die … der ganzen Gemeinde der Kinder Israels, die am Tor weinten IV Moz 25,6 (die da weineten für der thür LB; Saul hielt sich in Gilgal auf (war noch dort) I Sam 13, 7 (Saul aber war noch zu Gilgal LB); Boas kam gerade aus Bethlehem Rut 2,4 (Boas kam eben von Bethlehem LB); Und sie begruben gerade die Erstgeborenen IV Moz 33, 3 (und begruben eben LB).
Solche zusammengesetzten Formen werden bisweilen auch mit dem Hilfsverb tapti gebildet, vgl. Ich ging hin, wusch mich und wurde gerade sehend ChB Jon 9, 11.
Offenbar bereitete die Hervorhebung der Dauer durch das Affix be- den Boden für die Bedeutung des Vorvergangenheitsaspekts, die deutlich wird, wenn die durch das Partizip bezeichnete andauernde Handlung durch eine andere unterbrochen wird
33 Siehe auch MT (BĮ) XVIII₂₀, (LĮ) XXIII—XXIV, 150₁₅, 150ª, 161ª, 181₂₀, 183–183ª, 269ª₂, (PM)14ª₁₄, 14ª₂₀, 15ª. Vgl. N. Sližienė, LKK IX 80; J. Palionis, LLK 198.
34 Ähnlich MT 77₁₉, 151₁₅, 268ª₁₂, (PM)25ª₁₂–₁₃, 34ª₁₉–₂₁. Insgesamt finden sich in den Schriften von S. Vaišnoras 22 Konstruktionen mit esas, -anti und einer flektierten Form von būti, darunter 3 mit Präsensformen und 19 mit Konjunktivformen.
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Handlung, vgl. Tawa tarnas buwa beganans Awis sawa Tiewo, ir ateija Łewas BrB I Sam 17, 34 (hütet die schafe LB).
Gelegentlich werden Partizipien Präsens Aktiv mit dem Affix be- in älteren Schriften auch mit einer Präsensform des Hilfsverbs verbunden, d. h., sie bilden gleichsam ein präsentisches Anfangstempus (allerdings ohne die Bedeutung einer unterbrochenen Handlung), das im Paradigma der Anfangstempora der heutigen Sprache bereits fehlt, z. B.: Tu awinélio newirk, kolei ira beszindans (prieg Pieno Augives) BrB II Moz 34,26 (wenns noch an seiner muetter milch ist LB; in lacte matris suae V); Sakie iems su dziauksmu didziu / Iog est begulis edziosu BrGD XLVII (S. 83), ebenso Mž 193.
1.8.2.3. Somit könnten prädikative Partizipien Präsens Aktiv, die in der heutigen Literatursprache nur als Formen des NN verwendet werden, einst auch keine festgelegte modale Bedeutung gehabt haben. In der Position des verbum finitum standen sie allein oder mit dem Hilfsverb būti, mit dem sie dieselben Konstruktionen bildeten wie die Partizipien Präteritum Aktiv. Die Formen der Partizipien Präsens Aktiv mit dem Affix be- und ohne dieses hatten dieselben syntaktischen Eigenschaften und unterschieden sich lediglich durch eine stärkere oder schwächere Dauerbedeutung. Konstruktionen mit Partizipien Präsens Aktiv standen dem NN daher ebenfalls nahe, so wie ihm gegenwärtig noch die sogenannten Perfektformen mit Partizipien Präteritum Aktiv nahestehen.
Anhaltspunkte für die Rekonstruktion eines solchen Zustands finden sich auch im Sprachsystem der Gegenwart. Dies sind vor allem die Unvollständigkeit des sogenannten Anfangstempusparadigmas (es fehlen Präsensformen), das Fehlen einer allgemeinen Bedeutung (die Bedeutung des Verhältnisses der Handlungsdauer haben Partizipien Präsens gewöhnlich nur zusammen mit Formen des Hilfsverbs im Präteritum, und auch dann nur in einem bestimmten Kontext, vgl.: N. Slizienė, LKK IV 67; LKG II 146), der Gebrauch von Partizipien Präsens Aktiv mit dem Affix be- in admirativer Bedeutung und ihre Korrelation mit Partizipien Präteritum Aktiv ohne dieses Affix, vgl.: Po trijų dienų tėvai žiūri — visas žąlių pulkas bešliaužias į jų kiemą LTt III 296 und Žiūrėk, koks didelis lazdynas išaugęs! Kp.
1.8.3. Auch die Ähnlichkeit ihrer Verbreitungsgebiete zeigt den Zusammenhang zwischen zusammengesetzten Tempora und NN. Zusammengesetzte Tempora sind ebenso wie NN am weitesten im Gebiet der Žemaiten und im westlichen Teil des westlichen Oberlitauischen verbreitet (dazu gehören auch die Dialekte der Litauer im ehemaligen Ostpreußen). In der nordöstlichen Ecke Litauens, wo NN ebenfalls lebendig ist, kommen häufiger nur die Perfektformen des Präteritums und des Futurs vor. Insgesamt stimmt das Verbreitungsgebiet des NN ungefähr mit dem Gebiet der intensivsten Verwendung von Partizipien überein.
Die hier angeführten Fakten lassen vermuten, dass Nominative der Partizipien Aktiv in der Position des verbum finitum sich einst in ihren morphologischen und syntaktischen Eigenschaften nicht von NN-Formen unterschieden. Was heute indirekter Modus genannt wird, war lediglich ein Sonderfall des prädikativen Gebrauchs des Partizipialnominativs, der sich durch eine bestimmte modale Bedeutungsnuance von den übrigen abhob.
1.9. Der prädikative Gebrauch von Partizipien ist ein Erbe ferner Vergangenheit. Als Formen nominalen Ursprungs konnten Partizipien bereits in den ältesten Entwicklungsstufen der indogermanischen Sprachen Nominalsätze bilden35, etwa vom Typ der Vater ist müde neben der Vater ist gut oder der Vater ist Hausherr. Anfangs unterschieden sich solche Sätze in ihrem Gebrauch offenbar von entsprechenden Sätzen mit Verben auf den Wurzeln *es, *bhū,
35 Vgl.: K. Brugmann, Synt. 69—70; J. Zubatý, Studie a články, II, Praha, 1954, 126 ff.; A. Meillet, MSL XIV. 1 ff.; Introduction à l’étude comparative des langues indo-européennes, Paris, 1934, p. 356—7; J. Bloch, MSL XIV. 1 56 ff.; E. Benveniste, BSL XLVI 27 ff.; Ch. Guiraud, La phrase nominale en grec, Paris, 1962, p. 152 ff.; W. P. Lehmann, PIE 115—6.
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die konkrete lexikalische Bedeutung gehabt haben können36. Im Laufe der Zeit wurden die alten nominalen Sätze als Glieder mit Nullkopula in das System der verbalen Sätze aufgenommen37. Nominale Sätze mit Partizipien konnten von diesem Prozess nicht isoliert bleiben, und brolis einąs | grįžęs-artige Äußerungen mussten sich ebenfalls dem Paradigma brolis yra | buvo | būdavo | bus grįžęs anschließen. Das auf dieser Grundlage sich herausbildende System der zusammengesetzten Tempora kristallisierte sich im Litauischen jedoch nicht vollständig heraus, und viele prädikative Partizipien mit Prozessbedeutung (insbesondere Formen des Präsens) blieben davon unberührt und bewahren bis heute Merkmale ihres früheren prädikativen Gebrauchs.
1.9.1. Selbst Partizipien, die aus der Sicht der heutigen Sprache als Äquivalente des Perfekt Präsens gelten, unterscheiden sich ihrer Bedeutung nach oft von zusammengesetzten Formen mit Kopula. N. Šližienė bemerkte in LKK XI 20, dass die Aktivpartizipien des Präteritums ohne das Hilfsverb būti in Präsensformen verwendet werden, „um ein künstlerisches Bild der Gegenwart zu gestalten“, z. B.: Jonas liegt bäuchlings ausgestreckt am Ofen auf dem Lehmfußboden; der Platz ist ihm zu knapp, deshalb hat er die Beine bis zu den Knien an der Wand hochgestellt; am anderen Ende ragt der Kopf über die Bank hinaus ŽemR I 86. Die Gestaltung eines künstlerischen Bildes beschreibt den besonderen Gebrauch solcher Partizipien jedoch nur teilweise. Präziser wäre zu sagen, dass Partizipien ohne Hilfsverb gewöhnlich dann verwendet werden, wenn eine statische Situation und der qualitative Zustand einzelner Dinge beschrieben werden. So werden auch Präsens-Aktivpartizipien verwendet (gewöhnlich mit be-), z. B. Und der liegt schon seit dem Morgen da und schnarcht Rs. Partizipien mit Hilfsverb sind dagegen eher für die Erzählung typisch. Dieser Unterschied im Gebrauch von Partizipien mit und ohne Hilfsverb ist insofern wichtig, als er teilweise den Unterschied zwischen den alten verbalen und nominalen Sätzen widerspiegelt. Gerade Sätze mit nominalem Prädikat ohne Kopula werden im Altindischen, Griechischen und Keltischen verwendet, um dauerhafte, „zeitlose“ Zustände auszudrücken; Formen mit Kopula bezeichnen dagegen gewöhnlich veränderliche, zeitgebundene Prozesse38.
1.9.2. Relikte des prädikativen Partizipgebrauchs finden sich in erstarrten Konstruktionen, in denen eine Form des Hilfsverbs völlig ausgeschlossen ist. Viele von ihnen weisen eine deutliche modale und expressive Färbung auf.
Anstelle von verbum finitum werden negative Partizipialformen (besonders die neutrale Form) verwendet, um die Verneinung nachdrücklich, mit einer gewissen Emphase, auszudrücken, z. B.: Es sei nicht mehr so, dass ich noch weiter mit ihm zu tun hätte Jnšk; Es sei nicht mehr so, dass ich zu ihm ginge Ds (LKŽ I₄ 1215); Hier werde ich nicht mehr leben (= ich werde nicht mehr leben) — hoffentlich geht es diesmal gut aus! Sdk. Es regnet. — Als ob es nicht regnete! Ds (LKŽ VII 589). Na los, Bruder, ohne gewiegt, ohne ausgezogen zu haben … VaižgRR I 421. Der Hund würde Fleisch kaufen, hätte er nur Geld dabei Baran (APh I 98). Da bist du wohl nicht recht bei Verstand; du hättest ihm etwas antworten sollen Alk (LKŽ VII 833).
Die Neutrumform nematę wird in zu Redewendungen erstarrten Wünschen verwendet, z. B.: Möge sein Stiel es nicht sehen! Ds (LKŽ VII 914); neunmal möge er es nicht sehen — er ist schon dahin (gestorben) Lkm (LKŽ I 459); Möge die Pfütze es nicht sehen, ich esse keinen Zucker mehr davon Slm (LKŽ VII 914); möge die Pfütze ihn nicht sehen Kp; Die Quelle möge diese kleine Alte nicht sehen Kp. Die Archaischheit solcher Konstruktionen zeigt sich auch darin, dass die Neutrumform des Partizips mit dem gesamten Geschlecht … einhergeht
36 Vgl. būti-Formen, in denen in den Dialekten Reste einer konkreten Bedeutung erhalten sind: wir wohnen so verstreut Žibiniškai (LKT 76); wir wohnen jetzt am See (= leben) Mrc; sie fingen irgendwo (= überall) an, zu sein (= leben), zu arbeiten Všn (LKT 300); die Gänse werden anfangen, nach oben zu sein (= zu wachsen) Ventė (LKT 144), siehe auch LKKŽ I 1215.
37 Вяч. Вс. Иванов, Общ. 268.
38 Žr. E. Benveniste, BSL XLVI. 1. 31 tt.; J. Humbert, Syntaxe grecque, Paris, 1960, p. 66; Ernout–Thomas, Syntaxe latine, Paris, ²1953, p. 146–8; P. Chantraine, TCLC IX 25; Ch. Guiraud, ib. 64 tt.
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… mit substantivischen Bezeichnungen. Seiner Bedeutung nach nähert sich das Partizip hier dem Optativ, mit dem häufig ein Wunsch ausgedrückt wird (vgl.: Grausmas jo nematai! Ds), während entsprechende Konstruktionen mit dem Indikativ (galas tave nematė Dkš, velniai jo nemato Grž LKŽ VII 914) eindeutig jüngeren Datums sind. Eine optativische Bedeutung haben gelegentlich auch die Formen anderer Partizipien, z. B. Kad tu skradžemėn nuėjęs, kad tu velij prapuołus Gry (LKK XIII 122). In dieser Hinsicht besonders charakteristisch ist die erstarrte neutrale Partizipform in der wiederholten Formel eines Volksmärchens: Atadārą (tarm.: atadɔ.ru.) vaikėliai durytėlės BsP II 327, plg. atadɔ.ru. durelās Verksnionys LKT 299 und Atidarai darai (duris), jūs mani vaikeliai Lt III 86⁹; hier hat das Partizip bereits eine eindeutige imperativische Bedeutung.
Partizipien, die ihre prädikative Funktion bewahrt haben, finden sich auch in Äußerungen in Form rhetorischer Fragen mit kur oder verschiedenen Kasus von kas, z. B.: kur tu matęs, kad aš jai užsileisčiau! Vb (LKŽ VII 915), nu kur tu matęs: oru pavažiuot žmogų, nukris Joniškėčiai LKT 245; Na, kur nesimeldęs, anoks maldininkas KatkR 259; Ką tu belaukęs senatvės? ib. 190; Kur jis geriau ras, ko jis neėjęs? ib. 219; Žinau, kur nežinojęs ib 186; kame buvusi grėbėja! Snarglį pirmiau nusivalyk! Rdn (LKT 75). Einige dieser Äußerungen sind völlig desemantisiert und zu Idiomen geworden, z. B.: kur buvę, apsirgo pono dukte Daunoriai (LKK III 201); kur buvus nebuvus, ateis lapė Lt III 147; Kas tai bėsaš („bedeutet nichts“) mums vainiką nupinti Šts (LKŽ I₁ 1217); Kas nebuvęs, plauksiu į jūrą Plng (LKŽ I₁ 1216). Ähnlich werden Partizipien (meist mit dll. oder ar) auch in Konstruktionen mit alternativer Bedeutung verwendet, z. B.: O tai neklaũžada vaikas, ar jam sakęs, ar ne Slm; Ar sakęs, ar šuniu lojęs – neklauso, ir tiek Lnkv (LKŽ VII 661); tiek anam sakęs, tiek nesakęs: pro vieną ausį įein(a), pro kitą išein(a) Jnš; Kirtęs nekirtęs – kumelės stovi sau, galvas nuleidusios Žem (LKŽ V 855); vgl. auch Fälle entsprechender Bedeutung, in denen das Partizip bereits neben dem Verb steht: sakyк jam nesakęs – nuleidžia pro ausis Jnš; teipos ponas buvęs, ponas bus Ppl; bus kas esąs (nebuvęs) Als „das ist doch keine große Sache“ (LKŽ I 1216) sowie emphatische Konstruktionen mit einem Partizip und einem Verb derselben Wurzel: augęs paaugęs žals pušynėlis pas tėtušio dvarelį Šl (LKŽ I 383).
1.9.3. In der Position des verbum finitum können auch Nominative von Partizipien stehen, die im Satz nicht eine Haupthandlung, sondern eine Nebenhandlung markieren.
Postpositive Partizipien (in Bezug auf das verbum finitum) entsprechen in Konstruktionen mit den Konnektoren kiek, kur, kada, iki, ligi sowie mit Kasus des Pronomens kas ihrer Bedeutung nach den Verben, die in Nebensätzen von Satzgefügen verwendet werden, z. B.: vaikas… turėjo duonos kiek noris ValPŽK 4; žvejas… nuėjo per mišką, pats nesumanydamas, kur ir ko einas TMPs 27; jau neatmenu, kada beragavęs žuvies Lt III 377; liepė karalius pilną žąką primeluot, ik sakysias užriškit Jrk 46; jiems turėję vergauti lig atduodantys ar lig atdirbantys DB 169; nėr kas jam darbą Dgls; ji… ėmė pasakoti, ko ieškanti Lt III 290; gera būtų mergiotė, tik džiauna ką tik nutvėrusi Sml; siehe den Aufsatz des Autors, LKK IX 43–62.
Wenn sie nach Verben des Kommentierens stehen (insbesondere verba percipiendi et dicendi), sind solche Konstruktionen dem NN nahe, z. B. pagrįžę namo, (broliai), nieku neprasitarė Eglei, ką padarę Lt III 299; haben sie hingegen ein anderes Handlungssubjekt als das Verb, stimmen sie völlig mit ihm überein, z. B. ir karčūninks (= karčemininkas) klausė, kur jis einąs Glbr (Mit VI 46). Nach Verben anderer Bedeutung bezeichnen Partizipien jedoch eine Nebenhandlung ohne jegliche NN-Nuancen; vgl. eina, kur budelis įsakęs Dr. Iš
39Den archaischen Charakter der Formel belegt auch die alte Reduplikation; vgl. sut rinko trinko tėvelio grindos NS 341, išleido leido plonus tinklelius LTt 68; išveža veža mano bernužėlį LTt₁ II 58.
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In Konstruktionen mit Konnektoren ist das Verhältnis zwischen der Bedeutung der Partizipien, die eindeutig eine wiedergegebene und allgemein eine subordinierte Handlung markieren, gut erkennbar. Die für NN charakteristische Bedeutung der wiedergegebenen Handlung ist hier sekundär und hängt vom lexikalischen Ausdruck der Verben ab; Formen mit dieser Bedeutung bilden lediglich eine bestimmte Untergruppe der prädikativen Partizipien.
1.9.4. Präpositive Partizipien, die durch die Konjunktion ir mit einer finiten Verbform verbunden werden, bezeichnen ebenfalls eine Nebenhandlung und fungieren im Satz als Äquivalente des verbum finitum, z. B. vilkas iš baimės galą pabėgėjęs ir pastipo BsP IV 23540. Solche für die Volksdichtung und die alten Schriften charakteristischen Konstruktionen haben häufig ebenfalls modale Bedeutung: Wie mit NN wird durch sie oft die Unerwartetheit einer Handlung oder das Erstaunen darüber hervorgehoben.
1.9.5. Mit modalen Bedeutungen (Aufforderung, Verbot, Verneinung u. Ä.) sowie expressiven Nuancen hängt auch der Gebrauch des Partizips Präsens Aktiv im zweiten Verbslot zusammen: a) zur Hervorhebung der Handlung des Hauptverbs derselben Wurzel, z. B.: gerk gėręs, brolty, dūmok ir namo JD 72; guliu pasigulęs, kad ir neužmingu Plng41, ähnlich mit negativen Verben, z. B.: kad šoks nešokęs zuikis ir kudl LTt 343, gelegentlich auch mit einer Konjunktion, z. B. eik kad ėjės, kad nė kuo apsiaut Gs (LKŽ II 771); b) zum Ausdruck einer Alternative (ebenfalls mit einem Verb derselben Wurzel), z. B.: sakyk jam nesakęs — nuleidžia pro ausis; c) zur Bezeichnung einer negativen oder unerwünschten Handlung (mit einem Verb einer anderen Wurzel), z. B.: tylėk neburbėjęs Vkš (LKŽ I 959)42.
Die hier aufgeführten Fälle des prädikativen Gebrauchs von Partizipien weisen alle Merkmale syntaktischer Archaismen auf. Im System der syntaktischen Mittel des Litauischen nehmen sie eine periphere, isolierte Stellung ein und lassen sich keinem üblichen Typ des Partizipgebrauchs zuordnen. Man findet sie gewöhnlich in phraseologisch erstarrten oder erstarrenden Äußerungen. In der heutigen Sprache sind sie unproduktiv und im Verschwinden begriffen; gelegentlich kommen sie nur in der Umgangssprache oder in der Belletristik vor, wo sie stilistisch markiert sind. Mit NN verbindet sie nicht nur die Formgleichheit, sondern auch die modalen und expressiven Nuancen, die auf eine Tendenz hinweisen, schwindende, dem veränderten System nicht mehr entsprechende Formen modal umzudeuten. All dies lässt vermuten, dass der indirekte Modus auf einem archaischen prädikativen Partizipgebrauch beruht. Diese Annahme wird durch Konstruktionen mit Passivpartizipien bestätigt.
2. KONSTRUKTIONEN MIT PASSIVPARTIZIPIEN
2.1.1. Im Litauischen haben Formen des Neutrums des Passivpartizips häufig modale Bedeutung; sie stehen mit oder ohne Genitiv des Agens: Präsens (brolio) gyvenama, sėjama, Präteritum (brolio) gyventa, sėta. Gelegentlich werden auch zusammengesetzte Formen der Vergangenheit verwendet: (brolio) būta gyventa. Ihren Gebrauch beschrieb J. Jablonskis treffend. Er bemerkte, dass der Sprecher mit solchen Äußerungen „gleichsam sagen möchte, er habe es erst jetzt gesehen, erst jetzt diesen Kunstgriff bemerkt. (…) als wolle er mitteilen, dass die Nachricht, die er uns jetzt erzählt, ihm selbst nur durch irgendein nebensächliches kleines Detail, das er gerade erst bemerkt hat, oder durch einen anderen Menschen zugetragen worden sei“ (RR I 465). Zugleich wies J. Jablonskis darauf hin, dass solche Äußerungen der „erzählenden Rede“ nahestehen
40 Näheres dazu siehe beim Verf. Baltistica I (1) 53—66.
41 Vgl. entsprechende Konstruktionen im Griechischen mit Partizipien desselben Stammes: φυγῇ φεύγειν, ἀκούσας… ἤκουσα usw., siehe R. Kühner, GrGr. 656.
42 Siehe auch J. Balčikonis, Baltistica III (2) 204; Verf., LKK VII 72—3, LKG II 353—4.
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und werden nicht in allen Dialekten verwendet: „Die Äußerungen der Aukštaiten ‚Hier hat es ein Haus gegeben‘, ‚Hier hat man im Wald geschlafen...‘ werden bei den Žemaiten durch eigene Wendungen ersetzt, etwa: ‚Hier hat es ein Haus gegeben, es hat gestanden‘, ‚Die Wälder haben hier geschlafen‘...“ (RR I 466, vgl. auch ib. 530). In späteren Grammatiken wurde entweder die modale Bedeutung der Neutrumformen des Passivpartizips überhaupt nicht näher behandelt, oder man begnügte sich mit einer Zusammenfassung der Gedanken von J. Jablonskis.
Mehr Aufmerksamkeit wurde der Bedeutung dieser Formen hinsichtlich des Genus gewidmet. Wiederholt wurde festgestellt, dass Neutrumformen des Passivpartizips häufig von intransitiven Verben gebildet werden und nicht die für andere Passivformen typische Bedeutung haben1 oder den Aktivformen entsprechen2. Den Zusammenhang der Neutrumformen des Passivpartizips mit anderen Passivformen haben kürzlich V. Sirtautas, Kalbotyra XXI 71 ff., sowie E. Geniušienė, ib. XXIV (1) 27 ff., erörtert. Sie kamen zu dem Schluss, dass die Konstruktionen mit Genitiv nach syntaktischen Merkmalen den Passivkonstruktionen vollständig entsprechen. Die passive Natur der Neutrumformen des Passivpartizips ist von den genannten Autoren gut begründet worden; es ist völlig klar, dass sie als eine bestimmte Gruppe von Passivformen untersucht werden müssen. Ebenso klar sind jedoch die Besonderheiten ihrer Bedeutung sowie ihre Synonymie mit Aktivformen, insbesondere mit Aktivpartizipien modaler Bedeutung. Gerade aufgrund dieser modalen Bedeutung werden Konstruktionen mit Neutrumformen des Passivpartizips in jüngster Zeit bisweilen sogar dem NN zugeordnet3, wenn auch nicht konsequent und mit gewissen Schwankungen4. Einer Aufnahme dieser Formen in das NN stehen tatsächlich ihre unvollständige und unbestimmte Paradigmatik, ihr enger Zusammenhang mit dem Passiv und ihre Nähe zu den zusammengesetzten Passivzeiten entgegen.
2.1.2. Die Neutrumformen des Passivpartizips im Präsens und Präteritum können aufgrund ihrer modalen Bedeutung einen Gegensatz zu den Formen des Präsens und des einfachen Präteritums des Indikativs bilden, z. B.: brolio gyvenama: brolis gyvena (vgl. brolis gyvenąs); brolio gyventa: brolis gyveno (vgl. brolis gyvenęs). Hinsichtlich ihrer formalen Merkmale entsprechen sie jedoch vollständig den zusammengesetzten Passivformen des Präsens mit Nullkopula5. Sie können sowohl als Entsprechungen von brolio yra gyvenama / gyventa als auch als Äußerungen mit einer bestimmten, vom Kontext und der Situation abhängigen modalen Bedeutung verstanden werden (vgl. žiūrėk, kaip čia tavo brolio gyvenama!). Ebenso zweideutig sind auch die entsprechenden Neutrumformen transitiver Verben (z. B. čia jo miežiai sėjama / sėta). Nur die Konstruktion brolio būta gyventa – im Gegensatz zur Plusquamperfektform des Indikativs brolis buvo gyvenęs (vgl. brolis buvęs gyvenęs) – hat keine Entsprechung im System der zusammengesetzten Zeiten des Indikativs. Sie ist jedoch recht isoliert, denn Konstruktionen mit Partizipien des Präsens (z. B.: *brolio esama gyvenama / gyventa, *brolio būta gyvenama), die einen Gegensatz zu anderen zusammengesetzten Zeiten des Indikativs bilden könnten, hat man in den Dialekten nicht beobachtet; sie können allenfalls zufällig und sporadisch gebraucht werden6. Außerdem wird vielerorts anstelle der Bedeutung der Konstruktion būta gyventa die gewöhnliche zusammengesetzte Passivform des Präteritums buvo gyventa verwendet, die mit (yra) / buvo / būdavo / bus gyventa korreliert, vgl.:
1 P. Trost, LKK III 220 ff.; N. Sližienė, LKK IX 74, LKG II 152.
2 W. K. Matthews, SEER XXXIII 81, 352 ff.; A. Paulauskienė, Veiksm. 157.
3 J. Balkevičius, Sint. 95—6; N. Sližienė, LKG II 168; LKK XV 78; P. Gailiūnas, LKG II 59; E. Geniušienė, Kalbotyra XXIV (1) 31.
4 Beispielsweise ordnet P. Gailiūnas, Kalbotyra IV 76, die Passivpartizipien dem NN nicht zu; in LKG II 59 werden sie lediglich kurz, in einem Satz am Ende des Kapitels, erwähnt. Auch N. Sližienė führt sie in der Flexionsparadigmentabelle der zusammengesetzten Verbformen in LKG II 173—8 nicht auf.
5 Zu ihnen siehe N. Sližienė, LKK IX 74, LKG II 53 ff.
6 Die Konstruktionen esama mokoma, esama mokyta, būta mokoma hat J. Balkevičius, Sint. 95, in die Tabelle der Prädikatsausdrücke aufgenommen, jedoch kein einziges Beispiel dafür angeführt.
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bei uns war bereits zu Bett gegangen worden, als er kam Kp; mein Ažušnūsta war bereits gewesen, siehst du Mlt; ich habe es nicht umsonst gekauft, es war bereits hingebracht worden Slm; es waren Beeren hineingeflogen Brž; er war schon weggegangen Alz, Aln, Mlt, VIkv ir kt.; es war gekommen, Aneliutė Vžns; ich fand es nicht mehr, er war schon weggegangen Aln; da verstand ich, was hier bei mir zurückgelassen worden war Kp; jemand hatte Roggen gesät Auk; das Schreiben war verboten worden Stlm (LKT 310); ich hatte zwanzig Jahre gedient Žd; hier war man gegangen (die Kühe) Klp; bei mir war alles erledigt, aufgeräumt, gekocht und abgewaschen Rgv; früher, zu jener Zeit, war bereits gemäht worden Trg; du wirst hingehen, und dann wird es erledigt sein Mžš; wir werden bereits abgefahren sein Ds; Geht nicht, er wird schon abgefahren sein Kp; vielleicht wird es tatsächlich schon gebracht worden sein Mlt; dieses Pferd wird er gestohlen und verkauft haben Kp.
Auch mit einer Verknüpfung im Präsens wird die Neutrumform des passiven Partizips nicht selten in derselben Bedeutung wie in Konstruktionen ohne Verknüpfung verwendet, z. B.: hier, so scheint es, haben irgendwann Menschen gelebt Sk; bei mir ist es eingestürzt Sr; die Brust ist belegt, man hat Arznei getrunken Nmš; die Hasen sind ja zum Apfelbaum davongelaufen Vkš.
Andererseits müssen Konstruktionen ohne Verknüpfung auch keine deutlicheren modalen Bedeutungsnuancen aufweisen. Beispielsweise bedeuten in den Aukštaitischen verbreitete Äußerungen wie der Nachbar hat gedroschen, sie sind weggefahren, gesagt, getan … dasselbe wie der Nachbar hat gedroschen, sie sind weggefahren, haben gesagt, getan, und die Partizipien lassen sich als unpersönliche zusammengesetzte Präsensform mit Nullkopula auffassen, vgl. das Getreide ist gedroschen / gedroschen worden. Die kongruierende Form des passiven Partizips wird gelegentlich auch neben der Kopula būta verwendet, z. B.: beim Pfarrhaus war das Geld mit saurer Milch eingegossen worden Neršionys (LKT 310). In den žemaitischen Dialekten, in denen statt des Neutrums häufiger feminine Formen gebraucht werden, finden wir solche Formen bisweilen auch in den hier behandelten Konstruktionen, z. B.: ihre ganzen Anstalten (der Lehrer) vollgestopft; wie viele solcher Wurzeln sind geschält worden Pj⁷.
2.1.3. Die Neutrumformen der passiven Partizipien bilden also (anders als die zuvor behandelten Nominativformen der aktiven Partizipien) kein eigenes Paradigma, das mit dem Paradigma des Indikativs korreliert werden könnte. Hinsichtlich ihrer Struktur und grammatischen Zeitbedeutung schließen sie sich den zusammengesetzten Passivtempora an⁸. Es fehlt die grammatische Grundlage, sie als Formen des Modus relativus zu betrachten, denn eigenständige morphologische Kategorien können nur spezifische Formensysteme bilden, die anderen hinsichtlich bestimmter verallgemeinerter Bedeutungen gegenüberstehen. Auch mit dem NN bilden die Neutrumformen der passiven Partizipien keine deutlichere Korrelation (als Formen des Passivs im NN können sie aufgrund ihrer Bedeutung nicht gelten) und fügen sich ihm nicht ein. Die modalen Bedeutungen, die diese Formen im Satz meist (aber nicht immer) haben, reichen nicht aus, um sie aus den zusammengesetzten Tempora in einen eigenen Modus auszugliedern, denn diese Bedeutungen sind in vielen Fällen durch den Kontext bedingt; außerdem können auch andere zusammengesetzte Tempusformen, mit oder ohne Hilfsverb, sie aufweisen. Beispielsweise kann auch der Nominativ der maskulinen und femininen passiven Partizipien die Bedeutung einer unerwartet erlebten und Verwunderung hervorrufenden Handlung (d. h. eine admirative Bedeutung) haben: er geht hinein, schaut – sein Bruder ist an den Holzklotz genagelt Grš; das Mädchen kommt, um den Gänsen Hafer zu bringen; da sieht es, dass alle Gänse geschlachtet sind Norvaišiai LKT 244 (vgl.: schau, die Hühner sind schon ins Haus gegangen Škt LKT 159, siehe 1.2.1). Mit zusammengesetzten Futurformen mit aktiven und passiven Partizipien wird sehr häufig eine zweifelhafte, vermutete Handlung ausgedrückt; dennoch gelten sie deswegen nicht als eigener Modus (vgl. biaurybė
7 Vgl. die eindeutigen zusammengesetzten Passivtempusformen: seit alters her war Ackerland vom Gut zurückgelassen worden Žr; alles ist bereits geschnitten, herbeigebracht und gedroschen Als; man muss so lange leben, wie Gott es bestimmt hat Trš.
8 Auch E. Geniušienė behandelt sie als Einzelfälle im System der Passivformen, Диате́зы и залоги в современном литовском языке, – Типология пассивных конструкций, Диате́зы и залоги, Ленинград, 1974, S. 209 ff.
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er wird gestohlen haben Tlž; die Leute aus dem Hof werden zusammengekommen sein und diesen Namen erfunden haben SmIn; er wird ganz sicher schon weggeritten sein Brž; vielleicht wird es auch schon gebracht worden sein Kp)⁹. All dies zeigt, dass wir im Litauischen keine besonderen passiven Neutrumformen des Modus relativus haben, sondern einen bestimmten modalen Gebrauch passiver Partizipien, die sich an die zusammengesetzten Tempora anlehnen.
2.2.1. Den zusammengesetzten Tempora am nächsten stehen solche Konstruktionen mit Neutrumformen passiver Partizipien wie Roggen wird gesät | ist gesät worden, z. B.: abends wird Seil gedreht KzR; schon werden auch Kartoffeln gegraben Ds; die kleinen Löcher sind voll Honig, der eingegossen worden ist Ad; die Quappen sind an die Balken genagelt Šk; die Tür ist geöffnet und offengelassen KzR, ebenso Rk, Švnč, Gdr, Jnš, Tršk, Trk, Vv, Grl, Zp, Plv u. a.¹⁰, ähnlich auch in den älteren Schriften, z. B.: Tulszis… mit Wachs ausgefüllt war SG 21₅; die Knochen der Räuber waren gebrochen BrG 101, siehe A. Bezzenberger BGLLS 159–160. Von Fällen des Typs Roggen wird gesät | ist gesät worden unterscheiden sich diese Konstruktionen dadurch, dass das Partizip hier nicht mit dem Nominativ eines Nomens (Pronomens) kongruiert. Dieser Nominativ kann auch unausgedrückt bleiben; dann hat die Konstruktion eindeutig unpersönlichen Charakter, z. B. (jetzt) wird gesät | ist gesät worden11. (Der unpersönliche Charakter tritt auch in Konstruktionen mit Nominativ hervor, wenn die Neutrumform an die erste Stelle gesetzt wird; vgl. gesät wird | gesät worden ist Roggen.) Ihrer Funktion und ihren syntaktischen Beziehungen nach entsprechen die Neutrumformen der passiven Partizipien hier den Neutrumadjektiven, vgl. Bier ist schmackhaft und schmackhaft, die neben kongruierenden maskulinen und femininen Formen verwendet werden, Bier ist schmackhaft (mask.). Zwar ist diese Parallelität in der heutigen Sprache nur teilweise gegeben: Nicht alle Neutrumformen mit Zustandsbedeutung können durch kongruierende Adjektivformen ersetzt werden und umgekehrt¹²; die Unterschiede ihrer Bedeutungen und ihres Gebrauchs müssen besonders deutlich geworden sein, als sich die Neutrumformen zu prädikativen Wörtern entwickelten, die überwiegend nur noch Zustandsbedeutung hatten. In der Literatursprache verschwinden nichtkongruierende zweiteilige Konstruktionen mit Neutrumformen allmählich, doch im östlichen Teil des Gebiets der Aukštaitischen Dialekte sind sie noch gut erhalten; ihren baltischen Charakter bestätigen eindeutige Entsprechungen im Altpreußischen, z. B.: erains bou sei poklusman (=Jēderman sey vnterthan) 57₉, stai perōni… ast poklusman (die Gemeine… ist vnterthan) 65₁₆¹³; auch mit Partizipien des Präteritums, z. B.: stai grikai ast… etwierpton (die sünde seien… vergeben) 43₂₁; stai gannai bousei pomeston (Die Weiber sein vnterthan) 65₁₂¹⁴. In unpersönlichen lettischen Konstruktionen finden wir bereits maskuline Formen passiver Partizipien, die ähnlich wie die femininen Formen in den litauischen žemaitischen Dialekten verwendet werden, vgl. lett. nav gulēts „es wurde nicht geschlafen“, bij ilgi domāts un smagi iets15 und lit. žem. wie befohlen, so arbeite auch Als, alles ist bereits geschnitten, herbeigebracht und gedroschen Als, seit alters her war Ackerland zurückgelassen worden Žr, man muss so lange leben, wie Gott es bestimmt hat Trš. Der Konstruktionstyp ist hier erhalten geblieben, nur eine Form wurde durch eine andere ersetzt, weil das Neutrum stärker geschwunden ist. Die regelmäßige Verbreitung nichtkongruierender zwei- und eingliedriger Konstruktionen im baltischen Sprachgebiet zeigt, dass sie nicht-
9 Siehe auch N. Sližienė, LKK XI 34; LKG II 158. Solche Futurformen sind sogar in jenen Dialekten verbreitet, in denen andere Formen zusammengesetzter Tempora kaum vorkommen. In potentieller, optativer und imperativischer Bedeutung werden auch einfache Futurformen der 1. Person verwendet; siehe A. Jakulis, Lietuvių kalbos būsimojo laiko istorija, kand. dis. rankr. Vilnius, 1967, 121 ff.
10 Vgl. auch K. Brugmann, LB 319; J. Schmidt, Pluralb. 162 ff.; J. Endzelīns, ИОРЯС XXII. 2 190 ff.; J. Jablonskis, RR I 464 ff.; Ch. S. Stang, VGr. 265; Z. Zinkevičius, Dial. 268.
11 Aus Sicht des heutigen Litauischen gelten solche Konstruktionen als unpersönliche zusammengesetzte Passivformen; siehe N. Sližienė, LKK IX 74; V. Sirtautas, Kalbotyra XXI 72; E. Geniušienė, Kalbotyra XXIV (1) 27 ff. samt Literatur.
12 J. Jablonskis, RR I 465; A. Valeckienė, DB 555.
13 Siehe auch R. Trautmann, AprS. 244; J. Endzelīns, AprGr. 100.
14 Weitere Beispiele bei R. Trautmann, ib. 259; J. Endzelin, ib. 199.
15 A. Blinkena, MLLVG II 533, W. K. Matthews, SEER XXXIII 360.
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könnten durch die Erstarrung der Flexion von Adjektiven und Partizipien oder durch den Einfluss anderer Sprachen entstanden sein16; ihre Erklärung durch den substantivischen Gebrauch neutraler Adjektive17 wird jedoch durch die wesentlich geringere Produktivität eines solchen Gebrauchs ausgeschlossen. Daher gibt es keinen Grund, die unflektierten Konstruktionen der baltischen Sprachen als jüngere, aus flektierten hervorgegangene Bildungen anzusehen. 2.2.2. Entsprechungen zu den unflektierten baltischen Konstruktionen18 finden sich in zahlreichen indogermanischen Sprachen, vgl. Altbulgarisch skorpija sėklivo; ugodno… krotostb; Altrussisch епвхъ сладко а человѣкъ падко, Gotisch þannu gatauran ist marzeins galgins Gal 5, 11 „ergo evacuantum est scandalum crucis“, Griechisch οὐχ ἀγαθὸν πολυχρονίζειν, Latein mors omnium rerum extremum und andernorts19. Die neutralen Formen von Partizipien werden in den unflektierten Konstruktionen der slawischen Sprachen genauso verwendet wie im Litauischen, und zwar bereits seit den ältesten Denkmälern, also vor dem Schwund der Flexion der nichtpronominalen Partizipien, z. B.: Altbulgarisch glasъ tryby uslyšano budeť, Altrussisch головы поимано (1314), Alt-tschechisch města bylo dobyto20. Auch hier lässt sich das Fehlen der Kongruenz nicht durch spätere syntaktische Prozesse erklären21. Diese Konstruktionen sind Überreste früherer Epochen der Satzentwicklung. Historische und typologische Untersuchungen der indogermanischen Satzstruktur lassen vermuten, dass prädikative Nominalformen, die einen Zustand ausdrückten, in der indogermanischen Grundsprache unveränderlich und unflektiert waren und wahrscheinlich den reinen Stämmen entsprachen22. Gerade solche reinen Stammformen weisen die baltischen und slawischen neutralen Adjektive und Partizipien auf *-o in den hier behandelten Konstruktionen auf23. Die neutralen Formen der nichtpronominalen Partizipien im Litauischen, die die Verbposition einnehmen, waren demnach wahrscheinlich seit jener Zeit mit Nomina verschiedener Genera verbunden, als die heutige Adjektivflexion noch nicht ausgebildet war, und „die in prädikativer Funktion verwendeten reinen Nominalstämme wurden nicht mit dem Subjekt kongruiert“ (J. Kazlauskas, Ist. gr. 304)24. Wenn man die prädikativen Adjektiv-
16 Der Einfluss des Deutschen, den Ch. S. Stang in VGr. 179 sogar in Konstruktionen wie altpreußisch sta ioumas ni ast labban 57,7 (=litauisch tai jums nėra gera) erkennt, konnte unseres Erachtens lediglich den Gebrauch neutraler Formen mit maskulinen und femininen Nomina sowie Pronomina im Altpreußischen begünstigen.
17 K. Brugmann, Synt. 174–5.
18 Vgl. E. Fraenkel, Baltosl. 38.
19 F. Miklosich, VGr IV 29; Ф. И. Буслаев, Ист. Гр. 446; А. А. Потебня, Зап. I–II 114 tt.; Ш 358 tt.; B. Deibrück, VS. Ш 247–248; И. Эндзелин, ИОРЯС XXII 192 tt.; O. Lagerkrantz, Präd. 19–20.
20 F. Miklosich, ib. 365; А. А. Потебня, Зап. Ш 359 tt.; В. И. Борковский — П. С. Кузнецов, Ист. гр. 423 tt.; Ф. П. Филин, Происх. 495 tt.; J. Bauer, OSS II 334.
21 Die Auffassung, dass die unflektierten Konstruktionen im Altrussischen mit dem Schwund der Partizipialflexion zusammenhängen (П. С. Кузнецов, МИРД, III 71 tt.; С. М. Обнорский, Очерки 159; З. М. Петрова, УЗ ЛПИ ССП,36 tt.), oder dass sie später aus verbalen Wendungen hervorgegangen seien (А. А. Шахматов, Синт. I 119, Т. П. Ломтев, Очерки 209 tt.), steht im Widerspruch dazu, dass unflektierte Konstruktionen bereits in den ältesten Denkmälern belegt sind (vgl. Ф. П. Филин, ib. 499), sowie zu ihrer Verbreitung in verschiedenen slawischen Sprachen und den deutlichen Parallelen in anderen indogermanischen Sprachen. Zum archaischen Charakter dieser Konstruktionen vgl. auch О. С. Мельничук, Вступ. 383; Розв. 142–3.
22 Vgl. W. Lehmann, PIE, 69 tt., 199 tt., 208 mit Lit.
23 Zum Alter der neutralen Nom.-Akk.-Form auf *-o siehe S. Agrell, Neutr. 18; T. Milewski, Indohitt. 22–23; V. Mažiulis, Balt. 84 tt. mit Lit.; J. Kazlauskas, Ist. gr. 124. Die traditionelle Auffassung, dass das auslautende -a der baltischen neutralen Formen (gera, eita usw.) auf < *-od zurückgeht (R. Trautmann, AprS. 244, J. Endzelīns, ИОРЯС XXII 192, AprGr. 99 tt. u. a.), ist schon deshalb weniger überzeugend, weil sie die o-stämmigen Nomina von den übrigen isoliert, deren neutrale Form seit jeher als reiner Stamm gilt (vgl. K. Brugmann, Grdr. II₂ 144). Eine Flexion auf -d/t weisen weder die baltischen und slawischen Sprachdaten noch die einst aus dem Baltischen entlehnten neutralen Nomina in den finnischen Sprachen auf; siehe J. Kazlauskas, Ist. gr. 123; V. Mažiulis, ib. 85.
24 Auf den archaischen Charakter des prädikativen Gebrauchs unflektierter neutraler Formen (z. B. litauisch šalta, salta, gražu, altbulgarisch sladko, gotisch filu) wies O. Lagerkrantz, Präd. 12, 19 tt., hin und vertrat die Auffassung, dass ursprünglich jedes prädikative Adjektiv im Indogermanischen eine neutrale Singularform gehabt habe, während die Unterschiede nach Genus und Numerus erst später entstanden seien.
29
Angesichts des archaischen Charakters der Formen der Pronomen und der unflektierbaren Partizipien sowie der unbestreitbaren Entsprechungen im Sprachgebrauch verwandter Sprachen kann das Modell (alus) gardu ebenso wie seine Variante (rugiai) sėjama / sėta als indogermanisch gelten²⁵.
2.2.3.
Es ist leicht zu erkennen, dass dieses Modell nichts anderes als einen Nominalsatz mit einem unflektierten Hauptteil darstellt (A. Valeckienė, DB 557). Bei der Untersuchung des Gebrauchs der unflektierbaren Neutrumformen der Partizipien gelangen wir somit erneut zum Nominalsatz, auf dem die Konstruktionen mit aktiven Partizipien beruhen. Wie bereits erwähnt, wird das aktive Partizip in ihnen gewöhnlich mit dem Nominativ des Agens kongruiert. Kongruierende Konstruktionen sind jedoch nicht die einzigen und offenbar auch nicht die ältesten. Dass den Hauptteil des Nominalsatzes einst unflektierte aktive Partizipien ohne besondere Flexion bilden konnten, wird aus dem Gebrauch ihrer Neutrumformen sowohl mit maskulinen als auch mit femininen Substantiven und Pronomen deutlich, z. B. broliai | seserys sėja, sėję, sėdavę, sėsią. Ein solcher Sprachgebrauch, der in einem großen Teil des litauischen Sprachgebiets erhalten geblieben ist²⁶, kann nicht neu sein, denn sowohl in den Deklinationsparadigmen der Adjektive als auch der Partizipien bleibt der Genusgegensatz gut erhalten; er lässt sich nur als syntaktischer Archaismus erklären, wenn man annimmt, dass „ursprünglich die Neutrumform des Singulars mit einem Subjekt beliebiger Zahl und beliebigen Geschlechts verbunden werden konnte“ (J. Endzelīns, ИОРЯС XXII 198)²⁷.
Neben zweigliedrigen Äußerungen des Typs seserys ėjo haben wir auch eingliedrige mit Neutrumformen, z. B. (heute) sninga, (früher) snigė, snigdavę, (morgen) snigsią (vgl.: sako par jum visą vasarą lyją Rk; kur tau neliję Ds; jau buvo praušę, kai sukilo Grž LKŽ I, 515; sniegutėlio pasnigę Lz LKT 395). In unpersönlicher Bedeutung werden diese Formen auch in verschiedenen Konstruktionen mit Konjunktionen gebraucht, z. B.: nėra kas daro, kur eina usw.; siehe auch 1.9.3. Sie finden sich auch in Sätzen, die das Vorhandensein bestimmter Dinge ausdrücken, z. B.: čia vabalų esą Mž; vilkų esą Rk; dabar da teip tebesa Rk; rugių nesą Slm, Vkš; labai mėlynių buvę Kp, ebenso mit neutralen Adjektiven, z. B.: aje gi kaip gražu būdavę Ut, vgl. Jų darbai bei buriškos budavonės tikt bjauru esą bei gėda žiūrėti DonR 55. Solche Sätze, aus denen sich offenbar esą als Modalwort entwickelt hat (vgl. esą, jūs turit išeit Šk), sind ihrer Bedeutung nach Sätzen mit den Neutrumformen der unflektierbaren Partizipien gleichwertig, vgl.: kumelei nieko nešama Ds; kitiems pasaulyje esama dar blogiau LKŽ III 740; kiek čia esama nelaimių VaižgRR II 115; šiąnakt vilkų būta Plš; seniau ten būta grybų Mlt. Die syntaktische Position der Neutrumformen aktiver und passiver Partizipien ist hier völlig identisch, und die einen können ohne Weiteres durch die anderen ersetzt werden. Die Konstruktionen einfachsten und offenbar ältesten Typs mit den Neutrumformen aktiver und passiver Partizipien stimmen also im Wesentlichen strukturell überein. Die Grundlage beider bilden aus der indogermanischen Grundsprache ererbte Nominalsätze; nur in den Konstruktionen
25 Das Alter des Modells (alus) gardu wird auch durch den Gebrauch hethitischer Neutrumformen von Adjektiven bestätigt, z. B. aššu „gut, gut“, mekki „viel“, siehe E. Benveniste, Hitt. 64.
26 Siehe Z. Zinkevičius, Dial. 378–9, 381–2 und die Belegsammlung des Atlas der litauischen Sprache. Besonders verbreitet sind die Neutrumformen der aktiven Partizipien des Präteritums, die in der Literatursprache vermutlich nur aufgrund eines Paradigmenausgleichs und des Einflusses der ostpreußisch-litauischen Schriftsprache, insbesondere der Grammatik von F. Kurschat, nicht normgerecht wurden; siehe V. Rimsas, Kalbotyra XXIV (1) 80.
27 Ähnlich wird heute die Neutrumform des aktiven Partizips des Futurs in den Dialekten von Lazūnai, Gudeliai, Kabeliai und einigen anderen Randgebieten des litauischen Sprachraums gebraucht, z. B.: tį boba būvo až pečių pruklaupį, vilkas išgąsti, rasizōji guli Lz (E. Grinaveckienė, LKK III 200); viškia pabuvai: ir pavalgi*, ir alkanā Gdlš (LKT 369). Eine solche Verallgemeinerung der Neutrumform kann hier jedoch auch später entstanden sein, infolge der Erstarrung der Partizipien (vgl. ähnlich erstarrte Halbpartizipformen in Gudžiūnai LKT 368, in Zietela LKG II 378 u. a.).
30
bei den passiven Partizipien ist ihr älteres Strukturmodell besser bewahrt und stärker verallgemeinert (d. h. mit unflektierten Neutrumformen).
2.2.4 Die weitere Entwicklung der Konstruktionen mit Neutrumformen hängt mit der Einordnung der passiven Partizipien in das System des verbum finitum und mit der Herausbildung des Passivs zusammen.
In den ostbaltischen Sprachen ist das Passiv nicht überall vollständig ausgebildet. In einigen litauischen Dialekten (z. B. den südsamogitischen und einem Teil der ostaukštaitischen) besteht es nur aus unpersönlichen Konstruktionen mit Neutrum-Partizipien. In den samogitischen sowie den westlichen und einem Teil der ostaukštaitischen Dialekte sind jedoch Passivformen mit maskulinen und femininen Partizipien weit verbreitet. Seit den Anfängen der Schriftlichkeit werden sie in vielen Denkmälern des 16.–17. Jahrhunderts verwendet.
Bei der Herausbildung des Passivs erhielt der adnominale Genitiv, der seit alters in possessiven Konstruktionen gebraucht wurde, die Bedeutung eines Genitivs des Agens (genetivus auctoris)28. Der Gebrauch des Genitivs mit *to-Partizipien, die eine passive Bedeutung annehmen oder angenommen haben (insbesondere solchen, die Substantiven nahestehen), ist auch im Altindoarischen29, im Griechischen30 und vielleicht im Altpersischen31 belegt, wurde jedoch nirgendwo so weit entwickelt wie im Litauischen. Der gen. auctoris wurde hier sowohl bei passiven Partizipien transitiver als auch intransitiver Verben verallgemeinert, und neben namas tėvo statoma verbreiteten sich Konstruktionen des Typs tėvo sėdima. In Sprachen, in denen das Agens der Handlung des passiven Partizips durch andere Kasus und Präpositionalgefüge ausgedrückt wurde (meist ebenfalls possessiven Ursprungs), wurden diese bisweilen auch mit den Neutrumformen der passiven Partizipien verbunden, vgl. lat. dictum est a te, ahd. iz ist gescriban fona dir (P. Trost, LKK III 221). Besonders weit verbreitet ist ein solcher Gebrauch in russischen Dialekten, wo der Ausdruck des Agens stark variiert: Neben der vorherrschenden Konstruktion Y + Genitiv, z. B.: мпу овцы у волка зарезано (В. А. Матвеенко, МИРД II 125), findet sich hier auch der Instrumental des Agens (деньги тестям подарено ib. 128), от+Genitiv (от Петьки писано ib. 130) u. a. Neutrumformen der Partizipien werden in solchen Fällen auch von intransitiven Verben gebildet, z. B. у меня в хозяйство вхожено32. Obwohl der Ausdruck des Agens unterschiedlich ist, liegt die typologische Parallelität dieser Konstruktionen mit den litauischen auf der Hand. Beim Vergleich gelangte W. K. Matthews, SEER XXXIII 365, zu dem Schluss, dass in beiden Sprachgruppen unpersönliche Sätze mit Neutrumformen passiver Partizipien ihre Grundlage bildeten.
28 Zum Verhältnis des gen. auctoris zum possessiven Genitiv siehe K. Brugmann, Grdr. II₂ 601; B. Delbrück, VS. I 348; E. Fraenkel, Kas. 95 mit Lit.; Baltosl. 37 mit Lit.; H. Pedersen, KZ XL 152. Zum gen. auctoris im Lettischen J. Endzelīns, LaGr. 561. Den possessiven Ursprung des litauischen gen. auctoris zeigen auch die als Agens verwendeten Possessivformen der Pronomen: mano, tavo atnešta (ne manęs, tavęs), vgl. E. Fraenkel, Kas. 96; V. Žulys, Baltistica V (2) 170.
29 K. Brugmann, ib.; B. Delbrück, AiS. 153; VS I 348; E. Fraenkel, Baltosl. 37.
30 K. Brugmann, ib. 601; LB 321.
31 Siehe H. Hübschmann, Cas. 270, B. Delbrück, VS. I 348; E. Benveniste, BSL XLVIII 52 ff. mit Lit. Im Altpersischen entsprechen Konstruktionen des Typs manā kṛtam ihrem Aufbau nach genau dem litauischen māno kūrta (Genitiv-Dativ + Neutrumform eines verbalen Adjektivs auf *to); der passive Charakter der darin auftretenden *to-Formen wird jedoch in jüngster Zeit diskutiert: E. Benveniste, ib. 52–62, betrachtet sie als Verbalnomen und die Konstruktion selbst als possessiv; gegenteiliger Auffassung ist G. Cordona, Lg XLVI 1–12. Der Meinungsunterschied dürfte darauf zurückgehen, dass sich diese Konstruktion nur unzureichend von possessiven Konstruktionen abhebt, d. h. auf eine sehr frühe Phase der Passiventwicklung; als passiv-possessiv betrachtet sie D. I. Edelman, ВЯ 1974. 1 23–24, im Unterschied zu M. M. Guchman, Эпр. 71–72, die die possessive Konstruktion strikt von der passiven trennt. Zu den Anfängen des gen. auctoris in anderen indogermanischen Sprachen siehe G. Cordona, ib. 2–3.
32 Н. Б. Кузьмина – Е. В. Немченко, Синт. 109; dort ebenda 17–116 ausführlich zu passiven Konstruktionen mit Neutrumformen in russischen Dialekten, mit Literaturangaben.
31
(z. B. mak būtum ne bŭtmo, vgl. lit. taip nebūta, čia visai nelyta lmb), die später um verschiedene Kasus erweitert wurden. Diese Schlussfolgerung ist zu ergänzen: Sowohl im Litauischen als auch im Russischen sind nicht nur unpersönliche, sondern auch zweiteilige persönliche Konstruktionen mit einer nicht kongruierenden Partizipialform als ursprünglich anzusehen, etwa vom Typ rugiai pjauta oder bambka ubūto33.
Ihrem Strukturtyp nach erinnern die hier behandelten Konstruktionen an ergative Konstruktionen, in denen der Agent einer aktiven Handlung durch einen obliquen Kasus und das Objekt durch den direkten Kasus (Nominativ) ausgedrückt wird34. Da viele Forscher eine ergative oder ergativähnliche Satzstruktur auch für die urindogermanische Epoche rekonstruieren35, wird bisweilen die Frage aufgeworfen, ob die Konstruktionen mit den neutralen Formen der nicht kongruierenden Partizipien nicht Relikte jener alten vor-nominativischen Satzstruktur sind36. Der litauische Genitiv ist jedoch ebenso wie der russische Instrumental in diesen Konstruktionen durch die passive Form des nicht kongruierenden Partizips bedingt und untrennbar mit anderen Fällen des Gebrauchs des Genitivus (bzw. Instrumentalis) auctoris verbunden; die Präpositionalgruppen mit obliquen Kasus in russischen Dialekten (z. B. у него ушло) sind wahrscheinlich noch jüngeren Ursprungs37. Als Relikt grauer Vorzeit könnte man nur nominale Konstruktionen ansehen, die einst der passiven Konstruktion mit obliquem Kasus zugrunde lagen38. Die Annäherung der passiven Konstruktionen im Litauischen und Russischen an ergative Konstruktionen ist dagegen offenbar ebenso eine Folge späterer Entwicklung wie die Entwicklung von ihrem Wesen nach nominativischen Konstruktionen mit Verbalnomina auf die Suffixe to und to zu ergativen Konstruktionen im Alt Persischen39 und im Armenischen40. Ebenso verfügen wir über keinerlei Daten, die die Annahme zuließen, dass der Nominativ mit der neutralen Form des nicht kongruierenden Partizips einst wie ein Agensnominativ mit einem Verb verbunden gewesen sein könnte, d. h., dass Konstruktionen vom Typ rankos kelta „die Hände heben“ bedeutet haben könnten41. Eine solche Umwandlung des Nominativs in einen Agensgenitiv wäre völlig unverständlich und unerklärlich.
2.2.5. Die Unterschiede im Ausdruck des Handlungsagenten und die Variation der obliquen Kasus zeigen, dass die Konstruktionen mit neutralen Formen der nicht kongruierenden Partizipien in den ostbaltischen und slawischen Sprachen unabhängig voneinander erweitert wurden. Die parallele Entwicklung dieser Konstruktionen verlief in beiden Sprachgruppen jedoch in sehr ähnlicher Richtung, obwohl sie von unterschiedlichen morphologischen Prozessen beeinflusst wurde.
33 Mit dem Agens im Instrumental werden sie mitunter bereits in altrussischen Denkmälern erweitert, z. B.: медъ дано бысть богомъ (im Text von 1076, siehe Ф. П. Филин, Происх. 495).
34 Aufgrund dieser typologischen Ähnlichkeit bezeichnet W. K. Matthews Konstruktionen wie jų laikoma arklys u. Ä. schlicht als litauischen „Ergativ“ (ebd. 352, 364); ähnlich äußert sich über das Russische В. С. Храковский, ВЯ 1972, 5 35 ff.
35 Vgl. C. C. Uhlenbeck, IF XII 170–1; KZ XXXIX 600 ff.; H. Pedersen, Hitt. 83 ff., A. Vaillant, BSL XXXVII 93 ff., E. Laroche, BSL LVII 23 ff.; B. B. Иванов, Общ. 51 ff., A. Н. Савченко, Эрг. 74–90; Ср. гр. 364 ff.; V. Mažiulis, Balt. 79–80.
36 Vgl. G. Janke, Pass.; M. M. Гухман, Эрг. 68 ff.
37 П. Я. Черных, Ист. гр. 281–2. Da die Verbindungen y + Genitiv in Karelien und den nordrussischen Dialekten verbreitet sind, vermutet W. Veenker, Substr. 137 ff., dass sie durch finnische Konstruktionen mit Adessiv stimuliert wurden.
38 Vgl. M. M. Гухман, Эрг. 72; zum Litauischen A. Valeckienė, DB 556–7. Als archaisch gilt auch der Gebrauch des Genitivs mit Verbalnomina (nomina actionis) zum Ausdruck des Agens, siehe Э. Бенвенист, ОЛ 163–4; В. В. Шеворошкин, ВЯ 1957, 6 89; gegenteilig C. Watkins, Remarks on the genetiv, – To honor R. Jacobson, II, The Hague, 1967.
39 Д. И. Эдельман, ВЯ 1974. 1 23–24; А. А. Пирейко, Эрг. 135–141; М. М. Гухман, ebd. 71–2; siehe auch Anm. 31.
40 A. Meillet, MSI, XI 375 ff., 385; Altarm. 74, 114; H. Pedersen, KZ XL 152 ff.
41 J. Kazlauskas, Ist. gr. 332–3, vgl. die Kritik an dieser Auffassung von A. Girdenis, V. Žulys, Baltistica VIII (2) 201.
32
2.2.5.1. In der litauischen Sprache muss hier das Verschwinden des sächlichen Geschlechts bei Substantiven eine große Rolle gespielt haben42. Nach dem Verschwinden des sächlichen Geschlechts bei Substantiven und den meisten Pronomen war der Gebrauch sächlicher Formen von Adjektiven und Partizipien weitgehend auf die prädikative Funktion beschränkt (der substantivische Gebrauch sächlicher Formen ist vergleichsweise selten und unproduktiv). P. Trost hat überzeugend gezeigt, dass unter diesen Umständen die sächlichen Formen von Adjektiven und passiven Partizipien, nachdem sie ihren morphologisch ausgedrückten Bezug auf Substantive (Pronomen) verloren hatten, zu unpersönlichen Ersatzformen des verbum finitum – zu Prädikativa – werden mussten43. Im Satz nahmen sie eine zentrale Stellung ein, während die mit ihnen verbundenen Substantive (Pronomen) im Nominativ an den Rand rückten. Auf diese Weise näherten sich die zweigliedrigen, nicht kongruierenden Konstruktionen den eingliedrigen unpersönlichen Konstruktionen an.
Im heutigen Litauisch ist dieser Prozess der Neuordnung syntaktischer Beziehungen noch nicht endgültig abgeschlossen und morphologisch festgeschrieben. Ein Nomen oder Pronomen, das mit einem sächlichen passiven Partizip verbunden ist und das Objekt der Handlung eines transitiven Verbs bezeichnet, steht im selben Nominativ wie in anderen passivischen Konstruktionen, z. B.: jau ir rugiai sėjama Pnd; gyvuliai šeriama iš ryto Ds; bulbės seniai nukasta Šl; žiūri, gi vogta pinigai Šmn; ar atarta burokai Grž usw. (vgl. rugiai sėjami, gyvuliai šeriami, bulbės nukastos usw.); der Agens kann hier auch durch den Genitiv des Handelnden ausgedrückt werden, z. B.: jų laikoma arklys LKŽ VII 36; namie liekančiųjų buvo kepama bulbės VaižgRR I 151; mūs čia trys ailės apvažiūta Vlk; jos mokėta rublis Ktk; jų čia buvo pasėta javai Prn; jo dar nusipirkta arkliukas Vs (LKT 381); aš eisiu — tę kilpos mano pastatyta Rš. Der zweigliedrige Charakter der Konstruktion tritt deutlich hervor, wenn das Objekt im Nominativ durch ein sächliches Pronomen ausgedrückt wird, z. B.: tai jo suvalgyta Švnč, mano visa pamiršta, nieko nemenų Ssk, oder durch eine synonymische maskuline Form, z. B. viskas mano pridūvota Glv, vgl. tai (visa viskas) gera.
Gegenwärtig werden jedoch am häufigsten Konstruktionen mit sächlichen Formen passiver Partizipien intransitiver Verben und dem Genitiv des Handelnden gebraucht, z. B.: žemės džiūstama ir išdžiūstama Ds (LKŽ II 744); kieno čia gyvenama? Pl; ir jo važiuojama turgūn Ktk; karvės ineita kluonan Vrn; jo jau seniai atsikėlta Kt; mano visur gyventa Alk; jo užmigta / (iš)miegota Jnš, Rk, Kš, Kn; čia šunio bėgta Prn, Vlkn, Šlčn, Rk; nueita jo į kūtę ir pasikarta Šd, tę namo dėgta Ob; turėta paukščio medy Vb; lietaus palyta Dj.
Der Genitiv des Handelnden (in diesem Fall des Zustandssubjekts) tritt auch bei sächlichen Formen der passiven Partizipien des Verbs būti auf, z. B.: kiek ten varnų esama! Plš; o tę kieno būta? Dbg; lietaus būta Eiš; jo būta ir išeita Slm, Kp, ebenso in emphatischen, erstarrten Konstruktionen wie būta vyro — piemuo ir tiek! Lp (LKŽ I 995), gelegentlich zusammen mit einem zweiten Genitiv, der dem prädikativen Bestandteil der aktiven Konstruktion entspricht, z. B.: vėjaus naktį būta didelio Ob; pilnos būta mašinos Rdm. Solche Konstruktionen bezeichnen bestimmte Zustände und stehen den unpersönlichen Konstruktionen nahe. Der Genitiv des Personalpronomens erhält darin mitunter eher eine lokale als eine personenbezogene Bedeutung; so bedeuten etwa die Wendungen mūsų jau išsikulta, pasėta, nukasta u. Ä. in einem großen Gebiet der ostlitauischen Dialekte ungefähr dasselbe wie pas mus (arba par mūm) jau išsikulta, pasėta, nukasta.
⁴² Plg. B. Delbrück, VS I 407 tt.
⁴³ In dieser Hinsicht unterscheidet sich P. Trosts Auffassung von der W. P. Matthewss, der alle Konstruktionen mit sächlichen Formen passiver Partizipien aus unpersönlichen Konstruktionen herleitet. Während P. Trost die Entwicklung der zweigliedrigen Konstruktionen mit passiven Partizipien in Richtung auf Unpersönlichkeit überzeugend darlegt, geht er überhaupt nicht auf die ihrer Natur nach eingliedrigen unpersönlichen Konstruktionen ein, deren Archaismus unseres Erachtens unzweifelhaft ist.
3. Užs. Nr. 1026
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Da Konstruktionen mit Partizipien intransitiver Verben am produktivsten sind, werden nach ihrem Vorbild die syntaktischen Beziehungen auch in Konstruktionen mit sächlichen Formen passiver Partizipien transitiver Verben neu geordnet. Der Nominativ, der zuvor zu den zentralen Bestandteilen der zweigliedrigen Passivkonstruktion gehörte, wird nun von der unpersönlichen Form des passiven Partizips abhängig, die den Satzkern bildet, und die Äußerung jo rašoma laiškas, einst gleichbedeutend mit laiškas (yra) jo rašoma, erhält dieselbe Bedeutung wie (jo) rašoma laišką, vgl. jo laukiama svečių (ne svečiai!). Anders gesagt: Das frühere Subjekt des Satzes wird zum Objekt, und die zweigliedrige persönliche Konstruktion zu einer eingliedrigen unpersönlichen⁴⁴. Deshalb wird der Nominativ in diesen Konstruktionen bisweilen bereits durch den Objektakkusativ ersetzt, z. B. su grūdų iš drevių medų kopama Lp⁴⁵, während die Form des Objektgenitivs bereits völlig regelmäßig ist, z. B.: mamos jos laukta Kp, lydekų priversta Vrn, jo buvo rasta pinigų Rd. Die syntaktischen Beziehungen sind ähnlich wie in Infinitivkonstruktionen neu geordnet, z. B. šulinio vanduo sveika gerti⁴⁶, in denen der Nominativ, der zunächst durch eine prädikative Beziehung mit der sächlichen Form verbunden war, vom Infinitiv abhängig wurde⁴⁷ und dem Akkusativ synonym ist, vgl. šulinio vandenį sveika gerti⁴⁸. Der Gebrauch des Objektnominativs bei Infinitiven und Gerundien in den ost- und südlitauischen Dialekten (z. B.: kur čia arklys gavus, namai statant daug priedėlio reik JaBIrR I 560) trug dazu bei, dass der Nominativ mit der entsprechenden Bedeutung auch bei den sächlichen Formen passiver Partizipien erhalten blieb.
2.2.5.2. In den slavischen Sprachen: Entwicklung der Konstruktionen mit sächlichen Formen von Adjektiven und Partizipien
wurde die Entwicklung durch einen anderen morphologischen Prozess beeinflusst, nämlich durch die Herausbildung der pronominalen Flexion bei Adjektiven und Partizipien. Mit dem Erhalt pronominaler Endungen unterschieden sich attributive Adjektive und Partizipien formal von den prädikativen. Obwohl das sächliche Geschlecht der Substantive in den slavischen Sprachen erhalten blieb, wurden die sächlichen nom.-acc.-sing.-Formen der prädikativen Adjektive auf -o, -e (z. B.: akslaw. gorbko, drevlje, altruss. зъло, добро, бѣрзо⁴⁹), die den alten nominalen Stammvokal bewahrt hatten, von den flektierten pronominalen Adjektiven unterschieden, die mit sächlichen Substantiven kongruierten. Da die sächlichen nom.-acc.-Formen seit alters her unpersönlich gebraucht werden konnten und eine adverbähnliche Bedeutung hatten (K. Brugmann, Grdr II₂ 688 ff.), wurden sie, nachdem sie sich von den übrigen Adjektiven gelöst hatten, leicht zu bestimmten Zustandsadverbien – Prädikativa. Unter diesen Umständen wurden die alten zweigliedrigen, nicht kongruierenden Konstruktionen, z. B. altruss. поручено же быть ему стража (П. Я. Черных, Ист. гр. 281) oder alttschech. města bylo dobyto (J. Bauer, OSS II 334), im Laufe der Zeit als eingliedrige unpersönliche Konstruktionen verstanden, der Nominativ (стража, města) als abhängig vom unflektierbaren Prädikativ (поручено, dobyto). Die Folgen waren ähnlich wie im Litauischen—
44 Vardininko linksnį tiesioginiu papildiniu tokiose konstrukcijose laiko B. Larinas, LKK VI 100 tt.; J. Balkevičius, Sint. 189—190.
45 Plg. E. Fraenkel, Baltosl. 39; N. Sližienė, LKG II 53.
46 Zur Struktur und Verwendung dieser Konstruktionen siehe J. Jablonskis, RR I 161—162, 325, 328, 454, 458, 461—462, 560—564; E. Fraenkel, Kas. 14—16; Б. А. Ларин, LKK V 100 ff.; J. Balkevičius, Sint. 85—86, 115; A. Senn, Hdb. I 467—8; A. Laigonaitė, LKG I 183; A. Piročkinas, Kalbotyra XXII (1) 61—69; J. Otkupščikovas, Noch einmal zur Konstruktion reikia vaikai guldyti, — Fragen der Lexik und Syntax, Šiauliai, 1974, 151 ff. mit Lit.
47 J. Endzelīns, LjaGr. 553—554; V. Kiparsky, Baltistica V (2) 147; kitaip Б. А. Ларин, LKK VI 103 tt.
48 Dėl konstrukcijų su vardininku ir galininku santykio žr. J. Otkupščikovas, ib.
49 Apie jas žr. K. Brugmann, Grdr. II₂ 691; A. Meje, Общесл. 378; П. С. Кузнецов, Ист. морф. 140, В. И. Борковский — П. С. Кузнецов, Ист. гр. 321.
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…: die Ausbreitung eingliedriger Konstruktionen mit substantivierten neutralen Formen der Partizipien von intransitiven Verben (z. B. russ. dial. бежано со сковородкой50, alttschech. by na lov… jėno, prošeno mne51), ihre Verwendung mit indirekten Agenskasus und Präpositionen (russ. dial. у волков тут хожено, у них уехано52) sowie den Ersatz des Nominativs durch den Akkusativ. So können etwa die in den nordwestlichen Dialekten des Russischen am weitesten verbreiteten Konstruktionen des Typs изба поставлено inzwischen als unpersönliche Konstruktionen mit Objekt im Nominativ betrachtet werden53; daneben werden entsprechende Konstruktionen mit Akkusativ viel häufiger als im Litauischen verwendet: его убито, подошву оторвано54. Im Ukrainischen sind Konstruktionen des Typs мене підбито, die seit dem 14. Jahrhundert belegt sind, heute völlig regelmäßig55; Ähnliches gilt für das Polnische, z. B. wzięto go, podano herbatę usw.56 Die Morphologisierung des von der unpersönlichen Partizipialform abhängigen Objekts ist hier noch weiter fortgeschritten als im Litauischen.
Ähnlich sind die syntaktischen Beziehungen in Konstruktionen des Typs надо трава косить umgruppiert57: Auch hier ist der Nominativ vom Infinitiv abhängig geworden und fungiert als Synonym des Akkusativs58. Der Objektakkusativ mit unpersönlichen Verbformen kommt auch in anderen indogermanischen Sprachen vor (Oskisch-Umbrisch, Lateinisch, Griechisch, Keltisch)59.
Die litauischen Konstruktionen mit substantivierten neutralen Partizipialformen entsprechen somit hinsichtlich ihrer Struktur und Entwicklungstendenzen im Wesentlichen den slawischen und weisen Parallelen in anderen indogermanischen Sprachen auf. Deutlicher unterscheiden sie sich lediglich in ihren modalen Bedeutungen.
2.3. Die substantivierten neutralen Partizipialformen haben ähnliche modale Bedeutungen wie der NN mit aktiven Partizipien. Sie bezeichnen ebenfalls:
1) eine wiedergegebene, indirekt erfahrene Handlung oder die Rede und Gedanken einer anderen Person, z. B.: sako, ten seniai nebegyvenama Kp; Vilius Karalius žino, jog čia dar esama vieno kambario SimonVK II 373; kai pagalvoji, kiek pergyventa viso Virškūpėnai LKT 290; sako, penkių (vilkų) ėta Al; sako, jų vogta Dgl; sako, mano apsigauta Kš;
2) eine zweifelhafte, ungefähr bekannte Handlung, z. B.: anoj upės pusėj gerų bėšama ganyklių Jnšk; čia, tur būt, ir grybų ėšama Kp; reikėta važiuot toli į miestus parsi-
50 Н. Б. Кузьмина — Е. В. Немченко, Синт. 18.
51 J. Bauer, TLP II 234; OSS II 334.
52 А. А. Потебня, Зап. III 344; П. Я. Черных, Ист. гр. 281—2; В. И. Борковский — П. С. Кузнецов, Ист. гр. 427; И. Б. Кузьмина — Е. В. Немченко, Синт. 17 tt.
53 И. Б. Кузьмина — Е. В. Немченко, Синт. 47 tt., 51, 56 tt.
54 В. А. Матвеенко, МИРД II 103 tt.; Slavia XXIX 352 tt.; И. Б. Кузьмина — Е. В. Немченко, Синт. 37 tt. su lit.
55 А. А. Потебня, Зап. III 342; В. А. Матвеенко, Slavia XXIX 352; Ф. П. Филин, Происх. 497.
56 A. M. Lewicki, Geneza struktur typu „Podano herbatę“ PJ 1966 5, 207; В. И. Собинникова, OSS II 359—363; zu Weißrussisch, Polnisch und anderen Sprachen siehe auch E. Fraenkel, Baltosl. 39.
57 Zur Herkunft dieser Konstruktionen aus possessiven Sätzen siehe А. А. Потебня, Зап. I—II 405 ff.; П. Я. Черных, Ист. гр. 288; В. И. Борковский, Гр. I 338—51; В. И. Борковский — П. С. Кузнецов, Ист. гр. 455—9; V. Kiparsky, ZfSPh XXVIII 333—42; XXXIII 263—266; Baltistica V (2) 141—8 mit Literatur. Die objektische Bedeutung des Nominativs betrachtet B. Larin, LKK VI 104—6, als archaisch und erklärt sie durch den Einfluss eines prähistorischen Substrats (zur Kritik dieser Auffassung siehe G. Jacobsson, Zur Frage von Nominativ als Kasus des direkten Objekts in Slavischen, Lingua viget, Helsinki, 1964, 71—82; Ф. П. Филин, Происх. 488, V. Kiparsky, Baltistica V (2) 145). Ф. Филин, ebenda 490 ff., meint, dass diese Konstruktion in den nördlichen russischen Dialekten neu, lokalen Ursprungs und nicht mit den entsprechenden baltischen Konstruktionen verbunden sein könnte.
58 Siehe И. Б. Кузьмина — Е. В. Немченко, Синт. 46 mit Literatur.
59 H. Hirt, IdgGr. VI 15—6 su lit.
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Salz zu fahren Btg; offenbar gab es dicke Kiefern Sd; vielleicht ist auch mein Pferdchen dort herumgetrampelt Rdn; (der See) muss groß gewesen sein, aber er wird zuwachsen Zr; vielleicht hat der Hund in der Nähe der kleinen Öffnung etwas erwischt Ob;
3) eine zur Sprechzeit unerwartet wahrgenommene Handlung, die oft Erstaunen hervorruft, z. B.: die Brautwerber kamen herein und sahen sich um: Hier sind ja zwei Mädchen Ds; sieh an — hier wird schon gepflügt Kp; da schaut man hin — er wird noch lebend herausgezogen BM 18; ich komme herein, und sie sind schon in den Wald gegangen Nmn; der Zwerg … ruft das Mädchen, sie antwortet nicht; er schaut hin: Die Gebeine sind zusammengelegt Vėžionys (LKT 378); schau, wie viele Bienenstöcke aufgestellt sind — der ganze Garten ist voll Vnd (LKT 222); die Alte … kam heraus, hackt Holz — in der Stube ist Wasser verschüttet Rš (LKT 337); aber das Pferd schnaubte, da kam ich wieder zu mir — ich muss geschlafen haben StIm (LKT 316); man findet ein kleines Buchweizenfeld, macht es auf und sieht: Viel Fleisch ist hineingelegt Spitrėnai (LKT 324);
4) eine aus den Ergebnissen erschlossene oder vermutete Handlung, z. B.: Hier muss das Vieh geweidet haben, man sieht ja die Spuren Skp; auf dem Weg sind nur die Fahrspuren eines Wagens — hier bin ich gefahren Btg; der Bettler hat am Baumstumpf gesessen, ein Feuer gemacht und ist weitergezogen Pšl; hier hat der Hase gelegen, hier hat der Fuchs etwas erwischt — ich sehe alles — hier ist mein Zuhause — im Wald Vlk; sieh an, was für ein Teufel er gewesen ist Onš; warum ist es hier bei uns gewesen — der ganze Weg ist doch verschüttet? Kč (LKT 380).
Obwohl die modalischen Hauptbedeutungen übereinstimmen, unterscheiden sich die Formen des Neutrum Singular der passiven Partizipien hinsichtlich ihrer Produktivität. Am häufigsten werden diese Formen in der Bedeutung einer aus den Ergebnissen erschlossenen oder zur Sprechzeit unerwartet wahrgenommenen Handlung verwendet (3, 4), während die Bedeutungen einer wiedergegebenen und einer bezweifelten Handlung (1, 2) seltener, weniger ausgeprägt und gleichsam sekundär sind. Das Produktivitätsverhältnis zwischen den beiden miteinander verbundenen Bedeutungsgruppen ist hier also umgekehrt als bei den aktiven Partizipien. Die Grenzen zwischen den einzelnen Bedeutungen sind unscharf: Oft drückt dieselbe Konstruktion sowohl eine aus den vorliegenden Ergebnissen erschlossene als auch eine zugleich bezweifelte Handlung aus (z. B. offenbar hat man sich dort hingelegt und etwas getrunken Šrv) oder eine anhand bestimmter Spuren vermutete und wiedergegebene Handlung (z. B. nachdem er ihre Spuren betrachtet hat, sagt er, dass hier ein Mensch gegangen ist Ktk) und dergleichen. Die Bedeutung einer aus den Ergebnissen erschlossenen vergangenen Handlung ist besonders typisch für die Formen des Neutrum Singular der passiven Partizipien des Präteritums und hängt unmittelbar mit der resultativen Bedeutung zusammen, die diesen Partizipien allgemein eigen ist: In den zusammengesetzten Passivtempora bezeichnen sie ebenfalls „eine vergangene Handlung, deren Folgen jetzt relevant sind“ (N. Slėžienė LKK XV 81). Außerdem besitzen die Formen des Neutrum Singular der passiven Partizipien, wenn sie ohne Kopula stehen, viel häufiger als die Nominative der aktiven Partizipien keine greifbare modalische Bedeutung. Die Übereinstimmung der Hauptbedeutungen ermöglicht jedoch ihre Verwendung in denselben Kontexten wie die Formen der indirekten Rede und lässt sie als deren syntaktische Synonyme gelten.
2.4.1. Hinsichtlich ihrer Verbreitung in den heutigen litauischen Dialekten unterscheiden sich die Formen des Neutrum Singular der passiven Partizipien, wenn sie in den genannten modalischen Bedeutungen verwendet werden, deutlich von den aktiven Partizipien (siehe Abb. 2). Im žemaitischen Dialekt, der das wichtigste Zentrum der indirekten Rede bildet, werden sie entweder überhaupt nicht verwendet (im zentralen Teil) oder sind selten und sporadisch (an den nördlichen und südlichen Randgebieten). Am häufigsten werden passive Partizipien in der Bedeutung der indirekten Rede in den ost-, süd- und westaukštaitischen Dialekten verwendet — und zwar gerade dort, wo die indirekte Rede untypisch ist. Besonders bemerkenswert ist die Produktivität der Formen des Neutrum Singular der passiven Partizipien im äußersten Süden Litauens (südlich von Lazdijai, Alytus und Varėna), wo aktive Partizipien des Präsens und Futurs in der Bedeutung der indirekten Rede überhaupt nicht verwendet werden. Nur im nördlichen Teil des litauischen Sprachgebiets und besonders in dessen nordöstlicher Ecke werden Formen der aktiven und passiven Partizipien in der Bedeutung der indirekten Rede nebeneinander verwendet. In diesem Gebiet lässt sich auch eine gewisse Bedeutungsdifferenzierung beobachten: Mit Konstruktionen, die Formen des Neutrum Singular der passiven Partizipien enthalten, wird häufiger eine anhand bestimmter Spuren oder Ergebnisse erschlossene beziehungsweise unerwartet wahrgenommene Handlung bezeichnet; mit aktiven Partizipien in der indirekten Rede dagegen eine wiedergegebene oder bezweifelte Handlung.
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Abb. 2. 1. šo gyvenama, gyventa 2. šo būti gyventa
2.4.2. Die Übereinstimmung der grundlegenden modalischen Bedeutungen der aktiven und passiven Partizipien bei gleichzeitig unterschiedlichen Verbreitungsgebieten ist ein wichtiges Argument für den Zusammenhang der indirekten Rede mit anderen Fällen prädikativer Verwendung von Partizipien. Würde man die indirekte Rede als unmittelbar aus dem Nominativ mit Partizip (VD) oder dem Akkusativ mit Partizip (GD) hervorgegangen betrachten, wäre völlig unverständlich, wie dieselben Bedeutungen in unterschiedlichen Gebieten von den Formen des Neutrum Singular der passiven Partizipien hätten entwickelt werden können, die in der VD-Konstruktion überhaupt nicht und in der GD nur selten und sporadisch vorkommen (z. B.: nach der Rückkehr fand ich, dass auch Antanas angekommen war Jrk; ich fand, dass Brot mitgebracht worden war Vžns). Gleiche Bedeutungen können nicht zufällig entstanden sein; sie als archaisch anzusehen, lassen auch die Daten anderer, insbesondere der ältesten belegten indogermanischen Sprachen nicht zu60. Offenbar sind sie in einer Periode entstanden, in der sich die Art der prädikativen Verwendung sowohl der aktiven als auch der passiven Partizipien veränderte. Die Voraussetzungen für diesen Prozess wurden durch allgemeinere Veränderungen im Verhältnis und Aufbau des nominalen und des verbalen Satzes geschaffen. Nachdem die alten Nominalsätze in den verbalen Satz aufgenommen worden waren, blieben viele prädikative Partizipien außerhalb desselben. Einige erstarrten in idiomatischen oder halbidiomatischen Wendungen, andere erhielten modalische Bedeutungen und wurden dadurch im veränderten syntaktischen System neu interpretiert. Die Entstehung modalischer Bedeutungen der Partizipien wurde durch ein ganzes Bündel innerer und äußerer Bedingungen bestimmt.
3. ENTSTEHUNG DER MODALISCHEN BEDEUTUNGEN
3.1. Die Tendenz, nominale Verbformen, die ihre ursprüngliche Funktion verlieren, in modalischen Bedeutungen zu verwenden, tritt in der Geschichte der indogermanischen Sprachen häufig deutlich hervor. Unter den zahlreichen derartigen Fällen ist vor allem die Aufnahme der Partizipien und später des Supinums in die Optativparadigmen der baltischen Sprachen zu nennen. Auch der periphrastische Optativ der slawischen Sprachen (z. B. russ. дал бы) ist aus zu Partizipien gewordenen Verbaladjektiven mit dem Suffix -l und einem Hilfsverb gebildet1. Dieselben Partizipien auf -l wurden im Bulgarischen nach Verlust ihrer Flexion zum Renarrativ und Admirativ (siehe 3.6.1 ff.). Im Griechischen und Lateinischen wurde die indirekte Rede durch Infinitive ausgedrückt (den sogenannten infinitivus narrationis), also ebenfalls durch Formen nominaler Herkunft2. Allgemein gilt: Wenn eine Verbform zu schwinden beginnt und ihre Produktivität abnimmt, wird ihre Verwendung in verschiedenen modalischen Bedeutungen gewöhnlich häufiger3. Nach J. Kuryłowicz (Infl. cat. 136 ff.) entstand sogar der alte Optativ aus einem sekundären, modalischen Gebrauch des Indikativs, nachdem andere Formen dessen ursprüngliche Indikativfunktion übernommen hatten.
3.2. Mit den Tendenzen zum modalen Gebrauch nominaler Verbformen hängt der Umstand zusammen, dass eine indirekt erfahrene Handlung in vielen Sprachen ausgedrückt wird
60Die Morphologisierung modalischer Bedeutungen in den indogermanischen Sprachen ist nicht sehr alt: Im Hethitischen gibt es nur Indikativ und Imperativ; in anderen Sprachen, die den altertümlichen Zustand gut bewahrt haben, findet sich noch mindestens ein alter Modus. Daher wird für die indogermanische Grundsprache gewöhnlich ein System von höchstens drei Modi rekonstruiert; vgl. A. Hahn, Subjunctive and Optative, New York, 1953, p. 56; J. Gonda, The character of Indo-European moods, Wiesbaden, p. 1956; J. Kuryłowicz, Infl. cat. 136; A. Erhart, SPFF A XX (1972) 23; P. Lehmann, PIES 105–6; anders (vier Modi) A. Сабченко, Ср. гр. 288 ff. Unter diesen Umständen gibt es keinen Grund, die modalische Bedeutung der litauischen Partizipien als ursprünglich anzusehen (С. И. Груздева, ВЛУ XX 129–30).
1Vgl. K. Brugmann, Grdr. II 3² 873–4; B. Delbrück, VS. II 409; В. И. Борковский – П. С. Кузнецов, Ист. гр. 288; J. Kuryłowicz, Infl. cat. 137.
2A. Meillet – J. Vendryes, Traité 672 ff.
3Ein anschauliches Beispiel hierfür ist der modalische Gebrauch des Aorists im Serbokroatischen und teilweise auch im Bulgarischen, der seit dem 15. Jahrhundert belegt ist. Siehe М. Деянова, ССб 63 ff.
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Perfekt. Das litauische Perfekt wird aus aktiven und passiven Partizipien mit dem Verb būti „sein“ gebildet, und seine Beziehung zum NN ist offensichtlich (siehe 1.8.2 ff.). Neue Perfektformen, die Partizipien und andere verbale Nominalformen enthalten, bezeichnen in einigen slawischen (bulgarischen, mazedonischen⁴) und romanischen (französischen, italienischen, spanischen) Sprachen⁵ ebenfalls eine aus fremdem Mund erfahrene, wiedergegebene Handlung. Dass ein solcher Gebrauch des Perfekts recht alt ist, zeigt sich im Altindischen, wo das Perfekt (im Unterschied zu Aorist und Imperfekt) bereits in vedischer Zeit Handlungen bezeichnete, deren Zeuge der Sprecher nicht gewesen war und von denen er nur mittelbar, indirekt erfahren hatte⁶. Wie bekannt, bezeichnete das idg. Perfekt (ebenso wie seine späteren periphrastischen Varianten in einzelnen Sprachgruppen) einen aus einer früheren Handlung hervorgegangenen, in der Gegenwart bestehenden Zustand. Darauf gestützt, brachten einige Forscher seinen modalen Gebrauch mit der früheren Handlung⁷, andere mit der Zustandsbedeutung⁸ in Verbindung. Die Untersuchung der Geschichte des Perfekts im Griechischen und Altindischen⁹, wo seine Formen am besten erhalten sind, sowie der sogenannten Präteritopräsentien der germanischen Sprachen¹⁰ hat gezeigt, dass die Zustandsbedeutung primär ist, während das Hervortreten der Bedeutung einer vergangenen Handlung und die Einordnung des Perfekts in das Tempussystem des Verbs spätere Entwicklungen sind¹¹. Aufgrund dieser Bedeutung, des o-Vokalismus der Wurzel und weiterer Umstände wurde wiederholt die Vermutung geäußert, das Perfekt sei aus Verbalnomen hervorgegangen¹². In jüngerer Zeit haben J. Kurylowicz (Apoph. 41 ff., Infl. cat. 61 ff.) und C. Watkins (IdgGr. III 1 105 ff.) die Hypothese vom nominalen Ursprung des Perfekts mit der Methode der morphonologischen Rekonstruktion begründet. Damit kamen neue Argumente für die Annahme hinzu, dass die Neigung, das Perfekt in der Bedeutung des NN zu verwenden, zumindest mittelbar durch seinen nominalen Charakter bedingt ist. Auch in anderen Sprachfamilien werden wiedergegebene Sachverhalte häufig durch Formen nominalen Ursprungs bezeichnet. So werden beispielsweise die Formen der türkischen „indirekten Vergangenheit“ auf -gan, -myš, die ursprünglich perfektische Bedeutung hatten, von Partizipien hergeleitet¹³. Im mittelalterlichen Arabischen wurden beim Ausdruck indirekter Rede die verba finita durch Nominalformen ersetzt, die Handlungsbezeichnungen ausdrücken¹⁴; ähnlich werden Verbalnomen oder daraus hervorgegangene Formen in einigen kaukasischen Sprachen gebraucht¹⁵. Der Umstand, dass das Litauische
⁴ Siehe 3.6.1.
⁵ Meyer–Lübke, Grammatik der romanischen Sprachen, III, Leipzig, 1899, § 107; O. Grünenthal, KZ LXIII 135 su lit.
⁶ Žr. J. S. Speyer, VedS. 175; J. Lohmann, KZ LXIV 42; J. Bloch, MSL XIV 48; L. Renou, La valeur du parfait dans les hymnes védiques, Paris, 1925, p. 87.
⁷ L. Renou, ib. 88. J. Kurylowicz, BPTJ XXIX 29–30. J. Kurylowicz betrachtet die Herausbildung des modalen Gebrauchs als eine allgemeine Entwicklungstendenz des Perfekts in den idg. Sprachen, die daraus entsteht, dass seine sekundäre Funktion („Handlung, die vor dem Sprechzeitpunkt liegt“) zur primären wird.
⁸ O. Grünenthal, KZ LXIII 135 ff. W. Fiedler, ACB VI 369, erklärte den modalen Gebrauch des Perfekts damit, dass es zwei Zeitebenen miteinander verbindet.
⁹ J. Wackernagel, Studien zum griechischen Perfektum, Göttingen, 1904; P. Chantraine, Histoire du parfait grec, Paris, 1927; L. Renou, ebenda.
¹⁰ Э. Бенвенист, ОЛ. 144 tt.
¹¹ Plg. J. Wackernagel, Vorles. I 166 tt.; Э. Бенвенист, ОЛ. 217, J. Kurylowicz, BPTJ XXIX 28; А. Н. Савченко Ср. гр. 326.
¹² Vgl. O. Grünenthal, KZ LXIII 133 ff.; H. Hirt, IdgGr. IV 273 ff. Anders J. Lohmann, KZ LXIV 42 ff., 48, bei dem der modale Gebrauch des Perfekts ausschließlich mit seiner Semantik in Verbindung gebracht und von der Entstehung der Formen getrennt betrachtet wird.
¹³ Н. З. Гаджиева, Очн. 179–180 su lit.
¹⁴ Б. М. Гранде, Введение в сравнительное изучение семитских языков, Москва, 1972, p. 397.
¹⁵ H. Vogt, IF LII 245 tt., J. Lohmann, ib. 43 tt.; dėl gruzinų vad. rezultatinių I veiksmažodžio formų, reiškiančių iš kitų lūpų ar iš rezultatų patirtus veiksmus, santykio su latvių k. net. nuosaka žr. У. Д. Салхучиашвили, Sintagmatika 146–149.
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Die Tatsache, dass die Partizipien in der Sprache die Bedeutung des Modus relativus erhielten, von denen die meisten ebenfalls einen Resultativzustand bezeichnen, ist wahrscheinlich nicht zufällig, sondern durch allgemeinere Gesetzmäßigkeiten der semantischen Entwicklung begründet.
3.3.1. Die für den litauischen NN typische Bedeutung einer wiedergegebenen, indirekt erfahrenen Handlung wird in anderen idg. Sprachen meist durch den Optativ ausgedrückt. Ansätze eines solchen Gebrauchs wurden bereits in Denkmälern des Altindischen beobachtet, wo der Optativ nach J. Gonda die Handlung vorsichtiger, mit einem gewissen Vorbehalt, auszudrücken und den subjektiven Inhalt der Mitteilung hervorzuheben erlaubt16. Auch im Griechischen hatte der Optativ einen vorsichtigen, reservierten Beiklang und konnte eine Handlung bezeichnen, für deren Wirklichkeit der Sprecher nicht bürgt. In den Epen Homers beginnt der Optativ erst zaghaft, indirekte Rede wiederzugeben17, wird später jedoch, etwa seit Herodot, ganz gebräuchlich18. Der Ausdruck einer indirekt erfahrenen oder unwirklichen Handlung durch den Konjunktiv, in den der alte Optativ einging, breitete sich in der lateinischen Sprache noch weiter aus und wurde teilweise an die romanischen Sprachen weitergegeben19. Auch die germanischen Sprachen verallgemeinerten den Optativ in dieser Bedeutung20. J. Kazlauskas stellte den litauischen Modus relativus mit dem Optativ in Verbindung (Ist. gr. 402–3). Er nahm an, dass die von Ch. S. Stang rekonstruierten periphrastischen Optativformen (NTS XVIII 348–56), bestehend aus einem Hilfsverb und einem Partizip, einst die Bedeutung einer wiedergegebenen Handlung gehabt hätten, z. B.: *bi negelbas, *bi nekėlęs (= s. sl. ašte bi bylъ); nachdem die optativische Bedeutungsfunktion auf das Partizip übergegangen sei, seien bi oder be geschwunden, und so sei der periphrastische Optativ zum NN geworden. Die Rekonstruktion des periphrastischen Optativs ist zweifellos für die Genese des NN bedeutsam: Daraus lässt sich schließen, dass zusammengesetzte Verbformen mit Partizipien in der vorgeschichtlichen Vergangenheit der baltischen Sprachen gebraucht wurden und eine modale Bedeutung hatten. Das aus dem Hilfsverb hervorgegangene Partikel bi ist jedoch in vielen historisch belegten litauischen Optativformen erhalten geblieben, zu deren Bildung ein Supinum gehört; folglich war es vor der Durchsetzung des Supinums im Optativ noch nicht geschwunden. Das Partizip selbst wurde aus den periphrastischen Optativformen durch das Supinum verdrängt und konnte daher ebenfalls nicht allein als Träger der optativischen Bedeutung zurückbleiben. Die periphrastischen Optativformen der slawischen Sprachen, die ihrem Aufbau nach den litauischen entsprechen, haben keine NN-Bedeutung. Unter diesen Umständen scheint es unmöglich, den NN unmittelbar aus dem periphrastischen Optativ abzuleiten. Unseres Erachtens könnte der periphrastische Optativ lediglich indirekt zur Herausbildung des modalen Gebrauchs anderer Partizipien beigetragen haben, die mit oder ohne Hilfsverben stehen.
3.3.2. Verbindungen zwischen optativischer und translativer (wiedergegebene Handlung) sowie dubitativer (Zweifel) Bedeutung sind auch in der Geschichte der litauischen Sprache selbst zu beobachten. In S. Vaišnoras’ „Žemčiūga“ und anderen Schriften werden periphrastische Formen des Konjunktivs, gebildet aus būti im Konjunktiv und Partizipien des Präsens Aktiv, mitunter zur Wiedergabe-
16 J. Gonda, The character of the Indo-European moods, Wiesbaden, 1956, p. 61. Autorius duotuose pavyzdžiuose optatyvas maždaug atitinka lie. NN ir gali būti ja verčiamas, pvz., skr. gacchet kadācit, „ji ateisianti kada nors“. Žr. dar E. Fraenkel IF XLVI 44–5 su lit.
17 gewöhnlich in indirekten Fragen (J. Gonda, ib. 124), wo er ins Litauische sowohl mit dem NN als auch mit dem Konjunktiv übersetzt werden kann, vgl. φ 368: ἐφρόντο τίς εἴη „sie fragten, wer er sei“ oder „wer er wäre“.
18 B. Delbrück, VS. III 287; H. Hirt, IdgGr. VII 206; P. Chantraine, Le Grec et la structure des langues modernes, – Language, TCLG IX, 1959, S. 28; J. Gonda, ebenda, S. 125–126; Л. Ф. Лосев, О законах сложного предложения в древнегреческом языке, – Статьи и исследования по языкознанию и классической филологии, Москва, 1965, S. 42–43, 47.
19 A. Meillet–J. Vendryes, Traité 674–5; J. H. Schmalz–J. B. Hofmann, Synt. 568 su lit.
20 P. Diels, KZ XLI 194–8; H. Hirt, Urg. III 207.
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Beim Erzählen unglaubwürdiger oder nach Ansicht des Autors strittiger Sachverhalte, d. h. ganz ähnlich wie beim NN, z. B.: mokinį ir kaip būk Sacramentai butu malone duda 120₆₋₇; anis saka jįdant žodzczei Christaus… isch akiu ir dhumu butu addeti 160₆; apreiškimu isch dangaus laukie / per kurius Diewas iusamp / buk silingas butu essas ant ischganima 120₁₄; kaip nessa butu galeie buti / idant Dwassia… ne butu priminusi / kad tokia ijednones affiera butu tureiussi buti PM 9₁₇, 21. In Nebensätzen von Satzgefügen drücken sie ebenfalls angezweifelte Sachverhalte aus, z. B. regisi jog nūdemais Misschos affiera nepareitusi kunigistosp MT (PM) 7₇. Ähnlich werden Konjunktivformen auch in der heutigen Sprache gebraucht, vgl. paklausė, kas jis toks būtų (neben essą).
Andererseits tritt der NN ohne Kopula in den Schriften von S. Vaišnoras stellenweise an die Stelle periphrastischer Konjunktivformen, z. B.: Nessa kad tokios treczoses nübūtas / po schei gjwatai priwalu essa (= būtų buvę) / tikek tam S. Powilas butu te pacze / … neuschnmirches PM 33₁₈, 22; schitatai wiss teip… stipru ira / kaip buk Diewas patsai Baszniczioje pribudams dargs bei ischpildas (= darytų bei išpildytų) 109₁₆. Dieselbe Bedeutung können auch Gerundien haben, die S. Vaišnoras stellenweise überhaupt anstelle der Partizipialformen des Neutrums gebraucht (vgl. 1.5.2), z. B.: tatai tur nusidūti ne tū budu / kaip buk dinkscze reikalingas slusbas priwalu sant ant to tiketies 202₁₂.
NN- und Konjunktivformen stehen nebeneinander in Nebensätzen von Satzgefügen, die von denselben Verben abhängen und dieselbe funktionale Bedeutung haben, z. B.: (die Papisten) netikumus statczei uschstoie taridami… jog ipaczia wiera ing Christu / buk nesanti dalis Pakutos. Buk pakuta darantiemus gan butu gailessia 148₁₃–₁₅. Tūbudu nessa / uredwi Christaus daugi ira nutraukema / kaip butu jo kenteimas netobulas ganpadarinas usch griekus essas… Ir buk kenteimas bei kraujes jo / nepakan̆kancziu uschmokejmu atpirkima mussu essas. Ir dali nekure mussu ganpadarimui buk palikes 264–264ₐ. Dieser synonyme Gebrauch von NN und Konjunktiv lässt sich stellenweise vielleicht teilweise dadurch erklären, dass mit ihnen vermutlich Verben desselben Modus (Konjunktiv) übersetzt wurden. Dennoch sind die Berührungspunkte zwischen beiden Modi offensichtlich; sie bestehen auch in der heutigen Sprache. Daher ist ein Einfluss der periphrastischen Optativformen auf die Ausbreitung des modalen Gebrauchs der Partizipien Aktiv durchaus möglich.
3.4. Eine sehr große Rolle bei der „Verankerung“ der Bedeutung einer wiedergegebenen oder vermuteten Handlung an den Nominativformen der Partizipien Aktiv dürften die VD (nominativus cum participio) und andere, vermutlich noch ältere Konstruktionen gespielt haben, in denen prädikative Partizipien auf Verben des Sprechens oder der psychischen Wahrnehmung folgten: er sagte, er sei (wo) gegangen (siehe 1.7.2). In ihnen tragen gewöhnlich die Partizipien die Hauptlast der Information, während die Verben, die formal das Satzgerüst bilden, lediglich die Informationsquelle oder einen bestimmten modalen Aspekt angeben. Aufgrund dieser Bedeutung neigen Verben des Sagens in Sätzen, die indirekte Rede wiedergeben, dazu, zu Einschüben, Modalwörtern oder sogar bestimmten Partikeln zu werden (vgl. russisch мол из молвити). So konnte die Bedeutung einer wiedergegebenen Handlung leicht mit den prädikativen Partizipien selbst verbunden und auf Sätze übertragen werden, in denen sie seit jeher ohne Verben des Sagens oder der psychischen Wahrnehmung in der Position eines verbum finitum gebraucht wurden, z. B. er ging-
21 Panašiai 160₉, PM 24₂₃.
22 Offenbar ohne Einfluss irgendeiner Ausgangssprache, vgl. Denn wann eines solchen dritten Zustands nach diesem Leben vonnöthen (J. Vietor, siehe W. Witte, Der Uebersetzer Simon Waischnoras d. Ae., Braunschweig, 1931, p. 104, 115; der lateinische Text ist ganz anders). Ähnlich MT 202₁₁–₁₃.
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t. Auch die aus ferner Vergangenheit ererbte GD-Konstruktion könnte den Gebrauch von Partizipien zur Bezeichnung einer wiedergegebenen Handlung gefördert haben. Der Einfluss dieser Konstruktionen erklärt gut die Tatsache, dass die Bedeutung einer wiedergegebenen Handlung am typischsten für Nominativformen der aktiven Partizipien ist, während die substantivierten Formen des Neutrums der passiven Partizipien, die nicht mit GD- und VD-Konstruktionen verbunden sind, diese Bedeutung wesentlich seltener aufweisen (vgl. 2.3).
Alle hier erörterten Umstände begünstigten die Entstehung des modalen Gebrauchs der Partizipien. Dennoch erlauben sie noch keine endgültige Antwort auf die Frage: Warum erhielten gerade in den ostbaltischen Sprachen die prädikativen Partizipien die Bedeutung des Modus relativus?23 Sehr ähnliche Bedingungen herrschten in den slawischen Sprachen, in denen Partizipien ebenfalls eine prädikative Funktion haben konnten und einst GD- und VD-Konstruktionen verwendet wurden, sich aber kein NN herausbildete. Zwar ist der Gebrauch der Partizipien in den slawischen Sprachen insgesamt eingeschränkter als in den baltischen und in den germanischen Sprachen noch stärker reduziert. Doch in den griechischen und indo-iranischen Sprachen, in denen das Partizipialsystem reich und ausgeprägt ist und seine prädikative Funktion ebenfalls erhalten geblieben ist, gibt es keine Partizipien mit der Bedeutung einer wiedergegebenen Handlung. Offenbar trugen zur Herausbildung des NN in den ostbaltischen Sprachen nicht nur die erörterten inneren, sondern auch bestimmte äußere Bedingungen bei.
3.5. Bereits 1935 machte P. Arumaa auf die Ähnlichkeit zwischen dem lettischen Modus relativus, auch Wiedergabemodus genannt, und dem estnischen modus obliquus (kaudne kõneviis, im Folgenden ebenfalls Modus relativus genannt) aufmerksam24. Im Estnischen bezeichnen unveränderliche Formen aktiver Partizipien mit -vat (z. B.: tulevat „zurückkehrend, zurückkehren werdend“, töötavat „arbeitend, arbeiten werdend“) eine Handlung, von der der Sprecher durch eine andere Person erfahren hat, und werden in direkter Rede zur Wiedergabe von Gehörtem oder anderweitig Erfahrenem verwendet, z. B. meie töötavat halvasti „wir würden schlecht arbeiten“25. Wie im Litauischen und Lettischen kann das Partizip des Verbs lentu „sein“ olevat hier als Äquivalent eines Hilfsverbs auftreten und mit Partizipien auf das Suffix -nud periphrastische Formen des Präteritums im Modus relativus bilden, z. B. mina olevat kirjutanud „ich soll geschrieben haben“ (Э. Пялль, ib. 156), vgl. lett. es esot rakstījis. E. Matthewss stellte solche estnischen Konstruktionen neben den modalen Gebrauch der substantivierten Neutrumformen litauischer passiver Partizipien (z. B. mūsų tėvelių visos tos giesmės mokėta) und gelangte zu dem Schluss, dass Letzterer autochthon und unabhängig vom Einfluss anderer Sprachen sei (SEER XXXIII 370). V. Pisani verglich den estnischen Modus relativus mit den Formen aktiver Partizipien entsprechender Bedeutung in den ostbaltischen Sprachen. Aufgrund der Ähnlichkeit in Bedeutung und Struktur schlug er vor, das ostbaltische NN als Entlehnung aus den ostseefinnischen Sprachen oder als alte gemeinsame Isoglosse zu betrachten, die aus den Vorstufen des heutigen Finnischen und Estnischen ererbt sei26. I. Marvan, der V. Pisanis Hypothese einer Entlehnung des NN aus den finnischen Sprachen kritisch bewertete, hob strukturelle Unterschiede zwischen dem estnischen und dem ostbaltischen NN hervor: Das den estnischen modus obliquus bildende Partizip auf -vat steht im Partitiv und unterscheidet sich von den Partizipien auf -van, die in den den litauischen GD- und VD-Konstruktionen entsprechenden Wendungen verwendet werden27. Den Einfluss der finnischen Sprachen auf den ostbaltischen Modus relativus hielt I. Marvan für
23 И. Марван, Baltistica V (1) 18.
24 In einem Aufsatz, der 1935 in „Eesti Keel“, Nr. 4–6, erschien und den J. Lohmann erwähnt, KZ LXIV 46.
25 Э. Пялль, Учебник эстонского языка, Таллин, 1955, p. 155; А. Каск, ЯН СССР III 48.
26 V. Pisani, Zu einer Baltisch–Estfinnischen Partizipialkonstruktion, — Rakstu krājums J. Edzelīnam, Rīgā, 1959, p. 215 tt.
27 И. Марван, Kalbotyra IV 35–37; Baltistica V(1) 18. A. Sauvageot, BSL L 208, leitet den estnischen modus obliquus ungeachtet dieses Unterschieds aus GD-Konstruktionen wie näin isän tulevan „ich sehe den Vater kommen“ ab.
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ist als sekundärer, modifizierender Faktor anzusehen, während die inneren, systemischen Bedingungen primär sind. Diese Auffassung, die auch durch andere Parallelen zwischen den baltischen und finnischen Sprachen gestützt wird, ist von großer Bedeutung und trägt zu einem besseren Verständnis der Entstehung des ostbaltischen NN bei.
3.5.1. In den ostseefinnischen Sprachen wird eine wiedergegebene Handlung durch Formen unterschiedlicher morphologischer Beschaffenheit und Herkunft bezeichnet. Neben den Partizipien auf -vat wurden im Estnischen auch Deverbativa auf -ma in der Bedeutung des NN verwendet (A. Sauvageot, BSL L 208). NN bilden hier auch Infinitive auf -da, die in Schriftzeugnissen bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts sogar stärker verbreitet waren als die Partizipien auf -vat und sich erst in den letzten Jahrzehnten aus der Literatursprache zurückziehen28. Auch diese Infinitive stehen nicht mit Konstruktionen vom Typ GD und VD in Verbindung; ihren modalen Gebrauch erklärt A. Sauvageot ib. 208–209 damit, dass dem Infinitiv allgemein eine Bedeutung der Unbestimmtheit und Unsicherheit eigen ist. Im Livischen, das zahlreiche archaische Merkmale und alte Kontakte mit den baltischen Sprachen aufweist29, sind die NN-Formen wiederum anders: Sie sind hier aus einer Agensbezeichnung (nomen agentis) auf -iji hervorgegangen und bilden Paradigmen des Präsens-Futurums sowie des periphrastischen Präteritums, z. B.: ta lu’ggiji „er soll lesen“, ta vol’ lu’ggiji „er soll gelesen haben“30. Fast alle Formantien des NN in den ostseefinnischen Sprachen sind phonetisch den Partizipsuffixen der baltischen Sprachen ähnlich, die eine wiedergegebene Handlung bezeichnen; vgl. est. -vat und lett. -ot, est. -ma und lit. Präsens-Partizipien des Modus relativus im Neutrum auf -mas, -ma, liv. -iji und lett. Präteritums-Partizipien auf -ujis (rakstījis), obwohl sie ihrer Herkunft nach offenbar nichts miteinander zu tun haben. Weitere Fälle von Ähnlichkeit zwischen morphologischen Formantien unterschiedlicher Herkunft in den ostseefinnischen und baltischen Sprachen sind ebenfalls festgestellt worden, vgl. Illative mit dem Formanten -n, die sich in den beiden Sprachfamilien jeweils auf eigene Weise herausgebildet haben (A. Sabaliauskas, LKK VI 112 mit Lit.).
In den übrigen ostseefinnischen Sprachen (wie auch in den finno-ugrischen Sprachen insgesamt) wird das NN nicht verwendet; es gibt keinerlei Anhaltspunkte für die Annahme, dass es dort einst vorhanden war und später verschwunden ist. Im Gegenteil: Die Vielfalt der Formen deutet eher darauf hin, dass dieser Modus morphologisch bereits zur Zeit der Existenz der einzelnen ostseefinnischen Sprachen ausgeprägt wurde.
3.5.2. Sowohl in den baltischen als auch in den ostseefinnischen Sprachen wurden zur Bezeichnung einer wiedergegebenen Handlung Verbalnomina verwendet: Partizipien, „Gerundien“ und Infinitive. Die finnischen Sprachen zeichnen sich allgemein durch ein reiches System von Partizipien und Infinitiven31 sowie deren umfassenden Gebrauch aus, der den baltischen Sprachen in vielerlei Hinsicht nahekommt. Partizipien sind hier das wichtigste Mittel zur Bezeichnung einer Nebenhandlung im Satz; außerdem können sie häufig einen eigenen Handlungsagenten haben und als Äquivalente von verbum finitum auftreten32. Viele finnische Partizipialkonstruktionen (z. B. Äußerungen vom Typ GD und VD33) entsprechen ihrem ursprünglichen Strukturmodell nach den baltischen. Nach dem Vorbild der ostbaltischen Sprachen bildeten sich im Estnischen sogar zusammengesetzte Vergangenheitszeiten mit Formen des Verbs olema „sein“ und dem Partizip auf das Suffix -nud34. Andererseits haben die Kontakte mit den Ostseefinnen offenbar den Ostbalten geholfen
28 A. Kask, Die indirekte Redeweise in der Estnischen Schriftsprache, – Congressus Tertius Internationalis Fenno—Ugristarum, Tallinn, 1970, Teesid I, p. 49.
29 П. А. Аристэ, ТИЯ IV 257 тт.; Ливы и ливский язык, „Eesti NSV TA Toimetised, ühiskonnateaduste s.“, 1, 1958, p. 42 тт.
30 П. А. Аристэ, ВЭИ 15; Э. Э. Вяари, ЯН СССР III 148.
31 Beispielsweise gibt es in der finnischen Literatursprache 3 Partizipien und 5 Infinitive, im Livischen 4 Partizipien und 2 Infinitive, im Karelischen 2 Aktivpartizipien, 3 Passivpartizipien und weitere 7 Gerundien aus verschiedenen Kasusformen der Partizipien; siehe G. Décsy, Einf. 205; Э. Э. Вяари, ЯН СССР III 148–9; Г. Н. Макаров, ib. 73.
32 Л. Хакулинен, Разв. II 248 тт. su lit.; К. Е. Майтинская, ЯН СССР II 23.
33 Vgl. Л. Хакулинен, ib. 248 ff., 253.
34 П. А. Аристэ, ВЭИ 12–13; Э. Пялль, op. cit. 148–9; А. Х. Каск, ЯН СССР II 48; G. Décsy, Einf. 205; A. Sabaliauskas, LKK VI 112.
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bis heute einen vielfältigen und altertümlichen Gebrauch der Partizipien bewahrt, der in anderen indogermanischen Sprachen im Laufe der Zeit stark reduziert wurde und schwand. Im slawischen Sprachgebiet haben die nordwestlichen Dialekte des Russischen, die eine Adstratschicht im alten Gebiet der finnischen Sprachen bilden, prädikative Partizipialkonstruktionen ebenfalls am besten bewahrt35. Dass der prädikative Gebrauch von Partizipien, Infinitiven usw. in den finnischen Sprachen sehr altertümlich ist, zeigt sich an der Struktur ihres verbum finitum selbst: Die meisten flektierten Verbformen haben hier noch Formantien bewahrt, die sie mit den Nomina gemeinsam haben36.
3.5.3. Somit werden die Bedeutungen unmittelbar und mittelbar erfahrener Handlungen morphologisch nur in einem recht kleinen und geschlossenen Sprachgebiet des Baltischen und der ostseefinnischen Sprachen unterschieden, das im Norden im Gebiet des Estnischen beginnt und sich südwärts entlang der Ostseeküste erstreckt; es umfasst die heutigen lettischen Dialekte und einen großen Teil der litauischen Dialekte. Die semantische Kategorie der mittelbar erfahrenen Handlung wird hier durch morphologische Formen unterschiedlicher Herkunft realisiert: durch Partizipien (Litauisch), unflektierte Partizipialformen (Lettisch, Estnisch), Infinitive (Estnisch) und Verbalnomen (Livisch). Die Bedeutungsmerkmale dieser Kategorie und ihr Verhältnis zur Sprachsituation sind jedoch im gesamten Gebiet sehr ähnlich37. Diese Kategorie kann nicht besonders altertümlich sein, da sie weder den nächsten Nachbarn der ostbaltischen Sprachen noch denen des Estnischen und Livischen bekannt ist. Wahrscheinlich entstand sie zu einer Zeit, als die Gemeinschaft der ostseefinnischen Sprachen bereits zerfallen war, während die Ostbalten noch eine relativ einheitliche Sprachgemeinschaft bildeten, in der neu entstandene Erscheinungen sich ungehindert verbreiten konnten. Die Ausbreitung der semantischen Kategorie der mittelbar erfahrenen Handlung in den ostbaltischen Sprachen kann mit ihrer Ausdehnung in die von den Vorfahren der Liven und Esten besiedelten Gebiete im 5.–6. Jh. n. Chr. in Verbindung gebracht werden38. Fast das gesamte Gebiet dieser Kategorie ist durch lang andauernde Sprachkontakte sowie ausgedehnte Substrat- und Zweisprachigkeitszonen gekennzeichnet: vor allem durch das livische und estnische Sprachsubstrat in Nordlettland, das kurisch-lettische und litauische Sprachgebiet im Westen sowie das selische Gebiet in Südlettland und Nordostlitauen. Es ist leicht festzustellen, dass die NN gerade in jenem Teil des litauischen Sprachgebiets verbreitet ist, in dem einst Kurisch und Selisch gesprochen wurden. Gerade über die von der Sprache der Vorfahren der Esten beeinflussten Dialekte der Latgallen, Kuren und Selier39 konnte sich die Kategorie der mittelbar erfahrenen Handlung in einem großen Teil des heutigen litauischen Sprachgebiets verbreiten. (Ein unmittelbarer Einfluss der ostseefinnischen Sprachen auf die litauischen Dialekte scheint nicht möglich gewesen zu sein.) Die Intensität des Gebrauchs des Modus relativus im baltischen Sprachgebiet ist ungefähr proportional zum Grad der Enge der baltisch-ostseefinnischen Sprachkontakte: Am größten ist sie auf dem Gebiet Lettlands-
35 In diesem Fall könnten die ostseefinnischen Sprachen auf die baltischen und slawischen Partizipien einen ähnlichen „konservierenden“ Einfluss ausgeübt haben wie auf die Konstruktionen des nominativus cum infinitivo gemäß V. Kiparskys „Kühlschranktheorie“, vgl. V. Kiparsky, ZfslPh XXVIII 333—42; XXXIII 263—4; Baltistica V(2) 148.
36 B. Collinder, Comparative grammar of the Uralic languages, Stockholm, 1960, p. 243; G. Décsy, Einf. 160—1. Kadangi veiksmažodžio—vardažodžio kategorijos yra koreliatyvios, pastaruoju metu manoma, jog metodiškai netikslu kalbėti apie veiksmažodžių kilmę iš vardažodžių, tačiau finų-ugrų kalbų verbum finitum artimumas vardažodžių kamienams ir jų genetinis ryšys abejonių nekelia, žr. K. E. Майтинская, Оч.-УЯ 219, 300 tt., 330 tt. su lit.
37 In dieser Hinsicht kann die semantische Kategorie der mittelbar erfahrenen Handlung mit der Kategorie der auszudrückenden Verpflichtung verglichen werden, die im Lettischen und Livischen sowie im estnischen Dialekt von Saaremaa durch unterschiedliche Debitivformen realisiert wird, vgl. J. Endzelins, LaGr. 885 ff., 971 ff.; П. А. Аристэ, ТЯИ IV 288; Э. Э. Вяари, ЯН СССР II 147—8.
38 Die Wanderung der Balten nach Norden in diesem Zeitraum wird sowohl durch archäologische als auch durch sprachliche Befunde belegt (estnische und livische Sprachrelikte in Nordlettland, finnische Toponymie usw.), siehe П. А. Аристэ, ВЭИ 16 ff.; M. Gimbutas, The Balts, London, 1963, p. 141; V. Mažiulis, Baltistica X (2) 124.
39 Zum mittelbaren Einfluss der ostseefinnischen Sprachen auf das Litauische über die kurischen und selischen Sprachen vgl. V. Mažiulis, Baltistica X (2) 124.
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… im Gebiet kleiner, in der nordöstlichen Ecke des litauischen Sprachraums, an dessen Nordrand sowie in Samogitien, während sie weiter südlich schwächer wird und verblasst. Die in Südlitauen verwendeten Formen des Neutrums der passiven Partizipien haben die Bedeutung einer wiedergegebenen Handlung erheblich seltener als die Nominative der aktiven Partizipien im Nordosthochlitauischen und Samogitischen. Die Kategorie der mittelbar erfahrenen Handlung breitete sich im baltischen Sprachgebiet daher wahrscheinlich schrittweise von Norden nach Süden aus, wobei sie allmählich schwächer wurde, und erreichte möglicherweise nicht einmal das Gebiet des Altpreußischen.
3.6. Die Herausbildung der Kategorie der mittelbar erfahrenen Handlung in ostbaltischen und ostseefinnischen Sprachen, die verschiedenen Sprachfamilien angehören, weist eine deutliche Parallele an einem ganz anderen Rand des indogermanischen Sprachgebiets auf, nämlich im Balkan-Sprachbund. Besonders interessant sind in dieser Hinsicht die Daten des Bulgarischen.
3.6.1. Die bulgarischen Partizipien mit dem Suffix lkönnen in Verbalposition die sogenannten Wiedergabeformen oder den Wiedergabemodus bilden40. Mit ihnen werden mittelbar erfahrene, wiedergegebene oder zweifelhafte Sachverhalte bezeichnet, für deren Wahrheit der Sprecher nicht einsteht. Die Formen der ersten und zweiten Person weisen das Hilfsverb съм auf und stimmen, da sie vom Perfektstamm gebildet sind, mit dem periphrastischen Perfekt des Indikativs überein (z. B.: писал съм „ich habe geschrieben“, писал си „du hast geschrieben“); in der dritten Person (die am häufigsten verwendet wird41) steht dagegen das Partizip ohne Hilfsverb, wodurch es sich von den anderen zusammengesetzten Tempora unterscheidet, z. B.: писал „(er) hat geschrieben“, писали „(sie) haben geschrieben“. Dieser Unterschied ist nicht absolut, denn gelegentlich können die Wiedergabeformen ein Hilfsverb der dritten Person haben, während das Perfekt ohne dieses auskommen kann42. Formen, die vom Imperfektstamm gebildet werden, werden ausschließlich mit der Bedeutung einer wiedergegebenen oder angezweifelten Handlung verwendet, z. B.: писал съм, писал си, писал „ich, du, er habe geschrieben“43. Zum Paradigma des Wiedergabemodus gehören neben den einfachen Formen auch die sogenannten emphatischen Formen, die ebenso wie die zusammengesetzten Formen des Litauischen gebildet werden, nämlich mit dem Partizip eines Hilfsverbs mit der Bedeutung ‚sein‘, z. B. бил писал „(er) hat geschrieben gehabt“44. Sie bezeichnen wiedergegebene Handlungen, an deren Wahrheit der Sprecher zweifelt, haben also eine stärker ausgeprägte modale Färbung und entsprechen auch in dieser Hinsicht den zusammengesetzten NN-Formen des Litauischen45.
Von den übrigen slawischen Sprachen besitzt auch das Mazedonische Wiedergabeformen mit l-Partizipien46; sein grammatischer Aufbau stimmt im Wesentlichen mit dem Bulgarischen überein. Serbisch—
40Über die Stellung dieser Formen im grammatischen System des Bulgarischen wird diskutiert. In Grammatiken werden sie gewöhnlich als eine der Verbalmodi angesehen – als Translatív, Kommentativ oder прези-казного наклонение, siehe А. Андрейчин, Н. Костов, К. Мирчев, Е. Николов, Ст. Стойков, Български език, София, 1955, p. 212—234; Ю. С. Маслов, Очерк 288 ff. Da die Wiedergabeformen auch mit dem Konjunktiv und dem Imperativ korrelieren, schlugen einige Forscher vor, im Bulgarischen ein ganzes System sekundärer (Wiedergabe-)Modi anzusetzen, siehe Е. И. Демина, БГБЛЯ 359 ff., oder die Wiedergabeformen als bestimmte Fälle modaler Verwendung des Indikativs (изъявительно наклонение) zu betrachten, siehe В. Станков, Врем. 155 ff., besonders 162—4 mit Literaturangaben, in jüngerer Zeit auch Е. И. Демина, Ген. 13 ff.
41Laut V. Koseska SFPS XIII 166 machen die Formen der dritten Person in der Gegenwartssprache etwa 90% aller Belege aus.
42Vgl. М. Г. Рожновская, Синт. 218; Ю. С. Маслов, Очерк 250; V. Koseska, SFPS XIII 166; В. Станков, ib. 78; Е. Дьомина, БЕ XX 407 ff.
43М. Г. Рожновская, Синт. 117.
44Е. М. Демина, БГБЛЯ 353 ff.; В. Станков, Врем. 166.
45Zu Formen ähnlicher emphatischer Bedeutung im Albanischen siehe W. Fiedler, ACB VI 369.
46 H. G. Lunt, Grammar of the Macedonian literary language, Skopje, 1952, 91 tt. Tačiau makedoniečių kalboje atpasakojamosios formos vartojamos su pagalbiniu veiksmažodžiu taip pat kaip perfekto, tad formaliai nuo pastarųjų nesiskiria.
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Im Kroatischen wird mit diesen Partizipien das Perfekt gebildet, dessen 3. Person ohne Hilfsverb indirekt für eine Handlung verwendet werden kann, die auch andere modale Bedeutungen aufweist47. Insgesamt bildeten die aus gemein-slawischen Verbaladjektiven mit dem Suffix l hervorgegangenen Partizipien das Paradigma des indirekten (bzw. wiedergegebenen) Modus nur in einem sehr begrenzten Gebiet einzelner slawischer Sprachen und offenbar relativ spät48.
3.6.2. Dieselben l-Partizipformen, die aus Imperfekt- und Perfektstämmen gebildet werden und eine wiedergegebene Handlung bezeichnen, werden im Bulgarischen auch verwendet, um eine unerwartet erlebte, überraschende Handlung auszudrücken. In solchen Fällen nennt man sie Admirativ. Einige Forscher betrachten den bulgarischen Admirativ als eine Variante des Wiedergabemodus (Translativs oder Kommentativs)49, andere behandeln ihn als eine eigene Formengruppe50 oder als eine bestimmte modale Verwendung der Indikativzeiten51. Der genetische Zusammenhang zwischen Wiedergabemodus und Admirativ wird jedoch von beiden Seiten anerkannt52. Der albanische Admirativ, der mit neuen Formen der Verbalnomina (sogenannten Kurzpartizipien) und einem nachgestellten Hilfsverb der Bedeutung „haben“ gebildet wird53, bezeichnet ebenfalls nicht nur eine unerwartet erlebte oder überraschende, sondern auch eine wiedergegebene Handlung mit einer gewissen emotionalen Färbung54. Beide Bedeutungen sind eng miteinander verbunden (überraschend kann sowohl eine unmittelbar erlebte als auch eine wiedergegebene Handlung sein) und sind, nach Ansicht einiger Balkanologen, aus einem emphatischen Gebrauch des Perfekts hervorgegangen55; lediglich im Bulgarischen war die kommentative (wiedergebende), im Albanischen hingegen die admirative (überraschende) Bedeutungskomponente stärker ausgeprägt56. Es ist leicht zu erkennen, dass der bulgarische und albanische Admirativ hinsichtlich des Zusammenhangs zwischen der Bedeutung einer wiedergegebenen und einer überraschenden Handlung dem litauischen NN völlig entspricht57. Die wiedergebend-admirativen Formen des Bulgarischen haben in Verbindung mit der Konjunktion da auch optative Bedeutung, z. B. da ne cu otшila tam! (besonders nach nei-
47 И. Грицкат, О перфекту без помоћног глагола и сродним синтаксичким појавама у српскохрватском језику, Београд, 1954; J. Kuryłowicz PRTJ XXIX 30–1; М. Деянова, ИИБЕ XIX 847.
48 Nach K. Mirčev, Ист. Гр. 123, begann sich im Bulgarischen der modale Gebrauch des Perfekts ab dem 14. Jh. auszubreiten. E. Diomina Ген. 15 und БЕ XX 410 weisen darauf hin, dass in der bulgarischen Schriftkultur des 17. Jh. noch eine frühe Phase der Entstehung wiedergebender Formen widergespiegelt ist.
49 Ю. С. Маслов, К вопросу о системе форм пересказывательного наклонения, Сборник в чест на Александър Теодоров-Балан, София, 1956, р. 314 tt.; Озерк 250–1; W. Fiedler, ACB VI 369; WZL XV. 3 565.
50 Е. И. Демина, ВГБЛЯ 327–8 su lit.
51 В. Станков, Врем. 176 su lit.
52 Auf dem Internationalen Kongress der Balkanologen 1968 und dem Symposium zur grammatischen Typologie der Balkansprachen 1973 betonte dies auch E. Diomina, die den Admirativ und die wiedergebenden Formen aus Sicht der Gegenwartssprache als unterschiedliche Kategorien betrachtet; siehe Е. И. Демина, Ген. 14.
53 Dėl albanų kalbos admiratyvo žr. G. Weigand, Albanesische Grammatik, Leipzig, 1913, p. 122 tt.; W. Fiedler, ACB VI 367 tt.; WZL XV. 3 561 tt. su lit.; А. В. Десницкая, Албанский язык и его диалекты, Ленинград, 1968, р. 17tt.
54 W. Fiedler, WZL XV. 3 563–5.
55 Vom Perfekt unterscheidet sich der albanische Admirativ historisch nur durch die Stellung von Partizip und Hilfsverb: In den Perfektformen steht das Hilfsverb vor dem Partizip und ist nicht mit ihm verschmolzen; vgl. А. В. Десницкая, ib. 17–18; W. Fiedler, WZL XV. 3 562. Den allmählichen Übergang von der Perfektbedeutung zum Admirativ in der albanischen Schrifttradition beschreibt E. Çabej, ACB 386–7.
56 W. Fiedler, WZL XV. 3 565.
57 Auf die Ähnlichkeit des bulgarischen Admirativs mit litauischen Partizipien, die eine überraschende Handlung bezeichnen, wies A. Nepokupnas hin und schlug vor, auch in den baltischen Sprachen eine Admirativkategorie anzusetzen; siehe А. П. Непокупный, Ареальные аспекты балто-славянских отношений, Киев, Москва, 1964, р. 26–7.
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… (vgl. V. Koseska, SFPS XIII 168–9), wobei sie damit auch mit den prädikativen Partizipien des Litauischen übereinstimmen (z. B. Nekalbėjęs! u. Ä.; siehe 1.9.2). Außerdem wird mit ihnen auch eine vergangene Handlung bezeichnet, die sich aus den Ergebnissen erschließen lässt58 (vgl. die 4. Bedeutung der litauischen NN). Der Zusammenhang des Admirativs mit den Formen der indirekten Rede, dem Perfekt und damit zugleich mit dem prädikativen Gebrauch der Partizipien ist also völlig unzweifelhaft.
3.6.3. So wie der baltisch-ostbaltische indirekte Modus semantisch dem modus obliquus der ostseefinnischen Sprachen nahesteht, so stehen die Formen der indirekten Rede im Bulgarischen, Mazedonischen und Albanischen dem „Evidential-Präteritum“ des Türkischen nahe, das sich aus einem Partizip mit dem Suffix -myš entwickelt hat und Handlungen bezeichnet, die mittelbar, aus dem Munde anderer, erfahren wurden59. Man nimmt an, dass diese modale Bedeutung des Tempus auf der Grundlage einer älteren Perfektbedeutung entstanden ist60. Formen des Evidential-Präteritums, die aus Partizipien auf -myš und -gan hervorgegangen sind, haben sich areal auch in anderen Turksprachen verbreitet (Formen auf -gan sind seit dem 16. Jahrhundert belegt, solche auf -myš seit dem Beginn der Schriftlichkeit der oghusischen Sprachen)61. Außerdem werden im Turkmenischen auch Formen des Evidential-Präteritums auf -an verwendet62. Da die modale Kategorie des Evidentials, d. h. einer mittelbar erfahrenen Handlung, in den Turksprachen weit verbreitet und seit alters her belegt ist, ist es gut verständlich, dass sie im Verlauf jahrhundertelanger sprachlicher Kontakte auch auf das Bulgarische, Mazedonische und Albanische einwirken konnte. Einige Forscher vertraten die Auffassung, die Formen der indirekten Rede im Bulgarischen und Mazedonischen seien durch den Einfluss des türkischen Verbalsystems zur Zeit des bulgarisch-türkischen Bilinguismus (14.–19. Jh.) entstanden63 oder durch das turksprachige Substrat der Protobulgaren (nach dem 7. Jh.)64. Bei genauerer Untersuchung der semantischen Struktur der Kategorien des mittelbar erfahrenen und des überraschenden Geschehens sowie ihrer Besonderheiten in der morphologischen Realisierung traten innere Voraussetzungen dieser Kategorien zutage, die in den balkanslawischen Sprachen und im Albanischen selbst liegen65. Unzweifelhaft aber entwickelte sich diese Kategorie unter den komplexen Bedingungen intensiver Sprachkontakte66. Ihr sehr begrenztes Verbreitungsgebiet am südlichen Rand des indogermanischen Sprachgebiets und ihre relativ junge Entstehung zeigen, dass das wichtigste Zentrum ihrer Ausbreitung im Areal der Turksprachen gelegen haben muss67.
58 E. Diomina bezeichnet diese Bedeutung als konkljuzvyvine; siehe Е. И. Демина, Ген. 14; Е. Дво-мина, БЕ XX 411–2.
59 Siehe dazu O. Grünenthal, KZ LXIII 134; А. И. Кононов, Грамматика современного турецкого языка, Москва – Ленинград, 1956, p. 231 ff.; Н. З. Гаджиева, Осн. 182 ff. Die türkischen Verbformen auf -myš werden wie die bulgarischen auf -l auch als participium conjunctum gebraucht; siehe O. Grünenthal, ib. 134; А. Н. Кононов, ib. 251.
60 O. Grünenthal, ebenda, 134.
61 Н. З. Гаджиева, Осн. 179 tt., 182–3.
62 Ebenda, 181–2.
63 Б. Цонев, История на български език, III, София, 1937, p. 106; К. Мирчев. Ист. гр. 48, 123, 187; Л. Андрейчин, ИИБЕ II 39 tt.; Э. Бенвенист, ОЛ. 223–4.
64 Diese Auffassung hat K. Popov vertreten; siehe Е. И. Демина, Ген. 14.
65 S. Mladenov betrachtete die Formen der indirekten Rede im Bulgarischen bereits als autochthone Erscheinungen, Symb. Rozwadowski II 205 ff.; siehe ferner V. Koseska, SFPS XIII 168 sowie die von E. Diomina in ihrer Studie ББЛЯ 314 angeführte Literatur.
66 E. Diomina zufolge muss die Erklärung ihres Ursprungs „in der gesamten komplexen Situation der jahrhundertelangen Sprachkontakte auf der Balkanhalbinsel“ gesucht werden ((Е. И. Демина, Ген. 17).
67 Den Einfluss der Turksprachen auf die Formen der indirekten Rede im Bulgarischen (z. B. das Weglassen des Hilfsverbs in der 3. Person) und auf den Gebrauch des albanischen Admirativs mit der Bedeutung einer mittelbar erfahrenen Handlung erkennen sogar jene Forscher an, die die Eigenständigkeit dieser Verbformen in den balkanslawischen Sprachen und im Albanischen hervorheben; vgl. W. Fiedler, WZL 565, Е. И. Демина, Ген. 15–16; А. С. Мельничук, Розв. 86–8.
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3.7. Die semantische Kategorie des indirekt erfahrenen Geschehens wird also an zwei völlig entgegengesetzten Randgebieten des indogermanischen Sprachraums – im Baltikum und auf dem Balkan – durch sehr ähnliche Mittel realisiert. Der indirekte Modus der östlichen baltischen Sprachen, die Wiedergabeformen der Balkanslawen und der Admirativ des Albanischen stimmen in vielen Merkmalen der Bedeutung und des morphologischen Ausdrucks überein. Die wichtigsten Übereinstimmungen sind folgende:
1. Die semantische Struktur der genannten modalen Kategorien umfasst die Bedeutungen eines indirekt erfahrenen (Translativ), eines zweifelhaften (Dubitativ) oder eines überraschenden Geschehens (Admirativ). Besonders bemerkenswert ist die nicht triviale Verbindung zwischen den recht unterschiedlichen admirativen und translativen Bedeutungen sowie ihr Ausdruck durch dieselben Formen.
2. Ein indirekt erfahrenes Geschehen wird durch Partizipien ausgedrückt, die in das System der zusammengesetzten (periphrastischen) Tempora eingehen. Obwohl die Partizipialformen selbst unterschiedlichen Ursprungs sind, ähneln sich die mit ihnen gebildeten Paradigmen der indirekten Modi im Aufbau sehr (vgl. die zusammengesetzten Tempora des indirekten Modus im Litauischen und Lettischen sowie die sogenannten emphatischen Wiedergabeformen des Bulgarischen und die Admirativformen des Albanischen).
3. Die Formen, die ein indirekt erfahrenes Geschehen ausdrücken, sind in allen genannten Sprachen genetisch mit dem periphrastischen Perfekt verwandt; im Ostbaltischen und bei den Balkanslawen sind sie in bestimmten Fällen sogar homonym mit diesem.
4. Die Kategorie des indirekt erfahrenen Geschehens wurde vergleichsweise spät morphologisiert (offenbar nicht früher als in der zweiten Hälfte des ersten Jahrtausends n. Chr.).
Diese Übereinstimmungen können nicht zufällig sein. Sie weisen deutlich auf eine typologische Gemeinsamkeit der Semantik und des Ausdrucks des indirekten Modus und seiner funktionalen Äquivalente hin.
Auch die äußeren Bedingungen für die Entstehung des indirekten Modus sind sehr ähnlich. An beiden Randgebieten des indogermanischen Sprachraums wird das direkt gegenüber dem indirekt erfahrenen Geschehen in einem klar abgegrenzten Gebiet unterschieden, zu dem neben indogermanischen Sprachen auch Sprachen anderer Familien (finno-ugrische und türkische) gehören, die mit benachbarten indogermanischen Sprachen Zonen intensiver wechselseitiger Kontakte, des Bilingualismus oder sogar eines „Sprachbundes“ bilden. Zwar finden sich Voraussetzungen und Ansätze für die Entstehung des indirekten Modus auch in anderen indogermanischen Sprachen, doch ist er sonst nirgends morphologisch ausgeprägt. In den Sprachen anderer Familien, etwa den Turksprachen, werden indirekte Modi oder ihre Äquivalente dagegen seit Langem und in größerem Umfang verwendet. Unter solchen Umständen ist die Rolle des Sprachkontakts bei der Entstehung des indirekten Modus ziemlich offenkundig.
Der Vergleich mit anderen Sprachen, die entsprechende modale Kategorien aufweisen, trägt zu einem besseren Verständnis des Ursprungs des litauischen indirekten Modus bei. Seine strukturelle Grundlage bildete der aus der indogermanischen Grundsprache überlieferte prädikative Gebrauch von Partizipien, der seinerseits auf einem nominalen Satztyp beruhte. Seine semantischen Voraussetzungen sind mit den für die indogermanischen Sprachen charakteristischen Tendenzen zum modalen Gebrauch von Partizipien (insbesondere ohne Hilfsverb) und der mit ihnen gebildeten periphrastischen Verbformen (insbesondere des Perfekts und Optativs) in Verbindung zu bringen. Die Durchsetzung der Bedeutung eines wiedergegebenen Geschehens wurde durch halbprädikative Partizipialkonstruktionen begünstigt: Akkusativ und Nominativ mit Partizip. Für die endgültige Ausprägung des indirekten Modus und die Herausbildung seines morphologischen Paradigmas spielten jedoch Kontakte mit den nächstgelegenen ostseefinnischen Sprachen (Livisch und Estnisch) eine wichtige Rolle.
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В. АМБРАЗАС
VERBREITUNG UND URSPRUNGSFRAGE DES KONJUNKTIVS DER INDIREKTEN REDE (MODUS RELATIVUS)
Zusammenfassung
1. Der Konjunktiv der indirekten Rede (im Folgenden KIR), oder modus relativus, bildet in den ostbaltischen Sprachen aktive Partizipien auf *-nt- und *-us- (Nominativformen im Litauischen, jüngere unveränderliche „Deverbien“ im Lettischen), z. B.: lit. tēvas einąs, lett. tēvs ejot „der Vater soll angeblich gehen“. Das Paradigma des KIR ist dem Indikativparadigma symmetrisch gegenübergestellt und von diesem abgegrenzt; neben einfachen Formen umfasst es zusammengesetzte (periphrastische) Formen mit aktiven Partizipien des Hilfsverbs būti, die den entsprechenden periphrastischen Indikativformen gegenüberstehen, z. B.: yra, buvo, būdavo, bus metęs: esąs, buvęs, būdavęs, būsiąs metęs. Die wichtigsten Unterscheidungsmerkmale des KIR sind die Stellung des verbum finitum im Satz und das Fehlen einer flektierten Form des Hilfsverbs als Kopula. Eine Neutralisierung des formalen Gegensatzes zwischen KIR und Indikativ in der modernen litauischen Standardsprache findet sich bei drei Formen mit aktiven Partizipien der Vergangenheit (jis metęs, buvęs metamas, buvęs mestas), bei denen die flektierte Form des Hilfsverbs ausgelassen werden kann. Im Lettischen ist die Neutralisierung dieses Gegensatzes noch stärker eingeschränkt.
Die modale Semantik des KIR umfasst die Bedeutungen der Wiedergabe vom Hörensagen (Translativ), des Zweifels (Dubitativ), der Überraschung (Admirativ) und der Schlussfolgerung anhand von Ergebnissen (Konklusiv), wobei die eng miteinander verbundenen Bedeutungen des Hörensagens und des Zweifels vorherrschen.
Die Verbreitung des KIR in den Dialekten des Litauischen ist sehr ungleichmäßig: Es ist nur im žemaitischen Dialekt, im südlich angrenzenden Teil des westaukštaitischen Dialekts und in der nordöstlichen Ecke des litauischen Sprachgebiets weit verbreitet (siehe Karte 1). Gerade für dieses Gebiet ist auch die Produktivität weiterer Partizipialkonstruktionen charakteristisch, darunter nominativus cum participio, dativus absolutus und periphrastische Tempusformen.
Zu Beginn der litauischen und lettischen Schriftlichkeit war der KIR bereits eine vollständig ausgeprägte Kategorie mit einer der modernen Sprache entsprechenden Semantik. Im Altlitauischen ist der KIR am umfassendsten in den Werken von S. Vainšoras belegt (35 Wendungen).
Die Dialektdaten, die Folklore und die altlitauischen Denkmäler weisen auf einen engen Zusammenhang zwischen dem KIR und den periphrastischen Verbformen der Vergangenheit hin. Aktive Parti-
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zipien der Gegenwart (einąs, bėgas, žiūris) gehören im Altlitauischen und teilweise auch im modernen žemaitischen Dialekt noch zum Paradigma der periphrastischen Verbformen; sie können in der Stellung des verbum finitum ohne eine Bedeutung des Hörensagens oder des Zweifels gebraucht werden und mit einem Hilfsverb verbunden sein, wobei das Affix be- lediglich die Durativität hervorhebt (z. B. ira beszindans BrB II Moz 34, 26). Andererseits ist der KIR untrennbar mit anderen prädikativen Konstruktionen aktiver Partizipien ohne Kopula in der Stellung des verbum finitum verbunden, die im syntaktischen System des Litauischen eine isolierte Stellung einnehmen, idiomatisiert sind und bereits bei synchroner Betrachtung als Relikte archaischen Charakters hervortreten. Sie dienen hauptsächlich zum Ausdruck „zeitloser“ Zustände, d. h. in der üblichen Funktion alter nominaler Sätze, z. B.: O ans jau nuo ryto atsigulęs į bedribss Rs, sowie zum emphatischen Ausdruck der Verneinung (z. B. Nebebuve, kad aš až jo eič! Ds), des Wunsches und des Befehls in halbidiomatischen Wendungen, Beschwörungen u. Ä., z. B. atadara durytėles BsP II 327. Mit verschiedenen expressiven Nuancen treten aktive Partizipien ohne Kopula auch in der Stellung des zweiten Verbs in postpositiven Konstruktionen mit Relativpronomen und -adverbien wie kas, kiek, kada, kur, iki, ligi u. Ä. auf, z. B.: vaikas turėjo duonos kiek noris; in präpositiver Stellung können sie mit der verbalen Konjunktion in verbunden sein, z. B. pabėgėjęs ir pastipo BrP IV 235. Das Alter dieser Konstruktionen wird durch genaue Entsprechungen in den slawischen, germanischen und anderen verwandten Sprachen bestätigt. Postpositive Partizipien der Vergangenheit werden auch zur Emphase der Handlung des Verbs mit entsprechender Wurzel gebraucht, z. B. gerk gėręs, ferner zum Ausdruck einer Alternative (sakyк jam nesakęs) oder einer unerwünschten Handlung (tylėk nebybėjęs).
Die genetische Verbindung des KIR mit den erwähnten Reliktkonstruktionen weist darauf hin, dass der KIR aus historischer Sicht eine spezialisierte Verwendung des Partizips in alter prädikativer Funktion darstellt, die sich von den anderen lediglich durch bestimmte modale Bedeutungen unterscheidet.
2. Auch Konstruktionen mit passiven Partizipien des Neutrums belegen die Entwicklung des KIR auf der Grundlage der alten prädikativen Funktion der Partizipien, z. B.: (brolio) gyvenama, sėjama; gyventa, sėta oder (brolio) būta gyventa. Hinsichtlich ihrer Verbreitung in den litauischen Dialekten unterscheiden sich diese Konstruktionen deutlich vom KIR: Sie sind dort am produktivsten, wo der KIR nicht gebraucht wird, während sie im žemaitischen Dialekt nahezu vollständig fehlen (siehe Karte 2). Ihrer modalen Bedeutung nach entsprechen sie jedoch im Wesentlichen dem KIR; lediglich die admirative und konklusive Bedeutung ist bei den passiven Partizipien produktiver. Der Parallelismus der modalen Bedeutungen bei unterschiedlicher Verbreitung des KIR und der passiven Wendungen zeugt von einer gemeinsamen Entwicklung und widerspricht Versuchen, den KIR unmittelbar aus der Konstruktion nominativus cum participio abzuleiten, der Formen passiver Partizipien des Neutrums völlig fremd sind.
Ein vergleichender Analyse der Wendungen mit passiven Partizipien des Neutrums vom Typ brolio gyvenama / gyventa führt zu dem Schluss, dass sie historisch Varianten der Konstruktionen (rugiai) sėjama / sėta sind (vgl. altpreuß. grīkai ast... etwīerpton, kirchenslaw. glasъ... uslyšano budetъ), die nach demselben Strukturmuster gebildet sind wie Wendungen mit Adjektiven vom Typ (darbas) miela (vgl. altruss. зрохо сладко). Die Neutrumform der Adjektive und Partizipien stellt hier einen reinen Stamm auf -o dar. Konstruktionen vom Typ (rugiai) sėjama lassen sich als Relikte nominaler Sätze mit unveränderlicher Form des prädikativen Glieds erklären, die aus der idg. Sprachgemeinschaft ererbt wurden. Spuren der alten Inkongruenz haben sich auch in den entsprechenden KIR-Konstruktionen mit Formen aktiver Partizipien des Neutrums erhalten, die sich mit Substantiven sowohl maskulinen als auch femininen Geschlechts verbinden können (vgl. broliai / seserys eina) und sich mit ihren Wurzeln ebenfalls auf den alten nominalen Satz stützen. Somit wird die Annahme einer gemeinsamen ursprünglichen syntaktischen Struktur des KIR und der Wendungen mit passiven Partizipien vertreten.
Die Verbreitung des genetivus auctoris (der ursprünglich offenbar eine possessive Bedeutung hatte) oder ihm synonymischer Kasuskonstruktionen des Subjekts bei passiven Partizipien nicht nur transitiver, sondern auch intransitiver Verben (z. B. brolio sėjama, gyvenama) gilt als eine spätere Umgestaltung der ursprünglichen Konstruktion (rugiai sėjama); typologische Parallelen finden sich in den slawischen (insbesondere nordrussischen) und indo-iranischen Sprachen. Im Zusammenhang mit der Umwandlung von Adjektiven und Partizipien des Neutrums
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… des Genus zu adverbialisierten Prädikativa kommt es innerhalb der Passivkonstruktion zu einer Neubewertung der syntaktischen Beziehungen, wodurch der Nominativ in vielen Fällen nicht mehr als Kasus des Subjekts, sondern als Kasus des direkten Objekts der durch das Partizip ausgedrückten Handlung aufgefasst wird, vgl. jo rašoma laiškas (sekundäre „Ergativierung“ der Konstruktion).
3. Die Entwicklung modaler Bedeutungen prädikativer Konstruktionen mit aktiven und passiven Partizipien ist durch ein ganzes Bündel interner und externer Faktoren bedingt. Nachdem die meisten Nominalsätze als Konstruktionen mit Nullkopula in die syntaktischen Paradigmen verbaler Sätze aufgenommen worden waren, geriet ein Teil der alten prädikativen Partizipien an die Peripherie des syntaktischen Systems und wurde später aufgrund ihrer sekundären modalen Funktion umgedeutet. Die Tendenz, nominale Verbformen zum Ausdruck indirekt wahrgenommener Handlungen zu verwenden (die Evidentialitätskategorie nach R. Jakobson), zeigt sich im Gebrauch sowohl alter als auch neuer (periphrastischer) Perfektformen im Altindischen, in den slawischen und romanischen Sprachen sowie in typologischen Parallelen in den Turksprachen, semitischen und einigen kartwelischen Sprachen. Zur modalen Umdeutung der prädikativen Partizipien könnte auch die Verwendung von Partizipialformen zur Bildung des periphrastischen Optativs beigetragen haben, also gerade jenes Modus, der in vielen indogermanischen Sprachen die indirekte Rede ausdrückt. Die Zeugnisse der altlitauischen Denkmäler belegen einen Zusammenhang zwischen optativischer und translativischer Bedeutung; darauf weisen auch Fälle von Synonymie zwischen dem KN und dem Optativ in den Werken von S. Vaišnoras hin. Noch größeren Einfluss auf die „Verankerung“ der Wiedergabebedeutung bei prädikativen aktiven Partizipien dürfte die Konstruktion nominativus cum participio nach Verben der geistigen Wahrnehmung und des Sprechens gehabt haben, z. B. jis sakė(si) ėjęs; damit erklärt sich das deutliche Überwiegen der translativischen und dubitativen Bedeutungen des KN gegenüber den entsprechenden passiven Konstruktionen.
Als äußere Bedingungen, die die Entwicklung modaler Bedeutungen prädikativer Partizipien begünstigten, sind vor allem die historischen Beziehungen zwischen den baltischen und den ostseefinnischen Sprachen anzusehen. Der Vergleich der litauisch-lettischen Partizipialkonstruktionen mit bedeutungsgleichen Konstruktionen des Estnischen (kaudne kõneviis) und des Livischen weist auf eine gemeinsame semantische Kategorie der Wiedergabe hin, die in einem vergleichsweise kleinen und geschlossenen Gebiet, das einen Teil der östlichen Ostseeküste umfasst, durch verschiedene Verbalformen realisiert wird: Partizipien (Litauisch), Gerundien (Lettisch, Estnisch), Infinitive (Estnisch), Verbalnomina (Livisch), wobei nur die litauischen und lettischen Formen genetisch identisch sind. Die Verbreitung dieser semantischen Kategorie könnte mit dem Vordringen der baltischen Stämme nach Norden in die von Vorfahren der Liven und Esten besiedelten Gebiete zusammenhängen; dieses wird auf das 5.–6. Jh. n. Chr. datiert. Zu dieser Zeit bestand die ostseefinnische Sprachgemeinschaft bereits nicht mehr, während die ostbaltischen Sprachen noch eine Gemeinschaft bildeten, in der sich Neuerungen frei verbreiten konnten. Die Gebrauchshäufigkeit des KN in den ostbaltischen Sprachen entspricht ungefähr der Enge ihrer Beziehungen zu den ostseefinnischen Sprachen: Am häufigsten wird er im Lettischen verwendet, seltener im Norden und Nordosten Litauens sowie im žemaitischen Dialekt, d. h. in den Kontaktzonen des Litauischen mit den kurischen und livischen Sprachen, die stärker dem ostseefinnischen Einfluss ausgesetzt waren; in Südlitauen kommt der KN bereits äußerst selten vor. Dies lässt vermuten, dass sich die Kategorie der Wiedergabe in den baltischen Sprachen von Norden nach Süden ausbreitete und wahrscheinlich nicht einmal das Gebiet der altpreußischen Sprache erreichte.
Eine typologische Parallele zum ostbaltischen und ostseefinnischen KN findet sich auf dem Balkan. Die bulgarisch-mazedonischen Wiedergabeformen und der albanische Admirativ, deren Ausbildung durch den Einfluss des Türkischen begünstigt wurde, entsprechen dem litauisch-lettischen KN sowohl hinsichtlich ihrer semantischen Struktur als auch ihrer morphologischen Ausdrucksmittel (Verbalnomina, die eng mit periphrastischen Perfektformen verbunden sind). Die Morphologisierung der semantischen Kategorie der Wiedergabe ausschließlich in Randgebieten des idg. Areals auf der Grundlage der alten prädikativen Funktion von Verbalnomina, die für viele idg. Sprachen charakteristisch ist, weist auf die bedeutende Rolle des Sprachkontakts in diesem Prozess hin und stellt ein anschauliches Beispiel für die Verbreitung identischer semantischer Kategorien in Kontaktgebieten genealogisch nicht verwandter Sprachen dar.
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