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К истории литуанистики в России: письма Й. Юшки И. И. Срезневскому

Г. К. Венедиктов

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GRAMATINĖS KATEGORIJOS IR JŲ RAIDA LIETUVIŲ KALBOTYROS KLAUSIMAI XVIII (1978) PUBLIKATIONEN Г. К. ВЕНЕДИКТОВ ZUR GESCHICHTE DER LITAUANISTIK IN RUSSLAND: BRIEFE VON J. JUŠKA AN I. I. SREZNEVSKIJ (Fortsetzung) Zu den zahlreichen Korrespondenten des Akademiemitglieds I. I. Sreznevskij gehörte auch Jonas Juška (Ivan Vasil’evič Juškevič, 1815–1886), ein bekannter litauischer Sprachwissenschaftler sowie Sammler und Herausgeber litauischer Volkslieder. Im Teil des persönlichen Archivs des russischen Slawisten, der im Zentralen Staatlichen Archiv für Literatur und Kunst (CGALI) in Moskau aufbewahrt wird, befinden sich 34 Briefe von J. Juška an I. I. Sreznevskij; der erste ist auf den 3.I.1856 datiert, der letzte auf den 25.IX.18781, außerdem eine Glückwunschtelegramm vom 4.IV.1879 anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der wissenschaftlichen Tätigkeit I. I. Sreznevskijs2. Auf die Bedeutung dieser Briefe für die Geschichte der Litauistik haben wir kurz in den einleitenden Bemerkungen zur Veröffentlichung der ersten zehn Briefe J. Juškas hingewiesen3. Ausführlicher behandeln wir in einem anderen Aufsatz J. Juškas Arbeit am „Wortstammverzeichnis der litauischen Sprache“, am Wörterbuch litauisch-sanskritischer Entsprechungen sowie die Beziehungen zwischen J. Juška und I. I. Sreznevskij4. Dort werden auch das den Briefen J. Juškas beigefügte, erwähnte Wörterbuch litauisch-sanskritischer Entsprechungen, Probeartikel aus dem „Wortstammverzeichnis der litauischen Sprache“ und die von A. Juška, dem Bruder J. Juškas, in der Umgebung der Stadt Panevėžys gesammelten litauischen Bezeichnungen für Verwandtschaftsgrade veröffentlicht. Im Folgenden werden die übrigen 24 Briefe von J. Juška an I. I. Sreznevskij sowie das Glückwunschtelegramm veröffentlicht. Wie die ersten zehn Briefe werden auch diese unter Beachtung der Regeln der modernen russischen Orthografie gedruckt, wobei jedoch andere Besonderheiten der Briefsprache beibehalten werden. Unsere Erläuterungen im Text stehen in eckigen Klammern. Ein kurzer Kommentar zum Text der Briefe befindet sich im Abschnitt „Anmerkungen“, der angesichts des Umfangs der Veröffentlichung und des begrenzten Platzes in diesem Sammelband nur die unserer Ansicht nach notwendigsten und wesentlichsten Erläuterungen enthält. * * * 1 CGALI, Bestand 436 (Sreznevskij), Findbuch 1, Einheit 1433. 2 Ebenda, Einheit 1615. 3 Siehe Sammelband: Baltisch-slawische Forschungen. Moskau, 1974, S. 242–243. 4 Venediktov, G. K. Materialien zur Geschichte der Litauistik aus dem Archiv von I. I. Sreznevskij. – In: „Lietuvių terminologija“ („Lietuvių kalbotyros klausimai“, Bd. XVI). V., 1975, S. 203–224. 12. Gramatinės kategorijos ir jų raida 177 115⁵ Hochgeehrter Herr Ismail Iwanowitsch! Schon einige Tage sind seit meiner glücklichen Reise in die Hauptstadt vergangen. Ich kehrte von dieser dreitägigen Reise mit einer solchen Begeisterung und einer solchen Stimmung für neue Arbeiten zurück, wie man sie nur durch eine besonders günstige Fügung des Glücks erlangen kann [so!]. Mein neues Leben verdanke ich ausschließlich Ihnen, hochverehrter Ismail Iwanowitsch; ich danke Ihnen und weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll. Auch Jekaterina Fjodorowna danke ich für ihre überaus fürsorgliche Gastfreundschaft; ich verbrachte diese drei Tage wie bei meinen nächsten und liebsten Verwandten. Gestern war ich bei P. I. Solowjow; er lässt Ihnen für Ihr Interesse an seiner Arbeit danken und verspricht, sie im kommenden April der Archäologischen Gesellschaft vorzulegen und dieser auch ihre wissenschaftliche Bearbeitung anzuvertrauen. Das Schreiben des Archimandriten Makari an den Erzbischof von Nowgorod mit der Aufforderung an den Schlüsselbewahrer Solowjow, seine Arbeit dem Heiligen Synod vorzulegen, hatte keinen Erfolg [so!]; es wurde ihm zurückgesandt, weil es einige für die bischöfliche Autorität beleidigende Äußerungen enthielt. Ich danke Ihnen aufs Herzlichste, Ismail Iwanowitsch, für die Bücher, die Sie mir aus Ihrer Bibliothek zu entleihen gestattet haben; darunter sende ich das Programm für den Unterricht in slawischer Philologie zurück und füge eine Gedächtnisliste der Bücher von Ihnen bei, die bei mir verbleiben¹. Da ich nicht daran denke, das Gebiet der Philologie zu verlassen [so!], möchte ich die notwendigsten und wichtigsten Hilfsmittel mein Eigen nennen; zunächst möchte ich gern bestellen: 1) Beiträge zur Kunde der littauischen Sprache v. F. Kurschat, 2) eine lettische Grammatik und ein Lexikon, 3) Die Sprache der alten Preussen v. Nesselmann, 4) Vergleichende Grammatik v. Bopp, 5) Geschichte der deutschen Sprache J. Grimm, 6) Etimologische Forschungen auf der Gebiete der Indo-German. Sprache v. Pott, 7) Jahrbücher für slawische Litteratur, Kund und Wissenschaft; daher möchte ich Sie, sofern es keine Umstände bereitet, ergebenst bitten, bei Gelegenheit auch für mich die genannten Hilfsmittel oder andere, die Sie, Ismail Iwanowitsch, für mich als nötig erachten, zu bestellen; das Geld dafür würde ich Ihnen umgehend zusenden. Ich habe die Tabellen der Deklinationen litauischer Partizipien und Pronomen im Vergleich mit den altslawischen bereits fertiggestellt und werde mich nun mit der Konjugation litauischer Verben befassen. Auch einige Seiten der litauischen Bibel habe ich bereits gelesen und stelle einen deutlichen Unterschied zwischen der Sprache der Bibel und der Volkssprache sowohl im Wortbestand als auch in den grammatischen Formen fest. Bei der Untersuchung des Sprachbestands halte ich es für nützlich, auch grammatische Besonderheiten zu sammeln, die als Material für die Geschichte der litauischen Sprache dienen können. Pjotr Iwanowitsch, Marija Iwanowna, Alexej Wassiljewitsch und Marija Andrianowna haben mich gebeten, Ihnen, Ismail Iwanowitsch, und Jekaterina Fjodorowna ihre Grüße auszurichten; ebenso der Schlüsselbewahrer Solowjow und der Kaufmann Fjodorow. In den nächsten Tagen denke ich auch beim Bibliothekar Iwan Semjonowitsch vorbeizuschauen. Nochmals danke ich Ihnen, Ismail Iwanowitsch, und danke auch Jekaterina Fjodorowna für Ihre wohlwollende Aufmerksamkeit mir gegenüber. Mit höchster Achtung und vollkommenster Ergebenheit habe ich die Ehre, Ihr, hochverehrter Ismail Iwanowitsch, ergebenster Diener zu bleiben. Iwan Juszkewitsch Am 6. Januar 1857. Nowgorod. 5 Die ersten zehn Briefe siehe in dem erwähnten Sammelband: Балто-славянские исследования, S. 244—254. 178 Ich bitte Sie herzlich, Ismail Iwanowitsch, Jekaterina Fjodorowna meine allerhöchste Verehrung zu übermitteln; Olga Ismailowna, Ljudmila Ismailowna, Nadeschda Ismailowna, Wladimir Ismailowitsch und Wjatscheslaw Ismailowitsch lasse ich grüßen; ebenso Nikolai Alexandrowitsch. 12. Hochgeehrter Herr, Ismail Iwanowitsch! Verzeihen Sie mir, Ismail Iwanowitsch, dass ich Ihnen so lange nicht geschrieben habe. Je weiter ich in meinen Studien der litauischen Sprache vorankomme und je vertrauter ich mit den ältesten Denkmälern der slawischen Schriftlichkeit werde, desto mehr bin ich von der Bedeutung und Wichtigkeit Ihrer Unterweisungen und Ihrer Unterstützung überzeugt, desto tiefer wurzelt in meinem Herzen das Gefühl der Achtung und Dankbarkeit Ihnen gegenüber, Ismail Iwanowitsch, als dem Urheber einer neuen Periode meines geistigen Lebens. Bitte glauben Sie meinen Worten, Ismail Iwanowitsch; sie sind Ausdruck meiner Seele. Der Grund meines Schweigens ist der Stand meiner Arbeit. Anfang Januar des vergangenen Jahres begann ich, die litauische Bibel zu lesen; ich fing mit dem Neuen Testament, mit dem Evangelium, an, weil ich zum Vergleich der litauischen mit der slawischen Sprache die älteste und bereits erforschte Sprache des Ostromir-Evangeliums zur Hand hatte; danach las ich die Apostelgeschichte und die Apostelbriefe, und nachdem ich mich dem Alten Testament zugewandt hatte, las ich die Bücher Mose, Josua, die Bücher der Richter, der Könige, der Chronik, Esra, Nehemia, Hiob, die Psalmen, die Sprüche Salomos, das Hohelied und die Weisheit Salomos bis zum Propheten Jesaja – insgesamt mehr als zwei Drittel der Heiligen Schrift. Beim Lesen unterstrich ich jeden Satz, in dem ich auf ein neues Wort stieß oder auf ein Wort, dessen Bedeutung unklar war oder das eine andere Bedeutung hatte. Mit dem Abschreiben der unterstrichenen Sätze beauftragte ich die Schüler der vierten und fünften Klassen; sie legten mir bereits mehr als fünftausend Zettelchen vor, auf denen jeweils ein eigener Satz verzeichnet war, dazu in der oberen linken Ecke des Zettelchens ein oder zwei Anfangssilben des folgenden Wortes. Nun mache ich mich daran, die Grundlage des geplanten Wurzelwörterbuchs zusammenzustellen. Die Sprache der Bibel ist keineswegs diejenige, die unsere Litauer heute sprechen; sie unterscheidet sich von der heutigen nicht so sehr in ihrem Wortbestand als vielmehr durch grammatische Formen, die eine vergangene Entwicklungsperiode der litauischen Sprache kennzeichnen. Alle außer Gebrauch gekommenen Wörter und grammatischen Formen habe ich gesondert notiert. Bei der Untersuchung der Sprache der lit[auischen] Bibel möchte ich versuchen, den Grad des Einflusses fremder Elemente auf die lit[auische] Sprache zu bestimmen, der durch die Übersetzung der Heiligen Schrift eingebracht wurde. Zu diesem Zweck würde ich gern den Aufsatz von Herrn Buslajew über den Einfluss des Christentums auf die slawische Sprache lesen. Nach der Untersuchung der Sprache der lit[auischen] Bibel möchte ich gern weitere älteste Denkmäler der lit[auischen] Sprache kennenlernen; dabei denke ich an die folgenden Denkmäler. 1) Das Vaterunser aus dem XIII.—XIV. Jahrhundert (Dr. St. nar. Lit. Narb. T. 1, S. 461—468, und in der Zeitschrift für Volksaufklärung, Bd. LVI, der Aufsatz über das litauische Volk von Boritschewski, 2) Lit[auischer] Katechismus im samogitischen (žemaitischen) Dialekt von 1547. 3) Die Taufformel (Forma kriksz-tima), von Dabmann in Königsberg 1559. 4) (Postille, arba sakimai kuniga Wujka, żemajtisz kaj izgulditi par K. Mikołą Dauksza) Postille oder Predigten des heiligen Wujek, samogitisch wiedergegeben von Michael Daukša, 1599 in Wilna (Übersetzung aus dem Polnischen). 5) Die Predigtartikel (Punktaj sakimu) von Konstantinas Širvydas in Wilna aus dem Jahr 1629. 6) Das Buch christlicher Frömmigkeit (Kniga Nobaż-nisties Krikszczioniszkos) in Kėdainiai 1653. Einige neuere lit[auische] Werke, die im Handel erhältlich sind, kann ich mir aus Wilna kommen lassen. Für meine Arbeit halte ich darunter folgende für die wichtigsten: Das Bistum Samogitien (Žemajtių wiskupiste) von Bischof Wołonczewski und die Werke von Daukantas (Übersetzung 12* 179 der Fabeln des Phädrus und des Cornelius Nepos). Von meinem Bruder hoffe ich in Kürze bis zu dreitausend litauische Wörter zu erhalten, die in der Umgebung der Stadt Panevėžys aus der lebendigen Volkssprache der Litauer gesammelt wurden. Dies ist wichtiges Material für meine Arbeit. Doch auch mein anderes Vorhaben – die Vorbereitung auf die Prüfung – habe ich nicht aufgegeben; jede freie Minute widme ich dem Studium der Sprache der ältesten slawischen Denkmäler, sowohl der in kyrillischer als auch der in glagolitischer Schrift, zumeist anhand der mir vorliegenden Fragmente. Für fast alle wissenschaftlichen Hilfsmittel bin ich Ihnen verpflichtet, Ismail Iwanowitsch; ich danke Ihnen, ich danke Ihnen. Es ist mir wirklich unangenehm, so viele Bücher aus Ihrer Bibliothek ausgeliehen zu haben und sie so lange bei mir zu behalten; seien Sie so freundlich und weisen Sie mich an, Ihnen die Bücher zurückzusenden, die Sie benötigen. Mit einer solchen Anordnung werden Sie mich wegen der Verzögerung bei der Rückgabe Ihrer Bücher beruhigen und mir Mut machen, Sie bei Bedarf um weitere wissenschaftliche Hilfsmittel zu bitten. Von lebhaftester Dankbarkeit Ihnen gegenüber erfüllt, Ismail Iwanowitsch, für Ihr wohlwollendes Entgegenkommen, habe ich die Ehre, mit höchster Achtung und vollkommener Ergebenheit Ihr ergebenster Diener zu bleiben, Ismail Iwanowitsch. I. Juškevič 19. Februar 1857 Nowgorod. Bitte bezeugen Sie Jekaterina Fjodorowna meine allerhöchste Achtung. Olga Ismailowna und allen Ihren lieben Kindern lasse ich Grüße ausrichten. Pjotr Iwanowitsch, Alexei Wassiljewitsch, Marija Andrianowna und Iwan Kuprijanowitsch haben mich gebeten, Ihnen ihre Grüße auszurichten. Marija Iwanowna ist jetzt in Petersburg. Der Sakristan Solowjow, Iwan Semjonowitsch, Konshin und Fjodorow lassen Sie ebenfalls grüßen. Ich danke Ihnen herzlich, Ismail Iwanowitsch, für die Separatdrucke über Schleicher’s Grammatik; ich habe sie bereits im Januar erhalten. 13. Hochgeehrter Herr, Ismail Iwanowitsch! Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen, Ismail Iwanowitsch, für Ihr Wohlwollen mir gegenüber danken soll. In letzter Zeit erhielt ich von Ihnen eine polnische Dissertation von F. Buslajew, Über den Einfluss des Christentums auf die slawische Sprache, sowie zwei litauische Bücher: 1) Das ländliche Epos von Chr. Donelaitisа und 2) Punktaj Sakimu von Kon. Širvydas, ferner eine größere Anzahl von Separatdrucken aus dem achten und neunten Bericht von Herrn Mikucki – aus dem Komitee der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften. Die Dissertation von Herrn Buslajew las ich mit Bewunderung und fand sie für mich äußerst hilfreich, wegen des geistreichen Blicks des Verfassers auf die historische Entwicklung der lexikalischen Seite der Sprache. Dies steht in engster Beziehung zu meiner gegenwärtigen Arbeit. Die erwähnten litauischen Bücher sind für die Erforschung der litauischen Sprache von großer Bedeutung. Mir ist kein litauisches Werk bekannt, in dem das ländliche Leben des litauischen Volkes vollständiger und anschaulicher zum Ausdruck käme als in den vier Jahreszeiten, dem ländlichen Epos von Chr. Donelaitis. Punktaj Sakimu (Predigtartikel) sind sprachgeschichtlich wichtig, da ihre Sprache bis in die Anfänge der litauischen Schriftlichkeit – ins XVI—XVII. Jahrhundert – zurückreicht. Was die Separatdrucke aus dem 8. und 9. Bericht von Herrn Mikucki betrifft, so bin ich ratlos. Ich vermute, sie waren für einen anderen Zweck bestimmt und wurden mir irrtümlich vom Komitee zugesandt. Nachdem ich zwei neue Quellen für meine Arbeit erhalten hatte, ließ ich die Bearbeitung der aus der Bibel exzerpierten Wörter vorläufig liegen und begann, Donelaitis zu lesen. Auf den ersten Seiten ging die Lektüre recht langsam voran, denn ich musste [sic!] fast jedes Wort untersuchen. Doch hochachtungsvoll Ihren Ratschlägen und 180 Ihren Hinweisen, Ismail Iwanowitsch, entsprechend beschränke ich mich in meinen Überlegungen darauf, die Bedeutungen des untersuchten Wortes zu bestimmen, sie durch Wendungen zu erläutern, in denen es vorkommt, und die litauischen Wurzeln nur mit slawischen zu vergleichen. Ich erlaube [so!] mir lediglich, lettische und altpreußische Wörter mit litauischen Wörtern zu vergleichen, wobei ich für die beiden letztgenannten Sprachen Stenders Lexikon sowie das Lexikon benutze, das der Ausgabe der drei preußischen Katechismen von Herrn Nesselmann beigegeben ist. Ich habe jedoch Lettisch und Altpreußisch in den Kreis meiner Studien aufgenommen, weil ich mich zu meinem eigenen Nutzen mit diesen Sprachen vertraut machen möchte, als den dem Litauischen verwandten Schwestersprachen. Die Aufnahme lettischer und altpreußischer Wörter und Wurzeln in das von mir geplante Wurzelwörterbuch wird ganz von Ihren, Ismail Iwanowitsch, Ratschlägen und Hinweisen abhängen, die ich hoch achte und gewissenhaft befolgen werde. Die Wörter schreibe ich auf Karteikarten; für jede Wurzel bestimme ich eine besondere Karte. Wenn die aus einer Wurzel entstandenen Wörter nicht auf eine Karte passen, füge ich ihr eine weitere mit der Nummer zwei hinzu. Die Karten habe ich alphabetisch nach Buchstaben geordnet. Für jeden Buchstaben habe ich zwei Kartenfächer eingerichtet. In einem habe ich die Karten abgelegt, auf denen die Wurzeln verzeichnet sind, die sich zu vielfältigen Formen entwickelt haben; im anderen befinden sich Karten mit Wurzeln, die sich in einer, zwei oder drei Formen zeigen. Vorerst liegen die Karten in Häufchen auf dem Tisch. Diese Häufchen wachsen täglich. Bei uns sind klare Frühlingstage angebrochen, die an den nahenden Sommer erinnern. Nachdem Sie großmütig alle Unannehmlichkeiten vergessen haben, die Sie im vergangenen Sommer in Nowgorod erlebt haben, würden Sie, Ismail Iwanowitsch, nicht etwa für den kommenden Sommer eine Wohnung in Nowgorod für sich anmieten lassen? Wahrhaftig, das wäre wunderbar! Das bekannte Haus des Kaufmanns Fjodorow ist nun belegt, doch ließe sich auch eine andere gute Wohnung finden. Mit höchster Achtung und vollkommener Ergebenheit habe ich die Ehre, Ihr gehorsamster Diener zu sein, hochverehrter Ismail Iwanowitsch. И. Юшкевич 25. März 1857 Nowgorod Bitte übermitteln Sie Jekaterina Fjodorowna meine höchste Achtung und versichern Sie ihr, dass ich und alle ihre Bekannten in Nowgorod ihnen mit Vergnügen unsere Dienste anbieten würden, wenn sie sich nur dazu entschlössen, Nowgorod mit ihrem Besuch zur Sommerzeit zu beehren. Olga Ismailowna, Ljudmila Ismailowna, Nadeschda Ismailowna, Wladimir Ismailowitsch und Wjatscheslaw Ismailowitsch entbiete ich meine ergebensten Grüße. Nikolai Alexandrowitsch ebenfalls. 14. Hochgeehrter Herr Ismail Iwanowitsch! Gestern erhielt ich Ihren Brief, und heute hat Pjotr Iwanowitsch die Abzüge von Herrn Mikucki mit einem Schreiben nach Wilna an den Autor geschickt und dabei den Fehler angegeben. Verzeihen Sie mir großzügig, hochverehrter Ismail Iwanowitsch, dass ich Sie nicht sogleich über diese irrtümliche Sendung benachrichtigt habe; einen Teil der Schuld an der Verzögerung meiner Antwort könnte ich der Unzuverlässigkeit unseres Postamts zuschieben, das Briefe und Benachrichtigungen ganze Wochen lang zurückhält; so wurde beispielsweise auch Ihr jetziger Brief im Petersburger Postamt am 28. März angenommen, ich aber erhielt ihn erst am 4. April. Iwan Kuprijanowitsch wartet auf die letzten Bogen des fünften Bandes der Nachrichten der II. Abteilung und vermutet, dass es vielleicht nur 181 Der nach Nowgorod bestimmte Mann gelangte durch einen solchen Irrtum nach Wilna wie der für Wilna bestimmte nach Nowgorod. Es hat mich sehr erfreut, dass Sie, hochverehrter Ismail Iwanowitsch, von mir Probekärtchen des von mir geplanten Wurzelwörterbuchs verlangt haben. Ich sende Ihnen einige davon so, wie sie sind3. Doch halte ich es für meine Pflicht zu sagen, dass sie bei Weitem noch nicht fertiggestellt sind. Während ich Material für das geplante Wurzelwörterbuch sammle, notiere ich auf den Kärtchen nur die Wörter, denen ich beim Lesen begegne. Ihre Zahl nimmt täglich zu, die Materialmenge wächst; in ein organisches System werde ich sie aber erst bringen, wenn ich alle litauischen Quellen, die sich bei mir befinden, durchgesehen haben werde. Von dem gesammelten Material wird nur das für die Sache herangezogen werden [so!], was wesentlich wichtig und dem Ziel angemessen ist. Was den Umfang der geplanten Arbeit betrifft, so denke ich, dass man sich auf jene Formen beschränken könnte, die zur Erläuterung verschiedener Arten von Wurzeln und ihrer Bedeutungen führen. Lettische und altpreußische Wörter erläutere ich nicht anhand von Beispielen, sondern führe sie nur an, um zu zeigen, welche Wurzeln sich in den nächstverwandten Zweigen der litauischen Sprache erhalten haben. Jetzt lese ich das Werk von Donelaitis und habe daraus bereits bis zu 600 Wurzeln exzerpiert. Die aus der lit[auischen] Bibel exzerpierten Wörter (bis zu 6000) warten noch auf ihre Bearbeitung. Auf den übersandten Kärtchen sind Formen aus Donelaitis und nur einige aus dem Evangelium verzeichnet. Von den sieben übersandten Wurzeln scheinen zwei im Slawischen nicht vorzukommen: lik und mau. Ich kann Ihnen, hochverehrter Ismail Iwanowitsch, nicht verhehlen, dass meine Kenntnisse der modernen Philologie sehr begrenzt sind; und meine Auffassung von der in Angriff genommenen Arbeit könnte durchaus unrichtig sein. Wenn ich es wage, mich an eine so wichtige Arbeit zu machen, die vielseitige und gründliche Kenntnisse der modernen Philologie erfordert, und wenn ich etwas Nützliches leisten kann, dann nur unter Ihrer Anleitung. Erlegen Sie mir daher, hochverehrter Ismail Iwanowitsch, eine neue Schuld kindlicher Dankbarkeit auf, indem Sie, wenn Sie anhand der übersandten Probekärtchen meinen Blick auf die begonnene Arbeit und die von mir angewandten Methoden beurteilen, nicht darauf verzichten [so!], mir offen und geradeheraus Ihre Meinung über meine Arbeit sowie zugleich Ihre väterlichen Ratschläge mitzuteilen. Ich danke Ihnen von Herzen, hochverehrter Ismail Iwanowitsch, für die lit[auischen] Bücher, die Sie bereits geschickt haben, und für das Versprechen, mir weitere zu senden, sofern Sie welche finden; ich fürchte nur, sie lange bei mir zu behalten. Wir würden gern Ihre Rede lesen, die Sie, wie es scheint, beim Universitätsakt über die paläographischen Merkmale alt-slawisch-russischer Handschriften gehalten haben. Ich habe die Ehre, Ihnen, hochverehrter Ismail Iwanowitsch, gemeinsam mit Ihrer ganzen Familie zum bevorstehenden Osterfest zu gratulieren und Ihnen gute Gesundheit und alles Wohlergehen zu wünschen. Mit höchster Achtung und völliger Ergebenheit habe ich die Ehre, Ihr gehorsamster Diener zu sein, hochverehrter Ismail Iwanowitsch И. Юшкевич 5. April 1857 Nowgorod. 15. Sehr geehrter Herr Ismail Iwanowitsch! Schon lange bedrückt mich mein Gewissen, weil ich Ihre Bücher so lange zurückgehalten habe. Verzeihen Sie mir das großzügig, hochverehrter Ismail Iwanowitsch! Heute habe ich folgende davon an die Redaktion der Gelehrten Aufzeichnungen der 2. Abteilung der Akademie der Wissenschaften geschickt: 1) Die vier Jahreszeiten von Donaleitis [so!], 2) Punktai 182 Sakimu Schirwids, 3) Dictionarium Schirwids, 4) Mielckes litauische Grammatik, 5) Über die Elemente und Formen der slawischen Sprache von Katkow, 6) Über das Verhältnis der slawischen Sprache zu verwandten Sprachen von Hilferding. Die übrigen Ihrer Bücher wage ich noch bei mir zu behalten, jedoch mit größter Sorge, Ihre großmütige Bereitschaft, mit der Sie mir Ihre ganze Bibliothek zu öffnen geruhten, nicht allzu sehr zu missbrauchen; ich beruhige mich dabei mit der Annahme, dass Sie offen zu mir sein und mir direkt auftragen werden, Ihnen alle Ihre Bücher zurückzugeben, sobald Sie sie wieder bei sich haben möchten. Donelaitis’ ländliches Gedicht erwies sich für mich als äußerst ergiebige Quelle für meine Arbeit. Zwar sind fast alle Formen der litauischen Sprache, die im ländlichen Gedicht Donelaitis’ vorkommen, in Nesselmanns litauisches Lexikon aufgenommen worden, doch gibt Nesselmann meist nicht an, woher sie entlehnt sind, und erläutert ihre Bedeutung nicht anhand von Beispielen. All diese Formen schrieb ich auf Karteikarten, erläuterte sie mit Beispielen und übersetzte sie ins Russische. Auch Schirwids Wörterbuch ist in Nesselmanns Lexikon eingegangen. Schirwids Dictionarium (5. Aufl., 1713, 454 Seiten), seine Punktai Sakimu (1. Aufl. 1629, 2. Aufl. 1845) und Mielckes Grammatik erhielt ich als Geschenk von L. Ivinskis, dem Herausgeber des litauischen Kalenders, mit dem ich in Briefwechsel getreten bin. L. Ivinskis, Oberlehrer an der Pfarrschule im Städtchen Retowo im Kreis Telšiai, gibt nun schon das zehnte Jahr einen litauischen Kalender in reinem žemaitischem Dialekt heraus, in dem er einige historische und statistische Angaben über Litauen im Allgemeinen und über die Žemaiten veröffentlicht. Er beschäftigt sich auch mit žemaitischer Volksdichtung. Ich beschäftige mich jetzt mit der Bearbeitung der Wörter, deren Zahl bereits 10.000 erreicht. Ich hoffe, dass ich meine Arbeit im Verlauf der bevorstehenden Ferien erheblich voranbringen werde. Ich bedaure nur sehr, dass Sie diesen Sommer nicht zu uns nach Nowgorod gekommen sind. Ich bin Ihnen, hochverehrter Ismail Iwanowitsch, so viel schuldig, dass ich wirklich nicht weiß, wie ich Ihnen danken soll. Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen. Mit höchster Hochachtung und vollkommener Ergebenheit habe ich die Ehre, Ihr gehorsamster Diener zu sein, hochverehrter Ismail Iwanowitsch. И. Юшкевич 1857, 9. Juni, Nowgorod Frau Jekaterina Fjodorowna bezeuge ich meine höchste Hochachtung; Olga Ismailowna, Ljudmila Ismailowna, Nadeschda Ismailowna, Wladimir Ismailowitsch und Wjatscheslaw Ismailowitsch entbiete ich meine ergebensten Grüße. Pjotr Iwanowitsch, Marija Iwanowna, Alexej Wassiljewitsch und Marija Andrianowna haben mich gebeten, Ihnen und Frau Jekaterina Fjodorowna ihre herzlichsten Grüße auszurichten. Sie bedauern sehr, dass sie die Hoffnung auf Ihre Ankunft in diesem Sommer in der Stadt Nowgorod allmählich aufgeben müssen. 16. Hochgeehrter Herr, Ismail Iwanowitsch! Mit der gestrigen Post habe ich der Redaktion der Wissenschaftlichen Mitteilungen der II. Abteilung der Akademie der Wissenschaften meine Hefte zugesandt, die ich anlässlich der Herausgabe der litauischen Chrestomathie von Herrn Schleicher zusammengestellt habe. Von den in dieses Buch aufgenommenen Beiträgen von Herrn Schleicher habe ich fünf Lieder, eine Anzahl Rätsel, Sprichwörter und Redensarten sowie einige Märchen aus dem Litauischen ins Russische übersetzt. Bei der Übersetzung habe ich mich bemüht, die wörtliche Treue des Originals so weit wie möglich zu wahren- 183 … und solche russischen Ausdrücke hinzufügen, durch die das Leben des litauischen Bauern hindurchschimmerte und die seinen Blick auf die Natur und überhaupt seine Individualität möglichst klar erkennen ließen. Die Nuancen der Begriffe und Gedanken des litauischen Bauern auf Russisch auszudrücken, ist jedoch nicht leicht; für mich war es umso schwieriger, als ich mit dem russischen Landleben und der Lebensweise der russischen Bauern wenig vertraut bin. Daher ist meine Übersetzung, wie mir scheint, nicht besonders gelungen und flüssig ausgefallen. Bei der Übersetzung der Märchen erlaubte ich mir, mich aus dem Grunde etwas von der wörtlichen Genauigkeit des Originals zu entfernen, dass sie in der Form veröffentlicht wurden, in der sie nach dem mündlichen Vortrag eines ungebildeten litauischen Bauern oder einer Bäuerin niedergeschrieben worden waren; die einfache, unbeholfene Erzählweise einerseits und die Eigenheiten der litauischen Sprache andererseits ließen mir keine Möglichkeit, sie wortgetreu zu übersetzen. In jedem Fall bemühte ich mich jedoch, die Vollständigkeit ihres Inhalts und jene Besonderheiten zu bewahren, die den Blick der litauischen Bauern auf die Natur und ihre Denkweise kennzeichnen. Diese Abweichungen der Märchenübersetzung vom Original betreffen nur die Erzählform. Was die litauischen Lieder betrifft, so bedauerte ich sehr, dass ich den Liederband von Berg nicht zur Hand hatte; ich denke, dass ich darin vielleicht dieselben litauischen Lieder gefunden hätte, die auch ich übersetzt habe, und seinen Text mit meiner Übersetzung hätte vergleichen können. Unter den litauischen Rätseln, Sprichwörtern und Redensarten fand ich nur wenige, die den russischen ähnlich waren, und völlig übereinstimmende gab es sehr wenige. Bei der Übersetzung der ähnlichen wich ich nicht von der Ausdrucksweise des Originals ab; deshalb weisen sie in der russischen Übersetzung eine gewisse eigentümliche Eigenart auf. Jetzt beschäftige ich mich mit der Durchsicht der litauischen Wurzeln. Mit höchster Achtung und vollkommenster Ergebenheit habe ich die Ehre, Ihr gehorsamster Diener zu sein, hochverehrter Ismail Iwanowitsch. 20. Juli 1857 Nowgorod I. Juschkewitsch Frau Jekaterina Fjodorowna darf ich meine höchste Verehrung bezeugen; Olga Ismailowna, Ljudmila Ismailowna, Nadeschda Ismailowna, Wladimir Ismailowitsch, Wjatscheslaw Ismailowitsch und Pawel Ismailowitsch entbiete ich meine ergebensten Grüße. 17. Mein gnädiger Herr, Ismail Iwanowitsch! Ich stehe tief in Ihrer Schuld, hochverehrter Ismail Iwanowitsch, weil ich Sie so lange nicht über den Stand meiner Arbeit unterrichtet habe, deren Idee sowie geistige und materielle Unterstützung ich Ihnen voll und ganz verdanke. Mit nennenswerten Fortschritten kann ich mich nicht rühmen, doch von nun an geht sie täglich voran. Die Gründe für ihre Langsamkeit sind dienstliche Verpflichtungen, der Umfang der Arbeit selbst und meine schwache Gesundheit. Über einige Umstände, die diesen Gegenstand betreffen, hoffe ich in Kürze Gelegenheit zu haben, mich persönlich auszusprechen; jetzt sage ich nur, dass sich aus den Quellen gesammeltes Material in großer Menge angehäuft hat und ich hoffe, Ihnen Mitte kommenden Dezember wenigstens den Anfang meiner Arbeit vorlegen zu können. Bei dieser Gelegenheit habe ich die Ehre, Frau Jekaterina Fjodorowna zu ihrem bevorstehenden Namenstag und Sie, hochverehrter Ismail Iwanowitsch, zu Ihrer Namenstagsfeier zu beglückwünschen und Ihnen zu wünschen, dass alle Ihre Wünsche in Erfüllung gehen und Ihnen alles Gute auf der Welt zuteilwerde. 184 Mit höchster Achtung und vollkommener Ergebenheit habe ich die Ehre, Ihr, hochverehrter Ismail Iwanowitsch, untertänigster Diener zu sein. И. Юшкевич 23. November 1857 Stadt Nowgorod Frau Jekaterina Fjodorowna bezeuge ich meine höchste Achtung; den Fräulein, Wladimir und Wjatscheslaw Ismailowitsch, entbiete ich meine ergebensten Grüße. 18. Hochverehrter Ismail Iwanowitsch! Ihr Brief, den ich gestern mit der Ehre erhielt, hat neue Beweise Ihrer mir entgegengebrachten Wohlgesinntheit erbracht; ich weiß wahrlich nicht, wie ich Ihnen für Ihre Freundlichkeit mir gegenüber danken soll. Ich danke Ihnen! Ich danke Ihnen! Ihre Einladung, direkt zu Ihnen zu kommen, ist mir sehr lieb, und ich werde sie mit Freude annehmen. Mit der heutigen Post sende ich der Redaktion der Wissenschaftlichen Mitteilungen den Anfang meiner Arbeit; bis zu den Feiertagen werde ich auch die folgenden Blätter vorbereiten. Zugleich übersende ich die Aufzeichnungen von Anton Malinowski über die Nowgoroder Kathedralen: die Sophien-, die Nikolai- und die Zeichenkathedrale sowie drei Exemplare des Litauischen Kalenders für 1858, die mir von seinem Herausgeber L. Iwinski zugesandt wurden. Der Litauische Kalender wird von Herrn Iwinski bereits im elften Jahr herausgegeben. Dem Kalender für 1858 sind hinzugefügt: eine Aufzählung der wichtigsten Ereignisse der Welt- und der litauischen Geschichte, eine Übersicht der wichtigsten Schriften [sic!] und Sprachen auf dem Erdball, eine statistische Tabelle der Staaten Europas, ein Verzeichnis der Jahrmärkte und Kirchenfeiertage in der samogitischen Diözese, vier volkstümliche Märchen mit moralischem Inhalt aus der Umgebung des Städtchens Tver (Kreis Telšiai), zwei Volkslieder, zwei Seiten mit volkstümlichen Redensarten und Sprichwörtern sowie Hinweise zu praktischen Behandlungsmethoden einiger Krankheiten. Dem Kalender für 1857 waren unter anderem größtenteils dieselben Beiträge wie dem Kal[ender] für 1858 beigefügt: eine recht ausführliche statistische Beschreibung des Kreises Telšiai mit allgemeinen Schlussfolgerungen und zwei volkstümliche Märchen. Ich kann nicht umhin, Ihnen, hochverehrter Ismail Iwanowitsch, von jener Arbeit zu erzählen, die mich einige Zeit von meiner Hauptarbeit abgelenkt hat. Aufgrund wiederholter Angriffe unserer pädagogischen Zeitschriften auf die augenfälligen Mängel der Methode des Geographieunterrichts an unseren Schulen verfasste ich einen kleinen Artikel über die Methoden und Vorgehensweisen meines Unterrichts und sandte ihn an die Redaktion des Journals des Russischen Pädagogischen Boten4. Es wäre mir sehr daran gelegen zu erfahren, wie Herr Wyschnegradski ihn beurteilt hat. Ich schmeichle mir mit der Hoffnung, die Ehre zu haben, all dies mit Ihnen persönlich zu besprechen. Mit höchster Achtung und vollkommener Ergebenheit habe ich die Ehre, Ihr, hochverehrter Ismail Iwanowitsch, untertänigster Diener zu sein. И. Юшкевич Am 16. Dezember 1857 Stadt Nowgorod Frau Jekaterina Fjodorowna bezeuge ich meine höchste Achtung. Den Fräulein und meinen Freunden Wladimir Ism[ailowitsch] und Wjatscheslaw Ism[ailowitsch] entbiete ich meine Grüße. 185 19. Hochverehrter Ismail Iwanowitsch! Es ist mir sehr unangenehm, dass ich Ihnen so lange nicht geschrieben habe; der Grund dafür ist eine Augenkrankheit, wegen der ich die ganze Zeit vom Neujahr bis heute fast völlig untätig verbracht habe. Ach, wie langweilig und quälend ist diese Zeit für mich vergangen! Jetzt setze ich zwar die Behandlung noch fort, beginne aber allmählich wieder zu arbeiten. Für meine Arbeit erwarte ich eine neue ergiebige Quelle: Luka Iwinski, der Herausgeber des Ihnen bekannten litauischen Kalenders, hat mir versprochen, die ersten drei Teile des von ihm zusammengestellten polnisch-samogitischen Wörterbuchs zur Durchsicht zu schicken. Was meinen Aufsatz über den Geographieunterricht betrifft, so ist er in den Nummern 2 und 3 des Russischen Pädagogischen Boten gedruckt worden; Sonderdrucke davon habe ich jedoch noch nicht erhalten und weiß nicht, ob es überhaupt welche gibt. Haben Sie nicht vor, lieber Ismail Iwanowitsch, den Sommer bei uns in Nowgorod zu verbringen? Ach, wie sehr würden wir uns freuen, wenn Sie zu uns kämen; ich würde Ihnen schon das beste Sommerhaus ausfindig machen. Mit tiefster Hochachtung und vollkommener Ergebenheit habe ich die Ehre, Ihr gehorsamster Diener zu sein, hochverehrter Ismail Iwanowitsch. Iwan Juschkewitsch Am 13. April 1858 Stadt Nowgorod. Frau Jekaterina Fjodorowna darf ich meine hohe Verehrung bezeugen; Wladimir Ismailowitsch, Wjatscheslaw Ismailowitsch und den jungen Damen sende ich meine ergebensten Grüße. Pjotr Iwanowitsch, Marija Iwanowna, Pjotr Iwanowitsch Solowjow, Iwan Kuprijanowitsch und Nikolai Karlowitsch Otto senden Ihnen ihre ergebensten Grüße. 20. Euer Exzellenz, hochverehrter Ismail Iwanowitsch! Ihr Brief hat mich sehr erfreut, denn die freundlichen Worte, von denen er erfüllt ist, bewiesen, dass ich mich noch Ihrer früheren Wohlgesinntheit erfreue. Ich danke Ihnen, hochverehrter Ismail Iwanowitsch, ich danke Ihnen für Ihre Zuneigung und auch für Ihre freundschaftlichen Ratschläge, die Augen zu schonen; tatsächlich kann ich mich bis heute noch nicht ernsthaft an die Arbeit machen und setze die Behandlung mit Wasser und homöopathischen Tropfen fort. Ich habe die Ehre, Ihnen, hochverehrter Ismail Iwanowitsch, zu Ihrer Ernennung zum Wirklichen Staatsrat zu gratulieren; alle Ihre Bekannten in Nowgorod freuten sich, als sie von der Verleihung dieser kaiserlichen Gunst an Sie erfuhren. Endlich sind auch Ihre Verdienste um die Wissenschaft, die so bedeutend und so vielseitig sind, zumindest teilweise belohnt worden. Wir freuen uns sehr, dass Sie versprochen haben, wenigstens auf der Durchreise bei uns vorbeizuschauen; ich schmeichle mir mit der Hoffnung, dass Sie direkt zu mir kommen werden: Ich habe zwei separate Zimmer, in denen Sie sich wie zu Hause einrichten könnten. Übrigens könnten Sie bei Ihrer Durchreise durch Nowgorod das neue steinerne Haus des Ingenieur-Obersten Schenew mit seinem hölzernen Seitenflügel, einem kleinen hübschen Garten und allen Annehmlichkeiten eines Haushalts besichtigen, das für 6 bis 7 Tausend Silberrubel zum Verkauf steht. Es ist eines der besten Häuser in Nowgorod; jährlich kann es einen Ertrag von 500 bis 7000 Silberrubel abwerfen: das Obergeschoss 250 bis 300, das Untergeschoss 150 bis 200 und der Seitenflügel 150 bis 200; besonders prächtig ist das Obergeschoss. Das ganze Haus steht derzeit leer; es liegt in der Moskauer Straße nahe der lutherischen Kirche. 186 Wir danken Ihnen vielmals, Ismail Iwanowitsch, für die Nachricht von der Ankunft der Akademiker Pogodin und Kuniks bei uns; Herr Pogodin hat Iwan Kuprijanowitsch bereits seine gedruckten Auszüge zu den historischen Stätten des alten Nowgorod zur Überprüfung an Ort und Stelle zugesandt. Wir erwarten auch Graf Uwarow aus Moskau; zur Prüfung erwarten wir außerdem unseren Kurator, Fürst Schtscherbatow, doch sind inzwischen vor einigen Tagen Gerüchte aufgekommen, er habe um seine Entlassung gebeten. Ob dies wahr ist oder nicht, wissen wir nicht. P. I. Solowjow freut sich sehr, dass seine Arbeit erschienen ist, und erwartet die Sonderdrucke, ist aber beunruhigt, weil er von Herrn Sawaitow die Satzung der Sophienkathedrale nicht erhalten kann, um sie der Sofiiskaja-Bibliothek zur Aufnahme in den Katalog vorzulegen. Meine Arbeit kommt derzeit nur sehr langsam voran; ich hoffe, mich in der freien Zeit ernsthafter damit beschäftigen zu können. Was meine Reise nach Litauen betrifft, so weiß ich noch nichts. Sie hängt von unseren Familienumständen ab; vielleicht kommt mein Bruder aus Litauen zu mir nach Nowgorod. Doch bevor irgendetwas entschieden wird, hoffe ich, die Ehre zu haben, Sie persönlich zu sehen, hochverehrter Ismail Iwanowitsch, und in Erwartung dieses ersehnten Augenblicks verbleibe ich mit tiefster Hochachtung und vollkommener Ergebenheit für immer als der untertänigste Diener Euerer Exzellenz. Iwan Juszkewitsch Am 10. Mai 1858. Nowgorod Frau Jekaterina Fjodorowna entbiete ich meine allerhöchste Hochachtung; den jungen Damen sowie Wladimir und Wjatscheslaw Ismailowitsch übermittle ich herzliche Grüße. Iwan Kuprijanowitsch, Pjotr Iwanowitsch, Marija Iwanowna und P. I. Solowjow senden Ihnen ihre ergebenen Grüße. 21. Euer Exzellenz, hochverehrter Ismail Iwanowitsch! Ich bedaure sehr, dass ich Sie bei meiner Rückreise über Petersburg nicht zu Hause angetroffen und nicht mit Ihnen über einige Fragen sprechen konnte, die mit den Ergebnissen meiner diesjährigen Reise nach Litauen zusammenhängen. Das Hauptziel meiner Reise war sowohl die Sammlung neuer Materialien für das von mir zusammengestellte litauisch-slawische Wurzelwörterbuch und die genauere Bestimmung der wichtigsten Mundarten unserer Litauer als auch die Erläuterung der bereits in meinem Besitz befindlichen Materialien. Deshalb hatte ich vor, alle Teile unseres Litauens zu bereisen, den Gesprächen der litauischen Bauern aus nächster Nähe zu lauschen und mich mit Kennern und Liebhabern der litauischen Sprache und der litauischen Altertümer zu unterhalten. Tatsächlich aber stellte sich heraus, dass man in einer so kurzen Zeit, nämlich in nur einem Monat, die entgegengesetzten Enden unseres Litauens nicht besuchen kann; daher musste ich mich auf Besuche in den Gemeinden Vorny, Eiregola und Puscholaty sowie deren Umgebung beschränken. Die Sprache der Litauer, die in der Gemeinde Vorny und den angrenzenden Gemeinden leben, kann als Muster des žemaitischen oder samogitischen Dialekts dienen; die Sprache der Litauer der Gemeinde Eiregola kann als Muster des panemunischen litauischen Dialekts gelten, und die Sprache der Litauer aus Puscholaty und allgemein aus dem Gebiet von Panevėžys kann als Musterdialekt der eigentlichen Litauer gelten, das heißt der Litauer, die in den Kreisen Panevėžys, Ukmergė und Novo-Aleksandrowsk in den Gouvernements Wilna und Grodno leben. In diesen drei Gegenden schrieb ich Volkslieder, Erzählungen, Sprichwörter und Redensarten aus dem Munde der litauischen Bauern nieder und sammelte 40 žemaitische Lieder, 187 12 in der [so!] eiragolischen oder panemunischen Mundart und 30 im puszolatischen oder eigentlichen Litauischen. Nun habe ich sie im Laufe des Monats August ins Reine geschrieben und ins Russische übersetzt, Strophe für Strophe, Vers für Vers. Außerdem brachte ich etwa 50 Lieder mit, die mein Bruder abgeschrieben hatte, sowie einige Verse von unbekannten Personen, darunter bemerkenswerte Frühlingsgedichte, die aus 25 Strophen bestehen, mit je 8 ungleichmäßigen Versen, und Verse über die Aufteilung der Arbeit unter den Mitgliedern einer bäuerlichen Familie im Sommer. Die ersteren habe ich bereits ins Russische übersetzt. Ich würde meine Lieder gern in Form einer eigenen Sammlung zusammen mit der russischen Übersetzung veröffentlichen und in die Vorrede meine Anmerkungen zu den Besonderheiten jeder der drei litauischen Mundarten aufnehmen, in denen diese Lieder aufgezeichnet wurden. Ich würde dieser Sammlung drei litauische Volkslieder in der Sprache der Litauer aus Święciany beifügen, an der sich bereits der Einfluss des Weißrussischen bemerkbar macht. Diese drei Lieder schrieb ich nach dem Vortrag einer Litauerin aus Święciany auf, die mit mir auf einem Dampfschiff von der Stadt Święciany nach St. Petersburg fuhr. Man könnte diese Liedersammlung um Lieder erweitern, die mein Bruder und unbekannte Personen aufgezeichnet haben. Ich würde sie nur gern unter dem Schutz der Akademie der Wissenschaften oder der Russischen Geographischen Gesellschaft veröffentlichen, um die Zensur zu vermeiden, nicht etwa, weil sich darin irgendetwas gegen die Zensurvorschriften Richtendes fände, sondern damit sie die Veröffentlichung nicht lange aufhält. Die Veröffentlichung dieser Lieder hätte insofern große Bedeutung, als sie frische Beispiele für drei Mundarten unserer Litauer böte, die Herrn Schleicher nur sehr wenig bekannt sind. Bei der Rechtschreibung bemühte ich mich, alle Feinheiten der volkstümlichen Aussprache zu bewahren; statt des erweichenden i verwendete ich überall über dem zu erweichenden Konsonanten ein Akutzeichen /'/, um das Lesen denjenigen zu erleichtern, die nicht daran gewöhnt sind, i als Erweichungszeichen zu verstehen. Unter den 130 Liedern, die sich in meinem Besitz befinden, fand ich kein einziges in Nesselmanns Liedersammlung. Die von mir aufgezeichneten Märchen, Sprichwörter und Redensarten denke ich später zusammen mit den von meinem Bruder aufgezeichneten Märchen, Sprichwörtern und Redensarten herauszugeben. Für mein etymologisches Wörterbuch habe ich einen beträchtlichen Vorrat an Material zusammengetragen. In den erwähnten Liedern und Märchen, die ich größtenteils in abgelegenen, von Wäldern umgebenen Dörfern bei alten Menschen aufgezeichnet habe, die nur ihre angestammte Sprache sprechen, fand ich viele neue Wortstämme. Viele neue Wörter schrieb ich im Gespräch mit ihnen auf. Auch erwarb ich einige gedruckte Bücher, die ich bisher noch nicht besaß. Bemerkenswert darunter ist eines über die Bräuche der alten Litauer (von Dovkont unter dem Pseudonym Laukys). Eine ungleich reichere Quelle fand ich jedoch in dem neu überarbeiteten handschriftlichen Lexikon der puszolatِischen Mundart (14 Werst von der Stadt Poniewież entfernt) meines Bruders. Hier wird die Bedeutung jedes Wortes durch ein Beispiel aus der lebendigen Rede erläutert, das zusammen mit dem erklärten Wort angeführt ist. Bei jedem Wort stehen seine Synonyme, deren Bedeutung jeweils an der entsprechenden Stelle erläutert wird. So sind zum Beispiel zum Wort kalbéti, „sprechen“, 50 Synonyme angeführt. Diese Besonderheit des erwähnten Lexikons ist für einen litauischen Lexikographen von großer Bedeutung. Die Übersetzung ist ins Polnische angefertigt, da mein Bruder kein Russisch kann. Mein Bruder möchte es noch in diesem Jahr herausgeben, fürchtet aber, dass die Zensur es lange aufhalten könnte. Sein Umfang dürfte bis zu 400 Druckseiten im Oktavformat betragen. Meine Lieder sende ich Ihnen jetzt nicht, weil ihre russische Übersetzung noch nicht ins Reine geschrieben ist und weil ich hoffe, in der ersten Septemberhälfte zusammen mit meinem Bruder, dessen Ankunft ich erwarte, in Petersburg zu sein. — Ich hörte, dass es gegenwärtig keinen amtierenden Zensor für litauische Bücher gibt und dass die Zensur vorläufig zwei Personen übertragen wurde; könnte ich mich irgendwie für diese Stelle empfehlen? 188 Mit tiefster Ehrfurcht und vollkommenster Ergebenheit habe ich die Ehre, für immer zu sein, Euer Exzellenz, hochverehrter Ismail Iwanowitsch, ergebenster Diener. Iwan Juszkewitsch 27. August 1858 Nowgorod. Eurer Exzellenz, Jekaterina Fjodorowna, bezeuge ich meine höchste Verehrung. Olga Ismailowna, Ljudmila und Nadeschda Ismailowna sowie Wladimir und Wjatscheslaw Ismailowitsch entbiete ich meine ergebensten Grüße. Ich stehe tief in Ihrer und Jelisaweta Grigorjewnas Schuld, weil ich ihr Ihre Sendung nicht persönlich übergeben habe. Das geschah gegen meinen Wunsch; in Riga war ich insgesamt nur einige Stunden, und Bolderāja liegt 12 Werst von Riga entfernt; die Zeit erlaubte mir nicht, dorthin zu fahren. Die Sendung habe ich mit der Post verschickt. Maria Iwanowna, Iwan Kuprijanowitsch, Otto, Solowjow und Fjodorow lassen Ihnen ihre ergebensten Grüße ausrichten und erinnern sich stets gern an Sie. Pjotr Iwanowitsch ist jetzt auf Dienstreisen zu den Schulen. 22. Euer Exzellenz, hochverehrter Ismail Iwanowitsch! Verzeihen Sie mir gütigst, hochverehrter Ismail Iwanowitsch: Ohne es zu beabsichtigen, habe ich Ihre mir so wertvolle Güte missbraucht. Ich dachte, ich hätte Ihnen bereits alle Bücher zurückgegeben, außer der Heiligen Schrift in litauischer Sprache; daher war ich sehr überrascht und beunruhigt, als Iwan Kuprijanowitsch mir sagte, dass Sie Kellgren zurückverlangen. Gestern habe ich ihn an die Redaktion der Wissenschaftlichen Aufzeichnungen geschickt; verzeihen Sie aber, dass ich der Sendung keinen Brief beigelegt habe. Iwan Kuprijanowitsch sagte es mir im Unterricht, und es blieb so wenig Zeit, dass ich die Sendung kaum noch vorbereiten und zur Post bringen konnte. Was Kellgren betrifft, so erinnere ich mich an nichts. Ich dachte die ganze Zeit, ich hätte ihn Ihnen bereits zurückgegeben und mir im vergangenen Jahr bei Egers ein Exemplar bestellt, aber meines ist irgendwohin geraten, und ich kann es vorerst nicht finden. Die Heilige Schrift von Ihnen, die sich bei mir befindet, habe ich noch behalten, weil ich nicht ohne sie auskommen kann; sobald Sie es jedoch anordnen, schicke ich sie Ihnen unverzüglich mit aufrichtigem Dank zurück. Es ist mir wirklich unangenehm, dass ich Ihre Bücher so lange zurückhalte, die vielleicht auch Sie selbst benötigen. Die litauische Heilige Schrift würde ich mir gern zu eigen anschaffen, wenn sie sich nur irgendwo bestellen ließe. Es ist mir wahrhaftig peinlich, hochverehrter Ismail Iwanowitsch, dass ich Ihnen gegenüber mein gegebenes Wort bezüglich meiner Arbeit so lange noch nicht eingelöst habe. Unter anderem war der Hauptgrund für diese Verzögerung eine Augenkrankheit, deren Folge eine Reizbarkeit des Auges blieb, die mich daran hindert, mich so viel mit der Arbeit zu beschäftigen, dass deren Fortschritte deutlicher sichtbar würden. Nicht weniger hinderlich waren die täglichen dienstlichen Aufgaben, die mir die beste Zeit raubten und mir alle Frische der Kräfte und des Geistes nahmen. Bald hoffe ich, nach Medwed ins Dorf versetzt zu werden; ich denke, dass die neue Stelle weniger Arbeit und Mühe mit sich bringen und mir ermöglichen wird, mich mit größerer Energie und größerem Erfolg der begonnenen Arbeit zu widmen. Litauische Lieder sende ich deshalb nicht, weil ich von meinem Bruder noch einige erläuternde Auskünfte über jene Erscheinungen des Volkslebens erwarte, die in den von mir gesammelten Liedern vorkommen. Die Bezeichnungen der Verwandtschaftsgrade in der litauischen Sprache sende ich mit diesem Schreiben. Sie wurden von meinem Bruder, dem Priester Antonius, gesammelt; ich habe sie nach ihrem gegenseitigen Verhältnis geordnet und ins Russische übersetzt.5 189 Ich habe die Ehre, Ihnen, hochverehrter Ismail Iwanowitsch, und Ihrer Exzellenz Jekaterina Fjodorowna zu den bevorstehenden Feiertagen zu gratulieren und Ihnen gute Gesundheit und alles Wohl[so!] im Leben zu wünschen. Ich werde während dieser Feiertage wohl nicht in Sankt Petersburg sein, da ich aus Familienangelegenheiten für drei Tage nach Moskau reise; zum Neujahr muss ich mich aber beeilen, nach Medwed zu meinem neuen Dienstposten zu kommen. Ich denke, dass bis dahin auch der Erlass vorliegen wird.6 Mit tiefster Hochachtung und vollkommener Ergebenheit habe ich die Ehre, für immer zu sein Eurer Exzellenz, hochverehrter Ismail Iwanowitsch, ergebenster Diener Iwan Juschkewitsch 17. Dezember 1858 Nowgorod. Ihrer Exzellenz Jekaterina Fjodorowna bezeuge ich meine vorzügliche Hochachtung. Olga Ismailowna, Ljudmila und Nadeschda Ismailowna sowie Wladimir und Wjatscheslaw Ismailowitsch erlaube ich mir, herzliche Grüße zu übermitteln und ihnen zu den bevorstehenden Feiertagen zu gratulieren. 23. Euer Exzellenz, hochverehrter Ismail Iwanowitsch! Von Herzen bedaure ich, dass ich infolge meines Unwohlseins nicht die Ehre haben kann, Euer Exzellenz aufzusuchen und Sie persönlich zu bitten, mich vor der Zweiten Abteilung der Akademie der Wissenschaften zu entschuldigen, weil ich die Aufzeichnungen des Herrn Akelewitsch über die litauische Sprache so lange bei mir behalten habe. Die Häufung dienstlicher Verpflichtungen gestattete es mir nicht, einen für mich so ehrenvollen Auftrag, mit dem mich die Zweite Abteilung beehrt hat, früher auszuführen. Das erste Manuskript des Herrn Akelewitsch mit dem Titel „Etwas über Litauen“ habe ich nun die Ehre, zusammen mit meiner diesbezüglichen Anmerkung vorzulegen; das zweite werde ich mich bemühen, so bald wie möglich zu prüfen und an die Abteilung zurückzugeben. Mit tiefster Hochachtung und vollkommenster Ergebenheit habe ich die Ehre, Euer Exzellenz gehorsamster Diener zu sein. I. Juschkewitsch 5. März 1860 St. Petersburg. Ihrer Exzellenz Jekaterina Fjodorowna bezeuge ich meine höchste Hochachtung. 24. Euer Exzellenz, hochverehrter Ismail Iwanowitsch! Ich habe die Ehre, Ihnen, hochverehrter Ismail Iwanowitsch, meinen ergebensten Dank für die Mitteilung der philologischen Untersuchungen von Casp. Wilh. Smith auszusprechen; ich fand sie für mich sehr interessant. Bei ihrer Rücksendung [mit diesem? – Wort unklar] habe ich die Ehre, auch meine Anmerkungen dazu beizufügen. Bei dieser Gelegenheit kann ich Ihnen, hochverehrter Ismail Iwanowitsch, nicht verhehlen, dass mich das Schicksal meiner „litauischen Mundarten“ interessiert. Sollten sie der Veröffentlichung in den Mitteilungen der II. Abteilung gewürdigt werden, so würde ich Sie ergebenst bitten, mir die Korrekturbogen zu überlassen. 190 Mit hoher Achtung und vollkommener Ergebenheit habe ich die Ehre, der untertänigste Diener Eurer Exzellenz zu sein Iwan Juschkewitsch Am 27. September 1860, Petersburg. Eurer Exzellenz, Ekaterina Fjodorowna, bezeuge ich meine hohe Achtung. 25. Eure Exzellenz, Ismail Iwanowitsch! Ich bin Ihnen gegenüber sehr im Unrecht, Ismail Iwanowitsch, dass ich Ihnen so lange kein einziges Wort geschrieben habe. Einen Teil der Schuld kann ich jedoch den Umständen zuschreiben. Nach meiner Ankunft in Kasan wollte ich zunächst Viktor Iwanowitsch8 aufsuchen und mich einigermaßen mit den Besonderheiten der Stadt vertraut machen; doch meine zahlreichen dienstlichen Pflichten und Verpflichtungen nahmen mir jede Möglichkeit, die dafür günstige Zeit zu nutzen. Unterdessen wurde ich nicht ganz gesund, wahrscheinlich infolge des Einflusses der klimatischen Besonderheiten der Gegend von Kasan, die gewöhnlich auf neu Angekommene stärker wirken. So verging die Zeit unmerklich. Viktor Iwanowitsch habe ich nur zweimal gesehen; von Kasan weiß ich nur aus Erzählungen, und selbst gelang es mir lediglich, einige seiner Straßen zu durchfahren. Bevor ich etwas über Kasan sage, müsste ich mich an die Eindrücke der Reise erinnern, doch sie sind durch nichts Besonderes bemerkenswert. Von Petersburg nach Kasan fuhr ich ohne Unterbrechung sieben Tage: bis zur Stadt Wladimir mit der Eisenbahn im Personenzug, von Wladimir aus in meiner eigenen Kibitke mit der Post. Die Straße war stellenweise ziemlich holprig, das Wetter schlecht, und ein Schneesturm tobte mit kurzen Unterbrechungen. Unterhalb der Stadt Nischni musste man bis zu 300 Werst auf dem Eis der Wolga fahren. Auf dieser Strecke kann sich der Blick eines reisenden Naturliebhabers an der malerischen Schönheit des hoch gelegenen Wolgaufer erfreuen, das unendlich abwechslungsreich und an vielen Stellen wegen seiner großen Steilheit völlig schneefrei ist. Nachts fuhr ich in Kasan ein. Am folgenden Tag fuhr ich auf ihrer Hauptstraße, der Woskressenskaja, zu meiner Lehranstalt. Beim ersten Anblick erschien mir die Stadt ihrem äußeren Erscheinungsbild nach recht groß und schön. Sie liegt auf unebenem Gelände am linken Ufer des Flüsschens Kasanka. In ihrer Mitte gibt es außerdem zwei Seen: Kaban und Tschornoje; zudem wird sie vom Flüsschen Bulak durchzogen. So gibt es in Kasan sehr viel Wasser, doch es ist voller Infusorien und völlig ungenießbar. Wasser für Küche und Trinkbedarf wird für die ganze Stadt aus einem einzigen Brunnen herbeigeschafft. Das Klima Kasans ist im Allgemeinen ungesund. Im Winter herrscht ständig starker Frost; 20 Grad Kälte nach Réaumur gelten für die Einheimischen als gewöhnlich und keineswegs schrecklich. Im Frühjahr wird die Stadt ringsum vom Wasser überschwemmt, das beim Anschwellen des Flüsschens Kasanka und der Wolga austritt, deren Wasser sich mit dem Wasser der erwähnten Seen vereinigt. Zu dieser Zeit treten hartnäckige Fieber auf, die im Sommer stärker und häufiger werden, wenn die Wiesen und Täler, die unter Wasser gestanden haben, zu trocknen beginnen und die Luft mit schädlichen Ausdünstungen erfüllen. Die Hauptstraße in Kasan ist die Woskressenskaja; sie verläuft auf dem erhöhten Gelände Kasans zwischen den Seen von der Universität bis zum Kreml. Unsere Militärschule befindet sich im Kreml und nimmt fast die Hälfte davon ein. Sie liegt im Nordwest- 191 im unteren Teil der Stadt, am hohen Ufer des Flusses Kasanka. Die Lehranstalt besteht aus zwei riesigen dreistöckigen Gebäuden, die in ihrer Mitte einen beträchtlichen Platz bilden. In einem der dazugehörigen [sic!] Seitengebäude befindet sich auch meine Wohnung, den großen Türen der Kathedrale ganz nahe gegenüber, nur durch eine Straße getrennt; daraus ergibt sich der Nachteil, dass das Glockengeläut alles völlig übertönt. Die Wohnung ist riesig und besteht aus zehn ungünstig angeordneten Zimmern. Die Lehranstalt zählt jetzt 540 Zöglinge (die vorgesehene Höchstzahl beträgt 800), 32 Lehrer und 4 Priester als Religionslehrer; außerdem gibt es für die Andersgläubigen einen katholischen Priester, einen Pastor und einen Mullah. Meine Hauptaufgabe besteht darin, die Lehrtätigkeit der Unterrichtenden zu leiten und die Ordnungsmäßigkeit der Erziehung in den Kompanien zu überwachen; sie nimmt den größten Teil meiner Zeit in Anspruch – von 8 Uhr morgens bis 6½ Uhr nachmittags. Für die litauische Etymologie bleiben mir nur die Abende; während anderthalb Monaten in Kasan konnte ich lediglich Tabellen mit Wörtern zusammenstellen, die mit Vokalen beginnen. Ich hoffe jedoch, dass mir mehr freie Zeit bleiben wird, sobald die Ordnung wiederhergestellt ist und der Unterrichtsbetrieb wieder in geregelte Bahnen kommt. Viktor Iwanowitsch ist mir gegenüber so aufmerksam und freundlich, dass er mir jede erdenkliche Unterstützung angeboten hat. In Kasan genießt er allgemeine Achtung und ist stets von seinen Hörern und jungen Gelehrten umgeben; doch scheint er mit seiner Stellung unzufrieden zu sein und Kasan möglichst bald verlassen zu wollen, weshalb er sich auch vorübergehend im Hotel Rjasanow ein Zimmer nimmt. In Kasan habe ich meinen Gymnasialkameraden, einen gebürtigen Litauer und Forscher der litauischen Sprache, Ugianski, wiedergefunden, der gegenwärtig außerordentlicher Professor für griechische Literatur an der Universität Kasan ist. Mit höchster Achtung und vollkommener Ergebenheit beehre ich mich, Ihr gehorsamster Diener zu sein, Ismail Iwanowitsch. Иван Юшкевич 22. März 1862. Stadt Kasan. Militärschule. Eurer Exzellenz, Jekaterina Fjodorowna, beehre ich mich, meine hohe Achtung zu versichern. Meine ehrerbietigsten Grüße an die von mir aufrichtig verehrte Olga Ismailowna; auch den künftigen Mitstreitern der Wissenschaft, Wladimir und Wjatscheslaw Ismailowitsch, entbiete ich meine Grüße; den klugen Borja küsse ich. Grüße auch an Ljudmila, Nadeschda und Wera Ismailowna. 26. Eure Exzellenz, Ismail Iwanowitsch! Die von Herrn Mikucki an die Abteilung gesandten handschriftlichen Sammlungen litauischer Wörter und litauischer Lieder habe ich geprüft. Ich erlaube mir, einige Worte darüber zu sagen, da sie mir bemerkenswert erschienen [sic!]. Die Wörter sind in zwei Sammlungen enthalten; in beiden sind sie alphabetisch angeordnet. Die erste Sammlung umfasst 15 Blätter und enthält bis zu 1500 Wörter, die zweite 10 Blätter und bis zu 900 Wörter. Am Ende der ersten Sammlung steht das heute überall gebräuchliche Familienlied: Oj, dėvulajti, ne galū, O mein Gott, ich kann nicht; auf dem letzten Blatt der zweiten Sammlung finden sich litauische Redensarten, Rätsel und Sprichwörter. 192 Die Wörter der ersten Sammlung sind zunächst ins Polnische, danach ins Russische übersetzt, mit einem, zwei und drei bedeutungsähnlichen Wörtern; ein großer Teil von ihnen ist durch Beispiele erläutert, die Beispiele selbst jedoch sind unübersetzt geblieben, nur wenige wurden ins Polnische übersetzt. Offenbar sind sie sämtlich litauischen Büchern entnommen, deren Titel durch Anfangsbuchstaben oder Anfangssilben angegeben sind: D., Dauk., Dauksz., Sz., Szir., N.T.d.f., N.T.n.f., K.K., P.M., Ped. Mir., Bals, Rož., Brom.; eine Erläuterung dieser Abkürzungen ist jedoch nicht beigefügt. Aus dem Inhalt der Beispiele und ihrer Sprache geht hervor, dass sie religiösen Büchern vergangener Jahrhunderte entlehnt sind: dem 16., 17. und 18. Jahrhundert. Nichtsdestoweniger gehört ein unvergleichlich größerer Teil der Wörter zum allgemeinen Sprachgebrauch, die übrigen zu lokalen Mundarten, nur wenige zu regionalen Dialekten. Wie auch immer ihr Gebrauch beschaffen sein mag, bilden sie jedenfalls wertvolles Material für ein litauisches Lexikon, doch Material, das einer sorgfältigen Bearbeitung harrt; Bedeutung und Gebrauch vieler Wörter dieser Sammlung sollten offenbar genauer und vollständiger angegeben und vorzugsweise durch Beispiele aus der unverfälschten lebendigen Sprache erläutert werden, denn in allen litauischen Büchern, besonders solchen geistlichen Inhalts, ist der Einfluss des Polnischen deutlich zu erkennen. So bildet etwa Szirwid, nach dem Muster, wie im Polnischen aus głowa głowny und aus około okoliczność abgeleitet wird, im Litauischen aus galva galvingas im Sinne von główny und aus aplink, „um … herum“, aplinkibė, okoliczność, im Sinne von „Umstand“; das Wort aplinkibė wird in der lebendigen Sprache jedoch überhaupt nicht gebraucht. Alle unsere Verfasser litauischer Bücher waren zwar gebürtige Litauer, darunter Daukusis, Szirwid, Pobreza, Gojlewicz, Rupejko und andere, doch erhielten sie ihre Schulbildung in polnischer und lateinischer Sprache und wandten sich erst später der litauischen Sprache zu und verfassten litauische Bücher. Die zweite, kleinere Wörtersammlung weist einen ganz anderen Charakter auf. Hier sind die Wörter jeweils mit einem polnischen Wort übersetzt, werden nicht durch Beispiele erläutert und enthalten keinerlei Angaben dazu, woher sie entnommen wurden. Bis auf wenige Ausnahmen gehören sie alle zu lokalen Mundarten und stammen offenbar sämtlich aus der unverfälschten lebendigen Sprache unseres Litauens; der größte Teil von ihnen wird von Litauern gebraucht, die in der Umgebung der Städtchen Poswol und Biržai im Kreis Poniewież leben. Herr Mikucki forderte 1860 in der Zeitung „Kurier Wileński“ die Freunde der litauischen Sprache auf, litauische Wörter und Werke der litauischen Volkspoesie zu sammeln und ihm nach Warschau zu schicken. Wahrscheinlich wurden ihm auch die Wörter dieser Sammlung auf diesen Aufruf hin zugesandt. Wie dem auch sei, bilden die Wörter dieser Sammlung reichhaltiges und größtenteils neues Material für ein litauisches Lexikon. Eine gründliche Bearbeitung ist offenbar nur in Litauen selbst, mitten in der lebendigen Sprache, in der sie gebraucht werden, möglich. Die von Herrn Mikucki gesammelten litauischen Lieder gliedern sich in Reigenlieder und Hochzeitslieder; sie alle gehören zu den Volksschöpfungen vergangener Jahrhunderte, und die Sitte, sie zu singen, hat sich bis heute erhalten, allerdings nur an sehr wenigen Orten. Daher besitzen sie eine besondere ethnografische und philologische Bedeutung. Die Reigenlieder, „Sutartinés (sutarti, übereinstimmen), dainės oder saugės (saugū, saugā, saugti anstimmen, nachsingen, mit geringem Abstand folgen)“, werden in dvejsaugės (dvėju zu zweit + saugti), trīsaugės und ketursaugės unterteilt. Von der ersten Art gibt es 12, von der zweiten 37 und von der letzten 34. Jede Art dieser Lieder ist von den anderen getrennt; zuerst kommen die dvejsaugės, danach die trīsaugės und schließlich die ketursaugės. Zu Beginn der ersten Liedart (dvejsaugės) findet sich folgende Erklärung in litauischer Sprache: „Dvejsaugės heißen so, weil sie zu zweit gesungen werden; der erste Sänger heißt Führer (vadovu arba rinkėju. Vedū vedu, renku, rinkāu, rinkti, sammeln), der zweite Nachsänger (sūkėju arba užsūkėju arba sekėju. Seku, sekāu, sekti folgen, …gte, …gen). Der erste (vadovs) beginnt die erste Strophe zu singen, der zweite (sūkėjus) singt unmittelbar danach und bleibt dabei stets um eine bestimmte Strecke hinter ihm zurück 13. Gramatinės kategorijos ir jų raida 193 “. Diese Lieder (dvėjsaugės) unterscheiden sich von den trīsaugės, die zu dritt gesungen werden – die ersten beiden singen wie bei den dvėjsaugės, während der dritte zugleich ohne bestimmte Melodie singt –, und von den keturšaugės, die zu viert gesungen werden, dadurch, dass sie einen einzigen Führer, den Vorsänger, haben. Die Sänger der keturšaugės teilen sich in zwei Chöre.“ Alle šaugės sind in der ostlitauischen Mundart verfasst, doch scheinen die Aussprachevarianten der Ostlitauer von ihrem Sammler geglättet worden zu sein. Viel mehr Besonderheiten des Klanges der ostlitauischen Mundart kommen in den Hochzeitsliedern zum Ausdruck. Hochzeitslieder gibt es nur wenige – oder, besser gesagt, überhaupt nur ein einziges trauriges, schwermütiges Brautlied: rauda išteken­tós (rauda, rauda, Klagelied; raudojų, -jau, -doti, weinen, schluchzen; tekū, tekėjau, tekėti, ich fließe, fließen; ištekėti, heiraten) –, das die Braut bei verschiedenen Anlässen des Hochzeitsbrauchs singt: wenn man sie am Sonntagmorgen an den Tisch setzt, wenn der Bräutigam auf den Hof kommt, wenn er den Flur betritt, wenn er die Stube betritt, wenn man ihn an den großen Tisch setzt, wenn der Brautführer ihr den Kranz des Bräutigams überreicht, wenn man sie zum Bräutigam führen will, während man durch die Stube geht, nach Vollendung des Abschieds, vor der Abfahrt zur Trauung, nach der Rückkehr aus der Kirche am Tor des Elternhauses, beim Einfahren auf den Hof, beim Danken für die Geschenke, beim Schelten des Brautwerbers am Tag nach der Trauung, wenn ihre Aussteuer auf den Wagen gelegt wird und wenn sie selbst in den Wagen steigt. Die rauda išteken­tós wird bei Hochzeitsbräuchen nur an wenigen Orten gesungen; in der ziemlich ausführlichen Beschreibung der Hochzeitsbräuche der Litauer aus der Umgebung der Stadt Poniewież, die ich als Manuskript besitze, kommt sie nicht vor. Auf die rauda folgen noch vier Lieder, die man ebenfalls zu den Hochzeitsliedern zählen kann. Auch sie sind in der ostlitauischen Mundart verfasst. In den mir bekannten gedruckten Sammlungen litauischer Lieder finden sich weder saug noch raud, und überhaupt sind nur sehr wenige Lieder abgedruckt[так!], die in unserem Ostlitauen gesungen werden. Daher wäre die Veröffentlichung von saug und raud als rein volkstümlichen Liedern sowohl in philologischer als auch in ethnografischer Hinsicht sehr nützlich. Ich besitze 150 litauische Volkslieder, die mein Bruder und ich gesammelt haben; darunter sind 25 saug. Ich denke daran, sie herauszugeben, und warte auf eine günstige Gelegenheit dazu. Gegenwärtig beschäftige ich mich jedoch mit der Abfassung einer russisch-litauischen Schulgrammatik⁹ und eines Schulbuchs für die Lektüre im Unterricht und habe deshalb meine Arbeit an der Zusammenstellung eines litauischen Wurzelwörterbuchs vorläufig unterbrochen; vorerst kann ich auch keine andere Arbeit in Angriff nehmen. Man könnte alle litauischen Lieder in einer Sammlung herausgeben: sowohl die, die ich besitze, als auch die von Herrn Mikucki zugesandten. Was die „rauda išteken­tós“ betrifft, so könnte man sie zusammen mit den litauischsprachigen Hochzeitsbräuchen, die ich besitze, und deren russischer Übersetzung veröffentlichen; sie wäre dort am Platz und würde zu einer vollständigeren Darstellung dieser Erscheinung des litauischen Volkslebens beitragen. Erlauben Sie mir, Ismail Iwanowitsch, hier auch ein paar Worte über mich selbst zu sagen. Ich habe dem Kurator des Wilnaer Lehrbezirks, Fürst Schirinski-Schachmatow, bereits über die Abfassung einer litauisch-russischen Schulgrammatik und eines litauischen Schulbuchs für die Lektüre im Unterricht geschrieben und darum gebeten, mich in den Kreis der Kandidaten für Direktorenstellen an einem der Gymnasien aufzunehmen, die in jenem Teil des Wilnaer Lehrbezirks liegen, der von gebürtigen Litauern bewohnt ist. Mit dem Schreiben sandte ich zwei meiner Broschüren: Über die litauischen Mundarten und Schleicher’s Litauische Grammatik¹⁰ sowie vier Broschüren pädagogischen Inhalts¹¹. An den Minister für Volksaufklärung habe ich mich mit einer solchen Bitte noch nicht gewandt; vielleicht wäre es besser, dies aufzuschieben, bis ich die Abfassung der litauischen Grammatik abgeschlossen habe. Wiktor Iwanowitsch hielt an der Universität beim Essen, das am 8. September anlässlich der Feier des tausendjährigen Bestehens Russlands gegeben wurde, eine Rede auf Slawisch. Diese Rede und das altslawische[й] Denkmal über Kyrill und Method, herausgegeben von Wiktor Iwanowitsch, sende ich mit diesem Schreiben. 194 Mit höchster Hochachtung und vollkommenster Ergebenheit habe ich die Ehre, für immer Ihr gehorsamster Diener zu sein, Ismail Iwanowitsch. Iwan Juszkewitsch Am 18. September 1862 aus Kasan Eurer Exzellenz, Jekaterina Fjodorowna, und Olga Ismailowna habe ich die Ehre, untertänigst zu bitten, meine höchste Hochachtung zu bezeugen und meine freundschaftlichen Grüße an Wladimir, Wjatscheslaw und Boris Ismailowitsch sowie an Ljudmila [sic!], Nadeschda und Wera Ismailowna zu übermitteln. 27. Eure Exzellenz, Ismail Iwanowitsch! Ich kann Ihnen, Ismail Iwanowitsch, nicht einmal ein paar Zeilen schreiben, ohne sie mit dem Ausdruck meiner Dankbarkeit zu beginnen, von der ich Ihnen gegenüber tief erfüllt bin für Ihre freundschaftlichen Ratschläge und Ihre stets gewährte Aufmerksamkeit für meine Arbeiten zur litauischen Sprache; ich weiß wahrlich nicht, wie ich Ihnen dafür danken soll. Das Manuskript meiner litauischen Grammatik schicke ich an die Akademie und empfehle es Ihrer wohlwollenden Aufmerksamkeit. Die Absendung hat sich deshalb verzögert, weil meine Augen unterwegs so stark gerötet waren, dass ich mich nach meiner Heimkehr zwei Wochen lang jeglicher Lektüre enthalten musste. Noch in dieser Woche werde ich mich bemühen, dem Chef der Westlichen Gouvernements ein Gesuch zu meinen litauischen Lehrbüchern zu schicken; doch weiß ich noch nicht, wie ich das bewerkstelligen werde – über meine eigene Dienststelle oder über den Kasaner Militärgouverneur. Bis jetzt habe ich mich noch nicht darum bemüht, weil ich es für nötig hielt, zuerst das Manuskript an die Akademie zu schicken. Vor einigen Tagen las ich im Russ[ischen] Invaliden einen Artikel von Herrn Hilferding: „Über die Befriedung Polens“. Unter anderem hält er die Einführung der litauischen Sprache anstelle der polnischen überall in den litauisch-russischen Gouvernements für das wichtigste Mittel zur dauerhaften Beruhigung der Polen. Dieses Wort zugunsten des Litauertums hat unserer Sache Gewicht verliehen; möge Gott geben, dass sich diese Wahrheit möglichst weit verbreitet und erkannt wird. Nehmen Sie die Versicherung tiefster Hochachtung und vollkommenster Ergebenheit entgegen, mit der ich die Ehre habe, für immer Ihr gehorsamster Diener zu sein, Ismail Iwanowitsch. Iwan Juszkewitsch Am 10. September 1863, Kasan 28. Eure Exzellenz, Ismail Iwanowitsch! Verzeihen Sie mir bitte großzügig, Ismail Iwanowitsch, dass ich, im Vertrauen auf Ihre mir stets entgegengebrachte Wohlwollen und Aufmerksamkeit, mir die Kühnheit erlaube, Sie mit meiner folgenden Bitte zu bemühen. Bei der Vorbereitung einer litauisch-russischen Grammatik und eines litauisch-russischen Wörterbuchs zum Druck würde ich gern zunächst eine gewisse Anzahl litauischer Volkslieder in russischen Buchstaben probeweise drucken lassen, um zu sehen, inwieweit sich das litauische Alphabet aus russischen Buchstaben für die litauische Sprache eignet, 13* 195 wenn man dabei die lautlichen Besonderheiten und die örtlichen Mundarten berücksichtigt. Daher habe ich die Ehre, Ihnen hiermit dreiunddreißig litauische Lieder samt ihrer Übersetzung ins Russische zu übersenden und Sie, Ismail Iwanowitsch, untertänigst zu bitten, sich dafür einzusetzen, dass sie unter den akademischen Publikationen gedruckt werden12. Sollte dies nicht möglich sein, bin ich bereit, die Druckkosten selbst zu übernehmen, wenn sie nur gedruckt werden. Ich möchte sie in einer Auflage von 200 Exemplaren drucken lassen. Falls sich der Druck gut anließe, könnte man mehr davon für den Druck vorbereiten. In den letzten zwei Jahren haben mein Bruder und ich nach dem Vortrag litauischer Sänger und Sängerinnen bis zu 1500 Lieder aufgezeichnet. In der Hoffnung, dass Sie, Ismail Iwanowitsch, meine Bitte nicht abschlagen werden, habe ich die Ehre, mit tiefster Hochachtung und vollkommener Ergebenheit der ergebenste Diener Eurer Exzellenz zu sein. Iwan Juszkewitsch 28. November 1866 Nischni Nowgorod. 29. Eure Exzellenz, Ismail Iwanowitsch! Im November des vergangenen Jahres hatte ich die Ehre, Eurer Exzellenz litauische Volkslieder mit der untertänigsten Bitte zu übersenden, sie an der Akademie drucken zu lassen. Nun lese ich in den Petersburger Nachrichten im Bericht über die II Abteilung der Sankt Petersburger Akademie der Wissenschaften die für mich erfreuliche Nachricht, dass die erwähnten Lieder unter den akademischen Publikationen gedruckt werden13. So hat sich mein Wunsch hinsichtlich der genannten Lieder sogar besser erfüllt, als ich zu hoffen gewagt hatte. Es bleibt mir, Eurer Exzellenz meinen herzlichen Dank sowohl für Ihre nachsichtige Aufmerksamkeit für meine Arbeit als auch für Ihre für mich so schmeichelhafte Beurteilung derselben auszusprechen und zugleich meine untertänigste Bitte um den Druck von 200 Sonderabzügen zu meinen Gunsten zu erneuern. Die diesbezüglichen Kosten werde ich entweder durch Übersendung des geschuldeten Betrags per Post oder persönlich während der bevorstehenden Sommerferien begleichen. Bei dieser Gelegenheit kann ich nicht umhin, einige Worte über die Veränderung meiner Lage hinzuzufügen. Seine Exzellenz, der Herr Minister für Volksaufklärung, geruhte, mir vorzuschlagen, in den Dienst im Königreich Polen oder in ein anderes Ressort zu wechseln, wahrscheinlich infolge einer allgemeinen Maßnahme, wonach katholischen Eingeborenen der westlichen Gouvernements künftig nicht gestattet sein wird, Verwaltungsstellen (Inspektoren- und Direktorenstellen) im Bildungswesen des Ministeriums für Volksaufklärung zu bekleiden. Daher habe ich auf Vorschlag des Herrn Kurators des Kasaner Lehrbezirks zugestimmt, eine Stelle als Lateinlehrer am Gymnasium in Jekaterinburg anzunehmen, da dort die Pension der Lehrer nach dem alten Stellenplan ebenso hoch ist wie an den Gymnasien der Hauptstädte, nämlich 700 Rubel. Mich mit meiner neuen Lage abfindend, wende ich mich nun der alten Philologie zu. Ich hoffe, dass ich neben meinem Lehramt mehr Zeit haben werde, mich auch mit der litauischen Sprache zu beschäftigen. Auch das Leben im Ural sollte meine Beschäftigung mit dem Litauischen nicht schwächen. Ich bitte, die Versicherung meiner stets tiefsten Hochachtung und vollkommenen Ergebenheit entgegenzunehmen, mit der ich die Ehre habe, der ergebenste Diener Eurer Exzellenz zu sein. Iwan Juszkewitsch 12. Februar 1867 aus Jekaterinburg. 196 30. Euer Hochwohlgeboren, Ismail Iwanowitsch! Im vergangenen Sommer erlaubten Euer Hochwohlgeboren meinem Bruder Anton und mir, Ihnen den Buchstaben а unseres Litauisch-russischen Wörterbuchs, das wir zusammenstellen, zuzusenden. Wir hatten vor, ihn bis zum Oktober fertigzustellen, doch erwies er sich als doppelt so umfangreich wie der Buchstabe m14. Ich habe von meinem Bruder bereits 73 Blätter seines Beitrags erhalten und erwarte von ihm mindestens ebenso viele weitere. Die von mir vorbereiteten Blätter werden bereits von Usanin, einem Schüler der VIII. Klasse des Dritten Kasaner Gymnasiums, ins Reine geschrieben; aus Liebe zu den Sprachen hat er diese Arbeit bereitwillig übernommen, um sich beim Abschreiben ein wenig mit der litauischen Sprache vertraut zu machen. Nach dem Fortgang der Arbeit zu urteilen, glaube ich, dass der Buchstabe а frühestens gegen Ende des kommenden November fertiggestellt werden kann. Dann werde ich mich beeilen, ihn der wohlwollenden Aufmerksamkeit Euer Hochwohlgeboren vorzulegen. Mit tiefster Hochachtung und vollkommenster Ergebenheit habe ich die Ehre, Euer Hochwohlgeboren gehorsamster Diener zu sein. Iwan Juschkewitsch 5. Oktober 1876 in Kasan am Dritten Gymnasium. 31. Euer Hochwohlgeboren, Ismail Iwanowitsch! Am 25. dieses Monats März habe ich den Buchstaben а unseres Versuchs eines Litauisch-russischen Wörterbuchs zur Post gegeben und an Euer Hochwohlgeboren, Zweite Abteilung der Akademie der Wissenschaften, adressiert. Die Absendung des Buchstabens а verzögerte sich um drei Monate infolge meines Briefwechsels mit meinem Bruder über die Verwendung von Buchstabenzeichen und Akzenten. Unterdessen wurde die Arbeit am litauischen Wörterbuch weder von mir noch von meinem Bruder unterbrochen. Die gesamte von den Dienstpflichten freie Zeit wird dieser Arbeit gewidmet. Ich habe den Buchstaben b[так!] bereits übersetzt und schließe die Übersetzung des Buchstabens d ab. Die Übersetzung ins Russische geht jedoch ziemlich langsam voran, weil viele litauische Wörter aus dem bäuerlichen Leben des einfachen Volkes vorkommen, für die passende russische Wörter zu finden mitunter schwierig ist; doch finde ich in Kasan unter dem russischen Volk die Möglichkeit, diese Schwierigkeiten zu überwinden, was mir jedoch nicht möglich wäre, wenn ich mich in Litauen mit der Übersetzung ins Russische beschäftigte. Den Buchstaben т habe ich im vergangenen Sommer in Litauen übersetzt, weshalb ich es für notwendig halte, ihn nochmals durchzusehen. Die Überprüfung der lettischen Wörter erforderte viel Zeit und bereitete nicht wenige Schwierigkeiten; deshalb haben wir beschlossen, sie [так!] aus dem Wörterbuch auszuschließen. Ich würde meinen, dass zum genaueren und klareren Verständnis des etymologischen Aufbaus der litauischen Sprache eine Erläuterung der Wortbildungserweiterungen und grammatischen Endungen notwendig ist. In der Einleitung, die dem Buchstaben а beigefügt ist, habe ich gesagt, dass diese Erläuterung beigelegt wird; sie ist jedoch noch nicht fertig. Jetzt sammle ich bei der Übersetzung das Material, und bis zur Fertigstellung des Wörterbuchs wird sie bereit sein. Ich habe den früheren Titel „Materialien“ in „Versuch eines Litauisch-russischen Wörterbuchs“ geändert, weil ich unter Nutzung des so reichen Materials meines Bruders diese Arbeit brauchbarer und nützlicher machen möchte. Ich bin bereit, das Material vor Ort, dort, wo es gesammelt wurde, zu überprüfen und das Ganze nochmals durchzusehen 197 die Arbeit und die Sache überarbeiten, wenn Euer Exzellenz mir nur die Mängel derselben aufzuzeigen geruhen. Im kommenden Sommer hoffe ich, etwa am 15. Juli in Petersburg zu sein; daher schmeichle ich mir mit der Hoffnung, persönlich Ihre Meinung über diese meine Arbeit zu erfahren. Mit tiefster Hochachtung und vollkommener Ergebenheit habe ich die Ehre, Euer Exzellenz gehorsamster Diener zu sein. Iwan Juszkewitsch 29. März 1877 in der Stadt Kasan 32. Euer Exzellenz, Ismail Iwanowitsch! Ich hatte die Ehre, durch I. A. Baudouin de Courtenay Ihren Brief über die Übersendung meines Manuskripts, des Buchstabens а, an Professor Potebnja [sic!] zu erhalten. Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen für Ihre so lebhafte Anteilnahme an unserer Arbeit danken soll. Mir bleibt nur, daran zu denken, sie weiterzuführen und sie so brauchbar wie möglich zu machen. Im Buchstaben b und den folgenden sind Wörter mit festem Akzent von Wörtern mit beweglichem Akzent unterschieden. Es scheint, dass dies keine nutzlose Ergänzung sein wird. Diese Unterscheidung müsste auch im Buchstaben а vorgenommen werden; daher erlaube ich mir, Sie, Ismail Iwanowitsch, gehorsamst zu bitten, mir das Manuskript nach seiner Rückgabe durch Herrn Potebnja gütigst zuzusenden, wenn möglich zusammen mit dem Buchstaben m, den Sie mir im vergangenen Sommer zu belassen gestattet haben. Die Zeichen zur Unterscheidung fester und beweglicher Wörter sind dieselben zwei Zeichen wie für den Akzent: ein Schrägstrich von rechts nach links (') über einer langen Silbe und – von links nach rechts (') über einer kurzen Silbe, nur mit einem zusätzlichen kleinen Strich darunter in einem Winkel, also: ∠ — über einer langen Silbe, \\ — über einer kurzen Silbe. Ich fürchte nur, dass diese Ergänzung das Drucken erschweren könnte. Zweifellos werden Sie, Ismail Iwanowitsch, zusammen mit Wladimir Ismailowitsch und Wjatscheslaw Ismailowitsch in diesem Sommer zum Kongress der Archäologischen Gesellschaft nach Kasan kommen. Ich bedaure sehr, dass ich im Sommer nach Litauen fahre und dadurch keine Möglichkeit habe, Sie einzuladen, bei mir zu wohnen; nun bleibt mir, Ihnen vorzuschlagen, ob es Ihnen nicht genehm wäre, direkt in meine Wohnung zu kommen, die ich auch für das nächste Jahr für mich beibehalten habe. Sie liegt mitten in der Stadt, ganz in der Nähe der Universität, in der Rybnaja-Rjadskaja-Straße, im Hause von M. A. Alexandrow. Es ist das erste Haus vom Nikolajewskaja-Platz aus, ein rotes Steinhaus gegenüber dem Hotel Nowgorod. Zur Bewachung ist ein durchaus zuverlässiger Mann zurückgelassen worden, Semjon, der Ihnen in allem behilflich sein kann; nur müssten Sie das Essen bei einem Koch in der Stadt bestellen. Ich wäre sehr glücklich, wenn Sie, Ismail Iwanowitsch, zusammen mit Ihren Begleitern es bequem fänden, während des Kongresses in meiner Wohnung zu wohnen. Ich kehre erst am 15. August nach Kasan zurück. Mit tiefster Hochachtung und vollkommener Ergebenheit habe ich die Ehre, Ismail Iwanowitsch, Ihr gehorsamster Diener zu sein. Iwan Juszkewitsch Am 29. Mai 1877 in Kasan Meine Adresse Lehrer der alten Sprachen am 3. Gymnasium in Kasan 198 33. Eure Exzellenz, Ismail Iwanowitsch! Bereits Anfang November hatte ich das Glück, Ihren von aufrichtiger Zuneigung zu mir erfüllten Brief zu erhalten, wofür ich Ihnen meinen tiefsten Dank ausspreche. Bis jetzt konnte ich mich nicht dazu aufraffen, Ihnen zu schreiben, da mich eine Augenkrankheit daran hinderte und ich deshalb auf jede Lektüre und jedes Schreiben verzichten musste; nun beginne ich mich zu erholen und werde mich bald wieder an die Arbeit machen. Was meine Gesundheit betrifft, so ist sie jetzt im Allgemeinen bei Weitem nicht mehr so gut wie früher; sehr oft verspüre ich ein Schweregefühl in der Brust und Atemnot. Sie geruhten mir zu schreiben, Ismail Iwanowitsch, dass sich in Ihrer Kanzlei der Akademie der Buchstabe m unseres litauisch-russischen Wörterbuchs (unter dem Titel: Materialien) befindet. Er muss noch einmal durchgesehen werden; daher möchte ich Sie untertänigst bitten, ihn mir nach Kasan zu schicken. Meine Arbeit am Wörterbuch kam im November beim 70. Halbblatt des Buchstabens g zum Stillstand (43 fehlen noch), und mein Bruder überträgt den Buchstaben n von den Karteikarten auf die Blätter. Mit tiefster Hochachtung und vollkommener Ergebenheit habe ich die Ehre, der untertänigste Diener Eurer Exzellenz zu sein Iwan Juschkewitsch 8. Januar 1878. Ich bitte Sie, meiner tiefsten Hochachtung gegenüber Ihrer Exzellenz Jekaterina Fjodorowna Ausdruck zu verleihen und ihr auszurichten, dass ich jeden ihrer Aufträge in Kasan mit besonderem Vergnügen ausführen werde. Ihrer Familie sende ich meine ergebensten Grüße. 34. Euer Exzellenz, Ismail Iwanowitsch! Die von meinem Bruder Anton Wassiljewitsch gesammelten litauischen Volkslieder liegen nun schon seit acht Jahren als Manuskript vor. Wir fürchten, dass sie irgendwie verloren gehen könnten. Deshalb haben wir beschlossen, über ihre Veröffentlichung nachzudenken und die Sache nicht länger auf unbestimmte Zeit aufzuschieben. Aus diesem Grund haben wir uns im vergangenen Sommer mit der Bearbeitung der Lieder befasst, sie durchgesehen, in Abteilungen gegliedert und Varianten verzeichnet. Während wir uns mit den Liedern beschäftigen, lassen wir auch die Arbeit am Wörterbuch nicht ruhen. Es bleibt noch, die Hälfte des Buchstabens ž von den Karteikarten auf Blätter zu übertragen; die russische Übersetzung ist bis zur zweiten Hälfte des Buchstabens i gediehen. Nach dem Fortgang der Arbeit zu urteilen, nehmen wir an, dass frühestens in einem Jahr lediglich die erste Hälfte des Wörterbuchs druckfertig sein kann; inzwischen würden wir gern die Lieder veröffentlichen. Wie immer hege ich auch in diesem Fall die Hoffnung, Ismail Iwanowitsch, auf Ihre wohlwollende Aufmerksamkeit für diese Arbeit und wage es, Sie ergebenst um Ihre Fürsprache für ihre Veröffentlichung unter den Akademiepublikationen zu bitten. Zu diesem Zweck sende ich Ihnen a) das erste Heft der Lieder, das den Anfang der Hochzeitslieder enthält, nämlich Lieder, die gesungen werden: 1) bei der ersten Begegnung des Bräutigams mit der Braut (ant pažinstuviu ir ant megtavimo), 2) während der Werbung (ant piršlibu) und 3) bei der Verlobung (ant ziedinu); b) die russische Übersetzung des Titels und des Vorworts zur Liedersammlung und c) fünf Exemplare von vier litauischen Volksliedern, die veröffentlicht wurden 199 Als Beilage zu Bd. 3 der Wissenschaftlichen Mitteilungen der Universität Kasan, zum Zweck der Verwendung der folgenden Buchstaben, die im litauischen Alphabet noch nicht gebräuchlich sind: Ė (des gemischten e = ə von Schleicher), ie (= ē von Schleicher), ı (des Erweichungszeichens, das bei Schleicher durch den Vokal i ersetzt wird), š und č. Dabei halte ich es für meine Pflicht hinzuzufügen, dass die vorgeschlagenen Volkslieder nach dem Vortrag von Sängerinnen aufgezeichnet wurden und bis heute, von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen, in keinen bekannten gedruckten Sammlungen litauischer Lieder enthalten sind. Beim Vergleich einer gewissen Anzahl der vorgeschlagenen Lieder mit den Liedern in Nesselmanns Sammlung zeigte sich, dass auf 25 Lieder aus Nesselmanns Sammlung nur eine einzige Variante der vorgeschlagenen Lieder kommt. Die Zahl der vorgeschlagenen Lieder beträgt mindestens 3500, Varianten nicht mitgerechnet, von denen es mehr als 2000 gibt. Alle sind in die im Vorwort bezeichneten Abteilungen gegliedert und werden zu einzelnen Heften zusammengebunden, von denen jedes 100 bis 300 Lieder enthält. Die Länge der Lieder lässt sich mit durchschnittlich 35 meist kurzen Versen angeben, genau solchen, wie sie in Nesselmanns Sammlung litauischer Lieder vorkommen. Für einen beträchtlichen Teil der Lieder sind Noten gesetzt; ich würde vorschlagen, sie am Ende der Sammlung abzudrucken. Ebenso könnte man am Ende der Sammlung einige Anmerkungen zu den Liedern und die bemerkenswertesten Stellen aus den Varianten veröffentlichen. Ich verstehe sehr wohl, dass die Beigabe einer russischen Übersetzung der Lieder eine nicht unwesentliche Voraussetzung für ihre Veröffentlichung auf Kosten der Akademie ist; da ich aber gegenwärtig meine gesamte freie Zeit der russischen Übersetzung des Wörterbuchs widme, kann ich nicht einmal daran denken, die Lieder zu übersetzen. Mit Letzterem würde ich mich gern nach Abschluss der Wörterbucharbeit befassen. Die russische Übersetzung der Lieder kann natürlich später gesondert und unter Wahrung der Reihenfolge des Originals gedruckt werden. Ebenso lässt mir der Zeitmangel keine Möglichkeit, mich mit dem Abschreiben der Lieder zu befassen, um sie in saubererer Form zum Druck vorzulegen. Falls die Abteilung es für notwendig erachten sollte, jemanden mit einer Vorprüfung der vorgeschlagenen Lieder zu beauftragen, wäre es dann möglich, diesen Auftrag Iw. A. Boduen de Courtenay zu erteilen? Ich könnte ihm persönlich Mitteilungen machen, falls er von mir irgendwelche Auskünfte zu diesen Liedern erhalten möchte. Falls die Abteilung für russische Sprache und Literatur geruhen sollte, die vorgeschlagenen Lieder unter ihren Publikationen zu veröffentlichen, werden wir nicht zögern, die folgenden Hefte der Reihe nach einzusenden, sobald sie gedruckt sind. Zu meinen Gunsten würde ich um den Druck von 30 Separatabzügen bitten. Im Falle einer ablehnenden Antwort wage ich es, Sie, Ismail Iwanowitsch, ergebenst zu bitten, mir das eingesandte Manuskript an das Dritte Gymnasium in Kasan zurückzusenden. Mit tiefster Hochachtung und vollkommener Ergebenheit habe ich die Ehre, Euer Exzellenz ergebenster Diener zu sein Iwan Juszkewitsch 25. September 1878 in Kasan 35. Telegramm aus Kasan vom 4.IV.1879 anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der wissenschaftlichen Tätigkeit von I. I. Sresnewski: Ich gratuliere Ihnen zum fünfzigjährigen Jubiläum Ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit. Ich wünsche Ihnen, noch viele Jahre zu leben. Juszkewitsch. 200 ANMERKUNGEN 1) Das hier erwähnte Verzeichnis ist auf einem gesonderten Blatt zusammengestellt: Verzeichnis der Bücher, die ich aus der Bibliothek des Akademikers Sreznevskij entliehen habe 1. Sprski rěčnik Vuka Stevanovića. 1818. 2. Lettisches Lexicon von G. F. Stender. 3. Die Grundzüge der finnischen Sprache v. Kellgren. 4. Beiträge zur Kunde der littauischen Sprache. Zweites Heft. Laut und Tonlehre. — v. F. Kurschat, 1849. 5. Studienaufzeichnungen der 2. Abteilung der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Buch II. 6. Litauische Bibel. 7. Litwa. Ludw. aus Pokiewia (Litwa Ludwika z Pokiewia). 8. Über die Elemente und Formen der slavisch-russischen Sprache von M. Katkow. 9. Dictionarium trium linguarum. — Szirwid. 10. Über das Verhältnis der slawischen Sprache zu den verwandten Sprachen von A. Hilferding. 11. Anfangsgründe einer litt[auischen] Sprachlehre v. Mielcke. 12. Elemente der altböhmischen Grammatik v. P. G. Schafarik. 13. Die Sprache der alten Preussen v. Nesselmann. I. Juškevič. 5. Januar 1857.“ 2) Der Familienname K. Donelaitis (K. Donelaitis), des Verfassers des bekannten Gedichts „Die Jahreszeiten“, das J. Juška bei der Vorbereitung des „Wörterbuchs der litauischen Sprache“ umfassend heranzog (siehe auch die Beispiele in den Probeartikeln des „Wörterbuchs“ in der Veröffentlichung: G. K. Venediktov. Materialien zur Geschichte der Litauistik aus dem Archiv von I. I. Sreznevskij), wird in den Briefen unterschiedlich wiedergegeben: Donaleitis (vgl. auch Donaleitis, mit einem offensichtlichen Schreibfehler – statt des russischen Buchstabens л wurde der litauische Buchstabe п geschrieben), Donalaitis, Donelaitis, Donelait. 3) Die erwähnten „Probe-Karteikarten des geplanten … Wörterbuchs“ werden gesondert veröffentlicht (siehe G. K. Venediktov. Materialien zur Geschichte der Litauistik aus dem Archiv von I. I. Sreznevskij, S. 219—221). 4) Gemeint ist der Aufsatz „Über den Geographieunterricht“, der bald darauf in der Zeitschrift „Russischer Pädagogischer Bote“, 1859, Nr. 2, S. 75—106; Nr. 3, S. 197—212, gedruckt und anschließend auch als separate Broschüre veröffentlicht wurde. In der Zeitschrift ist der Aufsatz mit der Unterschrift N. Juskevitsch versehen. Der Fehler bei der Initiale erklärt sich daraus, dass J. Juška das große и wie ein н schrieb – mit einem waagerechten statt einem schrägen Mittelstrich. 5) Die erwähnten Bezeichnungen der Verwandtschaftsgrade werden gesondert veröffentlicht (siehe G. K. Venediktov. Materialien zur Geschichte der Litauistik aus dem Archiv von I. I. Sreznevskij, S. 221—224). 6) J. Juška meint den erwarteten Erlass über seine Ernennung zum Inspektor der Militärschule von Novgorod, die sich wahrscheinlich im Dorf Medved befand. 7) Die hier erwähnten „meine litauischen Mundarten“ sind wahrscheinlich seine Arbeit „Ape kalbas lētuviszko lēžuvo“, die im folgenden Jahr in „Materialien für ein vergleichendes und erklärendes Wörterbuch und eine Grammatik“, Bd. V, 1861, veröffentlicht wurde. 8) Viktor Ivanovič ist der bekannte russische Slawist V. I. Grigorovič, Professor an der Universität Kazan. In einem Brief an V. I. Grigorovič vom 16. Januar 1862 schrieb I. I. Sreznevskij: „Diesen Brief wird Ihnen Ivan Vasiljevič Juskevič überbringen, der Ihnen natürlich durch seine Arbeiten zur litauischen Sprache aufgefallen ist, diese Sprache tatsächlich beherrscht und sich mir gegenüber große Verdienste erworben hat 201 in dieser Hinsicht. Nun wird er Ihnen dienstlich unterstellt sein, und zweifellos auf Ihren Rat und Ihr Wissen angewiesen sein. Sie darum zu bitten, ihn freundlich aufzunehmen, halte ich für unnötig: anders können Sie einen so würdigen Menschen ohnehin nicht aufnehmen“ (V. I. Sreznevskij. Briefwechsel zwischen I. I. Sreznevskij und V. I. Grigorovič. — „Mitteilungen der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften, Bd. 54. Historisch-philologische und philosophisch-soziale Abteilung, 26“, Sofia, 1937, S. 82). In seinem Antwortschreiben vom 13. Oktober 1862 schrieb Grigorovič an Sreznevskij: „Ich beehre mich, Ihnen auf Ihren freundlichen Brief zu antworten, den mir Ivan Vasiljevič überbracht hat. Ich fühle mich Ihnen sehr verpflichtet für die Bekanntschaft mit einem Gelehrten, der so viele in Kazan seltene Vorzüge in sich vereint. Wenn es mir auch nicht möglich war, seine Kenntnis der litauischen Sprache zu nutzen, so profitiere ich doch dankbar von seinen Gesprächen, die einen aufrichtigen Pädagogen erkennen lassen“ (Ebenda, S. 83). 9) Diese Lehrmittel zur litauischen Sprache sowie das in Brief [28] vom 28.XI.1866 erwähnte litauisch-russische Lehrwörterbuch wurden nicht veröffentlicht. Die Manuskripte werden in der Handschriftenabteilung des Instituts für Litauische Sprache und Literatur in Vilnius aufbewahrt (siehe B. Tolutienė. Antanas Juška leksikografas. — „Literatūra ir kalba“, 1961, Bd. V, p. 364). 10) Gemeint sind: „Kalbos lėtuviško lėžuvo ir lėtuviškas statrasizimas arba ortografija“ (Peterburge, 1861) und „Notiz über Schleicher’s Buch: Handbuch der litauischen Sprache“ (SPb., 1857). 11) Die „vier Broschüren pädagogischen Inhalts“ sind: 1) die oben erwähnte (siehe Anm. 4) Broschüre „Über den Geographieunterricht“; 2) „Und noch einige Worte über besondere Übersetzungsprüfungen“, SPb., 1859, 7 S.; ursprünglich in der Zeitung „Russischer Invalide“, Nr. 212, 1859, gedruckt; 3) „Gedanken über die Gestaltung des Unterrichtswesens unserer Schulen“, SPb., 1860, 18 S.; ursprünglich in der Zeitung „Russischer Invalide“, Nr. 24 vom 11.XI.1860, veröffentlicht; 4) „Einige Worte über die pädagogische Selbstbildung“, SPb., 1860, 32 S.; ursprünglich in der Zeitung „Russischer Invalide“, Nr. 271 vom 14.XII.1860, mit dem Untertitel „Über die pädagogischen Übungen der Lehrer der St. Petersburger Schule des Kriegsministeriums im vergangenen Schuljahr“ gedruckt. Der Aufsatz ist mit „N. Juskevitsch“ unterzeichnet. Zum Fehler bei der Initiale siehe Anm. 4. 12) Diese Lieder bildeten die Veröffentlichung: I. und A. Juškevič. Litauische Volkslieder mit Übersetzung ins Russische. — „Sammelband der in der Abteilung für russische Sprache und Literatur der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften gelesenen Aufsätze“, Bd. II, Nr. 2, SPb., 1867 (auf dem gemeinsamen Titelblatt: 1868), S. 1—43. 13) J. Juška meint die Notiz „Sitzungen der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in der Abteilung für russische Sprache und Literatur. Für Dezember 1866“, veröffentlicht in den „St. Petersburger Nachrichten“ in Nr. 11 vom 11.I.1867, wo es heißt, dass „Akademiemitglied Sreznevskij seinen Kollegen zur Kenntnis brachte:... 2) den Aufsatz von Herrn Juskevič „Litauische Volkslieder“ mit russischer Übersetzung, dessen Druck in den „Abhandlungen“ der Akademie gemäß der Ansicht von Herrn Sreznevskij beschlossen wurde“. 14) Zur Arbeit von J. Juška und seinem Bruder A. Juška an einem Wörterbuch der litauischen Sprache und zu dessen Schicksal nach ihrem Tod siehe die erwähnte umfangreiche Untersuchung von B. Tolutienė, in der unter anderem auch ein Brief von J. Juška an I. I. Sreznevskij vom 6.V.1878 veröffentlicht ist. Die hier veröffentlichten Briefe von J. Juška enthalten interessante Angaben zur Vorbereitung dieses Wörterbuchs für den Druck. In diesem Zusammenhang sei auch auf den Brief von I. A. Baudouin de Courtenay an I. I. Sreznevskij vom 16/28. Oktober 1879 (ЦГАЛИ, ф. 436, оп.1, ед. хр.1167) hingewiesen, in dem ebenfalls von diesem Wörterbuch die Rede ist. Dieser Brief wurde kürzlich veröffentlicht: S. V. Smirnov. I. A. Baudouin de Courtenay und I. I. Sreznevskij. — „Wissenschaftliche Mitteilungen der Staatlichen Universität Tartu“, H. 310. Arbeiten zur russischen und 202 славянской филологии, XXII, Тарту, 1973, с. 215—217. Й. Юшку И. А. Бодуэн Де Куртенэ упоминает и в других опубликованных С. В. Смирновым письмах (там же, с. 210, 214). 15) Die hier erwähnten Lieder wurden 1883 von der Akademie der Wissenschaften unter dem Titel „Litauische Hochzeitsvolkslieder, gesammelt von Anton Juška und herausgegeben von Ivan Juška“ veröffentlicht (St. Petersburg, 1883, XXIV++893 S.). Näheres zur Geschichte der Herausgabe dieser Sammlung siehe: A. Mockus. Broliai Juškos – lietuvių liaudies dainų rinkėjai ir leidėjai. V., 1956; B. Tolutienė. A. a. O., S. 139 ff.