scieee AI-readable full text Open interactive document viewer

Daugpilio apylinkių lietuvių šnektos fonetika

E. Grinaveckienė

Full text

IŠ LIETUVIŲ KALBOTYROS ISTORIJOS LIETUVIŲ KALBOTYROS KLAUSIMAI XX (1980) E. GRINAVECKIENĖ Phonetik der litauischen Mundart im Umland von Daugpils I. EINLEITUNG a) Während der dialektologischen Expedition von 1977, die das Institut für Sprachwissenschaft J. Kolas der Akademie der Wissenschaften der Belarussischen SSR gemeinsam mit dem Institut für Sprache und Literatur der Akademie der Wissenschaften der Lettischen SSR und dem Institut für Litauische Sprache und Literatur der Akademie der Wissenschaften der Litauischen SSR durchführte, wurden die belarussischen Mundarten der Rayons Daugpils (lett. Daugavpils), Kraslava (lett. Krāslava), Ludza (lett. Ludza) und Rēzekne (lett. Rēzekne) untersucht. Unsere Aufgabe war es, die in der belarussischen Mundart im südlichen Teil des Rayons Daugpils – am linken Ufer der Düna (lett. Daugava) – verwendeten Litauismen zu sammeln. Am meisten arbeiteten wir in der Umgebung von Skrudaliena (lett. Skrudaliena1) (18 km südöstlich von Daugpils), besonders in Raguliški (lett. Raguliški) und den benachbarten Dörfern. Bei den belarussischsprachigen Einwohnern dieser Orte zeichneten wir zahlreiche Wörter litauischer Herkunft, Ortsnamen, Familiennamen und Bruchstücke litauischer Redewendungen auf2. Im Vorort Gryva von Daugpils (die Einheimischen sprechen litauisch Daũgpilis, Daugpilỹs, Daũgavpilis, Daũguvpilis; lett. Grīva, heute ein Teil von Daugpils am linken Ufer der Düna) erfuhren wir, dass hier noch vor ganz kurzer Zeit mehrere Einheimische gelebt hatten, die Litauisch konnten3. Im benachbarten Kalkūne (lett. Kalkūne; ältere Einwohner sprechen häufiger Kálkune.4) 1 Tai, be abejo, lietuviškos kilmės vietovardis. Būga K. (Rinktiniai raštai. V., 1961, t. 3, p. 565) visai pamatuotai jį laiko kilusiu iš liet. Skrudėlynė (plg. liet. dial. skrudėlynė ‘skruzdėlynas’). 2 Unter den Ortsnamen dieser Gegend litauischer Herkunft sind vor allem Dorfnamen mit dem Suffix -iški zu nennen, z. B. Бойцушки, Сӯрышки, По̄ришки, Ёнишки, Басерушки, Кирлишки, Руманишки, Лынто̄пишки, Микалишки, Дзирванишки u. a. Nach K. Būga (Būga K. Rinktiniai raštai, Bd. 3, S. 565–566) und J. Safarewicz (Safarewicz J. Litewskie nazwy miejscowe na -iszki. – Onomastica, 1956, Nr. 2, S. 15) liegen dort, wo Ortsnamen mit dem Suffix -iški verbreitet sind, historische litauische Siedlungsgebiete. Auch andere Elemente litauischer Herkunft in der Topo- und Anthroponymie sind hier zahlreich, z. B. Namen von Sümpfen und Wäldern – Шлапаки, Грьнишки, Кимсы u. a. – sowie einige Familiennamen der alteingesessenen Einwohner – Сервуц, Мажейка, Каралён, Лынку́н u. a. Im Dorf Raguliški wurden außerdem Bruchstücke von vier litauischen Redewendungen aufgezeichnet, z. B. šakė, pasakė. || vėrna šáka, tilvikis paplikis nimáka || pelupe. dėseru. ‘nulupo dešrą’ || visi šáka, visi krūta, be.larūst bū.lbes skūta || Die Personen, die diese Redewendungen äußerten, konnten ihre Bedeutung kaum noch erklären. Sie sagten lediglich, dass ihre Großeltern und Eltern so gesprochen hätten, besonders wenn sie nicht wollten, dass die Kinder bestimmte vertraulichere Dinge verstanden. Lebendig verwendet werden hier auch Übertragungen einiger litauischer Phraseologismen, z. B. баю́та іх (vgl. lit. balà jų); каб ты скісла (vgl. lit. kad tu surūgtum) u. a. Es wurde außerdem festgestellt, dass die Einwohner dieser Orte, wenn man sie auf Lettisch ansprach (dies tat die lettische Linguistin, Kandidatin der philologischen Wissenschaften B. Reidzāne), in ihrem Lettisch zahlreiche für das Litauische typische Wörter, Formen und Lehnübersetzungen verwendeten, z. B. es no pieciem būnu (vgl. lett. 1. Pers. Sg. esmu, lit. būnu) mājās; bērni atiet (vgl. lett. 3. Pers. Pl. atnāk, lit. ateina) un palidz; vilciens atier (vgl. lett. 3. Pers. Sg. pienāk, lit. ateina) uz staciju ap četriem u. a. 3 Ein 75-jähriger Einwohner von Gryva, Jāns Jadzēvičius, war inzwischen in die benachbarte Gegend von Kūpčiški (6 km südlich von Gryva) gezogen. Mit uns sprach er recht gut Litauisch. Hier ein Bruchstück seiner autobiografischen Erzählung: „Ich bin in Grī.va geboren || ich bin fünfundsiebzig Jahre alt || Vater Litauer und Mutter Litauerin || Mutter wurde in Zvi.rbliški geboren, Vater in Grī.va || mit Maska.lātu aus Kal’kūnu, wenn wir zusammenkommen, dann sprechen wir alle Litauisch“ || Die übrigen alteingesessenen litauischen Einwohner von Gryva sind bereits gestorben. 4 Būga K. Rinktiniai raštai, Bd. 3, S. 567, Anm. 2, weist darauf hin, dass man auf Litauisch Kálkumone sagen sollte. 223 In der Umgebung (7 km südlich von Gryva) sprechen zahlreiche alteingesessene Einwohner zu Hause Litauisch und betrachten sich als Litauer5. Einige alteingesessene Litauer leben auch in Mėdumo (lett. Medumi; ältere Einwohner sprechen häufiger Mėdinas; vgl. auch den Namen des dortigen Sees Mėdinas6) sowie in der Umgebung von Smiltynė (lett. Smiltene). Deshalb wurde während der Expedition auch die Mundart der Litauer im von uns besuchten Umland von Daugpils untersucht, die hier unter der gemeinsamen Bezeichnung daugupieši bekannt sind. Auf der Grundlage dieser Untersuchungen entstand der vorliegende Artikel. b) Den Angaben von K. Būga und A. Bielenstein zufolge leben Litauer im Umland von Daugpils am linken Ufer der Düna seit alters her7. Die Mundart der Litauer dieser Gegend ist, so kann man sagen, bis heute unerforscht geblieben. K. Būga hat jedoch einige Informationen veröffentlicht, insbesondere zu ihrer Phonetik. 1911 untersuchte er gemeinsam mit E. Volter in begrenztem Umfang die litauische Mundart der Pfarrei Ciskoda im Rayon Rēzekne (lett. Tiskādi) und veröffentlichte die Ergebnisse dieser Untersuchungen. Darin vergleicht er einige Daten zur Mundart von Ciskoda mit Daten zur litauischen Mundart von Gryva, Kalkūne und Laukesa8. Unsere Untersuchung bestätigt die von K. Būga veröffentlichten Sprachdaten und ergänzt sie teilweise, erweitert unser Wissen und liefert neue Fakten zur Phonetik der litauischen Mundart dieser Gegend. c) Die dialektalen Beispiele dieser Mundart werden mit geringfügigen Ausnahmen9 im üblichen litauischen Schriftsystem wiedergegeben. In der Mundart werden Vokale von dreierlei Länge verwendet – lange, kurze und halblange. 5 Hier sprechen Maskoliūnas Augustas (83 Jahre), Maskoliūnienė Jūlija (81 Jahre), Kergalvys (spricht auch Kiergalvys, Kėragalvis, Kėrgelis, Kiergelis) Povilas (81 Jahre), Kergalvienė Monika (76 Jahre), Katkevičius Antanas (67 Jahre), Katkevičienė (etwa 65 Jahre), Igliškà Benediktas (etwa 60 Jahre), Igliškienė Apolionija (etwa 55 Jahre), ihre beiden schulpflichtigen Kinder, Gravelỹs (etwa 80 Jahre), Gravelienė (etwa 78 Jahre), Lapkauskienė (etwa 80 Jahre), Plečkėnas (etwa 75 Jahre), Jonėnas (spricht auch Jānina) Ana (etwa 80 Jahre) u. a. Sie alle beherrschen auch die lettische Standardsprache gut und sprechen Russisch. Auf Litauisch befragten wir nur Kergalvys, Kergalvienė, Katkevičius, Maskoliūnienė und Igliškienė. Erwähnenswert ist, dass Kalkūne zur katholischen Pfarrei Laukesa (lett. Laucēsa) gehört, in deren Kirche den Berichten zufolge bis 1977 an jedem dritten Sonntag auf Litauisch gesungen wurde. Auf dem Friedhof des Dorfes Kalkūne fanden wir zahlreiche litauische Grabinschriften, z. B. Cia Ilsys Ona Lauriene Mire 1958 || Laurenas Antanas || Barėys Antanas || Cia ilsys Barcis Antaluk as ir Julitia || Barėyene Julja || Cia Ilsis Grawelania Jieva || Gravelis Ignatas || Rozalia Isadiene || 6 Būga K. (Rinktiniai raštai, Bd. 3, S. 567) rekonstruiert die in den Quellen belegte Form Meddum als Mediną. Hier sprechen einheimische Litauer: Masėnas Stasys (74 Jahre), Smilginys, Liskinys Mikelis (69 Jahre), Petrauskienė, Baimasovičienė u. a. In der benachbarten Gegend von Smiltynė (6 km nordwestlich von Medumo) befragten wir die einheimische Litauerin Verdanienė (sie spricht Vierdaniene). Anelė (70 Jahre) und ihren Bruder Liskinys Pranas (57 Jahre). Zum Vergleich wurden auch zwei schulpflichtige Kinder aus Igliškiai befragt. 7 Siehe Būga K. Rinktiniai raštai, Bd. 3, S. 563–568, außerdem S. 99–100; siehe ferner Bielenstein A. Die Grenzen des lettischen Volksstammes und der lettischen Sprache in der Gegenwart und im 13. Jahrhundert. St. Petersburg, 1882, S. 5–10, 172, 390. Selbstverständlich müsste dies anhand der Ergebnisse neuerer sprachwissenschaftlicher, archäologischer und ethnografischer Forschungen überprüft werden. 8 Siehe Būga K. Rinktiniai raštai, Bd. 3, S. 570–572; ferner ebenda, S. 88, 96, 97. Besonders bedeutsam und aktuell für uns ist der dort (S. 571) von K. Būga geäußerte Gedanke, dass „sich die Mundart der Litauer von Ciskoda kaum von der Mundart der Umgebung von Gryva, Kálkunė (Kalkuhen) und Laukesa unterscheidet“; damit liegen die ersten zusammenfassenden Angaben auch zur von uns untersuchten litauischen Mundart im Umland von Daugpils vor. 9 Der breite unbetonte Vokal zwischen e und a wird mit æ bezeichnet; das schwach labialisierte unbetonte o wird als ɔ geschrieben; das nach einem verhärteten l nach hinten verlagerte e wird mit ę bezeichnet; der mittlere Vokal i, der nach einem harten l aus e entstanden ist, wird mit ь bezeichnet; die Weichheit eines Konsonanten wird durch einen Haken markiert, der rechts oben neben dem den Konsonanten bezeichnenden Buchstaben steht; Varianten der Beispiele werden durch einen senkrechten Strich getrennt; am Ende eines dialektalen Satzes stehen zwei parallele Striche; als Satzzeichen zwischen den Beispielen dienen – wie im litauischen Schriftsystem – Haken und Punkt-Haken. 224 Da die Akzente hier offenbar klar unterschieden werden, wird die Länge des betonten Vokals in erster Linie durch den Buchstaben angezeigt, der ihn bezeichnet (z. B. e, ė, ę, y, i, ū, ų), sowie durch das entsprechende Akzentzeichen (z. B. ų́ža.las ‚Eiche‘, bū́va. ‚war‘, skiẽda ‚Splitter‘); lediglich die Halblänge des ersten Bestandteils eines betonten akutierten Diphthongs i, u+l, m, n, r (wie auch die Halblänge jedes langen unbetonten Vokals) wird durch einen Punkt angezeigt, der unten rechts neben dem entsprechenden Buchstaben gesetzt wird (z. B. kí.lpa, bū.rtai, gi.vì.nte.). Die Länge eines unbetonten Vokals wird, außer bei ē, y, ī, ū, ų (die auch so geschrieben werden), durch einen Strich über dem entsprechenden Buchstaben angezeigt (z. B. kny-gėlė ‚Büchlein‘). Die Bedeutung unklarer dialektaler Beispiele wird in Anführungszeichen erläutert (z. B. už-aukl.a.t ‚aufziehen‘). II. KONSONANTEN 1. Aussprache der alten Verbindungen *dj, *tj Der litauische Dialekt der Umgebung von Daugavpils gehört zu den Ost-Dzukischen. Auf dieses Merkmal des Dialekts hat als Erster K. Būga hingewiesen und es festgestellt10. Obwohl der Dialekt sprachlich ungefähr einheitlich ist, kommen hier doch gewisse Ausspracheunterschiede und Schwankungen vor. Deutlicher treten sie nur in der Sprache der ältesten Dialektsprecher und der Jugendlichen hervor11. Auch die dzukische Aussprache ist hier also nicht ganz konsequent. Konstanter und deutlicher ist sie bei der älteren Generation und in älteren, im Dialekt stärker eingebürgerten Wörtern, z. B. kniūpsčia, meldžias, glūdžia.s ‚glatt, gerade‘, pū.nciu., pū.ncia.te. || In der Sprache der Jugendlichen fehlt sie meist ganz, besonders in neueren Wörtern, z. B. dviračia., trupučiūku., va.ke.čiais, pamečiau || Auch bei den Älteren kommt es vor, dass dieselbe Form von demselben Sprecher parallel sowohl mit als auch ohne dzukische Aussprache gesprochen werden kann, z. B. čia.nai / čia.nai; plačiai, kiečiai / medžiai; jaunučiam / mažūčiam, mažūčiai; stačiau, arčiau / skaičiau; atáverčia, šaláldžia / paláldžia, pripučia || Im Allgemeinen wurde die dzukische Aussprache etwas regelmäßiger vor dem palatalisierten a festgestellt, besonders in den Formen der 1. Person Singular des Konjunktivs, z. B. matýcia, na.rėcia, negalėcia; išvercia, nupláudžia ‚wäscht ab‘; trečia; duńcia ‚des Zahns‘, žódzia.; šalaldžia.s, gárdzia.s; dzia.vėna ‚trocknete‘; dzia.vi.ntas, aber nur grińčia ‚Stube‘, grińčia.s || Viel seltener treten *tj, *dj als > c, dz vor palatalisierten ai, au, o, uo auf, z. B. kve.čiai, džiaugias, áudžiau, pradžios, pačioj, kve.ciuõs, aber va.ke.-čiai, apsivedžiau ‚ich heiratete‘, pakraščiūos, vgl. auch paukščiukus, viščiõkus ‚Küken‘, tičiojas ‚macht sich lustig‘, suvaiškė.jit ‚ihr habt euch betrunken‘. Am seltensten tritt die dzukische Aussprache vor palatalisiertem u auf, z. B. paciùs, peciùs, girdžiu, sudžiùvus, kve.cių, aber ma.čiùte., mergyčiu., baldagudžiu ‚Weißrussen‘, perinciau ‚vergangen‘, prieža.dziu., švińčiu., minučiù., vėrdunčiu., skaičius, grečiam ‚nebeneinander‘. In der verkürzten Infinitivendung ist die dzukische Aussprache kaum noch wahrnehmbar, z. B. nuskūsic, nėšč (< nešč aufgrund progressiver Assimilation des š), aber nur gi.vi.nt ‚leben‘, pridižia.vi.nt’, ge.dót’, palaist’, nusirámninte ‚sich beruhigen‘, aite ‚gehen‘ usw. Heute wird vor jedem i, y, ie, in des Dialekts fast gar nicht mehr dzukisch ausgesprochen, z. B. gaŕdi, paspáudi, dýkas ‚leer‘, gaidýs, mótina, de.dùtis ‚Großvater‘, sėdi, ažudì.rpt’, ù.ntis ‚Ente, Enten-‘, gimdyšena (vgl. lett. dzemdēšana) ‚Geburt; Abferkeln‘, vidutinis, šimtinė.s ‚Hektar‘, stótis, netýras (vgl. lett. netīrs) ‚schmutzig‘, nepatińka, atlaidit ‚lassen Sie los‘, pridig s ‚wird sprießen‘, artie ‚nahe‘, dievàs, netiešà, diela.s 10Vgl. Būga K. Rinktiniai raštai, Bd. 3, S. 571. 11Die Ausspracheunterschiede werden bei der gesonderten Untersuchung jedes einzelnen phonetischen Merkmals des Dialekts deutlich. 225 ‚Darmwürmer, Spulwürmer; eine Kinderkrankheit dieser Art‘, dieną, obwohl sich dennoch auch cį.nsta ‚schwillt an‘, cikras neben dem häufigeren tikras hören ließ (ein Beispiel mit c ist auch auf Tonband Nr. VIII¹ aufgezeichnet, das im Institut für Litauische Sprache und Literatur aufbewahrt wird). Dass jedoch auch in diesem Fall die dzukische Aussprache früher hier ganz regelmäßig gewesen sein muss12, zeigen vor allem die Bezeichnung des Sees dieser Gegend Skirscinys (manche sprechen auch Skirščinis) < Skirstinys (möglicherweise auch der Dorfname Džipaniūnkai in der Umgebung von Skrūdaliena), solche im Dialekt verwendeten Wörter wie išči.nsta, viščiena, arkliarūgščis ‚Ampfer‘ (< iščinšta, viščiena, arkliarūgščis aufgrund progressiver Assimilation des š) sowie die hier vorkommenden Hyperkorrekturen va.ke.ečys (< va.ke.ečys) ‚Deutscher‘, tūkstuncis (< tūkstuncys) ‚Tausende‘. Die Nivellierung der dzukischen Aussprache, besonders vor dem Vokal i, dürfte vor allem von der hier allgemein gut beherrschten lettischen Schriftsprache beeinflusst worden sein, der ein ähnliches Lautphänomen fremd ist13. Zugleich ist festzuhalten, dass im Dialekt keine Fälle der Veränderung von tv, dv zu cv, dzv festgestellt wurden, z. B. pusdvi.likis ‚halb zwölf‘, tvirtus ‚fest‘. Sehr selten kommt es vor, dass statt des dialektalen c oder des standardsprachlichen č auch ein palatalisiertes t gesprochen wird, z. B. retiau / rečiau / rečiau (dz.), stadiau / stadiau / stadiau (dz.). Dies könnte möglicherweise auf die Analogie zu anderen Formen desselben Stammes zurückzuführen sein. Andererseits könnte es sich auch um eine atypische Hyperkorrektur handeln. In lautmalerischen Wörtern und Lehnwörtern bleibt č im Dialekt gewöhnlich erhalten, z. B. čiū.lba, čiupūlis ‚jemand, der herumtastet‘; pėtmį.čia ‚Freitag‘; punčiaka.s ‚Socken‘, vorčiukas ‚Langschnabel‘, telvčia.s, skle.mčia.s, či.staciėlas (vgl. weißruss. чытачел) ‚Schöllkraut‘, obwohl pėčius vorkommt (neben dem häufigeren und geläufigeren pėčius). 2. Aussprache anderer Konsonantenverbindungen mit j Die Konsonantenverbindungen mit j sind in der Mundart gewöhnlich geschwunden und haben den ihnen vorausgehenden Konsonanten erweicht; nur bj und pj am Wortanfang bleiben stets erhalten, z. B. bjaurūs, spjaut’; bu.lbū., kaltybin.; laibiau, patepiau, iškepiau; kelių, negaliu, apipilia, nemi.lia ‘nemylį’; žėmiu.. 12K. Būga stellt fest, dass sich die Mundart von Ciskodas kaum von der litauischen Mundart von Daugpils unterscheide, und weist darauf hin, dass hier nur nach einem Merkmal dzūkisiert werde: čia, svečias, marčios, aber marti, tikras (Būga K. Rinktiniai raštai, Bd. 3, S. 571). Diesen Gedanken K. Būgas wiederholt auch Zinkevičius Z. Lietuvių dialektologija. V., 1966, S. 139. Die von uns angeführten Fälle von Dzūkisierung in der litauischen Mundart von Daugpils präzisieren diese Aussage und erlauben die Feststellung, dass hier wie auch im größten Teil der ost-dzūkischen Mundarten in Litauen seit alters nach beiden Merkmalen dzūkisiert wurde; das zweite Merkmal dürfte jedoch schon zu K. Būgas Untersuchungszeit völlig undeutlich gewesen und nivelliert worden sein, und in jüngerer Zeit sind davon nur noch einige Relikte erhalten. 13Bemerkenswert ist, dass wir im Gebiet der untersuchten litauischen Mundart keine Einheimischen gefunden haben, die die lettische oberländische Mundart (lett. augšzemnieku) beherrschen (nach der Einteilung der lettischen Sprachdialekte gehören diese Orte zum oberländischen Dialekt). Keiner der alteingesessenen Einwohner erinnert sich daran, und auch von seinen Vorfahren hat niemand gehört, dass hier jemals die lettische oberländische Mundart gesprochen worden wäre. Vor dem Krieg war die offizielle Sprache der Menschen in dieser Gegend das lettische Schriftlettisch. In dieser Sprache wurde in den Schulen unterrichtet, sodass alle Einheimischen (auch Nichtbalten) nur sie (und nicht die lettische Mundart) gut gelernt haben und sie bei Bedarf verwenden. Dass es hier tatsächlich keine Sprecher der örtlichen lettischen Mundart gibt, geht aus den Arbeiten lettischer Dialektologen hervor. So zeigen die Karten bei der Kartierung phonetischer, grammatischer und lexikalischer Merkmale lettischer Mundarten für die Daten aus Laukesa (Punkt Nr. 456), Demene (Punkt Nr. 460), Skrudaliena (Punkt Nr. 457) und benachbarten Punkten meist nur leere Flächen (vgl. Рудзите М. К. Латышская диалектология (Фонетика и морфология). Автореф. дис. на соискание ученой степени доктора филологических наук. Рига, 1969. Карты № 4,6–9, 13–16, 23, 26, 32, 33; Лаумане Б. Э. Лексический материал диалектологического атласа латышского языка, отражающий латышско-русско-белорусско-польские контакты. — В кн.: Контакты латышского языка. Рига, 1977. Карты № 1, 8, 10, 11, 16. 226 latviām; šiūndie ‘šiandien’, gelažnia.; kirviù, turiù, kētūria.s; miršiu, nuskindusiu, unksti.vōsias ‘ankstyvasias’, pirmasiai ‘pirmasis’; apsigrīšiu; grīžiam ‘gręžiam’, žiu.rėk, nuvažiuosim || Es kommen Fälle vor, in denen die Verbindungen bj, pj auch im Wortauslaut unverändert ausgesprochen werden, z. B. kvėpja ‘kvėpi’, šlapja ‘šlapia’, griebja ‘griebia’, grėbja ‘grėbia’. In jüngster Zeit ist in der Mundart die Tendenz zu beobachten, vor dem geschwundenen l das stammauslautende v zu verhärten, wie auch in einigen Mundarten Litauens im Grenzgebiet sowie in benachbarten lettischen Mundarten14, z. B. prōte.vai ‘protėviai’, le.tuvų ‘lietuvių’, su le.tuvų ‘su lietuvių’. Formen mit verhärtetem stammauslautendem v sind im Sprachgebrauch jüngerer Menschen oder solcher, die das Litauische teilweise vergessen haben, ausgeprägter; die älteren Sprecher der Mundart sprechen gewöhnlich nicht so. Es ist festzustellen, dass der auf j oder auf erweichte Konsonanten folgende Vokal a sowie der Diphthong ai trotz der Vorderung in der Mundart nicht zu e(ei) wird, z. B. sėjai, grėbja, grīžiam || 3. Aussprache des Konsonanten l In der Mundart wird l vor e, ė und ei gewöhnlich verhärtet. Der Vokal ė (er kommt nur unter Betonung vor) wird in allen Wortpositionen nach einem verhärteten l zu einem mittleren Zungenvokal e, z. B.: plėšia, plėniu., gulėte., vabuolėliai ‘vabalėliai’, paslėgia, tilėk ‘tylėk’, glėbi., mi.lėja., našlė, ža.lėj, pu.s-lės, ža.lėm || In den Fällen, in denen aufgrund des lettischen lk-Einflusses die Betonung von einem betonten lė auf die erste Silbe des Wortes zurückgezogen wird, wandelt sich das unbetonte lė nicht zu la und wird nicht gekürzt, z. B. gailėčia ‘gailėčiau’. Dies zeigt, dass die lettische Rückverlagerung der Betonung an den Wortanfang eine ganz neue Erscheinung in der Mundart ist. Das betonte e der Mundart wird zu ė auch dann, wenn es nach l und einem weiteren Konsonanten steht, z. B. papilvė, gelbėk, kalbėk. Kiekvienas šnektos e (ir dvibalsyje ei) po sukietėjusio l išvirsta a, pvz., laša, vaŕ-lās ‘varles’, pu.slāla.s ‘pušelės’, ku.lālis ‘kūlelis’; išlaidžiau ‘išleidau’, palaide. ‘palei-do’, kōlai ‘kol’, atlaidit ‘atleiskite, paleiskite’; avēla. ‘avis’, kipēla. ‘milžtuvėlė’, kīela. ‘kielė’, pirmāde.la., vā́rla.s, kakēla.s ‘speneliai’, skidēla.s ‘skiedrelės’, vadēla.s ‘va-džios’, sūpo.kla.s ‘sūpuoklės’, kīrme.la.s, vaisla.s ‘veislės’, āgla.m, ka.iēla.m, brō-la.nas ‘brolėnas’. Užrašyta atvejų, kur l prieš e, ė nekietinamas, pvz.: lēpšai ‘lepšės’, tokie grybai, klēvas15, gēle.s ‘gėlės’, klepšēt, plepējimas ‘puskėjimas’ (: kōše.s plepējimas), Plečkēnas (pavardė). N sukietintas l ir prieš šaknies sveiką dvigarsį en, em žodžiuose lēnda, lenkām, lenkās, lenktas, iš lēnga., suglēmba, plēntas bei prieš in < en žodžiuose lintā ‘lenta’, lintēla.s, Linkijōj, nesilūnka, lińk ‘lenk, gink, saugok’, lingviā16. Prieš e ir kitą priebalsį l kartais kietas, pvz., kulnāliai ‘kulneliai’, 14 Plg. Lietuvių kalbos tarmės (Chrestomatija). V., 1970, p. 27; Ancītis K. Aknīstes izloksne. Rīgā, 1977, p. 123. 15Vgl. auch die Form klēvas in allen übrigen ostoberlitauischen Mundarten, die l vor e verhärten; sie ist wahrscheinlich aus kliavas entstanden (vgl. Būga K. Rinktiniai raštai, Bd. 3, S. 90; Zinkevičius Z. Lietuvių dialektologija, S. 160), ebenso lett. klavs ‘Ahorn’. 16Die von uns aufgezeichneten litauischer Herkunft entstammenden Eigennamen – der Familienname Dunķūn und der Ortsname Lyntōpiški – in der belarussischen Mundart von Skrudaliena, wie oben erwähnt, sind zweifellos slawisierte Umformungen litauischer dialektaler Formen Linkūnas (<Lenkūnas), Lintōpiškiai (<Lentōpiškiai). Dass litauische Wörter und Namen bei ihrer Slawisierung dazu tendieren, das wurzelständige l zu verhärten, geht auch aus anderen in belarussischen Mundarten verwendeten Litauismen hervor. So werden der Bach in der Umgebung von Švenčionys und die bei ihm gelegene Stadt im bereits zur Belarussischen SSR gehörenden Rajon Pastovys von den Švenčionys-Litauern litauisch Lintūpis (Ik Leītupis) genannt, also mit weichem l. Die Belarussen aus der Umgebung von Lentupis selbst und die offiziellen Dokumente (Karten, Ortsnamenverzeichnisse sowie Verzeichnisse- 227 kalnaliūkas „Hügelchen“, aber balsvėne.s || Das verhärtete l findet sich auch vor dem wortfinalen -i < *-ēn, *-ēn. Nach diesem l wird hier stets ein mittelreihiger Vokal gesprochen bl, z. B. kni.gebli, kiaūbli; galbi „am Ende“; žōbl. „Gras“, vinēbl.; prišābl.s „erfroren“, nejišbāl.s, užpūolbl. „griff an“, prižēbl. || Die Weichheit des l im Wortstamm vor dem schnektischen in < en und dem intakten en (seine Belege siehe S. 233) sowie seine Verhärtung in dieser Mundart vor wortfinalem -i (< *-ēn, *-ēn) zeigen, dass der Verhärtungsprozess des l und die Entwicklung von en > in in beiden Fällen unterschiedlich verliefen. Im Wortstamm verengte sich der erste Bestandteil des Diphthongs en hier, wie auch in vielen anderen benachbarten ostaukštaitischen Mundarten, infolge des Einflusses des assimilierenden Konsonanten n des zweiten Bestandteils recht rasch¹⁷. Daher war dieses en durch die fortschreitende Verengung bereits vor Beginn der Verhärtung des l zu in geworden. Als die Zeit der Verhärtung des l kam, lagen vor diesem in (< en) keine Bedingungen für die Verhärtung des l mehr vor, und es blieb in dieser Mundart weich. Die Entwicklung von *-len im Wortauslaut ist im Wesentlichen anders. Hier musste ohnehin bereits die Reduktion der Endungen (insbesondere der akutierten) und das Schwinden der alten tautosilbischen Diphthonge eingesetzt haben. Deshalb verengte sich der erste Bestandteil des auslautenden Diphthongs en (der Vokal e), der von der durch die Endungsreduktion abgeschwächten Assimilation des zweiten Bestandteils (des Konsonanten n) viel weniger beeinflusst wurde, deutlich langsamer als im Stamm. Auf den verhältnismäßig verengten, aber noch nicht zu i gewordenen ersten Bestandteil (den Vokal ę) traf der Diphthong en hier auf die Verhärtung des l¹⁸. Somit verfügte ein solcher Diphthong (en) noch immer über Bedingungen, die eine Verhärtung des vorangehenden l ermöglichten. Das von dieser Verhärtung selbst beeinflusste en entwickelte sich zu en, dessen ę, immer weniger vom schwindenden n beeinflusst, sich allmählich weiter verengte und sich nicht zu einem hohen i, sondern zu einem mittelreihigen Vokal bl. Andererseits könnten die Endungen -lbl möglicherweise auch Ergebnis einer Analogie zu anderen Formen derselben Wörter sein: nach ža.lė, šaūla. und žōbl., šālbl. || Der Stammformant der 3. Person Singular des Präteritums bei Verben, -la. (< *lē, lk lē), hat in der Mundart höchstwahrscheinlich analogisch auch die Stammformen der 1. und 2. Person Singular beeinflusst und entsprechend zu -lau, -lai umgestaltet, z. B. acikėlau „ich stand auf“, papūolau „ich geriet hinein“, papūolai „du gerietest hinein“. Andererseits könnte dies auch ein Einfluss der Morphologie der ē-Stamm-Verben im lettischen Präteritum sein, vgl. lett. veda „er führte“, vedu „ich führte“, vedi „du führtest“; ferner vgl. die Form pērvedau (< *pervedjau) der hier untersuchten Mundart „ich übersetzte“ (zur Semantik vgl. russ. переводить „übersetzen“), die höchstwahrscheinlich unter dem Einfluss der Morphologie des lettischen Präfixverbs entstanden ist. Das l in Fremdwörtern wird in der Mundart vor e, ē nicht verhärtet, z. B. davlėnija „Druck“, kalēda.s „Weihnachten“, kazlēnas „eine Art Pilz“, klebōnas, klēvas (vgl. weißruss. хлеў) „Stall“, pakalēnija „Abfolge“, palēkas „Sanktionsgeld“, plēmai „Flecken“, skle.nyčia.s „Gläser“, sklēpas (Schreibweisen u. Ä.) nennt den Bach Лынтупка, Лынтуп, den Marktflecken — Лынтупы, also mit hartem l. Somit ist die Verhärtung des l in diesem Fall ebenso wie bei Лынкӯн, Лынтонішки zweifellos das Ergebnis der Slawisierung des litauischen Wortes. Dass das l eines litauischen Wortes allein infolge der Slawisierung vor jedem in hart ausgesprochen werden kann, zeigen deutlich die von uns aufgezeichneten Belege aus der litauischen Mundart von Lazūnai, z. B. išblīs’c’ „herauskriechen“, išblēzdinē „kam heraus“, išblindo „kam heraus“. Mit den Fakten der litauischen Sprache selbst lässt sich eine solche Verhärtung des l in diesen Wörtern keinesfalls erklären. Dies ist zweifellos allein das Ergebnis des belarussischen Adstrats. 17 Siehe Kazlauskas J. Die Möglichkeiten und Grenzen der Bestimmung der relativen Chronologie von Lautveränderungen in den baltischen Sprachen. — Baltistica. I priedas, 1972, S. 84; Zinkevičius Z. Zur Verengung des ersten Bestandteils tautosyllabischer -an-Verbindungen in der litauischen Sprache. — Ebenda, S. 227—228; Grinaveckis V. Zur Herkunft der Entsprechungen von *-ān in den Endungen von litauischen *-ā-Stämmen der Nomina und Pronomen. — LKK, 1978, Bd. 18, S. 127, 135. 18 Plg. Morkūnas K. Rytų aukštaičių pietinės tarmės fonetika. — LKK, 1960, t. 3, p. 43. 228 „Keller“, tūpele.s (vgl. lett. tupeles) „Schühchen“, vaspalėnija „Entzündung“. Demnach haben sich diese Entlehnungen in der Mundart vergleichsweise erst vor Kurzem verbreitet. Ein hartes l war auch in den Wörtern Suvalkija.j „in Suvalkija“, alksnis, žvilgsnis19 zu hören. In der Mundart kommt in bestimmten Fällen, anders als beim lk l, ein nicht verhärtetes vor: a) im Singularstamm der 2. Person bei Imperativformen (mit und ohne Formans k), z. B. jiškū.l’k | jiškū.l’ | sumal’k | sumal’, pi.l’k | pi.l’; b) im Wortauslaut bei einzelnen Funktionswörtern, z. B. atgal’, dėl’ (vgl. lett. dēl), gāl’ (und gál), kāde.l’ (vgl. lett. kādē) „warum“, tegul’, vēl’; c) in einzelnen Wörtern vor einem weiteren harten Konsonanten oder einer Konsonantengruppe, z. B. žal’sva.s „grünliche“, Kal’kūnai „Kalkūnai“ / Kālku.ne. „Kalkūnė“; d) in Fremdwörtern, z. B. bāl’ka „Balken“, bū.l’ba.s „Kartoffeln“, butel’kōs „in Flaschen“, kastrū.l’ka.n „im Töpfchen“, kul’kōs „Kugeln“, va.si.l’ka.s „Kornblumen“. Im letzteren Fall dürfte das weiche l zusammen mit dem Lehnwort selbst in die Mundart gelangt sein. 4. Die Verhärtung und Erweichung anderer Konsonanten In der Aussprache jüngerer Sprecher des Dialekts ist eine Tendenz zu beobachten, vor i, ie, e, ia in einzelnen Fällen r, s, š, v, ž sowie die Affrikaten c, č zu verhärten, obwohl dieselben Konsonanten in vielen anderen Wörtern in entsprechender Position weich ausgesprochen werden. Wir haben folgende Wörter mit hart ausgesprochenen Konsonanten festgestellt: čėrui ‚für das Auto‘, dukrė ‚Tochter‘, duńčka. ‚des Dachs‘, grabėstai (grebėstai, sn.), inžbniėrius ‚Ingenieur‘, kōšbl. ‚Brei‘, lēpšai ‚Reizker‘, mašb.ln.ka.s ‚Maschinchen‘, Papūšė ‚Ortsname bei Kalkūnai‘, pasėta, pasisės, pre (neben pri) ‚zu‘, rōžbl ‚Rose‘, rōže., sėkla, sāsėrbs (sėseris, sn.) ‚Schwestern‘, sėja, vaisla.s ‚Sorten‘, varbīt’ ‚treiben‘, žbina., šaurē ‚Norden‘, šblfero. ‚Schiefer‘, dagegen atāveže., āžeru., jiše.jau ‚ich ging hinaus‘, maišelis, na.rėcia, nūmuše., reikia, rūdame.se.s, senātve., šeimyna, šeši, šešias, šve.sėsne., umsispūre. ‚stemmt sich hinein‘, užėjo. ‚kam herein‘, veršiai, viešiakelia. ‚Landstraße‘, žėme. usw. Eine solche Verhärtung von Konsonanten ist in vielen Fällen wahrscheinlich eine neue, im Dialekt gerade erst aufkommende phonetische Erscheinung, die zweifellos durch den Einfluss der Phonetik der benachbarten, miteinander in Kontakt stehenden Dialekte – des Lettischen, Belarussischen und Russischen20 – hervorgerufen wurde. In den Wörtern krakenai ‚Kolostrum‘, skraģžde.s ‚Schwalben‘, mėnasi. ‚im Monat‘, priragėjau ‚ich beaufsichtigte‘, rāgis ‚es scheint‘, sānas, sanēliai ‚Großväter‘, sānis ‚Greis‘, sanyšte. ‚Alter‘, sūsani ‚werden alt‘ werden die Konsonanten, wie auch in den benachbarten litauischen Dialekten in Litauen, offenbar seit alters von allen Sprechern des Dialekts verhärtet. In der Aussprache älterer Sprecher ist hier auch eine nicht ganz konsequente weiche Aussprache einiger Wortauslautkonsonanten zu beobachten: 1) Der Konsonant der sekundären Endung ist meist weich, z. B. aĩn’ ‚geh!‘, jīm’ (neben pajīm) ‚nimm!‘, nėš’ ‚trag!‘, pame.gén’ ‚versuch es!‘; mān’, kasdiēn’, pa.piēt’; 9 Nach Aussage von Prof. Dr. M. Rudzytė von der Lettischen Staatlichen P.-Stučka-Universität wird auch im Lettischen, insbesondere in dessen hochlettischem Dialekt, in diesem Fall das tautosilbische l deutlich härter ausgesprochen als in anderen Positionen. 20 In entsprechender Position werden diese Konsonanten auch in allen benachbarten Dialekten – den slawischen und hochlettischen – hart ausgesprochen. 229 2) In der Sprache älterer Sprecher ist t in der Endung des konverbialen Präsens weich, z. B.: šakunt’, žinunt’ (neben gi.vėnumt, dabojunt, nj., dž.); 3) In Wörtern, die für den Dialekt neu sind, wird manchmal auch das wurzelinitiale ž weich ausgesprochen, z. B. žeizdu. ‚Wunde‘, žeidžia ‚spielt‘. 5. Konsonantenzusatz (Einschub), Ausfall (Wegfall), Schwund Am Wortanfang wird vor j, ie fast regelmäßig j hinzugefügt, z. B. jįrgi ‘auch’, iškuta, jįlsta, jįmtų, jį.lgas, jįšimi, jiena, jįeška. ja. ‘suchte’, bei Ortsnamen tritt ein solcher Zusatz jedoch nicht auf (: Ilgis ‘Seename’). Wahrscheinlich analogisch wird j auch an die Endung des zum Adverb erstarrten alten Lokativs namõ angefügt: namój, vgl. ailiój ‘in der Reihe’. Es wurde festgestellt, dass j auch am Anfang einiger Wörter des benachbarten belarussischen Dialekts vor i hinzugefügt wird, z. B. įindbikám (< индбикам) ‘für die Truthähne’. Gewöhnlich wird j auch zwischen zwei Vokalen an der Silbengrenze eingeschoben, z. B. pasijį.lga. ‘hat sich nach etwas gesehnt’, pasijįnš, pajįlsis ‘Erholung’, ažuje.me. ‘nahm ein’, mujįnt’, neprisijima, nejiš-gýda.ma, nejįsėsi ‘du wirst dich nicht durchschlagen’. Zwischen u und e tritt ein eingeschobenes v auf, z. B. nuvėja.m ‘wir gingen’, suvėinam ‘wir gehen zusammen’. Am Wortanfang kommt die Hinzufügung von s vor, z. B. skragždė.s ‘Schwalben’, stvėre.s ‘sie hielten sich fest’. Einige Fremdwörter, die mit dem Vokal a beginnen, werden auf dreierlei Weise ausgesprochen: mit einem hinzugefügten g, h oder auch ohne diesen, z. B. arbótu. (sn., dž.) /garbótu. / harbótu. (nj., rt.), armóšku. / garmóšku. / harmóšku. ‘Akkordeon’. In der 1. Person Singular des Präteritums fällt bei Verben in diesem Dialekt der Stammkonsonant der Wurzel und das Suffix -ėj- gewöhnlich aus, obwohl seltener auch die vollständigen Formen vorkommen, z. B. nediau ‘legte nicht’, pradiau ‘begann’, padiau ‘legte hin’, negaláu ‘konnte nicht’, nena.ráu ‘wollte nicht’, neragiáu ‘sah nicht’, raviáu / ravėjau, ma.kiáu / ma.kėjau, mi.láu / mi.lėjau, praguláu / pragulėjau || Die Formen mi.láu, guláu usw. zeigen, dass der Ausfall von -ėj- vergleichsweise neu ist und erst eintrat, nachdem die Verbindung lė in diesem Dialekt verhärtet war, ähnlich wie in einigen anderen litauischen Randdialekten²¹. Die Formen der übrigen Personen dieses Tempus sind die gleichen wie in 1k, z. B.: ma.kėjai, ma.kėja., ma.kėja.m, ma.kėja.t || Bei den Lokativformen im Singular maskuliner Substantive fällt j gewöhnlich zusammen mit der ganzen Silbe aus, z. B. Daugavpili. ‘in Daugavpils’, undený ‘im Wasser’, am späten Nachmittag || Ein stimmloser Konsonant an der Morphemgrenze wird vor einem stimmhaften, wie auch in anderen litauischen Dialekten, durch regressive Assimilation stets stimmhaft (z. B. trizdešimt); ein stimmhafter vor einem stimmlosen wird stimmlos (z. B. dį.rpk). Die Konsonanten š, ž schwinden in diesem Dialekt, wenn sie vor s, š stehen (z. B. asįkrečia < ažįkrečia ‘steckt sich an’, išivede. < išsivede.., išáuke. ‘rief hinaus’). 6. Verschiedene Veränderungen der Konsonanten Der Konsonant n ist vor b, p stets zu m geworden, z. B. um burókais, um púse.s, um piėtu., um pečiū || 21 Vgl. Grinaveckienė E. Kai kurios Apso tarmės būdingesnės ypatybės. – Lietuvos TSR Mokslų Akademijos darbai. A serija, 2(9), 1960, p. 177. 230 Wahrscheinlich unter dem Einfluss des Lettischen ist der Konsonant š in einigen Wörtern gelegentlich zu s geworden, z. B. svarù „sauber“, svariai „sauber“, iš kur „woher“, latviškai „auf Lettisch“, le.tuviškai | le.tùviškai „auf Litauisch“, išeina | išeina „geht hinaus“, as | aš „ich“ || Der Konsonant h ist in der Mundart selten und kommt gewöhnlich in der Sprache der Jugend vor, vgl. den Fall harmošku. An seiner Stelle steht sonst häufiger g, z. B. gichtāru. „Hektar“, und manchmal fällt h ganz weg, z. B. arauš (< deutsch heraus) „hinaus“. Es kommt vor, dass in den Fremdwörtern der Mundart anstelle des wortinitialen j, r gelegentlich der Konsonant l gesprochen wird, z. B. lubilėiny (< юбилейны, regressive Konsonantenassimilation) „Jubiläums-“; lādu.ga (< радуга) „Regenbogen“. III. VOKALE UND DIPHTHONGE 1. Kurze Vokale a) Die alten kurzen betonten Stammvokale a, e sind in der Mundart gewöhnlich lang, z. B. nāmas, nėṡa. Im Unterschied zur Standardsprache sind a, e in der Mundart halblang (für unser Ohr unterscheiden sie sich nur wenig von den langen Vokalen) in den Präfixen von Verben, im Infinitiv zweisilbiger Verben sowie in den davon abgeleiteten Zeitformen, in den Pronomen mano, tavo, savo und in den Komparativformen von Adjektiven, z. B. kãste., kãzdamas, nẽšte., ištept’, nẽneša, atãneše., mánā., tãva., sãva., gardẽsnis, vi.rẽsni.sai || Es kommt vor, dass das betonte a, e in Verben gelegentlich kurz ausgesprochen wird, z. B. nẽšaukia, nẽmi.li, suprãšk, nupẽšk. In lettischen Ortsnamen und einigen einzelnen Wörtern können betonte a, e unter dem Einfluss des Lettischen sowie in Entlehnungen aus slawischen Sprachen kurz ausgesprochen werden, z. B. Kãplava, Krẽveņi, Mẽdinas (Ortsnamen), bãlunde.s „Gänsefuß“; zapalẽnija. Es wurde außerdem festgestellt, dass betontes e in einer offenen Silbe von jüngeren Mundartsprechern etwas offener, mit einem leichten a-Beiklang, ausgesprochen wird, z. B. kãpe.m, lintẽla.s, während ältere Mundartsprecher betontes e vor einer Silbe mit u oder mit palatalisiertem a etwas enger aussprechen, mit einem leichten ie-Beiklang, z. B. miẽtu. „Jahre“, apẽja. < apẽja. „ging vorbei“. Es wurde gehört, dass anstelle von betontem e der Diphthong ei gesprochen wird, z. B. ske.deila.s (< skiedelės) „Späne“. Wortinitiales e und ei werden stets zu a, ai, z. B. ãsu. „es soll sein“, ãst „sein“, ãina „geht“, ailiój „in der Reihe“. b) Die alten betonten Stammvokale i, u werden gewöhnlich zu halblangen Vokalen gedehnt, z. B. nù-mire. (rt. ir nùomire., vgl. lett. nomira), būvus, ùšlipe.m „wir sind hinaufgestiegen“, iškepe., apinẽšta, išlupe., ažiùterše., ažiùgine. „verbot“. In einzelnen seltenen Fällen werden betonte Stammvokale i, u nicht gedehnt (wahrscheinlich unter lettischem Einfluss), z. B. nesigirdi, tùpele.s „Schühchen“, nù-guru. (vgl. lett. muguru) „den Rücken“ usw. Das u in Fremdwörtern wird manchmal lang ausgesprochen, z. B. sùtka.s (< суткú) „Tage“. c) Das betonte o im Wortstamm von in der Mundart vorkommenden Fremdwörtern ist gewöhnlich kurz, z. B. kìpiatòkas „abgekochtes Wasser“, dòmikas „Rahmenbienenstock“, burdòvas „dunkelrot“, živatnavòdstva „Vieh“ (z. B.: karvytė., avẽla. — und all mein živatnavòdstva), tvòragas „Quark“, baciònaì „Störche“, obwohl es in älteren Entlehnungen lang ausgesprochen wird (šampijōnai). Unbetontes o ist zu kurzem a geworden, z. B. nerekomendùjas || 231 2. Lange Vokale Die alten unbetonten Langvokale *ā, *ē, *ī, *ū sind im Wortstamm und in der Endung des Dialekts meist zu halblangen Vokalen gekürzt worden, z. B. ža.lė, raša.t, me.lyniu., ža.li.nai, māte.m, ma.kēja., se.jimu., pla.kštīte.s ‘Plättchen’, dabartēlia.s ‘jetzt’, bliu.dēlin, vālgi.mas, kriūkšti.te., gāudi.te., su.nai, mi.lėjau || Unter dem Hauptakzent (und dem sekundären zurückgezogenen Akzent) sind die alten ī, ū unverändert geblieben, während ā, ē zu langen o, ē geworden sind, z. B. žōbl., švēre.s, praplōve., kokis ‘Baum’, žōbli, rēkū; perkūnija, nejīsgyda.ma, gīdī.te., šaknīte.s, dūmai, knyga, sūnus. Es wurde jedoch beobachtet, dass ältere Dialektsprecher und diejenigen, die besser Litauisch sprechen, häufig auch die betonten ā, ē als breite Vokale bewahrt haben, z. B. ēda ‘isst’, žiemās ‘Winter’, sēja ‘sät’, na.rējau ‘wollte’, tēvas ‘Vater’, duktē ‘Tochter’, gēda ‘Schande’. Dies sind vermutlich aus alter Zeit ererbte lebendige Relikte des žadininkai-Dialekts, die ihn mit dem litauischen Dialekt aus der Umgebung von Ciskodas²² verbinden und durch den Einfluss des Lettischen gestützt werden, vgl. lett. āda ‘Haut’, ēst ‘essen’. In der Sprache jüngerer Dialektsprecher neigen die unbetonten alten ā, ē, ī, ū dazu, zu kurzen Vokalen gekürzt zu werden, z. B. kurēna, nerūkiau, rūkyte., apiniai ‘Hopfen’, rūsių ‘Sorten’, kruvōn, vālgimas, gydītajis, virēšnīsi, tilēk, silōs ‘Kräfte’, rūkiijimas ‘Rauchen’. In den Endungen des Nominativ Plural der Substantive und der 3. Person Futur der Verben sind die alten ā, ē, ī, ū immer kurz: žūšis ‘Gänse’, ausis ‘Ohren’, akis ‘Augen’, tūūkstantis ‘Tausende’; gē-rus ‘gute’, teisi.ngus ‘gerechte’, bāltus ‘weiße’; nestavēs, nusibās, susanēs, pаведzīs ‘wird zeigen’, pridigs, pridažīs, surūgs || Am Wortende neuer Dialektwörter wird unter dem Einfluss des lk anstelle des üblichen halblangen a. (< *ā) in seltenen Fällen ein halblanges o ausgesprochen, z. B. šībfero. ‘Schiefer’. 3. Diphthonge a) Die unbetonten ie, uo des Dialekts sind meist zu halblangen e, a geworden, z. B. ve.na.likis ‘elfter’, Va.ke.tija.i, le.tūviškai ‘auf Litauisch’, ašta.niū, ge.dōdava., ūža.las; in der Sprache der älteren Generation werden sie jedoch nicht selten unverändert als ie, uo ausgesprochen, z. B.: išjuoka.s ‘Verspottung’, puodūkas, diedūtis ‘Klette’, pievōs ‘auf die Wiesen’, pietais ‘zum Mittagessen’, Juozūkas, kviečiūos, skiedēla.s ‘Splitter’, žiemās, vartūos, juodējī, mētuos, pērvāžuoji, n.žūolū, vabuolai ‘Käfer’, lietāus || Daneben ist sowohl am Wortende unter Betonung als auch unbetont anstelle von uo recht häufig ein schwach labialisiertes, ungespanntes o (geschrieben ǝ) zu hören, z. B. akōp.s ‘in den Schützengräben’, Kalkūn.s | Kâlkūn.s ‘in Kalkūnai’, šītūs ‘in diesen’, pabēge.-lio.s ‘bei den Flüchtlingen’, plentōs ‘auf den Straßen’, undō ‘Wasser’, rudō ‘Herbst’, akmō ‘Stein’, šū ‘Hund’. Etwas seltener tritt ein solches ǝ anstelle von uo auch in der Wortwurzel auf, z. B. ǝga ‘Beere’, ǝ.gauti ‘Beeren sammeln’, ǝ.dai ‘Mücken’²³. Vermutlich aufgrund des Einflusses des lk oder benachbarter anderer litauischer Dialekte werden unbetonte ie, uo in neu in den Dialekt übernommenen Wörtern unverändert ausgesprochen, z. B. rankšluostis, stāltiese. ‘Tischdecke’; tiesiōg, sliekai. Anstelle des betonten uo wird in dem für den Dialekt neuen Wort grūdīs ‘Dezember’ ein langes ū ausgesprochen (vermutlich nach poln. grudzień ‘ebd.’). ie, uo unter sekundärem zurückgezogenem Akzent bleiben im Dialekt ebenfalls immer unverändert, z. B. netiēsi, viēdri ‘Eimerchen’, skiedā ‘Splitter’; Juōžū, juōkū || 22 Vgl. die litauischen Dialektformen aus Ciskodas lobas ‘lobas’, krōsnis ‘Ofen’ (Būga K. Rinktiniai raštai, t. 3, p. 571). 23 Manchmal wird ein solches ǝ auch anstelle der betonten Endung -au ausgesprochen, z. B.: nežinǝ ‘ich weiß nicht’. 232 Am Wortende sind die alten stoßtonigen ie, uo gewöhnlich zu kurzen i, u geworden (z. B. aiši; aini; guliū). In der Endung der 2. Sg. Imperativs ohne Format k ist ein solcher kurzer i ganz geschwunden, z. B. ai’n ’geh’, pame.gén’ ’versuch es’. Ein unverkürztes ie wird im adverbialisierten alten Lokativ artiė ’nahe’ ausgesprochen. Neben dem Infinitiv mit dem weichen Suffix -t’ (: ait’) ist in der Aussprache älterer Menschen die Form mit dem Suffix -te. (: aite., nėšte.) weit verbreitet, die sich phonetisch wahrscheinlich aus -tie²⁴ entwickelt hat. b) Die betonten und unbetonten Diphthonge des Wortstamms am, an, em, en sind in der Mundart, wie auch in den benachbarten ostaukštaitischen Mundarten Litauens, gewöhnlich zu um, un, im, in geworden, z. B. bumbytė., kuṃpas ’Ecke’, tumšumas, užšūmpi.s ’aufgequollen’, aplunkytė.‘ balundė ’Gänsefuß’, bālunde.s ’Gänsefußpflanzen’, brū.ngi, dabójunt, duṇgtis, duṇtis ’Zähne’, gi.vėnunt, kū.nda, kuntrybė., lungai, luṅkas, nusguṇda. ’erschrak’, pū.nciu. ’Fesseln’, pusūntra., ruṅkā, skanduōnis (vgl. skandinti) ’Ertrunkener’, šiūnde. ’heute’, tūks-tuntis ’Tausende’, tū.nkiai, tū.nkus ’dicht’, ū.ndeni. ’Wasser’, ūṅksti, untienà, ū.ntis, untrū, vėrdunčiu. ’kochenden’; diṅgta ’bedeckt’, gi.vī.nte., liṅk ’beuge, bewahre’, Linkijoj ’in Polen’, lintėlą.s, lintū, nesilinkja, nuskīnda., nuskīndusiu., pī.mpe., pink-tādieni., ebenso umsispyrė. < antsispyrė. ’stemmt sich dagegen’, pīñktas, švīntas, tī.msta, ži.n-tas || Es kommt jedoch vor, dass in neuen Wörtern der Mundart sowie auch in sekundären Diphthongen am, an, em, en die ursprüngliche Aussprache erhalten bleibt, z. B. sánde.lis, raṅkdarbiu., raṅkšluostis, balañdis; mañ’, támsta, némne.s (< nemunės) ’solche Pilze’, sénmerge., sénpane., vėžam, ve.-nam, ka.žnai (sl.) ’in jedem’, jaunámsiam ’dem jungen’, latviám, ažerañ, lenkám, pame.gén’ ’versuch es’; āmžius, paskañbink, iš leṅgva. In der Mundart sind Fälle belegt, in denen der Wandel dieser Diphthonge in einzelnen Wörtern fakultativ ist, z. B. brū.ngus, aber brángiam, liṅk ’beuge, bewahre’, aber sūlenktas, Linkijoj, aber lénkiškai, léṅkas, unds, ū.ndeni, aber vandeńis, pīñktas, aber peṅki, dzia.vī.nt’ und dzia.vėnt’, diṅgta, aber padeṅgt’. Daneben wurde beobachtet, dass in der Mundart aufgrund des Bemühens, litauisch zu sprechen, bisweilen auch ein nicht aus en entstandenes in zu en zurückgebildet wird, z. B. mán’ pateṅka toks duṅgtis; susitenki ’du triffst dich’. Zu un wird in der Mundart gewöhnlich auch das Infix an der Verbalwurzeln, z. B. nesu-prūta, nesuprūntū, prūntū ’ich verstehe’ (doch sagt man auch neprantū), atsirūnda. Das Infix en, em der Verbalwurzeln bleibt hier meistens unverändert, z. B. užsteṅka, pateṅkitas ’zufrieden’, išteṅki, nesugleñmba, atāskreṅda (obwohl daneben skruṅ-da < skrañda < skreñda gesagt wird). Nicht zu in wird auch das durch Vokalwechsel entstandene en in Verbalwurzeln, z. B. reṅkam, susirenka, leṅda, neišleṅda. Es kommt vor, dass der Diphthong des Präfixes sán- -án- zu uo geworden ist, z. B. sūoma.ne. ’Bewusstsein, Einsicht’ (: saneliūtė. schon ohne sūoma.ne.s: čia pasākė., čia nežī-na.; būva, pri visai sūoma.nei ir mire.). Obwohl die Kontakte der lettischen Mundarten mit der untersuchten Mundart sowohl früher als auch heute eng sind, konnten sie, wie die Phonetik zeigt, deren Bildung von sūoma.ne.s nicht beeinflussen; in den lettischen Mundarten finden sich samana ’Bewusstsein’, samaz-gas ’Pamagzos’ u. a. Die lettischen Mundarten (mit ihnen hatte und hat die untersuchte Mundart, wie bereits erwähnt, keinen … ²⁴ Es sei außerdem darauf hingewiesen, dass die Mundart in seltenen Fällen auch eine Infinitivform mit dem Suffix -tei aufweist, z. B. lygintei ’vergleichen’, važiuotei ’fahren’, kalbėtei ’sprechen’, rašytei ’schreiben’. Es ist schwer zu glauben, dass dieses Suffix -tei ein Relikt des alten *-tei wäre; vgl. auch den Infinitiv nėstei ’tragen’, pl.hei ’gießen’ in anderen ostaukštaitischen Mundarten. Es handelt sich wahrscheinlich um ein neu hinzugefügtes postpositionales Partikelchen (vgl. auch bėgtienai ’laufen’ in ostaukštaitischen Mundarten); siehe außerdem Lietuvių kalbos gramatika. V., 1971, t. 2, p. 398—399. 233 Formen mit unmittelbaren Beziehungen, seltene (und nicht ganz klarer Herkunft) Formen suõmazgas ‘Spülicht’, suõvara ‘das Querholz auf der Egge’, suõvardis ‘der Namensvetter’, suõvista ‘Kindsbinde’ usw.²⁵ dürften ebenfalls kaum Einfluss darauf gehabt haben, dass in der untersuchten Mundart suõma.ne.uo aus án entstanden ist. Der Fall suõma.ne. in der untersuchten Mundart könnte vielleicht als selbständige Folge der Entwicklung des Diphthongs an in dieser Mundart erklärt werden, die möglicherweise auf demselben Weg entstand wie uo aus *-ān in den Formen gerõju ~ gerąja, gerõsius ~ gerąsias anderer osthochlitauischer Mundarten oder Lazūnų vuõžuolas aus *ānžuolas²⁶. Andererseits: Ist dieses suo- vielleicht ein Relikt des alten Präfixes suo- < *sō?²⁷ Fremdwörter mit am, an, em, en sind in der Mundart gewöhnlich unverändert, z. B. ánglas, apendi-citas, beñkis ‘Bank’, centimetrų., cimeñtas, fundameñtas, grántas (< lett. grants) ‘Kies’, kamándava.ja., kamandujù, nerekamendijas, penicija, reñdu. ‘Miete’, strumeñtas ‘Instrument’, studeñte., šampijōnai, valniánka.s ‘Pilze, Wollsocken’, vantrò-bu. ‘Darm; Eingeweide’, venzlai ‘Handgepäck, Traglast’. Wir haben festgestellt, dass an im Fremdwort punčiáka.s ‘Strümpfe’ zu um geworden ist. Das deutet darauf hin, dass dieses Lehnwort in der Mundart bereits vor verhältnismäßig langer Zeit aufgetreten ist. c) Die alten zirkumflektierten Diphthonge an, en, in, un, die dem standardlitauischen ą, ę, į, ų entsprechen, sind hier zu u, i geworden; unter Betonung sind diese lang, unbetont meist halblang, z. B. úža.las ‘Eiche’, žùsis ‘Gänse’, ku.snelíukas ‘Stückchen; kleines Stück’, nuzgąsta ‘erschrickt’, tru.sù ‘knistere’, neaužšùla ‘friert nicht zu’, apsigrįžtam ‘wir drehen uns um’, skįsta ‘ertrinkt’, tavįs ‘deiner’, tį ‘dort’, ãsu. ‘es seien’, išėjì. ‘gegangen’, bùvis, dãris ‘getan’, žiẽmu. ‘Winter’, mộčiu. ‘Mutter’, nepažįstù ‘ich erkenne nicht’, bẽganti. ‘laufend’, vỹru. ‘Männer’, nesumintù ‘ich zertrample nicht’ || Es wurde festgestellt, dass jüngere Mundartsprecher unbetontes aus dieser Herkunft stammendes u, i am Wortende meist kürzen, z. B. smáugis ‘erwachsen’, dãris ‘getan’, láidis ‘hat fahren lassen’, numirìs ‘gestorben’. In Komposita kommt gelegentlich eine doppelte Entsprechung des alten zirkumflektierten an vor — halblanges u und halblanges a (Einfluss des Standardlitauischen!), z. B. viẽnu.kart, kita.kart, ùntra.kart. In einzelnen Fällen wird der alte Diphthong en hier auch zu in, z. B. nuskìnsta ‘ertrinkt’ (neben skįsta). Das alte in in Präfixen ist gewöhnlich zu i geworden, z. B. įkišė. ‘steckte hinein’, i.kùs ‘wird beißen’, obwohl es auch in seltenen Fällen erhalten bleibt: insidaužiau ‘ich habe mich gestoßen’ (vielleicht aufgrund der Analogie zu unsispyrė. ‘stemmte sich dagegen’?). In den Formen der 3. Person Futur sind u, i (< an, en, in, un) der Mundart stets kurz, z. B. i.kùs ‘wird beißen’, nuzgùs ‘wird erschrecken’, sugrìs ‘wird zurückkehren’, nuskìs ‘wird ertrinken’, pasìus ‘wird uriniert haben’. d) Die alten akuten *-ān, *-ēn am Wortende sind im Singular-Instrumental und -Lokativ der Nomina und Pronomen zu u, i geworden, z. B. kadù, tadù, mộčiu ‘Mutter’, griñčiu ‘Bauernhaus’, kãrvi ‘Kuh’, žẽmi ‘Erde’, ãžeri ‘im See’, miški ‘im Wald’, galì ‘am Ende’, vežìmi ‘im Wagen’, karštùmi ‘in der Hitze’, sciuri (vgl. lett. stūris) ‘in der Ecke’. Die Lokativendungen *-ēn sind vor j und s vollständig weggefallen, z. B. žẽme.j, paežerėj, karioñmine.j, bažnyčia.j, kataroj ‘in welcher’, Va.ke.ti.ja.j, Ri.goj 25 Žr. Mūlenbachs K. Latviešu valodas vārdnīca. Rediģējis, papildinājis, turpinājis J. Endzelīns. Rīgā, 1927—1929, t. 3, p. 1138—1139; Endzelīns J. Latviešu valodas gramatika. Rīgā, 1951, p. 685—687. 26 Vgl. Grinaveckis V. Dėl *-ān atitikmenų liet. *-ā kam. vardąžodžių ir įvardžių galūnėse kilmės, S. 132—135. 27 Plg. Fraenkel E. Litauisches etymologisches Wörterbuch. Heidelberg—Göttingen, 1962, S. 935—936 ir ten nurodytą literatūrą. 234 ‘in Riga’, ma.kýkla.j, ža.lėj, paciōj, pirmōj, ailōj, tōkia.j, forma.j, balōj, liga.nija.j ‘im Krankenhaus’; bul’bōs ‘in den Kartoffeln’, dideliuōs, rugiuōs, dvejuōs, kve.ciuōs ‘im Weizen’, miškuōs, pabaliuōs, paduškōs (sl.) ‘in den Kissen’, plaukuōs || Zu den Fällen, in denen bei *-ėn auch das vorausgehende j ausfällt, siehe S. 230. In der Endung *-ān der I. Deklinationsklasse der pronominalen Formen ist, wie auch in den benachbarten osthochlitauischen Mundarten, vor j uo, vor s o²⁸ entstanden, z. B. su pirmuoju dukteriu; su senóju kumelbi; unksi.vōsias bū.l’bas pasad.dina.m; pirmōsias ōgas vālga.m || Das alte akute *-ān einiger betonter Formen der Einzahl-Instrumental- und Mehrzahl-Akkusativformen von Pronomen hat in der Mundart sogar drei Reflexe ergeben — ūo, -ū und -ù, z. B. mōma (Bienenkönigin) tuos bitis kamandava.ja; lepšės vērda su skūru, juos nėlupa; žarnas jįskuta, pripucia ir juos atvercia (= išverčia); nėmumes (kelmučius, tokius grybus) ne rāuma, a juos nupjauna; višta pėri kókius tris savaites, kai pa. jū pãdeda pinčiolika šešiolika kiaušinių. || Der angeführte Reflex der Pronomenform -ū anstelle von *-ān stimmt unserer Ansicht nach in Herkunft und Form völlig mit solchen Formen der benachbarten osthochlitauischen Mundarten (Zarasai und Umgebung) überein wie die pronominalen Adjektive baltūju ~ baltūja, gerūsias ~ gerūsias29. Der Reflex -ū könnte unserer Ansicht nach nur aus -ūo entstanden sein, wahrscheinlich infolge einer Reduktion am Wortende, die mit einer teilweisen Rückverlagerung des Akzents auf die vorausgehende lange Silbe verbunden war (vgl. jūos, tūos und kókius). Wo die Endung -ūo unter solchen Bedingungen am Wortende nicht verkürzt wurde, blieb sie vollständig erhalten (jūos, tūos). Das Vorhandensein unterschiedlicher Reflexe von *-ān in den Endungen der Pronomen ist zweifellos durch die unterschiedliche Position von an in diesen Pronominalformen zu erklären. Wo die Pronomenform einsilbig war und auf an kein weiterer Laut folgte, schwand der Bestandteil an (der Konsonant n) am langsamsten und verlängerte und verengte den ersten Bestandteil, der zu u geworden war, am längsten. e) Der erste Bestandteil des stoßtonigen Diphthongs er ist im Präfix per- der Mundart in allen Fällen verengt und wird als ē ausgesprochen, z. B. pēršalb.s ‘erkältet’, pērnėst, pēršiukta, pērtrauki.s, pērvardina ‘gibt einen anderen Namen’, pērinčiu. mētu ‘des vergangenen Jahres’, pērvede.m, pērkalbi ‘redet um’, pērdave., pēreite., pērverte. ‘übersetzte’, pērpjauna, pērvažiuoja, pērgi.venimu ‘das Durchleben’. Dasselbe ē wird (wahrscheinlich aufgrund der positionsbedingten Ähnlichkeit von p und f in der Mundart) auch im Fremdwort fērma.s ‘Farmen’ ausgesprochen. Auch der erste Bestandteil des falltonigen Diphthongs er ist in den Wörtern cēntras, nevėtas, vēršim eng. Fälle der Verengung von stoßtonigem er sind auch für benachbarte litauische Mundarten in Litauen charakteristisch³⁰. Es wurde beobachtet, dass der erste Bestandteil des Diphthongs er (besonders in unbetonter Stellung) sich hier infolge starker Verengung nicht selten zu ie entwickelt hat und der Diphthong selbst dreilautig geworden ist, z. B. Kiergalvỹs ‘Kergalvys’ (Familienname), Kiērgėlis ‘Kergelis’ (Familienname), miergaičių ‘der Mädchen’, Vierdāniene ‘Verdanienė’ (Familienname). Die Entwicklung des engen langen ē zu ie ist in einzelnen Fällen auch aus der benachbarten lettischen Mundart von Aknīste bekannt³¹. 28 Vgl. Grinaveckis V. Zur Herkunft der Entsprechungen von *-ān in den Endungen litauischer *ā-Stamm-Substantive und Pronomen, S. 132–135. 29 Vgl. Grinaveckis V. Zur Herkunft der Entsprechungen von *-ān in den Endungen litauischer *ā-Stamm-Substantive und Pronomen, S. 126–127, sowie die dort erwähnte Literatur. 30 Vgl. Die litauischen Dialekte (Chrestomathie), S. 320. 31 Siehe Ancītis K. Die Mundart von Aknīste, S. 66–67. 235 4. Fälle des Ausfalls von Vokalen a) Treffen Vokale oder Diphthonge verschiedener Morpheme aufeinander, kann einer von ihnen ausgelassen werden, z. B. (der zweite) nepsimoka < neapsimoka; net išs aukė. < neatsišaukė., netvaikysi < neatvaikysi ‘du wirst nicht wegtreiben’; (der erste) neįeisi < neišs ieisi ‘du wirst nicht herauskommen’, priseina < prisieina ‘es ist nötig’, pasilks < pasilgs, aber suáugi.s ‘erwachsen’. Wenn an der Morphemgrenze zwei gleiche Vokale aufeinandertreffen oder wenn das erste Morphem a, u und das zweite i enthält, bleiben beide Vokale erhalten und zwischen sie wird j eingeschoben (siehe S. 230). b) An der Morphemgrenze kann gewöhnlich auch der Vokal -i des unbetonten Reflexivpartikels ausgelassen werden, z. B. paskalbėte ‘sich unterhalten’, pasklausytum ‘du würdest zuhören’, pazdúodat ‘ihr gebt hin’, aber unsispyre.: insidaužiau || IV. AKZENT UND INTONATIONEN a) Das Akzentsystem der Mundart ist nicht ganz stabil und in vieler Hinsicht recht innovativ. In der Aussprache der ältesten Sprecher der Mundart wird die ursprüngliche Akzentstelle gewöhnlich nahezu regelmäßig beibehalten, z. B. tvirtà, rankà, varlàs, dangčių, neprunti, primirštu, umkšti, kartùs, bjaurì, pinkčiùs, pinkčiàs, kalbù, minkšti, girdžiu, žiūriu, jauni. Wörter mit kurzer betonter Endung nach einer langen Silbe mit ē, o, ō, tu haben sich jedoch nie unverändert erhalten, z. B. dievi, skiedà ‘Span’, momà ‘Mama’, miestùs, tvorù32, nėra, žmogùs, teliokùs, kietùs, ramunėlius ‘Kamillen’, kruopàs, viedrì ‘Eimer’. Außerdem ist in solchen langen, vor dem Akzent liegenden Silben gewöhnlich ein zweiter, sekundärer zurückgezogener Akzent recht deutlich hörbar, oder es entsteht der Eindruck, als verteile sich der Akzent auf beide Silben, z. B. netiėsi, blýnūs, žiūriu, tõli, žmõna, gūšta, liēkū (vgl. lett. lieku) ‘ich lege’, tyli, nebedà33. Diese Beispiele würden darauf hindeuten, dass man hier bereits mit der Zurückziehung des Akzents begann, bevor die unbetonten Langvokale gekürzt und monophthongiert wurden. Der sekundäre zurückgezogene Akzent ist jedoch im Allgemeinen nicht immer deutlich und stark. Ein stärkerer Stimmstoß liegt mitunter auf der Endsilbe (besonders in den Endungen der 1. und 2. Person Singular des Futurs — mirsiù, aisi). Dennoch ist in der Mundart, besonders in der Aussprache der Jüngeren, mitunter eine teilweise Zurückziehung des Akzents zu beobachten, wobei die kurze Endsilbe den Akzentdruck ganz verliert, z. B. viščiõkus, agurkùs, grabėstùs, grinčia, mirtìs, širdis, pirštùs, vaikùs. Dass der Akzent der Mundart mitunter tatsächlich instabil ist, zeigen unter anderem auch Fälle, in denen Wörter mit festem Akzent auf einer akuten Wurzel sporadisch den Akzent auf eine kurze Endung verlagern, z. B. žiedù ‘mit dem Ring’, žiedùs, ‘die Ringe’, melžiù ‘ich melke’34. Dies ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass sich in der Mundart bereits eine teilweise Zurückziehung des Akzents bemerkbar macht und ihr Akzentsystem zunehmend sowohl durch die Akzentuierung benachbarter litauischer Mundarten als auch durch den Einfluss des Lettischen und anderer Sprachen erschüttert wird. Unter anderem wurde in der Mundart auch eine sporadische Zurückziehung des Akzents von einer kurzen Endung auf 32 In der von K. Būga beschriebenen litauischen Mundart von Ciskoda wurde dieses Phänomen nicht festgestellt. Von dort stammt das von ihm aufgezeichnete Beispiel tvārà (siehe Būga K. Rinktiniai raštai, Bd. 3, S. 571). 33 Eine ähnliche Akzentuierung wurde früher in benachbarten litauischen Mundarten in Litauen und der Belarussischen SSR festgestellt; siehe Grinaveckienė E. Kai kurios Apso tarmės būdingesnės ypatybės, S. 175—176 sowie die dort genannten weiteren Quellen. 34 Vgl. Grinaveckis V. Nauji duomenys apie vakarų dzūkų tarmės kirčiavimą. — Lietuvos TSR Mokslų Akademijos darbai. Reihe A, Bd. 4(41), (1972), S. 182—185. 236 eine kurze vorausgehende Silbe, z. B. mažiūčius ‘mažučiūs’, galines ‘galinės’, muses ‘musės’, neti.rūmus (vgl. lett. netīrumi ‘Kot’) ‘Schmutz, Mist’, vidutinius ‘mittlere; innere, aus dem Inneren stammende’, kurziūkų ‘Rohwürste’. Solche Fälle sind jedoch vergleichsweise selten. Unter dem Einfluss der lettischen Sprache ist im Akzentsystem der Mundart eine neue Tendenz zur Betonung der ersten Wortsilbe (genauer: des Wortstamms) zu beobachten, z. B. mėzgima knyga ‘Strickbuch’, gailėjau, giminė, įdoma, mėšlais, balandis, lāpus, rūgitas, nusiramintė, mūkina, rožytes, sliekai || Eine solche Rückverlagerung des Akzents ist jedoch weder gesetzmäßig noch regelmäßig. Wie die meisten Beispiele zeigen, behalten die betreffenden Wörter zugleich die für die ursprüngliche (litauische) Betonung charakteristische Länge der betonten Silbe bei. Obwohl die lettische Betonung hier noch recht selten ist, werden in der Mundart dennoch zunehmend parallele Formen (vor allem neuere Wörter) doppelt betont — nach den Regeln des litauischen und des lettischen Akzentsystems, z. B. baltai | baltai (Adverb), ma.kýkliu. | mȯkykliu. ‘der Schulen’, Va.ke.tija.j | Vōke.tija.j, pa.rūojas | pārūojas (das letzte Beispiel zeigt eine sehr neue lettische Betonung, die in der Mundart erst nach der Kürzung des unbetonten ā entstanden ist; vgl. lett. pāroties) ‘paart sich’, isima.kinau | isīmōkinau ‘ich habe gelernt’, nereikia | nė-reikia, visā akis | visā akis, te.vaī | tēvai || Fremdwörter gelangten mit ihrer Betonung in die Mundart und werden meist auch so betont, z. B. akōpus ‘Gräben’, du klasus ‘zwei Klassen’, rasōrna celiega ‘Federwagen’, vantrōbus ‘Gedärme’, sōtkas ‘Pflüge’, živatnavōdstva ‘Vieh’. Das zeigt ebenfalls, dass Fremdwörter erst vergleichsweise spät in die Mundart eingedrungen sind. Die Betonung des Lehnworts punčiākas ‘Socken’ zeigt jedoch, dass das Wort schon vor langer Zeit entlehnt wurde und sich der litauischen Betonung angepasst hat. b) In der Mundart sind die Akzenttöne vergleichsweise sehr deutlich zu unterscheiden. Bei den fallenden Diphthongen ist der zweite Bestandteil hier sehr ausgeprägt, während der erste meist abgedunkelt und etwas reduziert ist. Besonders deutlich ist diese Abdunkelung im Diphthong au, dessen erster Bestandteil sogar mit einem leichten o-Beiklang ausgesprochen wird, z. B. šāukiam, dāūg, pašāūks. Manchmal entsteht sogar der Eindruck, dass das fallende au im Auslaut wie mit einem gewissen Abfall ausgesprochen wird, z. B. rukiāū ‘ich rauchte’, sakāū || Ähnlich verhält es sich mit dem fallenden Diphthong ai. Sein erster Bestandteil ähnelt infolge der Reduktion stark einem a (besonders deutlich ist dies im Wortauslaut), z. B. sakāi | sakai, laukāi | laukāi || Im betonten Auslaut und Inlaut wird ɔ < uo und au unserem Gehör nach in der Mundart mit einem recht deutlichen Stoßton ausgesprochen, z. B. šš ‘Hund’, šītš ‘diese’, plentōs ‘auf den Straßen’; nežinō ‘ich weiß nicht’. Bei den steigenden Diphthongen i, u + l, m, n, r ist der erste Bestandteil gewöhnlich bis zur Halblänge gedehnt, z. B. šū.lni. ‘den Brunnen’, ki.lpa, ši.rdi., čū.lba, kū.rke.s ‘Puten’, suši.lda., pati.nsta || Diphthonge, die aus steigenden a, e + m, n entstanden sind, scheinen in ihrer Länge mit den alten steigenden i, u + m, n der Mundart zusammengefallen zu sein, z. B. brū.ngi, kū.nda, pī.mpe. || Gelegentlich ist das fallende -il- in der Mundart zu -iul- geworden, wie auch in einigen anderen ostaukštaitischen Mundarten, z. B.: šiulta ‘Wärme’. Einen Mittelton haben die betonten halblangen i und u der Mundart sowie a und e in Präfixen, zweisilbigen Infinitiven und den daraus gebildeten Tempusformen, Komparativformen und den Pronomen mano, tavo, 237 savo a, e, z. B. stipra. ‘stark’, i.pi.nimas ‘Ipinas’, númeta, le.túviskai; pãmeta, kás-te., gerẽsnis, mãna. V. SCHLUSSFOLGERUNGEN 1. Die litauische Mundart des Bezirks Daugpils in der Lettischen SSR ist durch ihre phonetischen (und anderen) Besonderheiten eng mit dem gesamten Areal der litauischen Dialekte verbunden und bildet dessen Fortsetzung. 2. Die Mundart gehört zu den ostdzukischen Žalininkai, weist jedoch auch für die Žadininkai typische Merkmale auf. 3. Obwohl sie mit der Mundart der ostdzukischen Gebiete Litauens übereinstimmt, weist sie auch zahlreiche phonetische Besonderheiten auf, die nur für sie charakteristisch sind (unregelmäßige Dzūkisierung nach beiden Merkmalen, unregelmäßige Verhärtung einiger Konsonanten, Wandlung des Diphthongs uo zu o in bestimmten Fällen, Erscheinungen des Stoßtones, Rückverlagerung eines Teils des Akzentdrucks aus einer kurzen Endung auf die lange vorangehende Silbe, Erscheinungen lettischer Betonung u. a.). Sie weist außerdem Merkmale auf, die sie von der 1911 von K. Būga untersuchten litauischen Mundart von Ciskoda (Bezirk Rēzekne, Lettische SSR) unterscheiden; die von uns angeführten Tatsachen aus der untersuchten Mundart präzisieren in gewissem Maße K. Būgas Vergleichsdaten zu ihr. 4. In der Mundart ist ein vergleichsweise starker Einfluss des Litauischen und Lettischen sowie der sie umgebenden slawischen Sprachen (Weißrussisch, Polnisch, Russisch) und ihrer Mundarten zu spüren. 5. Die Mundart ist eindeutig im Verschwinden begriffen. 6. In Zukunft sollte das gesamte System der Mundart eingehender untersucht werden, denn bereits die hier veröffentlichten Daten sind aufgrund ihrer Neuartigkeit unserer Ansicht nach für die historische und gegenwärtige litauische Dialektologie, Phonetik und Lexikografie sowie für die Kontakte zwischen dem Litauischen und Lettischen und zwischen den baltischen und slawischen Sprachen aktuell und wichtig. Э. ПРИНАБЕЦКЕНЕ PHONETIK DES LITAUISCHEN DIALEKTS IN DER UMGEBUNG VON DAUGAVPILS (Lettische SSR) Zusammenfassung Der isolierte litauische Dialekt am linken Ufer der Düna (Bezirk Daugavpils, Lettische SSR) wurde von uns während einer dialektologischen Expedition im Jahr 1977, so kann man sagen, zum ersten Mal untersucht. Einen gewissen Vergleich seiner dialektalen Daten hatte jedoch auch der litauische Sprachwissenschaftler K. Būga angestellt, der 1911 auf dem Gebiet Lettlands den isolierten litauischen Dialekt in der Umgebung von Ciskoda (heute Bezirk Rēzekne) untersuchte. Auf der Grundlage der neuesten dialektalen Daten wird in dem Artikel festgestellt, dass der untersuchte Dialekt mit seinem phonetischen System eng mit dem Verbreitungsgebiet der litauischen Dialekte der Litauischen SSR verbunden ist und dessen Fortsetzung darstellt. Der Dialekt gehört zum sogenannten ostdzukischen dzūkininkai-Dialekt; daneben finden sich darin jedoch auch einige Merkmale, die für den sogenannten dziedininkai-Dialekt charakteristisch sind. 35 Die Autorin dankt von ganzem Herzen Prof. Dr. M. Rudzyte von der Lettischen Staatlichen P.-Stuč<č>ka-Universität, die sich freundlicherweise bereit erklärt hat, diesen Artikel zu lesen und wertvolle Anmerkungen beizusteuern. 238 Der Dialekt weist zahlreiche Besonderheiten auf, die nur ihm eigen sind. Dazu zählen: a) eine nicht ganz regelmäßige „Dzukisierung“ – die Aussprache der Affrikaten с, dz vor etymologisch vorderen Vokalen sowie vor nach vorn verlagerten Vokalen; b) die nicht ganz regelmäßige Verhärtung einiger Konsonanten; c) die Umwandlung des Diphthongs uo in bestimmten Fällen in den Monophthong ə; d) Spuren einer verkürzten Intonation; e) eine teilweise Verlagerung der Akzentstärke von der kurzen Endung auf die lange vorletzte Silbe; f) Elemente der lettischen Wortbetonung; g) bestimmte Unterschiede zwischen seiner Phonetik und der Phonetik des litauischen Dialekts von Ciskoda. Anhand konkreter Beispiele stellte die Autorin des Artikels außerdem fest, dass sich im Dialekt eine starke Wechselwirkung zwischen den Sprachsystemen sowohl der litauischen und lettischen Standardsprache als auch der ihn umgebenden Dialekte slawischer Sprachen – des Belarussischen, Russischen und Polnischen – zeigt. Es wurde außerdem festgestellt, dass der untersuchte litauische Dialekt zu den aussterbenden Dialekten gehört.