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Norminamasis žodynas ir lingvistinė geografija

Kazys Morkūnas

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LIETUVIŲ KALBOTYROS KLAUSIMAI XXXVII (1997) LEKSIKOGRAFIJOS IR LEKSIKOLOGIJOS PROBLEMOS Kazys MORKŪNAS NORMATIVES WÖRTERBUCH UND LINGUISTISCHE GEOGRAPHIE Neben dem vollständigen oder großen Wörterbuch, das alle Wörter der litauischen Sprache erfassen sollte und mit dessen Verfassung und Veröffentlichung K. Būga bereits begonnen hatte, wollte er auch ein einbändiges Normwörterbuch der Standardsprache erstellen. Bei der Auswahl der Wörter aus der Kartei des großen Wörterbuchs halfen A. Vireliūnas und A. Varnas1. Nach K. Būgas Tod kam diese Arbeit zum Stillstand. Wieder aufgenommen wurde sie von einer neuen Redaktion des Wörterbuchs der litauischen Sprache, deren Bildung das Bildungsministerium 1930 J. Balčikonis übertragen hatte. Während diese Redaktion weiterhin Material für das große Wörterbuch der litauischen Sprache sammelte und mit der Arbeit an dessen erstem Band begann, hatte sie bis 1944 die Auswahl der Wörter für das einbändige Normwörterbuch nahezu abgeschlossen. Vor allem auf der Grundlage dieses ausgewählten Materials wurde 1954 das „Wörterbuch der gegenwärtigen litauischen Sprache“ (DŽ1) zusammengestellt und veröffentlicht. In den vergangenen Jahrzehnten wurden größere und kleinere Rechtschreib- und Akzentuierungswörterbücher, Terminologiewörterbücher verschiedener Fachgebiete, zweisprachige und andere Wörterbücher sowie weitere Arbeiten veröffentlicht, die zur Normierung des Wortschatzes der litauischen Standardsprache und seines Gebrauchs beigetragen haben oder beitragen. Dem „Wörterbuch der gegenwärtigen litauischen Sprache“, von dem 1972 und 1993 zwei weitere überarbeitete und ergänzte Auflagen erschienen (DŽ2, DŽ3), kommt in dieser Hinsicht jedoch eine Sonderstellung, d. h. eine besonders große Bedeutung zu. Den größten und wichtigsten Teil des „Wörterbuchs der gegenwärtigen litauischen Sprache“ (und, versteht sich, auch des Wortschatzes der litauischen Standardsprache) bilden alte Wörter, die ihrer Herkunft nach auch in den Dialekten verwendet werden. Eine recht große Zahl dieser Wörter mit ihren Hauptbedeutungen ist allen litauischen Dialekten gemeinsam, z. B. akìs, dúona, sáulė, žẽmė; bált//as, -à, gẽr//as, -à, sald//ùs, -ì, vien//as, -à, ketvirt//as, -à; tù, jū̃s, màno; áusti, nèšti, pìrkti. Dies ist der Reichtum des gesamten litauischen Volkes. Ein weiterer Teil der im „Wörterbuch der gegenwärtigen litauischen Sprache“ aufgeführten Wörter ist seit Langem nur in einem bestimmten Dialektgebiet (Sprachraum) oder in einem einzelnen Dialekt bekannt; so wird das Wort anýta ‚Mutter des Ehemanns‘ heute vor allem von den Kaunassern verwendet (Jrb, Kn, Kš, Mrj, Prn, Šk, VIkv), von den südlichen Oberlitauern (Al, Lzd, Šlčn, Trak, Vrn) sowie von einem größeren Teil der östlichen Oberlitauer2 (An, Ign, Kp, Mlt, Rk, Šr, Švnč, Ukm, Ut, Zr); krẽžis ‚geflochtener Korb mit Reifen, Korb‘ – von den nördlichen Samogiten (Krtn, Mžk, Pln, Skd, Tl), einzelnen östlichen Oberlitauern- 1 S a l y s A. Raštai 3, Įvairūs straipsniai, Roma: Lietuvių Katalikų Mokslų Akademija, 1985, 235–236. 2 Wie anýta werden in demselben litauischen Dialektgebiet auch einige andere alte Wörter verwendet, die Verwandtschaftsbeziehungen bezeichnen: šešūras ‚Vater des Ehemanns‘, moša ‚Schwester des Ehemanns‘, dieveris/dieveris ‚Bruder des Ehemanns‘, vgl. Lietuvių kalbos atlasas 1, Leksika (im Folgenden LKA I), Vilnius: Mokslas, 1977, 195–196, Karte Nr. 117, 118. 40 jedoch Mundarten (Svn, Vžns), vgl. auch LKA I 79, Karte Nr. 28; bandódaržis ‚Viehgehege, eingefriedeter Hof‘ – viele niederlitauische Mundarten (Als, Kv, Lkv, Slnt, Vgr, Vkš, Žd), vgl. auch LKA I 46, Karte Nr. 10; kibìras / kibiras ‚Gefäß zum Schöpfen und Tragen von Wasser sowie zum Einfüllen von Milch usw.‘ – westliche Niederlitauer (Klp, Prk, Šlu), westliche Oberlitauer des Memellands (Pgg, Smln, Vlkš), die angrenzenden südlichen Niederlitauer (Trg, Vn), vgl. auch LKA I 67, Karte Nr. 21. Bei den genannten und vielen anderen Wörtern werden keine Angaben dazu gemacht, welcher Mundart oder Mundartgruppe sie eigen sind. Einige von ihnen haben in anderen Mundarten auch keine für die Standardsprache geeigneten Ersatzformen, z. B. kibìras (im übrigen fast gesamten litauischen Sprachgebiet war das aus den slawischen Sprachen entlehnte vìedras verbreitet, das in den letzten Jahrzehnten vom standardsprachlichen kibìras verdrängt wird; vgl. LKA I 67). Ein beträchtlicher Teil der Wörter dieser Gruppe hat in den Mundarten noch weitere Entsprechungen, die im „Wörterbuch der litauischen Gegenwartssprache“ als Synonyme aufgeführt werden, z. B. neben anyta auch úošvienė DŽ₁ 890, DŽ₂ 876 (überwiegend von den oberlitauischen Panevėžys- und Šiauliai-Mundarten verwendet; die Niederlitauer sagen úošvenė), úošvė DŽ₂ 876 (kommt in einzelnen, überwiegend oberlitauischen Mundarten vor; vgl. LKA I 195, Karte Nr. 117); neben bandódaržis auch diendaržis DŽ₁ 135, DŽ₂ 119, DŽ₃ 121 (wird in einigen ost- und westoberlitauischen Mundarten verwendet), laìdaras DŽ₁ 401, DŽ₂ 352, DŽ₃ 349 (wird überwiegend von Niederlitauern verwendet), žàridis DŽ₁ 966, DŽ₂ 957, DŽ₃ 950 (wird von den westoberlitauischen Kaunas-Mundarten und in einigen niederlitauischen Mundarten verwendet) usw.3 Nicht selten wird die Beziehung von Wörtern des „Wörterbuchs der litauischen Gegenwartssprache“ oder ihrer Bedeutungen zu einer bestimmten Mundart durch folgende Markierungen angezeigt: dz. (=Wort oder Bedeutung aus der dzukischen Mundart), ryt. (=Oberlitauisch-Ost), vak. (=Oberlitauisch-West), žem. (=Niederlitauisch), z. B.: gydúolė (2) dz. ‚Heilkraut‘ DŽ₃ 173, nūn, nūnai, Adv. dz. ‚heute, jetzt‘ DŽ₁ 507, DŽ₂ 446, DŽ₃ 441; aplaidžià (3ᵇ) ryt. ‚Verlassenheit, Unglück‘ DŽ₁ 27, DŽ₂ 29, ‚Unglück, Missgeschick‘ DŽ₃ 28, žiautaro||ti, -ja, -jo ryt. ‚leicht essen, kauen‘ DŽ₁ 971, DŽ₂ 962, DŽ₃ 954; pažýgys (3ᵇ) vak. ‚Reise, Zug‘ DŽ₁ 566, ‚lange Reise, Zug‘ DŽ₂ 541, DŽ₃ 533, tìmstr||as, -à vak. ‚dunkelbraun (gewöhnlich von Pferden)‘ DŽ₁ 857, DŽ₂ 851, DŽ₃ 846; kvėž||ti, -ta, -o žem. ‚vergehen, verkümmern, abnehmen, schwächer werden‘ DŽ₁ 347, DŽ₂ 341, DŽ₃ 346; vėdin||as, -à (3ᵇ) žem. ‚als Bräutigam‘ DŽ₁, DŽ₂ 923, ‚als jemand, der heiratet‘ DŽ₃ 916. Bei einigen Wörtern zeigen die Markierungen an, dass diese Wörter in mehr als einer Mundart verwendet werden oder in verschiedenen Mundarten unterschiedliche Bedeutungen haben, z. B.: nióg||ti, -ja, -ė dz., vak. 1. ‚schnell gehen, laufen‘, 2. ‚schwer tragen, schleppen‘ DŽ₃ 425; sustìg||ti, su-stìga, -o ryt., žem. ‚erstarren, steif werden, die Gelenke nicht mehr bewegen können‘ DŽ₃ 782; našà (4) 1. žem., vak. ‚Ernte, Reife, Ertrag‘ DŽ₃ 415; geinýs (4) 1. dz. ‚Seilvorrichtung zum Hinaufklettern auf einen Baum, um Bienenhonig zu sammeln‘, 2. ryt. ‚Kettfäden des Gewebes, von der Schärlade abgenommene Fäden‘, 3. ryt. ‚Taktstock‘, 4. žem. ‚aus Flechtwerk gebundenes Gestell zum Beladen von Flößen‘ DŽ₃ 169. 3Zur Verbreitung in den Mundarten der genannten und anderer Wörter mit der Bedeutung ‚bandodaržis, diendaržis‘ siehe auch LKA I 46–47, Karte Nr. 10. 41 Insgesamt sind in der dritten Ausgabe des „Wörterbuchs der litauischen Gegenwartssprache“ 1446 der genannten Markierungen⁴ angegeben: dz. – 161, ryt. – 487, vak. – 111, žem. – 687. Darüber hinaus wurde in dieser Wörterbuchausgabe die Abkürzung aukšt. (=Wort oder Bedeutung aus der oberlitauischen Mundart) eingeführt. Sie steht lediglich bei 8 Wörtern oder deren Bedeutungen: apibrėkš||ti, -ta, apibrėško 1. aukšt. ‚allmählich hell werden‘²2. žem. ‚allmählich dunkel werden‘; brėkšma (1) 1. aukšt. ‚Morgendämmerung‘, 2. žem. ‚Abenddämmerung‘; gróbas (1) 1. aukšt. ‚Rippe‘, 2. žem. ‚Darm‘; išbrė||kšti, -kšta, -ško aukšt. ‚hell werden, aufklaren‘; krušn||us, -i (4) aukšt. ‚brüchig, zerbrechlich‘; siekšnis (1) 3. aukšt. ‚der Faden, der vom Spinnwocken bis zur Spule gesponnen wird‘; spáugas (3) aukšt. siehe s p u o g a s. In allen Ausgaben dieses Wörterbuchs wird auch die Markierung tarm. verwendet, die die Verbreitung eines Wortes oder einer Bedeutung weniger genau bestimmt (=Mundartwort oder mundartliche Bedeutung), z. B.: atšláimas (4) tarm. 1. ‚Hof‘, 2. ‚Scheunenboden, Dielenboden‘ DŽ₃ 51; tarm. 1. ‚Hof‘, 2. ‚Scheunenboden‘ DŽ₃ 60; bruišė (2) tarm. siehe k u o j a DŽ₃ 91; ėglis (2) tarm. siehe k a d a g y s DŽ₃ 146. In der dritten Wörterbuchausgabe findet sich diese Markierung bei 698 Wörtern oder deren Bedeutungen. Die Verfasser des Wörterbuchs erläutern die Bedeutung aller genannten Markierungen im Abschnitt über die „stilistische Charakterisierung von Wörtern“: Die Markierungen aukšt., dz., ryt., vak., žem. „zeigen an, dass das Wort, seine Bedeutung oder die Wendung nur in diesen Mundarten verwendet wird, jedoch auch in der schönen Literatur – in den Schriften einzelner Autoren – vorkommt. Lässt sich für ein Mundartwort keine einzelne Mundart sicher angeben, wird es mit der allgemeinen Markierung tarm. versehen – mundartlich“ (DŽ₃ XIV). Über die Eignung der mit den genannten Markierungen versehenen Wörter und Bedeutungen für die Standardsprache wird nichts Weiteres gesagt. Allerdings hat der Verweis žr. (=siehe) eine normierende Funktion, der nach einem Teil der mit diesen Markierungen versehenen Wörter hinzugefügt wird und „auf ein gebräuchlicheres, häufigeres Wort verweist“ (DŽ₃ V), z. B.: lùstas (4) ryt., dz. žr. l u i t a s DŽ₃ 375; pečiūt||as, -a (1) ryt. žr. p e t i n g a s DŽ₂ 542, DŽ₃ 534; ropūtė (2) tarm. žr. b u l v ė DŽ₃ 664. Folglich können Wörter mit Markierungen, die bestimmte Mundarten angeben (aukšt., dz.,...), oder mit der Markierung tarm., aber ohne den Verweis žr., als für die Standardsprache geeignet gelten. Umso mehr, als es für manche Begriffe in der Standardsprache keine anderen Wörter oder Termini gibt, vgl.: dangùs (4) 3. tarm. ‚oberer Innenraum des Ofens‘ DŽ₃ 107, gomurys (3ª) 2. ryt. ‚oberer Innenraum des Ofens‘ DŽ₃ 182; sąmatas (1) ryt., dz. ‚Schnur oder Lederriemen zum Festzurren des Zuggeschirrs‘ DŽ₃ 673. Zwar wird gewöhnlich vermieden, Wörter mit den genannten Markierungen zur Erklärung der Bedeutungen anderer Wörter zu verwenden, doch auch hier fehlt es an vollständiger Konsequenz, vgl.: minkytuvis (1) žem. ‚Bottich zum Brotteigkneten‘ und dúonkubilis (1) ‚Bottich zum Brotteigkneten, minkytuvis‘; laitas (4) ryt. 1. ‚gestampfter Boden, Dielenboden‘ und klojimas (2) 3. ‚Dielenboden, laitas‘, pãdas (2) 4. ryt. ‚Lehmboden der Scheune, laitas‘. Andererseits ist auch die Anbringung der genannten Markierungen an Wörtern nicht sehr konsequent. ⁴ Die Zählung der Wörter und ihrer Bedeutungen mit mundartanzeigenden Markierungen in DŽ₃ wurde computergestützt vom Labor für Automatisierung wissenschaftlicher Arbeiten des Instituts für Mathematik und Informatik durchgeführt (Leiter: V. Černiauskas). 42 Neben den bereits oben besprochenen Wörtern anýta, krėžis, bandó daržis, kibìras, die für den einen oder anderen Teil des litauischen Sprachgebiets charakteristisch sind, fehlen solche Kennzeichnungen auch bei vielen Wörtern oder einzelnen Bedeutungen, die in den Dialekten recht begrenzt verwendet werden, z. B.: kapóklė (2) 3. „vedega“ DŽ₃ 283 (Umgebung von Mažeikiai, Skuodas u. a.; vgl. LKA I Karte Nr. 33, LKŽ⁵ V 241); skrytìs, -iẽs m. (4) 1. „hölzerner Felgenring“ DŽ₃ 708 (Umgebung von Pagėgiai, Šilalė, Tauragė, hier jedoch wohl häufiger die Form skrytãs/skryt́as; vgl. LKA I 98, Karte Nr. 42, LKŽ XII 1086–1088); šovà (4) 2. „Riegel, Sperrbalken“ DŽ₃ 819 (Druskininkai, Lazdijai, Merkinė; vgl. LKA I Karte Nr. 6, LKŽ XV 263–264); žúobris (1) 2. „Pflug, Hakenpflug“ DŽ₃ 964 (Ariogala, Čekiškė, Šaukotas, Šlapaberžė; vgl. LKA I 105, Karte Nr. 45). Vergleicht man alle drei Ausgaben des „Wörterbuchs der litauischen Gegenwartssprache“, so lässt sich feststellen, dass sich die Auffassungen der Herausgeber und Redakteure der einzelnen Ausgaben zur Auswahl und Darstellung von Wörtern und ihren Bedeutungen aus den Dialekten häufig unterscheiden oder ändern; vgl. Tabelle 1. Tabelle 1 Bezeichnungen für die Früchte der Fichte oder Kiefer6 Bezeichnung | Dialekt | westliche Oberlitauer | südliche Oberlitauer (Dzūken) | östliche Oberlitauer | Žemaiten | DŽ₁ | DŽ₂ | DŽ₃bužỹs | − | + (Drsk, Lp, Mrc) | − | − | − | + 2. dz. „Zapfen“ | + 2. dz. „Zapfen“gurgùtis | − | − | + (Brž, Pnd, Slm) | − | + | + 1. ž. K i e f e r n-z a p f e n | + 1. ž. K i e f e r n-z a p f e nkankorėžis | öst./neu. | − | öst./neu. | + | + | + „gurgutis“ | +kirkùžė | − | − | + (Alž, Ob, Rk, Skp) | − | + ž. K i e f e r n-z a p f e n | + ž. K i e f e r n-z a p f e n | − 5 LKŽ – Wörterbuch der litauischen Sprache 1–17, Vilnius, 1956–1996. 6 Zur Verbreitung der Bezeichnungen für die Früchte der Fichte oder Kiefer in den Dialekten siehe außerdem LKA I 166–167, Karte Nr. 93; LKŽ I 1229, III 748, V 216, 840, XII 1125. Die Abkürzung rt. zeigt an, dass die Bezeichnung im Dialekt seltener verwendet wird und kein größeres zusammenhängendes Gebiet bildet; nj. bedeutet, dass die Bezeichnung im Dialekt neuer ist. 43 skujà | + | − | rt. | + (östliche) | + 2. ž. Kiefernzapfen | + 3. „Kiefernzapfen“ | + 3. dial. „Kiefernzapfen“ || žebelýs | − | − | + (An, Ds, Kp, Ob, Ut) | − | − | + ž. Kiefernzapfen | − Daraus lassen sich folgende Schlussfolgerungen ziehen: 1. Die Zweckmäßigkeit der uneinheitlichen Verwendung von Kennzeichnungen für bestimmte Dialekte – Oberlit., dz., ostlit., westlit., žem. – in einem normativen Wörterbuch ist sehr fraglich. Will man darauf hinweisen, dass ein Wort (eine Bedeutung, eine Akzentuierungsvariante o. Ä.) in der Standardsprache noch nicht fest etabliert ist, genügt den Lesern, die sich lediglich für den Sprachgebrauch interessieren, auch die allgemeinere (neutrale) Kennzeichnung dial.. Die Bedeutung der Kennzeichnungen dz., ryt., vak. können Leser heute unterschiedlich verstehen: Seit Mitte der 1960er Jahre wurde anstelle der von K. Jaunius – A. Salys vorgenommenen Einteilung der litauischen Dialekte die Einteilung von A. Girdenis – Z. Zinkevičius verwendet (eine verbesserte Variante der Einteilung von A. Baranauskas); in dieser gibt es den dzūkischen Dialekt überhaupt nicht mehr, während die Gebiete der ost- und westoberlitauischen Dialekte erheblich vergrößert wurden. Die drei letztgenannten Kennzeichnungen – dz., ryt., vak. – bezeichnen tatsächlich eher die wichtigsten ethnografischen Regionen der Oberlitauer. 2. Wenn die Herausgeber aus dem sehr reichen dialektalen Wortschatz Wörter für ein normatives Wörterbuch begrenzten Umfangs auswählen, müssen sie entscheiden, an welchen wichtigsten Kriterien sie sich bei dieser Auswahl orientieren sollen. Das Auswahlprinzip im „Wörterbuch der litauischen Gegenwartssprache“ wird folgendermaßen beschrieben: Man bemüht sich, „Wörter aus den Dialekten aufzunehmen, die häufiger in der schönen Literatur, insbesondere in Werken der Klassiker, in der Publizistik, in der periodischen Presse und anderswo verwendet werden“ (DŽ₃ VII). Nicht hervorgehoben wird hier eine weitere wichtige Bedingung, die bei der Aufnahme von Dialektwörtern, ihren Formen, Bedeutungen und ihrer Akzentuierung in den Sprachgebrauch der Standardsprache berücksichtigt werden sollte: die Geografie dieser Belege, d. h. wie weit sie in den Dialekten verbreitet sind, sowie die Frage, welchem Dialektwortschatz und wann der Vorrang eingeräumt wird⁷. K. Būga, A. Salys, J. Balčikonis, J. Senkus und andere hofften, die Daten der linguistischen Geografie für die Sprachpraxis der Standardsprache und damit auch für die Normierung des Wörterbuchs nutzbar zu machen, als sie Fragebögen und Programme für die systematische Erforschung der litauischen Dialekte erarbeiteten und … 7 DŽ₃ (vgl. „Quellen des Wörterbuchs“, S. XXI–XXII) hat auch eine aus dieser Sicht wichtige Quelle mit entsprechenden Daten nicht herangezogen – die beiden ersten Bände des LKA (der 3. Band des LKA, der der Morphologie gewidmet ist, erschien 1994, obwohl als Erscheinungsjahr 1991 angegeben ist). 44 … indem sie Dialektdaten sammeln, die verschiedene Sprachbereiche abdecken. Die Verwendung und Verbreitung der für ein normatives Wörterbuch erforderlichen Sprachfakten in den Dialekten ließe sich besser klären, wenn eigens zu diesem Zweck ausgearbeitete methodische Anleitungen zur Datenerhebung vorlägen. NORMATIVES WÖRTERBUCH UND LINGUISTISCHE GEOGRAPHIE Zusammenfassung Eine bedeutende Rolle bei der Normierung des Wortschatzes des Standardlitauischen spielt das „Dabartinės lietuvių kalbos žodynas“ (Wörterbuch des modernen Litauischen) – DŽ1 (Vilnius, 1954) und seine zwei überarbeiteten Ausgaben DŽ2 (1972), DŽ3 (1993). Sein wichtigster Teil umfasst alte Wörter, die in ihren Hauptbedeutungen in allen litauischen Dialekten verwendet werden, z. B. akìs (Auge), báltas (weiß), viēnas (eins), nèšti (tragen). Die übrigen Wörter des Wörterbuchs werden nur in bestimmten Dialekten verwendet. Die Zugehörigkeit mancher Wörter und ihrer Bedeutungen zu dem einen oder anderen Dialekt wird durch besondere Kennzeichnungen (Abkürzungen) angegeben: aukšt. (= ein Wort oder eine Bedeutung des oberlitauischen Dialekts), dz. (=Dzūkisch), ryt. (=östliches Oberlitauisch), vak. (=westliches Oberlitauisch), žem. (=Žemaitisch, Samogitisch), z. B.: gróbas 1. aukšt. ‘Rippe’ (ein Rippenknochen), 2. žem. ‘Darm’ DŽ3 190: pažýgęs vak. ‘Reise, Zug’ DŽ1 566, ‘lange Reise, Zug’ DŽ2 541, DŽ3 533. Im DŽ3 gibt es 1454 derartige Kennzeichnungen. Auch die Abkürzung tarm. (= ein dialektales Wort oder eine dialektale Bedeutung), die keine Angaben zur geografischen Verbreitung eines Wortes oder einer Bedeutung macht, wird verwendet, z. B. ėglis tarm. ž. kadagys (siehe kadagys) DŽ3 146. Im DŽ3 sind 698 Wörter oder Bedeutungen mit dieser Kennzeichnung versehen. Da die Kennzeichnungen für konkrete Dialekte (aukšt., dz., ryt., vak., žem.) recht uneinheitlich verwendet werden und mitunter lediglich bestimmte ethnografische Regionen angeben, werden in der Arbeit folgende Schlussfolgerungen gezogen: 1. Für Wörterbuchbenutzer, die sich für den Sprachgebrauch interessieren, wäre die neutrale Kennzeichnung tarm. ausreichend, um anzuzeigen, dass ein Wort (eine Bedeutung, eine Akzentvariante usw.) im Standardlitauischen noch nicht heimisch geworden ist. 2. Eines der wichtigen Kriterien für die Auswahl dialektaler Wörter, ihrer Formen, Bedeutungen und Akzentvarianten für den standardsprachlichen Gebrauch sollte die geografische Verbreitung dieser Sprachfakten sein; das heißt, es ist zu berücksichtigen, wie weit sie verbreitet sind und in welchen Dialekten sie verwendet werden. 45