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Lietuvių kalbos papildinio vardininko su bendratimi kilmė

Vytautas Ambrazas

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LIETUVIŲ KALBOTYROS KLAUSIMAI XXXVIII (1997) Vytautas AMBRAZAS URSPRUNG DES LITHAUISCHEN SUBJEKTNOMINATIVS MIT INFINITIV 0.1. Aus archäologischen und vergleichenden sprachwissenschaftlichen Forschungen ist bekannt, dass sich die ostbaltischen Stämme etwa im 6. Jahrhundert n. Chr. vom rechten Ufer der Düna nach Norden bewegten und sich im Gebiet des heutigen Nord- und Mittellatvlands niederzulassen begannen. Die dort seit alters her ansässigen westfinnischen Dialekte wurden im Laufe der Zeit assimiliert, und ihr Substrat spielte eine entscheidende Rolle bei der Aufspaltung der ostbaltischen Ursprache und der Entstehung der lettischen Sprache. Fast zur gleichen Zeit begann auch die große slawische Expansion nach Norden und Westen. Bis zum 8.–9. Jahrhundert hatten sich ostslawische Stämme im Gebiet des heutigen Nordrusslands bis nach Nowgorod und darüber hinaus ausgebreitet und dabei die dort ansässigen Westfinnen assimiliert. Infolge dieser Prozesse müssen sich große Zonen intensiver Sprachkontakte, der Interferenz sowie von Substrat und Superstrat im nördlichen Teil des ostbaltischen und ostslawischen Dialektgebiets herausgebildet haben. Diese Dialekte verbindet bis heute eine ganze Reihe gemeinsamer phonetischer, lexikalischer und grammatischer Merkmale. Eine der für dieses Areal gemeinsamen syntaktischen Isoglossen ist der sogenannte Subjektnominativ in Konstruktionen mit Infinitiven, Gerundien und bisweilen auch mit anderen Verbformen. Der Begriff Subjektnominativ (resp. Nominativ1) bezeichnet unpersönliche Konstruktionen, in denen ein Infinitiv oder eine andere Form transitiver Verben mit einem Nominativ verbunden wird, der dieselbe Funktion hat wie der Akkusativ des Objekts in entsprechenden persönlichen Sätzen: lit. reikia šienas pjaut (vgl. turiu šieną pjaut); lett. zirgs Vajadzēs mazgāt ‚das Pferd muss gebadet werden‘; nordruss. nado trava kosit ‚man muss Gras mähen‘; finn. täytyy kirjoittaa kirje ‚man muss einen Brief schreiben‘. Tokio tipo konstrukcijos būdingos įvairioms finų kalboms (Collinder 1957: 217, 300, 323, 427; Timberlake 1974: 210–215). Tačiau indoeuropiečių kalbose nominatyvas eina bendraties papildiniu tik jau minėtame šiaurės vakarų areale: šiaurinėse rusų kalbos tarmėse bei jų ypatybes atspindinčiuose XII–XVIII a. raštuose, įvairiose latvių kalbos tarmėse, o lietuvių kalboje – rytų bei pietų aukštai- 1 Mit den litauischen Bezeichnungen Nominativ, Akkusativ usw. werden im Folgenden die Kasus des Litauischen und Lettischen bezeichnet; die internationalen Begriffe Nominativ, Akkusativ etc. werden bei der Erwähnung anderer Sprachen verwendet, deren Kasussystem mehr oder weniger stark davon abweicht. 93 in den Dialekten und in einem Teil der westlichen Hochlitauischen (nach den Daten der Kartei des Atlas der litauischen Sprache südlich der ungefähren Linie Jonava – Čekiškė – Šakiai – Sintautai). Die Herkunft der Konstruktion in den ostbaltischen und slawischen Sprachen wird in zahlreichen Arbeiten unterschiedlich erklärt. In diesen Erklärungen lassen sich zwei Hauptrichtungen unterscheiden. 0.2. Vertreter der ersten Richtung betrachten die Konstruktion aus Nominativ und Infinitiv als aus der indogermanischen Ursprache ererbt. Man nimmt an, dass der Nominativ darin ursprünglich die Funktion des Subjekts hatte, während der Infinitiv ein erstarrter Dativ eines Verbalnomens mit Bedeutungsfunktion des Zwecks ist. Entsprechungen zu solchen Subjektkonstruktionen mit Zweckdativ finden sich in den alten Denkmälern anderer verwandter Sprachen. In der Baltistik wird diese Richtung am deutlichsten von Jablonskis (1935: 29–33; 1957: 458–459) und Endzelīnas (1951: § 392) vertreten, in der Slawistik von Potebnja (1958: 405–407), Borkovskis (1949: 347–350), Stepanov (1984) u. a. Das Fortbestehen der Konstruktion gerade am nördlichen Rand des indogermanischen Sprachraums erklärte Kiparskis (1960, 1969) mit dem konservierenden Einfluss der finno-ugrischen Sprachen, der dazu beigetragen habe, den Nominativ in der ererbten Konstruktion zu bewahren; dieser Auffassung stimmte Jacobsson (1964) zu. Antrosios krypties svarbiausias atstovas yra Timberlake’as (1974), paskyręs šiam klausimui specialią monografiją. Jis priėjo išvadą, kad rytų baltų ir šiaurės rusų kalbų nominatyvas konstrukcijose su bendratimi bei padalyviais visais atvejais turi papildinio funkciją, savo vartosena skiriasi nuo kitų indoeuropiečių kalbų ir sutampa su vakarų finų kalbų atitikmenimis, tad laikytinas „sintaksiniu skoliniu iš kurios nors vakarų finų kalbos“ (1974: 220). Finų kalbų įtaką papildinio nominatyvo vartojimui rusų kalboje yra konstatavę ir kiti tyrinėtojai (plg. Veenker 1967: 158). Die genannten Auffassungen gelten meist als einander entgegengesetzt und konkurrierend (vgl. Timberlake 1974: 153–154, 220–224; Dunn 1982: 505, 526). In beiden Fällen wird der Nominativ mit Infinitiv als eine Konstruktion fester Struktur aufgefasst, in der der Nominativ, der das semantische Objekt des Infinitivs bezeichnet, entweder die Funktion des Subjekts (im ersten Fall) oder des Objekts (im zweiten Fall) hat1. Die Daten aus den litauischen und lettischen Dialekten zeigen jedoch, dass sich die Funktion des Nominativs in all seinen Verbindungen mit dem Infinitiv nicht einheitlich erklären lässt. Bendraties vartosenos tyrimo rezultatai, autoriaus jau paskelbti anksčiau (1987, 1995), patvirtina požiūrį į bendraties kilmę iš paskirties reikšmę turėjusio veiksmažodinių abstraktų datyvo ir leidžia konstatuoti pirminę veiksnio funkciją kai kuriose vardininko konstrukcijose su bendratimi. Antra vertus, su bendratimi siejamas vardininkas dabar daugeliu atvejų neabejotinai eina papildiniu. Taigi matome vardininko funkcijos kitimą. Čia ir norėtume atkreipti dėmesį į vardininko su dalyviu vidinės struktūros pertvarkymo padarinius. 1Vgl. etwa folgende Aussagen: „In solchen Sätzen (d. h. mit Nominativ und Infinitiv, V. A.) bleibt der Nominativ immer Subjekt“ (Jablonskis 1935: 32); andererseits: „The comparable use of the nominative in Lith. and Latv. dialects is an instance of the nominative object; it undeniably does not represent the grammatical subject“ (Timberlake 1974: 220). 94 Bei seiner Untersuchung lettischer Nominativkonstruktionen mit Debitivum stellte Holvoet darin einen „Übergang vom ursprünglichen Subjektnominativ zum Objektnominativ, wie er in den finno-ugrischen Sprachen vorkommt“ fest (1993: 160). Einen ähnlichen Prozess beobachten wir in litauischen Nominativkonstruktionen mit Infinitiv. In ihnen lassen sich diachrone Schichten unterschiedlichen Alters erkennen. 1.1. Die alte Schicht wird durch Konstruktionen repräsentiert, in denen der Nominativ die Subjektfunktion bewahrt hat und der Infinitiv die Zweckbedeutung, die für den Dativ von Verbalabstrakta charakteristisch ist1. Solche Konstruktionen sind in den folgenden Typen von Nominativ-Infinitiv-Konstruktionen belegt: (1) mit Zustandsverben likti, pa(si)likti, tekti, kliūti, pasiitaikyti, rūpėti, tikti usw., z. B.: Kartoffeln (uns) blieben/fielen zum Essen zu; (2) mit dem Verb sein (die Präsensform ist meist null), z. B.: a) Und der Stock wird zum Anlehnen da sein; b) Schon der ganze See war zu sehen (mit dem Infinitiv eines Wahrnehmungsverbs); c) Ich allein hatte alle Arbeiten zu erledigen (Notwendigkeitsbedeutung); (3) mit Adjektivformen, die als nominaler Teil des Prädikats fungieren: a) flektiert: Mir ist Wodka unangenehm zu trinken; b) Neutrum (unveränderlich): Kartoffelsäcke sind schwer zu tragen. 1.2. In Konstruktionen des Typs (1) und (2), die ihre ursprüngliche Struktur bewahrt haben, zeigt die Kongruenz mit einem Prädikat in zusammengesetzter (periphrastischer) oder indirekter Modusform deutlich die Subjektfunktion des Nominativs an, vgl.: Jam likęs/rūpėjęs laukas arti; Šunų lojimas dar buvęs girdėti (vgl. Troba besanti matytis, siehe Sirtautas 1971: 74); Man vienai buvęs tas paršas šerti. Bemerkenswert ist, dass Konstruktionen des Typs (1) und (2) nicht nur in den ost- und südhodujeitischen Dialekten verwendet werden, sondern auch in jenen žemaitischen und westhodujeitischen Mundarten, in denen das Infinitiv in unpersönlichen Sätzen nur den Akkusativ des Objekts regiert. In Sätzen des Typs (3b) mit Adjektiven des Neutrums ist eine Kongruenz unmöglich, da es im Litauischen keine neutralen Substantive mehr gibt. Rückschlüsse auf die ursprüngliche Subjektfunktion in einem Teil dieser Konstruktionen lassen deren syntaktische Beziehungen zu anderen Konstruktionen zu. Erstens werden neutrale Formen im osthodujeitischen Dialekt mancherorts neben kongruierenden maskulinen und femininen Formen verwendet, z. B.: Medus valgyt gardu/gardus; Nespartūs/nespartu miežiai pjaut (Molėtai). Zweitens stehen neutrale Formen in derselben Beziehung zum Subjektsnominativ wie die kongruierenden Adjektivformen in entsprechenden Sätzen ohne einen Zweck oder eine Bestimmung ausdrückenden Infinitiv, vgl.: Medus gardu/gardus; Gyvatė bjauru/bjauri; Svečias miela/mielas. Solche Konstruktionen mit Adjektiven des Neutrums, die in denselben osthodujeitischen Mundarten wie auch mit einem angefügten Infinitiv verwendet werden, 1 Der Dativ von Verbalsubstantiven gilt allgemein als eines der wichtigsten Mittel zum Ausdruck von Zweck und Bestimmung, das im Altertum in indogermanischen Sprachen verwendet wurde; siehe Jeffers, Pepicello 1980. 95 sind aus grauer Vorzeit überliefert, haben Entsprechungen in den alten Denkmälern verschiedener verwandter Sprachen, und die Adjektive des Neutrums selbst haben die Formen des reinen Stammes bewahrt (siehe aut. 1979: 200–202; 1990: 201–202 mit Lit.). Ähnlich ist in einigen Sätzen des Typs (2c), die Notwendigkeit ausdrücken, das Zweckinfinitiv (bzw. der Dativ des Verbalsubstantivs) vermutlich an eine archaische possessive Konstruktion (man yra namai + statyti) angefügt worden, die im Litauischen im Laufe der Zeit durch Wendungen mit dem Verb turėti verdrängt wurde, das später ebenfalls eine Notwendigkeitsbedeutung erhielt. 2.1. Neben den Überresten der älteren Nominativfunktion sind im Litauischen und Lettischen die Folgen einer Umstrukturierung (Reanalyse) syntaktischer Beziehungen deutlich zu erkennen. In vielen Konstruktionen, die ihrer äußeren Form nach den genannten Typen entsprechen, ist das Infinitiv bereits eng mit der finiten Verbform verbunden und hat seine ursprüngliche Zweckbedeutung verloren, während der Nominativ unmittelbar vom Infinitiv abhängt. Solche Sätze werden nun als unpersönlich verstanden, und ein großer Teil der litauischen und lettischen Dialekte verwendet darin anstelle des Nominativs den Akkusativ – den typischen Kasus des direkten Objekts. Im Litauischen hat der Nominativ seine Subjektfunktion in Konstruktionen der Typen (2a), (2b) und (3a) am besten bewahrt. In ihnen wird der Akkusativ des Objekts überhaupt nicht verwendet. Auch in Konstruktionen des Typs (2c), die für die Žemaiten und einige westhodujeitische Mundarten charakteristisch sind, ist die Subjektfunktion ziemlich regelmäßig. Vielleicht neigte Jablonskis deshalb dazu, die Subjektfunktion auf alle Fälle des Gebrauchs des Nominativs mit Infinitiv zu verallgemeinern (1935: 32; 1957: 560–564). Andererseits sind die meisten Konstruktionen des Typs 1 im Litauischen und Lettischen bereits reanalysiert worden; der Nominativ wird darin als Objekt des Infinitivs verstanden, dessen Weglassen die Satzbedeutung grundlegend verändern würde, z. B.: Man teko matyt tie žalčiai Skp (vgl. Man teko žalčiai); Tėvui beliko pirkt tas sodas Dr (vgl. Tėvui beliko sodas) usw. Die Reanalyse von Konstruktionen des Typs (3b) wurde durch die für neutrale Adjektivformen charakteristische verallgemeinerte Zustandsbedeutung besonders begünstigt. In ost- und südhodujeitischen Sätzen mit neutralen Formen fungiert der Nominativ sehr häufig als vom Infinitiv regiertes Objekt und ist für den Satzbau notwendig, vgl.: Smagu rašyt pupos (Marcinkonys), aber *Smagu, pupos. In Konstruktionen dieses Typs haben sich neben den neutralen Adjektiven auch Adverbien mit Zustandsbedeutung (oder ihnen verwandte Formen) etabliert, vgl.: Gana/Anksti/Metas pupos rašyt. Einige neutrale Adjektive und Zustandsadverbien bildeten ihrerseits den Ausgangspunkt für neue Paradigmen unpersönlicher Verben: gailėti (aus gaila), ganėti (aus ganà), reikėti (aus reikia ar reikė), siehe Fraenkel 1925: 37–38; aut. 1995: 87–88). Verbindungen des Verbs reikėti mit einem Infinitiv wurden besonders produktiv1. In ost- und südhodujeitischen Dialekten hat der mit ihnen verwendete Nominativ eine solche 1 Das Verb reikėti, das meist mit einem Infinitiv auftritt, ist in der Standardsprache zu einem der am häufigsten verwendeten Verben geworden (vierter Platz unter allen Verben in der Publizistik, siehe Žilinskienė 1990: 10). 96 dieselbe Objektfunktion wie der Akkusativ in den westlichen Aukštaitischen oder den Žemaitischen Dialekten, vgl. reikia malkos/malkas skaldyt. 2.2. Somit findet sich der Nominativ, der das semantische Objekt der Infinitivhandlung ausdrückt, nicht nur in Konstruktionen relikthaften Typs, in denen seine ursprüngliche Subjektfunktion noch erkennbar ist, sondern ist auch in vielen unpersönlichen Sätzen weit verbreitet, in denen er niemals Subjekt gewesen ist. In den östlichen, südlichen und einem Teil der westlichen Aukštaitischen Dialekte verbreitete sich der Nominativ auch in entsprechenden unpersönlichen Äußerungen mit Partizipien der einfachen Vergangenheit, als sich die Tendenz durchsetzte, das Infinitivobjekt unpersönlicher Sätze im Nominativ auszudrücken. Transitive Partizipien der einfachen Vergangenheit mit einem Objekt im Nominativ treten am häufigsten in folgenden Fällen auf: (1) in Konstruktionen mit interrogativen (relativen) Adverbien kur, kaip und dem Pronomen kas, z. B.: Kur čia dabar arklys pastatčius? (Utena); Ale iš kur čia ratai išpaišius? (Kupiškis); Ūturojam, kap čia ratukai dagyvenus (Zarasai); Kas či man padarius? (Mažeikiai); (2) in Äußerungen, die einen Wunsch ausdrücken und die Partikel ka(d) enthalten, z. B.: Tai kad gera bobelė kur radus (Utena); Ka teip megztinis nusimezgus (Miežiškiai); (3) in Sätzen ähnlicher Bedeutung mit dem Zustandsadverb gerai, z. B.: Gerai būtų stipras darbininkas pasisamdžius (Kupiškis). Diese Konstruktionen sind in Dialekten belegt, in denen der Objekt-Nominativ mit dem Infinitiv regelmäßig verwendet wird; sie sind jedoch seltener als die entsprechenden Infinitivkonstruktionen. Noch seltener hängt der Objekt-Nominativ von Partizipien der Gegenwart ab, die in unpersönlichen Äußerungen als Adverbialbestimmungen fungieren. Im Zettelkatalog des Atlas der litauischen Sprache ist er nur an einigen Orten des Verbreitungsgebiets des Nominativs mit dem Infinitiv verzeichnet, z. B.: Kožnas darbas dirbant mokslo reikia (Utena); Senmedis kertant pristigdavo skiedros (Rokiškis); Vienas paršas laikant geriau iš rudenio pasilikt (Miežiškiai). 3.1. Die besprochenen Daten stimmen mit Timberlakes (1974: 152) Schlussfolgerung überein: „Die litauischen und lettischen Dialekte verfügen über eine Regel für den Objekt-Nominativ: Ein Aktant, der sonst im Akkusativ ausgedrückt würde, wird in unpersönlicher Umgebung systematisch im Nominativ ausgedrückt, wenn ein Subjekt-Nominativ nicht möglich ist.“ Diese Regel könnte sich in Infinitivkonstruktionen durchgesetzt haben, nachdem sich der Dativ der (t)i-Stämme von der Paradigmatik der Verbalsubstantive gelöst, verfestigt und zu einer unveränderlichen Verbform entwickelt hatte, die den Kasus des direkten Objekts zu regieren begann. Erst dann entstanden Voraussetzungen für eine Umstrukturierung der syntaktischen Beziehungen in vielen Konstruktionen des alten Typs mit Nominativ und Infinitiv. Die internen Bedingungen erlauben jedoch noch keine Antwort auf die Frage, warum der Nominativ in den zu unpersönlichen Konstruktionen reanalysierten Strukturen nicht durch den Akkusativ ersetzt wurde, sondern selbst die Objektfunktion erhielt und sich anschließend in einem großen Teil der ostbaltischen Dialekte verbreitete. Der Objekt-Nominativ hat in anderen indoeuropäischen Sprachen keine eindeutigen Entsprechungen, 97 mit Ausnahme der nordöstlichen ostslawischen Dialekte1. In den westfinnischen Sprachen hingegen wird er seit jeher weit und intensiv verwendet. Unter diesen Umständen erklärt der von Timberlake angenommene Einfluss der westfinnischen Sprachen am besten die Durchsetzung des Ergänzungsnominativs in den ostbaltischen Dialekten. Der Einfluss des westfinnischen Substrats auf den Nominativ mit Infinitiv war wahrscheinlich nicht lediglich konservierend und trug nicht nur dazu bei, die Nominativform zu bewahren, wie Kiparsky (1960, 1969) und zuvor, ihm zustimmend, der Verfasser dieser Zeilen (1987: 215) annahmen. Er trug dazu bei, auf der Grundlage des alten Typs des Nominativs mit Infinitiv Konstruktionen mit einer neuen inneren Struktur zu bilden. Da in den westfinnischen Sprachen der Ergänzungsnominativ nur in unpersönlicher Umgebung verwendet wird, konnte er die ostbaltischen Sprachen erst beeinflussen, nachdem der Infinitiv bereits zu einer eigenständigen, nicht flektierbaren Verbform geworden war und die Nominativkonstruktionen mit ihm als unpersönliche Konstruktionen reanalysiert oder teilweise reanalysiert worden waren. In den baltischen Sprachen löste sich der Infinitiv offenbar erst nach der Aufspaltung der baltischen Grundsprache aus dem Paradigma der Verbalabstrakta. Seine vergleichsweise späte Entstehung zeigen die Unterschiede zwischen den Infinitivformen des Litauischen und Lettischen einerseits und des Altpreußischen andererseits (Verf. 1995: 75), ebenso wie die bis heute gut erhaltenen semantischen und funktionalen Beziehungen des Infinitivs im Litauischen und Lettischen zum Finaldativ, die auch in den Konstruktionen des alten Typs mit Nominativ und Infinitiv deutlich spürbar sind. Es ist daher unwahrscheinlich, dass unpersönliche Konstruktionen mit Ergänzungsnominativ zur Zeit der prähistorischen baltisch-finnischen Sprachkontakte entstanden sind, von denen die Hydronymie und alte lexikalische Lehnwörter zeugen. Noch weniger lässt sich der Ergänzungsnominativ mit Infinitiv als ein noch älteres Relikt auffassen, das aus einer ergativischen oder „aktiven“ Satzstruktur ererbt wurde (vgl. Larin 1963; Pal-maitis 1977: 116–119). Unter den genannten Umständen ist es am wahrscheinlichsten, dass sich der Ergänzungsnominativ in den ostbaltischen Dialekten während der zweiten Periode intensiver baltisch-finnischer Kontakte durchsetzte, die im 6. Jh. n. Chr. begann. Zu jener Zeit bildeten die ostbaltischen Dialekte noch ein ziemlich zusammenhängendes, für Innovationen durchlässiges Areal. Daher konnte sich der Ergänzungsnominativ, der sich zunächst in den vom finnischen Substrat beeinflussten nördlichen baltischen Dialekten durchgesetzt hatte, weiter nach Süden über das Gebiet des heutigen Lettlands ausbreiten und die östlichen und südlichen litauischen Dialekte erreichen. Dort etablierte er sich auf der Grundlage reanalysierter Konstruktionen des alten Typs mit Nominativ und Infinitiv. Dieser Prozess erfasste jedoch kaum das Žemaitische und einen großen Teil der westlitauischen Mundarten, wo der Nominativ in Konstruktionen mit Infinitiv bis heute seine ursprüngliche Subjektfunktion gut bewahrt hat, während der Infinitiv transitiver Verben in unpersönlichen Äußerungen ziemlich regelmäßig den Akkusativ regiert. 3.2. Die slawische Expansion in die von westlichen Finnen bewohnten Gebiete zwischen Pskow und Nowgorod schuf ähnliche Bedingungen für die Ausbreitung des Ergänzungsnominativs auch in den nördlichen ostsla- 1 Spuren des Ergänzungsnominativs mit Infinitiv wurden auch in südlichen russischen Dialekten und in auf ihrer Grundlage verfassten Texten festgestellt, stellenweise auch im Gebiet des Weißrussischen und Ukrainischen. Dort weist die Konstruktion jedoch besondere Merkmale auf, und bis heute wird diskutiert, ob sie nicht unter dem Einfluss nordrussischer Dialekte entstanden ist; siehe Kuz’mina, Nemčenko 1964; Staniševa 1966; Dunn 1982 mit Lit. 98 wischen Dialekten. In altrussischen Schriften des 13.–18. Jahrhunderts, die Merkmale dieser Dialekte aufweisen, wird der Ergänzungsnominativ mit Infinitiv in unpersönlicher Umgebung verwendet und gilt als unter dem Einfluss des westfinnischen Substrats entstanden (Timberlake 1974: 198) oder bewahrt (Kiparsky 1960; 1969). Obwohl die altrussische Konstruktion von zahlreichen Autoren eingehend untersucht wurde1, finden sich in den bisherigen Arbeiten Beispiele, in denen der mit einem Infinitiv verbundene Nominativ zweifelsfrei Subjektfunktion hat, nur mit kongruierenden Adjektivformen (z. B. voda Jordana sladka pit ‚das Wasser des Jordan ist süß zu trinken‘, siehe Sprinčak 1960: 179) sowie mit dem Infinitiv eines Wahrnehmungsverbs + dem Verb byti ‚sein‘, z. B.: bě v to vremja viděti... pečalb горькая Mosk. Letop. 290 ‚es war damals zu sehen... die Trauer war bitter‘ (Sabenina 1978: 404, siehe auch Verf. 1995: 90–91); sie entsprechen den Beispielen der alten Typen (2b) und (3a) in litauischen Dialekten (vgl. 1.1–2). Die in den heutigen nordrussischen Dialekten verwendeten Konstruktionen mit Ergänzungsnominativ sind infolge des Kasussynkretismus, der Morphologisierung des Gegensatzes zwischen belebtem und unbelebtem Genus und anderer spezifischer Prozesse der russischen Sprachentwicklung stark verändert (siehe Timberlake 1974: 104–116; Žuravlev 1984). Daher rekonstruieren Slawisten die ursprüngliche Subjektfunktion des mit einem Infinitiv verbundenen Nominativs vor allem auf der Grundlage vergleichender Analyse. Von besonderer Bedeutung dafür sind die in litauischen Dialekten erhaltenen Konstruktionen des alten Typs mit Nominativ und Infinitiv: Sie können als Argument dafür gelten, dass auch in den slawischen Sprachen der Ergänzungsnominativ eine solche syntaktische Grundlage gehabt hat. 3.3. Mit dem traditionellen Terminus „Nominativ mit Infinitiv“ werden also in Wirklichkeit Konstruktionen mit unterschiedlicher innerer Struktur bezeichnet: (1) der aus indogermanischer Zeit stammende Subjektsnominativ mit Infinitiv, der sich aus dem Dativ eines Verbalnomens entwickelt hat und die alte finale Bedeutung mehr oder weniger bewahrt; und (2) eine Infinitivfügung mit einem von ihr regierten Ergänzungsnominativ, der diese Funktion wahrscheinlich unter dem Einfluss westfinnischer Dialekte nach der Reanalyse der Konstruktion des ersten Typs erhalten hat. Die Konstruktionen des ersten Typs lassen sich als gemeinsame syntaktische Archaismen des Litauischen und Lettischen auffassen. Die unpersönlichen Konstruktionen mit einem vom Infinitiv regierten Ergänzungsnominativ sind jüngeren Ursprungs, doch werden auch sie heute durch entsprechende Fügungen mit Akkusativ aus dem Gebrauch verdrängt. Besonders deutlich ist ihr Reliktcharakter in den lettischen Dialekten. Anders als im Litauischen, wo der Ergänzungsnominativ in einem abgegrenzten Gebiet der östlichen und südlichen Dialekte noch recht konsequent verwendet wird, sind seine Verbreitungsgebiete in den lettischen Dialekten inselartig über verschiedene Dialekte verstreut und durch Mundarten voneinander getrennt, in denen der Infinitiv nur den Akkusativ regiert (siehe Verf. 1995: 96–98). Der Ergänzungsnominativ ist nur in Verbindungen mit dem Dativ besser erhalten (vgl. Rudzīte 1964: 138, 240, 372). Dies zeigt, dass der westfinnische Einfluss auf den Nominativ mit Infinitiv schon vor langer Zeit endete und sich diese Konstruktion danach in den ostbaltischen Dialekten auf einem eigenen und unterschiedlichen Entwicklungs- 1Einen Überblick über die Literatur siehe Larin 1963; Kiparsky 1960, 1969; Timberlake 1974; Dunn 1982. 99 …li. Besonders interessant ist der Umstand, dass der Nominativ des Objekts in den lettischen Dialekten am stärksten zurückgedrängt wurde, wo sich einst vermutlich sein Ausbreitungszentrum befand, sich im peripheren Areal – im östlichen und südlichen Teil des litauischen Sprachgebiets – jedoch besser erhalten hat. Dies lässt sich durch die unterschiedliche Stellung der Konstruktion im syntaktischen System der litauischen und lettischen Dialekte erklären. 3.4. In den ost- und südlitauischen Dialekten ist der Ausdruck des semantischen Objekts im Nominativ nicht auf Äußerungen mit Infinitiv beschränkt. Bis heute haben sich dort altertümliche Konstruktionen mit passivischen Partizipien des Neutrums und einem Nominativ erhalten, der den Handlungspatienten (das semantische Objekt) bezeichnet, z. B.: Wald wird gefällt/ist gefällt worden; Heu wird eingefahren/ist eingefahren worden; Kühe werden geweidet/sind geweidet worden usw. (ausführlicher dazu aut. 1979: 213–218; 1990: 197–214 mit Lit.). Da diese Konstruktionen zum Paradigma des Passivs gehören, gilt der Nominativ darin als Subjekt; seine semantische Funktion ist jedoch dieselbe wie in Verbindungen mit Infinitiv, vgl.: Hier ist Wald gefällt worden und Es ist nötig, Wald zu fällen; Das Heu ist bereits eingefahren worden und Morgen müssen wir Heu einfahren. Das Verbreitungsgebiet solcher Nominativverbindungen mit passivischen Partizipien des Neutrums und mit Infinitiv deckt sich im ostlitauischen Dialekt nahezu vollständig. Außerdem besteht bei den Nominativkonstruktionen mit passivischen Partizipien des Neutrums – ähnlich wie bei denen mit Infinitiv – ebenfalls die Tendenz zur Reanalyse als unpersönliche Konstruktionen; an die Stelle des Nominativs dringt mitunter bereits der vom Partizip regierte Objektakkusativ vor: Honig wird geschöpft; ein Brief wird geschrieben. In denselben litauischen Dialekten wird der Subjektnominativ weithin mit als Prädikat fungierenden Adjektiven des Neutrums verwendet: Der Gast ist willkommen; der Quark ist schmackhaft usw. Mit dem Hinzutreten des Infinitivs entsteht der Nominativ mit Infinitiv vom älteren Typ (3b): Der Gast ist willkommen zu empfangen; der Quark ist schmackhaft zu essen (vgl. 1.2.). Die genannten Modelle mit passivischen Partizipien und Adjektiven des Neutrums bilden in den östlichen und südlichen litauischen Dialekten eine natürliche Stütze für den Objektnominativ. In den lettischen Dialekten fehlt dem Nominativ mit Infinitiv diese Stütze, da die Adjektive und Partizipien des Neutrums dort schon lange verschwunden sind. Anstelle der neutralen Adjektive werden hier Adverbien mit dem Infinitiv verbunden (grūti „schwer“, viegli „leicht“ usw.), die bereits eindeutig unpersönliche Konstruktionen bilden, vgl.: aka nav viegli rakt „einen Brunnen zu graben ist nicht leicht (wörtl. nicht leicht graben)“. Der lettische Nominativ mit Infinitiv ist daher weiter von persönlichen Konstruktionen entfernt. Nach dem Abbruch der intensiven Kontakte mit den westfinnischen Sprachen wurde er rascher durch den üblichen Kasus des direkten Objekts – den Akkusativ – ersetzt. Im Allgemeinen können Konstruktionen mit dem Nominativ des Objekts (bzw. Patienten, Kontentivs) sowohl beim Infinitiv als auch bei den neutralen Formen der passivischen Partizipien auf eine gemeinsame Grundlage zurückgehen. Ihre wechselseitigen Beziehungen und ihr Zusammenhang mit dem ähnlichen Gebrauch von Partizipien in den westfinnischen Sprachen müssten noch gesondert untersucht werden. Schlussfolgerungen 1. In den litauischen Dialekten lassen sich zwei diachrone Schichten der Konstruktionen mit Nominativ und Infinitiv unterscheiden- 100 schichten. Die älteste Schicht begegnet in Sätzen mit Subjektnominativ und Infinitiv, der seine ursprüngliche Zweckbedeutung bewahrt hat, wie sie für den Dativ von Verbalabstrakta kennzeichnend ist. Die zweite, jüngere Schicht bilden Konstruktionen mit einem vom Infinitiv regierten Objektnominativ. 2. Konstruktionen mit Objektnominativ könnten entstanden sein, nachdem sich der Infinitiv aus dem Paradigma der Verbalabstrakta herausgelöst, zu einer eigenständigen Verbform entwickelt und ein Teil der Konstruktionen des älteren Typs sich als unpersönlich reanalysiert hatte. In unpersönlichen Konstruktionen etablierte sich der Nominativ als Objekt wahrscheinlich unter dem Einfluss westfinnischer Dialekte. 3. Die diachrone Schichtung des Nominativs mit Infinitiv ermöglicht es, zwei Haupthypothesen zur Entstehung der Konstruktion miteinander zu vereinbaren, die bislang als einander entgegengesetzt galten. Die erste (Jablonskis – Endzelīns – Kiparsky) gilt für die älteste Schicht dieser Konstruktionen und beschreibt ihre ursprüngliche indoeuropäische Struktur. Die zweite (Timberlake) gilt für eine spätere Entwicklungsphase und erklärt, wie sich die für den Nominativ untypische Objektfunktion in reanalysierten unpersönlichen Konstruktionen mit Infinitiv etablierte. 4. Der Objektnominativ mit Infinitiv (wie auch der indirekte Modus) kann als eine jener ostbaltischen grammatischen Strukturen gelten, die eine indoeuropäische Grundlage haben, ihre heutige innere Struktur jedoch unter dem Einfluss intensiver Kontakte mit den westfinnischen Sprachen in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrtausends erhielten. LITERATŪRA Ambrazas V. 1977: Netiesioginės nuosakos paplitimas ir kilmės problema. – Lietuvių kalbotyros klausimai 17, 7–54. Ambrazas V. 1979. Lietuvių kalbos dalyvių istorinė sintaksė, Vilnius. Ambrazas V. 1987. Die indogermanische Grundlage des Dativus und Nominativus cum Infinitivo im Baltischen. – Indogermanische Forschungen 92, 203–219. Ambrazas V. 1990. Sravnitelnyj sintaksis pričastij baltijskix jazykov / Vergleichende Syntax der baltischen Partizipien, Vilnius. Ambrazas V. 1995. Lietuvių kalbos bendraties konstrukcijų raida. – Lietuvių kalbotyros klausimai 33, 74–109. Borkovskij V. 1949: Sintaksis drevnerusskij gramot. 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ON THE ORIGIN OF THE NOMINATIVE OBJECT IN LITHUANIAN Summary Two diachronical layers in the structure of the nominative with the infinitive constructions are being discerned. The relics of the oldest layers are found in sentences with the nominative subject and the infinitive preserving the meaning of purpose characteristic of action nominals in the dative case form. The subject function of the nominative in the constructions with the verbs likti ‘remain’, būti ‘be’ (especially with the infinitive of the perception verb) is proved by agreement with the predicate in the compound and modus relativus forms. The second, more recent layer is represented by impersonal constructions with the nominative object governed by the infinitive. Such constructions were formed in consequence of the reanalysis of the constructions of the first type as impersonal ones. The nominative turned into the grammatical object of the infinitive and spread in its new function under the influence of the West Finnic nominative object rule. The impact of West Finnic most likely was conditioned by the expansion of East Baltic dialects over the West Finnic substratum area in 6–7th centuries AD. Taking into consideration the diachronical strata of the nominative with the infinitive the traditional hypothesis about its Indo-European origin (suggested by Potebnja, Jablonskis, En- 102 dzelīns, Kiparsky et. al.) and Timberlake’s hypothesis about the borrowing the nominative object rule from West Finnic may be regarded as complementary ones. The nominative object can be put in line with the relative mood (modus relativus) and some other syntactic phenomena based on the native structure of the East Baltic languages and affected by the external influence in the course of their development. 103