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Origin and semantic motivation of the lett. “piedurkne” ‘a sleeve’

Ilga Jansone

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LIETUVIŲ KALBOTYROS KLAUSIMAI XL (1998) Ilga JANSONE Latvijas Universitātes Latviešu valodas institūts, Rīga WORTHERKUNFT UND SEMANTISCHE MOTIVATION (lett. piedurkne) Zur Präzisierung oft unklarer oder umstrittener Etymologien werden sowohl Daten aus Dialekten und alten Texten, darunter auch Wörterbüchern, als auch aus verwandten und Kontaktsprachen herangezogen. Bei der Erklärung der Herkunft wird dem phonetischen Aspekt, nämlich den Lautveränderungen zu einer bestimmten Zeit und in einem bestimmten Raum, besondere Bedeutung beigemessen; der semantische oder Motivationsaspekt hingegen, also die Auswahl bestimmter Merkmale bei der Benennung – der am engsten mit dem Denken und dem Erkenntnisprozess verbunden ist –, wird zu Unrecht vernachlässigt. Seit mehr als einem Jahrhundert wird über die Etymologie des in der lettischen Literatursprache verbreiteten Wortes piedurkne und seiner Varianten diskutiert. Zu seiner Herkunft sind mindestens drei mehr oder weniger plausible Hypothesen vorgebracht worden. 1. Die erste Hypothese hängt mit den gegenseitigen Kontakten baltischer und germanischer Stämme und Sprachen zusammen. Bereits A. Bielenstein (BB XXII 123, 77) äußerte die Vermutung, das Wort piedruokne sei eine Hybridform, deren zweiter Teil lett. ruoka sei, während der erste Teil eine alte germanische Form *pieda oder *piede darstelle, die mit gotisch paida, althochdeutsch Pfeit und altsächsisch peda übereinstimme, die einen Rock bezeichnen. Demnach wäre piedurkne ursprünglich der Arm des Rocks gewesen. Zu Beginn seiner sprachwissenschaftlichen Tätigkeit (1902 in der Zeitschrift „Jaunības draugs“) ließ auch J. Endzelīns die Möglichkeit gelten, dass die Varianten piedruokne und piedruoka mit diesem Kompositum zusammenhängen. (Dazu siehe DI I, S. 211–212.) 2. Das lettische piedurkne bzw. piedruokne lässt sich mit dem lettischen apdruoksts in Verbindung bringen. So schreibt K. Būga 1908 in seiner Arbeit „Aistiški studijai“, lit. ranka sei aus einer älteren Form dranka entstanden, denn die lettischen Wörter piedruokne und apdruoksts „Querdel am Weiberrock“ zeigen, dass vor r ein d gestanden hat (Būga 1908: 143). Diese Hypothese im Zusammenhang mit lett. piedruokne hat auch J. Endzelīns untersucht (dazu siehe ME III 246). 3. Das lettische piedurkne ist ein Kompositum, dessen Grundlage das Präfix pie- und das Verb durt bilden; demnach ist piedurkne ein Kleidungsstückteil, das an der Grundlage des Kleidungsstücks angesetzt, befestigt ist. Diese Hypothese wurde bereits in A. Leskiens Arbeit „Die Bildung der Nomina im Litauischen“ befürwortet (wobei die mögliche Umwandlung des Suffixes tn in das Suffix kn hervorgehoben wird)¹; wiederholt hat sich positiv dazu geäußert ¹ „-ni-s, fem. -ne kommt oft in der Verbindung -tnis, -tne vor, die man zunächst für Weiterbildung des Part. prät. pass. oder alter ti-Stämme halten möchte.. Es sind aber unter diesen 74 J. Endzelīns (siehe DII 128–129 und ME III 246) nennt dies als einzige mögliche Erklärung; ebenso K. Karulis (dazu LEV II 43). Nach einem kurzen Überblick über die möglichen Etymologien dieses Wortes stellt sich jedoch die Frage: „Wodurch hat sich diese Bezeichnung für einen Kleidungsbestandteil eine solche Beachtung verdient?“ Die Antworten darauf sind offenbar vielfältig. Die erste hängt mit der Vielzahl phonetischer und morphologischer Varianten des Wortes piedurkne in den lettischen Dialekten und deren unterschiedlicher Wiedergabe in historischen Wörterbüchern zusammen (mit historischen Wörterbüchern sind hier die in verschiedenen Jahrhunderten veröffentlichten lettischen Wörterbücher gemeint, sowohl Übersetzungs- als auch Bedeutungswörterbücher). Bislang sind in den lettischen Dialekten (einschließlich der Varianten der Latvju dainas) etwa 30 verschiedene Bezeichnungen für den Ärmel verzeichnet, die sich nach der möglichen Wurzel und deren Veränderungen zu gruppieren versuchen lassen: • piedurtne, piedurkne, piedurkle, piedurksne, piedurne, pieduorkne, pieduorksne, piederkne, piedarkne, piedārkne, piedārpne (letzteres nur in den Latvju dainas); • piedruokne, piedruokns, piedruoknis; piedruokle, piedruoksne, piedrunkne, piedrukne, piedrūkne, piedrukle, piedrekne, piedraukle, piedrakne, piedrakns, piedraknis; • pierdūkne, pirduokne, pirduokne, pirdakne, pirdākne; • pirnute, pirnuote. Daneben gibt es sowohl in den Dialekten als auch in der Literatursprache einige wenige Ärmelbezeichnungen, die auf einer semantischen Übertragung von einem Körperteil auf einen Kleidungsbestandteil beruhen (zum Beispiel ist ruoka in der Literatursprache neben der Bezeichnung piedurkne bekannt und kommt in den Dialekten neben einer der Varianten von piedurkne vor; ruokāve ist in Lejas-Kurzeme als Entlehnung aus dem Litauischen bekannt). Die Widersprüche in den Erklärungen zur Herkunft des von J. Endzelīns und anderen lettischen (und nicht nur lettischen) Sprachwissenschaftlern untersuchten Wortes piedurkne sind darauf zurückzuführen, dass es nicht gelingt, infolge phonetischer und morphologischer Veränderungen in Raum und Zeit einen einzigen Ausgangspunkt zu finden. Nach Auffassung der Psycholinguisten und der Vertreter der Nominierungstheorie (Ullmann, Brekle und mittelbar auch Pavel und Foltin) ist die Variantenvielfalt – wenn diachrone areale Lautveränderungen und Endungswechsel in flektierenden Sprachen außer Betracht bleiben – eines der Merkmale fremden Ursprungs. Auch in der lettischen Sprachwissenschaft gelangte E. Kagaine bei der Analyse von Entlehnungen aus den finno-ugrischen Sprachen zu diesem Schluss (dazu LZA Vēstis 1993, Nr. 7, S. 8–17). Kehren wir jedoch zur aufgeworfenen Frage und zur möglichen zweiten Antwort zurück, die mit der besonderen Art der Nomination des Wortes piedurkne zusammenhängt. Worten ohne Zweifel mehrere, in denen tn für kn, dieses für kl steht; zu dem Wechsel von tn und kn… Wort mit kn und tn im Suffix dürfte hierher zu rechnen sein, z. B. pēdurkne Aermel, zu durt stechen.“ (Leskien 1981: 376) 75 Zunächst wäre es sinnvoll, den Aspekt der Motivation näher zu betrachten und zu klären: 1) welche motivierenden Merkmale bei der Bildung der Bezeichnungen für den Ärmel in baltischen, slawischen, germanischen, finno-ugrischen und möglicherweise weiteren Sprachen verwendet wurden; 2) welche die charakteristischsten Benennungsmerkmale für Kleidung und ihre Teile in den baltischen (lettischen) Sprachen sind und in welchem Zusammenhang sie mit möglichen Benennungsmerkmalen für die Bezeichnung des Ärmels stehen; 3) welche Bedeutungen das polyseme Verb durt in der lettischen Standardsprache und in den Dialekten hat. In den meisten verwandten und Kontaktsprachen wird für die Benennung des Ärmels das semantische Modell „Körperteil“ → „Kleidungsteil, das dieses Körperteil bedeckt“ verwendet. Grammatisch kommt ein unterscheidendes Morphem zum Einsatz, gewöhnlich eine Endung oder ein Suffix, aber auch ein Wechsel des Stammvokals. Einige Beispiele aus jeder Sprachgruppe: baltisch – litauisch ranka → rankovė, hier auch lett. ruoka „Körperteil“ → ruoka „Kleidungsteil“, dial. ruokāve „Ärmel“; slawisch – russisch pyka → рукав; polnisch ręka → rękaw; tschechisch ruká → rukáv; weißrussisch рука → рукаў; germanisch – deutsch Arm → Ärmel; schwedisch arm → ärm; englisch arm → sleeve < altenglisch slēfe, nordfriesisch slēv, slīv; romanisch – französisch bras → manche „Teil des Kleidungsstücks, der den Arm bedeckt“ (erstmals um 1150 im Französischen belegt) < lat. manica, manus „langer Kleidungsärmel (bis zur Hand reichend)“; italienisch mano → manica; finno-ugrisch – estnisch käsi → käis; livisch kāds → kāduks, finnisch aber käsi, käsi-varsi → hiha < urfinnisch *šiša < *iša. Wie aus den genannten Beispielen hervorgeht, wird in allen Kontaktsprachen, zumindest in ihren literarischen Varianten, für die Bezeichnung des Ärmels das erwähnte semantische Modell „Körperteil“ → „Kleidungsteil, das dieses Körperteil bedeckt“ verwendet. Auch im lettischen Benennungssystem ist dieses Modell nicht fremd, zum Beispiel Rücken, Vorderseite, Bein/Schenkel, Hals → um den Hals usw. Im Lettischen, besonders in seinen Dialekten, stehen mehrere Bezeichnungen für Kleidung und ihre Teile mit einem Verb in Verbindung, das eine Handlung bezeichnet, durch die Kleidung oder ein Teil davon hinzugefügt (angefertigt) wird: annähen → Annähteil „unterer Teil eines zweiteiligen Hemdes (aus Werg- oder gröberem Stoff); annähen → Annähstück „unterer Teil eines zweiteiligen Hemdes (aus Werg- oder gröberem Stoff)“, weben → Webstück, Webteil „Kopf- oder Schulterdecke“, bedecken → Schultertuch „Schulterdecke“ usw. Mit Ausnahme des letzten Beispiels ist das erwähnte semantische Modell nur in Dialekten verbreitet, jeweils jedoch in einem anderen Gebiet. Ein solches Modell findet sich auch im Litauischen, zum Beispiel lit. pridurka ‘motērišķu marškinų apačioje pridurtoji dalis’ LKŽ X 612–613; padurkas ‘senoviškų moteriškų marškinių prastesnių siūlų storo audeklo pridūrimas, apačioje pridurkas’ LKŽ IX 61. Die Verben -durt (bzw. piedurt) sind sowohl in der lettischen Standardsprache als auch in den Dialekten polysem. Im Wörterbuch der Standardsprache ist auch die Bedeutung „etwas (an etwas, an etwas anderem) befestigen“ verzeichnet; diese Bedeutung ist auch den Dialektsprechern bekannt, doch in beiden Fällen- 76 Es ist eine semantische Nuance zu beobachten: ‘für kurze Zeit befestigen, an einer Stelle (oder an wenigen Stellen) befestigen’. In den 1933 gesammelten Materialien aus dem Dialekt von Jēri ist folgendes Beispiel belegt: „ka vēlāk sāk a celīnim šūt krēklam krūts, ta briesmig smalk nuōdur tuo krēkl“, in dem das Verb nuodūrt die Bedeutung ‘abnähen’ hat; dies ist jedoch bislang das einzige belegte Beispiel mit dieser Bedeutung. Bei der Analyse der charakteristischsten Benennungsprinzipien, d. h. bei der Ermittlung der wichtigsten motivierenden Merkmale, zeigt sich, dass die Benennung des Wortes piedurkne im Lettischen eine besondere Situation darstellt – die motivierenden Merkmale dieser Bezeichnung (sofern sich solche überhaupt bestimmen lassen) unterscheiden sich sowohl von denen der verwandten Sprachen als auch von den in historisch näherstehenden Kontaktsprachen verwendeten Merkmalen. Weder in der lettischen Schriftsprache noch in weiten Dialektgebieten wird bei der Bildung von Kleidungsbezeichnungen das semantische Modell ‘eine Handlung, durch die ein Kleidungsstück oder ein Teil davon hinzugefügt wird’ verwendet; auch hat sich für das Verb -durt im Lettischen nicht die Bedeutung ‘nähen’ herausgebildet. Selbst eine umfassende Untersuchung der Benennung und ihrer semantischen Aspekte legt nahe, dass die bislang vorgeschlagenen Etymologien weder eine phonetische noch eine semantische Begründung haben. Wie bekannt, lebte keiner der baltischen Stämme isoliert; daher konnten auch im Denken der Menschen keine völlig anderen Vorstellungen und Assoziationen entstehen. Die Suche nach dem Ursprung des Wortes piedurkne sollte fortgesetzt werden: • in der Geschichte der baltischen Sprachen (durch Klärung der Frage, ob sich in den alten Quellen des ausgestorbenen Altpreußischen oder des Litauischen eine ähnliche Bezeichnung für piedurknes und ein analoges semantisches Modell finden); • im Lettischen selbst (durch Klärung der Frage, ob im Lettischen zunächst die Bezeichnung ruoka ‘Kleidungsstück’ bekannt war oder eine der Varianten des Wortes piedurkne). Es muss eingeräumt werden, dass dies erst möglich sein wird, sobald eine Datenbank des historischen lettischen Wortschatzes erstellt worden ist; • in lang andauernden und kurzfristigen Kontaktsprachen. Eingegangen am 15.04.1998 LITERATŪRA BB: Beiträge zur Kunde der indogermanischen Sprachen. Herausgeben von Dr. Adalbert Bezzenberger (und Dr. W. Prelwitz). Göttingen, 1877–1906. B r e k l e H. 1972: Semantik. Eine Einführung in die sprachwissenschaftliche Bedeutungslehre, München. B ū g a 1908: Aistiški studijai, Peterburgas. DI: E n d z e l ī n s J. Darbu izlase. I sēj. Rīga, 1971. EH: E n d z e l ī n s J., H a u z e n b e r g a E. Papildinājumi un labojumi K. Mīlenbaha Latviešu valodas vārdnīcai. 1.–2. sēj. Rīga, 1934–1946. F o l t i n H. F. 1963: Die Kopfedeutung und ihre Bezeichnungen im Deutschen. – Deutsche Wortforschung in europäischen Bezügen 3, Giessen. G r e i m a s A. J. 1992: Dictionnaire de l’ancien français, Paris, Larousse, 364. Le dictionnaire 1996: Le dictionnaire du français langue étrangère, Paris. L e s k i e n A. 1891: Die Bildung der Nomina im Litauischen, Leipzig. 77 LEV: Karulis K. Latviešu etimoloģijas vārdnīca 1–2, Rīga, 1992. LKŽ IX–X: Lietuvių kalbos žodynas 9, Vilnius: Mintis, 1973; 10: Mokslas, 1976. ME: Milenbahs K. Latviešu valodas vārdnīca. Rediģējis, papildinājis, turpinājis J. Endzelīns 1–4, Rīga, 1923–1932. Picoche J. 1979: Dictionnaire étymologique du français. Paris, Les usuels du français, 404. SKES: Suomen kielen etymologinen sanakirja 1, Helsinki, 1955. Ullmann S. 1972: Grundzüge der Semantik. Die Bedeutung in sprachwissenschaftlicher Sicht, Berlin-New York, 347. ŽODŽIO KILMĖ IR JO SEMANTINĖ MOTYVACIJA (lat. piedurkne) Santrauka Straipsnyje mėginama aiškinti latvių kalbos žodžio piedurkne kilmę semantinės motyvacijos aspektu. Remiantis anksčiau pateiktomis šio žodžio etimologijomis (1. piedruokne < latv. ruoka + germ. *pieda; 2. piedurkne, piedruokne < balt. *dranka; 3. piedurkne latv. pie- + latv. durt) nustatyta, jog nei viena iš jų neapima visų užrašytų variantų. Kad būtų išaiškinta šio žodžio, t. y. atskirų kilmė, reikalingi tolesni semantiniai tyrimai kontaktuojančiose kalbose, giminingose kalbose, latvių kalbos diachroninėje sistemoje. ORIGIN AND SEMANTIC MOTIVATION OF THE lett. piedurkne ‘a sleeve’ Summary The article deals with possible explanations of the origin of the word piedurkne from the aspect of semantic motivation. Judging from the before mentioned etymologies of the word (1. piedruokne < lett. ruoka + germ. *pieda; 2. piedurkne, resp. piedruokne < balt. *dranka; 3. piedurkne < lett. pie- + lett. durt), the conclusion is drawn that none of them goes with all the fixed variants. In order to find the origin of this word or rather its separate variants, further semantic research is necessary in contact-languages, cognate languages, diachronic system of the Latvian language. 78