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Die Vermittlungsrolle des Hochlettischen bei den altrussischen und litauischen Entlehnungen im Lettischen

Ilja A. Seržant

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Acta Linguistica Lithuanica LV (2006), 89 – 106 Die Vermittlungsrolle des Hochlettischen bei den altrussischen und litauischen Entlehnungen im Lettischen1 ILJA A. SERŽANT Lietuvių kalbos institutas In this article it is argued that most Latvian borrowings from Old Russian must have entered the language through Proto-High-Latvian, whence they were borrowed into Proto-Middle-Latvian. This would explain their phonetic shape, particularly Middle Latvian uo as the reflex of Old Russ. ѡ [u:] in borrowings like suoma (OR. съма), muoka (OR. мъка), presumably through Proto-High-Latvian *sūma, *mūka with subsequent substitution of [uo] for [u:] according to the pattern of sound correspondences between the dialects. This assumption would also account for many other cases where Middle Latvian forms diverge from those of Old Russian (and Lithuanian), cf. Middle Latvian baznīca with broken tone on a suffix usually bearing sustained tone (-nīca). This broken tone cannot be due to the Old Russian pronunciation and must reflect the High Latvian glottalization of internal syllables containing original ī or ū. 1. DIE ENTLEHNUNGEN AUS DEM SLAVISCHEN 1.0.1 Bekanntlich liegt der modernen lettischen Hochsprache der mittellettische Dialekt zugrunde. Das Verbreitungsgebiet dieses Dialekts kann sehr grob als „in der Mitte Lettlands“ beschrieben werden, wobei sich die Mitte 1 Für die Besprechung meiner Arbeit sowie die zahlreichen wertvollen Hinweise möchte ich Herrn Prof. Sergej Temčūn (Vilnius, LKI) an dieser Stelle ganz herzlich danken. Desgleichen möchte ich mich bei Frau Everita Andronova (Riga, St. Petersburg) bedanken, die mir eine elektronische Liste der im ME verzeichneten Entlehnungen aus dem (Alt)Russischen zu Verfügung gestellt und damit die Suche nach solchen in hohem Maße erleichtert hat. 89 Ilja Seržant auf die Linie von West nach Ost bezieht. Die moderne lettische Sprache besitzt eine Reihe von Entlehnungen verschiedenen Alters aus russischen und weißrussischen Mundarten. Da nun also der Mittellettische Dialekt zunächst einmal rein geographisch gesehen in historischer Zeit keine Berührungspunkte mit den ostslavischen Mundarten hatte (und bis heute keine aufweist), müssen die Entlehnungen aus den ostslavischen Mundarten durch die Vermittlung des hochlettischen / letgalischen Dialekts in das Mittellettische gelangt sein. Diese triviale Überlegung erlaubt es uns, die Lautform vieler Entlehnungen aus dem Altrussischen und Litauischen zu erklären, was bis jetzt unbeachtet geblieben ist. 1.0.2 Es ist in diesem Zusammenhang wichtig zu betonen, daß die in § 1.1 besprochene Entsprechung ostslav. [u:] versus lett. uo bisher als Wiedergabe der urotslavischen Aussprache interpretiert wurde, die die lettischen Entlehnungen konserviert haben sollen (so Kiparsky 1952: 74; ders. 1963: 80–81; Koškin 2006: 36 u.a.). Im Folgenden wird dagegen dargestellt werden, daß diese Annahme unbegründet ist. Die Erklärung einer solchen, nicht regelrechten, Entsprechung ist nicht auf ostslavischem, sondern – wie bei einer Reihe weiterer Entlehnungen – auf lettischem Boden zu suchen, und zwar in der vermittelnden Rolle des urhochlettischen Dialekts. 1.0.3 In dieser Arbeit werden ausschließlich altrussische Entlehnungen betrachtet, die vermutlich um die Zeit vom 10. bis zum 12. Jh. in das lettische Sprachgebiet kamen. Die untere Grenze (10. Jh.) wird aufgrund der Annahme gesetzt, daß die mit der christlichen Mission verbundenen Entlehnungen nicht vor der offiziellen Ausrufung des Christentums zur Staatsreligion der Rus’ entlehnt worden sein können. Man beachte, daß es sich um eine große Zahl von mit der Mission verbundenen Termini handelt, was uns bei der Datierung der Entlehnungen als Richtlinie dienen kann. Auch die obere Zeitgrenze (12. Jh.) ist nur ungefähr angesetzt. Seit dem 13. Jh. verändert das Erstarken des Deutschen Kreuzritterordens im Westen Lettlands die geopolitische Lage, wodurch der altrussische Einfluß an Bedeutung verliert. Schließlich seien noch die sprachlichen Merkmale einer Entlehnung angeführt, die hier als altrussisch eingestuft wird: 90 Die Vermittlungsrolle des Hochlettischen … – die Beibehaltung der reduzierten Vokale in der schwachen Position und die Wiedergabe der starken reduzierten Vokale mit ihrem ursprünglichen Lautwert, also altruss. ъ > lett. u, ь > lett. i; – die Beibehaltung der Vokalquantität, d.h. urslavische Langvokale werden auch im Lettischen als lang wiedergegeben. Die ostslavischen Entlehnungen, die diese Kriterien nicht erfüllen, werden als spätere Entlehnungen betrachtet. 1.0.4 Die ältesten ostslavischen Entlehnungen in das Urhochlettische stammen vermutlich aus dem Dialekt der Kriviči, der mit einiger Variation im alten Novgorod, Pleskau und Smolensk gesprochen wurde. Abgesehen von der unmittelbaren geographischen Nähe dieses altrussischen Dialekts zu Letgalien sprechen dafür noch eine Reihe weiterer Argumente. Das ostlettische Gebiet befand sich auch einige Zeit nach der Ankunft des deutschen Kreuzritterordens im Wirkungsbereich des Novgoroder Stadtstaates. So ist es bekannt, daß im 12. Jh. die Stadt Novgorod die Tribütrechte in Letgalien an ihre Tochterstadt Pleskau abgetreten hatte, was um 1224 auch vertraglich durch den Orden bestätigt wurde (Nazarova 2002: 592–593). Zu erwähnen ist ebenfalls die später auf alle Russen bezogene Bezeichnung mittellett. krievs, mit der zunächst sicherlich nur die Kriviči gemeint waren. Schließlich seien noch sprachliche Argumente angeführt: Einige alte Entlehnungen aus dem Ostslavischen zeigen (dort, wo es möglich ist) die für den Novgoroder-Pleskauer Dialekt typischen Erscheinungen, in erster Linie das Cokanje (Semenova 1959: 599): vgl. buca ‚Faß‘ aus altruss. *ъbča (vgl. modernes dial. pleskauisch боча (POS₂ 136 s. v.)) (ME₁ 344)2; c’iešk’i adv. ‚häufig, oft‘ (Zvirgzdine, Pilda, Bērzgale, Baltinava (EH₁ 269)) aus *cēst-ji ← adj. *cēsts (aus aruss. часть / часть, Srezn₃ 1475); rūcis (gen. sg. 2 Hier liegt die urslav. Gruppe *-tj- vor. Auch diese Gruppe weist das Cokanje auf, vgl. хочѫ und хочю (zu хотѣти im altnovgoroder Dialekt s. Zaliznjak 1995: 677). Im übrigen kann lett. dial. buca keineswegs Einfluß seitens des gleichbedeutenden muca erfahren haben, da das letztere selbst durch den Einfluß des ersteren erklärt werden muß (MEⅡ 657–658). Des weiteren weist mich S. Temčin (Vilnius) freundlicherweise auf kroat. boca ‚Flasche‘ hin. Ich kann die kroatische Form nicht erklären, doch weist die moderne plesk. Form boča daraufhin, daß beim vorauszusetzenden altruss. *ъbъца ein Fall von Cokanje vorliegt. 91 ILJA SERŽANT rùča) aus altruss. порчами, порчии (SreznIII 199), tyuc’s aus altruss. торча, ceista aus altruss. чисто, svece aus altruss. свѣча, plecs aus altruss. плечѣ/ плече (Semenova 1959: 600; Reķēna 1962: 371, 399); hochlett. cinêt ‚Kartoffeln schälen‘ aus altruss. чинити (Laumane 1977: 74)³. 1.1. Ostslavisch -оγ- > Lettisch -uo- 1.1.1 Die Wurzelsilbe Die übliche Entsprechung für das altruss. оγ ist lett. uo, vgl. bluōda < altruss. бладо; šuòģis < altruss. сѫдьи, (altkirchensl. бладо, сѫдии), šuòds (altruss. сѫдъ, altkirchensl. сѫдъ). Da das Lettische über einen ū-Laut verfügt, wäre zu fragen, warum diese Lehnwörter nicht **blūda, **sūdis / **sūģis lauten. Dies ist mit der Vermittlung des hochlettischen Dialekts zu erklären, und zwar folgendermaßen: Das altrussische Wort бладо muß in den hochlettischen Mundarten erwartungsgemäß zunächst als *blūda, das Wort altruss. сѫдъ als *sūds (so auch belegt in Kalupe, vgl. Reķēna 1962: 473) entlehnt worden sein, da die altrussischen (zumindest ursprünglich) betonten Langvokale in den hochlettischen Mundarten ebenfalls durch einen langen Vokal wiedergegeben werden, vgl. ruocs < *rāds < altruss. радъ, slùops < *slāps < altruss. слаѣть (Reķēna 1962: 26). Bei der darauf folgenden Weiterwanderung des nunmehr urhochlettischen Lexems nach Westen, beispielsweise *sūds, haben die Sprecher des urmittellettischen Dialekts für die urhochlettischen Laute die entsprechenden eigenen Laute substituiert, die sie auch sonst bei Erbwortentlehnungen substituieren. Vgl. dazu Hermann Paul (1995: Kap. XXII §284): „Daher erscheint ein aus einem verwandten Dialekte aufgenommenes Wort ganz gewöhnlich in der nämlichen Lautgestalt, die es erlangen haben würde, wenn es aus der Zeit der ehemaligen Spracheinheit her sich erhalten hätte.“ Dabei gilt dem Sprecher des urmittellettischen Dialekts das Verhältnis von 3 Auch einige jüngere Entlehnungen weisen das bis heute in den Pleskauer Mundarten bewahrte Cokan’je auf: càrnica < russ. dial. черница ‚Heidelbeere‘ (Laumane 1977: 73); casnàks aus russ. чеснок (vgl. lit. česnākas), kànčs aus russ. кончик Kalupe (Reķēna 1962: 371, 399). Diese sind später durch die Aussiedler aus dem Pleskauer Gebiet in das Hochlettische hineingekommen. 92 Die Vermittlungsrolle des Hochlettischen ... etwa urmittellett. ruoka zu urhochlett. rūka als Muster. Er wendet daher die Lautsubstitution urhochlett. *ū → urmittellett. *uo an⁴. Diese Tatsache erklärt gleichermaßen auch: ḷuoti und altruss. пюто, pūōsts und altruss. поуеть. Bezüglich des Wortes suōgīs muß noch bemerkt werden, daß zur Zeit der Entlehnung dieses Wortes aus dem Altrussischen das Phonem ǥ im Hochlettischen vermutlich als *d’ ausgesprochen wurde, vgl. Seržant 2006, wie heute noch im Nordosten Lettlands (Ābele 1940: 213). Allein durch die Vermittlung des Hochlettischen scheint der Vokalismus dieser beiden Formen erklärt werden zu können. Diese Vermutung wird bereits in Reķēna (1962: 31) geäußert. Das altruss. Wort соудии/соуд- ани wurde auch ins Litauische entlehnt und hat dort den regelmäßigen Vokalismus ū, vgl. lit. sūdžia vs. lett. sùoǵis und lit. sūdas vs. lett. sùods, lit. bliūdas vs. lett. bļùoda. Weitere Beispiele sind: sùolīt (lit. siūlyti, altruss. соулити), duōma (lit. dūmà, altruss. доума), uōma (lit. ūmas, altruss. оумъ), rùobs / rùobīt aus altruss. ровити, skūops (altruss. скопъ), außerdem mūoka aus altruss. моука, puōga aus altruss. поугъвица/ поугъва / поугъы (Srezn₍II₎ 1723), skūops aus altruss. скопъ, rùobeža aus altruss. ровежь (Srezn₍III₎ 179), suōma altruss. соума, lett. (neben regulärem kūms), dial. auch kuoms (lit. kūmas, altruss. коумъ) (ME₍II₎ 336). 1.1.2 Die Suffixsilbe Des weiteren scheint in einigen Fällen das mittellett. suffixale -uo- ebenfalls hierher zu gehören, vgl. mittellett. karuogs aus altruss. хороунъ/ хороунъ-вы, kaltuons (dial.) entspricht russ. колтун < altruss. *колтоунъ, kažuoks altruss. кожохъ (Beispiele aus Endzelin 1899: 294). 1.1.3 Spätere Entlehnungen haben an dieser Stelle meistens ein kurzes -u-, vgl. z.B. dial. suma zu russ. сума, dial. budka zu russ. будка (Endzelin ⁴ Denkbar wäre, daß in einigen Fällen die Lehnwörter wirklich von Ost nach West, vom einen Ort zum nächsten gewandert sind. Auf der Linie West → Ost sind entsprechend verschiedene Stufen des Übergangs uo > ū belegt (vgl. DA: 54a., 55e.), was wohl auch in älterer Zeit der Fall war. Während also *bļūda weiter nach Westen wanderte, veränderte sich der Vokalismus je nach der Aussprache des fraglichen Phonems im jeweiligen Ort von ū (im äußeren Osten) zu uo (im Westen). Auf diese Weise kann auch die Lautgestalt der Wörter vom Typ bļūoda erklärt werden. 93 ILJA SERŽANT 1899: 306), was auf die Kürzung des betreffenden Vokals im Russischen zurückzuführen ist. 1.1.4. Die Interpretation von Kiparsky Einige der oben (§ 1.1) genannten Beispiele sind nach Kiparsky (1952: 74) angeführt, der allerdings aufgrund des lettischen (und in einigen Fällen auch in den ostseefinnischen Sprachen vorhandenen) uo darauf schließt, hier sei ins Lettische früher entlehnt worden als ins Litauische, das in fast allen Entlehnungen an dieser Stelle ū hat. Als Beweis dafür, daß tatsächlich lett. uo auf uo/ō zurückgeht, mit anderen Worten, daß diese Entsprechung nicht als Eigentümlichkeit des Lettischen erklärbar ist, führt er die Entlehnungen aus dem Schwedischen und Mittelniederdeutschen an, bei denen in der Tat ein schwed. oder mittelniederdt. ô [ō] bzw. û [ū] mit lettisch uo und ū wiedergegeben werden, vgl. mndt. bôm ‚turnpike‘ – lett. buomis. Nun erscheint diese Interpretation von Kiparsky aus mehreren Gründen unhaltbar. (a) Die mittelniederdeutschen und schwedischen Lehnwörter müssen direkt in das Mittel- bzw. Livischlettische gekommen sein, wobei sich der livische Dialekt („lībiskais dialekts“) vom Mittellettischen in Bezug auf die Vokalqualität früher (wie auch heute) kaum unterschied. Diese Entlehnungen wurden folglich nicht durch einen anderen lettischen Dialekt verändert, so daß hier phonetische Gleichheit vorlag. Die Situation hinsichtlich der ostslavischen Entlehnungen ist prinzipiell anders – sie wurden zuerst durch das Hochlettische aufgenommen, das in älterer Zeit eine Reihe von Lautveränderungen durchgemacht hatte (vgl. die relative Chronologie in Seržant 2005: 84). (b) Die Aussprache des urruss. *ъ als *uo bzw. *ō erscheint aus folgenden Gründen unwahrscheinlich: – soweit mir bekannt ist, gibt es in den heutigen Dialekten und deren Mundarten keine Hinweise auf eine frühere Aussprache des altruss. ѫ als [uo]; 94 Die Vermittlungsrolle des Hochlettischen ... – für urotslav. *ǭ aus urslav. *on und *un sprechen indirekt die ostlitauischen Mundarten. Die Nasalvokale sind im Ostslavischen noch vor Beginn der schriftlichen Überlieferung geschwunden (vgl. die Tabelle in Kiparsky 1963: 150). Im Hochlitauischen sind die Nasalvokale allgemein erhalten geblieben, vgl. lit. rankà. Nun ist längst bekannt, daß die Nasalvokale im Ostlitauischen unter dem Einfluß der ostslavischen Sprachen zwar erhalten geblieben sind, ihre Vokalqualität aber verändert haben (Zinkevičius 1987: 69). So werden hier etwa im 9.-10. Jh. die Laute ą, an, am zu ų, un, um und ę, en, em zu į, in, im (Zinkevičius 1966: 96; Ders. 1981: 94 und 1987: 69). Dies weist daraufhin, daß die relative Chronologie des Wandels urslav. *on > ostslav. u wie folgt verlief: urslav. *on > *un > ų: (altbulg. ж) > altruss. ѫ [u:]. Die Zwischenstufe *uo ist also unwahrscheinlich. Überhaupt stößt Kiparskys Annahme auf relativ-chronologische Schwierigkeiten: Einerseits wird eine uralte Aussprache des ѫ/ ѧ postuliert, andererseits wird Zusammenfall beider urslavischen Vokale (ѫ > ѧ) vorausgesetzt – ein Vorgang, der sich, wie bereits erwähnt, kurz vor der ostslavischen schriftlichen Überlieferung vollzogen hatte. Aufgrund des Zusammenfalls beider Phoneme in den Entlehnungen kann also kaum von einem hohen Alter die Rede sein; – beim Parallelfall ostslav. -и- lett. -ie- (s. u. § 3) ist eine solche Erklärung – die Ostslaven hätten hier ie ausgesprochen – überhaupt nicht denkbar, da hier manches ostslav. -и- auf urslav. *ī zurückgeht. Eine ostslav. Entwicklung *i > *ie ist nicht nachzuweisen; – des weiteren sprechen für den ursprünglichen Lautwert des altruss. ѫ auch die Entlehnungen ins Hochlettische (wie auch ins Litauische), die nicht ins Mittellettische aufgenommen worden sind. In kìukūl’i (Kalupe, Reķēna 1962: 405, vgl. altruss. коукокль (Srezn₁ 1362)) ist die Altertümlichkeit durch den Wandel urhochlett. *ū > hochlett. iu/ yu, eine der relativ-chronologisch ältesten Lautveränderungen des Hochlettischen überhaupt (Seržant 2006: 44–47 sowie 84), gesichert.5 Somit ist die Ansicht von Kiparsky (loc. cit.) zu revidieren. 5 kìukāli Baltinava, Viļāni (ME₁₁ 342) ist eine künstlich rekonstruierte mittellettische Form für *kiukāli / *kyukāli gemäß der Anlage des Wörterbuches, in dem alle dialektalen Formen in der mittellettischen Lautung eingetragen sind. 95 Ilja Seržant 1.2. Ostslavisch -ъ- > Lettisch -i- Eine weitere Entlehnung, altruss. ѿрѡвь zu mittellett. siruobsIII (ME 848), läßt sich lautliche nur durch die Vermittlung des Hochlettischen Dialekts erklären. Daß die Entlehnung alt sein muß, bezeugt der Vokal der ersten Silbe, der eine Entsprechung des altrussischen reduzierten Vokals ъ in schwacher Stellung darstellt; im späteren Russisch wurde dieser Reduktionsvokal synkopiert, vgl. neuruss. сруб. Der altrussische reduzierte Vokal hatte einen Lautwert [ŭ] (überkurzes [u]). Das altrussische Wort wurde seiner Lautgestalt entsprechend in das Hochlettische als *syrūbs (wo y einen dem modernen russ. ы-Laut ähnlichen Laut wiedergibt) entlehnt. In fast derselben Form ist dieses Lexem auch in Kalupe belegt, vgl. syrups, gen. sg. syruba (Reķēna 1962: 459). Hier wurde der mittlere Vokal gekürzt, also *ū > u6. Das mittellettische -i- in siruobs ist also eine Substitution des hochlettischen Lautes -y-. Die Annahme einer direkten Entlehnung durch das Mittellettische hätte die Substitution -i- für altruss. -ъ- nicht erklären können. 1.3. Ostslavisch -и- > Lettisch -ie- Analog zu der in § 1 dargestellten Entsprechung (Ostslav. -u- > Lett. -uo-) verhält sich die Entsprechung für das palatale Korrelat. Die Erklärung dieser Entsprechung beruht ebenfalls auf der alten Monophthongierung mittellett. ie > hochlett. ī. Wir nehmen also an, daß die ostslavischen Lehnwörter in das Hochlettische auch mit ī übernommen wurden und erst dann die Lautsubstitution ie > ī in umgekehrter Richtung durchliefen (wie in § 1, vgl. Paul 1995: Kap. XXII §284). Dadurch ergab sich das mittellett. ie als Entsprechung des ostslavischen и und urhochlett. *ī. Folgende Beispiele belegen diese Entwicklung: die Bezeichnung des Altpleskauer Stammes altruss. кривичь, also hochlett. *krīv- > mittellett. krievs, das im Lettischen bis heute als Bezeichnung der Russen gilt; lett. miers < aruss. миръ u. a. Es muß hierher wohl das im Lettischen weit verbreitete Suffix -(i)nieks) gestellt werden, das in der Regel einen Berufsangehörigen bezeichnet. Die- 6 In dieser Mundart werden die unbetonten Längen des öfteren verkürzt, vgl. ūzuls (< hochlett. anderswo ūzūls), uobuls (< hochlett. uobūls) u. a. (Reķēna 1962: 39). 96 Die Vermittlungsrolle des Hochlettischen ... ses Suffix, das keine alten Parallelen im Litauischen hat, muß unter ostslavischem Einfluß (hier -никъ) das entsprechende baltische Suffix lett. *-iniks, lit. (regulär) -ininkas ersetzt haben. Das Eindringen der ostslavischen Form des Suffixes wurde durch zahlreiche Entlehnungen, die dieses Suffix enthielten, möglich, vgl. lett. burtnieks ‚Imker‘ und altruss. бъртникъ. 1.4. Ostslavisch -ъі- > Lettisch -ie- Ähnliches gilt für mittellett. siērs, das früh aus dem Russischen (zur Intonation vgl. unten § 3) entlehnt wurde: Altruss. сыръ konnte im Hochlettischen nur mit *sīrs wiedergegeben werden, da der russische Vokal ы in diesem Fall betont ist und daher seine Länge behält bzw. als lang empfunden wird, also nicht mit lettgal. y substituiert werden konnte – man brauchte eben einen langen Vokal. Außerdem findet sich zuweilen auch in den Pleskauer Denkmälern des 15. Jahrhunderts eine „Verschreibung“ [d. h. Abweichung von der damaligen orthographischen Norm], die eine Verwechslung von altruss. ы und и bezeugen kann (Karinskij 1909: 176). Denkbar wäre also auch eine auf ostslavischem Boden eingetretene Angleichung von [ъі] an [и]. Daß die Form *sīrs im Hochlettischen existiert hat, beweist die Form seirs in Jaunroze₃₈₄, Jaunlaicene₃₈₅, Veclaicene₃₈₆ (Ābele & Lepika 1928: 39), wo das ei regelmäßig aus einem alten ī entsteht (Endzelīns 1951: 146–147; Seržant 2005: 44–47). Auch andere Beispiele belegen die Substitution des altruss. ы durch hochlett. ī, vgl. hochlett. skrein’e (Kalupe, Reķēna 1962: 460) < *skrin’a < altruss. скрина / скрина, des weiteren die nur im letgalischen Gebiet verbreitete Entlehnung seits < sits (= standardlett. sāts) ‚satt‘ aus russ. сыть (МЕ₃ 855). Die Form *sīrs ging also westwärts und indem sie die belegten Zwischenstufen des Übergangs mittellett. ie -> hochlett. ī rückwärts durchlief, wurde sie zu siers, vgl. oben § 1.3. Ähnlich auch hochlett. ķēiļš Kalupe (Reķēna 1962: 404), das auf urhochlett. *ķilis zurückgeht, aus ostslav. къіль⁷. 7 Streng genommen sind diese Entlehnungen wohl etwas späteren Ursprungs als z. B. alruss. сърѹбъ lett. siruobs, da hier die Vokale ъ und u in ъi nicht als *ūi / *ūi (wie bei den ältesten Entlehnungen wie z. B. muita und urostsl. мыто) wiedergegeben werden. 97 ILJA SERŽANT 1.5. Ostslavisch -ъ- > Lettisch -ē-, Litauisch -ie- Die Entsprechung ē im Lettischen gegenüber ie im Litauischen für das altrussische ъ erklärt sich mit Kiparsky (1952: 76) durch die urlettische Metaphonie (Endzelīns 1951: 96–97), vgl. lett. grē̄ks und lit. griēkas versus altruss. гъхъ. D.h. die Letten haben hier zunächst das urlett. (geschlossene) *ē substituiert und es dann gemäß der urlettischen Metaphonie umgelautet, und zwar zu ē, wenn ein hinterer Vokal folgte, z. B. grē̄ks, und zu ē, wenn ein vorderer Vokal folgte, z.B. vēsts, pl. vēstis versus altruss. вѣсть. Anders als im Litauischen konnte im Hochlettischen das ererbte urlett. geschlossene *ē (aus urbalt. *ei / *ai) nicht substituiert werden, da im Hochlettischen zur Zeit unserer Entlehnungen der Wandel urbalt. *ē > urlett. ie > hochlett. ī bereits vollzogen war (vgl. oben § 1.3, ferner § 1.4).8 Die hier angesprochene Metatonie war bereits in der urlettischen Zeit vollzogen. Deshalb ist bei diesen Entlehnungen eine speziell hochlettische Einwirkung nicht zu ermitteln. 1.6. Ostslavisch -а- > Lettisch -ē- / Litauisch -ē- Das altrussische Wort свѧть wurde ins Lettische als svēts entlehnt. In den allerältesten altrussischen Texten9 fällt das ѧ mit dem а zusammen, was auf die Aussprache des ѧ als /’a/ hinweist, vgl. auch neuruss. свят /sv’at/. A. Holvoet wies mich daraufhin, daß die beiden ostbaltischen Sprachen in 8 Unklar ist, ob die Entlehnung lett. žēl aus altruss. *жълъ > жалъ hierhergehört, da dieses Wort in seiner Vorstufe entlehnt worden sein dürfte (s. Krys’ko 1994: 31 mit Bezugnahme auf G. A. Il’jinskij, s. d.). Des weiteren wird in Krys’ko (1994b: 27; Ders. 1998: 80) aufgrund der finnischen Wiedergabe des urslav. ъ als ää (in mäẗa – määrä) und der ostslavischen Wiedergabe des finn. ja als ъ (in Karjala – Коръла) sowie einiger Dialektrelikte angenommen, daß die nordrussischen bzw. „ильмено-словенские“ Mundarten die urslavische Aussprache des ъ als [ä:] (offenes e) bewahrt hätten. In diesem Fall wäre umgekehrt das lett. vēsts (mit geschlossenem ē) als Ergebnis der urlettischen Metatonie und das lett. grē̄ks als unverändert entlehnt zu betrachten. Doch scheint dies für den Dialekt der Kriviči nicht wahrscheinlich zu sein, da bereits in den ältesten schriftlichen Novgoroder Denkmälern der Zusammenfall von ъ und е bzw. ъ und и auftritt, der hier eindeutig auf den geschlossenen Charakter des ъ hinweist, vgl. Zaliznjak (1995: 57). 9 Das Ostromir-Evangelium („Остромирово Евангелие“) aus dem Jahr 1056 zeigt bereits diese Verwechslung. 98 Die Vermittlungsrolle des Hochlettischen ... älterer Zeit über keine Palatalitätskorrelation bei den meisten Konsonanten verfügt haben. Die Palatalität des Konsonanten in der Quellsprache wurde deshalb in der Entlehnung am Vokal selbst zum Ausdruck gebracht, also C’a > Ce: vgl. lit. česas < altruss. часъ, lit. čėdyti < altruss. цадити, lit. rėdyti < altruss. радити, lit. mėsa < altruss. мясо. In diesem Fall ist also die abweichende Lautung der lettischen Form anders als in den anderen hier besprochenen Fällen durch die phonologisch bedingte Substitution zu erklären. Hierher gehören auch Fälle wie prèst und prèšlica aus altruss. прасти und праслица (Srezn. II 1719; Beispiele von Laumane 1977: 85, ME III 390); altruss. блядь ‚Betrüger‘ (Srezn. I 123; Zaliznjak 1995: 595 ‚meretrix‘) zu lett. blēdis ‚ds.‘ (ME I 314). Zu beachten ist auch der nur durch die Vermittlung des Hochlettischen zu erklärende Fallton des Wurzelvokals (vgl. unten § 3). Ein weiteres Beispiel für solche Adoption einer hochlettischen Form ist mittellett. lẽča „Linse“ (ME II 455) aus althochlett. *l’āca < altplesk. лаца (altruss. лача, hierzu vgl. § 1.0.4). Hierher gehört auch, allerdings nur hochlett. belegt: ràdâ ‚in der Nähe‘ (loc. sg.) aus altruss. радъ (nach Laumane, ibid.). 1.7. Ostslavisch -ь- > Lettisch -u- Der Lautwert des altruss. / urslav. ъ war [ĭ] (überkurzes [ĭ]). Durch die Vermittlung des Hochlettischen könnte man das -u- im mittellettischen Wort krusts erklären, das sicher aus altruss. кръсть [kristŭ] entlehnt worden ist. Man darf annehmen, daß dieses Wort auch genau so aus dem Altruss. entlehnt worden war, also als *krists. Es mußte dann im Hochlettischen gemäß dem 2. hochlettischen Umlautgesetz (Seržant 2005: 68–72) umgelautet werden, also krists > krysc (so z.B. in Kalupe₄₄₅, Reķēna 1962: 411). Es wäre denkbar, daß die Sprecher des Mittellettischen eben diese Form von den Sprechern des Hochlettischen übernommen und für das im Mittellettischen fehlende -y- das am nächsten Stehende, nämlich -u-, substituiert haben¹⁰. Für eine zugrundeliegende Wurzelform *krist- spricht 10 Bügas Erklärung (1925: 44), nach der das Lettische dieses Wort aus dem weißrussischen **кръсть entlehnt haben soll, scheitert daran, daß diese Form im Weißrussischen nicht belegt ist, vgl. das neuweißrussische хрест, das allerdings wohl aus dem polnischen chrzest entlehnt ist (Temčīn, briefl.). Die von Büga angenommene Depa- 99 Ilja Seržant auch die Tatsache, daß diejenigen Ableitungen dieses Wortes, die nach dem Wurzelvokal einen palatalen Vokal enthalten – wodurch hier der 2. hochlettische Umlaut nicht wirken konnte – das alte -i- der Wurzel bewahrt haben, vgl. mittellett. kristīt ‚taufen‘ (altruss. крьстити Srezn₁ 1342)¹¹, hochlett. krístęniski ‚krusteniski‘ in Krāslava (Alksnis 1932: 43). 1.8. Ostslavisch -o# > Lettisch -e# Ein weiterer Fall der ostlettischen Vermittlung ist die e-stämmige Endung in pekle ‚tiefer Abgrund, Morast, Hölle‘ (ME₃ 193), das eine Entlehnung aus dem ostslavischen пекло darstellt. Es liegt hier folgende Entwicklung vor: пекло > urhochlett. *pekla (vgl. lit. peklà) > pęklę (vgl. hochlett. mùotia < mâte, zam’a < zeme Seržant 2005: 74–5), mittellett. pekle. Darauf, daß das auslautende -e in diesem Wort nicht alt sein kann, weist das offene -e- der Wurzel hin. Ein offenes -ę- ist in der Wurzel eines alten lettischen e-Stammes nicht möglich, da das alte auslautende -e das -e- der Wurzel zu einem geschlossenen **-ę- umgelautet hätte, also **pękle (vgl. die Beschreibung des Umlauts bei Endzelīns 1951: 94). Das gleiche gilt wohl auch für svece aus altruss. свѣча. Insgesamt ist die Verwechslung bzw. der Zusammenfall der balt. ā- und ē-Stämme für den hochlettischen Dialekt typisch. Es ist hier wohl durch den in einigen Fällen eintretenden lautlichen Zusammenfall von -e und -a zu erklären. 2. DIE ENTSPRECHUNG DER URSLAVISCHEN UND LETTISCHEN TÖNE IN DER ENTLEHNUNG Endzelin (1913: 115–118; 1922: 206–207) stellt die These auf, daß (i) die altruss. Entlehnungen ins Lettische die urslavischen Töne widerspiegeln; daraus ergibt sich notwendigerweise die folgende These, daß (ii) das Urrus- latalisierung des -pb- im Ur- bzw. Altw eißrussischen zu -pb- findet nur bei in schwacher Stellung stehenden Reduktionsvokalen statt und ergibt nicht **-pb-, sondern -pbl-. (Durnovo 1969: 171), крьстъ hätte also nom. sg. крьсть und gen. sg. *крысма ergeben. 11 Hier wird im übrigen aus der Semantik ersichtlich, daß das Verb kristīt ‚taufen‘ ebenfalls entlehnt und nicht erst auf lettischem Boden entstanden ist, da die lexikalische Verbindung von „Kreuz“ und „Taufen“ nur slavisch ist. 100 Die Vermittlungsrolle des Hochlettischen ... sische bzw. Altrussische die urslavischen suprasegmentalen Eigenschaften bewahrt hatte. Ich muß allerdings Lehr-Spławiński (1918) Recht geben, der trotz der Länge der von Endzelin (1913: 116–118) gegebenen Liste der Entsprechungen ausführt, daß der lettische Ton von der Iktusstelle der russischen Entsprechung abhängt: Ist die Wurzelsilbe betont, so bekommt sie im Lettischen den Dehnton, ist sie unbetont, so bekommt sie den Fallton. Diese Regel gilt im übrigen auch für andere Sprachen: So sind alle Entlehnungen aus dem Mittelniederdeutschen dehntonig intoniert, da hier immer die erste Silbe betont wird. Dies hängt wohl damit zusammen, daß der Lette die in einer anderen Sprache betonte Silbe als leicht überlang (im Falle natürlich, daß sie in der Quellsprache lang ist) wahrnimmt und im Lettischen auch entsprechend wiedergibt, da ja der Dehnton – wie der Name besagt – für eine überlange Silbe steht. Folgende Beispiele widersprechen der von Endzelin (loc. cit.) aufgestellten Vermutung: puōsts versus serbokroat. pūst, pūsta, ļeca versus serbokroat. léca uōma versus serbokroat. gen. sg. ūma Wie Endzelin (1922) in seiner Antwort an Lehr-Spławiński ausführt, gibt es im Lettischen auch russische Entlehnungen, die, obwohl im Russischen durchgehend betont, im Lettischen den Fallton aufweisen. Es handelt sich um die folgenden Beispiele: lett. vèsts versus aruss. вѣсть, lett. ļuoti versus aruss. лѹто, lett. blèdis ‚Betrüger‘ versus aruss. бладь (nach Srezn₁ 123,ds.‘). Diese Beispiele lassen sich sehr gut erklären, wenn man annimmt, daß sie nach dem Zusammenfall des Dehn- und Falltons im Fallton ins Hochlettische entlehnt wurden und deshalb das Mittellettische (das diesen Zusammenfall nicht durchgemacht hat) bereits falltonig erreichen. Es handelt sich also auch hier um dasselbe Prinzip der Vermittlung des Hochlettischen bei den ostslavischen Entlehnungen, das mittels der Annahme einer hochlettischen Zwischenstufe die phonetischen und (in diesem Fall) auch die tonalen Besonderheiten erklärt (vgl. die in § 1.1–1.9 besprochenen Fälle). 101 Ilja Seržant 3. ZUSAMMENFASSUNG Es muß noch ein weiteres, nicht unwichtiges Ergebnis dieser Betrachtungen hervorgehoben werden. Wie die ostslavischen Entlehnungen in § 1–2 zeigen, waren es die Sprecher des Urhochlettischen, die die Lehnwörter aufgenommen hatten und sie dann – und das ist besonders zu betonen – selbst an die urmittellettischen Sprecher weitergegeben haben. Da es sich bei den meisten ostslavischen Entlehnungen um Kulturbegriffe handelt, müssen wir annehmen, daß das urhochlettische Gebiet ein gewisses gesellschaftliches Zentrum der damaligen Letten war. Speziell betrifft dieser Schluß auch die ostslavische Mission nach Lettland. Um die sprachliche Vermittlung durch die alten Hochletten (Letgalen) erklären zu können, müssen wir annehmen, daß im alten mittellettischen Sprachgebiet bereits diese selbst, und nicht die Ostslaven, missioniert haben. Neben den vielen oben dargestellten Fällen einer aus dem Urhochlettischen übernommenen Lautung wie z.B. krusts (§ 1.7), muoka (§ 1.2), pekle, svece (§ 1.8), die man noch den ostslavischen Missionaren hätte zuschreiben können, kommen auch rein suprasegmentale Spuren des Urhochlettischen im Mittellettischen vor wie z.B. der Brechton in der Suffixsilbe von baznīca, der sekundär ist und NUR mithilfe des Hochlettischem erklärt werden kann (Seržants 2003: 102 und zum suprasegmentalen Übergang 92–94). Zu beachten ist auch die in § 2 dargestellte Erklärung zum Vorkommen des Fall- und Dehntons in den ostslavischen Entlehnungen. Es darf nun als erwiesen gelten, daß es die alten Ostletten (Letgalen) waren, die die westlichen Letten missioniert und bestimmte Kulturbegriffe an sie weitervermittelt haben. Andere von Endzelin (1899) genannte Beispiele sind anders zu erklären. Das Wort lett. cieņa ist kaum eine Entlehnung aus dem altruss. цѣна, insbesondere wegen der *-i̯ā-Deklination im Gegensatz zur *ā-Deklination im Slav., wobei der lettische Vokalismus regelmäßig mit -ie- den zu erwartenden urbalt. Diphthong *-ei- / *-ai- wiedergibt. Insgesamt darf natürlich die von uns hier dargestellte Tendenz nicht apriori als „Lautgesetz“ auf andere Entlehnungen übertragen werden. Man muß bedenken, daß einzelne Entlehnungen auch auf Irrwegen von einer Sprache in die andere gelangen können12. 12 So können innerhalb der dargestellten Entsprechungen und Entwicklungen folgende Entlehnungen nicht erklärt werden: lett. pūkas : slav. пухъ, lett. pirāgs : slav. пирогъ. 102 Die Vermittlungsrolle des Hochlettischen ... 4. DIE ENTEHNUNGEN AUS DEM LITAUISCHEN Die Vermittlungsrolle des Hochlettischen Dialekts kann noch am Beispiel einer Entlehnung aus dem Litauischen illustriert werden. Zwar ist diese Entlehnung nicht ohne weiteres datierbar und sie kann deshalb auch jung sein, aber auch in diesem Fall wird die mittellettische Lautform nur dann erklärlich, wenn man die Vermittlung des hochlettischen Dialekts annimmt. Während das Wort ģidrs (dial. in Dundaga, Sauka, ME₁ 700, hochsprachl. dzidrs) als eine Entlehnung aus dem Litauischen giẽdras ebenfalls unter Vermittlung der nördlichen žemaitischen Mundarten (wo das aukšt. lit. ie als ẹi., bisweilen auch als iį ausgesprochen wird, s. Zinkevičius 1966: 84) bzw. als ein gemeinsamer Kuronismus erklärt werden kann, ist das mittellettische Wort ģibt eindeutig eine Entlehnung aus dem Litauischen (hier geibti) über den hochlettischen Dialekt. Das Wort wurde in ebendieser Form in die hochlettischen Mundarten übernommen, also *ģeibt (vor palatalem Vokal ist im gesamten lettischen Sprachgebiet kein g möglich). Dann hat dieses Wort die Stufen des Übergangs ī > ei von Osten nach Westen (also ei > ī) durchlaufen und kam im Mittellettischen als ģibt an. ABKÜRZUNGEN DA Latviešu valodas dialektu atlants. Fonētika. In Vorbereitung. LU Latviešu valodas institūts. ME Mülenbachs, Latviešu valodas vārdnīca. Rediģējis, papildinājis, turpinājis J. Endzelīns. 2. negrozīts izdevums. Piecos sējumos. Čikāgas baltu filologu kopa. Čikāga, 1954. POS Псковский Областной Словарь с историческими данными. Ленинградский гос. университет. Издательство Ленинградского Университета. SREZN И. И. Срезневский, Материалы для словаря древне-русскаго языка по письменнымъ памятникамъ. Издание отделения русского языка и словесности императорской академии наукъ. Том I-III. St. Petersburg 1893. Типографія императорской академіи наукъ. 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