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Apr. „riste“, lit. „rykštė“, lett. „rīkste“ und Verwandtschaft

Bernd Gliwa

Full text

Acta Linguistica Lithuanica LVII (2007), 1 – 15 Apr. riste, lit. rykštė, lett. rīkste und Verwandtschaft1 BERND GLIWA Riga OPr. riste ‘rod, switch’, Lith. rykštė, Latv. rīkste have hitherto been connected with Lith. rišti ‘bind, tie, bundle’. Smoczyński has recently connected it with either Lith. rėžti ‘cut, scratch’ or rėkšti ‘gather’. Formerly terms like Lith. vytis, Old Latv. wīhte rather than rykštė etc. were used for binding rods, which suggests a connection with Lith. rėžti ‘cut, scratch’ < PIE *ureh₁ǵ- ‘break, snap’. A reflex of the inherited zero grade might be Lith. vìržis ‘heather’, formally divergent from Latv. vìrsis, Russ. бе́ре̄ск ‘id.’. The renewed zero grade underlying Lith. rykštė appears also in rýžti ‘disappear; appear, bud etc.’, rýkšti ‘fray out, decay’. The change ž > š could have been induced by following consonants, e. g. -sta- in the present *rýž-sta or by k-insertion. Lith. ruõšti, rṹošti ‘prepare, make household work’ could also belong here if it continues ruõžti ‘cleanse, sweep’. The new zero grade underlies new ablaut series, cf. Lith. rãžas ‘stubble, old broom’, raižýti ‘cut, scratch’ etc. Lith. ryškùs, raiškùs ‘clear, distinct’, ryškėti ‘become distinct’, raiškà ‘meaning, expression’, rėikšti ‘mean’ could also be based on rýkšti ‘appear, become visible’, similarly Lith. rãštas, Latv. raksts ‘writing, pattern’ from ‘scratched sign’. Während in der älteren Literatur altpreußisch riste – rute (E639) und lettisch rīkste, rīksts, rīksts, riste (ME₃₃₃ 538f., LEV₂ 122), lit. rýkštė ‚Rute, Gerte, Stange‘, in Zietela auch rýštė, rýštė (LKŽₓₗ 707) zumeist zum Verb lit. rišti ‚(ver)binden‘ gestellt wird, als eine Gerte, die als Bindemittel diente (LEW 734; Mažiulis 1997: 29; LEV₂ 122), schlägt Smoczyński einen Anschluss an die litauischen Verben rėžti ‚ritzen, (ab)schneiden; schlagen‘, parýšta, parýžta ‚verschwinden abnehmen‘ (2007: 507) oder rėkšti ‚pflücken‘, *rīkšti vor, zum 1 Die Untersuchung erfolgte im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gewährten Forschungsstipendiums für „Etymologische Untersuchungen zu lettischen Pflanzennamen“. 1 Bernd Gliwa letzteren mit dem Ablaut wie trýkšti : trėkšti (2007: 512). Vom Autor wurde (2008) bei der Untersuchung des litauischen Gottesnamens Dviriks für den Anschluss an lit. rėžti plädiert. Dabei steht lit. rėkšti ‚pflücken‘ ohne weitere Vergleichsmöglichkeiten da (Smoczyński 2007: 507), so dass es möglich erscheint, hierin eine innerbaltische Entwicklung aus der gleichen Quelle wie lit. rėžti anzunehmen, nämlich idg. *ureh₁ǵ- ‚brechen, reißen‘ (LIV: 698) – auch wenn der Zirkumflex in rėkšti dem entgegensteht. In einer Randbemerkung (Gliwa 2006: 65) wurden zudem lit. rakštis ‚(eingedrungener) Splitter (in der Haut)‘ und rãkštas, rakštis, rãkštis ‚Sarg; Grab, Grabdenkmal‘ zu idg. *ureh₁ǵ- gestellt. Bereits der älteste baltische Beleg, nämlich im Elbinger Vokabular, apr. riste = mhd./mnd. rute ‚Gerte, Stange, Stab, Rute‘ spricht nicht für die Bedeutung von riste als Rute zum Binden. Ähnlich in den anderen beiden Sprachen. Lett. rihste wird im Manuale Lettico-Germanicum als Ruthe, Scepter, Fiddelbogen übersetzt (Fennell 2002: 70), für das frühe Litauische sei der Eintrag rozga / virga, ferula. rikšte. (SD₁: 157) genannt. Wieden, also jene Zweige insbesondere von Weiden, Ahkirsche, Haselnuss etc., die zum Binden verwendet werden, heißen gewöhnlich lit. vytis, vytėlė nebst Entsprechungen. Ein solcher Eintrag findet sich sowohl im Dictionarium trium linguarum: Wić/ restis. witis. und witka/ dimin. witele. (SD₁: 192) als auch im frühen Lettischen, hier bei Füpecker wihte im Kontext Schautrs. Ein Knüttel. ein Prügel oder Stock, damit man die Kluge oder wihte umbdrehet sowie No kasas wihtoleem darra Kluhgas, tee ir Šihksti. Von bach=weiden macht man Weeden, die sind Zähe (Fennell 2000: 304). Auch wenn Fennell hier sehr vorsichtig formuliert „sense unclear“ liegt er mit dem Hinweis auf Kluhga, Sem wizze, Curl. Eine band weide, wede. (2000: 278) natürlich richtig. Im Apr. findet sich die hergehörige Bezeichnung der Weide bzw. einer Weidenart witwan (E603). Somit haben wir also die Situation, dass rykštė etc. zwar Ruten, Gerten bezeichneten, aber nur solche, die nicht zum Binden verwendet wurden. Ergänzend fand für diese zum Binden verwendeten Ruten, die Wieden, ein separater Begriff Verwendung – und dies zu einer Zeit als Ruten und Wieden tatsächlich im alltäglichen Gebrauch waren. Da die Belege in allen drei Sprachen sehr gut vergleichbar sind, kann nicht einfach eine späte Bedeutungswandlung angenommen werden – die wäre kaum in den drei Sprachen analog verlaufen. Damit wird die angenommene Verbindung von rišti und rykštė diachron höchst unwahr- 2 Apr riste, lit rykštė, lett. rikste und Verwandtschaft scheinlich und beschränkt sich synchron auf volksetymologische Einflüsse und Vermischungen. Andererseits gibt es keine formalen Argumente gegen den Anschluss an rišti und somit idg. *ureik- ‚drehen, einhüllen‘ (LIV 699), zumal es auch hierzu Formen mit k gibt: riškėlė ‚Halstuch, Schlips‘, raikštis ‚Strick; Verbindung von Stiel und Keule am Dreschflegel‘, reikštis ‚ds.‘, lett. rieksts ‚Haselnuss‘ neben lit. riešutas ‚ds.‘, rieškutis ‚offene Hand, handvoll‘, zu riešas ‚Handgelenk, -ballen‘ entstanden aus *rie(k)š(C)- → rieškV-. Nur aus sachlichen Gründen schlage ich daher für rykštė Anschluss an lit. rėžti ‚ritzen, (ab)schneiden; schlagen‘ < idg. *ureh₁ǵ- ‚brechen, reißen (intr.)‘ (LIV 698) vor, wobei es sich bei rykštė, lettisch rikste, apr. riste erst um eine baltische Ableitung handeln kann, die aus dem idg. Formeninventar nicht erklärt werden kann. Der Bedeutungsgehalt von rykštė wäre also nicht ein Zweig zum Binden, sondern eine Gerte zum Treiben des Viehs, zum Züchtigen oder eben ein Stab zum Einritzen, Zeichnen. Das Einfügen von k vor Konsonantengruppen ist in den baltischen Sprachen ein weitverbreitetes Phänomen (Stang 1966: 3) und gelegentlich auch vor einfachem Konsonanten, und zwar vor s, anzutreffen: lit. áuksas ‚Gold‘: apr. ausis ‚ds.‘, lit. úoksas ‚Baumhöhle‘ : úostas ‚Hafen (< Flussmündung)‘ (Smoczyński 2006: 141). Nach diesem eingefügten k wird lit. ž zu š (lett. z zu s), z.B. lit. gražùs ‚schön‘ : grakštùs ‚elegant‘, brėkšti ‚dämmern (am Morgen)‘ aus idg. *bhreH₁ǵ- ‚erstrahlen, erglänzen‘ (LIV 92), tūžti ‚überschwemmen; aufquellen‘ (LKŽ XVII 203), tūkšti ‚ds.‘, wobei letzteres auch zu idg. *teuh₂- ‚stark werden‘ (LIV 639) gehören könnte, bzw. von hierherstammenden Ableitungen (Gliwa, im Druck) beeinflusst sein kann. Die Assimilation kann aber auch in umgekehrter Richtung erfolgen, k → g oder aber statt k wird gleich g eingefügt: lit. driegžlys neben driežlys, driežas ‚Eidechse‘ und druožglė neben druožlė, drožlė ‚Span‘ oder mit Herkunft des g/k als Wurzelbestandteil augti : aukštas. Apr. riste ‚Rute‘ steht der erörterten Herkunft aus idg. *ureh₁ǵ- nicht entgegen, da apr. s sowohl lit. s wie auch ž entspricht, z.B. apr. soalis (– md. krewtecht) : lit. žolė ‚Gras, Kraut‘. Eine direkte Ableitung aus dieser idg. Wurzel ist jedoch nicht möglich, sondern es kann sich erst um eine spätere Bildung, die man hier baltisch nennen kann, ausgehend von anderen Reflexen der Wurzel handeln. Betrachten wir daher zunächst diejenigen Bildungen, die sich direkt aus dem Idg. ableiten lassen. Das ist zunächst lit. rėžti ‚ritzen, schlagen‘ (-é- < *-eh₁-) ohne genaue Entsprechungen im Lettischen 3 Bernd Gliwa und Altpreußischen, aber im Griechischen ἔρρηξα ‚ich zerbrach‘, und rúožas ‚Streifen; Schicht; Landstück; alter Besen, Stiel‘; rúoštas ‚Stück Land‘ (lit. -uo- < balt. -ō- < idg. *-oh₁-) (Smoczyński 2006: 118, 140; 2007: 512). Auch hier keine Entsprechung im Lettischen, die indessen mit roza [ruôza] ‚Hügel, Bergrücken‘, zu lett. rozīt ‚dehnen, recken; beugen‘, lit. rąžinti ‚zerren, recken‘, zusammengefallen wäre und damit höchstens über Bedeutungsnuancen als homophon zu erkennen wäre – interessant in diesem Zusammenhang dial. roze ‚Streifen von Laubbäumen im Nadelwald‘ (LEVII 131). Als Schwundstufe *urh̥ḱ- können mit *r > ur lit. uržti ‘kratzen, nagen, streifen’ und ggf. urkštis ‚enger Vorraum am Stall‘ falls aus ‚Streifen‘ o.ä. bzw. mit häufigerem *r > ir lit. viržis ‚Besheide, Calluna vulgaris‘ geltend gemacht werden. Eine mögliche formale lettische Entsprechung könnte urkša ‚ein Stock, mit dem die Kartoffeln aus der Furche herausgewühlt werden‘ (MEIV 306) sein, falls dies nicht über den Umweg urkšt ‚grunzen, knurren‘ → urkšnāt ‚grunzend mit der Schnauze wühlen‘ (MEIV 306) → *,‚Stock, der wie ein Wildschwein wühlt‘, geschah. Lit. viržis stimmt hier bereits nicht mit dem Lettischen überein, wo Formen mit s überwiegen2: virsis, virsi, vērsnis, viršņi u.a. wobei selten aber auch solche mit z angetroffen werden: virzāji, virži, virzenes wobei die Belege aus Roja, Gārsene und Salaca stammen und somit nicht alle durch litauischen Einfluss zu erklären sind (EO 440; MEIV 619). Die passendere Form virzis, virgzdu zāle wird hingegen für die unähnlichen und botanisch nicht näher verwandten Pflanzen Stellaria spp., insbesondere S. media, und Anagallis arvensis verwendet. Grund für eine Verwechslung oder einen gemeinsamen Namen für beide Pflanzen(gruppen) nach einer spezifischen Verwendung sehe ich nicht. Höchstens große, dichte, bodendeckende Vorkommen an jeweils passenden Standorten? Was indessen allzu allgemein ist. Daher ist unterschiedliche Herkunft wahrscheinlich3 und möglicherweise auch eine 2 Die Nichtübereinstimmung der beiden baltischen Namen wird unter Hervorhebung der weitaus selteneren lett. Formen mit z schlicht übergangen (LEW 1264), bzw. durch Wurzeletymologie mit nicht näher zu begründenden Wurzelerweiterungen zu lösen gesucht (LEVII 539). Brückner (1957: 634) nimmt für lit. viržis ein „ž zamiast s“ an. 3 Für die Vogelmiere, lett. virzis, wäre dann Verbindung mit lit. viržė ‚Seil, Strick‘, virželė ‚Faden‘ etc. zu vermuten, nach den verworrenen, weichen und niederliegenden fadenförmigen Stängeln. Ähnlich Mühlenbach: „Sehr ästig und bildet dicht wachsend eine schwer zu entwirrende Masse, daher wohl [...] zur Wurzel von varza.“ (MEIV 619). 4 Apr. riste, lit. rykštė, lett. rīkste und Verwandtschaft Auffächerung im Lettischen in virsis vs. virzis um Verwechselungen zu vermeiden, etwa anhand regionaler Formen. Die Zugehörigkeit des Pflanzennamens zu rēzti ist noch semantisch zu begründen, und zwar dergestalt, dass die Pflanze zur Herstellung von groben Besen verwendet wird4 und das Fegen mit diesen ja durchaus als kratzen bezeichnet werden kann, vgl. šluotaražis, šluotražis bzw. sudilo šluota – liko ražas (LKŽXV 37ff.). Andererseits ist die kratzige Besenheide auch verantwortlich für Kratz- und Schürfwunden, was man insbesondere häufig im lettischen Liedgut erwähnt findet, z.B. virziens manas kājas bada (MEIV 620) oder viršņi manas kurpes plēsa (MEIV 612). Üblicherweise wird lit. vīrzis, lett. virsis mit weiteren indogermanischen Fastentsprechungen verglichen. Dazu gehören zunächst die slawischen Namen der Besenheide, pol. wrzos, russ. береск, č. vřes u.a., die gelegentlich auch andere Heidegewächse wie Erica tetralix, Empetrum nigrum, Juniperus spp. bezeichnen (Boryś 2005: 712). Ferner air. froech, kymr. grug aus idg. *uroiko- und gr. ἐρείκη (GEWI 551), was idg. *uereik- voraussetzt. Daneben wird noch *uerǵ- für das Baltische und *uerk- für das Slawische angesetzt (Boryś 2005: 712)5. Etwas anders erklärt dies Smoczyński (2007: 761), der die baltischen und slawischen Formen auf Schwund- bzw. e-Stufe idg. *uŕk-/*uerk- zurückführt mit Komparandum in gr. ἐρείκη. Dabei sei lit. -rš- durch Assimilation bzw. Einfluss von veržti ‚fest zu(sammen)binden‘, viržėti ‚ds. (iter.)‘ zu -rž- geworden. Dagegen ist anzuführen, dass -rš- in viršus ‚oben‘ erhalten ist und dieses ebenso analogisch auf den Erhalt hätte wirken können. Zudem bleibt der Akut unerklärt. Immerhin findet der Ablautwechsel, der in Varianten *uŕk-/*uerk- erscheint, eine Parallele in lit. pušis ‚Kiefer‘ 4 Konkrete Daten hierfür aus Litauen und Lettland fehlen, sie sind aber z.B. auch für die Gegenwart aus Bulgarien belegt (Nedelcheva et al. 2007) und der wissenschaftliche Gattungsname Calluna wird aus gr. καλλύνει ‚putzen, ausfegen‘ hergeleitet (Genaust 1996: 118). Der deutsche Name Besenheide spricht für sich. 5 Korrekter wäre für lit. *ur(H)ǵ-, für lett. *ur(H)k-. Beim Ansatz *uerk- für die sl. Formen wundert man sich wieso man nicht russ. †берех erhält, vgl. lit. viršus : russ. верх. Dies sucht Vasmer (REW, 296) zu umgehen, indem mit lit. virkščia ‚Stängel, Kraut verschiedener Pflanzen, insbesondere von Hülsenfrüchten, Kartoffeln‘ verglichen wird, wobei ein -sk- Suffix vorliege, das wegen vereinzelt russ. береск auch den sl. Formen zugrundeliege. Implizit wird also *uer-sk- angesetzt. Der Vergleich mit virkščia lässt sich nicht aufrecht erhalten, da dies mit k-Einschub zu bereits erwähntem vīržė, virželė, lett. virzis etc. gehört – es handelt sich wiederum um weiche, für gewöhnlich liegende und sich windende Stängel. 5 Bernd Gliwa gegenüber apr. peuse ‚Kynboem‘ und gr. πεύκη, auch wenn apr. peuse womöglich auf eine Schwundstufe zurückgeht (Smoczyński 2007: 493). Am ehesten wurden hier verschiedene Formen der Deklination verallgemeinert und vielleicht könnte das Akzentmuster dieser Deklination auch den lit. Akut erklären? Benseler (BGD 305) vermerkt, dass es sich bei gr. ἐρείκη nicht um das „unsrige“ Heidekraut Calluna vulgaris handelt, sondern um ein nicht näher spezifiziertes strauchartiges Gewächs, das bei Genaust (1996: 233) als Erica arborea identifiziert wird. Natürlich kann man anderweitige oder weitergefasste Bedeutungen nicht ausschließen, aber gerade die Akzentuierung des Honigs aus Heidekraut bei Plinius (GEW₁ 551) steht der Identifizierung als Calluna vulgaris nicht im Wege, auch nicht als Erica arborea. Die Besenheide ist in Griechenland und Teilen der Türkei heimisch (Zander 2000: 246), so dass auch die Verbreitung kein Hindernis ist. Wenn man von der Idee der genauen formalen Übereinstimmung in Pflanzennamen Abstand nimmt, die sowieso fast nie anzutreffen ist (zumal für eine Pflanze, die in der Mehrzahl der vermuteten Urheimaten der Indogermanen nicht wächst) – und statt dessen semasiologische Entsprechungen favorisiert, so fällt zunächst die Übereinstimmung des gr. ἐρείκη ‚Heidekraut‘ mit ἐρείκω ‚zerbrechen, zermalmen, zerreißen, bersten‘ auf. Ungeachtet der Identifizierung als Erica arborea oder Calluna vulgaris, so kann für beide eine Verwendung als Besen fürs Grobe (Nedelcheva et al. 2007) auch in früheren Zeiten angenommen werden. Für die sl. Formen kann ich gegenwärtig keinen sinnvollen Vorschlag geben. In jedem Falle bietet die Herleitung von lit. vìržis aus *urh́ǵ- den Vorteil, dass der Akzent erwartungsgemäß erklärt wird, gegenüber vìržis ‚Seil am Pferdegeschirr‘ aus *urǵh- (vgl. LIV 688). Wobei die lettischen und die sl. Formen hier auch in der Betonung vom Litauischen abweichen: lett. vìrsis, skr. vrês, russ. ве́рек (Rudzīte 1993: 103). Mit rēkšti ‚pflücken‘ erhebt sich die interessante Frage ob die Einfügung des -k- Grund für Metatonie ist. Solche Fälle sollten beigebracht werden, wenn man eine Zugehörigkeit von rēkšti zu rēžti erwägt. Die Beleglage spricht mehrheitlich gegen Metatonie aus diesem Anlass: brēkšti ‚dämmern‘ < idg. *bʰreh́ǵ-, úokṣas < *tiosas (Smoczyński 2006: 141), plúokštas neben plúoštas ‚Faser(bündel), Zottel‘. Vereinzelte Gegenbeispiele sind bróžti ‚ab- 6 Apr. riste, lit. rykšte, lett. rikste und Verwandtschaft streifen, rutschen, die Füße nachschleifen‘ und brõkšti ‚abstreifen, rutschen‘ wobei Einfluss von homophonem, onomatopoetisch beeinflusstem brõkšti ‚Butter stampfen‘ : braškėti ‚knarren, knacksen‘ geltend gemacht werden kann. Zudem liegt gerade bei rẽžti auch die seltene Variante rẽžti vor, so dass man eine Bildung ausgehend direkt von rẽžti / rẽžti nicht ganz ausschließen kann. Andererseits hat rẽkšti abweichende Präsensformen, nämlich rẽškia und rẽškia (LKŽₓᵢ 415). Das deutet darauf hin, dass es sich im Infinitiv, verallgemeinert ausgehend von rẽškė, um eine baltische Dehnstufe handelt, die nichts mit Laryngaleinfluss zu tun hat. Voraussetzung ist eine neue, erst baltische oder einzelsprachliche e-Stufe, die z.B. auf der Grundlage von rýkšti ‚zerfallen, auseinandergehen, aufreißen, fasern‘ neugebildet wurde. Damit wird wahrscheinlich, dass der k-Einschub nicht in den alten -ē- und -úo-Stufen vonstatten ging, sondern später, vorzüglich in der neuen Schwundstufe. Ein Indiz hierfür ist auch die Gegenüberstellung von apr. riste: lettisch rīkste, rīksts, rīksts, riste: lit. rýkšte. Ursache für diese neue i-Stufe dürfte zunächst das empfundene Fehlen einer Schwundstufe gewesen sein, nachdem altererbte Formen mit virž- bzw. urž- nicht mehr als zugehörig aufgefasst wurden. Drei Szenarios. Erstens: reine Analogie, weil Langvokal mit Akut in e und o Stufe vorliegt, wird dies für die Schwundstufe übernommen. Das Ergebnis ist identisch mit dem, was aus *(u)rehₕ́- : *(u)rohₕ́- : *(u)rihₕ́- zu erwarten wäre, so dass auch dieser Prozess mit einer frühzeitigen Neoschwundstufe nicht ausgeschlossen werden kann. Zweitens: es bestand zunächst eine Schwundstufe mit kurzem i *rīž6, woraus y als Dehnstufe gebildet wurde, z.B. in Vergangenheitsformen. Dann wäre aber zunächst ȳ zu erwarten und für ý Metatonie anzunehmen, mit Wortartwechsel, denn bei Verallgemeinerung der Präteritumwurzel in den Infinitiv bleibt der Akzent erhalten (siehe die Bsp. bei Kazlauskas 1968: 351). Drittens wie vordem, nur dass die Dehnstufe ȳ durch Kontraktion aus -in- mit n-Infix im Präsens entstand, so etwa bei rýja, gýja, šlýja neben Infinitiven rýti, gýti, šlýti (ý aus iH vor C) und Präteritum rìjo, gìjo, šlìjo (ì mit Laryngalhiat aus iH vor V) (Smoczyński 2003: 19, 40; Hyllested, Gliwa, im Druck). Auch hier bedürfte 6 Evtl. lett. riksna ‚der Streifen‘ neben riksna ‚ds.‘ (ME₃ 525, 538). Deutlicher, aber mit unsicherer Chronologie, ist kurzes i in Bildungen aus der strukturell gleichen Wurzel idg. *bʰrehₕ́-, nämlich brìžes ‚Egge‘, brìžinti ‚streichen, reiben, sägen‘, brìžterti ‚hinmalen, schreiben‘, neben brýžis ‚Lime, Streifen‘, brẽžti ‚anreißen‘, bruõžas ‚Linie, Streifen; Zug, Eigenschaft‘. 7 Bernd Gliwa es einer Metatonie zur Begründung vom Akut in rýkšte, rýšte. Metatonie rude wäre denkbar, wenn der Akut nur in den Substantiven aufträte. Doch er ist auch in rýkšti ‚zerfallen, auseinandergehen, aufreißen, fasern‘ zu finden und in rýžti ‚abnehmen, verschwinden; knospen, dick werden; Mitgift festlegen‘ anzutreffen. Die Varianten mit š statt ž dürften durch sta-Suffix zu begründen sein (Smoczyński 2007: 507), wobei das Präsens rýžta neben rýža auf -sta-Infix weist – in diesem Falle allerdings mit der Verallgemeinerung des ž aus Infinitiv und Präteritum auf das ganze Lemma. Die rein verbale Bildung rýžti ‚abnehmen, verblassen (Himmelskörper); verschwinden, sich verstecken‘ zu réžti ‚abschneiden, zerstören‘, wie auch die Ableitung rýkšti ‚zerfallen, auseinandergehen, aufreißen, fasern‘ folgt hier dem Muster láužti ‚zerbrechen (trans.)‘: lūžti ‚brechen (intr.)‘ wie auch plýšti ‚zerreißen, aufspalten, auffasern (intr.)‘: plėšti ‚reißen, rupfen (trans.)‘. Auch hier jeweils Präsensformen der intransitiven Verben mit -sta-Suffix: lūžta und plýšta; zusätzliches n-Infix ist nicht zu erkennen. Zu réžti ‚einritzen, markieren (etwas deutlich machen)‘ entstand nach dem nämlichen Muster rýžti ‚knospen, dick werden (deutlich werden)‘ und rýkšti ‚deutlich werden; sich anfinden, erscheinen‘. Hingegen fand anscheinend kein Bedeutungswandel statt bei dem Paar (at)rýžti ‚die Mitgift festlegen; ausstatten‘: atrėžti (žemę, dalį) ‚ein Stück Land abmessen, abtrennen; die Mitgift festlegen‘, vgl. semasiologisch auch skirti dalį, krauti ‚die Mitgift festlegen‘ (wörtlich: ‚abtrennen‘). Weiter mit dieser Ablautstufe lit. ryžė, ryžmė, ryžtas ‚Streifen‘. Ausgehend hiervon entstand einerseits eine neue o-Stufe rãžas ‚trockener Halm, Stoppel; alter Besen‘ nebst weiteren Ableitungen nach dem üblichen Ablautmuster e : a : i/y, z.B. in šerkšnas, šarmas, širmas (Gliwa 2005). Zu ergänzen wären noch rakštis ‚(eingerissener) Splitter (in der Haut)‘ und rãkštas, rakštis, rãkštis ‚Sarg; Grab, Grabdenkmal‘⁸, ursprünglich als Bezeichnung des ausgeschabten, ausgehöhlten Sarges aus Massivholz? Andererseits eine neue o-Stufe wie sie einer i-Ablautreihe zustünde, lit. raižyti ‚einritzen, abschneiden‘ formal als Iterativ zu réžti ‚einritzen, abschneiden‘, strukturell völlig identisch wie braižyti ‚zeichnen‘ zu brýžis 7 Die alte Schwundstufe *pḷHk- würde lit. *pilš- oder *pùlš- zur Folge haben, derartige Formen fehlen. 8 Sonst üblicherweise zu lit. rakti ‚stochern‘ gestellt 8 Apr. riste, lit. rykštė, lett. rīkste und Verwandtschaft ‚Linie, Streifen‘, brėžti ‚anreißen‘, brūožas ‚Linie, Streifen; Zug, Eigenschaft‘ (idg. *bʰreh₁gʰ-) oder plėšyti ‚reißen, spalten, auffasern (intr.)‘ als Iterativ zu plýšti ‚zerreißen, aufspalten, auffasern (intr.)‘, plėšti ‚reißen, rupfen (trans.)‘ sowie plėštas ‚Keil‘, (at)plaiša ‚Span, Bast‘, plaišinti ‚spalten, sprengen‘ u.a. oder braidýti ‚waten‘ zu bristi ‚ds.‘, brastà ‚Furt‘ (idg. *bʰredʰ-). Bereits oben wurde einerseits der k-Einschub andererseits die Verwendung des -sta-Suffixes für das Erscheinen von Formen mit -š- bzw. -kš- statt -ž-, -gž- verantwortlich gemacht. Darüberhinaus kann ž aber bereits vor Konsonanten zu š werden9. Z.B. težė, težis, težlà, težlis, tešlė, tešlis ‚Birkenpilz‘, zu tėžti ‚glitschig werden; aufweichen; anschwellen‘, tižti ‚ds.‘, tažėti ‚tropfen, trippeln‘, težėti ‚tropfen, sickern‘, tāžinti ‚betröpfeln‘, težlynė ‚Morast, Schlick‘ und tẽšlas ‚Teig‘ sowie durch k-Einschub tekšoti ‚stehen (Gewässer, Pfütze)‘, tãškas ‚Spritzer, Punkt‘ (Gliwa 2006: 64ff.). Oder lūžnà, lūšnà ‚Hütte, Kate‘ zu lūžti ‚brechen, zerfallen (intr.)‘, laušiuoti ‚zerbrechen, knorkeln, prügeln‘: láužti ‚brechen (trans.)‘; gùštà : gùžtà ‚Nest‘, gùštáuti : gùžtáuti ‚Platz für ein Nest suchen‘; gošti : gõžti ‚gedeihen, sich ausbreiten (von Pflanzen), (zu-)wuchern‘. Da dies so ist, erhebt sich die Frage, ob lit. ruõšti, rūõšti ‚erledigen, vorbereiten‘, lett. rosīties ‚erledigen, vorbereiten; tätig sein, handeln‘ auch der behandelten Sippe angeschlossen werden kann – dies umso mehr als es nur unsichere Vergleichsmöglichkeiten außerhalb des Lettischen und Litauischen gibt. Zirkumflex ist kein Ausschlussgrund, könnte indessen wie auch bei ruõžti ‚einritzen, kratzen; ausfegen‘ auf denominale Bildung weisen. Zunächst weisen beide baltische Sprachen nur eine Ablautstufe auf – wenn man von dem Vergleich mit lit. riáušės ‚Tumult, Meuterei, Putsch‘ (LEW 750) absieht. Der weitere Vergleich mit pol. ruch etc. (LEW 750, LEWII 129) setzt eine Wurzel idg. *reus- voraus, mit Wirken der ruki-Regel im Slawischen und Baltischen10. Diese Wurzel kann dann identifiziert werden mit *reus- ‚wühlen‘, wo dann aber als baltische Formen lit. raũšti ‚scharren, wühlen‘ als Vergleich erscheint (LIV 511; Boryś 2005: 528). Riáušės als ‚Gewühl‘ lässt sich hier ganz gut auch semantisch – wiewohl übertragen – unterbringen, 9 Die genauen Bedingungen hierfür und ggf. regionale Neigungen wären ein Thema für detailliertere Untersuchungen. 10 Nach au in lit. aušra gegenüber auksas. 9 BERND GLIWA aber die anderen baltischen Formen? Zumal ja dann noch balt. *rō(u)š- zu begründen wäre11, bzw. der Übergang von (ost)balt. *rauš- zu ruoš-. Semantisch deuten sich zwei Möglichkeiten an. Einerseits ausgehend von ruõžti ‚ausfegen‘ in Allgemeinerung ruõšti ‚Arbeiten in Haus und Hof erledigen‘ bzw. ruõšti ‚ausfegen → vorbereiten auf den Empfang von Gästen, Feiern → allg. Vorbereiten‘. Andererseits fällt die Bedeutungsentsprechung ryžtis : ryžtingas, pasirýžęs12 neben ruošis : pasiruošęs auf. Oben wurden die Möglichkeiten der Bedeutungsentwicklung von rýžti bereits erörtert. In diesem Fall scheint rėžti ‚einritzen, markieren (etwas deutlich machen)‘ → rýžti ‚deutlich werden‘ am passendsten. Es ging also ursprünglich nicht um die qualitative Vorbereitung zu etwas, sondern um das deutlich-Werden eines Vorhabens, einer Haltung, wie es z.B. in dem Beispielsatz žąsinas ryžtai atsigręžė į berniuką ‚der Ganter wandte sich energisch dem Jungen zu‘ oder der Kombination ryžtas balsas ‚deutliche Stimme‘ (LKŽXI 774) deutlich wird. Da derartige Bedeutungen sich aber wesentlich auf die reflexiven Formen beschränken, ist, wenigstens für ruošti, von der erstgenannten semantischen Entwicklung auszugehen – sofern der Anschluss an ruõžti berechtigt ist. Eine weitere große Sippe von Wörtern im Baltischen, die als Entwicklung ausgehend von *ureh̑ǵ- gedeutet werden kann, sind die Begriffe um lit. rãštas, lett. raksts ‚Schrift, Schreiben‘. Dies hatte nach Karulis (LEVII 103) bereits Karaliūnas vorgeschlagen, ohne dass sich indessen dieser Vorschlag in der Literaturliste wiederfindet. Karulis sieht in raksts eine Bildung vom Verb rakstīt ‚schreiben‘, welches als Iterativ zu rakt, lit. ràkti ‚graben, ritzen, stochern‘ gebildet wurde nach dem Muster lēkt : lēkāt : lakstīt (LEVII 102). Damit müsste man eigentlich eine Trennung der litauischen von den lettischen Begriffen vornehmen, denn man hätte dann nicht rašyti sondern †rakstyti zu erwarten, nach eben 11 Die ausführliche Untersuchung von Karaliūnas (1987: 174–215) zur Problematik der Apophonie uo : au verzichtet zwar auf Laryngale und ist daher in mancher Hinsicht erneuerungsbedürftig. Allerdings brächte dies kaum neue Erkenntnisse bezüglich der erst (ost)baltischen Apophonie uo : au. 12 Mit typischer Metatonie beim Übergang vom Adjektiv zum Substantiv: rýžtas ‘mutig, energisch’ adj. → rýžtas ‚Mut, Durchsetzungswille, Verantwortung‘, ohne dass hierfür ein Wechsel des Stammes erforderlich wäre (Hyllested, Gliwa, im Druck) 10 Apr. riste, lit. rykštė, lett. rikste und Verwandtschaft jenem Muster im Litauischen: lėkti : lakštyti. Um das zu umgehen, macht Fraenkel Einfluss von piešti geltend (LEW 702). Wie auch Fraenkel (LEW 702) einräumt, lässt das Paar lit. raštas, lett. raksts eigentlich die Vermutung eines eingeschobenen k zu, wie es besonders im Lettischen sehr verbreitet ist, lit. pìrstas : lett. pirksts ‚Finger, Zeh‘. „Doch ist es geraten [...] die lett. Wörter für ‚schreiben‘ und ‚Schrift‘ mit lit. rãkti ‚mit einem spitzen Gegenstand stochern, ausgraben‘, lett. rakt ‚graben‘ usw. in Verbindung zu bringen“ (LEW 702). Warum das geraten ist, wird nicht gesagt, aber doch anscheinend deswegen, weil sich zu einer Wurzel *raš- keine geeigneten Vergleiche ermöglichen. Smoczyński (2007: 500f.) fasst zusammen: „Bez dobrej etymologii“. Wie oben diskutiert, kann in geeigneter Konstellation š aus ž entstehen. Auch semantisch besteht keine große Änderung gegenüber dem Vorschlag raštas zu rãkti ‚stochern...‘ zu stellen. Die Grundlage rėžti ‚ritzen‘ ist genauso gut geeignet, eher besser. Semasiologisches Standardbeispiel ist lat. scribere ‚schreiben‘ ← ‚ritzen, kratzen‘, weiteres bei Karulis (LEVII 102f.). Und der Übergang in der Ablautreihe zu Formen mit a neben älteren ē, uo ist hierbei mit rãžas ‚trockener Halm...‘ auch zweifelsfrei belegt. Allerdings sehe ich den Ausgangspunkt in Substantiven raštas, rašmuo ‚Eingeritztes, Zeichen‘ wohl deverbal bzw. aus Partizip von *rašti, *ražti, vgl. rėžis ‚eingeritztes Zeichen, Einschnitt; Linie...‘ während die Verben lit. rašyti, lett. rakstīt ‚schreiben‘ denominal, vgl. baslỹs : bãšlyti, burnà : bùrnyti, ginčas : ginčyti u.a. (Skardžius 1943: 535) sind. Schließlich fehlt in der Sippe um rãkti jede weitere Spur die auf die Entwicklung hin zu Zeichen, Symbol, Schrift deutet, ganz im Gegensatz zu rėžti. Wenn man rykšti ‚deutlich werden; sich anfinden, erscheinen‘ zu rėžti stellt, wie oben geschehen, dann kommt man nicht umhin, auch die ganze Sippe mit ryškùs, rá iškus, raiškùs ‚deutlich, bemerkbar, auffällig‘, ryškėti ‚deutlich werden‘, raiškà ‚Ausdruck‘, rėikšti ‚bedeuten‘ hier anzuschließen, zumal diese nicht einmal im Lettischen Entsprechungen aufweisen. Um zum Ausgang der Untersuchung – rykšte – zurückzukommen: abgeleitet hiervon ist lit. rykštėnė ‚Solidago sp.‘. Die Frage ist nur, ob es sich um einen Volks- oder einen Büchernamen handelt. Die Entsprechungen lauten lit. tvira, auksarykštė (LBŽ), lett. zeltgalvītes, zeltslotiņa, zeltrīste, zelta rīkstes u.a. (EO 457), d. Goldrute u.v.a.m. Da die einzige heimische Art Solidago 11 Bernd Gliwa virgaurea ist13 und zudem auch das heutige Epithe̲t Virga aurea als botanische (Gattungs)Bezeichnung verwendet wurde (Genaust 1996: 685), lat. virga ‚Rute, Gerte‘, aureus ‚golden‘, ist es in vielen Fällen schwer zu entscheiden, ob eine Lehnübersetzung vorliegt, etwa auksarykštė, oder nur gleich motivierte Namen (vgl. Marzell 2000: IV 390f.). Denn schließlich findet der Begriff rykštė in Pflanzennamen Verwendung, z.B. Šv. Jurgio rykštė, Juozapa rykštė, Arono rykštė, Erodo rykštė ‚Gladiolus sp.‘ (Genelytė 2004: 53f.; LKŽXI 611), die offensichtlich nicht terminologisch gebildet sind. Sicher als Büchernname kann hingegen tvira, tvyra gewertet werden14, als Gattungsname und Entsprechung für Solidago : solidus ‘fest’. Gleiches trifft für rykštinis in binären botanischen Namen zu, es handelt sich schlicht um eine Übersetzung von lat. virgata. Schließlich sei noch angemerkt, dass der Anschluss von rykštė an rėžti, statt an rišti, endlich eine vernünftigen Deutung des Gottesnamens Diviriks zulässt. Die wenigen Belege stammen aus russischen Chroniken des 13. Jahrhunderts und bezeichnen, da sind sich die meisten Forscher einig, obwohl es keine hieb- und stichfesten Beweise gibt, den Gewittergott Perkūnas. Es bedarf dann nicht mehr katholischer Theologie um den heidnischen Gottesnamen als *Dievo rykštė ‚Gottes Geißel‘ zu erklären, sondern man kann den Gewittergott als das nehmen, was er unmittelbar zu sein scheint: *Dievarykštis ‚Gottschläger‘, der blitzt, donnert und einschlägt. Denn anders als die Sippe um rišti ‚binden‘ wird rėžti ‚ritzen, schlagen‘ auch explizit bei der Beschreibung von Gewitter verwendet: Griausmas kaip rėžė, ir užmušė kumelę ‚Das Gewitter schlug ein und erschlug die Stute‘ (LKŽXI 514; Gliwa 2008). 13 Eine recht häufige und ansehnliche bis 1 m hohe Pflanze, die auch wegen ihrer Verwendung als Wund- und Heilpflanze volkstümliche Namen gehabt haben sollte. Einträge in alten Wörterbüchern sind leider nicht zu finden. 14 Die primären Quellen, nämlich Botaniker, hatten keine Betonungen beigebracht. Die Angaben der Betonung in LKŽXVII 305, in Anlehnung an Niedermanns Wörterbuch der litauischen Schriftsprache, mögen zwar plausibel sein, suggerieren aber eine trügerische Genauigkeit. 12 Apr. riste, lit. rykštė, lett. rikste und Verwandtschaft LITERATUR BGD = [G. E.] BENSELER, Benselers Griechisch-Deutsches Wörterbuch, bearbeitet von A. KAEGI. 17. Auflage – unveränderter Nachdruck der 15. Auflage, 1931. Leipzig: Verlag Enzyklopädie, 1990. 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Bernd Gliwa Latvijas universitāte Baltu valodu katedra Visvalža iela 4a, LV 1050 Rīga [email protected] 15