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Die statischen Lokalkasus bei Bretke und in anderen altlitauischen Texten des 16. und 17. Jhdt.

Gina Kavaliūnaitė

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Acta Linguistica Lithuanica LXI (2009), 41 - 59 Die statischen Lokalkasus bei Bretke und in anderen altlitauischen Texten des 16. und 17. Jhdt.* GINA KAVALIUNAITE Lietuviy kalbos institutas The article deals with the stative locatives in 16th and 17th century Lithuanian texts (DaukSa, Chylinski, Bretkiinas). The distribution of the inessive and adessive is shown to be determined by the animacy hierarchy: nominals that are higher in animacy have only adessives, inanimates have only inessives. The complementary distribution of these two cases is revealingly shown by such non-homogeneous noun phrases as Zmogup atgimditame (DP). Bretkiinas’ language seems to differ in this respect from that of his contemporaries: he is the only one to use inessive 1sg. pronouns like manyje (alongside the adessive manipi). He hesitates between musui and musip(V), jusui and jusip(i), saveie and savip(i), and corrections are frequent. Alongside the regular inessive jame, he has also jamije (on the analogy of tavyje, savyje?). It is suggested here that such inessives as manyje, Dieveie (instead of Dievipi) etc. were created ad hoc by Bretkunas, and that the living language had only adessives. This seems also to be the case with the 3rd person inessive jamije, used as an animate counterpart to jame. 1. DIE STATISCHEN LOKALKASUS IM ALTLITAUISCHEN: STAND DER FORSCHUNG Der Frage der Verwendung der statischen Lokalkasus (Inessiv und Adessiv) im Litauischen sowie der angeblichen Verwechslung dieser Kasus ist in der Fachliteratur schon ziemlich viel Aufmerksamkeit gewidmet worden. In ers- “Der vorliegende Aufsatz ist die erweiterte und verbesserte Fassung einer Arbeit, die in 2003. 1m internationalen Wettbewerb des Forums PRO BALTICA fur die beste Untersuchung zu Bretkes Schaffen ausgezeichnet wurde. Da auf die urspriinglich vorgesehene Verdffentlichung der Wettbewerbsbeitrage offensichtlich verzichtet wurde, hat sich die Verfasserin fiir anderweitige Verwendung des Textes entschieden. GINA KAVALIONAITE ter Stelle ist hier Laigonaités Aufsatz iiber die Verwendung der Lokalkasus in den litauischen Sprachinseln auferhalb Litauen zu erwahnen (1957:27). Als wichtigste Ursache der Verwechslung der beiden Kasus nennt sie die lautgesetzliche Kiirzung der Postposition. Laigonaité fiihrt Beispiele nicht nur aus den Mundarten der Gegenwart, sondern auch aus den altlitauischen Schriften an (§monefe bediewitifemp ir neyftikimuifemp DP 44,, ..). In seinem Buch Lietuviy literatiiriné kalba XVI-XXVII amiiuje (1967: 120) schreibt Palionis, Adessiv und Inessiv seien von Anfang an sowohl hinsichtlich ihrer Bedeutung als auch ihrer syntaktischen Verwendung eng miteinander verkniipft gewesen, und fiihrt solche Beispiele von Vermischung beider Kasus an wie: Zmdgup atgimditame DP 255,., kdkfai ne wiename gmégup ne bii DP 477,,. Rosinas (1995: 65) fiihrt aus den neulitauischen Mundarten Beispiele der synonymischen Verwendung von Inessiv und Adessiv an, wobei er auch Laigonaités Beispiel aus DaukSas Postille wiederholt. Als mutmafliche Ursache des Absterbens des Adessivs als selbstandigen Kasus nennt auch er die lautgesetzliche Kiirzung der Endung. In seinem neuesten Buch handelt Rosinas (2001: 140-143) ausfiihrlich iiber die Neutralisierung des Gegensatzes zwischen Inessiv und Adessiv. Er bringt den Nachweis, dass die Neutralisierung zundachst in gewissen genau umschriebenen Kontexten vor sich gegangen sein muss, und zwar mit statischen Verben wie biti, gyventi, rasti. Nur dort, wo ein Vorgang im menschlichen Bewusstsein beschrieben wird, habe der Adessiv nach Rosinas (2001: 142) seine charakteristische Bedeutung beibehalten; als Ursache der Neutralisierung der Opposition zwischen Inessiv und Adessiv wird wiederum der Zusammenfall von Inessivund Adessivformen infolge der Kiirzung der Postposition genannt. Gelumbeckaité fiihrt aus Bretkes Bibel Beispiele fiir die Verwendung beider Lokalkasus sowie fiir den Ersatz des Inessivs durch den Adessiv an und aufert vorsichtig die Vermutung, die Ursache des Ersatzes des Inessivs durch den Adessiv bei Vorgiinge im menschlichen Bewusstsein bezeichnenden Verben diirfte darin zu suchen sein, dass der Adessiv im Gegensatz zum Inessiv die Bedeutung eines Adessivus sympathethicus oder Adessivus possessivus annehmen kénne (Gelumbeckaité 1997: 189-190). Maskulitinas (2000: 205-206) fiihrt aus DaukSas Postill und Szyrwids Punktai sakimu nicht wenige Stellen an, wo sowohl Inessiv als auch Adessiv in derselben possessiven Bedeutung auftreten. Die erwahnten Forscher sind der Meinung, der Funktionsunterschied zwischen Inessiv und Adessiv sei im Sprachsystem selbst untergegangen. 42 Die statischen Lokalkasus bei Bretke und in anderen altlitauischen Texten Anders aufert sich zu dieser Frage Range (1995: 99-101). Letzterer kommt aufgrund einer Untersuchung zur Verwendung des Inessivs und des Adessivs bei Bretke zum Schluss, die Ursache der Vertauschung dieser Kasus sei im Einfluss der Ubersetzungsvorlagen zu suchen. Zusiitzliche Beispiele fiir die Neutralisierung des Gegensatzes zwischen Inessiv und Adessiv fiihrt er aus Moswids Schriften sowie aus DaukSas Postille an. In ihrer Doktorarbeit pflichtet Gelumbeckaité (1999: 241) dem von Range geiuSerten Gedanken bei, die deutsche Konstruktion mit bey diirfte zum Ersatz des Inessivs durch den Adessiv beigetragen haben. Nach den Forschungsergebnissen von Eglé Zilinskaité (2007: 408-409) diirften zur Verwendung des Adessivs in Dauk%as Postille die in der polnischen Vorlage auftretenden Konstruktionen u + Gen. und przed + Instr. beigetragen haben: Diese stehen bei den Ubersetzungsvorlagen solcher Verba wie pulti, stotis usw. sowohl zur Bezeichnung der Ortsruhe in der Nahe eines Gegenstandes sowie fiir Angabe der Richtung nach einem Gegenstand hin. Solche Falle, wo von einem und demselben Wort sowohl Inessiv wie auch Adessiv gebildet werden, sind ganz vereinzelt: degs andie tigniie ant’ Am3iy be gato DP 607,; Ritdes’ dgnip [Petras] DP 158,; pats Chriftus perfonoie fawoié / krik&tity 357,,; ne geyde pakaiaus perfonayp norint didgiaufeip’ 42,, (vgl. Zilinskaité 2007: 419). 2. ZUM GEGENSEITIGEN VERHALTNIS DER STATISCHEN LOKALKASUS Eine Untersuchung der Verwendung des Adessivs in Chylinskis Ubersetzung des Neuen Testaments hat erwiesen, da den Ubersetzungsvorlagen fiir die Wahl des Lokalkasus keine Bedeutung beizumessen ist (Kavaliiinaité 2001: 93-111). Fiir die Wahl des Adessivs bzw. Inessivs sind nicht die in der Vorlage verwendeten Pripositionen, sondern die kategorialen Merkmale der Nominalphrasen entscheidend. Die Verwendung des Adessivs ist mit der Belebtheit verkniipft, die Verwendung des Inessivs dagegen mit der Unbelebtheit. Die Belebtheit ist dabei nicht referentiell aufzufassen, sondern im Sinne der Silversteinschen Belebtheitshierarchie. Gewisse Wortklassen sind als solche fiir Belebtheit bzw. Unbelebtheit markiert. Erwartungsgema& sind die Personalpronomina der 1. und 2. Person als belebt markiert, da sie sich 43 GINA KAVALIONAITE im Normalfall immer auf Menschen beziehen. Aber auch die Pronomina der 3. Person stehen héher als die Substantive, unter den letzteren aber stehen die Eigennamen héher als die Gattungsnamen usw. Wenn eine grammatische Regel, z. B. eine Regel der Kasusmarkierung, fiir die Belebtheit sensitiv ist, so werden zu ihrem Wirkungsbereich vor allem diejenigen Kategorien gehéren, die in der Belebtheitshierarchie héher eingestuft werden. Eine schematische Darstellung der Silversteinschen Belebtheitshierarchie zitieren wir hier nach Anderson (1985: 183): Schema 1. Die Silversteinsche Belebtheitshierarchie belebt > unbelebt PersonalPersonalDemon- —EigennaPersonale —Nichtper_Unbelebte pronomipronomistrativa men Gattungs_sonale Gattungsnader1. nader2. und namen belebte namen Person Person PersonalGattungspronominamen na der 3. Person Die Verwendung des Adessivs bei Chylinskis spiegelt ziemlich genau diese Belebtheitshierarchie wieder. Am haufigsten sind die Adessive der Personalpronomina der 1. und 2. Person sowie des Reflexivpronomens (206x). Es folgen die Eigennamen (177x), die Demonstrativa, die Personalpronomina der 3. Person und die Relativpronomina (113x). Am seltensten sind die Adessive von personalen Gattungsnamen (8x) sowie von Adjektiven (3x). Von nichtpersonalen Animata sowie von Inanimata werden keine Adessive gebildet. Dabei ist zu beachten, da die auf den christlichen Gott und seine Personen bezogenen Worter dievas, tévas und sinus hier den Eigennamen zugeordnet wurden, was in Hinsicht auf die Eigenart des Textes wohl verantwortet sein diirfte. Die Unabhangigkeit der Kasuswahl von der in der Vorlage verwendeten Praposition illustrieren etwa folgende Beispiele: Diewiep nes wifi dayktey ira padabni ChNT (want alle dingen 3ijn mogelick by Godt StB) Mk 10,27; 44 Die statischen Lokalkasus bet Bretke und in anderen altlitauischen Texten 6 (tas) 30dis buwo Diewiep ChNT (ende het Woort was by Godt StB) Jn 1,1; Jr dwafia mano linxminas diewiep Jzganitojep mano ChNT (Ende mijnen geeft verheught hem in Godt / mijnen Salighmaker StB) Lk 1,47; Teyp (ira fu to) kurfey [...] nebagotas eft Diewiep ChNT (Alfoo [is ’t met dien,] die [...] niet rijck en is in Gode StB) Lk 12,21. Sowohl in Godt als auch by Godt wird mit dem Adessiv wiedergegeben, offenbar deshalb, weil es einen vergleichbaren Gegensatz in Chylinskis’ Sprachsystem nicht gab. Hatte es fiir Animata einen Inessiv gegeben, so hiitte es auf der Hand gelegen, diesen Kasus als Gegenstiick der niederlandischen Praposition in zu verwenden, weil eine Ensprechung “niederl. in = lit. Inessiv” bei den Inanimata vorliegt. Man findet sie etwa an folgender Stelle: Balfas girdetas ira Ramoy ChNT (Een {temme is in Rama gehoort StB) Mt 2,18. Daf& der Gegensatz zwischen ndl. in und by in Chylinskis’ Sprachsystem prinzipiell wiedergegeben werden kann, ist bei den Inanimata leicht festzustellen. Zwar wird er nicht durch einen entsprechenden Gegensatz “Inessiv : Adessiv” wiedergegeben, sondern by wird im Fall der Inanimata mit Prapositionen, meistens mit pas, iibersetzt: Petras [...] &yldies pas ugni ChNT (Ende Petrus [...] was [...] hem warmende by het vyer StB) Mk 14,54. Bevor wir zu einer Besprechung der Eigentiimlichkeiten der Verwendung des Adessivs bei Bretke! iibergehen, sollen zunachst die wichtigsten Verwendungsweisen des Adessivs bei Bretke und anderen Autoren (Chylinskis, Daukéa) kurz dargestellt werden. Der Adessiv bezeichnet: 1) die Lokalisierung im geistlichen Raum des Menschen, oft aufgefa&t als Bereich des géttlichen Wirkens: faugok per dwafia Rweta kuriy giwena mufimp ChNT (bewaert [...] door den Heyligen Geeft /die in ons woont StB) 2 Tim 1,14; ‘ Wilent verwendet den Inessiv im ganzen ahnlich wie Bretke, sein Sprachgebrauch bleibt aber in diesem Aufsatz unberticksichtigt. 45 GINA KAVALIONAITE S3irdi ne iZagta téikis manip padarit’ mielaufias Wie&patie DP 534,, (Serce c3yfte rac3 we mnie {prawié mity Panie Wuj 580,, 44)3 Didefnis <tikéjimas> btivo taip’ ligénip 3monaip DP 369, (Wieta <wiara> byt v tey chorey niewid/ty Wuj 381,,); Ne tarket / mes fawipi dumofim / mes Abrahama turim Tiewu BP 11 240, 2; Nefa iei Sodomoia thie Darbai butu nufsidawe, kurie tawip nufsidawe BNT (Denn fo 3u Sodoma die Thatten gefchehen weren, die bey dir gefchehen find LB; Quia si in Sodomis factae fuissent virtutes quae factae sunt in te V) Mt 11,23. 2) den Gegenstand oder Bereich der menschlichen Gedanken bzw. Emotionen: Turekit wiera Diewiep ChNT (Hebt geloove op Godt StB) Mk 11,22; ir prad3idugos dwasid mana / Diewiép isganitoiip mandmp DP 47 vag (A vradowal fie duch moy / w Bodge 3bdwicielu moim Wuj 502,); Bei [chitaip apturetu am&ina poniep Diewip giwenima ir ifchganima BP I 268,,5 nefanga Diewiep pigus ira kiekwienas Radis BNT (Denn bey Gott ift kein ding vnmoeglich LB; quia non erit inpossibile apud Deum omne verbum V) Lk 1,37. 3) die Lokalisierung in der Nahe oder Umgebung einer Person: Kurfey buwo Storafteyp SergiuBiep Powilep zmogumpi iSmintingampi ChNT (Welcke was by den Stadthouder Sergius Paulus / eenen verftandigen man StB) Apd 13,7; tacgiau rado tatdi hukiie fawamé ir funup fawgmp DP 355,, (prgzedfié naydowat to w domu [woim / y w fynie fwoim Wuj 367 Ne gerai darai iog brolio moteri fawip laikai BP I 29,; nes radai malane Diewip BNT (du halt gnade bey Gott funden LB; invenisti enim gratiam apud Deum V) Lk 1,30. v-1s)3 4) die Lokalisierung zwischen mehreren Gegenstinden, unter einer Gruppe von Personen: *Beim Sammeln des Materials wurde die im Institut der Litauischen Sprache zu Vilnius elektronisch angefertigte Konkordanz zu Bretkes Postille benutzt. 46 Die statischen Lokalkasus bei Bretke und in anderen altlitauischen Texten Tey katbejau jumus, budamas jufimp ChNT (Defe dingen hebbe ick tot u gefproken /by u blijvende StB) Jn 14,25; ne turéio iifemp wietos DP 41, (nie miat v nich miesc4 Wuj 40,,); Ir IEfus daukfinofe ifchmintije / fenatweie ir maloneie Diewiep ir Sgmonifamp BP I 162,,; iei takie darbai Tyroia ir Sidonoia butu nufsidawe, kaip iufip nufsidawe BNT (weren folche Thatten 3u Tyro vnd 3u Sidon gefchehen, als bey euch gefchehen find LB; quia si in Tyro et Sidone factae essent virtutes quae factae sunt in vobis V) Mt 11,21. 5) die Lokalisierung im Inneren eines Gegenstandes: uzfodyno Winnic3ia [...] ir ikafe jeyp profa-wina => [pauftuwa ChNT (wijngaert plantede [...] ende groef eenen wijnperfback daer in StB) Mt 21,33; Ir pranafsiep. Bilo Wie&patis izgélbeffiu itis WieRpatiié Diéwé iy DP 257,,,, (Y v Prorokd; Mowi Pan /3bawie ich w Panu Bogu ich Wuj 265,,). Diese Bedeutung scheint weder in der BP noch im BNT belegt zu sein. 6) die Lokalisierung in der Nahe eines Gegenstandes. Bei Chylinski ist der Adessiv in dieser Bedeutung nicht belegt. Einige Beispiele liegen aber in DP und BP vor: palikig afiéra fawa altéritip DP 296, (ofidruieR dar twoy do ottarzd Wuj 304,,); nekurios moterifchkes mufifchkiu / kuros ankfti buwa Grabiepi BP II 17,,. Nach Angabe von Eglé Zilinskaité (2007:408) machen solche Adessive 6,43% samtlicher Belege des Adessivs aus. Nach Angabe von Gelumbeckaité (1997: 191-192) ist diese Verwendungsweise des Adessivs auch im BNT nicht belegt. Der Inessiv driickt im ChNT die Lokalisierung in Bezug auf einen unbelebten Gegenstand aus. Inessive von Animata zum Ausdruck eines Vorgangs im Bewu8tsein des Menschen sind nicht belegt. Wird der Inessiv von Animata gebildet, so handelt es sich um Pluralformen, und die Bedeutung ist die einer Lokalisierung in der Mitte einer Gruppe von Menschen. Es handelt 47 GINA KAVALIONAITE sich hier um eine Bedeutung, die an sich nicht mit der Belebtheit verkniipft ist. Im Plural werden Adessive nur von denjenigen Wortarten regelmaRig gebildet, die in der Belebtheitshierarchie am héchsten eingestuft werden, d.h., von den Pronomina der 1. und 2. Person; sonst werden meistens Inessive verwendet. Man vergleiche etwa: Wiens Diewas ir Tewas wifu, kurfey ira and wifo ir per wis, ir jufimp wifofe ChNT (Een Godt ende Vader van alle / die daer is boven alle/ efi door alle / ende in u alle StB) Ef 4,6. Man findet in diesem Beispiel einen Adessiv neben einem Inessiv innerhalb derselben Nominalgruppe. Einen Unterschied in Kasusbedeutung gibt es zwischen ihnen offensichtlich nicht, es gibt nur einen hinsichtlich der Markierung fiir die Belebtheit. Auch bei Dauk§a und in Bretkes Postille ist die Verwendung des Adessivs mit der Belebtheit verkniipft. Adessive von Inanimata sind auferst selten, z.B., attoritip DP 296, und grabiepi BP Il 17,,. Rosinas schreibt dazu: ,,sakiniuose su veiksmazZodZiais biti, gyventi ir kitais vartojamas tik participiniy jvardziy ir refleksyvinio jvardzio adesyvas, o gimininiy jvardziy ir vardazZodziu, be adesyvo, daZnai vartojamas ir inesyvas“ (2001: 141). Des weiteren weist Rosinas darauf hin, daf§ ,,asmeniniy participiniy ir refleksyvinio jvardzio (also eben derjenigen, die in der Belebtheitshierarchie am héchsten eingestuft werden — G. K.) posistemis DaukSos tekstuose neturi inesyvo; jo vietoje vartojamas adesyvas, kuriuo daZniausiai reiSkiama vidiné biisena* (2001: 140). Dies stimmt genau zu dem, was fiir das Sprachsystem Chylinskis festgestellt wurde. Nach Ausweis von Rosinas sind Inessive der Personalpronomina der 1. und 2. Person nicht nur bei DaukSa, sondern auch in Pietkiewicz’ Katechismus sowie bei Szyrwid nicht belegt (Rosinas 1995: 17-20; 2001: 140). Nur bei Bretke und Wilent sind solche Inessive anzutreffen. Diese bemerkenswerte Eigentiimlichkeit der Sprache dieser Schriftsteller soll demnach eigens untersucht werden. 3. DIE INESSIVE INANIMATER NOMINA BEI BRETKE Zunachst ist festzustellen, da& es auch bei Bretke eine Verkniipfung des Adessivs mit der Belebtheit gibt. Fiir die Kategorien, die in der Belebtheitshierarchie am héchsten eingestuft werden, und zwar die Pronomina der 1. 48 Die statischen Lokalkasus bei Bretke und in anderen altlitauischen Texten und 2. Person und das Reflexivpronomen, verwendet Bretke regelmaKig den Adessiv: Nefa iei Sodomoia thie Darbai butu nufsidawe, kurie tawip nufsidawe BNT (Denn fo 3u Sodoma die thatten gefchehen weren, die bey dyr gefchehen find LB; Quia si in Sodomis factae fuissent virtutes quae factae sunt in te V) Mt 11,23; Ir netur Rakny fawimp BNT (vnd haben keine wurt3el in jhen LB; et non habent radicem in se) Mk 4,17; Dwafe Wiefchpaties ira manip BP II 47,,; Ir IEfus daukfinofi ifchmintije / fenatweie ir maloneie Diewiep ir Sgmonifamp BP I 162,,. Die Verteilung von Adessiv und Inessiv tritt in den folgenden Beispielen klar hervor. In allen Fallen handelt es sich um die Heilige Schrift oder deren Teile, dort aber, wo ein Buch mit dem Namen des Verfassers bezeichnet wird, steht der Adessiv, sonst wird der Inessiv verwendet: Schwentamip Ianip trecziame puguldime BP I 420,,; Ponas IEfus Kriftus wadinna Pharifeufchus Rafbainikais / Schwentamip Ianip defchimtame paguldime BP II 61,; nefa ghi Schwentame rafchte liudima diift BP II 88, ,; tadda Ponas Diewas Schwentame fodije / konam pamokfla ditt BP Il 279,,. Da sich die Verteilung von Adessiv und Inessiv nach den kategorialen Eigenschaften des Nomens richtet, so dass gewisse Nomina im Normalfall nur einen Adessiv, andere dagegen nur einen Inessiv bilden, stehen die beiden in einem Verhaltnis der komplementaren Distribution. Sie sind demnach nicht als vollig selbstandige Kasus, sondern nur als Varianten eines und desselben Lokalkasus zu betrachten (vgl. Smoczyriski 2001: 215). Die Personalpronomina werden aber bei Bretke anders behandelt als bei DaukSa und Chylinski. Wir finden hier Inessive der Personalpronomina der 1. und 2. Person sowie von Personenbezeichnungen zum Ausdruck eines Vorgangs im menschlichen Bewu8tsein oder im inneren Wesen des Menschen. pa&infite, kaip efch mano Tiewieie + Tiew + pi efmi, ir ius manye — manipi ir efch iufuie — iufuie/iufuia — iufipi BNT (werdet jr erkennen, das ich in meinem Vater bin, vnd jr in mir, vnd ich in 49 GINA KAVALIONAITE Kasus wird nicht durch die Kasussemantik, sondern durch die kategorialen Merkmale der Nominalgruppen geregelt, wobei die Verwendung des Adessivs eine hohe Einstufung in der Belebtheitshierarchie widerspiegelt. Anders als die iibrigen altlitauischen Verfasser verwendet Bretke Inessive der Personalpronomina der 1. und 2. Person sowie des Reflexivpronomens; zum Teil liegen diese Formen sonst nirgendwo vor. Auch verwendet er fiir Animata sonst nicht belegte Formen der 3. Person Sg. Mask. (iamije neben iame). Vermutlich handelt es sich hier um Nachahmung der in den Vorlagen verwendeten Konstruktionen mit lat. und deutsch in. Die zahlreichen Falle, wo diese Inessive zu Adessiven verbessert worden sind, weisen aber auf Bretkes Unsicherheit in Bezug auf die Richtigkeit dieser Formen hin. In seinem Sprachsystem lagen wahrscheinlich nur die Adessive vor. Bretkes Sprachsystem unterschied sich hier wahrscheinlich nicht von demjenigen anderer altlitauischer Autoren wie Chylinski, Dauk8a u. a., und die Eigentiimlichkeiten der Verwendung des Inessivs in seinen Texten spiegeln vor allem die Eigenart seiner Ubersetzungstechnik, nicht seiner Sprache wider. BESONDERE ZEICHEN > Korrektur in der Hs. = iiber der Zeile hinzugefiigtes Synonym Ta3 Anfang bzw. Ende einer Korrektur in der Hs. <...> Emendation der Hrsg. (Kudzinowski u. Otrebski 1958) L..J Tilgung in der Hs. L..] ausgelassene Textstelle {rot] in der Statenbijbel erklarend hinzugefiigtes Wort + rankraStyje nejskaitoma raidé 56 Die statischen Lokalkasus bei Bretke und in anderen altlitauischen Texten QUELLENVERZEICHNIS BNT — NAVIAS TESTAMENTAS. Ing Lietuwifchka Liefsuwi perrafchitas. per ana Bretkuna Labguwos Plebona. 1580. Zitiert nach: NAVIAS TESTAMENTAS. Ing Lietuwifchka Liefgzuwi perrafchitas. per Iana Bretkuna Labguwos Plebona. 1580. DAS NEUE TESTAMENT in die litauische Sprache ubersetzt von Johann Bretke, Pastor zu Labiau 1580: Faksimile der Handschrift, Band 7 und 8, Labiau i. Pr. 1580. Hrsg. von J.D.Range und Fr. Scholz. 1991, Paderborn — Miinchen - Wien ~ Ziirich. BP — POSTILLA tatai efti Trumpas ir Praftas Ifchguldimas Euangeliu [...] Per lana Bretkna Lietuvos Plebona Karaliaucgiuie Prufifu. I{{paufta Karaliaucgiuie Iurgio Oftenbergero. Meta Pono 1591. CHNT — Czestaw Kudzinowski, Jan Otrebski, Biblia litewska Chyliriskiego. Nowy Testament. 2, Tekst, Poznan: Zaktad Narodowy im. Ossoliriskich, 1958. DP — Poftilla CATHOLICKA Tdi eft: [$guldimas Ewangeliu kiekwienos Nedelos ir Bwetes per wiffiis metus. Per Ktiniga MIKALOIV DAVKSZ[A] Kanonikq Médniku / if lgki8ko pergiildita. Su wald ir daldidimu wireufiuiy. W Wilniui / Drukarnioi Akadémios SOCIETATIS IESV. A.D. 1599. LB — D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe (Weimarer Ausgabe). Die Deutsche Bibel, 6. Band. 1968: Hermann Béhlaus Nachfolger - Weimar Akademische Drucku. Verlagsanstalt - Graz. STB — Biblia, Dat Is De gantfche H. Schrifture, vervattende alle de Canonijcke Boecken des Ouden en des Nieuwen Testaments. Door laft der Hoogh-Mog: Heren Staten Generael van de Vereenighde Nederlanden [...] Uyt de Oorfpronkelijcke talen in onfe Nederlandtfche tale getrouwelijck over-gefet [...] ende Door gemeene ordre der Nederlandfche Kercken verbetert van Druckfauten en Misftellingen die in den Eersten Druck gevonden worden. T’Amsteldam, Gedruckt bij de Weduwe wijlen Paulus Aertfz van Ravefteijn [...] Anno 1657. V — Die Vulgata, zitiert nach: Roger Gryson, ed., 1994: Biblia Sacra Vulgata. Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft. WuJ — Poltilla Catholicka Mnieyfza. To ieft: Krotkie Kazania / dlbo wyklady wietych Ewngeliy [...] Prgezy D. IAKVBA WVYKA 3 Wegrowca / Theologa Societatis IESV. [...] W KRAKOWIE W Drukarniey Andr3eia Piotrkowc3yka / Roku Parifkiego 1590. 57 GINA KAVALIONAITE LITERATURNACHWEISE ANDERSON, S. R. 1985: Inflectional morphology. In: T. SHOPEN, ed., Language Typology and Syntactic Description 3. Grammatical categories and the lexicon. Cambridge etc.: Cambridge University Press, 151-201. GELUMBECKAITE, J. 1997: Postpoziciniai vietininkai J. Bretkiino ,,Evangelijos pagal Luka“ vertime. Baltistica 32.2, 179-202. GELUMBECKAITE, J. 1999: Linksniy ir prielinksniniy konstrukcijy vartosena Jono Bretkiino ,,Evangelijos pagal Lukq* vertime. Daktaro disertacijos rankraStis. KAVALIONAITE, G. 2001. 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