Die statischen Lokalkasus bei Bretke und in anderen altlitauischen Texten des 16. und 17. Jhdt.
Full text
Acta Linguistica Lithuanica
LXI (2009), 41 — 59
Die statischen Lokalkasus bei
Bretke und in anderen altlitauischen
Texten des 16. und 17. Jhdt.
GINA KAVALIUNAITE
Lietuviy kalbos institutas
The article deals with the stative locatives in 16th and 17th century
Lithuanian texts (Daukša, Chylinski, Bretkiinas). The distribution of the
inessive and adessive is shown to be determined by the animacy hierar-
chy: nominals that are higher in animacy have only adessives, inanimates
have only inessives. The complementary distribution of these two cases
is revealingly shown by such non-homogeneous noun phrases as Zmogup
atgimditame (DP). Bretkiinas’ language seems to differ in this respect from
that of his contemporaries: he is the only one to use inessive 1sg. pronouns
like manyje (alongside the adessive manipi). He hesitates between musui and
musip(i), jusui and jusip(i), saveie and savip(i), and corrections are frequent.
Alongside the regular inessive jame, he has also jamije (on the analogy of
tavyje, savyje?). It is suggested here that such inessives as manyje, Dieveie
(instead of Dievipi) etc. were created ad hoc by Bretkunas, and that the
living language had only adessives. This seems also to be the case with
the 3rd person inessive jamije, used as an animate counterpart to jame.
1. DIE STATISCHEN LOKALKASUS IM ALTLITAUISCHEN:
STAND DER FORSCHUNG
Der Frage der Verwendung der statischen Lokalkasus (Inessiv und Adessiv)
im Litauischen sowie der angeblichen Verwechslung dieser Kasus ist in der
Fachliteratur schon ziemlich viel Aufmerksamkeit gewidmet worden. In ers-
"Der vorliegende Aufsatz ist die erweiterte und verbesserte Fassung einer Arbeit,
die in 2003. 1m internationalen Wettbewerb des Forums PRO BALTICA fur die beste
Untersuchung zu Bretkes Schaffen ausgezeichnet wurde. Da auf die urspriinglich vor-
gesehene Veroffentlichung der Wettbewerbsbeitrdage offensichtlich verzichtet wurde,
hat sich die Verfasserin fiir anderweitige Verwendung des Textes entschieden.
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GINA KAVALIŪNAITE
ter Stelle ist hier Laigonaitės Aufsatz iiber die Verwendung der Lokalkasus
in den litauischen Sprachinseln aufšerhalb Litauen zu erwihnen (1957:27).
Als wichtigste Ursache der Verwechslung der beiden Kasus nennt sie die
lautgesetzliche Kiirzung der Postposition. Laigonaité fiihrt Beispiele nicht
nur aus den Mundarten der Gegenwart, sondern auch aus den altlitauischen
Schriften an (§monefe bediewitifemp ir neyftikimiifemp DP 44_, _). In seinem
Buch Lietuvių literatūrinė kalba XVI-XXVII amžiuje (1967: 120) schreibt Pa-
lionis, Adessiv und Inessiv seien von Anfang an sowohl hinsichtlich ihrer
Bedeutung als auch ihrer syntaktischen Verwendung eng miteinander ver-
kniipft gewesen, und fiihrt solche Beispiele von Vermischung beider Kasus
an wie: smégup atgimditame DP 255.., kékfai ne wiename $mégup ne bū DP
477. Rosinas (1995: 65) fiihrt aus den neulitauischen Mundarten Beispiele
der synonymischen Verwendung von Inessiv und Adessiv an, wobei er auch
Laigonaites Beispiel aus Daukšas Postille wiederholt. Als mutmaf3liche Ursa-
che des Absterbens des Adessivs als selbstindigen Kasus nennt auch er die
lautgesetzliche Kiirzung der Endung. In seinem neuesten Buch handelt Rosi-
nas (2001: 140-143) ausfiihrlich liber die Neutralisierung des Gegensatzes
zwischen Inessiv und Adessiv. Er bringt den Nachweis, dass die Neutralisie-
rung zundchst in gewissen genau umschriebenen Kontexten vor sich gegan-
gen sein muss, und zwar mit statischen Verben wie būti, gyventi, rasti. Nur
dort, wo ein Vorgang im menschlichen Bewusstsein beschrieben wird, habe
der Adessiv nach Rosinas (2001: 142) seine charakteristische Bedeutung
beibehalten; als Ursache der Neutralisierung der Opposition zwischen Ines-
siv und Adessiv wird wiederum der Zusammenfall von Inessiv- und Adessiv-
formen infolge der Kiirzung der Postposition genannt. Gelumbeckaité fiihrt
aus Bretkes Bibel Beispiele fiir die Verwendung beider Lokalkasus sowie
fiir den Ersatz des Inessivs durch den Adessiv an und duflert vorsichtig die
Vermutung, die Ursache des Ersatzes des Inessivs durch den Adessiv bei
Vorgange im menschlichen Bewusstsein bezeichnenden Verben diirfte darin
zu suchen sein, dass der Adessiv im Gegensatz zum Inessiv die Bedeutung
eines Adessivus sympathethicus oder Adessivus possessivus annehmen konne
(Gelumbeckaité 1997: 189-190). Maskulitinas (2000: 205-206) fiihrt aus
Daukšas Postill und Szyrwids Punktai sakimu nicht wenige Stellen an, wo
sowohl Inessiv als auch Adessiv in derselben possessiven Bedeutung auftre-
ten. Die erwahnten Forscher sind der Meinung, der Funktionsunterschied
zwischen Inessiv und Adessiv sei im Sprachsystem selbst untergegangen.
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Die statischen Lokalkasus bei Bretke und in anderen altlitauischen Texten
Anders aulšert sich zu dieser Frage Range (1995: 99-101). Letzterer kommt
aufgrund einer Untersuchung zur Verwendung des Inessivs und des Ades-
sivs bei Bretke zum Schluss, die Ursache der Vertauschung dieser Kasus sei
im Einfluss der Ubersetzungsvorlagen zu suchen. Zusitzliche Beispiele fiir
die Neutralisierung des Gegensatzes zwischen Inessiv und Adessiv fiihrt er
aus Moswids Schriften sowie aus Daukšas Postille an. In ihrer Doktorarbeit
pflichtet Gelumbeckaité (1999: 241) dem von Range gedulerten Gedan-
ken bei, die deutsche Konstruktion mit bey diirfte zum Ersatz des Inessivs
durch den Adessiv beigetragen haben. Nach den Forschungsergebnissen von
Eglė Žilinskaitė (2007: 408-409) diirften zur Verwendung des Adessivs in
Daukšas Postille die in der polnischen Vorlage auftretenden Konstruktionen
u + Gen. und przed + Instr. beigetragen haben: Diese stehen bei den Uber-
setzungsvorlagen solcher Verba wie pulti, stotis usw. sowohl zur Bezeichnung
der Ortsruhe in der Nūhe eines Gegenstandes sowie fiir Angabe der Richtung
nach einem Gegenstand hin. Solche Fille, wo von einem und demselben
Wort sowohl Inessiv wie auch Adessiv gebildet werden, sind ganz vereinzelt:
degs anoie ugniie ant’ amžių be gato DP 607;
Bitdes’ ūgnip [Petras] DP 158;
pats Chriltus perfénoie fawoié / krikRtity 357;
ne geyde pakaiaus perfonayp norint did3iauleip’ 42 , (vgl.
Zilinskaité 2007: 419).
2. ZUM GEGENSEITIGEN VERHALTNIS DER STATISCHEN LOKALKASUS
Eine Untersuchung der Verwendung des Adessivs in Chylinskis Ubersetzung
des Neuen Testaments hat erwiesen, daR den Ubersetzungsvorlagen fiir die
Wahl des Lokalkasus keine Bedeutung beizumessen ist (Kavaliūnaitė 2001:
93-111). Fiir die Wahl des Adessivs bzw. Inessivs sind nicht die in der Vor-
lage verwendeten Prépositionen, sondern die kategorialen Merkmale der
Nominalphrasen entscheidend. Die Verwendung des Adessivs ist mit der
Belebtheit verkniipft, die Verwendung des Inessivs dagegen mit der Unbe-
lebtheit. Die Belebtheit ist dabei nicht referentiell aufzufassen, sondern im
Sinne der Silversteinschen Belebtheitshierarchie. Gewisse Wortklassen sind
als solche fiir Belebtheit bzw. Unbelebtheit markiert. Erwartungsgemaf sind
die Personalpronomina der 1. und 2. Person als belebt markiert, da sie sich
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im Normalfall immer auf Menschen beziehen. Aber auch die Pronomina der
3. Person stehen hoher als die Substantive, unter den letzteren aber stehen
die Eigennamen hoher als die Gattungsnamen usw. Wenn eine grammatis-
che Regel, z. B. eine Regel der Kasusmarkierung, fiir die Belebtheit sensitiv
ist, so werden zu ihrem Wirkungsbereich vor allem diejenigen Kategorien
gehoren, die in der Belebtheitshierarchie hoher eingestuft werden. Eine
schematische Darstellung der Silversteinschen Belebtheitshierarchie zitieren
wir hier nach Anderson (1985: 183):
Schema 1. Die Silversteinsche Belebtheitshierarchie
belebt « — unbelebt
Personal- Personal- Demon- Eigenna- Personale Nichtper- Unbelebte
pronomi- pronomi- strativa men Gattungs- sonale Gattungs-
naderl. nader2. und namen belebte namen
Person Person Personal- Gattungs-
pronomi- namen
na der 3.
Person
Die Verwendung des Adessivs bei Chylinskis spiegelt ziemlich genau die-
se Belebtheitshierarchie wieder. Am haufigsten sind die Adessive der Per-
sonalpronomina der 1. und 2. Person sowie des Reflexivpronomens (206x).
Es folgen die Eigennamen (177x), die Demonstrativa, die Personalpronomi-
na der 3. Person und die Relativpronomina (113x). Am seltensten sind die
Adessive von personalen Gattungsnamen (8x) sowie von Adjektiven (3x).
Von nichtpersonalen Animata sowie von Inanimata werden keine Adessive
gebildet. Dabei ist zu beachten, dal} die auf den christlichen Gott und seine
Personen bezogenen Worter dievas, tėvas und sūnus hier den Eigennamen
zugeordnet wurden, was in Hinsicht auf die Eigenart des Textes wohl ver-
antwortet sein diirfte.
Die Unabhingigkeit der Kasuswahl von der in der Vorlage verwendeten
Praposition illustrieren etwa folgende Beispiele:
Diewiep nes wifi dayktey ira padabni ChNT (want alle dingen
zijn mogelick by Godt StB) Mk 10,27;
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Die statischen Lokalkasus bei Bretke und in anderen altlitauischen Texten
6 (tas) 30dis buwo Diewiep ChNT (ende het Woort was by Godt
StB) Jn 1,1;
Jr dwalia mano linxminas diewiep Jzganitojep mano ChNT (Ende
mijnen geelt verheught hem in Godt / mijnen Salighmaker StB) Lk
1,47;
Teyp (ira [u to) kurfey [...] nebagotas elt Diewiep ChNT (Alloo
[is 't met dien,] die [...] niet rijck en is in Gode StB) Lk 12,21.
Sowohl in Godt als auch by Godt wird mit dem Adessiv wiedergegeben,
offenbar deshalb, weil es einen vergleichbaren Gegensatz in Chylinskis’
Sprachsystem nicht gab. Hatte es fiir Animata einen Inessiv gegeben, so
hūtte es auf der Hand gelegen, diesen Kasus als Gegenstiick der niederlandi-
schen Préposition in zu verwenden, weil eine Ensprechung “niederl. in = lit.
Inessiv” bei den Inanimata vorliegt. Man findet sie etwa an folgender Stelle:
Ballas girdetas ira Ramoy ChNT (Een [temme is in Rama gehoort
StB) Mt 2,18.
Dal} der Gegensatz zwischen ndl. in und by in Chylinskis’ Sprachsystem
prinzipiell wiedergegeben werden kann, ist bei den Inanimata leicht festzu-
stellen. Zwar wird er nicht durch einen entsprechenden Gegensatz “Inessiv :
Adessiv” wiedergegeben, sondern by wird im Fall der Inanimata mit Pripo-
sitionen, meistens mit pas, tibersetzt:
Petras [...] Byldies pas ugni ChNT (Ende Petrus [...] was [...] hem
warmende by het vyer StB) Mk 14,54.
Bevor wir zu einer Besprechung der Eigentiimlichkeiten der Verwendung
des Adessivs bei Bretke' iibergehen, sollen zunidchst die wichtigsten Ver-
wendungsweisen des Adessivs bei Bretke und anderen Autoren (Chylinskis,
Daukša) kurz dargestellt werden. Der Adessiv bezeichnet:
1) die Lokalisierung im geistlichen Raum des Menschen, oft aufgefafšt als
Bereich des gottlichen Wirkens:
[augok per dwalia Bweta kuriy giwena mufimp ChNT (bewaert
[...] door den Heyligen Geelt / die in ons woont StB) 2 Tim 1,14;
‘Wilent verwendet den Inessiv im ganzen ahnlich wie Bretke, sein Sprachgebrauch
bleibt aber in diesem Aufsatz unberucksichtigt.
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S3irdi ne i3agta téikis manip padarit' mielaufias Wieflšpatie DP
534,, (Serce c3ylte rac3 we mnie [prawi¢ mity Panie Wuj 580, ,„);
Didefnis <tikéjimas> būvo taip’ ligonip žmondaip DP 369 ,
(Wietlša <wiara> byta v tey chorey niewidfty Wuj 381,,);
Ne tarket / mes fawipi dumofim / mes Abrahama turim Tiewu BP
II 240 2
Nela iei Sodomoia thie Darbai butu nufsidawe, kurie tawip nufsi-
dawe BNT (Denn [o 3u Sodoma die Thatten gelchehen weren, die
bey dir gelchehen [ind LB; Quia si in Sodomis factae fuissent virtutes
quae factae sunt in te V) Mt 11,23.
2) den Gegenstand oder Bereich der menschlichen Gedanken bzw. Emo-
tionen:
Turekit wiera Diewiep ChNT (Hebt geloove op Godt StB) Mk 11,22; ir
prad3iaugos dwasid mand / Diewiép i3ganitoiip mandmp DP 471, ,,
(A vradowat fię duch moy / w Bodze 3bdwicielu moim Wuj 502);
Bei [chitaip apturetu amf3ina poniep Diewip giwenima ir
ilchganima BP I 268 _;
nelanga Diewiep pigus ira kiekwienas Badis BNT (Denn bey Gott
ift kein ding vnmoeglich LB; quia non erit inpossibile apud Deum
omne verbum V) Lk 1,37.
3) die Lokalisierung in der Nahe oder Umgebung einer Person:
Kurfey buwo Storafteyp SergiufSiep Powilep smogumpi
iSmintingampi ChNT (Welcke was by den Stadthouder Sergius Paulus /
eenen verftandigen man StB) Apd 13,7;
tacziau rado tatai hukiie fawamé ir funup fawdgmp DP 355,
(pr3edfié naydowat to w domu [woim / y w [ynie fwoim Wuj 367
Ne gerai darai iog brolio moteri fawip laikai BP I 29 ;
nes radai malane Diewip BNT (du halt gnade bey Gott funden LB;
invenisti enim gratiam apud Deum V) Lk 1,30.
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4) die Lokalisierung zwischen mehreren Gegenstidnden, unter einer Gruppe
von Personen:
*Beim Sammeln des Materials wurde die im Institut der Litauischen Sprache zu Vil-
nius elektronisch angefertigte Konkordanz zu Bretkes Postille benutzt.
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Die statischen Lokalkasus bei Bretke und in anderen altlitauischen Texten
Tey katbejau jumus, budamas jufimp ChNT (Defe dingen hebbe ick
tot u gelproken / by u blijvende StB) Jn 14,25;
ne turéio iūfemp wietos DP 41, (nie miat v nich miešca Wuj 40,,);
Ir IEfus daukfinofe ifchmintije / fenatweie ir maloneie Diewiep ir
S3monifamp BP I 162,,;
iei takie darbai Tyroia ir Sidonoia butu nufsidawe, kaip iufip
nufsidawe BNT (weren folche Thatten 3u Tyro vnd 3u Sidon
gelchehen, als bey euch gefchehen find LB; quia si in Tyro et Sidone
factae essent virtutes guae factae sunt in vobis V) Mt 11,21.
5) die Lokalisierung im Inneren eines Gegenstandes:
uzfodyno Winnic3ia [...] ir ikafe jeyp profa-wina => [paultuwa
ChNT (wijngaert plantede [...] ende groef eenen wijnper(back daer in
StB) Mt 21,33;
Ir pranafSiep. Bito Wiel3patis izgélbelliu itis Wiel3patiié Diéwé ių
DP 257, ., (Y v Prorokd; Mowi Pan /3bawie ich w Panu Bogu ich
Wuj 265.,).
Diese Bedeutung scheint weder in der BP noch im BNT belegt zu sein.
6) die Lokalisierung in der Nahe eines Gegenstandes. Bei Chylinski ist der
Adessiv in dieser Bedeutung nicht belegt. Einige Beispiele liegen aber in DP
und BP vor:
palikig afiéra [awa attériip DP 296, (ofidruieR dar twoy do
oftarzd Wuj 304,));
nekurios moterifchkes mufifchkiu / kuros ankfti buwa Grabiepi
BP II 17,..
Nach Angabe von Eglė Žilinskaitė (2007:408) machen solche Adessive
6,43% samtlicher Belege des Adessivs aus. Nach Angabe von Gelumbeckaitė
(1997: 191-192) ist diese Verwendungsweise des Adessivs auch im BNT
nicht belegt.
Der Inessiv driickt im ChNT die Lokalisierung in Bezug auf einen unbe-
lebten Gegenstand aus. Inessive von Animata zum Ausdruck eines Vorgangs
im Bewul3tsein des Menschen sind nicht belegt. Wird der Inessiv von Ani-
mata gebildet, so handelt es sich um Pluralformen, und die Bedeutung ist
die einer Lokalisierung in der Mitte einer Gruppe von Menschen. Es handelt
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GINA KAVALIŪNAITE
sich hier um eine Bedeutung, die an sich nicht mit der Belebtheit verkniipft
ist. Im Plural werden Adessive nur von denjenigen Wortarten regelmafig
gebildet, die in der Belebtheitshierarchie am hochsten eingestuft werden,
d.h., von den Pronomina der 1. und 2. Person; sonst werden meistens Ines-
sive verwendet. Man vergleiche etwa:
Wiens Diewas ir Tewas wilu, kurfey ira and wifo ir per wis, ir
jufimp wifofe ChNT (Een Godt ende Vader van alle / die daer is
boven alle/ en door alle / ende in u alle StB) Ef 4,6.
Man findet in diesem Beispiel einen Adessiv neben einem Inessiv innerhalb
derselben Nominalgruppe. Einen Unterschied in Kasusbedeutung gibt es
zwischen ihnen offensichtlich nicht, es gibt nur einen hinsichtlich der Mar-
kierung fiir die Belebtheit.
Auch bei Daukša und in Bretkes Postille ist die Verwendung des Adessivs
mit der Belebtheit verkniipft. Adessive von Inanimata sind aufRerst selten, z.B.,
attoritp DP 296, und grabiepi BP II 17 .. Rosinas schreibt dazu: „sakiniuose
su veiksmažodžiais būti, gyventi ir kitais vartojamas tik participiniy įvardžių
ir refleksyvinio įvardžio adesyvas, o gimininių įvardžių ir vardažodžių, be
adesyvo, dažnai vartojamas ir inesyvas“ (2001: 141).
Des weiteren weist Rosinas darauf hin, da „asmeninių participinių ir
refleksyvinio įvardžio (also eben derjenigen, die in der Belebtheitshierarchie
am hochsten eingestuft werden — G. K.) posistemis Daukšos tekstuose neturi
inesyvo; jo vietoje vartojamas adesyvas, kuriuo dažniausiai reiškiama vidinė
būsena“ (2001: 140). Dies stimmt genau zu dem, was fiir das Sprachsystem
Chylinskis festgestellt wurde. Nach Ausweis von Rosinas sind Inessive der
Personalpronomina der 1. und 2. Person nicht nur bei Daukša, sondern auch
in Pietkiewicz' Katechismus sowie bei Szyrwid nicht belegt (Rosinas 1995:
17-20; 2001: 140). Nur bei Bretke und Wilent sind solche Inessive anzutref-
fen. Diese bemerkenswerte Eigentūmlichkeit der Sprache dieser Schriftstel-
ler soll demnach eigens untersucht werden.
3. DIE INESSIVE INANIMATER NOMINA BEI BRETKE
Zunachst ist festzustellen, dal? es auch bei Bretke eine Verkniipfung des
Adessivs mit der Belebtheit gibt. Fiir die Kategorien, die in der Belebtheits-
hierarchie am hochsten eingestuft werden, und zwar die Pronomina der 1.
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Die statischen Lokalkasus bei Bretke und in anderen altlitauischen Texten
und 2. Person und das Reflexivpronomen, verwendet Bretke regelmūfšig den
Adessiv:
Nefa iei Sodomoia thie Darbai butu nufsidawe, kurie tawip
nufsidawe BNT (Denn (o 3u Sodoma die thatten gefchehen weren,
die bey dyr gelchehen find LB; Quia si in Sodomis factae fuissent
virtutes quae factae sunt in te V) Mt 11,23;
Ir netur (šaknų fawimp BNT (vnd haben keine wurt3zel in jhen LB;
et non habent radicem in se) Mk 4,17;
Dwale Wielchpaties ira manip BP II 47;
Ir IEfus dauk(inofi ifchmintije / [enatweie ir maloneie Diewiep ir
Szmonifamp BP 1162, .
Die Verteilung von Adessiv und Inessiv tritt in den folgenden Beispielen
klar hervor. In allen Fallen handelt es sich um die Heilige Schrift oder deren
Teile, dort aber, wo ein Buch mit dem Namen des Verfassers bezeichnet
wird, steht der Adessiv, sonst wird der Inessiv verwendet:
Schwentamip Ianip trecziame puguldime BP I 420, ;
Ponas IEfus Kriltus wadinna Pharifeulchus Rafbainikais /
Schwentamip Ianip de[chimtame paguldime BP II 61;
nefa ghi Schwentame rafchte liudima daft BP II 88, _;
tadda Ponas Diewas Schwentame fodije / kofšnam pamokfla dūlt
BP II 279.
Da sich die Verteilung von Adessiv und Inessiv nach den kategorialen Ei-
genschaften des Nomens richtet, so dass gewisse Nomina im Normalfall nur
einen Adessiv, andere dagegen nur einen Inessiv bilden, stehen die beiden in
einem Verhaltnis der komplementiren Distribution. Sie sind demnach nicht
als vollig selbstindige Kasus, sondern nur als Varianten eines und desselben
Lokalkasus zu betrachten (vgl. Smoczynski 2001: 215).
Die Personalpronomina werden aber bei Bretke anders behandelit als bei
Daukša und Chylinski. Wir finden hier Inessive der Personalpronomina der
1. und 2. Person sowie von Personenbezeichnungen zum Ausdruck eines Vor-
gangs im menschlichen Bewufštsein oder im inneren Wesen des Menschen.
pafinfite, kaip efch mano Tiewieie — Tiew + pi e[mi, ir ius
manye — manipi ir elch iufuie — iufuie/iufuia — iufipi BNT (werdet
jr erkennen, das ich in meinem Vater bin, vnd jr in mir, vnd ich in
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euch LB; cognoscetis guia ego sum in Patre meo et vos in me et ego
in vobis V) Jn 14,20;
ir funus tawa kuris — kurie taweie ira BNT (et filios qui in te sunt
V; vind deine Kinder mit dir LB Lk 19,43) Lk 19,44;
Szatanas [...] faweie pats ne fudera BNT (Satan [...] ilt mit jm
Jelbs vneins LB; Satanas consurrexit in semetipsum V) Mk 3,26;
Er ne dege [chirdis mulu mufui BNT (nonne cor nostrum ardens
erat in nobis V; Brandte nicht vnfer hertze in vns LB) Lk 24,32;
Pharifeulchas [towedams / teipo pats fawije meldeli BP II 353;
tada permanik ir Binnok [chitai ifchtiefos Schwenta Dwale tawije
darancze BP II 125, .
Dabei soll aber beachtet werden, dal} solche Inessive von Bretke selbst
nicht selten zu Adessiven korrigiert worden sind:
kaip anis taipo fawya dumoio — anus taipo fawipi dumoienc3ius
BNT (das fie allo gedachten bey fich felbs LB; quia sic cogitarent
intra se V) Mk 2,8;
dumaia fawei — fawip BNT (et cogitabat intra se V; vnd er
gedachte bey jm felbs LB) Lk 12,17;
bilaia fawye — fawyp BNT (autem dixit intra se V; dachte er bey
Jich felbs LB) Lk 18,4.
Solche Stellen, wo ein Inessiv durch einen Adessiv ersetzt wird, zeugen
von Bretkes Unsicherheit in Bezug auf die Angemessenheit des Inessivs in
solchen Kontexten. Range (1995: 99-101) erklért solche Schwankungen
durch Einfluss der Vorlage. Tatséchlich ist es tiberaus moglich, dass die
deutsche Konstruktion mit in und dem Dativ die Voraussetzung fiir ein sol-
ches Auftreten des Inessivs schaffen konnten, obgleich die Verwendung ahn-
licher Konstruktionen der Vorlagen auf die Wahl der Lokalkasus bei Chylins-
kis keinen bemerkbaren Einfluss ausgeiibt haben. Ahnlicherweise diirfte die
deutsche Konstruktion mit bey Bretke wenigstens in einzelnen Fallen dazu
veranlasst haben, einen Inessiv durch einen Adessiv zu ersetzen (BNT Lk
12,17; Lk 18,4 etc.).
Trotzdem kann der Einfluss der Vorlagen nicht den einzigen Grund fiir
solche Anderungen gebildet haben. Im BNT gibt es mehrere Beispiele dafiir,
dal ein Inessiv durch einen Adessiv ersetzt wird, ohne dass die Vorlage die
Verwendung eines Adessivs gefordert haben konnte:
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Die statischen Lokalkasus bei Bretke und in anderen altlitauischen Texten
[shwielumas kuris tawye — tawipi ira BNT (lumen quod in te est
V; das liecht in dir [...] [ey LB) Lk 11,35;
pallinfite, kaip efch mano Tiewieie — Tiew + pi e[mi, ir ius
manye — manipi ir elch iufuie — iufuie/iufuia — iufipi BNT (werdet
jr erkennen, das ich in meinem Vater bin, vnd jr in mir, vnd ich in
euch LB; cognoscetis quia ego sum in Patre meo et vos in me et ego
in vobis V) Jn 14,20.
Sowohl Luther als auch die Vulgata haben an diesen Stellen Konstruk-
tionen mit in. Fiir die Korrekturen kann also in diesen Fallen kein anderer
Grund vorgelegen haben, als das Sprachgefiihl des Ubersetzers. Denselben
Eindruck gewinnt man bei naherer Betrachtung der Stellen, wo wenigstens
im deutschen Text andere Prapositionen als in stehen:
tu daiktu, kurie mufui — mufip nufsidawe BNT (quae in nobis
conpletae sunt rerum V; von den Gelchichten, [o vnter vns ergangen
find LB) Lk 1,1;
maZnibes kurias iufui — iufip daritas ira BNT (virtutes quae in
vobis factae sunt V; Thaten, [...] die bey euch gefchehen find LB) Lk
10,13;
kalbeiau iumus iufump — iufjpi budams BNT (haec locutus sum
vobis apud vos manens V; Solchs hab ich 3u euch geredt, weil ich
bey euch gewelen bin LB) Jn14,25.
Im deutschen Text steht in einigen Fallen bey, es gibt aber auch andere
Entsprechungen. Der Grund fiir die Korrektur mufui — mufip mul} ein ande-
rer gewesen sein; von den Ursachen wird unten noch die Rede sein.
Des weiteren ist folgendes zu beachten. Um glaubhaft zu machen, dass
der Grund fiir das Ersetzen des Inessivs durch den Adessiv im Einfluss der
deutschen Vorlage zu suchen ist, miisste man nachweisen, dass es in Bretkes
Ubersetzung iiberhaupt eine regelmiRige Entsprechung zwischen dem litau-
ischen Adessiv und der deutschen Praposition bey gibt. In diesem Fall wiirde
man eine solche Aquivalenz auch bei den Inanimata erwarten. Indes stellen
wir fest, dass den Verbindungen der Praposition bey mit Inanimata bei Bret-
ke keine Adessive, sondern Préapositionalgefiige entsprechen:
vnd wermete [ich bey dem liecht LB (ir [childies a pas wake BNT;
et calefaciebat se ad ignem V) Mk 14,54;
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[tund aber bey dem creutze LB ([toweio prieg Krifšaus BNT; Stabant
autem iuxta crucem V) Jn 19,25;
teuffet noch 3u Enon, nahe bey Salim LB (krikfchtya Enone, arti
Salim — Salem BNT; baptizans in Aenon iuxta Salim V) Jn 3,23;
bey dem pufch LB (pas er[chkieczius — kruma — pas krumus BNT)
Lk 20,37;
nahe bey der wiifte LB (arti pufchczos BNT; iuxta desertum) Jn
11,54.
Ubrigens ist zu bemerken, dal sogar Verbindungen von bey mit Animata
nicht immer mit Adessiven wiedergegeben werden. Hier folgt ein Beispiel
mit einem nichtpersonalen Animatum:
vnd war bey den Thieren LB (buwo su fSverimis BNT; Eratque cum
bestiis V) Mk 1,13.
Oft lie Bretke sich offenbar von seinem Sprachgefiihl leiten und manch-
mal muf3 er bei sich {iberlegt haben, welche Form im gegebenen Fall die
richtigere sein wiirde. Andererseits war er offenbar bemiiht, gewisse Unter-
scheidungen der Vorlagen im Bereich der Verwendung der Prépositionen
wiederzugeben, da sie fiir ein richtiges Verstindnis der betreffenden Text-
stellen wichtig waren. So konnte etwa der Unterschied zwischen in Gott (in
Deo) und bey Gott (apud Deum) Bretke kaum wie eine rein syntaktisch oder
stilistisch bedingte Erscheinung ohne theologische Implikationen vorkom-
men. Da solche Wendungen im Text ziemlich oft auftreten, fūhlte er sich au-
Berdem veranlasst, hier moglichst folgerichtig vorzugehen und dort, wo im
lateinischen oder deutschen Text in stand, ūberall dieselbe Form, und zwar
den Inessiv, zu verwenden. Im Fall eines Animatums wie tévas lag in der
lebendigen Volkssprache wohl nur der Adessiv téviep vor, dessen normale
Bedeutung “bei dem Vater” (“im Hause des Vaters”) war. Die Bedeutung “im
Vater” war der Volkssprache wohl fremd, da solche metaphorische Verwen-
dungsweisen eigentlich nur in religiosen Kontexten erscheinen konnten. Zur
Wiedergabe der Wendung in Patre, in dem Vater konnte er entweder einen
in der Volkssprache nicht vorhandenen Inessiv bilden, oder aber den tat-
sachlich vorliegenden Adessiv verwenden, wobei aber die Moglichkeit der
Differenzierung zwischen “in dem Vater” und “bei dem Vater” aufgegeben
werden musste.
Einen vergleichbaren Grund fiir die Verwendung des Adessivs statt des
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Die statischen Lokalkasus bei Bretke und in anderen altlitauischen Texten
Inessivs unter dem Einfluss der (deutschen) Vorlage kann es kaum gegeben
haben. Erstens scheint es, wie oben dargelegt, keine regelrechte Entspre-
chung zwischen dem Adessiv und irgendeiner deutschen Prūposition gege-
ben zu haben. Zweitens ist die Substituierung des Adessivs fiir einen Inessiv
bei den Animata eigentlich Substituierung einer im litauischen Sprachsys-
tem begriindeten Form fiir eine unter fremdem Einfluss eingefiihrte Form.
Wie oben dargelegt, werden die Pronomina der 3. Person in der Belebt-
heitshierarchie etwas niedriger eingestuft als diejenigen der 1. und 2. Per-
son. Das hdngt damit zusammen, dal} sie sowohl auf Belebtes als auch auf
Unbelebtes bezogen werden konnen. Trotzdem stehen die Pronomina in
ihrer Gesamtheit in der Belebtheitshierarchie hoher als die Nomina. Diese
ziemlich hohe Einstufung der Pronomina der 3. Person fiihrt gelegentlich
dazu, dal} ihre Adessive auf Unbelebtes bezogen werden. Das grammatische
Merkmal der Belebtheit richtet sich namlich nicht nach der Referenz, son-
dern nach der allgemeinen Einstufung einer Kategorie in der Belebtheits-
hierarchie. Besonders klar tritt dies bei Chylinskis hervor, der an mehreren
Stellen die maskuline Form jampi in Bezug auf unbelebtes verwendet:
Ir > O kad kokian Mieltan aba kieman ateyl[ite — iey[it, Kltaulkites
kas ten — jampi ira wertas — wertu ChNT (Ende in wat [tadt ofte vlecke
ghy [ult inkomen / onderfoeckt wie daer in weerdigh is StB) Mt 10,11.
Fiir Bretke scheint diese erweiterte Verwendung des Adessivs der Pronomina
der 3. Person nicht charakteristisch zu sein. Gut belegt ist dagegen die Ver-
wendung des Adessivs fiir Belebtes:
nag [cho Kriltaus niekur neatftokem / net iampi [tipra wiera ikki
[merties [awa illilaikikem BP I 124 ;
Tu effi Sunus Diewo giwoio. Iampi giwena pilnjbe Deiwiltes
kunifchkai BP II 88,.
Fūr Unbelebtes scheint Bretke dagegen nur den Inessiv verwendet zu haben:
kaip ner newieno iawo / kurfai teip nūdem c3iftai ulšauktu / kaip
iame nebutu kukaliu BP I 211,,.
Einen Vergleich zwischen Bretke und Chylinskis erschwert ūbrigens die Tat-
sache, dal} Bretke oft das Adverb the verwendet, wo bei Chylinskis ein Lo-
kalkasus des Personalpronomens in Bezug auf unbelebtes vorliegt (so Mt 10,
11, Mt 21, 33 usw.).
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GINA KAVALIŪNAITĖ
Dort, wo es sich um Belebtes handelt, ist bei Bretke eine merkwiirdige
Schwankung zu beobachten. An mehreren Stellen finden wir einen Inessiv,
der nachher von Bretke selbst zu einem Adessiv verbessert worden ist:
ne wienas bilas [merc3zia ne randu iame — elch newienas
prizalties /merczio ne randu iampi BNT (nullam causam mortis
invenio in eo V; Ich finde keine vrlach des todes an jm LB) Lk 23,22;
Kurfai walga mana Kuna ir gieria mana Kraughi, palsiliektis
manye — manippi, ir elch iame — iamimp BNT (Qui manducat meam
carnem et bibit meum sanguinem in me manet et ego in illo V; Wer
mein Fleilch iffet, vnd trincket mein Blut, der bleibt in mir, vnd ich
in jm LB) Jn 6,56.
Dabei ist auch noch die merkwiirdige Tatsache zu beachten, dafš der In-
essiv fiir Belebtes zwei verschiedene Formen aufweist: iame und iamije. Die
erstere scheint sich auf Unbelebtes, die letztere auf Belebtes zu beziehen.
Mit der oben angefiihrten Stelle BP I 211, vergleiche man:
Nu elti funus 3mogaus perfchwieltas / ir Diewas iamije ira
perfchwieltas BP I 363;
lei Diewas apfchwiefltas elt iamya, tada Diewas ghi teipaieg
perlchwiec3 iamya pacziamya BNT (It Gott verkleret in jm, [o wird
jn Gott auch verkleren in jm felbs LB; si Deus clarificatus est in eo et
Deus clarificabit eum in semet ipso V) Jn 13,32.
Allerdings bezieht sich iame in Lk 23,22 auf Jesus, aber es ist wohl kein
blofšer Zufall, dass Bretke eben diese Form gestrichen und durch den Ades-
siv iampi ersetzt hat. Zwar ist auch die Form iamije gelegentlich gestrichen
und durch einen Adessiv ersetzt worden:
ne tiefos nera iamya — iamyp BNT (vnd ift keine vngerechtigkeit
an jm LB; et iniustitia in illo non est V) Jn 7,18.
Die Form iamije steht an verschiedenen Stellen, und kann somit kein
bloBer Schreibfehler sein. Bei anderen altlit. Autoren scheint diese Form
nicht belegt zu sein. Rosinas (1995) erwahnt sie nicht. Es fragt sich, ob es
sich hier nicht um eine Neubildung Bretkes handelt. Man darf wohl mut-
malšen, dass das Personalpronomen der 3. Person Mask. in Bretkes Sprach-
system (wie in Chylinskis Sprachsystem) keinen Inessiv fiir Belebtes hatte.
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Die statischen Lokalkasus bei Bretke und in anderen altlitauischen Texten
Da Bretke bemiiht war, die in den Vorlagensprachen (Lateinisch, Deutsch)
verwendete Praposition in wiederzugeben, tat er dies mittels des Inessivs,
wobei er die fehlenden Formen aufgrund produktiver Modelle erganzte. Ia-
mije diirfte etwa maneie, taweie, faweie nachgebildet sein. Auch in Bezug auf
diese Form ist einige Unsicherheit zu beobachten, denn oft ist der Inessiv
zu einem Adessiv korrigiert. Vielleicht wurde iame von Bretke als eine fiir
die Unbelebtheit markierte Form empfunden. Dies konnte den Grund dafiir
gebildet haben, dass er sie entweder durch den Adessiv ersetzte, oder nach
dem Vorbild von maneie, taweie eine animate Nebenform bildete. Auch die
letztere aber scheint ihn nicht vollig befriedigt zu haben, denn auch sie wird
mitunter zu einem Adessiv verbessert.
Neben der ritselhaften Form iamije, die in der Literatur unbeachtet ge-
blieben ist, sind noch weitere Inessivformen zu erwahnen, die bei Bretke
belegt sind, den tibrigen altlitauischen Autoren aber unbekannt sind. Es han-
delt sich um die Form der 2. Person Pl. mufui(e), iufui(e) (zu diesen Formen
vgl. Rosinas 1971: 147-152):
Er nefšinnat [...] iog dwale Diewo iufuie giwen BP II 370 ;
Er nelfšinot / iog kunas iufu BaBnicze efti Dwalios iufuie
giwenanc3ios BP II 370,,.
Auch hier ist es denkbar, dal} wir es mit kiinstlich von Bretke gebildeten For-
men zu tun haben, denn bei anderen Autoren sind nur die Adessive belegt.
Die Formen musui(e), iusui(e) scheinen Bretke ebenfalls nicht befriedigt zu
haben, denn er hat sie an verschiedenen Stellen durch Adessive ersetzt:
tu daiktu, kurie mufui — mufip nufsidawe BNT (ordinare
narrationem quae in nobis conpletae sunt rerum V; von den
Gelchichten, [o vnter vns ergangen [ind LB) Lk 1,1;
mazgnibes kurias iufui — iufip daritas ira BNT (factae fuissent
virtutes quae in vobis factae sunt V; Thaten, [...] die bey euch
gelchehen [ind LB) Lk 10,13.
4. SCHLUSSFOLGERUNGEN
Hinsichtlich der Verwendung der statischen Lokalkasus (Inessiv und Ades-
siv) gibt es keinen prinzipiellen Unterschied zwischen der Sprache Bretkes
und derjenigen der ūbrigen altlitauischen Autoren. Die Verteilung dieser
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GINA KAVALIŪNAITĖ
Kasus wird nicht durch die Kasussemantik, sondern durch die kategoria-
len Merkmale der Nominalgruppen geregelt, wobei die Verwendung des
Adessivs eine hohe Einstufung in der Belebtheitshierarchie widerspiegelt.
Anders als die ibrigen altlitauischen Verfasser verwendet Bretke Inessive
der Personalpronomina der 1. und 2. Person sowie des Reflexivpronomens;
zum Teil liegen diese Formen sonst nirgendwo vor. Auch verwendet er fiir
Animata sonst nicht belegte Formen der 3. Person Sg. Mask. (iamije neben
iame). Vermutlich handelt es sich hier um Nachahmung der in den Vorla-
gen verwendeten Konstruktionen mit lat. und deutsch in. Die zahlreichen
Falle, wo diese Inessive zu Adessiven verbessert worden sind, weisen aber
auf Bretkes Unsicherheit in Bezug auf die Richtigkeit dieser Formen hin. In
seinem Sprachsystem lagen wahrscheinlich nur die Adessive vor. Bretkes
Sprachsystem unterschied sich hier wahrscheinlich nicht von demjenigen
anderer altlitauischer Autoren wie Chylinski, Daukša u. a., und die Eigen-
tūmlichkeiten der Verwendung des Inessivs in seinen Texten spiegeln vor
allem die Eigenart seiner Ubersetzungstechnik, nicht seiner Sprache wider.
BESONDERE ZEICHEN
—- Korrektur in der Hs.
=> ūber der Zeile hinzugefiigtes Synonym
Fain] Anfang bzw. Ende einer Korrektur in der Hs.
<...> Emendation der Hrsg. (Kudzinowski u. Otrebski 1958)
| ... J Tilgung in der Hs.
[...] ~~ ausgelassene Textstelle
[TOT] in der Statenbijbel erklarend hinzugefiigtes Wort
+ rankraštyje neijskaitoma raidė
56
Die statischen Lokalkasus bei Bretke und in anderen altlitauischen Texten
OUELLENVERZEICHNIS
BNT — NAVIAS TESTAMENTAS. Ing Lietuwifchka Lief3uwi perralchitas. per lana
Bretkuna Labguwos Plebona. 1580. Zitiert nach: NAVIAS TESTAMENTAS. Ing
Lietuwifchka Lief3uwi perrafchitas. per lana Bretkuna Labguwos Plebona.
1580. DAS NEUE TESTAMENT in die litauische Sprache ūbersetzt von Johann
Bretke, Pastor zu Labiau 1580: Faksimile der Handschrift, Band 7 und 8,
Labiau i. Pr. 1580. Hrsg. von J.D.Range und Fr. Scholz. 1991, Paderborn —
Miinchen — Wien — Ziirich.
BP — POSTILLA tatai efti Trumpas ir Praftas Ifchguldimas Euangeliu [...] Per lana
Bretkna Lietuvos Plebona Karaliaucgiuie Prufiifu. If{paufta Karaliaucziuie Iurgio
Oftenbergero. Mata Pono 1591.
CHNT — Czestaw Kudzinowski, Jan Otrebski, Biblia litewska Chyliriskiego. Nowy
Testament. 2, Tekst, Poznan: Zaklad Narodowy im. Ossoliniskich, 1958.
DP — Poftilla CATHOLICKA Tai eft: Išguldimas Ewangeliu kiekwienos Nedelos ir
Swetes per wiffiis metus. Per Kūnigą MIKALOIV DAVKSZ[A] Kanonikq Médniku /
iš lėkifško pergildita. Su wald ir daldidimu wireufiuiy. W Wilniui / Drukarnioi
Akadémios SOCIETATIS IESV. A.D. 1599.
LB — D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe (Weimarer Ausgabe).
Die Deutsche Bibel, 6. Band. 1968: Hermann Bohlaus Nachfolger — Weimar
Akademische Druck- u. Verlagsanstalt — Graz.
STB — Biblia, Dat Is De gantfche H. Schrifture, vervattende alle de Canonijcke Boecken
des Ouden en des Nieuwen Testaments. Door laft der Hoogh-Mog: Heren Staten
Generael van de Vereenighde Nederlanden [...] Uyt de Oorfpronkelijcke talen in
onfe Nederlandtfche tale getrouwelijck over-gefet [...] ende Door gemeene ordre
der Nederlandfche Kercken verbetert van Druckfauten en Mis/tellingen die in den
Eersten Druck gevonden worden. T'Amsteldam, Gedruckt bij de Weduwe wijlen
Paulus Aertfz van Ravelteijn [...] Anno 1657.
V — Die Vulgata, zitiert nach: Roger Gryson, ed., 1994: Biblia Sacra Vulgata.
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WujJ — Poltilla Catholicka Mnieyfza. To ielt: Krotkie Kazania / albo wyklady
wietych Ewngeliy [...] Prgez D. IAKVBA WVYKA 3 Wegrowcéd / Theologa
Societatis IESV. [...] W KRAKOWIE W Drukarniey Andr3eia Piotrkowc3yka /
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