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Gotfrydo Ostermejerio prierašai Jokūbo Brodovskio rankraščiuose: „Litauische Sprichwörter und Rätsel“ ir „Lexicon Germanico–Lithvanicvm et Lithvanico–Germanicvm“

Ona Aleknavičienė

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ONA ALEKNAVIČIENĖ Institut für Litauische Sprache Forschungsschwerpunkte: Geschichte der litauischen Schriftsprache, Sprach-, Literatur- und Kulturgeschichte Kleinlitauens. GOTFRYD OSTERMEJERIS EINTRÄGE IN DEN HANDSCHRIFTEN JOKŪBAS BRODOVSKIS: LITAUISCHE SPRICHWÖRTER UND RÄTSEL UND LEXICON GERMANICO-LITHVANICVM ET LITHVANICO-GERMANICVM1 Einträge Gottfried Ostermejers in den Handschriften von Jacob Brodowski: Litauische Sprichwörter und Rätsel und Lexicon Germanico-Lithvanicum et Lithvanico-Germanicum ABSTRACT Der Beitrag untersucht die Frage der Autorschaft der handschriftlichen Sammlung von Sprichwörtern, Redensarten und Rätseln Litauische Sprichwörter und Rätsel (PR), die in der Bibliothek der Litauischen Akademie der Wissenschaften Wróblewski (LMAVB RS: F 137–1) aufbewahrt wird. Im Manuskript, das vom Hauptkompilator – dem Präzentor Jacob Brodowski aus Trempen (Kreis Darkehmen) – mit volkstümlichen Kleineinheiten versehen wurde, fanden sich Einträge von Gottfried Ostermejer: 16 deutsche und 11 litauische Wendungen. Ziel des Beitrags ist es, Ostermejers Einträge als Elemente der Makro- und Mikrostruktur der Sammlung zu bewerten. 1 Der Beitrag entstand im Rahmen des Projekts Erbe und Identität: Erforschung und Vermittlung litauischer Quellen des 17. Jahrhunderts, das in das Programm Staat und Nation: Erbe und Identität aufgenommen wurde. Die Forschung wurde vom Litauischen Wissenschaftsrat gefördert (Vertrags-Nr. VAT 10/2010). S C H L Ü S S E L W Ö R T E R: Gottfried Ostermejer, Jacob Brodowski, Kleinlitauen, volkstümliche Überlieferung, Sprichwörter, Redensarten, Rätsel. S C H L Ü S S E L W Ö R T E R: Gottfried Oster meyer, Jacob Brodowski, Kleinlitauen, volkstümliche Überlieferung, Sprichwörter, Redensarten, Rätsel. Straipsniai / Articles 23 ONA ALEKNAVIČIENĖ Elemente zu bestimmen, ihre Beziehungen zu früheren litauischen Quellen festzustellen und jene Einträge herauszuarbeiten, die in der Geschichte des litauischen Schrifttums erstmals belegt sind. Der Artikel behandelt auch Ostermejers Einträge in Brodovskis Wörterbuch Lexicon Germanico-Lithvanicum et Lithvanico-Germanicum (B; LMAVB RS: F 137–15) und analysiert die sprachlichen Besonderheiten von Ostermejers Einträgen. ANNOTATION Der Artikel behandelt die Frage der Urheberschaft der handschriftlichen Sammlung von Aussprüchen, Sprichwörtern und Rätseln Litauische Sprichwörter und Rätsel (PR), die in der Wroblewski-Bibliothek der Litauischen Akademie der Wissenschaften (LMAVB RS: F 137–1) aufbewahrt wird. Unter den Einheiten der Kleinfolklore, die der Hauptkompilator – der Präzentor von Trempen (Kreis Darkehmen), Jacob Brodowski – aufgezeichnet hat, finden sich im Manuskript auch Eintragungen von Gottfried Oster meyer: 16 deutsche und 11 litauische Wendungen. Ziel dieses Artikels ist es, die von Ostermeyer verfassten Eintragungen als Elemente der Makro- und Mikrostruktur der Sammlung zu bewerten, ihre Beziehungen zu früheren litauischen Quellen zu bestimmen und jene Eintragungen herauszuarbeiten, die im litauischen Schrifttum erstmals belegt sind. Der Artikel erörtert außerdem Ostermeyers Eintragungen in Brodowskis Wörterbuch Lexicon Germanico-Lithvanicum et Lithvanico-Germanicum (B; LMAVB RS: F 137–15) und analysiert deren sprachliche Besonderheiten. 0. EINLEITUNG Gotfrydas Ostermejeris (Gottfried Ostermeyer, 1716–1800) – ryški XVIII amžiaus antrosios pusės Mažosios Lietuvos figūra. Literatūrologams jis žinomas visų pirma kaip giesmių kūrėjas, giesmyno sudarytojas ir istoriografas, kalbos istorikams – kaip gramatikos autorius, kultūros istorikams – kaip ikikrikščioniškosios Prūsijos tautų ir jų religijų tyrėjas. Nors gimė ne Mažojoje Lietuvoje ir nelietuviškoje šeimoje, literatūros, kalbos bei istorijos tyrimus skyrė mokslo sričiai, kuri dabar įvardijama kaip lituanistika plačiąja prasme. Die Familie Ostermejer führte ihre Herkunft auf deutsche Bayern zurück, die über Sachsen und Schlesien nach Westpreußen gekommen waren (Šlaitaitė 1994: 150–151, 157–158). Gotfrydas wurde 1716 in Marienburg (heute Malbork, Nordpolen, Woiwodschaft Pommern) als Sohn eines Handwerkers (Gerbers) geboren. Von 1728 bis 1736 besuchte er das Gymnasium in Toruń (Šlaitaitė 1994: 151–152, 158–159; Biržiška 1963: 101). An der Universität Königsberg wurde er am 9. Mai 1737 immatrikuliert: „Ostermeyer Godofr. Marienburg. Boruss.“ (Erler 1911: 370)2. Er studierte Theologie und lernte etwa 1739–1740 am Litauischen Seminar die litauische Sprache (Citavičiūtė 2004: 87–88, 344). 2 Biržiškos (1963: 101) nurodyta data 1739-05-09 klaidinga. 24 Acta Linguistica Lithuanica LXVII Gotfrydo Ostermejerio prierašai Jokūbo Brodovskio rankraščiuose: Litauische Sprichwörter und Rätsel ir Lexicon Germanico-Lithvanicum et Lithvanico-Germanicum Zweimal musste Ostermejer sein Studium wegen Geldmangels unterbrechen. Wie sein Sohn Zygfrydas (Siegfried Ostermeÿer, 1759–1821) berichtet, verdiente sich sein Vater bei Dorfpfarrern seinen Lebensunterhalt mit Privatunterricht und kehrte, sobald er genug Geld gespart hatte, nach Königsberg zurück. Zuletzt hielt er sich beim Pfarrer von Verdainė (etwa 3,5 km östlich des ehemaligen Heydekrug, heute Šilutė), Fabijonas Kalava (Fabian Kalau, 1691–1747), auf; dort studierte er auch Theologie und erlernte schließlich die litauische Sprache. Dank seiner Litauischkenntnisse erwies er sich als würdig, eine offizielle Stelle in Preußisch-Litauen zu erhalten – der Patron der Kirche von Trempen, der Staats- und Kriegsminister (Königliche Etats- und Kriegsminister) Friedrich von Görne, berief ihn 1744 als Präzentor nach Trempen (Šlaitaitė 1994: 152, 159). Als der Trempener Pfarrer Gerhard Ludwig Mühlenkamp 1752 nach Kussen versetzt wurde, blieb die Stelle vakant. Am 29.08.1752 teilten die Konsistorialräte dem König mit, dass die Gemeinde Ostermejer aus drei Kandidaten ausgewählt hatte (Die Pfarr-Stelle zu Trempen betreff., 1752; GStA PK: XX. HA Hist. StA Königsberg, EM 44 d, Nr. 233, Bl. 18r–21v). Ostermejer war bis zu seinem Tod (13.03.1800) Pfarrer in Trempen. Er war mit Anna Regina (Anna Regina Kalau, 1721–1770), der Tochter des erwähnten Pfarrers von Verdainė, Kalau, verheiratet. Sein Sohn Zygfrydas und seine Enkel wurden ebenfalls evangelisch-lutherische Pfarrer und Lehrer und beschäftigten sich mehr oder weniger mit litauischen Studien. Das durch die Aufklärung geprägte Verständnis von Volk und den von ihm hervorgebrachten geistigen Werten löste in Europa zahlreiche Debatten aus. Auch Ostermejer wurde in diese einbezogen – zunächst im Zusammenhang mit der Ethnogenese der Preußisch-Litauer und der Balten insgesamt, später mit den Grundsätzen der Kirchenliedübersetzung. Die von diesen Debatten angeregten Werke Ostermejers provozierten neue Auseinandersetzungen. In all diesen Debatten waren Fakten der litauischen Sprache eines der wichtigsten Instrumente und Argumente Ostermejers. Ostermejer war Mitglied der Königlich Deutschen Gesellschaft zu Königsberg (Königliche deutsche Gesellschaft zu Königsberg) und veröffentlichte in der Zeitschrift der Gesellschaft, Preussisches Archiv, Beiträge zur Religion, Ethnografie und Mythologie der Pruzzen und Litauer sowie zur Geschichte der Kirchen und Schulen. Seine Hauptwerke veröffentlichte Ostermejer auf Deutsch. Nicht alle publizierten Arbeiten sind erhalten geblieben3. Von den Handschriften ist nur sehr wenig erhalten – bis heute waren lediglich drei Autographe und eine Abschrift bekannt. Das erste Autograph ist ein Brief, den er am 06.01.1781 aus Trempen an Abraham Jakob Penzel (1749–1819) nach Krakau schrieb und der heute in der Bayerischen Staatsbibliothek in München aufbewahrt wird (Gerulaitienė 2002: 18–20); das zweite ist ein Aufsatz über die Geschichte der litauischen Bibel, Historische Nachricht von der litauischen Bibel, der in der Wroblewski-Bibliothek der Litauischen Akademie der Wissenschaften aufbewahrt wird. Der Aufsatz ist nicht unterzeichnet, doch durch seinen Brief an Penzel (Gerulaitienė 2002: 11–15) und das dritte, in 3 Die meisten der erhaltenen Werke wurden ins Litauische übersetzt und in den Gesammelten Schriften (1996) veröffentlicht, ausgenommen die litauische Grammatik Neue Litauische Grammatik (1791) und die Beiträge in der Zeitschrift Preussisches Archiv. Straipsniai / Articles 25 ONA ALEKNAVIČIENĖ Im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin (Geheimes Staatsarchiv Preussischer Kulturbesitz). Es handelt sich um Ostermeijers Kommentare zu dem von Ludwig Rhesa ins Litauische übersetzten Psalm Davids (Ps 2,1–12) und um einen unterzeichneten Schlussvermerk (dazu siehe Citavičiūtė 2002: 21–25). Die chronologische Abfolge der bislang bekannten Autographe Ostermeijers ist demnach folgende: (1) Gotfrydas Ostermejeris. Brief aus Trempen an Abraham Jakob Penzel nach Krakau, 1781-01-06; Bayerische Staatsbibliothek München: Penzeliana II (Ostermever, Bl. [1–6]; veröffentlicht in: Keturi Gotfrydo Ostermejerio rankraščiai, 2002: 73–77, 143–148. (2) [Gottfried Ostermever]. Hiftorijch[e] Nachricht v[on] d[er] littauifch[e]n Bibel, [nach 1791]; LMAVB RS: F 15–299; veröffentlicht in: Keturi Gotfrydo Ostermejerio rankraščiai, 2002: 31–52, 91–123. (3) M[artinus] Lud[ovicus] Rheſa. Ueberſetzung des 2ten P[ſalms] ins litthauiſche, 1797. – Acta des Königl. Ober-Schul-Collegii, von den Polnisch- und Litthauischen Prediger- und Schullehrer Seminar zu Königsberg in Preußen, 1797–1805; GStA PK: I. HA Rep 76 alt Ältere Oberbehörden für Wissenschaft, Kunst, Kirchen- und Schulsachen, II Nr. 271, Bl. 42r–42v; publikuota: Keturi Gotfrydo Ostermejerio rankraščiai, 2002: 79–82, 149–150. Ein weiteres handschriftliches Dokument Ostermeijers ist bekannt – Zusätze zum Beitrag zur Altpreußischen Religions Geschichte und zu den Gedanken von den alten Bewohnern des Landes Preußen, doch handelt es sich nicht um ein Autograph, sondern um eine Abschrift (LMAVB RS: F 15–70). Es sind Ergänzungen zu seinen veröffentlichten Büchern Kritischer Beitrag zur Altpreußischen Religionsgeschichte (1775) und Gedanken von den alten Bewohnern des Landes Preussen (1780), die nach 1783 verfasst wurden (Gerulaitienė 2002: 15–18; veröffentlicht in: Keturi Gotfrydo Ostermejerio rankraščiai, 2002: 53–72, 125–142). Bei der Untersuchung der in der Wroblewski-Bibliothek der Litauischen Akademie der Wissenschaften aufbewahrten handschriftlichen Sammlung von Sprichwörtern, Redensarten und Rätseln Litauische Sprichwörter und Rätsel (im Folgenden PR; LMAVB RS: F 137–1), die lange als anonym galt, fiel auf, dass die Einheiten der Volksüberlieferung nicht alle zur selben Zeit und nicht von derselben Person eingetragen worden waren. Im Gesamttext hoben sich die mit schwarzer oder bräunlich-schwarzer Tinte geschriebenen Nachträge ab. Die historischen Umstände ließen vermuten, dass sie von Ostermejer stammen könnten, und lenkten die Untersuchung somit darauf, ein weiteres Autograph von ihm zu identifizieren. Die wichtigste Frage, die zunächst zu beantworten war, lautete jedoch: Wer war der Zusammensteller der gesamten Sammlung? 1. RINKINIO LITAUISCHE SPRICHWÖRTER UND RÄTSEL AUTORYSTĖ Diese handschriftliche Sammlung kleiner Formen der Volksüberlieferung wurde bis zum Zweiten Weltkrieg im Preußischen Staatsarchiv in Königsberg aufbewahrt (Preussisches Staatsarchiv in 26 Acta Linguistica Lithuanica LXVII Gotfrydo Ostermejerio prierašai Jokūbo Brodovskio rankraščiuose: Litauische Sprichwörter und Rätsel ir Lexicon Germanico-Lithvanicum et Lithvanico-Germanicum Königsberg4. Die mit violetter Tinte auf dem Titelblatt eingetragene alte Buchstabensignatur der LMAVB „1. LR – I“ zeigt, dass das Manuskript dem Bestand von Ludwig Rhesa (Ludwig Jedemin Rhesa, 1776–1840) zugeordnet war (siehe auch Šiožinys 1950: 10–13). Dieser Bestand wurde nach dem Zweiten Weltkrieg gebildet, als zahlreiche Bücher und Handschriften aus dem Gebiet Königsbergs nach Litauen gebracht wurden, die bei Expeditionen zur Rettung von Kulturgütern gesammelt worden waren (Abramavičius 1944–1947: 40v–41r; Abramavičius 1963: 189). Die Sammlung ist unvollständig: Anfang, Ende und Teile des inneren Textes fehlen. Das authentische, von der Hand des Zusammenstellers geschriebene Titelblatt ist nicht erhalten; die Titelangaben wurden später eingetragen. Auf dem ersten Blatt des früheren Umschlags, in den das Manuskript einst eingelegt war, finden sich zwei Einträge: 1) der Titel „Littauilch[e] Sprichwörte[r] || u || Räthſel.“ (in der Blattmitte mit dunkelbrauner Tinte); 2) der Eintrag „Litth. Sprüchwörter“ (oben auf dem Blatt mit braunem oder rotem Bleistift; der Eintrag ist verblasst und schwer lesbar). Die Sammlung wird von Zeitgenossen nicht erwähnt, sodass auch sekundäre Informationen fehlen. In der litauischen Bibliographie ist das Manuskript als Quelle vom Ende des 17. Jahrhunderts registriert, ohne Angabe eines Verfassers: „Littauilche Sprichwörter und Rätſel. [Litauische Sprichwörter, Redensarten und Rätsel]. O. O., Ende des 17. Jahrhunderts. [1, 40] Bl. 20,5 × 17,4 cm“ (LB I 516, Nr. 177). Im Karteikatalog der Handschriftenabteilung der LMAVB ist die Quelle wie folgt verzeichnet: „Sammlung litauischer Redensarten, Rätsel und Sprichwörter. Verfasser unbekannt. Litauisch, 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts, 40 Bl. 20 × 17,4. Restaurierte Handschrift; auf dem 1. Bl. Eintrag: Nr. 177 Litauische Sprächwörter und Rätsel⁵“. Mangels Titelangaben wurde die Sammlung nach dem Zweiten Weltkrieg traditionell als Anonyme Sammlung von Redensarten, Sprichwörtern und Rätseln. bezeichnet. Die Frage der Autorschaft stellte 1956 Jurgis Lebedys. Für ihn schien es unzweifelhaft, dass die Sammlung Eigentum des Präzentors von Trempen (Kreis Darkehmen), Jokūbas Brodovskis (Jacob Brodowski, 1692–1744)6 war und zu den wichtigsten Quellen seines Wörterbuchs Lexicon Germanico-Lithvanicum et Lithvanico-Germanicum gehörte; an der Autorschaft der Sammlung zweifelte er jedoch dennoch. Obwohl er die Möglichkeit, Brodovskis als Verfasser der Sammlung anzusehen, nicht ausschloss- 4 Es gibt nur einen Provenienzhinweis auf einen früheren Besitzer der Quelle: die Signatur Nō 177, die oben rechts auf dem Titelblatt mit dunkelbrauner Tinte eingetragen ist. Da die PR keinen Eintrag mit dem Namen des Archivs Preussisches Staatsarchiv in Königsberg (in Handschriften üblicherweise abgekürzt als Staatsarchiv Königsberg) enthält, das ab 1867 verwendet wurde (Forstreuter 1955: 65), und auch der entsprechende Stempel fehlt, ist anzunehmen, dass die PR-Signatur eingetragen wurde, als das Archiv noch nicht umbenannt war, also unter der Bezeichnung Königliches Geheimes Archiv zu Königsberg in Preussen firmierte. In das so bezeichnete Archiv gelangten nach Rhesas Tod die von ihm zusammengetragenen Handschriften, darunter Jokūbas Brodovskis’ Lexicon Germanico-Lithvanicum et Lithvanico-Germanicum (im Folgenden B), die anonyme Clavis Germanico-Lithvana (im Folgenden C), das Lexicon Lithuanicum und weitere Werke (Nesselmann 1851: VI). 5 Auf dem Titelblatt der PR steht Sprichwörter, Räthſel. 6 Brodovskis war von 1713 bis 1744 als Präzentor in Trempen tätig. Er hatte an der Universität Königsberg studiert und war am 1709-04-24 immatrikuliert worden: „Brodowski Jac., Goldap, Pruss., iur., gratis“ (Erler 1911: 264). Man nimmt an, dass er sein Studium nicht abschloss. Dies könnte einer der Gründe dafür sein, dass er nicht Pfarrer wurde. Straipsniai / Articles 27 ONA ALEKNAVIČIENĖ toju, bet neradęs pakankamų įrodymų, klausimą paliko atvirą (Lebedys 1956: 25–26). Vėlesni B ir PR patarlių santykio tyrimai įtikinamo rezultato taip pat nedavė. Nach einer Analyse der Handschrift des gesamten Konvoluts (wobei vor allem die in Lothar Michels Buch Gerichtliche Schriftvergleichung. Eine Einführung in Grundlagen, Methoden und Praxis dargelegte Methodik der Schriftuntersuchung berücksichtigt wurde (Michel 1982: 78–85, 237–261)), wurde festgestellt, dass PR mit Ausnahme einiger Dutzend von einer anderen Person stammender Einträge und der Eintragungen auf dem später hinzugefügten Titelblatt ein Autograf von Jokūbas Brodovskis ist (Aleknavičienė 2011: 50–54). Die Haupteinträge wurden mit Brodovskis Wörterbuch Lexicon Germanico-Lithvanicum et Lithvanico-Germanicum verglichen. Die Analyse des Papiers des Konvoluts widersprach dieser Schlussfolgerung nicht. Während frühere Bearbeiter des Manuskripts die Datierung unterschiedlich ansetzten – Ende des 17. Jahrhunderts (letzte Jahrzehnte, zweite Hälfte) oder Ende des 17. bis Anfang des 18. Jahrhunderts (erste Jahrzehnte, erstes Viertel) –, ermöglichte die Wasserzeichenanalyse eine Eingrenzung des Zeitraums: PR ist keine Quelle des 17., sondern der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Anhand der Wasserzeichen wurde festgestellt, dass für PR Papier aus drei preußischen Papiermühlen verwendet wurde: Giunveris, Finkens und Ekeris. Für die Datierung des Manuskripts ist das Papier mit dem Wasserzeichen wichtig, das die Monogramm „CF“ 7 trägt. Das Wasserzeichen zeigt eine gekrönte Schlange, die sich um eine Kornblume windet. Papier mit der gekrönten Schlange stellte die Papiermühle Giunveris (Grünwehr) her. Die Buchstaben „CF“ am unteren Rand des Wasserzeichens sind das Monogramm des Meisters Christoph Fund(t) (oder Pfundt), der von 1719 bis 1724 in Giunveris tätig war. Ein ähnliches Wasserzeichen mit den Initialen „CF“ findet sich bereits in einem Dokument von 1716; es ist jedoch unbekannt, wo Fund(t) damals arbeitete. Demnach muss das Manuskript nach 1716 geschrieben worden sein (Aleknavičienė 2011: 45–50). Der Herstellungszeitraum des Papiers aus den anderen Mühlen steht dieser Datierung nicht entgegen. Die Nachträge der zweiten Person in schwarzer oder bräunlich-schwarzer Tinte weisen ausgeprägte individuelle Handschriftmerkmale auf. Ostermejeris Handschrift wurde mit den Originalen seiner beiden bereits erwähnten Manuskripte und dem Nachdruck eines Briefes verglichen. Die Analyse der Gestalt sowohl einzelner Buchstaben als auch ihrer Verbindungen ließ den Schluss zu, dass Gotfrydas Ostermejeris die Nachträge verfasst hat (Aleknavičienė 2011: 55–64). 1744 wurde er auf die Stelle des Präzentors von Trempai berufen, der im selben Jahr gestorben war. Sowohl für Brodovskis als auch für Ostermejeris war Trempai die erste und einzige Pfarrei. Ostermejeris lieferte als Erster Informationen über Brodovskis als Lexikografen und über dessen Wörterbuch. In seinem 1775 erschienenen Werk Kritischer Beitrag zur Altpreußischen Religionsgeschichte stützte sich Ostermejeris auf einen litauischen Lexikografen – auf die von Pilypas Ruigis (Philipp Ruhig, 1675–1749) und Brodovskis aus der lebendigen Sprache gesammelten Namen baltischer Götter, die angeblich bei keinem preußischen Historiker zu finden seien (Ostermeyer 1775: 9–23). Ruigis und Brodovskis dienten Ostermejeris als maßgebliche Quellen, die dabei halfen, den Tätigkeitsbereich der alten Gottheiten zu bestim- 7 Das Wasserzeichen mit dem Monogramm „CF“ misst 10,8 × 9 cm; die Linien bilden keine Achse, der Abstand zwischen den seltenen Linien beträgt 2,3 cm, die Linien sind deutlich. Es befindet sich auf den Blättern PR 9 (unterer Teil), PR 11–14 (ganzseitig) und PR 16 (oberer Teil). Die Wasserzeichen sind veröffentlicht in: Aleknavičienė 2011: 46–48, Abb. 1–3. 28 Acta Linguistica Lithuanica LXVII Gotfrydo Ostermejerio prierašai Jokūbo Brodovskio rankraščiuose: Litauische Sprichwörter und Rätsel ir Lexicon Germanico-Lithvanicum et Lithvanico-Germanicum men, denn diejenigen, die unter Litauern leben, könnten hören, dass zahlreiche Götter erwähnt werden. Die meisten Informationen über Brodovskis und die Entstehung des Wörterbuchs gab Ostermejeris jedoch in seinem Buch Gedanken von den alten Bewohnern des Landes Preussen (1780). Die wichtigsten davon betreffen die Methode der Wörterbucharbeit (Brodovskis sammelte Material aus der lebendigen Sprache und schrieb etwa 30 Jahre daran8), seinen Aufbau (zweiteilig: der erste Teil deutsch-litauisch, der zweite litauisch-deutsch; letzteren hatte er begonnen, ins Reine zu übertragen, konnte ihn aber nicht fertigstellen) und die große Zahl an Sprichwörtern (im Titel sind über 2000 angegeben) (Ostermeyer 1780: XXXVI–XXXVII). Ostermejeris’ Beschreibung der Materialsammelmethode hilft, die mehrstufige Chronologie der Einträge sowohl in B als auch insbesondere in PR zu verstehen: Für ein einzelnes Wort oder eine Redewendung konnte Brodovskis mehrere Meilen zurücklegen; er trug stets eine Schreibtäfelchen bei sich und notierte sofort darauf, wenn er etwas Neues hörte, um es nach seiner Rückkehr in das Wörterbuch aufzunehmen. Der Briefwechsel mit Penzelis zeigt, dass Ostermejeris von den damaligen litauischen Liedern nicht besonders begeistert war (Keturi Gotfrydo Ostermejerio rankraščiai, 2002: 73, 75, 144). In seinem Buch Gedanken von den alten Bewohnern des Landes Preussen schließt er seine Ausführungen über Brodovskis jedoch mit einer positiven Bewertung des Wörterbuchs wegen der zahlreichen darin enthaltenen Sprichwörter. Diese sollte man angeblich auswählen, ordnen und mit Erläuterungen versehen separat veröffentlichen. Die Sprichwörter würden den Witz der alten Litauer zeigen und große Anerkennung finden. Mehr noch, dies böte Anlass, zu beklagen, dass der Deutsche Orden einem solchen Volk die Freiheit genommen habe (Ostermeyer 1780: XXXVI–XXXVII). Die Veröffentlichung von Sprichwörtern und Redensarten aus der lebendigen Sprache erschien Ostermejeris somit als eine Art moralischer Wiedergutmachung. Ostermejeris hat PR nicht als eigenständige Quelle erwähnt. Brodovskis selbst betrachtete PR vermutlich als Teil des Wörterbuchs und beabsichtigte, es am Ende hinzuzufügen, wie es bei C, KzŽ und verschiedenen anderen zweisprachigen Wörterbüchern des 17. und 18. Jahrhunderts der Fall ist. Auch Verweise von einer Quelle auf die andere belegen den Zusammenhang zwischen PR und B. Daher ist anzunehmen, dass dieses Manuskript zusammen mit dem Wörterbuch aufbewahrt wurde. 2. GOTFRYD OSTERMEJERS BEITRÄGE IN JAKOB BRODOWSKIS MANUSKRIPT LITAUISCHE SPRICHWÖRTER UND RÄTSEL Insgesamt fügte Ostermejer PR 16 deutsche und 11 litauische Phrasen hinzu (insgesamt 53 litauische Wörter oder 61 Wortformen) und korrigierte mindestens 5 Wörter Brodowskis. Von den elf sind zehn Sprichwörter und Redensarten, eines ist ein Rätsel. 8Ostermejer schreibt, Brodowski habe früh begonnen, Material für das Wörterbuch zu sammeln: „Er fieng frühezeitig an ein Wörterbuch von dieser Sprache zusammen zu tragen, und brachte mit dieser Arbeit an die dreyßig Jahre zu.“ (Ostermeyer 1780: XXXVI), das heißt wahrscheinlich, kaum dass er in Trempen angekommen war. Straipsniai / Articles 29 ONA ALEKNAVIČIENĖ Die meisten Einträge Ostermejers in PR stehen durch vertikale Verknüpfungen mit den Einträgen Brodowskis in Zusammenhang und bilden zusammen mit ihnen die Makrostruktur der Sammlung. Es handelt sich um eigenständige Sammlungsartikel (der Begriff Sammlungsartikel wird analog zum lexikografischen Begriff Wörterbuchartikel verwendet). Etwas weniger Einträge sind durch horizontale Verknüpfungen verbunden und gehören zum Bereich der Mikrostruktur. Diese Einträge lassen sich in drei Typen einteilen: 1) Ergänzung von Brodowskis Artikeln – Hinzufügung eines fehlenden oder zusätzlichen deutschen Äquivalents; 2) Korrektur von Brodowskis Artikeln – Vorschlag einer besseren litauischen oder deutschen Variante; 3) Korrektur einzelner Wörter Brodowskis. 2.1. Hinzugefügte Sammlungsartikel Dies sind Elemente der Makrostruktur der Sammlung: einzelne Artikel, die beide Komponenten enthalten – eine litauische und eine deutsche (vgl. Abb. 1). Davon gibt es zehn (neun Redensarten und Sprichwörter sowie ein Rätsel): PR ᵒ1r II₅–₁₁ ⁹ Diewe dūk wienam gimt, alle ne wienam dirbt. Gott {ła}ße jeden allein geboren werden; aber keinem allein arbeiten d. i. ohne Arbeiter (Kinder und Geſinde) beſteht keine Wirthſchaft. PR ᵒ1v II₃–₆ Diews ne žur į Arodą ſagt man, wen im Eheſtande die Kinder häufig kōmen, und doch wenig Brodt iſt PR ᵒ2r II₃–₅ Diews neweikus, alle atmenūs Gottes Rache verzeucht oft, bleibt aber nicht auße[n]. PR ᵒ7v II₄–₆ Du streichst schon mit den Blättern, lässt aber nur die Zweige stehen. Du lügeſt gewaltig. PR ᵒ10v I₂–₄ Was ist nach dem Tod schöner als zu Lebzeiten? ℞ Wežys der Krebs, weñ er gekocht ⟨O←geb⟩ iſt. PR ᵒ18r II₁–₆ Skola ne Mūma Schulde[n] muß man bežahle[n], beßer: Schulden drück[en] u. liebkoſe[n] nicht, wie eine Mutter. PR ᵒ20v II₁–₃ Swečias ne ilgay yra, alle da{ug} mało. Ein Gaſt ſieht ſehr viel auch bey dem kürzeſten Aufenthalt. PR ᵒ24v I₉–₁₂ Tirpūlys ist über mein Grab gegangen NB beim unvermuteten Schauder. PR ᵒ24v II₁₀–₁₂ Ein fauler Knecht iſt doch beßer, als gar keiner. PR ᵒ32r I₂₀–₂₁ Der Fisch dürstet ohne Wasser. Von Nichts iſt ſchlecht leben. 9Ostermejers Einträge werden in der Transkription durch einen dem Seitenverweis vorangestellten hochgestellten Buchstaben O gekennzeichnet, z. B. PR ᵒ2r II₃–₅, Korrekturen durch spitze Klammern mit der Abkürzung O, z. B. „Kėpėje ⟨O→Kėpėjė⟩“. Geschweifte Klammern schließen undeutlich geschriebene Buchstaben ein, z. B. {ła}ße; durch Beschädigung der Blätter verlorene, aber anhand anderer Quellen rekonstruierte Wörter stehen in doppelten geschweiften Klammern. In eckigen Klammern werden deutsche Wortendungen rekonstruiert, wenn sie abgekürzt geschrieben sind, z. B. auße[n]. 30 Acta Linguistica Lithuanica LXVII Gotfrydo Ostermejerio Anmerkungen in den Handschriften von Jokūbas Brodovskis: Litauische Sprichwörter und Rätsel und Lexicon Germanico-Lithvanicum et Lithuanico-Germanicum ABB. 1. PR ⁰18r II₁–₆: ein von Ostermejer hinzugefügter Eintrag der Sammlung: ein litauisches Sprichwort und zwei deutsche Entsprechungen, verbunden durch das Wort beßer Acht von zehn litauischen Einheiten der kleinen Folklore fehlen in B: PR o1r II₅–₁₁, o1v II₃–₆, o7v II₄–₆, o10v I₂–₄, o18r II₁–₆, o20v II₁–₃, o24v I₉–₁₂, o24v II₁₀–₁₂. Wahrscheinlich fehlten sie auch im litauisch-deutschen Teil von Brodovskis’ Wörterbuch (im Folgenden – *Blv), denn in der Kartei des Wörterbuchs der litauischen Sprache, die im Lexikographiezentrum des Instituts für Litauische Sprache aufbewahrt wird, konnten sie nicht gefunden werden Straipsniai / Articles 31 ONA ALEKNAVIČIENĖ . Daher ist darauf hinzuweisen, dass diese Folkloreeinheiten nicht von Brodovskis, sondern von Ostermejer aufgezeichnet wurden. Sieben davon – sechs Sprichwörter und ein Rätsel – wurden erstmals schriftlich festgehalten: PR ¹₁ᵥ II₃–₆, ⁰₇ᵥ II₄–₆, ¹₀ᵥ I₂–₄, ⁰₁₈ᵣ II₁–₆, ⁰₂₀ᵥ II₁–₃, ⁰₂₄ᵥ I₉–₁₂, ⁰₂₄ᵥ II₁₀–₁₂. In früheren Werken zur litauischen Schriftsprache sind sie nicht belegt. Daher könnten sie von Ostermejer aus der gesprochenen Sprache aufgezeichnet worden sein, zumal es sich nicht um Übersetzungen aus dem Deutschen handelt. Die deutschen Entsprechungen ähneln eher Erläuterungen als Sprichwörtern oder sprichwörtlichen Redensarten.10 Ein weiteres in PR ⁰₁ᵣ II₅–₁₁ hinzugefügtes Sprichwort konkurriert hinsichtlich der Priorität mit einem Sprichwort aus Philipp Ruhigs Betrachtung der Litauischen Sprache (1745, im Folgenden – RgB), vgl.: „Diewe dŭk, wienam gimt’, ne wienam bŭt’: Ohne Gefind iſt ein ſchlechtes Leben.“ RgB 87₅–₆. Zwei der zehn oben genannten Einheiten finden sich auch in B, doch bei einer stimmt nur das litauische Sprichwort überein, während die deutsche Entsprechung abweicht; bei der anderen sind sowohl das litauische als auch das deutsche Sprichwort als unterschiedliche Varianten derselben Einheit anzusehen. Diese zweite Einheit war bereits in früheren handschriftlichen Quellen belegt: in C und seiner Abschrift – dem Wörterbuch von Johann Heinrich Kunzmann (1709–1775) (genauer gesagt, in dessen Abschrift) (im Folgenden – KžŽ), vgl.: PR ⁰₂ᵣ II₃–₅ Diews neweikus, alle atmenŭs Gottes Rache verzeucht oft, bleibt aber nicht auße[n]. B 594₄₅–₄₆ Prov Gott iſt langmühtig aber auch gerecht. Diew’s ne weikus alle atmennus. PR ⁰₃₂ᵣ I₂₀–₂₁ Žuwis trokſzta be Wandens. Von Nichts iſt ſchlecht leben. B 853₃₀–₃₁ Prov V[on] nichts iſt ſchwer zu lebe[n], ich ka[n] ohne dich nicht allein ſey[n]. aß wis trókſßtu be Wandens. B 946₂₉–₃₀ Aß wis be Wandens trókſßtu Ich kan ohne dich nicht allei[n] ſey[n], vo[n] nichts iſt ſchwer zu leben. KžŽ 263₁₈–₁₉ Žuwis trókſzta be Wandennio Von [nicht]s iſt ſchwer zu leben. C II 1120 I₂₆–II₂ Žuwis trokſßta be Wandeniô: Von nicht iſt ſchwer zuleben. 2.2. Korrigierte Wörterbuchartikel Dies sind Elemente der Mikrostruktur des Wörterbuchs (vgl. Abb. 2). An drei Stellen hat Ostermejeris den fehlenden deutschen Entsprechungsausdruck ergänzt, an einer weiteren einen zusätzlichen (im Folgenden werden beide zitiert – zuerst der litauische von Brodovskis, dann der deutsche von Ostermejeris): 10 Der litauisch-deutsche Teil ist nicht erhalten. Im Zettelkatalog des LKŽ befinden sich vor dem Zweiten Weltkrieg daraus angefertigte Exzerptzettel (Balčikonis 1941: IV). 32 Acta Linguistica Lithuanica LXVII Gotfrydo Ostermejerio prierašai Jokūbo Brodovskio rankraščiuose: Litauische Sprichwörter und Rätsel ir Lexicon Germanico-Lithvanicum et Lithvanico-Germanicum PR 5r I₂₃ √Gikis, stirb nicht, solange du nicht graue Haare hast. PR ⁰5r I₂₄–₂₅ Wehre, vertheidige dich, wie l[ang] du lebst, nach de[m] Tode iſts zu ſpät PR 5r II₃–₄ √Gutes Mehl bäckt sich gut im Ofen ‹O→im Ofen›, guter Flachs lässt sich gut brechen ‹O→lässt sich gut brechen. PR ⁰5r II₅–₆ Gutes Mehl gibt gutes Brot, guter Flachs gute Garben PR 19v I₄ √Der Schlitten¹¹ [‹O→Sukkas’›] ist wie die untere Hälfte einer Mühle. PR ⁰19v I₅ Ein sehr fauler Mensch. PR 4v I₈–₉ √Für den Guten ist es gut, für den Bösen böse. √So wie man es macht, so hat man es auch. PR ⁰4v II₁ Wie man’s treibt ſo gehts Ein außergewöhnlicher Nachtrag ist ein litauisches Sprichwort mit einem deutschen Kommentar, dass es gerade dieses Sprichwort gibt und nicht dasjenige, das Brodovskis gegenüber, also in der zweiten Spalte, geschrieben hat (PR 17v II₁–₄). Das Sprichwort in Brodovskis’ PR stimmt jedoch im Wesentlichen mit dem Sprichwort in B überein, und in B ist es dreimal eingetragen. Außerdem findet sich dasselbe Sprichwort auch in *Blv¹². Somit war es in Brodovskis’ Umfeld eine feste Einheit; kaum ist ihm hier ein Fehler unterlaufen. Die von Ostermejeris angeführte Variante ähnelt dagegen einer der C-Varianten, vgl.: PR ⁰17v I₄–₆ Sauſas Medis luſzta, žalas linkſta. So heißȶ das Sprichwort und nicht, wie es gegen über ſteht. PR 17v II₁–₄ Sauſas [Sens] Medis braßka, 3áles [jauns] l{ų{bta}} alte Leute müß[en] ſterb[en] junge köne[n] ſt{{erben.}} Es köm[en] leichter Kalbs als Ochſe[n] Häut zu M{{arckt.}} Der Todt ſiehet weder alt noch jung. B 73ₚᵣₛₜ. Alte Leute müß[en] ſterb[en] junge Leute kon[nen] ſterbe[n]. Der Todt ſiehet weder Alt noch Jung. Sén’s l. Sauſas Medis braßka Jaun’s l. 3áles lußta. B 648ₚᵣₛₜ. Prov Es köme[n] leichter Kälber als Ochſe[n] Haut zu Marckt. vel alte Leute müß[en] ſterb[en] junge köne[n] ſterbe[n]. Sauſas (ſen’s) Medis braßka, 3áles (jaun’s) lußta. vel Der Todt ſiehet weder alt noch Jung. B 723ₚᵣₛₜ. Prov Sén’s l Sauſas Médıs braßka, Jauns l. 3áles lußta. Alte Leute müß[en] ſterbe[n], junge Leute köne[n] ſterbe[n]. Es köme[n] leichter Kalbs als Ochſ[en] Häut zu Marckt. Der liehet weder alt noch Jung *Blv 200≥LKŽk Sauſas Medis braßka, 3ales lußta Alte Leute müßen ſterben, junge können sterben C II 1117 II₁₇–₂₄ Sauſas (·Sens·) Medis lußta (·bráßka·) 3álas (·jaun’s·) linkſta (·lußta·) Alte Leute müßen ſterben, junge können ſterben. /. Es kömt ſo leicht e. Kalb, alß Ochſen=Häut zu Marckte. /. Der Todt ſchonet weder jung noch alt. 11 Von Ostermejeris mit schwarzer Tinte unterstrichen. 12 Fragmente aus *Blv werden mit dem Verweis ≥LKŽk angegeben. Straipsniai / Articles 33 ONA ALEKNAVIČIENĖ ABB. 2. PR 5r: Ostermejeris hat bei zwei litauischen Sprichwörtern jeweils die fehlende deutsche Entsprechung eingetragen: PR 05r I24–25 und PR 05r II5–6 An einer Stelle bietet Ostermejeris eine zusätzliche deutsche Variante als bessere („beßer“) gegenüber derjenigen von Brodovskis an, vgl.: PR 18v I18–20 ‚Ein Stock ist kein Bruder.‘ ‚Strenge Herren züchtigen mit Skorpionen.‘ PR 018v I20 beßer: die Noth ist keinem lieb. 34 Acta Linguistica Lithuanica LXVII Gotfrydo Ostermejerio prierašai Jokūbo Brodovskio rankraščiuose: Litauische Sprichwörter und Rätsel ir Lexicon Germanico-Lithvanicum et Lithuanico-Germanicum Ergänzend sei erwähnt, dass Ostermejeris zwei durch das Wort beßer verbundene deutsche Varianten auch in dem von ihm selbst hinzugefügten Sammlungsartikel eingetragen hat: „Skola ne Mūma Schulde[n] muß man bezahle[n], beßer: Schulden drück[en] u. liebkofe[n] nicht, wie eine Mutter.“ PR 18r II₁–₆ (siehe auch Abb. 1). Obwohl Sprichwörter und Redensarten durch die Beständigkeit ihres semantischen Gehalts gekennzeichnet sind, werden sie im Kommunikationsprozess jedoch unter verschiedenen Aspekten realisiert und erhalten eine situative Bedeutung (Zaikauskienė 2010: 98). Das litauische Sprichwort fasst in diesem Fall lediglich eine Situation zusammen – es vermittelt eine bestimmte Lebenserfahrung (Schulden sind keine Mutter), erfüllt also eine zusammenfassende, das heißt repräsentativ-referentielle Funktion. Die semantische Funktion der ersten deutschen Entsprechung ist dagegen appellativ, das heißt appellativ-impressiv: Sie soll auf den Adressaten einwirken und hat didaktische Intentionen (Schulden müssen bezahlt werden). Die semantische Funktion der zweiten Entsprechung ist wertend, das heißt expressiv-emotiv: Sie vermittelt eine Wertvorstellung, den Ausdruck einer bestimmten allgemeinen Bewertung (Schulden drücken, sie liebkosen nicht wie eine Mutter) (vgl. Zaikauskienė 2010: 100–102). Die deutschen Entsprechungen verweisen somit auf mindestens zwei unterschiedliche Situationen, in denen das litauische Sprichwort verwendet worden sein könnte: wenn man den Adressaten belehren muss und wenn man ihn angesichts von Schwierigkeiten unterstützen muss. Tatsächlich ist die zweite Möglichkeit wahrscheinlicher. Einzelne Wörter hat Ostermejeris nur selten korrigiert. Im Spruch „Sukis kaip appatinne pulle Girnu“ ist das Wort Sukkas unterstrichen, und darüber wurde mit schwarzer Tinte Sukkas’ hinzugefügt, PR 19v L₄. Zweimal hat Ostermejeris die Endung des acc. sg. korrigiert, indem er an die Vokale <e> einen Querstrich ansetzte: Kėpėje→Kėpėje, W{ę}rpėje→W{ę}rpėje (siehe Abb. 2). An einigen Stellen sind mit schwarzer Tinte Punkte über <e> gesetzt, doch lässt sich ihre Zuschreibung an Ostermejeris nicht sicher feststellen, vgl.: begančiem→begančiem PR 27v I₁, Teẇs→Tėẇs PR 27v II₁. Der Buchstabe <j> ist mit schwarzer Tinte hervorgehoben: jelſkančiem PR 27v I₁; nach dem Wort Moczeka wurde ein Komma gesetzt: „Wiena Diena Motina, kitta Diena Moczeka, dicit[ur] vo[m] ˈwand elbahr[en] Wetter“ PR 29v I₄–₅. Im selben Wort ist über dem ersten <i> mit schwarzer Tinte ein Punkt gesetzt. Auch andernorts finden sich Punkte über <i>; da sie jedoch phonetisch nicht relevant sind, werden sie nicht kommentiert. 3. GOTFRYD OSTERMEJERIS’ EINTRÄGE IN JOKŪBAS BRODOVSKIS’ HANDSCHRIFT LEXICON GERMANICO-LITHVANICVM ET LITHVANICO-GERMANICVM Im Wörterbuch von Brodovskis finden sich nur drei Einträge von Ostermejeris. Im Wörterbuchartikel Infſerburg wurde nach der litauischen Entsprechung Ÿſtrutis mit schwarzer Tinte „/ Ifra die Infſer“ B °756₂₆ hinzugefügt (siehe Abb. 3), und im Artikel Pregel nach Preglus – „beßer Pregora“ B °985₂₃. Ostermejeris ist auch der mit grauer Tinte verfasste Eintrag „/ alii Iurbarkas.“ B °786₃₀ zuzuschreiben, Straipsniai / Articles 35 ONA ALEKNAVIČIENĖ ABB. 3. B 075626: Eintrag von Ostermejeris in schwarzer Tinte „// Ifra die Infter“ 36 Acta Linguistica Lithuanica LXVII Gotfrydo Ostermejerio prierašai Jokūbo Brodovskio rankraščiuose: Litauische Sprichwörter und Rätsel ir Lexicon Germanico-Lithvanicum et Lithvanico-Germanicum der in Brodovskis Liste der preußischen Kirchen neben dem Ortsnamen Georgenburg Iurborgs steht. Diese Fluss- und Ortsnamen waren für ihn von Interesse. In seinem Buch Gedanken von den alten Bewohnern des Landes Preussen (1780) erörterte Ostermejer mit dem Rezensenten seines Werkes Kritischer Beitrag zur Altpreußischen Religionsgeschichte (1775), Anton Friedrich Büsching, die Zuverlässigkeit der in historischen Dokumenten festgehaltenen Angaben. Dabei betonte er, wie wichtig es sei, sich auf die Sprache und die Kenntnis der natürlichen Gegebenheiten zu stützen, und führte die Etymologie des Flussnamens Priegora an (auch die deutschen Bezeichnungen für die Įsra und Jurbarkas werden erwähnt; zur Etymologie von Priegora siehe Pėteraitis 1992: 141–143): Aus einer Urkunde, die in den Actis Borussicis Tom. II. p. 611. seqq. vorkommt, lernet man, daß der Pregel eigentlich Pregora heiße, oder ehemals so genennet worden. Will ich nun die Bedeutung dieses Namens wissen, so giebt die allein die Sprache an die Hand. Prie heißt bey, an, und Gora ein Berg: Priegora ist also so viel, als der Fluß am Berge. Will ich nun weiter wissen, was diese Benennung veranlasset, so findet man das auch in der Sprache nicht; man muß an den Ort hin, wo der Pregel seinen Anfang nimmt. Die Vereinigung der Angerappe mit der Inster geschiehet unter einem hohen und langen Berge, worauf Georgenburg und Rettinen liegt; und daher kommts, daß der daraus entstehende Fluß, der Fluß am Berge heißt (Ostermeyer 1780: XVI–XVII). In seiner Grammatik Neue Litauische Grammatik (im Folgenden OG) führt Ostermejer die Flussnamen Priego-ra und Įsra als Beispiele für Substantive an, deren Genus sich angeblich anhand ihrer Bedeutung bestimmen lässt: „Femina, die Namen [...] der Flüsse, als: Priegora der Pregel, Iſra die Inster“ OG 1920–28. Ostermejers Anmerkungen B stehen mit Brodovskis Text nur in horizontalen Beziehungen und gehören ausschließlich zum Bereich der Mikrostruktur. 4. DATIERUNG DER ANMERKUNGEN GOTFRYDO OSTERMEJERIO LITAUISCHE SPRICHWÖRTER UND RÄTSEL IR LEXICON GERMANICO-LITHVANICVM ET LITHVANICO-GERMANICVM Es stellt sich die Frage, wann Ostermejeris sowohl in PR als auch in B so viele Zusätze eingetragen hat. Wie bereits erwähnt, stützte sich Ostermejeris in dem 1775 erschienenen Werk Kritischer Beitrag zur Altpreußischen Religionsgeschichte, als er über die alten baltischen Götter schrieb, auf das Wörterbuch von Brodovskis. Mit den Wörterbuchverweisen „Brodowski libro supra nominato“ oder schlicht „Brodowski“ führte Ostermejeris 20 Namen an. Bei sechs von ihnen wird Brodovskis Wörterbuch als einzige Quelle genannt. Im Wörterbuch von Brodovskis ist die große Mehrheit der Götternamen Straipsniai / Articles 37 ONA ALEKNAVIČIENĖ ma befindet sich bei der Lemma Götz, wo die Liste der alten Götter „Götzen der alten Preußen“ B 597–598 zusammengestellt ist, vgl.: OB 141–2 Iawinnê (r)13, die Göttin des Getreydes, die Kornmutter, von Iawai Getreyde. B 59826 Göttin des Getreydes Iawinne. OB 1414–15 Bibcziû Bóbelis (v), der Gartengott Priapus B 5984 Priapus. Bibcziû Bobelis Garten Gott. OB 186–9 Iaucziû Bobis, auch Baubis (g), der Gott der Viehhirten von Jautis ein Ochs und Baubju ich brülle. Der Pan der Alten. B 5985 Pan. Iaucziû Baubis Hirten Gott. OB 191–3 Muffû Birbikš (i) der Fliegengott, Baalſebub 2 Kōnige 1,2 von Muffē eine Fliege und birbju ich summe, wie eine Biene. B 59815 Beelzebub Musfu Birbiks OB 2010–11 Iagaubis (n), der Gott des Feuers; der Vulcanus. B 59742 Vulcanus Iagaubis, Ugnis βwēnta. Feuer Gott. OB 2012–13 Drebkullys (o), der Gott des Erdbebens, von drebėti, beben und kulti schlagen. B 59816 Erdbeben Gott. Drebkullys. In einem Brief an Penzel vom 6. Januar 1781 schreibt Ostermejer, dass Brodovskis Wörterbuch sich nun im Besitz des Präzentors Gronwald befinde. Zuvor hatte Ostermejer ihn gefragt, ob er das Werk verkaufen (!) oder es zumindest abschreiben lassen könne. Gronwald habe jedoch beide Bitten abgelehnt. Dass sie bereits früher über die Möglichkeiten eines Drucks korrespondiert hatten, zeigt auch, dass Gronwald Ostermejer eine Revision vorgeschlagen hatte. Denn Ostermejer hatte ihm geschrieben, das Wörterbuch müsse vor dem Druck überprüft werden. Er selbst lehnte diese Arbeit ab, da er für eine derart detaillierte Arbeit angeblich zu alt sei (Keturi Gotfrydo Ostermejerio rankraščiai, 2002: 74–77, 147–148). Der Präzentor Gronwald aus Wilhelmsberg besaß das Wörterbuch nachweislich bereits 1780. Diese Tatsache erwähnt Ostermejer in seinem Buch Gedanken von den alten Bewohnern des Landes Preussen (1780). Als Ostermejer einem nicht namentlich genannten Rezensenten auf den Vorwurf antwortete, er habe sich in seinem Werk Kritischer Beitrag zur Altpreußischen Religionsgeschichte (1775) auf Brodovskis unveröffentlichtes Wörterbuch gestützt, versicherte er, dessen Angaben zu den alten preußischen Göttern für zuverlässig zu halten und alles genau abgeschrieben zu haben, was Bro- 13Die Buchstaben in Klammern OB kennzeichnen Fußnoten, in denen Quellen angegeben sind; in den Fußnoten r, v, i wird als Quelle lediglich Brodovskis Wörterbuch genannt. 38 Acta Linguistica Lithuanica LXVII Gotfrydo Ostermejerio prierašai Jokūbo Brodovskio rankraščiuose: Litauische Sprichwörter und Rätsel ir Lexicon Germanico-Lithvanicum et Lithvanico-Germanicum dovskis. Wer daran zweifelt, möge in sein Wörterbuch schauen, das derzeit der Präzentor von Wilhelmsberg, Gronwaldas, besitzt (Ostermeyer 1780: XXXV). Weder im Brief noch im Buch nennt Ostermejeris Gronwaldas’ Vornamen. In Archivdokumenten wird er als Gottfried Grunwaldas14 erwähnt. 1772 wurde er zum Präzentor in Wilhelmsberg ernannt und war dort etwa bis Juni 1781 tätig, denn am 15.06.1781 wurde er ordiniert und am 18.06.1781 als Pfarrer der Kirche von Karvaičiai (Kreis Klaipėda) eingeführt. Weniger als ein Jahr später wurde Grunwaldas von Karvaičiai nach Kraupiškis (Kreis Ragainė) versetzt, wo er bis 1811 tätig war (Moeller 1968: 62, 77). Über seine literarischen Interessen wurden keine Angaben gefunden. Seine Briefe aus Kraupiškis betreffen vor allem wirtschaftliche Angelegenheiten, und seine Handschrift gibt keinen Anlass zu der Hypothese, dass PR von ihm stammende Zusätze enthält. Bislang ist unklar, wie B in das Lituanisten wenig bekannte Wilhelmsberg (bis 1725 Klikučiai, Kreis Darkiemis) gelangte15 und weshalb der Präzentor dieses Kirchdorfs meinte, berechtigt zu sein, darüber zu entscheiden, unter welchen Bedingungen Brodovskis Manuskript herausgegeben werden durfte oder nicht. Warum gerade er nach jemandem suchte, der das Manuskript für den Druck vorbereiten konnte? Bislang ist unbekannt, wo sich das Manuskript befand, bevor es in Rėzas Privatbibliothek gelangte. Der ungefähre Zeitpunkt von Ostermejeris Zusätzen lässt sich derzeit nur durch einen Vergleich mit seinen eigenen Werken bestimmen, indem darin nach Hinweisen auf eine Bezugnahme auf PR und B gesucht wird. 1775 stützte sich Ostermejeris in seinem Werk Kritischer Beitrag zur Altpreußischen Religionsgeschichte bei der Erörterung der alten preußischen Götter auf Brodovskis Wörterbuch; dass sich das Wörterbuch bei Gronwaldas befand, gab er 1780 in seinem Buch Gedanken von den alten Bewohnern des Landes Preussen an (Ostermeyer 1780: XXXV). Der terminus ad quem der Bezugnahme ist demnach 1775. Um den Zeitraum genauer einzugrenzen, lässt sich dieser Termin auf den 8. August 1775 festlegen. Denn in der Einleitung zu seinem Werk Kritischer Beitrag zur Altpreußischen Religionsgeschichte gab Ostermejeris Ort und Datum der Abfassung an – das Jahr und den Tag des heiligen Dominikus: „Trempen in der Predigerwohnung am Tage Dominici 1775“ (Ostermeyer 1775: IVv). In OG finden sich zahlreiche (etwa 25) Sprichwörter und Redensarten, vor allem im dritten, der Syntax gewidmeten Teil „Dritter Haupttheil. SYNTAXIS“. Acht davon ähneln PR und B, sind jedoch nicht identisch. Besonders unterscheiden sich die deutschen Entsprechungen, vgl.: 14In einem Schreiben an den König vom 23.01.1772, verfasst vom Dekan der Theologischen Fakultät der Universität Königsberg, Daniel Heinrich Arnoldt, sowie von Theodor Christian Lilienthal und Gotthilf Christian Reccard, wird angegeben, dass sie den Studenten Gottfried Grunwaldas nach Wilhelmsberg entsenden würden, falls dort eine Präzentorenstelle frei würde (Wilhelmsberg Praecentorat 1758–1803; GStA PK: XX. HA Hist. StA Königsberg, EM 55 d, Nr 975, Bl. 4r–4v). Er wurde am 07.05.1764 unter dem Namen „Grünwald Godfr.: Saalfeld Boruss.“ immatrikuliert (Erler 1911: 492). 15Nach der Pest von 1709–1711 ließen sich in der Umgebung zahlreiche Kolonisten aus Nassau, der Pfalz und dem Herzogtum Franken nieder – Franzosen und Schweizer. Um ihren Bedürfnissen zu entsprechen, begann man 1724 in Klikučiai, einem Dorf der Pfarrei Gavaičai, das während der Pest entvölkert worden war, mit dem Bau einer Kirche; 1725 wurde sie fertiggestellt. Die neu gebildete Pfarrei gehörte zur Inspektion Įsrutis; die Kirche war simultan, das heißt, es fanden evangelisch-lutherische und reformierte Gottesdienste statt und es waren zwei Pfarrer tätig (Moeller 1968: 150; Rogge 1873: 83–87). Straipsniai / Articles 39 ONA ALEKNAVIČIENĖ OG 141₂₈–₂₉ girts ßeßeis, o pagiroms wos wienu ein Trunkener fährt mit Sechen, aber wenn er ausgeschlafen, kaum mit einem. PR 6r I₉–₁₁ √Girt’s penkeis; ßeßeis, o pagirom’s ne wienais. √Betrunken reich, nüchtern arm. vid arm. B 120ₚᵣšt. Pr Betrun[ken] reich, nüchter[n] arm. Girt’s ir wažuť’s, pag0rom’s ne peßczes. Girts penkeis, ßeßeis, o pagirom’s nei wienais. B 953₅–₇ Prov Betruncke[n] reich, nüchter[n] arm Girt’s ir wažuť’s, pagiroms ne peßczes. vel Girts penkeis, ßeßeis o pagiroms ne wienais. B 1009₂₃–₂₅ Prov Betrunken reich, nüchtern arm. Girt’s ir wažuť’s, Pagirom’s nei Peßczes. vel Girt’s penkeis, ßeßeis, o Pagirom’s nei wienais. OG 150₁₇–₁₀ tas lautis Dobilus ne mindžos der Ochs wird den Klewer nicht betreten, d. i. er wird noch vor dem Frühjahr sterben. PR 23r I₁₂–₁₃ √Tas daugiau Dóbilo nemÿs. √Der wird de[n] Guckuck nicht mehr höre[n]. B 611ₚᵣšt. Pr Der wird den Guckuck [nich]t mehr hören. Tas dóbilo daugiau ne mÿs. B 799₁₉ ir pršt. Prov Tas daugiau Dóbilo nemÿs. Der wird de[n] Guckuck nicht mehr hören. OG 141₂₈–₂₉ kurs wogs, tas ne pralobs kein Dieb wird reich PR 31r I₁–₂ Wenn man trinkt, wird man nicht reich. √Geltohle[n] √Gutt fahfelt nicht. B 451ₚᵣšt. Geltohl[en] Gutt fahfelt nicht; wenn man trinkt, wird man nicht reich. B 572ₚᵣšt. Geltohlen Gutt fahllfelt ‹corr. fahfelt› nicht. Wenn man trinkt, wird man nicht reich. B 612ₚᵣšt. Geltohlen Gutt fahfelt nicht. Wógdam’s ne pralóbłi «←pralóplłi». OG 151₂₁–₂₂ Diewe dük wienam gimt’, alle ne wienam büt’ Gott laffe mich allein gebohren werden, aber nicht allein feyn, leben. PR O1r II₅–₁₁ Diewe dük wienam gimt, alle ne wienam dirbt. Gott {la}ße jeden allein gebohren werden; aber keinem allein arbeiten d. i. ohne Arbeiter (Kinder und Gelinde) befteht keine Wirthfchaft. RgB 87₅–₆ Diewe dük, wienam gimt’, ne wienam büt’: Ohne Gefind ift ein fchlechtes Leben. Besondere Beachtung verdient das letzte Beispiel. Dieses Sprichwort kommt in B nicht vor; in PR wurde es von Ostermejeris hinzugefügt, doch in seinem OG findet sich eine andere Variante, und zwar nur mit einer deutschen Entsprechung. Ähnlich ist RgB 87₅–₆: „Diewe dük, wienam gimt’, ne wienam büt’: Ohne Gelind ift ein fchlechtes Leben.“ Die Varianten in PR und OG unterscheiden sich also deutlich voneinander, was die Annahme stützt, dass Ostermejeris sich beim Verfassen seiner Grammatik weder auf PR noch auf B stützte. Insgesamt sind sowohl Ostermejeris Zusätze in PR als auch die Beispiele in OG wesentlich zurückhaltender, neutraler und weniger doppeldeutig als die von Brodovskis aus der gesprochenen Sprache gesammelten Beispiele; außerdem stehen sie gewöhnlich nach Zitaten aus der Bibel oder anderen religiösen Schriften. Vorsichtig lässt sich daraus schließen, dass Ostermejeris PR erst ergänzte, nachdem er in die Pfarrei gekommen war, also bevor B und vermutlich gemeinsam mit ihm auch PR zum Präzentor Grunwaldas nach Wilhelmsberg gelangten. Os- 40 Acta Linguistica Lithuanica LXVII Gotfrydo Ostermejerio prierašai Jokūbo Brodovskio rankraščiuose: Litauische Sprichwörter und Rätsel ir Lexicon Germanico-Lithvanicum et Lithvanico-Germanicum Ostermejer erhielt B wahrscheinlich nicht zurück. Vermutlich gelangte B in die Hände seines großen Gegners, des Kantors von Pilkalnis, Kristijonas Gotlybas Mielkus (Christian Gottlieb Mielcke, 1733–1807). Im Vorwort zu seinem Wörterbuch Litauisch–deutsches und Deutsch–litauisches Wörterbuch (1800) gibt Mielkus (1800: 3r–4r) an, sich auf B gestützt zu haben; im Wörterbuch führt er etwa 300 seiner Sprichwörter und Redensarten an. Das nahezu tausend Seiten umfassende Wörterbuch wurde zweifellos über mehrere Jahre hinweg erarbeitet. Auf der Suche nach Mitteln für den Druck wurde 1797 im Journal Preussisches Archiv ein Subskriptionsaufruf veröffentlicht (Lebedys 1956: 516). Die Quellen müssen daher lange Zeit ebenfalls in der Nähe gewesen sein. Zusammenfassend lässt sich zu Ostermejers Beitrag zur Ausformung sowohl der Makro- als auch der Mikrostruktur von PR sagen, dass seine Ergänzungen vergleichsweise gering sind und er daher nicht als Mitautor gelten kann. Der Hauptverfasser der Sammlung ist Jokūbas Brodovskis, Ostermejer hingegen lediglich ihr Ergänzer. Die Tatsache jedoch, dass Ostermejer Spuren sowohl in B als auch in PR hinterlassen hat, belegt – wenn auch nur mittelbar –, dass beide Handschriften in Trempai entstanden und von Brodovskis verfasst wurden. Obwohl die Autorschaft von B kaum angezweifelt wurde, ist bis heute nicht geklärt, ob es sich tatsächlich um Brodovskis’ Autograph und nicht um eine von jemand anderem angefertigte Abschrift handelt. Der Grund ist einfach: Bis heute wurde kein Dokument mit Brodovskis’ Unterschrift gefunden. 5. DIE SPRACHE DER EINTRAGUNGEN GOTFRYDO OSTERMEJERIOS Geldapė, wo Brodovskis geboren wurde, sowie Trempai, wo er über 30 Jahre das Amt des Präzentors ausübte, lagen im Gebiet des südwestlichen Hochlitauischen Kleinlitauens, bei den sogenannten baltsermėgiams. Ostermejer, der in einer deutschen Familie in Marienburg (Westpreußen) geboren worden war, an der Universität Königsberg Litauisch gelernt hatte, es aber, wie sein Sohn Zygfrydas schrieb, in Verdaine bei Pastor Kalava erlernte (also im Gebiet des westlichen Žemaitischen), verbrachte sein gesamtes weiteres Leben (von 1744 bis 1800) ebenfalls in Trempai unter den südwestlichen Hochlitauern. Ostermejer fügte vergleichsweise wenige litauische Sprichwörter und Rätsel hinzu, sodass sich nur fragmentarische Schlussfolgerungen ziehen lassen. Für die Analyse seiner Orthographie, Phonetik und Morphologie stehen 53 litauische Wörter (61 Wortformen) aus PR und 3 Wörter aus B zur Verfügung: ale (3) „aber“, Konj.: alle PR ¹r II₆ PR ²r II₃ PR ²⁰v II₁ aruodas (1) Subst.: Akk. Sg. Arodą PR ¹v II₃ aš (1) Pers.-Pron.: Gen. Sg. mano PR ²⁴v I₉ atmenus, -i (1) Adj.: Nom. Sg. m. atmenùs PR ²r II₃ be (2) Präp. (mit Gen.): be PR ²⁴v II₁₀ PR ³²r I₂₀ braukti (1) Verb: Präs. 2. Sg. brauki PR ⁷v II₄ būti (2) Verb: Präs. 3. yra PR ¹⁰v I₂ PR ²⁰v II₁ daug (1) Adv.: da{ug} PR ²⁰v II₁ Dievas (3) Subst.: Nom. Sg. Diews PR ¹v II₃ PR ²r II₃ * Vok. Sg. Diewe PR ¹r II₅ dirbti (2) Verb: Inf. dirbt PR ¹r II₆ * Imper. 2. Sg. dirbk PR ²⁴v II₁₁ Straipsniai / Articles 41 ONA ALEKNAVIČIENĖ duoti (1) Verb: Imper. 2. Sg. dùk PR º1r II₅ gimti (1) Verb: Inf. gimt PR º1r II₅ gyvas, -a (1) Adj.: Nom. Sg. m. gyws PR º10v I₃ gražus, -i (1) Adj.: Komp. Nom. Sg. m. gražėlnis PR º10v I₂ į (1) Präp. (mit Akk.): į PR º1v II₃ įeiti (1) Verb: Prät. 3. {į}ėjo PR º24v I₉ ilgai (1) Adv.: ne ilgay PR º20v II₁ Įsra (1) Fem. Subst., Ortsname: Nom. Sg. Įfra B º756₂₆ jau (1) Adv.: Iau PR º7v II₄ Jurbarkas (1) Mask. Subst., Ortsname: Nom. Sg. Iurbar-kas B º786₃₀ kas (1) Interrogativpron.: Kas PR º10v I₂ kūnas (1) Subst.: Akk. Sg. Kuną PR º24v I₉ lapas (1) Subst.: Instr. Pl. Lapais PR º7v II₄ linkti (1) Verb: Präs. 3. linktą PR º17v I₄–₅ lūžti (1) Verb: Präs. 3. lužta PR º17v I₄ matyti (1) Verb: Präs. 3. mato PR º20v II₂ medis (1) Subst.: Nom. Sg. Medis PR º17v I₄ moma (1) „Mama, Mutter“, Fem. Subst.: Nom. Sg. Mūma PR º18r II₁ ne (1) Part.: ne PR º18r II₁ nekai (1) „nicht so, als“, Konj.: ne kai PR º10v I₃ palikti (1) Verb: Präs. 2. Sg. palieki PR º7v II₅ pats, pati (1) Def.-Pron.: Nom. Sg. m. pats PR º24v II₁₁ per (1) Präp. (mit Akk.): per PR º24v I₉ po (1) Präp. (mit Gen.): po PR º10v I₂ Priegora (1) „Prieglū̄s“, Fem. Subst., Ortsname: Nom. Sg. Pregora B º985₂₃ ragyti (1) Verb: Fut. 2. Sg. ragili PR º24v II₁₀ sausas, -a (1) Adj.: Nom. Sg. m. Saùfas PR º17v I₄ skola (1) Fem. Subst.: Nom. Sg. Skola PR º18r II₁ smertis (1) Mask. Subst.: Gen. Sg. Smerczo PR º10v I₂–₃ su (1) Präp. (mit Instr.): łu PR º7v II₄ suktis (1) refl. Verb: Präs. 3. Sukkas’ PR º19v I₄ svečias (1) Mask. Subst.: Nom. Sg. Swećias PR º20v II₁ šakutis (1) „Zweiglein“, Mask. Subst., Diminutiv: Akk. Pl. Szakúčius PR º7v II₅ šis, ši (1) Demonstrativpron.: Gen. Sg. m., emphatisch: Įzojo PR º24v II₁₀ tas, ta (1) Demonstrativpron.: Gen. Sg. m., emphatisch: tojo PR º24v II₁₀ tikt (1) „nur, lediglich“, Part.: tikt PR º7v II₄ tinginys (1) Mask. Subst.: Akk. Sg. Tingini PR º24v II₁₀ tirpuly s (1) „Schauder“, Mask. Subst.: Nom. Sg. Tirpuly s PR º24v I₉ tro kšti (1) Verb: Präs. 3. trok{ž}ta PR º32r I₂₀ vanduo (1) Mask. Subst.: Gen. Sg. Wandens PR º32r I₂₀ veikus, -i (1) Adj.: Nom. Sg. m. neweikus PR º2r II₃ vėžys (1) Mask. Subst.: Nom. Sg. Wėžys PR º10v I₃ vienas, -a (3) Def.-, Indef.-Pron.: Dat. Sg. m. wienam PR º1r II₅ ne wienam PR º1r II₆ žalias, -ia (1) Adj.: Nom. Sg. m. žalas PR º17v I₄ žiūrėti (1) Verb: Präs. 3. ne žur PR º1v II₃ žuvis (1) Fem. Subst.: Nom. Sg. Žuwis PR º32r I₂₀ Ostermejers Orthographie unterscheidet sich geringfügig von derjenigen Brodovskis’. Er verwendete Grapheme und Digraphen, die für Brodovskis untypisch waren: <ź> und <Ź> für den Laut [ž]; <Iz>, <Sz> und <Íź> für den Laut [š]; <ć> und <cz> für den Laut [č], vgl.: <ź>, <Ź> [ž] gražėlnis PR º10v I₂; Wėžys PR º10v I₃; žalas PR º17v I₄; ne žur PR º1v II₃; Žuwis PR º32r I₂₀ <Iz>, <Sz>, <Íź> [š] [zojo PR º24v II₁₀; trok{ž}ta PR º32r I₂₀; Szakúčius PR º7v II₅; lužta PR º17v I₄ <ć>, <cz> [č] Swećias PR º20v II₁; Szakúčius PR º7v II₅; Smerczo PR º10v I₂–₃ 42 Acta Linguistica Lithuanica LXVII Gotfrydo Ostermejerios Einträge in den Handschriften von Jokūbas Brodovskis: Litauische Sprichwörter und Rätsel und Lexicon Germanico-Lithvanicum et Lithvanico-Germanicum Bei Brodovskis sind sowohl in PR als auch in B in solchen Fällen die üblichen <ǯ>, <ǯ> und <з>, <З> für den Laut [ž]; <β> und <Sз> für den Laut [š]; <з> und <Cз>, seltener <ćз>, manchmal auch <c> nicht am Wortanfang, <ć> für den Laut [č], vgl.: <ǯ>, <ǯ>, <з>, [ž] užgaibti PR 28v I₁₃; Awíža B 619₁₃; Žiema PR 28v I₁₂; uzdegs PR 8r I₈; Awížos B 619ₚᵣšₜ.; Žagre PR 39r I₄; Žmogaus B 48₁₃ <β>, <Sз> [š] Tirßtas PR 24v II₃; Werßis PR 13r I₅; βakalis B 832ₚᵣšₜ.; βýplóti B 832₄₃; Sзū PR 8v II₃; Sзallin B 42₂ <з>, <Cз>, <ćз>, <c>, <ć> [č] Bacзka PR 16r I₇; Cзerkóčius, Cзerka B 619₄₄; Bacзka PR 38v I₂; Recзius B 633₁₅; Swécio PR 20v I₁; Swecias B 781₁₆; Swécías PR 34v II₁; Kwiet—Milčiú B 558₄₆ Ostermejeris verwendete anders als Brodovskis kein <ÿ> zur Kennzeichnung des langen [i] – er schrieb entweder <y> (z. B.: gyws PR ⁰10v I₃; yra PR ⁰10v I₂; Tirpulyṣ PR ⁰24v I₉) oder <i> (z. B.: ragili PR ⁰24v II₁₀). Brodovskis kennzeichnete das lange [i] in PR auf drei Arten: am häufigsten mit <ÿ>, seltener mit <y> und <i> (vgl. Arklÿs PR 7v I₁₂; dÿgſta PR 23r I₁₄; Arklys PR 40r I₅; Birbyne PR 15r I₃; Gadine PR 4r I₃; Giweÿi PR 6v I₄). Ostermejeris kennzeichnete historische Nasallaute: In den acc. sg.-Formen schrieb er Grapheme mit einem Querstrich: Aroda PR ⁰1v II₃; Kuna PR ⁰24v I₉; Tingini PR ⁰24v II₁₀, ebenso die Präposition į PR ⁰1v II₃ und das Präfix i- im Ortsnamen Ifra B 0756₂₆, vielleicht auch im Verb praet. 3 {i}ėjo PR ⁰24v I₉ (dies ist undeutlich zu erkennen). Obwohl es nur fünf eindeutige Beispiele gibt, sind Nasallaute überall dort wiedergegeben, wo sie früher ausgesprochen worden sein mussten. Dass Ostermejeris das frühere Nasalitätsmerkmal konsequent kennzeichnen wollte, zeigen auch zwei Korrekturen der acc. sg.-Endung von Brodovskis durch ihn – hinzugefügt wurde ein Querstrich: Képėje→Képėje PR 5r II₃; W{ę}rpėje→W{ę}rpėje PR 5r II₄. In Brodovskis’ Wörtern dagegen gibt es in PR anderthalbmal weniger Substantivformen im acc. sg. mit Nasalvokalen als ohne sie. Brodovskis kennzeichnete die frühere Nasalität also ziemlich uneinheitlich, vgl. die acc. sg.-Formen: Galwa PR 31v I₇, aber Galwa PR 15r I₂, PR 25r II₃, Gálwa PR 23r II₁; Girpe PR 37v I₂, aber Girpe PR 39v II₁, PR 39v II₈; Ilti PR 1r I₆, aber Ilti PR 8v I₁₄; Dangu PR 22r I₈, aber Dangu PR 24r I₁₁, dangu PR 40v II₂. Ostermejeris setzte keine Wortakzente (eine Ausnahme: adj. nom. sg. m. atmenùs PR ⁰2r II₃) und verwendete keine diakritischen Zeichen zur Unterscheidung der Genitiv-, Instrumental- und Lokativformen. Brodovskis hingegen verwendete drei Akzentzeichen: Akut, Gravis und Zirkumflex. Mit dem Zirkumflex kennzeichnete er außerdem Genitiv-Singular-Formen femininer Nomina (30×) sowie Genitiv-Singular-Formen femininer und maskuliner Nomina (21×). Mit Gravis und einem Punkt über dem Buchstaben kennzeichnete Brodovskis die Instrumental-Singular-Endung sowohl femininer als auch maskuliner Substantive (4× beziehungsweise 2×), mit einem Punkt gelegentlich auch Inessiv-Singular-Formen (2×). Sowohl in Brodovskis’ als auch in Ostermejeris’ Wörtern werden aufgrund der für die westaukštaitischen Mundarten Kleinlitauens, insbesondere die nördlichen, charakteristischen Angleichung der Aussprache [o] und [uo] verwechselt; schriftlich werden sie entsprechend als <o> oder <ū>, seltener als <u> wiedergegeben. Brodovskis’ Wörter- Straipsniai / Articles 43 ONA ALEKNAVIČIENĖ Diese Vermischung ist nicht häufig; vgl. Nom. Sg. Pon’s PR 1v I₁₅, Lobis PR 21r I₅, jedoch Kamolÿs PR 10r I₃, 13r II₃, 38r I₃ und Kamuļÿs PR 33v I₉; Praes. 1 Sg. odžiu PR 38r I₂ und Ūdžiu PR 26r II₁; Akk. Sg. Pūda PR 5v I₉, Instr. Sg. Pūdu PR 24v I₃, jedoch Iness. Sg. Pode PR 14r I₁. In seinem Werk Kritischer Beitrag zur Altpreußischen Religionsgeschichte (1775) erklärte Ostermejeris, dass <û> als deutsches [o] zu lesen sei (OB [4r]); in seiner Grammatik beschrieb er den mit dem Zeichen <û> bezeichneten Diphthong als einen Halbdiphthong, bei dem [u] kaum hörbar sei, während [o] lang ausgesprochen werde: „û, das die Alten uo schrieben, ist nur ein halber Diphthongus, das u wird nur etwas angeltoßen, das o aber lang ausgesprochen“ (OG 4). In den Nachträgen schreibt Ostermejeris Imper. 2 Sg. dūk PR ᵒ1r II₅, jedoch Akk. Sg. Aroda PR ᵒ1v II₃; außerdem schreibt er Nom. Sg. Skola PR ᵒ18r II₁, Praes. 3 trokſzta PR ᵒ32r I₂₀, jedoch Nom. Sg. Mūma PR ᵒ18r II₁. Weder in OB noch im handschriftlichen Dokument aus dem Jahr 1797 – den Anmerkungen zu Rėzas Übersetzung – gibt es jedoch Anzeichen für eine solche Vermischung: [uo] wird mit dem Zeichen <û> wiedergegeben, [o·] mit dem Zeichen <o>. Einige Beispiele für Verwechslungen finden sich in Ostermejeris’ Grammatik, vgl. Sſloju, βlofu, βloti, dainoju, dainofu OG 74, doch sind es nur wenige. Möglicherweise wurde die Annäherung von [o·] und [uo] durch die Monophthongierung von [uo] verursacht. In Ostermejeris’ Nachträgen gibt es keine Verwechslung von [e·] und [ie] wie in Brodovskis’ Einträgen, wo sie durch <e>, <ė>, <ie> wiedergegeben werden, z. B.: Nom. Sg. Kiele ‘kielė’ PR 8r I₈, jedoch Gen. Sg. Kėlės PR 5r I₁₂; Akk. Sg. Sena ‘sieną’ PR 3v II₈, jedoch Iness. Sg. Sėnoje PR 10r I₆; Nom. Sg. Miera PR 4v I₁₄, jedoch Imper. 2 Sg. ne merūk PR 1v I₆, Nom. Sg. Melapautis PR 13v II₁, Instr. Pl. Mēlemis PR 3v II₅ usw. In seiner Grammatik zählt Ostermejeris den Diphthong [ie] zu den uneigentlichen Diphthongen (Diphthongi impropria OG 5), bei denen faktisch nur der zweite Vokal hörbar ist. Beispiele für Vermischung finden sich in der Grammatik, vgl. Penas ‘pienas’, neſti ‘niežti’ OG 13, Pietuwys ‘pietuvys’ OG 17, leju ‘lieju’ OG 73, Gieda ‘geda’ OG 123. In Ostermejeris’ Wörtern werden unbetonte finale [o·] < [*ā] weder bei den Substantiven im Gen. Sg. (vgl. Gen. Sg. Smerczo PR ᵒ10v I₂₋₃; Gen. Sg. m. emph. [ʒojo] PR ᵒ24v II₁₀; tojo PR ᵒ24v II₁₀) noch in den Praes.- und Praet.-Formen der 3. Person der Verben reduziert (vgl. Praes. 3 mato PR ᵒ20v II₂; Praet. 3 {i}ėjo PR ᵒ24v I₉). Auch Brodovskis bewahrt den Langvokalismus in unbetonten Nominalendungen im Wesentlichen: langes [o·] < [*ā] im Gen. Sg. f. und m. ist 128-mal belegt, [a] < [*ā] 8-mal. In unbetonten Verbendungen ist die Reduktion jedoch deutlich häufiger, besonders in den Praes.-Formen der 3. Person: langes [o·] < [*ā] ist 12-mal belegt, [a] < [*ā] 32-mal. Langes [o·] kommt in den Praet.-Formen der 3. Person etwas häufiger vor als [a]: 19-mal beziehungsweise 12-mal. Ostermejeris verkürzt einige Endungen: 1) Er lässt –a– in den Nom.-Sg.-m.-Formen der Substantive aus: Nom. Sg. Diews PR ᵒ1v II₃, PR ᵒ2r II₃; Nom. Sg. m. gyws PR ᵒ10v I₃ (–a– wird nur dort nicht aus der Endung ausgelassen, wo seine Tilgung die Aussprache erschweren würde: Nom. Sg. m. Saulas PR ᵒ17v I₄; Nom. Sg. Swećias PR ᵒ20v II₁; Nom. Sg. m. žalas PR ᵒ17v I₄); 2) Er lässt –i in Infinitiv- und Praes.-3.-Person-Formen weg: Inf. dirbt PR ᵒ1r II₆; gimt PR ᵒ1r II₅; Praes. 3 ne žur PR ᵒ1v II₃; Praes. 3 Sukkas PR ᵒ19v I₄, behält jedoch –a bei: linkſta PR ᵒ17v I₄₋₅, lužſta PR ᵒ17v I₄, trokſzta PR ᵒ32r I₂₀, yra PR ᵒ10v I₂, PR ᵒ20v II₁. 44 Acta Linguistica Lithuanica LXVII Gotfrydo Ostermejerio prierašai Jokūbo Brodovskio rankraščiuose: Litauische Sprichwörter und Rätsel ir Lexicon Germanico-Lithvanicum et Lithvanico-Germanicum Die morphologische Kürzung am Wortende ist für Brodovskis charakteristischer: -a- bleibt in den Nom.-Sg.-m.-Formen der Substantive 169-mal aus, wird jedoch 93-mal beibehalten; die kurzen Vokale [a], [i] bleiben in den Praes.-3.-Person-Formen 84-mal aus und werden 117-mal beibehalten. In den von Ostermejeris hinzugefügten litauischen Wörtern fehlt eines der Merkmale, anhand derer sein Idiolekt den südlichen westaukštaitischen Mundarten Kleinlitauens (den Baltsermėgiai) zugeordnet werden kann: Es gibt keine Wörter mit den betonten anlautenden Diphthongen [á·u], [á·i], [é·i], die von den nördlichen Westaukštaiten (um Narkyčiai, Želva, Skaisgiriai, Žiliai, Būdvietis, Lazdynai, Pilkainis, Kūsai) monophthongiert wurden (mit Ausnahme des nördlichen, näher an der Memel gelegenen Gebiets – ungefähr bis zur Linie Labguva – Gastos – Žiliai – Trapėnai) (Zinkevičius 2002 [1989]: 445, 447; Zinkevičius 2006: 187). Als Übergangspfarrei zwischen den südlichen und nördlichen Westaukštaiten Kleinlitauens betrachtete Antanas Salys die Pfarrei Didlaukiai – dort sprach man gemischt: já·ns und já·uns, dá·kts und dá·ikts, doch wurden die langen Endvokale reduziert: màna, màta, miẽsta, mer̃gas, während das kurze [a] getilgt wurde: já·uns, lá·nks usw. (Salys 1992: 92). Formen mit monophthongierten Diphthongen kommen in PR überhaupt nicht vor. Ostermejeris’ Sprache allein anhand des Merkmals den südlichen westaukštaitischen Mundarten Kleinlitauens zuzuordnen, das traditionell als wichtigstes Unterscheidungsmerkmal dieser Subdialekte gilt – dem Vokalismus unbetonter Endungen (unter der Annahme, dass die nördlichen Westaukštaiten lange Vokale reduzierten und kurze tilgten, während die südlichen in beiden Fällen den ursprünglichen Vokalismus vollständig bewahrten; Zinkevičius 2006: 186–188) –, ist recht problematisch. Die Analyse von PR zeigt, dass sowohl in Ostermejeris’ als auch besonders in Brodovskis’ Sprache zahlreiche Merkmale vorkommen, die in der heutigen linguistischen Literatur den nördlichen Westaukštaiten (Striukiai) zugeordnet werden16. Es stellt sich die Frage, ob die Reduktion langer Vokale und die Tilgung kurzer Vokale in unbetonten Endungen als Unterscheidungsmerkmale dieser Subdialekte gelten können. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts war die Reduktion langer Vokale und die Tilgung kurzer Vokale beiden Subdialekten eigen; im nördlichen Gebiet waren diese Merkmale lediglich etwas stärker ausgeprägt. Auf einige Tatsachen, die beiden Subdialekten gemeinsam sind und sich ein und derselben Quelle finden, die den südlichen Westaukštaiten zugeordnet wird, wurde bereits früher bei der Untersuchung der Sprache von Perkūnas’ Traktat Wohlgegründetes Bedenken über die ins Litauische übersetzten zehen Fabeln Aesopi und derselben passionierte Zuschrift (1706) hingewiesen. Bei der Zusammenfassung des Vokalismus der dort angeführten Wörter aus dialektaler Sicht wurde ebenfalls festgestellt, dass neben deutlichen Merkmalen der südlichen westaukštaitischen Mundart Kleinlitauens auch solche vorkommen, die der nördlichen westaukštaitischen Mundart zugeordnet werden (Aleknavičienė, Schiller 2008: 140–145). Litauisch war für Ostermejeris keine Muttersprache; daher sind die Reduktion langer Endungen und die morphologische Kürzung am Wortende weniger ausgeprägt als bei Brodovskis. 16 Apie Prūsų Lietuvos lietuvių tarmes plačiau žr. Bezenberger 1885: 253–293; Salys 1992: 76–109; Zinkevičius 2002 [1989]: 444–448; Zinkevičius 2006: 180–198. Straipsniai / Articles 45 ONA ALEKNAVIČIENĖ SCHLUSSFOLGERUNGEN 1. In der handschriftlichen Sammlung von Sprichwörtern, Redensarten und Rätseln Litauische Sprichwörter und Rätsel (PR; LMAVB RS: F 137–1), die von Jakob Brodowski (Jacob Brodowski, 1692–1744), Präzentor in Trempen (Kreis Darkehmen), zusammengestellt wurde, finden sich Eintragungen von Gotfrydas Ostermejeris (Gottfried Ostermejer, 1716–1800; ab 1744 Präzentor in Trempen, ab 1752 Pfarrer): 16 deutsche und 11 litauische Wendungen (insgesamt 53 litauische Wörter bzw. 61 Wortformen); mindestens 5 Wörter Brodowskis wurden korrigiert. Im handschriftlichen Wörterbuch Brodowskis Lexicon Germanico-Lithvanicum et Lithvanico-Germanicum (B; LMAVB RS: F 137–15) hat Ostermejeris 3 litauische Wörter ergänzt. 2. Der terminus ad quem von Ostermejerios Nachträgen könnte das Jahr 1775 sein; die Nachträge wären somit als frühere Autographe Ostermejerios anzusehen als die bislang bekannten, die auf die Jahre 1781–1797 datiert werden. 3. Die meisten Eintragungen Ostermejeris stehen durch vertikale Beziehungen mit den Einträgen Brodowskis in der Sammlung Litauische Sprichwörter und Rätsel in Verbindung und bilden die Makrostruktur der Sammlung. Acht litauische Einheiten der Folklore sind in B nicht enthalten; daher ist nicht Brodowski, sondern Ostermejeris als ihr Aufzeichner anzusehen (PR o1r II5–11, o1v II3–6, o7v II4–6, o10v I2–4, o18r II1–6, o20v II1–3, o24v I9–12, o24v II10–12). Sieben davon – sechs litauische Sprichwörter und ein Rätsel – wurden erstmals aufgezeichnet (PR o1v II3–6, o7v II4–6, o10v I2–4, o18r II1–6, o20v II1–3, o24v I9–12, o24v II10–12). In früheren Werken der litauischen Schriftsprache wurden sie nicht gefunden; daher wurden sie wahrscheinlich aus der gesprochenen Sprache aufgezeichnet. 4. Die Eintragungen Ostermejeris im Wörterbuch Lexicon Germanico-Lithvanicum et Lithvanico-Germanicum sind Toponyme Kleinlitauens. Mit den Einträgen Brodowskis stehen diese Eintragungen nur durch horizontale Beziehungen in Verbindung und gehören zum Bereich der Mikrostruktur. 5. Die Eintragungen Ostermejeris in der Sammlung Litauische Sprichwörter und Rätsel und im Wörterbuch Lexicon Germanico-Lithvanicum et Lithvanico-Germanicum belegen (wenn auch indirekt), dass beide Handschriften in Trempen entstanden sind und als Autographen Brodowskis gelten können. 6. Für Ostermejeris Sprache ist ein vergleichsweise gut bewahrter Vokalismus der unbetonten Endungen charakteristisch. Die Reduktion langer Endungen und die morphologische Kürzung des Wortauslauts sind weniger ausgeprägt als bei Brodowski. QUELLEN UND LITERATUR A b r a m a v i č i u s V l a d a s 1944–1947: Lietuvos TSR Mokslų Akademijos Bibliotekos Rankraščių Skyriaus darbo dienynas 1945 ir 1946 m. Vilnius; LMAVB RS: F 271–291, įrištas rankraštis. A b r a m a v i č i u s V l a d a s, sud., 1963: Rankraščių rinkiniai. Lietuvos TSR Mokslų akademijos Centrinės bibliotekos XI–XX amžių rankraščių fondų trumpa apžvalga. Vilnius: Laikraščių ir žurnalų leidykla. 46 Acta Linguistica Lithuanica LXVII Gotfrydo Ostermejerio prierašai Jokūbo Brodovskio rankraščiuose: Litauische Sprichwörter und Rätsel ir Lexicon Germanico-Lithvanicum et Lithuanico-Germanicum Alek n a v i č i e n ė Ona 2011: Rankraštinio šaltinio Litauische Sprichwörter und Rätsel atribucija. – Archivum Lithuanicum 13, 39–72. Alek n a v i č i e n ė Ona, Christiane Schiller, par., 2008: Jokūbo Perkūno traktatas Wohlgegründetes Bedenken über die ins Litauische übersetzten zehn Fabeln Aesopi und derselben passionierte Zuschrift. Kritinis komentuotas leidimas ir studija. Vilnius: Lietuvių kalbos ir literatūros institutas. B – LEXICON GERMANĪCO= LĪTHVANĪCVM ET LĪTHVANĪCO=GERMANĪCVM Darin sind sowohl die biblischen Vokabeln des Alten und Neuen Testaments als auch häusliche Vokabeln, ferner über zweitausend Sprichwörter, über hundert litauische Rätsel und viele Redewendungen zu finden; das Werk ist somit, wenn auch nicht ganz vollständig, so doch ziemlich komplett. All dies wurde allein zu GOTTES Ehre und zum Nutzen der Liebhaber der litauischen Sprache mit großer Mühe und Sorgfalt zusammengetragen von Iacobo Brodowsky, Praecentor Trempenſi, [vor 1744]; LMAVB RS: F 137–15; dokumentarische Edition: Brodovskis Jokūbas 2009: Lexicon Germanico-Lithvanicum et Lithvanico-Germanicum. Rankraštinis XVIII amžiaus žodynas. Dokumentinis leidimas su faksimile, perrašu ir žodžių indeksu 1–3, herausgegeben von Vincentas Drotvinas. Vilnius: Lietuvių kalbos institutas. Balčikonis Juozas 1941: Prakalba. – Lietuvių kalbos žodynas 1. A–B, redagavo Juozas Balčikonis. Vilnius: [Lietuvių kalbos institutas], III–VIII. Bezzenberger Adalbert 1885: Zur litauischen dialektforschung II. – Beiträge zur Kunde der indogermanischen Sprachen 9, 253–293. Biržiška Vaclovas 1963: Aleksandrynas. Senųjų lietuvių rašytojų rašiusių prieš 1865 m. biografijos, bibliografijos ir biobibliografijos 2. XVIII–XIX amžiai. Čikaga: JAV LB Kultūros Fondas. C – CLAVIS GERMANICO-LITHVANA, [nach 1680]; LMAVB RS: F 137 13–14; Faksimileausgabe: Clavis Germanico-Lithvana. Rankraštinis XVII amžiaus vokiečių–lietuvių kalbų žodynas 1–2, herausgegeben von Vincentas Drotvinas. Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidykla, 1995–1997; 3–4. Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidybos institutas, 1997. Citavičiūtė Liucija 2002: Gotfrydo Ostermejerio taisyta Liudviko Rėzos į lietuvių kalbą versta psalmė. – Keturi Gotfrydo Ostermejerio rankraščiai, parengė Vilija Gerulaitienė. Vilnius: Žara, 21–25. Citavičiūtė Liucija 2004: Karaliaučiaus universiteto Lietuvių kalbos seminaras. Istorija ir reikšmė lietuvių kultūrai. Vilnius: Lietuvių literatūros ir tautosakos institutas. Die Pfarr-Stelle zu Trempen betreff. 1752; GStA PK: XX. HA Hist. StA Königsberg, EM 44 d, Nr 233, Bl. 18r–21v. Erler Georg 1911: Die Matrikel der Universität Königsberg i. Pr. 2. [1657–1829]. Leipzig: Verlag von Duncker & Humblot. Straipsniai / Articles 47 ONA ALEKNAVIČIENĖ Forstreuter Kurt 1955: Das Preußische Staatsarchiv in Königsberg. Ein geschichtlicher Rückblick mit einer Übersicht über seine Bestände. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. Gerulaitienė Vilija 2002: Gotfrydas Ostermejeris ir jo lituanistiniai rankraščiai. – Keturi Gotfrydo Ostermejerio rankraščiai, parengė Vilija Gerulaitienė. Vilnius: Žara, 7–20. Vier Handschriften von Gotfrydas Ostermejeris, herausgegeben von Vilija Gerulaitienė. Vilnius: Žara, 2002. KzŽ – [Johann Heinrich Kunzmann] Auszüge aus Hl. Pfarrer Kunzmanns geschriebenen Lexicon zur Completirung dsj.: des Ruhig, [nach 1747]; LLTIB R: F 1–5791. LB I – Bibliografie der Litauischen SSR. Reihe A. Bücher in litauischer Sprache 1. 1547–1861. Vilnius: Mintis, 1969. Lebedys Jurgis 1956: Pirmieji smulkiosios lietuvių tautosakos rinkiniai. – Smulkioji lietuvių tautosaka XVII–XVIII a. Priežodžiai, patarlės, mįslės, parengė Jurgis Lebedys. Vilnius: Valstybinė grožinės literatūros leidykla, 5–40. LKŽk – Zettelkatalog des Wörterbuchs der litauischen Sprache; Institut für Litauische Sprache, Lexikografiezentrum. Michel Lothar 1982: Gerichtliche Schriftvergleichung. Eine Einführung in Grundlagen, Methoden und Praxis. Berlin, New York: Walter de Gruyter. Mielcke Christian Gottlieb 1800: Erste Vorrede. – Littauisch=deutsches und Deutsch=littauisches Wörter=Buch, worinn das vom Pfarrer Ruhig zu Walterkehmen ehemals heraus gegebene zwar zum Grunde gelegt, aber mit sehr vielen Wörtern, Redens=Arten und Spruch=wörtern zur Hälfte vermehret und verbefert worden von Christian Gottlieb Mielcke, Cantor in Pillkallen [...] Königsberg, 1800. Im Druck und Verlag der Hartungschen Hofbuchdruckerey, 2r–4v. Moeller Friedwald 1968: Altpreußisches evangelisches Pfarrerbuch von der Reformation bis zur Vertreibung im Jahre 1945 1. Die Kirchspiele und ihre Stellenbesetzungen. Hamburg: Selbstverlag des Vereins für Familienforschung in Ost- und Westpreußen e. V. Nesselmann Georg Heinrich Ferdinand 1851: Vorrede. – Wörterbuch der Littauischen Sprache von G. H. F. Nesselmann. Königsberg. Verlag der Gebrüder Bornträger, V–XI. OB – Ostermeyer Gottfried. Gottfried Ostermeyers Pastors zu Trempen im Amte Nordenburg. kritischer Beytrag zur Altpreußischen Religionsgeschichte. Marienwerder in der Königl. Westpreuß. Hofbuchdruckerey bey Johann Jacob Kanter. 1775; Übersetzung ins Litauische: Ostermėjeris Gotfrydas. Ausgewählte Schriften, herausgegeben und übersetzt von Liucija Citavičiūtė. Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidykla, 1996, 49–73. OG – Ostermeyer Gottfried. Neue Littauische Grammatik ans Licht gestellet von Gottfried Ostermeyer, der Trempenſchen Gemeine Paſtore Seniore und der Königlîch=Deutſchen Geſellſchaft zu Königsberg Ehren=Mitglied. Königsberg, 1791. gedruckt bey G. E. Hartung, Königl. Preuß. Hofbuchdrucker und Buchhändler. 48 Acta Linguistica Lithuanica LXVII Gotfrydo Ostermejerio prierašai Jokūbo Brodovskio rankraščiuose: Litauische Sprichwörter und Rätsel ir Lexicon Germanico-Lithvanicum et Lithvanico-Germanicum O s t e r m e y e r G o t t f r i e d 1780: Gottfried Ostermeyers, Predigers bey der Kirche zu Trempen, Gedanken von den alten Bewohnern des Landes Preuffen [...] Königsberg und Leipzig, bey Gottlieb Lebrecht Hartung; vertimas į lietuvių kalbą: Ostermejeris Gotfrydas. Rinktiniai raštai, parengė ir išvertė Liucija Citavičiūtė. Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidykla, 1996, 75–159. O s t e r m e j e r i s G o t f r y d a s 1781-01-06: Brief aus Trempen an Abraham Jakob Penzel nach Krakau; Bayerische Staatsbibliothek München: Penzeliana II (Ostermeyer, Bl. [1–6]; Faksimile, Transkription und Übersetzung ins Litauische: Vier Handschriften von Gotfrydas Ostermejeris, herausgegeben von Vilija Gerulaitienė. Vilnius: Žara, 2002, 73–77, 143–148. [O s t e r m e y e r G o t t f r i e d] po 1791: Hiſtoriſch[e] Nachricht v[on] d[er] littauiſche[n] Bibel; LMAVB RS: F 15–299, buv. MLF–LXXXI; faksimilė, perrašas ir vertimas į lietuvių kalbą: Keturi Gotfrydo Ostermejerio rankraščiai, parengė Vilija Gerulaitienė. Vilnius: Žara, 2002, 31–52, 91–123. O s t e r m e j e r i s G o t f r y d a s 1996: Ausgewählte Schriften, herausgegeben und übersetzt von Liucija Citavičiūtė. Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidykla. P ė t e r a i t i s V i l i u s 1992: Mažoji Lietuva ir Tvanksta. Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidykla, Mažosios Lietuvos fondas. PR – [B r o d o v s k i s J o k ū b a s] nach 1716: Littauiſch[e] Sprichwörter[r] u[nd] Räthſel; LMAVB RS: F 137–1. RgB – R u h i g P h i l i p p. Betrachtung der Littauiſchen Sprache, in ihrem Urſprunge, Weſen und Eigenſchaften; Aus vielen Scribenten, und eigener Erfahrung, mit Fleiß angeſtellet, und zu reiferer Beurtheilung der Gelehrten, zum Druck gegeben, von Philipp Ruhig, Pfarrern und Seniore zu Walterkehmen, im Hauptamt Inſterburg. Königsberg, druckts und verlegets Iohann Heinrich Hartung, 1745; Faksimile und Übersetzung ins Litauische: Ruigys Pilypas. Untersuchung über Ursprung, Wesen und Eigenschaften der litauischen Sprache, herausgegeben von Vytautas Jurgutis und Valerija Vilnonytė. Vilnius: Vaga, 1986, 20–164. R h e s a M a r t i n u s L u d o v i c u s 1797: Ueberſetzung des 2ten Pſ[alms] ins litthauiſche.“ – Acta des Königl. Ober-Schul-Collegii, von den Polniſch- und Litthauiſchen Prediger- und Schullehrer Seminar zu Königsberg in Preußen, 1797–1805; GStA PK: I. HA Rep 76 alt Ältere Oberbehörden für Wissenschaft, Kunst, Kirchen- und Schulsachen, II Nr. 271, Bl. 42r–42v. R o g g e A d o l f 1873: Geſchichte des Kreiſes und der Dioecese Darkemen von Adolf Rogge, Pfarrer in Darkemen. Darkemen, Druck und Verlag von M. Glaſer. S a l y s A n t a n a s 1992: Raštai 4. Lietuvių kalbos tarmės. Roma: Lietuvių Katalikų Mokslų Akademija. Š i o ž i n y s J o n a s 1950: Liudviko Rėzos rinkinys (LR). – Lietuvos TSR mokslų akademija. Centrinė biblioteka. Rankraščių skyriaus informacinis biuletenis Nr. 4, parengė Lietuvos TSR mokslų akademijos bibliotekos Rankraščių skyrius, vadovaujant direktoriaus pav. mokslo reikalams T[adui] Adomoniui. Vilnius, 10–13; LMAVB RS: Rc–1/4, įrištas mašinraštis. Straipsniai / Articles 49 ONA ALEKNAVIČIENĖ Šlaitaitė Rita 1994: Gotfrido ir Zigfrido Ostermejerių biografijos. – Senoji Lietuvos literatūra 3. Devynioliktan amžiun įžengus. Vilnius: Pradai, 149–171. Wilhelmsberg Praecentorat 1758–1803; GStA PK: XX. HA Hist. StA Königsberg, EM 55 d, Nr 975, Bl. 4r–16v. Zaikauskienė Dalia 2010: Lietuvių paremių funkcijos. Teorinės pastabos. – Tautosakos darbai 40, 97–107. Zinkevičius Zigmas 1990: Lietuvių kalbos istorija 4. Lietuvių kalba XVIII–XIX a. Vilnius: Mokslas. Zinkevičius Zigmas 2002 [1989]: Buvusios Mažosios Lietuvos tarmės. – Rinktiniai straipsniai 1. Lietuvių kalbos kilmė ir ryšiai su kaimynų kalbomis. Istorinė gramatika. Tarmių kilmė. Dialektologija. Rašomosios kalbos kilmė. Vilnius, Lietuvių katalikų mokslo akademija, 444–448. Zinkevičius Zigmas 2006: Lietuvių tarmių kilmė. Vilnius: Lietuvių kalbos institutas. Eintragungen Gottfried Ostermeiers in den Handschriften von Jacob Brodowski: Litauische Sprichwörter und Rätsel und Lexicon Germanico-Lithvanicum et Lithvanico-Germanicum ZUSAMMENFASSUNG Der Beitrag behandelt die Frage der Autorschaft der handschriftlichen Sammlung von Redensarten, Sprichwörtern und Rätseln Litauische Sprichwörter und Rätsel (PR), die in der Wroblewski-Bibliothek der Litauischen Akademie der Wissenschaften aufbewahrt wird (LMAVB RS: F 137–1). Neben den Einheiten kleiner Folklore, die der Hauptkompilator der Handschrift – der Präzentor von Trempen (Kreis Darkehmen), Jacob Brodowski (1692–1744) – aufgezeichnet hat, finden sich auch Eintragungen von Gottfried Ostermeier (1716–1800; ab 1744 Präzentor von Trempen, ab 1752 Pfarrer): 16 deutsche und 11 litauische Redensarten. Der Beitrag erörtert außerdem Ostermeiers Eintragungen in Brodowskis Wörterbuch Lexicon Germanico-Lithvanicum et Lithvanico-Germanicum (B; LMAVB RS: F 137–15) und analysiert die sprachlichen Besonderheiten von Ostermeiers Eintragungen in PR und B. 1775 kann als terminus ad quem für Ostermeiers Eintragungen in PR und B gelten; daher können diese als frühere Autographe Ostermeiers betrachtet werden als die bislang bekannten und auf 1781–1797 datierten. Die meisten Eintragungen Ostermeiers stehen durch vertikale Beziehungen mit Brodowskis Aufzeichnungen in der Sammlung Litauische Sprichwörter und Rätsel in Verbindung und bilden die Makrostruktur der Sammlung. Acht litauische Einheiten kleiner Folklore fehlen in B, sodass eher Ostermeier 50 Acta Linguistica Lithuanica LXVII Gotfrydo Ostermejerio prierašai Jokūbo Brodovskio rankraščiuose: Litauische Sprichwörter und Rätsel ir Lexicon Germanico-Lithvanicum et Lithvanico-Germanicum als Brodowski als ihr tatsächlicher Aufzeichner anzusehen ist (PR º1r II5–11, º1v II3–6, º7v II4–6, º10v I2–4, º18r II1–6, º20v II1–3, º24v I9–12, º24v II10–12). Sieben davon – sechs litauische Sprichwörter und ein Rätsel – wurden erstmals aufgezeichnet (PR º1v II3–6, º7v II4–6, º10v I2–4, º18r II1–6, º20v II1–3, º24v I9–12, º24v II10–12). Sie waren in früheren Werken der litauischen Schriftsprache nicht aufgezeichnet worden; höchstwahrscheinlich nahm Ostermeyer sie aus der gesprochenen Sprache auf. Ostermeyers Sprache wird aufgrund des Merkmals, das traditionell als wichtigstes Unterscheidungsmerkmal solcher Unterdialekte gilt – eines vergleichsweise gut bewahrten Vokalismus in unbetonten Endungen –, dem südwestlichen aukštaitischen (hochlitauischen) Unterdialekt zugeordnet. Obwohl auch die Reduktion langer Endungen und die morphologische Verkürzung des Wortauslauts für Ostermeyers Sprache charakteristisch sind, treten diese Merkmale doch weniger deutlich hervor als in Brodowskis Sprache. Eingereicht am 23. September 2012. ONA ALEKNAVIČIENĖ Institut für Litauische Sprache Petro-Vileišio-Straße 5, LT-10308 Vilnius, Litauen [email protected] Straipsniai / Articles 51