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Litauische historische Personennamen in dem „Marienburger Tresslerbuch der Jahre 1399–1409“

Darius Ivoška

Abstract

    Der vorliegende Aufsatz befasst sich mit den Neufunden der litauischen historischen Anthroponymie und zwar mit den Personennamen, die dem Marienburger Tresslerbuch der Jahre 1399–1409 entnommen sind. In den finanziellen Dokumenten des Deutschen Ordens handelt es sich gegebenfalls um auszulösende litauische Kriegsgefangene. Die dreizehn litauischen Personennamen werden aus dem Standpunkt deren Bildung und Herkunft analysiert, mögliche rekonstruierte Formen werde angegeben.

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Straipsniai / Articles 97 DARIUS IVOŠKA Institut für litauische Sprache Wissenschaftliche Forschungsrichtungen: Onomastik, Baltisch-deutsche Sprachkontakte. DOI: https://doi.org/10.35321/all81-04 LITAUISCHE HISTORISCHE PERSONENNAMEN IN DEM MARIENBURGER TRESSLERBUCH DER JAHRE 1399–1409 Lietuvių asmenvardžiai Marienburgo iždininko 1399–1409 metų knygoje ANNOTATION Der vorliegende Aufsatz befasst sich mit den Neufunden der litauischen historischen Anthroponymie und zwar mit den Personennamen, die dem Marienburger Tresslerbuch der Jahre 1399–1409 entnommen sind. In den finanziellen Dokumenten des Deutschen Ordens handelt es sich gegebenfalls um auszulösende litauische Kriegsgefangene. Die dreizehn litauischen Personennamen werden aus dem Standpunkt deren Bildung und Herkunft analysiert, mögliche rekonstruierte Formen werde angegeben. SCHLÜSSELWÖRTER: Anthroponymie, historischer Personenname, Erbwort, Personennamengut. ANNOTATION This article examines new facts of the Lithuanian historical onomasticon selected from MTB 1394–1409. This financial documents collection of the German Order contains names of Lithuanians, who were prisoners of war and were held to ransom in Prussia. All 13 personal names found in the GO financial documents are analyzed in terms of composition and origin with an attempt to identify their authentic forms. KEYWORDS: Anthroponomy, historical personal name, inheritance, onomasticon. DARIUS IVOŠKA 98 Acta Linguistica Lithuanica LXXXI 1. ZUM FORSCHUNGSGEGENSTAND UND HISTORISCHEN KONTEXT Dieser Beitrag beschäftigt sich wieder mit den litauischen historischen Personennamen. Dieses Mal sind die neuen Funde dem Marienburger Tresslerbuch der Jahre 1399–1409 (im Weiteren – MTB) entnommen. Was in der litauischen historischen Anthroponymie „neu“ bzw. erforschungswert, und was schon bekannt ist, bedarf hier einer genaueren Erklärung. Die Tatsache, dass bisher keine Sammlung der litauischen historischen Personennamen zur Verfügung steht, zeugt davon, dass es nach deren Beständen immer noch in der Kartei der litauischen historischen Personennamen und in einzelnen Beiträgen verschiedener Autoren zu suchen ist. Betrachtet man die genannte Kartei, bemerkt man ohne weiteres, dass die frühesten darin enthaltenen Erwähnungen der litauischen Personennamen aus dem 16. Jh. stammen. Die Namen sind nur aus dem Areal von Großlitauen gesammelt und enthalten keine Zeugnisse aus Kleinlitauen sowie aus Preußen. Den größten Teil der historischen Quellen, denen sie entnommen sind, machen die Kirchenbücher aus. Letzten Endes, die Personenamen sind nur registriert, die Bildungsund etymologische Deutung sind nicht angegeben. Daher lässt sich schlussfolgern, dass nicht nur die Tatsachen neuer, bisher in den Beständen der litauischen Athropnymie nicht vorhandenen Personennamen als neue und wertvolle Funde zu betrachten sind, sondern auch die mit denen verbundenen Daten, und zwar: frühere Datierungen, neue Lokalisierungen von den Personennamen, unbekannte Bildungsfälle der Personennamen u.a. Es ist nochmals zu unterstreichen, dass die historischen Dokumente des Deutschen Ordens (im Weiteren – DO), besonders die handgeschriebenen Originalurkunden, die Hauptquellen der litauischen historischen Personennamen sind, die immer noch viel Verhülltes bergen. Ein ausgezeichnetes Beispiel ist das Marienburger Tresslerbuch der Jahre 1399–1409 (im Weiteren – MTB), herausgegeben 1896 von dem Archivar Erich Joachim. Das MTB ist das Einnahmeund Ausgaberegister der Ordenstaatskasse, geführt von dem Tressler oder dem Ordensschatzmeister bzw. einem hiermit beauftragten Schreiber1. Es sind keine anderen Dokumentensammlungen des DOs solcher Art erhalten. Deswegen ist es schwer zu urteilen, ob solche vor dem Anlegen des MTB oder danach von der Ordenskanzlei geführt wurden. Die in das MTB eigefügten Daten mussten streng im Geheimnis gehalten werden. Die Generalabrechnungen zwischen Tressler und Großkomtur, welcher die Kontrolle über dem Tressleramt hatte, fanden zunächst in mündlicher Verhandlung statt. Die Ausstellungen (Zettel) 1 MTB S. VI. Straipsniai / Articles 99 Litauische historische Personennamen in dem Marienburger Tresslerbuch der Jahre 1399–1409 sowie andere Beläge einzelner Finanzorgane, wenn es solche gab, wurden nach den Verhandlungen vernichtet. Für die Jahresabrechnungen, die gewöhnlich um Weihnachten unternommen wurden, genügten summarische Einträge über Totaleinnahme, -abgabe und etwaige Überschüsse oder Fehlbeträge2. Der vorliegende Aufsatz befasst sich mit den Personennamen der Verwandten bzw. Familienmitglieder von litauischen Gesinden, die in Preußen aus der Kriegsgefangenschaft erlöst wurden: 1404 losunge der Littowen gesinde. Gandeln dem ist gelost eyn bruder von 16 jaren vor 4 m. Hulyde 1 son und 1 tochter vor 8 m. Assipe 2 sone vor 6 m. Nareyken son vor 2 m. Mosebuthe 1 tochter vor 4 m. Medithen 1 bruder vor 4 m. Wygayl 1 son vor 3 m. Ywane son vor 2 m. Woballe 2 sone vor 6 m. Gibbune 1 son und 1 tochter vor 8 m. Nesdila 1 wip mit 2 kindern vor 10 m. Radasch 1 wip und 1 tochter vor 8 m. item 24 m. vor Kirstan tolks gesinde zur Memel, das wurt von Littouwen gelost (MTB 315). Die im MTB erwähnten Einwohner des Großfürstentums Litauen wurden während der, im Januar und Februar 1394 durchgeführten Winterreise des DOs nach Litauen, als Kriegsgefangene nach Preußen gebracht. Der Chronist Wigand von Marburg berichtete im Oktober 1394 (SRP II 653)3 von unzähligen Männern, Frauen und Kindern, die immer noch in der Kriegsgefangenschaft in Preußen gehalten gewesen seien. Die Gesamtzahl der Gefangenen soll 2200 gewesen sein4, den Anteil von 663 Leuten sollen Litauer5 ausgemacht haben (Paravicini 1995: 103). Üblicherweise wurden die Kriegsgefangenen entweder ausgelöst (wenn sie wohlhabend waren) oder versklavt und als Arbeitskraft eingesetzt. Die Zwangsarbeitpflichtigen konnten weiterhin verkauft oder gegen andere Gefangenen ausgetauscht werden (Weber 1878: 636–637; Paravicini 1995: 102). 2 Ebenda. 3 ...adducunt in Prusziam captivos innumeros virorum, mulierum ac puerorum, de quibos plures supersunt in Pruszia in hodiernum, et longe post 4 ebdomadas sunt reversi. 4 Von eyner gutin reyse. Anno domini (13)94 czog der marschalk us mit eyme here mit den gestin, und gewonnen und vorbrantin dese huser czu Russen: Cleyne Nowgardin und Lyda und Merkin und Drogoczin, und hertin vil landes dorumme, und brochtin XXIIc gefangen und XIIIIc pferd und grosin roub (SRP III 191). 5 Die Zahl und die Liste der litauischen Kriegsgefangenen wurde im Jahr 1412 während der Verhandlungen zwischen den Vertretern des DOs und des Großfürstentums Litauen in Vilnius (dt. Wilna) vorgeführt. Die Gefangenen sollten laut der litauischen Seite „seit vielen Jahren theils aus Wolkowisk (wruss. Ваўкавыск), theils aus Drohiczyn (wruss. Дзярэчын), theils von jenseits des Flusses Rosseye (wruss. Рось, Рос, Роса, lit. Rosė) nach Preussen fortgeführt“ gewesen sein. Darunter wird auch Merken (lit. Merkinė) mitgenannt. Die preußischen Orte und Leute, bei denen sie sich aufhielten, sollten auch angegeben gewesen sein (SRP II 653). DARIUS IVOŠKA 100 Acta Linguistica Lithuanica LXXXI 2. LITAUISCHE PERSONENNAMEN IN DEM MARIENBURGER TRESSLEBUCH DER JAHRE 1399–1409. ANALYSE In folgendem Teil des vorliegenden Aufsatzes wird versucht, die neugefundenen litauischen historischen Personennamen in deren Bildungsund Herkunftshinsicht zu analysieren und ihre authentischen Formen zu rekonstruieren. Gandeln dem ist gelost eyn bruder von 16 jaren vor 4 m. 1404 im Register für Abgaben und Einkommen des DOs wird der Name eines Litauers Gandiln dokumentiert. In der Kartei der litauischen historischen Personennamen (lit. Istorinių asmenvardžių kartoteka, im Weiteren – IAK) sind keine lit. PN mit dem Stamm gandvorhanden. Die Datenbank der litauischen Familiennamen (Lit. Lietuvių pavardžių duomenų bazė, im Weiteren - LPDB) verfügt über den lit. PN Gandrmas, dessen erster Stamm, wie es in der LPDB angenommen wird, von *gant- (*Gant-rmas) abgeleitet sei6. Ungeachtet der Tatsache, dass es beinahe keine lit. PN mit dem Stamm gandim Personennamenbestand vorhanden sind, neigt der Autor des vorliegenden Beitrages zu glauben, dass der im MTB überlieferte lit. PN Gandiln von dem Archivar Joachim korrekt gelesen wurde und wegen der Zuverlässigkeit der überlieferten Personennamenform kein Zweifel bestehen sollte. Davon ausgehend kann man hypothetisch behaupten, dass Gandiln ein Personenname litauischer Herkunft gewesen sein konnte. Man kann vielleicht schlussfolgern, dass auch weitere lit. PN mit dem Stamm gandin dem historischen Personennamengut präsent gewesen sein konnten. Wegen des Stammes vgl. lit. gañdas ‘Rederei, Gerücht’ (LKŽe) und lit. gandėti (gañda, -ėjo) ‘genug haben; gelingen, schaffen’ (LKŽe, ALEWe). Lit. gandėtis (-ėjasi, -ėjosi) ‘fürchten, Angst haben’ käme hier vielleicht auch in Frage (LKŽe). Vgl. auch die pr. PN 1360 Gande (Pierson 1873: 502) und Gande, Gandike, Gandil, Gandit, die Ernst Lewy (1904: 48) auf lit. gastù, ga ndaũ, gãsti ‘erschrecken’ zurückführt. Daher könnte man dann annehmen, dass einen lit. PN *Gand-ilgegeben hat. Wegen des Suffixes -ilvgl. die lit. PN Dovlas, Gntilas, Juñdilas, Vadilas, Dabrilà, Gintilà (Skardžius 1996: 181). In diesem Fall Suff. -elist auch nicht auszuschließen. Vgl. 6 Zigmas Zinkevicius (2008: 89) gibt zwei litauische zweistämmige PN Gañd-rimas und Jó-gandas an. Seiner Meinung nach, soll der dem Stamm Gandaus Gaudstammen. Die Behauptung ist aber fragwürdig, weil die Quellen, denen er die behandelten Personennamen entnommen hat, unbekannt sind und deren Validität nicht nachweisbar ist. Straipsniai / Articles 101 Litauische historische Personennamen in dem Marienburger Tresslerbuch der Jahre 1399–1409 die lit. PN Dargels, Jùodelis, Juodlis, Juodlė, Kalvlis, Vyrlis (Skardžius 1996: 177). Der diminutive lit. PN *Gandelis wäre vielleicht ganz denkbar. Hulyde 1 son und 1 tochter vor 8 m. Den lit. PN Hulyde dürfte man vielleicht mit dem in der LPDB vorhandenen lit. PN Ulydà verbinden. Er wird auf den, aus den christlichen PN Julijnas, Ulijnas stammenden lit. Familiennamen Uls/Ùlis, zurückgeführt. In der genannten Datenbank werden auch die lit. PN Ùlvydas, Uvidas angegeben, wo die Herkunft des Stammes ulals unklar betrachtet wird. Vgl. auch den russ. PN Уля abgeleitet von Юлиан, poln. Ul und ukr. Уль (LPDB)7. Ein lit. PN *Ulydė mag Ende des 14. oder Anfang des 15. Jh. unter den litauischen Personennamen vorhanden gewesen sein. Assipe 2 sone vor 6 m. Nicht abzulehnen wäre auch die Annahme, dass einer von den 13 im MTB erwähnten Litauern den lit. PN *Asipė getragen haben mag. Hierzu vgl. die lit. PN Asipáuskas und Osipáuskas, die im litauischen Personennamengut bekannt sind und mit den poln. PN Osipowski oder wruss. PN Oсiпаў sowie mit den lit. PN Asipãvičius, Osipãvičius verbunden und auf dem wruss. PN Aсiпoвiч zu beruhen vermutet werden (LPDB). Zinkevičius (2008: 370) betrachtet Asipãvičius, Osipãvičius als Personennamen hebräischer Herkunft, die durch slawisches Personennamenlehngut in die litauische Anthroponymie eingedrungen sind. Dazu vgl. auch die poln. PN Osipowicz, Osipowski/Osypowski (AP 2011: 245). Nareyken son vor 2 m. Der lit. PN Nareyken mag litauischer Herkunft sein. Vgl. die lit. PN Nareikà, Noréika, Noreikà, Narekis, die auf lit. norti ‘Wunsch haben, wollen’; norùs ‘geizig, wünschend’ zurückgeführt werden (LPDB)8. Erwähnungswert ist die Tatsache, dass der PN Nareika und dessen Varianten häufig in den Urkunden des DOs aus dem 16. Jh. erwähnt werden: 1540 Nareigka (aus Berselauken9), 7 Zinkevičius (2008: 153) führt die lit. zweistämmigen PN Ùl-vidas, Ùl-vydas, deren ersten Stamm er mit den lit. PN Ùlis, Ulėnas verbindet und die letzteren auf den christlichen PN Julijonas zurückführt. 8 Zinkevičius (2008: 291) gibt auch eine alternative Deutung an, indem er die lit. PN Nareikà, Narekis mit dem lit. PN Naras verbindet und den auf lit. naras ‘Seetaucher, jemand der taucht’ zurückführt. 9 Berszlack, Dorf 2,6 km von Muldzen, Kr. Gerdauen (Blažienė 2005: 29). DARIUS IVOŠKA 102 Acta Linguistica Lithuanica LXXXI Nareika (aus Pawisteiczscheij10), Nareigka (aus Dunilischken11) (Diehlmann 2008: 172, 174, 193). Diese Einträge stammen aus dem Türkensteuer im Herzogtum Preußen 1540 und zeugen von einem ganz langen Bestehen des PNs in der baltischen Anthroponymie eines bestimmten Areals. Die Form des lit. PNs *Nareikė wäre sehr überzeugend. Mosebuthe 1 tochter vor 4 m. Der PN Mosebuthe mag ein baltischer Personenname sein, der für Litauer und Preußen eigen gewesen ist. Vgl. die in dem OF 105 des DOs dokumentierten preußischen PN Massebud (OF 105 95r) und 1401 Masebut (OF 105 117r). Im letzteren Fall handelt es sich um einen Preußen Masebut, dem zusammen mit seinen Nachkommen zu Pawsnyken12 ein Stück Land erteilt wurde. Trautmann (1925: 55) gibt die pr. PN Masebuth und Masebut an13. Es geht hier um einen zweistämmigen pr. bzw. lit PN *Maze-but-. Dazu vgl. auch die pr. PN Masse (Schalauer), Maze (Samländer), die William Pierson (1873: 637) mit dem lit. mas ‘klein’ verbindet und den pr. PN Mase (Trautmann 1925: 55). Wegen des zweiten Stammes –but vgl. die pr. PN Bute (Pomesane), Butil (Ermländer) (Pierson 1873: 297) und Bute, Butil (Trautamnn 1925: 21, 22). Hier sind auch die baltischen Appellativa zu erwähnen: pr. massais ‘weniger’, lit. mažas, lett. mas ‘klein’ (Nesselmann 1873: 101) und pr. *mazais ‘weniger’ (PKEŽe); buttas (nom.), buttan (acc.) ‘Haus’ (Nesselmann 1873: 24) und *butan ‘Wohnung, Haus’ (PKEŽe). Daher kann man annehmen, dass die Litauer im Mittelalter ihre Nachkommen mit dem PN *Mažbutė genannt haben konnten. Medithen 1 bruder vor 4 m. In der litauischen Anthroponymie war bislang kein PN Medithen zu finden, weder in der Kartei der historischen, noch unter den gegenwärtigen Personenamen. Es mag sein, dass es sich auch in diesem Fall um einen für Litauer und Preußen gemeinsamen lit. PN *Meditė/*Medytė bzw.*Meditis/*Medytis handelt, der mit den lit. PN Mdikis, Medekis verbunden werden könnte. Vgl. 10 Lit. *Pavištyčiai. Das verschollene Dorf muss in der Umgebung von dem See Vištytis gelegen haben. 11 Lit. *Duniliškė/*Duniliškiai. Das verschollene Dorf muss in der Umgebung von dem See Vištytis gelegen haben. 12 Peissnick, Kr. Gerdauen (Blažienė 2005: 138). 13 Beide Träger der von Trautmann aufgezeichneten Personennamen waren Preußen, die in den Kr. Wehlau und Gerdauen, also in dem Kontaktgebiet der preußischund litauisch-sprachigen Einwohner gelebt hatten. Es ist sehr glaubwürdig, dass die Träger der zwei verwandten Sprachen auch gemeinsame Personennamen gebraucht hatten. Straipsniai / Articles 103 Litauische historische Personennamen in dem Marienburger Tresslerbuch der Jahre 1399–1409 die lit. PN Medeikà, Medeišà, Mdkis, Mediks, die alle auf lit. mdė, mdis ‘Wald, Forst’, mdžias ‘Forst, Waldung’ zurückgeführt werden (LPDB, Zinkevičius 2008: 516–517). Daher kann man von einem lit. bzw. pr. PN *Med-tsprechen. Hierzu vgl. auch mdė ‘Wald, Forst’, mdis ‘Forst, Waldung’ (LKŽe). Vgl. auch die pr. PN Medite, Pogesane, Medete, Barte, die Pierson (1873: 637) mit dem lit. PN Medyte Litauer verbindet. Trautmann (1925: 57) gibt den pr. PN Medithe (familia in terra Tapiow14) auch an, lehnt auch nicht ab, dass ihm der lit. PN Medithe zugrundeliegen könnte. Übrigens, Trautmann zieht die Parallele zwischen dem von ihm aufgezeichneten, einer anderen Quelle entnommenen pr. PN Medyten und dem in diesem Beitrag behandelten litauischen lit. PN Medithen aus dem MTB 31515. Wygayl 1 son vor 3 m. Wygayl ist wahrscheinlich noch ein zweistämmiger für Litauer und Preußen eigener PN *Vy-gail-/ *Vi-gail-. Trautmann (1925: 117) gibt den pr. PN Wygail16 an, geht seine Bildung und Herkunft an, indem er ihn mit dem lit. ON Wigal vergleicht. Vgl. auch die pr. PN Wigel, Wysinse, Witar (Trautmann 1925: 117, 120) und den lit. PN Vy-gailas, den Zinkevičius (2008: 161) für ein Erbwort hält. In der litauischen Anthroponymie sind die zweistämmigen lit. PN Výgantas, Vigantas mit dem ersten Stamm vi-/vybekannt. Der Stamm gailist in den litauischen einstämmigen Personennamen Gáila, Galius, Gails, Gail- vičius enthalten (LPDB). Das Vorhandensein der lit. PN *Vygailas bzw. *Vygailis im litauischen mittelalterlichen Personennamengut ist augenscheinlich. Ywane son vor 2 m. Der PN Ywane ist christlicher Herkunft, der aus dem Hebräischen durch die Namengebungstradition in den byzantinisch-slawischen Gebieten sehr verbreitet war und daraufhin auch in das baltische Personennamengut eingedrungen worden mag. Der russ. PN Иван, auf dem der lit. PN Ywane basieren muss, ist in dem russischen Personennamengut sehr variabel, vgl. Ивач, Ивантей, Иваш u.a. (Суперанская 2005: 126). Vgl. auch die lit. PN Ivanáuskas, Ivanãvičius, die mit den poln. PN Iwanowski und Iwanowicz verbunden werden (LPDB). Vgl. 14 Bei der in dem OF 107 38v erwähnten Familie des Samländers Czipel aus Belauken (Behlacken Kr. Wehlau, Blažienė 2000: 17) handelt es sich um die Verleihung eines Grundstückes an ihn und seine Nachkommen, einer von denen Metdithe war. Es geht wieder um das von Litauern und Preußen bewohnte Gebiet, wo die gegenseitige Auswirkung der litauischen und der preußischen Sprache aufeinander sowie auf deren Anthroponymie nicht ausweichbar gewesen sein musste. 15 Eine genaue Lokalisierung der im MTB erwähnten lit. PN ist nicht in der Quelle nicht angegeben. 16 Der 1384 erwähnte Preuße Wygail hat in Samland im Kr. Wargen gewohnt. DARIUS IVOŠKA 104 Acta Linguistica Lithuanica LXXXI auch noch die poln. PN Iwan, Iwanowski, Iwanowic(z) (AP 2009: 89–90) sowie den PN Iwan, Onkel des Preußen Blyoth (Trautmann 1925: 38). Das zeugt davon, dass in Gebieten Preußens und Litauens, wo die Einwohner verschiedener Nationalitäten zusammen gelebt hatten, sie auch die Namen von einander übernommen haben mussten17. Daher mag auch ein Litauer mit dem PN *Ivanas benannt gewesen sein. Woballe 2 sone vor 6 m. In dem MTB ist auch der lit. PN Woballe aufgezeichnet, der litauischer Herkunft sein mag. Vgl. die lit. PN Vãbalas, Vãbuolas, Vobolis, die auf lit. vãbalas ‘Insekt mit harten Oberflügeln’ verbunden werden (LPDB; Zinkevičius 2008: 513). Vgl. noch lit. vãbalas ‘Insekt mit harten Oberflügeln’ (LKŽe). Die Parallelen zu alit. wobalne ‘Apfelbaum’ und woble ‘Apfel’ wären in diesem Kontex vielleicht auch zu ziehen (ALEW 2019: 825). Das Vorhandensein eines prothetischen „v“ wie in dem apr. wosee - *(v)zē ‘Ziege’ darf vielleicht auch vermutet werden (PKEŽe). Allerdings lit. *Vabalė wäre eine überzeugendere Rekonstruierung des im MTB dokumentierten lit. PNs Woballe. Gibbune 1 son und 1 tochter vor 8 m. In der Kartei der litauischen historischen Personennamen sind folgende PN mit der Wurzel gibzu finden – 1640 Eua Gibowska, 1676 Joannes Gibowicz, 1681 Stanislao Gibos (IAK). Wilius Kalwaitis (1910: 10) führt in seinem Buch die lit. PN Gibins, Gibinus, Gibiszas, Gibisze vor. Unter den preußischen Personennamen findet man auch den pr. PN Gibbune18, den Trautmann (1925: 32) mit dem lit. PN Gibbune verbindet, indem er auf den Eintrag im MTB S. 315 hindeutet. Hierzu vgl. die lit. PN Gbas, Gibáitis, Gibãvičius, die mit den pol. PN Gibas, Gybas in Verbindung gesetzt und auf poln. gibas ‘ein hoher, schlanker Mensch; ein hochgewachsener Bursche’ zurückgeführt werden (LPDB). Vgl. auch die poln. PN Gib, Gibas(z), Gibola u.a. (AP 2007: 551–552). Zinkevičius (2008: 567) deutet die Herkunft der lit. PN Gbas, Gibys, Gibelis anders, wobei er sie auf lit. gyb-ti ‘weniger werden, abnehmen; genesen, sich verbessern’ zurückführt. Vgl. noch gbti, -sta, -o ‘weniger werden, abnehmen; besser werden, genesen; reicher werden’ (LKŽe). Es handelt sich wiederum um einen PN, der für Litauer und Preußen gemeinsam gewesen ist. Ein lit. PN *Gibunė wäre auch ganz denkbar. 17 Ljubov Feoktistova (Любовь Феоктистова) und Dmitrij Spiridonov (Дмитрий Спиридонов) (2016: 76–92) behandeln in ihrem gemeinsamen Beitrag die Entsprechungen des biblischen Personennamens Ίωάννηϛ in der russischen, polnischen und französischen Anthroponymie. 18 Ein Samländer aus dem Kammeramt Germau (Vercamer 2010: 501). Straipsniai / Articles 105 Litauische historische Personennamen in dem Marienburger Tresslerbuch der Jahre 1399–1409 Nesdila 1 wip mit 2 kindern vor 10 m. Wegen unklarer Bildung, Etymologie und wegen des Mangels an Belegen kann der PN Nesdila vorläufig noch nicht erläutert werden. Radasch 1 wip und 1 tochter vor 8 m. Die Herkunft des in dem MTB aufgezeichneten lit. PN Radasch ist nicht ganz klar aber es kann nicht abgelehnt werden, dass ein Litauer mit dem PN *Radašas/*Radašius benannt war. In der Kartei der litauischen historischen Personennamen findet man folgende PN mit dem Stamm rad-: 1528 Грыгорей Радайтис, 1670 Martinus Radaytis, 1695 Malcher Radaytis (IAK). Kalwaitis (1910: 16) gibt auch lit. PN Radiszus, Radužis an. Man kennt den lit. Familiennamen Radašáuskas, der mit den poln. PN Radoszewski, Radosz, Radoszowski verbunden wird (LPDB). Vgl. noch die poln. PN Radaszewski, Radosz (AP 2013: 197, 198). Das Suffix -ašist in unter den litauischen Personennamen kaum zu finden. Pranas Skardžius (1996: 316) gibt nur zwei litauische Familiennamen Bãlašas und Rabašius an. Item 24 m. vor Kirstan tolks gesinde zur Memel, das wurt von Littouwen gelost. Der Name des Dolmetscherknechtes aus Memel, namens Kirstan, ist christlicher Herkunft. Den Namen trugen im 14.–15. Jh. auch Preußen, die unter anderem auch in dem OF 105 eingebundenen Handfesten des DOs erwähnt wurden: 1382 Kirstan OF 105 62r, 1401 Kirstan OF 105 115v. S. auch 1448 Kirstan Kippelle (Trautmann 1925: 45). Hierzu vgl. auch den dt. PN Kirsten, der als eine niederdeutsche Form des dt. PNs Christian gilt (Kohlheim 2014: 105, 248). Es handelt sich hier um einen durch Litauer und Preußen der deutschen Anthroponymie im späten Mittelalter entlehnten Personennamen christlicher Herkunft – Kirstan, der unter den litauischen Personennamen als *Kirstanas adoptiert gewesen worden mag. 3. SCHLUSSFOLGERUNGEN 3.1. Die Erforschung der litauischen historischen Personennamen bedarf einer breiteren als klassische Betrachtung, wobei man gewöhnt war, nach analogischen Stämmen im vorhanden Personennamenbestand zu suchen, um die Bildung und Herkunft der neugefundenen Personennamen zuverlässig deuten zu können. Der Mangel an Stammanalogie unter den gegenwärtigen Personennamen, die behilflich für die Interpretation der historischen Neufunde sein würden, bedeutet nicht unbedingt, dass die neu aufgefundenen Personennamen in