Peter Wiesinger Albrecht Greule. „Baiern und Romanen. Zum Verhältnis der frühmittelalterlichen Ethnien aus der Sicht der Sprachwissenschaft und Namenforschung“
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360 Acta Linguistica Lithuanica LXXXIII HARALD BICHLMEIER Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg Forschungsrichtungen: Toponomastik (Germanisch, Keltisch), Altiranistik, Mykenologie, Indogermanistik, Etymologie. DOI: doi.org/10.35321/all83-17 Peter Wiesinger, Albrecht Greule BAIERN UND ROMANEN. ZUM VERHÄLTNIS DER FRÜHMITTELALTERLICHEN ETHNIEN AUS DER SICHT DER SPRACHWISSENSCHAFT UND NAMENFORSCHUNG Kartographie: Michael Schefbäck. Tübingen: Narr Francke Attempto, 2019, 250 Seiten. ISBN: 978-3-7720-8659-5 (Print); 978-3-7720-5659-8 (E-book) Die Toponomastik der älteren Sprachschichten (Mittel-)Europas wird indogermanistischerseits seit Jahr(zehnt)en nicht (mehr) systematisch und v.a. kaum in monographischen Arbeiten untersucht. Ausnahmen sind einzelne Werke wie Scheungraber, Grünzweig (2014), die aber über weite Strecken in erster Linie nur den bestehenden Wissensstand zusammentragen, ohne wirklich neue Resultate zu liefern. Die systematische Untersuchung jenes Sprachmaterials auf dem aktuellen Stand der Indogermanistik ist somit weiterhin ein Desiderat der Forschung. Größere Untersuchungen fanden v.a. zum keltischen onymischen Material statt, das wohl als am besten untersucht gelten darf (Falileyev, Gohil, Ward 2010; Anreiter 1996, 2016; Sims-Williams 2006; Raybould, Sims-Williams 2007–2009 sowie weitere zahlreiche Studien zu Personennamen, wie etwa Meid 2005). Auf aktuellem indogermanistischen Niveau war
Peter Wiesinger Albrecht Greule. Baiern und Romanen. Zum Verhältnis der frühmittelalterlichen Ethnien aus der Sicht der Sprachwissenschaft und Namenforschung Recenzijos / Reviews 361 auch die Untersuchung der antik überlieferten Namen Pannoniens durch Anreiter (2001). Hervorzuheben ist hinsichtlich der Gewässernamen das DGNB (2014), das trotz seiner Schwächen im Detail und seiner übermäßigen Kürze (vgl. Bichlmeier 2015, 2015a) als ein Werk gelten darf, das einen guten Überblick liefert. Aus dieser Perspektive weniger gelungen ist das DONB (2012), was ebenfalls an der übermäßigen Kürze der Artikel und mehr noch an der fachlichen Disparatheit der fast 90 Bearbeiter der Artikel liegt. 1. ALLGEMEINES ZUM BUCH Das hier vorzustellende Gemeinschaftswerk der beiden bekannten Germanisten ist nach eigener Aussage in erster Linie verfasst worden, um eine (dem Rez. so bislang gar nicht bekannte und wohl auch seit mindestens einem Jahrzehnt nicht mehr relevante Hypo-)These zu widerlegen, die um das und nach dem Jahr 2000 besonders in Archäologenkreisen verbreitet gewesen zu sein scheint: Dass nämlich die Baiern letztlich romanischen Ursprungs seien (S. 21– 25, Rückendeckel). Wie den beiden Autoren erscheint es auch dem Rez. aufgrund der Tatsache, dass das Bairische nun einmal eine Varietät des Deutschen ist, also in Bayern und Österreich eben in erster Linie Deutsch gesprochen wird, unklar, wie man zu dieser Ansicht gelangen kann. 2. ZUM ERSTEN TEIL DES BUCHS (S. 11–98) Der erste Teil des Buches setzt sich nun also eben mit dieser Theorie von Archäologen auseinander und widerlegt sie deutlich. Nach einem Forschungsüberblick wird die bairische Sprachgeschichte und damit auch die Geschichte von Namenintegraten ins Bairische in vorbildlicher, wenn auch bisweilen recht kondensierter Weise dargestellt. Bedauerlich ist, dass die in ihrer Gesamtheit sicherlich durchweg richtigen Zeitangaben für das Wirken etwa von erster und zweiter Lautverschiebung, i-Umlaut, a-Umlaut, jüngeren Monophthongierungsund Diphthongierungsprozessen etc. weitgehend ohne Verweise auf weitere Literatur geboten werden. Es mag hier für weniger mit der Materie vertraute Leser bisweilen der unzutreffende Eindruck entstehen, man habe es mit vom Verf. (hier Wiesinger) gar neu gewonnenen Erkenntnissen zu tun. Dies ist freilich kaum einmal der Fall. Die Inhalte des Buchs hinsichtlich der Datierungen der lautlichen Prozesse im Germanisch-Deutschen seien hier tabellarisch zusammengestellt, wodurch auch die vereinzelt voneinander abweichenden Datierungen sichtbar werden:
HARALD BICHLMEIER 362 Acta Linguistica Lithuanica LXXXIII Prozess Datierung Seite Entrundung vor-/frühurgerm. *o > urgerm. *a in der Tonsilbe „wohl spätestens um Chr. Geb. vollzogen“ „den um Chr. Geb. vollzogenen germ. Lautwandel von o > a“ 61 84 Entrundung vor-/frühurgerm. *o > urgerm. *a in der Kompositionsfuge von Namen nach dem 1. Jh. n. Chr.? (Chariovalda bei Tacitus) 61 vor-/frühurgerm. *ā > urgerm. *ō „spätestens im 1. Jh. n. Chr. vollzogen“ 61 älterer i-Umlaut urgerm. *e > i„ab dem 2. Jh. n. Chr.“, „um 600 abgeschlossen“ „von etwa 150 bis längstens 700“ vor „dem auslaufenden 7. Jh.“ 62 95 124 a-Umlaut *i > *e 2. Jh. n. Chr. bis 600 (gleichzeitig mit dem i-Umlaut) „von etwa 150 bis längstens 700“ 62 95 ältere Akte der 2. Lautverschiebung (t, p, k > ss/z, ff/pf, <ch> [χχ] (also k nur intervokalisch) „gegen 600 einsetzend“, „frühestens nach 565 einsetzend“ „ca. 600–650“ „spätestens gegen 650 vollzogen[en]“ 49, 55, 60, 63, 64 65 66 2. Phase der 2. Lautverschiebung (d > t) (spätestens) 1. H. des 8. Jh.s „ca. 700–760“ 62, 64 65 3. Phase der 2. Lautverschiebung (b > p) „ungefähr 740 bis 780“ 64, 66 bair., alem. k > „<ch> /[kχ] im Anlaut, in der Gemination, nach Nasal“ „ungefähr 740 bis 780“ 65 4. Phase der 2. Lautverschiebung (g > k) 2. H. des 8. Jh.s „etwa 760 bis vor 800“ 62 65, 66 Hebung o > u /_NK 2. H. des 8. Jh.s 62 jüngerer i-Umlaut 2. H. 8. des Jh.s bis ins 12. Jh. „vom 9. Jh. bis in die spätahd. Zeit des 11. Jhs.“ 67–69 126 Akzentverlagerung auf die erste Silbe bei Integration ins Althochdeutsche „bis zur Mitte des 11. Jhs.“ 70
Peter Wiesinger Albrecht Greule. Baiern und Romanen. Zum Verhältnis der frühmittelalterlichen Ethnien aus der Sicht der Sprachwissenschaft und Namenforschung Recenzijos / Reviews 363 Prozess Datierung Seite sogenannte „neuhochdeutsche“ Diphthongierung von mhd. ī – ū – iu“ „bereits ab dem 2. Viertel des 12. Jhs. ausgehend vom mittelbairischen Donauraum“ 70f. 3. ZUM ZWEITEN TEIL DES BUCHES 3.1. Gliederung Den zweiten Teil des Buches (S. 99–218) umfassen die nach Gebieten (Südbayern: Greule; Österreich: Wiesinger) geordneten Namenkataloge (wobei die Namen für entsprechende Querverweise durchnummeriert wurden): 175 Namen in antik-romanischer Tradition (S. 99–186), 73 romanisch-deutsche Mischnamen (S. 186–203), 20 Walchen-Namen (also mit dem Bestandteil walch- ‘Romane’ komponierte Namen; S. 203–208), 15 Parschalken-Namen (S. 208–211). Darauf folgt eine Auflistung der auszuscheidenden romanisch-deutschen Namen (S. 213–218; nur mit max. zweizeiligen Kommentaren zur Etymologie), also solcher Namen, die vormals als Mischnamen angesehen wurden, nun aber anders erklärt werden. Es schließen sich dann noch neun Karten (auf den unpaginierten Seiten 221–229) an, S. 54, Anm. 64 erfährt der Leser, dass die Karten 6–9 (also S. 226–229) Wiesinger 1994 entnommen sind. Im Kartenteil selbst wird dies nicht erwähnt. Beschlossen wird das Buch mit einem Verzeichnis der Abkürzungen (S. 231) und einem Literaturverzeichnis (S. 233–246) sowie einem Register der behandelten Namen romanisch-antiker, gemischter Herkunft, der Walchenund Parschalken-Namen (247–250 [zweispaltig]). 3.2. Zur im Buch verwendeten Indogermanistik und der Schreibweise der Rekonstrukte Der zweite Hauptteil ist der problematischere Teil des Buches. Hier werden die einzelnen Namen besprochen und auch etymologisch analysiert. Es wird eine Auswahl an Belegen geboten (bevorzugt natürlich die älteren), darauf folgt die Etymologie. Diese Namenartikel können wenige Zeilen, aber durchaus des Öfteren auch über eine halbe Seite bei Greule und auch über eine Seite bei Wiesinger lang sein. Dies führt zu einer gewissen Unausgewogenheit in der
HARALD BICHLMEIER 364 Acta Linguistica Lithuanica LXXXIII Darstellung, da Wiesinger bei seinen Namenartikeln auch wesentlich mehr historische und geographische Informationen einfließen lässt, als Greule dies tut. Eine Diskussion differierender Meinungen zu einem Namen findet meist nicht statt, bisweilen werden zwei Möglichkeiten angeführt, dies wohl etwas öfter bei Namenartikeln Wiesingers als in Artikeln Greules. Ein weiterer Unterschied zwischen beiden Autoren besteht darin, dass Wiesinger noch weniger als Greule in der Lage zu sein scheint, die seit einem halben Jahrhundert üblichen Methoden und Schreibweisen der Indogermanistik korrekt anzuwenden. So finden sich bei Wiesinger fast durchweg unreflektiert aus dem IEW übernommene Ansätze mit zwei Vokalen wie „idg. *bherem-“ (S. 129), die Aspiration wird (wie im gerade angeführten Beispiel) praktisch durchweg nicht hochgestellt (anders meist bei Greule), Gleiches gilt für die labialisierte Sekundärartikulation (ebenda: „*gṷrem-“ statt korrektem *gṷrem- – hier wird somit das IEW falsch wiedergegeben). Auffällig ist die Uneinheitlichkeit, die dadurch entsteht, dass bisweilen statt *ṷ bzw. *ṷ die eher im anglophonen Bereich übliche Schreibung mit *w bzw. *w gebraucht wird, man vgl. etwa dazu den Artikel zu Lech: „idg. *wlikwó- ‘Befeuchter’ zu idg. *wleikw- ‘befeuchten’“ (S. 107; Greule) etc. Nicht nur solche Uneinheitlichkeiten hätten eine nochmalige Durchsicht des Buchs (von beiden Autoren) wünschenswert erscheinen lassen. Aus indogermanistischer Sicht ist festzuhalten, dass die germanistische Namenforschung den aktuellen Kenntnisstand der Indogermanistik über Jahrzehnte ignorierte und eigentlich erst seit gut einem Jahrzehnt allmählich aufzuschließen beginnt. Es sei hier darauf hingewiesen, dass die Wirkungsorte der beiden Autoren, Wien und Regensburg, eben auch die von Jochem Schindler bzw. Gert Klingenschmitt waren, zweier Größen der Indogermanistik, die das Fach deutlich voran gebracht und bereits seit den 1970er Jahren konsequent und ausschließlich mit dem phonologischen System gearbeitet haben, das eben auch in LIV² und NIL verwendet wird. Hinzuweisen ist auch darauf, dass von germanistischer Seite (nicht nur im Bereich der Namenkunde, sondern allgemein in der historischen Sprachwissenschaft [alt-]germanischer Sprachen) nicht nur die moderne Indogermanistik weitestgehend nicht rezipiert worden ist bzw. wird (nicht einmal, wenn sie explizit das Germanische betrifft, wie etwa Müller 2007 oder EWAhd und EDPG), sondern dass auch die für den Raum Bayern-Österreich wichtigen Forschungen zur Keltologie, auch solche in französischer und englischer Sprache, praktisch nicht in die hier vorliegenden Untersuchungen (in zitierter Form) einfließen – dies betrifft onomastische Einzeluntersuchungen ebenso wie Etymologika (so etwa das EDPC, das wohl aufgrund seiner bequemen Handhabbarkeit recht regelmäßig zumindest von Greule im DGNB noch zitiert wurde, hier nun aber fehlt). Es fehlen im vorliegenden Buch (ebenso wie bereits im DGNB und in
Peter Wiesinger Albrecht Greule. Baiern und Romanen. Zum Verhältnis der frühmittelalterlichen Ethnien aus der Sicht der Sprachwissenschaft und Namenforschung Recenzijos / Reviews 365 vielen anderen Arbeiten der beiden Autoren etwa die (zwar teils problematischen aber trotzdem grundlegenden) Werke von Delamarre (2007, 2012, 2017, DLG², DLG³, DTNG [Letzteres hätte freilich in beiden Werken nicht rezipiert werden können, da Band 1 erst 2019 erschienen ist]), weiters die von Falileyev (Falileyev, Gohil, Ward 2010; Falileyev 2013, 2014), Lambert 2003, McCone 1996, Repanšek 2016, Sims-Williams 2006; Raybould, Sims-Williams 2007, 2009, Zair 2012 etc. sowie das LEIA als leider Torso gebliebenes, aber bislang gründlichstes etymologisches Wörterbuch einer altkeltischen Einzelsprache. Ohnehin scheinen in der Bibliographie des voriegenden Buchs als Etymologika nur IEW, LIV² und NIL auf, was angesichts der zahlreichen dann auch argumentativ verwendeten Wörter aus verschiedenen Sprachen völlig ungenügend ist. Besonders schwerwiegend wirkt sich bisweilen aus, dass trotz der vielen keltischen Ansätze weder ACS [Holder], noch LEIA oder EDPC (geschweige denn die Arbeiten Delamarres, Lamberts oder Repanšeks) zitiert worden sind. Bisweilen hätte sich sicher auch ein Blick ins EWAhd oder ins EDPG gelohnt. Da das alles schon länger so geht, führt dies dazu, dass bisweilen in der germanistischen Sprachwissenschaft (bzw. Namenkunde) und der Keltologie unterschiedliche Einordnungen desselben Namens teils über Jahrzehnt nebeneinander her existier(t)en, ohne dass eine Diskussion stattfände: Der Name der Isar etwa gilt Keltologen seit mindestens einem Jahrhundert als klar keltisch1 (und ist es aufgrund lautlicher Kriterien ja auch sicher; vgl. dazu Bichlmeier 2016) – hier wird er wieder als „idg.-vspr.“ o.ä. eingestuft. Außerdem gilt auch für dieses Buch, dass die wissenschaftliche Meinung zu den einzelnen Namen bei Weitem nicht so einhellig ist, wie es hier suggeriert wird: Dasselbe Problem war bereits in Bezug auf das DGNB anzumerken (vgl. Bichlmeier 2015, 2015a). Für das vorliegende Buch, das nun sicherlich weniger Platzbeschränkungen unterlag als das DGNB, wäre es unschwer möglich gewesen, zumindest die gesamte relevante Literatur zu den einzelnen Namen zu rezipieren und auch unterschiedliche Vorschläge zur Etymologie kurz zu diskutieren. Das Buch hätte wesentlich gewonnen und hätte so durchaus zu einem Handbuch für die vordeutschen Namen in (Süd-)Bayern und (Zentral-) Österreich werden können. Diese Chance wurde indes vergeben, da neue Einblicke (sprich: Etymologien) bietende und Aufschlüsse liefernde Literatur der beiden letzten beiden Jahrzehnte recht konsequent nicht rezipiert wurde. Die 1 Vgl. etwa Pokorny 1914: 293, wo er die bayerische Isar als keltisch bezeichnet oder DLG² 191, Falileyev, Gohil, Ward 2010: 136; Delamarre 2012: 165; DLG³ 192; DTNG 1: 390, wo *isarāebenfalls selbstverständlich als keltisch gilt. – Beide Positionen referiert Bach 1954: 21f., ohne eine Entscheidung zu treffen.
HARALD BICHLMEIER 366 Acta Linguistica Lithuanica LXXXIII Rezeption dieser in durchaus gängigen Reihen und Zeitschriften veröffentlichten Arbeiten (es geht insgesamt um sicher drei Dutzend Titel verschiedener Autoren) hätte in etlichen Fällen dazu beitragen können, den Wiederabdruck veralteter bzw. teils sogar falscher / unmöglicher Lösungen zu vermeiden bzw. im Falle einer den Usancen der Wissenschaft entsprechenden, die verschiedenen Lösungsvorschläge diskutierenden Darstellung diese abzulehnen. Nicht zuletzt als Folge der Nichtrezeption von Teilen der zeitgenössischen wissenschaftlichen Literatur ergibt sich hinsichtlich der zitierten Literatur in den Namenartikeln eine gewisse Tendenz zur Autoreferentialität (Greule zitiert bisweilen nur sich selbst, Wiesinger bevorzugt sich selbst), ein häufiger zitierter Autor ist daneben (für Bayern) noch von Reitzenstein (bes. Reitzenstein 2006 [hinsichtlich Altbayerns], 2013 [hinsichtlich Bayerisch Schwabens], vereinzelt auch Reitzenstein 1991). Greule geht insgesamt sparsamer mit Literatur um, er zitiert selten mehr als drei Titel, Wiesinger hingegen durchschnittlich doppelt so viele, wie auch insgesamt Wiesingers Namenartikel im Schnitt deutlich länger sind, da sie oft noch Etliches zur Geschichte des benannten Objekts bieten (s.o.). Diese Feststellungen nun an ausgesuchten Beispielen vorzuführen, würde zu weit führen und den Rahmen dieser Zeitschrift sprengen. Verwiesen sei hier auf die ausführlich Darstellung in Bichlmeier 2020, wo dies alles an über drei Dutzend Beispielen ausführlich dargelegt wird. Insgesamt ergibt sich folgendes Bild: So überzeugend – wenn auch literaturangabenarm – der erste Teil des Buches ist, so wenig überzeugt der zweite Teil mit den Namenartikeln. Die Namenartikel zeichnen sich über weite Strecken durch folgende Merkmale aus: • Hinsichtlich der verwendeten Transkriptionsweise (ur-)indogermanischer Rekonstrukte (*w vs. *ṷ, *bhvs. *bhetc.) sind sie uneinheitlich. • Relevante Literatur der letzten zwei Jahrzehnte wird nicht zitiert (obgleich bisweilen der Eindruck entsteht, dass sie durchaus gelesen wurde) und erscheint folglich auch nicht im Literaturverzeichnis. Nachzutragen sind / wären insgesamt sicher drei Dutzend Titel mehrerer Autoren. Aus der Nichtrezeption dieser z.T. ältere Lösungen deutlich verbessernden bzw. widerlegenden Literatur folgt letztlich, dass das Buch insgesamt selten über den Wissensstand des Jahres 2000, praktisch nie über den von 2010 hinausgeht. • Die besonders im zweiten Teil gegebenen Literaturangaben sind stark autoreferentiell, besonders hinsichtlich der Gewässernamen. Nicht von den beiden Autoren stammende Literatur dürfte wohl kaum die Hälfte ausmachen, sodass für den Leser der falsche Eindruck entstehen kann, dass die Etymologien von jenen zitierten Autoren stammen könnten, was sie
Peter Wiesinger Albrecht Greule. Baiern und Romanen. Zum Verhältnis der frühmittelalterlichen Ethnien aus der Sicht der Sprachwissenschaft und Namenforschung Recenzijos / Reviews 367 aber in der Regel nicht tun. Die ‘Entdecker’ der jeweiligen Etymologien werden jedenfalls nicht gezielt benannt, bisweilen ist die Lösung schon ein Jahrhundert alt. • Nur in Einzelfällen werden einmal konkurrierende Vorschläge genannt, nur selten werden diese diskutiert. Meist wird aber nur eine Lösung angeführt, nicht immer die (nach allgemeiner Ansicht bzw. sprachwissenschaftlicher Einsicht) richtige. • Folglich wird in zahlreichen Fällen eine längst überholte bzw. längst als nicht zutreffend erkannte Etymologie geboten, die gebotenen Lösungen stellen zudem des Öfteren einen Rückschritt gegenüber dem schon vordem Erreichten dar, bisweilen auch gegenüber dem, was die beiden Autoren in ihrer eigenen zitierten Literatur schon einmal geschrieben hatten. • Mehrfach wird ohne Diskussion eine Lösung als einzige geboten, die in der zum jeweiligen Namen zitierten Literatur so gar nicht aufscheint, die zitierte Literatur stützt also nicht notwendigerweise die präsentierte Etymologie. Es ist schön, dass die abstruse These einer (sprachlich) romanischen Herkunft der Baiern widerlegt wurde und dass man den (weitgehend) gesamten2 vordeutschen Namenschatz Altbayerns und Zentralösterreichs nun in einer Aufstellung beisammen hat – als Handbuch der Etymologien dieser Namen ist das Werk indes nicht brauchbar: Zwar sind wohl die ältesten Belege alle angegeben, die Etymologien können aber – gerade wenn es sich um keltische oder gar vorkeltische Bildungen handelt – nicht durchweg als zutreffend beurteilt werden. Der Versuch, die moderne Indogermanistik in die Beschreibung und Erklärung der Namen mit einzubeziehen ist zwar lobenswert, muss aber letztlich als gescheitert angesehen werden. Insofern ist das Buch ein typischer Vertreter der Arbeiten zu den ältesten Namenschichen in (Mittel-)Europa von Verfassern mit dem Thema nicht adäquaten Indogermanistikkenntnissen. Die Aufarbeitung dieses alten Namenschatzes Mitteleuropas in seiner Gesamtheit auf fundierter indogermanistischer Basis bleibt also weiterhin ein Desiderat. Sie vollzieht sich aber – wenngleich germanistischerseits oft nicht rezipiert oder nicht verstanden – Name für Name in loser Folge in Artikeln in Zeitschriften und Sammelbänden durchaus. 2 Hingewiesen sei etwa auf das Fehlen von Artikeln zu (Bad) Ischl, Iller, Ilz, Vils / Fils, weitere Namen dürften fehlen.
HARALD BICHLMEIER 368 Acta Linguistica Lithuanica LXXXIII LITERATUR 1. WÖRTERBÜCHER ACS – Holder Alfred 1896, 1904, 1907: Alt-celtischer Sprachschatz. 3 Bde., Leipzig: Teubner. Delamarre Xavier 2007: Noms de personnes celtiques dans l’épigraphie classique. Nomina Celtica antiqua selecta inscriptionum, Paris: Edition Errance. Delamarre Xavier 2012: Noms de lieux celtiques de l’Europe ancienne. (– 500 / + 500). Dictionnaire. (Collection les Hesperides), Paris: Éditions Errance. DGNB – Greule Albrecht 2014: Deutsches Gewässernamenbuch. Etymologie der Gewässernamen und der zugehörigen Gebiets-, Siedlungsund Flurnamen. Unter Mitarbeit von S. Hackl-Rößler, Berlin, Boston: de Gruyter. DLG² – Delamarre Xavier 2003: Dictionnaire de la langue gauloise. Une approche linguistique du vieux-celtique continental, Préface P.-Y. Lambert, 2e édition revue et très augmentée, Paris: Edition Errance. DLG³ – Delamarre Xavier 2018: Dictionnaire de la langue gauloise. Une approche linguistique du vieux-celtique continental, Préface P.-Y. Lambert, Troisième édition, Paris: Edition Errance. DONB – Niemeyer Manfred (Hrsg.) 2012: Deutsches Ortsnamenbuch, Berlin, Boston: de Gruyter. DTNG – Delamarre Xavier 2019–2021: Dictionnaire des thèmes nominaux du gaulois. A Dictionary of Gaulish Nominal Stems, Volume I: Ab-/Iχs(o)-, Volume II: Lab-/Uχs-pero- (Collection Linguistique 5, 6), Paris: Éditions Les Cent Chemins. EDPC – Matasović Ranko 2009: An Etymological Dictionary of Proto-Celtic. (Leiden Indo-European Etymological Dictionary Series 9), Leiden, Boston: Brill. EDPG – Kroonen Guus 2013: Etymological Dictionary of Proto-Germanic. (Leiden Indo-European Etymological Dictionary Series 11), Leiden, Boston: Brill. EWAhd – Etymologisches Wörterbuch des Althochdeutschen. Band I: -a – bezzisto, von Albert L. Lloyd und Otto Springer, Göttingen, Zürich: Vandenhoeck & Ruprecht, 1988. Band II: bī – ezzo, von Albert L. Lloyd, Rosemarie Lühr und Otto Springer † unter Mitwirkung von Karen R. Purdy, Göttingen, Zürich: Vandenhoeck & Ruprecht, 1998.
