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Kristupo Ernsto Tydkės 1747 m. gruodžio 12 d. prašymas: nauji faktai apie Halės universiteto Lietuvių kalbos seminarą

Birutė Triškaitė

Abstract

    Straipsnyje analizuojamas ir publikuojamas Prūsijos kultūros paveldo Slaptajame valstybiniame archyve (vok. Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz) Berlyne rastas dokumentas, atskleidžiantis naujų faktų apie 1727 m. Halės universitete įsteigtą Lietuvių kalbos seminarą. Tai šio universiteto Teologijos fakulteto absolvento ir Petro Gotlybo Milkaus (Peter Gottlieb Mielcke, 1695–1753) posūnio bei Kristijono Gotlybo Milkaus (Christian Gottlieb Mielcke, 1733–1807) suvestinio brolio Kristupo Ernsto Tydkės (Christoph Ernst Tiedtke, 1722–po 1772) prašymas, rašytas 1747 m. gruodžio 12 d. ir adresuotas Slaptajai tarybai (vok. Geheimer Rat) Berlyne. Halės universiteto Lietuvių kalbos seminaro istorijai šis archyvinis šaltinis reikšmingas tuo, kad teikia duomenų beveik nedokumentuotam baigiamajam šio seminaro veiklos laikotarpiui. Remiantis K. E. Tydkės prašyme užfiksuota informacija, straipsnyje atskleidžiama, kad po 1740 m., kurie istoriografijoje įprastai laikomi Halės universiteto Lietuvių kalbos seminaro uždarymo metais, vis dėlto būta pastangų toliau tęsti šio seminaro veiklą.

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BIRUTĖ TRIŠKAITĖ Institut für Litauische Sprache ORCID-ID: https://orcid.org/0000-0003-2286-4080 Forschungsgebiete: das Schrifttum Preußisch-Litauens im 16.–18. Jahrhundert, die Geschichte der zweisprachigen litauischen Lexikografie. DOI: doi.org/10.35321/all83-03 KRISTUPO ERNSTO TYDKĖS 1747 M. GRUODŽIO 12 D. PRAŠYMAS: NAUJI FAKTAI APIE HALĖS UNIVERSITETO LIETUVIŲ KALBOS SEMINARĄ Der Antrag Christoph Ernst Tiedtkes vom 12. Dezember 1747: Neue Fakten über das Litauische Seminar an der Universität Halle ZUSAMMENFASSUNG Der Beitrag analysiert und veröffentlicht ein im Geheimen Staatsarchiv Preußischer KulturbesitzGeheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin aufgefundenes Dokument, das neue Fakten über das 1727 an der Universität Halle gegründete Litauische Seminar enthüllt. Es handelt sich um den am 12. Dezember 1747 verfassten und an den Geheimen RatGeheimer Rat in Berlin gerichteten Antrag Christoph Ernst Tiedtkes (Christoph Ernst Tiedtke, 1722–nach 1772), eines Absolventen der Theologischen Fakultät dieser Universität, des Stiefsohns Peter Gottlieb Mielckes (Peter Gottlieb Mielcke, 1695–1753) und des Stiefbruders Christian Gottlieb Mielckes (Christian Gottlieb Mielcke, 1733–1807). Für die Geschichte des Litauischen Seminars an der Universität Halle ist diese archivalische Quelle insofern bedeutsam, als sie Angaben zu der kaum dokumentierten letzten Phase der Tätigkeit dieses Seminars liefert. Auf Grundlage der im Antrag K. E. Tiedtkes festgehaltenen Informationen zeigt der Beitrag, dass es nach 1740, dem in der Historiografie gewöhnlich als Jahr der Schließung des Litauischen Seminars an der Universität Halle angesehenen Jahr, dennoch Bestrebungen gab, die Tätigkeit dieses Seminars fortzusetzen. SCHLÜSSELWÖRTER: 18. Jahrhundert, Litauisches Seminar an der Universität Halle, Christoph Ernst Tiedtke, Gotthilf August Francke, Franz Albert Schultz. Straipsniai / Articles 55 BIRUTĖ TRIŠKAITĖ ANNOTATION Der Beitrag analysiert und veröffentlicht das im Secret State Archives Prussian Cultural Heritage Foundation (German: Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz) in Berlin aufgefundene Archivdokument, das neue Fakten über das 1727 an der Universität Halle gegründete Litauische Seminar offenlegt. Es handelt sich um den Antrag Christoph Ernst Tiedtkes (1722–nach 1772), eines Absolventen der Theologischen Fakultät der Universität, des Stiefsohns Peter Gottlieb Mielckes (1695–1753) und des Stiefbruders Christian Gottlieb Mielckes (1733–1807), der am 12. Dezember 1747 verfasst und an den Geheimen Rat (German: Geheimer Rat) in Berlin gerichtet wurde. Diese Archivquelle ist für die Geschichte des Litauischen Seminars an der Universität Halle von Bedeutung, da sie Zeugnisse über eine nahezu undokumentierte letzte Phase des Bestehens des Seminars liefert. Auf Grundlage der in Tiedtkes Antrag festgehaltenen Informationen zeigt der Beitrag, dass nach 1740, dem in der Historiografie gewöhnlich als Jahr der Schließung des Litauischen Seminars an der Universität Halle angesehenen Jahr, tatsächlich Anstrengungen unternommen wurden, die Tätigkeit des Seminars fortzusetzen. SCHLÜSSELWÖRTER: 18. Jahrhundert, Litauisches Seminar an der Universität Halle, Christoph Ernst Tiedtke, Gotthilf August Francke, Franz Albert Schultz. Die 1694 gegründete Universität Halle war die zweite Hochschule des Königreichs Preußen, an der auf Geheiß König Friedrich Wilhelms I. (Friedrich Wilhelm I., 1688–1740, regierte 1713–1740) begonnen wurde, nichtlitauische Theologiestudenten in litauischer Sprache zu unterrichten. Ziel des 1727 an der als Zentrum pietistischer Ideen geltenden und erst auf ihr viertes Tätigkeitsjahrzehnt zusteuernden Universität Halle eröffneten Litauischen Seminars war es, pietistisch ausgerichtete, litauischkundige Pfarrer und Lehrer für den Dienst in den litauischen Gemeinden des Königreichs Preußen auszubilden. Anders als an der Universität Königsberg, an der ein aus im Wesentlichen demselben Grund 1718 ins Leben gerufenes Litauisches Seminar mehr als zwei Jahrhunderte lang – bis 1944 – bestand (Citavičiūtė 2004: 11, 12), existierte das Seminar an der Universität Halle jedoch wesentlich kürzer. Ausgehend von der neu aufgefundenen Archivquelle wird in diesem Beitrag die Frage aufgeworfen, ob es 1740, das in der deutschen und litauischen Historiografie als Jahr der Schließung dieses Seminars fest etabliert ist, tatsächlich endgültig aufhörte zu bestehen; zugleich wird gezeigt, dass es nach 1740 dennoch Bemühungen gab, seine Tätigkeit fortzusetzen. 56 Acta Linguistica Lithuanica LXXXIII Kristupo Ernsto Tydkės 1747 m. gruodžio 12 d. prašymas: nauji faktai apie Halės universiteto Lietuvių kalbos seminarą 1. HALĖS UNIVERSITETO LIETUVIŲ KALBOS SEMINARO VEIKLOS DATAVIMAS ISTORIOGRAFIJOJE Der Verfasser der ersten ausführlicheren, speziell der Geschichte des Litauischen Seminars an der Universität Halle gewidmeten Studie Das Litauische Seminar an der Universität Halle, die 1935 in der Zeitschrift Archivum Philologicum veröffentlicht wurde, Franz Specht (1888–1949), vertrat die Auffassung, das Seminar habe von 1727 bis 1740 bestanden (Specht 1935: 36–38), mit anderen Worten: seine Tätigkeit habe dreizehn Jahre gedauert. Für die Datierung des Beginns der Seminartätigkeit stützte er sich auf zwei Primärquellen: 1) eine am 1. September 1729 in der Zeitung Neue Zeitungen von Gelehrten Sachen Nr. 70 erschienene Nachricht, in der erwähnt wurde, dass im Oktober 1727 in Halle auf Befehl des preußischen Königs ein Litauisches Seminar für Theologiestudenten gegründet worden sei: Nachdem auf allergnädigsten hohen Befehl Sr. Königl. Majest. im October 1727 allhier ein Seminarium Lithuanicum von Studiosis Theologiæ errichtet worden, in welchem dieselben von einem Studioso Theologiæ, der ein gebohrner Litthauer, in der Litthauischen Sprache unterrichtet werden, damit sie nachmahls in dem Königl. Preußischen Litthauen zu Predigern gebraucht werden können ([Anonimas] 1729: 639; plg. Specht 1935: 36); 2) die Aussage des Hallenser Theologieprofessors und Leiters des Litauischen Seminars Gotthilf August Franckeʼs (1696–1769) im Vorwort des von dem damaligen Dozenten des Seminars Friedrich Wilhelm Haack (1707–1754) erarbeiteten Wörterbuchs Vocabularium Litthanico–Germanicum, et Germanico–Litthanicum (Halle, 1730), dass das Seminar bereits seit drei Jahren bestehe: Es sind nunmehro drey Jahr / daß auf Königl. allergnädigsten Befehl ein Seminarium Litthuanicum, darin einige Studïosi Theologiæ zu der in einem gewissen Strich von Preußen üblichen Litthauischen Sprache angeführet werden / alhier errichtet worden ist (Francke 1730: [2r]; plg. Specht 1935: 37). Bei seiner Behauptung, das Litauische Seminar habe 1740 aufgehört zu bestehen, stützte sich F. Specht ausschließlich auf die in dem der Geschichte der Universität Halle gewidmeten Buch Geschichte der Universität zu Halle bis zum Jahre 1805 (Halle, 1805) von Johann Christoph Hoffbauer (1766–1827) zitierte Archivquelle – einen undatierten Bericht des Seminarleiters G. A. Francke: Was hiernächst das Litauische Seminarium anlanget, so ist dasselbe von mir privatim im Jahre 1727 angerichtetes, bis 1740 ohne einige königliche Kosten erhaltenes Institutum gewesen, zu dessen Anlegung mich nichts anders, als Straipsniai / Articles 57 BIRUTĖ TRIŠKAITĖ die allerhöchste Königliche Intention und mehrmaliger allergnädigste Befehl, daß tüchtige Leute vor das Preußische Litauen erzogen werden mögten, bewegen (Hoffbauer 1805: 281; plg. Specht 1936: 37). Dieser Bericht G. A. Franckes bestätigt erneut das durch andere Quellen bezeugte Gründungsjahr des Litauischen Seminars an der Universität Halle (1727) und ist bis heute die einzige bekannte Primärquelle, in der behauptet wird, das Seminar habe bis 1740 bestanden. Etwas anders ist die knappe Darstellung des Seminars durch den Zeitgenossen G. A. Franckes, den Historiker Johann Christoph von Dreyhaupt (1699–1768), zu beurteilen: Im zweiten Band des 1750 veröffentlichten Werkes Ausführliche diplomatisch-historische Beschreibung des [...] Saal-Creyses (Halle, 1750) schrieb er über das Litauische Seminar an der Universität Halle als über eine damals noch bestehende Institution (Dreyhaupt 1750: 33). J. Ch. Hoffbauer erklärte den Widerspruch zwischen beiden Quellen damit, dass J. Ch. von Dreyhaupt den Abschnitt über das Seminar erheblich früher als zum Zeitpunkt des Erscheinens des Buches verfasst haben könne, also noch vor 1740, als das Seminar tatsächlich bestand (Hoffbauer 1805: 282). Wie dem auch sei, in der späteren deutschen Historiografie stützte man sich bei der Erwähnung des Litauischen Seminars an der Universität Halle im Wesentlichen auf J. Ch. Hoffbauer, das heißt, als Ende der Seminartätigkeit galt das Jahr 1740 (z. B.: Schrader 1894: 239–240; Reinhold 1895: 106–107). In den litauischen Arbeiten der Zwischenkriegszeit datierte man das Seminar allerdings eher bis 1765 (z. B.: Vileišis 2008 [1935]: 146; Šapoka 1989 [1936]: 615), was möglicherweise mit der Vergabe der Vergünstigung einer kostenlosen Verpflegung (dt. Preußischer Freitisch oder Preußisch-Litauischer Freitisch) an Theologiestudenten auch nach 1740 zusammenhing (vgl. Schiller 1994: 195). Diese Vergünstigung wurde im Januar 1728 von König Friedrich Wilhelm I. für die in Halle studierenden preußischen Jugendlichen und insbesondere für diejenigen eingerichtet, die im Seminar Litauisch lernten; zu diesem Zweck wurden jährlich 400 Taler aus Königsberg geschickt. Diese Unterstützung und damit auch die Vergünstigung wurden jedoch wesentlich früher eingestellt – bereits 1758, als die russische Armee während des Siebenjährigen Krieges Königsberg besetzte (Hoffbauer 1805: 279–280; Specht 1935: 38; Winter 1954: 57). Dennoch trug die erwähnte Studie F. Spechts, deren alleiniger Untersuchungsgegenstand die Geschichte dieses Seminars war, wesentlich dazu bei, dass das Jahr 1740 sowohl in der deutschen als auch in der litauischen Historiografie endgültig als Jahr der Seminarschließung etabliert wurde (Winter 1954: 56; LLI I 214; Bense 1974: 295; Bense 1994: 81; Schiller 1994: 195, 199; Citavičiūtė 2004: 78 u. a.). Obwohl F. Specht den Mangel an Archivquellen betonte, erschien seine wiederholt zitierte Aussage des Seminarleiters G. A. Francke, ¹ Zwar gingen einige dieser Forscher davon aus, dass das Seminar seine Tätigkeit bereits 1724 oder 1725 aufgenommen habe (Winter 1954: 47; Bense 1974: 295; Bense 1994: 81), doch besteht heute kein Zweifel mehr daran, dass es tatsächlich 1727 eröffnet wurde (siehe oben). 58 Acta Linguistica Lithuanica LXXXIII Kristupo Ernsto Tydkės 1747 m. gruodžio 12 d. prašymas: nauji faktai apie Halės universiteto Lietuvių kalbos seminarą obwohl ohne Datum und Kontext, als unbestreitbar und völlig ausreichend, sodass die Datierungsfrage in späteren Untersuchungen zur Geschichte des Seminars nicht weiter behandelt wurde. Zur Frage nach der Dauer der Tätigkeit des Litauischen Seminars an der Universität Halle und seiner zweiten chronologischen Grenze führt eine neu aufgefundene Archivquelle zurück: der im Geheimen Staatsarchiv Preußischer KulturbesitzGeheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, im Folgenden GStA PK, in Berlin aufbewahrte Antrag Christoph Ernst Tiedtkes (Christoph Ernst Tydt[c]ke, Tiedtcke, Tiedke, 1722–nach 1772), der am 12. Dezember 1747 verfasst und an den Geheimen RatGeheimer Rat nach Berlin gerichtet wurde (GStA PK: I. HA, Rep. 7, Nr. 90 h, Pkt. 1239, [1r–2v]; Faksimile, Transkription und Übersetzung des Dokuments siehe am Ende des Beitrags). 2. KRISTUPAS ERNSTAS TYDKĖ In den Blick der Forscher des Schrifttums Preußisch-Litauens geriet K. E. Tiedtke erst vor Kurzem als Mitglied der im litauischen Kulturraum des 18. Jahrhunderts aktiven Familie Mielcke. Bei der Rekonstruktion der Zusammensetzung dieser Familie wurde festgestellt, dass K. E. Tiedtke der Stiefsohn Peter Gottlieb Mielckes (Peter Gottlieb Mielcke, 1695–1753) und der älteste Stiefbruder Christian Gottlieb Mielckes (Christian Gottlieb Mielcke, 1733–1807) war (Triškaitė 2019: 81–82, 105–110). Er wurde in LappienenLappienen geboren und war der Erstgeborene des dortigen Pfarrers Tobias Tiedtke (Tobias Tiedtke, 1688–1725) und Regina Louisa Schimmelpfennig (Regina Louisa Schimmelpfennig, 1702–1776) (LapKK 61v, Nr. 62). Das Taufregister der evangelisch-lutherischen Kirche von Lappienen bezeugt, dass er einen eineinhalb Jahre jüngeren Bruder, Gottfried Tiedtke (Gottfried Tiedtke, 1723–1791), hatte (LapKK 67r, Nr. 122), der später Pfarrer wurde und in Gottfried Ostermeyers (Gottfried Oster meyer, 1716–1800) polemischer Schrift Bedenken über einen Entwurf zu einem Neuen Littauischen Gesangbuch (Königsberg, 1786) erwähnt wird (zum Bruder ausführlicher siehe Triškaitė 2019: 81–82, 110–111). Die Mutter stammte aus der kinderreichen Familie Schimmelpfennig, deren zahlreiche Vertreter dem geistlichen Stand angehörten und sich an der litauistischen Tätigkeit beteiligten. So überprüfte und approbierte K. E. Tiedtkes mütterlicher Großvater Martin Schimmelpfennig (Martin Schimmelpfennig, 1668–1735), der sein ganzes Leben in PiktupönenPiktupönen als Pfarrer tätig war, 1719 gemeinsam mit anderen Pfarrern Preußisch-Litauens die im Auftrag Heinrich Lysiis (Heinrich Lysius, 1670–1731) zum Druck vorbereitete Übersetzung von Martin Luthers Kleinem Katechismus; der jüngere Bruder des Großvaters, Adam Friedrich Schimmelpfennig (Adam Friedrich Schimmelpfennig, 1677–1740), Pfarrer in SkaisgirrenSkaisgirren, war einer der Übersetzer der ersten gedruckten litauischen Bibel, die 1735 in Königsberg erschien. Drei Onkel K. E. Tiedtkes, also die Brüder seiner Mutter, waren ebenfalls bekannte Geistliche Preußisch-Litauens: der Pfarrer von PopelkenPopelken Adam Friedrich Schimmelpfennig (Adam Straipsniai / Articles 59 BIRUTĖ TRIŠKAITĖ Friedrich Schimmelpfennig, 1699–1763), Übersetzer von Kirchenliedern und der erwähnten Bibel, Herausgeber eines Gesangbuchs sowie Redakteur der zweiten Bibelausgabe, der Pfarrer von RagnitRagnit Ernst Gottfried Schimmelpfennig (Ernst Gottfried Schimmelpfennig, 1704–1768) und Martin Schimmelpfennig (Martin Schimmelpfennig, 1706–1778), der an der Universität Halle im Litauischen Seminar Dozent war und später in KintenKinten sowie PrökulsPrökuls als Pfarrer wirkte. Nach dem frühen Tod des Vaters heiratete die Mutter 1726 den damaligen Pfarrer von GeorgenburgGeorgenburg, P. G. Mielcke, der in der Geschichte des litauischen Schrifttums als erster Dozent des 1723 wiedererrichteten Litauischen Seminars der Universität Königsberg, als Korrektor des Neuen Testaments (1727) und als einer der Übersetzer der Bibel (1735) sowie als Übersetzer von Kirchenliedern und Erlassen der preußischen Regierung bekannt ist. K. E. Tiedtke wuchs somit in einer Familie auf, die starke litauistische Traditionen pflegte, und lernte vermutlich bereits in der Kindheit Litauisch (ausführlicher zur Verwandtschaft der Familien Tiedtke, Schimmelpfennig und Mielcke siehe Triškaitė 2019: 73–126). Im Alter von fast neunzehn Jahren wurde K. E. Tiedtke am 5. April 1741 an der Universität Königsberg immatrikuliert: „[1741.] 5. Aprilis. Tiedke Christoph. Ernest., Lapenen. Pruss.“ (Erler 1911–1912: 386); nach seinen eigenen Worten studierte er dort jedoch nicht (Tiedtke 1747–12–12: [1v]), tatsächlich wahrscheinlich nur ein Semester (siehe unten). Bald darauf begab er sich zum Studium an die rund tausend Kilometer entfernte, für ihre pietistischen Ideen berühmte Universität Halle; für K. E. Tiedtke, der in der Familie des orthodoxen Lutheraners P. G. Mielcke aufgewachsen war, war der Pietismus daher nicht fremd. Wahrscheinlich wurde er auf die Reise nach Halle auf die eine oder andere Weise von seinem Onkel mütterlicherseits M. Schimmelpfennig angeregt, der am dortigen Litauischen Seminar unterrichtet hatte und ein Jahr zuvor nach Preußisch-Litauen zurückgekehrt war. Wie seine beiden älteren Brüder Adam Friedrich und Ernst Gottfried studierte er zuvor Theologie an der Universität Königsberg (Erler 1911–1912: 318) und besuchte das von Professor Johann Jacob Quandt (Johann Jacob Quandt, 1686–1772) geleitete Litauische Seminar der Universität Königsberg, als dort gerade der spätere Schwager P. G. Mielcke unterrichtete (Triškaitė 2018: 63, 67–68). M. Schimmelpfennig wurde dem Hallenser Theologieprofessor und Leiter des Litauischen Seminars G. A. Francke als Kandidat für den Litauischunterricht von zwei ehemaligen Schülern Franckes empfohlen: in einem Brief vom 14. April 1734 vom ersten Dozenten dieses Seminars und damaligen Pfarrer von CoadjuthenCoadjuthen, Johann Richter (Johann Richter, 1705–1754)², und in einem Brief vom 14. Mai 1734 vom Theologieprofessor der Universität Königsberg und damaligen Leiter des dortigen Litauischen Seminars, Franz ² Plg. „meines Nachbah ren Sohn Monſ. Schim[m]elpfennig ſich entſchloſen || in Gottes Nahmen als Docens im Halliſchen Seminario ſich dorthin || zu begeben“ (Richter 1734–04–14: 28r; plg. Winter 1954: 56). 60 Acta Linguistica Lithuanica LXXXIII Kristupo Ernsto Tydkės 1747 m. gruodžio 12 d. prašymas: nauji faktai apie Halės universiteto Lietuvių kalbos seminarą Albert Schultz (Franz Albert Schultz, 1692–1763)³. Übrigens wies F. A. Schultz darauf hin, dass M. Schimmelpfennig ein waschechter Litauer (d. h. in Preußisch-Litauen geboren und aufgewachsen) gewesen sei und den schönsten Dialekt gesprochen habe. Nach J. J. Quandt unterrichtete er sechs Jahre lang am Litauischen Seminar der Universität Halle: von 1734 bis 1740 (QPP IV 108r); somit war er der Dozent, der am längsten am Seminar unterrichtete. Ob M. Schimmelpfennig, der einst vom früheren Dozenten J. Richter G. A. Francke empfohlen worden war, später dem Seminarleiter seinen Neffen empfehlen konnte, ist nicht bekannt. Sicher ist nur, dass K. E. Tiedtke mit einer Empfehlung F. A. Schultz’ nach Halle ging – davon zeugt dessen Brief vom 16. Oktober 1741 an G. A. Francke (Schultz 1741–10–16⁴; übrigens belegt gerade diese Empfehlung, dass K. E. Tiedtke einige Monate an der Universität Königsberg studiert haben muss). In den Matrikelbüchern der Universität Halle ist K. E. Tiedtkes Name am 16. November 1741 eingetragen: „Tiedtcke, Christophorus Ernestus; Lithv. Prussus [...] 16.11.1741 theol.“ (Preuß 1994: 228)⁵. Hier studierte er vier Jahre lang Theologie. Als Student unterrichtete K. E. Tiedtke eine Zeit lang am dortigen Litauischen Seminar (Tiedtke 1747–12–12: [1r]; siehe auch Kap. 3 und Anhang). Außerdem gehörte er zu den aus Preußen stammenden Studenten, die kostenlose Verpflegung erhielten (zu dieser Vergünstigung siehe Kap. 1). Dass K. E. Tiedtke diese Vergünstigung tatsächlich gewährt wurde, belegt das Alumnenbuch Album alumnorum Mensae Regiae Borussicae provincialis, in dem sich sein Eintrag befindet: „Christophorus Ernestus || Tiedtcke Lappino=Bo=||rus[s]us; natus A[nn]o 1722 || die 3. Maj.“ (Tiedtke 1741: [14r]). Im August 1745 war er offenbar wegen Schulden gezwungen, Halle zu verlassen – darauf lässt zumindest die Bemerkung im Alumnenbuch bei seinem zitierten Eintrag schließen: „Gieng heimlich feiner Schulden wegen || von Halle, a[nn]o 1745. m. August[i]“ (Tiedtke 1741: [14r]). ³ Plg. „Morgen, wo Gott will, gehen unterschiedliche Studioſi von hier mit einem Schiff über Stettin nach Halle ab: [...]; b) Studioſus Schimmelpfennig, Informator am Seminar. Von ſeinem Chriſtentume kann nichts ſagen. Er iſt aber ſtill und wird ſich hoffentlich nicht widrig bezeugen, und der fertigte Litauer, der nur ſein kann, und hat den allervſchönsten Dialekt“ (Schultz 1734–05–14; cit. iš Wotschke 1929–1930: 24). ⁴ Der Brief wurde in Theodor Wotschkes Buch Der Pietismus in Königsberg nach Rogalls Tode in Briefen (Wotschke 1929–1930: 73–76, Nr. 30) auszugsweise veröffentlicht, jedoch ohne den Satz über K. E. Tiedtke. Dass K. E. Tiedtke in diesem Brief als Litauischlehrer am Seminar empfohlen wurde, belegt die in der Datenbank zum handschriftlichen Nachlass August Hermann Franckes (1663–1727) enthaltene Information (http://fas.francke-halle.de/cgi-bin/nachlass.pl?x=u&t_show=x&wertre­g=PER&wert=tiedtke%20%20%5Bsonstiger%5D&rec­check=16530). ⁵ Dėkoju habil. dr. Christiane’ei Schiller už duomenis iš šių knygų: Matrikel der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – 1730–1741 (Halė, 1994) ir Evangelisches Pfarrerbuch für die Mark Brandenburg (Berlynas, 1941). Straipsniai / Articles 61 BIRUTĖ TRIŠKAITĖ Zwei Jahre später beabsichtigte K. E. Tiedtke, nach Preußisch-Litauen zurückzukehren – davon zeugen seine Bemühungen, 1747 die Pfarrstelle in BallethenBallethen zu erhalten (dazu siehe Kap. 3). Nachdem er keine Anstellung in einer litauischen Gemeinde erhalten hatte, begann er 1748 als Lehrer in SpandauSpandau zu arbeiten, und 1750 als Feldprediger im Infanterieregiment des preußischen Prinzen in Potsdam (Fischer 1941: 892; siehe auch: Schimmelpfenning–Mielcke [1753–06–??]: 27v; Schimmelpfenning–Mielcke [1753–08–??]: 519v; Triškaitė, Sidabraitė 2019: 158–159, 166–167). Am 15. September 1750 heiratete K. E. Tiedtke in Bernau Regenite Christiane (Fischer 1941: 892), die Tochter des bereits verstorbenen Pfarrers Matthäus Deilicke (1694–1736)6, und blieb in der Nähe Berlins wohnen: Seit 1756 diente er in Nauen, zunächst als Diakon und von 1769 bis 1772 als Superintendent (Fischer 1941: 892). Die litauistische Tätigkeit K. E. Tiedtkes, der in der für die litauische Kultur verdienten Familie Mielcke aufgewachsen war, umfasste offenbar nur einen Bereich – den Litauischunterricht am Litauischen Seminar der Universität Halle. Eine objektive Tatsache verhinderte weitgehend, dass er im litauischen Kulturleben stärker hervortrat: Da K. E. Tiedtke Ende 1747 keine Pfarrstelle in Ballethen erhielt, kehrte er nicht nach Preußisch-Litauen zurück und diente sein ganzes weiteres Leben in Brandenburg. 3. CHRISTOPH ERNST TIEDTKE ÜBER DAS LITAUISCHE SPRACHSEMINAR DER UNIVERSITÄT HALLE Für die Geschichte des Litauischen Seminars an der Universität Halle ist der Antrag K. E. Tiedtkes vom 12. Dezember 1747 von Bedeutung. Er war offiziell an den preußischen König Friedrich II., den Großen (Friedrich II., Friedrich der Große, 1712–1786, regierte 1740–1786), adressiert, tatsächlich jedoch an den Geheimen Rat in Berlin gerichtet, der im Namen des Königs Entscheidungen traf. Der fünfundzwanzigjährige Absolvent der Universität Halle und Theologiekandidat K. E. Tiedtke hatte von seinem Stiefvater, dem Pfarrer P. G. Mielcke aus MehlkehmenMehlkeh­men, erfahren, dass in Ballethen, im Kirchenkreis InsterburgInsterburg, eine Pfarrstelle frei geworden war, und bat darum, in diese Gemeinde Preußisch-Litauens berufen zu werden. Die Pfarrstelle wurde frei, als George Abraham Baltzer am 22. September 1747 starb (QPP IV 8r; Arnoldt 1777: 88; ŽM I 61). Um die Stelle in der Gemeinde Ballethen zu erhalten, schrieb K. E. Tiedtke dem Geheimen Rat ⁶ Im Archiv der Franckeschen Stiftungen (dt. Archiv der Franckeschen Stiftungen, im Folgenden AFSt) wird der am 3. November 1719 verfasste und an den Professor der Universität Halle A. H. Francke (1663–1727), den Vater des genannten G. A. Francke, gerichtete Brief M. Deilickes aufbewahrt (AFSt: H A 173: 72). Wahrscheinlich war M. Deilicke, der an dieser Universität studierte, ein Schüler A. H. Franckes. 62 Acta Linguistica Lithuanica LXXXIII Kristupo Ernsto Tydkės 1747 m. gruodžio 12 d. prašymas: nauji faktai apie Halės universiteto Lietuvių kalbos seminarą insgesamt dreimal: am 29. November 1747⁷, am 5. Dezember⁸ und am 12. Dezember; der letztgenannte Antrag war also der dritte. Die Bemühungen blieben jedoch erfolglos: Am 28. Dezember 1747 unterzeichneten in Berlin der Staatsminister von Brand und der Konsistorialpräsident von Reichenbach ein Dekret, in dem sie K. E. Tiedtke mitteilten, dass die erbetene Stelle bereits besetzt sei, und zugleich darauf hinwiesen, sich beim nächsten Mal zunächst an die Theologische Fakultät der Universität Königsberg zu wenden und von dort ein Zeugnis einzuholen (Brand, Reichenbach 1747–12–28: [1r]). Damals wurde Christian Friedrich Stimehr (Christian Friedrich Stimehr, Stimer, 1725–1765), der bis dahin in GerwischkehmenGerwischkeh­men als Pfarrer tätig gewesen war und zuvor in StallupönenStallupönen als Rektor gewirkt hatte, zum Pfarrer von Ballethen ernannt und am 21. Januar 1748 eingeführt (QPP IV 8r, 15r; Arnoldt 1777: 88, 118; ZM VI 1774)⁹. Er war der jüngere Sohn des Pfarrers von SaalauSaalau, Christian Stimehr (Christian Stimehr, 1676–1750), und der Bruder des ehemaligen Hörers am Litauischen Seminar der Universität Halle, Erdmann Gottlieb Stimehr (Erdmann Gottlieb Stimehr, 1715–1737) (Schiller 1994: 201; ZM VI 1773). Der Antrag K. E. Tiedtkes vom 12. Dezember 1747 liefert nicht nur Angaben zur Rekonstruktion seiner eigenen Biografie, sondern auch neue Erkenntnisse über das Litauische Seminar an der Universität Halle. Indem er die wichtigsten Fakten seines Lebens darlegte, enthüllte er zugleich bisher unbekannte Einzelheiten, die für die am wenigsten dokumentierte letzte Phase der Seminartätigkeit von Bedeutung sind. K. E. Tiedtke berichtete, dass er in Preußisch-Litauen geboren und aufgewachsen sei, an der Universität Halle studiert und nach dem Studium als Prediger in Potsdam und Umgebung gedient habe; dabei erwähnte er auch, dass er Litauisch beherrsche und es am dortigen Litauischen Seminar unterrichtet habe: Ich bin in Litthau=||en gebo hren und erzogen, und derselben Sprache || kundig, wie ich deñ auch in Halle im Seminario || Lithvanico gedachte Sprache dociret (Tiedtke 1747–12–12: [1r]). K. E. Tiedtkes Behauptung, er habe am Litauischen Seminar der Universität Halle Litauisch unterrichtet, erlaubt es, die nunmehr bekannte Liste der zweifelsfrei belegten Dozenten dieses Seminars um einen weiteren Namen zu ergänzen: Neben den bereits genannten J. Richter (Dozent 1727–1728), F. W. Haack (1728–1732) und M. Schimmelpfennig (1734–1740) gab es ⁷ Der am 29. November 1747 verfasste Antrag K. E. Tiedtkes wird wie der bereits erwähnte Antrag vom 12. Dezember 1747 am selben Ort aufbewahrt (GStA PK: I. HA, Rep. 7, Nr. 90 h, Pkt. 1239, [1r–1v]). ⁸ Dieser Antrag K. E. Tiedtkes befindet sich nicht in der genannten Archivakte, wird jedoch im Antrag vom 12. Dezember erwähnt (Tiedtke 1747–12–12: [1r]). ⁹ K. F. Stimehr ist als einer der Besitzer des handschriftlichen Wörterbuchs Clavis Germanico–Lithvana (Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert; LMAVB: F 137–13–14) bekannt, das im dritten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts von K. E. Tiedtkes Stiefvater P. G. Mielcke ergänzt wurde (zu den identifizierten Einträgen P. G. Mielckes im Wörterbuchmanuskript siehe Triškaitė 2013: 44–64). Straipsniai / Articles 63 BIRUTĖ TRIŠKAITĖ deren Tätigkeit am Seminar durch zuverlässige Primärquellen bezeugt ist, war auch K. E. Tiedtke selbst Dozent10. Noch wichtiger ist, dass diese Aussage K. E. Tiedtkes voraussetzt, dass das dortige Seminar länger als bis in die 1740er-Jahre bestanden habe, wie gewöhnlich angenommen wird (siehe Kap. 1), denn er wurde erst im November 1741 an der Universität Halle immatrikuliert (siehe Kap. 2). Hier ist auf den am Anfang des Beitrags zitierten Bericht G. A. Franckes über das Litauische Seminar zurückzukommen (siehe Kap. 1). Es stellt sich die Frage, wie die in den Archivquellen festgehaltenen, offenbar einander widersprechenden Aussagen zu interpretieren sind. Einerseits gibt es keinen Grund, an der Aussage des Leiters des Litauischen Seminars selbst, G. A. Francke, zu zweifeln, dass das Seminar bis 1740 bestanden habe. Andererseits durfte auch K. E. Tiedtke in seinem offiziellen, an den Geheimen Rat gerichteten Antrag nur wahre Tatsachen nennen; das heißt, er muss tatsächlich am Litauischen Seminar der Universität Halle unterrichtet haben, und zwar bereits nach 1740. Dies bestätigt auch der erwähnte Brief F. A. Schultz’ vom 16. Oktober 1741 an G. A. Francke, in dem er den Studenten K. E. Tiedtke für den Unterricht am Litauischen Seminar der Universität Halle empfahl. Somit widerspricht die Aussage K. E. Tiedtkes den Worten G. A. Franckes nicht, sondern ergänzt sie. J. Ch. Hoffbauer lieferte die für eine zutreffende Interpretation der Aussage G. A. Franckes erforderlichen Angaben nicht: wann und unter welchen Umständen der von ihm zitierte Bericht G. A. Franckes verfasst wurde. Zudem sagte er lediglich, er habe dieses Archivdokument unter den Universitätsakten gefunden (Hoffbauer 1805: 280), ohne anzugeben, wo es genau aufbewahrt wurde; deshalb kann heute nur über den Entstehungszeitpunkt und den Kontext des Berichts spekuliert werden. Bei der Aufstellung von Hypothesen ist auf die von J. Ch. Hoffbauer genannten zwei Gründe für die Schließung des Seminars im Jahr 1740 hinzuweisen – den Mangel an Lehrern für die litauische Sprache und an finanziellen Mitteln: das Litauische Seminarium schon im Jahre 1740 aus Mangel an einem Lehrer der Litauischen Sprache bey seinem Mangel an Fonds sich aufgelöset hatte (Hoffbauer 1805: 280). Und tatsächlich verließ gerade im Frühjahr 1740 der bisherige Lektor M. Schimelpen[n]ig Halle. Nach J. J. Quandt kehrte er im Mai desselben Jahres nach Königsberg zurück und wurde am 7. Juni in der Königsberger Schlosskirche zum Pfarrer ordiniert (QPP IV 108r). Daher hatte man ab dem Frühjahr 1740 wahrscheinlich eine Zeit lang niemanden, der M. Schimelpen[n]ig im Seminar hätte ersetzen können. K. E. Tiedtke kam fast anderthalb Jahre später – im Herbst 1741 – nach Halle (siehe Abschnitt 2). Im Litauischen Sprachseminar hätte er theoretisch zwischen Mitte November 1741, als er sich an der Universität Halle immatrikulierte, und August 1745, als er von dort fortging, unterrichten können (siehe Abschnitt 2). Vielleicht 10 Es ist wahrscheinlich, dass am Litauischen Sprachseminar der Universität Halle noch zwei weitere Theologiestudenten der dortigen Universität Litauisch lernten: Johann Friedrich Wengorovius (1709/1711–1769), aus Rastenburg stammend, und der Königsberger Gottfried Friedrich Schoeffner (1718–nach 1738) (Schiller 1994: 198; vgl. auch Specht 1935: 41). 64 Acta Linguistica Lithuanica LXXXIII Kristupo Ernsto Tydkės 1747 m. gruodžio 12 d. prašymas: nauji faktai apie Halės universiteto Lietuvių kalbos seminarą Die bei K. E. Tiedtkes Immatrikulationseintrag in der Publikation der Matrikel der Universität Halle stehende Bemerkung „Inform. 1742–1744“ (Preuß 1994: 228), die bedeutet, dass er Lehrer gewesen sei, weist gerade auf den Unterricht am Litauischen Sprachseminar hin. Sollte sich diese Vermutung bestätigen, so hätte K. E. Tiedtke im Seminar zwei oder drei Jahre lang Litauisch unterrichtet, also von 1742 bis 1744.11 Nach den derzeit verfügbaren Daten ist wahrscheinlich, dass G. A. Franckeʼe seinen Bericht aus Halle verfasste, nachdem der bisherige Seminarlektor M. Schimelpenig abgereist, K. E. Tiedtke aber noch nicht eingetroffen war, also zwischen Mai 1740 und November 1741; deshalb spiegeln sich darin auch die späteren Bemühungen um die Fortsetzung des Unterrichtsprozesses im Seminar nicht wider. Es ist anzunehmen, dass die 1740 tatsächlich abgebrochene Tätigkeit des Seminars etwas später, vielleicht erst nach der Ankunft K. E. Tiedtkes, wiederbelebt wurde. Um die Wiederherstellung des Seminars bemühten sich sowohl G. A. Franckeʼe als auch F. A. Schultz, doch waren ihre Bemühungen damals nicht mehr so erfolgreich wie die der Hallenser und Königsberger Pietisten einige Jahrzehnte zuvor, als der preußische König selbst am Fortbestehen des Seminars besonders interessiert war. Gegen Ende des vierten Jahrzehnts des 18. Jahrhunderts wurde für das weitere Schicksal des Litauischen Sprachseminars der Universität Halle ein weiterer Umstand bedeutsam: Am 31. Mai 1740 starb der Gründer dieses Seminars und Förderer der Pietisten, Friedrich Wilhelm I., und sein Sohn Friedrich II., der den Thron des Königreichs Preußen erbte, begeisterte sich für die Ideen der Aufklärung und war dem Pietismus nicht wohlgesinnt. Somit verloren die Pietisten damals den königlichen Schutz und die Unterstützung und büßten zugleich ihren bisherigen Einfluss ein (vgl. Winter 1954: 56; Citavičiūtė 2004: 78).12 K. E. Tiedtkes Gesuch, das bezeugt, dass das Litauische Sprachseminar der Universität Halle länger als bis in die 1740er-Jahre bestand, wirft eine weitere Frage auf: Wann hörte das Seminar endgültig auf zu existieren? Nur neue Archivquellen könnten diese Frage beantworten. Wahrscheinlich nahm die Tätigkeit dieses Seminars, die zu Beginn durch den Unterricht J. Richters in Gang gekommen war, in den Jahren der Lektoratstätigkeit F. W. Haks ihren Höhepunkt erreicht hatte und durch M. Schimelpen[n]ig sowie andere unterstützt worden war, nach der Unterbrechung zwar, auch durch K. E. Tiedtke wiederbelebt, aber vom König nicht mehr gefördert, weiter ab und erlosch bald darauf. 11 Zu jener Zeit konnten Gottlieb Funck (1722–1776), Reinhold Ortlieb (1723–1786) und Carl Gustav Voss (1719–1767) das Seminar besuchen; mit anderen Worten, sie könnten Schüler K. E. Tiedtkes gewesen sein. Diese Vermutung wird durch die von Ch. Schiller vorgelegten Daten nahegelegt (Schiller 1994: 218–219). Alle drei erhielten im Unterschied zu K. E. Tiedtke ihre Anstellungen in Preußisch-Litauen. 12 Sollte sich jedoch herausstellen, dass der Bericht erst einige Jahre oder sogar Jahrzehnte später verfasst wurde, also nachdem K. E. Tiedtke Halle bereits verlassen hatte, müsste man feststellen, dass die irgendwann nach den 1740er-Jahren wiederbelebte Tätigkeit des Seminars G. A. Franckeʼes Erwartungen kaum gerecht wurde und ihm aus beträchtlicher zeitlicher Distanz betrachtet nicht als reale Tätigkeit erschienen sein dürfte. Straipsniai / Articles 65 BIRUTĖ TRIŠKAITĖ 4. SCHLUSSFOLGERUNGEN 1. Das im Aufsatz analysierte und veröffentlichte Gesuch von Christoph Ernst Tiedtke (1722–nach 1772), das im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin (GStA PK: I. HA, Rep. 7, Nr. 90 h, Pkt. 1239, [1r–2v]) aufbewahrt wird, auf den 12. Dezember 1747 datiert ist und an den Geheimen Rat nach Berlin gerichtet wurde, enthüllt neue Fakten über das Litauische Sprachseminar der Universität Halle, d. h. es liefert Angaben zur nahezu undokumentierten letzten Tätigkeitsperiode dieses Seminars. 2. Diese Archivquelle bezeugt den Namen eines weiteren Lektors des Litauischen Sprachseminars der Universität Halle – es handelt sich um den Verfasser des Gesuchs selbst, K. E. Tiedtke, der in der die litauistischen Traditionen pflegenden Familie Mielcke aufwuchs und mütterlicherseits der Familie Schimelpen[n]ig angehörte. Somit ist K. E. Tiedtke einer von vier heute bekannten unzweifelhaften Lektoren dieses Seminars. Im Seminar hätte er theoretisch zwischen Ende November 1741, als er an der Universität Halle immatrikuliert wurde, und Anfang August 1745, als er von dort fortging, Litauisch unterrichten können. 3. Die Behauptung K. E. Tiedtkes, der erst im Herbst 1741 an die Universität Halle gekommen war, er habe am dortigen Litauischen Sprachseminar Litauisch unterrichtet, zwingt dazu, die ohne hinreichenden Kontext zitierte Aussage des Seminarleiters Gotthilf August Franckeʼes in Johann Christoph Hoffbauers Buch Geschichte der Universität zu Halle bis zum Jahre 1805 (Halle, 1805), das Seminar habe bis 1740 bestanden, neu zu interpretieren. Wegen des Mangels an Primärquellen wurde diese Datierung der Tätigkeit des Seminars später nicht infrage gestellt. K. E. Tiedtkes Gesuch vom 12. Dezember 1747 ist bislang die einzige authentische Quelle, die bezeugt, dass das Litauische Sprachseminar der Universität Halle dennoch länger bestand als das in der Historiografie etablierte Jahr. Dieses Gesuch erlaubt die Feststellung, dass die von G. A. Franckeʼe genannten Jahre 1740 lediglich eine Unterbrechung der Tätigkeit des Seminars markierten und diese bald darauf wieder aufgenommen wurde; wie lange das Seminar noch tätig war, könnten jedoch nur neue Archivquellen aufdecken. 66 Acta Linguistica Lithuanica LXXXIII Kristupo Ernsto Tydkės 1747 m. gruodžio 12 d. prašymas: nauji faktai apie Halės universiteto Lietuvių kalbos seminarą QUELLEN UND LITERATUR Album Alumnorum Mensæ Regiæ Borussicæ provincialis ex regia liberalitate adparatæ inde a Cal. Ian. MDCCXXVIII. – Ordnung und Album des königlich preußischen Provinzial-Fre tischs, Halė; AFSt: W XX/III/5, [6r–36v]. [Anonimas] 1729: Halle. – Neue Zeitungen von Gelehrten Sachen. Auf das Jahr 1729. Leipzig, den 1 September, N. LXX, 639–640. Arnoldt Daniel Heinrich 1777: D. Daniel Heinrich Arnoldts, Königlichen Preußischen Oberhofpredigers und Consistorialraths, kurzgefaßte Nachrichten von allen seit der Reformation an den Lutherischen Kirchen in Ostpreußen gestandenen Predigern. Herausgegeben von Friedrich Wilhelm Benefeldt, Pfarrer in Arnau, Königsberg: bey Gottlieb Lebrecht Hartung. Bense Gertrud 1974: Lithuanica in Halle. – Zeitschrift für Slawistik 19(2), 295–297. Bense Gertrud 1994: Die lithuanistische Tradition in Halle. – Gertrud Bense (Hrsg.), Diachronie – Kontinuität – Impulse. Sprachwissenschaftliches Kolloquium Halle 1992, Frankfurt am Main, Berlin, Bern, New York, Paris, Wien: Peter Lang. Brand von, Reichenbach von 1747-12-28: Dekret an Christoph Ernst Tiedtke betreffend die Pfarrstelle in der Pfarrei Balėtai, Berlin; GStA PK: I. HA, Rep. 7, Nr. 90 h, Pkt. 1239, [1r–1v]. Citavičiūtė Liucija 2004: Karaliaučiaus universiteto Lietuvių kalbos seminaras. Istorija ir reikšmė lietuvių kultūrai, Vilnius: Lietuvių literatūros ir tautosakos institutas. Dreyhaupt Johann Christoph von 1750: Pagus neletici et nvdzici, Oder Ausführliche diplomatisch=historische Beschreibung des zum ehemaligen Primat und Ertz=Stifft, nunmehr aber durch den westphälischen Friedens=Schluß secularisirten Hertzogthum Magdeburg gehörigen Saal=Creyses. Und aller darinnen befindlichen Städte, Schlösser, Aemter, Rittergüter, adelichen Familien, Kirchen, Clöster, Pfarren und Dörffer, Insonderheit der Städte Halle, Neumarkt, Glaucha, Wettin, Löbegün, Cönnern und Alsleben; Aus Actis publicis und glaubwürdigen Nachrichten mit Fleiß zusammen getragen, Mit vielen ungedruckten Documenten bestärcket, mit Kupferstichen und Abrißen gezieret, und mit nöthigen Registern versehen von Johann Christoph von Dreyhaupt, Königl. Preuß. Geheimen=Regierungs= auch Krieges= und Domainen=Rath, Advoc. Fisci des H. Magdeburg, Senior des Schöppen=Stuhls, Schultheißen und Salzgrafen zu Halle. Zweyter Theil, Halle: gedruckt und verlegt durch Emanuel Schneider. Erler Georg 1911–1912: Die Matrikel und die Promotionsverzeichnisse der Albertus-Universität zu Königsberg i. Pr. 2. Die Immatrikulationen von 1657–1829, Leipzig: Verlag von Duncker & Humblot. Straipsniai / Articles 67 BIRUTĖ TRIŠKAITĖ Fischer Otto 1941: Evangelisches Pfarrerbuch für die Mark Brandenburg seit der Reformation. Verzeichnis der Geistlichen in alphabetischer Reihenfolge 2. Malacrida bis Zythenius, Berlin: Verlag von E. S. Mittler & Sohn. F[rancke] G[otthilf] A[ugust] [1730]: Vorbericht. – Frydrichas Vilhelmas Hakas, VOCABVLARIVM LITTHVANICO-GERMANICVM, ET GERMANICO-LITTHVANICVM. Darin alle im Neuen Teſtament und Psalter befindliche Wörter nach dem Alphabet enthalten find; Nebst Einem Anhang einer kurtzgefaßten Litthauiſchen GRAMMATIC Ausgefertiget von Friederich Wilhelm Haack / S.S. Theol. Cultore, Zur Zeit Docente im Litthauiſchen Seminario zu Halle, HALLE: Druckts Stephanus Orban, Univerſ. Buchdr. [1730], [2r–3v]. (Kritinis leidimas: Frydrichas Vilhelmas Hakas, VOCABVLARIVM LITTHVANICO-GERMANICVM, ET GERMANICO-LITTHVANICVM... Nebst Einem Anhang einer kurtzgefaßten Litthauiſchen GRAMMATIC (1730) 1. Kritinis leidimas, parengė Vilma Zubaitienė, Vilnius: Vilniaus universiteto leidykla, 2012.) Hoffbauer Johann Christoph 1805: Geschichte der Universität zu Halle bis zum Jahre 1805 von Johann Christoph Hoffbauer, ordentlichem Professor der Philosophie, Halle: Bey Schimmelpfennig und Compagnie. LapKK – Taufmatrikel der evangelisch-lutherischen Kirche von Lapynai, 1703–1725; SächsStA, StA-L: 21962, Familiengeschichtliche Sammlungen des Reichssippenamtes, KBfilm B 0343 (Mikrofilm). LLI I – Geschichte der litauischen Literatur 1, Vilnius: Staatlicher Verlag für politische und wissenschaftliche Literatur, 1957. Preuss Charlotte Lydia 1994: Matrikel der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – 1730–1741 2, Halle: Universitätsund Landesbibliothek Sachsen-Anhalt. QPP I–V – [Johann Jacob Quandt, Preußische Presbyterologie 1–5, Königsberg, bis 1772]; GStA PK: XX. HA Hist. StA Königsberg, Hs, Nr. 2 (Handschrift, Autograf mit späteren Ergänzungen anderer Personen). Reinhold Heinrich 1895: Die sogenannte Chylinskische Bibelübersetzung. – Mitteilungen der Litauischen litterarischen Gesellschaft 20(4/2), 105–163. Richter Johann 1734-04-14: Brief an den Theologieprofessor der Universität Halle und Leiter des Litauischen Sprachseminars Gotthilf August Franckeʼe, Katyčiai; AFSt: H C 416: 28. Schiller Christiane 1994: Das Litauische Seminar in Halle (1727–1740) und seine Mitglieder. Auf Spurensuche. – Acta Baltica 32, 195–223. Schimmelpfennig-Mielcke Regina Louisa [1753–06-??]: Gesuch an die preußische Regierung in Königsberg betreffend die Ernennung ihres Sohnes Theodor Gabriel Mielcke zum Pfarrer in 68 Acta Linguistica Lithuanica LXXXIII Kristupo Ernsto Tydkės 1747 m. gruodžio 12 d. prašymas: nauji faktai apie Halės universiteto Lietuvių kalbos seminarą der Pfarrei Mielkiemis, Mielkiemis; GStA PK: XX. HA Hist. StA Königsberg, EM 55 d, Nr. 569, 27r–28r (Abschrift). Schimmelpfenning-Mielcke [Regina Louisa] Dorothea Maria [1753–08–??]: Gesuch an den Tilsiter Bürgermeister Daniel Boltz betreffend das Engelbrechtsche Stipendium für ihren Sohn Christian Gottlieb Mielcke, Mielkiemis (?); GStA PK: XX. HA Hist. StA Königsberg, Rep. 150, Nr. 268, Bd. 4, 519r–520v (Abschrift). Schrader Wilhelm 1894: Geschichte der Friedrichs-Universität zu Halle von D. Dr. Wilhelm Schrader, Geh. Oberregierungsrat und Universitätskurator. Erster Teil, Berlin: Ferd. Dümm­lers Verlagsbuchhandlung. Schultz Albert Franz 1741–10–16: Brief an Gotthilf August Franckeʼe, Königsberg; SBB PK: Francke-Nachlass 19,1/17: 1 (unter Bezugnahme auf die Zusammenfassung des Briefinhalts: http://fas.francke-halle.de/cgi-bin/nachlass.pl?x=u&t_show=x&wertreg=PER&wert=tiedke%20%20%5BSonstiger%5D&reccheck=16530). Specht Franz 1935: Das Litauische Seminar an der Universität Halle. – Archivum Philologicum 5, 36–53. Šapoka Adolfas 1989 [¹1936]: Geschichte Litauens, Vilnius: Mokslas. [Tiedtke Christoph Ernst] 1741: Eintrag im Alumnenbuch Album Alumnorum Mensae Regiae Borusicae provincialis ex regia liberalitate adparatae inde a Cal. Ian. MDCCXXVIII. – Ordnung und Album des königlich preußischen Provinzial-Freitischs, Halle; AFSt: W XX/III/5, [14r–14v]. Tiedtke Christoph Ernst 1747–11–29: Gesuch an den Geheimen Rat in Berlin betreffend die Ernennung zum Pfarrer in Balėtai, Potsdam; GStA PK: I. HA, Rep. 7, Nr. 90 h, Pkt. 1239, [1r–1v]. Tiedtke Christoph Ernst 1747–12–12: Wiederholtes Gesuch an den Geheimen Rat in Berlin betreffend die Ernennung zum Pfarrer in Balėtai, Berlin; GStA PK: I. HA, Rep. 7, Nr. 90 h, Pkt. 1239, [1r–2v]. Triškaitė Birutė 2013: Anmerkungen von Peter Gottlieb Mielcke im handschriftlichen Wörterbuch Clavis Germanico-Lithvana. – Archivum Lithuanicum 15, 39–86. Triškaitė Birutė 2018: Einige neue Daten über das Litauische Sprachseminar der Universität Königsberg im Jahr 1723. – Senoji Lietuvos literatūra 46, 56–103. Triškaitė Birutė 2019: Die Familie Mielcke im Preußisch-Litauen des 17.–18. Jahrhunderts: Rekonstruktion der Genealogie. – Archivum Lithuanicum 21, 73–126. Triškaitė Birutė, Sidabraitė Žavinta, Hrsg., 2019: Lituanistinio sąjūdžio XVIII amžiaus Prūsijoje atodangos 2. Das dokumentarische Erbe der Familie Mielcke = Die Hintergründe Straipsniai / Articles 69 BIRUTĖ TRIŠKAITĖ der lituanistischen Bewegung im 18. Jahrhundert in Preußen 2. Das dokumentarische Erbe der Familie Mielcke, Vilnius: Lietuvių literatūros ir tautosakos institutas. Vileišis Vincas 2008 [1935]: Tautiniai santykiai Mažojoje Lietuvoje ligi Didžiojo karo istorijos ir statistikos šviesoje, Vilnius: Versus aureus. Winter Eduard 1954: Die Pflege der Westund Südslavischen Sprachen in Halle im 18. Jahrhundert. Beiträge zur Geschichte des bürgerlichen Nationwerdens der westund südslavischen Völker, Berlin: Akademie-Verlag. Wotschke Theodor 1929–1930: Der Pietismus in Königsberg nach Rogalls Tode in Briefen, Königsberg i. Pr.: Kommissionsverlag Ferd. Beyers Buchhandlung Thomas & Oppermann. ZM I–VII – Das „Zwischenmanuskript“ zum Altpreußischen evangelischen Pfarrerbuch 1–7. Auf der Grundlage der Sammlungen von Friedwald Moeller bearbeitet von Walther Müller-Dultz, Reinhold Heling und Wilhelm Kranz, Hamburg: Im Selbstverlag des Vereins [für Familienforschung in Ostund Westpreußen e. V. Quellen, Materialien und Sammlungen zur altpreußischen Familienforschung (QMS)], 2012–2014. 70 Acta Linguistica Lithuanica LXXXIII Kristupo Ernsto Tydkės 1747 m. gruodžio 12 d. prašymas: nauji faktai apie Halės universiteto Lietuvių kalbos seminarą ANHANG PUBLIKATIONSPRINZIPIEN. Veröffentlicht werden ein Faksimile13 des Dokuments, eine Transkription und eine Übersetzung. Die Transkription ist eine dokumentarische buchstabengetreue Wiedergabe. Abkürzungen werden in der Transkription, mit Ausnahme von Kontraktionen, nicht aufgelöst. Im mit der gotischen Schrift der Neuzeit geschriebenen deutschen Text werden die in lateinischer Schrift eingetragenen lateinischen Einfügungen – Wörter und Morpheme – kursiv hervorgehoben1. Kommentare werden in Fußnoten gegeben: textologische bei der Transkription, sachliche bei der Übersetzung. KRISTUPO ERN具STO TYDKĖS 1747 M. GRUODŽIO 12 D. PAKARTOTINIS PRAŠYMAS SLAPTAJAI TARYBAI BERLYNE DĖL SKYRIMO KUNIGU Į BALĖTUS, Berlynas; GStA PK: I. HA, Rep. 7, Nr. 90 h, Pkt. 1239, [1r–2v]14 [1r] Γ d. 12tʰ Dec[em] b[.] 174715 Γpf. d[en] 12. Dec. 47.16 Allerdurchlauchtigster Großmächtigster König Allergnädigster König und Herr! ΓCōmunicet[ur] d[en] H[erren] Pröbste[n] Brand17 ΓReichenbach D[en] 13 Dec[.] [174]7. a18 Ew: Majestaet habe zwar am 5th hui: aller= unterthänigste Vorstellung gethan, und die Er= theilung der Ballethischen Pfarre im Inferburgi= ſchen Amte in Preußen aufs ſubmisſe aus= gebethen. Da nun in selbigem meine Documenta nicht beygebracht; so habe selbige gegenwärtig, ſub petito redtraditionis in originalibus aller= 13 Faksimiles der zwei Dokumentseiten wurden als Illustrationen veröffentlicht; Triškaitė 2019: 107–108. 14 Das Dokument weist keine archivische Blattnummerierung auf. 15 Das Eingangsdatum des Gesuchs wurde später von einer anderen (zweiten) Person eingetragen. 16 Das Eingangsdatum des Gesuchs wurde später von einer anderen (dritten) Person eingetragen. 17 Die Resolution wurde später von einer anderen (dritten) Person eingetragen und unterzeichnet. 18 Die Resolution wurde später von einer anderen (vierten) Person unterzeichnet. Straipsniai / Articles 71 BIRUTĖ TRIŠKAITĖ 72 Acta Linguistica Lithuanica LXXXIII Kristupo Ernsto Tydkės 1747 m. gruodžio 12 d. prašymas: nauji faktai apie Halės universiteto Lietuvių kalbos seminarą Straipsniai / Articles 73 BIRUTĖ TRIŠKAITĖ 74 Acta Linguistica Lithuanica LXXXIII Kristupo Ernsto Tydkės 1747 m. gruodžio 12 d. prašymas: nauji faktai apie Halės universiteto Lietuvių kalbos seminarą unterthänigſt befü̈gen wollen. Ich bin in Litthau=en geboren und erzogen, und derſelben Sprache kundig, wie ich denn auch in Halle im Seminario Lithuanico gedachte Sprache dociret. Ferner habe auf der Univerſitaet Halle ſtudiret, und mich zu einem solchen Amte tüchtig gemacht, wie solches bey liegendes Testimonium von der theol: Facult aet bezeuget. Nach abſolvirte[n] ſtudiis habe in und bey Potsdam conditioniret, auch mich im Predigen fleißig geübet, wovon ebenfalls ein Attestat bey[=]lege; [1v] lege. Da nun die gedachte Ballethiſche Pfarre wie mir mein Vater gemeldet, gewiß vacant worden, ich aber der Königsbergiſche[n] Facult aet nicht bekannt bin, weil ich daſelbſt nicht ſtudieret, folglich auch von dort aus kein Testimonium fordern kan̈; So habe Ew. Majestaet nochmals aller=unterthänigſt anflehen wollen wolle[n] mir dieſe Pfarre Allergnädigſt zu conferire[n], und des Endes die Vocation expedire[n] zu laßen. Ich erſterbe Ew: Majestaet Allerunterthänigſter Knecht Chriſtoph Ernſt Tiedtcke Berlin D[en] 12tʰ¹⁹ [Dezem]br: 1747. [2v] Der Candidatus Theol: Christoph Ernst Tiedtke thut wegen der vacanten Ballethiſchen Pfarre aller=unterthänigſte nähere Vor=ſtellung. ¹⁹ Korrigiert aus 6. Straipsniai / Articles 75 BIRUTĖ TRIŠKAITĖ Übersetzung [1r] ┌12. Dezember 1747²⁰ ┌Eingegangen am 12. Dezember 1747²¹ Allerdurchlauchtigster, großmächtigster König, allergnädigster König und Herr!²² ┌Den Herren Pröpsten vorzulegen. Brand⁷²³ ┌Reichenbach [174]7 den 13. Dezember⁷²⁴ An Eure Königliche Majestät habe ich mich bereits am 5. dieses [Monats] untertänigst gewandt und untertänigst gebeten, mir die Pfarrstelle in Balėtai²⁵, im Kreis Insterburg, in Preußen zu verleihen. Da ich damals meine Dokumente nicht vorlegte, füge ich sie hiermit untertänigst bei und bitte zugleich um Rückgabe der Originale. Ich bin in Litauen²⁶ geboren und aufgewachsen und beherrsche seine Sprache; in dieser Sprache habe ich auch am Litauischen [Sprach]seminar in Halle²⁷ unterrichtet. Außerdem habe ich an der Universität Halle²⁸ studiert und bin, wie das beigefügte Zeugnis der Theologischen Fakultät²⁹ belegt, für einen solchen Dienst sorgfältig vorbereitet. ²⁰ Das Eingangsdatum des Gesuchs wurde später von einer anderen (zweiten) Person eingetragen. ²¹ Das Eingangsdatum des Gesuchs wurde später von einer anderen (dritten) Person eingetragen. ²² Gemeint ist der damalige preußische König Friedrich II., auch Friedrich der Große genannt (Friedrich II., Friedrich der Große, 1712–1786, regierte 1740–1786); tatsächlich wurde das Gesuch jedoch dem im Namen des Königs entscheidenden Geheimen Rat in Berlin vorgelegt. ²³ Die Resolution wurde vom Staatsminister von Brand eingetragen und unterzeichnet. ²⁴ Die Resolution wurde vom Präsidenten des Konsistoriums von Reichenbach unterzeichnet. ²⁵ Balėtai (deutsch: Ballethen) – ein Kirchdorf in der Nähe von Trempen (deutsch: Trempen) und Darkehmen (deutsch: Darkehmen). ²⁶ Gemeint ist Preußisch-Litauen. ²⁷ Das Litauische Sprachseminar der Universität Halle wurde 1727 auf Geheiß des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I. (Friedrich Wilhelm I., 1688–1740, regierte 1713–1740) gegründet. Zum Leiter des Seminars wurde der Theologieprofessor Gotthilf August Franckeʼe (1696–1769) ernannt. K. E. Tiedtke konnte am Seminar frühestens ab Mitte November 1741 unterrichten, als er an der Universität Halle immatrikuliert wurde. ²⁸ K. E. Tiedtke wurde am 16. November 1741 an der Universität Halle immatrikuliert (Preuß 1994: 228) und studierte vier Jahre Theologie. ²⁹ Dieses Zeugnis befindet sich nicht in der Akte. 76 Acta Linguistica Lithuanica LXXXIII Kristupo Ernsto Tydkės 1747 m. gruodžio 12 d. prašymas: nauji faktai apie Halės universiteto Lietuvių kalbos seminarą Nach Abschluss meines Studiums war ich in Potsdam und in dessen Nähe tätig30 und lernte zugleich eifrig, Predigten zu halten; auch das dies bezeugende Zeugnis31 füge ich bei. [1v] Da die genannte Pfarrstelle in Balėtai, wie mir mein Vater32 mitgeteilt hat, nun tatsächlich frei geworden ist33, ich aber der Fakultät in Königsberg nicht bekannt bin, weil ich dort nicht studiert habe34, kann ich von dort kein Zeugnis vorlegen. Daher bitte ich Eure Königliche Majestät nochmals untertänigst, geruhen zu wollen, mir diese Pfarrstelle gnädigst zu verleihen und zu diesem Zweck die Einleitung des Ernennungsverfahrens zu gestatten. Ich verbleibe Eurer Königlichen Majestät untertänigster Diener Christoph Ernst Tiedtke Berlin, den 12. Dezember 1747 [2v] Ausführlichere Vorstellung des Theologiekandidaten Christoph Ernst Tiedtke wegen der vakanten Pfarrstelle in Balėtai 30 Gemeint ist wahrscheinlich Spandau (deutsch: Spandau), heute ein westlicher Bezirk Berlins, im 18. Jahrhundert jedoch noch eine selbstständige Stadt, gelegen am Zusammenfluss zweier Flüsse – der Havel (deutsch: Havel) und der Spree (deutsch: Spree). 31 Dieses Zeugnis befindet sich nicht in der Akte. 32 Gemeint ist der Stiefvater Peter Gottlieb Mielcke (Peter Gottlieb Mielcke, 1695–1753), der damalige Pfarrer von Mielkiemis (deutsch: Mehlkehmen). Der leibliche Vater Tobias Tiedtke (Tobias Tiedtke, 1688–1725) starb, als Christoph Ernst erst drei Jahre alt war. 33 Die Pfarrstelle in Balėtai wurde am 22. September 1747 durch den Tod von George Abraham Baltzer vakant (QPP IV 8r; ŽM I 61). 34 Tatsächlich wurde K. E. Tiedtke am 5. April 1741 an der Universität Königsberg immatrikuliert (Erler 1911–1912: 386) und studierte dort wahrscheinlich ein Semester. Straipsniai / Articles 77 BIRUTĖ TRIŠKAITĖ Christoph Ernst Tiedtkes Gesuch vom 12. Dezember 1747: neue Fakten über das Litauische Sprachseminar der Universität Halle ZUSAMMENFASSUNG Der Aufsatz analysiert und veröffentlicht das im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz (deutsch: Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz) in Berlin aufgefundene Archivdokument, das neue Fakten über das 1727 an der Universität Halle gegründete Litauische Sprachseminar offenlegt. Es handelt sich um ein Gesuch von Christoph Ernst Tiedtke (1722–nach 1772), einem Absolventen der Theologischen Fakultät der Universität, das am 12. Dezember 1747 verfasst und an den Geheimen Rat (deutsch: Geheimer Rat) in Berlin gerichtet wurde (GStA PK: I. HA, Rep. 7, Nr. 90 h, Pkt. 1239, [1r–2v]). Diese Archivquelle ist für die Geschichte des Litauischen Sprachseminars an der Universität Halle bedeutsam, da sie Aufschluss über die nahezu undokumentierte letzte Existenzphase des Seminars gibt. Dieses Archivdokument bezeugt den Namen eines weiteren Lehrers des Litauischen Sprachseminars an der Universität Halle, nämlich den des Verfassers des Gesuchs selbst, Tiedtke, der in der die litauistischen Traditionen pflegenden Familie Mielcke aufwuchs und mütterlicherseits der Familie Schimmelpfennig angehörte. Somit ist Tiedtke einer der vier bekannten und unzweifelhaften Lehrer des Seminars. Er könnte am Seminar zwischen Ende November 1741, als er an der Universität Halle immatrikuliert wurde, und Anfang August 1745, dem Zeitpunkt seiner Abreise, Litauisch unterrichtet haben. Eine Aussage Tiedtkes, der erst 1741 an die Universität Halle gekommen war, er habe am damaligen Litauischen Sprachseminar Litauisch unterrichtet, veranlasst uns, die Aussage des Seminarleiters Gotthilf August Francke, das Seminar habe bis 1740 bestanden, neu zu bewerten. Franckes Aussage wurde in Johann Christoph Hoffbauers Buch Geschichte der Universität zu Halle bis zum Jahre 1805 (Halle, 1805) ohne hinreichenden Kontext zitiert. Aufgrund des Mangels an anderen Primärquellen wurde zwei Jahrhunderte lang angenommen, dass das Seminar 1740 aufgehört habe zu existieren. Tiedtkes Gesuch vom 12. Dezember 1747 ist bislang die einzige authentische Quelle, die belegt, dass das Litauische Sprachseminar der Universität Halle länger als bis zu dem in der Historiografie etablierten Jahr bestand. Das Gesuch erlaubt die Feststellung, dass das von Francke genannte Jahr 1740 lediglich eine Unterbrechung der Tätigkeit des Seminars markierte, die bald darauf wieder aufgenommen wurde; wie lange das Seminar bis zu seiner endgültigen Schließung tatsächlich bestand, könnten jedoch nur neue Archivquellen offenlegen. Eingereicht am 15. August 2020. BIRUTĖ TRIŠKAITĖ Institut für litauische Sprache Petro Vileišio g. 5, LT–10308 Vilnius, Lietuva [email protected] 78 Acta Linguistica Lithuanica LXXXIII