Diagnose und Prognose als wirtschaftswissenschaftliche Methodenprobleme. Verhandlungen auf der Arbeitstagung des Vereins für Socialpolitik in Garmisch-Partenkirchen 1961
Abstract
EconStor is a publication server for scholarly economic literature, provided as a non-commercial public service by the ZBW.
Full text
Giersch, Herbert (Ed.); Borchardt, Knut (Ed.)
Book
Diagnose und Prognose als wirtschaftswissenschaftliche
Methodenprobleme. Verhandlungen auf der Arbeitstagung des Vereins
für Socialpolitik in Garmisch-Partenkirchen 1961
Schriften des Vereins für Socialpolitik, No. 25
Provided in Cooperation with:
Verein für Socialpolitik / German Economic Association
Suggested Citation: Giersch, Herbert (Ed.); Borchardt, Knut (Ed.) (1962) : Diagnose und Prognose
als wirtschaftswissenschaftliche Methodenprobleme. Verhandlungen auf der Arbeitstagung des
Vereins für Socialpolitik in Garmisch-Partenkirchen 1961, Schriften des Vereins für Socialpolitik, No.
25, ISBN 978-3-428-44195-2, Duncker & Humblot, Berlin,
https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2
This Version is available at:
https://hdl.handle.net/10419/285516
Standard-Nutzungsbedingungen:
Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen
Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden.
Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle
Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich
machen, vertreiben oder anderweitig nutzen.
Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen
(insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten,
gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort
genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte.
Terms of use:
Documents in EconStor may be saved and copied for your personal
and scholarly purposes.
You are not to copy documents for public or commercial purposes, to
exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the
internet, or to distribute or otherwise use the documents in public.
If the documents have been made available under an Open Content
Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise
further usage rights as specified in the indicated licence.
https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/legalcode.de
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Schriften des Vereins für Socialpolitik
Gesellschaft für Wirtschafts-
und
Sozialwissenschaften
Neue Folge Band
25
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
SCHRIFTEN
DES VEREINS FUR SOCIALPOLITIK
Gesellschaft für Wirtschafts-
und
Sozial wissenschaften
Neue Folge Band
25
Arbeitstagungen
zur
Erörterung der
Aufgaben
und
Methoden der
Wirtschaftswissenschaft
in
unserer Zeit
Verhandlungen auf der ersten
Tagung
in Garmisch - Partenkirchen
25.-
28. September 1961
Herausgegeben von
Herbert Giersch
und
Knut
Borchardt
VERLAG
VON
DUNCKER
&
HUMBLOT
BERLIN
1962
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Verhandlungen auf der Arbeitstagung des Vereins für Socialpolitik.
Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften
in Garmisch-Partenkirchen 1961
Diagnose und Prognose
als
wirtschaftswissenschaftliche
Methodenprobleme
VERLAG
VON
DUNCKER
&
HUMBLOT
BE
RLI
N
1962
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Alle
Rechte
vorbehalten
© 1962
Duncker
&
Humblot,
Berlin
Gedruckt
1962
bei
Berliner
Buchdruckerei
Union
GmbH.,
Berlin
SW
61
Printed
in
Germany
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Vorwort
Die
Veranstaltung
der
Gesellschaft
für
Wirtschafts-
und
Sozialwis-
senschaften,
deren
Ergebnisse
hiermit
der
Öffentlichkeit
imDruck
über-
geben
werden,
unterscheidet
sich
in
mehrfacher
Hinsicht
von
den
bis-
her
üblichen.
Sie
nimmt
eine
Art
Mittelstellung
ein
zwischen
den
alle
zwei
Jahre
stattfindenden
großen
repräsentativen
Tagungen
einer-,
den
in
den
verschiedenen
Fachausschüssen
unserer
Gesellschaft
in
un-
regelmäßigen
Zeitabständen
gepflogenen
Diskussionen
andererseits.
Finden
die
Tagungen
vor
einer
breiteren
Öffentlichkeit
statt
und
sind
die
Ausschußsitzungen
auf
den
relativ
kleinen
Kreis
der
Ausschußmit-
glieder
beschränkt,
so
war
die
Arbeitstagung
in
Garmisch-Partenkir-
chen
dadurch
gekennzeichnet,
daß
zwar
alle
Mitglieder
unserer
Gesell-
schaft
quasi
zur
"passiven
Teilnahme"
legitimiert
waren,
daß
aber
die
Verhandlungen
mehr
den
Charakter
eines
"round
table"-Gesprächs
hatten
und
im
wesentlichen
von
den
Verfassern
der
vorher
schriftlich
erstatteten
Referate
und
Diskussionsvoten
getragen
wurden.
Dieser
neue
"Stil"
- der,
wie
mir
scheint, sich schon
beim
ersten
Versuch
gut
bewährt
hat
- soll
eine
vertiefte
wissenschaftliche
Aussprache
ermög-
lichen, die
zwar
einerseits,
da
von
vornherein
nach
bestimmten
Pro-
blemkreisen
gegliedert,
Konzentration
und
Systematik
anstrebt,
ande-
rerseits
jedoch
in
formal
lockerer
Form
erfolgt
und
auf
diese Weise
mit
an
kein
Manuskript
gebundener
Rede
und
Gegenrede
echte,
lebendige
Debatten
ermöglicht.
Bei
der
Auswahl
der
Redner
haben
keinerlei
"Proporz"-Überlegun-
gen,
sondern
ausschließlich sachliche
Gesichtspunkte
eine
Rolle gespielt.
"The
right
man
for
the
right
topic" - so
etwa
könnte
man
das
Bestre-
ben
kennzeichnen,
das
für
jene
Auswahl
maßgebend
war.
Um
Lebens-
alter
oder
"Anciennität",
Zugehörigkeit
zu
dieser
oder
jener
Fakultät
oder
"Schule"
oder
etwa
darum,
ob die
Referenten
von
Haus
aus
Ver-
treter
der
Volkswirtschaftslehre,
der
Finanzwissenschaft,
der
Betriebs-
wirtschaftslehre
oder
der
Soziologie sind,
haben
wir
uns
nicht
geküm-
mert.
Wenn
es
uns
dennoch
nicht
in
jedem
Einzelfall
gelungen
sein
sollte,
den
für
das fragliche
Sondergebiet
am
besten
Qualifizierten
als
Referenten
zu
gewinnen,
so
ist
dafür
der
bekanntlich
nicht
auf
die
Wirtschaftspraxis
beschränkte,
sondern
auch
auf
die
Theorie
sich
er-
streckende
Zustand
eines
langdauernden
"over-full
employment"
ver-
antwortlich.
Umso
dankbarer
ist
es
zu
begrüßen,
daß
so
zahlreiche
her-
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
VI
Vorwort
vorragende
Sachkenner
sich
ungeachtet
der
vielfältigen
Belastung,
der
sie
ausgesetzt
sind,
bereitgefunden
haben,
uns
ihre
Arbeitskraft
zur
Verfügung
zu
stellen.
Einen
besonders
herzlichen
Dank
aber
schuldet
unsere
Gesellschaft
dem
"spiritus
rector"
der
Tagung:
Herrn
Kollegen
Giersch.
Er
war
es,
der
den
Plan
der
neuen
Veranstaltung
nach
Form
und
Gegenstand
ent-
warf
und
der
sich
mit
nie
erlahmender
Energie
um
ihr
Gelingen
be-
mühte.
Daß
die
Teilnehmer
an
der
Tagung
diese
mit
dem
Gefühl
ver-
ließen,
einem
weitgehend
geglückten
Experiment
beigewohnt
zu
haben,
dessen
Fortführung
bereits
für
den
April
1962
vorgesehen
ist,
mag
Herrn
Giersch
ein
Beweis
dafür
sein,
daß
seine
aufopferungsvollen
Be-
mühungen
um
"scientific
growth"
-
wenn
ich
diesen
Ausdruck
ver-
wenden
darf
-
nicht
vergeblich
gewesen
sind.
Das
Generalthema
der
Arbeitstagung,
das
auch
den
Titel
des
vor-
liegenden
Bandes
bildet,
lautete
"Diagnose
und
Prognose
als
wirt-
schaftswissenschaftliche
Methodenprobleme"
.
Der
damit
skizzierte
Pro-
blemkreis
(innerhalb
dessen
Konjunkturaspekte
eine
hervorragende
Stellung
einnehmen)
erschien
dem
Vorbereitungsausschuß
als
sehr
geeignet
für
eine
Tagung
des
angestrebten
neuen
Stils.
In
der
Tat
las-
sen
sich
an
jenen
Problemen
besonders
gut
die methodologischen
Pro-
bleme
und
Positionen
unserer
Wissenschaft
überprüfen,
von
denen
wohl
gesagt
werden
kann,
daß
ihre
systematische
Erörterung
-
im
Ge-
gensatz
zu
alten
Traditionen
des
"Vereins
für
Socialpolitik" -
seit
einiger
Zeit
etwas
vernachlässigt
worden
ist. Gewiß:
trotz
der
teilweise
sehr
erheblichen
Unterschiede,
die
zwischen
den
Vertretern
des
Neo-
liberalismus
(von
denen
des
Paläoliberalismus
zu
schweigen)
und
den
Anhängern
der
"New
Economics"
bestehen
und
die
sich
weitgehend,
aber
keineswegs
vollständig
auch
in
der
relativen
Präferenz
für
die
Anwendung
mathematischer
Untersuchungsmethoden
,äußern,
kann
von
der
Existenz
zweier
nationalökonomischer
"Schulen"
heute
kaum
gesprochen
werden.
Aber
jene
Unterschiede
und
Gegensätzlichkeiten
in
den
Auffasungen
sind
doch
bedeutsam
genug,
um
sie
einer
gründli-
chen
Untersuchung
daraufhin
für
wert
zu
halten,
worauf
sie letztlich
zurückzuführen
sind
und
wie
es
um
die
wissenschaftliche
Berechtigung
der
einen
oder
der
anderen
Haltung
bestellt
ist. Die
bisweilen
zu
be-
obachtende
Verhärtung
der
Positionen
scheint
mir
mindestens
zu
einem
erheblichen
Teil
darin
begründet
zu
sein,
daß
einmal
der
Streit
der
Meinungen
sich
vorwiegend
an
wirtschaftspolitischen,
mehr
oder
min-
der
eng
mit
weltanschaulichen
überzeugungen
verbundenen
Fragen
entzündet
hat
und
daß
zum
anderen
die
Wortführer
in
jenem
Streit
ihre
Ansichten
und
Behauptungen
oft
mit
einer
derartigen
Lautstärke
verkünden,
daß
sie
die
Gegenargumente
gar
nicht
zu
hören
vermögen
(vorausgesetzt, sie
wollten
das
überhaupt).
Es
war
nicht
die
Aufgabe
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Vorwort VII
unserer
Arbeitstagung,
die
angedeuteten
Meinungsverschiedenheiten
abzuleugnen,
hinwegzudiskutieren
oder
auch
nur
im
Wege
eines
schlechten
Kompromisses
abzuschwächen.
Im
Gegenteil:
der
eigentliche
Sinn
unserer
Debatten
bestand
darin,
die
gegensätzlichen
Standpunkte
so
klar
wie
möglich
in
Erscheinung
treten
zu
lassen,
um
dann,
auf
die
Diskussionsergebnisse
gestützt,
beurteilen
zu
können,
welche
kom-
parativen
Vorteile
die
eine
und
die
andere
Methode
besitzt.
Eine
ge-
wisse
Verbindung
zwischen
der
"mathematischen"
und
der
"verstehen-
den"
Methode
in
unserer
Disziplin
wurde
nur
in
der
Weise
angestrebt,
daß
die
Teilnehmer
der
Tagung
sich
bemühten,
auf
der
einen
Seite
wirkliche
oder
scheinbare
Gegensätze zwischen
den
beiden
Richtungen
mit
größter,
quasi
mathematischer
Exaktheit
herauszuarbeiten,
auf
der
anderen
aber
dabei
ein
Maximum
an
wohlwollendem
wechselseitigem
Verstehen
walten
zu
lassen.
Wenn
ich
mir
eine
zusammenfassende
Bemerkung
zu
den
Referaten
und
Diskussionen,
wie
sie
nunmehr
der
Öffentlichkeit
zugänglich
ge-
macht
werden,
erlauben
darf,
so
dürfte
die
Arbeitstagung
folgendes
gezeigt
haben:
Der
gegenwärtige
Stand
wirtschaftswissenschaftlicher
Forschung
ermöglicht
in
vielerlei
Hinsicht,
insbesondere
auch
in
Bezug
auf
Konjunkturentwicklungen,
nicht
nur
eine
leidlich
exakte
Diagnose,
sondern
auch
eine
bedingte
Prognose, jedoch
müssen
die
dabei
ange-
wandten
Methoden
noch
stark
verbessert
werden,
und
zwar
in
einer
Richtung,
die
auf
der
Tagung
mehr
oder
minder
deutlich
angedeutet
worden
ist. Die
Ergebnisse
unserer
Debatten
scheinen
mir
also
einen
gewissen
gedämpften
Optimismus
zu
rechtfertigen.
Es
gab
Zeiten,
in
denen
Wirtschafts-
und
speziellKonjunkturprognose
nichts
anderes
war
als eine
Art
von
Schwarzer
Magie,
"crystal-gazing"
oder
Gesundbeten.
über
diesen
Zustand
sind
wir,
nicht
zuletzt
dank
der
fortschreitenden
Vervollkommnung
unserer
Methoden,
unserer
"tools",
allmählich
hin-
ausgewachsen.
Aber
ungeachtet
dessen
bleiben
noch
genug
Probleme
und
Schwierigkeiten,
um
uns
mit
jener
Nüchternheit
und
Selbstbeschei-
dung,
die
dem
Theoretiker
ansteht,
sagen
zu
lassen:
Wir
haben
viel
erreicht, doch
mehr
bleibt
uns
zu
tun.
Fritz
Neumark
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Inhalt
Erster
Teil
Schriftliche Berichte und schriftliche Diskusionsbeiträge
Methodologie und Praxis der Konjunkturforschung
Schriftliche
Berichte
1.
Die
Methode
des
Verstehens
in
der
Konjunkturdiagnose
Von
Professor
Dr.
Hans
Ritschl,
Hamburg
..........................
3
2.
Inwieweit
ist
die
verstehende
Methode
für
die
Konjunkturdiagnose
nützlich
oder
unerläßlich?
Von
Professor
Dr.
Hellmuth
St.
Seidenfus,
Giessen
................
13
3.
Möglichkeiten
und
Grenzen
der
Konjunkturdiagnose
Von
Professor
Dr.
Wilhelm
Krelle,
Bonn
..........................
30
4.
Die
kurzfristige
Konjunkturprognose
Von
Professor
Dr.
Os
kar
Anderson
jr.
und
Klaus
Winckler,
Mann-
heim
............................................................
82
5.
Die
kurzfristige
Konjunkturprognose
Von
Harald
Gerjin,
Basel
........................................
93
6.
Die
Praxis
der
laufenden
Konjunkturdiagnose
in
den
Niederlanden
Von
C.
A.
van
den
Beld,
Den
Haag
................................
113
7.
Einige
Thesen
zur
derzeitigen
Praxis
der
laufenden
Konjunktur-
diagnose
Von
Dr.
Horst
O. Stefje,
Brüssel
...................................
122
8.
Was
kann
die
quantitative
Wirtschaftsforschung
als
Wirtschafts-
statistik
und
Ökonometrie
zur
Konjunkturdiagnose
beitragen?
Von
Dr.
Helmut
Schlesinger,
Frankfurt
............................
127
9.
Welche
Rolle
spielen
die
Theorie
und
die
quantitative
Wirtschafts-
forschung
bei
der
Konjunkturprognose?
Von
Dr.
Hellmuth
Führer,
Paris
..................................
147
Schriftliche
Diskussionsbeiträge
10.
Zur
verstehenden
Methode
Von
Professor
Dr.
Georg
Weippert,
Erlangen
......................
166
11.
Zur
qualitativen
Analyse
der
Wirtschaftsstruktur
Von
Professor
Dr.
Ralf
Fricke,
Karlsruhe
..........................
179
12.
Zur
Unterscheidung
von
Diagnose
und
Prognose
Von
Dozentin
Dr.
Gert'rud
Neuhauser,
Innsbruck
................
187
13.
Zu
"Möglichkeiten
und
Grenzen
der
Wirtschaftsprognose"
Von
Privatdozent
Dr.
Hans
K.
Schneider,
Köln
....................
190
14.
Zu
Gerfin,
Die
kurzfristige
Konjunkturprognose
Von
Gerd
FZeischmann,
Stuttgart
..................................
195
15.
Die
Prognose
im
Rahmen
der
unternehmerischen
Entscheidungen
Von
Professor
Dr.
Horst
Albaeh,
Bonn
..............................
201
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Inhalt
xv
Methodenprobleme
bei
der Vorausschätzung langfristiger Entwicklungen
Schriftliche
Berichte
1.
Die
Wachstumsprognose,
insbesondere
auch
die
Prognose
der
Pro-
duktivitätsentwicklung
Von
Dr.
Karl
Christian
Kuhlo,
München
.....•....................
215
2.
Probleme
der
langfristigen
Strukturprognose
und
der
Branchen-
prognosen
Von
Privatdozent
Dr.
Heinz
König,
Münster
......................
269
3.
Probleme
der
langfristigen
Strukturprognose
und
der
Branchen-
prognosen
Von
Professor
Dr.
Wilhelm
Bauer,
Essen
...............•.........•
342
4.
Economic
Forecasts
and
Projections,
Some
Past
Failures
and
New
Methods
Von
Professor
Dr.
Robert
M.
Weidenhammer,
Pittsburg
............
350
5.
Probleme
der
langfristigen
Strukturprognose
und
der
Branchen-
prognose
im
Agrarsektor
Von
Professor
Dr.
Arthur
Hanau
und
Dr.
Egon
Wöhlken,
Göttingen
368
Schriftlicher
Diskussionsbeitrag
6.
Zu
Kuhlo,
Die
Wachstumsprognose,
insbesondere
auch
die
Prognose
der
Produktivitätsentwicklung
Von
Professor
Dr.
Gottfried
Bombach,
Basel
......................
412
Wirtschaftsprognose und Wirtschaftspolitik
Schriftliche
Berichte
1.
Die
Prognose
als
Basis
der
Wirtschaftspolitik
Von
Professor
Dr.
Walter
Adolf
Jöhr
und
Professor
Dr.
Francesco
Kneschaurek,
St.
Gallen
..........................................
415
2.
Die
Prognose
als
Basis
der
Wirtschaftspolitik
Von
Professor
Dr.
Jan
Tinbergen,
Den
Haag
......................
436
3.
Economic
Prognosis
:as
Basis
of
Economic
Policy
Von
Professor
Dr.
Gerhard
Colm,
Washington
......................
443
Schriftlicher
Diskussionsbeitrag
4.
Die
Prognose
als
Basis
der
Wirtschaftspolitik
Von
Professor
Dr.
Egon
Tuchtfeldt,
Nürnberg
......................
454
Zweiter
Teil
Bericht über die mündlichen Verhandlungen
Von
Privatdozent
Dr.
Knut
Borchardt,
München
1.
Methodologie
und
Praxis
der
Konjunkturforschung
(Diagnose
und
Prognose)
Generaldiskussion
......................................
463
2.
Methodologie
und
Praxis
der
Konjunkturforschung
(Diagnose
und
Prognose)
Spezialdiskussion
.......................................
485
3.
Methodenprobleme
bei
der
Vorausschätzung
langfristiger
Entwick-
lungen
............................................................
527
Namenverzeichnis
der
Berichterstatter
und
Diskussionsteilnehmer
....
593
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Erster
Teil
Schriftliche Berichte
und
schriftliche Diskussionsbeiträge
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
A. Methodologie
und
Praxis der Konjunkturforschung
J.
Schriftliche Berichte
Die
Methode
des
Verstehens
in
der
Konjunkturdiagnose
Von
Hans
Ritschi
Unsere
Frage
lautet
nach
der
Anwendbarkeit
und
der
Eignung,
der
Rolle
der
verschiedenen
Methoden
in
der
Konjunkturdiagnose.
Damit
ist
der
Ausgangspunkt
eine
Konjunkturlage
in
einem
bestimmten
Lande
oder
in
einer
Gruppe
von
Ländern
in
einem
bestimmten
Zeitpunkt.
Es
handelt
sich also
um
eine
einmalige
Erscheinung,
die
jedoch
gewisse
Züge
einer
bestimmten
Konjunkturphase
aufweisen
wird.
Diese
Aufgabe
be-
zeichne ich
in
der
Methodenlehre
als
individuelle
Charakteristik.
Sie
ist
nicht
möglich
als
Erkenntnis
eines
absolut
Einmaligen,
wie
die
histo-
rische
Methodenlehre
vermeinte
(Rickert,
Windelband,
Thyssen).
Schon
Othmar
Spann
hat
dagegen
eingewandt,
absolut
Einmaliges
könne
gar
nicht
als solches
erkannt
werden,
sondern
stets
nur
auf
Grund
bekannter
allgemeiner
Kategorien.
Wie
danach
die politische Geschichte
die
Kennt-
nis
etwa
der
Funktionen,
der
Handlungsweise,
der
Möglichkeiten
eines
Staatsmannes
voraussetzt,
so
die
individuelle
Charakteristik
einer
Kon-
junkturlage
die
Kenntnis
der
Theorien
und
die
möglichen
Einteilungen
der
Konjunkturphasen
nach
bestimmten
typischen
Erscheinungen
und
Zusammenhängen.
Ohne
eine
individuelle
Charakteristik,
d. h.
kritische
Beurteilung
der
Konjunkturlage,
würden
wir
ja
nur
eine
Anhäufung
empirisch
beob-
achteten
Materials
geben. Schon die
Auswahl
des
Materials
erfolgt
in
Kenntnis
der
konjunkturell
bedeutsamen
Erscheinungen.
Niemand
wird
etwa
die
Schwankungen
im
Aufkommen
der
Hundesteuer
oder
die
Seuchenstatistik
zur
Konjunkturdiagnose
heranziehen.
In
der
Konjunkturdiagnose
müssen
wir
nun
stets
auch
fragen,
wie
die
gegenwärtige
Lage
zustande
gekommen
ist,
ohnedem
kann
diese
Lage
nicht
hinreichend
erklärt
werden.
Ohne
Zweifel
wird
hier
nach
den
Ursachen
gefragt,
also
eine
kausale
Methode
angewandt.
Die
Konjunk-
turdiagnose
ist
ferner
nicht
als
eine
Momentaufnahme
denkbar,
weil
alle
Wirtschaft
sich
in
der
Zeit
abspielt
und
ohne
dem
nicht
verstanden
wer-
den
kann.
Die Diagnose
wird
also
einen
Berichtszeitraum
von,
sagen
wir,
mindestens
einem
Monat
zugrunde
legen
und
zudem
die
Kenntnis
der
l'
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
4 Hans Ritschi
vorangegangenen
Phasen
voraussetzen
und
auf
sie
in
vielem
zurück-
greifen.
Für
den
Berichtszeitraum
stößt
die
Analyse
auf
Spareinlagen,
Kredit-
beanspruchungen,
Investitionen,
Auftragseingänge,
also
auf
wirtschaft-
liche Dispositionen, die sich
auf
die
Zukunft
beziehen. Diese
und
andere
Daten
sind
wichtig
für
eine
Konjunkturprognose.
Soweit
sie
in
der
gegen-
wärtigen
Konjunkturlage
bereits
wirksam
sind
oder
sofern
vorangegan-
gene
Dispositionen gleicher
Art
sich
jetzt
auswirken,
erhebt
sich
für
die
Konjunkturdiagnose
die
Frage,
mit
welcher
Methode
diese
Wirtschafts-
akte
erfaßt
werden,
ob
in
einer
der
Formen
kausaler
Erklärung
oder
in
der
Methode
des Verstehens.
Mir
ist
die
Aufgabe
gestellt, zu
untersuchen,
inwieweit
die
verstehende
Methode
in
der
Konjunkturdiagnose
anwendbar
ist.
Die
Lehre
vom
Verstehen
ist
als
Hermeneutik,
als
Kunst
der
Aus-
legung
von
Herder,
Schleiermacher,
Humboldt
und
Boeckh
entwickelt
worden.
Sie
wurde
zu
einer
spezifisch geisteswissenschaftlichen
Methode
der
klassischen Philologie.
Aber
erst
Wilhelm
Dilthey
begründete
in
ihr
die
Einheit
einer
Erfahrungswissenschaft
der
geistigen
Erscheinungen.
Sein
Objekt
waren
die
"geschichtlichen
Seelenvorgänge"
,
und
von
hier
aus
entwarf
er
das
Programm
einer
verstehenden
Psychologie.
Die
An-
wendung
der
Methode
des
Verstehens
wurde
dann
ausgedehnt
über
den
ursprünglichen
Bereich des
Seelverstehens
auf
das
Verstehen
des
Sinn-
gehaltes
der
Erscheinungen
des
objektiven
Geistes, so
vonSpranger,Max
Weber,
Scheler
und
Sombart.
Rothacker
wollte
diese
Ausweitung
jedoch
begrenzt
wissen
auf
moralische
Phänomene.
In
Volkswirtschaftslehre
und
Soziologie
hat
Werner
Sombart
die
Methode
des
Verstehens
am
weitesten
ausgebaut
und
für
sie
eine
Allein-
herrschaft
beansprucht
für
den
Bereich
der
Geisteswissenschaften.
Das
Verstehen
sei
hier
die
adaequate
Erkenntnisart.
Weippert
bezeichnet es
als
Sombarts
Verdienst,
das
reine
Sinnverstehen
und
das
Sachverstehen
neben
dem
seit
langem
geübten
Seelverstehen
der
wissenschaftlichen
Erkenntnisweise
eingefügt
zu
haben.
Aber
sehen
wir
uns
diese
Methode
zunächst
einmal
an. Nach
Sombarts
Formulierung
verstehen
wir
eine
Erscheinung,
indem
wir
ihren
Sinn
zu
ergründen
versuchen,
das
aber
bedeutet
wieder,
"daß
wir
sie
in
einen
uns
bekannten
Zusammenhang
einbeziehen"
1.
Verstehen
sei also gleich
Sinnerfassen
oder
ein
Ableiten
aus
dem
Grunde,
bei
dem
der
Grund
selbst
bekannt
ist.
Das
Ergebnis
ist
eine
ganzheitliche
Wesenserkenntnis.
Ver-
stehen
heiße,
daß
wir
Einsicht
in
den
Sinn
gewinnen.
Sinn
bedeutet
Zusammenhang
in
einem
geistigen
Ganzen,
in
einer
Idee.
Sombart
1 Werner
Sombart:
Das Verstehen: Verhandlungen des sechsten deut-
schen Soziologentages in Zürich
1928.
Tübingen
1929,
S.
209.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Die Methode des Verstehens
in
der Konjunkturdiagnose 5
spricht
von
einer
Immanenz
dieser
Erkenntnisweise.
Der
Erkennende
und
sein
Gegenstand
seien
identisch 2 •
"Indem
der
Erkennende
also gleichsam
in
seinem
Gegenstand
drin-
steckt,
erkennt
er
von
innen."
-
wie
Sombart
es
anschaulich
beschreibt.
Diese
Erkenntnisweise
bezeichnet
er
deshalb
auch
als
Bereichsimma-
nenz.
Sombart
nennt
drei
Arten
des
Verstehens:
an
dritter
und
letzter
Stelle
die
ursprüngliche
Form
des
Seelverstehens
oder
psychologischen
Ver-
stehens.
Hier
wird
in
der
Tat
Gleiches
durch
Gleiches
verstanden,
denn
der
Mensch
versteht
hier
Denken
und
Handeln
des
Mitmenschen,
sofern
er
sagen
kann,
daß
ihm
nichts
Menschliches
fremd,
nicht
in
Gedanken
nachvollziehbar
sei.
Die
zweite,
von
Sombart
an
erster
Stelle
genannte
Art
des
Verstehens
ist
das
Sinnverstehen.
Hiermit
erschließt
sich
uns
das
Verständnis
der
großen
Kulturideen,
in
Religion,
Kunst,
Wissenschaft, Recht,
Staat,
Sprachen,
d. h.
der
Urphänomene
des Geistes,
die
nicht
aus
anderem,
etwa
Psychischem
ableitbar
sind. Diese
wichtige
Anwendung
der
ver-
stehenden
Methode
brauchen
wir
hier
nicht
weiter
zu
verfolgen.
Sie
kommt
für
unser
Problem
nicht
in
Frage.
Weiter
soll
das
Sinnverstehen
nach
Sombart
auch
den
Vergesell-
schaftungsformen
gelten.
Neben
diesem
Verständnis
für
objektiv
Seien-
des
rechnet
Sombart
aber
auch
das
Verständnis
für
die
Fiktionen
oder
Idealtypen
und
der
von
uns
konstruierten
"rationalen
Schemata"
-
die
wir
heute
Modelle
nennen
-
zur
Aufgabe
des
Verstehens.
Der
Hauptfall
sei
hier
"die
Tätigkeit
der
theol'etisch,en Nationalökonomie"3.
Hier
bean-
sprucht
er
jedoch
für
die
Methode
des
Verstehens
zuviel, sie
gilt
allen-
falls
im
populären
Sinn
des
Wortes
für
den
Leser
oder
Hörer
modell-
theoretischer
Ableitungen,
nicht
für
die
rationale
Theorie
selber.
Und
auch
der
Leser
soll
hier
logische Schlüsse
nachvollziehen
und
Formeln
nachrechnen, also
begreifen
und
nicht
verstehen.
Soweit
also
Modell-
theorien
in
der
Konjunkturtheorie
angewandt
werden
und
in
die
Kon-
junkturdiagnose
mit
hineinspielen,
gilt
nicht
die
Methode
des
Verstehens.
Eine
dritte
Art
des
Verstehens
ist
nach
Sombart
das
Sachverstehen.
Die-
ses
erfasse
die
Objektivationen
des
Geistes,
der
Gesellschaftskultur
in
ihrer
wirklichen
Gestalt
und
in
ihrem
Verlauf.
Dies
aber
wird
präzisiert
als
ein
Verlauf
in
der
Geschichte,
nicht
gemeint
ist
der
Ablauf
sich
regel-
mäßig
wiederholender
wirtschaftlicher
Prozesse.
Sombart
unterscheidet
als
Objekte
des
Sachverstehens
drei
Arten
von
Zusammenhängen
in
einer
Reihe
abnehmender
Dichte.
1.
Zweckzusammenhänge.
Hier
werde
die
Einheit
durch
den
Zweck
gebildet,
alle
Handlungen
seien
ebenso zweckbezogen.
Als
Beispiele
2 Werner
Sombart:
Die drei Nationalökonomien. München 1930,
S.
195.
3 Werner
Sombart:
Das Verstehen,
a. a.
0.,
S.
216.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
6 Hans Ritschi
nennt
Sotnbart:
Betrieb,
Unternehmung,
Konzern,
Kartell,
Streik,
das
Geldwesen,
die
Handelspolitik,
die
innere
Kolonisation,
die
Staats-
wirtschaft.
Dies
bedeutet
die
Addition
der
ungleichen
Größen
von
einer-
seits
Zweckgebilden,
andererseits
Zweckhandlungen,
die
wiederum
von
solchen
Gebilden
vorgenommen
und
vollzogen
werden.
Es
ist
wohl
rich-
tiger,
hier
von
teleologischen
Gebilden
zu
sprechen
und
von
Zweckhand-
lungen.
Die
handelnden
Gebilde
können
wir
aus
ihren
Funktionen
im
gesellschaftlichen
Ganzen
verstehen
und
ihre
Handlungen
aus
ihren
kon-
kreten
Zwecksetzungen
und
Motiven.
2.
Unter
Stilzusammenhang
versteht
Sombart
"einen
Zusammenhang,
bei
dem
alle
einzelnen
Tatbestände
zwar
nicht
zweckbezogen -
aber
sinnbezogen,
die
Handlungen
also
sinnorientiert
sind,
weil
der
Sinn
des
Ganzen
den
Sinn
jeder
einzelnen
Erscheinung
bestimmt"'.
Wir
hätten
uns
hier
"eine
überindividuelle
geistige
Realität
vorzustellen,
die
aus
Sinnbezügen
besteht".
Hierhin
gehört
nun
Sombarts
Begriff des
Wirt-
schaftssystems.
In
der
Tat
läßt
sich dies als
ein
Sinnzusammenhang
ver-
stehen,
aber
wendet
hier
nicht
die
strukturanalytische,
zergliedernde
und
eingliedernde
Untersuchung
von
Wirtschaftssystemen
auch
ein
"ordnen-
des"
Verfahren
an,
das
die
Einzelglieder
aus
ihren
Funktionen
be-
stimmt?
Sombart
nennt
aber
weiter
als
Beispiele
von
Stilzusammenhängen
unter
anderem
die
Lebensmittelversorgung
einer
Großstadt,
eine
Expan-
sionskonjunktur
der
Eisenindustrie,
einen
schwarzen
Tag
an
der
Börse,
die
Arbeitslosigkeit
in
Deutschland.
Hier
ist
wieder
die
Grenze
des
Ver-
stehens
überschritten.
Die
Arbeitslosigkeit
kann
nicht
durch
ein
Sinn-
erfassen
verstanden
werden,
denn
ihr
fehlt
ein
Sinn.
Ohne
Anwendung
der
kausalen
Methode
kommen
wir
hier
nicht
aus.
Sombart
wollte
ja
diese
Methode
als
vermeintlich
nur
naturwissenschaftlich
ausschließen.
Nun
konstruiert
er
für
Wirkungszusammenhänge
und
Wirkungsgefüge
den
Begriff
eines
Stilzusammenhanges,
um
ihn
der
Alleinherrschaft
der
verstehenden
Methode
zu
unterwerfen.
3.
Beziehungszusammenhänge
sind
eine
Vielzahl
von
Erscheinungen,
die
als
Einheit
gedacht
werden,
zwischen
denen
Abhängigkeiten
bestehen,
ohne
daß
ein
Stilzusammenhang
oder
gar
ein
Zweckzusammenhang
be-
steht.
Sombart
nennt
als
Beispiele
die
Weltwirtschaft
und
die
Volkswirt-
schaft,
die
keinen
einheitlichen
Sinn
habe.
Wenn
dem
so
wäre,
sollte
die
Methode
des
Verstehens
volkswirtschaftlicher
Zusammenhänge
vollends
unmöglich
sein.
Fassen
wir
nun
das
Ergebnis
der
kritischen
Untersuchung
der
Methode
des
Verstehens
und
ihres
Geltungsbereiches
zusammen:
, Werner
Sombart:
Die drei Nationalökonomien,
S.
211.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Die Methode des Verstehens in
der
Konjunkturdiagnose 7
1.
Verstehen können
wir
das sinnvolle Verhalten von Einzelpersonen
und
von sozialen Gebilden, die ein System von Zwecken befolgen
und
somit teleo-
logisch verstanden werden können.
2.
Wirtschaftsordnungen
und
Wirtschaftssysteme können
wir
im
Sombart'-
schen Sinne als Stilzusammenhänge, als Objektivationen des subjektiven Gei-
stes einer Kulturepoche verstehen.
3. Theoretische Untersuchungen
an
Modellen - seien es durch Isolierung
bestimmter Zusammenhänge gewonnene Reduktivmodelle, seien es
Konstruk-
tivmodelle - fallen nicht in den Bereich der Methode des Verstehens.
4.
Für
Wirkungszusammenhänge und Wirkungsgefüge bleibt
zu
unter-
suchen, ob sie
unter
dem Gesichtspunkt einer alleinigen Motivkausalität
der
Methode des Verstehens erschlossen werden können.
Wte
Rothacker
sagt
5 ,
ist
der
Ansatz
kausalen
Erklärens
in
allem
Verstehen
enthalten.
Aber
damit
wird
nun
zumeist
-
in
Ablehnung
einer
naturwissenschaftlich
mechanistischen
Kausalität
-
im
Bereich
der
Geisteswissenschaften
die
Kausalität
nur
im
Sinne
einer
personalisti-
schen
oder
Motivkausalität
zugelassen,
so
auch
von
Sombart
und
von
W. A. JÖhr 6 •
Stellen
wir
zunächst
fest,
welcher
Art
das
Untersuchungsobjekt
einer
Konjunkturdiagnose
ist.
Es
handelt
sich
um
die
konjunkturelle
Lage
eines
marktwirtschaftlichen
Systems
innerhalb
eines
bestimmten
Landes,
das
durch
den
gemeinwirtschaftlichen
Sektor
der
öffentlichen
Wirtschaft
er-
gänzt
und
begrenzt
wird
und
in
den
die
Wirtschaftspolitik
des
Staates
einwirkt.
Zugleich
steht
diese
Volkswirtschaft
in
mannigfachen
außen-
wirtschaftlichen
Beziehungen.
Die
Elemente
des
marktwirtschaftlichen
Systems
sind
zahlreiche
selbständig
wirtschaftende
Gebilde
verschiedener
Struktur
wie
Erwerbswirtschaften,
Haushaltungen,
gemeinnützige
Unter-
nehmen,
Anstalten,
Genossenschaften,
Verbandswirtschaften.
Die
Volks-
wirtschaft
als
Gesamtzusammenhang
dieser
durch
Arbeitsteilung
und
Verkehrsverflechtung
verbundenen
Einzelwirtschaften
stellt
sich
als
ein
Wirkungsgefüge
dar.
Dies
Gefüge
ist
gewirkt
und
bewirkt
durch
das
Zusammenwirken
autonomer
Zweckhandlungen,
die
zugleich
an
den
Daten
des
Gesamtsystems
ausgerichtet
sind.
In
diesem
marktwirtschaftlichen
System
können
wir
bestimmte
Kausal-
zusammenhänge
beobachten
und
sie
isolierend
herausheben
und
als
solche
feststellen.
Das
spielt
in
der
Konjunkturdiagnose
eine
wichtige
Rolle,
sobald
etwa
die
Auswirkungen
bestimmter
Datenänderungen
beobachtet
und
berücksichtigt
werden.
Ohne
Zweifel
wenden
wir
hier
die
Methode
der
kausalen
Untersuchung
an.
Ist
es
nun
möglich
und
sinnvoll,
dieses
Wirkungsgefüge
unter
der
Annahme
alleiniger
Geltung
der
Motivkausalität
auf
die
Motive
von
Millionen
von
Marktteilnehmern
5 Verhandlungen des sechsten deutschen Soziologentages in Zürich
1928,
TÜbingen
1929,
S.
237.
6
W.
A.
Jöhr:
Die Konjunkturschwankungen. Tübingen, Zürich
1952,
S.
96.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
14
H.
St. Seidenfus
Die
andere
Reaktion
auf
das
Versagen
der
historischen
Beschreibung,
zugleich
eine
Abwendung
vom
"Rationalprinzip"
der
"reinen"
Theorie,
sieht
die
Aufgabe
der
Konjunkturforschung
darin,
Konjunktur
als
Denk-.
Sach-
und
Zweckzusammenhang
des
aktuellen
Wirtschaftsstadiums,
der
einem
bestimmten
Sinn
untergeordnet
ist
und
von
ihm
geprägt
wird,
anschaulich
darzustellen
und
verstehbar
zu
machen.
Damit
wird
aber
auch
eine
Abkehr
vom
reinen
Empirismus
notwendig,
wie
er
etwa
in
der
Auffassung
von
der
sog.
empirisch-realistischen
Theorie
bei
Menger
zum
Ausdruck
kommt,
die
z.
B.
earell
in
seinen
methodologischen
Über-
legungen
zum
Konjunkturproblem
übernimmt
4 •
Es
geht
vielmehr
um
den
Versuch
einer
Erfassung
des
Sinnzusammenhangs,
in
den,
seinem
"subjektiv
gemeinten
Sinn"
nach,
ein
"aktuell
verständliches
Handeln"
hineingehört
5 , d. h.
aber,
daß
bei
dieser
Forschungsrichtung
die
Denk-
methoden
auf
die
Erkenntnis
persönlicher,
ja
schließlich
überpersönlicher
Sinnstrukturen
abzielen.
Nicht
partielle
Ausschnitte
des
gesellschaft-
lichen
Daseins,
sondern
etwa
die
Erfassung
des
"Allzusammenhangs"
(v.
Gottl-Ottlilienfeld)
wird
das
Erkenntnisziel.
Es
geht
um
die
Aufstel-
lung
einer
Theorie,
für
die
"der
ökonomische
Sachverhalt
Beleg
und
Beispiel
einer
logisch
gesprochen:
transzendenten,
anschaulich
gespro-
chen:
transparenten
Erkenntnis"
ist
8 •
Mit
dieser
Formulierung
des
Er-
kenntnisobjekts
ist
der
Methodenstreit
in
den
Sozialwissenschaften
neu-
erlich
entbrannt.
1.
Die
Stellung
der
Geisteswissenschaften
im
Gesamt
der
Wissenschaften
heute
.
Der
Gegensatz
zwischen
dem
methodologischen
Naturalismus
und
den
Denkmethoden
der
Geisteswissenschaften
kann
erst
dann
in
aller
Deut-
4
E.
Carell: Sozialökonomische Theorie
und
Konjunkturproblem, Mün-
chen und Leipzig 1929.
5
M.Weber:
über
einige Kategorien der verstehenden Soziologie, in: Ge-
sammelte Aufsätze
zur
Wissenschaftslehre, Tübingen 1951,
2.
Aufi., p. 429. -
In
diesem Zusammenhang sind u. a. weiterhin zu nennen:
A.
PredöhZ: Ge-
setz
und
Gestalt. Methodologische Bemerkungen zu Schumpeters "Business
Cyc1es",
jn:
Jahrb.
f.Sozialw., Bd. 1 (1950), H. RitschZ: Theoretische Volks-
wirtschaftslehre, Bd. 1, Tübingen 1947,
E.
SaZin: Hochkapitalismus. Eine
Stu-
die
über
Werner Sombart, die deutsche Volkswirtschaftslehre und das Wirt-
schaftssystem
der
Gegenwart, Weltw. Arch., 25. Bd. (1927
I)
und
Geschichte
der
Volkswirtschaftslehre, Bern-Tübingen 1951, 4. Aufi.,
W.
Sombart:
Die drei
Nationalökonomien, München u. Leipzig 1930,
A.
Spiethofj:
Anschauliche und
reine volkswirtschaftliche Theorie
und
ihr
Verhältnis zueinander, in: Synop-
sis, Festgabe
für
Alfred Weber, hrsg.
v.
E.
Salin, Heidelberg (1949),
G.
Weip-
pert:
Instrumentale
und kulturtheoretische Betrachtung der Wirtschaft, in:
Jahrb.
f.
Sozialw., Bd. 1 (1950),
und
Werner Sombarts Gestaltidee des
Wirt-
schaftssystems, Göttingen 1953, H. st.
Seidenfus:
Werner Sombart
und
die
reine Theorie,in:
Jahrb.
f.
Sozialw., Bd.
11
(1960).
8 SaZin: Hochkapitalismus, op. cit., p. 325 (i. Orig.
z.
T.
gesp.).
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Inwieweit ist verstehende Methode
für
die Konjunkturdiagnose nützlich
15
lichkeit
herausgestellt
werden,
wenn
eine
Reihe
von
Mißverständnissen
beseitigt
ist:
a) N
atur-
wie
Geisteswissenschaften
streben
als
Realwissenschaften
die
erklärende
Aussage
über
reale
Phänomene
an.
b)
Beide
Wissenschaften
verwenden
zu
diesem
Zweck
reduktive
Denk-
verfahren.
Der
Grad
der
"Exaktheit"
der
Aussagen,
der
in
den
Natur-
wissenschaften
größer,
wenngleich
nie
absolut,
in
den
Geisteswissen-
schaften
geringer
ist,
läßt
keine
Bestimmung
eines
Unterschiedes
zwi-
schen
den
Denkmethoden
der
beiden
Wissenschaften
zu.
c)
Bei
dem
Bestreben,
Ausagen
über
geisteswissenschaftliche
Sachver-
halte
durch
andere
Aussagen
reduktiv
zu
erklären,
ergeben
sich
jedoch
gegenüber
der
Erklärung
naturwissenschaftlicher
Sachverhalte
zwangs-
läufig folgende
Abweichungen
7 :
-
das
Experiment
als
Instrument
der
Verifikation
ist
nicht
anwendbar,
-
metrische
Bestimmungen,
die
eine
genaue
Messung
des
Beobach-
teten
ermöglichen,
entfallen
häufig,
da
die
Quantifizierung
des
Sachverhalts
(z.
B. frz.
Revolution,
Arbeiterbewegung,
Kapitalis-
mus) sich
als
sinnlos
erweist,
-
neben
der
Erklärung
durch
den
Aufweis
von
(genügenden
und/oder
notwendigen)
Bedingungen
und
Kausalaussagen
im
phänomenisti-
schen
Sinne
können
die
Geisteswissenschaften
nicht
beobachtbare
Sachverhalte
in
ihre
Aussagen
einschließen (Zeitgeist,
Wirtschafts-
gesinnung,
kollektiv
Unbewußtes),
wodurch
u. U.
der
ontologische
Ursachbegriff
notwendig
wird
8 ,
- geisteswissenschaftliche
Aussagen
sind
nie
Allaussagen,
wenn
auch
Allaussagen
bei
der
Reduktion
verwendet
werden.
Das
Ergebnis
besteht
jedoch
immer
nur
in
singulären
Aussagen.
d) Diese
Abweichungen
sind
offenbar
auf
die
Besonderheit
des
Er-
kenntnisobjekts
der
Geisteswissenschaften
zurückzuführen,
das
nicht
nur
durch
Stoffliches,
sondern
auch
durch
Geistiges
ausgezeichnet
ist.
Ungeachtet
dieser
Schwierigkeit
besteht
heute
der
Anspruch
auf
einheitliche
Formulierung
des
Erkenntnisobjekts
innerhalb
der
Real-
wissenschaften,
derzufolge
die
Scheidung
zwischen
Natur-
und
Geistes-
wissenschaften
unnötig,
der
Grad
der
Exaktheit
der
Aussage
bestimmend
7
Vgl.
hierzu Bocheitski: op. cit., pp.
112-115,
135, 136 und
H.
Haller:
Typus und Gesetz
in
der Nationalökonomie,
stuttgart
und Köln 1950, pp. 49
bis 51.
8 Dazu
treten
teleologische Erklärungen
(z.
B.
die Erklärung des Gruppen-
verhaltens aus der "Zweckmäßigkeit").Da dieses Verfahren jedoch ungemein
problematisch ist und
für
geisteswissenschaftliche Erkenntnis zudem nicht
zwangsläufig herangezogen werden muß, sei es hier
nur
der Vollständigkeit
halber erwähnt.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
16
H. St. Seidenfus
für
die
erreichte
Höhe
der
Erkenntnisstufe
sein
müßte
8 •
Dieser
Anspruch
ist
ebenso
problematisch
wie
die
Behauptung,
daß
jedes
Denkverfahren,
will
es
seinen
wissenschaftlichen
Charakter
nicht
verlieren,
strikt
an
die
Aufstellung
und
an
eine
derartige
Formulierung
von
Hypothesen
ge-
bunden
sei,
daß
sie
"an
Hand
der
Tatsachen"
potentiell
widerlegbar
wären
10
.
Es
entspricht
offenbar
lediglich
persönlicher
Neigung,
welche
Erkenntnisobjekte
man
dem
Bereich
der
Wissenschaften
zuordnet
bzw.
aus
ihm
ausschließt
l1
•
Dennoch:
Dem
Tadel
an
der
"überbewertung
der
naturalistischen
und
quantitativen
Methode
in
den
ökonomischen
Studien",
welche
"eine
will-
kürliche
Einengung
des
wissenschaftlichen
Blickfeldes"
nach
sich
ziehe,
"da
ein
Teil
der
bedeutenden
menschlichen
Handlungen,
der
für
das
Verständnis
der
ökonomischen
Tatsachen
durchaus
nicht
vernachlässigt
werden
darf,
sich
bekanntlich
der
quantitativen
Behandlung
entzieht"12,
steht
gegenüber
die
Kritik
des
Empirismus
an
Denkmethoden,
die
nicht
auf
die
Erklärung
allein
des
unmittelbar
sinnlich
Wahrnehmbaren
und
zeitlos
Gültigen
abzielen.
"Der
historisch-geisteswissenschaftliche
Einschlag
der
Gedankenführung,
der
nicht
nur
in
der
historischen
Rela-
tivierung,
sondern
darüber
hinaus
in
der
Forderung
nach
Wesens-,
Ge-
samt-
und
Sinn
erkenntnis
erscheint,
ist
das
methodologisch
Fragwürdige
daran
13
. "
2.
E r k e n
nt
n
iso
b j e k
tun
dEr
k e n n t n i s
met
h 0 d e
Die
Idee
der
objektgebundenen
Methode
ist
ohne
Frage
bestreitbar
14 ,
insofern
nämlich
nicht
apriori
ausgeschlossen
wer~en
kann,
daß
Er-
kenntnisobjekte
verschiedener
Qualität
mit
Hilfe
gleicher
Denkmetho-
den
erschlossen
werden
könnten.
Andererseits
kann
es
keinem
Zweifel
8 F.
Vita:
Der
"Methodenstreit"
in
der
wissenschaftlichen Atmosphäre des
20.
Jahrhunderts,
in: Wirtschaftstheorie
und
Wirtschaftspolitik, Festgabe
f.
Adolf Weber, hrsg. v.
A.
Kruse, Berlin 1951 verweist kritisch
auf
diese
Be-
wertungshierarchie ökonomischer Erkenntnisse, "die diejenigen Kenntnisse,
die einen genauen,
quantitativen
Ausdruck ermöglichen,
auf
eine höhere Stufe
stellt
und
diejenigen, die nicht
über
ein Aufzeigen von Tendenzen, von mög-
lichen
Alternativen
und
eine Vielheit von Lösungen hinausgehen,
auf
eine
niedrige Stufe". p. 324.
10
K.
Popper:
Logik
der
Forschung, Wien 1935,
und
H.
Albert, National-
ökonomie als Soziologie, in: Kyklos, Vol.
XIII
(1960), p.
6,
sowie seine
im
gleichen Aufsatz zitierten Abhandlungen, die sich
mit
diesem
Problem
aus-
führlich auseinandersetzen.
11 So
sagt
Bochenski
(op.
cit., p. 138)
im
Hinblick
auf
die Verfahrensviel-
falt
zeitgenössischer Methodologie wohl auch zu Recht, "daß angesichts davon
jede
einfache Lösung
der
Erkenntnisfrage als unzulänglich abzulehnen ist.
Die Wirklichkeit,
und
damit
die Denkarbeit, welche sie erfassen will, sind
offenbar von
ungeheurer
Komplexität".
12
Vita:
op. cit., p. 325.
13
Albert:
op. cit., p. 17, Anm. 25.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Inwieweit
ist
verstehende Methode
für
die
Konjunkturdiagnose
nützlich
17
unterliegen,
daß
-
akzeptiert
man
die
unterschiedlichen
Qualitäten
Stoff
und
Geist
bei
aller
Unschärfe
selbst
dieser
Begriff·e -
sich
be-
stimmte
Erkenntnisverfahren
in
einem
Falle
eher
im
anderen
mit
ge-
ringerer
Aussicht
auf
Erfolg
verwenden
lassen.
Und
schließlich
ist
der
Fall
denkbar,
daß
ein
Erkenntnisobjekt
ein
Erkenntnisverfahren
zu-
läßt,
das
bei
einem
anderen
Objekt
überhaupt
nicht
anwendbar
ist.
Erkenntnisobjekt
der
Geisteswissenschaften
ist
der
Mensch
in
der
Welt,
die
Stoffliches
und
Geistiges
vereint.
über
das
Naturale
hinaus
"existieren
die
sozialen
Lebensformen
aber
auch
in
der
Welt
des
Sinn-
haften'<15,
in
der
sowohl
"Zweckzusammenhänge
das
soziale
Ganze
immer
wieder
rational
durchstrukturieren
...
nach.
den
Kategorien
Ziel
und
Mittel"
(hier
der
Ansatzpunkt
M.
Webers)
als
auch
Stilele-
mente
die
sozialen
Verhaltensweisen
zu
einem
sinnhaften
Ausdrucks-
zusammenhang
zusammenfügen
(hier
der
geschichts-
oder
sozialphiloso-
phische
Ansatzpunkt
von
Sombart,
Spranger,
Litt,
Rothacker, Plessner,
Salin
und
Jaspers (u. a.).
Was
"die
sozialen
Tatsachen
zu
sozialen
Tat-
sachen
macht
und
sie
von
den
Naturtatsachen
unterscheidet,
ist
eben
ihr
Sinngehalt"
.
Es
ist
daher
nur
konsequent,
wenn
"Sinndeutung
als
Essentiale
der
sozialwissenschaftlichen
Methode"
bezeichnet
wird
16 •
In
dieser
Formulierung
des
Erkenntnisobjekts
der
Geisteswissenschaften
findet
eine
methodische
Feststellung
ihre
Begründung,
die
schon
M.
Weber
traf:
"Wir
sind
ja
bei
,sozialen
Gebilden'
...
in
der
Lage,
...
etwas
aller
,Naturwissenschaft'
(im
Sinne
der
Aufstellung
von
Kausal-
regeln
für
Geschehnisse
und
Gebilde
und
der
,Erklärung'
der
Einzelge-
schehnisse
daraus)
ewig
Unzugängliches
zu
leisten:
eben
das
,Verste-
hen'
des
Verhaltens
der
beteiligten
einzelnen,
während
wir
das
Verhal-
ten
z.
B.
von
Zellen
nicht
,verstehen',
sondern
nur
funktionell
erfassen
und
dann
nach
Regeln
seines
Ablaufs
feststellen
können
17
."
14 Vgl. zu dieser
Frage
auch
G.
Kade:
Die logischen
Grundlagen
der
ma-
thematischen Wirtschaftstheorie als Methodenproblem
der
theoretischen Öko-
nomik, Berlin 1958,
der
hier
freilich ebenfalls
einen
Wissenschaftsbegriff
for-
muliert,
der
nicht verbindlich ist.
15
G.
Mackenroth:
Sinn
und
Ausdruck
in
der
sozialen Formenwelt, Mei-
senheim 1952, pp.
120-124
passim.
16
F.
Kaufmann:
Methodenlehre
der
Sozialwissenschaften, Wien 1936,
P. 167 (i. Orig.
z.
T. gesp.).
17
M.
Weber:
Wirtschaft
und
Gesellschaft, Tübingen 1956, 4. Aufl., p. 7.
- Ganz
in
diesem Sinne findet sich
an
anderer
Stelle (Die "Objektivität" so-
zialwissenschaftlicher
und
sozialpolitischer Erkenntnis, in: Gesammelte
Auf-
sätze
zur
Wissenschaftslehre, op. cit., pp. 170
und
173, i. Orig.
z.
T. gesp.) die
Feststellung: "Sozialwissenschaft
...
ist eine Wirklichkeitswissenschaft", die
darauf
abzielt, "die uns umgebende Wirklichkeit des Lebens
in
ihrer
Eigen-
art"
zu "verstehen
...
"
und:
"Es ist die qualitative
Färbung
der
Vorgänge
...
,
worauf
es
...
in
der
Sozialwissenschaft ankommt. Dazu
tritt,
daß es sich
in
den Sozialwissenschaften
um
die Mitwirkung geistiger Vorgänge handelt,
welche nacherlebend
zu
,verstehen' natürlich eine Aufgabe spezifisch
ande-
rer
Art
ist, als sie die
Formeln
exakter
Naturerkenntnis
überhaupt
lösen
können
und
wollen."
2
Schriften
d.
Vereins
f.
Socialpolitik
25
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
18 H.
St.
Seidenfus
Daraus
ergibt
sich: Gleichgültig, ob sich
die
von
Sinnzusammenhängen
geformte
Sozialwelt
hinsichtlich
der
Regelmäßigkeit
und
Konstanz
der
Erscheinungen
von
der
Naturwelt
unterscheidet
oder
nicht,
Tatsache
ist,
daß
die
Möglichkeit
besteht,
sie sowohl
mit
naturwissenschaftlicher
als
auch geisteswissenschaftlicher
(verstehender)
Denkweise
zu
durchdrin-
gen
lS
.
In
der
sozialen
Sphäre
ist
keine
"eindeutige
Erklärungsbasis
vor-
gezeichnet
...
,
wie
in
der
naturalen
Sphäre,
weshalb
hier
die
Fragen
der
Themenwahl
(Wertbeziehung)
und
der
Zurechnung
eine
unvergleich-
lich
größere
Rolle
spielen
als
dort"lu.
Entscheidend
für
die
Wahl
des
zu
einer
spezifischen geisteswissenschaftlichen
Problemlösung
geeigneten
Denkansatzes
kann
allein
das
Fruchtbarkeitskriterium
sein, d. h.
der
Grad
an
Gewißheit,
den
die
angewandte
Methode
vermittelt.
3.
Die
ver
s t
ehe
n
deM
e t h 0 d e
als
ans
c
hau
I
ich
e ,
auf
Gesamterkenntnis
abzielende
Erkenntnisweise
a)
Das
"Verstehen"
ist
den
Realwissenschaften
nicht
fremd.
Schon
die
Auswahl
bestimmter,
beobachteter
Sachverhalte
und
ihre
Fixierung
in
der
Form
von
Protokollaussagen
setzt
in
den
Natur-
wie
Geisteswissen-
schaften
ein
Verständnis
für
die
Möglichkeit
der
gesuchten
Bedingungs-
zusammenhänge
voraus
20 •
Der
Forschende
versteht
eben,
daß
gewisse
Sachverhalte
etwas
miteinander
zu
tun
haben
können,
andere
nicht.
Erst
aus
diesem
Verständnis
für
Zusammenhänge
heraus
wird
sinnvolle
Fragestellung
möglich.
Im
Fall
der
Geisteswissenschaften, die
auf
sog.
Dokumente
angewiesen
sind, die
einer
Deutung
bedürfen,
um
zu
Pro-
tokollaussagen
formuliert
werden
zu
können,
tritt
zu
der
verstehenden
Auswahl
die
zusätzliche
Schwierigkeit
hinzu,
daß
die
Deutung
der
Dokumente
hinsichtlich
ihrer
Glaubwürdigkeit,
der
in
ihnen
implicite
enthaltenen
Voraussetzungen
usw.
ihrerseits
nur
auf
dem
Wege
der
verstehenden
Interpretation
gelingen
kann.
Die
verstehende
Erkenntnisweise
arbeitet
zunächst
mit
intuitiver
Deu-
tung
realer
Sachverhalte.
"Wo
das
Messen
aufhört,
beginnt
das
Ermes-
sen,
das
intuitive
Abschätzen
21
."
Eine
verstehend,
d. h.
aus
Erfahrung,
aus
dem
Wissen
um
Vergangenes
gewonnene
Interpretation
des
Sinns
18
Sehr
deutlich
weist
auch
auf
diese
Möglichkeit
Neumark
hin,
wenn
er
zur
Formulierung
einer
allgemeinen
Theorie
die
ökonomischen
Erscheinun-
gen
als
Normalerscheinungen
heranziehen
will,
"die
sich
kraft
Evidenz
und/
oder
empirischer
Feststellungen
als
regulärtypisch
erweisen".
(Gedanken
zur
Allgemeinheit
der
Wirtschaftstheorie,
in:
Kyklos,
Vol.
XII,
[1959], p. 476.)
19
Kaufmann:
Methodenlehre,
op. cit., p.
20l.
20
Darauf
verwies
erst
kürzlich
wieder
H.
Giersch:
Allgemeine
Wirtschafts-
politik,
Grundlagen,
Wiesbaden
1960, p. 38,
wenn
er
sagt,
daß
es
darum
gehe,
"aus
dem
,Verstehen'
heraus
die
richtigen
Fragen
zu
stellen".
21 H.
Giersch:
Wirtschaftliches
Bewußtsein
und
wirtschaftliche
Wirklich-
keit,
in:
Jahrbuch
f.
Sozialwissenschaft,
Bd.
12
(1961), p.
8.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Inwieweit
ist
verstehende Methode
für
die
Konjunkturdiagnose
nützlich 19
einer
wirtschaftlichen
Veranstaltung,
des
Wesens
eines
ökonomischen
Sachverhalts,
erlaubt
es,
die
wesentlichen
Eigenschaften
der
Beobach-
tung
in
einer
Aussage
(ähnlich
den
Protokollaussagen)
festzuhalten
22
•
Die
Erklärung
dieser
Aussagen
(SpiethojJ
verwendet
den
Begriff
"be-
glaubigter
Erklärungseinfall")
erfolgt
reduktiv
durch
andere
Aussagen.
Zum
Unterschied
zu
der
naturalistischen
Methode
werden
hier
jedoch
1.
häufig
Aussagen
über
sinnlich
unmittelbar
nicht
wahrnehmbare
Sach-
verhalte
(Sinn,
objektiver
Geist
usw.)
getroffen,
aus
denen
die
Ableitung
der
"Protokollaussagen"
unter
Berücksichtigung
bestehender
Theorien
und
auf
Grund
eines
logischen
Gesetzes
versucht
wird,
2.
Verifikations-
verfahren
im
Sinne
der
naturalistischen
Methode
mit
Hilfe
des
Experi-
ments
nicht
angestrebt
23 , 3.
keine
Allaussagen
aufgestellt,
sondern
innerhalb
des
seiner
Form
nach
gewöhnlich
recht
losen
axiomatischen
Systems
historisch
eingeschränkte,
singuläre
Aussagen
getroffen.
Daher
genügen
diese
Aussagen
dem
Empirismus
natürlich
nicht.
Er
ist
lediglich
bereit,
ihnen
eine
"Plausibilität",
nicht
jedoch
die
Qualität
der
"Richtigkeit",
gar
"Wahrheit"
zuzugestehen
24 •
Er
teilt
in
diesem
Punkte
offenbar
nicht
die
Anschauung
Goethes,
"daß
Erfahrung
nur
die
Hälfte
der
Erfahrung
ist"25.
Schließlich
tadelt
er
die
Kapitulation
"vor
der
historischen
Relativität
der
bisherigen
Erkenntnisse",
die
"Resigna-
tionsthese"
,
"daß
man
zwar
keine
allgemeinen,
aber
immerhin
doch
,historisch
relative'
Sozialtheorien
entwickeln
kann,
Theorien
also,
die
22
In
Wirklichkeit
ist
dieses Verfahren ungemein kompliziert,
was
z.
B.
auch
Bochenski,
op. cit., p. 135,
ausführt:
"Das
in
Frage
kommende
System
enthält
gewöhnlich zwei Klassen von Aussagen. (1)
Zuerst
braucht
man
ge-
wisse
...
pragmatische Aussagen
über
den Verfasser",
um
festzustellen, "ob
er
die
wahre
Sachlage
kennen
konnte". Man postuliert,
daß
er
das
sagte,
was
er
wirklich meinte. ,,(2) Zweitens
werden
im
Aufbau
des Systems
objektsprach-
liche Aussagen gebraucht", sei es
aus
der
Deutung
der
Dokumente, sei es
aus
anderen
geschichtlichen Tatsachen. "Lassen sich alle Aussagen dieser
Art
mit
der
zu untersuchenden widerspruchslos
im
System
vereinigen,
dann
ist
das
ein
Argument zugunsten
ihrer
Richtigkeit."
23
Diese Feststellung gilt unbeschadet
der
vielen Untersuchungen
der
em-
pirischen Sozialforschung,
da
es angesichts
der
"Plastizität
der
menschlichen
Antriebsstruktur"
(Gehlen)
unmöglich ist,
im
sozialen Bereich
experimentell
mit
wiederhol
bar
gleichen Ausgangsbedingungen
zu
arbeiten. - Die
Bedeu-
tung
z.
B.
der
ungemein wichtigen empirischen Sozialökonomik (vgl.
hierzu
die reiche Zahl von Publikationen durch Schmölders, zit. bei H. St.
Seidenfus:
Verhaltensforschung, sozialökonomische, in: HdSW, 29. Lfg.,
Stuttgart-Tübin-
gen-Göttingen 1960, p. 101) liegt darin, daß
ihre
Ergebnisse bessere, d. h.
wirk-
lichkeitsnähere Erklärungseinfälle zu finden
und
eine zutreffendere
Kritik
der
"beglaubigten Erklärungseinfälle" erlauben.
24 So
z.
B. H.
Albert:
Der
logische
Charakter
der
theoretischen
National-
ökonomie.
Zur
Diskussion
um
die
exakte
Wirtschaftstheorie, in:
Jahrb.
f.
Na-
tionalökonomie
und
Statistik, Bd. 171 (1959), p. 2.
25 Max. u. Refl. 1072.
26
Albert:
Nationalökonomie als Soziologie, op. cit., p. 17, 15.
2'
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
20
H.
St.
Seidenfus
in
bezug
auf
ein
bestimmtes
Sozial-
und
Kulturmilieu
gültig
sind,
darüber
hinaus
aber
ihre
Gültigkeit
verlieren"28.
Diese
Bemerkung
ist
als
Feststellung
unzweifelhaft
richtig, ob es sich
dabei
freilich
um
eine
"Kapitulation"
handelt,
bleibe
zunächst
dahingestellt.
Das
verstehende
Verfahren
findet
erkenntnistheoretisch
seine
Recht-
fertigung
in
der
Tatsache,
daß
es
die
einzige
Denkmethode
ist,
die
zu
Gesamterkenntnis
verbürgender
"anschaulicher
Theorie"
führt
27 •
b)
Sozialwissenschaft
zielt
letztlich
immer
auf
Erkenntnis
der
gesam-
ten
sozialen
Welt
ab.
Man
mag
zwar
aus
Gründen
des
Erkenntnisinteres-
ses
sein
Augenmerk
auf
einzelne
Erscheinungen
dieser
sozialen
Welt
richten,
etwa
den
Staat,
die
Wirtschaft,
das
Problem
der
Macht
oder
auf
Untererscheinungen
dieser
Bereiche
des
Erkennens.
Immer
ist
jedoch
zu
beachten,
daß
sie
eingebettet,
d.
h.
aber
determiniert
sind
durch
die
Ge-
samtheit
des
Sozialen.
Daraus
folgt,
daß
Teilerkenntnis
ohne
Kenntnis
vom
und
Bezugnahme
auf
das
Wesen
der
gesamten
Sozialwelt
der
Ge-
fahr
von
Scheinlösungen
ausgesetzt
ist,
jedenfalls
nicht
mit
dem
An-
spruch
auftreten
kann,
etwa
"die"
Wirtschaft
zu
erklären.
Daß
Gesamt-
erkenntnis
angestrebt
werden
muß,
ergibt
sich u. a.
aus
der
Tatsache,
daß
Teilerkenntnis
im
sozialen
Bereich,
soweit
zu
sehen
ist,
keine
echte
Theorie
im
Sinne
der
zureichenden
Erklärung
verbürgen
konnte.
Dies
deshalb
nicht,
weil
"und
solange
nicht
die
Wirtschaft
selbst
ausschließlich
aus
den
rationalen
Elementen
der
Tauschwirtschaft
zusammengesetzt
ist".
Die
Ergebnisse
der
Teilerkenntnisse
erhalten
vielmehr
erst
dann
ihl'en
Wert,
wenn
sie
gewissermaßen
als
Bausteine
in
einer
anschau-
lichen
Theorie
sinnvoll
einander
zugeordnet
werden.
Insoweit
erweist
es
sich
für
jede
Gesamterkenntnis
von
Nutzen,
die
Ergebnisse
der
ratio-
nalen
Teilerklärungen
in
ihr
System,
das
im
"Wirtschaftssystem"
(Sombart)
oder
"Wirtschaftsstil"
(Spiethoff)
seinen
Ordnungsbegriff
fin-
det,
einzubeziehen.
"Wie
vom
Menschen
selbst,
so
gilt
auch
vom
mensch-
lichen
Zusammenleben
in
der
Wirtschaft,
daß
nicht
aus
Beziehungen
allein
das
Wesen
zu
erklären
ist,
und
darum
werden
stets
jene
Theorien
sich
als
überlegen
erweisen,
die
auch
die
Wirtschaft
zu
sehen
und
zu
verstehen
vermögen
als
,geprägte
Form,
die
lebend
sich
entwickelt"'.
Der
Vorwurf
der
historischen
Relativierung
anschaulicher
Theorie
mißversteht
die
Zielsetzung
der
Gesamterkenntnis,
die
"nicht
nur
logische
Richtigkeit,
sondern
auch
historische
oder
aktuelle
Gültigkeit"
fordern
muß.
Denn:
"logische
Richtigkeit
besagt
nichts
über
die
sachliche Wich-
tigkeit
einer
Theorie",
die
immer
"an
eine
bestimmte
geschichtliche
Konstellation
gebunden
ist,
wie
Salin
in
Zusammenfassung
und
Weiter-
führung
der
überlegungen
Sombart's
und
Spiethoff's
nachweist.
Ähn-
27 Salin:
Geschichte
der
Volkswirtschaftslehre,
op. cit.,
pp.
188-200
passim.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Inwieweit
ist
verstehende Methode für die Konjunkturdiagnose nützlich
21
lich
Neumark,
der
die
Auffassung
vertritt,
daß
"der
Bereich
,ewiger',
universell
gültiger
und
anwendbarer
theoretischer
Aussagen
über
ökono-
mische
Tatbestände
und
Vorgänge
relativ
begrenzt"
sei
28 •
Ohne
hier
eine
Prognose
stellen
zu
wollen,
sei
festgehalten:
Solange
es
nicht
gelingt,
"die
relative
Konstanz
der
in
einem
bestimmten
Raum-
Zeit-Gebiet
festgestellten
Zusammenhänge
in
allgemeinen
Gesetzmäßig-
keiten
begründet"
zu
sehen
2G
,
bedarf
es
der
Wesenserkenntnis,
die
mit
der
Interpretation
überpersönlicher
Sinnstrukturen
die
heute
einzig
erkennbare
Klammer
sozialer
Verhaltensweisen
aufzuhellen
versucht.
Es
ist
vorstellbar,
daß
die
Auffindung
von
Invarianzen
der
menschlichen
Handlungen
es
möglich
machen
wird,
"brauchbare
Sozial-Theorien
klas-
sischen
Stils
zu
konstruieren"30.
Das
würde
die
Sozialwissenschaften
der
schwierigen
Aufgabe
entheben,
Wesensforschung
zu
betreiben
31 •
Solange
dies
jedoch
nicht
der
Fall
ist,
gilt
der
Vorrang
anschaulicher
Theorie
vor
rationaler
Theorie,
ist
es
notwendig,
in
den
Sozialwissen-
schaften
die
verstehende
Erkenntnisweise
anzuwenden
32
,
kann
auch
nicht
von
der
"Armut"
zeitbezogener
Erkenntnis
(Popper)
gesprochen
werden.
Vielmehr
dürfte
geradezu
ein
Reichtum
dieser
Denkmethode
darin
zu
sehen
sein,
daß
sie
durch
die
Berücksichtigung
des
historischen
Elements
in
der
Sozialwelt
in
der
Lage
ist,
zu
wesentlich
wirklichkeits-
näheren
Aussagen
zu
kommen
als
jede
rationalistisch
verengte
Theorie.
c)
"Grenzen"
der
verstehenden
Erkenntnisweise
können
einmal
mit
dem
Kriterium
des
Objektivitätsgehalts
der
Theorie,
zum
anderen
an
der
Genauigkeit
der
Aussagen,
die
den
Grad
ihrer
überprüfbarkeit
be-
stimmt,
erkannt
werden.
Die
Schwierigkeit
des
"objektiven
Verstehens"
vom
"subjektiven
Sinn",
die
Pluralität
und
Heterogenität
der
auf
diese
Weise
verstehend
gewonnenen
Deutungen,
erklären
sich
aus
der
Tatsache,
daß
keine
andere
Denkmethode
so
sehr
auf
die
Qualität
des
nach
Erkenntnis
28
Neumark:
Gedanken zur Allgemeinheit
der
Wirtschaftstheorie, op. cit.,
p.490.
29
Albert:
Nationalökonomie als Soziologie, op. cit., p.
18.
30
Albert:
op. cit., p.
18
in
Anlehnung
an
K.
Popper:
The
Poverty
of His-
toricism, London
1957.
31 Daß damit nicht die Existenz überpersönlicher
Sinnstrukturen
geleug-
net
ist, versteht sich von selbst. Es erweist sich
dann
nur
nicht
mehr
als
not-
wendig, sie
zur
Erklärung des menschlichen HandeIns heranzuziehen,
da
dies
unter
angebbaren Bedingungen völlig gleichförmig ablaufen würde.
32
W.
Stark
bezeichnet es in seiner Auseinandersetzung
mit
F. Adler (vgl.
Kyklos
Vol.
XII,
1959,
p.
221)
als "illicit to
try
to squeeze social
and
histori-
cal reality into
the
Procrustean bed of those disciplines which
have
been
fashioned for
...
the
study of
the
lower or
sub-human
creation". Vgl. hierzu
auch F.
H.
Knight:
Fact and Value
in
Social Science, in: Freedom
and
Re-
form, Essays in Economic
and
Social Philosophy, New York
1949.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
22
H.
St. Seidenfus
strebenden
Subjekts
angewiesen
ist,
das
in
besonderer
Weise
der
Vor-
urteilslosigkeit,
innerer
Distanz
zu
einer
gegebenen
Lebensäußerung
(Dilthey),
eines
umfassenden
Wissens
um
geschichtliche
Entwicklungen
und
Einfühlungsvermögens
in
Zeitströmungen
usw.
bedarf.
Es
ist
sicher,
daß
die
relative
zeitliche
und
räumliche
Lage
der
deutenden
Personen
und
der
Personen,
deren
Verhalten
gedeutet
wird,
ein
Bezugssystem
bil-
det,
das
die
verstehenden
Aussagen
beeinflussen
kann,
und
daß
die
Deu-
tung
fremden
Handelns
schließlich
immer
auf
innere
Erfahrung
zurück-
geht,
"weshalb
die
Ergebnisse
der
Deutung
von
dem
Grade
der
Wesens-
verwandtschaft
zwischen
Deutendem
und
Handelndem
abhängig
sein
werden"33.
So
kommt
denn
auch
Langelütke
im
Hinblick
auf
die
Kon-
junkturtheorie
zu
der
durchaus
zutreffenden
Feststellung:
"Mit
diesem
notwendigen
Einschuß
an
Realitäts
...
Intuition
wird
das
wissenschaft-
liche
Verfahren
des
Diagnostizierens
(wie
übrigens
auch
in
der
Medizin)
an
die
Grenze
der
Kunst
gerückt.
Gutes
Diagnostizieren
überschreitet
das
an
Objekt-Fungibles
gebundene,
erlernbare
Können.
Es
ist
eine
Be-
fähigung,
die
an
das
Subjekt,
eben
den
diagnostischen
Könner
gebun-
den
ist
34
."
Darin
liegt
die
Chance,
aber
auch
die
Gefährdung
der
ver-
stehenden
Erkenntnisweise.
Was
die
Genauigkeit
der
verstehend
gewonnenen
Aussagen
anlangt,
so
hat
hier
M.
Weber
schon
darauf
hingewiesen,
daß
die
"Mehrleistung
der
deutenden
gegenüber
der
beobachtenden
Erklärung
...
freilich
durch
den
wesentlich
hypothetischeren
und
fragmentarischeren
Charakter
der
durch
Deutung
zu
gewinnenden
Ergebnisse
erkauft"
werden
müsse.
"Aber
dennoch:
sie
ist
gerade
das
dem
soziologischen
Erkennen
Spezi-
fische 35
."
Die
Begründung
dafür
gibt
Litt:
"Daß
die
Wissenschaften
vom
Leben,
von
der
Seele,
vom
Geist
sich
von
dem
Ideal
der
Exaktheit
zu-
nehmend
entfernen,
das
liegt
nicht
daran,
daß
die
Methoden,
mit
denen
sie
dem
Wirklichen
zu
Leibe
gehen,
an
Vortrefflichkeit
hinter
denjenigen
der
rechnenden
Wissenschaft
zurückblieben
-
es
liegt
daran,
daß
sie
sich
in
Zonen
des
Wirklichen
einbohren,
hinter
denen
die
rechnenden
Metho-
den
mehr
und
mehr
zurückbleiben
38
."
Diese
"Unschärfe"
der
Aussagen
ist
also
durch
das
Wesen
des
Erkenntnisobjekts
bedingt.
Nur
die
natura-
listische
Umdeutung
kann
hierin
eine
Gr,enze
im
Sinne
der
Kri~ik
sehen.
33
Kaufmann:
Methodenlehre, op. cit., pp. 161,201.
34 H. Langelütke: Grenzen und Voraussetzungen
der
Konjunkturstabi-
lisierung, Sonderschrift des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung Nr. 18,
Ber-
lin-München 1956, p. 14.
35
Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, op. cit.,
p.
7.
36 Th.
Litt:
Denken
und
Sein, München 1948,
p.
157. Vgl. hierzu auch
A.
Kaufmann:
Gedanken zur
überwindung
des rechtsphilosophischen Rela-
tivismus, in: Arch.
f.
Rechts- und Sozialphilosophie, Bd. XLVI (1960), pp. 553
bis 569.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Inwieweit ist verstehende Methode für die Konjunkturdiagnose nützlich
23
11.
Die
Konjunkturdiagnose
als
regressive
Konjunkturprognose
1.
Das
Erkenntnisobjekt:
die
"conjunctio
rerum
omnium"
Unter
Konjunktur
sei
hier
verstanden
der
Verlauf
der
wirtschaft-
lichen
Entwicklung
schlechthin.
Dieser
Standpunkt
ist
zu
präzisieren:
a)
Eine
Begrenzung
des
Wirtschaftsverlaufs
zwischen
kurz-,
mittel-
und
langfristigen
Prozessen,
die
etwa
als
saisonale,
eigentlich
konjunk-
turelle
und
schließlich
säkuläre
Bewegungen
gefaßt
werden,
ist
solange
problematisch,
als
nicht
mit
Sicherheit
nachgewiesen
ist,
daß
diese
Pro-
zesse
von
spezifischen
Sachverhalten
verursacht
werden,
die
eben
nur
jeweils
zur
Erklärung
der
saisonalen
Schwankungen,
der
Konjunktur
und
des
säkulären
Tvends
heranzuziehen
sind.
Da
es
aber
keine
Kon-
junkturtheorie
gibt,
die
in
der
Lage
wäre,
die
wirtschaftliche
Entwick-
lung
seit
1914
hinreichend
zu
erklären
37 ,
enthält
die
zeitliche
Abgren-
zung,
die
die
Forschung
vornimmt,
implicite
bestimmte
Hypothesen,
die
jedoch
nicht
geprüft
sind.
Es
wird.
z.
B.
angenommen,
daß
saisonale
Schwankungen
mit
größter
Regelmäßigkeit
auftreten
und
kurzfristiger
Natur
sind,
weil
sie
durch
den
natürlichen
jahreszeitlichen
Rhythmus
determiniert
werden.
Auf
diese
Weise
wird
etwa
versucht,
die
Beschäfti-
gungsschwankungen
in
der
Landwirtschaft,
im
Fremdenverkehrs-
gewerbe,
in
der
Textilindustrie
usw.
zu
erklären.
So
richtig
die
Beobach-
tung
einer
gewissen
Regelmäßigkeit
in
der
jährlichen
Wiederkehr
dieser
Schwankungen
ist, so
wird
damit
doch
keineswegs
die
Tatsache
des
Niveauunterschieds
erklärt,
auf
dem
sich
diese
saisonalen
Schwankun-
gen
abspielen.
Alle
statistischen
Verfahren,
die
"bereinigte"
Zeitreihen
wirtschaftlicher
Entwicklung
herzustellen
versuchen,
arbeiten
mit
"Be-
reinigungshypothesen"
,
im
Grunde
Ursachenvermutungen,
die
ungeprüft
sind.
Das
gleiche
gilt
für
den
Versuch
Schumpeters,
ein
Drei-Zyklen-
Schema
aus
den
unterschiedlichen
technischen
Ausreifungszeiten
der
Innovationen
und
dem
ebenfalls
unterschiedlichen
Zeitbedarf
ihrer
Realisierung
zu
entwiakeln
s8
,
womit
er
sich
nach
Ansicht
Jöhr's
"die
37
Für
die Zeit von 1822 bis 1913 ist
es
u.
E.
Spiethoff
gelungen, eine Kon-
junkturtheorie zu liefern, die freilich ob ihres historisch-anschaulichen
Cha-
rakters
für
die Erklärung der sich
daran
anschließenden Wirtschaftsentwick-
lung bis heute nicht unbesehen übernommen werden kann. Vgl.
A.
Spiet-
hoff:
Art. Krisen,
in:
Handwörterbuch der Staatswissenschaften, Bd. VI (1925,
4.
Aufl..),
in
erweiterter
Form
wieder abgedruckt Tübingen-Zürich 1955, 2 Bde.
(Die wirtschaftlichen Wechsellagen, Aufschwung, Krise, Stockung).
38
J.
A.
Schumpeter:
Business Cycles, A Theoretical, Historical
and
Sta-
tistical Analysis of
the
Capitalist Process, New York
und
London 1939. Vol.
I. pp.
166-173.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Möglichkeiten
und
Grenzen
der
Konjunkturdiagnose
Von
Wilhelm
Krelle
Nach
einer
mehr
als
lO-jährigen
Periode
stabilen
und
gleichgewichti-
gen
Wachstums
fast
aller
europäischen
Wirtschaften
steht
die
wissen-
schaftliche
Untersuchung
konjunktureller
Vorgänge
nicht
gerade
im
Vordergrund
des
Interesses.
Trotzdem
wäre
es
leichtsinnig,
ja
unver-
antwortlich,
den
konjunkturellen
Aspekt
in
der
Wirtschaftsentwicklung
zugunsten
langfristiger
Wachstumsüberlegungen
zu
vernachlässigen.
Die
US-amerikanischen
Erfahrungen
zeigen,
daß
Konjunkturschwan-
kungen
immer
noch
ein
schweres
Problem
für
eine
Marktwirtschaft
sein
können;
und
es
gehört
wenig
Prophetengabe
dazu,
um
auch
für
unser
Land
derartige
Schwierigkeiten
vorauszusehen,
sobald
einmal
der
Woh-
nungs-
und
Straßenbau,
die
Motorisierung
und
die
Maschinenaus-
rüstung
der
Haushalte
im
wesentlichen
abgeschlossen
sein
werden.
1. Was ist Konjunkturdiagnose und
wel~es
sind ihre Grenzen?
Unter
Konjunkturdiagnose
verstehe
ich
das
Erkennen
der
Konjunk-
turlage,
d. h.
die
Bestimmung
der
jeweiligen
Stellung
im
Konjunktur-
zyklus,
wobei
vorausgesetzt
wird,
daß
es
so
etwas
gibt
wie
einen
Kon-
junkturzyklus
1 •
Konjunkturdiagnose
heißt
also
nicht
einfach
die
sta-
tistische
Feststellung
von
Preisen,
Absatzgrößen,
Vorräten
und
anderen
wichtigen
wirtschaftlichen
Größen
in
den
verschiedenen
Branchen,
ob-
wohl
dies
sicher
eine
unabdingbare
Voraussetzung
für
eine
wissen-
schaftliche
Konjunkturdiagnose
ist. Dies
statistische
Problem
soll
uns
1 Es gibt bedeutende Nationalökonomen, die die Existenz eines eigentlichen
Konjunkturzyklus bezweifeln. Hierzu gehören
Irving
Fisher,
Diehl,
Lutz
und
in
gewissem Sinne auch Eucken.
(Vgl.
hierzu die bei
Jöhr,
Die
Kon-
junkturschwankungen, Tübingen-Zürich 1952
S.
25
fi., zusammengestellten
Zitatstellen.)
Für
sie sind die Unregelmäßigkeiten
im
Wirtschaftsverlauf
größer als die Regelmäßigkeiten. Auch die Jöhrsche psychologische
Konjunk-
turtheorie
legt
ein
ähnliches Urteil nahe,
wenn
auch
Jöhr
selbst einen
solchen Schluß vermeidet. So verschieden
aber
die einzelnen
Konjunktur-
bewegungen auch sein mögen,
wenn
man
in
die Einzelheiten geht,
eine
einigermaßen gleichförmige Schwankung
der
Globalgrößen
(z.
B.
des Sozial-
produkts)
ist
nicht zu bestreiten. Man betrachte
etwa
die Entwicklung des
deutschen Volkseinkommens von 1871 bis jetzt. Hier überwiegen die Regel-
mäßigkeiten doch die Verschiedenheiten. Die Weltwirtschaftskrise
1929-1932
fällt
allerdings - ähnlich wie die Kriege - aus dem Rahmen heraus. (Siehe
Fig.
1:
Das deutsche Volkseinkommen
1871-1960).
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Möglichkeiten
und
Grenzen
der
Konjunkturdiagnose
31
Das
deutsche Volkseinkommen 1871 -
1960
Ml'd
.
RM
Mrd.DM
300
~--
----------------
----~~----~
~~
~--~300
~
~
Bundes-
%
?%'
k
R e
ich
~
~epubll
%
~
Deutsch-
~ ~
land
~
~
Deutsches
~
~
250
I---
-----------------------
~ ~
~
--
~
250
~
~
~
~
~
~
~ ~
~ ~
200
f.----
--------
---,,:
~
~:
--I--:I
200
~ ~
!
~
~
I
~
Bruttosozialprodukt ,
••
:!
~
zu
Marktpreisen
15 0
I---
-----
--I---
~ ~
i
~ ~
f
~ ~
I
Volkseinkommen
150
~ ~
.!
100
I---
----
-I------
~
~
H:f-:
--I
1
00
~
;
~
i
~
1-""
!
~
f
~:
\ j
~
f \ I
~
5 0
f.---------
-
--
~
;,:
~,
--
~
VOlksei~mmen
~
~
~
~
~
~
~
~
50
o 0
1871
75 80 85 90 95 1900 05
10
1925
30 35 1950 55 60
Quellen: 1871-1913 W.Hoffmenn
v.
Alullel', 08S devlsclle Volkseinkommen 1851-1957,
TtJbingen
1959
1925-1938
Iv.
/(Pelle,
BesfimmvngsQl'tJnde deI' Einkommensrel'feilvng
tfl
(fel'
model'nen
Wil'lscllal'l; ScIIl'lTtr!n
des
Vel'eins
IiJI' SOd8/pol//ik,
HF
Bond
1~
Bel'lin 195'1
1950-19&0 sta/istiselles .Ielll'bucllliJl' die eRO 1960,
S.
5"211. Wil'fscllelt
v.
Stefisflk
Fi
g. 1
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
32
Wilhelm Krelle
hier
nicht
weiter
beschäftigen.
Denn
selbst
bei
völliger
Kenntnis
der
augenblicklichen
wirtschaftlichen
Situation
und
der
vorhergehenden
Entwicklung
kann
man
nicht
einfach
sagen,
ob
man
sich
z.
B.
mitten
im
Aufschwung
oder
an
dessen
Ende
befindet.
Dazu
ist
die
Konjunktur-
bewegung
zu
unregelmäßig.
Man
betrachte
z. B.
die
Statistik
der
Auf-
tragseingänge
in
den
USA,
die
allgemein
als
wichtiger
Konjunktur-
indikator
betrachtet
und
auch
für
Prognosezwecke
benutzt
wird.
Die
Punkte
an
der
Kurve
bezeichnen
die
Umkehr
der
speziellen
Kon-
junkturbewegung,
wie
sie
vom
National
Bureau
of
Economic
Research
festgelegt
wurde,
während
die
dunklen
Gebiete
die
Kontraktionen
der
allgemeinen
Geschäftstätigkeit
angeben.
Wie
man
sieht,
ist
jede
allge-
meine
Auf-
und
Abwärtsbewegung
von
soviel
Zwischenhochs
und
-tiefs
überlagert,
daß
es
in
jedem
Zeitpunkt
unmöglich
ist
anzugeben,
ob
eine
,gerade
beobachtete
Richtungsänderung
der
Kurve
solch
eine
vorüber-
gehende
Schwankung
oder
tatsächlich
den
Beginn
eines
Trendum-
schwungs
darstellt.
Gerade
das
sollte
man
aber
wissen.
Eine
Konjunk-
turdiagnose
im
obigen
Sinn
impliziert
also
immer
eine
Prognose
da-
hingehend,
daß
z.
B.
der
Konjunkturauf-
oder
-abschwung
weitergehen
wird
(wenn
man
die
jetzige
Situation
als
Teil
einer
Auf-
oder
Ab-
schwungsbewegung
anspricht)
oder
daß
ein
Umschwung
eintritt
(wenn
man
am
Ende
der
Auf-
oder
Abschwungsphase
angelangt
zu
sein
glaubt).
Nur
in
dem
Maße,
in
dem
eine
kurz-
oder
mittelfristige
Wirt-
schaftsprognose
möglich
ist,
gibt
es
auch
eine
Konjunkturdiagnose.
Bevor
nur
auf
die
bisher
hauptsächlich
angewandten
Methoden
der
Konjunkturdiagnose
im
einzelnen
eingegangen
wird
und
Verbesserun-
gen
vorgeschlagen
werden,
sollen
einige
Betrachtungen
über
die
Gren-
zen
von
Wirtschaftsprognosen
vorausgeschickt
werden.
Das
Thema
ist
in
der
Literatur
öfter
behandelt
worden
2 ,
und
es
ist
hier
nicht
der
Ort,
sich
mit
den
dort
geäußerten
Ansichten
auseinanderzusetzen.
Man
kann
aber
aus
sehr
allgemeinen
Überlegungen
mit
Gewißheit
folgern:
2 Vgl.
z.
B.
O.
Morgenstern: Wirtschaftsprognose. Eine Untersuchung
ihrer
Voraussetzungen
und
Möglichkeiten. Wien 1928. F.
A.
Lutz: Das Problem
der
Wirtschaftsprognosen, Tübingen 1955. L.
A.
Hahn: Die
Propheten
des
Un-
prophezeibaren, Zeitschr.
f.
d. ges. Kreditwesen 5 (1952),
S.
341
ff.
Vgl. auch
die
Erwiderung
von E. Schneider: ebendort, S. 442
ff.
Bosse:
über
die Mög-
lichkeit
und
den
Nutzen von kurzfristigen Wirtschaftsprognosen, Weltwirtsch.
Archiv, Bd. 79 (1957),
S.
65 ff. J öhr: Problemes de Prevision Economique,
Revue
de
science financiere, 1956,
Heft
I,
S.
25
ff.
Prognoseverfahren
im
einzelnen
wurden
behandelt
bei:
H.
Theil: Economic Forecasts
and
Policy,
Amsterdam
1958.
Bassie: Economic Forecasting, New York-Toronto-London 1958.
Na-
tional
Bureau
of Economic Research, Long-Range Economic Projection,
Stu-
dies
in
Income
and
Wealth, Vol. 16, Princeton 1954. National
Bureau
of
Economic Research,
Short-Term
Economic Forecasting, Studies
in
Income
and
Wealth, Vol. 17, Princeton 1955. National
Bureau
of Economic Research,
The
Quality
and
Economic Significance of Anticipation Data,
Princeton
1960.
Mac Niece: Production Forecasting, Planning,
and
Control, 3 rd. ed. New
York-London 1961.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
w
~
::r
5
."
::I
po
< 2 5
."
...
a
&l
20
!'"
Ul 1 S
0
a
11>
06'
g,
10
::;:
~
..
8
..
6
5
4
3
1939
40
41
42 43
Auftr'agseingänge
in
den
USA
1939-1958
44
45
46
in
M rd.
US
- Dollar
Logafl/thmischet'
Maßstab
47 48
49
50
51
52
53
Entnommen
aus:
Business Cycles
Indicatofls,
Vol.
I,
/)I>S[1.
yon
G./I. Moofle
fN8ERJ,
Pf'lnceton 1961,
S.
*"2
Fi
g.
2
25
20
1 5
0
8
6
5
4
3
2
54
55 56 57 58
~
0:
~
g:
~
~.
....
C1>
::l
c::
[
Q
'1
C1>
::l
N
C1>
::l
0.
C1>
'1
g:
::l
......
c::
::l
~
....
c::
a
;.
IIQ
::l
0
'"
C1>
c"
c"
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
34
Wilhelm
Krelle
eine
Konjunkturprognose
im
Sinne
einer
sicheren
Voraussage
aller
volkswirtschaftlich
bedeutsamen
Größen
ist
unmöglich.
Dagegen
darf
man
hoffen,
mit
gewissen
Verfahren
in
vielen
Fällen
einigermaßen
in
die
Nähe
der
richtigen
Ziffern
zu
kommen. Wie
groß
diese "Vielzahl
von
Fällen"
und
wie
eng
die
"Annäherung
an
die
richtigen Ziffern" ist,
ent-
scheidet
über
die
Brauchbarkeit
des
Verfahrens.
Hier
kann
man
sicher
noch
Fortschritte
machen
über
den
jetzt
erreichten
und
gegenüber
früher
schon
erheblich
verbesserten
Stand
hinaus,
aber
eine
lOOOfoige
Treffer-
zahl
ist
unmöglich.
Warum?
Einmal
ergibt
sich
der
Wirtschaftsverlauf
in
einer
Marktwirtschaft
aus
einer
Vielzahl
von
individuellen
Entscheidungen,
die
keineswegs
strikt
determiniert
sind, auch als
Kollektiv
nicht.
Wäre
z.
B.
die
Ent-
scheidung des
Kollektivs
bestehend
aus
n
Personen
funktionell
festge-
legt,
so
können
höchstens
n-l
Personen
in
ihrem
Entschluß
frei
sein,
der
Entschluß
zumindest
der
n-ten
Person
müßte
strikt
determiniert
sein,
was
der
Voraussetzung
widerspricht.
Bestenfalls
kann
das
Ver-
halten
des
Kollektivs
also
als
stochastische
Größe
aufgefaßt
werden.
Da-
mit
sind
nur
Wahrscheinlichkeitsaussagen
über
die
uns
interessieren-
den
Gesamtgrößen
möglich 3 •
Zweitens
hängen
gewisse
Teile
der
Pro-
duktion,
vor
allem
in
der
Landwirtschaft,
von
nicht
beherrschbaren
Naturvorgängen
ab; es
gibt
allgemein.
auf
dem
Gebiet
der
Produktion
Mißerfolge
oder
Glücksfälle, die sich
nicht
voraussehen
lassen.
Drittens
sind
alle
entwickelten
Volkswirtschaften
in
mehr
oder
weniger
großem
Umfang
auf
den
Wirtschaftsverkehr
mit
dem
Ausland
angewiesen.
Hi~r
wirken
aber
nun
nicht
oder
nur
ungenügend
voraussehbare
fremde
Ent-
scheidungen
und
Entwicklungen
auf
die·
eigene
Wirtschaft
ein.
Und
viertens
ist
eine
moderne
arbeitsteilige
Volkswirtschaft
ein
so
kompli-
ziertes
Gebilde,
daß
seine
völlige theoretische
Beherrschung,
selbst
wenn
man
alle
Beziehungen
kennen
würde,
unmöglich erscheint. Auch
bei
einer
Planwirtschaft
ist
das
Wirtschaftsergebnis
nicht
vorauszu-
sehen; es
gibt
Fehlplanungen
und
über-
oder
Nichterfüllung
von
Plan-
zielen; auch
hier
weiß
man
nicht
genau,
an
welcher
Stelle
der
wirt-
schaftlichen
Entwicklung
man
steht.
Es
gelingt
ja
nicht
einmal,
den
theoretisch viel
einfacheren
Vorgang
der
Wetterbildung
rechnerisch so
zu
verfolgen,
daß
eine sichere
Wettervorhersage
möglich ist,
und
das,
obwohl
es sich
um
ein
strikt
naturwissenschaftlich
determiniertes
Ge-
schehen
handelt,
dessen Gesetze,
die
als
Differentialgleichungen
darge-
stellt
werden
können,
bekannt
sind.
Wenn
selbst
die Meteorologen
mit
einer
etwa
850f0igen Treffsicherheit
ihrer
kurzfristigen
Prognose
(1
bis
2 Tage)
zufrieden
sein
müssen, sollte
man
nicht
unmögliche
Forderun-
gen
für
die Wirtschaftsprognose stellen.
3
Dieses
Argument
würde
allerdings
für
eine
Planwirtschaft
nicht
oder
nur
in
geringerem
Umfang
zutreffen.
Die
folgenden
Gesichtspunkte
gelten
aber
für
beide
Wirtschaftsordnungen.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Möglichkeiten und Grenzen der Konjunkturdiagnose
35
.
Daß
nicht
vörhersehbare
" zufällige "
Vorgänge
eine
bedeutende
Rolle
im
Konjunkturgeschehen
spielen,
ist
wohl
allgemein
anerkannt.
Am
extremsten
ist
hier
die
Position
Slutzk
ys
4,
der
den
ganzen
Konjunktur..;
v'organg
überhaupt
nur
aus
der
überlagerung
von
Zufallsvorgängen
er-
klären
will.
Das
ist
sicher
übertrieben.
Aber
ebenso
sicher
ist
das
"zu-
fällige"
Element
nicht
voll
aus
dem
Wirtschaftsgeschehen
auszusehei
...
den,
und
insofern
ist
die
Konjunktur
nicht
mit
Sicherheit
zu
diagno-
stizieren.
Ich
habe
vor
einiger
Zeit
den
Einfluß
zufälliger
Impulse
auf
den
Wirt,;.
schaftsablauf
in
einem
einfachen
Konjunkturmodell
dargestelUS.
Diese
Theorie
benötigt
nur
folgende
strukturellen
Züge
einer
Marktwirt-
schaft:
1.
Ein
einmal
in
Gang
befindlicher
expansiver
oder
kontraktiver
Prozeß
setzt
sich
eine
Zeit
lang
aus
eigenen
Kräften
weiter
fort.
2.
Nach
einer
gewissen
Dauer
erlahmen
diese
Kräfte.
Der
Auf-
schwung
bzw.
Abschwung
läßt
in
seinem
Tempo
nach.
Während
alle
modernen
Konjunkturtheorien
in
der
Erklärung
dieser
Verstärkerelemente
und
ihrer
im
Zuge
des
Prozesses
nachlassenden
Wirkung
im
wesentlichen
einig
sind,
unterscheiden
sie sich
weitgehend
in
der
Erklärung
der
Umkehrpunkte.
Die stochastische
Konjunktur-
theorie
benötigt
aber
eine
solche
Erklärung
gar
nicht; sie
kommt
ohne
die
These
aus,
daß
der
Aufschwung
selbst
den
Abschwung
herbeiführt.
, Die
Umkehr
geschieht
vielmehr
durch
zufällig
verteilte
Impulse,
die
in
Größe
und
Richtung
etwa
einer
Gaussschen
Normalverteilung
folgen.
Es
läßt
sich zei,gen,
daß
auf
diese
Weise
ein
wahrscheinlichster
Kon""
junkturverlauf
zustande
kommt,
von
dem
dann
der
tatsächliche
Verlauf
mehr
oder
weniger
abweicht.
Ist
das
richtig, so
sind
natürlich
auch
nur
Wahrscheinlichkeitsaussagen
über
den
jeweiligen
Stand
im
Konjunk-
turzyklus
möglich.
2.
Die
angewandten Verfahren
zur
Konjunkturdiagnose
Wie
weit
ist
man
nun
in
der
Konjunkturdiagnose
gekommen?
Um
diese
Frage
zu
beantworten,
werden
im
folgenden
die
bisher
ange-
wandten
wissenschaftlich
fundierten
Methoden
der
Konjunkturbeurtei-
lung
vorgeführt
und
auf
ihre
Erfolgschancen
untersucht.
Man
kann
drei
grundsätzlich
verschiedene
Methoden
unterscheiden,
die
wiederum
in
vielen
Abarten
und
Ausprägungen
praktisch
angewandt
werden:
A.
Die
4
Slutzky:
The Summation of Random Causes as the Source of Cyclic
Processes, Econometrica 5, 1937,'
S.
105-146.
5 Krelle: Grundlinien einer stochastischen Konjunkturtheorie, Zeitschr.
f.
d.
ges. Staatsw. 115 (1959),
S.
472-494.
a·
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
36
Wilhelm
Krelle
Befragung
von
Personen
in
wirtschaftlich
entscheidender
Position
oder
(meist
stichprobenweise)
von
Personenkreisen,
deren
Verhalten
die
Konjunktur
beeinflußt,
über
die
Beurteilung
ihrer
wirtschaftlichen
Lage
und
ihre
wirtschaftlichen
Absichten; B. Die empirische
Analyse
statisti-
scher
Zeitreihen;
C.
Die
Aufstellung
und
Auswertung
vollständiger
Wirtschaftsmodelle.
Natürlich
finden sich
in
der
Praxis
viele
übergänge
zwischen
diesen
Methoden.
Oft
werden
z.
B.
der
Konjunkturbeurteilung
Zeitreihen
zu-
grundegelegt
und
auf
ihrer
Grundlage
mögliche
weitere
Konjunktur-
entwicklungen
erörtert,
wobei
das
Wirtschaftsmodell,
das
den
Über-
legungen
zugrundeliegt,
nicht
ausdrücklich fixiert
wird,
sondern
mehr
"im
Unterbewußten"
bleibt. Solche
Methoden
stehen
aber
am
Rand
der
Wissenschaftlichkeit. Das
bedeutet
nicht,
daß
das
Ergebnis
in
jedem
Falle
schlechter
sein
muß,
nur
ist
der
Prozeß
der
Urteilsbildung
nicht
nachprüfbar.
Hier
wird
die
Konjunkturdiagnose
statt
zu
einer
Wissen-
schaft
zu
einer
Kunst.
Doch
damit
haben
wir
uns
nicht
zu
befassen.
Im
folgenden
werden
nun
die
oben
erwähnten
drei
Hauptmethoden
wissenschaftlicher
Konjunkturdiagnose
im
einzelnen
untersucht.
A. B e
fra
gun
gen
Seit
GalZup
die
Meinungserforschung
durch
Repräsentativbefragun-
gen
populär
gemacht
hat,
ist
dieses
Verfahren
zu
einer
wichtigen
und
relativ
verläßlichen
Methode
auf
politischem, soziologischem
und
wirt-
schaftlichem
Gebiet
entwickelt
worden'.
Kein
Wunder,
daß
es auch
für
die
Konjunkturdiagnose
nutzbar
gemacht
wurde.
Natürlich
kann
man
Fragen
der
verschiedensten
Art
in
dieser
Richtung
stellen
und
sich
an
die
verschiedensten
Kreise
wenden,
und
es
hat
wenig
Sinn,
alle
bisheri-
gen
konjunkturdiagnostischen
Befragungen
zusammenstellen
zu
wol-
len.
Vielmehr
wollen
wir
zwei verschiedene
Befragungsarten,
die
weit-
gehend
angewandt
werden,
als
Beispiel
herausgreifen
und
genauer
be-
handeln.
Die
erste
Form
ist
die
Tendenzbefragung
nach
dem
Muster
des
Ifo-Instituts
München. Sie
richtet
sich
an
einen
möglichst
umfassenden
Kreis
der
wirtschaftlich
entscheidenden
Persönlichkeiten
und
verlangt
von
ihnen
die
Beantwortung
von
Fragen
nach gewissen
konjunkturell
bedeutsamen
Tendenzen
ohne
ins
einzelne
gehende
Zahlenangaben.
Die
zweite
Form
ist
die
Repräsentativ
b
efragung,
wie
sie
etwa
vom
Survey
Research
Center
der
University
of Michigan
angewandt
wird.
Sie
richtet
sich
an
einen
sorgfältig
ausgewählten,
für
eine
größere
Gesamtheit
G Vgl.
die
entsprechenden
Ausführungen
in
den
Veröffentlichungen
über
Marktforschung,
z.
B.: A.
Münster:
Fibel
der
Marktforschung,
Darmstadt
1957; E. Schäfer:
Grundlagen
der
Marktbeobachtung
(Dissertation),
Nürn-
berg
1928; E. Schäfer:
Grundlagen
der
Marktforschung,
Köln
und
Opladen,
1953;
J.
H.
Lorie
und
H.
V.
Roberts:
Basic
Methods
of
Marketing
Research.
New
York,
Toronto,
London
1951.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Möglichkeiten
und
Grenzen der Konjunkturdiagnose 37
repräsentativen,
relativ
kleinen
Kreis,
verlangt
dafür
aber
sehr
viel
detaillierte
und,
soweit
möglich,
auch
numerische
Angaben.
a)
Tendenzbejragungen
Der
lfo-Test
Das
Verfahren
wurde
1949
vom
Ho-Institut
München
entwickelt
und
seit
Anfang
1950
in
immer
wachsendem
Umfang
angewandt.
Es
ist
unter
dem
Namen
"Konjunkturtest"
bekanntgeworden
und
wird
in
der
Zwischenzeit
auch
im
Ausland
vielfach benutzt7.
Monatlich
werden
Fragebogen
an
einen
Kreis
von
freiwilligen
"Teilnehmerfirmen"
ver-
sandt,
deren
"Tendenzfragen"
möglichst
von
den
leitenden
Persönlich-
keiten
der
Firma
persönlich
zu
beantworten
sind.
Die
Fragen
beziehen
sich
auf
die
Entwicklungstendenzen
von
Produktion,
Lagerbestand,
Auftragseingang,
Auftragsbestand,
Verkaufspreisen,
Materialkosten,
Umsatz
und
anderen
Größen
gegenüber
dem
Vormonat
und
gegenüber
dem
gleichen
Vorjahresmonat,
auf
die
Beurteilung
der
Geschäftslage,
der
Größe
der
Rohstoff-
und
Fertigwarenlager,
der
Exportsituation
u.
ä.,
auf
die
kurzfristige
Erwartung
(bezogen
auf
den
nächsten
Monat)
über
die
Produktionstätigkeit,
den
Auftragseingang,
die
Preise,
den
Umsatz,
die
Lagergröße
u. ä.
sowie
auf
die
entsprechenden
langfristigen
Erwar-
tungen
(für
6 Monate). Die
Antworten
werden
nur
in
der
Form
größer bzw. zu groß bzw. besser
11
etwa
gleich groß bzw. ausreichend
'I
geringer bzw. zu gering bzw. schlechter
_I
__
I
durch
Ankreuzen
eines
für
jede
Frage
vorgedruckten
Kästchens
ge-
geben.
Die
Antworten
werden
nach
geeigneten
Indikatoren
für
den
Marktanteil
der
betreffenden
Firma
(vor
allem
nach
der
Produktion
bzw.
dem
Umsatz)
gewichtet
und
das
Ergebnis
für
jede
Frage
in
Form
eines
Kästchendiagramms
den
teilnehmenden
Firmen
möglichst
schnell
zur
Kenntnis
gebracht;
z.
B.
im
Fall
der
Produktion:
Die Produktion ist
I t · I gleich- I zurück- I
ges legen geblieben gegangen
~~~
~
~%
00%
W%
der
berichtenden Firmen.
Kommentar: Die Produktion ist vielfach gestiegen.
7
Z.
B.
in
Italien, Österreich, Niederlande, Belgien, Südafrikanische Union,
Japan. Vgl. hierzu Strigel:
über
die Anwendung von Tendenzbefragungen
als Mittel
der
Konjunkturbeobachtung im Ausland, Allgemeines Statistisches
Archiv
38
(1954),
S.142-153, sowie Marquardt
und
Strigel: Der
Konjunktur-
test. Eine neue Methode
der
Wirtschaftsbeobachtung, Berlin-München
1959,
S.151-168. Neben dem Münchener Konjunkturtestverfahren sind
in
einigen
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
38 Wilhelm Krelle
Ende
1958
wurden
auf
diese
Weise 362
Branchen
bzw.
konjunkturell
wichtige
Erzeugnisse
erfaßt
mit
6327
berichtenden
Firmen
8 •
Inwieweit
war
es
nun
möglich,
mit
dieser
Methode
Entwicklungs-
tendenzen
konjunkturell
wichtiger
Größen
wie
Preise,
Produktion,
Um-
sätze
usw.
vorauszusagen
und
damit
die
augenblickliche
Stellung
im
Konjunkturverlauf
richtig
zu
erkennen?
Besonders
wichtig
ist
hierbei
natürlich,
ob
Wendepunkte
in
der
Entwicklung
richtig
vorher
erkannt
wurden.
Das
Problem
hat
drei
Seiten.
Einmal
ist
festzustellen,
inwieweit
der
einzelne
Unternehmer
die
für
ihn
relevanten
Größen
richtig
voraus-
schätzen
kann,
ob
also
die
tatsächliche
Entwicklung,
wie
er
sie
selbst
einen
Monat
später
meldet,
mit
seiner
Erwartung
hierüber,
wie
er
sie
einen
Monat
vorher
konstatiert
hat,
übereinstimmt.
Zweitens
muß
das-
selbe
für
Branchen
als
ganzes
untersucht
werden.
Möglicherweise
sind
nämlich
die
aggregierten
Konjunkturvoraussagen
auf
der
Makro-Ebene
besser
als
die
individuellen
auf
der
Mikro-Ebene.
Und
drittens
ist
der
Grad
der
übereinstimmung
des
Konjunkturbildes,
das
sich
aus
dem
Konjunkturtest
ergibt,
mit
den
Ziffern
der
amtlichen
Statistik
zu
über-
prüfen.
Die
"individuelle
Trefferquote"
der
Unternehmervoraussagen
ist
bei
den
bisher
untersuchten
Unternehmermeldungen
gewisser
Branchen
erstaunlich
niedrig.
Sie
liegt
in
der
Industrie
bei
den
Größen,
über
die
der
Unternehmer
selbst
entscheidet,
zwischen
65
und
87
vH,
wobei
hier
auch
alle
Fälle,
in
denen
"unverändert"
vorausgesagt
und
eingetreten
ist, eingeschlossen
sind'.
Viel schlechter
sind
die
Ergebnisse
von
Voraus-
schätzungen
wirtschaftlicher
Größen,
die
der
Unternehmer
nicht
oder
nur
relativ
wenig
beeinflussen
kann,
wie
der
Auftragseingang.
Hier
liegt
die
Trefferquote
kaum
über
50
vH.
Der
Handel
hat
mit
seinen
Voraussagen
im
großen
und
ganzen
sogar
noch
weniger
Glück
als
die
Industrie.
Die
untenstehende
Tabelle
gibt
das
Ergebnis
der
einschlägi-
gen
Untersuchungen
des
Ifo-Instituts
wieder
10
•
Ländern
ähnliche
in
mehr
oder weniger abweichender
Form
entwickelt
worden. Vgl. hierzu
Marquardt
und
Strigel:
a. a.
0.,
S.
168--184.
8 Es ist nicht Aufgabe dieses Referates, die Einzelheiten
der
Befragungs-
und
Aufbereitungstechnik zu schildern. Hierfür
steht
genügend
Literatur
zur
Verfügung. Vgl. die zahlreichen Aufsätze
in
den Ifo-Studien 1 (1955) bis
jetzt sowie
Marquardt
und
Strigel:
Der Konjunkturtest. Eine neue Methode
der
Wirtschaftsbeobachtung, Berlin-München 1959.
9 Die Meldung "unverändert" ist insofern besonders problematisch, als
der
individuelle Grad
der
Fühlbarkeit von Veränderungen sicher
sehr
ver-
schieden ist. Mehr oder weniger große Änderungen werden also
hierunter
subsumiert sein.
10 Entnommen aus
Marquardt
und
Strigel:
Der Konjunkturtest, a. a.
0.,
S.
136. Vgl. hierzu auch
H.
Fürst:
Zur
Tre:flsicherheit
unternehmerischerex
ante-Angaben, Ifo-Studien 3 (1957),
S.
91-108,
und
Marquardt:
Unternehmer-
voraussagen
und
Unternehmerverhalten .im Spiegel des Konjunkturtests.,
Ifo-Studien 4 (1958),
S.
1-34.
Daß die
in
obiger Tabelle angegebenen "Tre:fler-
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Möglichkeiten
und
Grenzen
der
Konjunkturdiagnose
39
Tabelle
1
Gesamttrefferquoten von
ex
ante-Angaben
in
vB
aller Fällea)
Bereich/Zeit
Variable
Industrie
Produktion
I
Verkaufs-
I
Beschäftigte
Auftrags-
preise
b)
eingang
c)
Ledererzeugung
(Januar
1950-Juli
1957)
74
74
58
Schuhindustrie
(Januar
1950 -
August
1957)
71
82
79
54
Spinnerei
und
Weberei
(Januar
1950
-
Dezember
1953)
75
65
84
Bekleidungsindustrie
(Januar
1950-Dezember
1953)
63
75 75
Papiererzeugung
(Januar
1953
-
Dezember
1956)
86
87
Handel
Umsatz
I
Einkaufs-
Verkaufs-
Waren-
preise
preise
eingang
Großhandel
mit
Häuten
(Juli
1951
-
Dezember
1954)
51
50
53 59
]?apiergroßhandel
I I
(Januar
1953
-
Dezember
1956)
.
82
Textilgroßhandel
(Juli
1951
-
Dezember
1953)
53
75 76
Textileinzelhandel
(April
1950
-
Dezember
1953)
53
75 74
Schuheinzelhandel
(April
1950 -
Dezember
1954)
65
58
Entnommen
aus;
W.
Marquarc1
und
W.
Strtge!:
Der
Konjunkturtest.
Eme
neue
Methode
der
Wirtschaftsbeobachtung,
Schriftenreihe
des
Ho-Instituts
für
Wirt-
schaftsforschung,
Nr.
38,
Berl1n
1959,
S.
136.
a)
Zusammengestellt
nach
H.
F1lrst:
Zur
Treffsicherheit
unternehmerischer
ex
ante-
Angaben,
Ho-Studien,
Jg.
3
(1957),
S.
95
(Tab.
2a)
und
S.
97
(Tab.
3a).
b)
Ex
ante-Daten
für
die
Beschäftigten
liegen
nur
bis
Dezember
1953
vor.
c)
Ex
ante-Daten
für
den
Auftragseingang
liegen
erst
seit
Januar
1956
vor.
Neuere
Untersuchungen
des
Ho-Instituts
bestätigen
dieses
Ergebnis
ll
•
Die
folgende
Tabelle
zeigt
den
Prozentsatz
der
Firmen
an,
die die
Ent-
wicklung
des
letzten
Monats
richtig
prognostizierten.
prozente"
nicht
außergewöhnlich
sind,
zeigt
ein
Vergleich
mit
entsprechenden
"Trefferquoten"
im
schwedischen
Konjunkturtest;
die.
schwedischen
Quoten
liegen
fast
durchweg
tiefer.
Vgl.
hierzu:
Lönnqvist:
über
die
Beziehungen
zwischen
ex
.ante-
und
ex
post-Daten
im
schwedischen
Konjunkturtest,
Ifo-
Studien
4 (1958),
S.35-55;
siehe
insbesondere
die
Tabelle
auf
S.48--50;
11 Vgl.
Starzmann:
Zur
Treffsicherheit
unternehmerischer
Antizipationen
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
46
Wilhelm Krelle .
daß
die
Testzahlen
etwa
den
Trend
wiedergeben.
Fig. 3
gibt
einen
An-
halt
für
die
Übereinstimmung
l8
.
Zusammenfassend
darf
man
sagen,
daß
das
Künjunkturtestverfahren
eine
Künjunkturdiagnüse
vün
Branchen
gestattet,
wübeidie
"Treffer-
wahrscheinlichkeit"
dieser
Diagnüse
in
den
einzelnen
Bereichen
zwar
unterschiedlich,
aber
im
allgemeinen
doch
ausreichend
und
vür
allem
berechenbar
ist.
b)
Andere
Repräsentativbejragungen
Katünas
Methode
Statt
wie
beim
Ifü~Test
vün
möglichst
vielen
Firmen
einer
Branche
durch
Fragebügenversendung
in
regelmäßigen
Abständen
Auskunft
über
den
Wirtschaftsverlauf
und
die
Zukunftsbeurteilung
zu
erhalten,
wübei
nur
sülche
Fragen
gestellt
werden
können,
die
vün
den
leitenden
Persönlichkeiten
"aus
dem
Handgelenk"
in
etwa
fünf
Minuten
zu
be-
antwürten
sind,
kann
man
auch
aus
einer
Gesamtheit
nach
wahrschein-
lichkeitstheüretischen
Gesichtspunkten
eine
Repräsentatiünswahl
treffen
und
die
ausgewählten
Einheiten
(z.
B.
Firmen,
Haushalte
usw.)
durch
Interviewer
dann
gründlicher
befragen
lassen.
Das
hat
den
Vürteil,
daß
man
erheblich
mehr
und
eingehendere
Fragen
stellen
kann,
daß
der
Interviewer
für
Erläuterungen
zur
Verfügung
steht
und
sich
ein
Bild
machen
kann,
üb
die
Fragen
wirklich
sürgfältig,
d. h.
subjektiv
richtig,
beantwürtet
werden.
Diese
Methüde
wird
vün
Survey
Research
Center
im
Institute
für
Sücial
Research
der
University
üf
Michigan
(Ann
Arbür,
USA)
unter
der
Leitung
vün
Katona
angewandt,
und
es
ist
angebracht,
etwas
näher
auf
sie
einzugehen.
Dabei
interessiert
uns
in
diesem
Zu-
sammenhang
nicht
die
hinter
den
Verfahren
stehende
"Philüsüphie"
eines
Brückenschlages
vün
der
Psychülügie
zur
Nationalökünümie"19,
ebensüwenig
die
Ausnutzung
der
Methüde
zur
Beschaffung
relativ
billiger
und
einigermaßen
verläßlicher
statistischer
Unterlagen,
wo.
eine
vüllständige
Erhebung
nicht
angängig
ist
20
,
sündern
allein
die
18
Entnommen aus Marquardt u. $trigel: Der Konjunkturtest, a. a.
0.,
S.47.
19
Vgl. hierzu das Buch von Katona: Psychologfcal Analysis of Economic
Behavior, New Yürk-Toronto-London
1951;
deutsche Übersetzung
und
Er-
weiterung: Das Verhalten
der
Verbraucher
und
Unternehmer, Tübingen
1950.
20
Das Survey Research Center
führt
z.
B.
seit
1945
regelmäßig jährlich
einmal im Auftrag des Federal Reserve Board eine Repräsentativbefragung
der
gesamten US-amerikanischen Bevölkerung durch. Diese Befragung,
deren Ergebnisse
im
Federal.Reserve Bulletin veröffentlicht werden, dient
der
Sammlung von statistischen Unterlagen über das Konsumenteneinkom-
men, Schulden, größere finanzielle Transaktionen usw. Vgl. hierzu die
Federal Reserve Bulletins, außerdem Katona, Klein, Lansing, Morgan: Con-
tributions of Survey Methods tü Economics, New York
1954;
Katona
und
Eva
Mueller: Consumer Expectations 1953--1956, Michigan, ohne
Jahr;
beide
Bücher
enthalten
eine Bibliographie über. dieses Gebiet. Vgl. außerdem
Katona:
Federal
Reserve Board Committee Reports on Consumer Expec-
tatiüns and Savings Statistics, Rev. öf Ec. and Stat.
39
(1957);
S.
40;......45.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Möglichkeiten
und
Grenzen
der
Konjunkturdiagnose 47
konjunkturdiagnostische
Möglichkeit.
Das
Survey
Research
Center
be-
faßt
siCh
praktisch'nur
mit
Konsumentenbefragungen
21
•
Trotzdem
ist
das
Ergebnis
für
die
Konjunkturdiagnose
unter
Umständen
sehr
be-
deutsam,
weil
die
Nachfrage,
insbesondere
nach
dauerhaften
Konsum-
gütern
(Autos,
KühlsChränken,Fernsehapparaten
etc.),
einen
sehr
be-
deutsamen
Einfluß
auf
die
Konjunkturbewegung
ausübt.
Gerade
diese
Nachfrage
schwankt
aber
relativ
stark,
da
sie
ohne
große
Nachteile
für
den
Konsumenten
eine
ziemliche
Zeit
lang
aufgeschoben
werden
kann.
Umso
wichtiger
ist
es,
über
die
Stimmungen
und
Kaufabsichten
der
Konsumenten
im
voraus
orientiert
zu
sein.
Läßt
das
Ergebnis
dieser
jährlich
zweimal
vorgenommenen
Befragun-
gen
einigermaßen
sichere
Schlüsse
über
das
zukünftige
Kaufverhalten
zu?
Hierzu
sollte
man
wissen,
inwieweit
die
Befragten,
die
eine
be-
stimmte
Absicht
(z. B.
zum
Kauf
eines
Autos)
bekundeten,
sie
dann
auch
durchführten.
Um
das
zu
kontrollieren,
wurde
gelegentlich
ausnahms-
weise
der
gleiche
Personenkreis
das
nächste
Mal
wieder
befragt
(wäh-
rend
sonst
bei
jeder
Befragung
eine
neue
Repräsentativwahl
gezogen
wird).
Das
Ergebnis
war
enttäuschend:
nur
wenig
mehr
als
die
Hälfte,
die
z. B.
Anfang
1948
ihre
definitive
Absicht
zum
Kauf
eines
neuen
Autos
erklärten,
kauften
dann
auch
tatsächlich
ein
neues;
nimmt
man
noch
den
Kauf
eiries
gebrauchten
Wagens
hinzu
-
obwohl
ursprüng-
lich
beabsichtigt
war,
ein
rieues
zu
kaufen
-,
so
steigt
die
Zahl
der
tat-
sächlichen
Käufe
auf
etwa
2/
3 • Die
folgende
Tabelle
5
gibt
über
die
be-
kundeten
Absichten
und
das
tatsächliche
Handeln
beim
Autokauf
Aus-
kunft!!.
Die
Konsumenten
ändern
ihre
Pläne
also
sogar
noch
häufiger
als
die
Unternehmer,
wie
ein
Vergleich
mit
der
entsprechenden
Ta-
belle
1 zeigt. '
Aus
diesem
Grund
legen
auch
Katona
und
seine
Forschungsgruppe
wenig
Wert
auf
die
"absolute
Größe"
der
Kaufabsichten,
sondern
stellen
vor
allem
auf
die
Veränderungen
ab.
Wenn
z.
B.
bei
einer
Befragung
10
vH
der
Befragten
die
Absicht
bekunden,
einen
neuen
Wagen
zu
kaufen,
in
der
darauffolgenden
Befragung
(nach
einem
halben
Jahr
etwa)
15
vH,
so
kann
man
mit
größerer
Verläßlichkeit
auf
eine
Zunahme
der
Automobilnachfrage
schließen.
Die
folgende
Figur
4 zeigt,
daß
zwi-
schen
der
Anderung
der
relativen
Zahl
der
Kaufwilligen
und
der
Ände-
21 Das liegt
aber
nicht unbedingt
im
Wesen
der
Methode.
Katona
hat
in
ähnlicher Weise
früher
auch das Verhalten von
Unternehmern
untersucht;
vgl.
Katona,
Das Verhalten
der
Verbraucher
und
Unternehmer, a. a.
0.,
S.
231 ff; Immerhin ist die Methode wohl geeigneter
für
die Analyse eines
großen, relativ einheitlichen Kollektivs, wie es die Verbraucher darstellen,
und
ergänzt
daher
die !fo-Methode, die
für
Unternehmerbefragungen
an-
gewandt wird.
22 Nach
Katona,
Klein,
Lansing,
Morgan:
Contributions of Survey Methods
to Economies, a. a.
0.,
S.
254.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
48
Wilhelm
Krelle
Tabelle
5
Reall8ierung
beabsichtigter
Kiufe
von
neuen
u.
gebrauchten
AutomobUen
Kaufabsichten,
Anfang
1948
feste
Absicht wahrscheinliche unentschlossene
Absicht
z.
Kauf
zum Kauf eines eines Nachfrage nach
Käufe
im
Keine
Jahre
1948
..Q
'" -
~d
Kaufabsicht
..,
'"
..Q
..,
. = u = • c g
CI
. =
:::s
..
:::s
..
:::s
..
e~
:::s
..
..
be
fbe
Z~
e~
"be
Z
'"
.0'"
Z
~
..
'"
~
..
~
~
~~
~~
0
t:J
t:J
vH-Anteile
der
Realisierung
Neuwagen
57
32
7 4
Gebraucht-
wagen
10
54
10
42
11
86
7
unrealisiert
(kein
Kauf)
33
46
58
58
82
14
89
,
100
I
100
100 100
100
100
100
Entnommen aus:
G.
Katona,
L.
R.
Klein,
J.
B.
Lansing,
N.
J.
Morgan:
Contributions
of Survey Methods to Economics, New York 1954, S. 254.
rung
der
tatsächlichen
Käufe
etwa
1/
2
Jahr
später
eine
Korrelation
besteht!3.
Leider
fand
ich
in
der
Literatur
keine
Angaben
über
die
genaue
Wahrscheinlichkeit,
mit
der
Voraussagen
nach diesem
Prinzip
möglich
sind,
obwohl
deren
Errechnung,
wenn
man
die
Originalzahlen
hat,
nicht
zu
schwierig
ist. Nach
der
Fig. 4 zu
urteilen,
sollte die
Methode
aber
zu
einigermaßen
verläßlichen
Konjunkturdiagnosen
führen.
Dagegen
ist
es
schwieriger,
auf
dieser
Basis
zu
einer
Voraussage
der
Gesamtnach-
frage
der
Konsumenten
nach
dauerhaften
Konsumgütern
überhaupt
zu
kommen.
Katona
und
E.
Mueller
haben
aus
den
Angaben
über
Kaufabsichten
der
Konsumenten
für
verschiedene
Güter
und
über
allgemeine
Stim-
mungen
einen
Index
konstruiert
(wobei
jedem
Faktor
ein
gleiches
Ge-
wicht
gegeben
wird)
und
diese
Indexkurve
dem
Index
der
Käufe
von
dauerhaften
Konsumgütern
gegenübergestellt.
Die
folgende
Figur
5 24
zeigt
das
Ergebnis.
Zwar
läuft
auch
hier
der
Index
der
Kaufneigung
23
Nach
Katona
and
MuelleT:
Consumer
Expectations
1953-1956,
a. a.
0.,
5.58.
24
Nach
Katona
und
Mueller:
Consumer
Expectations
1953-1956,
a. a.
0.,
5.101.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
~
C/l
~
Der
Zusammenhang
zwischen
beabsichtigten
und
tatsächlichen Käufen
von
Personenkraftwagen
(PKW)
~
Index
der beabsichtigten
PKW
- Käufe Zulassung neuer
PKW
in Millionen
::s
(Januar 1950
-100)
~
120
rr--------------,---------------r--------------,---------------r--------------,--------------,
<
~
!l
i;l
!'"
C/l
o
'"
;-
~
~
~
1 1 0
,', Neuzulassungen während
der
1
00
.. ••••
....
nachfolgenden
12
Monate
\/1
I
\.
Beabsichtigte Käufe
von
....
Neu- und Gebrauchtwagen
.......
I
~
90
80
70
60
.' .
. -
..
l
\J
Absichten, während der nach-
folgenden 6 Monate
zu
kaufen
SO
I I I I I I I I I I
I!
I I
I!
I I I t I I
I!
I I I
Ir!
I I I
I!
1950
1951
1952
1953 1954 1955
Entnommen
81/S:
G.
K8ton8
8nd
E.
MI/e//ell
Consl/mel'
Expecfaflons
1953 - 1956, M/c/Jigan fVSAJ,
S.
58
Fig.
4
7.5
7.0
6.5
6.0
5.5
5.0
4.5
4.0
3.5
u.J
a:
0:
(JQ
-
§:
[
....
CI)
::s
§
Q.
!;)
:il
~
CI)
::s
Q.
CI)
'1
~
0
::s
....
§
:0;-
2"
'1
Q.
6)'
(JQ
6
CI>
CI)
~
co
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Kaufneigung
der
Konsumenten
und
Verkäufe
von
dauerhaften
Konsumgütern*)
Index
(Ende
1952 =
100)
120
115
110
105
100
95
90
;/
if '
/
---j
I
~
.I
_____
Index
de~
Ve~kaufe
rt-
von
daue~haften
Kon5umgüte~n
in
vH
des
Einkommens
~--j
/
/'
r-"",
V I
.'
~
\ / I
~~
\\
,-"
"
" \
·I-~
-'
\
~
,'--
....
,~
-
"-
01ndex
de~
Kaufneigung
de~
Konsumenten
I I I I I I I I
1952
1953
1954
1955
*1
DeI'
Index deI' Kaufneigung dep Konsumenten
Ist
vel'gl/cnen
mit
salsonbepelnlgten /Jaten von Vepkaufen dal.lel'lIaftel' Konsl.lmgvtel'
in
vH des vel'fugbal'en Einkommens ((/S-Oept.
of
Commel'ce)
~.
Ylel'te(janl'
1952·
100
Entnommen
aus:
G.
Katona
and
E.
MI/ellel', Consl/mel' Expectat/ons
1953-1.956,
Micn/gan (l/SAJ,
s.
101
F
ig.
5
1
20
1
15
1
10
105
100
95
90
l:1l
o
~
s:
tD
-
Ei
~
;:
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Möglichkeiten
und
Grenzen der Konjunkturdiagnose
51
der
Konsumenten
der
Kurve
des
tatsächlichen
Kaufs
etwas
voraus,
aber
die
Korrelation
ist
merklich
schlechter.
Insgesamt
darf
man
dem
vorsichtigen
Urteil
von
Katona
und
E. Mueller
wohl
zustimmen,
daß
durch
die
Methode
von
Repräsen-
tativbefragungen
"die
Unsicherheit
bezüglich
der
zukünftigen
Konsu-
mentenausgaben
reduziert
werden
kann"25.
Man
gewinnt
einen
An-
haltspunkt
für
die
Entwicklung
etwa
für
ein
halbes
Jahr
im
voraus;
allerdings
ebenfalls
nur
mit
einer
gewissen
Wahrscheinlichkeit.
Mit
Fehlprognosen
und
daher
mit
Fehlurteilen
über
den
gegenwärtigen
Stand
in
der
Konjunkturentwicklung
muß
man
aber
in
einer
gewissen
Zahl
von
Fällen
immer
rechnen.
B.
Die
e m
pi
r i s c h e A n a I y
ses
tat
ist
i s c
her
Z e i t r e i h e
n.
Die
K 0 n j
unk
t u r i n d i
kat
0
ren
de
s N a t
ion
alB
urea
u
of
Economic
Research
Diese
Methode
der
Konjunkturdiagnose
steht
am
Anfang
der
Kon-
junkturforschung
und
wird
auch
jetzt
noch
in
größtem
Umfang
ange-
wandt.
Sie ist,
wie
es
zunächst
den
Anschein
hat,
die
natürlichste
und
einfachste
Art
der
Orientierung
in
der
Konjunktur.
Der
Konjunktur-
verlauf
zeigt
sich
statistisch
als
mehr
oder
weniger
regelmäßige
Schwankung
in
den
Zeitreihen
der
wichtigsten
volkswirtschaftlichen
Größen
wie
Produktion,
Preise,
Beschäftigung,
Volkseinkommen,
Vor-
räte
usw.
Was
liegt
also
näher,
als
die
Perioden
dieser
Schwankungen
und
die
relative
Lage
der
einzelnen
Zeitreihen
zueinander
festzustellen
und,
indem
man
annimmt,
daß
diese
empirisch
festgestellten
Regel-
mäßigkeiten
auch
in
der
Zukunft
erhalten
bleiben,
dann
auf
Grund
des
bisherigen
Verlaufs
auf
den
Stand
der
Konjunktur
zu
schließen.
Am
bekanntesten
von
diesen
Ansätzen
wurde
das
Harvard-Barometer
26
•
Aus
einer
großen
Zahl
von
Zeitreihen
wurden
6
ausgewählt,
die
die
konjunkturelle
Bewegung
besonders
gut
widerspiegeln,
und
zwar
je
2
aus
dem
Bereich
der
Spekulation,
der
allgemeinen
Geschäftstätig-
keit
und
dem
Geldmarkt.
Dabei
stellte
man
fest,
daß
die
Spekulations-
kurven
denjenigen
der
Geschäftstätigkeit
und
diese
wieder
denjenigen
des
Geldmarktes
vorauseilten.
Durch
Verfolgung
dieser
Reihen
sollte
es möglich sein,
den
jeweiligen
Stand
im
Konjunkturzyklus
anzugeben.
25 Katona
und
E.
Muetler:
a. a.
0.,
S.
106.
28
Vgl.
hierzu Persons: Indices of Business Conditions, Rev. of Ec.
Sta-
tistics,
Vol.
I, Jan.
1919,
S.5--107; derselbe: An Index of General Business
Conditions,
a. a.
0.,
Vol.
I, April
1919,
S.111-205; derselbe: A Non-Technical
Explanation of
the
Index of General Business Conditions,
a.
a.
0.,
Vol.
11,
Febr.
1920,
S.
39-48. Bullock, Persons, Crum: The Construction
and
tnter-
pretation of the
Harvard
Index of Business Conditions, Rev. of Ec.
Sta-
tistics,
Vol.
IX,
1927,
S.76. Gater: Die Konjunkturprognose des
Harvard-
Instituts, Zürich
1931.
Eine zusammenfassende Darstellung findet sich bei
Jöhr, Die Konjunkturschwankungen, Tübingen-Zürich
1952,
S.
20
:If.
~.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
52 Wilhelm Krelle
Wagemann
27
erkannte
schon
die
Begrenzung
dieses Ansatzes.
Es
wur-
den
mehr
oder
weniger
willkürlich
gewisse
begrenzte
Teile
des volks-
wirtschaftlichen
Gesamtgeschehens
in
ihrer
Entwicklung
verfolgt
in
der
Erwartung,
daß
der
übrige
Teil sich
dann
entsprechend
verhält.
So
hat
denn
Wagemann
den
Konjunkturverlauf
durch
eine
große
Zahl
von
Kurvenbildern
wiedergeben
wollen,
die
sozusagen die
ganze
Wirtschaft
durchleuchten
und
nicht
nur
einen
Teil.
Er
verfolgte
eine
große
Zahl
konjunkturell
bedeutsamer
Zeitreihen,
ohne
allerdings
deren
Zusam-
menhänge
theoretisch
zu
erfassen.
Diese
Art
der
Konjunkturdiagnose
ist
am
weitesten
entwickelt
vom
National
Bureau
01
Economic Research (NBER),
New
York,
und
wird
Von
ihm
laufend
praktisch
angewandt.
Mit
dieser
bisher
besten
Aus-
prägung
der
Methode
wollen
wir
uns
im
folgenden
befassen
28 •
Das
NBER
untersuchte
laufend
eine
große
(und
stets
wachsende)
Zahl
von
konjunkturell
bedeutsamen
Zeitreihen
-
zur
Zeit
etwa
800 -
auf
vierteljährlicher
und
monatlicher
Basis
nach
ihren
konjunkturellen
Charakteristika
wie
die durchschnittliche Lage des
oberen
und
unteren
Wendepunkts
relativ
zum
allgemeinen
Konjunkturverlauf
(Voraus-
eilung
oder
Verzögerung), die
Streuung
um
diesen
Mittelwert,
Periodi-
zität
usw. 1938
wählten
Mitchell
und
Burns
29
aus
den
damals
zur
Ver-
fügung
stehenden
etwa
500
Zeitreihen
zunächst
71
aus, die nach
den
Er-
fahrungen
der
Vergangenheit
einigermaßen
konstant
in
bezug
auf
die
rplative
Lage
ihrer
oberen
und
unteren
Wendepunkte
relativ
zum
allge-
meinen
Konjunkturverlauf
waren,
obwohl
keine
dieser
Zeitreihen
etwa
ohne
Ausnahme
dem
allgemeinen
Konjunkturverlauf
vorauseilte
oder
nachhinkte.
Dann
stellten
sie
die
folgenden
Kriterien
für
einen
"idealen"
Konjunktur-Indikator
auf.
1.
Er
sollte
ein
halbes
Jahrhundert
oder
länger
statistisch
zu
ver-
folgen sein,
damit
sein
Verhalten
unter
den
verschiedensten
Be-
dingungen
zu
studieren
ist;
2.
er
sollte
die
konjunkturelle
Umkehr
jeweils
eine
genaue
Zahl
von
Monaten
vorher
anzeigen;
3.
er
sollte
keine
überlagernden
"zufälligen"
Bewegungen
zeigen:
4.
seine
zyklischen
Bewegungen
sollten
groß
genug
sein,
damit
sie
leicht
erkennbar
sind,
und
die
Amplitude
der
Bewegung
sollte
der
Größe
der
kommenden
Konjunkturveränderung
entsprechen;
21 Wagemann: Konjunkturlehre. Eine Grundlegung zur Lehre vom Rhyth-
mus
der
Wirtschaft, Berlin 1928, und Wagemann: Konjunkturstatistisches
Handbuch, Berlin 1935.
28 Vgl. hierzu
G.
H.
Moore (Editor): Business Cycle Indicators,
Vol.
I und H,
Princeton 1961.
21 Vgl. NBER, Bulletin 69, May 28, 1938, wieder abgedruckt als
Ch.
6 in:
Business Cycle Indicators,
a. a.
0.,
S.
162 ff.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Möglichkeiten
und
Grenzen der Konjunkturdiagnose 53
5.
er
sollte
seiner
Natur
nach
soviel
Vertrauen
wie
möglich
erwek-
ken,
daß
er
sich
auch
in
der
Zukunft
so
verhält
wie
in
der
Ver-
gangenheit.
Keine
Zeitreihe
entsprach
diesen
Forderungen.
MitcheU
und
Burns
wählten
aus
diesen
71
Zeitreihen
dann
21 aus,
die
den
obigen
fünf
For-
derungen
relativ
am
besten
entsprachen,
warnten
aber
zugleich
eindring-
lich
davor,
diese
Zeitreihen
rein
schematisch
zur
Konjunkturprognose
zu
verwenden.
1950
revidierte
G. H. Moore
diese
Liste
auf
Grund
neueren
und
erweiterten
statistischen
Materialg3°,
wobei
er
aber
nach
den
gleichen
rein
empirischen
Gesichtspunkten
vorging.
Er
kam
zu
8
Zeitreihen,
die
dem
allgemeinen
Konjunkturverlauf
im
allgemeinen
vorauseilen,
8
etwa
mit
ihm
zusammenfallenden
und
5
im
allgemeinen
nachhinken-
den
Reihen,
zusammen
21
wie
bei
MitcheU
und
Burns.
Und
neuerdings
hat
G. H. Moore
das
ganze
Problem
der
Konjunkturindikatoren
noch
einmal
neu
bearbeitet
und
jetzt
bei
der
Auswahl
der
Indikatoren
nicht
nur
Zeitreihen
mechanisch ausgesiebt,
sondern
auch
Gesichtspunkte
der
Konjunkturtheorie
mit
berücksichtigt.
Diesmal
gelangte
er
zu
26
Indi-
katoren,
von
denen
12
vorwiegend
dem
allgemeinen
Konjunkturverlauf
vorauseilen,
9
etwa
mit
ihm
zusammenfallen
und
5
dahinter
zurück-
bleiben
31 •
Nur
3
davon
stehen
auf
der
ursprünglichen
Liste
von
Mitchell
und
Burns
(1937) -
eine
weitere
Mahnung
zur
Vorsicht
bei
der
Ver-
wendung
dieser
Methode.
Die
folgenden
Figuren
6 u. 7
zeigen
das
kon-
junkturelle
Verhalten
der
12
vorauseilenden
Serien.
Die
dunklen
Zonen
geben
den
Abschwung
im
allgemeinen
Konjunkturverlauf
an,
die
Punkte
an
den
Zeitreihen
die
Hoch- bzw.
Tiefpunkte
der
betreffen-
den
speziellen
Konjunkturbewegung.
Wie
man
sieht,
bewegen
sich
die
meisten
Serien
ziemlich
irregulär.
Es
ist
manchmal
durchaus
willkür-
lich,
wo
man
die
Umkehrpunkte
ansetzt.
Mehrere
Zeitreihen
zeigen
defi-
nitiv
zwei
"Konjunkturschwankungen"
während
eines
Konjunkturauf-
schwungs.
Bei
vielen
ist
der
untere
Umkehrpunkt
wenig
ausgeprägt
oder
liegt
ziemlich
in
der
Nähe
des
allgemeinen
Konjunkturum-
schwungs.
Immerhin
geben
die
Zeitreihen
bei
sorgfältiger
Beurteilung
doch
einen
Anhaltspunkt
für
die
jeweilige
Stellung
im
Konjunktur-
geschehen -
vorausgesetzt,
daß
die
betreffenden
Zeitreihen
schnell
genug
zur
Verfügung
stehen.
Denn
bestenfalls
sind
die
Umkehrpunkte
einige
Monate
vorher
zu
erkennen.
Monatszahlen
müssen
also
späte-
stens
im
Monat
danach
zur
Verfügung
stehen,
wenn
das
ganze
Verfah-
ren
noch
Sinn
haben
solls2.
so
Siehe Business Cycle Indicators,
a.
a.
0.,
Ch.
7,
S.
184
ff.
31
Vgl.
G.
H.
Moore: Leading and Confirming Indicators of General Busi-
ness Changes, Business Cycle Indicators,
a.
a.
0.,
Ch.
3,
S.
45
ff.
32
A.
F. Burns
hat
es
unter
diesem Gesichtspunkt als damaliger Economic
Adviser to the President erreicht, daß die betreffenden Monatszahlen jeweils
am 19. des nächsten Monats vorlagen.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
54
t.
1
t.
0
3 9
3 8
o
3
0.8
t.
0
3 0
2 0
1 0
o
Wilhelm
Krelle
Die
12
wichtigsten
KonjunkturindikatoT'en,
19ft.8-1960
,
Indikatoren der
Beschäftigung
und
Arbeitslosigkeit
~
(DDul'Chschnittliche Arbeitsstunden
je
Woche
/:
(Industrie)
/:
1948
49
50
51
52 53
54
55
56 57
58
59
60
F i g. 6
6.0
5. 0
4 . 0
3.0
2.0
og
. M .
1 8
1 6
1 4
1 2
1 0
8
g . M.
• 4 0
3 0
2 0
1 5
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Möglichkeiten
und
Grenzen
der
Konjunkturdiagnose
55
10
~--~~
__
--~--
__
--
__
--
~
~~~--~--~
__
~~
__
r---~--,
Log.M .
20
30
40
50
60
70
80
Log .
M.
60
50
" 0
30
20
1 0
1"
0
1 2 0
100
80
Gewinne, Zahlungseinstellungen,' Aktienkullse
/
~
I
I I /
0Verbind
li
chkeiten zusammengebrochener
Unternehmungen (in Mill. $
)
,~
/. inverse
Ku
rve
;.
%
1948
49
50
51
52 53 54 55 56 57 58 59
60
Log .
M.
3 0
2 5
20
15
1 5
Entnommen liUS;
Go
If.
Mool'e,
Ed.,
Business Cycles
Ind/clito!'$,
Yo/.
l'
P";nceton (USA)
1961,
S.
58/59
F i g. 7
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
62
Wilhelm
Krelle
2.
Die
Investitionsfunktion.
Die
reale
Bruttoinvestionist
eine
lineare
Funktion
der
realen
Nettogewinne
der
gleichen
und
der
vorhergehen-
den
Periode
sowie des
langfristigen
Zinssatzes, des
realen
Kapital-
bestandes
und
der
Liquidität
der
Unternehmen,
jeweils
bezogen
auf
die
vorhergehende
Periode.
Die
praktische
Errechnung
der
Parameter.
er-
gab
unmögliche
Resultate
bei
gleichzeitiger
Einfügung
der
realen
Netto-
gewinne
der
gleichen
Und
der
vorhergehenden
Periode.
Ebenso
war
die
Einfügung
des
Zinssatzes
schädlich.
Klein
und
Goldberger
benutzen
da-
her
am
Ende
nur
die
Investitionsfunktion:
(2) I t =
Po
+
P2
(P
- T p +
Al
+ A 2
-
TA
+ D)
t-l
+
P4
K t -1 +
P5
(L
2 ) +
U2t
t-l
3.
Die
Sparfunktion
der Kapitalgesellschaften. Die
realen
nichtausge-
schütteten
Gewinne
der
Gesellschaften
sind
eine
lineare
Funktion
der
realen
Nettogewinne
der
gleichen
Periode
sowie
der
realen
ausge-
schütteten
Gewinne
und
Überschüsse
der
Vorperiode:
(3) (Sp)t =
Yo
+
:'1
(Pe
- T
c)t
+
}'2
(Pe
- Tc - Sp)t -1 +
Ya
B t - 1 +
Uat
4.
Die
Beziehung
zwischen den
Gewinnen
der Kapitalgesellschaften
und
dem
übrigen
Gewinneinkommen
(ohne Landwirtschaft).
Hier
wird
eine
lineare
Relation
zum
übrigen
Gewinneinkommen
der
gleichen
und
der
vorhergehenden
Periode
angenommen.
Aus
statistischen
Gründen
war
es
nicht
möglich,
das
übrige
Gewinneinkommen
der
Vorperiode
einzuschließen,
so
daß
nur
die
folgende
Funktion
verwandt
wurde.
(4)
5.
Die Abschreibungsgleichung. Die
realen
verbrauchsbedingten
Ab-
schreibungen
wurden
als
lineare
Funktion
des
Mittels
des
realen
Kapi-
talbestandes
der
laufenden
und
der
vorhergehenden
Periode
und
des
privaten
realen
Bruttosozialprodukts
angesetzt:
(5)
Dt=eO+Cl
K t
+K
t _ 1
+ea(Y+T+D-W
2
)t+
U 5t
2
6.
Die Gleichung für die Nachfrage nach
Arbeit.
Die
realen
privaten
Löhne
und
Gehälter
sind
eine
lineare
Funktion
des
privaten
realen
Bruttosozialprodukts
der
gleichen
und
der
vorhergehenden
Periode
sowie
eines
Trendfaktors:
(6) (W 1
)t
=CO+C'1(Y+T+D-W
2
)t+
C
2(Y+T+D-W
2 )
t-l
+
Ca
t +
U6t
7.
Die
Produktions/unktion.
Das
private
reale
Bruttosozialprodukt
ist
eine
nichtlineare
Funktion
der
Zahl
der
privaten
und
öffentlichen
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Möglichkeiten
und
Grenzen
der
Konjunkturdiagnose
63
Arbeiter,
Angestellten
und
Beamten
und
ihrer
durchschnittlichen
Ar-
beitszeit,
der
Zahl
der
Unternehmer
und
Betriebsleiter
in
der
Landwirt-
schaft, des
mittleren
realen
Kapitalbestandesder
laufenden
und
vorher;;.
gehenden
Periode
und
eines
Trendfaktors:
(7) (Y + T +
D-W
2 )t =
1]0
+
1]1
[h(Nw-N
G
) +
NE
+ N F
lt
+
1]2
K t + 2
Kt
- 1 +
1]3
t + u7t
8.
Die
Bestimmung
des Lohnsatzes.
Die
Änderung
des
Lohnsatzes
hängt
linear
ab
von
der
Zahl
der
Arbeitslosen,
der
Änderung
des
Preis-
niveaus
und
einem
Trendfaktor:
(8)
Wt
-
Wt-l
=
{Jo
+
{Jl(N
- N w -
NE
- NF)t
+8
2
(Pt-l
-
Pt-2)
+
{J3
t + USt
9.
Die Importgleichung.
Die
realen
Importe
sind
eine
nichtlineare
Funktion
des
Preisverhältnisses
von
In-
und
Ausland
und
des
realen
verfügbaren
Einkommens
und
der
nichtausgeschütteten
Gewinne
der
Kapitalgesellschaften
sowie
der
Importe
der
Vorperiode:
(9)
(F1)t
=
LO
+
L1
[(W l + W 2
-T
w +
Al
+ A 2
-T
A )
:1
]t
+
L2
(F
1 ) + U9t
t-1
.10. Die
Bestimmung
des landwirtschaftlichen
Einkommens.
Das
mit
dem
Index
der
Agrarpreise
deflationierte
Einkommen
der
Landwirt-
schaft
(ohne
Subventionen)
ist
eine
nichtlineare
Funktion
des
Verhält-
nisses
von
Gesamtpreisniveau
zu
Agrarpreisniveau
und
des
realen
ver-
fügbaren
nichtlandwirtschaftlichen
Einkommens
der
gleichen
und
der
vorhergehenden
Periode
und
des
Index
der
Agrarexporte.
Das
ursprüng-
lich noch
einmal
linear
angesetzte
Verhältnis
der
allgemeinen
Preise
zu
den
Agrarpreisen
hat
sich als schädlich
erwiesen.
Damit
bleibt:
(10)
(At;:)t
= "0 + "1 [(W 1 + W 2
-T
W +
P-Tp-Sp)p:]t
+
+"2[(W1+W2-Tw+P~Tp-Sp)pP]
+
"4
(FA)
+uIOt
. . . A
t-I
t'
11.
Das
Verhältnis
von
Agrarpreisen
zu
Nichtagrarpreisen.
Hier
wird
eine
lineare
Abhängigkeit
der
Agrarpreise
von
den
Nichtagrarpreisen
der
gleichen
und
der
vorhergehenden
Periode
angenommen.
Wegen
Schwierigkeiten
bei
der
statistischen
Schätzung
wird
nur
erstere
Ab-
hängigkeit
beibehalten.
Die
Gleichung
lautet
also:
(11)
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
64
Wilhelm
Krelle
12.
Die
Liquiditäts-Präferenzfunktion
der Haushalte.
Der
reale
Li-
quiditätsbestand
der
Haushalte
wird
-
den
Vorstellungen
Keynes'
folgend
-
als
eine
nichtlineare
Funktion
des
verfügbaren
realen
Ein-
kommens
der
Haushalte
und
des
langfristigen
Zinssatzes (abzüglich
eines
Mindestzinssatzes)
angesetzt:
(12)
(L
1
)t
= I-ll
(W
1 + W 2
-T
w +
P-Tp-S
p +
Al
+ A 2
-T
A
)t
[ ]
,u2
+
I-lo
i L
-2
t .
1-l12,t
13.
Die
Liquiditäts-Präferenzfunktion
der Unternehmen.
Der
Liqui-
ditätsbestand
der
Unternehmen
wird
als
eine
lineare
Funktion
der
privaten
Lohn-
und
Gehaltszahlungen,
der
Preisänderungen,
des
kurz-
fristigen
Zinssatzes
und
des
Liquiditätsbestandes
am
Ende
der
Vor-
periode
angenommen:
(13)
(L
2
)t
=
Vo
+
VI
(W1)t +
v2
(Pt - Pt
-1)
+ v3 (is) t
+ v4
(~)t-1
+ U 13 , t
14.
Die Beziehung zwischen lang-
und
kurzfristigem
Zins.
Auf
Grund
empirischer
Manipulationen
kommen
Klein
und
Goldberger zu
der
linearen
Form:
(14)
15.
Die Zinsbestimmung.
Die
Änderungsrate
des
kurzfristigen
Zins-
satzes
wird
als
linear
abhängig
von
den
relativen
überschußreserven
angesehen:
(15) (isl t - (isl t _ 1
(islt
-1
(b) 6 Definitionsgleichungen
Sie
werden
hier
als
selbstverständlich
ohne
Kommentar
wieder-
gegeben.
(16) C t + I t + G t +
(FE)t
- (F1)t = Y t + T t + D t
(17)
(18)
(19)
(20)
(21)
(Wl)t
+
(W
2
)t
+
Pt
+
(A
1
)t
+
(A
2
)t
= Y t
w t
h t
Pt
(N
w )
t=(Wl)t+(W2l
t
K t
-K
t - 1 =
It-Dt
B t - B t - 1 = (Sp)t
At
=
(A
1
)t
+ (A2h
Die
Parameter
dieses Modells
wurden,
wie
gesagt,
von
Klein
und
Goldberger geschätzt.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Möglichkeiten
und
Grenzen
der
Konjunkturdiagnose
65
Wie
bewährt
sich
nun
dieses
Modell
-
sowohl
in
der
etwas
einfache-
ren
Version
I
als
auch
in
der
hier
wiedergegebenen
Version
lI-in
der
Prognose?
Klein
und
Goldberger
haben
das
selbst
untersucht
und
Christ
hat
sich
in
einer
ausführlichen
Besprechung
ihrer
Arbeit
kritisch
hiermit
befaßt
40 •
Die
folgende
Tabelle
zeigt
das
Ergebnis
für
die
Ver-
sion
I
des
Modells.
Hierbei
handelt
es
sich
um
eine
sogenannte
ex
post-
Prognose:
die
richtigen
Werte
der
exogenen
Variablen
wurden
in
das
Modell
eingesetzt
und
dieses
daraufhin
nach
den
endogenen
Variablen
gelöst.
Tabelle
6
(Version
I)
Abweichungen
der
berechneten
von
den
tatsächlichen
Werten
in
'/0
Variable
Brutto-Sozialprodukt
.............
.
Konsum
..........................
.
Bruttoinvestition
.................
.
Volkseinkommen
.................
.
Privates
Lohn-
u. Gehaltseinkommen
Landwirtschaftliches Einkommen
..
Besitzeinkommen
.................
.
Abschreibungen
...................
.
Gewinne
der
Kapitalgesellschaften
..
Nichtausgeschüttete Gewinne
der
Kapitalgesellschaften
........
.
Importe
..........................
.
Zahl
der
Beschäftigten
............
.
Lohnsatz
.........................
.
Preisniveau
.......................
.
1951
4
~/o
+
1/
4 %
28
°/0
4 0
/0
4%
+
16
Ufo
9%
10
%
14
%
-170
%a)
5
°/0
1%
2%
o
1952
- 5°/0
+
3%
-18
%
+
2%
o
+
34
Ufo
+ 1
°/0
-
20%
- 4°/0
-61°/o
a )
-13
%
+
5()/o
+
3%
+
7%
a)
Es
handelt
sich
hier
um
volkswirtschaftlich
sehr
kleine
Größen,
so
daß
leicht
relativ
große
Abweichungen
auftreten.
Die
Version
II
des
Modells
arbeitet
besser.
Hierbei
handelt
es
sich
sogar
um
ex
ante-Voraussagen;
d.
h.
die
Werte
der
exogenen
Variablen
wurden
von
Klein
und
Goldberger
vorausgeschätzt
und
die
endogenen
Variablen
dann
nach.
dem
Modell
berechnet.
Christ
hat
später
die
tat-
sächlichen
Werte
festgestellt
und
Voraussagen
und
Wirklichkeit
ver-
glichen.
Leider
ist
der
Vergleich
nur
für
einige
Variable
durchgeführt
worden.
Tab
elle
7
(Ver
s
ion
11)
Abweichun
en
der
berechneten
von
den
tatsächlichen
Werten
In
°/.
Variable
1953
vH
1954
vH
------+----------+------~
Brutto-Sozialprodukt
.............
.
Konsum
..........................
.
Bruttoinvestition
.................
.
Zahl
der
Beschäftigten
............
.
Preisniveau
.......................
.
o
_1/4
+11
1
+ 4
+ 112
+ 1
+
12
+ 1
+ 6
40 Christ: Aggregate Economic Models, a. a.
0.,
S.406
und
407.
Von
dort
stammen
die folgenden beiden Tabellen.
5
Schriften
d.
Vereins
f.
Socialpolitik
25
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
66
Wilhelm Krelle
Diese
Ergebnisse
sind
ermutigend,
insbesondere
wenn
man
berück-
sichtigt,
daß
das
Jahr
1954
gegenüber
1953
einen
Abschwung
brachte
und
das
Modell
diesen
Umkehrpunkt
richtig
vorausgesagt
hat.
Für
ein
endgültiges
Urteil
ist
die
Zahl
der
Voraussagen
zu
klein.
Denn
sicher
werden
Voraussagen
und
Wirklichkeit
auseinanderfallen;
eine
volle
Übereinstimmung
wäre
Zufall.
Man
sollte
aber
wissen,
bei
wieviel
Voraussagen
von
100
man
erwarten
kann,
nur
um
1 vH, 2 vH,
...
5
vH
von
der
Wirklichkeit
abzuweichen.
Das
ist
jetzt
nicht
möglich.
Sicher
läßt
das
Modell
noch
manchen
Wunsch
offen. Die
Überschätzung
der
Investitionen
und
des
Preisniveaus
müßte
vor
allem
korrigiert
werden.
Aber
die
Ergebnisse
sind
doch so,
daß
sie
ein
Vorwärtsschreiten
auf
diesem
Wege aussichtsreich
erscheinen
lassen.
b)
Modelle des holländischen CentraZ PZanning
Bureau
Das
holländische
Central
Planning
Bureau
(CPB)
wurde
unmittelbar
nach
dem
letzten
Weltkrieg
gegründet,
um
die
Regierung
beim
Ent·
wurf
einer
geeigneten
Wirtschaftspolitik
zu
beraten.
Der
Initiator
und
erste
Direktor
war
Tinbergen,
und
seine
Ideen
haben
die
weiteren
Arbeiten
entscheidend
beeinflußt.
Das
CPB
veröffentlicht
jährlich
einen
sogenannten
Wirtschaftsplan
für
das
kommende
Jahr.
Der
Charakter
der
dort
veröffentlichten
Ziffern
war
nicht
immer
ganz
klar
und
hat
im
Laufe
der
Jahre
gewechselt.
Zunächst
stand
wohl
die
Absicht
im
Vor-
dergrund,
gewisse
Ziele
für
die
Wirtschaft
zu
setzen,
die
mit
Hilfe
wirtschaftspolitischer
Maßnahmen
der
Regierung
erreicht
werden
sollten
41
•
Allmählich
wechselte
der
Sinn
der
Planzahlen,
und
seit
ge-
raumer
Zeit
-
etwa
ab
1949 -
stellt
der
"Wirtschaftsplan"
des
CPB
nichts
anderes
dar
als
eine
Vorausschau
auf
die
wahrscheinliche
zu-
künftige
Wirtschaftsentwicklung,
also
eine
Konjunkturdiagnose.
In
diesem
Zusammenhang
interessiert
er
uns
hier.
Das
CPB
arbeitete
von
Anfang
an
mit
ökonometrischen
gesamtwirt-
schaftlichen Modellen. Diese Modelle
wurden
laufend
revidiert
und
verbessert.
Es
hat
keinen
Sinn,
sie
alle
hier
vorzuführen
42 •
Einen
ge-
wissen
vorläufigen
Abschluß
erreicht
die
Entwicklung
in
dem
Modell
vom
Jahre
1955,
das
im
folgenden
im
einzelnen
dargestellt
wird.
Es
ist
aber
in
der
Zwischenzeit
weiter
verbessert
worden
43 •
Da
aber
Untersuchungen
über
die
Prognosequalität
nur
für
die
weiter
zurück-
41 Vgl. zu diesem Ansatz TinbeTgen: Economic Policy: Principles
and
Design, Amsterdam
1956.
42 Ein
früherer
Stand der Modellentwicklung ist dargestellt bei
Tinbergen:
Prognose der niederländischen Wirtschaftslage
für
das
Jahr
1954,
Zeitschr".
f.
d.
ges. Staatswissenschaft,
110
(1954),
S.577-614.
4ll Das Modell von
1961
ist
geschildert bei de
Wolf!:
Objectifs
et
methodes
du Bureau Central
du
Plan Neerlandais, La Haye, le
28
fevrier
1961
(un-
veröß'entlichtes Manuskript). "
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Möglichkeiten
und
Grenzen
der
Konjunkturdiagnose 67
liegenden
Modelle
vorliegen,
müssen
wir
uns
hier
auf
diese
be-
schränken.
Bei
dem
Modell
von
1955
handelt
es
sich
um
ein
System
von
27
li-
nearen
Gleichungen
mit
27
endogenen
und
37
exogenen
Variablen,
das
durch
Linearisierung
eines
ursprünglich
nichtlinearen
Systems
ent-
standen
ist.
Zum
Beispiel
kann
man
das
Produkt
zweier
Variablen
x
und
y
darstellen
als
x·Y
= x,1y+
yt\x
+xy
+ t\x,1y,
wobei
sich
die
überstrichenen
Größen
auf
das
Vorjahr
beziehen,
also
für
eine
Prognose
Konstante
sind. Die
Änderung
dieses
Produktes
ist
dann,
wenn
man
von
Größen
höherer
Ordnung
absieht,
angenähert
,1(xy)
=
xy
- i y =
-XLly
+
-Y,1x,
also
linear
in
den
Änderungen
der
Variablen
x
und
y.
Das
Modell
des
CPB
arbeitet
nur
mit
solchen
Änderungen
als
Variablen.
Kennt
man
die
Ausgangsdaten
des
vorhergehenden
Jahres
und
die
Änderung
der
exogenen
Faktoren,
so
kann
man
mit
ihm
dann
die
Änderungen
im
nächsten
Jahr
prognostizieren.
Da
alle
Variablen
auf
die
gleiche
Periode
bezogen
sind,
handelt
es
sich
um
ein
statisches
System.
Ände-
rungen
der
endogenen
Variablen
sind
eine
direkte
Folge
der
Änderung
der
exogenen
Variablen.
In
der
Bezeichnungsweise
folge
ich
wieder
der
Originalarbeit44,
45.
Die
27
Gleichungen
lauten
wie
folgt:
44
Theil,
Economic Forecasts and Policy, Amsterdam 1958,
S.
52
ff.
45 Die folgenden Symbole werden benutzt.
Alle
Variablen
außer
den
mit
einem
Querstrich
versehenen
sind
Differenzen
zwischen
dem
Wert
des
Vor-
aussagejahres
und
dem
entsprechenden
Wert
im
vorhergehenden
Jahr.
Preise werden als
Index
mit
dem Wert 1
im
vorhergehenden
Jahr
gemessen.
Der
Einfachheit
halber
wird
in
der
verbalen
Erklärung
vom
DitJerenz-
charakter
aller
Variablen
abstrahiert.
Da die Verhaltensgleichungen als
stochastische Beziehungen aufgefaßt werden, ist
dort
eine Zufallsvariable u
eingefügt.
27
endogene
Variable
Pe
Preisniveau
der
Konsumgüter
pXG
Preisniveau
der
von
der
öffentlichen Hand gekauften
Güter
Pi
Preisniveau
der
Investitionsgüter
Pn
Preisniveau
der
Vorratsgüter
p.
e Preisniveau
der
Exportgüter
v Verkäufe von Unternehmen (Mengen)
c Konsumgüterkäufe (Mengen)
Nettoinvestition (Mengen)
a Beschäftigte
im
privaten
Sektor
mImporte
(mengenmäßig)
ee
Exporte
an
Gütern
(mengenmäßig)
V Wert
der
Verkäufe von Unternehmen
C Wert
der
Konsumgüterkäufe
X G Wert
der
Käufe
der
öffentlichen Hand
Ii*
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
68
I
D
N
E
X w
X z
Z
T w
Tz
TI
U
W
M
Wilhelm
Krelle
Wert
der
Nettoinvestition
Abschreibungen
(Wert)
Vorratsänderungen
(Wert)
Wert
der
Exporte
Konsumausgaben
der
Lohnbezieher
Konsumausgaben
der
Unternehmer
Einkommen
außer
Lohneinkommen
(=
Gewinneinkommen)
Lohn-
und
Einkommensteuerzahlungen
der
Lohnbezieher
Einkommensteuerzahlungen
aus.
Nichtlohneinkommen
Summen
der
indirekten
Steuern
abzüglich
Subventionen
Arbei
tslosen-
Unterstützungszahlungen
privates
Brutto-Lohneinkommen
Wert
der
Importe
37
exogene
Variable:
e~U
es
ffi
e
~
p~
Pffie
pes
pw
n
b
d
w
v
m
m s
n
r
C'
W'
Z'
autonome
Güterexporte
Exporte
an
Dienstleistungen
Güterimporte
(mengenmäßig)
im
vorhergehenden
Jahr
Dienstleistungsimporte
(mengenmäßig)
im
vorhergehenden
Jahr
Preisniveau
der
Dienstleistungsimporte
Preisniveau
der
Güterimporte
Preisniveau
der
Dienstleistungsexporte
Preisniveau
des
Weltmarktes
Nettoinvestition
(mengenmäßig)
im
vorhergehenden
Jahr
Abschreibungen
(mengenmäßig)
im
vorhergehenden
Jahr
Exporte
von
Gütern
(mengenmäßig)
im
vorhergehenden
Jahr
Exporte
von
Dienstleistungen
(mengenmäßig)
im
vorhergehenden
Jahr
Konsumgüterkäufe
(mengenmäßig)
im
vorhergehenden
Jahr
Käufe
der
öffentlichen
Hand
(mengenmäßig)
im
vorhergehenden
Jahr
Vorratsänderungen
(mengenmäßig)
im
vorhergehenden
Jahr
verfügbare
Arbeitskräfte
Abschreibungen
(mengenmäßig)
Lohnsatz
Verkäufe
von
Unternehmen
(mengenmäßig)
im
vorhergehenden
Jahr
Importe
(mengenmäßig)
im
vorhergehenden
Jahr
Dienstleistungsimporte
(mengenmäßig)
Vorratsänderungen
Ersatzinvestitionen
(mengenmäßig)
Wert
der
Konsumgüterkäufe
im
Ausland
und
der
Konsumgüter-
käufe
der
öffentlichen
Hand
Lohn-
und
Gehaltszahlungen
der
öffentlichen
Hand
Einkommen
der
Nichtlohnbezieher
aus
dem
Ausland
Durch
die
Steuerprogression
veranlaßte
überproportionale
direkte
Steuerzahlungen
der
Lohnbezieher
dasselbe
für
die
Nichtlohnbezieher
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Möglichkeiten
und
Grenzen der Konjunkturdiagnose
69
(a) 15
VerhaZtensgZeichungen(einschließlichinstitutionellerGleichungen)
1. Die
Konsumfunktion
der
Lohnbezieher.
Die
Änderung
des
Kon-
sums
der
Lohnbezieher
wird
als
bestimmter
Bruchteil
der
Änderung
ihres
Nettoeinkommens
aufgefaßt:
(1) X w =
(%1
(W
+ U
-T
w +
W')
+
ul
2.
Die
Konsumfunktion
der NichtZohnbezieher
lautet
entsprechend
00
~=~~-~+m+~
3.
Die
Steuerfunktion
für
die Lohnbezieher.
Die
Änderung
der
di-
rekten
Steuerzahlungen
der
Lohnbezieher
ist
proportional
der
Ände-
rung
ihres
Bruttoeinkommens.
Hierzu
kommt
ein
autonomer
Teil,
um
der
Steuerprogression
Rechnung
zu
tragen:
(3) T w =
Yl
(W
+ U +
W')
+
T~
+
Us
(
Die
Steuerfunktion
für
die NichtZohnbezieher
lautet
entsprechend:
(4) Tz = b 1
(Z
+
Z')
+
T~
+
u4
5.
Die
Indirekte-Steuern-Funktion.
Die
Änderung
der
Einnahmen
aus
indirekten
Steuern
(abzüglich
Subventionen)
ist
proportional
den
Änderungen,
des
privaten
Brutto-Lohneinkommens,
der
Importe
und
der
Inlandsverkäufe
der
Unternehmen.
Hinzu
kommt
wieder
ein
autonomer
Teil,
um
Nichtlinearitäten
Rechnung
zu
tragen:
(5)
TI
=
El
W +
E2M
+
ES
(V
-
E)
+
T~
+
U5
6.
Die
Bestimmung
der ArbeitsZosenunterstützungszahZungen.
Die
Änderung
der
Arbeitslosenunterstützungszahlungen
ist
proportional
der
Änderung
der
Zahl
der
Arbeitslosen:
M
U=~BR~-~+~
7.
Die
Beschäftigungsfunktion.
Die
Änderung
der
Beschäftigung
wird
proportional
der
Änderung
des
Volumens
der
Verkäufe
(abzüglich
Im-
porte)
angesetzt:
Ta:, dasselbe
für
die indirekten
Steuern
RUnterstützungszahlungen
pro Arbeitslosen
im
vorhergehenden
Jahr
B Beschäftigte
im
privaten
Sektor im vorhergehenden
Jahr
W
Privates
Bruttolohneinkommen im vorhergehenden
Jahr
Änderung
der
indirekten
Steuerbelastung, soweit sie sich
auf
den
T~~c
Preis
der
Konsumgüter auswirkt
T
a.u
dasselbe bezüglich des Preisniveaus
der
von
der
öffentlichen
Hand
T,xG
gekauften
Güter
TI~~
dasselbe bezüglich des Preisniveaus
der
Investitionsgüter
T~':t
dasselbe bezüglich des Preisniveaus
der
Vorräte
T
I~~c
dasselbe bezüglich des Preisniveaus
der
Exportgüter
Die kleinen griechischen Buchstaben bezeichnen
im
folgenden die ökono-
metrisch bestimmten
Parameter.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
70
(7)
Wilhelrn
Krelle
'11
a==--=+u7
v-rn
8.
Die Importfunktion. Die
Änderung
der
Importmengen
ist
propor-
tional
den
Änderungen
des
Volumens
der
Konsumgüterkäufe,
der
Käufe
der
öffentlichen
Hand,
der
Bruttoinvestition,
der
Vorratsände-
rungen,
der
Exporte
an
Gütern,
der
Exporte
an
Dienstleistungen
zu-
züglich
der
Änderung
der
Dienstleistungsimporte:
(8)
rn
=
:ll-IC
+
ll-2xG
+
{}a
(i
+
d)
+
{}4
n +
{}5ec
+
{}6
e s +
rn.
+
Us
9.
Die Exportfunktion.
Die
Änderung
des
Güterexportvolumens
ist
proportional
der
Differenz
der
Preisniveauänderungen
von
Export-
gütern
und
dem
Weltmarkt-Preisniveau.
Hinzu
kommt
dann
noch
eine
autonome
Komponente:
(9)
10.
Die Investitionsfunktion.
Die
Änderung
des
Nettoinvestitions-
volumens
wird
als
proportional
der
Änderung
der
Verkaufsmengen
der
Unternehmen
(ohne Vorräte)
und
als
proportional
der
realen
Netto-
investition
der
vorhergehenden
Periode
angesehen.
Hinzu
muß
noch
die
Änderung
des
Volumens
der
Ersatzinvestitionen
addiert
und
der
Abschreibungen
subtrahiert
werden:
(10)
i = Xl
(v-n)
+
x2i
+
r-d
+ uIO
11.
Die
Bestimmung
des Preisniveaus der Konsumgüter.
Die
Än'de-
rung
des
Preisniveaus
der
Konsumgüter
ist
proportional
der
Änderung
des
Lohnsatzes
und
des
Preisniveaus
der
importierten
Güter.
Hinzu
kommt
noch
ein
autonomer
Faktor,
um
Änderungen
in
der
Steuerbe-
lastung
zu
berücksichtigen.
(11)
12.
Das
Preisniveau der
von
der öffentlichen Hand
gekauften
Güter
wird
entsprechend
bestimmt
durch
(12)
13.
Das
Preisniveau der Investitionsgüter
ist
entsprechend
zu
be-
rechnen
durch
(13)
14.
Das
Preisniveau der Vorratsgüter
ist
analog
bestimmt
durch
(14)
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Möglichkeiten
und
Grenzen der Konjunkturdiagnose
71
15.
Das Preisniveau der Exportgüter
wird
analog
bestimmt.
Hinzu
kommt
aber
noch
der
Einfluß
der
Weltmarktpreise:
(15)
(b)
12
Definitionsgleichungen
Sie
werden,
soweit
sie
sich
selbst
erklären,
ohne
weiteren
Kommen-
tar
hier
wiedergegeben.
(16) V
==
C + X a + I + D + N + E
(17)
V = v +cP c + xc;PxG +
Ci
+ (j)Pi +
nP
n +
ecp
c
+e
s P
es
Diese
Gleichung
stellt
(nach
Linearisation)
die
Änderung
des
Wertes
der
Verkäufe
von
Unternehmen
als
Produkt
der
Änderung
der
ent-
sprechenden
Mengen
und
Preise
dar.
(18)
(19)
(20)
C
==
X w +
xz-C'
Z =
V-W-TJ--.D-M
W
==
W (a +
w)
Die
Änderung
der
Lohnsumme
des
privaten
Sektors
ergibt
sich
aus
der
Änderung
der
Beschäftigung
und
des
Lohnsatzes.
Bei
Linearisation
erhält
man
obige
Beziehung.
(21)
Hier
ist
der
Wert
der
Änderung
der
Importe
(nach
Linearisation)
dar-
gestellt
aus
der
Änderung
der
Güter-
und
Dienstleistungs-Importmengen
und
-preise
gegenüber
dem
Vorjahr.
In
analoger
Weise
sind
die
folgen-
den
Wertänderungen
aus
den
Mengen-
und
Preisänderungen
definiert.
(22) C
==
c +
cP
c
(23)
Xa==xa+x
P
G
XG
(24) I
==
i + iPi
(25) D
==
d + dPi
(26)
(27)
Die
Parameter
wurden
mit
der
ein-
und
mit
der
zweistufigen
Me-
thode
der
kleinsten
Quadrate
aus
geeigneten
Zeitreihen
der
Vor-
und
Nachkriegszeit
(z. B.
für
das
Modell
von
1961
aus
den
Zeitreihen
von
1923-1938
und
1949-1957)
berechnet.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
78
Wilhelm Krelle
dieser
Prozentsätze
gegenüber
dem
Vormonat.
Wenn
man
die
sehr
plau-
siblen
Erfahrungen
von
Katona
verallgemeinern
darf,
so
ist
z. B.
eine
Zunahme
des
Prozentsatzes
von
Antworten
"gestiegen"
für
eine
Aus-
weitung
der
betreffenden
Größe
charakteristischer
als die
absolute
Höhe
des
Prozentsatzes
selbst.
6.
sollte
der
Versuch
gemacht
werden,
die
Ergebnisse
des
Konjunktur-
tests
für
die
Bestimmung
der
Parameter
gesamtwirtschaftlicher
Sy-
steme
nutzbar
zu
machen
und
damit
beide
Verfahren
miteinander
zu
verbinden.
Errechnet
man
diese
Parameter
aus
Zeitreihen,
so
geben
sie
ein
durchschnittliches
Verhalten
in
der
Vergangenheit
wieder.
Modifi-
ziert
man
sie nach
den
Ergebnissen
des
Konjunkturtests,
so
erhalten
sie
eher
die
für
die
augenblickliche
Situation
charakteristischen
Werte,
und
man
kann
bessere
Prognoseergebnisse
beim
Modellverfahren
erwarten;
7.
sollte
man
die
Ergebnisse
des
Konjunkturtests
auch
bei
der
Aus-
wertung
von
Reihen
statistischer
Konjunkturindikatoren
heranziehen.
Weisen
beide
in
die
gleiche Richtung, so
hat
die
betreffende
Diagnose
mehr
für
sich
als
im
umgekehrten
Fall.
Ich
bin
mir
bewußt,
daß
nicht
alle
diese
desiderata
voll
in
die
Wirk-
lichkeit
umgesetzt
werden
können.
Je
mehr
man
aber
in
dieser
Richtung
voranschreitet,
umso
besser.
Die
Verbesserung
der
Methode der statistischen
Konjunkturindika-
toren
hängt
im
wesentlichen
an
der
Verbesserung
der
Statistik.
Hier
sind
wir
in
Deutschland
leider
in
der
internationalen
Entwicklung
zurückgeblieben.
Eine
Vorratsstatistik
fehlt
ganz,
viele
wichtige
Größen
stehen
erst
zu
spät
zur
Verfügung
und
beziehen
sich
auf
zu
lange
Zeit-
räume.
Für
die
Konjunkturdiagnose
mit
Hilfe
statistischer
Zeitreihen
braucht
man
Monats-
und
Vierteljahreszahlen;
Jahreszahlen
nützen
wenig.
Eine
grundlegende
Neuorganisation
der
statistischen
Erhebungs-
verfahren
mit
dem
Ziel
einer
in
sich
konsistenten,
an
der
Volkswirt-
schaftlichen
Gesamtrechnung
orientierten
allseitigen
Durchleuchtung
der
Wirtschaft
in
kurzen
zeitlichen
Abständen
ist
im
Interesse
der
Kon-
junktur-
und
Wachstumsdiagnose nötig.
Die
Methode gesamtwirtschaftlicher Modelle
ist
wohl
der
weitest-
gehenden
Verbesserung
fähig.
1.
muß
das
Investitionsverhalten
genauer
untersucht
werden.
Die
In-
vestitionsfunktion
ist
die
crux
der
meisten
gesamtwirtschaftlichenMo-
delle.
Während
die
Konsumfunktion
recht
sicher festgestellt
ist
und
gut
arbeitet,
sind
die
Investitionsvoraussagen
auf
Grund
einer
Investitions-
funktion
meist
weniger
befriedigend.
Das
liegt
aber
weniger
an
einer
prinzipiellen
Indeterminiertheit
des Investitionsgeschehens als
daran,
daß
die
Investitionsfunktion
viel
komplizierter
ist
41 •
41
Vgl.
hierzu KreUe: Die Investitionsfunktion, Jahrb.
f.
Nat.Ok. u. stat.,
Bd.
172, Heft 5 (1960).
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Möglichkeiten und Grenzen der Konjunkturdiagnose 79
2.
muß
den
Export-
und
Importfunktionen
mehr
Beachtung
geschenkt
werden.
Auch dies
ist
schwierig,
weil
es
"den
Weltmarkt'"
für
die
mei-
sten
Güterarten
nicht
gibt,
sondern
eben
eine
Vielfalt
von
Auslands-
märkten,
auf
denen
die
Verhältnisse
ganz
verschieden
liegen. Auch
hier
wird
man
nicht
darum
herumkommen,
näher
in
die
Einzelheiten
zu
gehen,
statt
einige
wenige
Globalziffern
wie
"Weltmarktpreise",
"Aus-
landseinkommen"
o.
ä.
zugrundezulegen.
Dies
ist
insbesondere
für
die
stark
auslandsverfiochtenen europäischen
Wirtschaften
wichtig,
wäh-
rend
es
für
mehr
autarke
Wirtschaften
weniger
Bedeutung
hat;
3.
ist
es
notwendig,
das
geplante
Nachfrageverhalten
der
öffentlichen
Hand
genauer
zu
erfassen.
Es
ist
eigentlich
eine
Schande,
daß
die
Pro-
jektion
der
Nachfrage
der
öffentlichen
Hand
für
das
nächste
Jahr
mit
einer
viel
größeren
Unsicherheit
behaftet
ist
als
beispielsweise
die
des
privaten
Konsums,
obwohl
doch
die
öffentlichen
Haushaltspläne
vorher
aufgestellt
werden
müssen.
Hier
liegt
ein einfaches
Problem
der
statisti-
schen
Erfassung
der
geplanten
öffentlichen
Ausgaben
vor,
das
gelöst
werden
sollte;
4.
muß
dem
Geld-
und
Kreditsystem
in
den
Modellen
mehr
Beachtung
geschenkt
werden.
Während
das
"Harvard
Barometer"
der
Geld-
und
Kreditsphäre
ein
übergroßes
Gewicht
beimaß,
verfällt
man
jetzt
leicht
in
den
umgekehrten
Fehler;
5.
darf
das
Prognoseproblem
nicht
einfach
statt
gelöst
zu
werden,
auf
einen
anderen
Bereich
weitergeschoben
werden,
indem
man
einen
Teil
der
wichtigen
volkswirtschaftlichen
Größen
als
exogen
ansieht
und
das
System
nur
für
die
Bestimmung
der
übrigen
ansetzt.
Das
Modell
des
holländischen
Central
Planning
Bureau
krankt
hieran.
Die
exogenen
Größen
sind
so zahlreich
und
von
so
grundlegender
Bedeutung,
daß
der
Erfolg
einer
Konjunkturdiagnose
ganz
wesentlich
von
ihrer
Bestim-
mung
abhängt.
Dafür
sind
aber
keine
Regeln
gegeben,
vielmehr
wird
hier
alles
der
"freihändigen
Beurteilung"
überlassen.
Es
ist
daher
kein
Wunder,
daß
dies Modell
ex
post,
wenn
man
die
richtigen
exogenen
Größen
einsetzt,
ganz
gut
funktioniert.
Im
Gegensatz
dazu
verwendet
das
Klein-Goldberger-Modell
weniger
exogene
Größen;
diese
sind
im
übrigen
auch
eher
als
"exogen"
anzusehen
als
viele
im
Modell
des
CPB.
Im
übrigen
ist
es
notwendig,
Prognoseverfahren
auch
für
die
exogenen
Größen
anzugeben.
Andernfalls
ist
eine
wirkliche
Konjunkturdiagnose
mit
HiUe
volkswirtschaftlicher
Modelle
eben
nicht
möglich;
6.
dürfen
verzögerte
Wirkungen
nicht
vernachlässigt
werden.
Das
1955er Modell
des
holländischen
CPB
ist
rein
statisch,
d. h.
alle
endo-
genen
Variablen
beziehen
sich
auf
die
gleiche
Periode.
Damit
sind
die
errechneten
Konjunkturbewegungen
allein
von'
den
entsprechenden
Änderungen
der
exogenen
Gl'ößen abhängig.
Man
muß
also
im
Grunde
die
Schwankungen
bei
der
Vorausschätzung
der
exogenen
Größen
je-
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
80
Wilhelm Krelle
weils
von
außen
in
das
Modell
hineinbringen.
Nur
dynamische
Systeme
wie
das
von
Klein
und
Goldberger
sind
zu
Eigenschwingungen
fähig. -
Neuerdings
ist
auch
das
holländische
CPB
zu
dynamischen
Modellen
übergegangen
(z.
B.
im
Modell
für
1961);
7.
dürfte
ein
einziger
Satz
von
Parametern
bzw.
ein
einziges Modell
für
alle
Konjunkturlagen
ungeeignet
sein, die
wirtschaftliche
Wirklich-
keit
zu
beschreiben.
Z.
B.
wirkt
eine
Erhöhung
der
öffentlichen Nach-
frage
sicher
anders
in
einer
unterbeschäftigten
Wirtschaft
als
in
einer
vollbeschäftigten.
Man
müßte
also zunächst
drei
verschiedene,
jeweils
ineinander
übergehende
Systeme
benutzen:
eines
für
Unterbeschäfti-
gung
aller
Produktionsfaktoren,
eins
für
teilweise Vollbeschäftigung
(das
Engpaßniveau),
eines
für
absolute
Vollbeschäftigung.
Daß
die
neuerdings
aufgestellten
Globalmodelle so
relativ
gut
funktionieren,
ist
im
wesentlichen
dem
Zustand
zuzuschreiben,
daß
die
Konjunkturlage
nicht
drastisch
wechselte;
8.
sollte
man
die
Parameterwerte
für
jede
Prognose
unter
Einbe-
ziehung
der
neuesten
Zahlen
jeweils
neu
berechnen;
unter
Umständen
sogar
das
ganze
Modell
umbauen,
wenn
das
alte
in
gewisser
Hinsicht
unbefriedigend
arbeitete
oder
neue
Erkenntnisse
zutage
getreten
sind.
In
dieser
Hinsicht
ist
das
Vorgehen
des holländischen
CPB
vorbildlich.
Die Modelle
müssen
ständig
verbessert,
d. h.
dem
sich
ändernden
Wirt-
schaftsverhalten
und
der
Art
der
statistischen
Erfassung
angepaßt
werden.
Sie
müssen
sozusagen
"auf
Prognose
gezüchtet"
werden.
Die
automatische
Verbesserung
des Modells
muß
in
dem
Modell
selbst
~leich
eingebaut
sein;
9.
sollte
versucht
werden,
die
Ergebnisse
der
Tendenzbefragungen,
soweit
sie
sich
auf
künftiges
Verhalten
beziehen,
durch
Änderung
der
entsprechenden
Parameterwerte
für
die
Prognose
nutzbar
zu
machen;
10. sollte
man
die
ohnehin
unvermeidlichen
Fehler
nicht
durch
Linearisierung
von
sicher
nichtlinearen
Beziehungen
noch
vergrößern.
Manchmal
werden
Linearisierungen
mit
Rücksicht
auf
einen
sonst
prohibitiven
Rechenaufwand
unvermeidlich
sein.
In
vielen
Fällen
liegen
aber
auch
nichtlineare
Systeme
durchaus
im
Bereich des Möglichen,
wie
z.
B.
das
Klein-Goldberger-Modell
beweist;
11.
sollte
man
das
einmal
aufgestellte
Modell auch
für
langfristige
Wachstumsprognosen
nutzbar
machen.
überdies
geben
die
hierzu
not-
wendige
Überprüfung
der
Stabilitätseigenschaften
ebenso
wie
die sich
ergebende
Gleichgewichtswachstumsrate
selbst
wichtige
Hinweise
auf
die
Brauchbarkeit
des Modells;
12.
sollte
man
das
aufgestellte
Modell
an
Hand
der
wichtigsten
Kon-
junkturtheorien
überprüfen.
Es
muß
die
in
diesen
Theorien
überein-
stimmend
angegebenen
wesentlichen
Züge
besitzen
und
so
wirklich
die
Erkenntnisse
der
Wirtschaftstheorie
ausnutzen;
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Möglichkeiten
und
Grenzen der Konjunkturdiagnose
81
13.
wäre
es
vorteilhaft,
drei
verschiedene
Modelle
zu
haben,
von
denen
eines
auf
Monats-,
eines
auf
Vierteljahres-
und
eines
auf
Jahres-
daten
aufbaut.
Damit
wäre
es möglich,
kurz-
und
längerfristige
Progno-
sen
zugleich
zu
machen
und
einen
höheren
Grad
von
Sicherheit
für
die
Konjunkturdiagnose
zu
erreichen.
Aus
dem
gleichen
Grund
ist
es
empfehlenswert,
mehrere
Modelle
für
die
gleiche
Periode
nebeneinander
zu
verwenden,
die
auf
verschiedenen
Prinzipien
aufbauen,
z.
B.
größere
linearisierte
Modelle
und
stärker
aggregierte
nichtlineare.
Natürlich
müssen
die
Parameter
aller
Modelle
mit
dem
Verfügbarwerden
neuer
statistischer
Zahlen
jeweils
neu
berechnet
werden;
14.
sollte
jede
Prognose
mit
einem
Maß
für
ihre
Verläßlichkeit
ver-
bunden
werden;
z.
B.
indem
außer
dem
wahrscheinlichsten
Wert
auch
noch
Ober-
und
Untergrenzen
für
eine
gewisse
Wahrscheinlichkeit
an-
gegeben
werden.
Alle
vorgeschlagenen
Verbesserungen
verlangen
einen
erheblichen
Arbeitsaufwand.
Der
zahlt
sich
im
Grunde
nur
aus,
wenn
die
betreffen-
den
Methoden
ständig
angewandt
werden.
Nur
so
kann
man
sie
ver-
bessern
und
Erfahrungen
über
ihre
Verläßlichkeit
gewinnen.
Denn
da
nach
Lage
der
Dinge
keine
mit
absoluter
Sicherheit
arbeiten
kann,
kommt
alles
darauf
an,
die
relativen
Häufigkeiten
richtiger
und
falscher
Prognosen
zu
erkennen.
Und
dazu
muß
das
betreffende
Verfahren
häufig
genug
angewandt
werden.
Das
Ho-Institut
ist
auf
dem
Gebiet
der
Tendenzbefragungen
tätig.
In
Deutschland
fehlt
leider
noch
eine
Insti-
tution,
die
sich
der
Modellmethode
annimmt,
und
zwar
ständig,
nicht
nur
vorübergehend.
Nach
den
holländischen
Erfahrungen
wäre
ein
sol-
cher
Versuch
erfolgversprechend.
6
Schriften
d.
Vereins
f.
Socialpolitik
25
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Die
kurzfristige
Konjunkturprognose
Von
O.
Anderson
jr.
und
K.
Winclder
1.
Die
Interpretierung
des
Terminus
Konjunktur
ist
keinesfalls
ein-
deutig.
In
der
Theorie
denkt
man
hierbei
an
längerfristige
wirtschaftliche
Prozesse
und
knüpft
insbesondere
an
die
im
19.
und
Anfang
des 20.
Jahr-
hunderts
gesammelten
Erfahrungen
an,
wonach
sich
derartige
Entwick-
lungen
in
annähernd
zyklischer Weise
mit
Periodenlängen
von
etwa
7-12
Jahren
vollziehen. Die
Beobachtung
solcher
"Konjunkturzyklen"
führte
überhaupt
erst
zur
Begründung
und
Entwicklung
der
Konjunk-
turforschung.
In
der
Praxis
hat
sich -
zumindest
in
der
Bundesrepublik
-
ein
etwas
anderer
Begriffsinhalt
für
diesen
Terminus
durchgesetzt. Viele
For-
schungsinstitute
und
ein
Teil
der
Fachpresse
deuten
auch
kürzerfristige
Änderungen
des wirtschaftlichen Geschehens -
soweit
sie
nicht
rein
saisonaler
Natur
sind
-
als
Konjunktur.
Steigen
etwa
infolge
außer-
gewöhnlich
günstigen
Wetters
im
Frühjahr
Absatz
und
Produk-
tion
der
Bekleidungsindustrie
über
das
"normale"
Maß
hinaus,
so
spricht
man
von
einem
konjunkturellen
Anstieg
in
diesem
Industriezweig.
Weitere
Mißverständnisse
ergeben
sich häufig
aus
den
Unterscheidun-
gen
zwischen
Gesamt-
und
Partialkonjunktur,
da
für
beide
Phänomene
die
Bezeichnung
Konjunktur
ohne
zusätzliche
Präzisierung
üblich ist.
Derartige
terminologische
Schwierigkeiten
lassen
sich
durch
Heran-
ziehung
eines
für
die empirische
Arbeit
zweckmäßigeren
Konzepts
um-
gehen.
Wirtschaftliche
Zeitreihen
beschreiben
bestimmte
Aspekte
des
wirt-
schaftlichen Geschehens
und
sind
somit
zahlenmäßige
Charakteristika
der
betreffenden
ökonomischen
Variablen.
Die
einzelnen
Werte
dieser
Variablen
stellen
in
der
Regel
das
Ergebnis
des
Zusammenwirkens
ver-
schiedener
Ursachenkomplexe
dar. Die
Erklärung
der
wirtschaftlichen
Abläufe
ist
daher
gleichbedeutend
mit
der
Rückführung
der
beobach-
teten
Entwicklungsvorgänge
auf
ihre
Bestimmungsgründe,
d. h.
mit
der
Präzisierung
der
Art
und
Weise,
wie
die
relevanten
Ursachenkomplexe
die
gegebene
Reihe
geformt
haben.
Es
handelt
sich also
um
das
Bemühen,
die
Werte
der
interessierenden
Variablen
möglichst
vollständig
durch
die
Werte
entsprechender
anderer
Variablen
zu
erklären,
d. h. sie
bis
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Die
kurzfristige
Konjunkturprognose
83
zu
einem
gewissen
zu
vernachlässigenden
Rest
der
Funktion
eben
dieser
"erklärenden"
Variablen
auszudrücken.
Auf
Grund
der
ermittelten
Funk-
tionalbeziehungen
können
dann
die
Beiträge
der
einzelnen
Einflußfak-
toren
zu
den
speziellen
Werten
der
betreffenden
Variablen
im
Zeitablauf
bestimmt
und
daraus
weitere
Schlüsse gezogen
werden.
Ausgehend
von
diesem
Konzept
lassen sich
Ursachengruppen
unter-
scheiden,
die
kurzfristige,
längerfristige
und
langfristige
Veränderun-
gen
wirtschaftlicher
Variablen
bewirken.
Ähnliche
Überlegungen
liegen
z.
B.
der
statistischen
Zerlegung
von
Zeitreihen
zugrunde,
die
man
sich
konventionell
aus
den
Komponenten
"säkularer
Trend",
"Konjunktur",
"Saison"
und
"irregulären
Schwan-
kungen"
zusammengesetzt
vorstellt.
Jede
dieser
Komponenten
denkt
man
sich
stellvertretend
für
einen
be-
sonderen
Ursachenkomplex,
der
sich
in
bestimmten
äußeren
Erschei-
nungsformen
einer
wirtschaftlichen
Zeitreihe
auswirken
soll.
So
soll
der
säkulare
Trend
die
langfristige
Entwicklung
darstellen,
die
von
Faktoren
beeinflußt
wird,
welche sich
im
Zeit
ablauf
nur
sehr
langsam
verändern,
z.
B. technischer
Fortschritt,
Bevölkerungswachstum,
wirtschaftliche
Strukturänderungen,
die
auf
gesellschaftliche
und
politische
Umwälzun-
gen
zurückzuführen
sind
usw. Die
Konjunktur,
unter
der
man
in
diesem
Zusammenhang
zyklische
Schwankungen
mit
Periodenlängen
von
etwa
7 bis
12
Jahren
versteht,
wird
auf
das
Zusammenwirken
der
für
die
mittelfristigen
Veränderungen
verantwortlichen
Ursachen
zurückg€-
führt
(monetäre
Einflüsse,
Schwankungen
der
Lagerhaltung,
Über-
kapazitäten
usw.). Die
Saisonschwankungen
in
Gestalt
von
regelmäßig
wiederkehrenden
Bewegungen
mit
der
Periodenlänge
bis
zu
einem
Jahr
werden
als
Auswirkungen
jahreszeitlich
bedingter
Faktoren
inter-
pretiert.
Schließlich
faßt
man
in
den
irregulären
Schwankungen
die
Aus-
wirkungen
kurzfristig
und
unregelmäßig
wirkender
Einflußgrößen
zu-
sammen.
Kritisch
muß
allerdings
bemerkt
werden,
daß
die
Zeitreihenzerlegung
vielfach
zu
formal
durchgeführt
wird.
Man
postuliert
von
vornherein,
daß
die
Auswirkungen
einzelner
Ursachenkomplexe
auf
die
interes-
sierende
Reihe
eine
bestimmte
analytische
Gestalt
haben,
unterläßt
aber
im
allgemeinen
die
Überprüfung
dieser
Hypothese.
Wesentlich
erscheint
aber,
daß
Ursachengruppen
gefunden
werden
können,
welche
die
Entwicklung
einer
Zeitreihe
kurzfristig,
mittelfristig
und
langfristig
beeinflussen.
Unter
Zugrundelegung
dieser
Kriterien
kann
man
unter
Konjunkturprognose
zunächst
die
Voraussage
derjeni-
gen
Reihenkomponente
verstehen,
in
der
sich
die
Einflüsse
mittelfristig
wirksamer
Einflußfaktoren
niederschlagen,
und
zwar
unabhängig
da-
von, ob
ihre
äußere
Erscheinungsform
zyklischer
oder
anderer
Art
ist.
6'
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
84 O.
Anderson,
K.
Winclder
Auch
der
Zusatz
"kurzfristig"
ist
mehrdeutig,
da
er
bei
Prognosen
unterschiedlich
interpretiert
werden
kann.
Seine
Auslegung
lediglich
im
Hinblick
auf
die
zeitliche
Ausdehnung
einer
Voraussage
ist
zu
einseitig.
Wie
paradox
es
auch
zunächst
klingen
mag, es
ist
durchaus
sinnvoll,
einer
auf
einen
großen
Zeitraum
ausgerichteten
Prognose
auch
einen
kurzfristigen
Charakter
zuzuerkennen,
und
zwar
dann,
wenn
sie
für
das
gesamte
Prognosenintervall
nicht
nur
die
mutmaßlichen
langfristigen,
sondern
auch die voraussichtlichen
kurzfristigen
Veränderungen
der
wirtschaftlichen
Variablen
angibt.
Andererseits
ist
eine
im
Hinblick
auf
die
zeitliche
Ausdehnung
kurzfristige
Prognose
der
langfristigen
Ent-
wicklungskomponente
einer
Reihe
dann
wenig
sinnvoll,
wenn
das
Vor-
aussageintervall
derart
kurz
bemessen
ist,
daß
sich
in
dieser
Zeitspanne
die
Auswirkungen
relevanter
Ursachenkomplexe
überhaupt
nicht
be-
merkbar
machen
können.
Aus
vorstehenden
Gründen
kann
man
in
eine
zeitlich
gesehen
kurz-
fristige
Konjunkturprognose
auch die
Voraussage
der
kurzfristigen
perio-
dischen (saisonalen)
Schwankungen
einbeziehen.
Außerhalb
der
Betrach-
tungen
bleibt
-
wegen
zu
kurzen
Prognosezeitraums
- die
langfristige
säkulare
Komponente.
Das
gleiche
gilt
für
die
irregulären
Schwankun-
gen,
deren
Voraussage
wegen
ihres
unregelmäßigen
Charakters
sehr
schwierig
ist. Die Entscheidung,
auf
welche
Komponenten
einer
Zeit-
reihe
die
Prognose
sich zu
erstrecken
hat,
führt
natürlich
zu
entsprechen-
den
Konsequenzen:
Bei
Saison
und
Konjunktur
handelt
es sich
um
grundsätzlich
verschiedene
Phänomene,
zu
deren
Erklärung
und
Pro-
gnose
auch
grundsätzlich
verschiedene
Variablenkomplexe
herangezogen
werden
müssen.
Ir.
Wegen
der
Unmöglichkeit, die
Zukunft
zu
beobachten
oder
gar
zu
messen,
ist
j·ede
zukunftsbezogene
Aussage
notwendigerweise
an
be-
stimmte
Annahmen
gebunden.
Prognosen
sind
daher
stets
bedingte
Vor-
aussagen,
deren
Wirklichkeitsgehalt
vom
Grad
der
Richtigkeit
der
-
aus-
gesprochen
oder
unausgesprochen
-
unterstellten
Hypothesen
abhängt.
Der
Wissenschaft
fällt
die
Aufgabe
zu, diese
Hypothesen
(Annahmen)
zu
präzisieren
und
von
Fall
zu
Fall
auf
ihre
Wirklichkeitsnähe
zu
über-
prüfen.
(Hierzu
gehört
-
was
übrigens
häufig
nicht
hinreichend
beachtet
wird
-
auch
die
Wahl
solcher
statistischer
Schätz-
und
Prüfverfahren,
deren
spezielle
mathematischen
Voraussetzungen
nicht
im
Widerspruch
zu
den
tatsächlichen ökonomischen
Gegebenheiten
stehen)
..
Gelingt
es,
Bedingungen
und
Gesetzmäßigkeiten
zu
finden,
deren
Gültigkeit
auch
für
die
Zukunft
vermutet
werden
darf,
so
lassen
sich
hieraus
auch
für
das
Eintreffen
der
Prognose
bestimmte
Erwartungen
aufstellen.
Nun
gibt
es
in
den
wirtschaftlichen
Bereichen
keine
Gesetzmäßigkei-
ten
im
strengen
naturwissenschaftlichen
Sinn,
es
lassen
sich
aber
be-
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Die kurzfristige Konjunkturprognose 85
stimmte
Zusammenhänge
zwischen
wirtschaftlichen
Phänomenen
empi-
risch nachweisen,
die
über
bestimmte
Zeitperioden
hinweg
annähernd
stabil
bleiben.
Die
erste
Phase
einer
Wirtschaftsprognose
beschäftigt
sich
mit
der
Auffindung
und
quantitativen
Präzisierung
eben
solcher
Zusammenhänge
zwischen
den
interessierenden
Phänomenen
auf
Grund
von
verfügbaren
statistischen
Unterlagen
aus
der
Vergangenheit.
Dar-
an
schließt sich
die
,eigentliche
Prognose
an,
nämlich
die
Projektion
die-
ser
Zusammenhäng,e
in
die
Zukunft.
In
der
Regel
ist
es
aber
nur
für
einen
Teil
der
für
die
Voraussage
erforderlichen
Bedingungen
möglich,
in
die
Zukunft
projizierbare
Gesetzmäßigkeiten
zu
finden.
Der
andere
Teil
wird
durch
mehr
oder
weniger
autonome
Annahmen
ersetzt.
Die
Kunst
der
Prognose
besteht
darin,
diesen
sehr
ungewissen
T,eil
der
An-
nahmen
auf
ein
Minimum
zu
reduzieren.
In
welchem
Umfang
das
ge-
lingt,
hängt
aber
wiederum
nicht
nur
von
der
Existenz
der
erörterten
Gesetzmäßigkeiten
ab,
sondern
im
wesentlichen
Maße
auch
von
der
Ver-
fügbarkeit
entsprechender
statistischer
Unterlagen,
mit
deren
Hilfe
es
überhaupt
erst
möglich ist,
derartige
Beziehungen
aufzudecken
und
zu
präzisieren.
IIr.
Die
Prognosetechniken
-
den
Fall
der
reinintuitiV\en
Prognose
wollen
wir
aus
unseren
Erörterungen
ausklammern
-
unterscheiden
sich
je
nach
Fragestellung,
verfügbaren
Unterlagen
und
dem
Ausmaß
der
zu
investierenden
Arbeit
recht
wesentlich
voneinander.
Hierbei
sollte
man
die
theoretischen
Möglichkeiten
und
die
praktischen
Erfordernisse
auseinanderhalten.
Vom
Standpunkt
der
Praxis
müssen
an
eine
Prognose
-
abgesehen
von
ihrer
theoretischen
Korrektheit
-
folgende
Forderungen
gestellt
werden:
a)
Eine Wirtschaftsprognose sollte die Voraussetzungen,
unter
denen sie
auf-
gestellt wurde, explizite herausstellen.
b)
Die Prognose soll in
ihrer
Abfassung auf die Zwecke der Benutzer abge-
stimmt sein; sie soll nicht unnötig tiefschürfend
und
detailliert sein.
e)
Das Prognosemodell sollte ständig den neuesten Informationen angepaßt
werden.
d)
Die Prognose sollte auf möglichst aktuellen Daten aufbauen.
Wohl die
einfachste
in
der
Praxis
angewandte
Prognosetechnik
ist
die
Extrapolation
des
Trends
einer
Reihe
in
die
Zukunft.
Unter
Trend
wollen
wir
nicht
die
säkulare
Entwicklung,
sondern
-
im
ursprüng-
lichen
Sinne
des
Wortes
-
die
Grundrichtung
der
Reihe
verstehen.
Bei
monatlichen
Daten
wird
sie
in
etwa
die
Konjunktur
widerspiegeln.
Die
erste
Phase
'einer solchen
Prognose
besteht
in
der
Bestimmung
des
Trends,
d. h.
in
der
Ableitung
der
bisherigen
Entwicklungsrichtung
der
Reihe
unter
Vernachlässigung
der
kurzfristigen
Schwankungen.
Hierbei
kommt
vielfach
die
Methode
der
kleinsten
Quadrate
zur
Anwendung,
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
86
O.
Anderson,
K.
Winclder
mit
deren
Hilfe
der
Trend
als
Funktion
der
Zeit
dargestellt
wird.
Daran
schließt
sich -
je
nach
der
Gestalt
des
Trends
-
eine
lineare
oder
nicht-
lineare
Extrapolation
an. Welche
Annahmen
liegen
dieser
formalen
Pro-
gnosetechnik
zugrunde?
Die
Entwicklung
einer
wirtschaftlichen
Reihe
in
der
Zeit
stellt
das
Ergebnis
des
Zusammenwirkens
verschiedener
Ursachenkomplexe
dar.
Im
vorliegenden
Fall
V1erzichtet
man
bewußt
auf
die
Analyse
dieser
Einflußgruppen
und
errechnet
aus
der
Reihe
selbst
ihre
Entwicklungs-
richtung.
Implizite
wird
damit
die
Annahme
gemacht,
das
Zusammen-
spiel
der
für
die
Entwicklung
der
Reihe
relevanten
Faktoren
-
die
selbst
außerhalb
der
Betrachtungen
bleiben
-
werde
sich
in
der
Zukunft
der-
art
gestalten,
daß
eine
bestimmte
in
der
Vergangenheit
beobachtete
äußere
Form
des
Wachstums
der
betreffenden
Variablen
auch
weiterhin
be-
stehen
bleibt.
Diese
Extrapolationstechnik
des
Trends
läßt
sich
im
allgemeinen
nur
für
kurze
Prognoseinterval1e
rechtfertigen,
und
zwar
auch
nur
dann,
wenn
eine
kurzfristige
radikale
Änderung
der
Entwicklungsrichtung
unwahrscheinlich
erscheint. (Der Begriff
kurzfristig
ist
hierbei
auf
die
gewählte
zeitliche
Darstellungseinheit
zu
beziehen.) Dies
könnte
z.
B.
der
Fall
sein,
wenn
über
eine
längere
Zeitperiode
in
unveränderter
WeiSe
dieselbe
Entwicklungsrichtung
der
Reihe
beobachtet
wurde.
Allerdings
steht
auf
<einem
anderen
Blatt,
wie
eine
derartig·e
Feststellung
- ins:'
besondere
für
die
äußer,en
Bereiche
der
Reihe
-
exakt
gemacht
werden
kann.
Man
bedenke
nur,
daß
bei
der
Anwendung
der
Methode
der
klein-
sten
Quadrate
die
analytische
Form
des
Trends
von
vornherein
auf
Grund
des
Gesamtbildes
der
Reihe
festgelegt
werden
muß,
das
Verfahren
also
lediglich
eine
Anpassung
einer
autonom
vorgegebenen
Funktion
an
die
gegebenen
Reihenwerte
liefert.
Methodisch
vollkommenere
Prognoseverfahren
gehen
von
einem
mehr
oder
weniger
detaillierten
Modell aus,
das
die
wichtigsten
Bestimmungs-
gründe
für
die
Entwicklung
der
interessierenden
Reihe
erfaßt
und
die
Art
ihres
Zusammenwirkens
quantitativ
beschreibt.
Diese Vorgeh,ens-
weise
entspricht
dem
ökonomischen
Denken,
das
sich
nicht
mit
der
Be-
schreibung
bestimmtet'
phänomene
begnügt,
sondern
sichll;m
ihre
öko-
nomische
Erklärung
bemüht.
Das
Modell
wird
verifiziert, d. h.
mitHilfe
geeigneter
statistischer
Methoden
auf
seine
Wirklichkeitsnähe
überprüft.
Daraufhin
wird
die
mutmaßliche
zukünftige
Entwicklung
der
exogenen
Einflußgrößen
geschätzt
und
lllit
Hilfe
der
vorher
verifizierten
Modell.,.
relationen
der
zu
prognostiziere~de
Tatbestand
errechnet.
(Wir
haben
hierbei
zu
unterscheiden
zwischen
endogenen
und
exogenen
Variablen.
Die
Werte
der
endogene!).
Variablen
werden,
wenn
die
Para-
meter
des
Gleichungssystems
feststehen,
eindeutig
bestimmt,
sofern
den
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Die kurzfristige Konjunkturprognose
87
exogenen
Variablen
bestimmte
numerische
Werte
vorgegeben
sind.
Exogene
Variable
sind
entweder
verzögerte
endogene
Variable
oder
aber
"systemfremde"
Variable,
deren
Werte
für
den
Prognosezeitraum
auf
Grund
von
"externen"
Informationen
festgesetzt
werden
müssen.
"Systemfremd"
bedeutet
hier
lediglich,
daß
die
betreffenden
Variablen
nicht
auf
Grund
des
Modells,
sondern
durch
Inanspruchnahme
externer
Informationen
vorausgesagt
werden).
Je
nach
Zielsetzung
und
gegebenen
technischen
sowie
materialmäßigen
Voraussetzungen
können
mehr
oder
weniger
umfangreiche
Modelle
aufgestellt
werden.
Die
theoretisch-ökonomischen
und
die
statistisch-
methodischen
Erfordernisse
sind
hierbei
durchaus
nicht
einfach
aufein-
ander
abzustimmen.
Ein
theoretisch
einwandfreies
Modell
kann
vielfach
deshalb
nicht
konstruiert
werden,
weil
die
erforderlichen
statistischen
Unterlagen
zu
seiner
Verifizierung
entweder
überhaupt
nicht
oder
nicht
in
geeigneter
Form
vorhanden
sind.
Zum
anderen
nehmen
mit
der
An-
zahl
von
Variablen
auch
die
Fehlermöglichkeiten
zu,
die
bei
den
ver-
fügbaren
statistischen
Methoden
nur
durch
die
Erhöhung
des
Umfangs
der
Beobachtungen
teilweise
(soweit
es
sich
um
zufällige
Fehler
handelt)
kompensiert
werden
können;
lange
statistische
Zeitreihen
sind
aber
nur
selten
verfügbar.
Sehen
wir
aber
von
diesen
Schwierigkeiten
ab,
so
lie-
gen
den
Modellprojektionen
grundsätzlich
folgende
Annahmen
zugrunde:
a)
Es
wird
vorausgesetzt, daß die
auf
Grund
der
statistischen Unterlagen
. verifizierten Zusammenhänge den
wahren
Gegebenheiten entsprechen,
d. h. kein
Produkt
des Zufalls sind.
b)
Es
wird
vorausgesetzt, daß diese Zusammenhänge
in
unveränderter
oder
wohldefinierter
veränderter
Form
auch
für
die
Zukunft
gelten. Es
dürfen
also keine
neuen
Einflußgrößen wesentlicher
Art
hinzukommen, die
im
An-
satz nicht berücksichtigt wurden. Andererseits
dürfen
auch keine Einfluß-
größen gegenüber
den
Modellrelationen an Gewicht verlieren.
Unter
den vorstehenden Bedingungen gibt
die
Prognose Aufschluß
dar-
über, welche Werte die zu prognostizierende Variable
in
Zukunft
anneh-
men
wird, falls
für
die einzelnen exogenen Variablen diese oder
jene
Ent-
wicklung angenommen wird. Soll
aber
die Prognose
der
Wirklichkeit
ent-
sprechen, so kommt eine weitere Bedingung hinzu.
c)
Die Vorausschätzung
der
exogenen Einflußfaktoren
muß
den
tatsächli-
chen zukünftigen Gegebenheiten entsprechen.
Damit
ist
das
Voraussageproblem
-
die
Bestimmung
der
zukünftigen
Werte
der
endogenen
Variablen
-
auf
eine
andere
Ebene
verschoben.
Da
sich
unter
bestimmten
Voraussetzungen
(Identifikation)
jede
endogene
Variable
eines
Modells
allein
als
Funktion
aller
exogenen
Variablen
darstellen
läßt,
können
wir
schematisch
diese
Prognosetechnik
wie
folgt
beschreiben:
Man
drückt
die
interessierende
endogene
Variable
Xo
als
Funktion
der
erklärenden
exogenen
Variablen
Xl!
X2,
•••
X n
aus:
Xo
= f
(Xl!
X2,'"
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
94
Harald Gerftn
hänge
und
durch
methodische
Verbesserungen
einengent,
aber
vermut-
lich
nie
ganz
beseitigen
lassen.
Mit
einem
gewissen,
allerdings
kaum
quantifizierbaren
Grad
von
Ungewißheit
muß
man
sich
auf
alle
Fälle
abfinden.
Man
versucht
aber
auch
auf
ganz
anderer
Ebene
die Möglichkeit
der
Konjunkturprognose
zu
widerlegen:
Der
praktische
Zweck
jeder
Vor-
hersage
besteht
darin,
den
in
die
Zukunft
gerichteten
Entscheidungen
eine
möglichst
objektive
Orientierungsgrundlage
zu
liefern.
Von
den
Entscheidungen
hängt
jedoch
Richtung
und
Ausmaß
der
ökonomischen
Aktivität
weitgehend
ab.
Damit
wird
die
Prognose
selber
zu
einem
Be-
stimmungsfaktor
des Prozesses,
den
sie
im
voraus
ermitteln
will.
Man
sagt,
die
Prognose
entziehe
sich -
sofern
sie veröffentlicht
und
geglaubt
wird
-
selbst
die
Basis,
auf
der
sie
beruhe.
Sie
könne
daher
niemals
wahr
werden.
Bei
den
möglichen
Wirkungen
der
Prognose
unterscheidet
man
erstens
die sog. Rückkopplungseffekte ("feedback"-Effekte),
insbesondere
die
übersteigerte,
spekulative
Vorwegnahme
der
prognostizierten
Ereignisse.
Die
Vorhersage
wirkt
akzelerierend.
Zweitens
läßt
sich
eine
Verhin-
derung
unerwünschter
Aussichten
durch
kompensierendes
Eingreifen
einer
wirtschaftspolitischen
Instanz
denken
("
coun
ter-
feedback " -Effekte).
Diese
beiden
Effekte
rufen
die
oft
erwähnte
"Selbstvernichtung"
der
Prognose
hervor.
Diese Bezeichnung
unterstellt,
daß
derartige
Einflüsse
absolut
unerwünscht
sind
-
eine
Auffassung,
die u. E.
etwas
zu
weit
geht,
es sei denn,
man
betrachtet
die
Prognose
als
Selbstzweck
und
ihr
Eintreffen
als höchstes Ziel. Schließlich
kann
aber
auch
eine
Tendenz
zur
Selbsterfüllung
vorhanden
sein,
vor
allem,
wenn
eine
einflußreiche
Stelle
der
Vorhersag,e
programmatischen
Charakter
verleiht
und
sich
um
die
Durchsetzung
bemüht.
Man
kann
diese
Rückwirkungen
der
Prognose
auf
den
Wirtschafts-
ablauf
nicht
ignorieren
oder
ihre
Bedeutung
bagatellisieren
und
gleich-
zeitig die Wichtigkeit
oder
gar
Notwendigkeit
der
Voraussage
betonen.
Denn
wenn
grundsätzlich
keine
nennenswerten
Wirkungen
eintreten,
dann
ist
die
Prognose
de
facto überflüssig.
Die
Chance
für
feedback-
Effekte
ist
gerade
kurzfristig
recht
groß,
denn
Entscheidungen
über
Lager-
bildung,
Auftragserteilungen,
Kaufaufschub
etc.
sind
konjunkturbestim-
mend
und
rasch
zu
treffen.
Eine
Quantifizierung
der
Einflüsse
stößt
jedoch (ex
ante
wie
ex
post)
auf
praktisch
unüberwindliche
Schwierig-
keiten.
Eine
Analyse
des
statistischen
Materials
erscheint
wenig
erfolg-
versprechend,
weil
ex-post-Meldungen
keine
Auskunft
darüber
ge-
1 Der wachsende Anteil autonomer, nicht durch "Marktmechanismen" ge-
steuerter Sektoren bewirkt andererseits eher eine Verschärfung der pro-
gnostischen Schwierigkeiten.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Die kurzfristige Konjunkturprognose
95
ben,
wie
ohne
oder
mit
anderer
Prognose
gehandelt
worden
wäre.
Außer-
dem
mangelt
es
gewöhnlich
an
hinreichender
Analogie
der
Entscheidungs-
situationen,
um
Schlußfolgerungen
für
kommende
Fälle
ableiten
zu
können.
Darüber
hinaus
ist
in
der
Regel
nicht
bekannt,
welche
der
kon-
kurrierenden,
voneinander
abweichenden
Voraussagen
als
Grundlage
verwendet
worden
sind.
In
Holland
laufen
zur
Zeit
Versuche,
durch
Befragen
prognostisch
beratener
Unternehmungen
festzustellen,
wie
man
auf
verschiedene
Schätzungen
der
künftigen
Entwicklung
reagie-
ren
würde.
Die
Antworten
sind
zu
vage,
um
irgendwelche
Anhaltspunkte
zu
bieten.
Das
ist
auch
nicht
allzu
verwunderlich,
denn
die
Entschei-
dungsprozesse
großer
Unternehmungen
sind
sachlich
und
institutionell
derart
kompliziert,
daß
apriori
kaum
klare,
explizite
Vorstellungen
über
Verhaltensalternativen
zu
erwarten
sind.
Eine
Berücksichtigung
und
Einbeziehung
der
feedback-Effekte
in
die
Prognose
macht
aber
nicht
nur
aus
sachlichen
Gründen
(Informations-
mangel),
sondern
auch
logisch
beträchtliche
Schwierigkeiten.
Samuelson
2
ist
zwar
mit
Modigliani
und
Greenberg
der
Meinung,
daß,
falls
korrekte
Geheim-Prognosen
möglich
sind,
auch
veröffentlichte
Prognosen
mög-
lich
sein
müssen,
die
sich
unter
Berücksichtigung
ihres
eigenen
Ein-
flusses
als
zutreffend
erweisen.
Das
ist
jedoch
in
allen
Bereichen,
in
denen
kurzfristig
Spekulationen
eine
Rolle
spielen
(Einkauf,
Lager-
bildung
usw.),
nicht
vorstellbar.
Der
feedback-Effekt
hat
die
Tendenz,
jede
quantitative
Vorhersage
zu
übertreffen
3 •
Von
diesen
Phänomenen
ist
der
jüngste
deutsche
Boom
sicher
nicht
frei.
Kurzfristig
setzen
aller-
dings
die
Kapazitäten
der
Realausweitung
der
Produktion
Grenzen.
Führt
man
sich
diese
Zusammenhänge
vor
Augen,
dann
fällt
es
schwer,
auf
die
Frage
nach
der
Möglichkeit
der
Konjunkturprognose
eine
defi-
nitive
Antwort
zu
geben.
Diese
Antwort
hängt
sehr
davon
ab,
worin
man
Sinn
und
Aufgabe
der
Prognose
erblickt.
Nur
in
Verbindung
mit
dem
verfolgten
Zweck
läßt
sich
beurteilen,
ob
mögliche
Aussagen
über
zukünftige
Tendenzen
in
Inhalt,
Stärke
und
Sicherheit
als
genügend
angesehen
werden
können.
2 P.
A.
SamueZson: Wirtschaftsprognose
und
Politik, in: Das
amerikani-
sche Beschäftigungsgesetz, Vergangenheit
und
Zukunft. Hrsg. v.
G.
CoZm.
Deutsche übersetzung DIW, Sonderhefte NF Nr. 37, Reihe
C.
Quellen.
Ber-
lin 1956,
S.
173
f.
und
E.
G.
Greenberg and F. Modigliani: The
Predictabi-
lity of Social Events,
Journal
of Political Economy, Vol
LXII
(1954),
S.
465
ff.
3 Glaubt
man
z.
B., die herrschende Situation führe zu einer Preisstei-
gerung von 5 vH
und
unterstellt, die Bekanntgabe dieser Tendenz
bewirke
eine spekulative Verstärkung um weitere 2 vH, so ist es offensichtlich
sinn-
los, von vornherein 7
vH
vorherzusagen. Die effektive Steigerung
würde
trotzdem höher liegen als die veröffentlichte Schätzung. Es liegt nahe, die
häu-
fig,
insbesondere bei Befragungsmethoden beobachtete Unterschätzung von
Änderungen teilweise
auf
dieses Phänomen zurückzuführen. Ein Beweis
da-
für
läßt
sich freilich nicht erbringen.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
96
Hara!d Gerfin
Folgt
man
der
klassischen
Auffassung,
dann
gehört
die
Konjunktur-
prognose
eindeutig
und
allein
in
den
Bereich
der
positiven
Ökonomik,
ja,
manche
Forscher
sahen
(und
sehen)
im
Erreichen
"wahrer"
Voraus-
sagen
den
strahlenden
Gipfel
der
positiven
Ökonomik.
Für
frühere
Zei-
ten
ist
diese
Haltung
noch verständlich.
Man
hatte
über
eine
lange
Periode
hinweg
ein
mehr
oder
weniger
regelmäßiges
zyklisches
Verhalten
der
Gesamtentwicklung
beobachtet,
das
einschneidende
Wirkungen
auf
das
wirtschaftliche
Leben
ausübte.
Es
lag
daher
nahe
zu versuchen,
den
Zeit-
punkt
der
Umkehr
des
Systems
von
der
Hochkonjunktur
in
die
Rezes-
sion
mit
der
offenbar
notwendig
folgenden Depression sowie des
begin-
nenden
Wiederaufschwungs
im
voraus
zu
ermitteln.
Die
Schwingungen
selber
wurden
als zwangsläufig
und
systemimmanent
betrachtet.
Heute
liegen
die
Dinge
in
mancherlei
Beziehung
wesentlich
anders.
Zunächst
hat
sich die
Einstellung
gegenüber
den
Aufgaben
der
Wirt-
schaftspolitik
erheblich
gewandelt.
Eine
aktive
und
zielbewußte
Steue-
rung
und
Regulierung
wird
heute
-
von
wenigen
Ausnahmen
abge-
sehen
-
allgemein
als
unerläßlich
betrachtet.
Die
ersten
Anzeichen
einer
sich
anbahnenden
Verschlechterung
haben
heute
bereits
zur
Folge,
daß
die
betreffenden
Interessengruppen
alle
Hebel
zur
Beseitigung
der
Ge-
fahr
in
Bewegung
setzen. Gleichzeitig
konnte
die
Leistungsfähigkeit
der
Wirtschaftspolitik
seit
den
dreißiger
Jahren
beträchtlich
gesteigert
wer-
den,
wenn
sie
natürlich
auch noch
weit
davon
entfernt
ist,
vollkommen
zu
sein.
In
gewissem
Zusammenhang
damit
steht
eine
zweite
Beobachtung:
Die
Wandlung
der
empirischen
Wirklichkeit.
Die
Zeit
scheint
vorüber,
in
der
sich
Aktivitätsschwankungen
in
allen
Sektoren
und
Branchen
weitgehend
parallel vollzogen. Es
gelingt
offenbar,
allgemeine
über-
hitzungen
und
gemeinsame
Rückschläge
zumindest
zu
mildern.
Für
die
einzelne
Branche
bedeutet
es
aber
noch
keine
Stabilität
der
Entwick-
lung,
wenn
insgesamt
ein
trendnäherer
Verlauf
gewährleistet
ist.
Spielte
früher
das
"allgemeine
konjunkturelle
Klima"
die
entscheidende
Rolle,
weil
Aufschwung
und
Depression
des
gesamten
Systems
alle
Partial-
bewegungen
überschattete,
kommt
den
branchentypischen
Fluktuationen
ein
erhöhtes
Gewicht
zu,
sobald
die
Totalkonjunkturen
eingedämmt
sind.
Bei
manchen
Wirtschaftsbereichen
dürfte
sogar
eine
Tendenz
zur
Verschärfung
der
spezifischen
Unstabilität
bestehen,
insbesondere
dort,
wo
langlebige
Erzeugnisse
(Automobile,
Elektrogeräte)
oder
lang
lager-
fähige
Produkte
(Stahl, Kohle, Textilien)
erzeugt
werden.
Die
zuneh-
mende
Versorgung
der
Märkte
erlaubt
eine
größere
zeitliche
Flexibili-
tät
in
den
Dispositionen
der
Verbraucher,
und
das
bedeutet
für
die
Liefe-
ranten
ein
verstärktes
Unsicherheitsmoment
-
ganz
abgesehen
von
der
wachsenden
Bedeutung
vorübergehender,
partieller
Sättigungserschei-
nungen,
die
im
eigentlichen
Sinne
kaum
noch
der
Konjunktur
zuge-
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Die kurzfristige Konjunkturprognose 97
rechnet
werden
dürfen.
Die
Wirtschaft
der
Vereinigten
Staaten
bietet
für
diese
Entwicklung
ein
überzeugendes
Beispiel,
aber
auch
in
Europa
werden
ähnliche
Tendenzen
bereits
deutlich sichtbar.
Aus
den
bisherigen
überlegungen
ergibt
sich
eine
Reihe
von
Kon-
sequenzen.
Eine
Totalprognose,
die
sich
auf
die
Schätzung
von
Globalgrößen
be-
schränkt,
ist
sowohl
für
die
Zwecke
der
Wirtschaftspolitik
als
auch
für
die
Dispositionen
der
Unternehmungen,
die
Arbeit
der
Verbände
usw.
uninteressant.
Was die
theoretische
Möglichkeit
angeht,
sind
wir
skep-
tisch.
Eine
nähere
Erörterung
erübrigt
sich jedoch,
wenn
der
Nutzen
eventueller
Resultate
derart
gering
ist.
Eine
komplette
Darstellung
der
zukünftigen
Entwicklung,
die
zugleich
hinreichend
aufgegliedert
und
spezifiziert ist,
kann
guten
Gewissens
kaum
als möglich bezeichnet
werden.
Ein
solcher
Versuch
ist
den
ge-
nannten
Haupteinwänden
in
gesteigertem
Maße
ausgesetzt.
Je
detaillier-
ter
nämlich
die
Schätzung
ist,
um
so
größere
Chancen
für
Antizipa-
tionen
und
gezielte Eingriffe
bieten
sich.
Andererseits
ist
auch
der
Infor-
mationsbedarf
für
die
Erstellung
der
Prognose
wesentlich
höher.
Der
Anteil
reiner
Vermutungen
und
Unterstellungen
muß
mit
der
Detail-
lierung
zwangsläufig wachsen,
wenn
man
schließlich
zu
einem
geschlos-
senen
Gesamtbild
kommen
will.
Dadurch
schwindet
der
wissenschaft-
liche
Wert
der
Voraussage.
Sie
nähert
sich
der
Wahrsagerei.
Werden
die
Aussagen
konditional
formuliert,
dann
sind
sie
wieder
nicht
generell,
sondern
nur
für
diejenigen
interessant,
die
die
Kon-
ditionen
kontrollieren.
Natürlich
wird
keine
Wirtschaftsprognose
jemals
ganz
ohne
Annahmen
auskommen,
aber
eine
detaillierte
Total-
prognose
ist
notwendig
so
mit
Qualifikationen
übQrladen,
daß
keine
Gruppe
von
Benutzern
für
sich
brauchbare
Schlüsse
daraus
ziehen
kann.
Unsere
Auffassung
läßt
sich
wie
folgt
resümieren.
Es
gibt
keine
wis-
senschaftlich
vertretbare
Form
der
Wirtschaftsprognose,
die
man
als
die
Konjunkturprognose
bezeichnen
könnte.
Die
Wissenschaft
kann
kein
gemeinsam
für
alle
wirtschaftlich
aktiven
Gruppen
nützliches
und
zu-
gleich zuverlässiges
Bild
der
konjunkturellen
Situation
von
morgen
ent-
werfen.
Eine
für
kurzfristige
Entscheidungen
verwendbare
Prognose
muß
vielmehr
je
nach
den
Anforderungen,
die
sich
aus
dem
Verwen-
dungszweck,
den
Zielen
und
den
verfügbaren
Instrumenten
des
Be-
nutzers
ergeben,
einen
anderen
Inhalt
und
ein
anderes
Gesicht
auf-
weisen. Die
Frage
nach
der
Möglichkeit
einer
kurzfristigen
Prognose
ist
daher
nicht
summarisch,
sondern
für
jede
spezifische
Entscheidungs-
situation
gesondert
zu
prüfen.
Die theoretische
Nationalökonomie
und
die
systematische
Wirtschafts-
beobachtung
liefern
eine
Fülle
von
Anhaltspunkten
über
Tendenzen
auf
einzelnen
Märkten.
Die
Wirtschaftswissenschaft
sollte
daher
in
der
7
Schriften
d.
Vereins
f.
Socialpolitik
25
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
98
Harald
Gerfin
Lage
sein,
zu
vielen
konkreten
Problemen
der
Praxis
wertvolle
pro-
gnostische
Beiträge
zu
leisten,
wie
sie
es
in
gewissem
Umfange
heute
be-
reits
tut.
Die
traditionelle
Konjunkturprognose
jedoch,
die
unter
dem
Motto
"The
essence of science
is
prediction"
versucht,
unabhängig
von
den
Erfordernissen
und
Rückwirkungen
der
Entscheidungen
schlechthin
zu
sagen,
was
morgen
sein
wird,
ist
zum
Scheitern
verurteilt.
Nur
wenn
man
die
Prognosen
als
Bausteine
oder
besser:
als
Fundamente
einzelner
Entscheidungsprozesse
sieht,
scheint
das
Problem
der
Voraussage
logisch
widerspruchsfrei
lösbar
zu
sein.
Die
Konjunkturprognose
mit
ihrem
überkommenen
Inhalt
dagegen
stellt
ein
verwirrendes
Agglomerat
von
Größen
dar,
die
für
eine
Gruppe
endogen,
die
andere
exogen,
kontrolliert
oder
unkontrolliert,
Ziel,
Mittel
oder
Datum
bedeuten.
Damit
kann
allenfalls
eine
geniale
Intuition,
jedoch
keine
wissenschaftliche
Methode
fertig
werden
-
und,
wie
gesagt,
die
Möglichkeit
einer
nützlichen
Ver-
wendung
ist
äußerst
fraglich.
In
diesem
Licht
betrachtet,
ergeben
sich
auch
Zweifel
an
der
Zweck-
mäßigkeit
der
üblichen
Art
von
nachträglicher
Kontrolle
der
Prognose.
Was
soll
eine
Gegenüberstellung
der
Prognosewerte
mit
den
Effektiv-
werten
aussagen?
Jede
Gruppe
versucht
auf
Grund
der
Vorausschätzun-
gen
in
ihrem
Sinne
an
verschiedenen
Stellen
Einfluß
zu
nehmen;
darin
liegt
für
sie
ja
die
Bedeutung
der
Prognose.
Das
Verhalten
der
Menschen
zu
ändern,
meint
Fourastie,
sei
viel
mehr
als
die
Feststellung
der
Zu-
kunft
Aufgabe
der
"prevision
economique".
Wenn
bei
der
Vielzahl
unterschiedlicher
Reaktionen
tatsächlich
eine
Übereinstimmung
von
Prognose
und
tatsächlicher
Entwicklung
herauskommt,
so
muß
das
als
reiner
Zufall
betrachtet
werden.
Selbst
in
diesem
"günstigen"
Fall
bleibt
es
offen, ob
die
Prognose
wirklich
nützlich
war.
Wir
halten
das
Ein-
treffen
einer
detaillierten
Totalprognose
in
allen
ihren
Teilen
(das
klas-
sische
Prognoseziel)
nicht
notwendig
für
ein
Kriterium
der
Güte
der
Prognose.
Vielleicht
könnte
man
aus
dem
Ergebnis
eher
schließen,
daß
niemand
seine
Ziele
erreicht
hat.
Wegen
dieser
Schwierigkeiten
wird
gelegentlich
ein
bescheideneres
Kontrollverfahren
vorgeschlagen:
man
solle sich
auf
eine
Überprü-
fung
des
Eintreffens
vorausgesagter
Wendepunkte'
beschränken.
Die-
ser
Test
ist
offenbar
noch
weniger
befriedigend.
Denn
erstens
kann
er
nur
funktionieren,
wenn
wirklich
häufig
mit
Wendepunkten
zu
rechnen
4 Wir haben
hier
eins von vielen Beispielen, bei denen mathematische
Ter-
mini unkorrekt
in
die Nationalökonomie übernommen wurden. Gemeint sind
natürlich Höchst-
und
Tiefstpunkte, d. h. die Extremwerte. Die Wendepunkte
im mathematischen Sinn spielen
in
der
Konjunkturforschung ebenfalls eine
wichtige Rolle. An sie knüpft das Akzelerationsprinzip an. Eine aktive Kon-
junkturpolitik, die zugleich die Grundlagen
für
reibungsloses Wachstum
schaffen will, sollte sich
mehr
auf
die Wendepunkte im mathematischen Sinn
konzentrieren. Nur dann besteht eine Chance, Extremwerte zu vermeiden.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Die kurzfristige Konjunkturprognose
99
ist.
Und
zweitens
scheint
doch die
Prognose
um
so
besser
-
wenn
man
eine
leistungsstarke
Wirtschaftspolitik
unterstellen
kann
-,
je
weni-
ger
der
prognostizierten
Wendepunkte
effektiv
auftreten.
An
diesem
Bei-
spiel zeigt sich
besonders
deutlich, daß
die
Güte
der
Prognose
nur
im
Rahmen
eines geschlossenen
Programms
beurteilt
werden
kann.
Einen
eindeutigen
Maßstab
bildet
nur
der
Grad
der
Annäherung
an
vorgege-
bene
Ziele (soweit sie
im
Bereich
realer
Möglichkeit liegen),
hier
also:
stetiges
Wachstum
bei
Preisstabilität,
Ziele,
die
in
jedem
Regierungs-
programm
heute
eine
zentrale
Stelle
einnehmen.
Werden
sie
erreicht,
dann
müssen
offenbar
die
relevanten
autonomen
Größen
richtig
pro-
gnostiziert
und
die
Wirkung
der
Instrumente
korrekt
antizipiert
worden
sein.
Liegt
ein
solches
Programm
vor,
dann
lassen
sich
auch
die
Schätz-
fehler
lokalisieren.
Da
die
nachträgliche
Kontrollierbarkeit
unbedingtes
Erfordernis
der
Wissenschaftlichkeit ist,
ergibt
sich auch
von
dieser
Seite
als
einziger
Ausweg
die
Erstellung
von
Spezialstudien,
die
Ziele,
Instrumente
und
Erwartungen
eines spezifischen
Benutzers
klar
unterscheiden.
2. Ansatzpunkte kurzfristiger Wirtschaftsprognosen
Die
bisherigen
Ausführungen
deuten
bereits
darauf
hin,
daß
all-
gemeingültige
Aussagen
über
Methoden
der
kurzfristigen
Wirtschafts-
prognose
und
ihre
jeweilige
Leistungsfähigkeit
praktisch
nicht
möglich
sind.
Gibt
es
keine
bestimmte,
eindeutig
definierbare
Konjunkturprognose,
dann
existiert
natürlich
auch
kein
Einzelverfahren,
das
grundsätzlich
überlegen
ist
und
der
heterogenen
Vielzahl
von
Problemstellungen
ge-
nügen
kann.
Losgelöst
von
einer
speziellen
Fragestellung
und
einer
gegebenen
Situation
ist
Konjunkturprognose
nicht
denkbar.
Aus
der
konkreten
Aufgabe
heraus
folgen
diejenigen
Variablen,
deren
Voraus-
schätzung
wertvoll
oder
für
eine
Entscheidung
unumgänglich
ist.
Die
Art
der
relevanten
Variablen,
ihre
Stellung
im
ökonomischen
System,
der
Verwendungszweck
der
Prognose
("feedback U )
und
die
Verfügbar-
keit
von
Daten
und
Informationen
bestimmen
über
die
Zweckmäßig-
keit
der
Anwendung
des
einen
oder
anderen
methodischen
Instruments.
Auch
relativ
bescheidene
Ergebnisse
-
gemessen
an
den
Ambitionen
der
klassischen
Konjunkturforschung
-
können
praktisch
von
großem
Nutzen
sein.
Die
neuere
Forschung
auf
dem
Gebiet
wirtschaftlicher
Ent-
scheidungen (insbesondere die
Theorie
der
Wirtschaftspolitik
und
das
"management
science U )
hat
ergeben,
daß
die
Mehrzahl
der
praktischen
Entscheidungen
keineswegs
auf
vollständige
Voraussicht
angewiesen
ist,
im
Gegenteil: Häufig
reichen
sehr
viel
weniger
Zukunftsinformationen
7*
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
100
Harald
Gerfin
aus,
als
man
früher
unterstellt
hat.
Voraussetzung
ist
dann
selbstver-
ständlich
ein
individueller
Zuschnitt
der
Prognose
und
eine
adaequate
Verwendung
im
Dispositionsprozeß.
"Much
of
the
future",
schreibt
Holt
5,
gestützt
auf
die
Arbeiten
von
Modigliani
und
Cohen,
"is
abso-
lutely
irrelevant
to
the
decision
at
hand."
Wirtschaftspolitik
auf
einer
höheren
als
der
Unternehmensebene
be-
nötigt
in
der
Regel
ein
umfassenderes
Bild
der
wirtschaftlichen
Akti-
vitäten.
Die
Anforderungen
an
die
Vorhersage
wachsen
mit
der
Anzahl
angestrebter
Ziele.
Sie
kann
jedoch
um
so
mehr
Freiheitsgrade
ent-
halten,
je
größer
das
wirtschaftspolitische
Instrumentarium
ist.
Benötigt
wird
ein
Bündel
schwacher,
in
bezug
auf
die
kontrollierten
Variablen
konditionaler
Prognosen,
das
den
ganzen
Fächer
der
Entwicklungsmög-
lichkeiten
UI.nspannt
und
aus
dem
dann
das
Optimum
zum
Programm
erhoben
wird.
Der
Vorgang
ist
also
nicht
identisch
und
weniger
proble-
matisch
als
die
übliche
Konjunkturprognose,
auch
wenn
diese
konditio-
nal
formuliert
ist.
Für
die
Wirtschaftspolitik
erhöht
sich
in
der
Nachkriegsperiode
da-
neben
laufend
die
Bedeutung
von
speziellen
Branchenstudien,
da
die
sektoralen
Eigenbewegungen
selektive
Stützungs-
oder
Dämpfungsmaß-
nahmen
erfordern
6 •
Die
Instrumente
einer
globalen
Konjunkturpolitik
sind
für
diese
Zwecke
selten
ausreichend
7 ,
und
man
muß
fragen,
inwie-
weit
die
Vorausschau
auf
kurze
Sicht
überhaupt
hinreichende
An-
haltspunkte
für
eine
wünschenswerte
Einflußnahme
liefert,
denn
struk-
turelle
Umschichtungen
kann
sie
allein
nicht
aufzeigen.
Es
bedarf
dazu
einer
Prognose
der
langfristigen
Entwicklungstendenzen.
Wir
kommen
auf
das
Zusammenspiel
von
kurz-
und
langfristiger
Vorhersage,
das
kom-
plementäre
Verhältnis
zwischen
ihnen
an
späterer
Stelle
zurück.
Da
es
vom
konkreten
Einzelfall
abhängt,
welche
Methode
am
ehesten
zum
Erfolg
führt,
wollen
wir
auf
eine
Darstellung
von
Verfahrenstech-
niken
verzichten
und
statt
dessen
nur
die
wichtigsten
Denkansätze
be-
schreiben,
mit
denen
man
sich
der
prognostischen
Aufgabe
nähern
kann.
Wichtige
Einzelverfahren
werden
dabei
beispielhaft
erwähnt.
Soweit
wir
sehen,
sind
fünf
im
Prinzip
unterschiedliche
Ansätze
denkbar,
wo-
5
C.
C.
Holt:
Forecasting Requirements from the Business Standpoint. In:
The Quality
and
Economic Significance of Anticipations Data, NBER,
Prince-
ton
1960,
S.
18.
6 Gerade auch
für
die Politik
der
Vollbeschäftigungssicherung genügen
keine globalen Vorhersagen der Entwicklung
am
Arbeitsmarkt. Die räumliche
Mobilität von Arbeitskräften ist kurzfristig
sehr
gering,
und
nur
in
Aus-
nahmefällen
kann
ein Einsatz in anderen Branchen schnell vollzogen werden.
Gesamtzahlen
über
Arbeitslose, offene Stellen etc. bieten
daher
nur
ungenü-
gende Unterlagen.
7 Man beachte insbesondere, daß automatische (eingebaute) Stabilisatoren,
auf
denen die generelle Konjunkturglättung zu guten Teilen beruht, hie.·
keine großen Erfolge bringen können. Ad-hoc-Maßnahmen (discretional
means) sind also nötig, und das erfordert fundierte Voruntersuchungen.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Die kurzfristige Konjunkturprognose 101
bei
zugegeben
sei,
daß
die
Trennungslinien
hier
und
da
nicht
immer
scharf
und
eindeutig
gezogen
werden
können:
1.
Symptomatische
Methoden
2.
Kausalsysteme
3.
überprüfung
"naiver"
Annahmen
4.
Test-Verfahren
5.
Trendprognose
als
Basis
1.
Der
symptomatische
Ansatz
Symptomatische
Methoden
registrieren
Ereignisse
des
Wirtschafts-
ablaufs,
ohne
auf
eine
tiefgreifende
Erklärung
des Geschehens
und
eine
Kausalanalyse
der
kurzfristigen
Schwankungen
großes
Gewicht
zu
legen. Die
bekanntesten
Verfahren
sind
die
sogenannten
Konjunktur-
barometer
in
ihren
verschiedenen
Varianten.
Man
begnügt
sich
mit
der
Erkenntnis,
daß
Fluktuationen
stattfinden,
unterstellt,
daß
sich
an
dieser
Tatsache
-
aus
welchen
Gründen
auch
immer
-
nichts
ändern
wird,
und
vertraut
darauf,
daß
die
Erscheinungsformen
der
einzelnen
Zyklenphasen
nicht
wesentlich
von
denen
der
Vergangenheit
abwei-
chen
werden.
Die prognostischen Versuche
knüpfen
an
die
Beobachtung
früherer
Konjunkturbewegungen
an,
bei
denen
zwar
alle
Sektoren
oder
ökonomischen
Zeitreihen
von
der
Auf-
und
Ab-Bewegung
erfaßt
wurden,
einige
Reihen
aber
deutlich
vorauseilten,
während
andere
be-
trächtlich
hinter
der
Mehrzahl
herhinkten.
Die
"lead"-Reihen
galten
als
Indikatoren
der
Gesamtentwicklung.
Das
hoffnungslose
Versagen
bei
Ausbruch
der
Wirtschaftskrise
1929
hat
die
Barometerverfahren
in
Verruf
gebracht.
Man
wandte
sich
mehr
und
mehr
von
ihnen
ab,
ohne
aber
den
symptomatischen
Weg
ganz
zu
verlassen.
In
den
letzten
Jahren
beobachtet
man
in
den
USA
sogar
eine
Wiederbelebung
in
Form
von
Indizes
der
ökonomischen
Aktivität
und
Prosperität.
Die
nach
dem
Verfahren
von
Moore
errechneten
Diffu-
sionsindizes
stellen
jedoch
weniger
auf
lead-lag-Beziehungen
einzelner
typischer
Reihen
ab,
sondern
messen
den
Anteil
richtungsändernder
Variablen
in
einer
sehr
großen
Zahl
von
verfolgten
Reihen
in
der
An-
nahme,
daß
der
allgemeine
Umschwung
sich
durch
zunehmende
Häu-
fung
von
Umschwüngen
in
den
Einzelreihen
vorzeitig
ankündigt.
Gegen
alle
diese
symptomatischen
Ansätze
sind
eine
Reihe
ernster
Bedenken
geäußert
worden.
Die
Verfahren
seien
mechanisch
und
partiell.
Es
würden
nur
Reihen
aufgenommen,
die
ein
Verhalten
zeigen,
das
in
das
gewählte
Konzept
paßt,
ohne
Rücksicht
auf
ihre
Aussagekraft,
ihre
Kausalzusammenhänge
und
die
Repräsentanz
aller
wichtigen
Wirt-
schaftssektoren.
So
fehlen
z.
B.
in
dem
Mooreschen
Index,
wie
Bassie
bemerkt,
Ausgaben
der
öffentlichen
Hand,
Lagerbewegungen
und
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
102
Harald Gerfin
Exporte.
Die
Regelmäßigkeiten
seien
wegen
der
geringen
Zahl
beob-
achteter
"Zyklen"
statistisch
nicht
signifikant.
Da
die
Methoden
ihrem
Wesen
nach
auf
ein
Verstehen
des Wirtschaftsprozesses verzichten,
wer-
den
überlegungen
darüber,
ob
in
Zukunft
ähnliche
Abläufe
plausibel
sind, ob sich
das
Gewicht
einzelner
Reihen
im
konjunkturellen
Geschehen
verschiebt
etc.,
erheblich
erschwert.
Ferner
seien
die
evtl. möglichen
Schlußfolgerungen
mager,
da
nur
Steigen
und
Fallen,
ein
qualitatives
Merkmal,
registriert
wird.
Jede
Quantifizierung
scheidet aus,
weil
dazu
eine
Gewichtung
der
Reihe
notwendig
wäre,
die
wiederum
eine
kom-
plette
Konjunkturtheorie
erfordert.
Daher
wären
allenfalls
Änderun-
gen
vorherzusagen,
nicht
jedoch
ihr
Ausmaß
und
ihre
Dauer.
Alle
diese
Einwände
sind
vollauf
berechtigt.
Man
muß
aber
darüber
hinaus
fragen,
ob die
skizzierten
Verfahren
nicht
nur
dann
einen
Sinn
haben,
wenn
aktive
Einfluß-
und
Gestaltungsmöglichkeiten
des
Men-
schen
verneint
und
die
Abweichungen
der
Prognose
unkontrolliertem
Zufall
zugeschrieben
werden.
Das
ist
wirklichkeitsfremd.
Ein
rein
pas-
sives
Konstatieren
unabwendbarer
Ereignisse
kann
schwerlich
als
Ziel
der
Prognose
genügen.
Sobald
aber
wirtschaftliche
Ziele
und
Maßnah-
men
ins
Auge
gefaßt
werden,
ist
der
symptomatische
Ansatz
für
sich
alleine
überfordert,
denn
er
kann
keinerlei
Anhaltspunkte
für
zweck-
mäßige
Entscheidungen
und
die
Stärke
der
Einflußnahme
liefern,
eben
weil
er
auf
eine
Analyse
der
Wirkungsweise
des
Systems
verzichtet.
Die
Bedenken
gegen
die
rein
symptomatischen
Ansätze
würden
sich
kaum
vermindern,
wenn
alle
tragenden
Bereiche
hinlänglich
berücksich-
tigt
würden.
Der
Ablauf
ist
nicht
so zwangsläufig,
daß
er
mechanisch
antizipiert
werden
könnte
8 • Die
meist
verwendeten
Methoden
laufen
auf
einen
Allzweck-Anzeiger
der
morgigen
Lage
hinaus,
den
es
nicht
geben
kann.
Stimmt
man
dem
zu,
dann
ist
es offenbar nutzlos,
hetero-
gene
Einzelbeobachtungen
mühsam
zu
einem
wenig
aussagekräftigen
Gesamtindikator
zu
aggregieren.
Das
gilt
um
so
mehr,
je
stärker
die
"Konjunktur"
durch
branchenspezifische
"Zyklen"
und
nicht
durch
ge-
meinsame
Schwankungen
aller
Bereiche
geprägt
ist.
Die
Einzelbeobachtungen
selber
können
prognostisch jedoch
von
gro-
ßem
Wert
sein,
ja,
es
dürfte
Einmütigkeit
darüber
bestehen,
daß
kein
Ansatz
zur
kurzfristigen
Wirtschaftsprognose
ohne
eine
Stützung
auf
gewisse
Symptome
der
Entwicklung,
ohne
Rückgriff
auf
lead-lag-Be-
ziehungen,
Häufungserscheinungen
etc.
auskommen
kann.
Aber
es
muß
eine
konkrete
Fragestellung
vorliegen,
die
spezielle
Aussagen
verlangt,
und
die
aus
den
Beobachtungen
gezogenen
Schlußfolgerungen
müssen
ökonomisch
begründbar
sein.
So
kann
z.
B.
eine
Änderung
in
den
Bau-
8 Eine politische Einflußnahme auf den Prozeß bewirkt darüber hinaus
vermutlich, daß die herkömmlichen Ereignisfolgen außer Kraft gesetzt werden.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Die kurzfristige Konjunkturprognose
103
aufträgen
(eine Reihe,
die
in
jedem
symptomatischen
Verfahren
einen
wichtigen
Platz
einnimmt)
ein
aufschlußreiches
Anzeichen
für
nach-
gelagerte
Industrien
darstellen.
Initialstörungen
größeren
Ausmaßes
rufen
Kettenwirkungen
hervor,
die
zu
verfolgen
zweifellos
lohnend
ist.
Werden
sie
in
frühen
Stadien
erkannt,
dann
sind
sowohl
für
die
be-
troffenen
Branchen
wie
für
die
Wirtschaftspolitik
nützliche
Hinweise
frühzeitig
möglich.
Derartige
Kausalstudien,
die
allerdings
einige
input-
output-Vorstellungen
und
Informationen
über
Auftragsbestände
ande-
rer
vorgelagerter
Sektoren,
Lagerhöhen,
Kapazitätsauslastung
usw.,
um
die
es
in
Deutschland
noch
nicht
allzu
erfreulich
bestellt
ist,
erfor-
dern,
erscheinen
wesentlich
erfolgversprechender
als
mechanische
Ge-
samtindikatoren.
2.
Ka
us.alsysteme
Diese
letzten
überlegungen
leiten
bereits
zu
dem
zweiten
denkbaren
Ansatz
über:
einem
System,
das
die
zu
prognostizierenden
Größen,
alle
relevanten
Einflußfaktoren
und
die
verschiedenen
Wechselbeziehungen
enthält
und
eine
wirkliche
Erklärung
der
Zusammenhänge
liefert.
Hier
besteht
ein
weiter
Spielraum
verfahrenstechnischer
Möglichkeiten.
Auf
der
einen
Seite
ist
ein
streng
mathematisch
formuliertes
Gleichungs-
system
möglich,
etwa
nach
dem
Muster
der
Konjunkturmodelle
von
Tinbergen,
Klein
und
Clark.
Andererseits
aber
werden
auch
sehr
lockere
Denkmodelle
verwendet,
bei
denen
auf
dem
formalen
Aufbau
wesent-
lich
geringeres
Gewicht
liegt.
Sie
dienen
hauptsächlich
dazu,
Annahmen,
Informationen
und
Erwartungen
systematisch
einordnen
und
Einzel-
schätzungen
aufeinander
abstimmen
zu
könneno.
Trotz
der
beträchtlichen
Spannweite
bestehen
zwischen
den
Extremen
nur
graduale
Unterschiede.
Der
Grundgedanke
liegt
jeweils
in
dem
Ver-
such,
die
Funktionsweise
des
wirtschaftlichen
Ablaufs
bzw.
des
betrach-
teten
Ausschnitts
zu
verstehen
und
in
quantitativ
auswertbaren
Abhän-
gigkeitsbeziehungen
darzustellen.
Die
Interdependenz
erscheint
im
ökonometrischen
Modell
in
der
Ma-
trix
der
Strukturkoeffizienten,
während
der
lockere
Ansatz
mit
gröberen
Vorstellungen
über
die
Größenordnung
der
wechselseitigen
Einflüsse
auszukommen
trachtet,
die
dann
im
Zuge
eines
iterativen
Lösungsprozesses
revidiert
und
spezifiziert
werden
können.
In
jedem
Fall
benötigt
man
gesonderte
Schätzungen
der
autonomen
Bestimmungs-
9
Vgl.
den Abschnitt "Looser Frameworks for Guessing
the
Future" in:
W.
Fellner, Trends and Cycles
in
Economic Activity, New York
1956,
S.
328
ff.
Fellner betont sicher mit Recht, daß vorläufig diesem "einfachen u. rohen"
Verfahren eine große Bedeutung zukommt.
In
Deutschland beruhen unseres
Wissens die gesamtwirtschaftlichen Prognosen des !fo-Instituts auf weit-
gehend intuitiven Informationskombinationen
im
Rahmen eines lockeren
Denkmodells.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
110 Harald Gerfin
verläßliche
Voraussagen
möglich
sein
werden.
Man
sollte
jedoch,
um
alle
Erkenntnischancen
zu
nutzen,
von
den
einfachen
dreistufigen
Tendenz-
befragungen
zumindest
zu
einem
fünffach
gegliederten
Antwortschema
übergehen,
wie
es
Fortune
recht
erfolgreich
verwendet.
Alles
in
allem
sind
sicher
keine
Wunder
an
prognostischer
Leistungs-
fähigkeit
von
den
neuen
Verfahren
zu
erwarten.
Das
schränkt
ihre
Be-
deutung
für
die
empirische Wirtschaftsforschung
in
keiner
Weise ein.
Allein
schon
die
Fragen
nach effektiven
Tatbeständen,
nach
dem
Ge-
schäftsverlauf
der
vergangenen
Periode
und
dem
herrschenden
Zustand
im
Zeitpunkt
der
Antwort
gestatten
eine
lückenlosere
detailliertere
Be-
richterstattung
als
sie
der
amtlichen
Statistik
möglich ist.
Mit
Recht
wird
darüber
hinaus
betont,
daß
die
Informationen
rasch veröffentlicht
wer-
den, sich
alle
auf
den
gleichen
Zeitpunkt
(bzw.
Periode)
beziehen
und
in
sachlich
kompatiblen
Kategorien
gefaßt
werden
können,
was
für
wissen-
schaftliche
Analysen
einen
unschätzbaren
Vorteil
bedeutet.
Leider
sträubt
man
sich
in
Deutschland
vorläufig noch
gegen
exakt-quantita-
tive
Erhebungen.
Mit
der
zunehmenden
Verbreitung,
Verbesserung
und
Verbilligung
elektronischer
Datenverarbeitungsanlagen
entfällt
für
das
Festhalten
an
Tendenzbefragungen
jedes
Argument
mit
Ausnahme
vielleicht
der
Geheimhaltungswünsche.
Aber
auch die
Angaben
über
Lagebeurteilung,
Erwartungen
und
Pläne
können
manche
Türen
zu
intensiver
Wirtschaftsbeobachtung
und
erfolgreicher
Analyse
der
Funktionsweise
und
der
Wechselbeziehungen
im
ökonomischen
System
öffnen,
die
bislang
verschlossen
waren.
Das
Befragungsprogramm
z.
B. des
Ifo-Instituts
liefert
eine
Fülle
von
Mate-
rial
für
eine
systematische
Verhaltensforschung.
Lassen
sich
die
Zusam-
menhänge
zwischen
bestimmten
Ereignissen,
gemeldeten
Urteilen
und
Erwartungen,
angegebenen
und
realisierten
Plänen
aufdecken,
dann
werden
auch
Prognosen
von
diesen
Kenntnissen
profitieren. Wichtige
erste
Ergebnisse
in
dieser
Richtung
bringen
die
Untersuchungen
von
Modigliani
u. a.
über
die
Beziehungen
zwischen
Erwartungsfehlern
bei
den
Verkaufsvorausschätzungen
und
den
Revisionen
der
Produktions-,
Lager-
und
Investitionspläne
17 •
Die
Testverfahren
bringen
eine
willkommene
Ergänzung
und
Berei-
cherung
unseres
Wissens.
Man
sollte sich
aber
davor
hüten,
sie
als
ein
Substitut
für
die
herkömmlichen
Untersuchungsmethoden
anzusehen.
Ihr
Einbau
in
das
gesamte
wirtschaftswissenschaftliche
Instrumentarium
ist
unerläßlich
-
worauf
auch
das
Ifo-Institut
ständig hinweist
und
tat-
17
Vgl. F.
Modigliani
und
H.
M.
Weingartner:
Forecasting Uses of Anti-
cipations Data on Investment and Sales. Quarterly Journal of Economics,
Vol.
LXXII (1958),
S.
23
ff.; sowie F.
Modigliani
and
O.
H.
Sauerländer:
Econom-
ic Expectations and Plans of Firms
in
Relation to Short-Term-Forecasting,
in: Short-Term Economic Forecasting, Studies in Income and Wealth,
Vol.
XVII, NBER Princeton 1955,
S.
261 ff.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Die kurzfristige Konjunkturprognose
111
kräftig
hinarbeitet.
Diese
Integration
stößt
noch
auf
Schwierigkeiten,
wie
es
anders
nach
so
kurzer
Zeit
nicht
zu
erwarten
ist.
Erst
wenn
sie
voll-
zogen ist,
läßt
sich
ein
endgültiges
Urteil
über
den
Beitrag
zur
Lösung
des
Prognoseproblems
fällen.
5.
T
ren
d
pro
g
nos
e
als
B a s i s
Schließlich sei
ein
Verfahren
angedeutet,
das
zumindest
theoretisch
einige gewichtige
Argumente
auf
seiner
Seite
hat.
Es
besteht
darin,
die
kurzfristigen
Schätzungen
auf
der
Basis
einer
expliziten
Wachstums-
prognose
durchzuführen.
Dieser
Ansatz
ist
unseres
Wissens
auf
praktische
Probleme
noch
nie
systematisch
angewandt
worden,
vor
allem
sicher
des-
halb, weil
der
laufend
anfallende
Arbeitsaufwand
beträchtlich
ist.
Den
Ausgangspunkt
bildet
eine
sorgfältige
Analyse
der
langfristigen
Entwicklungstendenzen
der
interessierenden
Größen.
Dabei
wären
unter
Umständen
alternative
Annahmen
über
denkbare
Trends
der
ent-
scheidenden
Bestimmungsfaktoren
zu
treffen,
oder
man
beschränkt
sich
auf
die
Herausarbeitung
der
obersten
Grenze
des
unter
günstigsten
Vor-
aussetzungen
maximal
Möglichen.
Der
zweite
Schritt
besteht
darin,
alle
Bedingungen,
die die
einzelnen
Abläufe
auch
für
die
kurze
Periode
implizieren,
vollständig
und
im
Detail
herauszuheben.
Ist
das
geschehen,
so
kann
die
kurzfristige
Prognose
einsetzen.
Man
konfrontiert
die
ge-
nannten
Voraussetzungen
mit
den
vorliegenden
Informationen,
kurz-
fristigen
Indikatoren
usw.,
um
daraus
abzuschätzen, welche
Chance
des
Eintreffens
die
theoretischen
Werte
besitzen,
die
aus
der
langfristigen
Analyse
für
die
Prognoseperiode
folgen, bzw. welche
der
Alternativen
am
plausibelsten
ist.
Hierzu
sind
selbstverständlich
auch
Geschehnisse
aus
Bereichen
in
die
überlegungen
einzubeziehen,
die
ihrer
Natur
nach
in
der
Wachstumsanalyse
keinen
Platz
finden
können,
wie
z.
B.
politische
Störungen,
Streikmeldungen,
ungewöhnliche
Vorgänge
auf
dem
Finan-
zierungssektor
und
dergleichen
mehr.
Man
darf
sich jedoch
die
Sache
nicht
so
einfach
machen,
die
kurzfristi-
gen
Tendenzen
ausschließlich
als
vorübergehende
Abweichungen
von
einem
einmal
ermittelten
und
nun
vorgegebenen
langfristigen
Trend
zu
betrachten.
Man
würde
so
auf
die
Dauer
notwendig
zu
völlig
unsin-
nigen
Resultaten
gelangen
und
sich
insbesondere
des
wichtigsten
analy-
tischen Vorteils dieses
Verfahrens
berauben:
der
gegenseitigen
Anregung
und
Kontrolle
von
lang-
und
kurzfristiger
Prognose.
Die
Erwartungen
auf
lange
Sicht
sollten
nicht
nur
Basis
der
kurzfristigen
Schätzungen
sein,
sondern
zugleich
im
Lichte
der
neuesten
Erkenntnisse
überprüft,
gegebenenfalls
revidiert
und
dem
letzten
Stand
des Wissens
angepaßt
werden.
Durch
diese
regelmäßige
wechselseitige
Befruchtung
sollte
eine
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
112 Harald Gerfin
aktuelle
und
fundierte
Voraussage
möglich sein,
die
zugleich
den
höch-
sten
Grad
erreichbarer
Sicherheit
und
Aussagestärke
besitzt.
Der
praktische
Nutzen
einer
solchen
kombinierten
Analyse
liegt
auf
der
Hand.
Für
die
kurzfristigen
Dispositionen
ist
es ausreichend, sich
über
die
Entwicklung
der
nächsten
Zukunft
ein
Bild
zu
machen.
Bei
größeren
Änderungen
taucht
aber
sofort
die
Frage
auf,
ob es sich
um
strukturelle
Umschichtungen
(partielle
Sättigung
oder
Substitution)
han-
delt,
die
auf
die
Dauer
unvermeidlich
sind,
oder
um
eine
zufällige
Häu-
fung
im
Grunde
unbedeutender
Einflüsse.
Treten
Krisen
oder
Engpässe
auf,
dann
ist
es -
im
Hinblick
auf
adaequate
Maßnahmen
-
meist
zu
spät
für
eine
gründliche
langfristige
Untersuchung.
Ein
gutes
Beispiel
bietet
die
Energie-Enquete
in
Deutschland,
die
aus
der
Hilflosigkeit
bei
Ausbruch
der
Kohlekrise
geboren
wurde,
bei
ihrer
Fertigstellung
zur
Lösung
des
aktuellen
Problems
aber
kaum
noch
beitragen
dürfte.
Umgekehrt
werden
aus
politischen
Gründen
möglicherweise einschnei-
dende
Maßnahmen
getroffen,
über
deren
längerfristige
ökonomische
Wirkungen
keine
genügende
Klarheit
besteht,
wie
beispielsweise
bei
der
kürzlichen
Änderung
des
deutschen
Wechselkurses.
Forschungsarbeiten
in
dieser
Richtung
könnten
u. E. wichtige
Beiträge
zur
Steigerung
sowohl
der
wachstums-
und
konjunkturtheoretischen
Kenntnisse
als
auch
der
Effizienz
der
Wirtschaftspolitik
und
der
Unter-
nehmungsführung
liefern.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Die
Praxis
der
laufenden
Konjunkturdiagnose
in
den
Niederlanden
Von
C.
A.
van
den
Beld
1. Zur Einführung
In
den
Niederlanden
existiert
seit
dem
21.
April
1947
das
Gesetz
über
den
Zentral-ökonomischen
Plan.
Dieses
Gesetz
bestimmt,
daß
das
Zen-
trale
Planbüro
zu
regelmäßig,en
Zeitpunkten
sämtliche
Arbeiten
vor-
nehmen
soll,
die
zur
Vorbereitung
eines
Zentral-ökonomischen
Plans
notw.endig sind.
Letzterer
wird
dann
umschrieben
als
ein
Gefüge
von
Schätzungen
und
Richtlinien,
die
sich
auf
die
niederländische
Volkswirt-
schaft
beziehen
und
die
miteinander
im
Gleichgewicht
sind.
Besonders
soll
der
Plan
jene
Unterlagen
'enthalten,
die
für
eine
richtige
Koordina-
tion
der
wirtschaftlichen,
sozialen
und
finanziellen
Maßnahmen
von
großer
Wichtigkeit
sind.
Während
eines
guten
JahrZlehnts
sind
also
Erfahrungen
mit
der
Ab-
fassung
eines
zentralen
Planes
,erworben
worden;
denn
die
"regel-
mäßigen
Zeitpunkte",
von
denen
im
Gesetz
die
Rede
ist,
bedeuten
in
der
Praxis,
daß
alljährlich
ein
Plan
verfaßt
und
veröffentlicht
wird.
Die
Veröff'entlichung ,erfolgt
gewöhnlich
im
Anfang
des
Prognosejahres.
So
wird
der
Zentral-ökonomische
Plan
1962
voraussichtlich
Ende
Februar
1962
veröffentlicht
werden.
Die
Prognose
erfaßt
dann
mindestens
das
ganze
Jahr
1962.
Eine
Analyse
der
Wirtschafts
entwicklung
in
der
jüng-
sten
Vergangenheit
geht
dem
Voraussagen
voran.
Bei
der
Analyse
der
Vergangenheit,
dte
mindestens
eine
Jahresfrist
erfaßt,
sowie
bei
der
Prognose,
wird
-
wenigstens
bisher
-
der
makro-ökonomische
Aspekt
besonders
betont,
was
nicht
ausschließt,
daß
auch
ergänzende
Betrach-
tungen
für
einZielne Gewerbezweig,e
angestellt
werden.
Es
sei
noch
besonders
hervorgehoben,
daß
hier
die
Rede
ist
von
einer
Prognose
und
nicht
von
einem
Plan.
Der
Terminus
"Plan"
darf
nämlich
nicht
in
der
Weise
interpretiert
werden,
als
würde
er
z.
B.
eine
Menge
von
mehr
oder
weniger
detaillierten
branchenwirtschaftlichen
Vor-
schriften
umfassen.
Der
"Plan"
ist
vielmehr
eine
Vorhersage,
bei
der
von
der
im
Staatshaushaltsplan
oder
sonstwo
stipulierten
Haltung
der
Regierung
ausgegangen
wird
1 •
Insoweit
liegt
doch
ein
Plan-Element
1 Das heißt selbstverständlich nicht, daß die
Planung
der
Regierung nicht
von
der
Prognose unterstützt worden sei. Da jedoch
der
Zentral-ökonomische
Plan
einige Monate später als der Staatshaushaltplan veröffentlicht wird, liegt
eine in einem früheren Stadium vorgenommene Prognose letzterem zugrunde.
8
Schriften
d.
Vereins
f.
Socialpolitik
25
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
114
C.
A.
van den Beld
vor.
übrigens
enthält
der
Plan
auch
keine
makro-ökonomischen
Vor-
schriften.
Doch
können
dem
Plan
bestimmte
Richtlinien
,entnommen
werden,
u. a.
wenn
bei
der
konkreten
Ausarbeitung
Anlaß
vorliegt,
Alternativen
hinsichtlich
der
Haltung
der
Regierung
auf
ihre
mengen-
mäßigen
Folgen
zu
prüfen.
Es
versteht
sich,
daß
im
Laufe
der
Zeit
die
Anlage
des
Plans
eine
g,ewisse
Veränderung
erfahren
hat
und
daß
Verfeinerungen
in
der
Methode,
die
bei
der
Analyse
der
Wirtschafts
entwicklung
gebraucht
wird,
vorgenommen
wurden.
Die
angewandte
Methode
hat
sich
aber
grundsätzlich
kaum
geändert,
jedenfalls
dann,
wenn
man
die
ersten
Jahre.
nach
dem
zweiten
Weltkrieg
außer
Betracht
läßt.
Immer
war
man
nämlich
bestrebt,
die
kurzfristige
Wirtschaftsentwicklung,
die sich
in
der
Vergangenheit
manifestiert
hat,
in
einem
Modell
festzulegen,
d. h.,
in
einem
schließenden
Gleichungssystem,
das
-
unter
einschränkenden
Voraussetzungen
-
eine
möglichst
genaue
Annäherung
an
das
konkr,ete
Wirtschaftsleben
ergeben
soll.
Da
das
erwähnte
Modell
bei
der
Analyse
des
wirtschaftlichen
Entwicklungsvorgangs
in
der
Vergangenheit
sowie
in
der
nächsten
Zukunft
-
und
daneben
bei
der
Konjunkturdiagnose
-
ausschlaggebend
ist,
werden
ihm
zuerst
einige
Worte
gewidmet.
2.
Makro-ökonomische Modelle
Die
mengenmäßige
Analyse
mittels
eines
ökonometrischen
Modells
ist
in
den
Niederlanden
seit
vielen
Jahren
üblich.
Bereits
im
Jahre
1936
konstruierte
Tinbergen
ein
Makro-Modell
für
die
Niederlande
2 • Nach
dem
Krieg
wurde
diese
Arbeit
im
Zentralen
Planbüro
fortgesetzt.
Das
Ergebnis
dieser
Arbeit
war
ein
Modell,
mit
dem
seit
1952
experimen-
tiert
worden
ist
und
das
sich
im
"Centraal
Economisch
Plan
1955"
in
einer
vervollkommneten
Form
vorfindet.
Vor
kurzem
ist
im
Plan
1961
.
ein
neues
Modell
publiziert
worden
3 •
Das
Modell
von
1961
weicht
in
mehreren
Aspekten
von
den
früheren
ab,
besonders
wegen
seiner
Dyna-
misierung.
übrigens
stimmen
die
hier
erwähnten
Modelle
in
folg,enden
Punkten
miteinander
überein:
sie
sind
makro-ökonomisch,
entsprechen
den
volkswirtschaftlichen
Gesamtrechnungen,
beschreiben
kurzfristige
Schwankungen
(jährliche
Veränderungen)
und
sind
vor
allem
zu
Pro-
gnosezwecken
und
zur
Beurteilung
der
Haltung
der
Regierung
kon-
struiert
worden.
Es
ist
kaum
möglich
in
gedrängter
Form
die
Struktur
eines
Modells,
wie
dieses
von
1961,
ausführlich
zu
erörtern.
Dafür
wird
auf
die
er-
2 Veröffentlicht in
J.
Tinbergen, Selected Papers, North-Holland Publishing
Company, Amsterdam
1959.
3 Eine englische übersetzung des "Centraal Economisch
Plan
1961"
wurde
in September
1961
veröffentlicht.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Die
Praxis
der laufenden Konjunkturdiagnose
in
den Niederlanden 115
wähnte
Veröffentlichung
verwiesen.
Folgendes
beschränkt
sich
des-
wegen
auf
die
Erwähnung
einiger
Grundlinien.
Das
Modell 1961
besteht
aus
Verhaltensgleichungen
in
bezug
auf
a) Die
Verwendungskomponenten:
1.
der
Privatkonsum,
der
eine
Funktion
des
verfügbaren
Ein-
kommens
des
privaten
Sektors
ist.
Unterschieden
werden
Lohn-
und
sonstiges
Einkommen.
Weiter
wird
der
Konsum
noch
einiger-
maßen
beeinflußt
von
der
Liquiditätslage
und
von
Preisbewegun-
gen;
2.
die
Anlageinvestitionen,
die
mit
dem
verfügbaren
Gewinnein-
kommen,
dem
Ausmaß
der
Kapazitätsauslastung
und
der
Liquidi-
tätslage
im
Zusammenhang
stehen;
3.
der
Lageraufbau,
der
den
Absatzbewegungen
lentspricht
und
mitunter
spekulativen
Einflüssen
unterworfen
ist;
4.
das
Exportvolumen,
welches
mit
Auslandsnachfragefaktoren
und
relativen
Preisen
zusammenhängt.
Angebot
und
Nachfrage
im
Inland
üben
ebenfalls
Einfluß aus.
b)
Die
Preise
der
V,erwendungen,
die
hauptsächlich
von
den
Kosten,
d. h.
von
der
Höhe
des
Einfuhrpreisniveaus
und
den
Arbeitskosten
abhängig
sind.
Dabei
gilt
für
das
Ausfuhrpreisniveau
noch,
daß
dieses
sich
zum
Teil
den
Preisen
der
ausländischen
Konkurr,enten
anpaßt.
e)
Die
Nachfrage
nach
Produktionsfaktoren:
1.
die
Nachfrage
nach
Arbeit,
deren
Schwankungen
denen
des
Produktionsausmaßes
und
des
Gewinnsatzesentsprechen;
2.
die
Nachfrage
nach
Auslandsprodukten,
deren
Volumen
be-
dingt
wird
durch
das
gesamte
Verwendungsvolumen
und
durch
das
Verhältnis
der
Auslandspreise
zu
den
Inlandspreisen.
d)
Das
Angebot
des
Produktionsfaktors
Arbeit,
bedingt
durch
das
Wachstum
der
Bevölkerung
und
durch
die
Arbeitsmarktlage.
e)
Die
Einnahmen
aus
indirekten
Steuern,
die
eng
zusammen-
hängen
mit
dem
gesamten
Inlandsabsatz,
und
die
Einnahmen
aus
direkten
Steuern,
die
als
Produkt
des
durchschnittlichen
Steuersatzes
und
des
steuerbaren
Einkommens
aufzufassen
sind,
dieses
in
Lohn-
und
sonstiges
Einkommen
unterteilt.
f)
Die
Arbeitslosenunterstützungen.
Die
oben
genannten
wichtigsten
V.erhaltensgleichungen
enthalten
Variable,
die
sich
auf
v,erschiedene
Zeiträume
beziehen.
In
dieser
Weise
ist
das
Modell dynamisi.ert
worden.
In
fast
allen
Gleichungen
sind
autonome
Komponenten
enthalten,
wie
der
Wohnungsbau
in
der
Investi-
tionsgleichung,
die
Satzänderung,en
in
den
Steuergleichungen,
Kon-
tingentierungsmaßnahmen
in
der
Einfuhrgleichung
usw. Die
Staatsaus-
gaben
sind
völlig
autonom.
Dasselbe
gilt
auch
vom
Lohnsatz.
Dies
er-
8'
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
116
c.
A.
van den Beld
klärt
die Tatsache,
daß
in
obiger
Aufstellung
eine Gleichung
für
den
Lohnsatz
fehlt. Die
Lohnbildung
der
Nachkriegszeit
war
namentlich
zum
größten
Teil
der
obrigkeitlichen
Kontrolle
unterworfen.
Derzeit
macht
sich
aber
eine
Tendenz
zum
Wiederfreimachen
der
Lohnentwick-
lung
bemerkbar.
Unter
solchen
Umständen
wird
der
Lohnsatz
als
Funk-
tion
der
Arbeitsmarktlage
errechnet.
Der
Zusammenhang
zwischen
Lohnsatz
und
Arbeitsmarktlage
war
übrigens
auch noch
während
der
Zeit
der
obrigkeitlichen
Kontrolle
einigermaßen
spürbar.
Das
Modell
ist
naturgemäß
nicht
nur
aus
Verhaltensgleichungen,
son-
dern
auch
aus
Definitionsgleichung,en zusammengesetzt.
Am
charakteri-
stischsten
ist
die
Definition des
sonstigen
Einkommens
als
Diff,erenz
zwischen
Gesamtverwendungswert
und
Gesamtkosten.
Aus
dieser
Bilanz-
gleichungerweist
sich
am
deutlichsten die
Verbindung
mit
den
volks-
wirtschaftlichen
Gesamtrechnungen.
3. Makro-Modell und Konjunkturdiagnose
Das
bei
der
Auswertung
des
Modells
angewandte
Verfahren
kann
leicht
im
allgemeinen
dargestellt
werden.
Das
Modell
setzt
sich,
wie
in
§ 2
erwähnt,
aus
einer
Anzahl
von
Strukturgleichung,en
zusammen,
die
mit
Hilfe
der
Matrizensymbolik
wie
folgt
zusammengefaßt
werden
können
(1)
By
+
Tz
=
o.
Hierin
bezieht
sich y
auf
die
endogenen
Variablen
und
z
auf
die-
jenigen
Variablen,
welche
im
in
Betracht
gezogenen
Zeitraum
als
feste
Daten
introduziert
werden.
Die
verzögerten,
endogenen
Variablen
sind
mit
darunter
begriffen.
Aus
(1)
folgt
die
Lösung
des Modells
(2)
y-Ilz
=
0,
in
welchem die
endogenen
Variablen
als
Funktion
der
als
bekannt
vor-
ausgesetzten
Größen
geschrieben
worden
sind.
Die
Werte
der
y-Varia-
bIen
werden
also
aus
dem
Modell
errechnet.
Die
Werte
der
z-Variablen
sollen
hingegen
in
anderer
Weise
ermittelt
werden.
Ein
Beispiel
einer
z-Variablen
ist
das
Einfuhrpreisniveau,
das
zwar
auf
die
Entwick-
lung
im
eigenen
Lande
Einfluß
nimmt,
jedoch
selbst
dadurch
(beinahe)
nicht
beeinflußt
wird.
Auch
die
Größen, die
der
obrigkeitlichen
Kon-
trolle
unterworfen
sind
und
also
als
Instrument
der
Wirtschaftspolitik
fungieren
können,
sind
in
der
letzten
Kategorie
mit
einbegriffen. Es
ist
selbstverständlich,
daß
es
vom
wirtschaftspolitischen
Gesichtspunkt
aus
besonders
wichtig ist, welche
Werte
den
Instrumentvariablen
zu-
erkannt
werden
sollen,
um
bestimmte
Zielsetzungen
der
Wirtschafts-
politik
verwirklichen
zu
können.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Die Praxis
der
laufenden Konjunkturdiagnose in den Niederlanden 117
Bei
der
Konjunkturdiagnose
handelt
es sich
um
1.
die
Prüfung
der
laufenden
oder
jüngsten
Entwicklung
an
Hand
des
Modells\
und
2.
das
Voraussagen
der
Entwicklung
in
der
nächsten
Zukunft
unter
der
Voraussetzung
einer
ungeänderten
Haltung
der
Regierung.
In
diesen
beiden
Fällen
können
die
Gleichungen
sub
(2)
-
die
r-edu-
zierten
Formen
-
angewandt
werden.
Aus
der
Prüfung
kann
sich
er-
geben,
daß
die
tatsächliche
Entwicklung
abweicht
von
der
vom
Modell
vorausgesagten.
Eine
stärker
aufgegliederte
Analyse,
z.
B.
nach
Ge-
gewerbezweigen,
bietet
dann
vielleicht
Aufschluß
über
die
Bedeutung,
die
auf
die
Residuen
gelegt
werden
muß.
Weisen
die
Residuen
jedoch
während
eines
längeren
Zeitraumes
- d. h.
im
Jahrmodell
während
eines
Zeitraumes
von
mehreren
Jahren
-
einen
systematischen
Verlauf
auf, so
liegt
Anlaß
zur
kritischen
Prüfung
des Modells
vor.
Eine
Konjunkturdiagnose
ohne
kurzfristige
Prognose
hat
sich
in
der
Praxis
als
nicht
ausreichend
erwiesen.
Unter
gewissen
Umständen
ist
es
sogar
unmöglich,
eine
richtige Diagnose
zu
stellen.
Nicht
immer
gestat-
tet
ja
die
rezente
oder
laufende
Wirtschaftsentwicklung
eine
unzwei-
deutige
Folg,erung;
z.
B.
als
würden
steigende
Gewinne
hindeuten
auf
eine
Steigerung
der
Investitionen
im
nächsten
Zeitraum.
Es
ist
näm-
lich
denkbar,
daß
die
verschiedenen
Faktoren,
die
das
Investitionsvolu-
men
bestimmen,
eine
entgegengesetzte
Entwicklung
aufweisen.
Die
dem
Modell
entsprechende
Prognose,
in
der
sämtliche
Faktoren
in
Be-
tracht
gezogen
werden,
lehrt
dann,
welcher
Faktor
ausschlaggebend
ist.
Zugleich
ist
von
entscheidender
Wichtigkeit, daß,
wenn
die
Umstände
sich
ändern,
auch
die
Folgen
gewisser
Impulse
Veränderungen
erfah-
ren
5 • Dies
erschwert
desto
mehr
die
Beurteilung
der
Entwicklung
des
Wirtschaftsverlaufs
und
spricht
für
eine
Prognose
als
Teilstück
der
Diagnose.
Das
Modell
läßt
sich also
verwenden
zur
Analyse
der
jüngeren
Ver-
gangenheit
und
zur
kurzfristigen
Prognose.
In
dieser
Weise
wird
zur
Beurteilung
der
Konjunkturlage
ein
verwendbares
Ergebnis
-erzielt.
Nach
dem
Vorbild
des
im
"Centraal
Economisch
Plan"
angewandten
Verfahrens
kann
man
hierbei
die
Untersuchungsperiode
auf
zwei
Jahre
erstrecken
s . Dies
ändert
nichts
dar
an,
daß
erfahrungsgemäß
manchmal
4 Die Unterlagen
über
die tatsächliche Entwicklung liefern das "Centraal
Bureau voor de Statistiek" und - soweit es sich
um
monetäre Angaben
han-
delt - "De Nederlandsche Bank".
5 Infolge von "Krummlinigkeiten"
läßt
sich manchmal die Lösung des
Gleichungssystems nicht in linearer Weise annähern, wie die reduzierten
Formen sub (2) suggerieren.
S
Es
sei in Erinnerung gebracht, daß ein "Centraal Economisch Plan" keine
reine Konjunkturdiagnose enthält, nämlich insoweit
für
das Prognosejahr
eine veränderte Haltung der Regierung vorausgesetzt worden ist.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
118 C. A. van den Beld
zur
längerfristigen
Prognostizierung
Anlaß
vorliegen
kann.
Ein
der-
artiges
Voraussagen
ist
aber
außerordentlich
unsicher.
Selbstv'erständlich
stößt
das
erörterte
Verfahren
auf
eine
Anzahl
von
üblichen
Schwierigkeiten.
Die
Unterlagen
stehen
nicht
alle
so schnell
wie
erwünscht
zur
Verfügung,
und
dann
handelt
es sich noch
meistens
um
provisorische
Angaben.
Manchmal
fehlen
die
erforderlichen
Unter-
lagen
über
den
Lageraufbau.
Dieser
muß
folglich
errechnet
werden
als
Differenz zwischen
den
sämtlichen
verfügbal'en
Mitteln
(Erzeugung
und
Einfuhr)
und
dem
Verwendungsvolumen.
Fehler
in
den
Unterlagen
anderer
Größen
können
sich
dann
in
diesem
Posten
kumulieren.
Das
Element
der
Ung,ewißheit,
das
der
Prognose
inhärent
ist,
braucht
hier
nicht
weiter
hervorgehoben
zu
werden.
Es
liegt
deswegen
Anlaß
vor,
das
erhaltene
Ergebnis
einer
Plausibilitätskontrolle
zu
unterwerfen.
Dies
geschieht
auf
Grundeinig,er
weiter
noch
zur
Verfügung
stehender
Konjunkturindikatoren.
Diese
können
-entweder
direkt
an
eine
Variable
im
Modell anschließen
(z.
B.
die
vom
"Centraal
Bureau
voor
de
Stati-
stiek"
vorgenommene
Investitionsbefragung)
oder
in
indirekter,er
Weise
damit
im
Zusammenhang
stehen
(Auftrags
eingang,
Mangel
an
Arbei-
tern,
usw.).
4.
Die
Wirtschaftsentwicklung
im
Ausland
Die
Konjunkturentwicklung
im
Ausland
ist
für
die
niederländische
Volkswirtschaft
von
besonders
großer
Wichtigkeit,
da
ungefähr
35
vH
des
sämtlichen
Absatz/es
ausgeführt
werden.
Wie sich
aus
der
vorhin
g,enannten Ausfuhrg1eichung
erweisen
dürfte,
ist
die
Analyse
in
dieser
Hinsicht
gerichtet
auf
die
Ausfuhrmöglichkeiten,
soweit
diese
mit
den
ausländischen
Nachfragefaktoren
(Einkommen)
und
der
nie-
derländischen
Konkurl'enzfähigkeit
zusammenhängen.
Daneben
werden
Untersuchungen
angestellt
über
die
Schwankungen
des
Außenpreis-
niv,eaus
und
über
das Maß,
in
dem
diese
Schwankungen
das
niederlän-
dische
Einfuhrpreisniveau
beeinflussen.
Auch
zur
Beurteilung
der
Ausfuhrmöglichkeiten
wird
ein
Modell
an-
gewandt
und
zwar
,ein
"Ländermodell".
Es
versteht
sich,
daß
die
Struk-
tur,eines
solchen Modells
sehr
einfach ist.
Eine
Vereinfachung
wird
auch
dadurch
'err,eicht,
daß
verschiedene
Länder
in
Gruppen
zusammengefaßt
werden.
In
diesem
Modell
werden
die
Staatsausgaben,
die
Investitionen
und
die
Ausfuhr
als
bestimmende
Variablen
des
Einkommens
ange-
nommen.
Zugleich
wird
für
jedes
Land
eine
Einfuhrgleichung
introdu-
ziert.
Da
Einfuhr
des
einen
Landes
Ausfuhr
des
anderen
Landes
ist,er-
scheinen
in
einem
derartigen
Modell schließlich
nur
die
Staatsausgaben
und
die
Investitionen
als
Ausgangspunkte
(z
- Variable).
Auf
Grund
dieser
Ausgangspunkte
können
der
Welthandel
und
der
niederländische
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Die
Praxis
der
laufenden Konjunkturdiagnose in den Niederlanden 119
Anteil
daran
vorausgesagt
werden,
zunächst
unter
der
Vorausset-
zung,
daß
der
niederländische
Ausfuhranteil
am
Import
derverschie-
denen
Länder,
nach
denen
ausgeführt
wird,
erhalten
bleibt.
Dieses Modell
läßt
sich
abermals
für
die
Analyse
der
Vergangenheit
und
für
di·e
nächste
Zukunft
v·erwenden.
Die
Unterlagen
hinsichtlich
der
künftigen
Staatsausgaben
und
Investitionen
werden
-
soweit
es
möglich
ist
-
dem
Staatshaushaltsplan,
beziehungsweise
den
Ergeb-
nissen
der
Investitionsbefi"agungen
entnommen.
Die
endgültigen
Ergeb-
nisse
können
zugleich
für
die
Analyse
des
Einfuhrpreisniveaus
verwen-
det
werden.
Dieses
Verfahren
ist
ziemlich
neu.
Andere
Schätzungsmethoden
auf
Grund
herkömmlicher
Konjunkturindikatoren
7
lassen
sich
ebenfalls
zur
Plausibilitätskontrolle
verwenden,
sicherlich
im
Falle
der
Erschöpfung
der
Produktionsveserven
in
den
verschiedenen
Ländern.
Die
Prämissen,
die
dem
Modell
zugrunde
liegen,
verlieren
dann
nämlich
ihre
Gültig-
keit.
Dazu
werden
Schätzungen
verwendet,
die
entweder
in
den
ein-
schlägig'en
Ländern
oder
von
internationalen
Behörden
vorgenommen
werden.
Schließlich
können
noch die
Untersuchungen
über
die
Ent-
wicklung
einzelner
Branch,en
zur
Analyse
beitragen
(§
5).
Wenn
auch
mehl'ere
Mittel
zur
Analyse
und
Schätzung
der
Ausfuhr
vorliegen,
so
ändert
sich
nichts
daran,
daß
dieses
Teilstück
der
Schätzungen
erfah-
rungsgemäß
besonders
schwierig
ist. Dies
hängt
übrigens
nicht
nur
mit
der
Tatsache
zusammen,
daß
vorausgesetzt
wird,
daß
die
Außenkon-
junkturlage
in
richtiger
Weise
diagnostiziert
worden
ist.
Die
Ausfuhr-
möglichkeiten
hängen
nämlich
zugleich
mit
Inlandsangebotsfaktoren
zusammen,
besonders
mit
der
Verfügbarkeit
produktiver
Reserven,
die
grundsätzlich
schwierig
gemessen
werden
kann.
5.
Analyse
nach Gewerbezweigen
Oben
wurde
schon
angeführt,
daß
eine
Analyse
nach
Gewerbezweh
gen
zur
Erklärung
der
Differenzen
zwischen
der
tatsächlichen
Entwick-
lung
und
derj.enigen,
die
auf
Grund
des
Makro-Modells
zu
erwarten
war,
beitragen
kann.
Das
gleiche
gilt
auch
für
die
Prognose.
Die
detail-
lierte
Prognose
wird
aufgestellt
auf
Grund
eines
"Input-Output-Mo-
delIs",
zunächst
mit
den
Gesamtgrößen
als
Ausgangspunkt.
Der
Sinn
der
Detaillierung
ist
es,
zu
einer
konkreten
Einsicht
betreffs
des
Kon-
junkturverlaufes
zu
gelangen.
Auch
ermöglicht
eben
die
Detaillierung
7 Eine ausführliche Erörterung
der
Handhabung derartiger Indikatoren ist
veröffentlicht worden
in
eh.
F. Roos: A Survey of Economic Forecasting
Techniques, Economentrica, October
1955.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
126 Horst
o.
Steffe
dings
gab
es
in
diesen
beiden
Jahren
keinen
Konjunkturwendepunkt.
In
dieser
Hinsicht
dürften
erst
die
Schätzungen
für
1961
und
die
Vor-
ausschätzungen
für
das
kommende
Jahr
(1962) bzw.
im
Verlaufe
von
1962
einen
Prüfstein
darstellen.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Was
kann
die
quantitative
Wirtschaftsforschung
als
Wirtschaftsstatistik
und
Ukonometrie
zur
Konjunkturdiagnose
beitragen?
Von
Helmut
Schlesinger
Vorbemerkung
Versucht
man,
die
in
diesem
Bericht
zu
erörternde
Frage
nach
dem
Beitrag
der
quantitativen
Wirtschaftsforschung
als
Wirtschaftsstatistik
und
Ökonometrie
für
die
Konjunkturdiagnose
aus
der
Sicht
der
Praxis
-
als
Konsument
der
Ergebnisse
der
amtlichen
Wirtschaftsstatistik
und
der
Arbeiten
der
Forschungsinstitute
sowie
als
Produzent
von
Konjunk-
turanalysen
im
Bereich
der
Administration
-
zu
beantworten,
so
wird
man
dazu
neigen,
diesen
Beitrag
als
recht
hoch
zu
veranschlagen.
Ein
genauerer
Rückblick
auf
die
in
den
letzten
zehn
oder
zwölf
Jahren
in
der
Bundesrepublik
erstellten
Konjunkturanalysen
würde
wahrschein-
lich
zeigen
-
vielleicht
enthält
einer
der
übrigen
Berichte
zu
dieser
Ar-
beitstagung
darüber
detailliertes
Material
-,
daß
sich
im
Laufe
dieser
Periode
die
von
verschiedenen
Stellen
veröffentlichten
Konjunkturana-
lysen
in
ihren
wesentlichen
Aussagen
immer
mehr
angenähert
haben.
Das
heißt
nicht
unbedingt,
daß
sie
im
gleichen
Maße
besser
und
richtiger
geworden
sind,
sondern
es
erklärt
sich
vor
allem
daraus,
daß
sich
all-
mählich
eine
Art
von
allgemeingültiger
Auffassung
über
die
Auswahl
und
den
Aussagewert
der
heranzuziehenden
wirtschaftsstatistischen
Reihen
sowie
über
die
anzuwendenden
Methoden
herausgebildet
hat.
Diese
Konformität
schließt
natürlich
die
Gefahr
mit
ein,
daß
die
Beob-
achter,
soweit
sie
in
gleicher
Weise
vorgehen,
auch
den
gleichen
Fehler-
einflüssen
ausgesetzt
sind,
die
einmal
darin
zu
sehen
sind,
daß
einige
wichtige
konjunkturelle
Tatbestände
in
der
Bundesrepublik
bisher
we-
der
auf
statistischem
Wege
noch
durch
andere
Methoden
genügend
ge-
klärt
sind,
zum
anderen
aber
gilt
dies
auch
für
Mängel
im
gedanklichen
Modell,
demzufolge
bestimmt
wird,
welche
von
der
Vielzahl
der
Einflüsse
auf
den
Konjunkturablauf
als
relevant
anzusehen
sind.
Diese
Konfor-
mität
der
Methoden
und
"Modelle"
ist
zweifellos
von
Nachteil,
und
eine
größere
Vielfalt
wäre
wünschenswert.
Es
ist
die
Aufgabe
der
folgenden
Ausführungen,
darzulegen,
welchen
Beitrag
die
Wirtschaftsstatistik
und
sonstige
quantitative
Wirtschafts-
forschung
heute
-
und
zwar
im
wesentlichen
in
der
Bundesrepublik
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
128
Helmut Schlesinger
Deutschland
-
zur
Konjunkturdiagnose
leisten, welche
Mängel
im
In-
formationsmaterial
und
in
den
angewandten
Methoden
vorliegen
und
welche
Grenzen
damit
dem
Aussagewert
der
Konjunkturanalysen
ge-
setzt
sind.
In
dem
einen
oder
anderen
Punkt
lassen
sich auch Vorschläge
zur
Behebung
offensichtlicher
Mängel
vorbringen,
doch
wird
dies
nicht
als
die
wichtigste
Absicht
dieses
mehr
als
Bestandsaufnahme
gedachten
Beitrags
angesehen.
Notwendigerweise
müssen
diese
Erörterungen
viel-
fach
etwas
"technischen"
Charakter
annehmen.
Damit
soll
keineswegs
gesagt
werden,
daß
das
Problem
der
Konjunkturanalyse
allein
eine
Frage
der
Informations-
und
Analysentechnik
ist
- sie
ist
nicht
min-
der
eine
Frage
der
"richtigen"
Konjunkturtheorie
und
schließlich auch
abhängig
von
der
Kunstfertigkeit
des
Analysierenden
-,
doch
kann
eine
solche
Beschränkung
um
so
mehr
vertreten
werden,
als
den
übrigen
Ge-
sichtspunkten
in
anderen
Tagungsberichten
mehr
Raum
gewidmet
wer-
den
dürfte.
I.
Die
Wirtschaftsstatistik
als
grundlegende
Informationsquelle
Die
fortlaufend
erhobenen
und
kurzfristig
verfügbaren
Ergebnisse
der
Wirtschaftsstatistik
bilden
seit
Jahrzehnten
den
Grundstock
von
Infor-
mationsmaterial
für
jede
empirische
Konjunkturanalyse.
Diese
Anga-
ben
verdanken
ihre
Entstehung
freilich vielfach
anderen
als
konjunk-
turstatistischen
Bedürfnissen,
so
namentlich
dem
Informationsbedürfnis
bestimmter
Verwaltungsressorts;
sie
sind
deshalb
häufig
der
konjunk-
turanalytischen
Fragestellung
nicht
ganz
angemessen
und
werden
stell-
vertretend
für
den
wirklich
interessierenden
Sachverhalt
behandelt
(so
z.
B.
sind
bisher
nur
die
baupolizeilich
erteilten
Genehmigungen
bekannt,
nicht
die
effektiven
Baubeginne).
Eine
beträchtliche
Anzahl
wirtschafts-
statistischer
Reihen
geht
aber
primär
auf
die
Bedürfnisse
der
Konjunk-
turanalyse
zurück.
Insoweit
ist
die
Geschichte
der
Wirtschaftsstatistik
enger
mit
der der
Konjunkturtheorien,
die
das
gedankliche
Gerippe
für
die
Fragestellungen
lieferten,
verknüpft,
als
man
es
auf
den
ersten
Blick
für
wahrscheinlich
halten
möchte.
1.
Die
kurzfristige
Wirtschaftsstatistik
unter
dem
Einfluß
des
Barometer-Denkens
Der
entscheidende
Auf-
und
Ausbau
der
kurzfristig
verfügbaren
Wirt-
schaftsstatistik
fiel
in
Deutschland
in
die
Periode
zwischen
dem
Ende
der
ersten
Nachkriegsinflation
und
dem
Übergang
zur
staatlich
gelenk-
ten
Vollbeschäftigungspolitik
und
Rüstungswirtschaft.
Wenn
in
diesem
knappen
Jahrzehnt
in
Deutschland
ein
verhältnismäßig
breites
Instru-
mentarium
aufgebaut
wurde,
so
hing
dies
nicht
zuletzt
damit
zusam-
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Kann quantitat. Wirtschaftsforschung
z.
Konjunkturdiagnose beitragen? 129
men,
daß
sich
in
der
Person
von
Ernst
Wagemann
die
Leitung
des
höchst
produktiven
Instituts
für
Konjunkturforschung
mit
der
des
Statistischen
Reichsamts
vereinigte
und
damit
der
Ausbau
der
kurzfristigen
wirt-
schaftsstatistischen
Reihen
stark
von
den
Bedürfnissen
der
Konjunktur-
analyse
her
bestimmt
werden
konnte.
Natürlich
war
Wagemann
in
der
Konjunkturtheorie
wie
in
der
Me-
thode
der
Konjunkturanalyse
seiner
Zeit ziemlich
verhaftet.
Zwar
war
er
weit
von
einer
naiven
Barometergläubigkeit
entfernt,
aber
auch
er
bezeichnete das
konjunkturanalytische
Instrumentarium
seines
Instituts
als
ein
"Barometersystem"
,
dessen
Hauptziel
die
kurzfristige
Prognose
des
volkswirtschaftlichen
Beschäftigungsgrades
wart.
Daß
Wagemann
seine
-
und
seines
Instituts
-
Art
der
Konjunkturanalyse
zu
den
Baro-
meter-Methoden
rechnete,
hing
wohl
nicht
zuletzt
damit
zusammen,
daß
er
- ähnlich
wie
die
damals
von
sich
Rede
machenden
Amerikaner
-
durchaus
zyklusgläubig
war,
d. h.
einen
Rhythmus
der
regelmäßigen
Wiederkehr
bestimmter
Konstellationen
der
Wirtschaft
für
gegeben
hielt
2 •
Dementsprechend
stand
die
Herausschälung
eines
bestimmten,
mehr
oder
weniger
schematisierten
Bildes des
Konjunkturzyklus
und
die
Bestimmung
der
augenblicklichen
Lage
in
diesem
Zyklus
im
Mittelpunkt
der
empirischen
Forschung.
Die
Anwendung
des
aus
der
Medizin
ent-
lehnten
Begriffs
der
"Diagnose"
macht
deutlich,
daß
die
Vorstellung,
man
müsse
in
der
Konjunkturforschung
in
erster
Linie
nach
den
Sym-
ptomen
eines
aus
der
Vergangenheit
bekannten
(nicht
Krankheits-,
son-
dern)
Konjunkturbildes
suchen
und
wäre
dann
auch
in
der
Lage,
etwas
über
den
weiteren
Verlauf
zu
sagen,
eine
dominierende
Rolle
spielte
3 •
Diese
Grundhaltung
sich
vor
Augen
zu
führen,
erscheint
notwendig,
wenn
man
die
Verwendbarkeit
vieler
aus
dieser
Zeit
stammender
Be-
griffe
wie
Zyklus, Depression, Aufschwung,
Hochspannung
und
nicht
zu-
letzt
das
Wort
Konjunkturdiagnose
selbst
und
ebenso
die
aus
jener
Zeit
übernommenen
statistischen
Reihen
auf
ihre
weitere
Berechtigung
bzw.
Brauchbarkeit
hin
überprüfen
will.
Das
statistische
Erbe
aus
jener
Periode
besteht
aus
einer
Vielzahl
von
kurzfristigen
Reihen
im
Bereich
der
Güterwirtschaft,
die
-
wenn
auch
mit
teilweise
erheblich
verbesserter
Qualität
-
heute
noch
unter
glei-
chem
Namen
fortgeführt
und
für
die
Konjunkturanalyse
verwendet
werden.
Von
den
damals
geschaffenen
Reihen
verdienen
vor
allem
er-
wähnt
zu
werden:
Indizes
der
industriellen
Produktion,
Angaben
über
den
Arbeitsmarkt,
Zahlen
über
den
Außenhandel
(damals
als
"Baro-
meter"
des
Binnenmarktes
gedacht)
und
-
in
roher
Form
und
nur
für
einzelne
Branchen
- Ziffern
über
die
Auftragseingänge;
außerdem
de-
t
E.
Wagemann:
Konjunkturlehre, Berlin 1928,
S.
128.
2 a. a.
0.,
S.
64.
3
E.
Wagemann:
Einführung in die Konjunkturlehre, Leipzig 1929, S. 132.
9
Schriften
d.
Vereins
f.
Soclalpolitik
25
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
130 Helmut Schlesinger
taillierte
Angaben
über
Preise
im
weitesten
Sinne:
Warenpreise
je
nach
Verarbeitungsgrad
und
Handelsstufe,
Löhne, Zinsen,
Renditen
und
Kurse
der
Wertpapiere
und
schließlich,
wenn
auch
etwas
unsystematisch
und
unvollständig:
"Reihen"
über
Kredite,
Wechselziehungen
und
De-
positen. Diese
Reihen
wurden
dabei
nicht
nur
als
Information
an
sich
be-
nutzt,
vielmehr
war
ihnen
im
System
der
Wirtschaftsbarometer
eine
weitergehende
Bedeutung
zugedacht, die sich
aus
der
gegenseitigen
Ab-
hängigkeit
der
einzelnen
Reihen
-
ihren
"lags"
und
"leads"
-
und
dem
darin
liegenden
prognostischen
Wert
ergaben.
Namentlich
zwei
Vorgänge
stellten
sich
der
Weiterentwicklung
der
schnell
zu
Ansehen
gekommenen
Konjunkturforschung
in
Deutschland
entgegen,
nämlich
die
große
Wirtschaftskrise,
deren
Ausmaß
weit
über
die
Vorstellungswelt
der
Konjunkturlehre
und
-forschung
hinausging
und
dergegenüber
das
traditionelle
diagnostische
und
therapeutische
In-
strumentarium
versagen
mußte,
und
die
Einführung
einer
in
erster
Li-
nie
auf
Rüstungsproduktion
eingestellten
staatlichen
Wirtschaftslen-
kung.
Unter
diesen
Umständen
war
-
zumindest
soweit
es
die
inner-
deutschen
Verhältnisse
anging
-
kein
Raum
mehr
für
die
Konjunk-
turforschung
alten
Stils. Nicht
von
ungefähr
fällt
in
diese
Jahre
die
Umfirmierung
des
"Instituts
für
Konjunkturforschung"
in
ein
"Deut-
sches
Institut
für
Wirtschaftsforschung".
In
dieser
Periode
der
"Vier-
jahrespläne"
und
der
"Wehrwirtschaftsplanung"
erfolgte
der
extensive
Aufbau
der
Industriestatistik,
die
bis
zum
heutigen
Tage
in
prinzipiell
wenig
veränderter
Form
fortgeführt
wird
und
die
eine
Fülle
l'ein
pro-
duktionswirtschaftlicher
Daten
-
nicht
nur
als
Grundlag,e
für
den
Pro-
duktionsindex,
sondern
auch monatliche bzw.
vierteljährliche
Einzelan-
gaben
über
Produktion,
Beschäftigung,
Energieverbrauch
usw.
-liefert.
Im
übrigen
aber
war
diese
Phase
ganz
im
Gegensatz
zu
den
landläufigen
Vorstellungen
einer
sogenannten
Planwirtschaft
statistisch
nicht
sonder-
lich
fruchtbar.
Namentlich
bestand
unter
den
gegebenen
Umständen
kein
Raum
für
eine
Fortbildung
der
Ansätze
auf
dem
Gebiete
der
monetären
Statistik.
2.
Der
Ausbau
der
kurzfristigen
Wirtschafts-
statistik
und
sonstiger
Informationsmittel
in
der
Vollbeschäftigungswirtschaft
Schneller
als
man
es
den
Statistikern
vielleicht
zutraut,
ist
das
sta-
tistische
Instrumentarium
in
der
Nachkriegszeit
den
teilweise
ganz
an-
deren
Erfordernissen
einer
auf
Vollbeschäftigung,
hohe
Wachstumsraten
und
stabile
Preise
abgestellten
Wirtschaft
angepaßt
worden.
Die
Tat-
sache,
daß
dabei
in
Deutschland
allein
schon
wegen
des
veränderten
Ge-
bietsstandes
"von
Null"
angefangen
werden
mußte,
bot
eine
einmalige
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Kann quantitat. Wirtschaftsforschung
z.
Konjunkturdiagnose beitragen? 131
Chance,
das
Zahlenwerk
weit
systematischer
aufzubauen,
als
dies
un-
ter
dem
sonst
bestehenden
Zwang
zur
Kontinuität
möglich
gewesen
wäre.
Es
ist
wohl
kaum
zu
gewagt,
wenn
man
behauptet,
daß
diese
Chance
auf
dem
Gebiete
der
Statistik
ziemlich
erfolgreich
genutzt
wurde.
Bevor
auf
diesen
Ausbau
der
Informationsmittel
eingegangen
wird,
ist
es
aber
wohl
zweckmäßig,
die
Unterschiede
in
den
nun
aufblühenden
Konjunkturanalysen
zu
früheren
Konjunkturdiagnosen
aufzuzeigen.
a)
Das
neue
theoretische
Konzept
In
der
Grundhaltung
der
Konjunkturanalysen
der
Nachkriegszeit
ge-
genüber
denen
der
Zwischenkriegszeit
läßt
sich
einmal
ein
Unterschied
in
ihrem
Ziel
erkennen.
Es
besteht
nun
nicht
mehr
in
einer
Diagnostik
und
Prognostik
eines
sich
mehr
oder
weniger
selbst
überlassenen
Zy-
klus,
sondern
richtet
sich
letzten
Endes
darauf,
die
erkenntnismäßigen
Grundlagen
für
eventuell
notwendige
wirtschaftspolitische
Korrekturen
zu
schaffen.
Das
gedankliche
Konzept
der
seither
geübten
Konjunkturanalyse
be-
steht
-
wenn
das
auch
nicht
immer
ohne
weiteres
erkennbar
ist
-
in
einer
deskriptiven
Verlaufsanalyse,
in
der
der
wirksamen
Nachfrage
im
Sinne
Keynes
die
entscheidende
Rolle
für
den
Grad
der
Wirtschaftstätig-
keit
zuerkannt
wird.
Dabei
geht
das
gedankliche
"Modell"
der
Analyse-
das
im
allgemeinen
zwar
nicht
mathematisch
formuliert
ist
-
in
der
Re-
gel
über
das
einfache
Keynessche
Modell
einiger
grundlegender
definito-
rischer
Gleichungen
(Y=C
+ I;
S=Y
-C;
S=I)
und
weniger
Verhaltens-
funktionen
erheblich
hinaus.
Dies
gilt
namentlich
für
die
Einbeziehung
diffiziler
monetärer
Veränderungen
in
das
Beobachtungsmaterial,
trifft
aber
ebenso
für
die
laufende
Beobachtung
detaillierter
Vorgänge
bei
der
Entstehung
und
Verwendung
des
Einkommens
zu. Schließlich
sind
auch
die
Versuche,
die
Zukunftserwartungen
der
Unternehmer
zu
"erfragen"
oder
auf
andere
Weise
quantitativ
zu
erfassen,
auf
Grundgedanken
der
"modernen"
Theorie
zurückzuführen.
Diese
Ausweitung
des
Informationsbedürfnisses
läßt
erkennen,
daß
nun
nicht
mehr
das
Studium
regelmäßig
wiederkehrender
Bewegungs-
vorgänge
und
deren
Symptome
im
Vordergrund
steht,
ja,
daß
die
Frage
der
Zyklizität
an
sich -
vielleicht
etwas
zu
Unrecht
-
in
den
Hinter-
grund
getreten
ist
und
einer
mehr
pragmatischen
Untersuchung
der
je-
weiligen
Situation
Platz
gemacht
hat.
b) Die
Fortentwicklung
der
Injormationsmittel
Die
neuen
Informationsbedürfnisse
führten
einmal
zu
einer
Neuorien-
tierung
der
kurzfristigen
Wirtschaftsstatistik,
zum
anderen
aber
auch
zur
Entwicklung
nichtstatistischer
Befragungsmethoden,
mit
Hilfe
derer
9·
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
132
Helmut Schlesinger
die
letzten
weißen
Flecke
auf
der
Wetterkarte
der
Konjunkturbeobach-
ter
ausgefüllt
werden
sollen.
a)
Systematischer
Ausbau
der
kurzfristigen
Wirtschaftsstatistik
Aus
dem
Blick
auf
den
gesamten
Wirtschaftskreislauf
ergab
sich
die
Notwendigkeit,
weit
mehr
Tatbestände
und
Vorgänge
als
bisher
kurz-
fristig
-
wenn
möglich
monatlich
-
zu
erfassen
und
die
Zeitdauer
der
statistischen
Erhebung
erheblich
abzukürzen.
Es
würde
den
hier
gesteck-
tenRahmen
sprengen,
wollte
man
die
einzelnen
Fortschritte,
dte
im
Laufe
des
letzten
Jahrzehnts
in
dieser
Hinsicht
erzielt
wurden,
im
einzelnen
aufführen.
Von
prinzipieller
Bedeutung
war
dabei
die
Abkehr
von
der
Erfassung
einzelner
Symptome
und
der
Übergang
zu
einem
mehr
oder
weniger
geschlossenen,
den
gesamten
Wirtschaftskreislauf
umfassen-
den
System
der
Wirtschafsstatistik.
Gerhard
Fürst,
dem
wir
ein
Groß-
teil
der
bisher
erzielten
Fortschritte
verdanken,
umschrieb
in
einem
nunmehr
zehn
Jahre
zurückliegenden
Vortrag
mit
dem
programmatischen
Titel
"Probleme
eines
statistischen
Gesamtbildes
von
Wirtschaftsstruk-
tur
und
Wirtschaftsablauf"
dieses Ziel
wie
folgt:
"An
der
Notwendigkeit
einer
Gesamtschau
- also
eines
statistischen
Gesamtbildes
der
Wirt-
schaftsstruktur
und
des
Wirtschaftsablaufs
-
bestehen
wohl
keine
Zwei-
fel
...
Die
eigenen
Erfahrungen
und
die
Entwicklungen
im
Ausland
ha-
ben
gezeigt,
daß
alle
solche
Überlegungen
nur
im
Rahmen
Volkswirt-
schaftlicher
Gesamtrechnungen
und
in
der
Orientierung
an
solchen
Ge-
samtrechnungen
durchgeführt
werden
können
4
."
Gerade
das
Letztere
-
die
Orientierung
an
den
Gesamtrechnungen
- soll
hier
besonders
be-
tont
werden
(auf
den
Nutzen
der
Gesamtrechnungen
als solche
für
die
Konjunkturanalyse
wird
weiter
unten
eingegangen),
denn
sie
hatte
ein-
mal
eine
bessere
Systematisierung
der
Einzelstatistiken
zur
Folge.
So
z.
B.
auf
dem
Gebiet
der
Preise,
die
in
der
Nachkriegszeit
nicht
mehr
wie
vordem
für
unterschiedliche
Handelsbereiche
(Großhandel,
Einzelhan-
del)
erfaßt
werden,
sondern
vorwiegend
nach
ihrer
Stellung
im
volks-
wirtschaftlichen
Kreislauf,
nämlich
als
Output-Preise
für
die
Erzeug-
nisse
der
Industrie,
der
Landwirtschaft,
des
Baugewerbes
sowie
als
In-
put-Preise
(Einkaufspreise
für
Auslandsgüter
bzw.
für
landwirtschaft-
liche
Betriebsmittel)
und
Preise
auf
den
Stufen
des
Endabsatzes
(Ein-
zelhandelspreise,
Preise
der
Dienstleistungen
und
demnächst
Export-
preise)5.
Zum
anderen
führte
der
Blick
auf
den
Gesamtzusammenhang
zu
einer
besseren
Einschätzung
des
Wertes
der
einzelnen
Erhebungen
-
manche
Befragung
konnte
eingestellt
oder
in
ihrem
Umfang
verrin-
gert
werden,
z.
B.
im
Rahmen
der
Industriestatistik
-
und
ließ
insbe-
4 Filrst: Probleme eines statistischen Gesamtbildes, Vortrag vor der Deut-
schen Statistischen Gesellschaft, Allgemeines Statistisches Archiv, 35. Bd., Mün-
chen 1951,
S.
277.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Kann quantitat. Wirtschaftsforschung
z.
Konjunkturdiagnose beitragen? 133
sondere
die
Lücken
deutlich
werden,
die
in
dem
statistischen
Gesamtbild
noch
existierten
(Lagerbewegung,
Einkommensverteilung,
"Produktion"
und
Umsätze
der
Dienstleistungsbereiche).
Waren
diese
Bemühungen
auf
die
Erfassung
von
ex-post-Vorgängen
gerichtet, so verschloß sich
die
amtliche
Statistik
keineswegs
der
Not-
wendigkeit,
die
vorgelagerten
Entscheidungen
der
Teilnehmer
am
Wirt-
schaftsprozeß
"in
den
Griff"
zu
bekommen.
Es
handelt
sich
hierbei
vor
allem
um
die
Einführung
der
monatlichen
Statistik
über
den
Auftrags-
eingang
bei
der
Industrie,
mit
der
die
Bestelltätigkeit
der
nachgelagerten
Stufen
(des
Handels
bzw.
der
weiterverarbeitenden
Industrien)
erfaßt
wird.
Dieses
vom
Bundeswirtschaftsministerium
entwickelte
Instrument
-
bei
dem
in
einzelnen
Industriezweigen
schon
auf
Erfahrungen
in
frü-
heren
Jahrzehnten
aufgebaut
werden
konnte
-
ist
freilich
nur
mit
gro-
ßer
Umsicht
zu
handhaben,
denn
die
Auftragseingänge
und
insbesondere
die
Relation
zwischen
Auftragseingängen
und
Umsätzen,
die
gerne
als
Indiz
für
die
Veränderung
der
Auftragsbestände
verwendet
wird,
haben
fast
in
jedem
Wirtschaftszweig
eine
andere
Bedeutung.
Es
kommt
dabei
sehr
darauf
an, ob
die
sogenannte
Auftragsproduktion
überhaupt
eine
Rolle
spielt
und,
falls
das
zutrifft, welche technische
Fertigungsdauer
üb-
lich
ist
(Maschinenbau, Schiffsbau usw.),
wie
groß
die
Auftragsbestände
insgesamt
und
im
Verhältnis
zur
technisch
notwendigen
Fertigungszeit
sind, ob
Stornierungen
oder
Scheinaufträge
vorliegen
usw.
Unter
Be-
rücksichtigung
dieser
Einflüsse,
die
freilich
nicht
immer
gebührend
in
Rechnung
gestellt
werden,
stellen
die
Auftragseingänge
ein
recht
brauch-
bares
Instrument
der
Konjunkturbeobachtung
dar
e •
Ihren
vollen
Wert
werden
sie freilich
erst
dann
zeigen,
wenn
es
einmal
gelingt
-
nament-
lich
in
den
stark
"auftragsorientierten"
Industriezweigen
-,
die
Auf-
tragsbestände
zu
erfassen,
w~e
dies
bisher
lediglich
bei
der
StahlindustriJe
geschieht.
Eine
ähnliche
Funktion
erfüllen
für
die
Beobachtung
des
Bau-
marktes
die
monatlichen
Statistiken
über
die
von
den
Baubehärden
er-
teilten
Baugenehmigungen,
die
Hypothekenzusagen
der
Kapitalsammel-
stellen
und
die
Bewilligungen
staatlicher
Mittel
für
den
sozialen
Woh-
nungsbau.
Diese
Indikatoren
lassen
innerhalb
gewisser
Grenzen
Aussa-
gen
über
die tatsächliche bzw.
in
Bälde
zu
erwartende
Nachfrage
nach
Bauleistungen
zu.
Das
statistische
Bild
über
das
Frühstadium
der
Bau-
tätigkeit
wird
noch
komplettiert
werden,
wenn
die
in
Vorbereitung
be-
findliche
Statistik
der
Baubeginne
zur
Verfügung
stehen
wird.
Gerade
in
diesem Bereich
kann
freilich
der
time-lag
zwischen
den
Frühsymptomen
und
der
effektiven
Entwicklung
am
Baumarkt
groß
sein,
je
nachdem,
5
H.
Bartels/G.
Fürst:
Preisindizes im volkswirtschaftlichen Güterkreislauf,
Wirtschaft und Statistik,
1.
Jg.
NF,
Heft
911949,
S.
261
fi.
6
E.
Frhr.
v.
Roeder:
Die Statistik des Auftragseingangs in der Industrie
als Mittel der Marktbeobachtung, Allgemeines Statistisches Archiv, 36. Jg.,
1952, S. 315
fi.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
134
Helmut Schlesinger
wie
hoch
der
Bestand
an
Aufträgen
ist,
der
einen
Puffer
zwischen
der
ersten
Phase
der
Auftragsdisposition
und
dessen
Durchführung
bildet.
Einen
in
die
Zukunft
weisenden
Aussagewert
liefert
auch
eine
gründ-
liche
Analyse
der
Tariflohnbewegung.
Da
für
die
Tarifverträge
in
der
Regel
eine
Mindestlaufzeit
vereinbart
wird,
läßt
sich
bei
Registrierung
der
wichtigsten
Tariflohnverträge
eine
Voraussage
über
die
wahrschein-
liche
Entwicklung
der
Tariflohnkündigungen
und
die
daraufhin
zu
er-
wartenden
Neuabschlüsse machen.
Das
Ausmaß
der
voraussichtlichen
Tariflohnsteigerungen
ist
dann
freilich
immer
noch
ungewiß,
jedoch
lie-
fern
dafür
die
zuletzt
vorangegangenen
Lohnerhöhungen
und
das
Stu-
dium
der
Verfassung
des
Arbeitsmarktes
gewisse
Anhaltspunkte.
In
der
Deutschen
Bundesbank,
die
über
eine
verhältnismäßig
einfache
und
rasch
fortzuführende
Tariflohnstatistik
verfügt,
werden
regelmäßig
sol-
che
Vorausschätzungen
durchgeführt,
deren
Ergebnisse
in
die
viertel-
jährlich
unter
dem
Titel
"Produktion
und
Märkte"
veröffentlichte
Kon-
junkturanalyse
miteingehen.
Eine
grundlegende
Erweiterung
und
Verbesserung
erfuhr
die
kurzfri-
stige
Wirtschaftsstatistik
auf
monetärem
Gebiet.
Wie
schon
weiter
oben
angedeutet,
war
die
Erfassung
der
monetären
Vorgänge
in
der
Zwischen-
kriegszeit
mehr
sporadischer
Art,
teils
recht
zuverlässig
-
z.
B.
die
Ka-
pitalmarktstatistik
und
Angaben
über
bestimmte
öffentliche
Haushalte
-,
teils
jedoch
etwas
wenig
entwickelt
(z.
B.
die
Bankenstatistik).
Im
"Dritten
Reich"
wurden
die
Informationsmöglichkeiten
teilweise
sogar
eingeschränkt,
so
namentlich
über
den
Reichshaushalt.
In
den
Jahren
nach
dem
zweiten
Weltkrieg
wurde
dagegen
auf
monetärem
Gebiet,
be-
günstigt
durch
den
Zwang,
ganz
von
vorn
anfangen
zu
müssen,
und
un-
terstützt
durch
weitreichende
Vollmachten,
die
zum
Teil
auf
Gesetzen
der
Militärregierung
beruhten,
eine
umfassende
kurzfristige
Statistik
ins
Leben
gerufen.
Dies
gilt
einmal
für
die
Bankenstatistik,
die
-
ba-
sierend
auf
den
Zwischenbilanzen
der
Kreditinstitute
-
monatlich
ein
Totalergebnis
für
alle
Bankengruppen
liefert
und
darüber
hinaus
halb-
monatlich
bei
480
Kreditinstituten
die
Entwicklung
der
wichtigsten
Bi-
lanzpositionen
feststelW.
Damit
war
die
Grundlage
für
eine
kurzfristige
Analyse
der
wichtigsten
Geld-
und
Kreditströme
im
Inland
geschaffen.
Gleichzeitig
wurde
eine
umfassende
Devisenstatistik
aufgebaut,
die
eine
Ergänzung
der
Handelsbilanzziffern
mit
Zahlen
über
den
Dienstlei-
stungs-
und
Kapitalverkehr
ermöglicht
und
damit
der
Deutschen
Bun-
desbank
das
Aufstellen
monatlicher
Zahlungsbilanzen
erlaubt.
Schließ-
lich
wurde
von
der
Finanzverwaltung
eine
laufende
Berichterstattung
7 Ausgenommen von den monatlichen Erhebungen sind lediglich die klei-
neren
ländlichen Kreditgenossenschaften.
Vgl.
Methodische Erläuterungen,
Statistisches Handbuch der Bank deutscher Länder,
1948-1954,
S.
283, sowie
A.
E.
Lilke:
Bankenstatistik, Handwörterbuch der Sozialwissenschaften, 1/1956.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Kann quantitat. Wirtschaftsforschung
z.
Konjunkturdiagnose beitragen? 135
über
die
Haushaltsentwicklung
bei
den
großen
Gebietskörperschaften
eingeführt,
die
freilich
zum
Teil
mit
erheblicher
Verzögerung
erscheint;
hinsichtlich
des
Bundeshaushalts
ist
dies
allerdings
nicht
von
großem
Nachteil,
weil
monatlich
die
Kasseneinnahmen
und
-ausgaben
auf
Grund
der
Kontenbewegungen
von
der
Bundesbank
bekanntgegeben
werden.
Mit
diesen
kurzfristigen
Statistiken
-
ergänzt
durch
solche
über
den
Wertpapiermarkt,
die
Versicherungen
und
Bausparkassen
-
ist
heute
eine
geschlossene
Analyse
der
finanziellen
Vorgänge
möglich.
Der
Auf-
bau
dieser
Informationsinstrumente
-
maßgeblich
gestaltet,
beeinflußt
und
gefördert
von
Eduard
Wolf,
Mitglied
des
Direktoriums
der
Deut-
schen
Bundesbank
-
bildete
eine
wesentliche
Voraussetzung
für
die
wissenschaftliche
Fundierung
der
Geld-
und
Kreditpolitik,
die
sich
nach
1948
in
der
Bundesrepublik
durchsetzte.
ß)
Einführung
von
Tendenzbefragungen
Ausgehend
von
der
Tatsache,
daß
sich
wichtige
Informationen
stati-
stisch
überhaupt
nicht
oder
erst
mit
erheblicher
Verzögerung
erfassen
und
darstellen
lassen,
wurde
nach
dem
Kriege
vom
Ho-Institut
für
Wirt-
schaftsforschung
und
in
Anlehnung
daran
oder
auch
auf
selbständigem
Wege
von
einer
Reihe
ähnlicher
Institute
oder
Institutionen
in
anderen
Ländern
die
Methode
der
Tendenzbefragung,
die
Hans
Langelütke,
der
Inspirator
dieses
Verfahrens
in
Deutschland,
eine
"Zählung
ohne
Zahl"
nannte,
eingeführt
8 •
Es
handelt
sich
bei
den
unter
dem
Namen
"Kon-
junkturtest
(KT)"
bekanntgewordenen
Befragungen
zum
überwiegen-
den
T,eil
um
Fragen
an
Unternehmer
über
die
abgelauf,ene
Entwicklung.
Es
liegt
auf
der
Hand,
daß
diese
Ergebnisse
dann
von
besonderem
Wert
sind,
wenn
Statistiken
nicht
vorliegen,
so
z.
B.
über
die
Veränderung
und
Beurteilung
der
Auftragsbestände
sowie
der
Rohstoff-
und
Fertig-
warenlager,
die
Kapazitätsausnutzung,
die
Länge
der
Lieferfristen
u. a. m.
Weniger
ergiebig
sind
dagegen
vom
Standpunkt
der
Konjunk-
turbeobachtung
aus
die
Befragungen
über
Tatbestände,
die
statistisch
ebenfalls
erfaßt
werden,
z.
B.
die
industrielle
Produktion,
die
Umsätze
im
Einzelhandel
oder
auch
die
Auftragseingänge.
Es
bleibt
daher
zu
überlegen,
ob
solche
Doppelerfassungen
wirklich
zweckmäßig
sind,
zu-
mal,
wie
Lothar
Bosse,
der
führende
Praktiker
des
Konjunkturtests
in
Österreich,
kürzlich
feststellte,
der
"Zusammenfluß
unvereinbarer
Infor-
mationen
zu
Konfliktsituationen
führt",
der
in
Analogie
zu
entsprechen-
den
Situationen
in
der
Natur
auch
beim
Konjunkturforscher
zu
erheb-
lichen
"Störungen"
führen
könne
D •
Parallelerhebungen
im
Konjunktur-
8
H.
LangeWtke
und
W.
Marquardt: Das Konjunkturtest-Verfahren, All-
gemeines Statistisches Archiv, Bd.
35/1951,
S.
189
ff.
D Lothar Bosse: Die Bedeutung der jährlichen KT-Sondererhebungen
für
die Konjunkturdiagnose
in
Österreich, Vortrag, gehalten vor der CIRET-Kon-
ferenz
in
Noordwijk,
1961
(bisher
nur
als Konferenz-Dokument erschienen).
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
238 Kar! Christian Kuhlo
zu
beurteilen.
Bei
der
folgenden
Darstellung
legen
wir
das
Schwer-
gewicht
auf
die
in
Wachstumsraten
ausgedrückte
Funktion
(III.3)23.
Die
Koeffizienten
dieser
Funktion
sind
die
Produktionselastizitäten.
Eine
Erhöhung
des
Einsatzes
des
Produktionsfaktors
Sachkapital
um
1
vH
erhöht
also
die
Produktion
um
fast
ein
halbes
Prozent,
eine
Er-
höhung
des
Arbeitseinsatzes
um
ebenfalls
1
vH
erhöht
die
Produktion
etwa
um
dreiviertel
Prozent
und
eine
Erhöhung
der
Importe
um
1
vH
erhöht
die
Produktion
um
etwa
ein
Siebentel
Prozent.
Die
Summe
der
Produktionselastizitäten,
der
Ergiebigkeitsgrad,
erreicht
einen
Wert
über
eins.
Folglich
liegen
increasing
returns
to
scale
vor,
das
Produk-
tionswachstum
folgt
dem
der
Produktionsfaktoren
überproportional.
Das
konstante
Glied
der
Funktion
mißt
den
Teil
des
Produktionswachs-
tums,
der
durch
die
nicht
quantitativerfaßten
Veränderungen
der
Pro-
duktionsfaktoren,
d. h.
durch
die
qualitativen
Änderungen
der
Pro-
duktionsfaktoren,
den
"technischen
Fortschritt",
bewirkt
wird.
Der
technische
Fortschritt
bewirkt
ein
jährliches
Produktionswachstum
von
mehr
als
2 v H.
2. R e g
res
s
ion
s s c h
ätz
u n g
Diese
Schätzwerte
für
die
Effizienz
der
Produktionsfaktoren
sind
mit
Vorsicht
zu
interpretieren.
Die
wahren
Koeffizienten
der
Produktions-
struktur
sind
damit
wahrscheinlich
nicht
gefunden.
Die
unmittelbare
regressionsanalytische
Schätzung
der
Produktionsfunktion
kann
als
un-
zureichend
angesehen
werden.
Die
statistische
Kritik
kann
an
der
Be-
schränkung
auf
nur
eine
Gleichung
ansetzen.
Diese
ließe
sich
als
Be-
standteil
mancher
hypothetisch
vorstellbarer
Gleichungssysteme
an-
sehen.
Falls
die
Identifikation
solcher
Systeme
die
Anwendung
der
Regressionsanalyse
gestattet,
so
wären
die
Koeffizienten
der
Produk-
tionsfunktion
nicht
unmittelbar
sondern
mittelbar
über
die
Koeffizien-
ten
der
reduzierten
Gleichungen
zu
ermitteln.
Anderenfalls
wären
Maximum
likelihood-Methoden
anzuwenden.
23
Für
die
in
Logarithmen ausgedrückte Funktion sprechen allerdings
höhere statistische Sicherungen, die sich insgesamt
und
für
die einzelnen
Koeffizienten
der
Funktion
(lU.
2)
und
ihre
Parameter
ergeben. Es mag
aber
eine andere
Art
von Sicherheit gewähren,
auf
der
Basis eines
stärker
fluktuierenden Urmaterials - wie es Wachstumsraten bieten - zu stehen
und
dessen Ergebnisse zu verwerten, zumal trotz dieser Fluktuationen öko-
nomisch sinnvolle Koeffizienten resultieren
und
auch die statistischen Siche-
rungen
zwar
nicht
mehr
die hohe Güte
der
Funktion
(UI.
2)
besitzen,
aber
doch die verschiedenen Prüfungen
in
der
in
Tab. 1 dargestellten Weise
be-
stehen.
Für
die Funktion
(lU.
2) spricht ferner
der
geringere einfache Durch-
schnitt
der
Interkorrelationskoeffizienten,
der
sich zwischen den Logarith-
men
im
Vergleich zu den Wachstumsraten dieser Variablen ergibt.
Andrer-
seits ist die Anzahl
der
Interkorrelationen bei
der
Funktion
(lU.
3) niedriger.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Wachstumsprognose, insbes. Prognose der Produktivitätsentwicklung 239
Um
aber
einer
von
verschiedenen
Seiten
vorstellbaren
ökonomischen
Kritik
vorzubeugen,
die
sich
gegen
die
bestimmte
Art
der
Spezifikation
des
unmittelbar
und
apriori
gewählten
Systems
von
Gleichun~en
für
die
deutsche
Volkswirtschaft
richten
würde,
untersuchen
wir
nur
eine
Gleichung.
Für
diese
gibt
es zahlreiche
hypothetische
FormUlierungen.
Es
ist
also
zunächst
der
empirisch
relevante
Inhalt
dieser
einen
Glei-
chung
zu
finden
24
•
Da
es
praktisch
unsere
Möglichkeiten
überschreitet,
in
entsprechen-
der
Weise
eine
Mehrzahl
von
Gleichungen
zu
untersuchen
und
Schät-
zungen
für
vielfältige
Kombinationen
von
Variationen
verschiedener
Gleichungen
vorzunehmen,
setzen
wir
uns
der
statistischen
Kritik
aus,
die
Regressionsanalyse
als
ein
Instrument
für
die
Ermittlung
von
Schätzwerten
isolierter
Gleichungen
zu
benutzen.
Berücksichtigt
man
die
Absicht,
daß
damit
nur
ein
erster
Schritt
in
Richtung
auf
ein
Mehr-
gleichungsmodell
unternommen
werden
soll, so
mag
diese
Methode
als
statthaft
angesehen
werden.
Die
genannten
Koeffizienten
sind
daher
Schätzwerte,
die
nur
in
erster
Annäherung
gefunden
sind
und
beim
Ausbau
der
Untersuchung
durch
verbesserte
Schätzwerte
ersetzt
wer-
den
können.
3.
P r ü
fun
gen
der
S c h
ätz
erg
e b n
iss
e
Wenden
wir
die
Regressionsanalyse
an, so
ist
zur
Absicherung
ihrer
Ergebnisse
zu
prüfen,
ob
die
unerklärten
Reste
normalverteilt
und
nicht
autokorreliert
sind.
Inwieweit
beide
Voraussetzungen
erfüllt
sind,
läßt
sich
durch
Prüfverfahren
klären.
Die Autokorretationsprüjung
mit
Hilfe
des v.
Neumann-Verhältnisses
führt
für
die
Funktion
1012
zu
einem
Testwert
von
1,76.
(Für
die
Funk-
tion
1014
ergibt
sich
ein
Wert
von
1,86.)
Beide
Werte
überschreiten
den
Testwert
von
1,39,
dessen
Unterschreitung
das
Vorliegen
von
Autokorre-
lation
mit
95
vH
Wahrscheinlichkeit
bedeuten
würde.
Bei
beiden
Funk-
tionen
liegt
also
nur
in
nicht
wesentlichem
Maße
Autokorrelation
vor.
Eine
gänzliche
Abwesenheit
von
Autokorrelation
kann
aber
nicht
be-
hauptet
werden,
da
der
diesbezügliche
Testwert
(2,0953)
nur
halbwegs
erreicht
wird.
Bei
der
Prüfung
der
Normalverteilung
mit
Hilfe
des
x2-Tests
ergibt
sich
ein
empirischer
x 2
-Wert,
der
erst
bei
einer
Irrtumswahrscheinlich-
keit
von
P = 0,90
größer
als
der
theoretische
Wert
ist.
Nur
mit
dieser
hohen
Irrtumswahrscheinlichkeit
ließe sich
die
Nullhypothese,
daß
kein
wesentlicher
Unterschied
zwischen
der
Verteilung
der
unerklärten
Reste
24
Erst eine so gefundene Gleichung eignet sich dafür, als aussichtsreiche
Hypothese im Rahmen eines Gleichungssystems verwandt zu werden.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
240
Karl
Christian
Kuhlo
und
der
Normalverteilung
besteht,
verwerten.
In
positiver
und
damit
weniger
vorsichtiger
Interpretation
heißt
das:
Man
irrt
sich
mit
einer
Wahrscheinlichkeit
von
fast
90
vH,
wenn
man
einen
Unterschied
zwi-
schen
beiden
Verteilungen
behauptet.
Mithin
können
die
unerklärten
Reste als
nur
unwesentlich
autokorre-
liert
und
als
in
erheblichem
Maße
normal
verteilt
angesehen
werden.
Der
Korrelationskoeffizient
ist
mit
1
vH
Irrtumswahrscheinlichkeit
signifikant.
Somit
kann
die
unterstellte
Annahme
eines
linearen
Zu-
sammenhangs
zwischen
den
Wachstumsraten
als
realistisch
angesehen
werden.
Wie
stark
streuen
die
tatsächlichen
Werte
um
die
von
der
Funktion
theoretisch
berechneten
Werte?
Der
Standardfehler
der
Schätzung
liegt
etwas
über
2 vH, so
daß
der
Variationskoeffizient
fast
die
Hälfte
der
durchschnittlichen
Wachstumsrate
der
Inlandsproduktion
beträgt.
Ein
solcher Variationskoeffizient
mag
als hoch
angesehen
werden.
Er
reflek-
tiert
aber
nur
die Tatsache,
daß
die
stärkere
Streuung
der
Wachstums-
raten
gegenüber
der
der
absoluten
Werte
die
Erklärung
der
Streuung
der
Wachstumsraten
zu
einer
schwierigeren
Aufgabe
macht.
Entsprechendes
ergibt
sich
für
die
Streuung
der
Koeffizienten
und
ihre
statistischen
Sicherungen.
Dabei
zeigt
sich,
daß
die
Produktions-
elastizität
des
Kapitals
nur
mit
einer
Irrtumswahrscheinlichkeit
von
10
vH
gesichert
ist. Die
Produktionselastizitäten
der
Arbeitsstunden
und
der
Importe
und
auch
der
für
den
technischen
Fortschritt
berech-
nete
Koeffizient
sind
dagegen
mit
1
vH
Irrtumswahrscheinlichkeit
signi-
fikant
25 •
Zur
weiteren
Prüfung
berechnen
wir
aus
den
Produktionselastizitä-
ten
die
Grenzprodukte.
Das
Grenzprodukt
der
Importe
wie
auch
das
langfristige
Grenzprodukt
des
Sachkapitals
müssen
den
Testwert
eins
überschreiten,
falls
der
Einsatz
dieser
beiden
Faktoren
im
Durchschnitt
mit
Gewinn
verbunden
(und
mit
indirekten
Steuern
belastet)
gewesen
ist.
Die
Grenzprodukte
überschreiten
diesen
Testwert.
Damit
liegen
einige
Maßstäbe
vor,
um
die
Güte
der
geschätzten
Produktionse1astizitäten
und
des Koeffizienten
für
den
technischen
Fortschritt
zu
beurteilen.
Ausbau
und
Verfeinerung
der
benutzten
Pro-
duktionstheorie,
der
statistischen
Prüfverfahren
und
des
statistischen
Materials
können
und
sollen
dazu
beitragen,
die
Ergebnisse
zu
ver-
bessern.
Im
gegenwärtigen
Zeitpunkt
mag
aber
bereits
mit
den
vor-
liegenden
Ergebnissen
weitergearbeitet
werden.
25
In
der
Funktion
1014
sind
die
Produktionselastizitäten
von
Kapital
und
Arbeitszeit
mit
70
vH
Wahrscheinlichkeit
und
die
Produktionselastizitäten
der
Erwerbstätigen
und
der
Importe
sowie
der
Koeffizient
des
technischen
Fortschritts
mit
99
vH.
Wahrscheinlichkeit
signifikant.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Wachstumsprognose, insbes. Prognose
der
Produktivitätsentwicklung
241
4.
Der
re
I a t
iv
e
pro
du
k t
iv
e
Bei
t
rag
der
ein
z
ein
e n
Pro
d
uktionsfak
to
ren
Eine
Wachstums
analyse
mit
Hilfe
von
Produktionsfunktionen
vorzu-
nehmen
reflektiert
den
Standpunkt,
die
Produktionsfaktoren
sind
die
Träger
des Wachstums.
Ein
Produktionsfunktion
zeigt,
in
welchem
Maße
die
einzelnen
Produktionsfaktoren
das
Wachstum
bewirkt
haben.
Zwar
ist
das
Wachstum
der
Produktion
stets
im
Zusammenwirken
der
wachsenden
Produktionsfaktoren
geschaffen.
Die
Schätzung
der
Effizienz
der
einzelnen
Produktionsfaktoren
erlaubt
es
aber,
das
Wachstum
den
Produktionsfaktoren
im
einzelnen
zuzuordnen
26
•
Dadurch
läßt
sich
die
quantitative
und
relative
Bedeutung
der
einzelnen
Produktionsfaktoren
erfassen.
Für
die
einzelnen
Jahre
des
Untersuchungszeitraums
erkennt
man
die
Wirkung
dieser
Einflüsse
aus
dem
Schaubild
1.
Dieses
gibt
für
die
Funktion
1012
in
Form
eines
Stapeldiagramms
Aufschluß
über
die
Er-
klärung
der
theoretisch
errechneten
Inlandsproduktion
durch
die
Zu-
sammenfassung
bzw.
Saldierung
von
Fortschrittseffekt,
Kapitaleffekt,
Arbeitseffekt
und
Importeffekt.
Außerdem
wird
der
unerklärte
Rest,
die
Abweichung
zwischen
tatsächlicher
und
theoretischer
Inlandspro-
duktion,
sichtbar.
Das
graphische
Bild
sei
durch
Zahlenangaben
über
die
zugehörigen
Mittelwerte
ergänzt.
Diese
zeigen
anteilig
den
Effekt
des
einzelnen
Produktionsfaktors
auf
das
Wachstum
der
Inlandsproduktion.
Wir
messen
den
anteiligen
produktiven
Beitrag,
der
der
mittleren
Wachs-
tumsrate
der
erklärenden
Variablen
(X2,
Xa
...
xp)
am
Mittelwert
der
abhängigen
Variablen
(Xl)
zukommt,
durch
den
Ausdruck
ni,
der
gemäß
(III.5)
zu
berechnen
ist.
11'
X·
ni
=
~
(i
=
0,
2,
3,
...
p)
Xi
Das
Resultat
lautet:
Das
Wachstum
wird
fast
zur
Hälfte
vom
techni-
schen
Fortschritt
getragen.
Fast
ein
Viertel
trägt
der
wachsende
Kapitalbestand
zum
Wachstum
der
Inlandsproduktion
bei.
Der
Beitrag
des
wachsenden
Arbeitseinsatzes
und
der
wachsenden
Importe
beträgt
jeweils
fast
ein
Sechstel 27 •
Der
technische
Fortschritt
erweist
sich
da-
mit
als
der
wichtigste
Träger
des
Wachstums.
26 Gewiß muß man gegen eine solche Zuordnung den theoretischen Ein-
wand
der
nur
partiell vorstellbaren Substitution
und
den statistischen Ein-
wand des unbefriedigend gelösten Multikollinearitätsproblems vorbringen.
Im
folgenden sehen
wir
aber
von diesen Vorbehalten ab.
27
In
dieser Weise berechnen Aukrust und Bjerke den Anteil des Sach-
kapitalwachstums
am
Wachstum des Sozialprodukts.
Für
die norwegische
Wirtschaft erhalten sie folgendes Resultat:
"Growth as a result of:
16
SchrUten
d.
Vereins
f.
Socialpolitik
25
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
242
Karl
Christian
Kuhlo
Erklärungsanteile
der
einzelnen
Produkfionsfaktoren
(",.ocllolktlo"afu"ktlo"
,
0'2)
Wachatlolml,.ot."
i"
y,M,
20
16
Inlandsproduktion
12 / I
8
4
+
o
4
8
,
1925/26
30/31
35/36
51/52
Zeichenerklörung
:
111111111111
111111111111
111111111111
111111111111
38/50
positiv
Kapital-
} {
Arbeits-
Effekt
.
negativ
Import-
IfO·INSTITUT
fiir
Wirtschaftsfarschung
München
Schaubild
1
Fortsetzung
Anm.
27
11I1
1.
Rise
in
employment:
0.76·0.6
= 0.46
per
cent
per
annum
2.
Rise
in
capital:
0.20·5.6
= 1.12
per
cent
per
annum
3.
Improved
technique
etc.: 1.81
per
cent
per
annum
Aggregate
rate
of
growth
3.39
per
cent
per
annum"
(theoretisch)
56/57
Hieraus
wird
über
den
Erklärungsanteil
des
Sachkapitals
gefolgert:
"Of
this
growth,
only
about
one-third
should
therefore
be
attributable
to
the
growth
of
capital."
O.
Aukrust
and
Bjerke:
Real
Capital
and
Economic
Growth
in
Norway
1900-56.
Income
and
Wealth,
Series
VIII,
The
Measure-
ment
of
National
Wealth.
International
Association
for
Research
in
Income
and
Wealth,
Chicago 1959, S.
110.
(Fortsetzung
S. 243)
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Wachstumsprognose, insbes. Prognose
der
Produktivitätsentwicklung 243
Die
Erwähnung
dieser
Anteilszahlen
gehört
zwar
nicht
notwendig
zur
Aufstellung
einer
Projektion.
Dennoch
können
diese
Zahlen
als
zusätzliches
Kriterium
gewertet
werden,
um
die
Stärke
der
als
Ursachen
herangezogenen
Faktoren
zu
beleuchten,
die
das
projizierte
Wachstum
bewirken.
Diese
Zahlen
können
das
subjektive
Urteil
der
Plausibilität
einer
Projektion
beim
einzelnen
Beobachter
stärken
oder
schwächen,
sie
können
zum
zeitlichen
oder
regionalen
Vergleich
herangezogen
werden
und
sie
können
schließlich
als
Anregungen
verwertet
werden,
in
welcher
Richtung
die
Analyse
erweitert
bzw.
verfeinert
werden
sollte.
IV. Technischer
Fortschritt
als
Hauptursache
des
Produktivitätswachstums
Wenn
der
technische
Fortschritt
schon
für
das
Wachstum
der
Pro-
duktion
als
wichtigste
Ursache
anzusehen
ist, so
ist
zu
vermuten,
daß
dies
in
verstärktem
Maße
für
die
Produktivität
gilt.
In
welchem
Aus-
maß
ist
dies
der
Fall
und
wie
ist
diese
Wirksamkeit
zu
berechnen?
Mit
diesen
Fragen
wollen
wir
uns
in
diesem
Abschnitt
beschäftigen,
zum
al
unser
Thema
die
spezielle
Behandlung
der
zentralen
Variablen
gesamt-
wirtschaftlicher
Projektionen,
der
Produktivität,
verlangt.
Der
Einfluß
des
technischen
Fortschritts
auf
das
Wachstum
der
Produktivität
ist
von
verschiedenen
Autoren
quantitativ
untersucht
worden.
Diese
Unter-
suchungen
beziehen
sich
meist
auf
die
USA
und
decken
den
Zeitraum
mehrerer
Jahrzehnte.
Wir
werden
die
Ergebnisse
anführen,
nach
Mög-
lichkeit
auch
auf
die
Methode
eingehen
und
entsprechende
Berechnun-
gen
für
Deutschland
vornehmen.
1.
Cairncross
Zur
ersten
Orientierung
erwähnen
wir
eine
allgemein
gehaltene
Schätzung.
Cairncross
wendet
sich gegen
die
übertriebene
Vorstellung,
die
hauptsächliche
Ursache
des
Produktivitätswachstums
sei
die
Kapitalakkumulation.
Er
beziffert
deren
Anteil
auf
höchstens
ein
Viertel.
Den
Rest
bewirkt
der
technische
Fortschritt
28
•
Entsprechend
läßt
sich gemäß
(nI.
3)
der
Anteil des technischen Fortschritts
mit
53
vH
und
der der
Arbeit
mit
14 vH bestimmen. Die Größenordnung
dieser Zahlen weicht von den
für
Deutschland gefundenen Ergebnissen
kaum
ab.
28
"Yet
there
seems no reason to suppose
that
capital accumulation does
by itself exercise so predominant
an
influence on economic development
...
If
one
were
to assume
that
innovation came to a standstill
and
that
addi-
tional investment could nevertheless yield
an
average
return
of 5 % ,
the
consequential
rate
of increase
in
the
national income would normally
be
no more
than
1/
2 %
per
annum. We
are
told
that
the
national income
has
in
fact been rising in such communities
at
a
rate
of
2-3°/"
per
annum.
On
this
showing, capital accumulation could account for,
at
most,
one-quarter
of
the
recorded
rate
of economic 'progress'."
A.
K. Cairncross:
The
Place of
16'
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
244
Karl
Christian Kuhlo
2.
Solow
Solow
berechnet
den
Anteil
des
technischen
Fortschritts
am
Produk-
tivitätswachstum
mit
sieben
Achteln.
Das
restlich,e
Achtel
wird
durch
Kapitalintensivierung
bewirkt
29
•
Diese
Berechnung
wird
von
Hogan
etwas
korrigiert.
Daraufhin
ergibt
sich
ein
Anteil
des
technischen
Fort-
schritts
von
über
90
vl{3o.
3.
Massell
Massell
kommt
zu
dem
Ergebnis,
"that
roughly
ninety
per
cent
of
the
increase
of
output
per
man
hour
is
due
to
technical
Change,,31.
Dieses
Resultat
ergibt
sich
als
Quotient
der
relativen
Steigerung
des
techni-
schen
Fortschritts
und
der
relativen
Steigerung
der
Produktivität.
Beide
relativen
Steigerungen
werden
langfristig
berechnet.
Sie
sind
die
Quo-
tienten
der
Werte
für
die
betreffenden
Variablen,
die
sich
für
das
End-
jahr
1955
und
das
Basisjahr
1919
ergeben.
Entsprechend
lassen
sich
jahresdurchschnittliche
relative
Steigerungen
berechnen.
Diese
sind
mit
den
Wachstumsraten
vergleichbar,
die
sich
üblicherweise
auf
die
Ände-
rung
eines
Jahres
beziehen.
Die
jährliche
relative
Steigerung
des
tech-
nischen
Niveaus
mißt
Massell
in
der
von
Solow
entwickelten
Form
32
•
Mithin
ergibt
sich
die
auf
den
technischen
Fortschritt
zurückzuführende
Wachstumsrate
der
Produktion
(a)
als
Differenz
aus
der
Wachstums-
rate
der
Produktivität
und
der
durch
den
Anteil
der
Gewinne
(G)
am
Volkseinkommen
(Y)
gewogenen
Kapitalintensität
33
(IV. 2) dA
d(~)
G
d(~)
G
a =
Adt
=
~
-y
~
=
(q-I-y
(k-l)
L
dt
L
dt
Capital
in
Technical Progress, ed. L. Dupriez (Papers
and
Proceedings of a
Round
Table
held
by
the
International
Economic Association,
Institut
de
Recherches Economiques
et
Sociales, Louvain,
1955),
S.
235.
29
R.
Solow:
Technical Change
and
the
Aggregate Production Function.
The
Review
of
Economics
and
Statistics, Vol.
39
(1957)
S.
312
ff.
30
W.
P.
Hogan:
Technical Progress
and
Production Functions.
The
Review
of
Economics
and
Statistics, Vol.40
(1958),
S.
407
f.
31
F.
Massell: Capital
Formation
and
Technological Change
in
United
States
Manufacturing.
The
Review of Economics
and
Statistics, Vol.
42,
No. 2
(1960),
S.
182
ff.
32
Solow
(a. a.
0.,
S.
312
f.)
geht
von
der
Produktionsfunktion
(IV. 1) Q = A(t) f(K,
L)
aus,
in
welcher
der
multiplikative
Faktor
A(t)
den
kumulativen
Effekt
der
Verschiebungen
der
Funktion
f(K,
L)
im
Zeitablauf mißt.
Unter
der
Voraus-
setzung
der
Grenzproduktivitätstheorie
resultiert
die Gleichung (IV.
2).
33 Bei
den
ganz rechts
und
ganz links stehenden Ausdrücken
ist
wiederum
die
Schreibweise
der
Wachstumsraten
in
Form
kleiner Buchstaben
ange-
wandt. Dabei
werden
die Wachstumsraten von Quotienten als Differenzen
zwischen
den
jeweiligen kleinen Buchstaben geschrieben.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Wachstumsprognose, insbes.
Prognose
der
Produktivitätsentwicklung
245
Massell
verwendet
für
den
Anteil
des
technischen
Fortschritts
an
der
Produktivität
den
Ausdruck
(IV.
3)
G
1 +
[(q-l)
- Y
(k-l)]
1 +
(q-l)
Benutzen
wir
diesen
Ausdruck
und
führen
wir
eine
entsprechende
Rech-
nung
für
Deutschland
durch
34 ,
so
resultiert
ein
vergleichsweise
noch
höherer
Anteil
des
technischen
Fortschritts
am
Produktivitätswachstum
in
Höhe
von
99,8
vH.
4. M 0 d i
fi
k a
ti
0
ne
n
der
Met
h 0 d e
von
M
ass
e
11
a)
Abwandlungen
von
Größen
Massell
verwendet
ebenso
wie
Solow
den
Gewinnanteil
stellver-
tretend
für
die
Produktionselastizität
des
Sachkapitals.
Die
damit
unter-
stellte
Grenzproduktivitätstheorie
ist
aber
wegen
ihrer
Hypothese
der
vollständigen
Konkurrenz
strittig.
Unsere
für
die
deut5che
Volkswirt-
schaft
geschätzte
Produktionselastizität
des
Sachkapitals
ist
dreimal
so
groß
wie
der
Gewinnanteil
35 •
Daher
ersetzen
wir
diese
Größe
durch
die
ursprünglich
aus
der
Produktionsfunktion
stammende
Produktionselasti-
zität
des
Sachkapitals,
messen
also
den
Anteil
des
technischen
Fort-
schritts
an
der
Produktivität
durch
den
Ausdruck
(IV. 4) 1 +
(q-l)-a(k-l)
1 +
(q-l)
Es
ergibt
sich
ein
Wert
von
99,3
vH.
Ferner
ersetzen
wir
die
indirekte
Berechnungsweise
des
technischen
Fortschritts
als
Restgröße
einer
Cobb-Douglas-Funktion,
wie
sie
Solow
entwickelt
hat
und
wie
sie
Massell
übernommen
hat
-
Gleichung
(IV.
2)
-
durch
eine
unmittelbare
Schätzung
des
Koeffizienten
für
den
technischen
Fortschritt
mit
Hilfe
der
von
Tinbergen
erweiterten
Cobb-
Douglas-Funktion
86 •
Benutzen
wir
den
Schätzwert
für
diesen
Koeffi-
zienten,
so
verändert
sich
dadurch
der
Anteil
des
durch
den
technischen
Fortschritt
bedingten
Produktivitätswachstums
auf
98
vH.
34 Diese
Untersuchung
erstreckt
sich
auf
den
Untersuchungszeitraum
von
1925
bis
1938
und
1950
bis
1958.
Es
werden
für
den
Gewinnanteil
die
Zahlen
von
Krelle
verwertet.
W.
Krelle:
Bestimmungsgründe
der
Einkommensver-
teilung
in
der
modernen
Wirtschaft.
Einkommensbildung
und
Einkommens-
verteilung.
Schriften
des
Vereins
für
Socialpolitik, N.
F.
Bd.
13
(1957),
S.83.
ss
Jedoch
ist
zu
beachten,
daß
der
damit
betonte
Unterschied
statistisch
nicht
signifikant
ist.
36
Der
Anteil
des
technischen
Fortschritts
am
Wachstum
der
Produktivität
bemißt
sich
daraufhin
gemäß
(IV.
5)
1 +
(q-l)
----
1 + e
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
246
Karl Christian Kuhlo
b)
Abwandlung
der
Formel
Wie
wir
auch
die
Berechnungsmethode
verfeinern,
das
Ergebnis
eines
fast
ausschließlich
vom
technischen
Fortschritt
getragenen
Produktivi-
tätswachstums
bleibt
davon
unberührt.
Gewiß
klingt
es realistisch,
von
einer
außerordentlich
hohen
Bedeutung
des
technischen
Fortschritts
zu
hören.
Aber
Ergebnisse,
die
Anteile
von
90
vH
und
darüber
zeigen,
können
auch
als
etwas
übertrieben
empfunden
werden.
Daher
wollen
wir
nicht
nur
die
einzelnen
Größen
in
der
Formel
(IV. 3) modifizieren.
Eine
Diskussion
des
Aufbaus
der
Formel
selbst
erscheint
erforderlich
zu
sein.
Wir
betrachten
dazu
die
Größenordnung
des
durch
die
Formel
(IV. 3)
-
und
ebenso
durch
die
Formeln
(IV.
4)
und
(IV.
5)
-
erzwungenen
Ergebnisses. Dieses
muß
dazu
tendieren,
daß
die
im
Zähler
dargestellte
Ursache
ein
Gewicht
besitzt,
das
quantitativ
nahe
an
100
vH
heran-
kommt.
Selbst
wenn
der
technische
Fortschritt
so
klein
ist,
daß
er
ein
Produktionswachstum
von
z.
B.
nur
1
vH
bewirkt
und
gleichzeitig die
Produktivität
um
z.
B.
11
vH
wächst,
so
zeigt
die
Formel
trotzdem
einen
Anteil
des technischen
Fortschritts
von
90
vH.
Das
liegt
daran,
daß
die
Zahl
1,
die
als
Summand
im
Zähler
und
im
Nenner
erscheint,
über-
wiegend
den
gesamten
Ausdruck
bestimmt.
Das
Ergebnis
hängt
also
kaum
von
den
eigentlich
relevanten
Größen,
der
Größe
des technischen
Fortschritts
und
der
Größe
des
Produktivitätswachstums,
ab.
Daher
wählen
wir
für
die
Messung
des
Anteils
des
technischen
Fort-
schritts
am
Produktivitätswachstum
eine Größe, die
unmittelbar
als
Quotient
aus
diesen
beiden
Größen
gebildet
wird.
Wir
betrachten
also
den
Quotienten
(IV. 6)
ll€
=
_1:_
(q-l)
Hierbei
ist
1}E
der
Erklärungsanteil
des technischen
Fortschritts
an
der
durchschnittlichen
Wachstumsrate
der
Produktivität
37 •
Für
unseren
Untersuchungszeitraum
ergibt
sich
hierfür
ein
Anteil
von
drei
Fünf
teIn.
Dieser
Anteil
ist
also
erheblich
niedriger
als
die
zuvor
erörterten
nahe
an
100
vH
heranreichenden
Anteile.
Nichtsdestoweniger
wird
auch
so
die
überragende
Bedeutung
des technischen
Fortschritts
für
die
Produktivitätsentwicklung
sichtbar.
Der
genannte
Prozentsatz
ist
ein
echter
Anteil,
da
die
restlichen
zwei
Fünftel
des
Produktivitätswachstums
anderen
Ursachen
zurechenbar
37 Damit wird die Bedeutung des Symbols
'TJ
das in (IlI.
3)
einen
Er-
klärungsanteil am Wachstum
der
Produktion gemessen hat, etwas abge-
wandelt. Das Symbol
(q
-1)
stellt die durchschnittliche Wachstumsrate
der
Produktivität dar.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Wachstumsprognose, insbes. Prognose
der
Produktivitätsentwicklung
247
sind.
Diese
Ursachen
anteile
lassen
sich
zunächst
theoretisch
aus
der
Pro-
duktionsfunktion
38
(IV. 7)
in
der
Weise
ableiten,
daß
zunächst
die
Produktivität
als
abhängige
Variable
eingeführt
wird
(IV. 8)
(q
-I)
= s +
ak
+
<P
-1)
1+
ym
Die
auf
der
linken
Seite
der
Gleichung
stehende
Wachstumsrate
der
Produktivität
kann
durch
die
Komponenten
auf
der
rechten
Seite
der
Gleichung
erklärt
angesehen
werden.
In
relativer
Betrachtung
er-
gibt
sich
(IV.
9)
_s_
~+({J-~l!+~_
(q
-I)
+ (q
-I)
(q
-I)
(q
-I)
- 1
Diese
Gleichung
zeigt
als
ersten
Summanden
den
in
(IV. 5)
erwähnten
Erklärungsanteil
des
technischen
Fortschritts.
Die
folgenden
Summan-
den
geben
die
Erklärungsanteile
des
Wachstums
von
Sachkapital,
Arbeit
und
Importen.
Empirisch
ermitteln
wir
für
die
Erklärung
des
jahresdurchschnitt-
lichen
Produktivitätswachstums
folgende
Anteile:
Der
Beitrag
des
Sachkapitals
beträgt
drei
Zehntel,
der der
Importe
beläuft
sich
auf
ein
Fünftel.
Der
Anteil
der
Arbeit
ist
leicht
negativ.
Erwartungsgemäß
ist
also
den
Investitionen
nächst
dem
technischen
Fortschritt
die
größte
38 Mit
dieser
Produktionsfunktion
gehen
wir
im
Gegensatz
zu
Solow
und
Massell nicht
von
der
Voraussetzung
der
constant
returns
to scale aus.
Da
wir
increasing
returns
to
scale festgestellt
haben,
würde
die
restriktive
Voraussetzung die einzelnen
Produktionselastizitäten
in
ihrer
Größe
be-
schränken.
Daraus
kann
die
untergeordnete
Bedeutung
resultieren,
die
sich
bei Solow
für
die
quantitative
Ausdehnung
des
Sachkapitals
ergeben
hat.
Die Schlußfolgerung
von
Solow - die durch
die
Berechnung
von
Massell
nur
bestätigt
wird
-
wird
daher
von
Hick:s
als Illusion bezeichnet:
"'U
is
possible
to
argue
that
about
one-eighth
of
the
total
increase
(in
produc-
tivitiy) is
traceable
to
increased
capital
per
man-hour,
and
the
remainder
to
technical change.'
It
is
tempting
to
rush
from
this
to
the
conclusion
that
perhaps
after
all
capital
accumulation does
not
much
matter;
technical
improvement
(even
the
improvement
which
can
be
made
without
any
capital
accumulation) is
the
thing.
One
does notice a
tendency
to
think
in
that
way
in
some
quarters,
but
it
does
not
seem to
me
to
be
plausible.
It
may
weH
be
that
it
is
an
illusion which
has
only
arisen
because
the
particular
pro-
duction function chosen does
not
allow sufficient scope
for
the
effect
of
capital
accumulation
on
productivity." (J.
R.
Hicks:
Thoughts
on
the
Theory
of Capital -
The
Corfu
Conference. Oxford Economic
Papers,
New
Series
Vol.
12,
Oxford
1960,
S.
129).
In
welchem Maße
eine
Illusion vorliegt,
wollen
wir
durch
die
increasing
returns
erlaubende
Produktionsfunktion
zu
erklären
versuchen.
In
der
Tat
zeigt
die
eingeschränkte (wenn auch
immer
noch üben·agende)
Bedeutung
des technischen Fortschritts,
daß
der
quantitativen
Ausdehnung
der
Pro-
duktionsfaktoren, also insbesondere wohl des Sachkapitals,
ein
etwas
grö-
ßerer
Anteil
an
der
Produktivitätssteigerung
beizumessen ist.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
254 Karl Christian Kuhlo
Einheiten
ausdehnen
kann
50
•
Daher
braucht
die
im
volkswirtschaftlichen
Durchschnitt
auch
mikroökonomisch
wirksame
Kapazitätsbegrenzung
im
Einzelfall
nicht
als
unüberschreitbar
empfunden
zu
werden.
Aber
auch
für
die
Volkswirtschaft
als
Ganzes
bzw.
für
mehr
oder
weniger
große
Teile
der
Volkswirtschaft
braucht
diese
Kapazitätsgrenze
kein
Hindernis
bei
der
Realisierung
der
Wirtschaftspläne
zu
bedeuten.
Es
ist
bei
langfristiger
Abwesenheit
vollständiger
Konkurrenz
möglich,
daß
die
einzelnen
Produktionseinheiten
bei
gegebener
Marktsituation
es
vorziehen,
im
Bereich
sinkender
Stückkosten
zu
produzieren.
Gewiß
ist
dieser
Fall
betrieblichen
Gleichgewichts
nur
einer
der
mög-
lichen
Fälle
der
Verbindung
von
increasing
returns
und
voller
Aus-
nutzung
der
Produktionsfaktoren.
Es
ist
ebenso
möglich,
daß
die
Nach-
frage
nach
Produktionsfaktoren
die
Kapazität
des
vorhandenen
Ange-
bots
überschreitet.
Da
die
Vollausnutzung
aber
nicht
überschritten
wer-
den
kann,
wird
in
jedem
Augenblick
die
geplante
Produktionsausdeh-
nung51 ,
die
schließlich
in
den
Bereich
der
decreasing
returns
führen
würde,
verhindert.
Auch
in
diesem
Fall
bleibt
die
Kombination
von
increasing
returns
und
vollausgenutzten
Produktionsfaktoren
bestehen.
Mit
den
zu
a), b)
und
c)
erörterten
Voraussetzungen,
steht
und
fällt
die
Projektion.
Man
mag
zwar
mit
Schoeffler
der
Meinung
sein,
daß
Voraussagen
der
ökonomischen
Wirklichkeit
gänzlich
unhaltbar
sind
S %
und
daß
die
Hinwendung
zur
Ökonometrie
auf
der
Suche
nach
einer
narrensicheren
Methode
in
eine
Sackgasse
führt
53
•
Betreibt
man
aber
angewandte
Wirtschaftsforschung, so
weiß
man
ohnehin
um
die
Un-
möglichkeit,
narrensichere
Methoden
zu
finden.
Neben
eindeutige
Deduktionen
treten
Schätzverfahren
mit
mehr
oder
weniger
plausiblen
Ergebnissen.
Im
Verein
mit
subjektiven
Unterstellungen
wird
schließ-
lich
eine
Zukunftsaussage
abgeleitet,
die
nur
einen
Hinweis
auf
eine
zu-
künftige
Möglicheit gibt,
nicht
aber
als
ein
Beweis
für
eine
Voraussage
zukünftiger
Wirklichkeit
gewertet
werden
kann.
In
diesem
Sinn
sind
Projektionen
nicht
apriori
unmöglich.
Im
Bewußtsein
ihres
Grades
an
Plausibilität
können
sie
in
weitere
überlegungen
eingehen.
Der
Stand-
punkt
einer
nicht
grundsätzlichen
Verneinung
von
Projektionen
und
50
Dies
kann
auch im Wege
der
Änderung
der
Faktorintensitäten zu Lasten
des zuerst zum Engpaß werdenden Produktionsfaktors erfolgen.
51
Die Ausdehnung
der
Produktion ist dann
nur
im
Rahmen des tech-
nischen Fortschritts möglich.
52 s. SchoefJler: The Failures of Economies: A Diagnostic Study. Cam-
bridge, Mass. 1955,
S.
41: "Unavoidably, theretore, predictions about econo-
mie reality which
are
produeed with the
add
of these techniques
are
quite
undependable,
and
professional eeonomics has been
and
eontinues to
be
a
relatively ineffeetual debating society."
53
"It
is my guess, however,
that
eeonometric forecasting attempts, of
the
type considered here, constitute a dead end in
the
search for a foolproof
method." (Ebenda,
S.
132).
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Wachstumsprognose, insbes. Prognose der Produktivitätsentwicklung 255
das
Bewußtsein
ihrer
Verbesserungsfähigkeit
gestattet
es,
den
von
Schoeffler
als
Sackgasse
bezeichneten
Weg
zu
beschreiten.
2.
Uns
ich
e r h e i
tun
d
Beg
ren
z u n g
von
Erg
e b n
iss
e n
Die
Projektion
kann
als
Punktschätzung
vorgeführt
werden.
Bei
der
Punktschätzung
wird
unterstellt,
daß
jeder
Koeffizient
in
Zukunft
dem
Schätzwert
der
Vergangenheit
genau
gleicht.
Bei
der
Intervallschätzung
wird
eine
Bandbreite
zukünftiger
Möglichkeiten
im
Rahmen
der
Stan-
dardfehler
der
Koeffizienten
bestimmt.
a)
Punktschätzung
Die
Punktschätzung
deckt
nur
einen
und
zwar
den
wahrscheinlichsten
Fall.
Der
wahrscheinlichste
Wert
ist
dadurch
charakterisiert,
daß
in
50
vH
der
Fälle
ein
höherer
und
in
50
vH
der
Fälle
ein
niedrigerer
als
der
wahrscheinlichste
Wert
zu
erwarten
ist
M •
b)
Intervallschätzung
Die
Verläßlichkeit
einer
Punktschätzung
kann
durch
die
zugehörige
Intervallschätzung
weiter
beurteilt
werden.
Intervallschätzungen
be-
rücksichtigen
die
Schwankungsbreite
der
Koeffizienten,
die
in
den
Standardfehlern
dieser
Koeffizienten
ihren
Niederschlag
gefunden
haben.
Diese
Ober-
und
Untergrenzen
erfassen
also
insbesondere
nicht
die
Unsicherheiten, die
in
der
Projektion
der
erklärenden
Variablen
liegen. Lediglich
der
durch
die
Regressionsanalyse
erfaßbare
Grad
einer
mangelhaften
Konstanz
der
vorzugsweise
als
"konstant"
bezeichneten
Koeffizienten
tritt
in
der
Intervallschätzung
zutage.
Die
Intervallschätzungen
besagen
nicht,
daß
Erwartungen
außerhalb
des geschätzten
Intervalls
ausgeschlossen
sind.
Innerhalb
des
Intervalls
konzentrieren
sich
aber
die
Erwartungen
mit
bestimmter
Wahrschein-
lichkeit.
Legen
wir
eine
Irrtumswahrscheinlichkeit
von
5
vH
zugrunde,
so
besagt
die
z.
B.
für
1961
ermittelte
Obergrenze
einer
Wachstumsrate
der
Inlandsproduktion
von
13
vH
und
die
Untergrenze
von
1
vH,
daß
in
95
vH
der
Fälle
erwartet
werden
kann,
daß
die
Wachstumsrate
der
Inlandsproduktion
innerhalb
dieser
Grenzwerte
liegen
wird.
Nur
5
vH
der
Fälle
liegen
jenseits
dieser
Grenzen.
Über
diese
Fälle
ent-
halten
die
bei
einer
Irrtumswahrscheinlichkeit
von
nur
1
vH
relevan-
54
M.
a.
W.
werden viele Fälle und damit eine Mehrzahl von hypotheti-
schen Projektionen dem einzelnen
Jahr
zugeordnet. Diese fiktive Vorstellung
des mehrmaligen Ablaufs des einzelnen Jahres ist zwar
nur
theoretisch
verständlich. Sie mag
aber
geeignet sein, die Interpretation des wahrschein-
lichsten Wertes in seiner bedingten Realitätsnähe zu erleichtern
und
auf
die gebotene Vorsicht bei
der
Interpretation hinzuweisen.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
256
Karl
Christian Kuhlo
ten
Grenzen
eine
weitere
Aussage.
Eine
Irrtumswahrscheinlichkeit
von
o vH, d. h.
eine
Wahrscheinlichkeit
von
100
vH
-
und
damit
Sicher-
heit
-
ist
ein
unerreichbares
Ziel
für
Projektionen.
Die
Grenzen
sind
also
nicht
unüberschreitbare
Grenzen, sie
grenzen
die
im
Wesentlichen
eintretenden
Fälle
ab. Diese
Abgrenzung
entspricht
damit
einer
kon-
ventionellen
Verengung
des Horizonts,
wie
sie bei
Meditationen
über
die
Zukunft
üblich
und
geboten
ist.
Dadurch
läßt
sich
das
Außerge-
wöhnliche
aus
dem
Blickfeld
verdrängen
und
die
reichhaltigen
Mög-
lichkeiten
gewöhnlicher
Entwicklungslinien
werden
besser
überblick-
bar.
Ober-
und
Untergrenzen,
die
einen
Wahrscheinlichkeitsgrad
von
95
vH
voraussetzen,
werden
häufig
benutzt.
Der
strengere
Maßstab
einer
Irrtumswahrscheinlichkeit
von
1
vH
erweitert
die
Bandbreite
zwi-
schen
Ober-
und
Untergrenze.
Läßt
man
umgekehrt
eine
größere
Irr-
tumswahrscheinlichkeit
zu, so
verengt
sich
die
Bandbreite.
Die
Wahl
der
Irrtumswahrscheinlichkeit
hängt
von
der
individuellen
Vorsicht des
Benutzers
der
Projektion
ab.
Wer
besonders vorsichtig ist,
wird
auch
noch
gegen
die
Verwendung
einer
Irrtumswahrscheinlichkeit
von
1
vH
Bedenken
äußern.
Ist
man
aber
unbedenklicher,
so
kann
man
eine
höhere
Irrtumswahrscheinlichkeit
von
z.
B.
50
vH
in
Rech-
nung
stellen. Schließlich
kann
die
Intervallschätzung
gänzlich
vernach-
lässigt
werden
und
nur
die
Punktschätzung
des
wahrscheinlichsten
Wertes
betrachtet
werden.
Dies
ist
zwar
rechnerisch einfach
und
prak-
tisch
oft
notwendig,
um
nicht
in
der
Kombinatorik
von
Alternativpro-
jektionen
zu
ersticken.
Die
Bedenklichkeit
einer
so
bedenkenlosen
Rechnung
sei
aber
zumindest
am
Rande
vermerkt.
c) Ökonomischer Horizont
Der
zeitliche
Endpunkt
einer
Projektion
wird
durch
die
zeitliche
Länge
der
Vorausschätzungen
der
exogenen
Variablen
bestimmt.
Abge-
sehen
von
dieser
den
Projektionshorizont
bestimmenden
Grenze
kann
sich
aus
der
Analyse
der
endogenen
Variablen
eine noch
engere
Begren-
zung
des ökonomischen
Horizonts
einer
Projektion
ergeben.
Zur
Ermittlung
dieser
Grenze
wollen
wir
die
konventionelle
Irrtums-
wahrscheinlichkeit
in
Höhe
von
5
vH
vorgeben.
Daraufhin
ergibt
sich
eine
bestimmte
Intervallschätzung
für
die
Wachstumsrate
der
Inlands-
produktion.
Die
Untergrenze
dieser
Wachstumsrate
erreicht
bei
der
Funktion
1014
im
Jahre
1965/66
einen
negativen
Wert.
Da
jedoch posi-
tive
Wachstumsraten
der
Produktionsfaktoren
vorausgesetzt
sind, offen-
bart
sich
die
ökonomische SinnZosigkeit
der
Projektionsrechnung.
Ein
solcher
Widersinn
soll
uns
veranlassen,
vom
Zeitpunktseines
Eintretens
an
den
Ergebnissen
der
Projektion
das
Vertrauen
zu
entziehen.
Die
auf
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Wachstumsprognose, insbes. Prognose der Produktivitätsentwicklung 257
der
betreffenden
Produktionsfunktion
aufbauende
Projektion
hat
da-
mit
ökonomisch
ihren
Horizont
erreicht.
Wer
den
damit
erzielten
Projektionszeitraum
von
fünf
Jahren
als
einen
kurzen
Zeitraum
ansieht,
wird
unsere
Analyse
nicht
mehr
als
"langfristig"
bezeichnen.
In
der
Tat
kann
der
ökonomische
Horizont
einer
langfristig
ausgerichteten
Analyse
eine
kurzfristige
Grenze
setzen.
Das
kurzfristig
erreichte
Ende
ist
zwar
nicht
beabsichtigt.
Es
zeigt
aber,
daß
die
Schwankungsbreite
der
langfristig
wirksamen
Zusammenhänge
-
insbeondere
bei
der
als
tragbar
akzeptierten
Irrtumswahrscheinlich'-
keit
-
der
anspruchsvollen
Projektionsabsicht
eine
frühzeitig
auf-
tauchende
Grenze
entgegenstellt.
Wir
haben
damit
den
Begriff
des
"ökonomischen
Horizonts"
einer
Projektion
benutzt.
Dieser
Horizont
sei
als
derjenige
Zeitpunkt
ver-
standen,
bei
dem
eine
projizierte
Ober-
oder
Untergrenze
einen
ökono-
misch
sinnlosen
Wert
erreicht.
Der
Zeitraum
bis
zu
diesem
Projektions-
horizont
ist
der
zulässige
Projektionszeitraum.
Eine
Eigenschaft
des
Projektionshorizonts
ist
seine
Erweiterung
(Verengung)
mit
steigender
(sinkender)
Irrtumswahrscheinlichkeit.
Unterschiede
des
individuellen
Vorsichtsgrades
bedingen
also
Horizontverschiebungen.
Ferner
wirkt
auf
die
Länge
des
zulässigen
Projektionszeitraums
die
Güte
der
ökono-
mischen
Theorie
und
des
statistischen
Materials
ein,
die
der
Projektions-
rechnung
zugrunde
liegen.
Wichtiger
als
die
durch
diese
Faktoren
be-
dingte
spezielle
Lage
des
ökonomischen
Horizonts
ist
das
Bewußtsein
der
Existenz eines
Projektionshorizonts.
Das
Jahr"
in
dem
der
Projektionshorizont
erreicht
wird,
ergibt
sich
aus
der
Projektionsrechnung.
Der
ökonomische
Horizont
der
Projektion
ist
mithin
das
Ergebnis
der
Analyse.
Es
ist
also
widersinnig,
in
der
Problemstellung
eine
Projektion
bis
zu
einem
bestimmten
Jahr
unver-
rückbar
zu
verlangen
~
es
sei
denn,
man
erteilt
keine
Auflage
über
die
zu
unterstellende
Irrtumswahrscheinlichkeit
der
Projektionsanalyse.
3.
N
urne
r i s c h e
Erg
e b n
iss
e
Nachdem
wir
die
Fragezeichen
akkumuliert
haben,
die
hinter
die
Pro-
jektionszahlen
zu
setzen
sind,
darf
es
schließlich
gewagt
werden,
diese
Zahlen
selbst
in
Form
eines
Schaubildes
vorzuführen.
Das
folgende
Schaubild
2
zeigt
die
auf
der
Produktionsfunktion
1012
basierende
Wachstumsrate
der
Inlandsproduktion.
Das
Schaubild
enthält
sowohl
die
Punktschätzung
des
wahrscheinlichsten
Wertes
als
auch
die
Ober-
und
Untergrenze
bei
5
vH
Irrtumswahrscheinlichkeit.
Die
ebenfalls
einge-
zeichnete
Intervallschätzung
bei
1
vH
Irrtumswahrscheinlichkeit
zeigt,
daß
schon
der
übergang
auf
das
Jahr
1961
einer
überschreitung
eines
ökonomischen
Horizonts
gleichkommt,
wenn
man
eine
so
niedrige
Irr-
tumswahrscheinlichkeit
postuliert.
17
Schriften
d.
Vereins
f.
Socialpolitik
25
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
258
Karl
Christian Kuhlo
Projektion
der
Wachstumsraten
der
Inlandsproduktion
mit
Toleranzbereichen
bei
alternativen
Irrtumswahrscheinlichkeiten
(P)
(PI'oduktionsfunktion 1012)
vH
1 6
1 4
I 2
10
8
6
4
+
o
/\
i \
Obe~g~enze
(p.
0,01)
I \
I
,.
~
I
/\
\
,
,~
" \
I ,
,
,
\\,
Obe~g~enze
(P-QOS)
..
____ ..... -
..
----.
'----
.........
-..,.--...
--.,.~
l,
I ,
I •
, .
I •
I
A'
..
- \ "
./
\',
......
_--------_.
wahrscheinlichste
Werte
"'""-
.......
..-.
......
./
\"
\
....
Unte~grenze
(p-O,OS) ....
--_
.... -
..
----.
\
'v.................
.........
...
......
-
\
.....
.,.,.
.............
----_.--_
...
U'nte~grenze(PaO,01
)
1958/59
60161
62/63
68/69
7<V71
72/73
IFO-INSTITUT
fOr
Wlmchaflofomhunll
München
Schaubild 2
vH
16
I 4
I 2
10
8
6
4
2
+
o
Die
für
die
15
Jahre
von
1960
bis
1975 55
im
Durchschnitt
projizierte
Wachstumsrate
beträgt
fast
6
vH.
Die
für
die
Logarithmen
der
absolu-
ten
Werte
ermittelte
Funktion
912 -
vgl.
oben
Gleichung
(III.
2)
-
führt
zu
einem
Wachstum
von
5 1
/2
vH.
Übersetzt
man
diese
Projektion
der
Inlandsproduktion
in
eine
Projek-,
tion
des
Bruttosozialprodukts,
so
ergibt
sich
eine
ähnliche
Reihe
von
55
Damit
nehmen
wir
in
diese Durchschnittsberechnung nicht die
im
Schaubild ebenfalls
angeführte
Projektion
für
1959
und
1960 auf. 1959 zählt
bereits
zur
Vergangenheit. Dies gilt
zum
Teil auch schon
für
1960. Außerdem
ist
in
der
Wachstumsrate von 1959/60 die Rückgliederung des Saargebiets
berücksichtigt, so daß
damit
die Vergleichbarkeit dieser Wachstumsrate
be-
einträchtigt ist.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Wachstumsprognose, insbes. Prognose
der
Produktivitätsentwicklung 259
Wachstumsraten,
die
etwas
niedriger
liegt.
Für
die
Funktion
liegt
dieses
Wachstum
im
Durchschnitt
bei
5 1
/.
vH.
4.
Ver
g
lei
c h e
Diese
Zahlen
lassen
sich
mit
anderen
langfristigen
Projektionen
ver-
gleichen.
Ein
genereller
überblick
zeigt,
daß
diese
Projektion
im
allge-
meinen
höher
liegt
als
andere
Projektionen
des
Bruttosozialprodukts.
Allerdings
kommt
Paige
nach
einer
international
vergleichenden
Ana-
lyse
des
Wachstums
der
letzten
hundert
Jahre
zu
dem
Schluß,
es
wäre
nicht
weise
anzunehmen,
daß
es
unmöglich
sei,
daß
das
starke
Wachs-
tum
der
Nachkriegszeit
für
weitere
zehn
oder
fünfzehn
Jahre
anhält,
obwohl
es
für
ein
so
lang
anhaltendes
hohes
Wachstum
kein
historisches
Vorbild
gibt
56
•
a)
Vergleich
mit
überregionalen
Projektionen
Auf
übergeordneter
geographischer
Ebene
liegen
die
verschiedenen
Projektionen
für
die
EWG,
die
von
der
Europäischen
Gemeinschaft
für
Kohle
und
Stahl,
von
der
Economist
Intelligence
Unit,
vom
GATT
und
von
der
List-Gesellschaft
vorgenommen
sind
(und
die
sich
auch
meist
bis
1975
erstrecken)
zwischen
3,0
und
-
bei
einer
Maximalschätzung
-
4,7
VH57.
In
ähnlichem
Rahmen
(mit
einer
Untergrenze
von
2,4
vH)
liegen
Schätzungen
für
das
OEEC-Gebiet,
die
im
Hartley-Report
niedergelegt
sind,
bzw.
von
der
ECE
vorgenommen
wurden
58
.
Auch
die
Schätzung
von
Kristensen
für
West-Europa
bewegt
sich
auf
diesem
niedrigen
Niveau
59
•
Der
Unterschied
gegenüber
unserer
für
Deutschland
ermittelten
Wachstumsrate
kann
auf
eine
durchschnittlich
niedrigere
Wachstums-
rate
in
den
aggregierten
Ländern
zurückgeführt
werden.
Jedoch
ist
es
56
D.
C.
Paige: Economic Growth: The
Last
Hundred
Years. National
In-
stitute
Economic Review, No.
16,
London
1961,
S.
37.
Als
Gründe
für
die
Sprengung des historischen Rahmens
werden
genannt
"the
absence
of
pro-
longed depressions,
the
competition
between
capitalist
and
communist econo-
mic systems,
and
the
development
of
incentives
to
fast
growth, including
.techniques of
planning
which
can
be
applied to
predominantly
free
enter-
prise
economies. Within Western Europe
the
economic
integration
now
in
process
may
be
as stimulating to growth as
it
was
when,
for
instance,
Germany
was
united".
57
P.
Erdman
and
P. Rogge: Die Europäische Wirtschafts gemeinschaft
und
die Drittländer. Veröffentlichungen
der
List-Gesellschaft e.
V.,
Bd.19, Basel
1960,
S.
133.
58
Ebenda, S.
134.
59 Es
wird
ein Wachstum zwischen
1,75
vH
und
3,25
vH
des Nettoinlands-
produkts vorausgeschätzt.
T.
Kristensen
and
Associates: The Economic World Balance, Copenhagen
1960,
S.254
und
302.
17*
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
260
Karl
Christian Kuhlo
naheliegender,
den
Unterschieden
angesichts
der
Unsicherheit
aller
Projektionsrechnungen
nicht
zu
großes
Gewicht
beizumessen.
b)
Vergleich
mit
deutschen Projektionen
a)
Für
die
Bundesrepublik
ist
eine
weitere
Projektion
im
Ifo-Institut
erstellt
worden
60 • Diese
beiden
Projektionen
vergleichen
wir
hinsicht-
lich
der
Methoden
und
der
Ergebnisse.
Die
andere
im
Ifo-Institut
erstellte
Projektion
basiert
auf
der
oben
dargestellten
Methode
der
definitorischen
Komponenten
- vgl.
oben
Gleichung
(1.
2)
-
und
läuft
damit
auf
eine
unmittelbare
Projektion
der
Produktivität
hinaus.
Die
Projektion
dieser
sowie
der
weiteren
Komponenten
wird
dabei
nach
weitgehender
Aufspaltung
der
volkswirtschaftlichen
Aggregate
im
einzelnen
auf
Grund
volkswirtschaftlicher
und
branchenwirtschaftlicher
Urteilskraft
vorgenommen.
Der
methodische
Unterschied
liegt
also
in
der
Disaggregation
und
in
der
nur
implizit
im
Rahmen
der
Produktivi-
tätsprojektion
berücksichtigten
Effizienz
der
übrigen
Produktions-
faktoren
und
des
technischen
Fortschritts.
Ferner
besteht
der
Unter-
schied
in
der
Verwertung
einer
Vielzahl
von
Kenntnissen
und
Erfahrun-
gen
über
branchen-
und
volkswirtschaftliche
Zusammenhänge
und
Ent-
wicklungen.
Diese
sind
nicht
modellmäßig
erfaßt,
sind
also
weder
ein-
fach
noch
durchsichtig.
Trotzdem
sind
sie
zu
einem
Projektionsbild
zu-
sammengesetzt
worden.
Dagegen
beruht
die
vorgeführte
Projektion
auf
der
systematischen
Analyse
einiger
langfristiger
Zeitreihen,
die
kaum
mehr
als
100
statistische
Daten
enthalten;
sie
besteht
in
einer
mechani-
schen
Übertragung
von
für
die
Vergangenheit
geschätzten
Koeffizienten
auf
die
Zukunft.
Beim
Vergleich
der
Ergebnisse
ist
zu
berücksichtigen,
daß
unsere
öko-
nometrisch
fundierte
Projektion
von
der
nicht-ökonometrischen
Pro-
jektion
Angaben
über
die
zukünftigen
Bruttoinvestitionen,
Erwerbs-
tätigen,
Arbeitszeit
und
Importe
übernommen
hat.
Nicht
übernommen
ist
hingegen
die
Projektion
der
Produktivität.
Trotzdem
zeigt
sich,
daß
beide
Projektionen
der
Wachstumsrate
des
Bruttosozialprodukts
durch-
schnittlich
nur
um
ein
halbes
Prozent
voneinander
abweichen.
Ziehen
wir
die
Projektion
auf
Grund
der
Produktionsfunktion
912
heran,
so
verschwindet
auch
dieser
kleine
Unterschied.
Dabei
liegen
die
Projek-
tionen
auf
Basis
der
Produktionsfunktion
höher
als
die
Projektionen
nach
der
Methode
der
definitorischen
Komponenten.
80
H.
Hahn:
Vorausschätzung des Bruttosozialprodukts bis 1975. Vortrag,
gehalten
am
1.
7.
1960
vor
dem Arbeitskreis "Langfristige Projektion"
und
Ho-Institut
für
Wirtschaftsforschung, Projektion
der
wirtschaftlichen
Ent-
wicklung
in
der
Bundesrepublik als Basis einer Projektion des westdeut-
schen Energiebedarfs bis zum
Jahre
1975. München 1961.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Wachstumsprognose, insbes. Prognose
der
Produktivitätsentwicklung
261
Eine
Vberschätzung
durch
unsere
Produktionsfunktionen
ist
aus
fol-
genden
Gründen
möglich:
aa)
Der
Ergiebigkeitsgrad
und
auch
der
Koeffizi€nt
des
technischen
Fortschritts
zeigen
im
internationalen
Vergleich
mit
ander€n
Produk-
tionsfunktionen
relativ
hohe
Werte.
ßß)
Die
unmittelbare
regressionsanalytische
Schätzung
der
Koeffi-
zienten
der
Produktionsfunktion
kann
gegenüber
der
Maximum-like-
lihood-Methode
tendenziell
zu
einer
Überschätzung
führen
61 •
yy)
Obwohl
einer
nur
für
ein
Jahr
durchgeführten
ex
post-Projek-
tion
kein
großes
Gewicht
beizumessen
ist,
so
deutet
doch
eine
für
1959
vorgenommene
ex
post-Projektion
darauf
hin,
daß
unsere
Produktions-
funktion
zu
einer
Überschätzung
der
tatsächlichen
Entwicklung
neigt,
deren
Ausmaß
der
Abweichung
zwischen
beiden
ex
ante-Projektionen
ähnelt.
Die
Analyse
der
Produktionsfunktion
liefert
schließlich
das
Krite-
rium
für
die
Aussage,
daß
der
Unterschied
zwischen
beiden
Projektio-
nen
zufällig
ist.
Die
Wahrscheinlichkeit,
daß
man
sich
irrt,
wenn
man
einen
wesentlichen
Unterschied
behauptet,
beträgt
durchschnittlich
85
VH62,63.
ß)
Weiterhin
lassen
sich
beide
Projektionen
des
Ifo-Instituts
gut
mit
der
Projektion
von
Stolper
vergleichen,
der
ein
zukünftiges
Wachstum
des
Bruttosozialprodukts
in
Deutschland
von
5
vH
erwartet".
Damit
haben
drei
unterschiedliche
Methoden
zu
Projektionen
von
sehr
ähnlichen
Wachstumsraten
geführt.
5.
Ein
G
ren
z
pro
d u k t t e s t
der
Pro
j e k
ti
0 n
Ähnlich
wie
wir
die
Produktionselastizitäten
des
Kapitals
und
der
Importe
durch
Grenzproduktberechnungen
geprüft
haben,
kann
auch
61 Siehe hierzu die Diskussionen zu Haavelmo's proposition
bei
S.
Vala-
vanis:
Econometrics. New York, Toronto, London
1959,
S.
64
f.
Wir
über-
tragen
damit
die
dort
an
Hand
einer
Konsumfunktion angestellten
Er-
örterungen
auf
die Produktionsfunktion.
62 Hierbei messen
wir
den Unterschied
an
der
Wachstumsrate
der
Inlands-
produktion.
63 Betrachtet
man
ferner
den
Unterschied zwischen diesen bei 5
vH
liegen-
den
Wachstumsraten gegenüber Wachstumsraten
in
der
Größenordnung
um
3
vH
- die
für
manche Vorstellungen maßgeblich sind - so
kann
auch eine
solche Differenz
weder
im
Sinn
von statistischen Sicherungen noch
im
Hin-
blick
auf
das Wagnis
und
die Unzulänglichkeiten solcher Untersuchungen als
nicht wesentlich angesehen werden. Anderseits
ist
eine solche zufällige
Differenz
der
Wachstumsraten besonders langfristig von
praktisch
erheb-
licher Bedeutung.
Daher
mag
es angebracht sein,
die
Vorausschätzung eines
Wachstums von
etwa
5
vH
bei
angewandten
Projektions
rechnungen nicht
für
utopisch zu halten,
sondern
auch diese Möglichkeit
in
das
Kalkül
ein-
zubeziehen.
640
W.
G.
StolpeT: G€rmany
between
East
and
West:
An
Economic
Evaluation. "looking ahead", Vol.8, No. 3 April
1960,
S. 1
ff.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
262 Karl Christian Kuhlo
die
Projektion
einer
Grenzproduktprüfung
unterzogen
werden.
Hier-
durch
kann
geprüft
werden,
ob
nicht
evtl.
ein
zu
starkes
relatives
Wachstum
der
Produktionsfaktoren
Kapital
und
Importe
projiziert
worden
ist.
Wäre
dies
der
Fall,
so
könnte
sich evtl.
der
abnehmende
Ertragszuwachs
für
diese
Faktoren
in
einem
solchen
Maße
bemerkbar
machen,
daß
der
Grenzertrag
der
zusätzlichen
Investitionen
bzw.
Im-
porte
nicht
mehr
den
Realwert
des zusätzlichen
Einsatzes
dieser
Fak-
toren
übersteigt
und
somit
der
Einsatz
solcher zusätzlichen
Produk-
tionsfaktormengen
unwirtschaftlich
wäre.
Läßt
sich dies feststellen, so
ist
die
Projektion
entsprechend
hoher
Produktionsfaktormengen
mit
einem
Fragezeichen
zu
versehen.
a)
Importtest
In
der
Tat
zeigt
sich,
daß
das
Grenzprodukt
der
Importe
im
Projek-
tionszeitraum
1960 bis 1975
kleiner
als
eins
ist
(v.
1) dQ
15M
=
0,8<
1
und
damit
diesen
Test
nicht
besteht.
Zu
diesem
Ergebnis
kommen
wir
durch
den
Wert
der
Produktions-
elastizität
der
Importe
in
der
Funktion
1012,
die
im
Vergleich
zu
dem
entsprechenden
Koeffizienten
der
Funktion
912
niedrig
ist.
Hält
man
es
daher
für
möglich,
daß
diese
Elastizität
einen
Wert
besitzen
könnte,
der
durch
die
Obergrenze
des
durch
eine
Irrtumswahrscheinlichkeit
von
5
vH
bestimmten
Intervalls
gegeben
ist
(r
+ 2,101
sr
= 0,237), so
ist
der
Test
bestanden.
Es
stimmt
nur
etwas
bedenklich,
daß
die
kontinuier-
liche
Abnahme
des
Grenzprodukts
der
Importe
so
stark
ist,
daß
von
einem
Ausgangswert
von
1,55
schließlich 1975
der
Wert
1,04
erreicht
wird.
Dieses
nachträglich
angewandte
und
berechnete
Testergebnis
kann
daher
dazu
veranlassen,
bei
einer
Revision
der
Projektion
vor
allem
eine
Revision
der
vorliegenden
Importprojektionen
vorzunehmen.
Da-
bei
ist
die
Möglichkeit niedrigerer (d. h.
nicht
so
stark
wachsender)
Importe
zu
erwägen.
Sprechen
jedoch
schwerwiegende
Gründe
für
die
Aufrechterhaltung
der
Importprojektion,
so
ist
zu
fragen,
ob
der
große
Zuwachs
der
Im-
porte
mit
einer
Steigerung
der
Effizienz
der
Importe
verbunden
sein
wird,
die
eine
Erhöhung
der
Produktionselastizität
der
Importe
mit
sich
bringen
wird.
Hierbei
können
nur
solche Effizienzsteigerungen
der
Importe
berücksichtigt
werden,
die
über
diejenigen
Qualitätssteige-
rungen
(einschließlich
von
Strukturverschiebungen)
der
Importe
hin-
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Wachstumsprognose, insbes. Prognose
der
Produktivitätsentwicklung 263
ausgehen,
welche
ohnehin
im
Rahmen
des
technischen
Fortschritts
be-
rücksichtigt
sind
65
.
b)
SachkapitaZtest
Entsprechend
wird
eine
Grenzproduktprüfung
für
das
Sachkapital
vorgenommen.
Hier
zeigt
sich,
daß
das
langfristige
Grenzprodukt
des
Sachkapitals
in
Ausrüstungen
(KA)
den
kritischen
Wert
überschreiten
wird
(V.
2) 1
(OQ)
1:
OK
=
4,1
> 1
t=l
A t
Die
projizierte
Verdoppelung
der
Kapitalintensität,
die
in
der
deut-
schen
Volkswirtschaft
innerhalb
von
zwölf
Jahren
möglich
sein
wird,
läßt
also
den
Einsatz
von
Sachkapital
relativ
noch
nicht
so
stark
an-
steigen,
daß
der
Ertragszuwachs
für
die
damit
unterstellten
Investitio-
nen
abnehmen
wird.
Es
lassen
sich
also
keine
Rentabilitätserwägungen
gegen
die
Projektion
der
Bruttoinvestitionen
erheben.
Es
wird
im
Gegenteil
eine
zukünftig
besonders
hohe
Rentabilität
der
Investitionen
projiziert.
Dies
zeigt
eine
Berechnung
des
internen
Zins-
fußes
der
volkswirtschaftlichen
Investitionen
66
,67.
Diese
Berechnung
be-
rücksichtigt
-
im
Gegensatz
zu
der
Berechnung
des
langfristigen
Grenzprodukts
des
Sachkapitals
-
die
Diskontierung
zukünftiger
Kapitalerträge
auf
ihren
Gegenwartswert
im
Zeitpunkt
der
Investition.
Der
interne
Zinsfuß
der
volkswirtschaftlichen
Investitionen
in
Aus-
rüstungen
liegt
im
Durchschnitt
der
Zwischen-
und
Nachkriegszeit
bei
8 vH.
Für
den
Projektionszeitraum
wird
dagegen
ein
interner
Zinsfuß
von
16
vH
projiziert.
Diese
Zahl
zeigt,
daß
Wirtschaftlichkeitsüber-
legungen
.
eine
noch
höhere
Investition
und
Investitionsquote
zulassen
würden,
als
sie
ohnehin
schon
projiziert
worden
ist&8·69.
65 Durch den technischen
Fortschritt
werden
die
Qualitätsveränderungen
aller
Produktionsfaktoren, also auch die Importe, erfaßt.
66
Vgl. E. Schneider: Wirtschaftlichkeitsrechnung.
Bern
und
Tübingen
1951, S. 10 ff.
67
Es sei
daran
erinnert, daß die Berechnung dieses
internen
Zinsfußes
im
Rahmen
einer
Realbetrachtung erfolgt, also von
Preisänderungen
abstra-
hiert
wird.
es
Am
Rande sei
erwähnt,
daß es also
keiner
Preissteigerungen bedarf,
um
die
Rentabilität
der
projizierten Investitionen
zu
gewährleisten.
69
Diesen Zahlen
darf
in
Anbetracht
der
schwachen statistischen Siche-
rung
der
Produktionselastizität des Sachkapitals
kein
zu großes Gewicht
bei-
gemessen werden.
Zum
Vergleich benutzen
wir
als
Elastizitätswert
die
Größe, die sich bei
30
vH
Irrtumswahrscheinlichkeit als
Untergrenze
ergeben
würde
(a
-1,067,
sa
= 0,204).
In
diesem Fall
beträgt
der
interne
Zinsfuß
in
Zukunft
durchschnittlich 5 vH. Selbst bei
einer
sehr
niedrigen
Produk-
tionselastizität des Sachkapitals
entstehen
also keine
Bedenken
gegen die
Projektion
der
Bruttoinvestitionen.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
270
HeinzKönig
die
Aufstellung
komplizierter
Beziehungen
nicht
zuläßt.
Die
Ergebnisse
sind
weiterhin
mit
gewissen
Einschränkungen
zu
beurteilen,
die
sich
aus
den
statistischen
Datenreihen
ergeben.
1. Das Projektionsproblem
Eine
Prognose
ist
im
allgemeinen
definiert
als
eine
Aussage
über
ein
zukünftiges
Ereignis.
Diese
Aussage
kann
auf
Grund
intuitiver
Vor-
stellungen
über
die
Zukunft
erfolgen
oder
Beobachtungen
von
gewissen
Gesetzmäßigkeiten
in
der
Vergangenheit
zur
Grundlage
haben.
Vor-
aussagen,
die
von
empirisch
getesteten
Hypothesen
in
der
Vergangen-
heit
abgeleitet
werden,
wollen
wir
als
Projektionen
l
bezeichnen.
Sie
bilden
das
Untersuchungsobjekt
dieser
Arbeit.
Damit
ist
das
methodische
Vorgehen
bei
einer
Projektion
genau
um-
rissen:
(1)
Es
müssen
Hypothesen
gefunden
werden,
die
den
Zustandswert
einer
ökonomischen
Variablen
aus
den
Zustandswerten
anderer
Größen
erklären,
(2)
die
Realitätsbezogenheit
dieser
Hypothesen
muß
getestet
werden,
d. h.
es
muß
festgestellt
werden,
ob
eine
hinreichende
übereinstim-
mung
zwischen
Hypothese
und
empirischen
Beobachtungen
existiert,
(3)
auf
Grund
dieser
empirisch
getesteten
Hypothesen
und
unter
Zu-
hilfenahme
gewisser
Anfangsbedingungen
(Annahmen
über
die
zu-
künftige
Entwicklung
exogener
Variablen)
wird
die
weitere
Entwick-
lung
der
Variablen
projektiert.
In
der
logischen
Struktur
von
Erklärung,
Test
und
Projektion
besteht
dabei
kein
grundsätzlicher
Unterschied
2 •
Ob
eine
Hypothese
für
die
Er-
klärung
eines
bestimmten
Ereignisses
oder
für
dessen
Projektion
ver-
wendet
wird,
beinhaltet
nur
einen
unterschiedlichen
Aspekt
in
der
Fragestellung.
In
erster
Linie
ist
dies
nämlich
davon
abhängig,
welche
1 Vgl. auch S. Kuznets: Concepts
and
Assumptions
in
Long-Term
Projec-
tions of National Product, in: Long-Range Economic Projection, Studies
in
Income
and
Wealth, Vol. XVI, New York
1954,
S.9.
2 Vgl. auch F.
Kaufmann:
Methodology of
the
Social Sciences, New York
1944,
S.
69.
Diese Ansicht
wird
nicht allgemein akzeptiert. So ist
zum
Beispiel
J.
von Kempski
der
Meinung, daß diese
in
den Naturwissenschaften ange-
wandte
Methode nicht
auf
den sozialwissenschaftlichen Bereich
übertragbar
wäre.
Ein
ökonomisches Modell könne
nie
als "falsch" nachgewiesen werden,
es sei denn, es
würde
als ein Modell
zur
Erklärung
historischer Ereignisse
konstruiert. Vgl.
J.
von
Kempski:
Review of The
Poverty
of Historicism,
Ratio, Vol. II,
1959,
S.
105).
Zweifellos ist es richtig, daß
ein
logisch geschlos-
senes Modell durch eine
Überprüfung
an
den empirischen Beobachtungen
nicht
als
"falsch" nachgewiesen
werden
kann. Damit
läßt
sich
nur
testen,
ob es
zur
Erklärung
der
tatsächlichen Aktionen
der
Wirtschaftssubjekte
ver-
wendbar
ist. Dies entspricht
aber
genau dem naturwissenschaftlichen Vor-
gehen, nämlich den empirischen
Erklärungswert
einer
Hypothese zu testen.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Langfristige Strukturprognose und Branchenprognosen 271
Feststellungen
als
unproblematisch
angesehen
werden.
Besteht
das
Pro-
blem
in
der
Auffindung
von
Anfangsbedingungen
und/oder
von
Ge-
setzen,
die
den
Zustandswert
eines
Ereignisses
in
denjenigen
eines
an-
deren
transformieren,
dann
liegt
das
Interesse
in
einer
Erklärung
des
beobachteten
Ereignisses.
Sind
die
Anfangsbedingungen
bekannt
und
werden
die
Gesetze
als
unproblematisch
betrachtet,
dann
dient
die
Pro-
jektion
zur
Erlangung
neuer
Informationen.
Werden
hingegen
die
An-
fangsbedingungen
und/oder
die
Gesetze
als
problematisch
angesehen,
dann
hat
der
Test
die
Überprüfung
der
Annahmen
und
die
Elimination
falscher
Hypothesen
zum
ZieP.
Eine
vollständige
Übereinstimmung
zwischen
Hypothese
und
Beobachtungen
bedeutet
dabei
nicht
einen
end-
gültigen
Beweis
für
die
Richtigkeit
der
Hypothese,
denn
ein
derartiger
Test
erlaubt
nur
eine
negative
Selektion
aus
der
Menge
von
Hypothe-
sen.
Vielmehr
ist
die
fehlende
Übereinstimmung
als
das
Ergebnis
einer
falschen
Hypothese
anzusehen.
Eine
prinzipielle
Voraussetzung
für
die
Erklärung,
den
Test
oder
die
Projektion
eines
Ereignisses
besteht
darin,
daß
die
als
Hypothese
aufge-
stellten
Relationen
numerischen
Gesetzen
unterliegen,
die
empirisch
nachweisbar
sind.
Unter
"Gesetz"
sei
dabei
ein
reproduzierbares
Ver-
haltens-Modell
verstanden,
das
erlaubt,
die
Zustandwerte
einer
be-
stimmten
Größe
auf
Grund
bekannter
Zustandswerte
anderer
Größen
abzuleiten.
Alle
Gesetze,
die
wie
die
Keynessche
ex-post-Identität
von
Investitionen
und
Ersparnissen
tautologischer
Art
sind,
können
somit
aus
der
weiteren
Betrachtung
ausgeschlossen
werden.
Das
bedeutet
nicht,
daß
diese
Gesetze
nutzlos
sind.
Sie
können
nur
nicht
zur
Erklä-
rung
der
Aktionen
der
das
Universum
bildenden
Entscheidungseinheiten
verwendet
werden.
Die
Forderung
nach
einer
Reproduzierbarkeit
des
Verhaltens
impli-
ziert,
daß
das
Gesetz
über
die
ihm
zugrundeliegenden
Beobachtungen
hinaus
Allgemeingültigkeit
besitzt
und
daß
seine
Konsequenzen
veri-
fizierbar
sind.
Ein
Gesetz,
das
nur
ein
einmaliges
Phänom
beschreibt,
kann
als
ein
Kuriosum
gewertet
werden
und
ist
für
eine
Projektion
un-
brauchbar.
Im
allgemeinen
wird
daher
der
Gesetzesbegriff
nur
zur
Be-
schreibung
zeitlich
invarianter
Beziehungen
gebraucht
und
als
proble-
matisch
für
die
Charakterisierung
wirtschaftlicher
Zusammenhänge
be-
trachtet,
da
sich
die
sozialen
und
ökonomischen
Umweltbedingungen
im
Laufe
der
Zeit
zweifellos
ändern
und
mit
ihnen
möglicherweise
die
Maximen,
die
die
wirtschaftlichen
Handlungen
eines
Individuums
be-
stimmen.
Der
Unterschied
derartiger
Gesetze
gegenüber
den
Natur-
gesetzen
mit
ihrem
größeren
("ewigen")
Geltungsbereich
ist
jedoch
nur
gradueller,
nicht
grundsätzlicher
Art
4 • Es
kann
nicht
erwartet
werden,
daß
die
Gesetze
menschlichen
Handeins
die
Permanenz
von
physikali-
3
Vgl.
auch
K.
R. Popper: The Poverty of Historicism, London
1957,
S.
133
ff.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
272 HeinzKönig
schen
Gesetzen
aufweisen,
selbst
wenn
empirische
Beobachtungen
eine
bemerkenswerte
Konstanz
gewisser
Zusammenhänge
ergeben
sollten.
Für
eine
Projektion
ist
zwar
erforderlich,
daß
die die
Handlungen
der
Wirtschaftseinheiten
bestimmenden
Maximen
auch
in
der
Zukunft
existieren.
Das
bedeutet
aber
nicht,
daß
der
durch
das
Gesetz
numerisch
beschriebene
Zusammenhang
zwischen
den
ökonomischen
Variablen
zeitlich
invariant
sein
muß.
Wichtig
ist
vielmehr
eine
Zeitinvarianz
ge-
wisser
Koeffizienten
innerhalb
dieser
Gesetze,
wobei
die
Zeit
selbst
als
Variable
auftreten
kann.
In
diesem
Fall
ist
der
Zusammenhang
selbst
nicht
mehr
zeitlich
invariant,
allerdings
müssen
die
Koeffizienten
der
Funktionalbeziehung,
mit
der
die
Zeit
im
Modell
enthalten
ist,
von
der
Zeit
unabhängig
sein.
Die
Feststellung
einer
bestimmten
Regelmäßigkeit
oder
eines
Trends
in
der
Entwicklung
einer
ökonomischen
Variablen
kann
weder
für
eine
Erklärung
noch
für
eine
Projektion
genügen.
Wesentlich
ist
in
beiden
Fällen
das
Modell,
das
diese
Regelmäßigkeit
generiert.
Es
stellt
sich
da-
her
die
Frage,
ob
im
wirtschaftlichen
Bereich,
wenn
man
von
rein
tech-
nologischen
Beziehungen
absieht,
überhaupt
Gesetze
existieren,
die die
geforderten
Eigenschaften
aufweisen
und
die
es
erlauben,
das
genaue
Er-
gebnis
einer
konkreten
Situation
zu
projektieren.
Als
entscheidende
Schwierigkeit
wird
meist
die
Indeterminiertheit
der
mikroökonomischen
Verhaltensweisen
angeführt,
verursacht
durch
die
unterschiedlichen
Re-
aktionen
der
individuellen
Entscheidungseinheit
gemäß
ihrer
jeweiligen
Maxime.
Dieses
erlaube
im
allgemeinen
keine
eindeutige
Voraussage
der
Handlungen
im
konkreten
Fall.
F.
A.
von
Hayek
ist
beispielsweise
der
Ansicht,
daß
"our
knowledge
of
the
principle
by
which
these
pheno-
mena
are
produced
will
rarely
if
ever
enable
us
to
predict
the
precise
result
of
any
concrete
situation.
While
we
can
explain
the
principle
on
which
certain
phenomena
are
produced
and
can
from
this
knowledge
exc1ude
the
possibility
of
certain
results,
e. g.
of
certain
events
occuring
together,
our
knowledge
will
in
a
sense
be
only
negative,
i.
e.
it
will
merely
enable
us
to
prec1ude
certain
results
but
not
enable
us
to
narrow
the
range
of
possibilities
sufficiently
so
that
only
one
remains
5 .
Daß
eine
Projektion
aus
der
Menge
der
Alternativen
immer
nur
diejenigen
ausschließen
kann,
die
unwahrscheinlich
sind,
gilt
nicht
nur
für
den
wirt-
schaftlichen,
sondern
auch
im
großen
und
ganzen
für
den
naturwissen-
schaftlichen
Bereich. So
erlaubt
die
Indeterminiertheit
der
Elementar-
quanten,
beispielsweise
der
Elektronen,
keine
eindeutige
Voraussage
der
Reaktion
im
Einzelfall,
sondern
nur
eine
wahrscheinlichkeitstheore-
4
M.
G.
Kendall:
Natural Law in
the
Social Sciences,
Journal
of
the
Royal
Statistical Society, Series A (General), Vol.
124,
1961,
Part
I,
S.
12.
5 F.
A.
von
Hayek:
Scientism
and
the
Study of Society, Economica, Vol. IX,
l=\.
289
f.
Ebenfalls K. R.
Popper:
a. a. 0., S.139.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Langfristige Strukturprognose und Branchenprognosen 273
tische
Aussage
über
ihre
Verhaltensweise.
Diese
Indeterminiertheit
im
Einzelfall
schließt
aber
nicht
die
Existenz
von
Gesetzen
übergeordneter
Art
aus. Wie
in
der
kinetischen
Gastheorie
das
Boylesche
Gesetz
trotz
unterschiedlicher
Richtung
und
Geschwindigkeit
der
einzelnen
Moleküle
einen
Zusammenhang
zwischen
Rauminhalt
einer
Gasmasse
und
ihrer
Spannkraft
statuiert,
können
möglicherweise
in
der
Ökonomie
trotz
in-
dividueller
Unbestimmtheit
Gesetze
festgestellt
werden,
die
eine
Pro-
jektion
von
Makrogrößen
ermöglichen
m. a. W.,
an
die
Stelle
einer
Vor-
aussage
für
ein
individuelles
Ereignis
tritt
die
Projektion
für
eine
Klasse
von
Ereignissen.
Inwieweit
dies
tatsächlich
der
Fall
ist,
kann
je-
doch
nur
empirisch
und
nicht
auf
Grund
theoretischer
überlegungen
gezeigt
werden.
Fassen
wir
zusammen:
Die
Projektion
der
zukünftigen
Entwicklung
ökonomischer
Größen
aus
der
bisherigen
erfordert,
daß
die
in
einem
Modell
enthaltenen
Strukturrelationen
entweder
zeitlich
konstant
sind
oder
daß
zukünftige
Änderungen
der
Struktur
vergleichbar
sind
mit
systematischen
Entwicklungen
in
der
Vergangenheit.
Voraussetzung
für
eine
Projektion
bei
unveränderter
Struktur
ist
dabei:
1.
Eine
hinreichende
Kenntnis
aller
für
die
zu
projektierende
Größe
relevanten
Faktoren
und
Bedingungen
in
der
Vergangenheit.
Dies
ist
gleichbedeutend
mit
der
Forderung
nach
einer
Theorie,
die
nicht
nur
den
Zusammenhang
zwischen
"abhängigen"
und
"unabhängigen"
Va-
riablen
beschreibt
und
dann
den
zeitlichen
Verlauf
der
abhängigen
Va-
riablen
bei
gegebenen
Anfangsbedingungen
angibt,
sondern
die
ein
ver-
hältnismäßig
vollständiges
System
darstellt
und
es
somit
ermöglicht,
alle
Variablen
außerhalb
dieses
Systems
als
irrelevant
zu
behandeln.
2.
Eine
weitere
Voraussetzung
besteht
in
der
Kenntnis
der
Einfluß-
größe
der
Faktoren.
Dies
beinhaltet
die
Forderung
nach
einer
quantita-
tiv
formulierbaren
Theorie,
die
der
statistischen
Verifikation
zugänglich
ist.
Eine
Vorbedingung
dazu
bildet
die
Meßbarkeit
der
im
Modell
ent-
haltenen
Variablen.
Schwierigkeiten
bei
der
Aufstellung
eines
realistischen
Modells
können
sich
einmal
durch
das
jeweilige
Aggregationsverfahren
ergeben,
das
eine
Regelmäßigkeit
in
der
Entwicklung
ökonomischer
Größen
vor-
täuschen
kann,
die
tatsächlich
nicht
existiert
und
somit
dem
Modell
einen
Erklärungswert
zuschreibt,
den
es
nicht
besitzt.
Hier
sei
nur
an
die
Problematik
der
Indexzahlen
erinnert.
Eine
weitere
Schwierigkeit
folgt
aus
der
Interdependenz
des
ökonomischen
Systems,
die
die
Frage
nach
der
erforderlichen
Anzahl
von
Variablen
aufwirft.
Statistisch-
methodisch
erfolgt
die
Beantwortung
dieser
Frage
meist
mit
Hilfe
der
Fehlertheorie,
mit
der
die
Annahme
oder
die
Verwerfung
einer
be-
18
Schriften
d.
Vereins
f.
Socialpolitik
25
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
274
HeinzKönig
stimmten
Hypothese
getestet
wird.
Bei
Zeitreihenanalysen
ist
jedoch
die
Zahl
der
Beobachtungen
meist
zu
gering,
um
zwischen
verschiedenen
Modellen
oder
zwischen
großen
Streuungen
der
Parameter
innerhalb
eines
Modells
zu
diskriminieren,
selbst
wenn
die
Information
der
Beob-
achtungen
vollständig
ausgenutzt
wird.
Die
Verifikation
ökonomischer
Strukturrelationen
führt
daher
zu
dem
Problem,
wie
der
systematische
Teil
einer
Variablen
am
besten
getrennt
werden
kann
von
der
zufälligen
Komponente.
Dieses
Filterproblem
-
die
Trennung
in
zufällige
und
systematische
Komponente
-
ist
der
eigentlichen
Projektion
vorgela-
gert
und
stellt
sich
insbesondere
bei
der
Frage
nach
den
besten
Schätz-
methoden
für
die
Strukturparameter.
Aufgabe
der
wissenschaftlichen
Projektion
bei
unveränderter
Struktur
kann
dann
nur
die
Voraussage
der
systematischen
Komponente
seiIll.
Eine
Projektion
des
zufälligen
Teils
dagegen
kann
nicht
mehr
als
eine
Angelegenheit
der
Wissenschaft
angesehen
werden,
sondern
fällt
in
das
Gebiet
der
Prophezeiung,
es
sei
denn,
daß
hinreichend
genaue
Informationen
über
die
zeitliche
Ent-
wicklung
der
"zufälligen"
Komponente
vorhanden
sind.
Die
Projektion
bei
veränderter
Struktur
bedingt
zusätzlich
3.
Kenntnisse
bzw.
Annahmen
über
die
zeitlichen
Entwicklungsge-
setze
der
Strukturparameter.
Die
Veränderungen
dieser
Parameter
müssen
dann
in
einen
Zusammenhang
mit
den
Veränderungen
bestimm-
ter
Variablen
gebracht
werden,
wobei
für
diese
Beziehung
wiederum
eine
zeitliche
Invarianz
der
Koeffizienten
unterstellt
werden
muß.
Die
Grenzen
einer
Projektion
bei
veränderter
Struktur
treten
hier
deutlich
zutage.
Während
in
der
Physik
die
Parameter
der
Gleichungen
auf
eine
geringe
Anzahl
von
"natürlichen"
Konstanten
reduziert
werden
können,
sind
in
der
Ökonomie
viele
Parameter
sich
in
der
Zeit
verändernde
Va-
riable.
Das
verringert
zweifellos
die
Aussagekraft
der
empirischen
Tests,
bei
denen
aus
praktischen
Gründen
eine
Konstanz
der
Parameter
für
einen
größeren
Beobachtungszeitraum
unterstellt
werden
muß.
4.
Ebenfalls
wichtig
ist
die
Kenntnis
der
im
Projektionszeitraum
neu
hinzukommenden
Variablen
und
deren
Verknüpfung
mit
den
Rahmen-
bedingungen,
da
der
logische
Aufbau
eines
ökonomischen Modells
meist
nur
für
bestimmte
Rahmenbedingungen
gilt, so
daß
eine
Veränderung
dieser
Bedingungen
die
Projektionsfähigkeit
eines Modells
wesentlich
beeinflußt.
Somit
stellt
sich
die
Frage,
ob
die
formale
Struktur
eines
Modells
von
den
Rahmenbedingungen
getrennt
werden
kann
bzw.
wel-
chen
Einfluß
die
Veränderung
derartiger,
im
Modell
enthaltener
Re-
striktionen
auf
seine
Projektionseigenschaften
besitzt.
Eine
Erörterung
dieser
grundsätzlichen
Probleme
folgt
für
verschie-
dene
Modelle
in
den
nächsten
Abschnitten.
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
Langfristige Strukturprognose und Branchenprognosen 275
2.
Projektionsverfahren
Grundsätzlich
können
Projektionen
auf
zweierlei
Art
durchgeführt
werden
6 :
1.
Die
zu
projektierende
Größe
wird
als
ein
autonomes
Ganzes
aufge-
faßt
und
ohne
Bezugnahme
auf
andere
Variable,
die
von
der
Theorie
her
gesehen
eng
mit
ihr
verknüpft
sind,
projektiert'.
Dieses
methodische
Vorgehen
kann
man
als
eine
direkte
Singulärprojektion
bezeichnen,
deren
einfachste
und
am
meisten
angewandte
Form
die
Trendextrapola-
tion
darstellt.
Ihre
Problematik
ist
an
anderer
Stelle
hinreichend
er-
örtert
worden
7 ,
so
daß
in
dieser
Arbeit
auf
eine
weitere
Behandlung
verzichtet
wird.
An
die
Stelle
dieser
direkten
Singulärprojektionen
können
indirekte
Verfahren
treten,
bei
denen
die
zu
projektierende
Größe
in
Komponenten
zerlegt
wird,
die
dann
direkt
geschätzt
werden.
Diese
indirekten
Verfahren
reichen
von
einfachen
Definitionsgleichun-
gen
bis
zu
differenzierten
Strukturrelationen,
die
einen
Teilausschnitt
des
gesamten
Systems
kennzeichnen
und
isoliert
projektiert
werden.
2.
Die
zu
projektierende
Größe
wird
in
Verbindung
mit
dem
gesamten
System
simultan
geschätzt.
Der
Zusammenhang
zwischen
den
die
Pro-
jektionsgröße
bestimmenden
Faktoren
wird
explicite
berücksichtigt
und
nicht
wie
im
Falle
der
indirekten
Singulärprojektion
die
Annahme
ge-
macht,
die
Bestimmungsfaktoren
seien
unabhängig
voneinander.
Der
Projektionswert
der
entsprechenden
Größe
wird
auf
dem
Umweg
über
andere
Variable,
die
ihrerseits
nur
mit
exogenen
Größen
verknüpft
sind,
bestimmt.
Für
diese
Systemprojektionen
kommen
grundsätzlich
zwei
Modellarten
in
Frage:
a)
Modelle
des
Tinbergen-
Typs,
die
vornehmlich
gesamtwirtschaft-
liehe
Zusammenhänge
enthalten
und
intersektorale
Verflechtungen
nicht
oder
nur
in
geringem
Umfang
berücksichtigen.
Die
Projektion
sektoraler
Größen,
wie
der
Produktionsniveaus
einzelner
Wirtschafts-
zweige
erfordert
die
Aufstellung
von
Strukturrelationen
für
diese
Größen
und
eine
entsprechende
Bezugnahme
auf
die
im
Modell
enthal-
tenen
Makrovariablen.
b)
Modelle
des
Leontief-Typs,
die
auf
der
intersektoralen
Verflech-
tung
aufbauen
und
in
denen
bei
Vernachlässigung
makroökonomischer
Zusammenhänge
der
gesamte
Wirtschaftskreislauf
nur
aufgrund
der
In-
terdependenz
der
Sektoren
erfaßt
wird.
6 Vgl.
H.
GiHicher:
Ein Vergleich verschiedener Methoden
der
Projektion
des Nationaleinkommens, Zeitschrift
für
die gesamte Staatswissenschaft,
114.
Band,
1958,
S.
424
ff.
7 Vgl. beispielsweise
H.
T.
Davis: The Analysis of Economic Time Series,
Bloomington
1941.
-
N.
Wiener: Extrapolation, Interpolation
and
Smoothing
of Stationary Time Series, Cambridge (Mass.),
1949.
-
E.
J.
Hannan: Time
Series Analysis, London,
1960.
18"
OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/
DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-44195-2 | Generated on 2023-01-16 13:04:51
[Document text truncated for crawler view.]