scieee AI-readable full text Open interactive document viewer

Die internationale Schuldenkrise. Ursachen - Konsequenzen - Historische Erfahrungen

Gutowski, Armin

Abstract

EconStor is a publication server for scholarly economic literature, provided as a non-commercial public service by the ZBW.

Full text

Gutowski, Armin (Ed.) Book Die internationale Schuldenkrise. Ursachen - Konsequenzen - Historische Erfahrungen Schriften des Vereins für Socialpolitik, No. 155 Provided in Cooperation with: Verein für Socialpolitik / German Economic Association Suggested Citation: Gutowski, Armin (Ed.) (1986) : Die internationale Schuldenkrise. Ursachen - Konsequenzen - Historische Erfahrungen, Schriften des Vereins für Socialpolitik, No. 155, ISBN 978-3-428-45972-8, Duncker & Humblot, Berlin, https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/285582 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/legalcode.de OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 Schriften des Vereins für Socialpolitik Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften Neue Folge Band 155 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 SCHRIFTEN DES VEREINS FtJR SOCIALPOLITIK Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften Neue Folge Band 155 Die internationale Schuldenkrise Ursachen - Konsequenzen -Historische Erfahrungen DUNCKER & HUMBLOT / BERLIN OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 Die internationale Schuldenl{rise Ursachen -Konsequenzen -Historische Erfahrungen Von Peter Bernholz, Karl Erich Born, Emil-Maria Claassen, Dieter Duwendag, Otmar Emminger, Karl Häuser, Jürg Niehans, Wolfgang Rieke, Vincenz Timmermann, Henry C. Wallich Herausgegeben von Armin Gutowski DUNCKER & HUMBLOT / BERLIN OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 CIP-Kurztitelaufnahme der Deutschen Bibliothek Die internationale Schuldenkrise: UrsachenKonsequenzen - histor. Erfahrungen / von Peter Bernholz ... Hrsg. von Armin Gutowski. - Berlin: Duncker und Humblot, 1986. (Schriften des Vereins für Socialpolitik, Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften; N. F., Bd. 155) ISBN 3-428-05972-7 NE: Bernholz, Peter [Mitverf.]; Gutowski, Armin [Hrsg].; Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften: Schriften des Vereins ... Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der fotomechanischen Wiedergabe und der übersetzung, für sämtliche Beiträge vorbehalten © 1986 Duncker & Humblot GmbH, Berlin 41 Gedruckt 1986 bei Berliner Buchdruckerei Union GmbH, Berlin 61 Printed in Germany ISBN 3-428-05972-7 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 Vorwort Als Mexiko im Jahre 1982 vorübergehend die Zahlungen auf seine enorme Auslandsverschuldung einstellen mußte, kam die Krise, die heute allgemein als internationale Schuldenkrise angesehen wird, offen zum Ausbruch; vorausgegangen war ein rasanter Anstieg der Auslandsverschuldung vor allem, aber nicht nur, einiger lateinamerikanischer Länder: bis zu diesem Jahre war die Auslandsverschuldung der Entwicklungsländer (ohne OPEC) auf über 600 Mrd. Dollar gestiegen. Im Laufe der folgenden Jahre mußte dann eine Reihe von Ländern Umschuldungsabkommen abschließen. Heute scheint sich die Krise entschärft zu haben, und das internationale Finanzsystem einschließlich der nationalen und internationalen Institutionen hat seine - für manchen erstaunliche - Flexibilität erneut unter Beweis gestellt. Die Probleme können freilich noch keineswegs als endgültig überwunden gelten. Was waren die Ursache dieser Finanzkrise und wie sehen die Lösungsmöglichkeiten aus? Was können wir aus Krisen der Vergangenheit lernen? Welche Rolle spielen die Institutionen und wie könnten sie verbessert werden? Diese und andere Fragen behandelte der Ausschuß für Geldtheorie und Geldpolitik des Vereins für Socialpolitik auf seiner Tagung am 8./9. Februar 1985 in Frankfurt am Main. Der erste, mehr historische Teil der Referate beginnt mit dem Beitrag von Prof. Dr. Karl Erich Born (Tübingen). Er bietet einen Rückblick auf einige der internationalen Finanzkrisen der Vergangenheit und untersucht, welche Erfahrungen aus diesen Krisen gewonnen werden können. Dabei wird sowohl auf die verschiedenen Krisenursachen als auch auf die Art und Weise sowie auf die Instrumente der Krisenbekämpfung eingegangen. In dem Beitrag von Prof. Dr. Karl Häuser (Frankfurt) werden Kriterien zur Analyse der internationalen Verschuldung, etwa die Rechtsposition der Beteiligten, die Währungsverfassung, die Art der Entstehung der Schuld und die Risikostreuung, herausgearbeitet und Keynes' weitsichtige Prognose der deutschen Schuldenkrise in den zwanziger Jahren behandelt. Eine spezielle Krise, die Argentiniens 1890 -1900, bildet den Gegenstand des Referats von Prof. Dr. Peter Bernholz (Basel). Da dieser Beitrag in englischer Sprache schon an anderer Stelle erschienen ist, wurde in diesen Band nur eine Zusammenfassung aufgenommen. In dem zweiten Block der Beiträge wird der derzeitige Stand der internationalen Finanzkrise behandelt, wobei allerdings auch Lösungsansätze diskutiert werden. Dr. Wolfgang Rieke (Frankfurt) behandelt unter dem Titel "Ansätze zur Lösung der Schuldenkrise" die Prognosen des Internationalen Währungsfonds zur weiteren Entwicklung der OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 6 Vorwort Verschuldung der Entwicklungsländer und die verschiedenen Vorschläge, wie die Zinslast verringert werden könnte. Henry C. Wallich (Washington D.C.) stellt in seinem Beitrag "The International Debt Situation in an American View: Borrowing Count ries and Lending Banks" insbesondere dar, wie sich die institutionellen und rechtlichen Regelungen, denen die Banken in den Vereinigten Staaten und in Europa unterliegen, voneinander unterscheiden, und zieht daraus Schlüsse für das jeweilige Verhalten der Banken in dem Fall, daß Schulden nicht oder nicht termingerecht bedient werden. Die Rolle der Banken für das Entstehen und den Ablauf der internationalen Schuldenkrise steht auch im Mittelpunkt des für die Ausschußsitzung vorbereiteten, dort aber nur verkürzt in der Diskussion vorgetragenen Beitrages von Dr. Otmar Emminger (Frankfurt). Prof. Dr. Emil-Maria Claassen (Paris und Florenz) hat in dem dritten, stärker theoretisch ausgerichteten Block, über "Die Funktion des Kreditgebers der letzten Instanz bei nationalen und internationalen Finanzkrisen" referiert. Er plädiert für die genaue Unterscheidung zwischen Illiquidität und Insolvenz von Staaten und diskutiert die Aufgaben, die die Zentralund Geschäftsbanken bei der Lösung dieser Probleme erfüllen sollten. Auch hier wurde nur eine Zusammenfassung aufgenommen, da eine ausführliche Fassung schon in englischer Sprache erschienen ist. In seinem Beitrag über "Internationale Finanzintermediation und Auslandsverschuldung" führt Prof. Dr. Vincenz Timmermann (Hamburg) den Anstieg der Auslandsverschuldung weniger auf externe Schocks wie die drastischen Ölpreiserhöhungen oder auf die Antiinflationspolitik, als vielmehr auf langfristige Wandlungen des Finanzsystems zurück. Eine internationale Finanzkrise ist nach seinem Urteil nicht zu befürchten. Verschärft werden kann die schwierige Schuldensituation von Entwicklungsländern freilich durch die Kapitalflucht. Prof. Dr. Dieter Duwendag (Speyer) hat in seinem Beitrag den Versuch unternommen, diese zu quantifizieren. Prof. Dr. Jürg Niehans (Bern) geht schließlich der Frage nach, unter welchen Bedingungen es für Schuldner rational ist, ihre Schulden nicht mehr zurückzuzahlen, obwohl sie im strengen Wortsinne nicht zahlungsunfähig sind; er zeigt, unter welchen Bedingungen die Forderungen aus internationalen Krediten undurchsetzbar werden. Mit diesem Band legt der Ausschuß für Geldtheorie und Geldpolitik einen umfassenden überblick sowohl über Ursachen, Verlauf und Konsequenzen der gegenwärtigen Schuldenkrise als auch über Erfahrungen aus derartigen Krisen in der Vergangenheit vor; mit der Vielfalt von unterschiedlichen Ansätzen dürfte dieses weiterhin aktuelle Problem in seinen wesentlichen Aspekten erfaßt worden sein. Armin Gutowski OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 Inhalt Erfahrungen aus internationalen Finanzkrisen der Vergangenheit Von Karl Erich Born, Tübingen .................................... 9 Kriterien zur Analyse internationaler Verschuldung und Keynes' Prognose der deutschen Schuldenkrise Von Karl Häuser, Frankfurt ........................................ 31 Zur argentinischen Schuldenkrise 1890 - 1900 Von Peter Bernholz, Basel. ........ .. .. . ... .. ..... . .. .. ... ... .. . . ... 45 Ansätze zur Lösung der Schuldenkrise Von Wolfgang Rieke, Frankfurt.................................... 51 The International Debt Situation in an American View: Borrowing Countries and Lending Banks Von Henry C. Wallich, Washington D.C. ............................ 69 Die internationale Schuldenkrise und die Banken Von Qtmar Emminger, Frankfurt.................................. 83 Die Funktion des Kreditgebers der letzten Instanz bei nationalen und internationalen Finanzkrisen Von Emil-Maria Claassen, Paris und Florenz ...................... 99 Internationale Finanzintermediation und Auslandsverschuldung Von Vincenz Timmermann, Hamburg Kapitalflucht aus Entwicklungsländern: Schätzprobleme und Bestimmungsfaktoren 105 Von Dieter Duwendag, Speyer ...................................... 115 Internationale Kredite mit undurchsetzbaren Forderungen Von Jürg Niehans, Bern .......................................... 151 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 14 Karl Erich Born ablehnte, verhängten Großbritannien und Deutschland am 3. Dezember 1902 eine Blockade über die Häfen Venezuelas, die von einem deutschbritischen Kreuzergeschwader, dem sich noch ein italienisches Kriegsschiff anschloß, ausgeführt wurde. Während der Blockade wurden drei venezolanische Kanonenboote versenkt und ein Küstenfort zerstört. Präsident Castro rief mit Erfolg die Lateinamerikaner zu Protesten gegen die europäische Hochfinanz und ihre Gewaltmethoden auf. Auch in den Vereinigten Staaten wurde unter Berufung auf die Monroe-Doktrin scharfe Kritik am Vorgehen der Briten und Deutschen laut. Um einer amerikanischen diplomatischen Intervention zuvorzukommen, forderten die britische und die deutsche Regierung den amerikanischen Präsidenten Theodore Roosevelt zur Leitung eines Schiedsverfahrens auf. Im Februar 1903 kam es zur Einigung. Die deutsche Regierung erklärte sich damit einverstanden, daß die deutsche Bar-Forderung auf sofortige Zahlung von 66000 ;E auf 5 500 ;E reduziert und für den übrigen Betrag Bürgschaften gegeben wurden,s Danach wurde die See-Blockade aufgehoben. Der Haager Schiedsgerichtshof bestätigte im Jahr darauf die Forderungen der Blockademächte; Forderungen anderer blieben offen. Seit der Venezuela-Blockade behielten es sich die Vereinigten Staaten vor, Gläubigerinteressen gegenüber den Regierungen lateinamerikanischer Staaten notfalls durch militärische Intervention zu vertreten. Zu diesem Zweck gab Präsident Roosevelt im Dezember 1904 eine Interpretation der Monroe-Doktrin, das sog. "Roosevelt Corollary", wonach die Monroe-Doktrin die Vereinigten Staaten zwingen könne, internationale Polizeigewalt auszuüben, falls ein Staat der westlichen Hemisphäre in flagranter Weise Unrecht tue oder unfähig sei, Unrecht zu verhindern. 1I Unter Berufung auf dieses Roosevelt-Korollar ließen die Vereinigten Staaten 1905 und 1916 in der Dominikanischen Republik und 1912 in Nicaragua Truppen landen, um ein geordnetes Finanzwesen und einen regelmäßigen Zinsendienst zu erzwingen. Dagegen waren die Regierungen der europäischen Mächte, abgesehen von der Venezuela-Blockade, nicht geneigt, Forderungen ihrer Staatsangehörigen gegen ausländische Regierungen durch militärische Intervention zu unterstützen. Selbst die politische Intervention gegenüber säumigen Schuldnerländern hielten sie vor 1914 im allgemeinen nicht für ihre Aufgabe. Als die Deutsche Bank im August 1888 anfragte, ob 8 Die deutschen Forderungen gegen Venezuela sind zusammengestellt in der Dokumentation "Reklamationen Deutschlands gegen Venezuela (Reichstag, Drucksachen 1900/03, Nr. 786). Die deutschen Akten zur VenezuelaBlockade sind abgedruckt in: Die Große Politik der Europäischen Kabinette, Bd. 17, Dok. Nr. 50315150. B Vgl. U. Sautter: Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika, Stuttgart 1976. S. 325. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 Erfahrungen aus internationalen Finanzkrisen der Vergangenheit 15 das Auswärtige Amt Bedenken gegen den Erwerb der Konzession für die anatolische Eisenbahn durch die Deutsche Bank habe, antwortete Bismarck selbst am 2. September 1888, daß keine politischen Bedenken dagegen beständen. Er schloß aber die Warnung an: "In der Tat gehen deutsche Unternehmer durch Kapitalanlagen in anatolischen Eisenbahnbauten ein Risiko ein, welches zunächst in den Schwierigkeiten der Rechtsverfolgung im Orient liegt, aber durch kriegerische und andere Verwicklungen noch gesteigert werden kann. Die darin für deutsches Kapital liegenden Gefahren werden ausschließlich den Unternehmern zur Last fallen und werden die letzteren nicht darauf rechnen können, daß das Deutsche Reich sie gegen die mit gewagten Unternehmungen im Auslande verbundenen Wechselfälle sicherstellen werde."lO Noch am 10. Juli 1914 bekräftigte der britische Außenminister Sir Edward Grey vor dem Unterhaus die grundsätzliche Abneigung seiner Regierung, sich in die internationalen Anleihegeschäfte britischer Finanziers involvieren zu lassen: " ... Generally speaking, and especially in South America, these are things in which the Foreign Office does not interfere."·l1 Indes haben die Regierungen der europäischen Mächte entgegen dem Grundsatz der Nichteinmischung in internationale Finanzgeschäfte in einigen Fällen politischen Druck auf säumige Schuldnerstaaten ausgeübt, und zwar dort, wo sie eigene machtpolitische Interessen verfolgten und wo sie es sich leisten konnten, ohne ihre sonstigen auswärtigen Beziehungen zu belasten. Das gilt vor allem für Ägypten und das Osmanische Reich. Bis 1875 war die ägyptische Staatsschuld auf über 90 Millionen f, angewachsen; das entsprach etwa dem zehnfachen Betrag der jährlichen Staatseinnahmen, die - umgerechnet -zwischen 9 und 10 Millionen Pfund ausmachten.12 Die enorme Schuldenlast resultierte teils aus dem Aufwand für den Suez-Kanal; der Khedive, der Vizekönig, hatte 176 602 Aktien der Suez-Kanal-Gesellschaft auf Pump kaufen müssen, da sich nicht genügend Käufer gefunden hatten. Teils waren die Schulden aus einem ehrgeizigen, aber schlecht betriebenen Modernisierungsprogramm entstanden; und schließlich waren einfach neue Schulden aufgenommen worden, um ältere Schulden verzinsen und amortisieren zu können . .10 Bismarcks Schreiben vom 2. 9. 1888 an die Deutsche Bank ist abgedruckt in: F. Seidenzahl: 100 Jahre Deutsche Bank 1870 -1970, Frankfurt a. M. 1970, S. 67. 11 Parliamentary Debates, Hause of Commons, 5th ser., LXIV, 1448 f., zit. von H. Feis: a.a.O., p. 85. 12 Näheres zur ägyptischen Finanzkrise bei D. S. Landes: Bankers and Pashas. London 1958 u. W. J. Mommsen: Imperalismus in Ägypten, München/Wien 1961. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 16 Karl Erich Born Außer der Höhe der Schulden war der hohe Anteil kurzfristiger Schulden bedenklich: 21 Millionen f.. Da Ägypten nominell noch dem Osmanischen Reich angehörte, bedurfte es für Anleihen der Genehmigung des Sultans; kurzfristige Schulden konnte der Khedive aus eigener Vollmacht aufnehmen. Wegen der politischen Bequemlichkeit war dann oft die finanziell bedenkliche kurzfristige Verschuldung gewählt worden. Da die hohe kurzfristige Schuld die Gefahr eines Staatsbankrotts mit den entsprechenden Auswirkungen auch auf die konsolidierten Schulden in bedrohliche Nähe gerückt hatte, planten einige der französischen Gläubigerbanken die Konsolidierung der ägyptischen Staatsfinanzen durch Umwandlung der kurzfristigen Schulden in eine neue Anleihe mit langer Laufzeit. Diese Anleihe sollte durch ein Konsortium französischer Banken unter Führung des Credit Foneier de France emittiert werden. Als Sicherheit sollte dem Konsortium das Suez-Kanal-Aktienpaket des Khediven verpfändet werden. Andere französische Banken wollten die günstige Gelegenheit nutzen und dem Khediven das Aktienpaket abkaufen; denn in der Weltwirtschaftskrise 1873/75 war der Kurs der Suez-Kanal-Aktien ebenso wie die anderen Aktienkurse gefallen. Doch war das wegen des britischen Interesses am Suez-Kanal ein heikles Geschäft, und so fragten sie bei der französischen Regierung an, ob politische Bedenken dagegen bestünden. Die französische Regierung, die wenige Monate zuvor in der "Krieg-in-Sicht-Krise" die britische Hilfestellung gegen Deutschland in Anspruch genommen hatte, konnte sich eine Verstimmung Großbritanniens nicht leisten und ließ in London anfragen, ob die britische Regierung Bedenken gegen den Kauf der ägyptischen Suez-Kanal-Aktien durch eine französische Bankengruppe habe. Jetzt landete der britische Premierminister Disraeli einen Überraschungs-Coup: Er ließ der französischen Regierung mitteilen, daß Großbritannien mit dem Erwerb der Aktien durch französische Banken keineswegs einverstanden sei. Gleichzeitig kaufte er mit Hilfe eines Kredits, den ihm der Chef der Londoner Rothschild-Bank, Lionel Rothschild, innerhalb weniger Stunden überwies, für knapp 4 Millionen f. das Aktienpaket des Khediven Isma'iV 3 Dieser hatte sich zum Verkauf anstelle der Anleihe entschlossen, da die Bedingungen des Credit Foneier seine finanzpolitische Entscheidungsfreiheit stark eingeengt hätten. Für die britische Regierung war der Aktienkauf ein gutes Geschäft. Sie erwarb damit zwar nicht die Mehrheit der Suez-Kanal-Aktien -die blieb nach wie vor in den Händen französischer Banken -, al;>er das größte Aktienpaket. 4 Millionen f zahlte sie für die Aktien, die den Khedive seinerzeit einschließlich der Zinsen der für den Erwerb auf13 Vgl. R. Blake: Disraeli. Frankfurt a. M. 1980, S. 482 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 Erfahrungen aus internationalen Finanzkrisen der Vergangenheit 17 genommenen Kredite 11 Millionen f gekostet hatten. u Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts stieg der Kurs dieser Aktien auf das Achtfache des Kurses, zu dem Disraeli gekauft hatte. Außerdem brachten die SuezKanal-Aktien der britischen Regierung vom Ende der 70er Jahre bis 1914 jährlich im Durchschnitt 1I1/4 Millionen f, Dividende ein. Die ägyptische Finanznot war mit dem Verkauf der Suez-KanalAktien noch keineswegs behoben. Deshalb war Isma'il 1876 gezwungen, der Einrichtung einer Schuldenverwaltung unter internationaler Kontrolle zuzustimmen. Die alten ägyptischen Staatsanleihen wurden mit Ausnahme von drei Anleihen zu einer Staatsschuld von 91 Millionen f zusammengefaßt, die mit 71)/0 zu verzinsen war. Das war eine geringere Verzinsung als bisher im Durchschnitt. Die Verwaltung der Staatsschuld wurde der neu einzurichtenden "Caisse de la Dette Publique" übertragen, deren vier Direktoren von der britischen, französischen, österreich ischen und italienischen Regierung nominiert wurden. Der Caisse de la Dette Publique wurden die Zölle und mehrere indirekte Steuern, insgesamt zwei Drittel der gesamten Staatseinkünfte, verpfändet. Doch dieses System konnte nicht funktionieren und stürzte Ägypten nur in neue Schulden. Als Isma'il 1879 bei der Einlösung kurzfristiger Schulden in Verzug geriet und sich einem neuen Sanierungsplan widersetzte, wurde er auf Verlangen der britischen und der französischen Regierung vom Sultan abgesetzt und durch Taufik Pascha ersetzt. Obwohl Taufik gefügiger war als sein Vorgänger, mußten die Gläubiger sich 1880 dazu bereitfinden, den Zins der Staatsschuld auf 4 '0/ 0 herabzusetzen. Nach der neuen Schuldenregelung durfte Ägypten von seinen Staatseinnahmen 4,9 Millionen f, etwa die Hälfte der damaligen Einnahmen, für sich verbrauchen, der darüber hinausgehende Betrag floß an die Caisse de la Dette Publique. Ohne deren Zustimmung durfte keine neue Anleihe aufgelegt werden. Kurzfristige Kredite durfteÄgypten bis zu maximal 2 Millionen f aufnehmen. Die ägyptische Schuldenkrise, eine Folge der viel zu hohen Schuldenaufnahme, endete damit, daß Ägypten seine Finanzhoheit verlor und unter die finanzielle Kontrolle seiner Gläubiger geriet. Die politische Folge dieser Schuldenregelung war die nationale Reaktion in Ägypten, die 1881 zu zwei Erhebungen der ägyptischen Armee und 1892 zu europäerfeindlichen Ausschreitungen in Alexandria führten. Diese wiederum gaben den Anstoß zur militärischen Intervention Großbritanniens und zur jahrzehntelangen Besetzung Ägyptens durch britische Truppen. Zur gleichen Zeit, da der Khedive von Ägypten die Finanzkontrolle durch die Gläubiger hinnehmen mußte, war sein Oberherr, der Sultan a Vgl. W. J. Mommsen: a.a.O., S. 42. 2 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 155 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 18 Karl Erich Born in Konstantinopel, bankrott. Seit dem Krimkrieg war die Auslandsschuld des Osmanischen Reiches bis 1875 auf 4,62 Milliarden frs.angewachsen. Wegen der hohen Risikoprämie, die die Gläubiger im übernahmekurs berechnet hatten, waren aber nur 60 % davon den Türken zugute gekommen. Die Bekämpfung der Aufstände in den damals noch türkischen Provinzen Bosnien, Herzegowina und Bulgarien 1875, dann der Krieg gegen Serbien und Montenegro 1876 und schließlich auch gegen Rußland (1877), die den christlichen Untertanen des Sultans mit der Absicht auf eigenen Landgewinn zu Hilfe kamen, brachten hohe zusätzliche Ausgaben. Die türkische Regierung konnte ihren Verpflichtungen gegenüber ihren ausländischen Gläubigern, meist französischen und englischen Bankhäusern, nicht mehr nachkommen. 1875 wurden die Zinsen nur noch teilweise bezahlt, 1876 wurde der Zinsendienst ganz eingestellt. Solange das Osmanische Reich sich im Krieg befand, mußten die Gläubiger wohl oder übel stillhalten. Auf dem Berliner Kongreß im Sommer 1878, auf dem nach dem militärischen Zusammenbruch der Türken die orientalischen Fragen geregelt wurden, forderten die britische und französische Regierung die türkische Regierung auf, durch eine internationale Kommission die Forderungen der ausländischen Gläubiger prüfen und Vorschläge zu ihrer Befriedigung unter Berücksichtigung der finanziellen Situation des Osmanischen Reiches machen zu lassen. Die türkische Regierung wollte eine von Regierungsvertretern besetzte internationale Kommission nicht hinnehmen und nahm Verhandlungen mit den einzelnen Gläubigerbanken auf. Da die Türken hier kein Entgegenkommen zeigten, versperrten die Banken ihnen mit Unterstützung ihrer Regierungen den Zugang zu ausländischen Kapitalmärkten. 15 Unter dem Druck des Finanznotstandes mußte Sultan Abdul Hamid Ir. nachgeben und auf die Wünsche der Gläubigerbanken eingehen. Der Inhalt der Vereinbarung zwischen der türkischen Regierung und den Banken wurde den Regierungen der europäischen Mächte offiziell mitgeteilt und wurde als türkisches Gesetz verkündet. 16 Für die Abwicklung des türkischen Schuldendienstes wurde eine internationale Kontrollbehörde eingerichtet, die "Administration de la Dette Publique Ottomane". Deren Direktorium wurde von den Gruppen 15 Vgl. H. Feis: a.a.O., p. 332. 16 Die Anleiheverträge des Osmanischen Reiches sind veröffentlicht: Reeueil des Contrats d'Emprunts ete., eonelus par le Gouvernement Imperial. Vol. I u. H, publies par la Banque Imperiale Ottomane, Paris 1905/13, vol. HI, publie par l'Administration de la Dette Publique Ottomane. Istanbul 1918. - über die Dette Ottomane vgl. D. C. Blaisdell: European Financial Control in the Ottoman Empire, New York 1929. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 Erfahrungen aus internationalen Finanzkrisen der Vergangenheit 19 der französischen, deutschen, österreichischen, italienischen, englischniederländischen und türkischen Gläubigerbanken und von der Banque Imperiale Ottomane, deren Kapital und Leitung in französischen Händen war, bestellt. Generaldirektor der Dette Ottomane war immer im Wechsel ein Engländer oder ein Franzose. Dieser Schuldenverwaltung wurden die Erträge des Salzund des Tabak-Monopols und der Seidenund der Briefmarkensteuer verpfändet. Vier Fünftel dieser Einnahmen waren für den Zinsen dienst , ein Fünftel für die Amortisation bestimmt. Für die Kontrolle über den türkischen Schuldendienst und für die Sicherstellung der künftigen Zahlungen mußten die Gläubiger mit einer kräftigen Reduzierung ihrer Geldforderungen bezahlen. Bis zur Einrichtung der Dette Ottomane war die türkische Staatsschuld einschließlich rückständiger Zinsen auf 5,82 Milliarden frs. angewachsen. Dieser Betrag wurde auf eine Schuld von 3,4 Milliarden frs. reduziert, die mit 4 % zu verzinsen waren. Bis 1903 wurden von dieser Schuld 748 Millionen frs. amortisiert. Dann wurden in einer neuen Schuldenkonversion 389 Millionen frs. der Schuld nachgelassen, aber gleichzeitig der Zins auf 5 % erhöht. Hier erreichten die Gläubiger mit einem Verzicht auf insgesamt etwa die Hälfte ihrer Forderungen, daß die Türken wieder Zinsen und Amortisation zahlten. Das Osmanische Reich war nach dem Arrangement von 1881 wieder kreditwürdig. Doch Hilfe der Regierungen für die Gläubigerbanken in internationalen Finanzkrisen war vor 1914 nicht die Regel. Gewöhnlich mußten die Banken sich selbst helfen. Und das konnte teuer werden oder einen langen Atem erfordern. Diese Erfahrung machte die Berliner HandelsGesellschaft unter der Leitung des legendären earl Fürstenberg. Sie war seit 1884 der Hauptfinanzier Serbiens und blieb es bis 1914, auch nachdem Serbien mit dem Putsch von 1903 nicht nur die regierende Dynastie, sondern auch die außenpolitische Orientierung gewechselt hatte, indem es aus dem Lager des Dreibundes in das des russisch-französischen Zweibundes überwechselte. Mit dieser Feststellung wird zugleich die von manchen Angehörigen Philosophischer und Theologischer Fakultäten gläubig angenommene marxistische These, daß Schuldnerländer in halbkoloniale Abhängigkeit von ihren Gläubigerländern geraten, falsifiziert. 1884 war unter Führung der Berliner Handels-Gesellschaft ein deutsches Bankenkonsortium für die serbischen Staatsanleihen gebildet worden. 1885 wurden die serbischen Staatsfinanzen durch den erfolglosen und verlustreichen Krieg gegen Bulgarien zerrüttet. Serbien zahlte jetzt nur noch zwei Drittel der fälligen Zinsen. Das fehlende Drittel schossen die Konsortialbanken zu, um den Kurs der serbischen Staatsanleihen zu halten und um ihren Kredit als Emissionshäuser beim Publikum nicht zu verlieren. Auf dies Verhalten der Banken hatte der serbische Finanzminister Petrovic auch gerechnet, wie er OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 20 Karl Erich Born Carl Fürstenberg unverblümt sagte, denn es bleibe ihnen ja gar nichts anderes übrig. 17 Lansburgh folgerte daraus die "Lehre Nummer eins": Nicht der Gläubiger, sondern der Schuldner ist im Kampfe um die Erfüllung der Schuldverpflichtungen der Stärkere. Während die anderen Konsortialmitglieder nach dieser Erfahrung auf weitere Kreditgeschäfte mit dem unzuverlässigen Schuldnerstaat verzichteten, versuchte die Berliner Handels-Gesellschaft, in geduldigen Verhandlungen Serbien zur Sanierung seiner Staatsfinanzen und zur geregelten Verzinsung und Amortisation seiner Schulden zu bewegen. Durch eine neue Anleihe, die nun von der Berliner Handels-Gesellschaft allein übernommen und emittiert werden mußte, wurde Serbien dazu gebracht, daß es einige Jahre seine Schuldzinsen vollständig zahlte. Doch dann mußte die Bank wieder Zinsrückstände der Belgrader Regierung ausgleichen und durch Stützungskäufe den Kurs der serbischen Staatsanleihen verteidigen. Bis 1892/93 half das noch. Dann war die desolate Verfassung der serbischen Staatsfinanzen doch soweit bekannt geworden, daß weitere Zinsvorschüsse und Stützungskäufe zwecklos waren. Die Berliner Handels-Gesellschaft versuchte nun einen annehmbaren Kompromiß zu erreichen. Wieder bestätigte sich Lansburghs "Regel Nummer eins". Der Kompromiß fiel nach zweijährigen Verhandlungen ganz deutlich zu Gunsten des Schuldners Serbien aus. Es erhielt eine neue Anleihe über 45 Millionen frs., und die Berliner HandelsGesellschaft mußte sich damit einverstanden erklären, daß durch eine Zwangskonversion der Zinssatz der älteren Anleihen von 5 auf 4 {}/o herabgesetzt wurde. Serbiens Gegenleistung bestand darin, daß es für die Verzinsung und Amortisation seiner Staatsschuld die Einnahmen der neu zu bildenden Verwaltung seiner Finanzmonopole verpfändete. Damit war fortan ein pünktlicher Schuldendienst gesichert. Die Berliner Handels-Gesellschaft fand jedoch für weitere serbische Anleihen keine Kooperationsbereitschaft mehr bei den deutschen Banken, sondern mußte seitdem hierfür Konsortien mit französischen Banken bilden. Während sich die Berliner Handels-Gesellschaft mit dem säumigen Schuldnerstaat Serbien plagte, wurde eine der klassischen englischen Merchant Banks, Baring Brothers, die zur Zeit des Wiener Kongresses noch als sechste europäische Großmacht bezeichnet worden waren, durch leichtsinnige, spekulative Kreditgeschäfte in eine internationale Finanzkrise hineingezogen. Das Bankhaus Baring war unter der Geschäftsleitung von Edward Charles Baring, dem Ersten Lord Revelstoke, von seiner bisherigen sehr soliden, vorsichtigen Geschäftspolitik abgewichen 17 A. Lansburgh: Briefe eines Bankdirektors an seinen Sohn, in: Die Bank, Juni 1931. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 Erfahrungen aus internationalen Finanzkrisen der Vergangenheit 21 und hatte sich auf spekulative, riskante Geschäfte eingelassen.18 Von dem Boom, der die argentinische Wirtschaft seit 1886 erfaßt hatte, und von den Tips seines amerikanischen Korrespondenten Sanford hatte Lord Revelstoke sich verleiten lassen, in großem Umfange argentinische Anleihen zur Emission zu übernehmen: bis 1889 insgesamt 19,2 Millionen f. 19 Sie konnten jedoch einen großen Teil ihrer argentinischen und uruguayischen Effekten nicht im Publikum unterbringen und behielten für 7,75 Millionen f davon in ihrem Portefeuille. 20 Als im Sommer 1890 der Boom am La Plata in einer heftigen Krise zu Ende ging und die Zinszahlungen aus Argentinien und Uruguay ausblieben, wurden Baring Bros. im Herbst des gleichen Jahres illiquide.21 Sie hatten kurzfristige Verbindlichkeiten in Höhe von 16 Millionen f. Diesen standen zwar Aktiva in Höhe von 24,75 Millionen f gegenüber; aber die ließen sich nicht schnell mobilisieren -auch die am La Plata eingefrorenen 7,75 Millionen gehörten ja zu diesen Aktiva -. Am 7. November 1890 mußte Lord Revelstoke dem Governor der Bank of England, William Lidderdale, mitteilen, daß Baring Bros. insolvent seien. Lidderdale hielt zwar die Krise der Barings für selbstverschuldet - in einem späteren Bericht charakterisierte er Lord Revelstokes Geschäftsführung als "haphazard" -; aber er erkannte, daß eine Zahlungseinstellung des berühmten Bankhauses Baring zu einer Panik unter der Bankenkundschaft, zu einem Run auf alle englischen Banken und zu erheblichen Goldabzügen aus Großbritannien führen würde. Um eine derartige gefährliche Ausweitung der Baring-Krise zu verhindern, organisierte er bis zum 14. November 1890 gemeinsam mit Bertram Currie, dem Hauptteilhaber des Bankhauses Glyn Mills & Co., eine Hilfsaktion für die Barings. Die großen Londoner Citybanks bildeten ein Garantiekonsortium für 10 Millionen f; schließlich wurde der Garantiefonds auf 17,5 Millionen f gebracht. Das Publikum erfuhr von den Schwierigkeiten der Barings erst, als mitgeteilt werden konnte, daß der Garantiefonds für die Verbindlichkeiten der Barings bereits mit 10 Millionen f gezeichnet sei: Dadurch wurde eine Panik vermieden. 1894 konnte der Garantiefonds wieder aufgelöst werden, weil die Barings bis dahin den größten Teil ihrer Verbindlichkeiten beglichen hatten. Die Baring-Krise markiert eine Epochenwende in der britischen Bankengeschichte. Mit dieser Krise begann die Umwandlung der Pri18 Vgl. st. Chapman: The Rise of Merchant Banking, London 1984, p. 78. 10 P. H. Emden: Money Powers of Europe in the 19th and 20th Centuries, New York and London 1938, p. 283. 20 Ibidem, p. 281. :21 Der gen aue Hergang der Baring-Krise läßt sich noch nicht ermitteln, da sowohl die Barrings als auch die Bank of England ihre Akten zu diesem Vorgang der Forschung noch nicht zugänglich gemacht haben, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 22 Karl Erich Born vatbankiersfirmen in Kapitalgesellschaften. Die Barings wurden noch 1890 in eine Limited Company umgegründet; im gleichen Jahr wurde die Williams Deacon's Bank Aktiengesellschaft. 1891 vollzog das führende Diskonthaus Alexander & Co. den gleichen Schritt. 1892 wurde das Privatbankhaus Coutts & Co., bei dem ein großer Teil des Hochadels, auch Angehörige des Königshauses, Konten unterhielten, zur Kapitalgesellschaft; und 1896 schlossen sich 20 Privatbankiersfirmen zur Aktienbank Barclays Bank zusammen. Neben derartigen höchst unerwünschten internationalen Finanzkrisen gab es aber auch Versuche, solche Krisen künstlich zu erzeugen, um politischen Druck auszuüben. Diesen Versuch unternahmen die Franzosen 1887, als sie ihre Gelder aus Italien abzogen, nachdem der Dreibund zwischen Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien erneuert worden war. Im gleichen Jahr versuchte Bismarck, Rußland unter Druck zu setzen, indem er der Reichsbank verbot, russische Wertpapiere zu lombardieren; mit dem Lombardverbot waren russische Effekten in Deutschland diskriminiert, und der deutsche Kapitalmarkt blieb bis zur Aufhebung des Lombardverbots (1894) für Rußland versperrt. Während der zweiten Marokko-Krise, 1911, zogen die französischen Banken auf Empfehlung der französischen Regierung die Gelder, die sie kurzfristig an deutsche Banken ausgeliehen hatten (wegen der relativ hohen deutschen Geldmarktzinsen), ab. Alle diese Versuche, durch Erzeugung einer Finanzkrise den jeweiligen Schuldnerstaat unter Druck zu setzen, sind gescheitert. An die Stelle der französischen Banken traten in Italien deutsche Banken; als Geldgeber Rußlands wurden die deutschen Banken durch französische Banken ersetzt. Damals haben Deutsche und Franzosen gewissermaßen ihre Schuldner ausgetauscht. 1911 wurden die abgezogenen französischen Gelder in Deutschland durch kurzfristige Kredite amerikanischer Banken ersetzt, die damals erstmalig als Gläubiger gegenüber einem europäischen Industrieland erschienen. Die bis in die jüngste Vergangenheit schwerste internationale Schuldenkrise war die deutsche Schuldenkrise im Jahre 1931. Im Jahr der Weltwirtschaftskrise 1929 erreichte die deutsche Auslandsschuld 18,5 bis 19,5 Milliarden RM; das entsprach etwa 21 11 /0 des deutschen Bruttosozialprodukts 1929. Nach einem Jahr Depression, Ende 1930, war die deutsche Auslandsschuld auf 25,3 -25,8 Milliarden RM gestiegen. Da aber das Bruttosozialprodukt 1930 auf 82,4 Milliarden RM gesunken war, entsprach die Auslandsschuld nunmehr etwa 31 G/ o des Sozialprodukts.22 Die Schuldensituation wurde noch dadurch verschlimmert, daß 22 Die Daten nach: Deutsches Geldund Bankwesen in Zahlen 1876 -1975, hrsg. von der Deutschen Bundesbank, Frankfurt a. M. 1976, S. 6 u. 331. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 Erfahrungen aus internationalen Finanzkrisen der Vergangenheit 23 die Mehrzahl der Auslandsschulden, nämlich 14,3 -14,8 Milliarden RM kurzfristig waren. Wie konnte es zu dieser hohen Verschuldung, vor allem dieser exorbitant hohen kurzfristigen Verschuldung kommen? Hat es vor der Krise keine Bedenken wegen der Auslandsschulden gegeben? Welche Momente haben die Krise des Sommers 1931 ausgelöst? Wie ist die Krise .. bewältigt" worden? Welche Folgen hatte sie für die Deutschen und für ihre Gläubiger? Was ist zu der Kritik zu bemerken, die damals und auch später am Verhalten der Reichsbank in der Krise geübt worden ist? Die Weimarer Republik war seit 1924, seit der Währungsstabilisierung und seit der Reparationsregelung durch das Londoner Abkommen über den Dawes-Plan für ausländische Geldanleger ein attraktives Anlageland geworden. Infolge der starken Geldund Kapitalnachfrage nach dem Währungsschnitt war Deutschland 1925 -1930 das Hochzinsland schlechthin. Die deutschen Geldmarktzinsen waren in diesen J ahren immer mehr als doppelt so hoch wie diejenigen der führenden ausländischen Kreditmärkte, und die Kapitalmarktzinsen waren fast doppelt so hoch wie die ausländischen.23 Einem Land mit einer so hochentwickelten und leistungsfähigen Industrie wie Deutschland brachten die ausländischen Banken großes Vertrauen entgegen. An der deutschen Kreditwürdigkeit gab es eigentlich nichts zu zweifeln. Außerdem wurden die Finanzpolitik des Reiches und die deutsche Zahlungsfähigkeit durch den Reparationsagenten Parker Gilbert kontrolliert, und der Generalrat der Reichsbank setzte sich zur Hälfte aus Ausländern zusammen, von denen einer noch die spezielle Aufgabe hatte, die Einhaltung der vorgeschriebenen Notendeckung durch die Reichsbank zu überwachen. Hauptgläubiger waren die Vereinigten Staaten. Etwa 39 °/0 der deutschen Auslandskredite stammten von dort. Das zweitgrößte Gläubigerland waren die Niederlande mit 18 0 10 Anteil an den Krediten. 15 °/0 der Kredite kamen aus Großbritannien, 13 Ofo aus der Schweiz und nur 5°10 aus Frankreich. 11,8 Milliarden RM dieser Auslandskredite waren ohne Einschaltung deutscher Kreditinstitute unmittelbar an deutsche Unternehmen gegangen. Die Banken hatten 8,9 Milliarden RM erhalten, und den Gebietskörperschaften waren 4,9 Milliarden RM ausländischer Kredite zugeflossen.24 23 Im Jahresdurchschnitt 1925 erreichten die deutschen Geldmarktzinsen 9,13 Ufo, die der führenden Auslandskreditmärkte im Schnitt 3,74 '%. Die Daten für 1928 waren 7,55 % (Deutschland) und 3,88 'Ofo (Ausland); für 1930 waren die Daten 5,49 Ofo (Deutschland) und 2,61 % (Ausland). Vgl. hierzu: Untersuchung des Kreditwesens 1933. Teil I, Bd. I, Berlin 1933, S. 515. 24 Untersuchung des Bankwesens 1933. Teil I, Bd. 1, S. 512 und Teil 11, S. 462 f. Deutsches Geldund Bankwesen in Zahlen 1876 - 1975, S. 330, gibt für die Banken nur die kurzfristigen Auslandsverbindlichkeiten an. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 Kriterien zur Analyse internationaler Verschuldung und Keynes' Prognose der deutschen Schuldenkrise Von Karl Häuser, Frankfurt Im vorausgegangenen Referat stellte K. Born notorische und weniger bekannte Fälle internationaler Verschuldung vor. In dem folgenden dazu verfaßten Korreferat werden nur zwei Aspekte behandelt, die sich der Darstellung Borns anfügen lassen, nämlich 1. die Notwendigkeit der Erarbeitung von Kriterien, mit deren Hilfe sich die unterschiedlichen Arten internationaler Verschuldung ordnen und unterscheiden lassen und 2. die Überprüfung der deutschen Auslandsverschuldung der zwanziger Jahre und die nachfolgende Schuldenkrise aufgrund der Keynesschen Prognose. I. Kriterien zur Analyse internationaler Verschuldung Die historischen Beispiele internationaler Verschuldung sind zahllos und dennoch, wie alles Historische, singulär. In seinem Referat stellte K. Born eine Reihe von Fällen internationaler Verschuldung von verschiedener Art und mit unterschiedlichen Folgen vor. Es liegt nahe, sie auf die Gegenwart zu beziehen und zu versuchen, aus ihrer Geschichte zu lernen. Dieser Versuch stellt uns unversehens vor das Dilemma, dem sich deutschsprachige Nationalökonomen vor einem Jahrhundert im Methodenstreit gegenübersahen: Soll und kann ökonomische Theorie aus der Beobachtung der Realität gewonnen werden? Von welcher Art ist der Gegenstand dieser Theorie, welcher Disziplin gehört sie an und welcher Methode soll sie sich bedienen? Ist ökonomische Theorie auf deduktive, axiomatische, naturgesetzliche Art zu betreiben oder ist sie von singulärer, historischer und allenfalls wahrscheinlichkeitstheoretischer Natur? Jeder Versuch, historische Fälle internationaler Verschuldung zu vergleichen oder sie auf gegenwärtige Beispiele zu beziehen, wird auf einige allgemeine Kriterien angewiesen sein, mit deren Hilfe sich diese Fälle charakterisieren und dadurch vergleichen bzw. unterscheiden lassen. Die folgenden Charakterisierungen bilden weder einen vollständigen noch den einzig möglichen Katalog von Einteilungen, aber es dürfte in vielen Fällen zweckmäßig sein, sich derartiger Kriterien der Unterscheidung zu bedienen: OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 32 Karl Häuser a) Eine erste mögliche Unterscheidung läßt sich hinsichtlich der Rechtsposition der Beteiligten, d. s. Gläubiger und Schuldner, treffen, etwa die Unterscheidung in staatliche oder private Schuldner und ebenso in staatliche oder private Gläubiger. Es handelt sich weniger darum, ob öffentliches oder privates Recht anzuwenden ist, sondern ob die Eigenschaften des Rechtssubjekts den Charakter des Schuldverhältnisses beeinflußt oder beeinflussen kann. Da der Staat sowohl als Schuldner wie als Gläubiger ein Rechtssubjekt anderer Qualität als eine Person des privaten Rechts ist, verfügt er über andere Möglichkeiten und Mittel als ein privater Schuldner oder Gläubiger. Der Staat kann z. B. als Schuldner fällige Zahlungen verweigern, ohne deswegen in Liquidation gehen zu müssen. Die Zahlungsverweigerung gegenüber ihren ausländischen Gläubigern durch einige südamerikanische Staaten im Jahre 1931 und durch das Deutsche Reich im Jahre 1933 hat diese Länder zwar international -nicht national - diskreditiert, aber weiterhin als HandeIspartner bei besonders strengen Zahlungsbedingungen akzeptabel erhalten. Ein privater Schuldner müßte dagegen, falls ein Vergleich nicht zustande kommt, in Liquidation gehen. Da Staaten jedoch nicht liquidiert werden können, zumindest nicht bei Zahlungsverzug, kann auch die gegen sie gerichtete Forderung so lange aufrecht erhalten werden, bis eine spätere Regelung durch Vergleich oder vollständigen Erlaß zustande kommt. Abermals kann auf das deutsche Beispiel -die Regelung im Londoner Schuldenabkommen von 1953 - verwiesen werden, wo eine kaum noch als existent erachtete und über mehr als zwei Jahrzehnte nicht mehr bediente Schuld revaluiert wurde. Andererseits mußte eine Aufrechnung mit dem deutschen Auslandsvermögen sowie mit den enteigneten Patenten und Rechten unterbleiben. Auch das besonders prekäre Problem der Rechtsnachfolge für das gesamte Deutschland kann die besonders geartete Natur eines staatlichen Schuldners, verglichen mit privaten Schuldverhältnissen, verdeutlichen. Auch als Gläubiger befindet sich der Staat in einer anderen Position als ein privater Besitzer von Forderungen. Es ist offenkundig, daß ein Land als Gläubiger, sei es gegenüber privaten oder gegenüber staatlichen ausländischen Schuldnern, andere Machtmittel als ein privater einsetzen und ggfs. das Recht des Stärkeren geltend machen kann. Der Fall der Ruhrbesetzung 1923 sowie die bei Born erwähnten Beispiele der vereinten französisch-englisch-spanischen Intervention in Mexiko 1861 und die deutsch-englische Intervention in Venezuela 1903 können als Beispiele hierfür dienen. Sogar die vergleichsweise milderen und auf vertraglichen Vereinbarungen beruhenden wirtschaftspolitischen Auflagen des IWF im Falle riskanterer Kreditgewährung verdeutlichen den politischen Charakter staatlicher Schuldnerund Gläubigerbeziehungen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 Kriterien zur Analyse internationaler Verschuldung 33 Eine Unterscheidung zwischen staatlicher und privater internationaler Verschuldung wird jedenfalls insofern von Bedeutung sein, als Schuldverhältnisse bei staatlicher Beteiligung, sei es auf beiden Seiten oder nur auf der Schuldneroder der Gläubigerseite, notwendigerweise eine politische Dimension erhalten und dadurch zu einer politischen Angelegenheit werden. b) Ein anderes Kriterium bildet die Währungsverfassung. Meist kann davon ausgegangen werden, daß internationale Kredite nicht in der Währung des Schuldnerlandes, sondern in einer anderen Währung kontrahiert werden. Der Schuldendienst erfordert deshalb nicht nur die Aufbringung der Zinsen und Annuitäten in heimischer Währung, sondern zugleich ihre Transferierung in die geschuldete Währung. Gebietet eine Regierung bei ungebundener Währung über die Zentralbank ihres Landes, so wird die Aufbringung der für den Schuldendienst erforderlichen Beträge kein unlösbares Problem sein, im Gegensatz zum Konvertierungsund Transferproblem. Solange dagegen Währungen voll in Edelmetall einlösbar waren, wie es vor dem Ersten Weltkrieg noch die Regel gewesen ist, konnte ein Staat grundsätzlich in gleicher Weise zahlungsunfähig werden wie ein privates Wirtschaftssubjekt, wenngleich die Liquidation des Staates unterblieb. Da der Staat seine Zahlungen in einem von ihm nicht beliebig vermehrbaren Gut leisten mußte, entstanden für ihn ähnliche Liquiditätsprobleme wie für Private, dagegen ergaben sich keine separaten Probleme der Konvertierung und Transferierung, d. h., soweit fällige Zinsen und Amortisationen aufgebracht werden konnten, waren sie unter dem Regime gebundener Währung auch transferierbar. Bis 1914 gab es daher innerhalb der reinen Goldund Silberwährungen kein sog. Transferproblem, wohl aber, auch für staatliche Schuldner, nicht selten ein Aufbringungsproblem. Im Zeitalter der künstlichen, ungebundenen Währungen entstanden dagegen zwei getrennte Probleme, das Problem der inneren Aufbringung des Schuldendienstes und das Problem der Konvertierung und Transformierung in die geforderte fremde Währung. Zwar bereitete es bei ungebundener Währung für einen staatlichen Schuldner meist keine unüberwindlichen Schwierigkeiten, den Schuldendienst im Inneren aufzubringen, aber damit war das Transferproblem noch keineswegs gelöst. In der Regel erwiesen sich daher bis zum Ersten Weltkrieg internationale Schuldenkrisen, solange die Prinzipien der gebundenen Währung eingehalten wurden, für die Schuldnerländer als Liquiditätsund Aufbringungskrisen (vgl. die im Referat Born behandelten Beispiele), in späteren Epochen und bei freier Währung dagegen als Transferund Wechselkurskrisen, die nicht selten in Devisenbewirtschaftung und Im3 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 155 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 34 Karl Häuser portrestriktionen mündeten (z. B. in Deutschland, Österreich und mehreren südamerikanischen Ländern 1931). c) Eine dritte Unterscheidung kann hinsichtlich der Entstehung staatlicher internationaler Verschuldung insofern getroffen werden, als es sich um politisch autonome, d. h. um politisch ausgehandelte, im Gegensatz zu kommerziell entstandenen Schulden handelt. Als politisch autonom verursachte Schulden werden hier jene bezeichnet, denen zwischenstaatliche internationale Verträge zugrunde liegen und die sowohl mit internationalen Organisationen kontrahiert als auch durch einseitig übernommene Verpflichtungen entstanden sein können. Es handelt sich hier nicht um die bereits unter a) behandelten möglichen politischen Implikationen, sondern um das andersartige Gläubigerrisiko derartiger Kredite, verglichen mit kommerziell entstandenen Forderungen. Da die Nicht-Bedienung einer gegenüber Staaten oder internationalen Organisationen bestehenden Verpflichtung - z. B. IWF, Weltbank, Asiatische Entwick:lungsbank, BIZ, Europäische Investitionsbank u. dgl. - deren Existenz nicht bedrohen, entfallen die sonst möglicherweise davon ausgelösten Folgen: die Gefährdung des Gläubigers. Besonders offenkundig ist dies im Falle einseitig entstandener bzw. auferlegter Verpflichtungen, denen wir bereits in der Antike begegnen, etwa als Tribut, oder in neuerer Zeit als Reparationsverpflichtungen. Dabei handelt es sich um Schulden, die nicht durch einen Tausch von Aktiva entstanden sind. Diese Schulden stellen zwar beim Gläubiger einen Zugang an Forderungen dar, aber ihrer Entstehung steht nicht ein Abgang an Liquidität gegenüber. Allenfalls wird durch die entstandene Forderung die Liquidität des Gläubigers erhöht, nicht gemindert. Eine Schuldenkrise bleibt daher insofern eine unilaterale Angelegenheit, als der Gläubiger bei einem Schuldnerausfall per saldo keinen Verlust erleidet, sondern nur ohne Gewinn bleibt. Das deutsche Reparationsproblem nach dem Ersten Weltkrieg war in seiner ersten Phase, bis zum Dawes-Plan, von dieser Art. Ganz anders verhält es sich dagegen bei Schulden kommerzieller Natur, die aus einem Tausch von Aktiva entstanden, durch den eine Kreditbeziehung begründet wurde. Dabei entspricht der Schuld ein Zugang an Mitteln, dem ein Abgang beim Gläubiger gegenübersteht. Dieser besitzt eine offene Position, solange der Kredit nicht bedient wird. Bei kommerziellen Schulden, zumindest bei Schulden privater Natur, entsteht aus dieser Kreditbeziehung nicht nur ein Aufbringungsund Rück:zahlungsrisiko beim Schuldner, sondern zugleich ein Liquiditätsproblem beim Gläubiger. Aus kommerziellen Schulden kann sich daher sowohl das Risiko eines Schuldnerbankrotts wie die Gefahr eines Gläubigerzusammenbruchs aus dem gleichen Schuldverhältnis ergeben. In OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 Kriterien zur Analyse internationaler Verschuldung 35 dem vorausgegangenen Referat von K. Born trifft das sowohl auf den Fall der WeIser im ausgehenden Mittelalter wie auf den Serbien-Kredit der Berliner Handelsgesellschaft im Jahre 1895 zu. Überdies bieten die gegenwärtigen Probleme einzelner international engagierter Banken, etwa der First Chicago IlIinois Bank, charakteristische Beispiele für derartige bilaterale Risiken. Als Regel kann daher festgehaIten werden, daß internationale Schuldenkrisen im Falle kommerzieller privater Kreditgabe wegen der Risiken für den Gläubiger gravierendere wirtschaftliche Folgen als die auf politischen Grundlagen entstandenen Kredite haben, weil i. a. nur bei kommerziell entstandenen Schulden die Zahlungsunfähigkeit oder Zahlungsunwilligkeit des Schuldners zugleich die Gefahr eines Gläubigerbankrotts heraufbeschwören kann. d) Als weiteres Kriterium zur Unterscheidung internationaler Schuldenkrisen kann die Risikostreuung und die Art der Risikotransformation dienen. In dieser Hinsicht unterscheiden sich allerdings internationale Schulden nur wenig von Risiken und Verschuldungsproblemen allgemeiner, nationaler Art. Die Folgen eines Fallissements oder des vorübergehenden Aussetzens der Bedienung einer Schuld sind i. d. R. auch abhängig von der Art der Finanzierung, z. B. von der Unterbringung und Stückelung des Kredits. Wurde er als Direktkredit von einzelnen Banken, Finanzierungsgesellschaften oder Unternehmungen gewährt, so konzentriert sich das Ausfallrisiko auf diese Firmen, erhöht dadurch die Gefahren des Gläubigerbankrotts und erscheint insofern für das jeweilige Gläubigerland bedrohlicher als bei breiterer Streuung und Unterbringung der Kredite im Publikum. M. a. W., die für den Euro-Kreditmarkt lange Zeit typische Direktkreditgewährung hat das Ausmaß der gegenwärtigen internationalen Schuldenkrise nicht nur erheblich vergrößert oder sogar überhaupt erst erzeugt, sondern auch deren Konsequenzen wegen der Gefährdung einzelner großer Finanzinstitute verschärft. Es kommt hinzu, daß in der gegenwärtigen Schuldenkrise die Anleihen bedient werden, während die sog. Direktkredite der großen Finanzinstitutionen notleidend wurden. Diese unterschiedliche Behandlung empfahl sich für die Schuldner deshalb, weil Verhandlungen und Abkommen über Moratorien und Schuldennachlaß mit einer überschaubaren und bekannten Zahl von Gläubigern möglich sind, während dies mit den meist unübersehbar zahlreichen und anonymen Inhabern von Anleihepapieren unmöglich erscheint. Da bei einer NichtBedienung von Anleihen die Zahlungsunfähigkeit offen erklärt werden muß oder offen zutage tritt, sind bisher Anleihen nicht notleidend geworden. Jedenfalls haben es die großen Schuldnerländer der gegenwärtigen internationalen Schuldenkrise bisher vermieden, ihre Zahlungsunfähigkeit zu erklären, obwohl sie nur den Schuldendienst für emitOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 36 Karl Häuser tierte Anleihen, nicht aber für die ihnen gewährten Direktkredite ordentlich bedienen können.! Der Katalog an Kriterien ließe sich weiter verlängern, beispielsweise um Fristigkeit, Fungibilität und Verwendungs art der Kredite. Aber neben oder vor derartigen formalen Kriterien kämen noch solche analytischer Art in Betracht, besonders etwa die Verschuldungsgrenze oder die Tragbarkeit einer Schuld. Sie läßt sich für eine Volkswirtschaft weit weniger eindeutig bestimmen als für eine Einzelwirtschaft. Denn für diese gilt als kritische Grenze der Konkursfall, d. i. entweder die Illiquidität, d. h. fällige Zahlungen können nicht geleistet werden, oder die Überschuldung, d. h. die Schulden übersteigen die Aktiva. Das letzte Kriterium ist offensichtlich untauglich für eine Volkswirtschaft. Aber auch das erste, die Illiquidität - in fremder Währung - ist von anderer Qualität als im privatwirtschaftIichen Falle, weil sowohl die Grenze der internen Aufbringung von Mitteln als auch die für den Transfer in fremde Währung einsetzbaren Möglichkeiten, z. B. durch Veräußerung inländischen und ausländischen Vermögens, durch Importdrosselung u. dgl., flexibler sind und weniger exakt festgelegt werden können als im Falle privatwirtschaftlicher Verschuldung. Die Bemühungen um die Ermittlung der Belastbarkeit einer Volkswirtschaft wurden erstmals in systematischer Weise am praktischen Fall und unter Aufbietung von beträchtlichem nationalökonomischen Sachverstand nach dem Ersten Weltkrieg auf Deutschland hinsichtlich der ihm aufzuerlegenden Reparationslasten angestellt. Zunächst geschah dies im Rahmen der 1919 in Paris geführten Friedenskonferenz, auf der man sich freilich darüber noch nicht einigen konnte, die jedoch für Deutschland zum Vertrag von Versailles führte, aufgrund dessen dann eine mit Experten besetzte alliierte Reparationskommission mit einem in Deutschland ansässigen Reparationsagenten und später auch noch eine eigene Transferkommission eingesetzt wurde. Daneben bemühten sich deutsche Regierungsstellen und verschiedene Kommissionen mit ähnlichen Aufgaben, d. h. der Ermittlung oder dem Nachweis der Belastungsfähigkeit und der Belastungsgrenze für die deutsche Wirtschaft. Dennoch konnte die Frage, welche mögliche oder zumutbare 1 Eine bei Schuldenkrisen unterschiedliche Behandlung von Anleihen und Direktkrediten war auch in früheren Perioden nicht unüblich, allerdings auch in einer im Vergleich zur Gegenwart umgekehrten Weise. Vor dem Ersten Weltkrieg und während der Zwischenkriegszeit konnten aufgrund der damaligen, anders gelagerten Umstände, u. a. wegen des größeren politischen Einflusses der wenigen, damals international tätigen Banken, Direktkredite u. U. bevorzugt bedient werden, während Anleihen notleidend wurden. Auch im Falle der deutschen Schuldenkrise von 1931 wurden Direktkredite i. a. zurückbezahlt, während die Dawesund Young-Anleihe später notleidend wurden. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 Kriterien zur Analyse internationaler Verschuldung 37 Grenze der Verschuldung oder der jährlichen Belastung angemessen sei, nie eindeutig geklärt werden. Die aufsehenerregende Rolle, die J. M. Keynes bei dieser Frage gespielt hat, soll im folgenden sowohl wegen ihres dogmengeschichtlichen Ranges wie wegen der von Keynes über das Ökonomische hinaus ins Allgemeinpolitische hinein verfolgten Problematik nachgezeichnet werden. Da ihr die deutschen Reparationsschulden nach dem Ersten Weltkrieg zugrunde liegen, handelt es sich in ihrem Anfangsstadium um eine staatliche und um eine einseitig entstandene, d. h. nicht-kommerzielle Schuld, die im wesentlichen in fremder Währung zu leisten war. Infolgedessen mußten die soeben unter a) und b) erwähnten politischen Implikationen und die unter c) erwähnten Zahlungsbilanz-, Wechselkursund Transferprobleme eine bedeutsame Rolle spielen. 11. Keynes' Prognose der deutschen Schuldenkrise Keynes nahm bekanntlich als Vertreter des britischen Schatzamtes an der Pariser Friedenskonferenz teil. Er demissionierte jedoch im Juni 1919, als er einsehen mußte, daß er mit seinen Vorstellungen von der Belastbarkeit Deutschlands, aber auch Österreichs und Ungarns, kein Gehör fand und an den von ihm prognostizierten wirtschaftlichen und politischen Folgen des Friedensvertrages nicht mitverantwortlich werden wollte. Er glaubte, die Öffentlichkeit vor den Konsequenzen der Pariser Vorortverträge, besonders des Vertrages von VersaiIles, warnen zu müssen und verfaßte unmittelbar nach seiner Rückkehr nach England noch im Jahre 1919 "The Economic Consequences of the Peace"2. Die im folgenden verwendeten Zitate sind allerdings der dem Original bald nachfolgenden deutschen Fassung, betitelt "Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages", entnommen, die als "Einzige autorisierte übersetzung aus dem Englischen", einer übersetzung von "Herrn Privatdozenten Dr. C. Brinkmann" vorliegt, wie der Verfasser des Vorworts, M. J. Bonn, hervorhebt 3• Dieses Buch bietet noch immer eine außergewöhnliche Lektüre, verfaßt von einem Zeugen der Zeit, einem sensiblen Beobachter der Szene - bekannt sind seine Psychogramme der Hauptakteure: Clemenceau, Lloyd George, Wilson - und von einem Verfasser, der selbst leidenschaftlichen Anteil nimmt und Positionen bezieht. Er scheut sich nicht, seine wissenschaftliche Reputation in die Waagschale zu werfen, kühne Prophezeiungen zu wagen und vor der überforderung der Besiegten zu 2 J. M. Keynes: The Economic Consequences cf the Peace, London 1919. 3 J. M. Keynes: Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages, München und Leipzig 1920. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 38 Kar! Häuser warnen. Es ist unverkennbar, daß er ein Unheil heraufziehen sieht, gegen das er während seiner Tätigkeit in Paris vergeblich ankämpft, seine Mitarbeit jäh aufkündigt, um sich danach an die Öffentlichkeit zu wenden 4• So enthält das Buch Passagen, die sich lesen, als wären sie von einem deutschen Patrioten verfaßt, Passagen, in denen sich Keynes mit Leidenschaft gegen die Verletzung der Grundlagen des Waffenstillstandes durch die Alliierten, Wilson's 14 Punkte, gegen die Ungerechtigkeit des Vertrages von Versailles und vor allem gegen die ökonomische Überbürdung Deutschlands durch die Vertragsbedingungen wendet. Er weist auf die Folgen dieser Überlastung hin, die sie nicht nur für Deutschland und Österreich, sondern vor allem für Europa und damit für die Alliierten selbst haben würden. Keynes geht davon aus, daß Deutschland ein elementarer Teil einer europäischen Gemeinschaft sei, die es zwar politisch noch nicht einmal als Vision gab, die aber de facta wegen der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den westund zentraleuropäischen Ländern schon damals, wie er es sieht,. eine lebensbestimmende Realität geworden ist, denn "Deutschland war der beste Kunde Rußlands, Norwegens, Hollands, Belgiens, der Schweiz, Italiens und Österreich-Ungarns, der zweitbeste Großbritanniens, Schwedens und Dänemarks, und der drittbeste Frankreichs. Es war die bedeutendste Zufuhrquelle für Rußland, Norwegen, Schweden, Dänemark, Holland, die Schweiz, Italien, Österreich-Ungarn, Rumänien und Bulgarien, und die zweitbeste für Großbritannien, Belgien und Frankreich"5. J. M. Bann sagt daher in seinem Vorwort, das im Mai 1920 verfaßt wurde: "Es (das Buch) ist nicht Pro Deutschland, sondern ist Pro Europa geschrieben"6. Das im Jahr 1919 eilig verfaßte Buch, z. T. wohl schon notizenhaft begonnen während Keynes' Zugehörigkeit zur englischen Reparationskommission beim Obersten Wirtschaftsrat der Pariser Konferenz, enthält zunächst den Bericht eines Zeitgenossen, eines Beteiligten. Es ist engagierte Zeitgeschichte und ökonomische Analyse zugleich. Es beginnt mit einer Bestandsaufnahme des alten Europa vor dem Kriege und leitet dann über zur Pariser Konferenz und zu dem dort ausgehandelten Friedensvertrag. Den Hauptteil bildet die breite Darstellung der Reparationslasten, die Deutschland auferlegt werden sollen. Keynes unterscheidet dabei drei Arten von Gütern, die für Reparationszwecke herangezogen werden können: 4 In zwei Briefen aus Paris, darunter auch in einem Brief vom 5. Juni 1919 an den britischen Premier Lloyd George, spricht er "from this scene of nightmare" (vgl. J. M. Keynes, The Collected Writings, Bd. XVI, S. 469 und 471, Landon 1971). 5 J. M. Keynes (1920), S. 11 f. 6 Ibid., S. III f. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 Kriterien zur Analyse internationaler Verschuldung 39 a) sofort übertragbares deutsches Vermögen (Goldbestand, Devisen, Handelsflotte, Auslandsvermögen), b) Eigentum, das sich in den von Deutschland abgetretenen Gebieten befindet oder aufgrund des Waffenstillstandes ausgeliefert worden ist, c) jährliche Zahlungen in künftigen Jahren (Schuldendienst). In den folgenden Bemerkungen werden nur die Positionen a) und cl, d. i. sofort übertragbares Vermögen und jährliche Zahlungen berücksichtigt, da die unter b) rubrizierten Güter für normale Schuldenprobleme untypisch sind. Keynes analysierte nun die möglichen Folgen, die sich aus den alliierten Forderungen im Hinblick auf die Position a) für die deutsche Währungsordnung und hinsichtlich der Position c) für die Belastung und Belastbarkeit der deutschen Wirtschaft ergeben würden. 1. Folgen für die deutsche Währungsordnung Das Reich besaß bekanntlich eine Goldwährung, wenngleich die Goldumlaufswährung mit Kriegsbeginn suspendiert worden ist. Erstaunlicherweise wurde jedoch der Goldbestand der Reichsbank zum 30. November 1918 - der Waffenstillstand war bereits 3 Wochen zuvor, am 9. November geschlossen worden -noch immer mit rd. 2,3 Mrd. Mark ausgewiesen, während er unmittelbar vor Kriegsbeginn nur rd. 1,4 Mrd. Mark betragen hatte. Offenbar beruhte diese Zunahme auf der patriotischen Haltung der Bevölkerung während des Krieges, die, dazu aufgerufen, das Gold abzuliefern - Aktion "Gold gab ich für Eisen" - tatsächlich Gold für Eisen gab. Der offizielle Goldbestand des Reiches hatte sich dadurch wesentlich erhöht. Um jedoch nach Kriegsende die bitter notwendigen Nahrungsmittelimporte bezahlen zu können, mußte im Winter 1918119 ungefähr die Hälfte des ursprünglichen Goldbestandes eingesetzt werden, übrigens mit alliierter Billigung, um der Revolution in Deutschland nicht weiter Vorschub zu leisten und um dafür zu sorgen, daß die amtierende Regierung das Heft in der Hand behalten konnte, weil sonst Verhandlungen und ein Friedensvertrag mit Deutschland, jedenfalls während einer Epoche der Anarchie, nicht möglich gewesen wären. Es handelt sich dabei um die nämlichen überlegungen, die in der Gegenwart den Gläubigern dort zur Nachsicht raten, wo Revolutionen durch überforderung der Schuldnerländer ausgelöst werden können; m. a. W. die Belassung des deutschen Goldbestandes 1918 ist ein bemerkenswertes Beispiel für das Interesse der Gläubiger an der politischen Stabilität des Schuldners, um dessen Zahlungsfähigkeit zu erhalten. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 46 Peter Bernholz eine exzessive Ausweitung der Kreditaufnahme im Inland und im Ausland. Begünstigt wurde die rapide Geldmengenexpansion durch die Aufhebung der Goldkonvertibilität (im Januar 1885 durch Präsident Roca), die ihrerseits wieder durch die Geldmengenexpansion veranlaßt worden war, sowie durch den Guaranteed Banks Act, der eine nur unzureichend kontrollierbare Geldernission durch die Banken ermöglichte. Von 1884 bis 1890 vervieLfachte sich der Geldumlauf. Die Ausdehnung der Auslandsverschuldung wurde in starkem Maße durch die Kreditaufnahme öffentlicher Stellen verursacht. Ein überaus optimistischer Entwicklungsboom förderte die monetäre Expansion und den Anstieg der Auslandsverschuldung. Andererseits schien das Ausland zu grenzenloser Kreditvergabe bereit, so daß sich ein wahrhaftes Entwicklungsfieber verbreitete. In der Folge begann der Goldpreis zu steigen, während die Güterpreise nur mit Verzögerung folgten. Die Geldentwertung ließ Spekulation in Gold, Aktien und Grundbesitz aufkommen, und aufgrund der verzögerungsbedingten Realabwertung wurden die Exporte künstlich gesteigert. Die inflationäre Entwicklung verschlechterte die Situation der öffentlichen Haushalte, da zahlreiche Einnahmequellen nominal definiert waren und die notwendige Anpassung mit der Inflation nicht Schritt halten konnte. So wuchs die reale Zinslast für die öffentlichen Stellen und beschleunigte den Bankrott, als die Finanzierungsströme aus dem Ausland zu versiegen begannen (30,8 Mio. Gold 1889 gegenüber 91,8 Mio. 1888). Mit einem Finanzskandal (die Regierung hatte Banken zur gesetzeswidrigen Emission von Banknoten animiert) zeichnete sich im April 1890 das Ende dieser Entwicklung ab: Finanzminister Uriburu trat zurück. Im Juni erklärte die Banco Nacional die Suspendierung der Dividendenzahlungen. Im Juli führte eine Revolte zum Sturz des Präsidenten Celman. Zur Regelung der Finanzprobleme sandte die neue Regierung Dr. de la Plaza nach London; das Ergebnis war die eingangs erwähnte Baring-Krise. Weder ein internationaler konjunktureller Abschwung noch ein Anstieg im internationalen Zinsniveau können für die argentinische Krise als Ursache angeführt werden. III. Lösung der Schuldenkrise Neben einer sofortigen Liquiditätshilfe (in Höhe von 15 Mio. f) zugunsten der Baring-Bank vereinbarte das Rothschild-Konsortium nach eingehendem Studium der argentinischen Situation mit de la Plaza im Januar 1891 das "Funding Loan Agreement" als Lösungskonzept. Diese Vereinbarung beinhaltete als wesentliche Punkte (1) ein dreijähriges OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 Zur argentinischen Schuldenkrise 1890 - 1900 47 Moratorium für die Zinszahlungen, (2) eine Kreditzusage in Höhe von 15 Mio. ~, (3) die Auflage an die argentinische Regierung, für die Dauer von drei Jahren keine Neuverschuldung einzugehen sowie (4) eine Reduktion des Geldumlaufs von mindestens 15 Mio. Pesos jährlich in diesen drei Jahren, solange der Goldaufschlag mehr als 50 ~ / 0 betragen würde. Dieses Lösungskonzept bringt eindeutig zum Ausdruck, daß das Komitee und de la Plaza die exzessive Geldexpansion und Auslandsverschuldung als wesentliche Ursachen der Krise erkannten. Dennoch erwies sich das Konzept als allzu optimistisch bezüglich des tatsächlichen Ausmaßes der grundlegenden Probleme. So zeichnete sich die Unfähigkeit der Regierung ab, den im Jahre 1894 fällig werdenden Auslandsverpflichtungen nachzukommen; daher wurde im Jahre 1892 eine neue Vereinbarung über die teilweise Stundung der Zinszahlungen getroffen. Erst ab 1898 konnte der volle Schuldendienst geleistet werden, und die Tilgung setzte 1901 ein. Auch die Reduktion des Geldumlaufs konnte nicht in dem vom Funding Agreement geforderten Tempo realisiert werden, da dies die Lösung der internen Finanzprobleme des Landes zur Voraussetzung hatte. Daher stieg das Geldvolumen zunächst bis 1893 weiter an, wenn auch mit geringeren Raten als vor 1890. Erst ab 1894 begann die allmähliche Reduktion des Geldumlaufs, die bis zum Jahre 1899 anhielt. Die restriktive Geldpolitik muß als maßgeblich für den Rückgang des Goldaufschlags (von 287 '0/0 in 1891 auf 125 % in 1899) sowie für die Senkung des Exportpreisindex' (von 225 in 1891 auf 138 in 1899) angesehen werden; denn das staatliche Defizit als Ganzes hatte sich zwar bis zum Jahre 1893 zurückgebildet, war jedoch seit 1894 wieder angestiegen. Offensichtlich war ein Großteil der öffentlichen Finanzierungsmittel zu sinnvollen Investitionszwecken verwendet worden. Aus der Sicht der Zahlungsbilanz äußerten sich die Stabilisierungserfolge in einer Umkehr des Handelsbilanzsaldos vom defizitären (bis 1890) zu einem anhaltend überschüssigen Ergebnis (mit Ausnahme von 1893). Die Nettoneuverschuldung gegenüber dem Ausland entwickelte sich ab 1890 negativ. Hierbei begann die Bruttokreditaufnahme mit Beendigung der Krise (ab 1895) wieder anzusteigen, erreichte jedoch längst nicht das Niveau der Jahre 1886 bis 1889 und blieb stets unter dem Wert der Zinszahlungen; die Finanzierung des Kapitalbilanzsaldos (einschließlich der Zinszahlungen) wurde durch die positive Handelsbilanz aufgrund rapide angestiegener Exporte ermöglicht. Die Regierung verzichtete während dieser Zeit auf jegliche Neuverschuldung im Ausland. Die zunehmende Bereitschaft des Auslandes zur Kreditvergabe ebenso wie die Senkung des Goldpreises widerspiegeln das neue Vertrauen ausländischer Investoren als Ergebnis der erfolgreichen Inflationsbekämpfung. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 48 Peter Bernholz Die Stabilisierungserfolge verursachten jedoch auch innenpolitische Spannungen; denn die Phase inflationärer Politik (vor 1890) hatte aufgrund der verzögerten Anpassung des Binnenpreisniveaus und der noch trägeren Entwicklung der Geldlohnsätze eine reale Unterbewertung der Währung erzeugt und die Wettbewerbsposition des Landes künstlich verbessert. Mit der Einleitung der Stabilisierungsmaßnahmen kehrte sich der Trend des Goldpreises (d. h. des nominalen Wechselkurses) und des Güterpreisniveaus unverzüglich um, während das Geldlohnniveau sich noch bis 1896 mit positiver Rate entwickelte. Die resultierende Realaufwertung brachte besonders die Landwirtschaft und die neu entstandenen Industriezweige unter Druck; zugleich läßt sich vermuten, daß der Reallohnanstieg eine Verschlechterung der Arbeitsmarktsituation erzeugte. In Ermangelung entsprechender Statistiken kann die Stagnation des Einwanderungssaldos nach 1890 in diese Richtung interpretiert werden. Die Furcht vor einer allzu weitgehenden Realaufwertung der Währung bildete den politischen Hintergrund für den Vorschlag Ernest Tornquists (1898), der die Rückkehr zu einem Goldstandard auf einem Niveau der Unterbewertung zum Gegenstand hatte. Dieser Vorschlag wurde von der Regierung aufgegriffen und schließlich 1899 als "Conversion Law" verabschiedet. Als Tauschkurs sah das Conversion Law den Preis von 227,27 Papierpesos für 100 Goldpesos vor. Zu diesem Zeitpunkt verfügte der neu geschaffene "Fondo de Conversion" über keine nennenswerten Goldreserven. Aufgrund des gewählten Wechselkurses, der eine reale Unterbewertung implizierte, wurde dieser Mangel jedoch nicht zum Problem, da sich unverzüglich ein rapider Anstieg der Goldreserven einstellte: die Caja de Conversion kaufte mehr und mehr Gold auf. Mit Ausnahme der Jahre 1900 - 1903 (als Krieg mit Chile drohte) wurde die Parität von 227,27 bis zum Ausbruch des I. Weltkrieges 1914 gehalten und 1928 wiederhergestellt. Bis zur Großen Depression erlebte Argentinien eine Phase der Stabilität und des Wachstums, die es zu einem der reichsten Länder Südamerikas werden ließ. Da zum Zeitpunkt des übergangs zum Goldstandard trotz realer Aufwertung die Kaufkraftparität noch nicht erreicht war, stellten sich anhaltende Zahlungsbilanzüberschüsse ein, die ihrerseits als einzige Quelle des Wachstums der Geldmenge im Inland fungierten. Erst allmählich erfolgte der Anstieg des Preisund Geldlohnniveaus und damit die Annäherung an die Kaufkraftparität. Erst die Große Depression setzte dieser Entwicklung ein Ende: mit der Aufhebung der Konvertibilität ging der übergang zu Keynesianischer Geldpolitik und später in den 40er Jahren der übergang zur Peronistischen Wohlfahrtspolitik einher. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 Zur argentinischen Schuldenkrise 1890 - 1900 49 IV. Zusammenfassung Als wesentliche Ursachen der argentinischen Schuldenkrise 1890/91 müssen die inflationäre Geldpolitik, das defizitäre Staatsbudget und die exzessive Kreditaufnahme durch staatliche Stellen gelten. Die Reduktion der monetären Expansionsrate, die Einstellung staatlicher Kreditaufnahme im Ausland und das Moratorium auf den Schuldendienst erwiesen sich als erfolgreiche Maßnahmen zur Überwindung der Krise und zur Einleitung einer soliden ökonomischen Entwicklung. Durch den Übergang zum Goldstandard bei anfänglicher realer Unterbewertung wurden die Lasten der Stabilisierung gemildert, und Argentinien erlebte eine der günstigsten Phasen seiner Wirtschaftsgeschichte. 4 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 155 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 Ansätze zur Lösung der Schuldenkrise Von Wal/gang Rieke, Frankfurt 1. Auf der Frühjahrstagung des Interimsausschusses des IWF und des Gemeinsamen Entwicklungsausschusses von IWF und Weltbank im April dieses Jahres werden die Industrieund Entwicklungsländer gemeinsam eine Zwischenbilanz des Bemühens um überwindung der Mitte 1982 offen ausgebrochenen Zahlungsund Schuldenprobleme zahlreicher Länder, besonders Lateinamerikas, ziehen. Ihre Aufmerksamkeit wird dabei Fragen gelten, die sich auf etwas längere Frist bei der Auseinandersetzung mit diesen Problemen stellen. Die Länder Lateinamerikas hatten eine solche ,global discussion' in ihrer Quito-Deklaration vom 19. Mai 1984 gefordert, und die Staatsund Regierungschefs der großen Industrieländer hatten dem auf ihrer Gipfelkonferenz in London am 7. - 9. Juni 1984 entsprochen. Gegen eine ,globale Behandlung' der Thematik gibt es auch weiterhin gewichtige Vorbehalte, besonders nachdem man die fallweise Behandlung, also den "case by case approach", auf seiten der Industrieländer und des IWF als den einzig gangbaren Weg aus der Schuldenkrise erkannte und wichtige Schuldnerländer dem ausdrücklich zustimmten. Es ist auch nie klar definiert worden, was unter ,globaler Behandlung' wirklich zu verstehen wäre. Dahinter steht aber die Vorstellung von gemeinsamen ,globalen' Ursachen, die gemeinsam angegangen werden müssen. In den folgenden Sätzen, mit denen Federal Reserve Chairman Paul Volcker die Schuldenproblematik in einen größeren weltwirtschaftlichen Zusammenhang stellte, mag man zugleich auch den Versuch sehen, zwischen den Forderungen nach ,globaler Behandlung' und den Erfordernissen des ,case by case approach' eine Brücke zu schlagen: "So wichtig das internationale Schuldenproblem quantitativ wie auch im Hinblick auf seine Auswirkungen für so viele Länder, so viele Menschen und so viele Finanzinstitute ist, so ist es doch nur Ausdruck (Symptom) einer größeren Herausforderung: Nämlich des Übergangs von einer hoch inflationären Umwelt zur Wiederherstellung des soliden finanziellen Unterbaus für dauerhaftes und inflationsfreies Wachsturn ... So gesehen sind die wirtschaftspolitischen Grunderfordernisse 4· OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 52 Wolfgang Rieke einer erfolgreichen Bewältigung des internationalen Schuldenproblems die gleichen wie die einer erfolgreichen Auseinandersetzung mit unseren Wirtschaftsproblemen ganz allgemein gesprochen."l Besonders Argentinien machte sich bekanntlich bei seinen Nachbarländern in Lateinamerika dafür stark, die Industrieländer in eine gemeinsame globale Verantwortung für die Lösung der Probleme zu zwingen, ist aber damit nicht durchgedrungen. Kurz vor der Jahreswende 1984/85 ist nun auch Argentinien mit dem IWF zu einer Einigung über ein Sanierungsprogramm gelangt, das zugleich die Voraussetzung für die Gewährung von Neukrediten durch seine Gläubigerbanken in aller WeIt ist, ganz nach dem Muster Mexikos und Brasiliens. Argentinien ist damit erst am Anfang eines Wegs, auf dem Mexiko, Brasilien und andere hoch verschuldete Länder der Region bereits ein gutes Stück zurückgelegt haben. Kürzlich ist von einer ,Dritten Phase' gesprochen worden, in die man bei der Auseinandersetzung mit den Zahlungsund Schuldenproblemen dieser Länder eingetreten sei: Die erste Phase war die des Krisenmanagement, in der die Währungsbehörden der Industrieländer (insbesondere also ihre Notenbanken unter Einschaltung der BIZ) aus ihrer Verantwortung für das internationale Währungssystem heraus zu raschem Handeln aufgerufen waren; die zweite Phase galt dem Bemühen um eine auf Sicherung der Zahlungsfähigkeit des jeweiligen Landes ausgerichtete Kombination von Maßnahmen zur ,Anpassung und Finanzierung', bei dem der IWF eine zentrale Funktion gegenüber Schuldnern wie Gläubigern zu übernehmen hatte; die dritte Phase zielt darauf ab, relativ kurzfristige und unter Auflagen gewährte Liquiditätshilfen durch Umschuldungsvereinbarungen abzulösen, die über längere Zeiträume hinweg eine Rückkehr zur ,Normalität' in Aussicht stellen und gewisse Erleichterungen beinhalten. Dieses Ablaufmuster hat einige Logik für sich: Soforthilfe der Währungsbehörden der großen Industrieländer, vor allem also ihrer Notenbanken unter Einschaltung der BIZ, wurde nur im Vorgriff auf eine erfolgversprechende Vereinbarung des betreffenden Schuldnerlandes mit dem IWF gewährt. 1 Paul Volcker, Vortrag vor der "American Swiss Association", New York, 29. 11. 1984. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 Ansätze zur Lösung der Schuldenkrise 53 Die Vereinbarung zwischen Schuldnerland und IWF war wiederum wesentliche Voraussetzung dafür, daß die Gläubigerbanken zusätzliche Kredite verfügbar machten, wie umgekehrt der IWF finanzielle Hilfe nur für den Fall in Aussicht stellte, daß die Gläubigerbanken ihren Löwenanteil zur Deckung einer Finanzierungslücke (die zum guten Teil in den Zinsfälligkeiten gegenüber den gleichen Banken ihren Gegenposten hat) beizutragen bereit waren. (Die Tatsache, daß der IWF im Rahmen eines Anpassungsund Finanzierungsprogramms im Vergleich zu den Gläubigerbanken nur relativ geringe Finanzierungsbeiträge leistet, ist von seiten der Banken gelegentlich kritisiert worden. Darin kommt jedoch zum Ausdruck, daß der IWF mit seinen begrenzten Mitteln auch nicht vorübergehend andere Quellen des Kapitalstroms ersetzen kann. Er erfüllt jedoch mit seiner Hilfe eine wichtige Katalysatorfunktion bei der Aufrechterhaltung ausreichender Kapitalzuflüsse in kritischen Übergangsperioden.) Eine längere Zeiträume umfassende Umschuldungsvereinbarung wurde für den Fall in Aussicht genommen, daß wesentliche Fortschritte auf dem Wege zurück zu einem besseren inneren und äußeren Gleichgewicht der Wirtschaft feststellbar waren. Bisher ist es außer im Fall Mexikos nur mit Venezuela zum Abschluß einer solchen mehrjährigen Umschuldungsvereinbarung gekommen. (Venezuela hat anders als die meisten anderen Problemländer mit dem IWF kein Finanzierungsund Anpassungsprogramm vereinbart.) Verhandlungen zwischen Brasilien und seinen Gläubigerbanken sind im Gange. In Stichworten stellt sich die Lage bei den großen Schuldnerländern derzeit wie folgt dar: Mexiko hat mit seinem konsequent durchgeführten Anpassungsprogramm bereits zwei Jahre nach Ausbruch der Zahlungskrise beträchtliche Erfolge verbuchen können. Die Leistungsbilanz, 1981 noch mit 14 Mrd. $ im Defizit, schloß 1983 mit einem Überschuß von 5,5 Mrd. $ ab, was freilich zum wesentlichen Teil über rigorose Einfuhrkürzungen erreicht und mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um real 4,7 v. H. erkauft wurde. Die Inflationsrate konnte bis Jahresende 1983 nur auf 80 v. H. (Jahresrate) reduziert werden. Bis Ende 1984 hoffte man zuletzt auf 55 v. H. Preisanstieg zu kommen; für das BIP wurde mit einem Wiederanstieg um rd. 1 v. H. gerechnet. Das schon im September 1984 im Grundsatz mit den Gläubigerbanken vereinbarte Umschuldungspaket sieht die Streckung von 48 Mrd. $ der insgesamt auf rd. 95 Mrd. $ bezifferten Auslandsverschuldung über einen Zeitraum von 14 Jahren bis 1998 vor, bei einem Freijahr und zu einem Durchschnittssatz von 1,1 v. H. über Libor. Der künftige NeukreOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 54 Wolfgang Rieke ditbedarf soll wieder am Markt gedeckt werden. Die Gläubigerbanken sollen regelmäßig über die Ergebnisse von halbjährlichen IWF-Konsultationen unterrichtet werden, denen sich Mexiko unterwerfen will. Die Umschuldungsvereinbarung sieht die Möglichkeit der Konversion eines Teils der ausstehenden Dollarverschuldung in die Heimatwährungen der Gläubigerbanken vor. Brasilien hat gleichfalls erhebliche Fortschritte gemacht. Für 1984 wird das Leistungsbilanzdefizit auf nur noch rd. 1,3 Mrd. $ gegenüber 16,3 Mrd. $ im Jahre 1982 angesetzt. Zum Zeitpunkt der Genehmigung des IWF-Kredits, Anfang 1983, war noch mit einem Fehlbetrag von 5,3 Mrd. $ gerechnet worden. Bei etwa unverändertem Handelsbilanzüberschuß gegenüber 1984 rechnet man für 1985 wegen höherer Zinsaufwendungen mit einem etwa doppelt so hohen Leistungsbilanzdefizit von 2,6 Mrd. $ wie 1984. Das reale Wirtschaftswachstum dürfte 1984 bereits wieder zwischen 3 und 4 v. H. gelegen haben, nach minus 3 v. H. im Jahre 1983. Die Inflation konnte bisher noch nicht unter Kontrolle gebracht werden, was teils den anhaltend hohen Haushaltsdefiziten (rd. 18 v. H. des BSP 1983), zum wesentlichen Teil aber auch der umfassenden Indexierung von Preisen, Löhnen, finanziellen Ansprüchen usw. zuzuschreiben ist. Hieran lassen sich die wirtschaftlichen und sozialen Spannungen ermessen, denen sich das Land bei seinem Bemühen um Wiedergewinnung des inneren und äußeren Gleichgewichts ausgesetzt sieht. Im November haben Verhandlungen über eine umfassende Umschuldung von rd. 50 Mrd. $ der bis 1990 fälligen Auslandsverschuldung begonnen. Argentinien konnte seine Handelsbilanz in den letzten Jahren Schritt für Schritt verbessern und erzielte im vergangenen Jahr einen überschuß von rd. 4 Mrd. $. Die Leistungsbilanz dürfte jedoch wieder wie in den beiden Vorjahren mit etwas über 2 Mrd. $ im Defizit gewesen sein. Unverändert kritisch ist die interne Wirtschaftslage, mit einer Inflationsrate von zuletzt 700 v. H. (Jahresrate) und einem Fehlbetrag im öffentlichen Haushalt von rd. 8 v. H. des BIP. In Verhandlungen mit dem IWF wurde eine Finanzierungslücke in der Zahlungsbilanz von knapp 5,5 Mrd. $ für 1984/85 zugrundegelegt, die im wesentlichen durch einen Beistandskredit des IWF in Höhe von 1,2 Mrd. $ und Neukredite der Gläubigerbanken von 4,2 Mrd. $ gedeckt werden soll (für 10 Jahre mit 3 Freijahren). Rund 10 Mrd. $ an Fälligkeiten der Jahre 1982 - 85 sollen über einen 12-Jahres-Zeitraum gestreckt werden. Damit ist nur die Situation der drei größten Schuldnerländer Lateinamerikas kurz charakterisiert. Andere hoch verschuldete Länder der Region haben gleichfalls mit dem IWF ,Sanierungsund Finanzierungspakete' vereinbart und sind mit ihren Gläubigerbanken zu einer EiniOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 Ansätze zur Lösung der Schuldenkrise 55 gung gelangt. Auch bei einigen von ihnen sind Fortschritte bei der Wiedergewinnung der äußeren Zahlungsfähigkeit erkennbar. In anderen Fällen (ebenso wie in Asien, dem Ostblock und besonders in Afrika) steIlt sich die Situation nach wie vor als wenig befriedigend bis kritisch dar. 11. Die Frage steIlt sich, ob es bei den Gesprächen in Washington im April im Rahmen des Interimsausschusses des IWF und des Gemeinsamen Entwicklungsausschusses von IWF und Weltbank damit getan sein wird, den Vertretern hoch verschuldeter Länder anzuraten, dem vor allem am Beispiel Mexikos belegten Erfolgsrezept zu folgen, also den Weg über das Krisenmanagement zur Hinnahme wirtschafts-, finanzund währungspolitischer Anpassungsdisziplin (anstelle des nicht mehr fortsetzbaren ,Lebens auf Kredit') bis hin zur umfassenden mehrjährigen Umschuldungsvereinbarung zu beschreiten, um so zu einer wie immer definierten ,Normalität' zurückzufinden. Eine solche Empfehlung wäre als Antwort allein sicher nicht ausreichend. Schon im vergangenen Jahr kreisten die Diskussionen zum Thema internationale Verschuldung immer wieder um drei Fragen, und dies wird vermutlich auch im April so sein: 1. Welches ist das weltwirtschaftliche Szenario auf mittlere Frist, in dem die hoch verschuldeten Länder sich um die Rückgewinnung ihrer Zahlungsfähigkeit bemühen? 2. Welches sind die ,downside risks', also die Risiken negativer Abweichung von einem Szenario, in dem das Problem im ganzen als ,manageable' erscheint? 3. Was kann und muß ggf. zusätzlich getan werden, um die Zahlungsund Verschuldungsprobleme zahlreicher Länder der Dritten Welt in einer auch politisch und sozial tragbaren zeitlichen Perspektive einer Lösung näher zu bringen? Das weltwirtschaftliehe Szenario, von dem der IWF im Frühjahr 1984 ausging, wurde in dem im Mai 1984 veröffentlichten ,World Economic Outlook' wie folgt zusammengefaßt: - Das reale Sozialprodukt der Industrieländer wird in den Jahren 1985 - 90 mit einer Durchschnittsrate von real 3,25 v. H. wachsen, verglichen mit einem Jahresdurchschnitt von 1,3 v. H. in 1980 - 83 und einer Vorausschätzung von 3,6 v. H. für 1984. Dabei wird die bestehende Unterauslastung des Wirtschaftspotentials dieser Länder nicht wesentlich vermindert, die Arbeitslosigkeit bleibt auf einem hohen Niveau. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 I in v. H. der Ausfuhr von Gütern Durchschnittsund Dienstleistungen wachstum pro Jahr Leistungs bilanz AuslandsSchuldendienst Einfuhrreales verschuldung volumen BIP 1987 I 1990 1987 I 1990 1987 I 1990 1986 -90 1986 -90 I. "Base scenario" Nicht ölexportierende Entwicklungsländer ............. -8,6 -8,9 126,4 112,2 24,1 20,7 6,3 4,6 (- 9,7) (- 10,1) (132,2) (123,8) (24,4) (21,3) (6,2) (4,6) Hauptschuldnerländera) ••••••• o. -3,2 -1,8 188,1 148,7 41,0 33,0 6,7 5,0 II. "Alternative scenarios" 1. 1 v. H. weniger Wachstum in I Industrieländern p. a. Nicht ölexportierende EL unveränderte Einfuhr b) '" . -11,8 -18,0 134,1 141,4 25,3 25,6 6,3 4,3 (- 13,0) (- 18,1) (138,9) (140,6) (25,6) (24,1) (6,2) (4,3) unveränderte Finanzierung b) -8,8 -9,5 129,9 119,9 24,8 22,6 4,4 3,5 (-10,0) (- 10,8) (135,8) (132,2) (25,1) (22,7) (4,5) (3,6) Hauptschuldnerländera) I unveränderte Einfuhr b) ••••. -6,6 -11,2 198,4 184,1 42,9 39,8 6,7 4,4 unveränderte Finanzierung b) -3,3 -1,9 193,8 160,3 42,2 35,6 4,0 3,6 2. Kein Rückgang der Zinssätze gegenüber Durchschnitt 1984 -1985 I Nicht ölexportierende EL unveränderte Einfuhr b) ••••. -10,8 -12,4 130,5 I 124,0 26,7 25,4 6,3 4,6 unveränderte Finanzierung b) -8,6 -8,9 126,4 112,0 24,1 30,7 5,6 4,4 Hauptschuldnerländera) unveränderte Einfuhr b) ..••. -7,6 -8,3 196,2 172,0 46,2 42,3 6,7 5,0 unveränderte Finanzierung b) -3,2 -1,8 188,1 148,7 41,0 33,0 5,2 4,4 3. Scenario "schwacher Politik" in ELc) Nicht ölexportierende EL ..... -11,7 -17,8 132,4 137,6 25,0 24,8 7,3 4,9 (- 12,8) (- 18,1) (136,9) (135,7) (25,1) I (23,3) (7,2) (4,8) Hauptschuldnerländera) ...... -6,0 -9,8 I 194,8 174,7 42,2 37,9 7,7 5,3 --- ---- -- a) Die Gruppe umfaßt 7 Entwicklungsländer mit einer Auslandsverschuldung Ende 1983 von mehr als 30 Mrd. Dollar oder einer ausstehenden Verschuldung gegenüber privaten GläUbigern von mehr als 20 Mrd. Dollar: Argentinien, Brasilien, Idonesien, Korea, Mexiko, Philippinen, Venezula. - b) Unveränderte Einfuhr bedeutet, daß Einfuhr auf Niveau des ,base scenario' bleibt und Leistungsbilanz (in US-Dollars) sich gemäß Auswirkung revidierter Annahmen auf übrige Teile der Leistungsbilanz ändert. - Unveränderte Finanzierung bedeutet, daß Leistungsbilanz auf Niveau des ,base scenario' bleibt und Einfuhr sich entsprechend erhöht bzw. vermindert. (Änderungen in v. H.-Relationen zur Ausfuhr) von Leistungsbilanz, VerSchuldung und Schuldendienst spiegeln u. a. veränderte Ausfuhr wider. - c) Wachstum der Einfuhr wird für jedes Jahr 1 v. H. höher, der Ausfuhr 1 v. H. niedriger angesetzt als im ,base sceI}ario'. 0> 1>:1 ~ g, ...., :IQ 11> ::l O"Q ::0 ~ Ci) OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 Ansätze zur Lösung der Schuldenkrise 63 sionen der ,5 Großen' im Januar 1984 eine Rolle gespielt hat, welche Impulse für das weitere weltwirtschaftliche Wachstum VOn den anderen Industrieländern zu erwarten sind, darunter vor allem Ländern wie Japan, Bundesrepublik und Großbritannien. Je nach der Stärke des Wirtschaftswachstums, den zur Reduzierung der Haushaltsdefizite ergriffenen Maßnahmen und der Entwicklung der Dollarkurse wären auch die Annahmen zur künftigen Zinsentwicklung beim Dollar zu revidieren. Schließlich mag auch die Ölpreisentwicklung zu Revisionen Anlaß geben. Manches weist darauf hin, daß die Vereinigten Staaten im 3. Quartal 1984 eine Wachstumspause erlebten, die schon im 4. Quartal als weitgehend überwunden gelten konnte. Dennoch wird auch für 1985 mit einer etwas weniger kräftigen Anstiegsrate des BSP zu rechnen sein als noch im Herbst 1984 angenommen. Eine gewisse Beruhigung des hektischen Wachstumstempos braucht das mittelfristige Szenario in seinen Ergebnissen aber nicht nachhaltig zu beeinflussen, wenn sie zugleich die Gefahr neu erwachender Inflationserwartungen mindert und auf die Dollarzinsen dämpfend wirkt. Gewiß hat die wachstumsbedingt besonders kräftige amerikanische Einfuhr es den hoch verschuldeten Ländern ermöglicht, von einer Politik der Einfuhrzurückhaltung schon bald auf eine Politik der Ausfuhrstimulierung umzuschalten. Die USA sind für sie ein Hauptabnehmer zusätzlicher Industriegüterexporte geworden, und auch in anderen Industrieländern konnten sie um so eher ihre Produkte absetzen, als diese zugleich in den USA gute Absatzchancen wahrnehmen konnten. Die USA werden aber ihre Lokomotivfunktion nicht für unbegrenzte Zeit um den Preis einer hoch defizitären Leistungsbilanz spielen können. Mit einer gewissen Korrektur muß hier also über kurz oder lang gerechnetwerden. Angesichts bis zuletzt ständig weiter steigender Dollarkurse wichtiger Währungen, einschließlich der D-Mark, ist allerdings nicht mit Sicherheit damit zu rechnen, daß von den betroffenen Ländern zusätzliche Wachstumsund Einfuhrimpulse ausstrahlen werden. Es steht zumindest zu befürchten, daß in einigen dieser Länder ein Anstieg des Zinsniveaus unausweichlich wird, auch wenn diese keine primär am Wechselkurs (oder gar am Dollarkurs) orientierte Geldpolitik verfolgen. Die mit dem Dollarkursanstieg verbundene Verschlechterung der Austauschrelationen ist in einigen Fällen (wozu die Bundesrepublik zu zählen ist) durch niedrigere Rohstoffeinfuhrpreise zum guten Teil kompensiert worden. Daß dies so bleibt, kann zumindest nicht unterstellt werden. In den Vereinigten Staaten hat die Verbesserung der ,terms of OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 64 Wolfgang Rieke trade' in einer Phase kräftigen Wachstums einen stärkeren Preisauftrieb verhindern helfen. Bereits in früheren Diskussionen ist einem erneuten Zinsanstieg und seinen Konsequenzen für die hoch verschuldeten Länder ein ganz besonderes Gewicht als ,downside risk' zugemessen worden. Dies zum einen wegen der unmittelbar zu Buche schlagenden Mehrbelastullgen für die betroffenen Schuldnerländer, durch die alle bisherigen Anstrengungen in Frage gestellt würden und die dabei gebrachten Opfer als vergebens erscheinen müßten. Zum anderen aber auch, weil in einem solchen Zinsanstieg, insbesondere soweit er der unkontrollierten Ausweitung des Defizits im amerikanischen Bundeshaushalt zugeschrieben werden kann, ein eklatanter Mangel an Disziplin sichtbar würde, wie sie von den in Zahlungsund Verschuldungsprobleme geratenen Ländern so nachdrücklich verlangt wird. Zahlreiche Überlegungen drehten sich demgemäß im vergangenen Jahr um die Frage, in welcher Weise die Zinslast ggf. gemildert werden könnte. An gut gemeinten Vorschlägen hat es nicht gefehlt. Die größte Aufmerksamkeit zog der Vorschlag auf sich, Zinsobergrenzen (,caps') für neue und umgeschuldete Kredite vorzusehen und im Fall eines Überschießens der Marktsätze die Differenz dem Kapital zuzuschlagen (bzw. bei niedrigeren Zinsen die Differenz zur Tilgung so zustandegekommener zusätzlicher Verschuldung einzusetzen). Ein naheliegendes Bedenken war, daß je nach Höhe der kapitalisierten Zinsdifferenz, die Verschuldung rasch anwachsen könnte. Soweit ersichtlich haben so wichtige Schuldnerländer wie Mexiko kein übermäßiges Interesse für diesen Vorschlag bekundet. Sie bestehen vielmehr in allen Verhandlungen auf marktgerechten Zinssätzen, die jeder Manipulation entzogen sind und nach ihrer Meinung im übrigen auch die Wiederherstellung normaler Beziehungen zu den Kreditgebern eher erleichtern. Gegen den Vorschlag sprach freilich auch, daß sich die Industrieländer, allen voran die Vereinigten Staaten, so ihrer Verantwortung für ein als überhöht erachtetes Zinsniveau enthoben glauben könnten. Ein anderer Vorschlag, der auf eine Erleichterung der Zinsbelastung abzielt, geht dahin, die überwiegend in US-Dollar eingegangenen Kredite teilweise durch niedriger verzinsliche Kredite in anderen Währungen abzulösen. Dies ist in dem zwischen Mexiko und seinen Gläubigerbanken getroffenen mehrjährigen Umschuldungs abkommen ausdrücklich vorgesehen. Nicht-amerikanische Banken haben danach die Option, bis zu 50 v. H. ihrer Forderungen in die jeweilige Heimatwährung umzuschulden. Dabei ergaben sich beispielsweise im Falle der deutschen Banken gewisse Probleme bei der Wahl marktgerechter Zinssätze für OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 Ansätze zur Lösung der Schuldenkrise 65 die entsprechenden Fristigkeiten. Für das Schuldnerland resultiert aus diesem Vorgehen angesichts niedrigerer D-Mark-Zinsen eine Zinsersparnis, die je nach der künftigen Wechselkursentwicklung allerdings über die Gesamtlaufzeit der Kredite tendenziell mehr oder weniger wettgemacht werden könnte. Die Gläubigerbanken gehen bei Konversion ausstehender Forderungen in ihre Heimatwährung je nach der Wechselkursentwicklung im weiteren Verlauf gewisse Risiken ein. Die von ihnen vorgenommenen Abschreibungen und Rückstellungen auf solche Kredite könnten dadurch ausgehöhlt werden. Die Gläubigerbanken sehen jedoch offenbar Vorteile im Hinblick auf die Refinanzierung wie auch unter bankenaufsichtlichen Gesichtspunkten. Sie mögen eine Denominierung in der Heimatwährung auch für den Fall unerwarteter krisenhafter Entwicklungen mit evtl. Liquiditätsengpässen, die ein Eingreifen der eigenen Notenbank nahelegen könnten, als vorteilhaft erachten. Die Entscheidungsfrist zugunsten der Konversion ausstehender Dollarkredite in die Heimatwährung ist auf 6 Monate festgelegt worden, reicht also bis in den Sommer 1985 hinein. Der Hauptbeitrag zur Erleichterung der Schuldensituation und ihrer Bewältigung dürfte jedoch von der bereits erwähnten Einigung auf mehrjährige Umschuldungen in den Fällen kommen, in denen deutlich erkennbare Fortschritte bei der Wiedergewinnung eines besseren inneren und äußeren wirtschaftlichen Gleichgewichts konstatiert werden können. Auch dabei ging es zuerst jedoch nicht ohne Bedenken ab. Zum einen wurde befürchtet, die Schuldnerländer könnten in ihren Anpassungsbemühungen nachlassen, wenn sie nicht Jahr für Jahr erneut unter dem Druck der Notwendigkeit stehen, für kurze Frist geltende Refinanzierungsvereinbarungen zu erneuern. Auch die Tatsache, daß die Auflagen des IWF nur so lange gelten und er seiner Kontrollfunktion nur so lange nachkommen kann, wie das Schuldnerland ihm gegenüber im Obligo ist, gab zu Bedenken Anlaß. Im Fall Mexikos spielte dabei auch der nächste Wahltermin eine Rolle, da dann erfahrungsgemäß ein Nachlassen der Haushaltsdisziplin und ein Nachgeben in anderen Bereichen befürchtet werden muß. Die Umschuldungsvereinbarung mit Mexiko sieht deshalb auch nach Auslaufen des IWF-Programms freiwillige halbjährliche Konsultationen vor, über deren Ergebnisse die Gläubigerbanken informiert werden. V. Dieser kurze Abriß rechtfertigt den Eindruck, daß die internationalen Schuldenprobleme in den vergangenen 2% Jahren seit Ausbruch der Krise wenigstens in Ansätzen einer Lösung näher gebracht werden 5 Schriften d. Vereins f. Socialpolitlk 155 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 66 Wolfgang Rieke konnten. Von Bewältigung der Probleme und Rückkehr zur Normalität zu sprechen, wäre indes verfrüht. Das Szenario des IWF geht von einer positiven weltwirtschaftlichen Entwicklung aus, die in mehrfacher Hinsicht vorbelastet ist und gewisse ,downside risks' enthält. Sie müssen ernst genommen werden, weil hinsichtlich der Bewältigung der Schuldenprobleme, wie das OECD-Sekretariat es im Vorjahr einmal ausdrückte, "there is a very narrow path over the years ahead towards viability" und, um Professor Lamfalussy zu zitieren, "there is no safety margin for shocks". Die Schuldnerländer sind in ihrer Mehrzahl außerordentlichem sozialen Druck ausgesetzt, der die konsequente Durchführung der wirtschaftlich für notwendig gehaltenen und vom IWF zur Bedingung gemachten Maßnahmen immer wieder in Frage stellt. Die Solidarität der Gläubigerbanken hat sich als einigermaßen haltbar erwiesen, ist aber, wie sich jüngst im Fall Argentiniens zeigte, nicht unbegrenzt belastbar. Aus der Sicht der hoch verschuldeten Länder rechtfertigen sich die Anstrengungen und Opfer nur, wenn sie mit der Wiedergewinnung eines tragbaren inneren und äußeren wirtschaftlichen Gleichgewichts und damit ihrer Zahlungsfähigkeit zugleich wieder in die Lage versetzt werden, angemessene Wachstumsraten zu erreichen. Dies setzt voraus, daß sie in dem zur Finanzierung ihrer Einfuhrerfordernisse und ihres Schuldendienstes erforderlichen Maße auf den Märkten der Industrieländer Absatz für ihre Exporterzeugnisse finden. Voraussetzung dafür wiederum sind offene Märkte, aber auch einigermaßen erträgliche Austauschrelationen und damit Preise besonders auch für die VOn ihnen produzierten Rohstoffe. Außerdem muß ein ihrem Entwicklungsstand angemessener Kapitalzufluß in Aussicht stehen. Die Industrieländer werden auf den April-Sitzungen VOn Interimsausschuß und Entwicklungsausschuß zu allen diesen Themen auf Fragen vorbereitet sein müssen. Welcher Konstellation VOn Handelsund Leistungsbilanzen werden sich die Entwicklungsländer in der voraussehbaren Zukunft gegenübersehen, wenn sich das enorm hohe amerika nische Leistungsbilanzdefizit im Gefolge VOn schließlich getroffenen Maßnahmen zur Reduzierung des Haushaltsdefizits und einer gewissen Abschwächung des Expansionstempos der US-Wirtschaft zurückbildet? Welcher Zinskonstellation werden sie sich dann gegenübersehen? Welche Rolle werden die Banken bei der Vermittlung von Krediten in Zukunft spielen und welche anderen Quellen des Ressourcentransfers werden an ihre Stelle treten, soweit die Banken weniger bereitwillig Kredite vermitteln? Werden sich in den Industrieländern die Interessen der Konsumenten gegenüber denen nationaler Produzentenund Arbeitnehmerorganisationen durchsetzen und protektionistische Neigungen in Grenzen halten? Wird die OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 Ansätze zur Lösung der Schuldenkrise 67 Wirtschafts-, Finanzund Geldpolitik in den Industrieländern und die internationale Zusammenarbeit zwischen ihnen den damit gestellten Anforderungen gerecht werden? Wo ist die Entwicklungshilfe adäquat einzuordnen, und welche Rolle müssen die internationalen Entwicklungsinstitutionen übernehmen? Welche Rolle kommt dem IWF künftig zu, wenn es um die multilaterale überwachung der Wirtschaftspolitik von Industriewie Entwicklungsländern auf ihre Konsistenz geht, aber auch um Fragen der Wechselkursund Reservepolitik? Solche Fragen stehen hinter der Forderung nach einer ,globalen Behandlung' der internationalen Schuldenprobleme. Man wird sich ihnen nicht entziehen können, auch wenn man überzeugende Gründe dafür hat, die je nach den Umständen von Land zu Land unterschiedlich gelagerten Schuldenprobleme ,case-by-case' anzugehen und einer Lösung näher zu bringen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 The International Debt Situation in an American View: Borrowing Countries and Lending Banks By Henry C. Wallich, Washington D.C. At this time, the total external debt of developing count ries may be estimated to be something less than $ 900 billion. About three-fifths of this has aecumulated sinee 1977. Before asking whether and how this debt ean be serviced, it is useful to plaee it in a eontext of world magnitudes. Annual world (non-Communist) savings out of a world GNP of something in exeess of $ 10,000 billion can be estimated at perhaps a gross 20 percent and net (after depreciation) at something less than half, or $ 1,000 billion. During the time when developing-eountry debt was growing at its fastest rate, of ab out 20 percent per year, it absorbed elose to one-tenth of eurrent world saving. More reeently, such debt has been growing at an annual rate of the order of five percent or a Httle more, absorbing perhaps one-twentieth of world saving. At the time of maximum borrowing, therefore, the developing countries elaimed a more substantial part of world saving, in contrast to today's relatively modest demands. However, during the heyday of developing-eountry debt expansion, OPEC surpluses still were making a substantial eontribution to world saving. Today, in eontrast, the United States makes demands on world saving on the order of $ 100 billion annually and soon probably more. At all times, therefore, faetors other than developing-eountry borrowing dominated the pattern of world sources and uses of saving. I. Uses of Borrowing If, from a world soure es and uses point of view, developing-eountry borrowing is seen to have been of only moderate importanee, this borrowing nevertheless has been highly signifieant for the domestie absorption of resourees in the borrowing countries. What did the developing countries do with the money they borrowed, and what did the money do for them? If the borrowings were largely invested in ineomeproducing assets, produetivity and ineome would have risen and the OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 70 Henry C. Wallich service of the resulting debt should present no basic problems. Only rather tenuous guesses are possible, however, as to the part of the inflow that directly or indirectly went into incremental investment. Ratios of investment to GNP, or to a measure of total absorption, did rise on average for developing .countries during the 1970'S.1 Saving ratios also rose. The rate of growth of most developing count ries :was high during the period of heavy borrowing. But the return on investment seems to have declined as investment rose, and there was some slowing in basically still high growth rates. Some "investment" of a very different kind took place, in the form of capital flight. In the case of Mexico and Argentina, this outflow is estimated, from 1974 to 1982, to have accounted for perhaps one-half of the net amount borrowed; in the case of Venezuela, about 90 percent; in that of Brazil about one-eighth. 2 This "investment" benefits, not the horne, i.e., developing country, but the country where the flight capital went. Even so, the diversion of borrowed funds into capital flight is less detriment al to world development than if the owners had chosen to consume these resources. Some downward pressure may be exerted on interest rates and rates of return not only in the country receiving the flight capital, but all over the world. The resources, to be sure, for the time being produce neither income nor probably taxes for the horne country. Nevertheless, appropriate policies, including positive real interest rates, plus political stability, could bring some of it back. Unfortunately, one must assurne that a large part of the borrowed money went for consumption, in the form of excessive imports of highpriced oil and various consumer goods. Frequently this spending was financed through government budget deficits, caused by subsidies and other unproductive expenditures, including purchase of weapons. A worldwide shift from negative real interest rates to significantly positive real rates, and the consequent rise in debt service, also used up some of the funds borrowed. 1 See International Monetary Fund, World Economic Outlook (Occasional Paper 21, May 1983), pp. 140 - 144; Jeffrey P. Sachs, "The Current Account and Macroeconomic Adjustment in the 1970's", Brookings Papers on Economic Activity, 1981: 1, pp. 201 - 268; Robert Solomon, "A Perspective on the Debt of Developing Countries", Brookings Papers on Economic Activity, 1977: 2, pp. 479 - 501; Robert Solomon, "The Debt of Developing Countries: Another Look", Brookings Papers on Economic Activity, 1981: 2, pp. 593607; and Henry C. Wallich, "Financing Developing Countries", Yale Center for International and Area Studies Conference on International Debt and the World Economy, February 17, 1983 (mimeographed). 2 Michael Dooley, William Helkie, Ralph Tryon, and John Underwood, "An Analysis of External Debt Positions of Eight Developing Count ries through 1990", (International Finance Discussion Papers, No. 227, August 1983), Washington, D. C.: Federal Reserve Board. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 The International Debt Situation in an American View 71 In adding up incremental investment, capital flight, and increased outlays (in nominal terms) for consumption, there is a danger of overexplaining the absorption of borrowed funds. The best judgment seems to be that the borrowing count ries experienced a substantial increase in their in co me and debt-carrying capacity and that these benefits of added investment could be enhanced in future if measures are taken to induce flight capital to return. It must also be remembered that easing the impact of higher oil prices provided benefits as contrasted with the consequences of an unassisted brusque adjustment, even though the easing may often have gone too far. n. Debt Capacity and Growth An alternative approach to exploring the ability of developing countries to service their debt involves the familiar comparisons of growth and the real interest rate. If the growth rate of the economy (measured conveniently in terms of exports but more fundamentally in terms of GNP) equals the interest rate, the country can potentially borrow all the interest it pays without changing the ratio of debt to GNP or exports. Debt and the economy grow at the same rate. This holds true at any relationship of debt to the scale variables - whether debt is 10 percent or 1,000 percent of exports or GNP. In this conceptual model, it is implicitly taken for granted that the outstanding debt is rolled over continuously. Debt service means interest payments. At no level of the debt/GNP relationship does the country retain any part of its annual borrowings for investment, so long as the interest rate equals the growth rate. If the interest rate falls below the growth rate, some of the borrowing that keeps the debt at a constant relation to GNP can be used for investment, via a trade deficit. If the interest rate rises above the growth rate, the country must pay some of the interest via a trade surplus. In any event, a stable debt/GNP relation is sustainable only if the creditors regard the country as creditworthy and are satisfied to roll over the debt. This approach tells us something about the dyn ami es of keeping debt afloat. It does not tell us what debt/GNP ratio the lenders will regard as acceptable. Presumably a debt ratio rising without limit is not acceptable to them. How far they will allow the ratio to rise without curtailing their lending cannot be read off the model. Conceptually, any ratio, once attained, can be stable. If the interest rate equals the growth rate, the country would have the full use cf its export revenue for importing purposes. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 78 Henry C. Wallich asset ratios. About half of the large multinational bank holding companies, which do the bulk of international lending, had allowed primary capital ratios to fall into the 3 to 4 percent range during the late 1970's. They have since come up to weIl over 5 percent. Bank regulators, in addition to their general supervisory authority, have received explicit legal powers to set minimum capital standards. At present, for large banks and banks holding companies, these have been set at 5 percent (primary capitaIltotal assets) but are likely to be raised so on to 5.5 percent. Increases in capital ratios c1early strengthen a bank if they are brought about by raising new capital, by restraining dividends, or by slowing the normal growth of the bank's assets. A bank is not strengthened, of course, if it raises its capital ratio by placing some of its assets "below the line," reduces total assets by cutting down on highly liquid but not very profitable interbank placements, or substitutes contingent for ordinary liabilities. Provisioning, on the other hand, adds nothing to the strength of a bank unless it implies a tax saving or leads to a change in behavior (in the direction of rest raint) by the banks. Otherwise, assets, liabilities, and cash remain unaffected except in a bookkeeping sense. American banks appear to be reluctant to provision partly because, in the absence of a documented loss, there are no tax benefits. European banks, in varying degrees, seem to be able to reduce taxes by provisioning and so increase cash. American banks further differ from many of their foreign counterparts in being constrained by quarterly reporting requirements, by tight rules governing the accrual of interest in arrears, by a high degree of disc1osure, and by the inability to accumulate hidden reserves. Unlike some foreign banks, however, they are not required to write down negotiable assets to the lower of cost or market. All this reflects differences in regulatory philosophy. The American system stresses the discipline of the market, brought about by full disclosure. This ordinarily enhances bankers' prudence, but once something has gone wrong, the exercise of market discipline, through withdrawal of funds, makes the bank more vulnerable. Abroad, discrete silence minimizes this risk, at the possible cost of greater trouble once difficulties break out into the open. Comparisons of the capital positions of American and foreign banks are difficult to make. Published capitaIlasset ratios for the most part show American capital to be higher than of foreign banks, with respect to some countries very substantially so. But the existence of hidden reserves, in the form of appreciated assets or assets written down below true value, may compensate for this to an unknown degree. In addition, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 The International Debt Situation in an American View 79 there is a host of technical differences concerning the inclusion in capital of borderline accounts, such as subordinated debt, convertible securities, property valuation reserves and loan loss reserves, among others. Differences exist in national preferences also as to whether and how assets should be weighted by risk in calculating the capitaIlassets ratio. Efforts are going forward to develop a higher degree of international comparability of capital positions, although at this time harmonization of actual national practices and ratios does not seem in sight. Profitability is another important factor determining both the ability to make provisions and the ability to accumulate capital. Whether diffe ring conditions of competition in the various national markets allow banks in some count ries to be more profitable may be a moot point. But the ability to avoid full disclosure of unusual profits, through an absence of total transparency, may be an important factor. Vll. Accounting Practices and Bank Policies Continuous cooperation and joint efforts to solve common problems have enabled the international banking community to overcome the effects of institutional differences. The implications of these distinctions for bank policy have been fully explored and, where needed, reconciled by pragmatic adaption. Some of the issues that had to be resolved will be briefly reviewed. One issue, very often, is the provision of "new money," that helps the borrower to pay the interest. A bank that has al ready written off a significant part of a loan and no longer is counting on the interest will be less eager to supply new money. It will be particularly reluctant if new money for a partly written-off borrower requires an immediate write-off also against the new loan. For a bank that is disposed to continue lending in one form or another, the question of "new money" on some past occasions has come up in still another way. For instance, it is in many respects simpler to capitalize unpaid interest than to provide a new loan that serves to pay it. If the amounts are equal, the results are the same. In fact, it is probably easier for the lead banks to get reluctant smaller banks to stay with a loan via interest capitalization than via the new-money route. The latter gives a bank a clearer opportunity to avoid participation. For the debtor country, too, there may be an advantage in inte rest capitalization because it creates a presumption, if not a certainty, that a large part, if not the full amount, of the unpaid interest will be capitalized, Le., in effect relent. A new money loan may be more parsimonious. Moreover, in some countries, a new-money loan to a debtor against whose earlier indebtedness provision has been made may call in question the tax deductibility of that provision. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 80 Henry C. Wallich For the banks, however, capitalization raises the question whether this interest can properly be treated as income. American accounting rules say, very broadly, that it can be so treated if ultimate repayment is reasonably assured. In plain language, this means that it usually cannot because reasonable assurance of repayment is lacking. Conceivably, capitalized interest can be taken into income if some write-off required by accounting rules is practiced. Interest paid with the proceeds of a new-money loan can be taken into income like all other interest. Non-American banks seem to have greater flexibility with respect to the capitaIization of interest. Accounting rules differ among count ries, and in some countries capitalized interest treated as income is penaIized by write-offs. At one time, non-U.S. banks seemed to prefer the capitalization route, American banks the new-money route. Because of the American concern, foreign banks usually have acceded to the newmoney route, and so this issue has largely quieted down. Preferences of American and foreign banks have differed also in the matter of currency denomination. A very large portion of developingcountry loans is denominated in dollars. This gives American banks the advantage of lending in their horne currency, in which it may be easier for them to fund, and in which they have the advantage of a lender of last resort capable of creating that currency, as weIl as the further safety net provided by domestic deposit insurance. Foreign banks may find it less economical to fund in dollars, their lender of last resort cannot create dollars, their deposit insurance system, if there is one, may be limited to their horne currency. These features may not weigh heavily with respect to short-term commitments. They seem to weigh more heavily over longer periods. This became evident in the process of multi-year rescheduling, when, as noted above, non-U.S. banks asked for the opportunity to switch into their domestic currency. Typically, the non-U.8. banks have been accommodated as regards currency denomination. The possible costs of currency switches seem to fall principally upon the borrowing country, if the currency structure of its exports and imports makes dollar financing preferable. VllI. Bank Strategies Differences exist among banks, but not necessarily by country, with respect to a large variety of additional factors. In every rescheduling, it matters whether a bank's lending is concentrated in the public sector or in the private, and whether its private-sector loans have government guarantees. Likewise, guarantees by parents of multinational subOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 The International Debt Situation in an American View 81 sidiaries can be an important factor enabling a bank to adopt a tougher attitude. The net result of the jockeying for position between privateand public-sector creditors probably is to weaken the private sector and enhance the role of government in the developing country in question. But such macro considerations may not carry much weight in micro decisions. Another area in which there seem to be differences of view among leading banks is with regard to the desirability of keeping continued participation by aIl lenders to a given country. A great deal of effort has been spent, in various reschedulings, to keep smaller banks in the lending group. Typically, it is these banks that have an opportunity to get out, while the large banks are substantially committed. Attitudes of local boards of directors and reluctance of officers to expose themselves to criticism begin to playa role. Some large banks, therefore, seem to feel that it would be preferable to phase out the participation of smaller banks whose quantitative contribution may not be very important. Banks have shown themselves of different opinion with respect to the degree of control and conditionality to be exerted in lending. Particularly in multi-year rescheduling this difference may surface. Multiyear rescheduling gives the borrowing country more "rope" than oneyear arrangements, the latter sometimes referred to as a "short leash." On the whole, the banks have shown themselves to be poor administrators of conditionality, i.e., unable to induce a country, by holding out money, to adopt and abide by good policies. The International Monetary Fund, on the contrary, seems to have shown considerable ability to administer conditionality. Institutional differences mayaIso affect attitudes toward rescheduling, including multi-year rescheduling. On dollar loans, which are practicaIly the only kind American banks make, they have the advantage of a lender of last resort capable of creating that currency, as weIl as the further safety net provided by domestic deposit insurance. Foreign banks lending in dollars do not have the same advantages. The significance of this became apparent in the recent multi-year reschedulings where non-U.S. banks received the right to switch their loans into their home courrencies. Likewise significant for lending policy to developing count ries is the degree of supervision and examination to which national banking systems are subject. The American banking system, with its 14,000 banks, is probably the most extensively supervised and examined among major countries. With respect to lending to developing countries, nevertheless, supervision has not prevented the occurrence of problems. 6 Schriften d. Vereins f. Socialpol1tik 155 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 82 Henry C. Wallich Moreover, once exposure has become high, forceful application of regulatory restraint may bring on precisely the problem that the supervisors are concerned to avoid. There seems to be no substitute for the basic quality of bankers' prudence. IX. The Changing Bole of Bank Credit Many considerations that have come up in the course of this paper inevitably raise questions as to whether commercial banks are really a suitable channel for capital flows to developing count ries. In the longdistant past, the typical form of lending to developing count ries was a bond issue. Count ries that the bond market would not accept could at best get official credit. The banks performed a great service for developing countries when they undertook to fill the vacuum left by the demise of the international bond market, but perhaps not altogether to their own good. It is clear that the rate of expansion of bank credit cannot return to what it was in the 1970's. It is far less clear what can take its place to avoid a corresponding cutback in the rate of borrowing by developing countries, recognizing that capital flow will probably be relatively smaller hereafter than during the 1970's. The most interesting problems of financing developing countries, therefore, may He in the area, not of shoring up and improving bank lending practices, but in the creative innovation of new forms of international capital movements. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 Die internationale Schuldenkrise und die Banken Von Otmar Emminger, Frankfurt* I. Die Rolle der Banken bei der Entstehung des Problems Die international tätigen Banken spielten von Anfang an eine zentrale Rolle beim internationalen Schuldenproblem. Vom Beginn der siebziger Jahre bis zum Ausbruch der akuten Schuldenkrise im Jahre 1982 waren sie stark beteiligt am Aufbau der riesigen internationalen Schuldenpyramide; ja sie waren in dieser Zeit der eigentliche dynamische Faktor. Seit 1982 haben sie bei dem damals einsetzenden - und noch heute fortdauernden - Krisenmanagement wiederum eine zentrale Rolle zu spielen, indem sie in einer noch nie dagewesenen internationalen Kooperation, zusammen mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF), den führenden Notenbanken und den beteiligten Regierungen, mithelfen, die besonders kritischen Schuldenfälle zu entschärfen und längerfristige Lösungen vorzubereiten. Die Banken stehen auch insofern im Zentrum des Schuldenproblems, als es eine Zeitlang den Anschein hatte, als könnte sich aus der Krise der Schuldnerländer eine Krise des internationalen Bankensystems entwickeln. Ich kann hier auf die Entstehungsgeschichte und Entwicklung des Schuldenproblems nicht im einzelnen eingehen. Ich möchte aber auf einige Fakten hinweisen, die geeignet sind, weitverbreitete historische Mißverständnisse und Irrtümer richtigzustellen. Hierzu gehört z. B. die oft von führenden Bankenvertretern vorgebrachte These, die übermäßige Kreditexpansion in die Dritte Welt sei den Banken mehr oder weniger aufgezwungen worden durch die Notwendigkeit, die riesigen überschüsse der OPEC-Länder an die Defizitländer zurückzuschleusen; die Regierungen und Notenbanken hätten selbst zu diesem "Recycling" ermuntert oder sogar Druck ausgeübU In Wirklichkeit hat die ausufernde Dynamik der internationalen Bankausleihungen in der Zeit bis 1982 noch ganz andere Ursachen gehabt. Es ist nicht uninteressant, daß schon im Mai 1973, also ein halbes • Der Abdruck des Beitrags erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Fritz Knapp Verlages aus W. Gebauer (Hrsg.), "Öffentliche Finanzen und monetäre Ökonomie", Festschrift für Karl Häuser zur Vollendung des 65. Lebensjahres, Frankfurt/Main 1985. 1 So ein führender deutscher Bankmann bei einer internen Besprechung über das Schuldenproblem im Jahre 1983. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 84 Otmar Emminger Jahr vor Beginn der ersten Ölpreisexplosion, auf einer Jahrestagung der amerikanischen Bankers' Association of Foreign Trade das Thema der (möglicherweise) übermäßigen Bankausleihungen an die Dritte Welt behandelt wurde und bereits Befürchtungen wegen einer zu starken Belastung der Schuldnerländer angemeldet wurden. Inzwischen stieg die äußere Schuld der Entwicklungsländer (ohne OPEC) von 130 Mrd. $ Ende 1973 bis Ende 1982, also bis zum Ausbruch der Krise, auf 633 Mrd. $. Das war eine Steigerung um über 20 Prozent im Jahresdurchschnitt. Die Ausleihungen der Banken stiegen noch schneller. Das jährliche Wachstumstempo betrug zwischen 1975 und 1980 25 Prozent. Das war fast doppelt so rasch wie die Expansionsrate des Inlandsgeschäfts der Banken und wie die (wertmäßige) Expansion des Welthandels in dieser Zeit. Der Anteil der Bankausleihungen an der Verschuldung dieser Ländergruppe war von 1973 bis 1982 von 36 auf fast 50 Prozent gestiegen; bei den lateinamerikanischen Schuldnerländern war der Anteil noch wesentlich höher. Mit dem Ausbruch der Schuldenkrise im Jahre 1982 (Mexico, August 1982) kam dieser dynamische Expansionsprozeß der Bankausleihungen zu einem vorläufigen -wahrscheinlich sogar definitiven -Ende. Es gab verschiedene Triebkräfte für diese explosions artige Ausweitung des internationalen Kreditgeschäfts. Seit den sechziger Jahren war das Banksystem in eine stürmische Phase der Internationalisierung eingetreten. Die Euro-Märkte expandierten enorm. Alle großen Banken beeilten sich, Filialen oder Tochterbanken an den wichtigsten internationalen Finanzplätzen zu errichten. In den siebziger Jahren nahm die Zahl der am internationalen Bankgeschäft beteiligten Institute Jahr für Jahr sprunghaft zu. Der Wettbewerb um die Kunden wurde immer schärfer. Zum Teil stand dahinter reiner Expansionsdrang und Konkurrenzdenken; zum Teil auch die besonders günstigen Ertragsaussichten in diesem Geschäft. Untersuchungen in den siebziger Jahren über die amerikanischen Großbanken ergaben, daß im Auslandsgeschäft die Gewinnrate erheblich höher als im Inlandsgeschäft war, während die Verlustquote - damals -geringfügig war im Vergleich zum Inlandsgeschäft. Einige der besonders aktiven amerikanischen Großbanken machten im Auslandsgeschäft weit über die Hälfte ihres Gesamtgewinns, obgleich der Anteil dieses Geschäfts am Gesamtvolumen weit niedriger lag. Das internationale Kreditgeschäft ist eben für die Banken ganz überwiegend ein "Großhandelsgeschäft" mit relativ niedrigen Personalund Fixkosten. Außerdem ist das Offshore-Geschäft der Banken von Mindestreserven und anderen Belastungen frei. Eindrucksvoll wird die Internationalisierung des Bankgeschäfts durch Zahlen der Federal Reserve über die amerikanischen Banken beleuchOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 Die internationale Schuldenkrise und die Banken 85 tet: danach stiegen von 1960 bis 1983 die internationalen Forderungen und Anlagen der amerikanischen Banken (und ihrer Auslandsfilialen) von ungefähr 5 Mrd. $ auf rund 410 Mrd. $; gleichzeitig stiegen die Verpflichtungen gegenüber dem Ausland von praktisch Null auf 260 Mrd. $. Von besonderer Bedeutung waren die weltwirtschaftlichen Rahrnenbedingungen, die bis zu Beginn der achtziger Jahre die Expansion des Kreditgeschäfts ungemein begünstigten. Es war die Zeit der weltweiten chronischen Inflation, insbesondere im Dollarraum. Die Realzinsen lagen bis zum Beginn der achtziger Jahre im Dollarraum, und erst recht gemessen an den Exportpreisen der großen Schuldnerländer, ungefähr bei Null, zeitweise sogar beträchtlich unter Null. Die Bundesrepublik Deutschland war in den siebziger Jahren das einzige größere Land, das durchweg einen positiven Realzins aufwies. Die jährlichen Wachstumsraten des Schuldendienstes der wichtigen Schuldnerländer lagen bis Ende der siebziger Jahre meist niedriger als die nominellen (inflatorisch aufgeblähten) Wachstumsraten der Exporte der Schuldnerländer. All dies verlieh dem weitgehend unkontrollierten internationalen Kreditgeschäft eine ungewöhnliche Dynamik, in der von vornherein das Risiko von Übertreibungen lag. Weder die kreditgebenden Banken noch die Schuldnerländer rechneten mit einem Ende der inflatorischen Rahmenbedingungen, noch gar mit der darauf folgenden drastischen Umkehr zu einer weltweiten Desinflation mit überaus hohen Realzinsen und einer starken Verschlechterung der terms of trade der meisten Schuldnerländer. Die mangelnde Voraussicht der Kreditgeber und Kreditnehmer findet nur darin eine gewisse Entschuldigung, daß bis weit in das Jahr 1981 hinein auch manche internationalen Institutionen (z. B. die Weltbank oder die OE CD) öffentlich erklärten, daß das Tempo der Verschuldung der Entwicklungsländer nicht untragbar sei. ll. Ölschocks und Bankausleihungen Die beiden Ölpreisexplosionen verliehen dieser Dynamik einen besonderen Auftrieb und einen besonderen Charakter. Die explosiven Erhöhungen der Ölpreise, zuerst Ende 1973, dann erneut in den Jahren 1979 und 1980, blähten das Defizit der Handelsund Leistungsbilanzen der ölimportierenden Entwicklungsländer gewaltig auf. Dies erhöhte mindestens für eine Übergangszeit von mehreren Jahren den unvermeidlichen externen Finanzierungsbedarf dieser Länder beträchtlich. Eine von William R. Cline2 aufgestellte Rechnung über die Belastung der nichtölexportierenden Länder der Dritten Welt durch die beiden 2 William R. CHne, International Debt, Institute for International Economies, Washington, DC, 1984, S. 10. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 86 Otmar Emminger Bankausleihungen an Entwicklungsländer (ohne OPEc)a) -Mrd. Dollar - 1973 1978 1979 1980 1981 I 1982 Auslandskredite der Banken an alle Länder (Nettozugang) ........ 32 90 125 160 165 95 Davon: an Entwicklungsländer (ohne OPEC)b) ....... 10 25 41 49 51 25 Gesamtsumme der ausstehenden Bankforderungen an Entwicklungsländer (ohne OPEC), Jahresende b) .... 32 155 195 241 286e) 306 e) Leistungsbilanzdefizit der Entwicklungsländer (OECD-Definition)d) .... -6 - 26 - 41 - 63 - 81 - 68 a) Auslandskredite der an die BIZ berichtenden Banken. 1983 85 17 3lge) - 41 b) Quelle: IWF. International Capital Markets (auf der Basis der BIZ-Statistik). c) Nach der umfassenderen IWF-Schätzung (alle Banken): 1981: S 378 Mrd .• 1982: S 414 Mrd .• 1983: S 433 Mrd. d) Unter BerückSichtigung der öffentlichen Transfers in die Entwicklungsländer. Ölschocks (im Vergleich zu einer Ölpreissteigerung im Einklang mit dem amerikanischen Großhandelspreisindex) ergibt für die Zeit von 1974 bis 1982 eine kumulative Zusatzbelastung von rund 260 Mrd. $3. So stieg das Finanzierungsdefizit dieser Ländergruppe der Dritten WeIt von 6 Mrd. $ im Jahre 1973 auf einen ersten Höhepunkt im Jahre 1975, um dann vorübergehend abzuflachen. Nach dem zweiten Ölpreisschock erreichte das globale Leistungsbilanzdefizit dann im Jahre 1981 einen Höhepunkt von 81 Mrd. $.4 Was aber war die tatsächliche Rolle der Banken beim Recycling der OPEC-überschüsse? Sie war zwar bedeutend, erklärt jedoch bei weitem nicht die starke Expansion der internationalen Bankausleihungen. Nach dem "World Economic OutIook" des IWF von 1984 betrugen die Nettoüberschüsse der OPEC-Leistungsbilanzen in der Zeit von 1974 bis 1982 insgesamt fast 400 Mrd. $. Diese Devisenüberschüsse mußten in irgendeiner Form an andere Länder zurückfließen. Dieses Zurückfließen oder 3 Dabei nicht berücksichtigt: die Wirkung der durch die hohen Olpreise erzwungenen mengenmäßigen Anpassungsmaßnahmen, ferner die zusätzlichen Exportmöglichkeiten in die OPEC-Länder USW. 4 Nach der Leistungsbilanzdefinition der OECD. Nach der IWF-Definition stieg das globale Leistungsbilanzdefizit dieser Gruppe von 11 Mrd. $ im Jahre 1973 auf 109 Mrd. $ im Jahr 1981. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 Die internationale Schuldenkrise und die Banken 87 "Recycling" war ein ziemlich komplizierter und weitgestreuter Vorgang. Von dem erwähnten Globalüberschuß von rund 400 Mrd. $ flossen den Banken der Industrieländer bis Ende 1982 nur 140 Mrd. $, also etwas mehr als ein Drittel, zu. Da einige der OPEC-Staaten zeitweise auch nicht unerhebliche Kredite im internationalen Bankensystem aufnahmen, war der Nettozufluß ins Bankensystem sogar erheblich geringer als ein Drittel der gesamten OPEC-überschüsse. Erheblich größere Beträge flossen über andere Kanäle zurück (Ankauf von Wertpapieren in Dollar oder anderen Währungen, Direktinvestitionen, Beiträge zu internationalen Institutionen, direkte Hilfeleistung für andere Entwicklungsländer usw.). Tatsächlich haben die Banken weit mehr internationale Kredite gegeben, als sie an Ölgeldern vereinnahmten. Allein schon die NettoAusleihungen der Banken an die Entwicklungsländer (ohne OPEC) erhöhten sich in der gleichen Zeit um rund 275 Mrd. $, also mehr als das Doppelte der den Banken gleichzeitig zugeflossenen Ölgelder (netto). Die Banken machten in der gleichen Zeit natürlich auch riesige Ausleihungen an andere internationale Kreditnehmer. Interessant ist auch, daß in den Jahren 1977 und 1978, in denen den Banken nur geringe Beträge an Ölgeldern zuflossen, ihre Ausleihungen an Länder der Dritten Welt in nur wenig vermindertem Umfang weitergingen. Kurzum: Das Recycling von Olgeldern erklärt nur einen Bruchteil der explosiven K7·editausweitung des internationalen Bankgeschäfts. Wir hatten übrigens schon im Geschäftsbericht der Bundesbank für 1978 (S. 52 f.) auf dieses Phänomen des "über-Recycling" der Banken mit Nachdruck hingewiesen. Die internationalen Bankausleihungen wurden also aus manchen anderen Quellen nicht weniger als aus Ölgeldern alimentiert. Zum Teil dürfte es sich dabei um eine Selbst-Alimentierung, d. h. eine Kreditschöpfung innerhalb der Euromärkte gehandelt haben. Wilfried Guth (Sprecher der Deutschen Bank) kennzeichnete dies auf einem Symposium über internationale Verschuldung im September 1979 - wo bereits lebhafte Bedenken gegen übertriebene Kreditgewährung vorgebracht wurden - treffend wie folgt: "Die an den Euromärkten anscheinend auf alle Ewigkeit verfügbare Liquidität erzeugt Versuchungen .... Statt Defizitländer zu drängen, beim IWF anzuklopfen, geben die Banken selbst immer weiter Geld." ßI. Die Haltung der Notenbanken und des IWF Vor etwas über zwei Jahren wurde in einer Diskussion über das internationale Schuldenproblem von einem Teilnehmer (es war der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt) die Behauptung aufgestellt, die Verantwortung für die gefährlichen übertreibungen bei den BanOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 94 Otmar Emminger Dieses bisherige Verfahren zur Bewältigung des Schuldenproblems stellt eine ganz außergewöhnliche Bewährungsprobe für das internationale Bankensystem und seine Kooperationsfähigkeit dar. Wilfried Guth, einer der Sprecher der Deutschen Bank, sagte Anfang 1984: "Im Leben jedes Bankmannes gibt es ein Ereignis, das einen dauerhaften Eindruck hinterläßt: für diese Generation von Bankleuten ist dies die internationale Schuldenkrise." Aber auch für den nicht unmittelbar beteiligten Beobachter ist sowohl die internationale Schuldenkrise als auch ihre bisherige Bewältigung durch eine beispiellose internationale Zusammenarbeit ein beeindruckender Vorgang. v. Konsequenzen für das internationale Bankensystem Die Schuldenkrise bedeutet einen tiefen Einschnitt in der Entwicklung des internationalen Bankgeschäfts, der zum Teil dauerhafte Folgen nach sich ziehen wird. Zunächst einige Bemerkungen zu den kürzerfristigen Problemen: Das internationale Schuldenproblem ist gegenwärtig unter Kontrolle, und die jüngste Entwicklung in wichtigen Schuldnerländern erlaubt zu hoffen, daß wir auf dem Weg zu der dritten Phase der Schuldenbewältigung, nämlich der längerfristigen Umschuldung, sind. Wir stehen nicht mehr vor einem weltweiten Globalproblem, sondern vor kritischen Situationen einzelner Schuldnerländer, von denen jedes seine spezifischen Probleme hat. Aber auch für die fortgeschrittenen Schuldnerländer können Betriebsunfälle nicht ausgeschlossen werden, insbesondere bei einer Verschlechterung der Weltwirtschaftslage. Wir befinden uns daher immer noch in einer Risikosituation. Die Banken dürfen sich daher nicht allzu sehr auf die positiven Entwicklungsaussichten verlassen, sie müssen auch die Möglichkeit eines ungünstigeren Verlaufs in Rechnung stellen. Das bedeutet, daß sie weiterhin ausreichende Vorkehrungen gegen die mit dem Schuldenproblem verbundenen Risiken in Form von Rückstellungen, Abschreibungen oder Kapitalerhöhungen treffen müssen. Die deutschen und schweizerischen Banken dürften in dieser Hinsicht freilich besser dastehen als manche anderen Systeme. Ein weiteres kurzfristiges Problem für die Banken ist die Behandlung der gegenwärtigen akuten Schuldenfälle. Es ist an der Zeit, von der Behandlung akuter Liquiditätskrisen überzugehen zu längerfristigen Umschuldungen, wo immer es möglich ist. Dies liegt im Interesse sowohl der Schuldner als auch der Gläubiger. Die Gläubigerbanken sollten nicht zögern, dabei auch einige Risiken in Kauf zu nehmen. Eines davon ist die Schwierigkeit, die Einhaltung einer vernünftigen OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 Die internationale Schuldenkrise und die Banken 95 Wirtschaftsund Finanzpolitik durch die Schuldnerländer langfristig zu verfolgen (long-term monitoring), wenn der IWF nicht mehr unmittelbar Vertragspartner ist. Doch dieses Problem erscheint lösbar. Ein anderes Risiko ist das Währungsrisiko, das bei langfristigen Umschuldungen schwerer ins Gewicht fällt. Solche Umschuldungen sollten daher ausreichend flexibel sein, um die unterschiedlichen Positionen und Interessen der verschiedenen Gläubigergruppen zu berücksichtigen (Option einer Währungsdiversifizierung). Die international tätigen Banken sehen sich auch mit längerfristigen Problemen konfrontiert. Sowohl die Gläubigerbanken als auch die Schuldnerländer werden aus den zurückliegenden Erfahrungen Lehren ziehen müssen. Einige dieser Lehren werden sein: 1. Die Phase der explosiven Ausweitung der internationalen Bankkredite mit jährlichen Zuwachsraten von 20 bis 25 Prozent wie in den 70er Jahren ist endgültig vorüber. In Zukunft wird die Nettoerhöhung der internationalen Bankenausleihungen an die Länder der Dritten Welt vielleicht zwischen 4 und 6 Prozent jährlich liegen. Denn die Kapazität der Schuldnerländer, ihre enorme Schuldenlast weiter zu erhöhen, ist begrenzt. Aber auch die kreditgebenden Banken stehen vor der Aufgabe, ihr Kreditengagement in der Dritten Welt in eine gesündere Relation zu ihrem Eigenkapital zu bringen (das z. B. in Amerika erfahrungsgemäß jahresdurchschnittlich um etwa 6 bis 10 Prozent erhöht werden kann). Tatsächlich scheint sich die Nettozunahme der Bankenausleihungen an Entwicklungsländer schon auf die erwähnte Größenordnung, nämlich 15 bis 20 Mrd. $ jährlich, einzuspielen. 2. Die Schuldnerländer werden von sich aus vorsichtiger gegenüber einer weiteren Vergrößerung ihrer bereits überhöhten Auslandsverschuldung sein, besonders solange ihre Ausfuhrpreise unter Druck stehen und die Realzinsen sehr hoch sind. In der Tat haben verschiedene, darunter Brasilien und Indonesien, schon erklärt, sie hofften, in nächster Zukunft völlig auf zusätzliche Bankkredite verzichten zu können und das etwa noch erforderliche Auslandskapital auf andere Weise zu erhalten, z. B. durch die Weltbank und andere internationale Institutionen. Es liegt im Interesse der Schuldnerländer, das notwendige Auslandskapital eher in Form von festverzinslichen längerfristigen Anleihen und vor allem durch ausländische Direktinvestitionen zu erhalten. Die Banken könnten hier als Vermittler auftreten und damit ihr Dienstleistungsgeschäft erweitern. Dies läge durchaus in der gegenwärtigen Tendenz des internationalen Bankwesens, von der direkten Kreditexpansion umzuschalten auf Dienstleistungen und Hilfestellungen, die sich in der Bilanz nur als Kommissionsgebühren und ähnliche Einnahmen niederschlagen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 96 Otmar Emminger 3. Die Banken werden in Zukunft in ihren Ausleihungen sicher vorsichtiger und selektiver hinsichtlich der Länderrisiken sein. Sie werden auch viel stärker auf die Verwendung ihrer Darlehen im Schuldnerland achten und sich auf ihre eigentlichen Aufgaben im internationalen Geschäft - Finanzierung des Außenhandels und kurzfristige Vorfinanzierung von Projekten - konzentrieren müssen, statt Zahlungsbilanzund Haushaltsdefizite zu finanzieren. 4. Auch die Bankaufsichtsbehörden werden Folgerungen aus der Schuldenkrise zu ziehen haben. Sie stehen u. a. auch vor der Aufgabe einer besseren internationalen Harmonisierung der Regeln und der Aufsichtstätigkeit. Schließlich sollte in Zukunft nicht nur an Krisenüberwindung, sondern stärker als bisher an Krisenverhinderung gedacht werden. Die Aussichten für die künftige Entwicklung der Bankausleihungen an Entwicklungsländer werden unterschiedlich beurteilt. Manche befürchten, daß die Banken, geschreckt durch ihre Erfahrungen mit notleidenden Krediten, sich auf längere Zeit stärker zurückhalten werden als es im Interesse einer Wiederherstellung normaler Verhältnisse zweckmäßig wäre. Tatsächlich sind in den ersten zwei Jahren nach Ausbruch der Schuldenkrise neue Bankkredite zum Beispiel an lateinamerikanische Länder überwiegend nur als "unfreiwillige" Kredite im Zusammenhang mit Umschuldungen bereitgestellt worden. Von mancher Seite, z. B. auch von der Leitung des IWF, ergingen damals Appelle an die Banken, ihre Ausleihetätigkeit in vernünftigem Maße fortzusetzen. Der ehemalige Geschäftsführende Direktor des IWF, Mr. Witteveen, schlug im September 19835 vor, durch Einrichtung eines internationalen Garantiefonds für Bankkredite unter Aufsicht des IWF ein ausreichendes und nach einzelnen Schuldnerländern limitiertes Kreditvolumen sicherzustellen. Dies wurde aber rasch als nichtpraktikabler Vorschlag erkannt. Tatsächlich ist inzwischen die Ausleihetätigkeit der Banken an die Dritte Welt auch auf freiwilliger Basis wieder langsam in Gang gekommen, freilich selektiv beschränkt auf kreditwürdig gebliebene oder wiedergewordene Schuldnerländer. Schon werden aber von Manchen, darunter auch von maßgebender Notenbankseite 6, Zweifel angemeldet, ob die international tätigen Banken wirklich ausreichende Lehren aus vergangenen Fehlern und Übertreibungen gezogen haben. Es besteht offenbar der Eindruck, daß die Banken, sobald sich die Lage ein bißchen gebessert hat, die potentiellen Kreditnehmer sofort wieder mit Kredit5 J. Witteveen, Per Jacobsson Lecture, Washington, September 1983. 6 Dr. Helmut Schlesinger, Vizepräsident der Deutschen Bundesbank. Vortrag in Zürich am 12. 6. 1984. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 Die internationale Schuldenkrise und die Banken 97 angeboten "bedrängen" würden. Dabei wird auf den Konkurrenzdruck und die - bisher unkontrollierte -Geldschöpfungskapazität der Euromärkte verwiesen. Dies letztere wirft eine sehr grundsätzliche Frage auf. Ich glaube allerdings, daß Krisen und Unglücksfälle gute Lehrmeister sind. Und sowohl die Banken als auch die Schuldnerländer sind ja ausreichend mit Krisen konfrontiert worden. Schließlich gibt bei den deutschen Banken auch die nun -endlich! - eingeführte Konsolidierung der Bilanzen der ausländischen Tochterinstitute ein Mittel an die Hand, um übertreibungen zu bremsen. Die international tätigen Banken scheinen gegenwärtig Ersatz für das geringere Neugeschäft mit der Dritten Welt in verstärkter Kreditgewährung an Industrieländer zu finden. Dabei treten immer mehr auch amerikanische Banken und Großunternehmungen als Kreditnehmer in den Vordergrund. Dies entspricht der massiven Umschichtung im internationalen Zahlungssystem: Gegenwärtig ist das Leistungsbilanzdefizit der Vereinigten Staaten mehr als doppelt so hoch wie das globale Leistungsbilanzdefizit der gesamten Dritten Welt. Das riesige amerikanische Leistungsbilanzdefizit und die immer noch relativ hohen amerikanischen Zinsen stellen eine Art Dauereinladung - oder Versuchung? - für die Eurokreditmärkte und Eurobondmärkte dar. Es ist zu hoffen, daß diese nicht übermäßig ausgenutzt wird. Wilfried Guth (Deutsche Bank) hat das Problem klar erkannt, indem er (in einer Rede im Januar 1985) fragte: "Wie halten wir im internationalen Wettbewerb bei immer rasanter sich entwickelnden neuen Finanzierungsformen und Techniken mit, ohne in den Strom von neuen übertreibungen und Risikohäufungen zu geraten?" Ich hoffe, daß das internationale Bankwesen nach den ernüchternden Erfahrungen der letzten Jahre den ihm angemessenen Platz im Weltfinanzsystem finden wird. Denn es ist ein unentbehrliches Element des Weltfinanzsystems und der Weltwirtschaft geworden. 7 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 155 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 Die Funktion des Kreditgebers der letzten Instanz bei nationalen und internationalenFinanzkrisen Von Emil-Maria Claassen, Paris und Florenz (Zusammenfassung von Michael Krakowski)* Bisher besteht keine übereinstimmung über die Definition einer Finanzkrise. Drei Eigenschaften von Finanzkrisen können hervorgehoben werden: die Tatsache der Zahlungseinstellung durch den Schuldner, die wahrscheinliche Dauer der Zahlungseinstellung (ist diese kurzfristig, handelt es sich um eine Liquiditätskrise, ist sie langfristig, um das Problem der Insolvenz) und die Gefahr, daß infolge einer Zahlungseinstellung das Finanzsystem wegen einer sich selbst verstärkenden Kettenreaktion zusammenbricht. Die Funktion des Kreditgebers der letzten Instanz (Lender of Last Resort, LLR) ist gerade darin zu sehen, solch eine Kettenreaktion so früh wie möglich zu stoppen. I. Die LLR-Funktion bei nationalen Finanzkrisen Falls Schuldner und Gläubiger aus verschiedenen Ländern stammen, handelt es sich um eine internationale Finanzkrise. Im nationalen Rahmen soll die genannte Kettenreaktion dadurch vermieden werden, daß die jeweilige Zentralbank als LLR fungiert. Ob dies freilich so sein muß, ist umstritten. Auf diese Debatte wird kurz eingegangen, um eventuell Schlußfolgerungen daraus für die Rolle des LLR bei internationalen Finanzkrisen zu ziehen. Daß der Staat über seine Zentralbank Kettenreaktionen aufgrund eines Vertrauensverlustes in das Bankensystem verhindern soll, kann ökonomisch damit begründet werden, daß die Stabilität des Finanzsystems als ein positiver externer Effekt angesehen wird und der Vertrauensverlust, der sich bei Schwierigkeiten einer Bank auf das ganze Bankensystem ausdehnen kann, als negativer Effekt. Solche externe Effekte können natürlich bei einem Mindestreservesystem von 100 % ,. Das vollständige Referat ist unter dem Titel "The Lender-of-Last ResortFunction in the Context of National and International Financial Crises" im WeUwirtschaftlichen Archiv (Juni 1985) erschienen. 7· OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 100 Emil-Maria Claassen vermieden werden. Wenn dieses aber nicht besteht, wird in der Regel der Zentralbank die Funktion des LLR übertragen, wobei diese aber nur illiquide, nicht insolvente Banken stützen soll. Eine Alternative wäre eine (obligatorische) Einlagenversicherung, die Kettenreaktionen jedoch nur ausschließt, wenn alle Einlagen versichert werden. In diesem Falle wie aber auCh. bei der Zentralbank in ihrer Rolle als LLR würden die Banken risikoreichere Geschäfte tätigen, als wenn solche Institutionen nicht bestünden (moral hazard). Das Faktum des moral hazard legt nahe, daß entweder die Hilfsmaßnahmen der Zentralbank oder der Versicherungen nicht garantiert in jedem Falle erfolgen sollen oder strikte Standards für die Kreditwürdigkeit eingeführt werden. Da ersteres das Vertrauensproblem nicht löst, wird in der Regel letzteres praktiziert. Werden aber nur illiquide und nicht insolvente Banken gestützt, so mag eine Marktlösung vorziehbar sein; illiquide, aber eigentlich gesunde Institute müßten sich leicht Geld von anderen Banken leihen können. Gegen eine solche Marktlösung spricht freilich die Unvollkommenheit der Kreditmärkte. Aber auch wenn die anderen Banken - wegen der externen Effekte -einsehen, daß die Rettung eines in Schwierigkeiten gekommenen Instituts in ihrer aller Interesse liegt, werden sich vermutlich nicht alle an einer Aktion beteiligen (Trittbrettfahrerproblem) und deshalb - oder auch weil die in Schwierigkeiten gekommene Bank sehr groß ist - wird nicht notwendigerweise der zur Rettung der Bank benötigte Betrag zusammenkommen. Dieser Nachteil ist mit dem Vorteil abzuwägen, daß das Phänomen des moral hazard geringer als bei einer nicht-marktmäßigen Lösung sein dürfte. 11. Die LLR-Funktion bei internationalen Finanzkrisen Hier soll die Zahlungsunfähigkeit eines Landes mit der eines Unternehmens verglichen werden. Die Notwendigkeit, die LLR-Funktion zu internationalisieren, tritt auf, wenn nationale Banken ausländische Tochtergesellschaften sind und die nationale Notenbank nicht mehr wirksam als LLR fungieren kann. Bei der Insolvenz eines Landes ist dieses - im Gegensatz zu dem Fall, wenn es einfach nicht zahlen will ("debt repudiation Cl ), was durchaus eine rationale Strategie sein kann - unfähig (sowohl in der Gegenwart wie in der Zukunft), seine Schulden zu begleichen. Freilich gibt es Unterschiede zwischen der Insolvenz eines Unternehmens und der eines Landes. Im Gegensatz zu Unternehmen werden Länder nicht liquidiert und verschwinden nicht. Sie können sogar weiterhin über die mit den Schulden finanzierten Aktiva verfügen. Vom Standpunkt OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 Die Funktion des Kreditgebers der letzten Instanz 101 der Kreditgeber aus gesehen sind sie aber dann bankrotten Unternehmen sehr ähnlich, wenn sie während eines längeren Zeitraumes nicht in der Lage sind, ihren Schuldendienst zu leisten. Das Solvenzkriterium für ein Unternehmen kann folgendermaßen auf ein Schuldnerland übertragen werden: (1) (2) 00 CA t NEW o =R o + ~ (1 + T)t -D o t=o 00 (Qt - At) =R o+ ~ (1 + Tlt -D o t=o Nettoauslandswert eines Landes (heute) = Währungsreserven (heute) Leistungsbilanzsaldo der Periode t in heutigen Preisen Nettoauslandschulden (heute) realer Zinssatz Inlandsprodukt der Periode t in heutigen Preisen inländische Ausgaben (Absorption) der Periode t in heutigen Preisen Gemäß Gleichung (1) ist das Land solvent, wenn der auf den heutigen Tage bezogene Nettoaußenwert positiv ist. Das ist der Fall, wenn die Währungsreserven plus dem Gegenwartswert der zukünftigen Leistungsbilanzüberschüsse die Auslandsschulden übersteigen. Ein negativer Wert von NEWo zeigt Insolvenz des Landes an. Nach Gleichung (2) hängt die Fähigkeit eines Landes, in der Zukunft genügend große Leistungsbilanzüberschüsse zu erzielen, von der erwarteten Differenz zwischen Inlandsprodukt und inländischer Absorption ab. Damit wird der Außenwert positiv von den zukünftigen Wachstumsraten des Inlandsprodukts und negativ von denen der Absorption und dem Realzins beeinflußt. Bei diesem Solvenzkriterium wird die Analogie zu dem eines Unternehmens zu weit getrieben. Es gibt zwei wichtige Restriktionen, die NEWo nach oben begrenzen, einmal eine Liquiditätsrestriktion - die Währungsreserven können nicht unter ein Minimum ii fallen - und eine Lebenstandardrestriktion, d. h. es gibt eine minimale Absorption A, die nicht unterschritten werden kann. Die Gleichung für den transferierbaren Nettoaußenwert (NETW) lautet daher: (la) (2a) _ 00 CA t NETW o = Ro -Ro + t~o (1 + r)t -Do 00 = Ro -R o + ~ ~=o -D O OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 102 Emil-Maria Claassen Die Liquiditätsrestriktion für die Währungsreserven gibt den Betrag an, der für die Finanzierung von Transaktionen, Spekulationen, Sicherheit und Kreditwürdigkeit notwendig ist. Die Lebenstandardrestriktion drückt aus, daß die inländische Absorption nicht beliebig verringert werden kann. Sowohl der Konsum, als auch Investitionen und Staatsausgaben können nicht bis auf Null zurückgeführt werden. Die Unsicherheit in der Bewertung, ob Insolvenz vorliegt oder nicht, resultiert aus der Unsicherheit über die zukünftige Entwicklung von Qt, At und T und die Länge des Zeithorizonts. Falls ein Land nur illiquide, also der Nettoaußenwert positiv ist, und das Problem nur von der zeitlichen Verteilung von notwendigen Zahlungen und Einnahmen herrührt, muß eine angemessene Mischung zwischen externer Finanzierung, die eventuell nur zu hohen Zinsen erhältlich ist, und internen Anpassungsmaßnahmen gefunden werden. Im Falle der klaren Insolvenz liegt es im eigentlichen Interesse des betreffenden Landes, möglichst schnell die Zahlungsunfähigkeit zu erklären und nur einen Teil der Schulden zu bezahlen, soweit es mit "zumutbaren" internen Anpassungsmaßnahmen möglich ist, um sich den Zugang zu den Kreditmärkten der Zukunft nicht völlig zu versperren. Die verbleibenden Verluste der Banken müssen deren Eigentümer tragen, selbst wenn dies den Bankrott bedeutet. Falls dadurch die Stabilität des nationalen Bankensystems bedroht ist, kann die Instabilität wie oben behandelt durch den Kreditgeber der letzten Instanz verhindert werden. Der Fall der Illiquidität von internationalen Banken ist anders gelagert. Da die Ausleihungen von ausländischen Banken (z. B. Eurobanken) stark zugenommen haben und eine asymmetrische Behandlung in Bezug auf die LLR-Funktion der Zentralbank für ansässige ausländische Banken besteht (die Aktivitäten in Landeswährung sind in der Regel stärker kontrolliert als die in Fremdwährung), mag ein Liquiditätsproblem bei einer solchen Bank von der betreffenden inländischen Zentralbank nicht aufgefangen werden können. Damit wird ein "run" auf die Banken wahrscheinlicher. Eine Internationalisierung der LLR-Funktion kann von den nationalen Zentralbanken oder von einer internationalen Institution ausgehen. Soll die LLR-Funktion der Zentralbanken auf internationale Banken ausgedehnt werden, so könnte die Arbeitsteilung etwa folgendermaßen aussehen: (a) Für die ausländische Niederlassung einer Bank sollte die Zentralbank des Landes zuständig sein, in der die Muttergesellschaft ihren Sitz hat, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 Die Funktion des Kreditgebers der letzten Instanz 103 (b) Für Tochtergesellschaften und joint ventures sollte die Zentralbank des Gastlandes die LLR-Funktion übernehmen. Diese Arbeitsteilung ist aber schwer zu realisieren, denn es würde bedeuten, daß die Zentralbank des Gastlandes Aufsichtsfunktionen übernimmt und Kreditstandards aufstellt, die auch Folgen für die Muttergesellschaft haben und damit Sanktionen für eine Bank in einem anderen Land implizieren. Diese sind aber rechtlich nicht durchsetzbar. Nur bei einer internationalen Kooperation und Koordination zwischen allen Notenbanken wäre diese Regel anwendbar. (e) Die Arbeitsteilung zwischen den Zentralbanken wird noch schwieriger, wenn die nach Regel (a) oder (b) zuständige Zentralbank mit einem Liquiditätsproblem konfrontiert ist, das nicht ihre eigene Währung betrifft. Eine Lösung wäre nun, daß diejenige Zentralbank, die die betreffende Währung ausgibt, also in der Regel das Federal Reserve System, die benötigte Liquidität bereitstellt. Aber auch diese Lösung würde unüberwindbare Probleme der Aufsicht und Kontrolle über in einem anderen Land ansässige Banken hervorrufen, es sei denn, daß die nationalen Zentralbanken entsprechend den Regeln (a) und (b) die Kreditaufsicht wahrnehmen können. Es ist folglich sehr schwierig, die LLR-Funktion der Zentralbanken für internationale Banken zu realisieren. Insofern könnte hier eine Marktlösung empfehlenswert sein, denn die Regierungsinterventionen taugen im internationalen Kontext wenig zur Limitierung des "moral hazard". Eine Marktlösung kann jedoch nur effektiv sein, wenn die Zentralbanken und insbesondere die Mitglieder der Bank für internationalen Zahlungsausgleich ihre vagen öffentlichen Ankündigungen, sie würden LLR-Funktionen für internationale Banken übernehmen, einstellen. Da nationale Zentralbanken die LLR-Funktion für internationale Banken im Prinzip nicht übernehmen können, haben sich der Internationale Währungsfonds und die Bank für internationalen Zahlungsausgleich zu einer besonderen Art von internationalem LLR entwickelt. Sie üben diese Funktion nicht gegenüber Banken, sondern der relativ kleinen Zahl ihrer Hauptschuldner aus, insbesondere der lateinamerikanischen Länder. Die BIZ interpretiert das gegenwärtige Schuldenproblem als Liquiditätsproblem und gibt relativ bereitwillig neue Kredite, während der IWF die internen Anpassungsmaßnahmen aushandelt, bei denen die BIZ-Kredite in IWF-Kredite umgewandelt werden. Die Gefahr ist allerdings, daß unter dem Druck der privaten GläuOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 110 Vincenz Timmermann der mußten sich also bei der Vermittlung ihrer gewaltigen Überschüsse anfangs total auf die Erfahrungen und die Möglichkeiten international tätiger Finanzierungsinstitute aus den Industrieländern stützen. Das Bankensystem in den Industrieländern hat - wie wir inzwischen wissen - sehr flexibel auf diese Situation reagiert, und die kurz vorher entwickelten Neuerungen in der finanziellen Intermediation, nämlich die Internationalisierung der Einlagenund Kreditmärkte (Fremdwährungsmärkte), war eine wichtige Voraussetzung dafür. Das internationale Finanzsystem hat so die Kapitalströme von den Überschußländern (OPEC-Länder) in die Defizitländer (Entwicklungsund Industrieländer) geleitet. Allerdings führte diese Vermittlung zwischen den OPEC-Ländern als den eigentlichen Gläubigern und den für Anlagen besonders geeigneten Schuldnern (Schwellenländer) zu einer starken Aufblähung der internationalen Kreditbeziehungen 11 • Allein schon die Finanzierung der sehr großen Leistungsbilanzdefizite einzelner Industrieländer und der ölimportierenden Entwicklungsländer hätte zu einer starken Ausweitung der internationalen Kreditbeziehungen führen müssen; aber zusätzlich finanzierten die international tätigen Banken auch weiterhin autonome wirtschaftliche Transaktionen innerhalb der einzelnen Länder und zwischen ihnen, ganz unabhängig von deren Leistungsbilanzsalden 12• Diese weltwirtschaftlichen Umwälzungen haben die Expansion der internationalen Finanzmärkte sehr stark gefördert. Gemessen an "normalen" Verhältnissen auch bei hoch entwickelter finanzieller Intermediation wurden die Kreditketten vor allem deswegen so viel länger und die Bruttokreditvolumina so erheblich größer, weil die OPECLänder als die eigentlichen Gläubiger selbst über keine leistungsfähige finanzielle Infrastruktur verfügten und sich zeitweise ganz auf die Erfahrungen und Marktkenntnisse der internationalen Banken verlassen mußten. So konnten sich die Finanzmärkte verselbständigen, und der direkte Zusammenhang zwischen den kapitalexportierenden (sparen11 Auf die hohen finanziellen Bruttopositionen (bei gleichzeitig relativ niedrigen Nettopositionen) der wichtigsten westlichen Industrieländer verweist auch Henry C. Wallich in seinem interessanten Aufsatz "Why is Net International Investment so SmalI?", in: W. Engels, A. Gutowski, H. C. Wallich (Hg.), Internationale Kapitalbewegungen, Verschuldung und Währungssystem, Mainz 1984, S. 417 ff. 12 Man spricht in diesem Zusammenhang sogar schon von "Over-Recycling", weil die Kreditaufnahmen der Ölimportländer nicht nur über die Finanzierung der "Ölbilanz" hinausgegangen sind, sondern auch über die der Leistungsbilanzdefizite; so z. B. H. Schlesinger, Kapitalexport als Entwicklungshilfe?, in: W. Engels, A. Gutowski, H. C. Wallich (Hg.), Internationale Kapitalbewegungen, Verschuldung und Währungssystem, Mainz 1984, S. 340. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 Internationale Finanzintermediation und Auslandsverschuldung 111 den) überschußländern und den kapitalimportierenden (investierenden) Defizitländern ging mehr und mehr verloren. Diese Wandlungen in bezug auf die Richtung der internationalen Kapitalströme, in bezug auf die Internationalisierung der Einlagenund Kreditmärkte und in bezug auf die Entwicklung der finanziellen Intermediation müssen m. E. erkannt und deutlich herausgestellt werden, wenn man die hohe externe Verschuldung einzelner Länder begreifen will. IV. Statistische Angaben zur internationalen Verschuldung werden häufig so aufbereitet, daß sie mehr Schrecken verbreiten als wirklich informieren 13• Allein schon die Nennung einer Zahl für die gesamte Auslandsverschuldung der Entwicklungsländer, 800 Mrd. oder 900 Mrd. US-$, ist eine Horrormeldung. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Situation der Auslandsverschuldung dramatischer erscheinen zu lassen als sie wirklich ist. Eine solche Möglichkeit besteht z. B. darin, auch die sehr kurzfristigen Lieferantenkredite mit Laufzeiten von unter einem Jahr mit in den Schuldenbetrag einzubeziehen. Das halte ich für unangemessen; denn selbstverständlich werden in allen Ländern die branchenÜblichen Zahlungsziele ausgenutzt; zu jedem Zeitpunkt werden also kurzfristige Importkredite in Anspruch genommen, die normalerweise innerhalb sehr kurzer Zeit wieder verschwinden. Solche internationalen Lieferantenkredite schwanken regelmäßig entsprechend den Veränderungen des Handelsvolumens und gehören daher nicht in die Statistiken ZUr Beschreibung des Schuldenproblems. Eine weitere Möglichkeit, die Situation der Verschuldung eines Landes oder einer Ländergruppe dramatischer darzustellen als sie wirklich ist, ergibt sich aus der üblichen Anwendung des Brutto-Konzepts. So wird die Kreditaufnahme eines Landes bei einer Bank in voller Höhe als Verschuldung ausgewiesen, obwohl vielleicht dieselbe Bank gleichzeitig auf den Konten einer ihrer Filialen einen Teil der Währungsreserven des betreffenden Landes und der Auslandsanlagen einzelner Bewohner des Landes hält14• 13 Vgl. dazu E. L. Bacha and C. F. Diaz Alejandro, International Financial Intermediation, a.a.O., S. 14 f. 14 Auf die statistisch schwer erfaßbaren Auslandsanlagen privater und staatlicher Wirtschafts einheiten gerade aus den besonders hoch verschuldeten Ländern sei in diesem Zusammenhang nur hingewiesen; grundsätzlich sind die massive Kapitalflucht und die kurzund mittelfristigen Auslandsanlager OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 112 Vincenz Timmermann . Die Beurteilung der bekannten Indikatoren der Verschuldung ist äußerst schwierig. Geht man von Statistiken aus, in denen die Lieferantenkredite mit einer Laufzeit bis zu einem Jahr nicht mehr enthalten sind, so betrug die Relation der Auslandsverschuldung zum Bruttoinlandsprodukt für alle ölimportierenden Entwicklungsländer Anfang 1984 etwa 20 (J/o; auch für die relativ hoch verschuldeten, großen Länder Brasilien und Argentinien liegt diese Relation bei 200/0. Relativ zu den Exporten macht diese Auslandsverschuldung für. die ganze Gruppe der ölimportierendeJ;l Entwicklungsländer 110 (lID aus. Für einzelne Länder liegen diese Relationen allerdings erheblich über den Durchschnittswerten; für Brasilien z. B. bei 236 (lID und für Argentillien bei 192 °/0. So betrachtet, ist die Verschuldung einzelner Länder wirklich sehr hoch; aber sie ist nicht so erschreckend hoch, wie es uns oft nahegebracht wird. Man sollte in diesem Zusammenhang vielleicht einmal daran erinnern, daß z. B. Argentinien gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts eine Auslandsverschuldung aufwies, die ebenfalls über 200 °/0 der argentinischen Exporte ausmachte 15• Bezieht man die Verschuldung nämlich auf die Exporte, dann werden große Länder i. a. benachteiligt, deren Exportquote aus bekannten Gründen niedriger ist als die kleiner Länder mit relativ vielen Exporten 16• Insgesamt taugen die Verschuldungsindikatoren nicht viel: Bezieht man die Verschuldung auf das Bruttoinlandsprodukt, so berücksichtigt man nur die gegenwärtige Leistungsfähigkeit eines Landes, staatlicher Unternehmen jedoch in diesem Zusammenhang ein wichtiger Aspekt; ein beachtlicher Teil der Finanzierungsprobleme der verschuldeten Länder Lateinamerikas läßt sich nämlich allein daraus schon erklären: In Mexiko wird die Kapitalflucht der letzten Jahre auf ca. ein Fünftel, in Argentinien und Venezuela sogar auf ein Drittel der Gesamtverschuldung geschätzt. Noch höhere Anteile schätzt für diese Länder D. Duwendag, Kapitalflucht aus Entwicklungsländern, dieser Band, S. 130 ff. Zu den besonders interessanten Auslandsanlagen Venezuelas vgl. H. P. Nissen, Auslandsverschuldung und interne Anpassungsprozesse: Das Beispiel Venezuelas, in: U. E. Simonis (Hg.), Externe Verschuldung -interne Anpassung, Entwicklungsländer in der Finanzkrise, Schriften des Vereins für Socialpolitik, N. F., Band 144, Berlin 1984, S. 156 ff. 15 Vgl. dazu P. Bernholz, Zur argentinischen Schuldenkrise 1890 -1900, in diesem Band. 16 Dieses Argument findet man bei W. Engels, Die Leistungsfähigkeit von Kreditkonventionen am Beispiel des Transferrisikos, in: W. Engels, A. Gutowski, H. C. Wallich (Hg.), Internationale Kapitalbewegungen, Verschuldung und Währungssystem, Mainz 1984, S. 75; Ein anderes Problem dieser Quote liegt darin, daß die Länder die Höhe ihrer Exporte zu einem großen Teil selbst beeinflussen können; falls also "kritische Verschuldungslagen" an einer solchen Quote gemessen werden, können einzelne Länder die "kritische Lage" selbst herbeiführen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 Internationale Finanzintermediation und Auslandsverschuldung 113 nicht aber das Verschuldungspotential. Dahinter liegt die viel zu einfache Vorstellung, Länder mit geringerem Einkommen seien grundsätzlich weniger kreditwürdig als Länder mit höherem Einkommen. Nach Meinung vieler Beobachter haben sich die international tätigen Banken im Geschäft mit den Entwicklungsländern übernommen. So schreibt Robert Aliber in einem gerade erschienenen ÜbersichtsAufsatz zum "International Banking", es sei eine der rätselhaftesten Erscheinungen der letzten Jahre, daß Länder wie Argentinien, Brasilien und Mexiko ihre Verschuldung nach 1973 und vor allem noch nach 1976 immer stärker ausweiten konnten l7 . Traditionelle Standards der Kreditwürdigkeitsprüfung erklärten das jedenfalls nicht. Die Banken hätten die Reduktion ihrer Zinsspannen und die abnehmenden Exporterlöse der Entwicklungsländer selbstverständlich nicht vorhersehen können. Als sie dann gesehen hätten, daß sie die Risiken zu gering eingeschätzt hatten, habe es kein Zurück mehr gegeben. Nur die internationale Konkurrenz um die Marktanteile, also eine Art Herdentrieb, könne die weiteren Engagements der Banken erklären. Ich teile diese Auffassung nicht. Die Portefeuilles der meisten international tätigen Banken sind so gemischt, daß i. a. kaum mehr als 5 -0/0 der Anlagen auf Kredite an ölimportierende und/oder hoch verschuldete Entwicklungsländer entfallen 18• Selbst wenn diese 5 Ofo "notleidend" würden, wäre das noch keine Katastrophe. Aber in Wahrheit ist es ja gar nicht so, daß die hoch verschuldeten Entwicklungsländer Argentinien, Mexiko, Brasilien mit ihren riesigen Rohstoffvorkommen auf mittlere Sicht nicht kreditwürdig wären. Daß 800 bis 900 Mrd. US-$ nicht innerhalb absehbarer Zeit rückzahlbar sind, wissen alle Eingeweihten ganz genau l9 • Aber warum sollte das auch geschehen? Welches Interesse könnten die Banken daran haben? Wahrscheinlich würde eine plötzliche Tilgung dieser gewaltigen Kreditsumme eher eine "Krise des internationalen Finanzierungssystems" hervorrufen als die gegenwärtige Konstellation. 17 Vgl. R. Z. Aliber, International Banking: A Survey, in: Journal of Money, Credit, and Banking, Vol. 16 (1984), S. 674. 18 Höher (nämlich bis zu 13 %) soll dieser Anteil allerdings bei einigen amerikanischen Großbanken sein. Vgl. dazu J. D. Guenther, The Role of Commercial Banks in the Adjustment Process, in: J. Muns (ed.), Adjustment, Conditionality, and International Financing, Washington (IMF) 1984, S. 204. 19 So F. Leutwiler in einem Spiegelinterview vom 24. 9. 1984; abgedruckt in: Deutsche Bundesbank, Auszüge aus Presseartikeln, Nr. 76, 29. September 1984, S. 5. 8 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 155 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 114 Vincenz Timmermann V. Ich möchte meine Überlegungen in den folgenden Thesen zusammenfassen: 1. Ich glaube, daß die Auslandsverschuldung für besonders dynamische Volkswirtschaften heute nicht dramatischer ist als zu anderen Zeiten starker internationaler Kapitalbewegungen, also etwa kurz vor oder nach dem 1. Weltkrieg. 2. Ich halte die besonders dramatisch aufgemachten Statistiken zur Auslandsverschuldung für korrektur bedürftig und die Katastrophenstimmung im Zusammenhang mit der Auslandsverschuldung für künstlich geschaffen. 3. Ich teile daher auch nicht die Befürchtungen einer drohenden "internationalen Finanzkrise" . Der Anteil der EntwicklungsländerKredite am Portefeuille der international tätigen Banken ist i. a. viel geringer, als oft vermutet wird; internationale Kredite - auch die an Entwicklungsländer - sind nach allem, was wir darüber wissen, immer noch relativ sichere Anlagen 20 • 4. Ich meine, daß die Zunahme der Auslandsverschuldung viel weniger, als oft betont wird, durch Sonderfaktoren, wie die Ölpreise, die Weltkonjunkturlage oder die Anti-Inflationspolitik einzelner Industrieländer, zu erklären ist. Nach meinem Urteil sind dafür weitreichende und längerfristige Wandlungen des Finanzierungssystems verantwortlich: Die Liberalisierung der Finanzmärkte in den meisten Schwellenländern, finanzielle Innovationen, wie die Entstehung der Fremdwährungsmärkte, sowie vor allem die Ausweitung und Intensivierung der finanziellen Intermediation und die damit einhergehende Verlängerung der Kreditketten. 5. Ich beurteile die Ausweitung und Intensivierung der internationalen Finanzintermediation wegen der damit verbundenen Wachstumseffekte eindeutig positiv; m. E. hat die zunehmende nationale und internationale Diversifizierung der Finanzierungssysteme einen gar nicht hoch genug zu bewertenden Beitrag zur allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung geleistet. 20 So berichtet J. D. Guenther ("The Role of Commercial Banks ... ", a.a.O.), daß die Verluste der New York City Bank aus Auslandskrediten in den 70er Jahren nur halb so hoch waren wie die Verluste aus Inlandskrediten. Eine Studie der OE CD (vgl. R. M. Pecchioli, The Internationalisation of Banking, a.a.O., S. 44 ff.) zeigt ähnliche Ergebnisse auch für andere amerikanische Großbanken. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 Kapitalflucht aus Entwicklungsländern: Schätzprohleme und Bestimmungsfaktoren* Von Dieter Duwendag, Speyer I. Das Problem Der Begriff "Kapitalflucht" hat einen dramatischen Akzent. Nüchtern betrachtet steht dahinter die Tatsache, daß Wirtschaftssubjekte eines Landes Kapitalanlagen im Ausland erwerben. Sie tauschen inländische Währung in Fremdwährungen um und erwerben damit Auslandsaktiva, z. B. in Form von Bankeinlagen, ausländischen Wertpapieren und Immobilien. Auch das Horten von Fremdwährungen stellt eine ausländische Kapitalanlage dar. An dem Erwerb von Auslandsanlagen sind sowohl der Privatsektor als auch staatliche Stellen beteiligt. Kapitalexporte von Privaten schlagen sich - sofern statistisch registriert (vgl. IV.) -als Zunahme der (privaten) Forderungen gegenüber dem Ausland in der Kapitalbilanz nieder, während eine Aufstockung der offiziellen Währungsreserven in der Devisenbilanz erfaßt wird. Gegenstand dieser Studie sind insbesondere die privaten Kapitalanlagen im Ausland. Dieser Begriff ist aus der Kapitalbilanz heraus vorab zu klären: Der Nettokapitalimport eines Landes (KBO; Überschuß der langund kurzfristigen Kapitalbilanz) ergibt sich als Differenz zwischen den gesamten Kapitalzuflüssen und den gesamten Kapitalabflüssen ins Ausland. Die gesamten Kapitalimporte bestehen aus den Direktinvestitionen im Entwicklungsland (DIR ..... EL), den Bruttokrediten des Internationalen Währungsfonds (VIMFb) und der Bruttokreditaufnahme im Ausland sowie bei multilateralen Finanzierungsinstituten (außer IMF; VAb). Die gesamten Kapitalexporte ergeben sich als Summe aus den DIR des EL im Ausland (DIR ..... A), den Rückzahlungen von IMFund Auslandskrediten (RZVIMF bzw. RZVA) sowie aus den privaten Kapitalanlagen im Ausland (KA). Für KBO gilt dann: ~a) KBO = (DIR-+ EL + VIMFb + VAb) - (DIR ..... A + RZ V1MF + RZ VA ) - KA * Die empirischen Arbeiten erfolgten im Research Department des Internationalen Währungsfonds (Washington, D. C.) während eines Forschungsaufenthalts des Verf., der von der Fritz Thyssen Stiftung finanziell gefördert wurde. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 116 Dieter Duwendag Saldiert man die zusammengehörigen Positionen in den Klammern, so ergeben sich die entsprechenden Nettogrößen für DIR, VIMF und VA: (b) KBO = DIR + VIMF + VA - KA KA ist danach wie folgt abgegrenzt: (c) KA = (DIR + VIMF + VA) - KBO Die Größe KBO erfaßt dabei alle Verwendungszwecke von Kapitalimporten außerhalb der Kapitalbilanz, d. h. die Finanzierung von Leistungsbilanzdefiziten, die Aufstockung der offiziellen Währungsreserven sowie die Defizite des Restund Ausgleichspostens der Zahlungsbilanz. KA sind also eine ganz spezielle Form der Kapitalexporte. Aus der Sicht der gesamten Auslandsposition eines Landes handelt es sich um "Brutto"-KA, da eine Zunahme der Auslandsverbindlichkeiten dieses Landes im gleichen Zeitraum nicht abgesetzt ist. Aus der Sicht der privaten Kapitalexporteure hingegen, die - ohne neue Auslandsverbindlichkeiten einzugehen -, inländisches Vermögen gegen ausländische Kapitalanlagen eintauschen, handelt es sich bei KA um den Nettoerwerb von Auslandsaktiva. Das Pendant zu KA, nämlich die staatlichen Kapitalanlagen im Ausland, besteht in der Aufstockung der offiziellen Währungsreserven. Auch sie werden nach dem Bruttokonzept, d. h. ohne Berücksichtigung der Veränderungen der Auslandsverbindlichkeiten, ausgewiesen. Die einzige Ausnahme machen Verbindlichkeiten gegenüber dem IMF, da diese Institution nicht als "Ausland" definiert ist. Private und staatliche Kapitalanlagen im Ausland lassen sich allerdings nicht immer eindeutig abgrenzen: Legt z. B. die staatliche Ölgesellschaft eines EL Devisenerlöse im Ausland an, so zählt dieser Vorgang nach der hier zugrunde gelegten Abgrenzung zu den (privaten) KA, da er sich nicht in einer Veränderung der offiziellen Währungsreserven niederschlägt. Gleichwohl hätten derartige Anlagen die Qualität von "Devisenreserven" , auf die die Regierung oder die Notenbank bei Bedarf zurückgreifen könnten. Bei freiem internationalen Kapitalverkehr ist der Erwerb von Auslandsaktiva durch Private als ganz normaler Vorgang anzusehen. Wann schlägt dieser ("ganz normale") Vorgang um in "Kapitalflucht"? Zwar besteht jede Kapitalflucht im Erwerb von Auslandsanlagen, aber nicht alle ausländischen Kapitalanlagen sind gleichbedeutend mit KapitalOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 Kapitalflucht aus Entwicklungsländern 117 fluchti. Die begrifflichen Grenzen sind also fließend, und eine eindeutige apriori-Abgrenzung erscheint nicht möglich. Einen generellen Hinweis darauf, ob es sich um Kapitalfluchtbewegungen handelt, liefern die Motive der Kapitalexporteure sowie - damit zusammenhängend - auch die Größenordnungen der ausländischen Kapitalanlagen (in Relation zu bestimmten Basisgrößen). Derartige Relationen sind wiederum für Industrieländer anders zu beurteilen als für EL. Letztlich läßt sich diese Frage wohl nur am empirischen Einzelfall beantworten, und selbst dann bleibt eine Portion Willkür in der Deutung erhalten. Das Problem der Kapitalflucht ist insbesondere im Zuge des steilen Anstiegs der Auslandsverschuldung der EL seit Mitte der 70er Jahre in die öffentliche Diskussion geraten. Ein beachtlicher Teil der kreditweise zugeflossenen Kapitalimporte sei -so wurde und wird vermutet - allein deshalb erforderlich gewesen, um private ausländische Kapitalanlagen der EL zu finanzieren. Nicht die Finanzierung von Leistungsbilanzdefiziten (generell: der inländischen Investitions-ErsparnisLücke) oder die Stärkung der offiziellen Währungsreserven seien die hauptsächlichen Ursachen für das rasante Tempo der externen Neuverschuldung der EL gewesen, sondern die Finanzierung von Kapitalfluchtbewegungen. Sollte dies zutreffen, ergäben sich daraus folgende Schlußfolgerungen: - Erstens müßte Kapitalflucht als ein maßgeblicher Bestimmungsgrund für die Zuspitzung der internationalen Verschuldungsprobleme der EL angesehen werden. Denn einerseits blieb den - zumeist - öffentlichen Stellen der EL als hauptsächlichen Schuldnern der Auslandskredite der Zugriff zu den privaten Auslandsaktiva weitgehend versperrt; andererseits hatten sie für den Schuldendienst des überwiegenden Teils der gesamten Auslandsverbindlichkeiten aufzukommen, während die Privaten die Kapitalerträge ihrer Auslandsanlagen jenseits der Grenzen beließen. - Zweitens wäre ein hohes Volumen an privaten Auslandsaktiva gleichbedeutend mit einer relativ günstigen Netto-Auslandspositiol1 der EL. Dies böte zumindest die Chance, Auslandsanlagen in gewissem Umfange zu repatriieren und von daher eine Entlastung bei der Neuverschuldung im Ausland und beim Schuldendienst zu bewirken. - Drittens würden starke Kapitalfluchtbewegungen den Blick auf die hauptsächlichen Schwachstellen der Wirtschaftsund Währungspolitik des EL lenken. 1 Nichts mit Kapitalflucht zu tun hat z. B. die Erhöhung der "Working Balances" der im Auslandsgeschäft tätigen Banken und Unternehmen eines EL. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 118 Dieter Duwendag Die Problemskizze zeigt, daß dem Ausmaß der Kapitalflucht (wenn es sich denn um eine solche handelt) große Bedeutung zukommt. Dazu gibt es bislang zumeist nur vage Vermutungen, die jedoch allesamt von beträchtlichen Größenordnungen ausgehen. So spricht der IMF2 von "large-scale capital flight" und Gleske3 von einem "Kapital-Exodus" aus Lateinamerika. Präzise Angaben macht die Argentinische Zentralbank, in dem sie die Kapitalflucht aus diesem Land von 1976 -1983 (Sept.) auf 35 Mrd. $ beziffert. 4 Zum Volumen der Kapitalflucht gibt es nur wenige empirische Schätzungen von externer Seite: 1. Die Morgan Guaranty Trust Co. kommt für die hochverschuldeten EL auf ein Volumen von etwa 100 Mrd. $ (1979 -1983)5, nach den Angaben der Business Week handelte es sich um 120 Mrd. $ (19751983).6 2. Nach Wallich beträgt die Relation zwischen den von 1974 -1982 kumulierten Kapitalabflüssen und dem Stand der Auslandsverschuldung Ende 1982 in acht hochverschuldeten EL zwischen -5 % (Chile: Repatriierung von Auslandsanlagen) und 910f0 (Venezuela).7 3. Für die gleiche Ländergruppe und denselben Zeitraum errechnen Dooley u. a. 8 das absolute Ausmaß der Kapitalflucht mit 106 Mrd. $. 4. Die BIZ schätzt die privaten Kapitalexporte Lateinamerikas von 1978 -1983 auf etwa 50 Mrd. $.9 5. Nach Berechnungen von Dornbusch10 für Argentinien, Brasilien, Chile und Mexiko (1978 -1982) beliefen sich die privaten und staatlichen Kapitalexporte (d. h. einsch!. der Veränderung der offiziellen Währungsreserven) auf ca. 63 Mrd. $. Es fällt auf, daß sich der IMF mit eigenen quantitativen Schätzungen zur Kapitalflucht bislang ausgesprochen zurückgehalten hat, obwohl er wahrscheinlich über die dafür erforderlichen umfassendsten statistischen Daten verfügt. Veröffentlicht ist lediglich eine Graphik (l) über eine "Residualgröße" für sämtliche Nicht-Öl-EL.H Dieses Residuum ist 2 J. de Larosiere (1984), S. 147. 3 L. Gleske (1984), S. 14. 4 Nach der Pressemitteilung des "Handelsblatt" vom 2. 11. 1983, S. 1l. 5 Zitiert nach H. B. Schäfer (1984), S. 14. 6 Business Week (1983), S. 65. 7 H. C. Wallich (1983), S. 13 b. Vgl. auch den Beitrag von Wallich in diesem Band. 8 M. Dooley, W. Helkie, R. Tyron, J. Underwood (1983), S. 3 A. 9 Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (1984), S. 113, 124. 10 R. Dornbusch (1984), S. 5 a. 11 International Monetary Fund (1984 a), S. 64 (Chart IV -3). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 Kapitalflucht aus Entwicklungsländern 119 insofern wenig aussagekräftig, als es neben dem Nettoerwerb von Auslandsaktiva durch den Privatsektor ebenfalls noch die Salden des Restund Ausgleichspostens der Zahlungsbilanz (letzterer: Bewertungsänderungen der Währungsreserven) umfaßt. Auf einen möglichen Grund für diese Zurückhaltung, nämlich Lücken der Zahlungsbilanzstatistik, wird noch einzugehen sein. Angesichts der gravierenden Unterschiede zwischen den bisherigen Ergebnissen wird im folgenden versucht, die Größenordnungen der Kapitalflucht umfassender und (etwas) präziser abzuschätzen. Dies geschieht anhand einer weiterentwickelten Schätzmethode und für die 25 am höchsten verschuldeten EL. Einige der in der Problemskizze aufgeworfenen Fragen lassen sich anhand dieser Ergebnisse tendenziell beantworten, für andere - insbesondere die Frage nach den Bestimmungsfaktoren der Kapitalabflüsse - können nur recht allgemeine Aussagen getroffen werden. Die praktisch für alle EL gegebene unsichere Datenbasis läßt weitergehende öko no met rische Berechnungen als nicht sinnvoll erscheinen. 11. Abgrenzung und Daten Die Untersuchung erstreckt sich auf die sog. "Großschuldner" ("major borrowers"); das sind nach der Abgrenzung des IMF jene 25 EL, deren Auslandsverschuldung Ende 1983 über 10 Mrd. $ lag. 12 Die 25 Großschuldner sind zu vier Gruppen zusammengefaßt: a) Aus Lateinamerika sieben Länder: Argentinien, Brasilien, Chile, Kolumbien, Mexiko, Peru und Venezuela. b) Aus Asien ebenfalls sieben Länder: Indien, Indonesien, Korea, Malaysia, Pakistan, Philippinen und Thailand. c) Aus Europa fünf Länder, und zwar Portugal und Türkei sowie die drei osteuropäischen Staaten Jugoslawien, Rumänien und Ungarn. d) Aus Afrika und dem Nahen Osten sechs Länder: Ägypten, Israel, Algerien, Marokko, Nigeria und Südafrika. Die Aufzählung macht deutlich, daß es sich im einzelnen um sehr heterogene Länder handelt: so sind z. B. vier OPEC-Länder einbezogen (Algerien, Indonesien, Nigeria und Venezuela), und als erdölexportierendes Land ferner Mexiko. Ihnen stehen die 20 anderen Nichtöl-EL gegenüber. Ob Süd afrika und Israel noch als "EU' zu bezeichnen sind, 12 Aus nicht erfindlichen Gründen hat der IMF seit Mitte 1984 diese Abgrenzung fallen gelassen; als "Großschuldner" gelten jetzt nur noch sieben hochverschuldete EL. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 126 Dieter Duwendag wickelt und angewandt wurde. 29 Im Prinzip handelt es sich wieder um eine "Finanzierungsgleichung" der Zahlungsbilanz analog zu Gleichung (5). Der Ansatz wurde hier insbesondere unter folgenden Aspekten verfeinert: -Die Nettokreditaufnahme beim IMF (VIMF) wurde als mögliche Finanzierungsquelle für KA explizit berücksichtigt. -Die privaten und staatlichen Kapitalexporte wurden dadurch (zumindest weitgehend) getrennt, daß letztere in Form der Veränderung der offiziellen Währungsreserven (LI R) gesondert erfaßt wurden. -Die (i. d. R. negativen) Salden des Restund Ausgleichspostens der Zahlungsbilanz (EOD; CPD) wurden ebenfalls gesondert ausgewiesen. Da beide Positionen in z. T. erheblichen Größenordnungen auftraten, bedeutete ihre Einbeziehung in KA als "Residualgröße" (so z. B. bei Dooley u. a. sowie Dornbusch) eine entsprechende Verzerrung. Unter Berücksichtigung dieser Modifikation lautet die den nachfolgenden Berechnungen zugrunde gelegte Finanzierungsgleichung wie folgt: (8) DIR + VIMF + VA - KA = LBD + EOD + CPD + LI R Mit Ausnahme von VA und KA wurden die Angaben für sämtliche Größen den IFSbzw. BOP-Statistiken entnommen. VA ist die ausländische Nettokreditaufnahme; sie basiert hauptsächlich auf den (internen) Schätzungen des IMF (Stand der Outprints: Juli 1984), teilweise ergänzt um Daten der Weltbank, der Interamerikanischen Entwicklungsbank und von Cline (1983). KA wurde implizit, d. h. im Wege der Restrechnung, aus Gleichung (8) ermittelt. Daraus ergibt sich die eigentliche Schätzgleichung: (9) KA = (DIR + VIMF + VA) - (LBD + EOD + CPD + LI R) Bei diesem Vorgehen ist es zwangsläufig, daß alle Ungenauigkeiten der vorgegebenen Daten in die Restgröße KA eingehen. Absolut zuverlässig dürfte in diesem Zusammenhang nur die Größe VIMF sein. Für VA gilt, daß sie auf einer soliden Grundlage stehen dürfte, allerdings eher mit einer Tendenz zur Unterschätzung, wie die Heraufsetzung der Daten zur Auslandsverschuldung im Zuge wiederholter Revisionen der (internen) IMF -Schuldenstatistik gezeigt hat. Auf die Zu29 Auch die BIZ (1984, S. 113) bedient sich grundsätzlich dieses Verfahrens, indem sie die ausländische Neuverschuldung dem "Finanzierungsbedarf" der EL gegenüberstellt. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 Kapitalflucht aus Entwicklungsländern 127 verlässigkeit der anderen Größen in Gleichung (9) wird noch bei der Kommentierung der Ergebnisse einzugehen sein. In einer der nachfolgenden Ergebnistabellen wird VA als Bezugsgröße gewählt, d. h. sämtliche Positionen der Finanzierungsgleichung werden -z. T. zusammengefaßt - in % von VA ausgedrückt (Gleichung (10)): (10) VA VA (LBD + EOD) (CPD + L1 R) KA DIR VIMF VA + VA + VA - -----vit - VA VI. Schätzergebnisse 1. Finanzierungsstruktur Vorangestellt ist ein Überblick über das Gewicht der drei hauptsächlichen Finanzierungsquellen VA (87,3 '0/0), DIR (9,6 %) und VIMF (3,1 (l/o) in den 25 Großschuldner-EL von 1970 -1983 (vgl. Tab. 1). Mit rd. 590 Mrd. $ (87,3 %) wird die herausragende Bedeutung der Nettoauslandskredite und damit die Abhängigkeit dieser Länder von ausländischen finanziellen Ressourcen unterstrichen. Andere Finanzierungsquellen spielten nur in sechs Ländern eine (geringe) Rolle (zu Einzelangaben vgl. Anmerkungen zu Tab. 1), nämlich - die Repatriierung von ausländischen Kapitalanlagen (in Chile, Pakistan und Türkei; vgl. auch Tab. 2), - Leistungsbilanzüberschüsse in Venezuela, - der Abbau der offiziellen Währungsreserven in Portugal und Südafrika. Hinsichtlich der Netto-Auslandskredite liegen die vier Ländergruppen eng beisammen (mit Anteilen zwischen 86 und 91010), während die beiden anderen Komponenten z. T. stark variieren. So lag der Finanzierungsanteil der Netto-Direktinvestitionen in Lateinamerika bei 12 (J/o, in den fünf europäischen Ländern dagegen nur bei gut 3 0/0, letzteres dadurch bedingt, daß für die drei osteuropäischen Staaten überhaupt keine DIR ausgewiesen sind. (Für Jugoslawien, Rumänien und Ungarn gilt stets, daß nur Transaktionen und Verschuldungen in konvertiblen Währungen berücksichtigt sind.) Umgekehrt betrug der Finanzierungsauteil der IMF-Nettokredite in den europäischen Ländern knapp 9 %, in Afrika/Nahost und in Lateinamerika dagegen nur zwischen 1,5 und 20/0. In den einzelnen Ländern der vier Gruppen gibt es nun deutliche Unterschiede. Hinsichtlich des Finanzierungsanteils der AuslandsverOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 Tabelle 1: Finanzierungsstruktur der Großschuldner 1970 -1983: Nettoauslandskredite (VA), Nettollirektinvestitionen (DIR) und IMF-Nettokredite (VIMF)j in Mrd. $ und in Ofo D1Ra ) VA VIMFb) DIR + VA + VIMF abs. I '% abs . I % abs . I % abs. I %c) 1. Argentinien ... .... . ..... . ..... . . 2,9 6,2 43,1 91,5 1,1 2,3 47,1 100 2. Brasilien .. . ............ . ....... 19,6 18,1 85,7 79,3 2,8 2,6 108,1 100 3. Chiled) .............. . . . ... . ..... 1,1 6,6 12,6 75,4 0,6 3,6 14,3 (85,6) 4. Kolumbien ...................... 1,3 12,3 9,5 89,6 -0,2 -1,9 10,6 100 5. Mexiko ..... . ... . .......... . .. . . 12,6 12,5 86,6 86,2 1,3 1,3 100,5 100 6. Peru............ .. .............. 1,0 7,4 11,7 86,7 0,8 5,9 13,5 100 7. Venezuela e) . .................... 34,5 79,9 0 0 34,5 (79,9) Lateinamerika . ............ . ....... 38,5 11,7 283,7 I 86,3 6,4 1,9 328,6 I 99,9 1. Indien f) •.•• • ••••.••••••• • •••.•• • 11,7 95,9 0,5 4,1 12,2 100 2. Indonesien ...................... 2,7 8,7 27,9 90,0 0,4 1,3 31,0 100 3. Korea ................. .... ..... 0,7 1,8 37,5 94,2 1,6 4,0 39,8 100 4. Malaysia .. . ................... . 8,1 33,6 15,6 64,7 0,4 1,7 24,1 100 5. Pakistan d) • . • • • •.• • .••••• •• • •••• 0,4 3,6 7,0 63,6 1,6 14,5 9,0 (81,7) 6. Philippinen ..... .. .............. 1,2 4,7 23,5 91,4 1,0 3,9 25,7 100 7. Thailand . ... ... ........... .. ... . 1,9 11,2 14,0 82,8 1,0 5,9 16,9 99,9 ASie~ . .. . .. .. ........... . _.~ . ~ .. 1 15,0 9,5 137,2 86,4 6,5 4,1 1 158,7 100 .... N 00 S? ~ Ci) ., tJ ~ PP> OQ OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 co {/l ~ S m ::s !l- <: m .... ~ ::s ., !"" {/l o " ;;; ot;' g. :+ ~ .... '" '" 1. Jugoslawien ... . ......... ... .... 0 0 16,0 87,9 2,2 12,1 18,2 100 2. Rumänien • • •• • • ••• 0 • •• 0 0 • • •• ••• 0 0 8,0 88,9 1,0 11,1 9,0 100 3. Ungarn . . .. . .... ... ...... . .. . . . . . 7,7 92,8 0,6 7,2 8,3 100 4. Portugalg) ••••• 0 •••••••••••••••• 1,1 6,8 13,8 85,2 0,4 2,5 15,3 (94,5) 5. Türkeid) .................. . ..... 1,2 6,3 15,6 81,7 1,8 9,4 18,6 (97,4) Europa .... .. .......... . .. . .... .. .. I 2,3 I 3,3 61,1 88,0 6,0 I 8,6 69,4 I 99,9 1. Ägypten ................... . .... 4,4 16,4 22,5 83,6 26,9 100 2. Israel ...... ... ............ .. ',' ... 0,5 2,2 22,3 97,8 22,8 100 3. Algerien .. .. .. . ............. .. .. 1,1 7,8 13,0 92,2 0 0 14,1 100 4. Marokko ....... . . . .. . . . ........ . 0,4 3,1 11,4 89,1 1,0 7,8 12,8 100 5. Nigeria ....... . ............... .. 3,7 17,4 17,6 82,6 0 0 21,3 100 6. Südafrikag) .... . ................ -1,0 -4,6 21,0 96,3 0,8 3,7 20,8 (95,4) Afrika/Nahost ... . ................. 9,1 I 7,7 107,8 I 90,8 1,8 I 1,5 118,7 100 25 Großschuldner .. . ........ . .. .. .. 64,9 I 9,6 589,8 I 87,3 20,7 3,1 675,4 I 100 . Statistische Angaben unter 50 Mio. $. a) - : Netto-DIR im Ausland. - b) -: Nettotilgung von IMF-Krediten. -c) Abweichungen von 100 '/0 durch Runden der Zahlen (außer Klammerangaben). - d) Als zusätzliche Finanzierungsquelle Repatriierung von ausländischen Kapitalanlagen; Chile : 2,4 Mrd . S (= 14,2 ' / 0); Pakistan : 2,0 Mrd. $ (= 18,2 '/0); Türkei: 0,5 Mrd. $ (= 2,6 ' / 0). - e) Als zusätzliche Finanzierungsquelle Leistungsbilanzüberschüsse: 8,7 Mrd. $ (= 20 ,1 0/0). -f) Angaben nur für 1970 - 1981. -g) Als zusätzliche Finanzierungsquelle Abbau der offiziellen Währungsreserven; Portugal: 0,9 Mrd . S (= 5,6 0/ 0); Südafrika: 1,0 Mrd. $ (= 4,6 0/0). QueUen: IFS, BOP, IMF-Schätzungen, Weltbank, Inter-American Development Bank, Institute for International Economics (vgl. Text und Literaturverzeichnis). - Eigene Berechnungen . :;:: -8. ... E. ~ g: fl t<:! ~ t (JQ '" ~ Pa I-' N co OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 130 bieter buwendag schuldung weisen neun Großschuldner Prozentsätze von 90 und mehl' Prozent auf, nämlich: Argentinien, Indien, Indonesien, Korea, Philippinen, Ungarn, Israel, Algerien und Südafrika. Den mit Abstand niedrigsten Finanzierungsanteil der Auslandskredite stellen Pakistan und Malaysia mit je knapp 65 010. Für alle anderen 14 Großschuldner liegen die entsprechenden Anteile zwischen 75 und 90 010. Absoluter Spitzenreiter in dieser Hinsicht ist Israel mit fast 98010. über weitere Details informiert Tab. 1. 2. Kapitalflucht-Schätzungen Die Ergebnisse der Schätzgleichung (9) sind in der nachstehenden Tab. 2 zusammengefaßt. Bezugsgröße ist die ausländische Nettokreditaufnahme (VA) der 25 Großschuldner in den letzten 14 Jahren (1970 bis 1983) in Höhe von rd. 590 Mrd. $. Nach den Resultaten der Schätzgleichung haben davon 183 Mrd. $ (= 31 010) die Schuldnerländer in Form von privaten ausländischen Kapitalanlagen (KA) wieder verlassen. 183 Mrd. $ bzw. 31 0/0: Ist das "Kapitalflucht"? Zunächst dürfte die Größenordnung als solche bemerkenswert sein, liegt sie doch weit über jenen Schätzungen, die bereits von anderer Seite hierzu angestellt wurden, wenn auch für kürzere Zeiträume und weniger Länder (vgl. Abschnitt 1). Ein Vergleich der vier Ländergruppen zeigt folgende Tendenzen: - Mit gut 35010 liegt die durchschnittliche KA/VA-Quote der lateinamerikanischen Länder am höchsten. Sie übersteigt den entsprechenden Anteil der asiatischen Länder um 60010, die mit 21,9010 die niedrigste Quote aufweisen, gefolgt von den Staaten aus Europa (28,2 010) und Afrika/Nahost (33,4010). -Die absolut (100 Mrd. $) wie auch relativ herausragende KA-Position Lateinamerikas, die sich schon in anderen Untersuchungen abzeichnete, gilt allerdings nur mit Blick auf die Durchschnittsquote. Aussagekräftiger als derartige Durchschnittsquoten sind die Ergebnisse für die einzelnen Länder. Zieht man -absolut willkürlich -die kritische Grenze, von der ab Schuldnerländer als "Kapitalfluchtländer" anzusehen sind, bei einer KA/VA-Quote von 50 %, so haben folgende fünf Länder in den letzten 14 Jahren mehr als die Hälfte ihrer Nettoauslandskredite wieder ins Ausland zurücktransferiert: OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 Kapitalflucht aus Entwicklungsländern Tabelle 2 25 Großschuldner: Private Kapitalabßüsse ins Ausland (KA), Stand der Auslandsverschuldung (V AB) Ende 1983 und Nettoauslandskredite (VA) von 1970 -1983 (in Mrd. $) VAB VA KAa) KA ("/0) Ende 1983 1970 -1983 1970 -1983 VA 1. Argentinien ...... 44,4 43,1 33,2 77,0 2. Brasilien ••••• 0" 88,0 85,7 8,6 10,0 3. Chile ............ 14,1 12,6 -2,4 -19,0 4. Kolumbien ...... 10,7 9,5 1,9 20,0 5. Mexiko .......... 89,4 86,6 24,4 28,2 6. Peru ............. 12,4 11,7 3,4 29,1 7. Venezuela ....... 35,1 34,5 30,7 89,0 Lateinamerika •• , 0" 294,1 283,7 99,8 35,2 1. Indien b) ......... 22,5 11,7 4,7 40,2 2. Indonesien ....... 30,4 27,9 7,3 26,2 3. Korea 0 •••••••••• 38,9 37,5 3,6 9,6 4. Malaysia ........ 15,9 15,6 8,4 53,8 5. Pakistan ......... 9,7 I 7,0 -2,0 -28,6 6. Philippinen ...... 24,0 23,5 7,3 31,1 7. Thailand ......... 14,2 I 14,0 0,7 5,0 I Asien ............... 155,6 137,2 I 30,0 21,9 1. Jugoslawien ..... 16,9 16,0 4,1 25,6 2. Rumänien ....... 8,0 8,0 3,4 42,5 3. Ungarn .......... 7,7 7,7 3,0 39,0 4. Portugal ......... 14,4 13,8 7,2 52,2 5. Türkei ........... 17,5 15,6 - 0,5 -3,2 Europa ............. 64,5 61,1 17,2 28,2 1. Ägypten ......... 24,0 22,5 14,2 63,1 2. Israel ............ 22,6 22,3 5,2 23,3 3. Algerien ......... 13,6 13,0 1,7 13,1 4. Marokko ........ 12,1 11,4 0,2 1,8 5. Nigeria .......... 17,8 17,6 5,1 29,0 6. Südafrika ....... 22,0 21,0 9,6 45,7 AfrikalN ahost ...... 112,1 107,8 36,0 33,4 25 Großschuldner ... 626,3 589,8 183,0 31,0 a) -: Repatriierung von privaten Kapitalanlagen aus dem Ausland. b) Angaben nur für 1970 - 1981. Quetlen: Vgl. Anmerkungen zu Tab.!. - Eigene Berechnungen. 9· 131 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 132 Dieter Duwendag 1. Venezuela (89,0010), 2. Argentinien (77,0010), 3. Ägypten (63,1010), 4. Malaysia (53,8010), 5. Portugal (52,2 '0/ 0 ). Setzt man, wieder willkürlich, die Grenzlinie auf eine KA/V AQuote von 25 % herab, so kommen folgende zehn Länder hinzu: - Südafrika, Rumänien, Indien und Ungarn mit Quoten zwischen 39 und 46010, - Philippinen, Peru, Nigeria, Mexiko, Indonesien und Jugoslawien mit Quoten zwischen 26 und 31 010. Nach diesem 250f0-Kriterium zählen also 15 der insgesamt 25 Großschuldner zum "harten Kern der Kapitalfluchtländer" mit einer durchschnittlichen KAIV A-Quote von 46 010, zum al der Abstand zu den anderen Ländern dann doch recht deutlich ist. Freilich ist damit die eingangs gestellte Frage, wann der "normale" Vorgang von privaten Kapitalexporten in Kapitalflucht "umschlägt", nicht beantwortet. Jegliche Grenzziehung bleibt arbiträr; Größenordnungen und Quoten können nur gewisse Hinweise liefern. Nähere Aufschlüsse sind in diesem Zusammenhang nur von einer Untersuchung der spezifischen Bestimmungsfaktoren für private Kapitalabflüsse ins Ausland in jedem Einzelfall zu erwarten. Diese Aufgabe kann im Rahmen dieser Untersuchung nicht geleistet werden. Drei Ergebnisse der Tab. 2 seien noch hervorgehoben: 1. Kapitalfluchtprobleme (wenn es sich denn um solche handelt) existierten auch in den drei osteuropäischen Ländern (Jugoslawien, Rumänien, Ungarn) mit KA/VA-Quoten zwischen 25,6 und 42,5010. Offensichtlich gibt es also auch hier "Schlupflöcher" für konvertible Währungen in beträchtlichem Ausmaß. Angesichts der dort üblichen Restriktionen für den privaten, grenzüberschreitenden Kapitalverkehr gibt diese Tatsache Anlaß zu der Vermutung, daß an den Kapitalabflüssen aus diesen Ländern auch (oder vor allem) staatliche Stellen beteiligt gewesen sind. Anders formuliert: das hier gewählte Kriterium, wonach sich staatliche Kapitalexporte hauptsächlich in Erhöhungen der offiziellen Währungs reserven niederschlagen, greift - in diesen Staaten -offensichtlich zu kurz. 2. Auch das Gegenteil von "Kapitalflucht", nämlich die Rückführung von privaten Kapitalanlagen aus dem Ausland, spielte in einigen Großschuldnerländern eine Rolle. So ist es Chile, Pakistan und der Türkei per Saldo in den letzten 14 Jahren gelungen, Auslandsanlagen zu repatriieren. In der Nähe dieser Gruppe befinden sich ferner noch Marokko und Thailand mit KA/V A-Quoten zwischen 2 und 5010. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 Kapitalflucht aus Entwicklungsländern 133 3. Die häufig getroffene Qualifizierung Lateinamerikas als "Kapitalfluchtregion" läßt sich im Lichte der Ergebnisse der Tab. 2 in dieser pauschalen Form nicht aufrecht erhalten. Vielmehr zeigt sich, daß die hohe durchschnittliche KA/V A-Quote dieser Ländergruppe allein durch zwei Staaten, Venezuela und Argentinien, zustande gekommen ist, während die anderen Länder dieser Region eher moderate und z. T. sogar negative Quoten aufweisen. Fazit: Hinsichtlich des Kapitalfluchtphänomens gibt es in den betrachteten 25 Großschuldnerländern ausgeprägte Unterschiede; Pauschalaussagen für ganze Regionen sind fehl am Platze. 3. Schätzprobleme Es wurde schon gesagt, daß wegen der impliziten Errechnung von KA die Schätzunglim dieser Größe nur so realistisch sein können, wie es sämtliche vorgegebenen anderen Daten sind. Die hauptsächlichen Fehlerquellen seien kurz angesprochen: 1. Die errechneten KA-Beträge sind dann zu hoch, wenn statistisch nicht registrierte Rüstungsimporte stattgefunden haben, sofern sie nicht durch entsprechende, in LBD nicht erfaßte Militärexporte und/oder durch - in VA -nicht registrierte MilitärhiIfekredite finanziert wurden. Darüber gibt es aus externer Sicht nur Vermutungen. Feststehen dürfte nur, daß die genannten Größen nicht unbedeutend sind. Dornbusch (1984) schätzt z. B. für Argentinien 7 Mrd. $ nicht erfaßte Militärimporte von 1978 -1982. Diese von KA abgesetzt, verblieben in diesem Zeitraum aber immer noch 19 Mrd. $ an privaten Kapitalabflüssen. In der Untersuchung von Dooley u. a. (1983) werden ferner die ausländischen Kapitalanlagen seitens der Banken der Schuldnerländer von KA abgesetzt. Der Gedanke ist insofern richtig, als die Banken in den meisten der hier betrachteten Schuldnerländer verstaatlicht und damit dem direkten Zugriff der Regierungen ausgesetzt sind. Aber: Erstens handelt es sich lt. Ausweis der IFS bei diesen Größen um sehr geringe Beträge. Zweitens stellt sich die Frage, warum die staatlichen Stellen - anstelle neuer Auslandsschulden - nicht schon längst auf diese quasi "privaten" Währungsreserven zurückgegriffen haben. Ein Grund mag sein, daß die ausländischen Kapitalanlagen der EL-Banken weder verfügbar noch mobilisierbar sind. 2. Demgegenüber gibt es eine Reihe von Gründen, aus denen die hier errechneten KA-Beträge eher zu niedrig erscheinen: - Zum einen enthält der Restposten der Zahlungsbilanz in einem gewissen Umfange stets auch statistisch nicht weiter aufgliederOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 134 Dieter Duwendag bare Transaktionen des Kapitalverkehrs, u. a. also auch Kapitalanlagen im Ausland, die den Schätzgrößen insoweit hinzuzurechnen wären. Dieser Restposten (netto) ist für nahezu alle Großschuldner defizitär (EOD) und weist - in Relation zum Leistungsbilanzdefizit - in einigen Ländern beachtliche Prozentsätze auf: Indien: 140 0/0; Südafrika: 90 Ufo; Malaysia: 57 Ufo; Mexiko: 55 Ufo; Indonesien: 47 Ufo; Philippinen: 23 Ufo; Korea: 15 0 /0. - Zum anderen stecken in den statistisch erfaßten Leistungsbilanzdefiziten möglicherweise in erheblichem Umfange versteckte KA-Beträge, dann nämlich, wenn die Exporte bewußt zu niedrig fakturiert sind mit dem Ziel, einen Teil der Exporterlöse im Ausland zu belassen (das sog. "Underinvoicing"), oder wenn die Importe zu hoch fakturiert sind, ebenfalls in der Absicht, höhere Devisenbeträge ins Ausland zu transferieren (das sog. "Overinvoicing"). Leider gibt es auch darüber nur wenige konkrete Anhaltspunkte, aber derartige Pratiken als solche sind unbestritten. So schätzt z. B. Gupta 30 anhand von "educated guesses" für Indien, daß die unterfakturierten Exporte bzw. die überfakturierten Importe bis zu 8 bzw. 5 Ufo der offiziellen Exporte bzw. Importe ausmachen. Die genannten Fehlerquellen verdeutlichen, daß es sich bei den hier errechneten KA-Beträgen nur um grobe Schätzungen handeln kann. Die Tatsache jedoch, daß die vom IMF verfügbaren (internen) Angaben zu den Nettoauslandskrediten "vorsichtig" veranschlagt sind, rechtfertigt - zusammen mit den zuletzt genannten Punkten -die Annahme, daß die errechneten KABeträge eher Unter grenzen darstellen. 3. Neben der finanziellen "Kapitalflucht" gibt es auch noch so etwas wie eine "Flucht in Impol'tgüter", und zwar zusätzlich oder ersatzweise: Erwarten z. B. die Unternehmen und Haushalte eines Schuldnerlandes eine größere Abwertung der inländischen Währung (und wann hätten sie das nicht getan?), so werden sie - bei Vorliegen strikter Kapitalverkehrskontrollen - verstärkt Investitionsund dauerhafte Konsumgüter importieren, um nach erfolgter Abwertung Währungsbzw. Vorratsgewinne zu realisieren. Ein solches Verhalten treibt das Leistungsbilanzdefizit hoch, ähnlich wie das gerade erwähnte Underbzw. Oberinvoicing. Dornbusch (1984) hat ein 30 S. Gupta (1984), S. 83. Gupta nennt als weitere Transaktionen, die das offizielle Leistungsbilanzdefizit als zu hoch ausweisen, nicht erfaßte Exporte durch Schmuggel und im Reise-Service, desweiteren Remittances (unentgeltliche private übertragungen). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 Kapitalflucht aus Entwicklungsländern 135 solches Verhalten z. B. für Chile nachgewiesen, und es ist sicher kein Zufall, daß dieses Land zu den ganz wenigen gehört, in denen nach unseren Berechnungen keine finanzielle "Kapitalflucht" stattgefunden hat. 4. AbsorpUon der Auslandskredite Private Kapitalabflüsse ins Ausland (KA) sind nur einer unter zahlreichen anderen Verwendungszwecken der Nettoauslandskredite (VA). Hinzu kommen regelmäßig Leistungsbilanzdefizite einsch!. negativer Salden des Restpostens (LBD + EOD) und die Aufstockung der offiziellen Währungsreserven einsch!. negativer Salden der Ausgleichsposten (LI R + CPD). In Einzelfällen spielt ferner die Finanzierung von Nettodirektinvestitionen (DIR) im Ausland und von Nettotilgungen 31 von IMF-Krediten (VIMF) eine Rolle. Andererseits treten neben VA als zusätzliche Finanzierungsquellen in den meisten Fällen noch DIR (in EL) und VIMF (IMF-Nettokredite) sowie in Einzelfällen Leistungsbilanzüberschüsse (Venezuela) und die Repatriierung von KA (Chile, Pakistan, Türkei). In einem Gesamtüberblick sind diese Zahlungsbilanzpositionen kumuliert für die letzten 14 Jahre in Tab. 3 dargestellt. Die Kopfzeile entspricht Gleichung (10); da sämtliche Größen auf VA bezogen werden, sind die Finanzierungsbeiträge aller anderen Größen zu substrahieren. Zunächst interessiert die Beziehung zwischen den VA-Absorptionsquoten von KA und (LBD + EOD). Der Grund ist, daß Auslandskredite der EL primär dem Ziel der Finanzierung von Leistungsbilanzdefiziten dienen (sollten). Ist dies nicht der Fall, wird hier von einer "Entkopplung" zwischen den Größen VA und (LBD + EOD) gesprochen. Die Berechnungen führten zu folgenden Ergebnissen: Lag die KA/V A-Quote ("Kapitalflucht-Quote") in 15 der 25 Groß schuldnerländer über 25 0 /0, so errechnet sich eine (LBD + EOD)/VA-Quote ("Finanzierungsquote des Leistungsbilanzdefizits") von weniger als 75 0 /0 für 14 dieser Länder, dabei sind 12 Länder identisch. Das Ergebnis kann nicht überraschen, handelt es sich doch um konkurrierende Verwendungszwecke. Willkürlich gesetzt ist indessen (wie bei KA) das "Entkopplungs-Kriterium" (75010); gleichwohl dürfte es einige brauchbare Hinweise für die hier interessierende Beziehung liefern. Aber es gibt Ausnahmen: Drei Länder konnten beide Kriterien [KAIVA> 25 Ofo bei gleichzeitig (LBD + EOD)/VA > 75 010] übersprin31 Sie können dann auftreten, wenn im Betrachtungszeitraum (1970 -83) hohe IMF-Kredite fällig wurden, die vor 1970 aufgenommen wurden. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 142 Dieter Duwendag fällig zutage trat. Trotz gelegentlicher, sehr drastischer Abwertungsschritte haben jedoch die offiziellen Wechselkurse mit jenen der Parallelmärkte in vielen Ländern bis heute nicht Schritt halten können. Permanente Erwartungen auf Abwertungen wirken aber geradezu wie eine Aufforderung zu einer ebenso permanenten spekulativen Kapitalflucht ("Einladung zur Kapitalflucht"34). Der Bestimmungsfaktor "überhöhte Wechselkurse" ließe sich, zumindest phasenweise, für die meisten der hier betrachteten 15 Großschuldner mit hohen Kapitalabflüssen demonstrieren. Stellvertretend für sie werden im folgenden drei exemplarische Fälle herausgegriffen. In Abb. 3 sind für Ägypten, Argentinien und Mexiko folgende Zeitreihen dargestellt: -Die Veränderungsraten der gesamten Auslandsverschuldung (LI V AB) und der Bestände an (privaten) Kapitalanlagen im Ausland (LI KAB), jeweils in Ufo gegenüber dem Vorjahr. (über weite Phasen besteht zwischen beiden Zeitreihen ein Parallelverlauf.) -Die Entwicklung des realen effektiven Wechselkursindex (WKIT) in Ägypten und Mexiko bzw. der Relation von Importpreisen zu Inlandspreisen als Maßstab für den realen Wechselkurs in Argentinien. Sinkende reale Wechselkurse zeigen eine überbewertungstendenz der inländischen Währung an. Die Beobachtung für Argentinien zeigt eine in großen Schritten zunehmende überbewertung des Peso von 1976 bis 1980, in deren Verlauf die Zuwachsraten der Kapitalflucht immer höhere Werte annehmen. Die reale Abwertung des Jahres 1981 erwies sich offenbar als zu gering, um den aufgestauten Abwertungsbedarf zu beseitigen - LI KAB sinkt deshalb nur geringfügig. Erst mit der starken realen Abwertung 1982 (und 1983) gehen die Kapitalabflüsse ins Ausland stark zurück bzw. tendieren gegen Null (1983). Für Mexiko gilt, daß die höchsten Zuwachsraten der Kapitalflucht stets (kurz) vor den drastischen realen Abwertungen des Pe so in den Jahren 1977 und 1982 stattfanden. In den jeweils folgenden Jahren beruhigten sich die spekulativen Kapitalbewegungen. Starke Schwankungen von LI KAB von 1979 - 1981 deuten darauf hin, daß die Kapitalexporteure wechselkurspolitische Maßnahmen der Regierung -die immer weiter hinausgezögert wurden - nicht richtig antizipiert haben. Möglicherweise kommt in diesen Schwankungen aber auch zum Ausdruck, daß öffentliche Unternehmen (z. B. staatliche Ölgesellschaften), die hier den privaten Kapitalexporteuren zugerechnet wurden, in jenen Jahren verstärkt ausländische Kapitalanlagen repatriiert haben s5 • Dieser Fall könnte auch für die Phase 1975/76 zutreffen. 34 K. O. Pöhl (1984), S. 2. 35 Darauf weist z. B. H.-P. Nissen (1984), S. 156 ff., am Beispiel Venezuelas hin. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 Kapitalflucht aus Entwlckluilgsländern 143 In Agypten hatte sich (bereits seit 1970) bis 1978 sukzessive ein beträchtlicher Abwertungsbedarf aufgestaut, der dann insbesondere 1977/78 zu einem steilen Anstieg der Kapitalfluchtraten führte. Die starke reale Pfund-Abwertung 1978 machte dieser Entwicklung ein ebenso plötzliches Ende (1979). Die Kapitalabflüsse klangen bis 1981 langsam aus bzw. schlugen 1982 sogar in geringfügige Rückführungen von Auslandsanlagen um. Im Zuge der zwischenzeitlich erfolgten überbewertung stieg die Kapitalfluchtrate 1983 allerdings wieder an. tJVAT3, L1 KAli (%) Go A'io 1;0 ..1;0 Ifo ~z.o 30 2.0 400 40 '10 1H1 12. -40 L1VAB, WKY' LlKAB (0/0) 1,0 ~'O S"o 'wo 'tO ~20 30 1100 20 gO 1/0 0 -110 IMEXIKOI [AT«[ENTI N JE NI .. '" '.' 'H :n 1-1 n 10 11 12. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 144 INAB, 11 KA'B (%) 1'0 1140 1100 IIl0 90 1100 $0 fo 10 60 ~O '1-0 SO' 20 'tO t1HS 16 -2.0 Dieter Duwendag IÄGYl'TENI 11 19 WKI Y .. -- ... ' ... --;: 80 '. '. '. 82. Abb.3: Veränderung der Auslandsverschuldung (A VAB)a) sowie der Bestände an privaten Kapitalanlagen im Ausland (A KAB)a), jeweils in '% gegenüber Vorjahr, und Entwicklung des realen effektiven Wechselkursindex (WKlr)b) bzw. des realen Wechselkurses (WKr)c) a) Quellen für Grunddaten: IMF-interne Schätzungen (LI V AB) und eigene Berechnungen (LI KAB). b) 1980 = 100; WKI r = [CPI; !CPIal • (WKI"); CPI i: internationaler Konsumpreisindex; CPI d: inländischer Konsumentenpreisindex; WKI"': nominaler Wechselkursindex. Quellen: M. Hotthus, K. stanzet (1984). S. 279; L. Sotts, E. ZediUo (1984), S. 7 (für Mexiko 1983). c) Index 1978 - 1983 = 100; Relation von Importpreisen zu Inlandspreisen; Quelle: R. Dornbusch (1984), S. 27 a/28. Wie bereits erwähnt, ließe sich auch für die meisten anderen Großschuldner nachweisen, daß das künstliche Festhalten an überbewertungen ein wichtiger Grund für Kapitalfluchtbewegungen gewesen ist. Die Anpassungsdefizite im Bereich der Wechselkurspolitik liegen damit klar auf der Hand. Maßnahmen in dieser Richtung wären z. B. der übergang zum aktuellen "Pegging", d. h. zur laufenden -evtl. täglichen - Abwertung im Gleichschritt mit der Entwicklung der Inflationsdifferenzen zum Ausland. Von den hier betrachteten Ländern Lateinamerikas haben Argentinien, Brasilien, Chile und Kolumbien diesen Schritt inzwischen vollzogen, Mexiko, Peru und Venezuela mit dem Nebeneinander von festen (offiziellen) und freien Wechselkursen dagegen erst teilweise;86 36 Vgl. dazu für Mexiko: E. Gerken (1984), S. 106 -108. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 Kapitalflucht aus Entwicklungsländern 145 Zahlreiche andere Bestimmungsfaktoren wurden eingangs dieses Abschnitts kursorisch genannt, können hier aber nicht näher behandelt werden. Erwähnt seien lediglich noch zwei Maßnahmen aus dem Bereich der Währungspolitik, die häufig gegen Kapitalfluchtbewegungen eingesetzt werden: So wird mit der Schaffung von zinsattraktiven Märkten für Fremdwährungsguthaben versucht, die Devisen im Inland zu halten. Der sog. "Mex-Dollar-Markt" in Mexiko ist ein Beispiel dafür, mit dem seit Jahren experimentiert wird. Der hauptsächliche Konflikt besteht darin, einerseits keine vollständige Zinsliberalisierung im Inland zuzulassen, andererseits aber für Fremdwährungsanlagen Realverzinsungen bieten zu müssen, die jenen auf Kapitalanlagen im Ausland nicht nachstehen. 37 Häufig praktiziert werden zweitens Kapitalverkehrskontrollen. 38 Sie sind ein zweischneidiges Instrument mit - wie die Erfahrungen zeigen - durchaus unterschiedlichen "Erfolgen": In Brasilien und Chile z. B. werden sie seit Jahren eingesetzt mit dem Effekt, daß dort das Problem der finanziellen (l) Kapitalflucht nicht existiert (vgl. Tab. 2). In Mexiko dagegen konnte die 1982 erfolgte Einführung von umfassenden Kapitalverkehrskontrollen Kapitalfluchtbewegungen nicht wesentlich eindämmen. 3ß Neben den negativen Auswirkungen auf den internationalen Handel besteht die Kehrseite derartiger Kontrollen vor allem darin, daß sie - selbst wenn eine Reduzierung von Kapitalabflüssen fortan gelänge - evtl. noch bestehende Hoffnungen auf eine freiwillige Rückkehr von im Ausland vorhandenen Fluchtkapital wohl vollends zunichte machen dürften. VßI. Zusammenfassung 1. Ziel der Arbeit war es, das quantitative Ausmaß der privaten Kapitalabflüsse ("Kapitalflucht") aus 25 Großschuldnerländern ins Ausland abzuschätzen und einigen Bestimmungsfaktoren nachzugehen. über beides bestehen derzeit nur recht vage Vermutungen. Ließe sich Kapitalflucht in größerem Stile nachweisen, müßte sie als maßgeblicher Grund für die Zuspitzung der internationalen Verschuldungslage angesehen werden; andererseits bestünde im Prinzip die Chance einer Repatriierung von Auslandsanlagen und von daher ein Entlastungseffekt. 2. Für die Zeitreihen der Nettoauslandskredite standen vor allem IMFinterne Schätzung zur Verfügung; für alle anderen Daten wurden die offiziellen Zahlungsbilanzstatistiken (IFS und BOP) herangezogen. Die Untersuchungen erstrecken sich auf die letzten 14 Jahre (1970 - 1983). 37 Vgl. G. Ortiz (1983), S. 174 ff. 38 Zur theoretischen Analyse vgl. I. Otani, S. Tiwari (1984). 39 Vgl. A. Buira (1983), S. 51 ff. 10 Schriften d. Vereins f. Socialpolitlk 155 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 146 Dieter Duwendag 3. Der analytische Rahmen bewegt sich innerhalb der Zahlungsbilanzidentität, umgestellt in Form einer "Finanzierungsgleichung" und zugeschnitten auf die typische Zahlungsbilanzkonstellation hochverschuldeter Entwicklungsländer. 4. Diverse Beobachtungen zeigen, daß die Kapitalbilanzen der offiziellen Zahlungsbilanzstatistiken zur Ermittlung des Kapitalfluchtvolumens ungeeignet sind. Zwischen den tatsächlichen und den statistisch registrierten Werten der Nettoauslandskredite bestehen erhebliche Abweichungen, die sich - bei vorgegebenen Daten aller anderen Teilbilanzen - in entsprechend hohen Kapitalexporten niedergeschlagen haben müssen. 5. Der empirischen Schätzung des Kapitalfluchtvolumens wird deshalb ein weiterentwickelter Schätzansatz zugrunde gelegt, der neben den Nettodirektinvestitionen und den IMF-Nettokrediten die tatsächliche Auslandsverschuldung (netto) als Finanzierungsquelle einbezieht. Das Ausmaß der privaten Kapitalabflüsse ins Ausland wird im Wege der Restrechnung ermittelt. 6. In einem ersten Ergebnis wird das dominierende Gewicht der Nettoauslandskredite an der Zahlungsbilanzfinanzierung nachgewiesen (Durchschnitt: 87 '0J0; Anteile zwischen 64 und 96 G/ o). 7. Das Ergebnis der Kapitalflucht-Schätzungen lautet, daß sämtliche 25 Groß schuldner von 1970 - 1983 insgesamt 590 Mrd. $ an Nettoauslandskrediten aufgenommen haben, wovon 183 Mrd. $ diese Länder als Kapitalanlagen im Ausland wieder verlassen haben (Kapitalfluchtquote: 31 010). Für jene 15 Groß schuldner mit Kapitalfluchtquoten von mehr als 25 'OJo lauten die entsprechenden Angaben: 361 Mrd. $ Nettoauslandskredite; 166 Mrd. $ Kapitalabflüsse; Kapitalfluchtquote: 46 %. Hinsichtlich der Kapitalfluchtbewegungen gibt es in den einzelnen Ländern ausgeprägte Unterschiede; Pauschalaussagen sind daher nicht angebracht. Das Phänomen der Kapitalflucht existiert ebenso wie in den OPECund sonstigen Ölländern wie in den osteuropäischen Staaten. Demgegenüber sind in drei Ländern per Saldo auch Repatriierungen von Auslandsanlagen zu verzeichnen gewesen. 8. Probleme der Überschätzung des Kapitalfluchtvolumens bestehen vor allem insofern, als nicht registrierte Militärimporte stattgefunden haben, Probleme der Unterschätzung dann, wenn die (in der Regel) defizitären Restposten der Zahlungsbilanz der Großschuldner weitere Kapitalexporte enthalten und die Leistungsbilanzdefizite durch Unterfakturierung der Exporte bzw. überfakturierung der Importe zu hoch ausgewiesen werden. Neben dieser finanziellen gibt es auch noch eine "Flucht in Importgüter". 9. Im Kontext der Verwendung der Auslandskredite zeigt sich, daß wegen des großen Volumens der privaten Kapitalexporte in 14 Großschuldnerländern eine Entkopplung zwischen den Leistungsbilanzdefiziten und der Auslandsverschuldung stattgefunden hat. Hinsichtlich des Reserveverhaltens weisen die (7) asiatischen Großschuldner eine ungewöhnlich hohe Absorption der Auslandskredite durch Aufstockung der Währungsreserven auf. Bei den anderen Finanzierungsquellen gibt es deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 Kapitalflucht aus Entwicklungsländern 147 10. Die privaten Kapitalabflüsse aus den 15 "Kapitalfluchtländern" dürften sich überwiegend in den überschußpositionen des Restpostens der Zahlungsbilanz der Schweiz und der USA niedergeschlagen haben, worauf der seit 1978 extrem enge Parallelverlauf beider Zeitreihen hindeutet. 11. Aus der Vielzahl möglicher Bestimmungsjaktoren für Kapitalflucht werden zwei ökonomische Faktoren herausgegriffen: Aus einem Querschnittsvergleich der Großschuldner ergibt sich, daß mit zunehmender "Kreditquote" (Nettoauslandskredite zu Leistungsbilanzdefizit einsch!. Restposten) auch die "Kapitaljluchtquote" (private Kapitalabflüsse zu Nettoauslandskrediten) steigt. Darin könnten sinkendes Vertrauen der Kapitalexporteure in die wirtschaftliche Leistungskraft ihres Landes und Befürchtungen unumgänglicher restriktiver Anpassungsmaßnahmen zum Ausdruck gekommen sein, die wiederum Anlaß zu Kapitalflucht gaben. 12. Als zweiter wichtiger Einflußfaktor wird das Festhalten an künstlich überhöhten Wechselkursen angesehen und für drei Großschuldner exemplarisch nachgewiesen. Abwertungserwartungen wirken wie eine Aufforderung zur Kapitalflucht. Das Phänomen von überbewertungen, d. h. nicht rechtzeitig erfolgten realen Abwertungen, läßt sich auch für die meisten anderen Kapitalfluchtländer zumindest phasenweise belegen. Kurz diskutiert werden in diesem Zusammenhang drei Ansatzpunkte gegen Kapitalfluchtbewegungen: das "Pegging", die Schaffung von zinsattraktiven Märkten für Fremdwährungsanlagen im Inland und Kapitalverkehrskontrollen. 13. Kapitalfluchtbewegungen in den hier geschätzten Größenordnungen sind angesichts der Devisenknappheit der Großschuldner eine gravierende Fehlentwicklung, weil falsche Verwendung von Auslandskrediten. Derartige Kapitalabflüsse bedeuten den Zwang zu überhöhter (und insoweit vermeidbarer?) Auslandsverschuldung und Schuldendienstbelastung, sollen wirtschaftsund entwicklungspolitische Ziele ohne Abstriche realisiert werden. 14. Für die Länder mit hohen privaten Kapitalabflüssen stellt sich deren Nettoauslandsposition -als Ganzes gesehen - relativ günstig dar. Wären diese Kapitalexporte alternativ für "unproduktive" Inlandsprojekte verwendet worden, ergäbe sich möglicherweise sogar ein positiver Aspekt, solange die Chance für eine spätere Repatriierung der Auslandsanlagen unter günstigeren Verwendungsbedingungen besteht. Das Schuldendienst-Problem bleibt jedoch akut, denn die Regierungen haben die (zumeist öffentlichen) Schulden, und die Privaten halten die Zinserträge ihrer Auslandsanlagen jenseits der Grenzen. 15. Fest steht, daß sich die Kapitalflucht-Beträge irgendwo in der Welt als Kapitalanlagen niedergeschlagen haben müssen. Diese Tatsache erklärt z. T. mit, warum die Finanzierung der Schuldnerländer jahrelang so reibungslos funktioniert hat. So war der rapide Anstieg der internationalen Verschuldung der EL zu einem großen Teil Anlaß und Gegenstand eines erneuten monetären Recycling-Prozesses, der Auslandskredite an EL teilweise wieder in die Geberländer bzw. zu den internationalen Banken zurückschleuste, dort das Mittelaufkommen erhöhte und für erneute Kredite an EL zur Verfügung stand. Die Frage, ob es ohne derartige Karussellgeschäfte überhaupt zu einem Ausbruch der Schuldenkrise gekommen wäre, kann nur gestellt, aber nicht beantwortet werden. 10· OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 148 Dieter Duwendag Literaturverzeichnis und statistische Quellen Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, 54. Jahresbericht, Basel 1984. Buira, A., The Exchange Crisis and the Adjustment Program in Mexico, in: Prospects for Adjustment in Argentina, Brazil and Mexico (hrsg. von J. Williamson), Washington, D. C. 1983, S. 51 ff. (Institute for International Economics, Washington, D. C.) Business Week, An Exodus of Capital is Sapping the LDC Economies, Oct. 3, 1983, S. 65 ff. Cline, W. R., International Debt and the Stability of the World Economy, Cambridge, London 1983. (Institute for International Economics, Washington, D. C.) Dooley, M., W. Helkie, R. Tyron, J. Underwood, An Analysis of External Debt Positions of Eight Developing Countries Through 1990, in: International Finance Discussion Papers, No. 227, August 1983. Dornbusch, R., External Debt, Budget Deficits and Disequilibrium Exchange Rate (unveröff. Paper eines am 17.5. 1984 gehaltenen Referats; revidierte Fassung vom April 1984). Gerken, E., Auslandsverschuldung und interne Anpassungsprozesse: Das Beispiel Mexiko, in: Externe Verschuldung - interne Anpassung, Entwicklungsländer in der Finanzkrise (hrsg. U. E. Simonis), Schriften des Vereins für Sozialpolitik, N. F. Bd. 144, Berlin 1984, S. 103 ff. Gleske, L., Erfolgreiches Krisenmanagement, in: Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen, H. 1, 1984, S. 13 ff. Gupta, S., Unrecorded Trade at Black Exchange Markets: Analysis, Implications, and Estimates, in: Außenwirtschaft, H. I/II, 1984, S. 75 ff. Holthus, M., K. Stanzel, Kriterien zur Einschätzung von Verschuldungslagen -Die "Bonität" von Entwicklungsländern, in: Externe Verschuldung - interne Anpassung ... , a.a.O., (vgl. E. Gerken), Berlin 1984, S. 255 ff. Inter-American Development Bank, External Debt and Economic Development in Latin America; Background and Prospects, Washington, D. C. 1984 (Statistical Appendix, S. 83 -97). International Monetary Fund, World Economic Outlook; Occasional Paper No. 27, Washington, D. C. 1984 (a). - International Financial Statistics: Yearbook, Washington, D. C. 1984 (b); div. Jge. der Monatsausgaben (zuletzt: Nov. 1984). - Balance of Payments Statistics, Vol. 34, Yearbook 1983 (Part I U. II), Washington, D. C. 1983. - Balance of Payments Manual, 4. Aufl., Washington, D. C. 1977. de Larosiere, J., Adjustment Burden is Manageable With Needed Finance and Recovery, in: IMF-Survey, 21. 5. 1984. Nissen, H.-P., Auslandsverschuldung und interne Anpassungsprozesse: Das Beispiel Venezuela, in: Externe Verschuldung - interne Anpassung ... , a.a.O. (vgl. E. Gerken), Berlin 1984, S. 131 ff. Ortiz, G., Currency Substitution in Mexico, The Dollarization Problem, in: Journal of Money, Credit and Banking, Vol. 15, No. 2. 1983. S. 174 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 Kapitalflucht aus Entwickltmgsländern 149 Otani, 1., S. Tiwari, Capital Controls, Interest Rate Parity, and Exchange Rates: A Theoretical Approach (IMF -Paper DM/84/36), Washington, D. C., 1984. PöhZ, K. 0., Bewältigung der Schuldenkrise: Nicht zum Nulltarifl Wiederabdruck in: Deutsche Bundesbank, Auszüge aus Presseartikeln, Nr. 81 vom 9. 10. 1984, S. 1 ff. Schäfer, H.-B., Jenseits des Krisenmanagements; Internationale Schuldenkrise und IWF-Kredite (hrsg. vom Forschungsinstitut der FriedrichEbert-Stiftung), Bonn 1984. SchZesinger, H., Kapitalexport als Entwicklungshilfe?, in: International Capital Movements, Debt and Monetary System (hrsg. von W. Engels, A. Gutowski, H. C. Wallich), Mainz 1984, S. 333 ff. SoZis, L., E. Zedillo, A Few Considerations on the Foreign Debt of Mexico (unveröff. Paper), April 1984. Wallich, H. C., Financing Developing Countries (unveröff. Paper eines am 17. 2. 1983 gehaltenen Referats); Veröffentlichung vorgesehen in: International Debt and the World Economy: A Discussion (Proceedings of a Conference, New York). The World Bank, World Debt Tables; External Debt of Developing Countries, 1983 - 84 Edition, Washington, D. C. 1984. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36 Internationale Kredite mit undurchsetzbaren Forderungen Von Jürg Niehans, Bern Einleitung Was man die "internationale Schuldenkrise" zu nennen pflegt, hat, wie jedes komplexe Problem, viele verschiedene Seiten. Der vorliegende Aufsatz konzentriert sich auf eine von ihnen, während andere im Hintergrund bleiben. Das Bild der internationalen Verschuldung der Entwicklungsländer, das sich daraus ergibt, ist zwangsläufig unvollständig, aber es ist nichtsdestoweniger konsistent, aufschlußreich und teilweise neuartig. 1 Die vorherrschenden Auffassungen über die internationale Schuldenkrise gehen von der Vorstellung aus, daß die fraglichen Auslanddarlehen in ihrem Wesen privaten Inlanddarlehen ähnlich seien. Insbesondere pflegt angenommen zu werden, daß die Schuldner ihren Verpflichtungen bis zur Grenze ihrer Zahlungsfähigkeit nachkommen werden. Unter dieser Voraussetzung erscheint die jüngste Krise als die Konsequenz verringerter Zahlungsfähigkeit, teils infolge höherer Zinssätze, teils infolge einer verschlechterten Wirtschaftslage. Diese Betrachtungsweise erweckt die Hoffnung, daß ein Rückgang der Zinssätze und ein Konjunkturaufschwung zu einer Lösung der Krise führen werden. Im vorliegenden Aufsatz wird die Meinung vertreten, daß die herkömmliche Auffassung einen grundlegenden Unterschied zwischen privaten Inlandkrediten und den fraglichen Auslandkrediten außer acht läßt. Das volkswirtschaftliche Denken über den Kreditmarkt geht gemeinhin vom Paradigma von Forderungen aus, die mit rechtlichen Zwangsmitteln durchgesetzt werden können. Bei einem Barkauf wird Zug um Zug getauscht; der Vertrag erfüllt sich automatisch. Bei einem Kreditgeschäft fallen die beiden Seiten des Tausches zeitlich ausein1 Dieser Aufsatz erscheint in englischer Sprache in der "Economic Review" der Bundesreservebank von San Francisco, Winter 1985. Seine Grundzüge finden sich zusammengefaßt in Niehans (1984). Der Verfasser schrieb den Aufsatz als Gastprofessor der Federal Reserve Bank von San Francisco. Für diese Unterstützung seiner wissenschaftlichen Arbeit, für die wertvollen Bemerkungen von Mitgliedern der volkswirtschaftlichen Abteilung der Bank und für die Mithilfe seiner Assistentin Paula Crosswright spricht der Verfasser seinen Dank aus. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-45972-8 | Generated on 2023-01-16 12:49:36