Die Phillipskurve bei 'informierter' Erwartungsbildung. Bemerkungen zu einem theoretischen Ansatz von Kromphardt
Abstract
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Full text
Landmann, Oliver Article Die Phillipskurve bei 'informierter' Erwartungsbildung. Bemerkungen zu einem theoretischen Ansatz von Kromphardt Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Landmann, Oliver (1986) : Die Phillipskurve bei 'informierter' Erwartungsbildung. Bemerkungen zu einem theoretischen Ansatz von Kromphardt, Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik, ISSN 0342-1783, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 106, Iss. 1, pp. 63-72, https://doi.org/10.3790/schm.106.1.63 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/291632 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Zeitschrift für Wirtschaftsu. Sozialwissenschaften (ZWS) 106 (1986), S. 63 - 72 Duncker & Humblot, Berlin 41 Diskussion Die Phillipskurve bei informierter6 Erwartungsbildung Bemerkungen zu einem theoretischen Ansatz von Kromphardt* Von Oliver Landmann 1. Einleitung Auf der Tagung des Vereins für Socialpolitik, in Zürich 1974, hat Niehans (1975) das Ende der ,Phillips-Illusion' verkündet. Gemeint hat er damit den „aus unvollkommenem Wissen" entsprungenen Glauben an einen stabilen langfristigen Trade-off zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit. Dieser Glaube erschien damals sowohl aus theoretischen als auch empirischen Gründen als Illusion entlarvt. Auf theoretischer Ebene legten die Analysen von Phelps (1967) und Friedman (1968) den Schluß nahe, daß nur unerwartete Inflation Beschäftigungsgewinne bringen kann. Empirisch wurde zunehmend deutlich, daß die bis weit in die 60er Jahre hinein einigermaßen stabile Phillipskurve sich zu verschieben begann, und zwar genau in die Richtung, die aufgrund des Phelps/Friedman-Arguments zu erwarten war. Ungefähr 10 Jahre später befaßte man sich im Theoretischen Ausschuß des Vereins für Socialpolitik erneut mit der Phillipskurve. Hatte Niehans seinerzeit die definitive Überwindung der Phillips-Illusion in Wissenschaft und Politik als „nur eine Frage der Zeit" bezeichnet, war man sich diesmal keineswegs sicher, ob ein langfristiger Phillips-Trade-off vielleicht nicht doch mehr Realität denn Illusion sei. In seiner empirischen Analyse kommt Franz (1984) zum Ergebnis, „daß die Hypothese nicht verworfen werden kann, daß die [langfristige; d. V.] Phillipskurve in der Bundesrepublik negativ verläuft - zwar steil, aber eben nicht senkrecht" (S. 619). In Ergänzung zu dieser Studie unternahm es Kromphardt (1984) zu zeigen, „daß sich eine fallende langfristige Phillipskurve sehr gut theoretisch begründen läßt" (S. 631). In den Mittelpunkt seiner theoretischen Überlegungen stellt Kromphardt die Erwartungsbildung. Er assoziiert die ,keynesianische' Theorie einer langfristig nicht-vertikalen Phillipskurve mit dem traditionellen autoregressiven Modell der Erwartungsbildung, wogegen er das Konzept der rationalen Erwartungen der ,neoklassischen' Theorie der natürlichen Arbeitslo- * W. Franz, J. Kromphardt und M. Savioz haben mit kritischen Hinweisen Verbesserungen des vorliegenden Manuskripts bewirkt, dürfen aber für verbleibende Mängel nicht verantwortlich gemacht werden. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.106.1.63 | Generated on 2023-04-04 12:08:52
64 Oliver Landmann senquote zuordnet. Seine Untersuchung geht von der Hypothese aus, daß die Theorie der natürlichen Arbeitslosenquote vor allem deshalb so weitherum akzeptiert ist, weil sich die Gegenthese vom langfristigen Trade-off auf ein so offenkundig unzureichendes, nämlich eben nur autoregressives, Erwartungsbildungmodell stützt. Um zu zeigen, daß die Existenz eines langfristigen Trade-off auch mit realistischeren Annahmen über die Erwartungsbildung begründbar ist, führt Kromphardt ein neues Konzept ein: .informierte1 Erwartungen. ,Informierte4 Wirtschaftssubjekte ziehen zu ihrer Erwartungsbildung alle zu vertretbaren Kosten erhältlichen Informationen heran, die sie für relevant halten. Sie vermeiden damit die krasse Ineffizienz der Informationsverarbeitung, die ihnen das mechanistisch-autoregressive Modell unterstellt. ,Informierte' Erwartungsbildung braucht aber nicht so eng interpretiert zu werden, daß sie isomorph mit der verwendeten Modellstruktur sein muß, wie es das Prinzip der rationalen Erwartungen im Sinne von Muth (1961) vorschreibt. Vielmehr interpretieren die Wirtschaftssubjekte „ihre Informationen nach der sie jeweils überzeugenden Theorie" (Kromphardt (1984), 635).1 So definierte ,informierte' Erwartungen sollen laut Kromphardt nicht nur eine überzeugende Begründung eines langfristigen Phillips-Trade-off erlauben, sondern darüber hinaus sogar stabilisierend auf die Inflationsrate wirken. Gemeint ist damit, daß die langfristige Phillipskurve unter »informierten' Erwartungen flacher verläuft als unter autoregressiven Erwartungen, also etwa auch dann noch eine negative Steigung aufweist, wenn sie unter autoregressiven Erwartungen vertikal wäre. Die nachstehenden Ausführungen legen jedoch dar, daß Kromphardts Behauptungen bei näherer Überprüfung nicht aufrechtzuerhalten sind. Gerade wenn man den Gedanken der ,informierten' Erwartungsbildung als potentiell fruchtbaren Ansatz ernst nimmt, gelangt man zu Ergebnissen, die Kromphardts Thesen diametral zuwiderlaufen: 1. Die Steigung der langfristigen Phillipskurve ist unabhängig von den Details der Erwartungsbildung. 2. Bei jedem Versuch der Wirtschaftspolitik, einen Trade-off zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation auszubeuten, wirken »informierte' Erwartungen destabilisierend auf die Inflationsrate. 3. »Informierte' Erwartungen sind nicht nur ein untaugliches Instrument zur Begründung einer langfristig fallenden Phillipskurve, sondern deuten im Gegenteil darauf hin, daß das gebräuchliche empirische Kriterion zur Beurteilung des Verlaufs der langfristigen Phillipskurve zuungunsten der Theorie der natürlichen Arbeitslosenquote verzerrt sein könnte. Diese drei Anti-Thesen gilt es nun der Reihe nach kurz zu begründen.2 1 Welche Konsequenzen sich für Modelle rationaler Wirtschaftssubjekte ergeben, wenn die Akteure auch an konkurrierende Modelle glauben dürfen, ist heute Gegenstand einer rasch wachsenden Literatur; vgl. z.B. die Aufsatzsammlung in Frydman/ Phelps (1983). 2 Der vorliegende Diskussionsbeitrag setzt sich nicht mit Kromphardts zusätzlicher Behauptung auseinander, wonach der Anwendungsbereich der Theorie der OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.106.1.63 | Generated on 2023-04-04 12:08:52
Die Phillipskurve bei,informierter' Erwartungsbildung 65 2. Die Steigung der langfristigen Phillipskurve Das traditionelle Standardmodell der Phillipskurve besteht aus drei Gleichungen: (1) wt= ao(u~t-i -U~l) + aipf (2) pt = Wt (3) p\ -pet-l = X(pt-1-pet-l). Die Lohngleichung (1) beschreibt die Änderungsrate der Nominallöhne in Periode t,wt, in Abhängigkeit von der Arbeitsmarktlage der Vorperiode, ausgedrückt durch die Höhe der Arbeitslosenrate u relativ zu einem Referenzwert ü, sowie von der erwarteten Änderungsrate der Güterpreise pf. Die Preisgleichung (2) setzt die tatsächliche Änderungsrate der Preise, pt, der Lohnänderung gleich, was unter der Voraussetzung einer konstanten durchschnittlichen und marginalen Arbeitsproduktivität eine Implikation gewinnmaximierenden Verhaltens der Unternehmungen ist. Gleichung (3) schließlich beschreibt die Inflationserwartungen als Resultat eines adaptiven, autoregressiven Lernprozesses. Die langfristige Phillipskurve ist definiert durch die Bedingung pt = pf, also durch die Absenz von Erwartungsirrtümern. Diese Bedingung impliziert gemäß (3) überdies Konstanz der Inflationsrate. Durch Einsetzen in (1) und (2) resultiert die langfristige Phillipskurve a0 (4) p = (u-1-^1). 1 - ai Die Steigung dieser Funktion ist offensichtlich allein durch die Parameter der Lohngleichung (1) determiniert. Die Theorie der natürlichen Arbeitslosenquote postuliert ai = 1, in welchem Fall die Phillipskurve vertikal verläuft und eine inflationsunabhängige natürliche Rate u = ü definiert. Die Erwartungsgleichung ist zur Herleitung der langfristigen Phillipskurve nicht erforderlich und ist nur für die Gestalt des Übergangsprozesses zwischen der kurzen und der langen Frist von Belang. Auch die Substitution rationaler Erwartungen für den adaptiven Lernprozess (3) würde am Verlauf der langfristigen Phillipskurve nichts ändern, sondern die langfristige natürlichen Arbeitslosenquote auf den Zustand der Vollbeschäftigung beschränkt sei. Auch diese Behauptung, die einseitig auf Erklärungsansätze in der Tradition des ,market Clearing paradigm' abstellt, ist nicht zu halten. Ungleichgewichtstheoretische Modelle reallohnbedingter Arbeitslosigkeit generieren mit Leichtigkeit inflationsinvariante Unterbeschäftigungssituationen. Siehe zur Abgrenzung der natürlichen Rate von der Vollbeschäftigung etwa auch Meade (1982), Kap. 1. (Kromphardt deduziert seine Position, wie er in Korrespondenz mit dem Verfasser präzisiert hat, offenbar aus einem semantischen Vorverständnis. Er definiert nämlich die natürliche Arbeitslosenquote durch die Absenz unfreiwilliger Arbeitslosigkeit, wodurch sich die Frage nach dem Geltungsbereich der Theorie der natürlichen Arbeitslosenquote gar nicht mehr als theoretisches oder empirisches Problem darstellt, sondern tautologisch gelöst ist). 5 Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften 1986/1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.106.1.63 | Generated on 2023-04-04 12:08:52
66 Oliver Landmann Gleichgewichtsbedingung p = pe - vorbehältlich stochastischer Störeinflüsse - einfach schon für die kurze Frist postulieren. Die Akzeptanz der Theorie der natürlichen Arbeitslosenquote beruhte einerseits auf der Überzeugungskraft des theoretischen Arguments, daß Arbeitnehmer wie Arbeitgeber, frei von Geldillusion, nur in realen Kategorien denken, und daß deshalb die Lohngleichung (1) der Restriktion ai = 1 gehorchen sollte. Diese Restriktion begann sich mit Beginn der 70er Jahre in einer zunehmenden Zahl von empirischen Untersuchungen zu bestätigen - und zwar gerade auch in solchen, die mit autoregressiven Mechanismen der Erwartungsbildung operierten (vgl. z.B. Gordon (1976)). Die von Kromphardt suggerierte Assoziation des autoregressiven Erwartungsbildungsmodells mit der Theorie einer langfristig fallenden Phillipskurve ist deshalb weder von der Logik des Modells noch vom tatsächlichen Gang der empirischen Forschung her aufrechtzuerhalten. Es bleibt jetzt allerdings die Frage zu beantworten, wie vor dem Hintergrund des Gesagten dennoch ein Einfluß ,informierter4 Erwartungen auf die Gestalt der langfristigen Phillipskurve konstruierbar sein sollte. 3. Das theoretische Modell Kromphardts Kromphardt geht von der Überlegung aus, daß »informierte' Wirtschaftssubjekte zur Bildung ihrer Inflationserwartungen nicht nur auf die vergangene Entwicklung der Inflation abstellen, sondern auch auf die Arbeitsmarktlage und auf die Abweichung des Geldmengenwachstums m von der Zielvorgabe der Zentralbank ihz:2 (3') Pi = Pt-i + ro (M7-1 -ü-1) + y1(rht-1 -m?_i). Das vorgegebene Geldmengeijziel akkommodiert einen konstanten, »unvermeidlichen' Bruchteil der Inflationsrate der Vorperiode: (5) rhz t = y2pt-l 0<y2<l. Die Gleichungen (1), (2), (3') und (5) bilden das Modell, dessen steadystate-Lösung Kromphardt aus der Bedingung einer konstanten Inflationsrate wie folgt herleitet: (6) p = [1 - «! (1 - YI 72)] " 1 • [(ao + yo) (u " 1 - ü ~ l) + ax y0 fh] . Diese Phillipskurve weist offensichtlich auch dann noch einen fallenden Verlauf auf, wenn das Postulat ai = 1 erfüllt ist. Daher Kromphardts Schlußfolgerung, daß »informierte4 Erwartungen die Inflation stabilisieren, also z.B. eine Arbeitslosenquote u < ü trotz = 1 bei konstanter Inflation aufrechtzuerhalten erlauben. 3 Die hier gegebene Formulierung unterscheidet sich von Kromphardts OriginalModell durch die vereinfachende Annahme einer konstanten Arbeitsproduktivität und durch eine etwas realistischere Datierung der Variablen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.106.1.63 | Generated on 2023-04-04 12:08:52
Die Phillipskurve bei,informierter' Erwartungsbildung 67 Wenn es auch eine verlockende Strategie sein mag, die Erwartungsbildung so zu modellieren, daß den Wirtschaftssubjekten ein Denken in Kausalzusammenhängen zugestanden wird, ohne daß ihnen gleich die einschneidende Restriktion der Muth-Rationalität auferlegt werden muß, ist Kromphardts Ansatz dennoch ein anschauliches Beispiel dafür, was Fischer (1975), 163, gemeint haben dürfte, als er der Theorie der rationalen Erwartungen das Verdienst zusprach, die „exzessive Willkür der Hypothesenbildung in dynamischen Modellen einzudämmen." Zumindest die folgenden Einwände sind gegen die Hypothesen (3') und (5) vorzubringen: 1. Bei aller Vielfalt des Angebots an monetären Inflationsmodellen ist schwer einzusehen, warum Inflationserwartungen gerade von der Differenz zwischen tatsächlichem und angestrebtem Geldmengenwachstum abhängen sollten. Generiert ein genau eingehaltenes Geldmengenziel von + 10% weniger Inflationsbefürchtungen als ein Geldmengen Wachstum von 3 %, wenn die Zielvorgabe 2 % betrug? 2. In einem kompletten Makro-Modell, dessen Nachfrageseite die reale Outputänderung qt etwa durch die folgende reduzierte Form eines IS-LMModells erklärt:4 (7) qt = ß(rht-pt), erfordert die Konstanz der Arbeitslosenquote bei gegebener Arbeitsproduktivität und gegebenem Arbeitsangebot die Übereinstimmung der Inflationsrate pt mit der Geldmengenwachstumsrate 7ht. Dies bedeutet wegen y2 < 1 in (5), daß das Geldmengenziel Thz bei jeder von null verschiedenen Inflationsrate auf Dauer von der tatsächlichen Wachstumsrate der Geldmenge rh abweicht. Angesichts der von Kromphardt (1984), 637, betonten Voraussetzung, „daß die Wirtschaftssubjekte von der Entschlossenheit der Notenbank überzeugt sind, das verkündete Geldmengenziel zu erreichen", ist dies für ,informierte' Wirtschaftssubjekte keine sonderlich attraktive Implikation. 3. Am schwersten wiegt, daß der Erwartungsbildungsmechanismus (3') nicht einmal bei langfristig konstanter Inflationsrate gegen deren beobachteten Wert konvergiert. Außer im Spezialfall der absoluten Preisniveaustabilität impliziert Gleichung (3') für die steady-state-Lösung (6) einen endogen nie korrigierten Erwartungsfehler (ß ¥= pe). Wiederum fällt es schwer, Wirtschaftssubjekte als »informiert4 zu bezeichnen, die eine stabile Inflationsrate nicht früher oder später antizipieren. In dieser Hinsicht hätte sogar der einfache Lernprozeß (3) das Attribut,informiert4 besser verdient. Es ist allein auf die implausiblen Konvergenzeigenschaften von Kromphardts Erwartungsbildungsmodell zurückzuführen, daß seine langfristige Phillipskurve überhaupt von Parametern des Erwartungsbildungsprozesses abhängt. Jedes Modell, in dem eine langfristig konstante Inflation voll anti4 Vgl. z.B. Laidler/Parkin (1975), 776. Gleichung (7) unterstellt implizit Konstanz der realen autonomen Ausgaben, was im Hinblick auf steady-state-Betrachtungen in einer stationären Modellwirtschaft natürlich die einzig sinnvolle Annahme ist. 5' OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.106.1.63 | Generated on 2023-04-04 12:08:52
68 Oliver Landmann zipiert wird, generiert die langfristige Phillipskurve in der oben beschriebenen Weise unabhängig von den Einzelheiten der Erwartungsbildung. Ein Einfluß der Erwartungsbildung auf den langfristigen Inflationsprozeß läßt sich insofern nicht von der Hand weisen, als die mit dem Phelps/FriedmanModell assoziierte Akzelerations-Hypothese entscheidend auf eine naiv-autoregressive Erwartungsbildung angewiesen ist. Bekanntlich impliziert das von den Gleichungen (1) bis (3) gebildete Modell, daß eine Arbeitslosenrate u < ü selbst unter der Bedingung a\ = 1 aufrechtzuerhalten ist, wenn eine stetige Akzeleration der Inflation in Kauf genommen wird, weil dann der autoregressive Erwartungsbildungsprozeß (3) systematisch hinter der tatsächlichen Entwicklung herhinkt. Schon lange bevor die Theorie der rationalen Erwartungen Mode wurde, bestand einiger Zweifel, ob die Vorstellung, daß die Wirtschaftssubjekte sich durch ein solches Manöver auf Dauer täuschen ließen, mit anderweitig rationalem Verhalten zu vereinbaren sei (vgl. z.B. Gordon/Hynes (1970)). Dieser Defekt des autoregressiven Modells kann auch anders als mit Mwt/i-rationalen Erwartungen behoben werden. So hat Flemming (1976) die Hypothese entwickelt, daß »informierte' Wirtschaf tssubjekte ihr Lernverhalten jeweils an das niedrigste trendfreie Zeitderivat des Preisniveaus adaptieren, im Falle einer stetig akzelerierenden Inflation also sukzessive die Akzelerationsrate zu antizipieren beginnen. Klar ist, daß jeder Erwartungsbildungsmechanismus, der den Wirtschaftssubjekten eine bessere Informationsverarbeitung als Gleichung (3) unterstellt, den Spielraum für Täuschungsmanöver einengt und die Explosion der Inflationsrate im Falle einer auf u < ü zielenden Beschäftigungspolitik beschleunigt. In diesem Sinne wirken ,informierte' Erwartungen destabilisierend auf den Inflationsprozeß. Daß Kromphardt zum gegenteiligen Schluß gelangt, liegt daran, daß sein Modell einer »informierten4 Erwartungsbildung den Wirtschaftssubjekten auf die Dauer einen schlechteren Informationsstand unterstellt als der autoregressive Mechanismus (3). 4. Die Rolle ,informierter4 Erwartungen bei der Lohnbildung Nachdem der Versuch, einen langfristig ausbeutbaren Phillips-Trade-off mit Besonderheiten der Erwartungsbildung zu begründen, wohl als gescheitert angesehen werden darf, bleibt dennoch die Frage zu beantworten, wie neuere empirische Evidenz, die gegen die Existenz einer strikt inflationsunabhängigen natürlichen Arbeitslosenquote zu sprechen scheint, theoretisch erklärt werden kann. Wie kann ai, der Koeffizient der Inflationserwartungen in der Lohnbzw. Preisgleichung, systematisch unter eins liegen, wenn sich Arbeitnehmer wie Arbeitgeber ausschließlich an der Reallohnentwicklung orientieren? Kromphardt (1984) warnt zurecht davor, Evidenz zugunsten von ai < 1 unbesehen als ,Beweis' für die Geldillusion der Tarifparteien zu interpretieren: Während nämlich die von ai = 1 implizierte Lohnund Preisentwicklung „sicherlich angestrebt" würde, sei es denkbar, daß die Wirtschaftssubjekte „die entsprechenden Forderungen nicht durchsetzen können oder wollen (z.B. mit Rücksicht auf eine befürchtete Reaktion der Geldpolitik)" (S. 638). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.106.1.63 | Generated on 2023-04-04 12:08:52
Die Phillipskurve bei »informierter4 Erwartungsbildung 69 Daß neue Informationen bzw. sich ändernde Erwartungen bezüglich der künftigen Entwicklung des Preisniveaus auf dem Arbeitsmarkt - anders als auf den Finanzmärkten - nicht sofort und vollständig in den beobachteten Marktpreis eingehen, ist in der Tat ein Kerngedanke der kontrakttheoretischen Arbeitsmarktliteratur. Makroökonomische Modelle, die der kontraktbedingten Trägheit der Löhne Rechnung tragen, führen denn auch ausnahmslos zum Ergebnis, daß Löhne und Preise unterproportional auf laufende Änderungen der Inflationserwartungen reagieren, weil in der Vergangenheit abgeschlossene Verträge in die Gegenwart fortwirken. Diese Modelle implizieren allerdings nicht, daß die langfristige Phillipskurve deswegen eine negative Steigung aufweist. Vielmehr wird die laufende Lohnänderung von einem verteilten Lag vergangener Inflationserwartungen bestimmt, deren Koeffizienten sich in Abwesenheit von Geldillusion auf eins summieren (vgl. Fischer (1977), Phelps/Taylor (1977), Taylor (1979)). Da dieses Argument einleuchtend und wohlbekannt ist, sei es hier nicht weiterverfolgt. Vielleicht nicht ganz so offensichtlich ist dagegen die Antwort auf die von Kromphardt mit angeschnittene Frage, ob sich eine langfristig fallende Phillipskurve etwa dadurch begründen ließe, daß die Wirtschaftssubjekte erwartete Änderungen der Inflationsrate mit Rücksicht auf befürchtete negative Beschäftigungsfolgen nicht voll auf die Löhne überwälzen, selbst wenn jedermann klar realisiert, was dies für die Reallohnentwicklung bedeutet. Sicher richtig ist, daß eine konsistente Modellierung der Lohnbildung neben der erwarteten Inflationsrate auch der erwarteten Arbeitsmarktentwicklung Rechnung tragen sollte. Wenn in der Periode t — 1 die Löhne für Periode t vereinbart werden, macht die Arbeitslosenquote ut _ i in der Lohngleichung (1) eigentlich nur als proxy der für Periode t erwarteten Beschäftigungssituation Sinn. Allgemeiner läßt sich daher schreiben: Diese Gleichung besagt, daß die Tarifparteien eine Reallohnänderung nach Maßgabe der für die Laufzeit der Tarif Vereinbarung erwarteten Arbeitsmarktkonstellation anstreben. Der direkte Einfluß der erwarteten Güterpreise auf die Löhne ist absichtlich als proportional spezifiziert, weil allfällige Beschäftigungsgesichtspunkte, die eine volle Überwälzung erwarteter Preisänderungen auf die Löhne als inopportun erscheinen lassen könnten, in der erwarteten Arbeitslosenquote uet zum Ausdruck kommen. Es stellt sich jetzt aber die Frage, wie sich die Erwartungen bezüglich der Arbeitsmarktentwicklung bilden. Ein rein autoregressiver Mechanismus würde allein auf verzögerte Werte der Arbeitslosenquote abstellen und eine ähnliche Formulierung wie in Gleichung (1) nahelegen. Im Sinne von Kromphardt ,informierte' Wirtschaftssubjekte werden aber neben dem autoregressiven Elemente weitere Determinanten der Beschäftigung in ihr Kalkül einbeziehen wollen. Insbesondere werden keynesianisch ,informierte' Wirtschaftssubjekte auf die voraussichtliche Entwicklung der Güternachfrage achten: (1') OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.106.1.63 | Generated on 2023-04-04 12:08:52
70 Oliver Landmann 1 1 (8) + <5 Ut ut Hier bezeichnet y\ die erwartete Änderungsrate der nominellen Gesamtnachfrage, so daß yet~Pt als erwartete reale Nachfrageänderung die Erwartungen der Wirtschaftssubjekte bezüglich der Beschäftigungsentwicklung bestimmt. Durch Einsetzen dieses Ausdrucks in Gleichung (!') resultiert Diese Lohngleichung weist auffallende Übereinstimmungen mit dem empirischen Bild auf, das Kromphardt auf anderem Wege, aber ebenfalls mit Hilfe ,informierter' Erwartungen zu erklären trachtete: Die Löhne ändern sich in Abhängigkeit von der tatsächlich beobachteten Arbeitslosenquote, und vor allem reagieren sie nur unterproportional auf die erwartete Inflationsrate. Der Koeffizient von p\ ist kleiner als eins, weil die Wirtschaftssubjekte realisieren, daß Änderungen der Inflationsrate bei gegebenem nominellen Nachfragewachstum auf die reale Nachfrage und die Beschäftigung zurückwirken. Für eine detailliertere Modellierung von y\ als Funktion der Nachfragepolitik und der autonomen privaten Nachfrage läßt Gleichung (9) alle Möglichkeiten offen. Von entscheidender Bedeutung ist dabei, wie groß die Bereitschaft der Geldund Fiskalpolitik zur Akkommodation inflationärer Entwicklungen eingeschätzt wird. Solange nicht erwartet wird, daß die Behörden jede Änderung der Inflationsrate voll akkommodieren oder sogar überakkommodieren, bleibt jedenfalls gewährleistet, daß sich die erwartete Inflationsrate nur partiell im Lohnwachstum niederschlägt. Damit ist eine mögliche Erklärung dafür gegeben, daß empirische Schätzungen der Phillipskurve - die normalerweise keinerlei proxy für enthalten - in scheinbarem Widerspruch zum klassischen Neutralitätspostulat fortfahren, für die Inflationserwartungen signifikant unter eins liegende Koeffizienten zu finden. Der essentielle Punkt ist natürlich, daß dieses Ergebnis keinen langfristigen Trade-off zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit impliziert. Denn welche Inflationsrate sich auch immer im steady State einstellen mag, sie kann nur dann Bestand haben und ist nur dann mit einer gleichbleibenden Arbeitslosenquote vereinbar, wenn sie mit der nominellen Wachstumsrate der Volkswirtschaft übereinstimmt.5 Entsprechend den Mindestanforderungen, die wir oben an ,informierte' Erwartungen gestellt haben, müssen deshalb im steady state auch die erwarteten Raten des Preisund Nachfragewachstums, pet und y\, einander gleich sein. Und da sich in der Lohngleichung (9) die Koeffizienten dieser beiden Änderungsraten zu eins summieren, resultiert dieselbe langfristig vertikale Phillipskurve, wie sie oben durch ai = 1 in Gleichung (1) impliziert war. 5 Es sei daran erinnert, daß wir einfachheitshalber konstantes Arbeitsangebot und konstante Arbeitsproduktivität unterstellt haben. Im allgemeineren Fall bleiben die Schlußfolgerungen dieses Abschnitts mutatis mutandis erhalten. (9) wt = a0 (ut-i - u + (1 - a0ö)pet + a06yet. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.106.1.63 | Generated on 2023-04-04 12:08:52