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Arthur Spiethoffs wissenschaftliches Lebenswerk

Clausing, Gustav

Abstract

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Clausing, Gustav Article Arthur Spiethoffs wissenschaftliches Lebenswerk Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Clausing, Gustav (1958) : Arthur Spiethoffs wissenschaftliches Lebenswerk, Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, ISSN 1619-6244, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 78, Iss. 3, pp. 1-34, https://doi.org/10.3790/schm.78.3.1 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/290898 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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So besteht genug Anlaß für einen Versuch, an dieser Stelle in großen Umrissen eine Skizze von Spiethoffs wissenschaftlicher Lebensleistung und ihrer Wirkung zu zeichnen. Es sei dabei der Versuchung widerstanden, hier zugleich ein Bild von seiner Gesamtpersönlichkeit zu geben. Ihm, stand das Werk über allem. Er war so sehr damit verwachsen, so von der Sache beherrscht, daß dieser gegenüber das menschliche Element hier zurücktreten darf. So möchten wir uns darauf beschränken, wenige Sätze seines großen Zeitgenossen und Freundes Schumpeter wiederzugeben; sie führen zugleich zur Sache selbst hin1: „Für Deutschland bedeutet der Name Arthur Spiethoff mehr als einen Höhepunkt der Konjunkturforschung. Schon die methodologische Botschaft, die aus seinem Werk auf diesem Felde klingt, reicht weit über das Werk hinaus und über das, was es uns an neuer Erkenntnis unmittelbar geschenkt hat. Es lehrt durch sein Beispiel eine bestimmte Art zu arbeiten und öffnet Wege, die auch zu anderen Zielen führen. Dieser1 Erbe der deutschen historischen Schule hat sich seinen eigenen Typus von Theorie erobert und treulich bewahrte Tradition mit dieser zu etwas Eigenem, Neuem, Echtem vereinigt. Seine zugleich so sachliche und so persönliche Lehre hat er — nicht durch Programm, sondern durch Leistung — in einer Reihe von Arbeiten, an einer Reihe von Soniderfragen entwickelt, die deutlicher, als es methodologische Ausführungen könnten, den Pfad in eine Zukunft weisen, in der sich historischer Geist und analytisches Können am Bau einer im besten 1 Vorwort zur Spiethoff-Festschrift „Der Stand und die nächste Zukunft der Konjunkturforschung". München 1933. Schmollen Jahrbuch 78, 3 1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:26:01 2 Gustav Clausing [258 Sinn positiven Wirtschaftslehre bewähren können. Von dessen Umriß gibt seine jüngste Veröffentlichung über ,Wirtschaftsstile* dem Fernerstehenden vielleicht das deutlichste Bild. Doch nur verhältnismäßig Wenige kennen den Mann, den Lehrer, den Forscher so, daß sie völlig ermessen, was er ist. Er schafft weitab vom Lärm des Marktes. Seine Hingabe an die Pflichten des akademischen Berufs, jene unerbittliche Selbstkritik und jene Bescheidenheit, die ihn menschlich so sehr zum1 Vorbild machen, stehen der Fernwirkung seiner Gedankenwelt entgegen. Für die Welt außerhalb des Kreises seiner Freunde und Schüler, außerhalb Deutschlands insbesondere, ist er vor allem der große deutsche Kon junkturfors eher, dessen Leistung aus der Geschichte des Problems nicht wegzudenken ist.'6 In diesen Worten ist mit der Schumpeter eigenen Sprachkraft und Prägnanz alles Wesentliche berührt. Auch Spiethoff selbst hat gelegentlich den ganzen Umfang seines Werkes sichtbar gemacht: „Die wirtschaftlichen Wechsellagen haben mich von Anbeginn an gefangen genommen, unid ihre Bearbeitung ist für meine Entwicklung zum Pfadfinder geworden. Von der Sachaufgabe ausgehend, wurde mir der Fragenkreis immer mehr der beispielhafte Vorwurf einer anschaulichen und geschichtlichen Theorie, der midi an der allgemeinen Aufgabe weiterarbeiten ließ, die uns von der geschichtlichen Schule hinterlassen worden ist."2 So ist Spiethoff zwar ausgegangen von der Konjunkturforschung. Hier liegen seine Pionierleistungen — in der Arbeit an der „Sachaufgabe". Doch auch sie steht wie spätere, z. B. die Arbeit am Bodenund Wohnungsproblem, in wachsendem Maß im Bann und im Zeichen der größeren, „allgemeinen" Aufgabe, über die geschichtliche Schule hinauszugelangen zu einer neuen Wirtscbaftstheorie. Die großen methodologischen Untersuchungen fallen zwar in die späteren Abschnitte dieses Forscherlebens. Ihre wesentlichen Erkenntnisse sind indes schon früh als wegleitenid nachzuweisen. Die Arbeit an einer anschaulichen und geschichtlichen Theorie, die Klärung ihrer Aufgaben und Grenzen ebenso wie derjenigen der reinen Theoirie ist mehr als unfruchtbare Methodologie im üblichen Sinne des Programmdenkens über mögliche, aber nicht erprobte Wege. Hier legt ein erfolgreicher Forscher in systematischer Analyse Rechenschaft ab über das Wesen und die Bewährung der von ihm entwickelten und verwendeten Methoden zur Bewältigung der seiner Wissenschaft gestellten Aufgaben. Nur so erklärt es sich auch, daß diese Zeugnisse der methodischen Rückbesinnung Ausblicke auf neue Ziele, letztlich auf eine neue Art von Wirtschaftstheorie eröffnen; nur so erklärt sich die große — positive wie negative — kritische Resonanz der 2 Briefliche Äußerung von 1933. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:26:01 259] Arthur Spiethoffs wissenschaftliches Lebenswerk 3 Lehre von den Wirtschaftsstilen, wiewohl sie nur in der Form weniger, nicht bequem zugänglicher und nicht weithin sichtbarer Zeitschriftenabhandlungen veröffentlicht wurde. Unser Überblick soll deshalb hier einsetzen, wo Spiethoff Wege in die Zukunft unserer Wirtschaftswissenschaft zu sehen glaubte. Seine Leistung auf dem Felde der Wechsellagenforschung, so groß sie war, gewinnt erst von hier aus ihre volle Bedeutung und soll später behandelt werden. Das wird besonders deutlich in einer Vorbemerkung, die Spiethoff den 1955 veröffentlichten „Wechsellagen"3 vor-» anstellt: Eine Antwort auf zeitlich zurückliegende Angriffe habe er bisher unterlassen, „weil die benutzte Verfahrensweise noch nicht so systematisch geklärt war, daß ich deren Anwendung auf die Wechsellagenfrage in das rechte Licht hätte rücken können, ohne mich neuen, Mißverständnissen auszusetzen". Das sei inzwischen soweit geschehen, daß er für das angewendete Verfahren einen festen Standort anzugeben und seine bisher fehlende Antwort jetzt in aller Kürze nachzuholen vermöge. Es ist aufschlußreich, daß diese Antwort sich auf das Methodische bezieht und beschränkt. Es wird gezeigt, daß Spiethoffs Wechsellagenlehre eine „erklärende Beschreibung" (zugleich der bezeichnende Untertitel von Band I der „Wirtschaftlichen Wechsellagen") ist und daß sie sich zweier Theoriearten bedient, der geschichtlichen und der anschaulichen Theorie, daß sie deshalb eine geschichtlich-anschauliche ist. Es ist öfter dargestellt worden4 und bedarf hier nicht ausführlicher Wiederholung, aus welchen Wurzeln und welcher wissenschaftlichen Situation Spiethoffs Beitrag zur Wirtschaftstheorie erwuchs; wie er — trotz mancher Unterschiede im einzelnen — ähnlich Max Weber und Sombart letztlich durch die geisteswissenschaftliche Richtung im Sinne Wilhelm Diltheys bestimmt wurde, damit der Übertragung von Naturgesetzen auf das durch den Menschen bestimmte Wirtschaftsleben entgegentretend. Nicht viel gesprochen zu werden braucht hier von dem Einfluß beider historischen Schulen, der älteren Ansätze der Roscher, Hildebrand oder Knies zur Entwicklung einer ökonomischen Theorie auf historischer Grundlage, der theoretischen Versuche vom Autoren beider Schulen — auch der jüngeren —, die wirtschaftliche Entwicklung durch Stufenfolgen zu erfassen. Spiethoff fühlte sich als Erbe und Treuhänder Schmollers, wenn dieser — gegen Menger — nicht nur stark die Fruchtbarmachung des 3 Arthur Spiethoff, Die wirtschaftlichen Wechsellagen Aufschwung, Krise, Stockung. Mit einer Einleitung von Edgar Salin. 2 Bde. Tüb.-Zürich 1955. 4 Vgl. z. B. Frederic C. L a n e and Jelle C. Riemersma, Introduction to Arthur Spiethoff. In: Enterprise and Secular Ghange. Readings in Economic History. London 1953. S. 431 ff. 1* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:26:01 4 Gustav Clausing [260 gesamten greifbaren historischen, deskriptiven und statistischen Materials forderte, sondern die oft übertreibende Anwendung der reinen Theorie durch Klassiker wie Epigonen ablehnte. Aber er teilte nicht die auch wieder einseitig übersteigerte Abwendung von rationaltheoretischer Arbeitsweise. Der „Methodenstreit" — in Spiethoffs wissenschaftliche Anfänge noch unmittelbar und lebendig hinein* wirkend — fand ihn nicht als einen Parteigänger dieser oder jener Richtung. Bei aller Neigung für die breite Erfahrung und Anschauung der lebendigen „geschichtlichen" Wirklichkeit, bei aller Würdigung der Gesamterkenntnis als letzter Zielsetzung für die Wirtschaftstheorie, bei aller Verachtung für unfruchtbare theoretische Spekulation um ihrer selbst willen war er doch ebenso ein Freund wie ein Meister der rein theoretischen Analyse, wo diese eine unerläßliche Vorbereitungsoder Hilfsfunktion besaß. Viele Untersuchungen aus all seinen Arbeitsgebieten zeigen das5, und er betonte immer wieder die wechselweise „Ergänzungsbeidürftigkeit und -fähigkeit" der reinen und anschaulichen Theorie. Er betonte allerdings auch, daß reine Theorie nur Teilerkenntnis liefern könne und als Vorbzw. Zwischenstufe auf dem Wege der Gesamterkenntnis durch anschauliche Theorie zu sehen sei. Nur erwähnt werden kann der nicht unbedeutende Einfluß, den Sombarts und Max Webers methodische Positionen auf Spiethoff besaßen, und dieser hat selbst sorgfältig Gemeinsames und Unterscheidendes gegenüber jenen beiden anderen Hauptvertretern der „jüngsten historischen Schule"6 herauszuarbeiten gesucht. 1. Wenden wir uns nun sogleich zu jener „methodologischen Botschaft", von der schon vor 25 Jahren Schumpeter gesprochen hatte. 5 Besonders deutlich schon „Die Quantitätstheorie insbesondere in ihrer Verwertbarkeit als Haussetheorie". In: Festgaben für Adolph Wagner zur siebenzigsten Wiederkehr seines Geburtstages. Leipzig 1905, S. 249 ff. 6 J. Schumpeter, Hi6tory of Economic Analysis. London 1954. S. 815 ff. — Frederic C. L a n e glaubt diesen Kreis erweitern zu sollen. Er behandelt in einer Abhandlung (Architects and Craftsmen in Kistory. Festschrift für Abbott Payson U s h e r. Veröffentlichungen der List-Gesellschaft Bd. 2, Tübingen 1956) „Some Heirs of Gustav von S c h m o 11 e r" ausführlicher vier Ökonomen, die „im Schatten der Schmollerschen Tradition schrieben": Sombart, Spiethoff, Schumpeter und E u c k e n — ohne viel Gewaltsamkeit, wie wir meinen; zugleich ein Beispiel, wie die Lehrgeschichte manchmal zu harte Konturen der Gegenwart glättet. L a n e entschließt sich sogar, Schumpeter „hier einseitig als Vertreter der von diesem sogenannten »jüngsten« historischen Schule zu sehen", da er „der überzeugendste Vertreter vieler ihrer Grundkonzeptionen war". L a n e fügt noch hinzu, daß neben dem von ihm nur am Rande mithehandelten Max Weber auch andere Forscher zu berücksichtigen wären, darunter „besonders Georg Weippert, Alexander R ü s t o w und Hans Ritsch 1". OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:26:01 261] Arthur Spiethoffs wissenschaftliches Lebenswerk 5 In mehreren großen und kleineren Abhandlungen findet sich die Erörterung der „anschaulichen" und der „geschichtlichen" Theorie, ihrer Aufgaben und Grenzen, ihres Verhältnisses zueinander und zu der „reinen" Theorie. Als wichtigste Arbeiten zur Untersuchung der anschaulichen Theorie seien genannt: „Gustav von Schmoller und die anschauliche Theorie der Volkswirtschaft"7; „Anschauliche und reine volkswirtschaftliche Theorie in ihrem Verhältnis zueinander"8 (im folgenden zitiert als „Synopsis"); „Pure Theory and Economic Gestalt Theory. Ideal Types and Real Types"9. Die Behandlung der geschichtlichen Theorie sah Spiethoff nicht als abgeschlossen an. Auf die bedeutungsvollste gedruckt vorliegende Untersuchung hierzu wird ausdrücklich als auf eine „vorläufige" verwiesen10: „Die allgemeine Volkswirtschaftslehre als geschichtliche Theorie, die Wirtschaftsstile11." Eine kleine weiterführende Abhandlung über „The Historical Character of Economic Theories" im Journal of Economic History 1952 trat später hinzu, ihrerseits ergänzt durch einen Teil der oben genannten Arbeit über „Pure Theory and Gestalt Theory". Readings ... 1953lla. Bei dem engen Zusammenhang von anschaulicher und geschichtlicher Theorie ist es selbstverständlich, daß ihre Behandlung nicht vollkommen und streng voneinander getrennt erfolgt. Wird doch die Theorie, die der Wirtschaftsstil als ein Abbild der Wirklichkeit vermittelt, als eine anschauliche Theorie bezeichnet12. Nur in gröbsten Umrissen gestattet es der verfügbare Raum, die Positionen Spiethoffs zu kennzeichnen. Dabei sei mit einem Zitat 7 Gustav von Schmoller und die deutsche geschichtliche Volkswirtschaftslehre. Dem Andenken an Gustav von Schmoller. Festgabe zur hundertsten Wiederkehr seines Geburtstages 24. Juni 1938. Herausgeg. v. Arthur Spiethoff. Berlin 1938. 8 Synopsis. Festgabe für Alfred Weber. Heidelberg 1949. 9 Enterprise and Secular Changes, Readings in Economic History. Ed. Frederic C. L a n e and Jelle C. Riemersma. London 1953. 10 Vgl. „Anschauliche und reine volkswirtschaftliche Theorie", a.a.O. S. 644. 11 Festgabe für Werner S o m b a r t zur siebenzigsten Wiederkehr seines Geburtstages 19. 1.1933. Herausg. von Arthur Spiethoff, München 1933. lla Im Nachlaß Spiethoffs findet sich ein schon weit gefördertes Manuskript über „Die Wirtschaftsstile", dessen Veröffentlichung er während der letzten Jahre vorbereitete. 12 Z. B. zum ersten Mal in der eben genannten Abhandlung von 1933, „nach dem Wortgebrauch Salins" („Hochkapitalismus", Weltw. Archiv 1927 und „Geschichte der Volkswirtschaftslehre", 2. — u. folgde. — Aufl. 1929). Die Unterschiede in der Verwendung dieses Namens zwischen beiden Forschern, wie sie von Weippert u. a. herausgehoben wurden, werden u. E. etwas überschätzt gegenüber dem gemeinsamen Anliegen. S o m b a r t lehnte die Aufnahme des Namens „anschauliche" Theorie im Blick auf die Ziele der „verstehenden" Volkswirtschaftslehre ab, während Spiethoff auch hier gelegentlich das Gemeinsame stärker wertete. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:26:01 6 Gustav Clausing [262 aus seiner schon erwähnten „Vorbemerkung" zu den „Wechsellagen"13 begonnen, wo Spiethoff als Antwort an die Kritiker seiner Konjunkturtheorie die Essenz aller vorausgegangenen Untersuchungen gibt: „Es gibt zwei Arten, Theorie zu treiben. Die eine Theorieart ist die „reine Theorie", die von den Klassikern zu hoher Blüte gebracht wurde und in Quesnay, Ricardo, Thünen, Menger, Walras, Jevons, Clark, Pareto, Schumpeter, Keynes gipfelt. Die andere Theorieart wurde von den Merkantilisten, List, Schmoller, Sombart, Max Weber getrieben, und auf dieser Linie bewege auch ich mich. Ihr Name ist nicht einheitlich; sie heißt „empirisch-realistische", „konkrete", „anschauliche" Theorie. Beide Theoriearten abstrahieren und isolieren, aber sie tun dies in arteigener Weise. Man hat die beiden unterscheiden wollen nach dem Grade der Abstraktion, aber keine noch so starke Abschwächung der Abstraktion macht reine Theorie zu anschaulicher, keine noch so starke Steigerung macht anschauliche zu reiner Theorie. Die reine Theorie arbeitet, auch abgesehen von den wirklichkeitsfremden reinen Konstruktionen, immer mit für bestimmte Aufgaben zurechtgemachten Daten, und selbst, wenn die Abstraktion noch so sehr abgeschwächt wird, sie erreicht nie die Wirklichkeit. Die Gegebenheiten anschaulicher Theorie entstammen der Wirklichkeit, und abstrahiert wird von deren geschichtlichen Einmaligkeiten. Diese Bereinigung von einmaligen Zügen kann gegenüber einer bestimmten geschichtlichen Wirklichkeit sehr groß sein, die Gegebenheit bleibt immer eine nach mannigfaltigen sorgfältigen Beobachtungen entdeckte Regelmäßigkeit der Wirklichkeit und ist willkürlichen Abzügen und Hinzufügungen unter dem Gesichtspunkt bestimmter Forschungsbelange nicht ausgesetzt. Ähnlich die Isolierung. In der reinen Theorie wird willkürlich isoliert, was gesonderter Erforschung erwünscht erscheint. In der anschaulichen Theorie wird isoliert das Regelmäßige und Wesentliche. Dies aber im einzelnen un-isoliert und in seiner Gesamtheit. Der Unterschied der beiden Theoriearten gipfelt also in der Verschiedenartigkeit der Gegebenheiten, die dem Abstrahierund Isolierverfahren unterworfen werden. In der reinen Theorie werden isoliert willkürlich ausgewählte, zurechtgemachte Einzelheiten, in der anschaulichen Theorie alles Wesentliche aus den Regelmäßigkeiten der Wirklichkeit. Die reine Theorie arbeitet mit zurechtgemachten gedanklichen Modellen, die anschauliche Theorie mit Realtypen, d. h. mit der von geschichtlichen Einmaligkeiten bereinigten Wirklichkeit. Die Daten der reinen Theorie sind als technische Hilfsmittel erfunden, die Gegebenheiten der anschaulichen Theorie sind durch Beobachtung der Wirklichkeit als wesentliche Regelmäßigkeiten entdeckt. Dieser grundlegende Unterschied der Ausgangspunkte setzt sich bei der 13 a.a.O. Bd. I, S. 12. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:26:01 263] Arthur Spiethoffs wissenschaftliches Lebenswerk 7 Durchführung des UntersuchungsVerfahrens und bei dessen Ergebnissen fort. Die reine Theorie läßt den gesetzmäßigen Ablauf einer logischen Genese abrollen, dessen Ergebnis, das ein Lehrsatz ist, keinen besonderen Namen führt; die anschauliche Theorie entwickelt eine »erklärende Beschreibung <, deren Ergebnis sozusagen ein Abbild der Wirklichkeit darstellt." Wert gelegt wird auf die Feststellung, daß auch die anschauliche Theorie als echte Theorie gewertet werden will. Während sie mit „Realtypen" arbeitet, ist das Erkenntnisobjekt der reinen Theorie der Idealtypus, falls man diesen, wie heute oft geschieht, nicht im Sinne Max Webers auf eine „zurechtgemachte", z. B. vereinfachte, bereinigte, gesteigerte Wirklichkeit beschränkt, sondern auch die Verwendung unwirklicher, gedachter, konstruierter Datenkonstellationen einbezieht. Festzuhalten ist schon hier, daß es auch eine „reine geschichtliche Theorie" gibt, die sich mit „zeifgebundenen . . ., stilistisch gebundenen wirtschaftlichen Erscheinungen"14 beschäftigt; wie denn überhaupt elf verschiedene Verfahren der reinen Theorie möglich sind; sie unterscheiden sich durch die Wirklichkeitsnähe der Ausgangspunkte und deren Sachgehalt sowie durch die Mitwirkung von Beobachtung und Erfahrung bei der Gedankenführung". Auf die wertvolle Erörterung z. B. des Variationsund des Verifikationsverfahrens, des Verfahrens abnehmender Abstraktion, pointierender Abstraktion usw. kann hier nicht eingegangen werden. Von der von Spiethoff besonders geförderten „zeitlosen Wirtschaftstheorie" ist später zu reden. Die „reine Ökonomie" als „Wesenswissenschaft" findet — unter Hinweis auf Back15 — Erwähnung, hat aber im: Hinblick auf ihren „erweiterten Wirklichkeitsund erweiterten Erfa'hrungsbegriff" keinen besonderen Platz in Spiethoffs theoretischer Gesamtschau16. Für diese ist diie Verwertbarkeit einer Theorie für die Erklärung der sinnlich erlebbaren Realwirklichkeit maßgebend; alle Unterschiede zwischen reiner Theorie (als heuristischer Konstruktion) und anschaulicher Theorie (als „Abbild der Wirklichkeit") wurzeln für Spiethoff hier, und seine Sorge gilt — darin Schmoller nahe verwandt — der immer wieder zu beobachtenden Verwechslung von „Möglichkeitsforschung" und „Wirklichkeitsforschung". So* dürfen Ergebnisse rein theoretischer Untersuchung nicht mit dem Maßstab der unbedingten Wirklichikeit3treue gemessen werden. 14 Vgl. „Synopsis" S. 578 f. 15 J. M. Back, Die Entwicklung der reinen Theorie zur national-ökonomischen Wesenswissenschaft. 1929. 16 Dagegen fordert Veippert, „zwischen die zeitlose und die geschichtliche Theorie Spiethoffs die Ontologie der Kulturwirklichkeit Wirtschaft" zu rücken, die erst einmal „deren strukturellen Aufbau systematisch zu erforschen" habe („Instrumentale und kulturtheoretische Betrachtung der Wirtschaft", Jahrb. f. Sozialwissenschaft, Bd. 1, 1950, S. 41). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:26:01 8 Gustav Clausing [264 Mit zahlreichen Beispielen aus der eigenen Werkstatt, aber auch aus den Untersuchungen des Vereins für Sozialpolitik usw. zeigt Spiethoff das Wesen und die Grenzen der anschaulichen Theorie. Es ist z. B. möglich, eine reine Geldmengenlehre zu gehen, aber der tatsächliche Ablauf einer Inflation stellt der Wirklichkeitsforschung solche Aufgaben, daß Regelmäßigkeiten nicht zu gewinnen sind und eine anschauliche Theorie nicht möglich ist. Diese kann sich mit Einzelerscheinungen wie Erscheinungskomplexen, auch mit wirtschaftlichen Zielsetzungen, Motiven usw. beschäftigen und ist „Beschreibung und1 Zergliederung einer in zeitlichem nebenund nacheinander wiederkehrenden wirklichkeitstreuen Arteigenheit und deren allgemeingültiges Erkennen durch erforschte Erfahrung" („Synopsis" S. 589). Allen Wegen zu diesem Ziel wird songfältig nachgegangen, und es ergeben sich drei Arten der „Beschreibung", die ordnende (insbesondere auch die begriffliche Durchdringung), die — für die Theorie besonders wichtige — erklärende und die — von Sombart oder Max Weber planvoll geübte — „verstehende" Beschreibung. In der Regel verbinden sich verschiedene oder auch alle diese Arten miteinander. Die „erklärende Beschreibung", für die immer wieder die Wechsellagenlehre als Beispiel dient, kann als kausale Analyse (in einfacheren Fällen) oder mit Hilfe eines „durch erforschte Erfahrung geprüften und beglaubigten Erklärungseinfalles" (Ursachvermutung) erfolgen. Es gehört zu den eindrucksvollsten Darstellungen der Werkstattarbeit dieses Forschers, wie hier die Notwendigkeiten, Schwierigkeiten, Gefahren und Grenzen einer „Gleichschaltung" von Fragestellung, Gedankenführung und Wirklichkeitsforschung dargetan werden, wie es gilt, z. B. besonders bei arbeitsteiligen Gruppenuntersuchungen Gedankengang und Tatsachenforschung „in inniger Verbindung miteinander ablaufen zu lassen". Darin wird „das Kernstück, ja, das Wesen anschaulicher Theorie" gesehen. „Der Stoff ist stumm und muß zum Sprechen gebracht werden." Der Forscher geht dabei von gewissen Vorstellungen über die „A rteigenheit" des in anschaulicher Theorie zu erklärenden Gegenstandes aus, deren genaue Feststellung mit der Beobachtung Hand in Hand geht. (Selbstverständlich gibt es auch Arteigenheiten, die durch Setzung oder Deduktion gewonnen Werden. Beispiel: Die Aussagen, die die „zeitlose" Theorie über wirtschaftliche Grunderscheinungen macht.) Mit der Feststellung der „Arteigenheit" ist das Thema der Begriffsbestimmung durch Merkmale angeschnitten, das im Sinne von Wundt Behandlung findet und hier nicht weiter verfolgt werden kann. Über die Feststellung der „Arteigenheit" hinaus sind weitere „Regelmäßigkeiten" durch „eigens auf ihre Feststellung eingestellte Forschung zu gewinnen". OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:26:01 271] Arthur Spiethoffs wissenschaftliches Lebenswerk 15 schling noch große Aufgaben. Man hat gesagt, Spiethoff habe nur ein Programm gegeben. Demgegenüber wurde schon die Bedeutung hervorgehoben, die die systematische Herausarbeitung eines Arbeitsverfahrens besitzt. Von der schon erwähnten Bewährung an großen Teilaufgaben muß noch die Rede sein. Spiethoff hat darüber hinaus, freilich ohne dies zur Veröffentlichung gebracht zu haben, seine Vorlesung über Allgemeine Volkswirtschaftslehre auf sein Arbeitsprogramm eingestellt und neben die Lehre von der zeitlosen Wirtschaft Theorien der verschiedenen Wirtschaftsstile gestellt. Was von uns bisher in Umrissen dargelegt wurde, war das Bemühen Spiethoffs, das Erbe der historischen Schulen fruchtbar zu machen, deren oft erörterte Schwächen auf theoretischem wie methodischem Gebiet zu überwinden, ohne ihre wertvollen positiven Ansätze und Leistungen zu opfern. In diesem Zusammenhang muß mit einigen Worten seines wissenschaftlichen Verhältnisses zu Schmoller nochmal gedacht werden, dessen langjähriger Mitarbeiter er war. „Schmoller steht am Anfang." „Theoretische Zuspitzungen auf bestimmte Fragestellungen lagen ihm nicht besonders am Herzen. Vor allem aber fehlt uns noch die volkswirtschaftliche Aufbereitung des Rohstoffs." So und ähnlich liest man in dem Nachruf Spiethoffs auf Schmoller28. Aber es heißt dort auch, Schmoller habe in dem umstrittenen „Grundriß der allgemeinen Volkswirtschaftslehre" zum ersten Male „mit der geschiehtlichen Auffassung für ein ausgebautes Lehrgebäude in großem Stil" Ernst gemacht und eine wirklichkeitsnahe Theorie sei sein letztes Ziel gewesen. Er hat gezeigt, wie weit die ältere Theorie von einer Erklärung der Gesamtheit der volkswirtschaftlich relevanten Erscheinungen entfernt war, und er hat auf dem Wege der „Einzelforschung" das Wirtschaftsleben in seiner Vielgestaltigkeit erschlossen und in seine psychischen, sittlichen, kulturgeschichtlichen, gesellschaftlichen, politischen, rechtlichen, natürlichen, technischen Zusammenhänge gerückt. Die abstrakte Deduktion hat er „mit Geringschätzung" zurückgewiesen, wo die Tatsachen selbst befragt werden koinnten, aber: „Wo die Induktion versagte, hat er sich damit nicht abgefunden, sondern die andere Methode eintreten lassen. Seine entwicklungsgeschichtlichen Erklärungen waren keine reine Induktion ..(S. 24). Audi in dem Schlußwort29, das Spiethoff als Herausgeber von Schmollers Jahrbuch einer Kontroverse Herkner—Salin hinzufügte, suchte er in großer Objektivität der von Salin vorgetragenen Forderung nach stärkerer Pflege der systematisch-theoretischen Arbeit ge28 Schmollers Jahrbudi, 42. Bd., 1918. 29 „Zur Stellung G. Schmollers in der Geschichte der Nationalökonomie — Zum Abschluß." Schmollers Jahrbuch, 48. Bd., 1924. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:26:01 16 Gustav Glausing [272 recht zu werden, verbindet damit aber eine zwar behutsam eingrenzende, doch auch in wesentlichen Beziehungen positive Würdigung der Leistung Schmollers. Seine Sicht Schmollers — bezeichnenderweise derjenigen Schumpeters30 vielfach ähnlich — erhält eine weitere Klärung in der Abhandlung „Gustav von Schmoller und die anschauliche Theorie der Volkswirtschaft"31, nachdem Schmollers Art der geschichtlichen Betrachtung schon in Spiethoffs oben behandeltem Beitrag zur Soimbart-Festgabe 1933 untersucht und hier dessen spezielles entwicklungsgeschichtliches Anliegen herausgestellt worden war. Das Ergebnis dieses Bemühens, einige beispielhafte Abschnitte von Schmollers „Grundriß" ohne Anlegung fremder Maßstäbe auf ihre eigenen Absichten und Maßstäbe hin izu „testen", ist kein einheitliches. Die Analyse z. B. der klassischen „Problemreihe Wert-Preis-Geld" (Schumpeter) deckt das auch Schmoller bewußte Unbefriedigende des Übergangszustandes auf: „Die Vorzüge der reinen idealtypischen Theorie sind aufgegeben, ohne daß die der anschaulichen Theorie gewonnen wären" S. 29). Anders Spiethoffs Ergebnis hinsichtlich der Untersuchung der „Schwankungen des Wirtschaftslebens" durch Schmoller: „Wir haben ein Abbild der Wirklichkeit im Sinne anschaulicher Theorie vor uns." Daß das Schwergewicht dabei nicht auf straffer Gedankenführung, auf scharfer Gliederung mit Rategorienbildung liegt, wird angedeutet und unter anderem mit dem Hinweis auf persönliche Forschereigenart begründet. Wenden wir uns noch kurz zu der Frage nach der Resonanz, welche die von Spiethoff entwickelte anschaulich-geschichtliche Theorie fand. Sie war eine starke und vielfältige und reichte von uneingeschränkter Zustimmung bis zu schroffer Ablehnung. Einige repräsentativ erscheinende Autoren seien herausgegriffen. Schumpeter, auf den eingangs schon Bezug genommen wurde, hatte in seiner großen Abhandlung über Schmoller (1926) gerühmt, bei Spiethoff sei im Unterschied zu Schmoller jede Spur eines Gegensatzes zwischen „historischer" und theoretischer Arbeitsweise nicht nur, auch zwischen dem ,, Realisten" und dem „Theoretiker" verschwunden, und er betreibe „im gleichen Problemkreis und im Zuge des gleichen Gedankengangs Tatsachensammlung und theoretische Analyse völlig unterschiedslos". Spiethoff, „in dessen Hand diese Dinge praktisch zum ersten Male sich gegenseitig durchdringen und der tatsächliche Forschergegensatz zum ersten Male durch die Tat überwunden scheint", sei ebensogut als „Realist" wie als „Theoretiker" zu reklamieren (188). In der posthum im Jahre 1954 veröffentlichten „History of Economic Analysis"32 wird gleich80 Vgl. J. Schumpeter, Gustav v. Schmoller und die Probleme von heute. Schmollers Jahrbuch, 50. Jg. 1926. 31 Schmollers Jahrbuch 1938. 32 a.a.O., S. 817. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:26:01 273] Arthur Spiethoffs wissenschaftliches Lebenswerk 17 falls eine Charakteristik der Spiethoffschen Leistung gegeben. Betont wird dabei wieder, wie sich dessen Arbeitsweise an der „Sachaufgabe", z. B. in dem schon genannten Werk über „Boiden und Wohnung" bewähre; betont wird unter anderem „the success with which Spiethoff did not clamor for, but actually developed, » realistic theories « of a certain type"33. Aus der großen Zahl von Arbeiten, die sich mit Spiethoffs anschaulich-geschichtlicher Theorie als einer bahnbrechenden und weiterführenden Leistung auseinandersetzen, seien hier die von Edgar Salin genannt. Er sieht in Spiethoff den Schüler und Erben Schmollers, „der bei würdiger Wahrung der historischen Tradition doch die Unabhängigkeit theoretischen Denkens und die Kraft zur theoretischen Betrachtung der realen Wirtschaft besaß"34, und nennt seine „Krisenlehre das Werk eines Theoretikers aus der Schmoller-, eines Historikers aus der Grenznutzenschule"35. Salin hat selbst nach den Worten von Spiethoff „den Cesamtgegenstand der anschaulichen Theorie erneut auf breitester Front in Angriff genommen und zu einer der Leitideen seiner Geschichte der Volkswirtschaftslehre gemacht"36. Von besonderer Bedeutung ist Salins Feststellung37, daß in Deutschland wie in vielen anderen Ländern sich die „Rationaltheorie aller Richtungen der Realität nähere" und „selbst die ausgesprochensten Feinde des Historismus nicht umhin (können), in einer neuen Verbindung von Geschichte und Theorie und Statistik, von Volksund Betriebswirtschaftslehre die Lösung zu suchen". Es ist Salin auch zuzustimmen, daß „viele Keynes'sche Gedanken nur darum in der anglo-amerikanischen Wissenschaft als revolutionär6 wirkten, weil die Ergebnisse und die Fragen der deutschen Wissenschaft unbekannt geblieben waren", weil Forscher wie „Hahn, Schumpeter und Spiethoff Vielleicht gelegentlich genannt, aber nicht gelesen wurden"38. In einer Einleitung über „Stand und Aufgaben der Konjunkturforschung", die Salin zu Spiethoffs Wechsellagenbuch beisteuerte, wird dieser Gedanke weitergeführt nnd in eindrucksvoller Weise die fruchtbare Anwendung geschichtlich-anschaulicher Theorie auf das komplexe Konjunkturproblem geschildert. 33 Daß Schumpeter, der ausgeprägte Vertreter eines Pluralismus der Methoden, Spiethoff methodisch vielfach nahesteht, sieht neben Lane (vgl. oben S. 4, Anm. 6) z. B. auch Reinhard Schaeder (vgl. dessen Artikel „Schumpeter" im HdSw, S. 153). 34 Edgar Salin, Geschichte der Volkswirtschaftslehre. Vierte erweiterte Auflage, Bern-Tübingen, 1951, S. 153. 35 a.a.O., S. 159. 30 „Synopsis", S. 649. 37 a.a.O., S. 168 f. 38 a.a.O., S. 8. Schmollers Jahrbuch 78, 3 2 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:26:01 18 Gustav Clausing [274 Einen großen Widerhall im deutschen Schrifttum hat die heftige Kritik gefunden, die Walter Eucken39 gegen die Versuche der Stufenund Stillehren richtete, die „große Antinomie66 zu überwinden, dabei vielfach auf Spiethoffs Lehre abstellend. Ohne näher auf die umfangreiche Diskussion dieser Angriffe, an der sich zahlreiche Forscher aus allen Lagern beteiligten, eingehen zu können, wird man die Unbeirrbarkeit hervorheben müssen, mit der Spiethoff lange Zeit nach dem Abklingen dieser Aussprache in der Alfred Weber-Festgabe eine grundlegende Weiterbildung seiner Lehre vorgetragen hat. Er bedauert40 lediglich, daß unbeschadet der Brauchbarkeit des vorgeschlagenen Verfahrens pointierender Abstraktion im Dienste der Bemühungen um „eine Verbindung reiner Theorie mit der Wirklichkeit" eine „verkrampfte Übersteigerung einer richtigen Absicht46 bei Eucken zu „Verirrung und ausgesprochener Gegnerschaft zur anschaulichen Theorie geführt haben66. In Kürze seien einige Stellungnahmen Dritter zu Euckens Kritik herausgegriffen. Hans Ritsehl, der in eindringenden Untersuchungen die „realistische66 Theorie behandelt und vielfach weiterentwickelt hat41, kennzeichnet diese als eine strukturanalytische Theorie und zeiigt, wie hier die Wirtschaftsordnung— im Unterschied zu den „sinnentleerten Figuren der Euckenschen Marktformen66 oder dessen „ denaturierten Grundformen und konstruierten Wirtschaftssystemen, denen weder Realität noch Erkenntnisw'ert zukommt66 — ein „Sinngefüge66 wird, wie „ihre Grundformen und Elemente ... ihren Sinn in diesem Zusammenhang (empfangen)66. Im Unterschied zu Euckens Betrachtungsweise bleibe die Theorie „bis in ihre Elemente anschauliche6 Theorie66. Ritsehl wendet sich gegen eine Überschätzung der Brauchbarkeit des Wirtschaftsmodells im Sinne Euckens, das „nur Teilerkenntnis zunächst rein logischer Gültigkeit66 liefert. „Auf keinen Fall geht es an, die Wirtschaftsmodelle zur Kennzeichnung der Wirklichkeit zu verwenden, wie es Eucken will, wenn er die ,Erkenntnis der konkreten geschichtlichen Ordnungen durch Anwendung des Apparates von Idealtypen durchführt6 — denn seine Idealtypen sind ja keine für die Wirklichkeit typischen Wirtschaftstypen, sondern, wie gezeigt, Konstruktivmodelle6612. Und schließlich würdigt es an anderer Stelle Ritsehl als „das besondere Verdienst der Erbeswalter der historischen Schule, daß ihnen 39 Die Grundlagen der Nationalökonomie. Jena 1940. 5. veränd. Auflage Godesberg 1947. 40 „Synopsis", S. 584. 41 Vgl. besonders: Theoretische Volkswirtschaftslehre. 1. Bd., Tübingen 1947; „Wandlungen im Objekt und in den Methoden der Volkswirtschaftslehre", Schmollers Jahrbuch 67. Bd., 1943; „Die strukturanaly tische Theorie der Wirtschaftsordnung". In: Die Grundlagen der Wirtschaftsordnung, Tübingen 1954. 42 H. R i t s c h 1, Wandlungen . . . a.a.O., S. 21. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:26:01 275] Arthur Spiethoffs wissenschaftliches Lebenswerk 19 die einzig mögliche und tragbare Synthese von Geschichte und Theorie gelungen ist, Wierner Sombart, indem er von der Wirtschaftsstufe zum Wirtschaftssystem fortschritt, Arthur Spiethoff in seinen Beiträgen zur Lehre vom Wirtschaftsstil, vor allem aber in seiner klassischen Synthese historischer und theoretischer Forschung und Darstellung in seiner Konjunkturtheorie4'43. Audi Georg Weippert hat in mehreren tiefschürfenden methodologischen Untersuchungen sich unter anderem mit Spiethoffs besonderem Anliegen beschäftigt, dies auch im Zusammenhang mit einer ausführlichen Würdigung der Euckenschen „Grundlagen"44. Weippert bemüht sich, die Wirtscbaftsstilbetrachtung als ein legitimes, nämlich das spezifisch theoretische Teilanliegen der Systembetrachtung im Sinne Sombarts herauszuarbeiten. Über die von Bechtel46 und MüllerArmack4'6 im Anschluß an Max Weber geförderte Stilerfassung hinaus wolle Spiethoffs geschiehtliche Theorie sich der Wirtschaftsstile auf der Grundlage jener Stil künde für die wirtschafts theoretische Forschung bedienen. „Die Wirtschaftsstile erscheinen hier also als ,Grundlage6 oder ,Rahmen6 der volkswirtschaftlichen Theorie". Damit schöpfe Spiethoff eine weitere Möglichkeit systematisch aus, die in Somlbarts Gestaltidee des Wirtschaftssystems angelegt sei. Im Blick auf Euckens Kritik hält Weippert die „Modellerkenntnisse" im Bereich der rationalen Theorie für notwendig, aber „jene von Eucken so ernst erstrebte Überwindung der ,Antinomie6 von Theorie und Geschichte ist allein unter Einsatz der Wirtschaftsstilbetrachtung überhaupt möglich"47. Euckens theoretische Position wird als „ein Rückfall hinter Sombarts verstehende Nationalökonomie und Spiethoffs . .. geschichtliche Theorie666 gewertet: „Spiethoffs bleibendes Verdienst ist es, die unserer Zeit aufgegebene Synthese aus theoretischer und historischer Betrachtung wie kaum einer, vor allem in seiner praktischen, also nicht nur in seiner methodologischen Arbeit vorangetrieben zu haben6648. Und: „Im Wirtschaftsstilbegriff hat sich das Bemühen mehr als eines Jahrhunderts der wissenschaftlichen Bewältigung der Wirtschaft ein bleibendes gedankliches Hilfsmittel erarbeitet.66 Eucken übersah, daß sein Anliegen, Wirtschaftsordnungen zu erfassen, eine grundsätzlich andere, mit anderen Methoden zu leistende 43 Ebenda, S. 7. 44 Walter Euckens Grundlagen der Nationalökonomie. Z. £. d. ges. Staatswissensch., 102. Bd., 1941, H. 1 u. 2. — „Zum Begriff des Wirtschaftsstils", Schmollers Jahrb., 76. Bd., 1943. — „Instrumentale und kulturtheoretische Betrachtung der Wirtschaft", Jahrb. f. Soz.Wiss., 1. Bd., 1950. — Werner Sombarts Gestaltidee des Wirtschaftssystems, Göttingen 1953. 45 Heinrich Bechtel, Wirtschaftsstil des Spätmittelalters. München 1930. 46 A. Müller-Armack, Genealogie der Wirtschaftsstile. Stuttgart 1941. 47 „Zum Begriff des Wirtschaftsstils", a.a.O., S. 87. 48 Ebenda S. 88. 2* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:26:01 20 Gustav Clausing [276 Aufgabe war als das der Wirtschaftsstile49. Seine Kritik greift also an deren Zielsetzung vorbei. Ihm gelingt es wohl, etwas über die „Form64, nicht aber den „Inhalt", „die Eigenart und die Geschichtlichkeit' der einzelnen Wirtschaftsepochen und Wirtschaftsgestaltungen" auszumachen. Die Aufgabe der Wirtschaftsstile „kann durch die Arbeitsweise Euckens weder verdrängt noch je ersetzt werden"50. Wie schon früher unterstreicht Weippert in seiner Schrift über Sombarts Gestaltidee des Wirtschaftssystems51, daß „mittels des Begriffs des Wirtschaftsstils über die Wesensmöglichkeiten der Kulturwirklichkeit Wirtschaft als solcher" nichts auszumachen sei; es können nicht alle „Grundbestandteile des Wirtschaftslebens" durch ihn erfaßt werden52. Hier liegen eigene Aufgaben vor, die indes die oben erörterten Funktionen der Wirtschaftsstilbetrachtung nicht überflüssig machen, und deren Betonung nicht Anlaß gibt, die Beurteilung dieser Funktionen durch Weippert zu widerrufen53. Was die völlig neue „Richtung" betrifft, in der sich Eucken nach dem Aufgeben aller bisherigen Bemühungen um jene „große Antinomie" vorarbeiten will, so fragt Heinrich von Stackelberg54: „Aber ist sie wirklich so sehr weit von der Idee der Wirtschaftssysteme (Sombart) und der Wirtschaftsstile (Spiethoff) verschieden, wie es Euckens Darlegungen zu behaupten scheinen?" Zwar bilden Euckens Elementarformen im Unterschied etwa zu Spiethoffs „Merkmalen" ein morphologisches System; aber sie seien unter einem ähnlichen Ziel gebildet und stimmen auch inhaltlich teilweise überein. Von Stackelberg hält zwar das „morphologische System" für überlegen, aber es sei „eben ein Fortschritt, keine völlige Neubildung. Lehrgeschichtlich gesehen ist Eucken der Fortbildner, im Ansatz vielleicht sogar der Vollender der Lehre von den Wirtschaftsstufen und Wirtschaftsstilen". Ohne wesentliche Unterschiede verwischen zu wollen, darf in solchen Stellungnahmen ein hoffnungsvolles Zeichen dafür gesehen werden, daß über dem Trennenden der Sinn für das Gemeinsame wächst. In dieser Richtung weist auch jene schon55 herangezogene Abhandlung von Frederic C. Lane über „Some Heirs of Gustav von Schmoller" hin, deren Titel schon auf das Erkennen einer großen Linie hinweist56. 49 G. Weippert, Walter Euckens Grundlagen... a.a.O., S. 43. 50 a.a.O., S. 55. 51 a.a.O., S. 61. 62 Vgl. dazu oben S. 7, Anm. 16. 63 Dies gegenüber H. Raupach, Bauform und Raumordnung als konkreter Wirtschaftsstil. Festgabe für Georg Jahn zur Vollendung seines 70. Lebensjahres am 28. Februar 1955. Herausg. von Karl Muhs. Berlin 1955. 64 Heinrich von Stackelberg, Die Grundlagen der Nationalökonomie. Weltw. Archiv, 51. Bd., 1940. 55 Oben S. 4 Anm. 6. 56 Ein bezeichnender Satz sei herausgegriffen: „Although Spiethoff and Eucken OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:26:01 277] Arthur Spiethoffs wissenschaftliches Lebenswerk 21 Auch Hans Moeller57 kommt zu dem Ergebnis, daß bei genügender Würdigung der unterschiedlichen Aufgabenstellung manche Gemeinsamkeiten bestehen und daß beide Forschungsrichtungen einander ergänzen und „bei gegenseitiger Anerkennung ihrer Besonderheiten fruchtbringend zusammenarbeiten" können. 2. Fast hundert Jahre sind seit dem ersten Erscheinen eines Buches über die Konjunkturschwankungen vergangen, dem Spiethoffs Wechsellagenforschung starke Impulse verdankt: Juglars „Crises commerciales"58. Juglar wird von Spiethoff als „der Anfang des neuen Forschergeschlechts" bezeichnet. Die älteren „Krisentheoretiker" hatten gewöhnlich Teilerscheinungen, besonders die Ubererzeugung der Stockung untersucht, noch dazu meist ohne eine adäquate Tatsachengrundlage. Wenn Juglar auch noch wenig der oft berufenen Forderung Böhm-Bawerks entspricht, wonach eine Konjunkturtheorie „immer das letzte oder vorletzte Kapitel eines geschriebenen oder ungeschriebenen sozialwirtschaftlichen Systems, die reife Frucht der Erkenntnis sämtlicher sozialwirtschaftlichen Vorgänge und ihres Wechsel wirkenden Zusammenhanges" sein sollte, so knüpft sich doch an ihn die Entdeckung des Wedisellagenkreislaufs Aufschwung, Krise, Stockung. Er trennte letztere von der Krise und sah den Aufschwung als „ihre einzige Ursache" an. Juglar hat mittels Statistik und Geschichtsforschung wesentliches zur tatsächlichen Erforschung der Konjunkturen beigetragen. Ein Menschenalter später erst wurde das auf bestimmte Fragen zugeschnittene Sammeln von Tatsachen, deren systematische Analyse sowie die Kausalforschung — angesichts der verwickelten Zusammenhänge nur arbeitsteilig lösbare Aufgaben — von einer Gruppe von Forschern in Angriff genommen, die nach einer Formulierung Spiethoffs „auf Grund sorgfältiger Feststellung und Zergliederung des Vorganges aus dessen Innern heraus dessen Ursachen aufzuweisen sucht". Vertreter dieser „organischen" Konjunkturtheorie sind z. B. Michael von TuganBaranowsky, Albert Aftalion, Joseph Schumpeter. Zu dieser Gruppe rechnet auch Spiethoff. Seine Konjunkturtheorie, in ihren Grundzügen are opposites in their relation to the Historical School and to the vocabulary it has developed, they seem to me to have many more common attitudes towards economics than Menger and Schmoller." 57 „Wirtschaftsordnung, Wirtschaftssystem und Wirtschaftsstil. Ein Vergleich der Auffassungen von W. E u c k e n , W. S o m b a r t und A. Spiethof f." Schmollers Jahrbuch, 64. Bd., 1940. 58 Clement Juglar, Des crises commerciales et de leur retour périodique en France, en Angleterre et aux Etats-Unis, Paris 1860, 2. Aufl. 1889. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:26:01 22 Gustav Clausing [278 erstmalig 1901 in der Staatswissenschaftlichen Vereinigung zu Berlin59 sowie 1903 anläßlich der Hamburger Krisendebatte des „Vereins für Sozialpolitik" vorgetragen und schon hier ein großes Maß von historisch-statistischer Vorarbeit ebenso wie die oben erörterte methodische Zielsicherheit bekundend, zeigt manche verwandten Züge mit den auch 1901 — in deutscher Sprache — veröffentlichten und 1903 durch Spiethoff ausführlich gewürdigten „Studien66 Tugan-Baranowskys60, 61. Haberler62 und andere63 sehen in letzterem wohl mit Recht einen „Vorläufer66 Spiethoff s; dies besonders in methodischer Hinsicht, während die sachlichen Unterschiede doch bedeutend sind. Spiethoff rühmt Tugan als einen „feinen Theoretiker66, der es versteht, seine Theorie „durch realistische Beobachtungen zu fundamentieren66, andererseits aber auch „das empirische Tatsachenmaterial theoretisch meistert und fruktifiziert66. So sei das Buch von Tugan „die erste wissenschaftliche Krisenmonographie6661. In der Hamburger Krisendebatte des Vereins für Sozialpolitik 1903 hat Spiethoff sein Verhältnis zu Tugan-Baranowsky eingehender auseinandergesetzt. Er zeigt, daß es sich bei ihm „um wesentlich andere Ausgangspunkte, um eine andere und sehr viel weitergehende Analyse und auch um andere Begründungen handelt als bei Tugan66. Wegen seiner Bedeutung für Spiethoffs Konjunkturbild sei noch die folgende Feststellung hinzugefügt: „Ich bin auf die prinzipielle Bedeutung des reproduktiven Konsums geradezu hingestoßen, als ich 1897 bei meinen geschichtlichen Studien über die deutschen Wirtschaftskrisen gelegentlich einer Untersuchung der Periode 1839—1848 sah, daß eine ausgesprochene Hausse möglich ist bei ausgesprochenem Rückgang des unmittelbaren Verbrauchs, und daß allein schon der steigende reproduktive Konsum als Hausseinhalt genügt. Ich brauchte also' nicht erst 1901 durch die Übersetzung des Tuganschen Buches aufgeklärt zu werden.66 (a.a.O. S. 222 f.) Im Unterschied zu anderen Forschern, die ein einmal von ihnen behandeltes Gebiet auf lange Zeit oder für immer fallen lassen, hat Spiethoff mit der für ihn so kennzeichnenden Beharrlichkeit das Wechsellagenproblem — neben anderen Aufgaben — festgehalten und weiterverfolgt. Noch der Entschluß zu der letzten oben schon genannten Veröffentlichung des 82jährigen über „Die wirtschaftlichen 69 „Vorbemerkungen zu einer Theorie der Überproduktion", Schmollers Jahrbuch 1902. 60 Studien zur Theorie und Geschichte der Handelskrisen in England, 1894. deutsch Jena 1901. 61 Die Krisentheorien von M. v. Tugan-Baranowsky und L. Pohle, Schmollers Jahrbuch 1903. 62 Prosperität und Depression, Bern 1948, S. 76. 63 Zum Beispiel Alvin M. Hansen, Business Cycles and National Income, New York 1941, S. 292 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:26:01 279] Arthur Spiethoffs wissenschaftliches Lebenswerk 23 Wechsellagen" und besonders die Vorbemerkungen zu beiden Bänden des Werkes zeigen die gleiche lebendige — sachliche wie methodische — Anteilnahme wie schon die große Zahl der frühen Arbeiten. Wir können die Veröffentlichungen zum Konjunkturproblem hier nicht alle nennen und müssen uns — abgesehen von den schon erwähnten — auf die wesentlichsten beschränken: 1905 die „Beiträge zur Analyse und Theorie der allgemeinen Wirtschaftskrisen64 — ein Teildruck der Doktordissertation, dem eine aufschlußreiche Übersicht über die nicht mitveröffentlichten Teile beigedruckt ist. Im gleichen Jahr jene schon genannte Untersuchung über die „Quantitätstheorie, insbesondere in ihrer Verwertbarkeit als Haussetheorie", die dem monetären Aspekt des Konjunkturproblems gewidmet ist; ebenso wie drei große Abhandlungen von 1909 über den Kapitalund Geldmarkt64 — eine bahnbrechende Leistung auf diesem Gebiet'65. Nachdem 1918 zwei Aufsätze über „Die Krisenarten I" und „Die Kreditkrise"66 erschienen waren, „trennte" sich Spiethoff sozusagen von einer ersten, als Provisorium, als erste Vorschau gedachten und von ihm selbst als „Vorleistung"67 beizeichneten Gesamtdarstellung der „wirtschaftlichen Wechsellagen" in dem berühmt gewordenen Artikel „Krisen", der im Jahre 1923 in der ersten Lieferung des 6. Bandes des Handwörterbuchs der Staatswissenschaften (4. Aufl.) herauskam68. Sie wurde in dem schon genannten zweibändigen Werk „Die wirtschaftlichen Wechsellagen Aufschwung, Krise, Stockung" 1953 mit gewissen Hinzufügungen wiederabgedruckt und ergänzt durch die „Langen statistischen Reihen über die Merkmale der wirtschaftlichen Wechsellagen" — den Zahlenrohstoff, der, von Spiethoff nach seinen Bedürfnissen zusammengetragen, eines der Fundamente seiner Lehre bildet. Genannt werden muß schließlich noch der Artikel „Overproduction", der in der „Encyclopaedia of Social Sciences" (New York 1933, Bd. 11) erschien und einen straffen und weiterführenden Beitrag zu einer Hauptfrage darstellt. 04 Kapital, Geld und Güterwelt in ihrem Verhältnis zueinander. Schmollers Jahrbuch 1909: I. Die äußere Ordnung des Kapitalund Geldmarktes. Bd. 33,2; II. Das Verhältnis von Kapital, Geld und Güterwelt, Bd. 33, 3; III. Der Kapitalmangel in seinem Verhältnis zur Güterwelt, Bd. 33, 4. 65 Auch die an Perspektiven reiche dogmenkritische Studie über „Die Lehre vom Kapital" (In: Die Entwicklung der deutschen Volkswirtschaftslehre im 19. Jahrhundert, 1. Teil, Leipzig 1908), die beiläufig eine interessante Weiterentwicklung der Lohnfondstheorie enthält, steht unter anderem im Dienste der Wechsellagenforschung. Sie zeigt wiederum, wie die Konjunkturproblematik nicht „isoliert", sondern auf dem Hintergrund gesamtwirtschaftlicher Schau behandelt wird. 66 Schmollers Jahrbudi Bd. 42, H. 1 und 2. 67 Die wirtschaftlichen Wechsellagen, 2. Bd., a.a.O., S. 8. 68 Übersetzungen: Ins Japanische, K o b e 1936. Ins Englische, International Economic Papers No. 3, London-New York. 1953. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:26:01 24 Gustav Clausing [280 Im Einklang mit dem Verfahren anschaulich-geschichtlicher Theorie ist die Gesamtdarstellung der Wechsellagen 'bei Spiethoff angelegt. Einer ersten begrifflichen Klärung und Feststellung der Grunderscheinungen Aufschwung, Krise und Stockung schließt sich eine genaue Analyse ihrer arteigenen Erscheinungen und deren Verhalten im Wechsellagenkreislauf an, insbesondere der Merkmale der Kapitalinvestition, des mittelbaren und unmittelbaren Güterverbrauchs, der Gütererzeugung, der Preisbewegung. Der Niederschlag dieses Tatsachenbildes ist der „Musterkreislauf" der Wechsellagen, der „die für die einzelnen Stufen entscheidenden Erscheinungen" angibt — eine „lehrmäßige Übersicht", bei der es „natürlich ohne Verallgemeinern und Gleichmachen nicht abgeht". Die große Vielfältigkeit im Ablauf der geschichtlichen Wechsellagen wird stark betont. Neben den drei Wechsellagen ergibt sich deren Gliederung in fünf Wechselstufen: Niedergang, erster und zweiter Anstieg, Hochschwung und Kapitalmangel. Aus dem Studium einer mehr als hundertjährigen Entwicklung gewonnen soll dieser Musterkreislauf das Typische und die Wesenseigentümlichkeiten in nuce wiedergeben. Wie Schumpeter betont hat69, erkannte Spiethoff — abgesehen von Marx — als erster, daß es sich bei den Konjunkturen nicht nur um unwesentliche Begleiterscheinungen der kapitalistischen Entwicklung handelt, sondern daß sie „die Entwicklungsformen der hochkapitalistischen Wirtschaft (sind), unter deren gegensätzlichen Antrieben die Entfaltung des Hochkapitalismus sich vollzieht"70. Der Musterkreislauf, der kein Modell ist, soll die begriffliche Verkörperung des Bemühens sein, diese Bewegungsformen realtypisch zu erfassen71. Spiethoff beobachtete als einer der ersten72, daß der Kreislauf der Wechsellagen „selbst Glied eines noch größeren Rhythmus ist"73, daß die ganze, von ihm untersuchte Epoche von 1822 bis 1913 beherrscht ist von diesem „großen Rhythmus", der jeweils mehrere Jahrzehnte umspannt. Spiethoff sprach, von Wechselspannen — Aufschwungspannen bei einem Vorwiegen der Aufschwungsjähre, Stockungsspannen beim Vorherrschen der Stockungsjahre. Eine syste69 History ..., a.a.O., S. 1127. 70 Arthur Spiethoff, Wechsellagen, a.a.O., S. 17. 71 Von Spiethoffs Musterkreislauf sagt Arthur Schweitzer: „The conception of a typical cycle which represents all historically known cycles is of great value. It has been generally accepted to such an extent today that few people know of its source; but he was definitely the first one who used the typical cycle for a clear description of the essential facts in a cycle to so remarkable and unsurpassed a degree." („S piethoff's Theory of the Business Cycle". University of Wyoming Publications Bd. VIII, 1941). 72 J. Schumpeter, History ..., a.a.O., S. 1127. 73 Vgl. Wechsellagen a.a.O., S. 83. Vgl. auch Arthur Spiethoff, Moderne Konjunkturforschung. Jahresbericht der Gesellschaft der Freunde und Förderer der Universität Bonn. 1924. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:26:01 287] Arthur Spiethoffs wissenschaftliches Lebenswerk 31 tens aber hat Spiethoff es sich, wie gezeigt, nidit zur Aufgabe gemacht, dieses Problem im Rahmen einer irgendwie gearteten reinen Theorie und eines entsprechenden — geschlossenen oder offenen — Systems zu lösen. Im ganzen handelt es sich bei den wirtschaftlichen Wechsellagen um verwickelte Zusammenhänge, die „einer fruchtbaren Behandlung mit dem Verfahren reiner Theorie nicht zugänglich sind", und „die vorhandenen reinen Wiechsellagenlehren fußen zum größten Teil auf »nicht zutreffender Beobachtung«". Es stimmt von hier aus nachdenklich, wenn z. B. Haberler in der Einleitung seines öfter zitierten Buches als „nächsten Schritt seiner Untersuchung", die nur als Teil eines größeren Ganzen aufgefaßt werden dürfe, die „quantitative Verifikation der1 verschiedenen Hypothesen über die möglichen Ursachen der wirtschaftlichen Fluktuation" in Aussicht stellt und betont, er gebe keine völlig neue Theorie, nur eine Synthese und Fortentwicklung bestehender Theorien. Was geboten werde, sei „ein . . . offenes System: Es kommen viele Punkte vor, für die man keine bestimmte Lösung vorschlagen, jedoch das Bestehen einer Anzahl von Möglichkeiten erwähnen kann. Die Wahl zwischen diesen Möglichkeiten läßt sich nur auf Grund empirischer Untersuchungen treffen." Haberler verfolgt hier den von Spiethoffs stark verschiedenen Weg der nachträglichen Verifikation, auf dem auch der bisher umfassendste Versuch dieser Art von Schumpeter100 liegt. In Spiethoffs Wechsellagenwerk wird der „moderne Forscher vergeblich ausschauen nach einem rigoros »reinen« Modell des Zyklus oder nach Effekten des »deficit spending« oder nach den ihm vertrauten Werkzeugen wie Multiplikator, Akzelerationsprinzip, Liquiditätsvorliebe und Grenzhang zu Konsum und Investition. Ihre Elemente aber ebenso wie die des Keynes'schen und nach-Keynes'- schen Denkens finden sich in Spiethoffs Schriften . . ."101. Dieser würde viele der heutigen „Oszillationsmodelle", wie sie z. B. den Ablauf der Wechsellagen unter Eliminierung der psychischen Komponente durch Kombination von Multiplikatorund Akzelerationsprinzip als rein mechanischen Prozeß erklären sollen, als unbefriedigenden, der Realität fernen Denksport bezeichnen. Man darf wohl Salin zustimmen, der die Beschäftigung mit anschaulich-geschichtlicher Theorie insbesondere der Wechsellagen, für „vielleicht geeignet (hält), vor manchem, im Augenblick beliebten rational-theoretischen Irrweg zu warnen"102. Und zur zweiten deutschen Auflage von Haberlers „Prosperität und Depression" (1955) meint Salin: „Auch Haberler 100 „Business Cycles", a.a.O. 101 H. Osterieth-Nicol, Besprechung von A. Spiethoff, Die wirtschaftlichen Wedisellagen. Weltw. Archiv, Bd. 78, 1957, S. 21*. (Verf. einer Diss, über „Arthur Spiethoffs Contribution to Business Cycle Theory".) 102 „Stand und Aufgaben der Konjunkturforschung", a.a.O., S. 6. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:26:01 32 Gustav Glausing [288 ist zu der Feststellung genötigt, daß zumindest bisher keines der reinrationalen und zumal der mathematischen Modelle als adäquate Theorie des Konjunkturzyklus angesehen werden kann. Und, andererseits enthalten doch manche dieser jüngsten Theorien neue Probleme, neue Fragestellungen, an denen auch die anschauliche Theorie nicht vorübergehen kann, sofern sie sich nicht auf die wirtschaftlichen Wechsellagen des Hochkapitalismus beschränkt, sondern ihren anderen Verlauf, ihre Abschwächung und ihr zeitweiliges oder dauerndes Ausbleiben bei veränderter Gesellschaftsordnung und bei einem stärkeren Hervortreten eines interventionistischen Wirtschaftsstils zu erklären unternimmt." Bevor wir die Würdigung der großen Beiträge Spiethoffs zur Theorie und insbesondere auch zur Konjunkturtheorie abschließen, sei noch kurz angemerkt, daß von ihnen auch starke Einflüsse auf die neuere Theorie der allgemeinen Wirtschaftspolitik ausgegangen sind103. Zu Fragen der praktischen Wirtschaftspolitik liegen eine Anzahl kleinerer Veröffentlichungen vor, wie z. B. zum Thema eines deutsch-österreichischen Zollverbandes (1916) oder zu Fragen der Sozialisierung (1919). Zu nennen ist schließlich eine Skizze über „Kreditpolitik"104, die neben der Erörterung grundsätzlicher Probleme auch zeitnahe Fragen behandelt. 3. Ein Überblick über Arthur Spiethoffs wissenschaftliches Lebenswerk wäre unvollständig, würde nicht auf dessen außerordentliche herausgeberische Leistung hingewiesen. Weithin sichtbar war seine Tätigkeit als Herausgeber von Schmollers Jahrbuch, dessen Schriftleiter er schon von 1899 bis 1908 gewesen war, und das er seit 1918 mit Hermann Schumacher, von 1924 an allein herausgab. Er hat wahrgemacht, was er 1924 in einigen einleitenden Worten „an die Jahrbuchleser" schrieb: Das Jahrbuch solle „in der Zukunft ebensowenig im Dienste einer bestimmten wissenschaftlichen oder politischen Richtung stehen, wie das in der Vergangenheit der Fall gewesen ist. Schmollers Jahrbuch soll ein Kampfplatz der Geister sein". Für die von ihm herausgegebene Abteilung Staatswissenschaft der „Enzyklopädie der Rechtsund Staatswissenschaf t" gelang es ihm, Forscher von Rang mit bedeutenden Beiträgen zu gewinnen, wie Haberler, Salin, Sombart, Wiedenfeld, von Zwiedineck^Südenhorst und andere. 103 ygL dazu meine Abhandlung über „Wirtschaftsstil, Wirtschaftsordnung und Genossenschaftswesen44, Zeitschr. f. d. ges. Genossenschaftswesen, Bd. 7, 1957. 104 Die Kreditwirtschaft. Leipzig 1927. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:26:01 289] Arthur Spiethoffs wissenschaftliches Lebenswerk 33 Die Schriftenreihe des Vereins für Sozialpolitik dankt ihm die Herausgabe des Bandes 183 „Probleme der Wertlehre" (1931 mit Ludwig von Mises) und die große Untersuchung von Wilhelm Gehlhoff über „D ie allgemeine Preisbewegung 1890 bis 1913" (München 1928), von der J. Schumpeter in der „History" (S.804) sagt, sie erhebe sich weit über das allgemeine Niveau der „Schriften", die sich sonst nicht immer um „analytic refinement" kümmern. Unter den großen „Sammlungen", an denen Spiethoff als Herausgeber oder Mitherausgeber beteiligt war, verdienen hervorgehoben zu werden die mit Joseph Schumpeter und Herbert von Beckerath herausgegebenen Bonner Staatswissenschaftlichen Untersuchungen, in denen unter anderem einige der fast 20 von Spiethoff angeregten und nach seinen methodischen Gesichtspunkten planvoll durchgeführten bodenund wohnungswirtschaft4 liehen Arbeiten erschienen sind ebenso wie — als krönender Abschluß dieser Arbeiten — Spiethoffs schon mehrfach erwähntes Buch über „Boden und Wohnung in der freien Marktwirtschaft". Die andere Sammlung, der lange Jahre hindurch Spiethoffs besondere Liebe und ein großer Teil seiner Arbeitskraft galt, waren die „Beiträge zur Erforschung der wirtschaftlichen Wechsellagen Aufschwung, Krise, Stockun g"105. Auch hier findet Spiethoffs besondere Arbeitsweise ihren Niederschlag und vielfältige Bewährung. Zu nennen ist weiterhin die nach dem zweiten Weltkriege von Edgar Salin und Arthur Spiethoff begründete große Sammlung der „H andund Lehrbücher aus dem» Gebiet der Sozialwissenschafte n", die schon eine größere Zahl bedeutsamer Werke aufweist und zu deren Kennzeichnung Salin sagte: „. . . die Herausgeber sind offen für alle Leistungen der modernen Theorie, für ihren neoliberalen wie ihren Keynes'schen Zweig; aber sie lehnen die dort beliebte Abwertung der historischen Schule wie des Marxismus ab, sie bekennen sich zur Tradition von Schmoller und Sombart, von Max und Alfred Weber und der österreichischen Schule, und sie sind gewillt, alle wirklichen Leistungen, gleichviel von welcher Seite sie kommen, in gleicher Weise in ihre Sammlung aufzunehmen . . ." Schließlich muß der beiden Festgaben gedacht werden, die Spiethoff im Rahmen von Schmollers Jahrbuch aus Anlaß des 70. Ge105 Jetzt fortgeführt durch eine von E. M. KampBonn herausgegebene 1957 begonnene Sammlung „Beiträge zur Erforschung der wirtschaftlichen Entwicklung", in deren Heft 1 „Gleichgewicht und Konjunkturtheorie" (Stuttgart 1957) Klaus Erich R o h d e die oben berührten Fragen nach der Leistungsfähigkeit reiner und anschaulicher Theorie von neuem und im Sinne einer Annäherung der Fronten behandelt. Schmollers Jahrbuch 78, 3 3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:26:01 34 Gustav Clausing [290 burtstages von Werner Sombart 1933 und der Wiederkehr des 100. Geburtstages von Gustav von Schmoller 1938 veranstaltete, und die beide ein eindrucksvolles Bekenntnis zu undogmatischer und „geschichtlicher" Anschauungsweise darstellen. Mit der zusammen mit Erich Schneider durchgeführten Herausgabe von drei Bänden -der teilweise schwer zugänglich gewordenen Aufsätze von Joseph Schumpeter hat Spiethoff sich den Dank insbesondere der deutschsprachigen Wissenschaft erworben. Diese Gedenkblätter wollten Eines besonders deutlich werden lassen: Wie der Mann, dem sie gewidmet sind, eine Art von Mittlerstellung einnahm zwischen den theoretischen Fronten unserer Zeit. Seine Sorge war, wie er es in der Festgabe für Werner Sombart im Blick auf dessen Leistungen und Grenzen selbst ausdrückt: „Die Einstellung zur herrschenden theoretischen Arbeit. Wiederum drohen zwei mächtige Geistesströme zusammenhanglos und feindlich nebeneinander zu fließen106,66 Dem müsse nicht so sein. Spiethoff war beherrscht von der Überzeugung, die Wirtschaftswissenschaft dürfe weder in unfruchtbare Spekulation abgleiten, noch in bloßem Tatsachenstoff ersticken. Erfahrung, Lebensnähe, Wirklichkeit waren seine Lieblingsbegriffe; aber sie erhielten ihren eigentlichen Sinn für ihn erst im Blick auf die theoretische Durchdringung. Wir versuchten zu zeigen, wie dies Anliegen — in Anknüpfung an bewährte Tradition — auf neuen und erfolgreichen Wegen verfolgt wurde. Nur ein kleiner Teil von Werk und Wirkung des Forschers Spiethoff konnte hier sichtbar gemacht, vieles überhaupt nur berührt werden. Und uns lag weniger daran, die vergänglichen Seiten oder Lücken, wie sie als dankbare und anregende Objekte wissenschaftlicher Kärrnerarbeit jeder großen Leistung anhaften, aufzuspüren, als das in die Zukunft Weisende herauszuheben. Kein Zweifel, daß dieses Werk weiterwirken wird und der Name seines Schöpfers aus der Geschichte unserer Wissenschaft nicht mehr wegzudenken ist. 106 a.a.O., S. 84. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:26:01