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Ökonomische Probleme des Recurrent-Education-Konzepts

Edding, F.

Abstract

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Edding, F. Article Ökonomische Probleme des Recurrent-EducationKonzepts Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Edding, F. (1976) : Ökonomische Probleme des Recurrent-Education-Konzepts, Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik, ISSN 0342-1783, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 96, Iss. 4, pp. 287-301, https://doi.org/10.3790/schm.96.4.287 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/291375 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. 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If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ ökonomische Probleme des Recurrent-Education-Konzepts Von F. Edding 1. Gedanken und Vorschläge, die sich heute unter dem Namen Recurrent Education finden, haben eine lange Entstehungsgeschichte. Der Verfasser wurde auf die Probleme des Veraltens von Bildung und mögliche Gegenmaßnahmen zuerst von Selma J. Mushkin hingewiesen, und zwar beim Treffen einer Studiengruppe für Bildungsökonomie, das 1961 im Rahmen einer OECD-Konferenz stattfand. Bei der gleichen Gelegenheit diskutierten Jean Fourastier Vorschläge für lebenslanges Lernen und John Vaizey die Vorund Nachteile eines Monopols der Schule für das Lehren und Lernen. Den Anstoß zu dem aktuellen breiten Interesse am Thema Recurrent Education dürfte Olof Palme gegeben haben, als er in Versailles anläßlich der Ständigen Konferenz der Europäischen Erziehungsminister von 1969 eine berühmt gewordene Rede über langfristige Ziele der Bildungsplanung hielt. Dasselbe Gremium hat Recurrent Education zu einem Hauptthema seiner Konferenz in Stockholm im Juni 1975 gemacht und eine empfehlende Resolution dazu beschlossen. In den dazwischenliegenden Jahren haben sich zahlreiche Autoren und Organisationen mit dem Thema befaßt. Dabei ist jedoch bisher nicht genügend Übereinstimmung darüber erkennbar geworden, was konkret durch eine solche Reformstrategie geändert werden soll. Infolgedessen ist auch wenig bestimmt, welche ökonomischen Probleme in diesem Zusammenhang zu erörtern sind. Eine zum Teil persönliche Interpretation ist darum im folgenden unvermeidlich. 2. Alle Äußerungen zum Thema Recurrent Education haben gemeinsam, daß sie es falsch finden, den für die 60er Jahre kennzeichnenden starken Ausbau des traditionellen Systems von Schulen und Hochschulen fortzusetzen. Die Effektivität einer weiteren Expansion auf den herkömmlichen Bahnen wird mit scharfer Kritik angezweifelt. Die mit der bisherigen Bildungsplanung und -praxis erreichte Wirkung wird jedoch an sehr unterschiedlichen Zielvorstellungen gemessen. Dementsprechend gibt es auch kein einheitliches Konzept einer neuen Strategie. Unter der Bezeichnung Recurrent Education finden sich vielmehr eine Reihe von Grundgedanken und Vorschlägen, die unterschiedlich miteinander ver19 Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften 1976/4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.96.4.287 | Generated on 2023-04-04 11:52:50 288 F. Edding bunden sind. Zwei Hauptrichtungen der Kritik und der dementsprechenden Änderungsvorstellungen seien hier knapp zusammenfassend dargestellt. 3. Kritisiert wird die Konzentration des organisierten Lehrens und Lernens auf eine sich tendenziell verlängernde geschlossene Periode in der Jugendzeit (5-15, 5-18, 5-25): Weil gesellschaftlicher Status und Lebenseinkommen von der Länge dieser Periode entscheidend bestimmt sind, ergibt sich ein sozialer Zwang, der immer breitere Kreise erfaßt. Diese Motivation reicht jedoch in vielen Fällen nicht aus, um einen guten Lernerfolg zu sichern, u. a. weil sie starke Antriebe, etwas anderes zu tun, verdrängen muß. Mit der Expansion verbindet sich aus diesem Grunde ein abnehmender Grenzertrag. Wer diesen anderen Antrieben nachgibt und sich nur für eine kurze Periode am schulischen Lernen beteiligt, ist sozial minder angesehen. Der „Abbrecher" erhält auch in der Regel keine zumutbare zweite Chance, wenn seine Lernbereitschaft später danach verlangt. Dies verletzt das Postulat der Gerechtigkeit, erhöht tendenziell soziale Spannungen und verursacht Verluste an möglicher Kompetenz. Relativ vernachlässigt werden in diesem System die Lernbedürfnisse, die erst in späteren Lebensjahren auftreten und erst dann erfüllt werden können. Das Veralten der Kenntnisse im technischen Fortschritt ist das bekannteste Beispiel dafür. Neue Aufgaben stellen sich aber nicht nur im Beruf, sondern in allen Rollen des Erwachsenenlebens. Dafür Kompetenz zu erwerben ist erst sinnvoll, wenn die Probleme erfahren werden können und drängend sind. Neue Situationen, die Umschulung oder zweite Ausbildung erfordern, ergeben sich vielfach im wirtschaftlichen Strukturwandel, für Frauen insbesondere nach Abschluß der Kinderaufzucht, bei Scheidung oder Verwitwung. Für diese und ähnliche Lernbedürfnisse in späteren Jahren gibt es keine hinreichenden Angebote, weil die verfügbaren Mittel auf die Jugendbildung konzentriert werden. Überspitzt ausgedrückt: Wenig zum Lernen Motivierte erhalten die Mittel, die den Hochmotivierten vorenthalten werden. Dies ist wohlstandsmindernd. Die Konzentration des systematischen Lernens auf eine geschlossene Periode in der Jugendzeit führt zu vielen Fehlentscheidungen in der Berufswahl, weil diese Wahl ohne hinreichende Kenntnis der Berufspraxis getroffen werden muß. Auch dies verursacht Wohlstandsverluste. 4. Dieser Kritik entsprechen die Zielvorstellungen: a) organisiertes Lernen immer dann zu ermöglichen, wenn starke Motivation dafür vorhanden ist; OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.96.4.287 | Generated on 2023-04-04 11:52:50 Ökonomische Probleme des Recurrent-Education-Konzepts 289 b) lebenslange Weiterbildung durch Angebot und Werbung zur Regel zu machen; c) Mittel dafür auch durch Kürzung der Lernperiode in der Jugendzeit verfügbar zu machen (Umverteilung); d) durch exploratorische Berufspraxis den Bildungsgang so lange und so oft zu unterbrechen, daß eine bessere Berufswahl zustande kommt. Als Maßnahmen, die (auch alternativ) diesen Vorstellungen entsprechen, werden u. a. genannt: a) Einführung eines Anrechtes auf Kurse systematischen Lernens (Bildungsurlaub) nach Eintritt in die Berufstätigkeit (auch Hausfrauentätigkeit), — die im Rahmen eines festen Kontingents von Zeit beliebig oder — die in einer bestimmten Dosierung in bestimmten Zeitabständen in Anspruch genommen werden können; — für die der Arbeitgeber Arbeitsbefreiung geben muß; — für die voller oder partieller Lohnausgleich gewährt wird; — für die die direkten Kosten voll oder partiell erstattet werden; — für die der Nachweis erfolgreicher Beteiligung an Kursen außerhalb der Berufstätigkeit (keine) Bedingung ist; — für die eine Aufnahmeprüfung (keine) Bedingung ist; b) Ausbau der betrieblichen und außerbetrieblichen Angebote an Weiterbildung (einschließlich Umschulung und Rehabilitation) mit (partieller) öffentlicher Förderung; c) Organisation der Curricula nach dem Baukastenprinzip; d) Kürzung der Schulzeit bis zum Abitur auf 12 Jahre; e) Kürzung des Hochschulstudiums auf in der Regel 3 Jahre; f) Fortfall des geschlossenen Hochschulstudiums als normalem Anschluß an Abitur oder äquivalentem Abschluß, Einbeziehung des Hochschulstudiums in das System des Bildungsurlaubs; g) Fortfall der besonderen Honorierung des traditionellen akademischen Bildungsgangs in den Tarifen für die Eingangsstufe der Beruf slauf bahn. 5. Kritisiert wird zweitens die Konzentration des organisierten Lernens auf einen Lernort (Schule, Hochschule): Im Verlauf der gesellschaftlichen Arbeitsteilung sind bestimmte Einrichtungen entstanden, die auf den Hauptzweck des Lehrens und Lernens spezialisiert sind und andere gesellschaftliche Organisationen von dieser Aufgabe entlasten. 19* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.96.4.287 | Generated on 2023-04-04 11:52:50 290 F. Edding Diese Arbeitsteilung ist so weit getrieben worden, daß ihre Nachteile die Vorteile überwiegen. Der Lernort Schule tendiert zu einer monopolähnlichen Stellung. Er zeigt eine starke Neigung, zum Selbstzweck zu werden und sich von der Realität der übrigen Gesellschaft zu isolieren. Es werden hier einseitig die kognitiven Fähigkeiten entwickelt, was bei der Art dieses Lernortes auch kaum anders zu erwarten ist. Auch wenn Weiterbildung jenseits der Jugendperiode angeboten wird, verfährt sie vorzugsweise nach dem Muster des Lernorts Schule. Andere Arten des Lernens werden vernachlässigt. Für andere Lernarten insgesamt oder zeitweise mehr motivierte Personen werden frustriert und diskriminiert. Apathie, Störungen und suboptimaler Lernerfolg bei einem großen Teil der in Schulen Lernenden sind die Folge. Die Bereitschaft für Weiterbildung wird minimiert. Der Grundsatz der Chancengleichheit wird verletzt. Die Konzentration auf den Lernort Schule vermindert tendenziell die volkswirtschaftliche Produktivität und erhöht die sozialen Kosten. Die Effektivität von Bildung, die einseitig in darauf spezialisierten Einrichtungen vermittelt wird, muß weit hinter dem gesellschaftspolitisch Erwünschten zurückbleiben, selbst wenn diese Einrichtungen weiter stark ausgebaut würden. 6. Dieser Kritik entsprechen folgende Zielvorstellungen: a) Die Monopolstellung und die Einseitigkeit des Lernorts Schule ist durch die Förderung anderer Lernorte aufzuheben; b) im Prinzip sind alle gesellschaftlichen Organisationen auch für Bildungszwecke in die Pflicht zu nehmen und zum mindesten auf bildungsschädliche Wirkungen hin zu überprüfen; c) als andere Lernorte kommen insbesondere die Familien, die Arbeitsstätten, die Einrichtungen der Jugendpflege und Fürsorge sowie die Vereine in Frage; d) alle Lernorte sind zu ihrem spezifischen Optimum zu entwickeln und sollen Komplementarität in einem Gesamtcurriculum anstreben. Als Maßnahmen, die diesen Vorstellungen entsprechen, werden u. a. genannt: a) soweit eine Alleinzuständigkeit von Behörden für Bildungszwecke besteht, ist sie auf allen Regierungsebenen durch die Zuständigkeit kooperativer Gremien abzulösen, in denen u. a. auch Sozialund Arbeitsbehörden sowie private Träger mitwirken; b) eine Curriculumzuständigkeit nach dem Muster der vom Bildungsrat für die Sekundarstufe II empfohlenen Kollegs ist zu verwirklichen und sinngemäß auch auf die Weiterbildung anzuwenden; OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.96.4.287 | Generated on 2023-04-04 11:52:50 ökonomische Probleme des Recurrent-Education-Konzepts 291 c) in der Organisation der Erwerbsarbeit sind alle Maßnahmen zu fördern, die der Entfremdung entgegenwirken. Sie erhalten die gleiche Bedeutung wie Maßnahmen zum Schutz der Gesundheit; d) in den Familien sind beide Ehepartner in die Lage zu versetzen, sich um die Kinder zu bemühen. Zu diesem Zweck wird die ganztägige Erwerbstätigkeit beider Elternteile untersagt; e) die Bildungsarbeit der öffentlichen und privaten Arbeitsstätten (Erstausbildung, Praktika, Weiterbildung) ist arbeitsrechtlich und finanziell zu fördern. 7. Die im Vorhergehenden dargestellten Hauptrichtungen der unter dem Namen Recurrent Education zusammengefaßten Reformabsichten zielen auf a) die Sicherung der Wiederkehr von Perioden organisierten Lernens in einer Verteilung über die Lebenszeit; b) die Aktivierung von Bildungsmöglichkeiten in allen Teilen des gesellschaftlichen Lebens. Diese Richtungen verbinden sich in Gesamtkonzepten von Recurrent Education in sehr verschiedener Weise. Die Verschiedenheit entsteht vor allem durch Präferenzen für unterschiedliche gesellschaftliche Ziele. Im folgenden werden drei Typen eines Recurrent-Education-Konzepts als Beispiele dafür dargestellt. 8. Ein primär an der Produktivität orientiertes Konzept: Das System der Jugendbildung ist für die Mehrzahl auf die Pflichtschulzeit zu beschränken. Für diese Mehrzahl folgt eine Anlernzeit in beruflicher Tätigkeit oder eine Ausbildung in Kooperation von Betrieb und Schule. Selektion sollte den Zugang zu weiterführenden Schulen und Hochschulen auf 10-15 Prozent des Jahrgangs einengen. Die so Ausgelesenen sollten nach knapp bemessener Gymnasialund Studienzeit mit etwa 22 Jahren in die Berufspraxis eintreten und dann reichlich Möglichkeiten haben, sich weiterzubilden. Weiterbildung wird auch einer dafür als qualifiziert erkannten Minderheit des übrigen Nachwuchses angeboten. Als Träger dieser Weiterbildung kommen vor allem die Arbeitsstätten in Frage, die auch die Kosten zu finanzieren haben. Sie entscheiden nach Maßgabe ihrer Bedürfnisse über Art und Umfang der Förderung von Mitarbeitern durch Weiterbildung während der Arbeitszeit und in externen Kursen. Förderung der beruflichen Kompetenz und damit der gesamtwirtschaftlichen Produktivität ist in dieser Konzeption das primäre Ziel. Die Verbesserung der Effizienz des Bildungssystems wird durch Konzentration auf diese Ziele bei Senkung der Gesamtkosten und starker Beteiligung nichtöffentlicher Träger angestrebt. Die ProOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.96.4.287 | Generated on 2023-04-04 11:52:50 292 F. Edding duktivitätssteigerung ermöglicht die Verkürzung der Arbeitszeit. In der Freizeit stehen jedem Bildungsangebote durch öffentliche Medien, geförderte Erwachsenenbildung und kommerzielle Einrichtungen zur Verfügung. 9. Ein primär an staatlicher Sicherung umfassender lebenslanger Bildung orientiertes Konzept. Den Zielen der beruflichen Kompetenz und der Produktivitätsförderung werden in einer zweiten Konzeption von Recurrent Education andere Ziele — Chancengerechtigkeit, Fähigkeit, am geistigen und politischen Leben aktiv teilzunehmen, Entwicklung der Persönlichkeit als Glied einer Gemeinschaft — gleichrangig zur Seite gestellt. Die Verbesserung der Effizienz des Bildungswesens wird im Blick auf diese komplexe und anspruchsvolle Zielsetzung angestrebt. Diese Ziele sollen nicht nur für die Jugendbildung, sondern prinzipiell lebenslang gelten. Sie sollen prinzipiell für alle gelten. Die Jugendbildung hat alle bis zur Mündigkeit so weit wie möglich zu fördern und hat dem Ziel, die Bereitschaft für lebenslanges Lernen bei allen zu fördern, hohe Priorität zu geben. Die Jugendbildung ist von Lehrplanteilen zu entlasten, die ebensogut oder besser in der Weiterbildung Platz finden, aber sie ist nicht zu verkürzen, sondern zielentsprechend aufzuwerten. Wegfallen sollen Bildungsphasen (zum Beispiel Hochschulstudium) als geschlossene Lebensphasen, die sich an die Sekundarstufe anschließen. Mit der Mündigkeit erhält jedoch jeder Bürger einen Anspruch auf Weiterbildung, der das Recht auf angemessene Angebote, auf Freistellung von anderer Tätigkeit und auf finanzielle Förderung dieser Weiterbildung enthält. Das Weiterbildungsangebot ist von den zuständigen öffentlichen Stellen als Wechsel von nebenberuflichen und vollzeitlichen Kursen zu planen und organisatorisch zu tragen. Die mögliche zeitliche Verteilung des Weiterbildungsanspruchs über die Lebenszeit wird durch Gesetz geregelt. In dieser Konzeption von Recurrent Education folgt einer zielentsprechend reformierten Schule ein System von Weiterbildung, das sich von der Jugendschule im wesentlichen durch Orientierung am Bildungsbedarf Erwachsener und durch eine Verteilung über mehrere Jahrzehnte unterscheidet. 10. Ein primär am Entschulungsgedanken orientiertes Konzept: In einer dritten Konzeption von Recurrent Education wird die hier unter 9. genannte Vielfalt der Bildungsziele gewahrt, aber es wird unterstellt, daß diese Zielrichtung universeller und lebenslanger Bildung nicht durch Lernprozesse zu erreichen ist, die ausschließlich oder überwiegend von Behörden des Bildungswesens geplant und getragen werden. In dieser Version von Recurrent Education hat der Entschulungsgedanke starken Einfluß gewonnen. Betriebe, Vereine, Massenmedien, Einrichtungen der Jugendpflege, der sozialen Fürsorge, des GesundheitsOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.96.4.287 | Generated on 2023-04-04 11:52:50 ökonomische Probleme des Eecurrent-Education-Konzepts 293 wesens, der Arbeitsverwaltung, der Justiz und des Militärs sind, neben Kirchen, Parteien und Gewerkschaften, weit mehr als es gegenwärtig geschieht, planmäßig als Mitwirkende an der Bildungsaufgabe in Anspruch zu nehmen. Organisationen mit einem anderen Hauptzweck werden partiell (wieder oder stärker) für Bildungszwecke in die Pflicht genommen. Die für diese Organisationen zuständigen Behörden sollen mit den speziell für Bildungseinrichtungen und außerdem für die Gesamtplanung von Recurrent Education zuständigen Stellen auf allen Ebenen ständige Kooperation pflegen. Außerdem ist den Initiativen und der Mitbestimmung seitens der Bildung Suchenden breiter Raum zu geben. Neben der Bildung in schulartigen Einrichtungen sind andere gesellschaftliche Organisationen als Lernorte anzuerkennen. Ein geplanter Wechsel der Lernorte soll möglichst früh einsetzen, viele Wahlmöglichkeiten bieten, aber als Wechsel obligatorisch sein. Von Schulen ausgestellte Zertifikate werden durch Beurteilungen aller anderen an der Bildungsaufgabe Mitwirkenden ergänzt. Auch in dieser Recurrent-Education-Konzeption ist ein begrenzter Rechtsanspruch auf schulähnliche Weiterbildung jenseits der Mündigkeit vorgesehen. Weiterbildung ist jedoch auch durch flexiblere Formen der Aufteilung des Lebens der Erwachsenen in Freizeit, Lernzeit und Arbeitszeit zu sichern. Die Mitwirkung der Produktionsund Dienstleistungsbetriebe soll sich vor allem in Arbeitsformen ausdrücken, die den Bildungszielen entsprechen. In dieser Konzeption wird also der Ergänzung der Jugendbildung durch Weiterbildung eine sehr weitgehende Ergänzung durch aktive Beteililigung nichtschulischer Einrichtungen hinzugefügt. Außerdem soll der persönlichen Initiative gegenüber den verordneten Curricula mehr Raum gegeben werden. 11. Einige Komponenten der dargestellten drei Typen von RecurrentEducation-Konzepten sind nicht streng einem Typ zugeordnet sondern austauschbar. In unterschiedlicher Weise verbinden sich mit diesen Konzepten außerdem Reformabsichten, die auch im traditionellen System verwirklicht werden könnten. Als Beispiele dafür seien hier angeführt: a) die Organisation der Curricula nach dem Baukastenprinzip und nach dem Stufungsprinzip; b) die verstärkte Anwendung von Methoden der Open University und von open certification; c) die verstärkte Einführung von Praktika; d) die verstärkte organisatorische und finanzielle Förderung von vollzeitlichen Weiterbildungskursen; e) der Ausbau des programmierten Unterrichts unter Nutzung moderner Medien; OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.96.4.287 | Generated on 2023-04-04 11:52:50 294 F. Edding f) der Ausbau einer zentral und dezentral verfügbaren Information über das gesamte Angebot an Weiterbildung. Solche Maßnahmen könnten in einer Strategie von incremental change ihren Platz finden. Die vorher dargestellten drei Typen von Recurrent Education verlangen jedoch einschneidende Entscheidungen für einen Wechsel der Strategie, wobei das dritte Konzept am stärksten mit der Tradition bricht. Ein solcher Wechsel wäre nur langfristig zu verwirklichen. Daher sollte die Planung durch ein Forschungsund Experimentalprogramm vorbereitet werden. 12. Zwar geht es bei den Recurrent-Education-Konzepten großenteils um Alternativen, zwischen denen auf Grund gesellschaftspolitischer Zielvorstellungen zu wählen ist. Wichtige Annahmen, die den Konzepten zugrunde liegen, bedürften jedoch der wissenschaftlichen Analyse, bevor weittragende Entscheidungen getroffen werden. Zum Teil ist auch ein experimentelles Vorgehen im Sinne von Research and Development angezeigt. Bei vielen dieser Forschungsaufgaben fällt dem Ökonomen die Rolle des Außenseiters zu, der aus seiner Sicht Fragen stellt, die Vertretern anderer Disziplinen, insbesondere der Erziehungswissenschaft, vielleicht weniger wichtig erscheinen. Der Ökonom hat überall nach der Effizienz der Mittelverwendung zu fragen und auf Optimierung der Kosten-Nutzen-Relation zu dringen. Der Nutzen sollte durchaus so weit definiert werden, daß er die für das Bildungswesen insgesamt oder für die zu untersuchende einzelne Einrichtung geltenden Ziele umfaßt. Ebenso sollten auf der Kostenseite externe oder „soziale" Kosten berücksichtigt werden. Wichtig ist, daß die Frage nach der ökonomischen Rationalität gestellt wird und in die Planungsüberlegungen eingeht. 13. Eine Grundannahme des Recurrent-Education-Konzepts ist darin zu sehen, daß es auch im Bildungswesen das Phänomen des abnehmenden Ertrages gibt. Es wird unterstellt, daß die Ausdehnung der geschlossenen Phase des Lernens in Schulen und Hochschulen zu Motivationverlust, Passivität und Störungen führt, die das Bildungsergebnis erheblich beeinträchtigen. Es wird behauptet, daß dieses Ergebnis erheblich verbessert werden könnte, wenn die geschlossene Phase vollzeitlicher Jugendbildung in Schulen und Hochschulen durch Pausen unterbrochen wird, die für Freizeitbeschäftigung, für andere Tätigkeiten oder für das Lernen an anderen Lernorten genützt werden. Im einzelnen werden Fakten und Argumente angeführt, die einerseits diese Thesen stützen, die andererseits aber auch erhebliche Zweifel begründen. Einschneidende Reformentscheidungen, von denen behauptet wird, daß ihre Durchführung die Kosten-Nutzen-Relation sehr verbessern würde, könOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.96.4.287 | Generated on 2023-04-04 11:52:50 Ökonomische Probleme des Recurrent-Education-Konzepts 301 Mushkin, S. J. (1974) (Hrsg.), Recurrent Education. Papers derived from the Georgetown University Conference on Recurrent Education, Washington, March 1973. Washington 1974. OECD (1973), Recurrent Education. A Strategy for Lifelong Learning. CERI, Paris 1973. In deutscher Übersetzung hrsg. vom Sekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland unter dem Titel „Ausbildung und Praxis im Periodischen Wechsel", Bonn (o. J.). — (1975), Recurrent Education. Secretariat Report on Trends and Issues. Paris 18th March, 1975. Ceri/CD (75) 11. Palme, O. (1969), A model for recurrent education, in Council of Europe, Information Bulletin Nr. 3/1969. Stoikov, V. (1973), Recurrent Education, Some neglected economic issues, International Labour Review 109 (1973), S. 187 - 208. — (1975), The Economics of Recurrent Education and Training. A WEP study on education and employment. International Labour Office, Geneva 1975. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.96.4.287 | Generated on 2023-04-04 11:52:50