Probleme der Bildung empirisch überprüfbarer Hypothesen zum Internationalen Konjunkturzusammenhang
Abstract
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Full text
Rohwedder, Jürgen Article Probleme der Bildung empirisch überprüfbarer Hypothesen zum Internationalen Konjunkturzusammenhang Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Rohwedder, Jürgen (1977) : Probleme der Bildung empirisch überprüfbarer Hypothesen zum Internationalen Konjunkturzusammenhang, Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik, ISSN 0342-1783, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 97, Iss. 4, pp. 351-371, https://doi.org/10.3790/schm.97.4.351 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/291395 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Probleme der Bildung empirisch überprüfbarer Hypothesen zum Internationalen Konjunkturzusammenhang* Von Jürgen Rohwedder Zunächst werden die bisher in der Literatur zur Verfügung stehenden (keynesianischen) Modelle zur Erklärung des internationalen Konjunkturverbunds diskutiert und anschließend wird ein alternativer Ansatz vorgestellt. I. Einleitung: Konjunkturzusammenhang-Measurement without Theory Untersuchungen über den internationalen Konjunkturverbund sind keineswegs neu. Bereits in den zwanziger Jahren beschäftigte sich das National Bureau of Economic Research nicht nur mit dem Problem einer umfassenden Beschreibung der Konjunkturzyklen in verschiedenen Ländern, sondern es wurden auch explizit die engen Verbindungen zwischen nationalen Konjunkturentwicklungen insbesondere der höher entwikkelten Industrieländer aufgezeigt. Als Folge der schlechten Quellenlage für das 19. Jahrhundert dienten zur Beschreibung des konjunkturellen Situation weniger objektivierte Datenreihen als vielmehr eine sorgfältige Analyse der zeitgenössischen Einschätzung der wirtschaftlichen Situation1. * Der vorliegende Aufsatz ist eine erweiterte Fassung eines Referats, das auf der Arbeitstagung des Ausschusses für Außenwirtschaftstheorie und -Politik am 7./8. 5. 1976 in Neu-Isenburg gehalten wurde. Der Inhalt baut auf einem Projektantrag im Rahmen des Sonderforschungsbereichs 17, Skandinavien« und Ostseeraumforschung über Untersuchungen zum internationalen Konjunkturverbund zwischen Skandinavien und der EG auf, dessen Finanzierung inzwischen für die Jahre 1976 - 1978 von der DFG zugesagt worden ist. Im Rahmen dieses Projektes soll geprüft werden, ob und in welchem Ausmaß die konjunkturelle Entwicklung in den skandinavischen Staaten Dänemark, Norwegen und Schweden durch die Entwicklung in anderen Ländern beeinflußt und ob diese Beeinflussung durch den Prozeß der europäischen Integration modifiziert worden ist. Für kritische Durchsicht dieses Manuskripts und wertvolle Ratschläge danke ich meinen Mitarbeitern Wilfried Fuhrmann, Dr. Wilhelm Kummen und Detlev Wienbrandt. Weiterhin danke ich den Teilnehmern der Sitzung in Neu-Isenburg für ihre Diskussionsbeiträge, die zu einigen Ergänzungen dieses Aufsatzes geführt haben. Sämtliche eventuell verbleibenden Ungenauigkeiten und Unklarheiten gehen selbstverständlich zu Lasten des Verfassers. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.97.4.351 | Generated on 2023-04-04 11:53:49
352 Jürgen Rohwedder Insbesondere die Weltwirtschaftskrise trug dann entscheidend dazu bei, daß die These vom internationalen Zusammenhang konjunktureller Entwicklungen weitgehend akzeptiert wurde (Graf, 1974, S. 174). Teilweise wurde sogar die Ansicht geäußert, daß Schwankungen der wirtschaftlichen Tätigkeit in den USA zu stärkeren Schwankungen in anderen Ländern führen würden. In der Bundesrepublik erhielt die Diskussion um den internationalen Konjunkturzusammenhang neuen Auftrieb durch die Arbeiten des Sachverständigenrates zur Begutachtung der wirtschaftlichen Entwicklung, der in seinem 1967/68er Gutachten darauf hinwies, daß „die Bedeutung der internationalen Verflechtung und folglich der Einfluß der sich abschwächenden Weltkonjunktur" auf die konjunkturelle Situation in der Bundesrepublik vielfach unterschätzt würde2. So unbestreitbar und unbestritten also die wirtschaftspolitische Relevanz des internationalen Konjunkturzusammenhangs insbesondere in einem System grundsätzlich fester Wechselkurse ist, um so überraschender ist doch die Tatsache, daß es bisher weitgehend an einer grundlegenden theoretischen Durchdringung des Phänomens fehlt. So beschränkt sich z. B. die Arbeit des Sachverständigenrates weitgehend auf eine vergleichende Interpretation der Schwankungen nationaler Zuwachsraten des realen Sozialprodukts (vgl. z. B. Sachverständigenrat, 1967, S. 27, Schaubild 7) bzw. der Abweichungen vom Trend der Industrieproduktion in den Mitgliedsländern der EG (vgl. z. B. Sachverständigenrat, 1972, S. 9, Schaubild 1). Selbst jüngste empirische Arbeiten, die sich ausschließlich mit diesem Phänomen beschäftigen, scheinen — wie Graf richtig feststellt — „gänzlich ohne theoretisches Fundament auszukommen" (Graf, 1976, S. 529). 1 Vgl. Mitchell (1926), S. 15 - 100, für die besondere Beachtung der internationalen Beziehungen zwischen Konjunkturzyklen insbesondere S. 73 - 100. Burns und Mitchell definieren: „A cycle consists of expansions occuring at about the same time in many economic activities, followed by similarly general recessions, contractions and revivals." Burns und Mitchell (1946), S. 3. 2 Vgl. Sachverständigenrat (1967), S. 28, Ziffer 28. Im selben Gutachten wird auch von der „économie dominante" der Vereinigten Staaten gesprochen (S. 125, Ziffer 273). Auch in späteren Gutachten werden Hypothesen vom internationalen Konjunkturzusammenhang und einer économie dominante der USA wiederholt vertreten, so z. B. im Jahresgutachten 1972, auf das sich die o. zit. Analyse von Graf bezieht, oder im Gutachten 1975, wo betont wird, daß die Krise in der Bundesrepublik verstärkt wurde durch „diesen internationalen Gleichlauf, verbunden mit einer wechselseitigen Verstärkung der Abwärtsentwicklung", Sachverständigenrat (1975), S. 157. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.97.4.351 | Generated on 2023-04-04 11:53:49
Probleme der Bildung empirisch überprüfbarer Hypothesen 353 II. Ansätze einer theoretischen Grundlage des internationalen Konjunkturzusammenhangs Erst in jüngster Zeit gibt es theoretische Arbeiten, die auf dem Boden der traditionellen keynesianischen Außenhandelstheorie versuchen, Hypothesen über den internationalen Konjunkturverbund bei festen und flexiblen Wechselkursen aufzustellen (Roth, 1975; Graf, 1976). Im Mittelpunkt steht dabei die Übertragung der Aussagen, die sich aus der langen und intensiven Debatte der relativen Effizienz von Geldund Fiskalpolitik bei festen und flexiblen Wechselkursen ergeben haben3, auf die Frage des internationalen Konjunkturzusammenhangs4. Eine solche Übertragung ist unmittelbar möglich, wenn man Konjunkturentwicklung als absolute Schwankungen des realen Volkseinkommens definiert. Als Transmissionswege werden bei diesen Ansätzen entweder nur der Außenhandel oder Außenhandel und Kapitalverkehr berücksichtigt. Bei alleiniger Berücksichtigung des Transmissionsweges Außenhandel ergibt sich bei festen Wechselkursen eine Parallelität der Konjunkturentwicklung5, bei flexiblen Wechselkursen aber entweder Unabhängigkeit oder gegenläufige Entwicklung. Eine Einbeziehung des Kapitalverkehrs führt dazu, daß die Hypothese eines internationalen Konjunkturzusammenhangs allein mit einem Vergleich der konjunkturellen Entwicklungen in den zu untersuchenden Ländern nicht mehr falsifizierbar ist. Nach den Modellergebnissen von Roth (1975, S. 122 ff. und S. 207 ff.) muß man z. B. für flexible Wechselkurse zumindest Realeinkommen-, Preisund Zinsentwicklungen im Inund Ausland untersuchen. Eine Parallelentwicklung der Realeinkommen im Inund Ausland ist zu erwarten, wenn die ausländische Nachfragesteigerung durch güterwirtschaftliche Entwicklungen induziert wird. In diesem Fall steigen im Ausland sowohl Einkommen als auch Zinsund Preisniveau, und im Inland zeigen sich die gleichen Entwicklungen der drei genannten Variablen6. Eine gegenläufige Entwicklung der Realeinkommen im Ausland und Inland als Folge einer exogenen Störung im Ausland tritt auf 3 Für ausführliche Literaturangaben zu dieser Debatte vgl. das Literaturverzeichnis der o. g. Arbeit von Roth (1975). 4 Der Unterschied in der Analyse besteht im Grundsatz lediglich darin, daß man in dieser Debatte die Auswirkungen der beiden wirtschaftspolitischen Instrumente auf das Inland, im Rahmen der Diskussion des internationalen Konjunktur Verbunds aber die Wirkungen auf das Ausland untersucht. 5 Das gilt zumindest bei der in der Literatur üblichen Vernachlässigung ausländischer cost-push-Inflationen (vgl. zur Definition in einem keynesianischen Modell Roth 1975, S. 125 f.). Bei Einbeziehung exogener Lohnsatzänderungen im Ausland ist selbst diese Aussage nicht mehr eindeutig haltbar, wie sich bei der Anwendung eines von Takayama verwendeten Modells für die hier interessierende Fragestellung ergibt. Vgl. Rohwedder (1976). 6 Das gilt jedenfalls, wenn man von extremen Werten einzelner Parameter absieht, bei deren Gültigkeit zugleich die Stabilität des Systems in Frage gestellt wird. 23 Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozial Wissenschaften 1977/4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.97.4.351 | Generated on 2023-04-04 11:53:49
354 Jürgen Rohwedder a) bei einer monetär verursachten Expansion des Auslandes (im Ausland steigen Einkommen und Preise, der Zinssatz sinkt; im Inland sinken Einkommen, Preise und Zinssatz); b) bei einer cost-push-induzierten Kontraktion des Auslandes (im Ausland sinkt das Einkommen, Preise und Zinssatz steigen; im Inland steigen Einkommen, Preise und Zinssatz). (Roth, 1975, S. 207 - 217.) Bei festen Wechselkursen ergibt sich jedoch das Problem, daß Parallelität oder Gegenläufigkeit nicht von der Störungsursache, sondern von den Parametern abhängt: Jede der drei von Roth genannten Störungsursachen kann je nach Parameterkonstellation zu einem normalen oder inversen Konjunkturzusammenhang führen. III. Eignung dieser Modellansätze als Grundlage zur Hypothesenbildung Eine Hypothesenbildung auf der bisher erwähnten theoretischen Grundlage wäre zweifellos möglich. Da die zugrundeliegenden Modelle7 aber eine Reihe wichtiger Einflußfaktoren vernachlässigen, wäre ein solches Vorgehen problematisch. Um zu theoretisch voll befriedigend abgeleiteten Hypothesen zu kommen, müßten die Modelle ergänzt werden. Im folgenden sollen die wichtigsten notwendigen Ergänzungen kurz geschildert werden. 1. Notwendige Erweiterungen der nationalen Modellkomponenten a) Einbeziehung von Preisänderungserwartungseffekten Berücksichtigt man in den oben erwähnten Modellen Preisänderungserwartungseffekte, so wird der eindeutig positive Zusammenhang zwischen Realeinkommensänderung und Preisänderung aufgehoben. Weiterhin ist der Zinssatz in Nominalzins und Realzins aufzuspalten. Die eindeutige Zuordnung der Veränderungen der drei Variablen zu den drei genannten Ursachen ausländischer Realeinkommensänderungen gilt dann nicht mehr. Darüber hinaus bleibt noch offen, welche Konsequenzen eine solche Erweiterung des Modells für die Aussagen von Roth insbesondere in den hier interessierenden Ungleichgewichtssituationen hat. 7 Auf eine ausführlichere Darstellung dieser Modelle sei hier verzichtet, da das im selben Heft veröffentlichte Modell von Roth zumindest für flexible Wechselkurse den wohl umfassendsten Ansatz dieser Art darstellt. Vgl. Roth (1977). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.97.4.351 | Generated on 2023-04-04 11:53:49
Probleme der Bildung empirisch überprüfbarer Hypothesen 355 b) Unterbeschäftigungsversus Vollbeschäftigungsmodell Die Gleichsetzung von Realeinkommensschwankungen mit konjunkturellen Schwankungen bedeutet, daß es eine expansive Beeinflussung der inländischen Konjunktur nur in einer Unterbeschäftigungssituation geben kann. Der Ausweg der traditionellen keynesianischen Modelle in solchen Situationen besteht in der Annahme, daß bei Vollbeschäftigung die Preisabhängigkeit des Angebots gegen Null geht, ein expansiver Effekt sich also allein in Preissteigerungen zeigt. Man könnte also sagen, konjunkturelle Schwankungen zeigen sich in gleichgerichteten Preis Veränderungen und/oder Realeinkommensschwankungen. Auch gegebenes Realeinkommen und steigendes Preisniveau signalisieren also eine konjunkturelle Expansion. Angesichts der bereits erwähnten Bedeutung der Preisänderungserwartungen für die Preisentwicklung bietet diese Lösung jedoch keinen Ausweg. Trotz der konjunkturpolitisch zweifellos unerwünschten Folgen expansiver Nachfrageimpulse aus dem Ausland bei Vollbeschäftigung kann in diesem Fall kein internationaler Konjunkturzusammenhang gemessen werden. c) Berücksichtigung von Kapazitätsänderungen Die diskutierten Modelle gehen weiterhin davon aus, — entsprechend der keynesianischen Tradition „kurzfristiger" Modelle — daß die gesamtwirtschaftliche Produktionskapazität gegeben sei. Berücksichtigt man den Kapazitätseffekt der Investitionen und evtl. ein im Zeitablauf steigendes Arbeitskräftepotential, so kann auch eine Zunahme des Volkseinkommens mit einer Abnahme des Auslastungsgrades des Produktionspotentials verbunden sein8; eine gegebene Zunahme des Volkseinkommens kann je nach Ausmaß des Kapazitätswachstums zu einer Steigerung oder Reduzierung des Auslastungsgrades des Produktionspotentials führen. Damit ist aber die Eignung des Indikators Volkseinkommensschwankungen zur Messung von Konjunkturschwankungen in Frage gestellt. Der Ausweg, statt Schwankungen der absoluten Höhe des Volkseinkommens Schwankungen der Wachstumsraten zu verwenden, löst diese Konflikte nicht, da das Maximum der Zuwachsraten vor dem Maximum der Kapazitätsauslastung erreicht wird9. Damit werden konjunkturelle Höhepunkte in einer Phase signalisiert, in der durchaus noch ungenutzte Kapazitäten vorhanden sind, und eine Phase zunehmender konjunktureller Spannungen bei Erreichen der Kapazitätsgrenzen wird bereits als konjunktureller Abschwung bezeichnet. 8 Auf das Problem, wie sich verschiedene Formen des technischen Fortschritts auf die Produktionskapazität einer Volkswirtschaft auswirken, soll hier nicht näher eingegangen werden. 9 Zum Problem der Messung von Konjunkturschwankungen vgl. Tichy (1976), S. 36 - 61, wo auch die bereits eingangs geschilderte Methode des NBER zur Messung von Reference Cycles kurz dargestellt wird. 22* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.97.4.351 | Generated on 2023-04-04 11:53:49
356 Jürgen Rohwedder d) Die Einbeziehung der Konjunkturtheorie Ein weiteres Problem der hier diskutierten theoretischen Ansätze zur Erklärung des internationalen Konjunkturverbunds besteht m. E. darin, daß diese Modelle komparativ-statisch sind, wobei allenfalls (aber das ist schon eine Ausnahme bei Roth) die Stabilität des Gleichgewichts untersucht wird. Das Anliegen der traditionellen Konjunkturtheorie ist es nun aber, eine theoretische Erklärung für endogene Schwankungen der Wirtschaftstätigkeit zu finden. Das bekannteste Modell dieser Art ist zweifellos das Multiplikator-Akzelerator-Modell von Samuelson und Hicks (Harrod, 1936; Samuelson, 1939, S. 78 - 88; Hicks, 1950), das inzwischen in einer Reihe von Punkten erweitert und modifiziert auch Eingang in die ökonometrischen Konjunkturmodelle gefunden hat (z. B. van der Werf, 1972, S. 46 ff.). Berücksichtigt man bei der Analyse des internationalen Konjunkturzusammenhangs aber solche Akzeleratorwirkungen, dann wird die Beantwortung der Frage, ob ein internationaler Konjunkturzusammenhang existiert, wesentlich erschwert: Als Folge unterschiedlicher Stärke und unterschiedlicher Zeitverzögerungen solcher endogener Schwankungen kann wieder — und jetzt erst recht — jede Kombination von Entwicklungen der wirtschaftlichen Situation im Inland und Ausland als Konjunkturzusammenhang interpretiert werden; eine Falsifizierung der Hypothese vom internationalen Konjunkturzusammenhang ist nur noch auf der Grundlage umfassender, länderspezifischer Konjunkturmodelle möglich. 2. Notwendige Erweiterungen der zu berücksichtigenden internationalen Transmissionskanäle In den oben erwähnten keynesianischen Außenhandelsmodellen werden als Transmissionskanäle lediglich Außenhandel und Kapitalverkehr erfaßt. In den folgenden Ausführungen sollen nun einmal diese Transmissionskanäle näher analysiert und dabei insbesondere die Frage geprüft werden, ob man aus den in der Zahlungsbilanz veröffentlichten Zahlen über Außenhandel und Kapitalverkehr Rückschlüsse auf die Stärke der Transmission konjunktureller Impulse durch diese Transmisisonskanäle ziehen kann. Weiterhin soll überprüft werden, welche zusätzlichen Transmissionskanäle denkbar sind und wie diese zusätzlichen Kanäle wirken. a) Außenhandel Folgt man den keynesianischen Außenhandelsmodellen, so ergibt sich nur aufgrund der Einkommensabhängigkeit der Importe ein direkter Zusammenhang zwischen dem Volkseinkommen des Auslandes und den OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.97.4.351 | Generated on 2023-04-04 11:53:49
Probleme der Bildung empirisch überprüfbarer Hypothesen 357 Exporten des Inlandes10. Es wird nun verschiedentlich betont, daß nicht nur die Importe, sondern auch die Exporte eines Landes konjunkturabhängig sind11. Als Folge z. B. einer rezessionsbedingten Abnahme der ausländischen Nachfrage versuchen die ausländischen Produzenten in verstärktem Maße zu exportieren. Eine Abnahme der Nachfrage im Ausland führt dann einmal direkt über verringerte Exporte des Inlandes und zum anderen indirekt über die steigende Konkurrenz im Bereich der importkonkurrierenden Produktion zu einer Beeinflussung der inländischen Nachfrage. Unterstellen wir den Fall einer gleichzeitigen Rezession im Ausland und im Inland und fragen, ob wir aufgrund der bisherigen Analyse eine Aussage darüber machen können, ob der Transmissionskanal Außenhandel die ausländische Rezession auf das Inland übertragen hat oder nicht. Nach der oben vorgeführten Argumentation ist die inländische Rezession durch das Ausland bedingt oder zumindest via den Transmissionskanal Außenhandel verstärkt worden, wenn die inländischen Exporte abgenommen und die inländischen Importe zugenommen haben. Ist dagegen die inländische Rezession autonom entstanden, so muß aufgrund der verstärkten Exportanstrengungen und der nachlassenden Nachfrage des Inlandes mit einer Zunahme der Exporte und einer Abnahme der Importe gerechnet werden. b) Kapitalverkehr In den bisher dargestellten Modellen wird der Kapitalverkehr als Transmissionskanal konjunktureller Impulse lediglich über seinen Einfluß auf den Zahlungsbilanzsaldo berücksichtigt, wobei unterstellt wird, daß der Kapitalverkehr und nicht der Bestand an ausländischen Schuldtiteln von der absoluten Höhe des inländischen und ausländischen Zinssatzes abhängt12. Bereits bei dieser vereinfachten Modellversion ergibt sich, daß die Einbeziehung des Transmissionskanals Kapitalverkehr die Unsicherheit über die Richtung des Konjunkturzusammenhangs (parallele oder entgegengesetzte Entwicklung) erheblich verstärkt. Weiterhin ist zu beachten, daß die Transmissionskanäle Außenhandel und Kapitalverkehr insbesondere bei Vorliegen von Kapitalverkehrsbeschränkungen nicht unabhängig voneinander sind: Eine Zunahme des Außenhandels bedeutet auch eine Zunahme der Außenhandelsfinanzierung und 10 Daneben wird natürlich die Preisabhängigkeit des Außenhandels berücksichtigt. Wir haben aber gesehen, daß die Preisentwicklung bei Berücksichtigung der cost-push-Inflation nicht eindeutig mit der Konjunkturentwicklung verbunden ist. 11 Vgl. hierzu die Hypothese vom Export-push z. B. bei Rothschild (1966). 12 Die Problematik, die sich aus einer portfoliotheoretischen Erklärung des Kapitalverkehrs ergibt, sei hier nur angedeutet. Sohmen verweist auf die erheblichen Komplikationen, die sich aus einer Einbeziehung dieses Ansatzes ergeben. Vgl. Sohmen (1967), S. 517. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.97.4.351 | Generated on 2023-04-04 11:53:49
358 Jürgen Rohwedder damit des Kapitalverkehrs. Es bleibt zu prüfen, ob wegen der Verlagerung dieser Außenhandelsfinanzierung zum jeweils zinsgünstigen Land dieser Zusammenhang vernachlässigt werden kann. Schließlich ist bei der Analyse des Transmissionskanals Kapitalverkehr zu beachten, daß Zinssatzdifferenzen wohl in erster Linie ein Bestimmungsfaktor für den kurzfristigen Kapitalverkehr und evtl. für langfristige Portfolioinvestitionen darstellen, nicht aber für Direktinvestitionen. Insbesondere für Direktinvestitionen in Industrieländern ist anzunehmen, daß sie in hohem Maße von der Nachfragesituation im Kapital importierenden Land abhängig sind13. Bei der langfristigen Perspektive von Direktinvestitionen ist allerdings nicht damit zu rechnen, daß die Entscheidung, ob im Ausland investiert wird, von der konjunkturellen Situation bestimmt wird, wohl aber kann die Entscheidung, wann investiert wird, von diesem Bestimmungsfaktor abhängen. Unterstellt man weiterhin, daß bei Direktinvestitionen ein überdurchschnittlich hoher Anteil der Investitionssumme in Form von Warenlieferungen aus dem Land der Muttergesellschaft transferiert wird, so ergibt sich via Direktinvestitionen ein besonderer Transmissionskanal konjunktureller Impulse: Eine konjunkturelle Aufwärtsentwicklung im Ausland führt zu einem steigenden Volumen an Direktinvestitionen; diese zusätzlichen Direktinvestitionen führen zu zusätzlichen Exporten und wirken damit auch expansiv auf die Entwicklung im Inland14. Bei diesem Transmissionskanal scheint allerdings die Beziehung zwischen konjunktureller Situation im Ausland und Direktinvestitionen wesentlich enger zu sein als die Beziehung zur konjunkturellen Situation im Inland. Einmal können die erwähnten zusätzlichen Exporte von Investitionsgütern kompensiert werden durch einen Rückgang der Exporte von Fertigprodukten, zum anderen bestehen zahlreiche Direktinvestitionen nicht aus einem Bau neuer Produktionsanlagen, sondern aus einer Übernahme bereits bestehender ausländischer Firmen. In diesem letzten Fall dürfte zwar nach wie vor ein Einfluß der Direktinvestitionen auf die ausländische konjunkturelle Situation bestehen, da die ausländischen Verkäufer den erzielten Erlös im Regelfall wieder investieren werden. Eine parallele Beeinflussung der inländischen Konjunktur ist jedoch nicht gegeben. Schließlich ist noch der Fall denkbar, daß das im Ausland 13 So hat z. B. Lück eine positive Korrelation zwischen Stundenlohnsätzen (als Indikator für die allgemeine Nachfrageentwicklung) und dem Volumen ausländischer Direktinvestitionen in Industrieländern nachgewiesen. Vgl. Lück (1976). 14 Interessanterweise hat bereits Mitchell in seinem o. zit. Beitrag als Transmissionskanäle konjunktureller Bewegungen außer dem Außenhandel auch den Kapital verkehr und dort inst es. die Direktinvestitionen erwähnt. Vgl. Mitchell (1926), S. 97 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.97.4.351 | Generated on 2023-04-04 11:53:49
Probleme der Bildung empirisch überprüfbarer Hypothesen 365 auch relativ kurzfristig möglich ist, gesamtwirtschaftlich nicht, weil angesichts der internationalen Arbeitskräftemobilität insbesondere in der EG auch der für die Gesamtwirtschaft verfügbare Bestand an Arbeitskräften Schwankungen unterliegt. Zu b) Die Beschränkung auf die Analyse eines kleinen Landes hat den Vorteil, daß die Wirkungsrichtung der Beeinflussung eindeutig a priori feststeht: niemand wird auf die Idee kommen, die schwedische konjunkturelle Situation beeinflusse die der Bundesrepublik Deutschland fühlbar, dagegen ist die Frage, ob Deutschland Frankreich oder Frankreich Deutschland beeinflußt, a priori nicht zu entscheiden und bringt damit ein zusätzliches Moment der Unsicherheit in eine empirische Analyse23. Für die Regionalisierung der Untersuchung, also die Analyse der Einflüsse einzelner Länder auf die konjunkturelle Situation des Inlandes, spricht einmal die Tatsache, daß damit das Gewichtungsproblem bei der Bildung des Aggregats „Ausland" vermieden wird. Zwar ist es für die traditionellen Transmissionskanäle Kapitalverkehr und Außenhandel ohne weiteres möglich, aggregierte Ziffern zu erhalten24, aber es dürfte erhebliche Aggregationsprobleme mit sich bringen, diese Zahlen mit der konjunkturellen Entwicklung „des Auslandes" in Zusammenhang zu bringen. Zum anderen ist es auch interessant, nicht nur den Gesamteinfluß des Auslandes auf die konjunkturelle Situation des Inlandes darzustellen, sondern darüber hinaus auch zu fragen, ob sich ein besonderer Einfluß einzelner Länder identifizieren läßt. Bei einer solchen Regionalisierung läßt sich dann z. B. auch die Frage prüfen, ob und inwieweit Faktoren wie z. B. die europäische Integration einen Einfluß auf das Ausmaß des internationalen Konjunkturzusammenhangs haben. Wenn man nämlich davon ausgeht, daß die Übertragung konjunktureller Impulse und damit die Gleichförmigkeit der konjunkturellen Entwicklung umso stärker ist, je stärker verschiedene Volkswirtschaften miteinander inte23 In der Diskussion in Neu-Isenburg wurde zu Recht darauf hingewiesen, daß das Problem der Kausalität wohl zu den größten Schwierigkeiten der Untersuchung des internationalen Konjunkturverbundes zu rechnen ist und daß die im Text erwähnten Vorteile wohl nur für die Untersuchung gesamtwirtschaftlicher Aggregate, nicht mehr aber unbedingt für branchenspezifische Untersuchungen gilt: Es ist durchaus denkbar, daß eine bestimmte Branche in Schweden einen deutlichen Einfluß auf die Situation dieser Branche in der Bundesrepublik ausübt. Trotzdem kann man wohl annehmen, daß dieses Problem insgesamt bei kleinen Ländern geringer ist. 24 Insbesondere beim Kapitalverkehr ist die Gesamtsumme sogar leichter zu ermitteln und verläßlicher als die Ziffern für einzelne Regionen. Gerade beim Kapitalverkehr ergibt sich bei einer länderspezifischen Analyse das Problem, daß die regionale Aufteilung des Kapitalverkehrs häufig nicht vorliegt oder unvollkommen ist, da als Folge der Herausbildung bestimmter Finanzzentren mit internationalen Holdinggesellschaften (z.B. Luxemburg) das in der internationalen Kapitalexportstatistik erscheinende Bestimmungsland nicht notwendigerweise auch das Land sein muß, das den Kapitalbetrag zur ökonomischen Verwendung erhält. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.97.4.351 | Generated on 2023-04-04 11:53:49
366 Jürgen Rohwedder griert sind, dann müßte sich in Europa im Zuge der Bildung der Wirtschaftsblöcke EG und EFTA eine Verlagerung der konjunkturellen Abhängigkeit, insbesondere für die kleineren Länder mit ihrer starken Auslandsabhängigkeit, ergeben haben. Ein besonderes Problem einer solchen Regionalisierung stellt allerdings die Frage dar, wie man den Einfluß einzelner Länder identifizieren kann. So dürfte z. B. die konjunkturelle Entwicklung in den USA sowohl direkt als auch indirekt, z. B. über die Beeinflussung der Situation der BRD, einen Einfluß auf die konjunkturelle Entwicklung in Schweden haben. In diesem Fall läßt es sich wohl nicht vermeiden, den indirekten Einfluß voll der Bundesrepublik Deutschland und nicht den USA zuzuordnen. Die Schwierigkeit einer solchen regionalen Aufgliederung zeigt sich allerdings z. B. in der von Tichy erwähnten Tatsache, daß der internationale Konjunkturzusammenhang bei den meisten europäischen Ländern gegenüber „dem Ausland" stärker war als gegenüber einzelnen Ländern (Tichy 1976, S. 72). Es wird zu prüfen sein, ob es gelingt, mit Hilfe von festzustellenden Abweichungen der Lag-Strukturen den Einfluß einzelner Länder stärker herauszuarbeiten, als es bisher möglich war. Zu c) Die Begründung für eine branchenspezifische Untersuchung liegt einmal in der Tatsache, daß Branchenkonjunkturen wesentlich ausgeprägter sind als gesamtwirtschaftliche Schwankungen der wirtschaftlichen Aktivität und sich damit wahrscheinlich auch internationale Zusammenhänge leichter nachweisen lassen. Gesamtkonjunkturen sind ja nichts anderes als das Aggregat aller Branchenkonjunkturen, und man kann zeigen, daß die konjunkturelle Entwicklung der einzelnen Branchen keineswegs parallel verläuft. Es lassen sich im Gegenteil auch hier gewisse Gesetzmäßigkeiten feststellen und „leading, coinciding, and laging industries" unterscheiden25. Weiterhin hat Streißler für Österreich nachgewiesen, „daß die maximale Streuung der Branchenentwicklung nahe dem Tiefpunkt der Kapazitätsauslastung erreicht wird; die Abschwächung dürfte also die einzelnen Branchen sehr unterschiedlich stark treffen" (Tichy 1976, S. 124). Ein solcher Ansatz, der konjunkturelle Schwankungen primär über die Schwankungen der Produktion einzelner Industriezweige erklärt, wird von Tichy als österreichische Schule der Konjunkturtheorie bezeichnet, „nach der Konjunkturschwankungen in erster Linie nicht ein Pro25 Die Erwähnung solcher Gesetzmäßigkeiten sollte allerdings nicht dazu führen, sich auf die Analyse der leading industries zu beschränken, indem man die Hypothese aufstellt, daß die Entwicklung in diesen leading industries alleine ausreicht, um die konjunkturelle Entwicklung zu erklären. Dennoch dürfte die Untersuchung gerade dieser Industrien von besonderem Interesse sein. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.97.4.351 | Generated on 2023-04-04 11:53:49
Probleme der Bildung empirisch überprüfbarer Hypothesen 367 blem der Gesamtnachfrage sondern der Streuung sind: in der Hochkonjunktur wachsen viele und schrumpfen wenige Aktivitäten, in der Depression schrumpfen viele und wachsen wenige26." Ein zweiter Grund für eine branchenspezifische Analyse dürfte insbesondere dann gegeben sein, wenn man sich aus den o. g. Gründen für eine Analyse der Übertragung konjunktureller Impulse zwischen bestimmten Ländern interessiert. Es ist der Fall denkbar, daß konjunkturelle Impulse zwischen Ländern nur dann übertragen werden, wenn sie in bestimmten Branchen konzentriert sind, da nur diese Branchen in dem empfangenden Land eine nennenswerte Bedeutung haben. Unterstellt man, daß in einem Zyklus gerade diese Branchen im Impulse aussendenden Land von besonderer Bedeutung für diese konjunkturellen Schwankungen sind, im nächsten Zyklus aber keine besondere Rolle spielen, so findet man bei einer Analyse der Gesamtentwicklung nur im ersten Zyklus die These von der internationalen Konjunkturübertragung bestätigt, kommt aber u. U. zu dem Ergebnis, daß im Durchschnitt der verschiedenen Zyklen keine Übertragung nachweisbar ist. Weitere Interpretationsschwierigkeiten bei einer aggregierten Analyse können sich auch ergeben, wenn Einflüsse der konjunkturellen Entwicklung in verschiedenen Ländern über verschiedene Branchen wirken. Schließlich besteht — zumindest theoretisch — die Möglichkeit, daß die Exportmultiplikatoren der verschiedenen Branchen, über die zwischen zwei Ländern ein Konjunkturverbund besteht, branchenspezifische Unterschiede aufweisen, die bei einer aggregierten Betrachtung zu Mißdeutungen führen können. Eine branchenspezifische Analyse dürfte allerdings auch zusätzliche Probleme bringen. Auf die Schwierigkeit, branchenspezifische Produktionspotentiale zu ermitteln, wurde bereits hingewiesen (vgl. dazu auch Tichy 1976, S. 82). Weiterhin dürfte es einige Mühe machen, die Sektoren herauszufinden, deren Entwicklung man zueinander in Beziehung setzt. Vergleicht man die Entwicklung derselben Branche in zwei Ländern, so unterstellt man damit, daß bei einem Wachstum der Gesamtnachfrage nach den Produkten dieser Industrie im „Ausland" sich diese Änderung der Nachfrage auf Inland und Ausland aufteilt. Diese Hypothese weist zwar einige Plausibilität auf, müßte aber doch überprüft werden. Ein Vergleich der jeweils nachgelagerten (Exporte des Inlands) bzw. vorgelagerten (Importe des Inlands) Branche vermeidet zwar dieses 26 Tichy (1976), S. 37. Eine solche Betrachtungsweise der konjunkturellen Entwicklung findet man heute nach Tichy nur noch in Belgien. Eine weitere Darstellung gibt Tichy auf S. 82. Hoffmann hat allerdings zu Recht darauf hingewiesen, daß der Zusammenhang zwischen Gesamtkonjunkturen und Branchenkonjunkturen nicht voll geklärt ist, daß u. U. sog. Joint effects" auftreten können. Vgl. Hoffmann (1976), S. 7. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.97.4.351 | Generated on 2023-04-04 11:53:49
368 Jürgen Rohwedder Problem, potenziert aber den notwendigen Rechenaufwand. Außerdem entstehen Aggregationsprobleme, da es im allgemeinen „die" voroder nachgelagerte Industrie nicht gibt, sondern jeweils entsprechend der (nicht international standardisierten) Input-Output-Tabellen zunächst eine durchschnittliche Industrie dieser Art berechnet werden muß. Schließlich sei als letztes Problem des branchenspezifischen Ansatzes noch erwähnt, daß ganz bestimmt nicht alle möglichen Transmissionswege branchenspezifisch erfaßt werden können, daß ein solcher Ansatz auch nicht immer zweckmäßig ist. So dürfte es z. B. bei dem Transmissionsweg Kapitalverkehr abgesehen von möglichen Zinsstruktureffekten, die bestimmte Produktionsbereiche besonders beeinflussen können, kaum sinnvoll sein, von einem branchenspezifischen Transmissionsmechanismus zu sprechen, der über die Beeinflussung des gesamtwirtschaftlichen Geldangebots wirkt27. Selbstverständlich werden verschiedene Branchen unterschiedlich durch diese Veränderung des Geldangebots beeinflußt, aber die Herausarbeitung dieser Wirkungen kann nicht mehr die Aufgabe einer Analyse sein, die sich auf die Impactwirkungen beschränken will. Zu d) Eine Beschränkung auf die Analyse der unmittelbaren Wirkungen erlaubt es, auf ein umfassendes, auf die speziellen Probleme der Analyse des internationalen Konjunkturzusammenhanges ausgerichtetes Konjunkturmodell zu verzichten. Man konzentriert sich auf den Versuch, die direkten Einflüsse vom Ausland über die verschiedenen aufgezeigten Transmissionswege auf die konjunkturelle Situation einer Branche zu ermitteln. Bei der Verschiedenartigkeit der aufgezeigten Transmissionswege dürfte bereits diese Arbeit erhebliche Schwierigkeiten bereiten. Schwierigkeiten könnte es als Folge dieser Einschränkung allerdings bei der Analyse der Transmissionskanäle geben, die nicht branchenspezifisch erfaßbar sind, da z. B. die direkten und indirekten Wirkungen einer zahlungsbilanz-induzierten Geldmengenvermehrung kaum zu trennen sind28. Zu e) Eine klare Herausarbeitung der Bedeutung der einzelnen Transmissionswege ist schon deshalb notwendig, um ein „measurementwithout theory" zu vermeiden. Bei der Problematik der oben geschilderten 27 Diese Angaben gelten natürlich nur für den Transmissionskanal via Geldangebot, nicht aber für den oben geschilderten Weg via Direktinvestitionen. 28 Bis zu einem gewissen Grad kann u. U. der durch diese Beschränkungen auftretende Informationsverlust vermieden werden, wenn man ein möglichst umfassendes Spektrum von Branchen untersucht und die gewonnenen Informationen evtl. zumindest näherungsweise in die in den untersuchten Ländern existierenden Konjunkturmodelle eingibt. Auf diese Weise könnte es u. U. möglich sein, zumindest gewisse zusätzliche Anhaltspunkte über die indirekten Wirkungen zu gewinnen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.97.4.351 | Generated on 2023-04-04 11:53:49
Probleme der Bildung empirisch überprüfbarer Hypothesen 369 Transmissionswege wird es teilweise recht schwierig sein, geeignete Indikatoren zu finden. Wir hoffen aber, daß sich auch hier der Ansatz über branchenspezifische Untersuchungen bewähren wird, daß sich also z. B. die Hypothese der Bedeutung internationaler Unternehmungen auf Branchenebene leichter nachweisen läßt als direkt für die gesamte Volkswirtschaft. Vor allem auf diesem Gebiet der Darstellung der Bedeutung der einzelnen Transmissionswege dürften m. E. die Hauptschwierigkeiten einer empirischen Analyse des internationalen Konjunkturverbundes in der hier beschriebenen Form liegen. V. Schlußbetrachtungen In der vorliegenden Arbeit wurde gezeigt, daß die bisher vorhandenen theoretischen Ansätze zur Erklärung des internationalen Konjunkturverbunds wesentliche Aspekte dieses Problemkreises vernachlässigen. Trotzdem führen aber auch diese Ansätze schon zu dem Ergebnis, daß eindeutige Aussagen über die Richtung des internationalen Konjunkturzusammenhangs nicht mehr möglich sind. Eine Berücksichtigung der als notwendig erachteten Erweiterungen führt dann zu einem derart komplexen Modell, daß einmal die Aussagen noch weniger klar werden und zum anderen eine empirische Uberprüfung der daraus resultierenden Hypothesen kaum noch zu bewältigen ist. M. E. ergibt sich daraus die Notwendigkeit, sich auf die Analyse bisher vernachlässigter, aber ökonomisch sinnvoll abzugrenzender Teilaspekte zu beschränken. Ein möglicher Ansatzpunkt in dieser Richtung wurde oben darzustellen versucht. Zusammenfassung Theoretische Erklärungen des internationalen Konjunkturzusammenhangs basieren im allg. auf der keynesianischen Außenhandelstheorie. Sie sind als Basis einer empirischen Analyse nicht gut geeignet, weil sie Preisänderungserwartungen vernachlässigen, Kapazitätsänderungen nicht erfassen, komparativ-statischer Natur sind und daher endogene Schwankungen nicht berücksichtigen und schließlich als Transmissionskanäle lediglich den Außenhandel und — unvollständig — den Kapitalverkehr berücksichtigen. Eine Einbeziehung dieser Punkte in das Modell wäre ein mühsames Unterfangen. Für eine empirische Analyse muß deshalb ein vereinfachter Ansatz gesucht werden: Die Arbeit sollte beschränkt werden auf den Fall eines kleinen Landes, sollte Sekundäreffekte (Akzelerationsprinzip) vernachlässigen, sollte auf Branchenebene durchgeführt werden, da verschiedene Branchen unterschiedlich vom Ausland beeinflußt werden könnte und muß schließlich die Bedeutung der einzelnen möglichen Transmissionskanäle so intensiv wie möglich untersuchen. 24 Zeitschrift für Wirtschaftsund SozialWissenscihaften 1977/4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.97.4.351 | Generated on 2023-04-04 11:53:49
370 Jürgen Rohwedder Summary Theoretical explanations of the international transmission of business cycles are usually based on the Keynesian theory of international trade. This concept, however, does not suit well as basis for an empirical analysis, because it neglects price expectations, does not take into account changes of production capacity, is of a comparative-static character (and therefore can not allow for endogeneous oscillations) and includes as transmission channels only foreign trade and — incompletely — capital movements. Building a model which takes into consideration all these points would be a very cumbersome piece of work. Therefore a simplified approach must be chosen for an empirical investigation: The analysis should be restricted to the case of a small country, should neglect secondary effects (acceleration principle) and should concentrate on individual branches, as these branches might be differently influenced by other countries. Finally, the importance of different transmission chanels should be explored as intensively as possible. Literatur Ball, R. J. (1973), The International Linkage of National Economic Models, Amsterdam, London, New York 1973. Burns, A. F. und W. C. Mitchell (1946), Measuring Business Cycles, New York 1946. Graf, G. (1974), Zur empirischen Überprüfbarkeit des internationalen Konjunkturzusammenhanges, Konjunkturpolitik, 20 (1974), S. 171 - 181. — (1976), Hypothesen zur internationalen Konjunkturtransmission, Weltwirtschaftliches Archiv, 111 (1976), S. 529 - 561. Harrod, R. F. (1936), The Trade Cycle, London 1936. Helliwell, J. F. et al. (1973), A Comprehensive Linkage of Large Models: Canada and the United States, in: R. J. Ball (Hrsg.), The International Linkage of National Economic Models, Amsterdam, London, New York 1973, S. 395 - 426. Hicks, J. R. (1950), A Contribution to the Theory of the Trade Cycle, Oxford 1950. Hoffmann, L. (1976), Bemerkungen zum Referat von Jürgen Rohwedder „Probleme bei der empirischen Analyse des internationalen Konjunkturzusammenhangs", vorgelegt auf der Gründungssitzung des Ausschusses „Außenwirtschaftstheorie und -politik" des Vereins für Socialpolitik am 7./8. 5. 1976 in Neu-Isenburg, unveröffentlichtes Manuskript. Lück, F.-W. (1976), Die Bestimmungsfaktoren des deutschen Kapitalexports, unveröffentlichtes Manuskript, Kiel 1976. Mitchell, W. C. (1926), Business Cycles as Revealed by Business Annals, Introduction to W. L. Thorp, Business Annals, United States, England, France, New York 1926, S. 15 - 100. Roth, J. (1975), Der internationale Konjunkturzusammenhang bei flexiblen Wechselkursen, Tübingen 1975 (Kieler Studien, Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel, 135). — (1977), Internationale Konjunkturübertragungen und nationale Stabilisierungspolitiken bei flexiblen Wechselkursen in einem Zwei-LänderModell, dieses Heft S. 309 - 337. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.97.4.351 | Generated on 2023-04-04 11:53:49
Probleme der Bildung empirisch überprüfbarer Hypothesen 371 Rothschild, K. W. (1966), Pull and Push im Export, Weltwirtschaftliches Archiv 97 (1966/11), S. 251 - 272. Rohwedder, J. (1976), Der internationale Konjunkturzusammenhang bei festen Wechselkursen, unveröffentlichtes Manuskript, Kiel 1976. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Jahresgutachten 1967/68, „Stabilität im Wachstum", Stuttgart, Mainz 1967. — Jahresgutachten 1972/73, „Gleicher Hang für den Geldwert", Stuttgart, Mainz 1972. — Jahresgutachten 1975/76, „Vor dem Aufschwung", Stuttgart, Mainz 1975. Samuelson, P. A. (1939), Interactions between the Multiplier Analysis and the Principle of Acceleration, Review of Economics and Statistics 21 (1939), S. 75 -78. Sohmen, E. (1967), Fiscal and Monetary Policies under Alternative ExchangeHate Systems, Quarterly Journal of Economics 81 (1967), S. 515 - 523. Streißler, E. (1969), Die österreichische Industrieproduktion im Konjunkturverlauf, Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung, Wien 1969. Tichy, G. (1976), Konjunkturschwankungen, Theorie, Messung, Prognose, Berlin, Heidelberg, New York 1976. Werf, D. van der (1972), Die Wirtschaft der Bundesrepublik Deutschland in 15 Gleichungen, Tübingen 1972 (Kieler Studien, Forschungsberichte des Instituts für Weltwirtschaft an der Universität Kiel, 121). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.97.4.351 | Generated on 2023-04-04 11:53:49