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Zerfall und Synthese in der modernen Wirtschaftslehre

Bayer, Hans

Abstract

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Bayer, Hans Article Zerfall und Synthese in der modernen Wirtschaftslehre Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Bayer, Hans (1958) : Zerfall und Synthese in der modernen Wirtschaftslehre, Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, ISSN 1619-6244, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 78, Iss. 4, pp. 31-62, https://doi.org/10.3790/schm.78.4.31 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/290903 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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Einheitliche Wirtschaftslehre S. 32 — 2. Beispiele des Zerfalls der Wirtschaftslehre a) Historische Schule S. 33 — b) Reine Theorie S. 34 — c) Konjunkturtheorie S. 38 — II. Aggregatbildung im Zuge des Ausbaus einer angewandten Wirtschaftstheorie: 1. Dynamisches Gleichgewicht S. 39 — 2. Preisbildung und Wirtschaftsmacht S. 41 — 3. Aggregatbildung in der Geldlehre S. 43 — III. Tendenzen und Widerstände einer Synthese in der Wirtschaftslehre: 1. Für und Wider einer Synthese der Wirtschaftslehre S. 46 — 2. Synthese auf Teilgebieten der Wirtschaftslehre: a) Theorie des Wachstums der Wirtschaft S. 51 — b) Raumwirtschaftslehre S. 52 — IV. Möglichkeiten und Bedeutung einer synthetischen Wirtschaftslehre: 1. Absolute Werte und Voraussetzungslosigkeit der Wissenschaft S. 54 — 2. Ziel der Wirtschaft und teleologisches Gleichgewicht S. 57 — 3. Spannung als methodologischer Begriff S. 60. Eine Spannung durchzieht die Geistesgeschichte: die Spannung zwischen Spezialisierung und philosophischer Gesamtschau. Ist nicht gerade heute eine Synthese zwischen beidem geboten, wobei angesichts der Übersteigerung des Spezialistentums die Berücksichtigung der Gesamtschau besonders dringlich wäre? Es ist bezeichnend, daß der Professor an der Technischen Hochschule in Zürich, E. Böhler, bei einer Versammlung des Schweizerischen Gewerbeverbandes im Mai 1957 ein philosophisches Thema behandelte; charakteristisch seine Begründung: „Für diejenigen aber, denen der Glaube an die ewige Prosperität — wie ein Bankier sich kürzlich ausdrückte — noch den einzigen Glauben bildet, den sie besitzen, ist eine Besinnung auf die Fundamente ihrer Existenz besonders wichtig, weil sie früher oder später der einzigen Grundlage ihrer Existenz beraubt sein und deshalb vor einer Leere stehen werden." Vorliegende Untersuchungen über Möglichkeit und Bedeutung einer Synthese in der modernen Wirtschaftswissenschaft gehen zum Teil auf erkenntnistheoretische Fragen ein, die aber, wie sich zeigen wird, nicht nur für die Grundlagenforschung der Nationalökonomie, sondern auch für wirtschaftstheoretische und wirtschaftspolitische Fragen im einzelnen maßgebend sind. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.4.31 | Generated on 2023-04-04 11:26:20 32 Hans Bayer [416 Die Abhandlung geht aus von der Tatsache und der Bedeutung des Zerfalls der in ihren Anfängen einheitlichen Wirtschaftslehre. Die einzelnen Richtungen entwickelten sich einseitig, so daß eine Zusammenfügung, etwa vergleichbar der Zusammenstellung eines Mosaiks nicht möglich ist, da die Teile nicht zueinander passen. In dem Maße, als die Wirtschaftstheorie sich wieder konkreten Fragen zuwandte und die wirklichkeitsfernen Höhen der Modelle verließ, ergaben sich Überschneidungen und Durchdringungen der Teilgebiete der Wirtschaftslehre. Es führte der Ausbau einer angewandten Wirtschaftstheorie zu Aggregatbildungen in der Wirtschaftslehre, d. h. zu Verbindungen und Summierungen, wie sie sich aus dem Überschneiden der Teilgebiete ergeben, ohne daß eine Einheit entstünde. Die Ergebnisse dieser Aggregatbildung ermöglichen weder einheitliche Erfassung der Gesamtzusammenhänge, noch können sie ausreichende Grundlage einer umfassenden Wirtschaftspolitik sein. Es verstärkten sich daher die Tendenzen zu einer Synthese in der Sozialökonomie. Gerade weil diese Bemühungen in das Bereich der Philosophie führen, haben sie mit dem Widerstand der Positivisten zu rechnen. Die Vermittlungsvorschläge sind unzulänglich; die bisherigen Versuche einer Synthese in der Wirtschaftslehre beziehen sich auf Teilgebiete, so daß das Problem der Gesamtsynthese offen bleibt. Es handelt sich hierbei um die Verbindung einer Mannigfaltigkeit zu einer Einheit. Die Mannigfaltigkeit bleibt wohl bestehen, aber ihre Einzelheiten hängen in sich zusammen und wirken miteinander. So bildet die Vielheit ein zusammenhängendes Ganzes. Die Untersuchung legt das Schwergewicht auf die Darlegung der Notwendigkeit und Bedeutung einer synthetischen Wirtschaftslehre, ohne diese selbst im einzelnen auszuarbeiten. (Diesbezüglich wird verwiesen auf H. Bayer „Wirtschaftsgestaltung", Duncker & Humblot, Berlin 1958, in Vorbereitung.) I. Tatsache und Bedeutung des Zerfalls der in ihren Anfängen einheitlichen Wirtschaftslehre 1. Einheitliche Wirtschaftslehre Die Wirtschaftslehre war, bevor sie selbständige Wissenschaft wurde, ein Teil der Philosophie. Bei Thomas von Aquin wurden alle Wirtschaftsprobleme vom Gesichtspunkt der Gerechtigkeit betrachtet und gewertet. Es ging um die Frage des gerechten Lohnes, des gerechten Preises. Die Fragen der Produktion blieben noch im Hintergrund. Die Wirtschaft galt bloß als Mittel, um bestimmte oberste Ziele zu erreichen. Die Menschen hatten nach dieser Auffassung die Aufgabe, die Wirtschaft so zu gestalten, daß sie möglichst weitgehend diesen Zielen entsprach. Hierbei konnten die Menschen OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.4.31 | Generated on 2023-04-04 11:26:20 417] Zerfall und Synthese in der modernen Wirtschaftslehre 33 die Verantwortung nicht an eine Mechanik abschieben, sondern hatten sie selbst zu tragen. Auch in dem ersten geschlossenen System einer Wirtschaftslehre, wie es die Physiokraten entwickelten, spielte noch die natürliche Ordnung eine entscheidende Rolle. Je mehr die konkrete Wirtschaft dieser glich, um so besser erfüllte sie ihre Aufgabe. Auch noch im System von Adam Smith spielt der Gedanke einer natürlichen Ordnung eine Rolle. Aber die einzelnen Menschen sind nicht mehr für ihre Erfüllung verantwortlich. Es ist vielmehr der Martkmechanismus, der die Entscheidungen der Einzelnen automatisch auf die Erreichung des Volkswohlstandes ausrichtet. Es spiele, wie F. A. Hayek einmal formulierte, keine Rolle, ob die wirtschaftenden Menschen Engel oder Teufel seien. Die Wirtsdiaftsmechanik, die Adam Smith unter statischen Gesichtspunkten betrachtete, verwertete Marx mit der Methode der Wirtschaftsdynamik. Er wendete den Grundgedanken der Mechanik auf die Wirtschaftsentwicklung an, die durch Menschen nicht wesentlich geändert werden könnte. Die Entwicklung dränge schicksalhaft auf ein ihr immanentes Ziel zu, nämlich auf den „jüngsten Tag" der Sozialgeschichte, auf die Revolution zur klassenlosen Gesellschaft. 2. Beispiele des Zerfalls der Wirtschaftslehre Während die bisher behandelten Richtungen der Wirtschaftslehre an dem Einheitscharakter festhielten, zeigt sich später ein Zerfall der Einheitlichkeit und eine Entwicklung nach verschiedenen Richtungen, die häufig in Einseitigkeit verfallen. Drei Beispiele seien im folgenden herausgegriffen, die historische Schule, die reine Theorie und die Konjunkturlehre. a) Historische Schule Wohl hat W. Koch (Die Bedeutung der theoretischen Ökonomie für die allgemeine Soziologie, Tübingen 1955) Recht, wenn er auf die enge Verbindung zwischen Soziologie und historischer Schule hinweist. Schmoller habe die soziologische Fundierung geradezu zu einem Programmpunkt seiner Richtung erhoben. Die historische Schule ist in ihrem Ausgangspunkt nicht zuletzt als Reaktion auf die Einseitigkeit der klassischen Lehre zu verstehen. Die Vertreter der historischen Richtung betonten den ständigen Wandel im Wirtschaftsgeschehen und erfaßten in ihren konkreten Untersuchungen gerade auch die Zusammenhänge zwischen Wirtschaft und Gesellschaft. Die historische Schule blieb aber in ihrer weiteren Entwicklung vor Einseitigkeiten nicht bewahrt. Diese kamen ganz deutlich im MethodenSchmollere Jahrbuch 78, 4 3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.4.31 | Generated on 2023-04-04 11:26:20 34 Hans Bayer [418 streit zum Ausdruck. In der modernen Wirtschaftslehre ist selbst die ausgezeichnete Untersuchung Mitchells über die Konjunkturschwankungen ein Beispiel für eine gewisse Einseitigkeit der Historischen Schule (Business Cycles 1927). Was mühsam aufgrund zahlreicher Statistiken herausgefunden wurde, war zum Teil bereits durch die moderne Theorie erkannt. Diese Einseitigkeit wird um so deutlicher, wenn man die Arbeitsweise Mitchells mit dem Verfahren moderner ökonometriker vergleicht, die in das aufgrund theoretischer Erkenntnisse konstruierte Modell die konkreten Daten einsetzen. b) Reine Theorie aa) Übersicht Die reine Theorie versucht im Wege der Abstraktion allgemeine Gesetzmäßigkeiten zu erkennen. Hierbei bedient sie sich modelltheoretischer Untersuchungen. Unter Modellen verstehen wir hier eine Art Gedankenexperiment. Es wird untersucht, wie bei vereinfachten Annahmen die Wirtschaft funktioniert. Diese Gedankenexperimente sind jenen Versuchen vergleichbar, die z. B. im Rahmen der Naturwissenschaft durchgeführt werden. Während aber der Physiker oder Chemiker in der Lage ist, in Praxis jene Bedingungen zu setzen, die es ihm ermöglichen, einen Einblick in die Zusammenhänge zwischen einzelnen Größen zu gewinnen, trifft dies für die Volkswirtschaft nicht zu. Man kann nicht in Wirklichkeit bestehende konkrete Einzelheiten beseitigen. Wohl aber ist es gedanklich möglich, von wechselnden äußeren Merkmalen absehend, das Wesen einer modernen Volkswirtschaft zu erfassen. Man verwendet daher die Methode der zuund abnehmenden Abstraktion, um mit ihrer Hilfe an einem Gedankenmodell den Ablauf der Wirtschaft zu beobachten. Im Wege der Abstraktion (d. h. des Wegnehmens konkreter Einzelheiten) kommt man zu vereinfachten Tatbeständen, die die Zusammenhänge der Wirtschaft klar erkennen lassen. Man darf freilich in der Abstraktion nicht zu weit gehen. Es müssen auch im Modell noch die Wesenszüge einer modernen Wirtschaft gewahrt bleiben. Eine zu weit gehende Abstraktion in dieser Hinsicht stellen die Untersuchungen an einem sogenannten Robinson-Modell dar. Mögen auch einzelne Gesetzmäßigkeiten an diesem Modell studiert werden können, so fehlt doch ein wesentliches Merkmal der modernen Wirtschaft, nämlich ihr gesellschaftlicher Charakter. Gerade aus dem Zusammenwirken der verschiedenen Wirtschaftssubjekte ergeben sich ja die Probleme der modernen gesellschaftlichen Wirtschaft. Will man zu wirtschaftstheoretischen Erkenntnissen kommen, die auch praktisch verwertbar sind, so muß man im Wege der abnehmenden Abstraktion zur Wirklichkeit zurückfinden. Unter anderen OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.4.31 | Generated on 2023-04-04 11:26:20 419] Zerfall und Synthese in der modernen Wirtschaftsielire 35 hat die österreichische Schule der Nationalökonomie diesen Weg der abnehmenden Abstraktion ausgebildet. Es handelt sich darum, daß in das Gedankenmodell nach und nach wieder jene konkreten Voraussetzungen eingebaut werden, die vorerst im Sinne einer Vereinfachung der Annahme weggelassen wurden. Die Methode abnehmender Abstraktion kann aber nur dann gelingen, wenn vorher die Abstraktion nicht soweit gegangen ist, daß wesentliche Merkmale der gesellschaftlichen Wirtschaft vernachlässigt wurden. Wohl ist diese Methode grundlegend für die moderne Theorie. Sie ist aber häufig der Gefahr der Einseitigkeit erlegen. Wir geben im folgenden einige Beispiele: bb) Modell der freien Konkurrenz Die Annahmen des Modells der freien Konkurrenz sind sogefaßt, daß alle verwirklicht sein müssen, damit der reibungslose Ablauf der Wirtschaft gesichert ist. Es kann also nicht willkürlich die eine oder andere Annahme fallen gelassen werden, ohne daß dadurch das Wesentliche der freien Konkurrenz, nämlich die ständige Erreichung des wirtschaftlichen Gleichgewichtes, aufgegeben würde. Man kann von einer Komplementarität der Voraussetzungen sprechen. Die Annahmen des Modells der freien Konkurrenz in diesem Sinne sind völlige Marktübersicht, Teilbarkeit und Beweglichkeit des Kapitals, gleichstarke Partner im Wettbewerb und zeitloser Ablauf der Wirtschaft. Völlige Marktübersicht bedeutet, daß jeder Unternehmer und jeder Konsument die Marktverhältnisse überblicken kann; wäre diese Übersicht nicht gegeben, dann wäre von vornherein freier Wettbewerb ausgeschaltet. Wenn z. B. der einzelne Konsument nicht feststellen kann, wo er am preiswertesten eine bestimmte Ware kauft, wäre ja der Wettbewerb zwischen den betreffenden Händlern oder Produzenten aufgehoben. Der Teilbarkeit und Beweglichkeit des Kapitals liegt der Gedanke zugrunde, daß sich die Produktion jeweils nach den günstigsten Gewinnchancen richtet. Dadurch ergäbe sich der im Sinne der maximalen Produktion erforderliche Ausgleich der Grenzverwendungen. Eine ständige Ausrichtung der Produktion nach dem größten Gewinn ist aber nur dann möglich, wenn jeweils die Umstellung der Produktion von der einen auf die andere Fertigung möglich ist. Voraussetzung dieser Chance der jeweiligen Umstellung des Kapitals auf günstigste Verwertung ist die Teilbarkeit und Beweglichkeit des Kapitals. Es ist ferner klar, daß nur dann von freiem Wettbewerb die Rede sein kann, wenn die Startbedingungen für alle gleich sind. Dies wäre 3* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.4.31 | Generated on 2023-04-04 11:26:20 36 Hans Bayer [420 nicht der Fall, wenn einer oder mehrere mächtiger wären als die anderen. Das Modell der freien Konkurrenz nimmt nicht nur gleichstarke Partner auf dem Gebiete der Produktion und des Handels an, sondern auch, daß Arbeitgeber und Arbeitnehmer gleiche Positionen haben. Träfe dies nicht zu, würde sich ja eine Differenz zwischen personeller und funktioneller Verteilung ergeben, während deren Zusammentreffen für das Funktionieren der Wirtschaft im Modell der freien Konkurrenz erforderlich ist. Zeitloser Ablauf der Wirtschaft ist insofern eine notwendige Voraussetzung für das Funktionieren der freien Konkurrenz, weil andernfalls in der Zeitspanne zwischen Aktion und Reaktion im Gleichgewichtssystem Störungen eintreten würden. Es wird also* angenommen, daß z. B. einer Steigerung des Angebotes eine Preissenkung folgt, die Nachfragesteigerung und Rückgang des Angebotes zur Folge hat und damit augenblicklich wieder das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage herstellt, ehe Störungen infolge des Zeitintervalls der Anpassung eintreten könnten. Die Einseitigkeit liegt nicht in den Annahmen des Modells, sondern darin, daß viele Theoretiker, z. B. auch Keynes, anscheinend vergessen, daß ihre Ableitungen nur unter Annahme der freien Konkurrenz zutreffen, denn sie wenden die modelltheoretischen Ergebnisse ohne abnehmende Abstraktion auf die Wirtschaftspolitik an. cc) Lausanner Schule Die Lausanner Schule stellt den Gleichgewichtsgedanken in den Mittelpunkt ihres Systems. Sie geht hierbei von rein statischer Betrachtung aus. Es wird ein weiter Kreis von Erscheinungen als gegeben, als Daten gekennzeichnet und deren Konstanz sowie eine bestimmte Konstellation (stationärer Zustand der Wirtschaft) angenommen. Bei den Naturprozessen sind die Größen der Körperwelt in steter Bewegung, d. h. räumlicher Lageveränderung. Diese Bewegung kann mit konstanter Geschwindigkeit vor sich gehen, der Körper legt in gleichen Zeitalb ständen gleiche Wegstrecken zurück. Das Bild seiner Bewegung ist unmittelbar klar. In den meisten Fällen aber handelt es sich um wechselnde Geschwindigkeit, in gleichen Zeitabständen werden andere Wegstrecken zurückgelegt. Um diese Bewegungen zu erfassen, zerlegen wir den Bewegungsvorgang in Intervalle und nehmen an, daß innerhalb dieser die Bewegung gleichmäßig sei, d. i. mit konstanter Geschwindigkeit vor sich gehe. Ähnlich arbeitet die Lausanner Schule mit der Annahme, daß der Gesamtablauf der Wirtschaft sich nicht ändere und auch keine Tendenz einer Veränderung in sich trage. Sie stellt die Voraussetzung fest, unter denen ein Gleichgewichtszustand der Wirtschaft bestehen kann. Hierbei unterscheidet OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.4.31 | Generated on 2023-04-04 11:26:20 421] Zerfall und Synthese in der modernen Wirtschaftslehre 37 sie zwei Gleichgewichtszustände, stabiles (equilibre stable) und labiles Gleichgewicht (equilibre instable). Es genügt hier, in knappster Form Sinn und Bedeutung dieser Unterscheidung hervorzuheben. Es entspricht z. B. einer größeren Produktmenge geringerer Preise dieser Produkte, dem geringeren Preis geringere Produktmenge, dieser wieder höherer Preis usf. So ergibt sich schließlich immer ein Gleichgewichtszustand, d. h. ein solcher, bei dem Angebot und Nachfrage nach dem betreffenden Produkt sich decken. Kommt es bei diesem Ausbalancieren zu einem Gleichgewichtszustand, der dem ursprünglichen gleich ist, dann war das ursprüngliche Gleichgewicht ein stabiles. Der Ausdruck ist aus der Mechanik entlehnt. Von einem stabilen Gleichgewicht können wir hier sprechen, wenn wir z. B. eine Scheibe an einem Punkt oberhalb des Mittelpunktes befestigen. Sooft wir die Scheibe aus der Ruhelage bringen, immer kehrt sie wieder in diese zurück. Befestigen wir jedoch die Scheibe unterhalb des Mittelpunktes und bringen sie aus der ursprünglichen Lage, wird sie nie mehr in diese zurückkehren. Wir haben den Fall des labilen Gleichgewichtes vor uns. Analog spricht die Lausanner Schule von einem labilen Gleichgewicht. Es liegt dann vor, wenn eine Störung des Gleichgewichtes wieder zu einem Gleichgewicht führt, aber zu einem andersartigen. Diese Mechanik hat nichts mehr mit menschlichem Handeln in der Wirtschaft zu tun. Das Gleichgewicht der Lausanner Schule ist logisch richtig gedacht, aber fern aller Wirklichkeit. Dies gilt auch für den Versuch, den Hicks in „Value and Capital" macht, das statische Gleichgewicht zu dynamisieren. Es gelingt Hicks, eine gewisse Annäherung an die Probleme der Dynamik zu erreichen, indem er die verschiedenen Gleichgewichtszustände durch den Begriff der Elastizität der Erwartungen verbindet. Als grundlegenden Begriff verwendet Hicks die „Woche". Es handelt sich hier nicht um einen Zeitraum von genau sieben Tagen, sondern einen Zeitabschnitt, innerhalb dessen Preisänderungen unberücksichtigt bleiben können. Hicks verwendet nun bei einem Vergleich der verschiedenen Wochen die Methode der komparativen Statik, wie sie schon von der Lausanner Schule angewandt worden war. Diese Methode kann zwar nicht die Bewegungserscheinungen erfassen, wohl aber Gleichgewichtszustände einander gegenüberstellen, ähnlich wie man etwa feststellen kann, daß das hohe und das tiefe C eine Oktave voneinander entfernt sind, ohne eine Aussage darüber zu machen, wie die Töne miteinander verbunden sind, z. B. durch Tonleiter oder durch Akkorde. Die Feststellung dieser Bewegungsvorgänge wäre die typische Aufgabe der dynamischen Theorie. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.4.31 | Generated on 2023-04-04 11:26:20 38 Hans Bayer [422 Hicks versucht nun die im Rahmen der komparativen Statik isolierten Gleichgewichtszustände miteinander in Kontakt zu bringen, indem er den schon von Keynes in den Vordergrund gestellten Begriff der Erwartungen verwendet und ihn durch den Begriff der „Elastizität der Erwartungen" ergänzt. Die wesentliche Frage hierbei ist, inwieweit die Erwartungen der künftigen Preise auf Preisänderungen von heute reagieren. Hohe Elastizität der Erwartungen kann in der konkreten Wirtschaft zu einer großen Gefahr werden, z. B. in Zeiten des Aufschwunges, wenn die augenblicklichen Preissteigerungen die Unternehmer zu einem übertriebenen Optimismus veranlassen oder umgekehrt Preissenkungen in Zeiten der Depression weitere Preisabfälle annehmen lassen. Trotz aller Annäherung an das dynamische Problem können freilich auch mit Hilfe des Begriffes der Elastizität der Erwartungen Bewegungsvorgänge selbst nicht erfaßt werden. Noch wichtiger aber ist, daß aus dem Gleichgewicht heraus trotz aller Dynamisierungstendenzen, wie sie bei Hicks versucht werden, keinerlei Bewegungsvorgang entstehen kann. Auf diese Weise bleibt der Methode der absoluten Statik auch in der von Hicks so sehr verfeinerten Form die Erfassung und Lösung der wesentlichen dynamischen Probleme verschlossen. Hicks hat selbst diese Unzulänglichkeit erkannt (vgl. II., 1;. dd) Zusammenfassung Schon diese bloß als Beispiele gegebenen Hinweise zeigen, daß die Methode der reinen Theorie der Gefahr der Einseitigkiet insofern erlegen ist, als in ihren Modellen wesentliche Momente der gesellschaftlichen Wirtschaft außer acht gelassen oder unzulässig vereinfacht sind. Die Tatsache, daß die verschiedenen Richtungen der Wirtschaftslehre den Zusammenhanng untereinander verloren und nur bestimmte Merkmale der Wirtschaft herausgreifen und meist überbetonen, bringt Einseitigkeiten mit sich. Diese Verzeichnung der Wirklichkeit führt dazu, daß die Teilergebnisse der verschiedenen Richtungen der Wirtschaftslehre nicht, wie etwa die Steine eines Mosaiks, aneinander fügbar sind, weil sie gar nicht zusammen passen können. So gesehen, bedeutet die Entwicklung zur Einseitigkeit tatsächlich einen Zerfall der früher einheitlichen Wirtschaftslehre. c) Konjunkturtheorie Dieselbe Gefahr zeigt sich auf Spezialgebieten der Wirtschaftslehre und wurde auch dort nicht vermieden. Auf dem Gebiete der Konjunkturlehre z.B. ergab sich eine Entwicklung zur Einseitigkeit. Die Vertreter der verschiedenen OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.4.31 | Generated on 2023-04-04 11:26:20 429] Zerfall und Synthese in der modernen Wirtschaftslehre 45 mente, Starrheit der Preise und Löhne in ihrer Wirkung gegenseitig verstärken. Auch die Fragen der Wirtschaftsstruktur spielen in der Erfassung der Vorgänge in der Geldsphäre eine wesentliche Rolle. U. a. ist dies deutlich in einem Aufsatz von E. K ü n g „Langfristige Geldentwertung" zum Ausdruck gebracht (Privatkommerzbank 1956, Juni). Das verschiedene Tempo des technischen Fortschrittes in der primären, sekundären und tertiären Produktion spielt eine wesentliche Rolle in der säkularen Inflation. Der technische Fortschritt in der sekundären Produktion sei wesentlich rascher als in der primären und tertiären. Machtverhältnisse in diesem Sektor der Produktion führen aber zu einer „brancheinternen Absorption". Produktivitätssteigerungen werden nicht durch Preissenkungen weitergegeben. Diese wären in der Lage, die notwendige Preisstarrheit und zum Teil Preissteigerung in primärer und tertiärer Produktion im Sinne einer Geldwertstabilisierung zu kompensieren. Das von Max F. Millikan herausgegebene Sammelwerk: Income stabilization for a developing democracy, a study of the politics and economics of high employment without inflation (New Haven 1953) legt besonderes Gewicht auf die Zusammenhänge zwischen Geldund allgemeiner Wirtschaftslehre. Millikan selbst hebt als Aufgaben einer geldwertstabilisierenden Politik weniger geldwirtschaftliche als wirtschaftsund sozialpolitische Ziele hervor. In fast allen einschlägigen Untersuchungen wird auf die Notwendigkeit der Sicherung der Geldstabilität von der produktionsund einkommenspolitischen Seite her verwiesen. Besonders hervorgehoben seien die einschlägigen Aufsätze und Vorträge, die in den „Papers and Proceedings" des American Economic Review, Mai 1957, veröffentlicht und in dem Abschnitt „Business Fluctuations and Inflation" zusammengefaßt sind. U. a. arbeitet R. L. Reierson in dem Aufsatz „Is Inflation avoidable?" (S. 145 ff.) Gründe für die säkulare Inflation heraus. U. a. trage an diesen Tendenzen Schuld das Dogma von der ständig wachsenden Wirtschaft. Damit im Zusammenhang stehe der Investment boom. Dazu kämen die steigenden Lohnkosten und der Impatience Factor. Man könne es gar nicht erwarten, den Lebensstandard zu steigern. Schließlich dürfte als psychologischer Faktor die allgemeine Annahme nicht übersehen werden, daß der Geldwert nicht zu halten ist. Der Glaube an eine automatisch wirkende Kraft, die den Geldwert stabilisieren könne, wie er noch in der alten Geldtheorie vorhanden war, ist längst verloren gegangen. Nur durch eine Koordination verschiedener wirtschaftsund gesellschaftspolitischer Maßnahmen könnte das geldpolitische Ziel erreicht werden. Die Tendenz „di elevare le OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.4.31 | Generated on 2023-04-04 11:26:20 46 Hans Bayer [430 tecniche monetarie a fini misteriosi" wird im allgemeinen abgelehnt. (T. Balogh, Politica monetaria: Nuove dottrine e antichi errori, Rassegua economica, 1956, N. 3.) Im Grunde ist die Feststellung des „Trend" (Febr. 1956), in dem Aufsatz „Alternatives to the credit squeeze" richtig: „The trusty sword of bankrate-a rusty weapon." 4. Bei den Beispielen für die Aggregatbildung aus Teilgebieten der Wirtschaftslehre gingen wir von drei verschiedenen Wirtschaftsfragen (wirtschaftliches Wachstum, Preis, Geld) aus. Die Verfolgung der Probleme führte jeweils zu umfassenden Zusammenhängen in der gesellschaftlichen Wirtschaft. Die Problemgebiete überschneiden und durchdringen sich. Die Aggregatbildung, das Nebeneinander und Überschneiden der Untersuchungsergebnisse auf verschiedenen Teilgebieten ermöglicht aber noch keine einheitliche Erfassung der inneren Zusammenhänge. III. Tendenzen und Widerstände einer Synthese in der Wirtschaftslehre Die Untersuchungen zeigten den Weg von der Einheit zur Einseitigkeit: in der Wirtschaftslehre. Die Einseitigkeit bringt es nicht nur mit sich, daß jeweils bloß schmale Ausschnitte des Wirtschaftsgeschehens ins Auge gefaßt werden, sondern führt auch zu einer Verzerrung der Ergebnisse, die eine einwandfreie theoretische Erfassung der Zusammenhänge verhindern und als Grundlage einer erfolgreichen Wirtschaftspolitik nicht geeignet sind. Es ist daher begreiflich, daß sich in zunehmendem Maße Tendenzen einer Synthese in der Wirtschaftslehre zeigen, die jedoch von manchen Seiten her auf Widerstände stoßen. 1. Für und Wider einer Synthese der Wirtschaftslehre Als vor etwa 20 Jahren Johan Akerman sein bekanntes Werk „Das Problem der sozialökonomischen Synthese46 (Lund 1937) veröffentlichte, war er gleichsam ein Rufer in der Wüste. Er hat in diesem Werke darauf hingewiesen, daß es erste und wichtigste Aufgabe der Nationalökonomie wäre, den Grundstein der ökonomischen Wertbestimmung deduktiv aus der menschlichen Erkenntnis einer vernünftigen Weltordnung zu bestimmen. Für die moderne Wirtschaftslehre stellt Akerman fest: „Die Wirtschaftslehre ist gewissermaßen nichts anderes als eine Kristallisierung um Wirtschaftsprobleme der geltenden Weltund Lebensanschauung. Sie ist mit anderen Worten eine Anwendung der praktischen Philosophie. Es gibt spezielle technische, monetäre, komOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.4.31 | Generated on 2023-04-04 11:26:20 431] Zerfall und Synthese in der modernen Wirtschaftslehre 47 merzielle, organisatorische Probleme, die von diesen generellen Wertungen und Fragestellungen unabhängig zu sein scheinen; aber bei genauerem Nachdenken zeigt sich, daß diese scheinbar speziellen, für sich allein stehenden Probleme nicht gelöst werden können, ohne eine generelle Arbeitshypothese und eine generelle Einstellung zur Aufgabe und Bedeutung des gesamten ökonomischen Lebens" (a.a.O. S. 84). F. Perroux hat sich in Économie Appliqué, April 1948, nachdrücklichst gegen den übermäßigen Gebrauch der Daten in der Nationalökonomie gewendet, die nicht erklärt werden müßten, weil es sich entsprechend den willkürlich gemachten Annahmen um „außerökonomische Elemente" handelt. In Wahrheit aber gehe es häufig darum, Anstrengungen zu ersparen und Ungewißheit zu entschuldigen. Den Versuch, die Zusammenhänge sozialen Lebens in das Bereich außerökonomischer Daten zu verweisen, hat wohl auch E. B ö h 1 e r im Auge, wenn er auf die Gefahr verweist, daß in der Nationalökonomie die Exaktheit der Darstellung, die nur unter extrem vereinfachten Voraussetzungen gilt, mit der Sicherheit des Aussagewertes für die Wirklichkeit verwechselt wird (Grundlagen der Nationalökonomie, Bern 1948, S. 7). Auch J. Marchai betont die Notwendigkeit der Verbindung von Soziologie und Geschichte für die moderne Wirtschaftswissenschaft. Man dürfe nicht den Menschen in einen vervollkommneten Roboter verwandeln, dessen sämtliche Reaktionen vorauszusehen sind. Wirtschaftswissenschaft sei eben Wissenschaft vom Menschen (Gegenstand und Wesen der Wirtschaftswissensichaft, Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft, 1950, S. 599 ff.). Wiederholt hat G. Weippert in seinen tiefschürfenden Ausführungen auf die Notwendigkeit der Erfassung der inneren Zusammenhänge der Sozialwissenschaft hingewiesen. So z. B. in seinem Aufsatz „Vom Werturteilsstreit zur politischen Theorie66 (Weltwirtschaftliches Archiv, 1939, I, S. 30): „Der Seinscharakter eines verstehbaren Objektes ist nicht ohne ein ihm immanentes, ihm wesensgemäßes zugehöriges Sollen denkbar.66 In einprägsamer Weise betont H. v. Beckerathin seinem Nachwort zu E. Lewis „Die Theorie des wirtschaftlichen Wachstums66 (1956): „die Zeit für zusammenfassenden Überblick und Synthese der Resultate aus Einzelforschungen ist gekommen.66 Hat es aber wirklich Sinn, die verschiedenen Teilgebiete der Wirtschaftslehre einheitlich zu erfassen, mag mancher fragen. Gilt nicht der in der englischen Literatur gebräuchliche spöttische Vorwurf des „Systembuilders66 auch für die Versuche einer sozialökonomischen Synthese? Nach Auffassung vieler Forscher genügt es, in Einzeluntersuchungen Teilgebiete zu analysieren, ohne daß die Notwendigkeit bestünde, die Ergebnisse in ein System einzugliedern. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.4.31 | Generated on 2023-04-04 11:26:20 48 Hans Bayer [432 Dann mag es allerdings kommen, wie es kürzlich L. L. B. Angus charakterisierte: „And everyone laughs at his neighbor for his ignorant childish views" (Economic Intelligence, 1957 Nov.). Diese Schwierigkeiten würden bei einer synthetischen Nationalökonomie von vornherein verschwinden. Jede Synthese erfordert ein Zurückgehen auf philosospische Grundlagen. Heißt das aber nicht, die Wirtschaftswissenschaft der „Metaphysik" ausliefern? Der sogenannte „W i e - ner Kreis", eine Gruppe von Positivisten, kämpft aufs schärfste gegen solche Bemühungen. Sie untersuchen in erster Linie die logischen und erkenntnistheoretischen Grundlagen der Wissenschaft und möchten die Philosophie von ihren wirklichen oder vermeintlichen Scheinproblemen befreien. Unter anderem hat H. Albert in einem Aufsatz „Das Werturteilsproblem im Lichte der logischen Analyse" (Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft, 1956, S. 410 ff.) diese Gedankengänge neuerdings vertreten. Mit besonderer Schärfe werden Ausführungen Weipperts, auf die wir später noch zurückkommen, als „pseudoobjektive Sprechweise" charakterisiert (a.a.O. S. 431). Albert sieht wohl das Problem auch zu einfach, wenn er es „ganz einfach" sieht: „Jedenfalls sind Werturteile bestimmte Arten von Ausdrücken aus der Sprache, und das Werturteilsproblem ist ganz einfach das Problem, ob diese Ausdrücke in die Wissenschaft hineingehören oder nicht." Sicher spielen die von Perroux angegebenen „A u s r e d e n", um sich die Sache bequemer zu machen, eine gewisse Rolle. Dazu kommt eine gewisse Freude an der logischen Unangreifbarkeit der Modelle und das Gefühl, im Wolkenkuckucksheim völlig abstrakter Untersuchungen über politische Probleme erhaben zu sein. Der entscheidende Grund für den Mangel einer Synthese im angegebenen Sinne liegt doch wohl tiefer. Synthese ist an bestimmte Voraussetzungen gebunden. Nur dann ist eine einheitliche Erfassung möglich, wenn die verschiedenen Erscheinungen auf einen Punkt hin konzentriert werden können, gewissermaßen den „archimedischen" Punkt, von dem aus der einheitliche Überblick über die Einzelheiten der gesellschaftlichen Wirtschaft möglich ist. Ein solcher zentraler Beziehungspunkt läßt sich bei teleologischer Betrachtungsweise finden. Hierbei genügen nicht hypothetische Ziele, d. h. die Annahme, als ob ein bestimmtes Ziel gegeben wäre. Relativität und Labilität der Wirtschaftslehre wären die Folgen. An ihrem formalen Charakter würde im wesentlichen nichts geändert. Die Einheit der Wirtschaftszusammenhänge kann sich nur in Bezug auf letzte absolute Werte und Ziele hin ergeben. Gerade dies aber will man, insbesondere seit OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.4.31 | Generated on 2023-04-04 11:26:20 433] Zerfall und Synthese in der modernen Wirtschaftslehre 49 Max Weber, als „Weltanschauung" aus dem Kreis wissenschaftlicher Untersuchungen ausschließen. F. Kaufmann hat in seinem Buche „Methodenlehre der Sozialwissenschaften.6, Wien 1936, die These aufgestellt, die Behauptung absoluter Werte bzw. absolut richtiger Ziele könne nicht in die Wissenschaft eingehen. Die Behauptung absoluter Werte sei geradezu widersinnig (a.a.O. S. 178). Denn es gäbe keine im Sein der Wirtschaft begründeten Ziele. Diese müßten vielmehr „vorausgesetzt" werden. Ähnlich Albert. Er weist allerdings der Nationalökonomie schließlich ein sehr enges Bereich der Untersuchungen zu: Nationalökonomie könne „nichts anderes sein als eine Soziologie der kommerziellen Beziehungen" (S. 437). In der neuesten Darstellung über Weifare Economics wird nach Feststellung der Übereinstimmung in einigen allgemeinen Fragen die Unmöglichkeit einer Einigung über die Grundlagen für die Weifare Theory behauptet. (I. De V. Graaff, Theoretical Weifare Economics, Cambridge 1957.) Gibt aber nicht Graaff selbst, vielleicht unbewußt, einen Hinweis, warum in seinem System offensichtlich keine Synthese möglich ist, wenn er von einer „individualist theory of welfare" spricht (S. 169). Es geht eben nicht nur um die Individual-, sondern ebenso um die Sozialnatur des Menschen. Die Argumente gegen das Zurückgehen der Sozialwissenschaften auf ontologische Zusammenhänge und damit auf absolute Werte und Ziele sind über die von Max Weber vorgebrachten im wesentlichen nicht hinausgekommen. Zum Teil kämpft man gegen „Windmühlen", so z. B., wenn man wirtschaftsund sozialpolitische Forderungen mit dem Zurückgehen auf absolute Werte verwechselt. Es handelt sich primär um Erfassung von Seinszusammenhängen und nicht um Aufstellung von Postulaten. Diese Auffassung aber scheint Albert gelegentlich seinen Untersuchungen zugundezulegen. So z. B. wenn er schreibt: „Es ist ein Unterschied zwischen dem Ideal, die Wahrheit zu erforschen und zu übermitteln, und dem anderen, eine in irgendeinem Sinne gerechte Ordnung des sozialen Lebens herbeiführen zu helfen, und wir sind nicht sicher, daß diese beiden Aufgaben in jeder Situation miteinander kompatibel sind." Bezeichnend ist, daß die sogenannten „werturteilsfreien" Richtungen nicht um Werturteile herumkommen. Nur das eine oder andere Beispiel sei erwähnt. Wenn z. B. behauptet wird, der Konsument sei es, der die Richtung der Produktion bestimmt, so ist dies keine Tatsache, sondern eben ein Postulat. Die Souveränität des Konsumenten ist nicht Realität, sondern bloß Wunsch. Schmollers Jahrbuch 78, 4 4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.4.31 | Generated on 2023-04-04 11:26:20 50 Hans Bayer [434 Ebenso steckt ein Werturteil in der Behauptung, wie sie häufig von Vertretern des Liberalismus aufgestellt wird, jeder wisse am besten, was für ihn gut ist. Wir erfahren bei uns und bei anderen, wie oft dies nicht zutrifft. Mit gewisser Befriedigung wird gleichfalls von manchen Vertretern des Liberalismus darauf hingewiesen, daß die Mechanik des Marktes zu höchster Produktivität und zu einem Höchstmaß an Produktion führe. Hierbei wird angenommen, daß dies offenbar anzustreben sei. Dies ist jedoch keineswegs klar; gerade die sprunghafte Entwicklung der Technik hat gezeigt, daß es nicht ausschließlich auf ein Maximum an Produktion und Produktivität ankommen kann. Jedenfalls aber handelt es sich bei der Behauptung des Produktionsmaximums als Aufgabe der Wirtschaft um ein Werturteil. Audi die Aufgabe des Preises, den Markt im Gleichgewicht zu halten, erschien — wie Ackenman hervorhebt (a.a.O. S. 313) — immer mehr als ein Umgehen des teleologischen Gedankens. Das Gleiche gilt, wenn eine Einkommensverteilung nach der Leistung im Betrieb als die wirtschaftlich Richtige angesehen wird. Es kommen ja auch noch andere Leistungen, die für die Gesamtheit wertvoll sind, in Betracht. Denken wir zum Beispiel an die Fragen des Familieneinkommens. Jedenfalls ist wieder klar, daß die angeblich wertfreie Feststellung, eine leistungsmäßige Einkommensbildung sei ,.wirtschaftlich", nichts anderes als ein Werturteil darstellt. Es gibt einige Autoren, die versuchen, vermittelnde Standpunkte einzunehmen, so z. B. H. Giersch in seinem Aufsatz „Das Problem der Objektivität des wirtschaftspolitischen Urteils" (Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft 1951, 107. Bd., S. 247 ff.). Er glaubt einen Ausweg dadurch gefunden zu haben, daß er in der sozialökonomischen Norm eine Partialnorm sieht, die ihre Verbindlichkeit einbüßt, sobald sie mit anderen Normen kollidiert. „Aber dem Nationalökonomen muß das Recht zugebilligt werden, das Gewicht seiner Partialnorm vor dem Forum der gesellschaftlichen Entscheidungen deutlich herauszustellen." S. 252. Was aber Giersch dann im Zusammenhang mit der sogenannten Partialnorm als Forderungen herausarbeitet, die aus der Form der individuellen Freiheit folgen, ist zumindest sehr bestreitbar. So z. B., wenn es auf Seite 253 heißt: „Die Erreichung des sozialen Befriedigungsmaximums setzt die Erreichung der individuellen Befriedigungsmaxima voraus. Daraus folgt, daß den Individuen mindestens die Möglichkeit gewährt werden muß, ihren Nutzen zu maximieren. Andernfalls besteht die begrünOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.4.31 | Generated on 2023-04-04 11:26:20 435] Zerfall und Synthese in der modernen Wirtschaftslehre 51 dete Vermutung, daß die Summe aller Nutzen unter dem potentiellen Gesamtnutzen liegt. Den Gegenbeweis anzutreten, dürfte praktisch unmöglich sein." Was heißt individuelles Befriedigungsmaximum? Ist hierbei auf die Gesamtwohlfahrt Rücksicht zu nehmen? Anscheinend denkt Giersch hieran nicht. Wie aber kann dann Befriedigungsmaximum Voraussetzung der Erreichung des sozialen Befriedigungsmaximums sein? Was ist unter sozialem Befriedigungsmaximum zu verstehen? Ist es nicht überholt, „die Summe aller Nutzen" einem potentiellen Gesamtnutzen „als dem sozialen Befriedigungsmaximum" zugrunde zu legen? Diese Fragen und die Unmöglichkeit ihrer eindeutigen Beantwortung zeigen allein schon, daß der Weg der „Partialnorm" nicht befriedigend ist. Einfacher macht es sich P. A. S a m u e 1 s o n (Economics, New York 1948, S. 15), wenn er sich im wesentlichen mit dem Hinweis beruhigt, daß eine allgemeine Auffassung über das Wirtschaftsziel bestehe. „Fortunately, there is some underlying agreement with respect to social ends. Most western peoples profess to prefer a measure of individual freedom of choice and action, a high and improving standard of living, an equitable distribution of income between classes so that gross inequalities are to be tolerated only if there is some strong and compelling reason." Die Tatsache, daß einige Nationalökonomen in einer bestimmten Auffassung übereinstimmen, ist keineswegs ein schlüssiger Beweis dafür, daß diese Auffassungen richtig sind. „Mehrheitsentscheidungen" zählen in der Wissenschaft nicht. 2. Synthese auf Teilgebieten der Wirtschaftslehre Wenn audi von einer modernen umfassenden Synthese der Wirtschaftslehre kaum gesprochen werden kann, so waren die Tendenzen zu einer Synthese so stark, daß sie sich auf Teilgebieten der Wirtschaftslehre realisierten. Wir greifen zwei Beispiele heraus. Es handelt sich keineswegs um eine Darstellung der Problematik der Teilgebiete, sondern um Hinweise auf Zusammenhänge mit den hier behandelten Grundfragen. a) Theorie des Wachstums der Wirtschaft Die moderne Theorie des Wachstums der Wirtschaft erkennt stärker die Gesamtzusammenhänge und zieht insbesondere weitgehend auch soziologische Gesichtspunkte heran. W. Kraus z. B. betont in seinem Buch „Wirtschaftswachstum und Gleichgewicht" (Ffm. 1955) bei Umreißung der Problemstellung, daß eine Gestalt4« OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.4.31 | Generated on 2023-04-04 11:26:20 52 Hans Bayer [436 analyse eines expansiven Wirtschaftssystems notwendig sei. „Sie beschränkt sich nicht auf ökonomische Fragestellungen, sondern umfaßt auch jene geistigen, soziologischen und politischen Kräfte, die den Kapitalismus als Gesamterscheinung konstituieren" (S. 9). W. G. Hofrmann hat in seinen zahlreichen Abhandlungen über Wachstumsprobleme der Wirtschaft gleichfalls den Rahmen der Untersuchung weit gesteckt. Grundproblem der ökonomischen Wachstumserforschung sei die Frage, wie ist langfristig eine Möglichkeit intensiven und stetigen Wachstums der Wirtschaft möglich; d. h. genauer, wie kann eine hohe und annähernd konstante Wachstumsrate des realen Sozialproduktes je Kopf auf die Dauer erreicht werden. Besondere Aufmerksamkeit wendet Hoffmann der Analyse der Produktionsstruktur zu. In dem Aufsatz „Zur Realitätsbezogenheit wachstumstheoretischer Annahmen" (Schweizerische Zeitschrift für Volkswirtschaft und Statistik 1956, S. 432 ff.) kommt der umfassende Charakter moderner Wachstumsforschung wiederum klar zum Ausdruck. Hinsichtlich des Spezialgebietes „Die Dynamik des Industrialisierungsprozesses" hat Hoffmann die wesentlichen Bestimmgründe herausgearbeitet, die sich bis in das Bereich der kulturellen Lebensformen einer Gesellschaft erstrecken (Industriewirtschaft in „Aufgaben deutscher Forschung", Köln, 1956, S. 467). b) Raumwirtschaftslehre Eine einheitliche Erfassung auf einem Teilgebiet bringen die raumwirtschaftlichen Untersuchungen von A. Predöhl (Außenwirtschaft, Göttingen 1949). Er betont dort u. a. die Notwendigkeit einer Verbindung quantitativer und qualitativer Theorie. „Die überkommene Lehre angelsächsischer Prägung, die ihre vollendetste Darstellung in deutscher Sprache in Haberlers Werk gefunden hat, ist uns zu eng, insofern als sie sich auf die exaktquantitative Theorie beschränkt und alle historisch-soziologischen Faktoren in den Bereich der Daten verweist, die entweder unerklärt bleiben oder doch nur historisch-idiographisch im Rickert-Windelbandschen Sinne erklärt werden. Quantitative und qualitative Theorie schließen sich nicht aus, ja sie ergänzen einander zwangsläufig" (a.a.O. S. 17). Besonders plastisch bringt diese Gedanken Predöhl in einem Bild zum Ausdruck. „Wie ein gotischer Dom als Baugebilde aus einer Idee geboren und verständlich ist, die sich im Ganzen und in allen seinen Teilen sinnvoll ausdrückt, wie aber eben dieser Bau nicht errichtet werden und Bestand haben, also auch nicht „erklärt" werden könnte, wenn nicht die Haltbarkeit der Mauern und die Festigkeit der Träger berechnet wären, so kann auch die Volkswirtschaft ihre lebendigen Kräfte nur in den formalen Regeln der Wirtschaftstheorie zur AusOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.4.31 | Generated on 2023-04-04 11:26:20 437] Zerfall und Synthese in der modernen Wirtschaftslehre 53 Wirkung bringen. Es sind dieselben Gesetze der Ingenieurtechnik, die in der gotischen Kirche und im amerikanischen Wolkenkratzer, im Bauernhaus und in der Messehalle, verwirklicht sind, und es sind dieselben nüchternen Gesetze der exakten Wirtschaftstheorie, die wir in jeder Gestalt der Wirtschaft wieder finden. Sie leisten für die Wesenserkenntnis der Wirtschaft gar nichts, aber sie sind unentbehrlich für die Erkenntnis der spezifisch wirtschaftlichen Zusammenhänge. Die Erkenntnis dieser Zusammenhänge aber bleibt leer und äußerlich, wenn sie nicht getragen wird von der Erkenntnis des Wesens der Wirtschaft, das in der wirtschaftlichen Gestalt zum Ausdruck kommt" (a.a.O. S. 18). IV. Möglichkeiten und Bedeutung einer synthetischen Wirtschaftslehre Die Untersuchung zeigt, belegt durch charakteristische Beispiele, den Zerfall der einheitlichen Wirtschaftslehre. Die Teilgebiete entwickelten sich auseinander; die Ergebnisse der Forschung, vielfach einseitig, waren nicht mehr miteinander vergleichbar und konnten sich daher auch gegenseitig kaum ergänzen. Der Ruf nach Synthese, vor Jahrzehnten erhoben, fand lange Zeit kein Echo. In dem Maße, als sich diereine Theorie aus ihrem Ghetto hinauswagte und in abnehmender Abstraktion die Wirklichkeit zu erfassen suchte, mußte man notwendigerweise zu Verbindungen kommen, die jedoch in der Regel nicht über Aggregatbildungen hinausgingen. Eine einheitliche Erfassung der Wirtschaftsgesetze und Wirtschaftszusammenhänge wäre aber, wie gezeigt, wirtschaftstheoretisch und als Grundlage einer Theorie der Wirtschaftspolitik von besonderer Bedeutung. Eine synthetische Wirtschaftstheorie ist nur dann möglich, wenn sich ein Bezogensein auf ein einheitliches Fundament erkennen läßt. Hier wäre im theoretischen Bereich jener Punkt, den Archimedes suchte, als er ausrief „Gebt mir einen festen Punkt, und ich hebe die Welt aus den Angeln". Denn von hier aus könnte man die Gesamtzusammenhänge der Wirtschaft erfassen. Ein Fundament böten die absoluten Werte und Ziele. Lassen sich diese aber unter Wahrung der Voraussetzungsmöglichkeit der Wissenschaft in den Bereich der Untersuchungen einbeziehen? Trifft dies zu, dann ergibt sich die weitere Frage: Lassen die absoluten Werte klare Umrisse eines Wirtschaftszieles erkennen? Welches ist die einheitliche, dem Leben der Wirtschaft angemessene Methode der Erfassung der Zusammenhänge? Erst dann, wenn sich diese Fragen befriedigend lösen lassen, wäre eine synthetische Wirtschaftstheorie wissenschaftlich möglich. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.4.31 | Generated on 2023-04-04 11:26:20 54 Hans Bayer [438 1. Absolute Werte und Voraussetzungslosigkeit der Wissenschaft Es steht außer Zweifel, daß jede Wirtschaftswissenschaft, die sich nicht in Tautologien und formalen Aussagen bewegen will, vor die Grundfrage gestellt ist, ob und inwieweit das wirtschaftliche Geschehen sinnvoll ist. Damit ist das Problem des Wirtschaftszieles als entscheidendes Problem aufgeworfen. Was immer man am Tatbestand des Wirtschaftens im einzelnen hervorheben mag, stets handelt es sich um ein Disponieren mit knappen Mitteln durch Menschen für Menschen. Daraus folgt, daß sich das Ziel der Wirtschaft aus der Sachgüterwelt und der Sozialund Individualnatur des Menschen erkennen läßt. Die Wirtschaftswissenschaft selbst kann durch Analyse der Eigenart der Sachgüter und der menschlichen Verhaltensweisen im wirtschaftlichen Geschehen wertvolle Beiträge zur Klärung und Präzisierung des Wirtschaftszieles leisten. Soweit es sich aber um Fragen der Wesensstruktur des Menschen handelt, sind philosophische Erkenntnisse heranzuziehen. Der Einwand mag naheliegen, daß es sich eben dann um Fragen handelt, die die Wirtschaftswissenschaft nicht in ihren Untersuchungsbereich einbeziehen dürfe. Dieser Gesichtspunkt ist aber überholt. Es wäre heute eine wissenschaftliche Forschung unmöglich, wenn jede Wissenschaft alle von ihr benützten Erkenntnisse auch selbst erarbeiten wollte. Es ist daher eine ständig geübte Praxis, sich bei eigenen Untersuchungen auf Erkenntnisse anderer Disziplinen zu stützen. Das sei aber, so könnte ein Bedenken lauten, offensichtlich nur möglich, wenn Übereinstimmung über diese Erkenntnis herrsche; dies treffe aber auf das Gebiet der Philosophie nicht zu. Es handelt sich aber bei jenen Fragen, die für das Problem des Wirtschaftszieles maßgebend sind, nicht um philosophische Einzelheiten, sondern um Grundfragen. Es lassen sich nun in einer Reihe philosophischer Richtungen letzte Gemeinsamkeiten, z. B. über die Würde des Menschen, feststellen. Es ergibt sich hier eine gewisse Analogie zu den Untersuchungen der österreichischen Schule der Nationalökonomie. Diese berücksichtigt weitgehend psychologische Momente, ohne gezwungen zu sein, wie Friedrich Wiese r in seiner Theorie der gesellschaftlichen Wirtschaft hervorhebt, auf fachpsychologische Fragen einzugehen. Entscheidend ist hierbei die Frage, ob es sich bei dem Problem des Wirtschaftszieles und der absoluten Werte primär um eine Frage des S o 11 e n s oder der Seinslehre handelt. Bei der Untersuchung der absoluten Werte, die für die Wirtschaft bestimmend sind, geht es um Fragen der Seinslehre, und zwar darum, das Wesentliche der Wirtschaft zu erfassen, sich also nicht abzufinden mit der OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.4.31 | Generated on 2023-04-04 11:26:20 445] Zerfall und Synthese in der modernen Wirtschaftslehre 61 wichtigsten Aufgaben der Suggestivreklame. Es können auf diese Weise konkrete Bedürfnisse geweckt werden, die den Blankobedürfnissen nicht in angemessener Weise entsprechen. Die Wirtschaftslehre vertritt im allgemeinen die Auffassung, daß es wirtschaftlich gesehen gleichgültig sei, ob ein echtes oder ein bloß vom Gesichtspunkt der Rentabilität suggeriertes Bedürfnis die Nachfrage am Markte bestimmen. Dies gilt jedoch keineswegs im Sinneeines teleologischen Gleichgewichtes. So kann eine angewandte Theorie der ökonomischen Spannungen aus den seinsmäßig erkannten Zielen der Wirtschaft eindeutig Feststellungen treffen. Im makroökonomischen Bereich führt eine angewandte Theorie ökonomischer Spannungen von der Kinetik zur Dynamik, also von der reinen Bewegungslehre der Wirtschaft, dem bloßen Festhalten der Bewegungserscheinungen als solchen, zu einer Dynamik, also zu einer Erfassung der Bewegungskräfte der Wirtschaftsschwankungen, struktureller Wandlungen und der wirtschaftlichen Entwicklung. Wesentliche Störungsmomente liegen in der Spannung zwischen Produkt und Konsum. In diesem Bereich zeigen sich immer wieder Krisen und Depressionen. Eine der Voraussetzungen eines weitgehend störungsfreien Kreislaufs und einer organischen Aufwärtsentwicklung der Wirtschaft ist das strukturelle Gleichgewicht. Dieses hängt wesentlich, von den entsprechenden Proportionen in der Wirtschaft ab. Es ist, jedenfalls für kürzere Zeiträume betrachtet, stationäres Gleichgewicht, aber gleichzeitig Voraussetzung harmonischer Wirtschaftsdynamik. Die Gruppen der ökonomischen Spannungen stehen untereinander in Verbindung. Insbesondere sind alle Gruppen durchdrungen von Spannungsverhältnissen zwischen absoluten und relativen Werten. Das gilt nicht nur für die Theorie, sondern auch für das tatsächliche Wirtschaftsgeschehen. Als z. B. die Zünfte den Gemeinschaftsgedanken, also die absoluten Werte, die ihrer Entstehung zugrunde lagen, ausschalteten, brachen diese innerlich zusammen, so daß der Liberalismus bloß eine leere Form zerschlug. Die Synthese in der Wirtschaftslehre geht von absoluten Zielen aus. So kann im Zusammenhang mit den Erkenntnissen der Wirtschaftstheorie eine Theorie der Wirtschaftspolitik entworfen werden. Unter Heranziehung der Untersuchungsergebnisse der konkreten Verhältnisse ist es möglich, Hinweise für wirtschaftspolitische Maßnahmen zu geben. Grundzüge der Wirtschaftsorganisation, z. B. das Prinzip der Subsidiarität, lassen sich vom Ziel her ableiten. Der Begriff der Spannung ist als Instrument einheitlicher Methode der Erfassung der Beziehungen und Gesetzmäßigkeiten in der Wirtschaft in mikround makro-ökonomischer Hinsicht geeignet. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.4.31 | Generated on 2023-04-04 11:26:20 62 Hans Bayer [446 Im Rahmen des Aufsatzes konnten nur die Umrisse einer Synthese in der modernen Wirtschaftslehre aufgezeigt werden. Wichtig schien hierbei, den Unterschied zwischen Voraussetzungslosigkeit und Wertfreiheit in der Wissenschaft herauszuarbeiten und die Erkenntnis absoluter Werte als wissenschaftliche Erkenntnis darzutun. Wenn wir der Erkenntnis der inneren Zusammenhänge der gesellschaftlichen Wirtschaft nahe kommen wollen, dann dürfen wir uns nicht mit formalen Begriffen begnügen, sondern das Wesentliche zu erfassen suchen. Mit Recht wendet sich z. B. K. Rose gegen gewisse Methoden bei Erstellung wirklichkeitsferner Wachstumsmodelle (Der Erkenntniswert der Wachstumsmodelle, Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik, Februar 1957): Sicherlich ist es ein sehr bequemer Weg, die verwendeten Begriffe und Symbole in einer derart nichtssagenden Art zu definieren." (S. 334.) Die Ausführungen G. Weipperts in dem genannten Aufsatz „Vom Werturteilsstreit zur politischen Theorie" haben nach wie vor in den Auseinandersetzungen gegen den Positivismus, wie er insbesondere im Wiener Kreis hervortritt, Gültigkeit. Die Synthese ermöglicht die einheitliche Erkenntnis der Zusammenhänge, die hinter den äußeren Erscheinungen von Wirtschaft und Gesellschaft bestehen. Sie überwindet die Einseitigkeit, indem sie nicht einzelne Tatbestände isoliert behandelt oder, wie dies bei manchen modelltheoretischen Untersuchungen der Fall ist, wichtige Merkmale des modernen Wirtschaftsgeschehens vernachlässigt, sondern heranzieht und unter einem einheitlichen Gesichtspunkt erfaßt. Gerade deswegen kann die Synthee auch eine Grundlage umfassender Wirtschaftspolitik bieten. In der synthetischen Wirtschaftslehre verbindet sich Erkenntnis des Seins und des Zieles mit der Analyse der Gesetze und Gesetzmäßigkeiten der Wirtschaft. Eine unabdingbare Voraussetzung einer synthetischen Theorie steht im Vordergrund. Synthese bedeutet Verbindung der Mannigfaltigkeit der Beziehungen, Gesetze und Gesetzmäßigkeiten zu einer Einheit; nicht zu einer quantitativen, sondern einer Einheit als geordnetes Ganzes. Es handelt sich um sinnvolle Zusammenhänge; sinnvoll im Hinblick auf ein Wirtschaftsziel. Soll die Synthese objektiv gültige Erkenntnisse bringen, kann es sich nicht um willkürlich gesetzte Ziele, sondern nur um absolute Ziele handeln. Diese lassen sich aus der Sachgüterwelt und der Sozialund Individualnatur des Menschen erkennen. Hier liegt jener archimedische Punkt, von dem aus, um jenen überlieferten Ausdrude zu gebraudien, die Welt der Wirtschaftsprobleme „aus den Angeln gehoben" werden kann. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.4.31 | Generated on 2023-04-04 11:26:20