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Keynes' "Nationale Selbstgenügsamkeit" von 1933

Borchardt, Knut

Abstract

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Full text

Borchardt, Knut Article Keynes' "Nationale Selbstgenügsamkeit" von 1933 Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Borchardt, Knut (1988) : Keynes' "Nationale Selbstgenügsamkeit" von 1933, Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik, ISSN 0342-1783, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 108, Iss. 2, pp. 271-284, https://doi.org/10.3790/schm.108.2.271 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/291685 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. 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Sozialwissenschaften (ZWS) 108 (1988), S. 271 - 284 Duncker & Humblot, Berlin 41 Keynes' „Nationale Selbstgenügsamkeit" von 1933 Ein Fall von kooperativer Selbstzensur* Von Knut Borchardt Bei einem Vergleich der von J. M. Keynes 1933 in den USA und Großbritannien veröffentlichten Artikel zum Thema „National Self-Sufficiency" mit dem in Deutsch in Schmollers Jahrbuch erschienenen Beitrag „Nationale Selbstgenügsamkeit" fallen erhebliche Kürzungen und Überarbeitungen auf. Die Tendenz ist eindeutig: Der Artikel wurde von politisch anstößigen Ausführungen gereinigt. Wie ist es dazu gekommen? Die folgende Miszelle dokumentiert die Überarbeitung und versucht eine Erklärung anhand der verfügbaren Quelle. 1. Im Sommer 1933 wurde in Schmollers Jahrbuch, als dessen Fortsetzung die Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften erscheint, ein Artikel veröffentlicht, der so recht in die politische Landschaft zu passen schien: „Nationale Selbstgenügsamkeit"1. J. M. Keynes, der Verfasser, war seinerzeit zwar noch nicht der berühmte Autor der „General Theory", aber er gehörte doch schon in Hinblick auf seine wissenschaftlichen Veröffentlichungen, seine mannigfachen Rollen als wirtschaftspolitischer Berater wie auch als Herausgeber des Economic Journal zu den führenden Ökonomen seiner Zeit. Die meisten seiner nach 1920 geschriebenen Bücher und zahlreiche Zeitschriftenund Zeitungsartikel sind auch in deutscher Übersetzung erschienen. Doch war Keynes in Deutschland weiteren Kreisen vornehmlich wegen seiner massiven Kritik an den wirtschaftlichen Bestimmungen des Versailler Vertrages und als Helfer im Kampf um die Revision der Reparationsverpflichtungen bekannt und dessentwillen - verständlicherweise - hoch geschätzt2. Und nun schien er, nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten, auch noch die deutsche Wirtschaftspolitik der Abkehr vom Weltmarkt und * Der Verfasser ist Prof. Dr. E. Moggridge, University of Toronto, und Mrs. Judith Allen, Editorial Assistant der Collected Writings of John Maynard Keynes und Verwalterin des Keynes-Nachlasses in der Marshall Library Cambridge für freundliche Auskünfte und großzügige Hilfe bei der Suche nach Material dankbar. Darüber hinaus dankt er der Royal Economic Society für die Genehmigung, aus den Quellen und den Collected Writings zitieren zu dürfen. 1 Keynes (1933). Ab 1972 erscheint das Jahrbuch mit Fortzählung der Bände unter dem neuen Titel. 2 Eine genauere Darstellung der lebenslangen Beschäftigung von Keynes mit Deutschland ist ein Desiderat der Forschung, wie auch Tumlir (1981), 181 bemerkt. ZWS 108 (1988) 2 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.108.2.271 | Generated on 2023-04-04 12:10:56 272 Knut Borchardt weitergehende Experimente der Wirtschaftslenkung zu unterstützen. Unter den neuen politisch-wirtschaftlichen Bedingungen in der Welt, so lautet die Botschaft des Artikels, müsse man sich von den gewohnten Ideen des Freihandels lösen. Es sei jetzt Aufgabe der Politik und nicht der Märkte, die Anteile der im Inland zu produzierenden und der zu importierenden Güter gemäß nationalen Zielen zu bestimmen. Unbedingt gelte es, um der Wirksamkeit der neuen Wirtschaftspolitik willen den freien Kapitalverkehr einzuschränken3. Freilich mußte man dazu - nach der Einführung der Devisenbewirtschaftung im Jahre 1931 - kaum noch einen deutschen Politiker überzeugen. Auch die anderen wirtschaftspolitischen Empfehlungen konnten in diesem Land nur als Bestätigung wirken, auf dem bereits beschrittenen Wege mit gutem Gewissen fortzufahren. Demgegenüber mochten einige zaghafte Einschränkungen, ja Warnungen am Schluß des Artikels allenfalls jenen auffallen, welche bereits mit Augen lasen, die hinter dem Geschriebenen auch das Gemeinte aufzuspüren vermochten. Wie kam Keynes dazu, ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt einen solchen Artikel in Deutschland zu veröffentlichen, mit dem die Anhänger des neuen Regimes gewiß zufrieden sein konnten? Seit ich den Artikel zum ersten Mal gelesen habe, habe ich mir diese Frage gestellt. Ein Zufall führte mich inzwischen zu einer „Entdeckung". Sie verdient meiner Meinung nach, allgemein bekannt zu werden. Das mag in Zukunft davor bewahren, den Artikel „Nationale Selbstgenügsamkeit" als ein wirkliches Zeugnis von Keynes zu betrachten und so zu zitieren. Darüber hinaus stellt der zu beschreibende Fall ein weiteres Beispiel dafür dar, daß es schon 1933 eine Art freiwilliger Selbstzensur gegeben hat. In sie hat allerdings auch ein berühmter außerdeutscher Gelehrter eingewilligt. 2. Die „Entdeckung", von der oben die Rede war, besteht darin, daß ein Vergleich zwischen dem in Deutschland publizierten Artikel „Nationale Selbstgenügsamkeit" mit der 1982 in den Collected Writings of John Maynard Keynes abgedruckten englischen Fassung von „National Self-Sufficiency" wesentliche Unterschiede ergibt4. Während die ersten 4 Abschnitte im englischen und deutschen Text im großen und ganzen übereinstimmen, somit eine nahezu wortgetreue Übersetzung vorliegt, verhält es sich mit dem abschließenden 5. Teil ganz anders. Hier ist der deutsche Text durch massive Kürzungen und gelegentliche Überarbeitungen in der Substanz verändert. Dadurch hat der ganze Artikel einen anderen Charakter erhalten. 3 Siehe die mannigfachen Belege hierzu in Collected Writings of John Maynard Keynes - nachfolgend zitiert JMK - Bände XIX, XX, XXI u. a. Hierzu noch immer aufschlußreich W. Lück (1939), der im Anhang einen Brief publiziert, in dem Keynes seine Position verdeutlicht. 4 JMK, Bd. XXI (1982), 233 - 246. ZWS 108 (1988) 2 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.108.2.271 | Generated on 2023-04-04 12:10:56 Keynes' „Nationale Selbstgenügsamkeit" von 1933 273 Damit man sich von den Veränderungen rasch einen zutreffenden - und auch die wichtigen Details erfassenden - Eindruck machen kann, sind im Anhang die beiden Texte des jeweils 5. Abschnitts einander gegenübergestellt. Links steht der Text der in England erschienenen Arbeit, rechts der in Schmollers Jahrbuch veröffentlichte. Daß der deutsche Text eine heftige Bearbeitung, ja Verstümmelung erfahren hat, ist evident. Auch ihr Zweck ist sogleich erkennbar: Dem Text sollte die vermutete politische Gefährlichkeit genommen werden. Die englische Fassung zeigt Keynes als beredten Warner vor den immensen Gefahren einer nationalistischen Wirtschaftspolitik in nicht-demokratischen Staaten. Dazu liefern ihm Deutschland, Rußland, Italien und Irland bereits Anschauungsmaterial. Aber natürlich konnten Sätze wie der folgende im seinerzeitigen Deutschland nicht unbedenklich gedruckt werden: "Germany is at the mercy of unchained irresponsibles ..." Aber ist es denkbar, daß Keynes seinerzeit bewußt die anstößigen Stellen aus seinem Manuskript entfernt hat, um den purifizierten Text auch in Deutschland gedruckt zu sehen? Warum sollte er ein Interesse daran gehabt haben? Angesichts der Bedeutung des Falles mag interessieren, wasüber seine Geschichte ermittelt werden konnte. Leider gibt uns weder das Archiv des Verlags Duncker & Humblot, in dem auch damals Schmollers Jahrbuch erschien, Auskunft, noch stand ein Nachlaß des seinerzeitigen Herausgebers Arthur Spiethoff zur Verfügung5. Doch lassen einige Dokumente im Nachlaß von J. M. Keynes gewisse Aufschlüsse zu6. 3. Der in JMK, XXI 233 - 246 abgedruckte Artikel „National Self-Sufficiency" gibt den Text wieder, welcher am 8. und 15. Juli 1933 in der Zeitschrift in The New Statesman and Nation erschienen ist. Zugrunde lag das Manuskript eines Vortrages, den Keynes am 19. April 1933 am University College in Dublin gehalten hat. Hiervon ist die Handschrift erhalten in KP PS 5. Sie weicht in einer Reihe von Formulierungen von der Publikation in The New Statesman ab, aber nicht durch Kürzungen in der Art des späteren deutschen Textes. Insgesamt sind in dieser Fassung die politisch-kritischen Passagen des 5. Abschnitts noch pointierter. - Bevor Keynes den Artikel dem Herausgeber des New Statesman für ein Honorar von £ 30 anbot (hierzu JMK, XXVIII 19 - 20), hatte er ihn für die USA schon an The Yale Review vergeben. Dort erschien er bereits im Juni 1933 (Bd. 22, 4, 755 - 769). 5 Arthur Spiethoff (1873 - 1957), Assistent von Gustav Schmoller in Berlin, Habilitation dort 1908, 1908 - 1918 Professor an der Karls-Universität Prag, 1918 - 1939 Professor an der Universität Bonn. Mitherausgeber von Schmollers Jahrbuch von 1918 bis 1923, Alleinherausgeber von 1924 bis 1938. Über Leben und Werk siehe Clausing (1958), 257ff. bzw. (1967), 247 - 276; Salin (1965), 651 - 652. 6 Marshall Library Cambridge, Keynes Papers - nachfolgend zitiert als KP mit Faszikelnummer. Soweit nichts anderes notiert, stammen die Dokumente aus dem Bestand UA/15. ZWS 108 (1988) 2 18 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.108.2.271 | Generated on 2023-04-04 12:10:56 274 Knut Borchardt Ein Manuskript, das nachweislich nach Deutschland gegangen wäre, liegt nicht vor. Doch kennen wir einen Teil des Weges, auf dem die Anregung zur Veröffentlichung und ein Text indie^ Hände von Arthur Spiethoff gelangt sind. Vermittler war Dr. Eduard Rosenbaum in Hamburg7. Bei ihm bedankt sich mit Brief vom 25. Juli der Herausgeber. Er erklärt sich bereit, die Arbeit von Keynes „aus sachlichen und persönlichen Gründen" zu bringen. Wie Rosenbaum in die Lage gekommen ist, den Artikel Spiethoff anzubieten, ob dies seine eigene Initiative war oder ob dem eine Bitte von Keynes zugrundelag, wissen wir nicht. Keynes hatte allerdings seit längerem die Gewohnheit, seine Arbeiten breit gestreut in verschiedenen Ländern zu publizieren; und er war sich, betrachtet man seine Honorarforderungen, seines Wertes durchaus bewußt. Auf Spiethoff könnte er gekommen sein, weil er gerade einen Beitrag zur Spiethoff-Festschrift geschrieben hatte8. Doch hätte ersieh.dann ja auch direkt an den Kollegen wenden können. Rosenbaum hingegen hatte schon als Herausgeber des Wirtschaftsdienst Erfahrungen mit dem Abdruck von Keynes-Artikeln, war aber möglicherweise durch sein gerade erzwungenes Ausscheiden gehindert, den Beitrag am gewohnten Ort zu bringen. Doch kann man einstweilen über seine Rolle nur spekulieren. Rosenbaum hat nicht nur den Artikel an Spiethoff geschickt, sondern sich zugleich erboten, die Übersetzung anzufertigen. Dazu kam es aber nicht, denn Spiethoff wollte - wie er in seinem Brief vom 25. Juli an Rosenbaum schreibt - die Keynes-Arbeit unbedingt in dem schon im Umbruch befindlichen nächsten Heft unterbringen. „Es kommt deshalb auf jeden Tag an, und ich habe die Arbeit deshalb unter der Aufsicht von Herrn von Beckerath und unter meiner Aufsicht in unserem Institut übersetzen lassen9." Man kann 7 Eduard Rosenbaum (1887 - 1979), promovierte mit einer Arbeit über Lassalle in Kiel zum Dr. phil., war unter B. Harms 1913/14 Assistent am Institut für Weltwirtschaft und Seeverkehr in Kiel, seit 1914 bei der Handelskammer Hamburg tätig - von 1919 bis 1933 als Syndikus und Direktor der berühmten Commerzbibliothek. 1919 im Stab der deutschen Delegation bei den Friedensverhandlungen. Daraus entstand das Buch: Der Vertrag von Versailles (1921). 1928 - 1933 in der Schriftleitung des Hamburger Wirtschaftsdienst. Wirtschaftliche Nachrichten, in dem seit 1924 regelmäßig Artikel von Keynes veröffentlicht wurden (von 1924-1932 im Durchschnitt 5 pro Jahr). 1933 als Jude aus seinen Stellungen entfernt, war Rosenbaum seither eine Art Schützling von Keynes, der sich um die Emigration Rosenbaums (1934) und die Schaffung von Arbeitsmöglichkeiten in England große Verdienste erworben hat. Der Briefwechsel von Keynes mit Rosenbaum {KP VA/I5) verdient als Zeugnis ungewöhnlicher Hilfsbereitschaft eine eigene Edition. Rosenbaum wurde 1934/35 als Mitarbeiter an der von der Royal Economic Society herausgegebenen Ricardo-Ausgabe beschäftigt (wie ein anderer Emigrant, P. Sraffa) und war von 1935-1952 Bibliothekar an der London School of Economics. Mitautor (mit A. J. Sherman) von: Das Bankhaus M. M. Warburg & Co.: 1798 - 1938, Hamburg 1976. Über Rosenbaum: International Biographical Dictionary of Central European Emigrés 1933 - 1945. Bd. Ii/Teil 2, München 1983, 981. s Clausing (Hrsg.) (1933), 123 - 125. 9 Herbert von Beckerath (1886 - 1966), Promotion 1909 Universität Freiburg. Tätigkeit bei Wirtschaftsverbänden, Habilitation 1914 Universität Frankfurt, 1919 o. Professor Technische Hochschule Karlsruhe, 1921 Universität Tübingen, 1925 - 1933 ZWS 108 (1988) 2 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.108.2.271 | Generated on 2023-04-04 12:10:56 Keynes' „Nationale Selbstgenügsamkeit" von 1933 275 nicht ausschließen, daß die Eilbedürftigkeit ein wichtiger Grund gewesen ist, obgleich von heute aus gesehen nicht zu erkennen ist, warum es wirklich so eilig gewesen sein sollte. Die Londoner Weltwirtschaftskonferenz Juni/ Juli 1933 war bereits ergebnislos auseinandergegangen. In Deutschland hatten sich darüber wenige beunruhigt, sodaß Trost hier nicht so nötig war wie in Großbritannien. Der vom Herausgeber behauptete Zeitdruck half allerdings, auf elegante Weise Probleme zu lösen: Die „Übersetzung" im eigenen Hause erleichterte die offensichtlich geplante Überarbeitung und zugleich ließ sich der Verfasser durch die Eile in seinen Entschlüssen hinsichtlich der Zustimmung zu Veränderungen unter Druck setzen. Als Spiethoff an Rosenbaum schrieb, war die Übersetzung vermutlich noch nicht fertig, denn erst 4 Tage später, am 29. Juli 1933, schrieb Spiethoff an Keynes. Er bestätigt die Annahme der Arbeit für das Jahrbuch und berichtet von der durch die Eile gebotenen Übersetzung im Institut. „Sie ist von unserem langjährigen Assistenten, Dr. Theodor Wessels10, mit Unterstützung von Prof. Herbert von Beckerath durchgeführt, und ich selbst habe mich der Überarbeitung des Ganzen angenommen. Ich hoffe, daß es uns gelungen ist, Ihre Arbeit richtig aufzufassen und zur Wiedergabe zu bringen. Damit Sie sich davon überzeugen können, lasse ich Ihnen so schnell wie möglich einen Korrekturabzug zugehen. Meine ebenso herzliche wie dringende Bitte an Sie geht dahin, möglichst an unserer Übersetzung, die mit aller uns zur Verfügung stehenden Sorgfalt durchgeführt ist, nichts zu ändern, denn es würde dadurch das Erscheinen im Augustheft in Frage gestellt." Abschließend kündigt Spiethoff an, er werde in der folgenden Zeit nicht in Bonn sein, „wodurch eine Erörterung zwischen uns erschwert würde". Immerhin, von einer „Überarbeitung" durch den Herausgeber ist die Rede. Keynes antwortet mit Brief vom 2. August und verspricht, er wolle "certainly make no corrections except such, if there be any, as would seem absolutely required". Wenige Tage danach hat Keynes die Fahnen gesehen. Und er hat bemerkt, was mit seinem Beitrag geschehen ist. Leider ist sein Brief vom 8.8. an Spiethoff nicht erhalten, wohl aber eine Antwort Spiethoffs vom 19. August, welche Rückschlüsse auf den Brief von Keynes zuläßt. Spiethoff schreibt mit der Hand aus Bad Wörishofen. Weil dieser Brief so wichtig ist, wird er im vollen Wortlaut zitiert: Universität Bonn. Ende 1933 Emigration in die USA. Über H. v. Beckerath siehe Krümmel / Wessels (1968). 10 Theodor Wessels (1902 - 1972), 1925 Promotion Universität Köln, Assistent von Prof. Herbert von Beckerath an der Universität Bonn, 1933 Habilitation Universität Bonn, 1936 Privatdozent in Bonn, 1940 - 1969 o. Professor an der Universität Köln; ab 1943 beteiligt an der Arbeitsgemeinschaft Erwin von Beckerath, einem der „Freiburger Kreise". Bibliographie in Albert u.a. (1967), 451 - 457. ZWS 108 (1988) 2 181 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.108.2.271 | Generated on 2023-04-04 12:10:56 276 Knut Borchardt Verehrtester Herr Keynes! Ihre Druckverbesserung und Ihre Zeilen v. 8.8.33 erhalte ich auf verschiedenen Umwegen. Ich entnehme daraus, daß Sie die Weglassungen am Ende nicht unterstützen, aber auch nicht ablehnen. Daß ich dafür die Verantwortung trage, ist selbstverständlich. Ich kann dies um so leichter, als ich sorgfältig bedacht war, Ihre sachliche Auffassung, der ich zustimme, zu wahren. Die Fortlassungen betreffen vornehmlich stilistische Ausführungen, sie beziehen sich, um mich Ihres eigenen Ausdrucks zu bedienen, auf das Drastische11. In einer Wendung befindet sich, wenn sie auf Deutschland bezogen wird, ein sachlicher Irrtum. Es ist die Stelle, wo Sie davon sprechen, daß die neuen Bewegungen durch Gewalt zur Macht gekommen seien12. Die gegenwärtige deutsche Regierung ist bekanntlich durch eine Mehrheitswahl zustande gekommen. Meine Überarbeitung des Schlusses war auf alles andere gerichtet, nur nicht auf eine Concession an den Barbarismus. Dies war auch unmöglich, denn Ihre Ausführungen und die Auslassungen stehen in keiner Beziehung zu irgend einem Barbarismus. Um unter allen Umständen Ihren Wünschen gerecht zu werden, und da Ihr Ausdruck approve mich unsicher macht, halte ich den Druck des Jahrbuches an und bitte Sie um eine kurze Mitteilung, ob Sie mit dem Erscheinen des Aufsatzes in der Form, wie er Ihnen in den Druckfahnen vorlag und mit den von Ihnen darin vorgenommenen Verbesserungen, einverstanden sind. Ich brauche nicht nochmals zu versichern, wie gern ich Ihren wissenschaftlich so wertvollen Aufsatz bringe. In vorzüglicher Hochachtung und mit besten Grüßen Ihr ergebener A. Spiethoff." Die „Weglassungen am Ende" sind dem Autor also aufgefallen, dennoch scheint er dem Abdruck nicht nur nicht widersprochen sondern auch eine Zustimmung formuliert zu haben (approve). In welcher Form er die Weglassungen mißbilligt hat, ist ebenso unbekannt wie die von Keynes vorgenommenen Korrekturen am stehengebliebenen Text. Immerhin fühlte sich Spiethoff zu einer Rechtfertigung verpflichtet. Sie mutet uns heutigen Lesern merkwürdig an, ist allerdings angesichts der Umstände nicht ungeschickt. Spiethoff hat die Unklarheiten der Stellungnahme von Keynes nicht zu seinen Gunsten ausgenutzt, sondern die endgültige Entscheidung wieder 11 Anm. K.B.: Es ist zu vermuten, daß sich Spiethoff hier nicht auf eine Formulierung im Brief von Keynes bezieht, sondern auf das von Keynes im Artikel über die Rhetorik von Machtergreifungen Gesagte. Siehe den englischen Text im Anhang, S. 219t. 12 Anm. K.B.: Gemeint ist die - von Spiethoff gestrichene - Aussage von Keynes in Absatz V, siehe Anhang, S. 280f. ZWS 108 (1988) 2 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.108.2.271 | Generated on 2023-04-04 12:10:56 Keynes' „Nationale Selbstgenügsamkeit" von 1933 277 dem Autor zugeschoben. Dieser antwortet mit Brief vom 25. August, bedankt sich für Spiethoffs Brief vom 19. August und setzt fort: "I confirm that I am quite satisfied that my article should, on your responsibility, appear in the slightly curtailed form in which the proof reached me." Dann aber wendet er sich der politischen Substanz zu, um die es ganz offensichtlich ging. Er bittet zu entschuldigen, was er über Barbarismus gesagt habe, aber das Wort bezeichne genau den Eindruck, den „all of us here" von den Ereignissen in Deutschland hätten. Spiethoffs Brief lasse die Vermutung zu, daß er keine Ahnung von dem Entsetzen habe, das alle Menschen in England erfaßt hat. Seit vielen Generationen seien solche schändlichen Dinge nicht in einem Land geschehen, das beanspruche, als zivilisiert zu gelten. "We only wish we know how to make our protest more effective." Spiethoff möge versichert sein, daß das, was Keynes sage, die einhellige Meinung aller Verantwortlichen in seinem Lande ist. Und was den Hinweis betreffe, was sich in Deutschland ereignet sei nicht Ergebnis von Gewalt sondern entspräche dem Willen der Mehrheit der Bevölkerung, "that in our view would make some of the persecutions and outrages of which we hear, and of which we sometimes have fuller information than those living within Germany, ten times more horrible." Keynes sah also politisch-moralisch ganz klar; seine Wertungen sind eindeutig13. Aber merkwürdig: Wenn - wie er schreibt - alle nur darüber nachdenken, wie man den Protest wirkungsvoller machen könnte, warum hat er nicht den Test gemacht und an einigen seiner ursprünglichen Formulierungen des 5. Teiles festgehalten oder seinen Beitrag, wenn er nicht in der originalen Form erscheinen konnte, zurückgezogen? Warum wollte er in dem von ihm doch moralisch disqualifizierten Land dennoch gelesen werden und dabei das Risiko auf sich nehmen, mißverstanden zu werden in seinen Sympathien mit der neuen Wirtschaftspolitik? Oder hatte er - und hatte vielleicht auch Spiethoff - die Vorstellung, die nun so viel vorsichtigeren Warnungen am Ende könnten immerhin eine politische Wirkung noch haben, das lesende Publikum würde schon begreifen, daß eigentlich nicht allein Stalins Rußland gemeint ist? 4. Es bleibt vieles an dem „Fall" unklar. Zum Teil liegt das an der Quellenlage. Aber selbst wo es viel mehr schriftliche Dokumente gibt, bleiben wesentliche Elemente der Geschichte der nationalsozialistischen Herrschaft unklar. Was die Menschen letztendlich bewegt hat, ist schwer zu ergründen. 13 Dafür gibt es auch mannigfache öffentliche Zeugnisse. So schrieb er in einem Artikel "Two Years off Gold: How Far Are We from Prosperity Now?" in The Daily Mail am 19. September 1933: "The Germans, broken in body and spirit, seek escape in a return backwards to the modes and manners of the Middle Ages, if not of Odin." JMK, XXI, 285. Nach 1933 bricht bezeichnenderweise auch Keynes regelmäßige Publikationstätigkeit in Deutschland ab. Doch hat noch einmal das Vorwort zur deutschen Ausgabe der „General Theory" Irritationen verursacht. Zur Problematik dieses Vorwortes siehe Schefold (1980), 175 - 176. ZWS 108 (1988) 2 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.108.2.271 | Generated on 2023-04-04 12:10:56 278 Knut Borchardt Arthur Spiethoff war kein Nazi, auch wenn er in seinem Brief an Keynes die neue Regierung in ihrer staatsrechtlichen Legitimität verteidigte. Viel eher wird man vermuten dürfen, daß er hier in einer Art „vorauseilenden Gehorsams" Selbstzensur geübt hat, um nicht die Zeitschrift oder sein Amt an dieser Zeitschrift in Gefahr zu bringen. Auch das so ungewöhnliche Vorblatt zu dem Heft, in dem der Keynes-Aufsatz erschien, wird man in diesem Sinne als Konzession deuten können14. Rund herum fanden schon wenige Monate nach der Machtübergabe an Hitler Wechsel der Herausgeberschaft wissenschaftlicher Zeitschriften statt. Bereits Ende 1933 wurden ja auch bei den drei anderen großen wirtschaftswissenschaftlichen Zeitschriften Deutschlands, bei den Jahrbüchern für Nationalökonomie und Statistik, der Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft und beim Weltwirtschaftlichen Archiv die Herausgeber ausgewechselt, eindeutig in politischer Absicht15. Daß solche Veränderungen vielfach nicht einmal direkt von Organen der NSDAP oder des Staates erzwungen worden sind, sondern auch die „Selbst-Gleichschaltung" einen großen Anteil hatte, ist in Bezug auf zahlreiche Universitäten und wissenschaftliche Disziplinen inzwischen gründlich belegt worden16. Was den hier beschriebenen Fall von „Selbstzensur" von den bislang bekannten unterscheidet, ist die Beteiligung eines unzweifelhaft klarsehenden, prominenten ausländischen Gelehrten: die „kooperative Selbstzensur". Warum machte Keynes gute Mine zum bösen Spiel? Für ihn können Motive der persönlichen Sicherheit oder der Karriere keine Rolle gespielt haben. Freilich, es gibt da diese merkwürdige Formel, mit der A.Spiethoff behauptet, die Verantwortung für die Überarbeitung zutragen. Darauf ist Keynes bereitwillig eingegangen. Aber das konnte ihn doch im günstigsten Fall vor dem Skandal nur schützen, wenn seinerzeit eine öffentliche Erörterung über die Tatsache der Bearbeitung (in Deutschland oder im Ausland) stattgefunden hätte, denn der Artikel erschien ja ohne jeglichen Hinweis auf eine Vorveröffentlichung und die anschließende Bearbeitung. De facto trägt Keynes, wie die Geschichte der wissenschaftlichen Verwertung von „Nationale Selbstgenügsamkeit" zeigt, bis heute die Verantwortung des Autors allein. Doch könnten wir jetzt das seinerzeit von Spiethoff und Keynes hinsichtlich der Verteilung der Verantwortung Verabredete nachholend berücksichtigen. Wir müßten nur darauf verzichten, den Artikel „Nationale Selbstge14 Abgedruckt wurde in Italienisch und dann in deutscher Übersetzung ein Zitat Benito Mussolinis aus einer Ansprache an die Professoren und Studenten der Universität Padua am 1. Juni 1923: „Ich zögere nicht zu behaupten, daß, wenn Deutschland vermocht hat, der Suggestion des Bolschewismus zu widerstehen, dieses vor allem der starken Universitätsüberlieferung jenes Volkes zu verdanken ist." is Siehe u.a. Krawehl (1986), 20 - 22. 16 Statt zahlreicher bibliographischer Angaben siehe M. Funke (1986), 1 - 14. Für die Wirtschaftswissenschaften fehlt noch immer eine gründliche historische Darstellung, die sich nicht nur an das Publizierte hält. Mit starken ideologischen Vorgaben gearbeitet ist Krause (1969), später integriert in Krause / Rudolph (1980). ZWS 108 (1988) 2 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.108.2.271 | Generated on 2023-04-04 12:10:56