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Die Wirtschaft in Leben und Lehre

Wendt, Siegfried

Abstract

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Wendt, Siegfried Article Die Wirtschaft in Leben und Lehre Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Wendt, Siegfried (1958) : Die Wirtschaft in Leben und Lehre, Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, ISSN 1619-6244, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 78, Iss. 2, pp. 1-20, https://doi.org/10.3790/schm.78.2.1 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/290894 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ 129] 1 Die Wirtschaft in Leben und Lehre Hermann Schumacher und sein Werk Von Siegfried Wendt - Wilhelmshaven-Rüstersiel Wenn Hermann Schumacher seinem letzten großen Werk, einer Einführung in die Volkswirtschaftslehre den Titel „Die Wirtschaft in Leben und Lehre" gegeben hat, so hat er damit gleichzeitig in treffender Weise die Eigenart seiner eigenen wissenschaftlichen Entwicklung, ja seines ganzen wissenschaftlichen Lebenswerkes gekennzeichnet. Es gibt wohl kaum einen bedeutenden Gelehrten unseres Faches, bei dem das Erlebte, das unmittelbar Angeschaute, in so eigentümlicher Weise Inhalt und Aufbau der Lehre bestimmt hat wie bei Hermann Schumacher. Seine umfassende Forschungsarbeit ist von seinem Leben, von den tatschlichen Erlebnissen, die er hatte, von den lebendigen Eindrücken, die er gewann, nicht zu trennen. Ihm ging es nicht darum, sich mit Meinungen anderer Gelehrter über Gegenstände der Wirtschaftswissenschaft auseinanderzusetzen, er suchte diese Gegenstände selbst in den Griff zu bekommen. Und nur da, wo er zu unmittelbarer Anschauung gelangen konnte, wurde der forschende Geist in ihm wach, und er begann nach den Zusammenhängen zu fragen. Diese Frage wurde von ihm stets in, vollem Ernst gestellt. Er begnügte sich nicht damit, durch Eindrücke Stoff zu sammeln; die Aufgabe der wissenschaftlichen Forschung erblickte er darin, den Stoff geistig zu durchdringen, vom Zufälligen und Vergänglichen des Tages zu befreien, um so die entscheidenden Zusammenhänge aufzudecken. In dieser geistigen Durchdringung des erfahrungsmäßig gewonnenen Stoffes sah er die Aufgabe der ökonomischen Theorie1. Theoretisch zu denken bedeutete ihm nicht, ein 1 Vgl. Hermann Schumacher, Weltwirtschaftliche Studien. Vorträge und Aufsätze, Leipzig 1911. S. VI: „Die Aufgabe der Wissenschaft setzt erst dann ein und bestellt darin, solches angesammelte Material gewissermaßen zu theoretisieren, d. h. in seinen geistigen Zusammenhängen unter Ausscheidung alles Unwesentlichen klarzulegen und so vom Zufälligen und Vergänglichen; des Tages zu befreien. Wie in der wirtschaftlichen Produktion erfordern heute in Deutschland Entwicklungsstand und internationale Geltung auch in der wissenschaftlichen, nicht Rohstoffe zu liefern und billiges Halbfabrikat, sondern hochwertige Qualitätsware, bei welcher der Stoff ganz hinter die Arbeit zurücktritt/4 Schmollers Jahrbuch 78, 2 1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.2.1 | Generated on 2023-04-04 11:26:46 2 Siegfried Wendt [130 abgezogenes System funktionaler Bedingtheiten zu entwerfen und in allen seinen — deduktiv gewonnenen — Bezügen zu beschreiben, sondern das Allgemeine im Besonderen zu sehen. Er hat sich bei allen seinen wissenschaftlichen Untersuchungen nie von der Wirklichkeit des Lebens entfernt. Immer wieder sind es tatsächliche Probleme seiner Zeit gewesen, an denen sich die Fähigkeit zu sondern und zusammenzuordnen bewährt hat. Schon der Weg, den der junge Hermann Schumacher zur Wirtschaftswissenschaft als einer Wissenschaft vom Zusammenleben der Menschheit geführt worden ist, kann als ein Kennzeichen für die Entfaltung seiner geistigen Persönlichkeit angesehen werden. Am 6. März 1868 als Sohn des Handelskammersyndikus Dr. Hermann Albert Schumacher in Bremen geboren1®, wuchs er schon in den Kinderjahren in die weltoffene Denkweise der Hanseaten hinein. Gefördert wurde die Entwicklung zu weltweitem Denken durch die Tatsache, daß sein Vater sehr bald als diplomatischer Vertreter des jungen Deutschen Reiches zunächst nach Bogota iind dann nach New York ging. Erst die letzten Schuljahre hat Hermann Schumacher wieder in Bremen zugebracht. So ist es verständlich, daß die Anteilnahme am Leben fremder Völker die Studienwünsche des Abiturienten bestimmte. Völkerkunde gedachte er zu studieren. Erst als man ihn darauf aufmerksam machte, daß diese Disziplin sich an den Universitäten noch nicht voll durchgesetzt hätte und als selbständige Wissenschaft noch nicht voll anerkannt war, wurde er schwankend und bezog die Universität Freiburg, ohne sich für ein besonderes Fachstudium entschieden zu haben. Er belegte Vorlesungen aus den verschiedensten Gebieten: aus der Naturwissenschaft, aus der Philosophie, der Geschichte, der Rechtswissenschaft und einer Wissenschaft, von deren Vorhandensein und Bedeutung er in seiner Vaterstadt Bremen gar keine Kenntnis bekommen hatte, der Volkswirtschaftslehre. Bremen war so mit der praktischen Wirtschaft beschäftigt, daß seine Kaufleute für die Wirtschaftswissenschaft weder Zeit noch Interesse hatten. Man glaubte, allein mit den praktischen Erfahrungen in wirtschaftlichen Fragen auskommen zu können. Eugen von Philippovich las damals ein vierstündiges Kolleg über Volkswirtschaftspolitik, in dem er sich mit wirtschaftlichen Problemen der Gegenwart auseinandersetzte. Zwar sprach er auch von der Vergangenheit, aber immer in Bezug auf die Gegenwart und im la Hermann Schumacher wäre also in diesem Jahre 90 Jahre alt geworden. Er ist am 3. Oktober 1952 in Göttingen gestorben. Sein Leben habe ich in einer Gedächtnisschrift der „Schumacher-Vereinigung" kurz dargestellt. Vgl. Siegfried Wendt, Schauen, Forschen, Lehren. Einblick auf das Leben Hermann Schumachers, in: Hermann Schumacher, herausg. von der Schumacher-Vereinigung, Verlag Behr, Wiesbaden 1958, S. 5—15. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.2.1 | Generated on 2023-04-04 11:26:46 131] Die Wirtschaft in Leben und Lehre 3 Hinblick auf die Zukunft. Das war für den jungen Hermann Schumacher bedeutungsvoll. Er erkannte — auch durch den Vergleich der rechtsgeschichtlichen Vorlesung von Karl v. Amira mit der wirtschaftswissenschaftlichen von Eugen v. Philippovich — daß „er nicht zum Stubengelehrten bestimmt war, sondern ein tatenfroher Gegenwartsmensch zu werden bestrebt sein müsse"2. Er wollte nicht in erster Linie wissen, was in der Vergangenheit gewesen war, ihn interessierte, was von der Vergangenheit lebendig geblieben war. Von Philipp o vich behandelte in seiner Vorlesung vornehmlich die mit der industriellen Entwicklung zusammenhängenden sozialen Probleme. Diese Ausführungen verhalfen Hermann Schumacher zu einer Erkenntnis, die seine wissenschaftliche Haltung entscheidend bestimmt hat. Die Volkswirtschaftslehre ist nicht, wie so oft gesagt wurde, eine Wissenschaft vom „Volksreichtum", sondern eine Wissenschaft vom „Gemeinwohl", d. h. eine an Aufgaben überreiche Wissenschaft von der Gestaltung des menschlichen Zusammenlebens. Am meisten aber ist Hermann Schumacher in dieser Zeit durch alles das bewegt worden, was ihm unklar geblieben war oder was er in der Vorlesung vermißt hatte. Diese „quälenden Fragezeichen" sind es in erster Linie gewesen, die ihn zum Volkswirt gemacht haben. Erinnerung an eigene Erlebnisse, an selbst gewonnene Anschauungen in der alten und in der neuen Welt verlangten eine Ergänzung des Gehörten. Vergeblich suchte er in der damaligen wissenschaftlichen Literatur nach ausreichender Unterrichtung über die internationale Organisation von Handel und Verkehr. Es erschien ihm als verlockendes Ziel, die Volkswirtschaftslehre für das Verständnis der Handel und Verkehr in der ganzen Welt bestimmenden Probleme nutzbar zu machen. Die Entscheidung für das Studium der Volkswirtschaftslehre veranlaßte Hermann Schumacher, sich mit dem Verhältnis von Rechtswissenschaft und Volkswirtschaftslehre auseinanderzusetzen. Diese Frage hat ihn während seines ganzen Lebens beschäftigt, weil er sich über den Aufbau des Studiums der Wirtschaftswissenschaften immer wieder Gedanken gemacht hat — zunächst als erster Studiendirektor der ersten selbständigen Handelshochschule in Deutschland zu Köln3, später als Professor der Berliner Universität4. 2 Vgl. Hermann Schumacher, Ein Leben in der Weltwirtschaft, Manuskript S. 101. Diese nur im Manuskript vorliegenden Lebenserinnerungen sind für die nachfolgenden Zeilen als wichtige Quelle benutzt worden. 3 Vgl. Hermann Schumacher, Festrede bei der Eröffnung der Handelshochschule Köln in: Die Handelshochschule in Köln die erste selbständige Handelshochschule in Deutschland, 3. Aufl., Berlin 1902, S. 12—23. Hermann Schumacher war von 1901—1904 Studiendirektor der Handelshochschule Köln und nahm gleichzeitig eine Professur für Handelswissenschaften an dieser Anstalt wahr. r OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.2.1 | Generated on 2023-04-04 11:26:46 4 Siegfried Wen dt [132 Die Volkswirtschaftslehre müsse in enger Verbindung mit der Rechtswissenschaft betrieben werden. Die juristische Schulung sei für den Volkswirt von erheblichem Wert. Sie erziehe zur Zucht des Denkens und bewahre vor Verschwommenheit. Zwar brauche der Volkswirt keine vollständige Kenntnis von juristischen Dingen, wohl aber ein umfassendes Verständnis für juristische Fragen. Hermann Schumacher meinte oft, daß er jedem volkswirtschaftlichen Schriftsteller alsbald anmerken könne, ob er sich mit der Rechtswissenschaft vertraut gemacht habe oder nicht. Den wesentlichen Unterschied zwischen der Rechtswissenschaft und der Volkswirtschaftslehre erblickte Hermann Schumacher in der verschiedenartigen Struktur des Materials, mit dem beide Wissenschaften umzugehen haben. Für die Rechtswissenschaft ist das Material, an dem gedacht wird, im wesentlichen in aufbereiteter Form gegeben. Es besteht in den meist als Gesetze festgelegten Rechtssätzen, die das Leben der Menschen regeln. Der Volkswirt muß sich dagegen — sofern er nicht als rein abstrakt denkender Theoretiker arbeiten will — das Material, das er zu untersuchen beabsichtigt, aus der Fülle der Lebenserscheinungen selbst beschaffen. Dazu gehört ein besonders entwickelter Spürsinn. Diesen Spürsinn zu entfalten, reizte schon den jungen Studenten. Je mehr er sich in die Volkswirtschaftslehre hineinarbeitete, desto deutlicher erkannte er, daß das Material wissenschaftlich um so wertvoller ist, je unmittelbarer es aus dem Leben geschöpft wird. Wer keine Anschauung vom Leben hat, ist als Volkswirt in der Gefahr, in die Irre zu gehen. Allerdings muß man die Fähigkeit besitzen, schon bei der Auswahl des Materials das Wesentliche vom Unwesentlichen, das Bedeutungsvolle vom Unbedeutenden, das Bleibende vom Zufälligen zu unterscheiden. Nur aus lebendigen Eindrücken des Auges und des Ohres erwuchs ihm der Mut zu eigenem Urteil. Das zeigte sich schon, als er mit seinem Bruder Fritz Schumacher5 auf weiten Umwegen, die ihn bis Budapest führten, nach Aufbau und Entwicklung des Studiums an dieser Handelshochschule lagen im wesentlichen in seiner Hand. 4 Vgl. Hermann Schumacher. Zur Reform der staatswissenschaftlichen Studien, in: Jb. f. Ges., Verw. u. Volkswirtsch., Bd. XLIV. Berlin und München 1920, S. 949—980. Derselbe, Ein Warnruf zur geplanten Reform der volkswirtschaftlichen Studien, in: Jb. f. Ges., Verw. u. Volkswirtsch., Bd. XL VI. Berlin und München 1922, S. 893—921. Diese Schrift ist auch gesondert im Buchhandel erschienen. 5 Hermann Schumachers Bruder Fritz, dem er während des ganzen Lebens sehr verbunden war, studierte Architektur, wurde Professor an der Techn. Hochschule Dresden und später Oberbaudirektor von Hamburg. Er war einer der ersten großen Stadtplaner der neueren Zeit. Zu seinen bedeutendsten Leistungen können die städtebauliche Umgestaltung des ehemaligen Festungsgürtels von Köln und die Ausarbeitung der Generalbebauungspläne von Köln und Hamburg gerechnet werden. Seine unter dem Titel „Stufen des Lebens, Erinnerungen eines Baumeisters", OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.2.1 | Generated on 2023-04-04 11:26:46 133] Die Wirtschaft in Leben und Lehre 5 seiner zweiten Universitätsstadt München reiste. Die Probleme Ungarns, das innerhalb der Doppelmonarchie, ja im weiter gefaßten Südostraum Europas überhaupt, eine besondere Stellung einnahm, reizten ihn zu Forschung und Auseinandersetzung. Aus diesen Bemühungen ging seine erste wissenschaftliche Arbeit hervor6. Er hat es später als ein großes Glück bezeichnet, daß der erste Versuch, sich eigene Urteile durch „so etwas wie Forschung" zu erwerben, sich auf ein kleines Land von so einfacher Struktur, wie es das damalige Ungarn war, bezog. Es war ihm möglich, Land und Volk im Ganzen zu erfassen und von diesem Blickpunkt aus das Einzelne zu sehen. Das hielt er auch für den Kern aller volkswirtschaftlichen Betrachtungen, die damals bei ihm allerdings noch hinter den volkskundlichen und kulturpolitischen zurücktraten. Die Studiensemester in München und Wien haben Hermann Schumacher nationalökonomisch wenig geholfen. Helferich in München enttäuschte ihn, und die wissenschaftliche Bedeutung von Karl M e n g e r in Wien vermochte er nach seinem eigenen Urteil damals noch nicht zu würdigen. Erst in Berlin begegnete er in Gustav v. Schmoller und Adolf Wagner den beiden Männern, die er in großer Dankbarkeit stets als seine Lehrer bezeichnet hat, obwohl er sich in seiner wissenschaftlichen Entfaltung wesentlich von beiden unterschieden hat. Als Hermann Schumacher als Student nach Berlin kam, war sein Glaube an die Dogmen der sogenannten klassischen Schule bereits erschüttert. Aber erst in Berlin trat die Frage der wissenschaftlichen Methode in aller Schärfe an ihn heran. Im Seminar Gustav v. Schmollers ist ihm klar geworden, daß man immer wieder feststellen muß. ob die Tatsachen des Wirtschaftslebens auch noch in vollem Umfange denen entsprechen, aus denen die überkommenen Lehren abgeleitet worden sind. Klar geworden ist ihm aber auch, daß es nicht genügt, bloß Tatsachen zu sammeln. Aus solchen Tatsachen mußten „methodische Folgerungen" gezogen werden. Im Seminar von Schmoller erhielt er aber keine Antwort auf die Frage, wie das zu geschehen habe. Schmoller betrachtete neue Lehren gleichsam als natürliche Nebenfrüchte geschichtlicher Studien. Der junge Hermann Schumacher aber spürte nicht, wie aus der Lektüre alter Zunfturkunden neue Lehren von allgemeiner Bedeutung von selbst hervorwachsen konnten. Das beunruhigte den von den Problemen der Gegenwart geradezu bedrängten jungen Menschen. Stuttgart, Deutsche Verlagsanstalt, o. J., erschienenen Lebenserinnerungen berichten auch über die gemeinsamen Reisen der beiden Brüder. 6 Vgl. Hermann S chumacher, Aus dem modernen Ungarn, kulturhistorische und politische Skizzen, Deutsche Zeitund Streitfragen, begründet von v. Holtzendorf, herausgegeben von Jürgen Bohna-Meyer. N.F., Heft 81/82, Hamburg 1891. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.2.1 | Generated on 2023-04-04 11:26:46 6 Siegfried Wendt 1134 Zunächst suchte er den Grund für dieses Versagen in sich selber. Erst später, als er mit Georg Friedrich Knapp und seinen wissenschaftlichen Arbeiten bekannt geworden war, wurde ihm deutlich, daß es bei aller wissenschaftlichen Forschung entscheidend darauf ankomme, aus den Tatsachen ursächliche Zusammenhänge abzuleiten, also echte Erkenntnisse vom Zusammenhang des Geschehens zu gewinnen und sich weder damit zu begnügen, bloß Tatsachen als solche festzustellen, noch allein Ideale für das wirtschaftliche Handeln herauszuarbeiten. Hermann Schumacher hat immer wieder anerkannt, daß Georg Friedrich Knapp seinem volkswirtschaftlichen Denken zu wirklicher Klarheit verholfen habe. Insbesondere ist er durch die Feststellung K n a p p s beeindruckt worden, daß es sich nicht darum handele, mit aller Gewalt „Naturgesetze" finden zu wollen, daß es vielmehr darauf ankomme, „Anschauungen" zu gewinnen, aus deren Vergleich man die „Eigentümlichkeit und den Entwicklungsgang des behandelten Stoffes kennen" lernen könne7. So wurde Hermann Schumacher dazu geführt, die Volkswirtschaftslehre als eine Geisteswissenschaft zu begreifen, in der es darauf ankommt, Zusammenhänge menschlichen Lebens und Handelns zu verstehen. An der Klärung seines volkswirtschaftlichen Denkens ist auch Adolf Wagner beteiligt gewesen. Seine Persönlichkeit bildete ja geradezu einen Gegensatz zu der Schmollers. Schmoll er betrachtete, Wagner kämpfte. Was den jungen Hermann Schumacher anzog, war, daß Wagner für Deutschland kämpfte. Deutschlands Stellung in der Welt bildete für Wagner den Kern des nationalen Gedankens, und die Aufgabe der Sozialpolitik sah er darin, die Arbeiterschaft in die Gemeinschaft des Deutschen Volkes einzugliedern. Die Volkswirtschaftslehre selbst suchte er auf die Bedürfnisse der Gegenwart zu beziehen. Obwohl Hermann Schumacher seine beiden Hauptlehrer, Gustav v. Schmoller und Adolf Wagner, zeit seines Lebens hochverehrt hat, ist er schon in jungen Jahren zu der Erkenntnis gekommen, daß die Auffassungen beider von der Volkswirtschaftslehre ihm nicht genügen konnten. Für ihn kam eine Verbindung der Volkswirtschaftslehre weder mit der Geschichte noch mit der Politik in Frage. Hermann Schumacher bemühte sich, die tatsächlichq Wirtschaft kennenzulernen, die sich im Zeitalter der Dampfschiffahrt, der Eisenbahnen und der elektrischen Nachrichtenmittel zur Weltwirtschaft geweitet hatte. Weltwirtschaftliche Zusammenhänge zu erforschen, erschien ihm ebenso reizvoll wie notwendig zu sein. Da er von den Problemen der wirklichen Wirtschaft ausging, hat er davon 7 Dieses Zitat nach Georg Friedrich Knapp findet sich im Manuskript der Lebenserinnerungen von Hermann Schumacher. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.2.1 | Generated on 2023-04-04 11:26:46 135] Die Wirtschaft in Leben und Lehre 7 abgesehen, eine besondere „Weltwirtschaftslage" als theoretisches System zu entwickeln. Er hielt es für sinnvoller, die konkreten Aufgaben neuzeitlicher Industriewirtschaft in ihren weltweiten Bezügen zu sehen. Dabei waren es vor allem organisatorische Probleme im weiteren Sinne dieses Wortes, die seine Aufmerksamkeit fesselten. Funktionale Fragen des wirtschaftlichen Rechenzusammenhanges hat er als solche nie selbständig behandelt, sondern immer nur im Zusammenhang mit organisatorischen Problemen. Hermann Schumacher hat auch keine abgezogenen Lehren entwickelt, sondern er hat Anschauung vermittelt und dadurch Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge geschaffen. Wer seine wirtschaftliche Bedeutung würdigen will, muß sich deshalb bemühen, einen Überblick über Themen und Probleme seiner wichtigsten Arbeiten zu gewinnen. Seine zahlreichen wirtschaftswissenschaftlichen Untersuchungen kann man in drei bzw. vier Gruppen zusammenfassen, deren Fragestellungen allerdings aufs engste miteinander verbunden sind: 1. Untersuchungen, in denen Fragen der Marktbildung und Marktorganisation behandelt werden; 2. Untersuchungen zu verkehrswirtschaftlichen Problemen; 3. Untersuchungen zu Fragen des Geld-, Kreditund Bankwesens; 4. Untersuchungen zur Grundstruktur der industriellen Wirtschaft. Die meisten Untersuchungen der beiden ersten Gruppen standen in unmittelbarer Verbindung mit großen Reisen, auf denen sich Schumachers Talent zur Enquete in vollendeter Weise entfalten konnte. Zu 1 . In der Zeitung hatte Hermann Schumacher, der damals als Kammergerichtsreferendar in einen Kreis junger Volkswirte gekommen war, gelesen, daß Henry V i 11 a r d , der aus der Pfalz nach Amerika ausgewanderte Erbauer der Northern Pacific Railroad, dem deutschen Reichskanzler eine größere Summe für Stipendien zur Verfügung gestellt hatte, um deutschen Ingenieuren den Besuch der Weltausstellung von Chikago zu ermöglichen. In dem Gedanken, daß ein großer Unternehmer in den Vereinigten Staaten nicht kleinlich sein würde und die ausgesetzten Mittel auch einem Nicht-Ingenieur zur Verfügung stellen würde, wenn er in Amerika einen einleuchtenden Zweck verfolgen würde, richtete Hermann Schumacher eine entsprechende Eingabe an den Reichskanzler. Er begründete seine Bewerbung um ein Reisestipendium mit der Absicht, Studien über die Organisation der amerikanischen Getreidebörsen durchzuführen. Es hatte sich damals bei der Vorbereitung eines deutschen Börsen» gesetzes gezeigt, daß man über die amerikanischen Verhältnisse kaum unterrichtet war. Diese Lücke mußte ausgefüllt werden. Hermann Schumacher war ebenso überrascht wie erfreut, als er den Bescheid erhielt, daß sein Gesuch genehmigt worden sei. Mit einem OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.2.1 | Generated on 2023-04-04 11:26:46 8 Siegfried Wendt [136 Stipendium von 2000 Mark konnte er 1893 in die Vereinigten Staaten fahren. Das Ergebnis seiner Forschungen über die Organisationsprinzipien des amerikanischen Getreidehandels und die Funktion der amerikanischen Getreidebörsen hat Hermann Schumacher in zwei bedeutenden Abhandlungen zusammengefaßt, die 1895 und 1896 in Conrads Jahrbuch erschienen sind8. In diesen — nach Form und Inhalt — klassisch zu nennenden Abhandlungen zeigt sich ein hohes Maß theoretischer Denkkraft, die sich in der Fähigkeit, Tatsachen systematisch zu ordnen und die Vorgänge gedanklich miteinander zu verbinden, kundtut. Man muß bedenken, daß Hermann Schumacher mit diesen Untersuchungen gleichsam wissenschaftliches Neuland betreten hat. Er stützte sich in erster Linie auf eigene Beobachtungen und Erfahrungen, in zweiter Linie auf das Studium der Jahresberichte zahlloser Handelsorganisationen und Aufsichtsbehörden und konnte nur in geringem Maße auf bereits vorliegende mehr oder minder wissenschaftliche Verarbeitungen des ,.Rohmaterials" zurückgreifen. Hermann Schumacher hat das Leben wirklich eingefangen, hat Begriffe scharf und genau gebildet und hat mit sicherer Hand die Fäden der entscheidenden Zusammenhänge geknüpft. Mag manche Einzelheit durch die Entwicklung überholt sein, methodisch kann die Arbeit auch heute noch als ein Vorbild exakter empirischer Forschung angesehen werden. Aber auch der sachliche Inhalt der Arbeit ist noch immer von großem wissenschaftlichem Wert. Das gilt insbesondere von den grundsätzlichen Ausführungen über das Börsentermingeschäft9. Die Ergebnisse der zweiten größeren Arbeit über Marktprobleme, nämlich einer Untersuchung über „die Organisation des Fremdhandels in China"10, sind heute nicht mehr von praktischer Bedeutung. Wer verstehen will, wie sich die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen China und den europäischen Ländern, zwischen chinesischen Kaufleuten und europäischen Firmen entwickelt haben, wird aber auch heute mit Nutzen zu dieser Untersuchung greifen. Auch sie beruht auf lebendiger Anschauung, die Hermann Schumacher als Mit8 Vgl. Hermann Schumacher, Der Getreidehandel in den Vereinigten Staaten und seine Organisation, in: Jb. f. Nat.Oek. u. Stat. 3. F. Bd. 10, Jena 1895; derselbe, Die Getreidebörsen in den Vereinigten Staaten, in: Jb. f. Nat.Oek, u. Stat. 3. F. Bd. 11, Jena 1896. Beide Abhandlungen sind zusammengefaßt unter dem Titel „Die Organisation des Getreidehandels in den Vereinigten Staaten'4 in den „Weltwirtschaftlichen Studien" des Verfassers 1911 S. 209—400 neu gedruckt worden. 9 Vgl. dazu auch Hermann Schumacher, Das Verbot des Getreideterminhandels, in: Preuß. Jahrb. 1896, Bd. 85 u. 86. 10 Vgl. Hermann Schumacher, Die Organisation des Fremdhandels in China, Vortrag vor der internationalen Vereinigung für vergleichende Rechtswissenschaft und Volkswirtschaftslehre im Winter 1898/99, Jb. f. Ges., Verw. u. Volkswirtsch. 1899, wieder abgedruckt in: Weltwirtschaftliche Studien, Leipzig 1911. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.2.1 | Generated on 2023-04-04 11:26:46 143] Die Wirtschaft in Leben und Lehre 15 menhang: mit der Konzentration im Bankwesen, die man in Deutschland um die Jahrhundertwende beobachten konnte29, mit der Geldkrisis des Jahres 190730, die von Amerika ausgehend die ganze Welt in Mitleidenschaft zog und mit der Zerstörung der gesamten Ordnung des internationalen Zahlungsverkehrs nach dem ersten Weltkrieg31. Seine Geldtheorien und kreditpolitischen Auffassungen standen dem Gedankengut der Banking-Theorie nahe. Das zeigt sich besonders deutlich in der großen Abhandlung über die deutsche Geldverfassung und ihre Reform. Hier versucht Hermann Schumacher den Begriff des Geldbedarfs gleichsam absolut, d. h. losgelöst von den Bedingungen der Geldschöpfung zu begründen. Er meint, daß der Bedarf an Zahlungsmiteln „aus natürlichen, volkswirtschaftlichen und rechtlichen Gründen"32 Schwankungen unterliege, denen sich die Geldverfassung anpassen müsse. Zu den „volkswirtschaftlichen" Gründen, die bei der Anpassung der Geldschöpfung an den Geldbedarf beachtet werden müssen, rechnet er auch die Konjunkturschwankungen. Seine Hauptsorge ist, der Geldschöpfung die nötige Elastizität zu geben, sich diesen Schwankungen des Bedarfs an Zahlungsmitteln anzupassen. Im Anschluß an Friedrich Bendixen setzt er sich infolgedessen dafür ein, in den Mittelpunkt der gesamten Notenbanktätigkeit die Diskontierung von Warenwechseln zu stellen33. Wir sind auch heute noch der Meinung, daß die Pflege des Wechseldiskontgeschäfts zu den wichtig29 Vgl. Hermann Schumacher, Ursachen und Wirkungen der Konzentration im deutschen Bankwesen, akademische Rede zum 27. 1. 1906, gehalten an der Universität Bonn, erweit. u. geänd. abgedruckt in: Jb. f. Ges., Verw. u. Volkswirtsch., Bd. XXX, 1906, wieder abgedruckt in: Weltwirtschaftliche Studien, Leipzig 1911, S. 170—208. 30 Vgl. Hermann Schumacher, Die Ursachen der Geldkrise von 1907, Vortrag vor der Gehe-Stiftung, wieder abgedruckt in: Weltwirtschaftliche Studien, Leipzig 1911, S. 1—45. Eine französische Übersetzung von Prof. Jean L e s c u r e ist unter dem Titel „Le marché financier Américain et sa récente crise monétaire'4 in Paris 1909 erschienen. Hermann Schumacher, Die deutsche Geldverfassung und ihre Reform, in: Jb. f. Ges., Verw. u. Volkswirtsch, Bd. XXXII, 1908, wieder abgedruckt in: Weltwirtschaftliche Studien, Leipzig 1911, S. 46—169. 31 Vgl. Hermann Schumacher, Das Problem der internationalen Kriegsverschuldung, in: Hannoversche Hochschulgemeinschaft, Hannover 1925; derselbe, Die Kriegsschulden, in: Stockholm, Internationale sozialkirchliche Zeitschrift, 1930, Heft 1; derselbe, Das Währungsproblem der Gegenwart, Internationale Konferenz für Agrarwissenschaft in Bad Eilsen 1934, Leipzig 1934. 32 Vgl. Hermann Schumacher, Die deutsche Geldverfassung und ihre Reform, a.a.O., S. 108. 33 Vgl. Hermann Schumacher, a.a.O., S. 112/113: „Durch eine solche mittels des Warenwechsels hergestellte organische Verbindung der Banknotenausgabe mit dem Wirtschaftsleben wird es somit erreicht, daß die Menge der umlaufenden Zahlungsmittel dem wechselnden Bedarf an Zahlungsmitteln automatisch sich anpaßt. Je vollkommener das geschieht, um so mehr ist es ausgeschlossen, daß das Geld selbst die Preise beeinflussende Veränderungen erleidet und um so mehr wird die Preisbildung allein durch die Gestaltung von Angebot und Nachfrage auf dem Warenmarkt bestimmt werden." OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.2.1 | Generated on 2023-04-04 11:26:46 16 Siegfried Wendt [144 sten Aufgaben einer Notenbank gehört. Allerdings beurteilen wir die Funktionen der Diskont-Politik heute anders, als es Hermann Schumacher34 tat. Nach seiner Meinung mußten Diskontveränderungen nur durchgeführt werden, um „die Währung zu verteidigen". Darunter verstand er die Aufgabe, den Wechselkurs zu sichern. Binnenwirtschaftlich gesehen hat die Diskontpolitik nach seiner Meinung nur die Aufgabe, sich dem Geldmarkt anzupassen. Als konjunkturpolitisches Gestaltungsmittel wird sie noch nicht gesehen. Um so bemerkenswerter ist es, daß Hermann Schumacher die Ansätze einer OffenMarkt-Politik in England und Deutschland behandelt. Er betrachtet aber die Offen-Markt-Politik nicht vom Blickpunkt volkswirtschaftlicher Notwendigkeiten, sondern in erster Linie als ein geschäftliches Erfordernis der Notenbank35. Volkswirtschaftlich schien es Hermann Schumacher die wichtigste Aufgabe zu sein, die Banknote als elastisch zu schaffendes Zahlungsmittel im Geldverkehr durchzusetzen. Zwei Mittel sollten diesem Zwecke dienen: erstens müsse dafür Sorge getragen werden, daß die Reichsbank stets auf das nötige Wechselmaterial für die Pflege des Wechseldiskontgeschäfts zurückgreifen könne. Die Reichsbank müsse daher bemüht sein, den unmittelbaren Geschäftsverkehr mit Unternehmungen aus Industrie und Handel zu verdichten. Zweitens käme es darauf an, Gold aus dem Verkehr zu ziehen, um den Barvorrat der Bank, der mindestens ein Drittel des Notenumlaufs betragen müsse, zu stärken. Das könne insbesondere durch Ausgabe kleinerer Banknoten geschehen. Bedeutungsvoll an den Konzeptionen von Hermann Schumacher ist der Gedanke, daß ein im Wege des bankmäßigen Kredites geschaffenes Geld der Dynamik industrieller Wirtschaftsweise am besten entspricht. Unsere Sorge besteht aber heute nicht mehr darin, genügend diskontfähiges Wechselmaterial zu beschaffen, um den Geldumlauf den Veränderungen des Geldbedarfes elastisch anpassen zu 34 Hermann Schumacher hat sich auch mit der lehrgeschichtlichen Entwicklung der Notenbanktheorie im 19. Jahrhundert beschäftigt. Vgl. Hermann Schumacher, Geschichte der deutschen Bankliteratur im 19. Jahrhundert, in: Die Entwicklung der deutschen Volkswirtschaftslehre im 19. Jahrhundert, Festschrift für Gustav v. Schmoller, Leipzig 1908, 1. Teil, VII, S. 1—39. 35 Vgl. Hermann Schumacher, a.a.O., S. 145: „Da sie die letzte Geldquelle in der Volkswirtschaft darstellt, kann sie nicht wie die anderen Banken jederzeit, wenn sie ihren Barvorrat zu stärken sucht, Rediskontierungen vornehmen ... So ist ein Bedürfnis vorhanden, einen Ersatz für diese hier fortfallenden Rediskontierungen zu schaffen und um so stärker muß es hervortreten, je schwächer der Einfluß der Zentralnotenbank auf den Geldmarkt sich gestaltet. Dieses Bedürfnis hat daher am frühesten in England sich gezeigt und die Bank von England zuerst dazu veranlaßt, durch Verkauf von Staatspapieren dem Markt Gelder, wenn sie im Überangebot auf ihm vorhanden waren, zu entziehen und damit Darlehnsnehmer zu zwingen, die nötigen Gelder sich von der Zentralnotenbank zu dem von ihr bestimmten Satz zu beschaffen . .. Die Reichsbank hat zum selben Zweck die unverzinslichen Schatzanweisungen verwendet." OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.2.1 | Generated on 2023-04-04 11:26:46 145] Die Wirtschaft in Leben und Lehre 17 können, sondern darin, die Geldschöpfung auf das Maß der Entwicklungsfähigkeit der Wirtschaft zu beschränken36. Zu 4. Das Bild von der wissenschaftlichen Bedeutung Hermann Schumachers wäre unvollständig, wenn man nicht erwähnen würde, daß er sich unter dem Eindruck der politischen) Umstellungen naich dem ersten Weltkrieg auch mit grundsätzlichen Problemen der Wirtschaftsund Sozialordnunig beschäftigt hat37. In diesen Arbeiten, die nicht nur durch die Sorge bestimmt waren, die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit Deutschlands zu erhalten, sondern auch durch den Willen, zu einer sinnvollen Ordnung des menschlichen Zusammenlebens beizutragen, zeigt sich eine Verdichtung der Gedanken und eine Kraft der Darstellung, die bewunderungswürdig sind. Es geht ihm darum, die Stellung des Unternehmers als des schöpferischen Leiters der Unternehmung zu festigen. Er erkennt aber auch, daß es notwendig ist, die in abhängiger Stellung tätigen Menschen, die Arbeiter und Angestellten, mit bestimmten Rechten in die Verfassung der Unternehmung einzugliedern. Es gilt, das Mißtrauen, durch das besondere Spannungen in die Unternehmung hineingetragen worden sind, zu überwinden und Formen vertrauensvoller Zusammenarbeit zu entwickeln. „Es ist dringendes Gebot, Vorkehrungen dafür zu treffen, daß die Lebensfragen der Unternehmungen den Arbeitern zu Bewußtsein kommen, und das ist befriedigend nur möglich, wenn sie regelmäßig in festen Formen von den Unternehmern gemeinsam mit Vertretern der Arbeiter und Angestellten erörtert werden. Nur durch Verhandlungen kann das erreicht werden, was Werner Siemens einmal als das höchste Ziel der Organisation bezeichnet hat, daß sich nämlich ,im Bewußtsein der Arbeiter das eigene Interesse mit dem des Geschäfts identifiziere'. Nur so kann Vertrauen gewonnen werden. Wie im Staate, so können auch in der Unternehmung die zerstörenden Kräfte des Miß36 Im Bereich des Kreditwesens hat Hermann Schumacher auch als Leiter größerer wissenschaftlicher Untersuchungen gewirkt. Im Auftrage des Vereins für Sozialpolitik entwarf er den Plan einer großen Untersuchung über Kapitalbildung und Kapitalverwendung, die infolge des ersten Weltkrieges nur zum Teil durchgeführt werden konnte. Erschienen sind als Bd. 154 I und II der Schriften des Vereins für Soz.Politik 1915—1918 die Arbeiten von Gustav Motschmann, Das Depositengeschäft der Berliner Großbanken, München u. Leipzig 1915, und von Fritz Schulte, Die Hypothekenbanken, München u. Leipzig 1918. Weitere Pläne mußten des Krieges wegen aufgegeben werden. Vorhergegangen waren „Untersuchungen über das Volkssparwesen", die nach einem Arbeitsplan von Prof. Dr. R a t h g e n begonnen worden waren. Im Jahre 1909 hat dann Hermann Schumacher die Leitung dieser Enquete übernommen. Veröffentlicht wurden „Untersuchungen über das Volkssparwesen" in 4 Bänden als Bd. 136 und 137 I, II u. III der Schriften des Vereins für Soz.Politik, München u. Leipzig 1912/13. 37 Vgl. Hermann Schumacher, Unternehmertum und Sozialismus, in: Jb. f. Ges., Verw. u. Volkswirtsch., Bd. XLIII, München u. Leipzig 1919, S. 405—435; derselbe, Gegenwartsfragen des Sozialismus, in: Jb. f. Ges., Verw. u. Volkswirtsch., Bd. XLIV, München u. Leipzig 1920, S. 1—28; derselbe, Die geistigen Bewegungen in der deutschen Arbeiterschaft, in: Stahl und Eisen, 1921, Heft 1 u. 2. Schmollers Jahrbuch 78, 2 2 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.2.1 | Generated on 2023-04-04 11:26:46 18 Siegfried Wendt [146 trauens, die heute alles lähmen, nur überwunden werden durch eine grundlegende Änderung der ganzen Verfassung. Mit dem Konstitutionalismus auch in der Unternehmung muß ernst gemacht werden .. . Was bisher als Herrschaftsverhältnis empfunden wurde, muß zur Arbeitsgemeinschaft umgestaltet werden38." Auch im Bereich der Wirtschaftsordnung und bei der Frage, wie die Unternehmung gestaltet werden muß, um eine ihrem sozialen Sein entsprechende Verfassung zu bekommen, wendet sich Hermann Schumacher gegen den Doktrinarismus des Bücherwissens und versucht, der Weisheit, die aus dem Leben schöpft, Bahn zu brechen39. Hier zeigt sich mit besonderer Deutlichkeit, daß Hermann Schumacher die Kraft besaß, lebendige Anschauung zu klaren Gedanken zu verdichten, die der Gegenwart viel zu sagen haben. Hermann Schumacher hat sich auch bemüht, als Herausgeber von Schmollers Jahrbuch (1918—1922) allen Gedanken Raum zu geben, die die Entwicklung der wissenschaftlichen Erkenntnis und die Gestaltung der wirtschaftlichen und sozialen Wirklichkeit zu: fördern geeignet waren. Wie er bei der Übernahme des Jahrbuchs ausführt40, sah er die Aufgabe dieser Zeitschrift nicht darin, ein Archiv für Stoffsammlung zu sein, ihm kam es darauf an, den Stoff, den die Wirklichkeit des wirtschaftlichen und sozialen Lebens liefert, geistig so zu durchdringen, daß „die Fülle des Rohstoffs hinter der künstlerischen Knappheit der Formen verschwindet"41. „Die Zeit, für welche ein Hunger nach Tatsachen vor allem kennzeichnend war, ist vorüber. Ein Hunger nach innerer Zusammenfassung durchzieht heute das Deutsche Volk, vielleicht die ganze Menschheit." Dieser Satz kann als Leitgedanke aller geistigen Bemühungen Hermann Schumachers angesehen werden. Er gilt auch für unsere Zeit. Hermann Schumacher hat keine „Schule" im dogmatischen Sinne dieses Wortes begründet. Das hängt mit seinem wissenschaftlichen Wollen, ja mit seiner ganzen Persönlichkeit zusammen. Ihm lag es ja nicht daran, abgezogene Gedanken zu Lehrsätzen zu entwickeln, er wollte lebendige Anschauung gewinnen. Wohl aber hat er einen 38 Vgl. Hermann Schumacher, Unternehmertum und Sozialismus, a.a.O., S. 428. 39 Vgl. Hermann Schumacher, Die geistigen Bewegungen in der deutschen Arbeiterschaft, a.a.O. Sonderdruck S. 9—10: „Dabei wiederholt sich auf dem Boden der Demokratie, was wir auf dem Boden des Sozialismus bereits kennengelernt haben. Wie die alte Lehre, die Marx vor zwei Menschenaltern aus geschichtlich begreiflichen Gründen entwickelt hat, es den Arbeitern erschwert hat, den Weg zu praktischen Lösungen zu finden, so stellt sich auch hier der immer wieder aus der deutschen Gründlichkeit herauswachsende gelehrte Doktrinarismus, der Bücherweisheit mit Lebensweisheit verwechselt, einer schöpferischen Realpolitik, wie sie die Zeit erfordert, in den Weg." 40 Vgl. Hermann Schumacher, Zur Übernahme des Jahrbuchs, in: Jb. f. Ges., Verw. u. Volkswirtsch., Bd. XLII, München u. Leipzig, S. 1—10. # 41 Vgl. Hermann Schumacher, a.a.O., S. 10. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.2.1 | Generated on 2023-04-04 11:26:46 147] Die Wirtschaft in Leben und Lehre 19 großen Kreis von Schülern um sich gesammelt, mit denen er bis zu seinem Tode in lebendiger Verbindung stand. In der Art, wissenschaftlich zu denken, ja in der ganzen, geistigen Haltung sind seine Schüler entscheidend durch die Berührung mit Hermann Schumacher, der in besonderer Weise pädagogische Kraft ausstrahlte, geprägt worden. Drei methodisch wichtige Erkenntnisse verdanken sie ihrem Lehrer: 1. Hermann Schumacher hat sie gelehrt, exakt zu denken, das heißt zunächst, nach dem jeweils Wesentlichen zu fragen. Das Wesentliche aber ist im Bereiche des Wirtschaftslebens das die Entwicklung des Geschehens Bestimmende. Exaktes Denken ist also stets ursächliches Denken. 2. Hermann Schumacher hat sie gelehrt, anschaulich zu denken. Anschaulich denken heißt, den Blick auf die konkreten Gebilde, auf die tatsächlichen Gestalten zu richten, in denen die wirtschaftliche Wirklichkeit sich den Menschen darbietet. Sie lernten Haushalte, Unternehmungen, Verbände und andere Organisationen, in denen Menschen wirtschaftlich zusammenwirken, als die eigentlichen Träger des wirtschaftlichen Geschehens kennen und wurden so davor bewahrt, einem blassen Funktionalismus abgezogener Größen zu verfallen. 3. Hermann Schumacher hat sie gelehrt, die Wirtschaft als geschichtliche Leistung, als Lebensäußerung der Menschen zu begreifen und damit auch als eine täglich neu zu lösende Gestaltungsaufgabe. Neben die Frage nach dem Wesentlichen und Ursächlichen und die Frage nach der konkreten Gestalt trat bei Hermann Schumacher immer die Frage nach dem wirtschaftlichen Tun und seinen Auswirkungen. Diese dreifache Fragestellung führt zu einer Befreiung aus dem bloß zweidimensionalen durch die Überlieferungen der klassischen Schule bestimmten Denken, das sich in der gleichsam zeitlosen Umdisposition von Marktgrößen, Warenmengen und Preisen erschöpft. Sie ermöglicht, Wirtschaft als wirkliches Leben, das sich in der Zeit vollzieht, zu erfassen. Der forschende Mensch gewinnt ein Bild vom wirtschaftlichen Leben, das auch die dritte Dimension, nämlich den Zeitablauf in seiner vollen Bedeutung mit umgreift. Nicht ohne Grund hat Hermann Schumacher dem Alterswerk, in dem er seine Gedanken über das Wirtschaftsleben und seine Ordnung systematisch zusammengefaßt hat, den Titel „Die Wirtschaft in Leben und Lehre" gegeben. Ein Gespräch, das Hermann Schumacher einmal mit Georg Friedrich Knapp geführt hat, ist vielleicht am, besten geeignet, das Geheimnis, das jede ausgeprägte Persönlichkeit den Mitmenschen darbietet, faßbar zu machen. Nach einem Vortrag, den Hermann S c h u - 2* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.2.1 | Generated on 2023-04-04 11:26:46 20 Siegfried Wendt [148 macher im Verein für Sozialpolitik gehalten hatte, nahm Georg Friedrich Knapp den erfolgreichen Referenten freundschaftlich unter den Arm und sagte ihm, es könne kaum zwei Menschen geben, die so verschieden wären wie sie beide. Hermann Schumacher war zunächst betroffen, weil er Georg Friedrich Knapp als Fachgenossen besonders schätzte. Georg Friedrich Knapp führte dann mündlich und später schriftlich aus, daß Hermann Schumacher immer vom Selbstgesehenen und Selbsterlebten ausginge und versuche, es der Lehre einzufügen, wogegen er vom praktischen Wirtschaftsleben so gut wie nichts gesehen habe, sondern reiner Gelehrter sei, der allerdings nicht von der Vergangenheit aus die» Gegenwart, sondern umgekehrt von der besser bekannten Gegenwart das, wais einst war, zu verstehen suche. Er habe aber bei jedem Wort, das Schumacher gesprochen habe, den Eindruck, daß es erlebt sei. „Vielleicht" — so schreibt Hermann Schumacher42 — „ist in der Tat das Erlebnis, die lebendige Anschauung, bei mir Voralussetzung für ein Verstehen, welches das Ziel der Geisteswissenschaft ist. Jedenfalls wurde jede Arbeit auf Grund eines Erlebnisses für mich zum Genuß und ohne ein solches zur Qual." 42 Vgl. Hermann Schumacher, Ein Leben in der Weltwirtschaft, Manuskript S. 804. 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