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1 Inhaltsverzeichnis 1. Einleitung ........................................................................................ S. 2-3 2. Das Märe: Definition und Gattungsproblematik .............................. S. 4-7 3. Der Stricker ..................................................................................... S. 7-8 4. Die Mären 4. 1. „Der kluge Knecht“ 4. 1. 1. Handlungsverlauf ....................................................... S. 9-12 4. 2. 3. Analyse .................................................................... S. 12-22 4. 2. „Der begrabene Ehemann“ 4. 2. 1. Handlungsverlauf .......................................................... S. 23 4. 2. 3. Analyse .................................................................... S. 24-31 4. 3. „Die drei Wünsche“ 4. 3. 1. Handlungsverlauf .......................................................... S. 32 4. 3. 2. Analyse .................................................................... S. 32-39 4. 4. „Der nackte Ritter“ 4. 4. 1. Handlungsverlauf .......................................................... S. 40 4. 4. 2. Analyse .................................................................... S. 40-43 5. Schlussfolgerung ......................................................................... S. 44-45 6.Literaturverzeichnis ...................................................................... S. 46-47
2 1. Einleitung Auch wenn das soziale Umfeld seit den Werken des Strickers sich nicht wenig verändert hat, und die Sprache – das Mittelhochdeutsche –, in der sie geschrieben wurden, schon Teil der Sprachgeschichte geworden ist, sind diese noch von besonderem Interesse aus vielen Perspektiven, z. B., aus der sozialen, dichterischen und linguistischen Sicht. Der Stricker, möglicherweise ein Geistlicher, diente als Brücke zwischen der hohen Kultur des Mittlealters und der populären Realität des Volkes, auf der Suche, seine Schriften mit nützlichen Belehrungen in einem geeigneten Format auszustatten; damit folgte er dem literarischen Prinzip der Zeit, geerbt von den Klassikern: das docere et delectare. Die Mären des Strickers scheinen eine simple Erzählstrucktur zu haben, mit einfachen Figuren, einer leichten Erzählzeit und einem wenig komplexen Erzählraum. Doch wenn man seine Mären bis zum Ende liest, bemerkt man auch sofort die Bedeutungstiefe die hinter diesen Figuren steht. Um den komplexen Zweck der Erzählungen erfassen zu können, müsste man von einer literarischen Perspektive ausgehen, den Hintergrund der Rollenkonstellation berücksichtigen sowie die Erzählstruktur und den Umfeld der Erzählung erfassen. Deswegen ist es nötig, die konstitutiven Elemente der Erzählung zu untersuchen, um damit auch zu die belehrende Absicht dieser Erzählungen bestimmen zu können. Die Strickermären haben eine klare Struktur: es tritt immer ein Handlungsträger auf, der durch den Verlust der Realität gegen die etablierte gesellschaftliche Ordnung verstößt. Dabei wird der Figur eine Möglichkeit gegeben, die Wirklichkeitsperspektive wiederzugewinnen. Wird diese nicht ausgenutzt, folgt eine Bestrafung und somit eine Wiederherrstellung der Ordnung. Doch um diese Strucktur auch in den Strickermären erkennen zu können, ist es erforderlich, vor allem genauer die Rollen der Figuren, ihre Umgebung, ihr Verhalten, ihren Sprachgebrauch und ihre Reaktionen auf die gegebene Situation zu untersuchen. Um die konstitutiven Elemente der Strickermären genauer erfassen zu können, scheint es empfehlenswert, von einigen Beispielen auszugehen, die, sofern dies im Rahmen einer solchen Arbeit möglich ist, die thematische Vielfalt dieser Erzählungen widerspiegeln. Würde man zum Beispiel nur von den Ehebruchsmären ausgehen, wäre es nicht möglich das Wesen und die Funktion der konstitutiven Elemente zu erfassen,
3 auch wenn alle Strickermären auf die gleiche didaktische Absicht hinauszulaufen scheinen. Ziel dieser Arbeit ist es daher, von der erzählerischen Vielfalt ausgehend, diese konstitutiven Elemente der Erzählung zu erfassen und die Form und Funktion der Strickermären zu bestimmen. Um dieses Ziel zu erreichen, wurde eine Auswahl von verschiedenen Strickermären getroffen, die sich durch ihre thematische und strukturelle Vielseitigkeit auszeichnen. Folgende Erzählungen werden in dieser Arbeit analysiert: Der kluge Knecht, Der begrabene Ehemann, Die drei Wünsche und Der nackte Ritter. Beabsichtigt wird hauptsächlich eine Untersuchung der Erzählmuster und ihrer konstitutiven Elemente sowie eine Bestimmung und Erläuterung der Rollenzuweisungen, um den Stellenwert der in den Erzählungen handelnden Figuren näher festlegen zu können.Dies wird dann gestatten, die durch die Handlung vermittelte Erzählintention des Strickers genauer zu definieren. In einem ersten Kapitel wird zunächst das Märe als Gattung umrissen und kurz auf die in der Forschung vor allem ab Hanns Fischer Studien geführte Diskussion über die Angemessenheit in der deutschen Literatur ein solches Genre zu unterscheiden. Die von Fischer vorgeschlagene Definition, die sehr schnell an ihre Grenzen stieß, war es vor allem, die diese Zweifel unter einigen Forschern zur eigentlichen Existenz der Gattung auslöste. Im darauffolgenden Kapitel soll dann kurz auf die Figur des Strickers eingegangen werden, um einen kurzen Einblick zu haben, was heutzutage von diesem Märendichter bekannt ist. Der Haupteil der Arbeit wird sich anschließend mit der ausführlichen Analyse der vier ausgewählten Mären beschäftigen. Im letzten Kapitel sollen nochmals kurz die Ergebnisse der Untersuchung zusammengefasst werden. Für die Durchführung der Arbeit wurden u. a. einige der großen Monografien zur Märendichtung und zum Stricker, die in den letzten Jahrzehnten erschienen sind, 1 herangezogen. 1 RAGOTZKY, Hedda: Gattungserneuerung und Laienunterweisung in Texten des Strickers. Tübingen 1981; FISCHER, Hanns: Studien zur deutschen Märendichtung. 2., durchgesehene und erweiterte Auflage, besorgt von Johannes Janota. Tübingen 1983; ZIEGELER, Hans-Joachim: Erzählen im Spätmittelalter. Mären im Kontext von Minnereden, Bispeln und Romanen. München/Zürich 1985; GRUBMÜLLER, Klaus: Die Ordnung, der Witz und das Chaos. Eine Geschichte der europäischen Novellistik im Mittelalter: Fabliau – Märe – Novelle. Tübingen 2006.
4 2. Das Märe. Definition und Gattungsproblematik Das Wort „Märe“ leitet sich vom mittelhochdeutschen mære ab, das „Kunde, Nachricht, Bericht, dichterische Erzählung oder auch Gerücht“ 2 bedeutet. Im Mittelalter war mære foglich keine Gattungsbezeichung, und dies zeigt sich darin, dass Werke sehr unterschiedlicher Tradition und Beschaffenheit von den Dichtern als mære bezeichnet wurden. Hier wird uns auch klar, woher die moderne Bedeutung dieses Wortes stammt, und zwar hat es mit der Ankündigung einer Nachricht, einem Bericht zu tun. Diese Berichte wurden im Mittelalter vor allem mündlich vermittelt. So fängt der Dichter des Nibelungenliedes sein Werk mit dem Vers Uns ist in alten mæren wunders vil geseit 3 und verweist damit auf den oralen Ursprung seiner Geschichten. Heute hingegen wird Märe hauptsächlich als Gattungsbegriff für eine umfangreiche Gruppe von Kurzerzählungen verwendet, die beim Stricker ihren Anfang nimmt. Der moderne Begriff „Märe“ als Gattungsbezeichnung ist bis heute ein sehr umstrittenes und noch unklar definiertes Thema. Die Hauptfigur dieser Diskusion war der Tübinger Germanist Hanns Fischer, der als erster eine systematische, formale Beschreibung der Gattung Märe durchführte und auch ein Märenkorpus erstellte. Der Kern der jahrelangen Dikussion war seine groß umstrittene Defenition für das Märe, das Fischer folgendermaßen beschreibt: „Nach unseren Beobachtungen und Überlegungen ist das Märe eine in paarweise gereimten Viertaktern versifizierte, selbstständige und eigenzweckliche Erzählung mittleren (d.h. durch die Verszahlen 150 und 2000 ungefähr umgrenzten) Umfangs, deren Gegenstand fiktive, diesseitig-profane und unter weltlichem Aspekt betrachtete, mit ausschlieβlich (oder vorwiegend) menschlichem Personalvorgestellte Vorgänge sind.“ 4 Dieser Versuch, eine Definition für das Märe zu erstellen, war aufgrund der Themenund Formenvielfalt der Texterecht kontrovers, vor allem weil der Begriff „Gattung“ ein modernes Konzept ist und auf die Texte des Mittelalters, wo die Tendenz zur Systematisierung und Klassifizierung nicht ausgeprägt war und nicht unproblematisch anzuwenden ist. Die mittelalterlichen Autoren schrieben ihre Texte ohne ihnen eine gewisse Etikette zu geben. Trotzdem haben es in der modernen Zeit viele versucht, die 2 LEXER, Matthias: Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch. Mit den Nachträgen von Ulrich Pretzel. 38., unveränderte Auflage. Stuttgart 1992, S. 134. 3 Das Nibelungenlied. Nach der Ausgabe von Karl Bartsch herausgegeben von Helmut de Boor. 22., revidierte und von Roswitha Wisniewski ergänzte Auflage. Wiesbaden 1996. 4 FISCHER [Anm. 1], S. 62-63.
5 breite Vielfalt der Märentexte einheitlich zu klassifizieren und den Terminus „Märe“ als Gattungsbegriff einebegrenzte und eindeutige Definition zu geben. Zwar hat Fischers Arbeit großes Aufsehen erregt, aber die Forschung wies relativ schnell auf die Schwachpunkte seiner Definition hin. So schlug zum Beispiel der germanistische Mediävist Joachim Heinzle vor, „den Fischerschen Märenbegriff aus unserem gattungspoetologischen Instrumentarium zu streichen“ 5 ; der Grund dieses Arguments sei seine Uneinigkeit mit dem Märenbegriff und dem Märenkorpus so wie Fischer sie festgelegt hatte: die von Fischer „angenommene“ Individualität des Korpus erlaube weder einen praktischen Erkenntnisnutzen noch leiste sie einen Beitrag zur historischen Wesenserkenntniss 6 . Ihm ist unter anderem auch aufgefallen, dass unter Fischers Definition sich auch die Novelle von Boccaccios „Decameron“ perfekt subsumieren ließe, da es sich im Grunde genommen auch um eine Kurzerzählung handelt Deshalb fragte sich Heinzle, warum das Märe eigentlich eine eigene Klassifikation brauche, wenn sie sich im Wesentlichen nicht von der Novelle unterscheide. 7 Für Heinzle ist der Begriff Märe nutzlos, da er nicht präzise genug ist, und auch kein historisches Fundament hat. Seiner Meinung nach gibt es schon in der mittelalterichen Novelle solche Erzählungen, die sich von den Mären nicht unterscheiden. Er schlägt dahervor, den Begriff kleinere Erzählungen festzulegen. Auf diese Kritik reagiert Hans-Joachim Ziegeler mit einem Gegenargument: „Fischers Textkorpus ist demnach weder eine Gattung in dem von ihm positiv definierten Sinn noch erst recht eine Gattung in Heinzles Verständnis, sondern eine Textsammlung relativ heterogener Provenienz, deren einzelne Gruppen sich in bezug auf ein Merkmal von jeweils einer der ausgesonderten Gattungen unterscheiden... Man kann von der Definition absehen, von dem Gattungsstatus, welcher mit ihr für die Textsammlung behauptet wird, Abschied nehmen, von der Textsammlung aber als einem Kernbereich der Untersuchung zunächst einmal ausgehen.“ 8 Mit anderen Worten ist Ziegeler einverstanden, dass sich das Märe schon von anderen festgelegten Gattungen unterscheidet. Was Ziegeler eindeutig als unnützlich ablehnt ist die Definition Fischers, der von Fischer erstellte Märenkatalog wird aber zum 5 Die Ausführungen Heinzles referiere ich hier nach ZIEGELER [Anm. 1], S.5. 6 Ebda. 7 HEINZLE, Joachim: Altesund neues zum Märenbegriff, in: Zeitschrift für deutsches Altertum 117 (1988), S. 277-296, hier: S. 279 f. 8 ZIEGELER [Anm. 1], S. 32.
12 Nachdem er die Analogie zwischen den Elementen der Geschichte und der prekären Situation im Hause seines Herrn enthüllt hat, wird der Pfaffe gefesselt und die Ehefrau schwer verprügelt. Der Pfaffe kann aber mit dem Leben davonkommen, nachdem er ein Teil von seinem Besitzdem Eheman übergeben hat, während die Frauvon nun an von ihrem Mann missachtet wird, egal wie sehr sie sich um ihn kümmert. Der Knecht jedoch ‚was dem meister liep,/ daz er im zeicte sînen diep/ sô gevuoge âne bœsiumære‘ 26 (V.303-305). Zum Schluss wird in einem etwas längeren Epimythion die lehrhafte Intention der Geschichte erläutert, die man aus dem Erzählten ableiten kann. Dadurch soll der Hörer das Nützliche dieser Erzählung erkennen, um es eventuell in seiner eigenen Situation anwenden zu können. 4. 1. 3. Analyse Als Hauptthema der Erzählung, könnte man auf den ersten Blick den Ehebruch betrachten, doch nach einer ausführlicheren Lektürewird man sich bewusst, dass hier der Treueerweis des Knechts seinem Herrn gegenüber die eigentliche Hauptrolle spielt. Der Ehebruch der Frau ist eigentlich nur Anlass zur Entwicklung der Handlung, in deren Mittelpunkt die listige Verhaltensweise des Knechtes steht. Sein Dilemma besteht gerade darin, wie er seinem Herrn die Wahrheit bezeugen kann, ohne sich selber schuldig zu machen. Seine schlaue Strategie führt im Höhepunkt der Erzählung den Bauern zur Wahrheit hin und entlarvt die Untreue seiner Ehefrau. Geht man von der gesellschaftlichen Position des Knechtes aus, dann lässt sich feststellen, dass sein listenreiches Handeln gerade auf diese Stellung zurückzuführen ist, die ihre klaren Grenzen hat. Der Knecht ist Zeuge eines ungerechten Geschehens, und zwar des Betrugs der Frau an seinen Herrn. Die Frau verletzt damit das Gesetz der Ehre, also erfüllt sie nicht das, was von ihr als Ehefrau erwartet wird. Dies stellt den Knecht in eine schwere Lage: in seiner Rolle ist er verpflichtet seinem Herren treu zu dienen. Er könnte die Herr-Knecht Beziehung auch verletzen, die Frau bestechen und die Lage zu seinem Vorteil ausnutzen, dies macht er aber nicht, sondern handelt mit Ehre und hilft seinem Herren die Wahrheit herauszufinden. Der Knecht könnte aber auch direkt dem Herren mitteilen, dass seine Frau ihm Untreu ist, dies macht er aber auch nicht, sondern beweist es ihm auf indirektem Wege durch eine Binnengeschichte. 26 ‚Schätzte der Herr, weil er ihm den Dieb so klug und, ohne dass üble Nachrede entschehen konnte, überführt hatte.‘
13 Wenn sich der Knecht also auf diese Weise verhält, dann liegt das an den spezifischen Rolleneigenschaften, an die er gebunden ist 27 . Als „kluger Knecht“ erwartet man von ihm ein gewisses Verhalten, das er nicht frei überschreiten darf. Er nutzt die Situation nicht zu seinem Vorteil aus, denn zu seiner Rolle gehört die Treue dazu, und deshalb erzählt er auch nicht direkt dem Bauern von der Situation, da sein Wort als Knecht weniger wert ist als das der Ehefrau. In den Versen 320-334 wird das auch noch vom Erzähler erklärt: hæte er gesprochen rehte: `der pfaffe minnet iuwer wîp, als tuot si sêre sînen lip´, daz hæte der meister niht verswigen und hæte si ouch lîhte geslagen. sô begunde ouch sis dem pfaffen sagen; sô schüefen lîhte ir sinne, daz der wirt ir zweier minne nimmer rehte ervüere und ze jungest wol geswüere, der kneht hæte in betrogen und hæte die vrouwen ane gelogen durch sînen bœsen haz, und würde im umbe daz gehaz. 28 (V.320-334) Man kann hier von einer klar umrissenen Ordokonstellation sprechen 29 : der Bauer ist an der Spitze der Rollenbeziehung, untergeordnet ist die Frau, und erst dann steht der Knecht. Alle Figuren sollten sich nach dieser Ordnung verhalten, doch da die Ehefrau dies nicht macht, sprechen wir von einem Ordnungsverstoβ. Der Ordnungsverstoβ und auch die existierende Ordokonstellation sind im Text durch eine speziefische Sprachverwendung sichtbar: Die Ehefrau erinnert ihren Mann nur an seine täglichen Verpflichtungen: si hiez in balde ûfstân 27 RAGOTZKY [Anm. 1], S.87. 28 ‚Hätte er gerade heraus gesagt:”Der Pfaffe liebt Eure Frau und sie ihn auch heftig“, dann hätte der Meister nicht den Mund gehalten und es ihr auf der Stelle vorgeworfen; und leicht hätte er sie auch verprügelt. Daraufhin hätte sie es dem Pfaffen erzählt, und ihr listiger Verstand hätte es wohl leicht fertig gebracht, dass der Herr ihr Verhältnis nie recht kennengelernt und am Ende noch geschworen hätte, der Knecht hätte ihn belogen und die Frau angeschwärzt, weil er sie hasste. Dann wäre er wütend auf ihn geworden.‘ 29 GRUBMÜLLER [Anm. 1], S. 82 ff.
14 und hiez in hin ze holze varn. 30 (V. 32-33) si sprach: ´wil du die vart sparn, unz uns diu naht geûmet, sô hâst du dich versûmet. 31 (V.34-36) Manchmal sind auch direkte Befehle wahrnehmbar: du solt dich vrüewen deste baz! 32 (V.42) `vart enwec!´ sprach daz wîp 33 (V.161) und sprach: lât iu wesen gâch, ir habet iuch versûmet nâch! 34 (V.173-174) In den meisten Gesprächen zwischen der Frau und dem Bauern verwendet die Frau das Imperativ du solt, vart, bringet, oder sie benutzt Redensarten, die den Bauern und den Knecht zur Eile antreiben. Dies weist – wie gesagt – auf einen Ordnungsverstoβ hin, da es sich nicht gehört, als Frau ihrem Mann Befehle zu erteilen. Auch der spöttische Ton der ganzen Erzählung steht im Dienste der anormalen Situation, in der der Mann nicht die Zügel in der Hand hat. Der sprachliche Austausch zwischen der Frau und dem Knecht bestätigt auch die Existenz und Gültigkeit der sozialen Rangordnung: si sprach:`nu iz den grimmigen tôt! dune tuost ez durch den hunger niht; mahst du daz werc gesûmen iht, des bist du ze allen zîten bereit durch dîne grôze schalcheit´. 35 (V.62-64) Im Vergleich zu dem Bauern bemerkt man, dass die Frau dem Knecht gegenüber anfänglich einen viel abwertenderen Ton gebraucht: sie macht ihm Vorwürfe, dass er 30 ‚Sie befahl ihm, schnell aufzustehen und in den Wald zu fahren.‘ 31 ‚Zögerst du zu fahren, bis die Nacht vorüber ist, dann kommst du zu spät. Die Tage sind nur noch kurz - denke daran und fahr rasch fort.‘ 32 ‚Und so früher musst du los!‘ 33 „Fahrt wieder los“ trieb die Frau an.‘ 34 „Beeilt euch, ihr habt lange genug getrödelt!“ 35 Sie sprach: „Nun friss dich zu Tode! Du isst nicht aus Hunger; weil du bösartig bist, hast du allezeit nichts anderes im Kopf, als dich von der Arbeit zu drücken“
15 faul ist, und auf die Bitte des Knechtes nach einem kurzen Imbiss reagiert sie mit voller Verachtung Doch der Ton ändert sich, als der Knecht ein zweites Mal nach Essen verlangt: sie tet in tougen manigen vluoch, doch sprach si:`ezzet vaste!´ 36 (V.202-203) In beiden Fällen steht diese vom Knecht verlangte Mahlzeit quer zu den Plänen der Frau, die darauf zornig reagiert. Im ersten Fall wendet sie sich nur an den Knecht, im zweiten sind sowohl der Knecht als auch der Bauer betroffen. Man bemerkt zudem einen klaren Unterschied im sprachlichen Verhalten der Frau, indem sie bei der zweiten Gelegenheit den Knecht scheinbar liebenswürdiger behandelt. Der Knecht erhebt gegen die Vorwürfe der Frau keinen Widerspruch, was seine untergeordnete Position bestätigt. In seinem Verhältnis zum Bauern zeigt sich der Knecht stets treuevoll und ergeben, während jener von seiner höheren Position aus dem Knecht mit Vertrauen entgegenkommt. Ihr Treueverhältnis beruht eben auf der gegenseitigen Anerkennung ihrer sozialen Stellung. herre meister, tuot sô wol und lât uns ein wênic ezzen 37 (V.178-179) Der Bauer spricht aus einem höheren Rang zum Knecht, aber verachtet ihn nicht. Das Vertrauen das er zum Knecht hat, ist gut spürbar: meister, nemet disen gart, sprach der kneht wider in, und vart ein wîle hin! ich muoz hin wider gân, ich hân dâ heime verlân mîne viustelinge und mînen hout. des wart der meister ungemuot, dô sprach er: nu louf balde! 38 (V.70-77) 36 Insgeheim stieβ sie viele Flüche aus, doch sprach sie: „Esst nur tüchtig!“ 37 „Herr und Meister, seid so gut und lasst uns noch ein bisschen essen!“ 38 „Meister, nehmt diese Rute und fahrt ein wenig voraus! ich muss zurück, ich habe meine Feustlinge und Meine Mütze zu Hause gelassen.“ Darüber ärgerte sich der Meister und antwortete: „Nun mach schon!“
16 Obwohl der Bauer ein wenig verärgert über sein ungewöhnliches Verhalten wirkt, hat er dennoch Verständnis mit ihm und lässt ihn seine Sachen holen. Er weiss den Knecht zu schätzen, weswegen er sich auch später auf ein zweites Essen einlässt. Der Knecht ist sich seiner Rollenunterordnung bewusst. Im Einklang damit nutzt er die Höflichkeitsform des Imperativs nemet, vart, tuot sô wol, ezzt... und nennt ihn seinen Meister und Herrn. Folglich ist sein Verhalten auch nicht des Ordnungsverstoβes verdächtig. Doch dem Bauern fällt seinerseits das ungewöhnliche Benehmen der Frau auf, als sie ohne zu tadeln, beiden eine zweite Speise serviert, und stellt den Knecht sofort zur Rede: der wirt sprach zuo dem knehte: `dîn vrouwe, diu tuot rehte hiute allen den tac, sam si dich noch harter vürhte denne mich. ich weiz wol, hæte ich mir nu ze ezzen gevodert alsam du, si wære mir nimmer sô gereht´. 39 (V.207-213) Mit seinen Worten äußert der Bauer seine Überraschung über das Verhalten seiner Frau gegenüber dem Knecht und gibt dadadurch an, dass dahinter eine ihm nicht bekannte Motivation stecken muss. Diese Situation nutzt nun der Knecht aus, um dem Bauern die Wahrheit mit einer fein ausgefädelten Geschichte zu vermitteln. Der Knecht sieht sich in einer ausweglosen Lage, aus der er nur entkommen kann, wenn er seine Klugheit und Scharfsinnigkeit anwendet. Deswegen greift er auf Lügen und Listen, um den angemessenen Kontext zur Wahrheitserschließung herbeizuführen. Zuerst täuscht er grossen Hunger vor, um sich nicht sofort an die Arbeit zu machen, und anschließend lügt er seinen Herrn an, dass er seine Mütze im Haus vergessen habe. Als der Bauer zurückkehrt, um nach ihn zu schauen, behauptet er außerdem, er sei die ganze Zeit seiner Abwesenheit fleißig gewesen. Das ist insofern richtig, als der Knecht aus seinem Versteck heraus genau beobachten kann, wo die Frau die für den Pfaffen vorbereiteten 39 ‚Der Herr sprach zu dem Knecht: „Deine Herrin verhält sich heute schon den ganzen Tag lang so, als ob sie vor dir noch mehr Angst hätte als von mir. Mir ist ganz klar: Hätte ich wie du nach Essen verlangt, sie wäre meinem Wunsch nicht nachgekommen.“
17 Köstlichkeiten verbirgt. Durch sein hinterlistiges Verhalten kann der Knecht somit eine moralisch korrekte Tat erfüllen. 40 Auch die Frau kennzeichnet sich durch Lug und Betrug: so lügt sie in zahlreichen Situationen um ihr ehebrecherisches Verhältnis vor dem Ehemann geheim zu halten und erweist so ihr heimtückisches Vorgehen als ein der vorbildlichen Geselschaftsordnung entgegengesetztes. Die Übertreibung des Zeitverlaufs fällt einem besonders auf, und gibt der ganzen Situation einen zusätzlichen sarkastischen Ton. ie nahtes, sô der wirt lac bî dem wîbe unde slief, sô pflac si, daz si in ane rief, unz er sîn slâfen muose lân. 41 (V.28-31) unz ir zwei vuoder noch geholt, sô ist es ez, wezgot, vinster naht. 42 (V.168-169) Im ersten Abschnitt ist dem Leser klar, dass der Morgen noch nicht angebrochen ist,als die Frau den Mann bereits zur Arbeit weckt. Im zweiten wird die übertriebene Eile deutlich, mit der die Frau sie aus dem Haus jagen möchte. Selbst mit der Arbeit des Holzsammelns sollen sie sich Eile geben holen, da im Sommer der Pflug auf sie warte: und enspart rinder noch den lîp und bringet holzes genuoc, daz ir hin ze sumere den pfluoc niht ensûmet durch die holzvart! 43 (V.162-165) Gewöhnlich wird das Holz im Januar aus den Wäldern geholt 44 , deswegen kann man davon ausgehen, dass die Handlung in dieser Jahreszeit abläuft, was wiederum die Strategie der Frau bestätigt, ihren Ehemann so schnell wie möglich aus dem Haus zu treiben, um anschließend genügend Zeit für die Vorbereitung des Festschmauses zu haben, mit dem sie ihren geliebten Pfaffen verwöhnen möchte. Infolgedessen stellt man 40 RAGOTZKY [Anm.1], S.88 41 ‚Jede Nacht, wenn der Herr bei seiner Frau lag und schlief, pflegte sie ihn so lange zu rufen, bis er nicht mehr schlafen konnte.¡ 42 „bis ihr noch zwei Fuder geholt habt, ist es weiβ Gott, stockdunkel.“ 43 „Schont weder die Ochsen, noch euch selbst und bringt genügend Holz herbei, damit ihr wegen der Holzfuhren nicht das Pflügen des Sommerfeldes versäumt!“ 44 http://www.bauernregeln.net/bauernjahr.html (abgerufen am 30.03.2018)
18 fest, dass die Frau ähnliche Listen, Lügen und Übertreibungen anwendet wie der Knecht, aber sie verwendet sie um eine moralisch schlechte Tat zu verdecken. Hier führt der Stricker den Begriff „kündigkeit“ ein. Das Wort „kündigkeit“ steht üblicherweise mit dem Negativen in Verbindung: „kündigkeit bezeichnet hier die Fähigkeit, falsche Absichten und Handlungsweisen so geschickt zu tarnen, daβ die Umwelt in ihrem Urteil fehl geleitet wird, kündigkeit hat das Ziel valsche ger zu verdecken“ 45 . Doch der Stricker stattet das Konzept der kündigkeit mit einer positiven Bedeutung aus, indem er das Adjektiv gevüege hinfügt, also eine List, die verwendet wird um etwas gutes zu volbringen, weil sie im Dienste der von Gott gewollten gesellschaftlichen Ordnung steht. Die Begriffe kündigkeit und gevüege kündigkeitsind in der Erzählung somit am Knecht und an der Ehefrau zu erkennen. Der Knecht ist das Medium, das die Wahrheit transportiert, während die Ehefrau, die Wahrheit verbergt und die Ordnung gefährdet. Die Charakteriesierung des Knechts als gevüegekönnte man als einen dreistufigen Prozess betrachten: Schon in der ersten Kontaktaufnahme des Rezipienten mit dem Knecht wird er als gevüege vorgestellt. Dies bewirkt im Rezipienten bereits eine Einschätzung wie der Knecht wohl handeln wird. Hœret waz einem manne geschach [...] der het einen gevüegen kneht. 46 (V. 1 und 4) An zweiter Stelle nähren sich die Vermutungen des Lesers an der Verwirklichung seines Charakters: es wird dem Leser das gevüege Vorhaben des Knechts angekündigt. Hier wird einem erst bewusst, dass der Knecht ein gerechtes Vorhaben plant: deiswâr, gedâhte der kneht, ez wære billich unde reht, wesse mîn meister iuwern muot, waz ir untriuwen uns tuot. deiswâr, mac ich ez gevüegen, 45 RAGOTZKY [Anm.1], S. 84 46 ,Hört, wie es einem Mann erging [...]. Er hatte einen klugen Knecht.‘
19 ich wil iuch schiere rüegen sô rehte mit der wârheit, daz ez iu wirt ein herzeleit. 47 (V.43-50) Zuletzt beweist der Knecht sein gevüege durch die Erzählung einer Geschichte. Mit diesem Schritt wird dem Leser ohne Zweifel klargestellt, dass der Knecht von Anfang an eine noble Absicht mit der List und den Lügen verfolgte. Die Binnengeschichte des Knechts, kann man als Bîspel einordnen, denn die konstituven Eigenschaften dieses Texttyps sind im Text erkennbar: 48 An erster Stelle handelt es sich um eine Erzählung, deren Sinn und Wert nicht in dem Erzählten als solchem liegt, sondern in dem, was es bedeutet. Das heisst, die Erzählung des Knechts vom Wolf und dem Ferkel hat gar keinen Sinn ohne die Haupterzählung. Der Knecht weist jeden wesentlichen Bestandteil der Erzählung auf ein deiktisches Element: das gerissene Schweinchen weist auf das gebratene Ferkelchen, die droβen Steine auf den Kuchen, das Blut des Wolfes auf die Kanne Met und der Wolf auf den Pfaffen. Diese Elemente sind die Verbindung zwischen der Haupterzählung und dem Bîspel, alleinstehend ohne den Rahmen der Haupterzählung hätten sie keine lehrende Bedeutung. 49 Folglich hat das vom Knecht erzählte Bîspel als Ziel, eine auf einem Analogieverfahren beruhende Lehre zu vermitteln. Doch nicht auf eine direkte Art und Weise, oder mit Hilfe eines eindeutigen Epimythion, sondern es geht um ein Erkenntnisprozess, der Schritt für Schritt erfolgt und der auch den Leser auffordert, den Zusammenhang selber zu interpretieren und seine eigenen Schlussfolgerungen aus ihm zu ziehen. Auch im Text löst der Knecht graduell den Erkentnisprozess aus, wodurch er den Herrn zur Teilnahme an dieser Erkentniss verpflichtet und ihn so allmählich zur Wahrheit geleitet. Die Wahrheit wird dem Herren vor Augen gestellt, und dadurch gelingt es ihm auch, diesen Prozesserfolgreich durchzuführen: 47 „Bei Gott, dachte der Knecht , es wäre recht und billig, wenn mein Meister Eure Gedanken kennen würde und wüsste, wie falsch Ihr uns gegenüber seid. Bei Gott, wenn es mir gelingt, dann werde ich bald die Wahrheit ans Licht bringen und Euch so unzweideutig entlarven, dass es Euch sehr schmerzlich zu Herzen gehen wird.“ 48 Zu diesem Aspekt siehe ACHNITZ, Wolfgang: Ein maere als Bîspel. Strickers Verserzählung ›Der kluge Knecht‹,in: Germanistische Mediävistik. Hrsg. von Volker Honemann und Tomas Tomasek. Münster 1999, S.177-203. Die folgenden Ausführungen richten sich hauptsächlich nach dieser Arbeit. 49 STEINMETZ, Ralf-Henning: Fiktionalitätstypen in der mittelalterlichen Epik. Überlegungen am Beispiel der Werke des Stricker, in: GONZÁLEZ, Emilio/MILLET, Víctor (Hg.): Die Kleinepik des Strickers. Texte, Gattungstraditionen und Interpretationsprobleme. Berlin 2006, S. 79-101, hier: S.97
20 der meister mit zorne ûf spranc, er sprach: ich bin zewâre aller dîner mære vil gar an ein ende komen und hân vil rehte vernommen, wes mich dînvrouwe ûzjaget ze allen zîten ez taget. 50 (V.280-286) Hauptsächlich dient das erzählte Bîspel dem Knecht als Entlarvung der Wahrheit dadurch als Erweise seiner gevüegen kundikeit. Durch seine intelligente Verhaltensweise gelingt es ihm auch, seine eigene Unschuld vor seinem Herrn zu beweisen: diu schulde, diu was niht elliu mîn, wan ich sîn leider niht ensach, sô lange, unz mir ein leit geschach, daz er begrief ein wênigez swîn. 51 (V.222-225) Hinzuzufügen ist auch der Lob des Bauern: auf gradueller Weise freut er sich über die von der Erzählung bewirkte allmähliche Aufhellung der Situation durch das angewandte Analogieverfahren. Jedes Elemente der Erzählung erschließt ihm mehr und mehr die Wahrheit. Es ist ein Hinweis darauf, dass er schrittweise das Vertrauen zu seinem Knecht wieder aufbaut, da dieses durch sein seltsames Verhalte ins Schwanken geraten war. Im Erkenntnisprozess des Bauern erweist sich auch eine tragische Ironie. Der Bauer ist scheinbar in bester Stimmung während der Knecht ihm seine Geschichte erzählt: »sich bezzernt dîniu mære« 52 (V.230) »unser herre got gesegne dich!« 53 (V.243) »dîniu mære, diu sint wol bewant.« 54 (V.246) 50 Da sprang der Meister zornig auf und rief: „Jetzt habe ich endlich deine Geschichte ganz begriffen und weiβ, warum mich deine Herrin immer aus dem Haus jagt, wenn es Tag wird.“ 51 „Zwar traf die Schuld nicht nur mich, aber ich habe ihn leider erst gesehen, als das Unglück geschehen war und er ein kleines Schweinchen gerissen hatte.“ 52 „Deine Geschichten werden ja immer besser“ 53 „Unser Herrgott segne dich!“ 54 „Deine Geschichten sind ausgezeichnet.“
21 er sprach:»entriuwen, ich spür die sælde an dînen mæren wol, daz ich si gerne hœren sol;« 55 (V.262-264) Der Leser hat in diesem Moment einen Wissensvorsprung gegenüber dem Bauern und während er sich mit der Geschichte vergnügt, und sich noch nicht bewusst ist, dass es sich eigentlich in ihr um ihn und seine Situation im Hause handelt, kennt der Leser schon die Auflösung. Dies ruft eine ironische Wirkung hervor, die dem Leser Intrige bereitet. Auch der Erzähler lobt im Laufe der ganzen Erzählung das Verhalten des Knechts und betont damit, welches das Hauptthema des Märes ist: die Vermittlung der Wahrheit durch die gevüege kundikeit des Knechtes, um die gerechte Ordnung im Hause des Bauern zu restituieren. Diese Idee wird noch ein Mal am Ende des Märes im Epimythion besonders hervorgehoben: der vriuntlîche kündigkeit mit rehter vuoge kan begân, der hât dar an niht missetân. kündigkeit hât grôzen sin. er erwirbet valschen gewin, der si mit valsche zeiget, der hât sîn lop geveiget. der dâ vriuntlîche wirbet mite, daz ist ein hövischlîcher site. man mac mit kündigkeit begân, daz vil hövischlîche ist getân. daz merket bî dem knehte! 56 (V.308-319) Mit anderen Worten lobt der Erzähler die Eigenschaft sich rechtmässig und situationsbedürftig zu verhalten, ohne die natürliche Ordo-konstellation zu verletzen. Diese Eigenschaften erfüllt der Knecht und somit ist er in Augen des Erzählers ein Musterbeispiel für richtiges Verhalten und vorbildhafte List. 55 Er sagte “Wahrhaftig, ich merke schon, deine Geschichten bringen Glück, ich möchte sie gerne weiter hören, sie sind schön und gut.“ 56 „Wer sein Verstand einfühlsam und recht geschickt einsetzt, der verhält sich richtig. Klugheit ist etwas sehr Sinnvolles. Sie falsch einzusetzen, hat keinen Wert, und man verspielt dabei seinen Renommee. Wer jedoch einfühlsam damit umgeht, verhält sich fein gebildet und gesittet.“ Mit Klugheit kann man feine Bildung und Sitte erreichen, wie sie am Hofe üblich ist. Dies sollt ihr von dem Knecht lernen!
28 daz ir erleidete der rehte man. 77 (V.167-170) Erwähnenswert ist die Szene, in der eines Tages der Bauer seine Frau mit dem Priester aus der Scheune kommen sieht und ihr eine Liebesaffaire vorwirft. Denn es ist sein einziger Versuch, die Ordungshierarchie wiederherzustellen. Die Frau antwortet auf den Vorwurf mit einer Drohung, sie würde den Bauern verlassen, falls er ihre Unschuld nicht für glaubwürdig hält. Anstatt dieser Unverschämheit ein Ende zu setzen, fällt er wieder in die schändliche Rolle des Untergebenen zurück und beteuert, alles was die edle Herrin sage, entspreche der Wahrheit. Damit gibt er entgültig sein Schicksal in ihre Hände und beweist, dass er nun vollkommen seine Wahrnehmung der Realität aufgegeben hat. Dass die Frau vor den Augen des Bauers untreu ist und er sich dennoch so närrisch verhält, bewirkt beim Leser ein intensives Auslachen. Der Erzähler untersteicht mehrmals, wie lächerlich sich der Bauer den Befehlen seiner Ehefrau unterwirft und betont zugleich die Übermacht der Frau: si dûhte an disem mære, daz si sîn meister wære; des wart si stolz unde balt. 78 (V.113-115) und beleip dar an sô stæte, daz si in ir mahte so holt 79 (V.128-129) Auch der Ton den die Frau ihrem Mann gegenüber anwendet ist erniedrigend, vor allem wenn er das von ihr Verlangte nicht richtig ausführt etwas nicht richtig macht. In diesen Fällen antwortet die Frau mit Beschwerden, Missbilligungen und Drohungen,um bei ihrem Mann ein schlechtes Gewissen hervorzurufen und ihn so zu erpressen: nu hœre ich des die wârheit, daz der manne triuwe bœse ist. 80 (V.60-61) nu sihe ich unde hœre wol, daz ich dich iemer haben sol 77 ‚Nun kam es aber hin dahin, dass sich die Frau in den Priester so heftig verliebte, dass ihr der richtige Mann verleidet wurde.‘ 78 ‚Sie hatte vor, ihn mit dieser Probe gänzlich zu unterwerfen; dies lies sie hochmütig und dreist werden.‘ 79 ‚Und sie lieβ darin so wenig nach, dass sie ihn sich völlig ergeben machte.‘ 80 ‚Nun beweisen mir deine Worte, dass die Treue der Männer nichts wert ist.‘
29 vür ein triuwelôsez vez. 81 (V.67-69) nu ist dîn triuwe unstæte. des scheidet sich diu vriuntschaft nu. 82 (V.78-79) Diese Drohungen lösen Angst beim Bauern aus:er fürchtet sich vor seiner eigenen Frau, so dass die Proben nicht ritterlichen Mutproben ähneln, sondern eher einer Folter. 83 nu was er des muotes sô arm, daz er dâ wider niht ensprach, wan er sich aber des versach, daz er ir hulde verlür. 84 (V.118-121) Wie im KlugenKnecht wird auch in diesem Märe List angewendet, um die Handlung voranzutreiben, doch mit umgekehrten Vorzeichen. Hier steht die List nicht im Dienste der gesellschaftlich sanktionierten Ordnung, sondern in dem der boshaften Verschlagenheit der Frau, die die gottgewollte Ordnung der mittelalterlichen Gesellschaft zerstört. Die Bosheit der Frau geht so weit, das sie den Bauern von seinem eigenen Tod überzeugt und ihn darauf vom Priester beerdigen lässt. So kann sie ihren Ehemann loswerden, ohne dass die Nachbarn irgendwelchen Verdacht schöpfen. Da der Mann die Interpretation der Realität völlig der Frau überlassen hat, glaubt er alles und hofft auf eine Belohnung: dannoch wânde der affe, si versuohte in aber alsô und wolde er vil gewis hân. 85 (V.220-223) Doch dieser Realitätsverlust bringt die Preisgabe seiner eigenen Identität und Legitimität als Mann mit sich und in letzter Instanz den Verlust seiner irdischen Existenz als extreme Perversion der Ordnung, die er selbst verschuldet hat. Die Frau ihrerseits setzt ihr heimtückisches Verhalten fort: sie ruft alle Nachbern zusammen, um auch offizielle Zeugen des Todes zu haben. Danach spielt sie auch noch 81 ‚Nun muss ich feststellen, dass Du nichts weiter als ein treuloser Schuft bist.‘ 82 ‚Es ist also auf Deine Liebe kein Verlass. Deshalb ist es aus zwischen uns.‘ 83 ACKERMANN [Anm. 75], S. 67. 84 ‚Inzwischen war er so ängstlich, dass er ihr nicht wiedersprach, weil er fürchtete, noch einmal ihre Gunst zu verlieren.‘ 85 ‚Und doch glaubte der Narr, sie stelle ihn wie zuvor auf die Probe, um ihn zuletz glücklich zu machen.‘
30 groβe Trauer vor, um ihren Betrug glaubwürdiger zu machen. Tatsächlich wird der Bauer lebendig begraben und die Bosheit der Frau hat den Sieg davongetragen. Man kann im Verhalten der Frau – im Gegensatz zum klugen Knecht – von einer zweifachen Charakterisierung sprechen: einerseits wird sie vom Leser negativ kategorisiert, da auch sie die Rollenhirarchie nicht eingehalten hat: sie hat über ihren Mann geherrscht und ihn noch dazu betrogen und verspottet; diese Eigenschaften entsprechen nicht der Rolle einer vorbildlichen Ehefrau. Andererseitskann man aber auch von einer positiven Bewertung sprechen, da es die Frau ist, die als Vollzieherin der Bestrafungagiert und damit dem Publikum vorweist, wie man sich nicht zu verhalten hat, um den Bestand der gesellschaftlichen Ordnung zu garantieren. Der Bauer hingegen wird, wie schon ausführlich erläutert wurde, als zu kritisierendes Objekt in der Erzählung dargestellt. Auch hier könnte man einen Vergleich mit dem Klugen Knecht anstellen. Der Bauer im Klugen Knechtist im stande, einen Erkenntnisprozess durchzuführen, um die Realität in seinem Hause zu erkennen und die natürliche Ordnung der Rollenhierarchie zu restituieren. Im Gegensatz dazu, ist der Bauer im Begrabenen Ehemann unfähig, einen Erkennungsprozess zu bewältigen, denn von Anfang an gibt er seine Erkennungsfähigkeit in die Hände der Frau, die ihn immer weiter von der Wirklichkeit wegzieht, bis er vollkommen seine eigene Deutungsfähigkeit verliert. Ist das Verhalten des Bauern im Klugen Knecht lobenswert, so verdient er hier nur Spott und Demütigung. Das betont auch der Erzähler, der dem Rezipienten auch keinenPlatz lässt, um den Bauern zu bemitleiden. Der Höhepunkt ist – wie gesagt – die Bestrafung des Bauern mit dem Tode: jemanden lebendig zu begraben ist eigentlich für Mörder oder besonders für harte Diebstähle gedacht. Sonderbar ist aber auch, dass es in einigen Fällen auch für den Ehebruch als Strafe diente. Warum sich der Stricker diese Strafe für den Bauern ausgedacht hat, ist vermutlich verbunden mit der Tatsache, dass die Frau, obwohl sie auch das Eherecht gebrochen hat, nicht bestraft wurde. Doch der Bauer hat mit seinem Verhalten als einziger den Ehebruch seiner Frau ermöglicht und ist deshalb in Augen des Erzählers alleine schuld an dem Ordnungsverstoβ. 86 Das kann man auch mit dem Klugem Knecht vergleichen: dort hat der Bauer kein Hinweis auf den Ehebruch seiner Frau, nur der Knecht bemerkt eine verdächtige Beziehung und führt es auch gleich dem Bauern mit seiner raffinierten 86 KRATOCHVÍLOVÁ, Kateřina: Die böse Frau in der Märendichtung des 12.-14. Jahrhunderts. (Bakalářska diplomová práce, Masarykova univerzita) 2014, S. 3
31 Erzählung vor. Sofort bereitet dann der Bauer der ungerechten Situation ein Ende, indem er den Pfaffen und seine Frau bestraft, dieser sogar für immer seine Gunst entzieht. Doch im Begrabenen Ehemann wird dem Bauern der Ehebruch vor die Nasegeführt. Er hingegen unternimmt nichts, sondern akzeptiert, dass seine Frau ihn noch dazu als Lügner beschimpft. Zusammenfassend ist also der Bauer schuld daran, dass die Frau ihm untreu ist, und dementsprechend verdient er auch eine Strafe die der Untreue angemessen ist. Der Stricker setzt seiner Geschichte ein Ende mit einer prägnanten Zusammenfassung der Konsequenzen, die sich aus solch einer falschen Handlungsweise ergeben: Den schaden muose er des haben, daz er satzte ein tumbez wîp ze meister über sînen lîp. 87 (V.246-248) 87 ‚So mußte er zu grunde gehen, weil er einer unverständigen Frau die Herrschaft über sich zugestanden hat.‘
32 4.3. Die drei Wünsche 4. 3. 1. Handlungsverlauf Mit den üblichen Worten Ein man sprach ze sînem wîbe, leitet der Stricker das Geschehen des Märe ein. Wieder einmal befinden sich in der Exposition die Hauptfiguren: ein Mann und seine Frau. Anschließend werden die Verhältnisse, in der sie sich befinden, dargelegt: Der Ehemann beschwert sich über die Armut, die sie leiden; da beide sich sicher sind, nicht gegen Gottes Gesetz verstoßt zu haben, glauben sie, dass Gott zu mit großem Reichtum belohnen sollte. Der Haupteil des Märes erzählt, wie das Ehepaar Tag und Nacht um Reichtum beten, und wie Gott dann einen Engel zu ihnen schickt, um das Ehepaar zur Rede zu stellen. Trotz der Warnung des Engels, Gott nicht um Reichtum zu bitten, beharrt der Mann auf sein Verlangen, so dass der Engel ihnen drei Wünsche gewährt. Der Höhepunkt der Erzählung zeigt, wie durch die Torheit des Ehepaars, die drei Wünsche auf dumme Weise vergeudet werden. Die Konsequenz ist, dass das Paar mit sozialer Verspottung bestraft wird, die den Mann zum Tode führt. Die Erzählung wird mit einem umfangreichen Epimythion abgeschlossen (V. 195-228), in dem das lehrreiche Fazit aus der Erzählung gezogen wird. 4. 3. 1. Analyse 88 Das Christentum versteht sich als die Religion der Armen: der Mensch war überzeugt, dass ein Leben in Reichtum oder Armut stets von Gottes Gnaden abhängig war, der Mensch sollte demzufolge die ihm von Gott auferlegte Last in Demut ertragen 89 . Was man in der Erzählung vorfindet, ist das Gegenteil dieses Glaubens: der Mann beschwert sich wegen seiner Armut und findet sich auch nicht mit ihr ab. Zudem droht er mit einer weiteren Missbilligung des Christentums, dem Selbstmord: solde ich unz an mînen tôt von armuot lîden solhe nôt, ich wolde mich selben tœten ê. 90 (V.5-7) 88 Die Analyse folgt hauptsächlich dem Aufsatz von SOWINSKI, Bernhard: Die drei Wünsche des Stricker. Beobachtungen zur Erzählweise und gedanklichen Strucktur,in:Zeiten und Formen in Sprache und Dichtung. Festschrift für Fritz Tschirch. Köln/Wien 1972, S.134-150. Der Text wird nach der Ausgabe von GRUBMÜLLER [Anm. 57] zitiert. 89 ‚Armut im Mittelalter‘: http://archaeolet.de/?page_id=302 (abgerufen am 30.04. 2018) 90 ‚Wenn ich bis zu meinem Tod derart unter Armut leiden soll, bringe ich mich lieber selbst um.‘
33 Somit könnte man von einem Verstoß gegen das göttliche Gesetz spechen, also dem Ordnungsverstoß. Der Mann fragt auch gleich seine Ehefrau, ob sie vielleicht Gottes Gesetzmit einer Untreue gebrochen hat, und sie deswegen auch diese Armut als Bestrafung verdient hätten. Genau mit dieser Frage fällt der Mann in den Widerspruch, der den Erzählverlauf bestimmt: die Gründe der Armut in der Sünde zu suchen ist eine Sünde selbst; wenn der Mann seine Frau nach ihren Sünden fragt, sündigt er eigentlich selber. hâstu iender gotes gebot zerbrochen, daz solt du mir sagen. ich hilfe dir die bouze tragen, unz ich dich dîner schulde bringe an gotes hulde 91 . (V.14-18) Der sarkastische und konnotative Ton ist besonders auffällig, da der Stricker darauf aufmeksam macht, dass diese Erzählung nicht von einer Bestrafung der untreuen Ehe handelt, – vielleicht macht der Erzähler damit auch eine Anspielung auf sein typisches Erzählmodell –, sondern es wird sofort das Fehlen der Einsicht in die eigenen Sünden durch die Torheit des Ehepaares unterstrichen: er sprach: sôn ist mir niht bekant, war umbe uns got habe gepfant êren und grôzes guotes. 92 (V.21-23) Dieses Verhalten weist den Leser schon auf die Tohrheit des Mannes hin und bereitet ihnauf das katastrophale Ende vor. Die Ereignisse der Erzählung laufen nach einem graduellen Torheitsprozess ab, in dem das dumme Verhalten des Paares immer deutlicher vorgestellt wird.Dies erzeugt im Leser auch die Neugier, ob das Ehepaar sich ihrer Tohrheit bewusst werden wird. Die Anhaltspunkte dieses Pozesses sind das Fundament der Erzählung. 93 Dieser graduelle Torheitsprozess beruht wie bei den anderen zwei Erzählungen auf der Schwankstruktur, durch die ein konkreter Ordnungsverstoß durch eine Replik schließlich bestraft wird. „Ein armes Ehepaar ergibt sich nicht in Gottes Willen“ 94 und 91 ‚Wenn du irgendwann die Gebote Gottes übertreten hast, dann mußt Du mir das sagen. Ich helfe Dir, Buße zu tun, bis ich Dich aus deiner Schuld in die Gnade Gottes zurückgeführt habe.‘ 92 ‚Er sagte:,,Dann kann ich ncht erkennen, warum uns Gott Ansehen und Reichtum vorenthält.“ 93 GRUBMÜLLER [Anm. 57], S. 1047. 94 GRUBMÜLLER [Anm. 1], S. 83.
34 wird dafür mit der sozialen Verachtung bestraft. In einem ersten Schritt dieses schrittweisen Torheitsprozesses entscheidet sich das Ehepaar zu beten, um Reichtum von Gott zu erhalten. Die Verzweiflung der Protagonisten, die ihre ärmliche Situation nicht weiter dulden wollen, sowie die übertriebene Bußeleistung, um Gott zu gefallen, fallen dabei besonders auf: sol ichs verliesen danne den lîp, sô tuot mir baz ein kurzer tôt, denne daz ich ein lange nôt von armuot müeze lîden; 95 (V. 36-39) mit wachen und mit vasten liezen si ir lîp niht rasten mit venje und mit gebete. swaz ieman mit gebete tete, des liezen si niht under wegen. 96 (V. 45-49) Erneut ist hier ein Widerspruch zu erkennen, denn sie beten und fasten, als ob es sich um die Vergebung ihrer Sünden handel würde, doch im Grunde genommen ist ihr Beten und Fasten auf ihre Habsucht zurückzuführen. Der zweite Schritt des Torheitsprozesses übertrifft den ersten, denn selbst Gott erträgt das dumme Verhalten des Ehepaares nicht, und gibt ihnen eine Gelegenheit ihre Torheit zu erkennen. Ein Engel sucht den Mann auf, um ihn in Gottes namen vor seiner Dummheit zu warnen. Die Wörter des Engels stimmen mit dem christlichen Glauben der Zeit überein: soldestu guot gehabet hân, got hæte dir daz reht getân, als er den anderen allen tuot, die er lât haben michel guot. 97 (V. 57-60) Der Rezipient der Erzählung befindet sich hier vor der Frage, ob der Mann endlich sein dummes Verhalten erkannt hat, und den Rat des Engels, nicht nach Reichtum zu 95 ‚Wenn ich dabei dann mein Leben verliere, dann ist mir ein kurzer Tod lieber, als für lange Zeit elend in Armut zu leben.‘ 96 ‚Beim Wachen und beim Fasten erlauben sie sich keine Pause, auf den Knien flehten sie Gott mit ihren Gebeten an. Alles was man zu beten pflegt, das machten sie sich zu eigen.‘ 97 „wenn Du reich hättest sein sollen, dann hätte Gott Dir schon gegeben, was Dir zusteht, wie er es bei allen anderen tut, denen er großen Besitz gewährt.“
35 streben, annehmen wird oder sein hartnäckiges Verlangen nach Reichtum fortsetzen wird. Die Situation klärt sich schnell auf, was auch zu einem dritten Schritt der Torheit führt. Der Mann ist geblendet von seiner Dummheit, weswegen er auch nicht auf den Engel und das Gesetz Gottes hört. Dementsprechend muss der Engel sich eine Strategie ausdenken, in der er dem Ehepaar deutlich ihre Fehler klarmachen kann. Zurückblickend erinnert die Situation des Engels an die Lage des klugen Knechtes, denn auch er versuchte dem Bauern die Realität zu verdeutlichen mit Hilfe einer klugen List. Der Engel gewährt dem Ehepaar drei Wünsche, mit denen sie sich alles wünschen können, was sie wollen. Glücklich stellt der Mann sich vor, wie er sich einen großen Berg Gold wünscht, oder eine Truhe, die endlos mit Geld gefüllt wird. Diese Gedanken lassen den Rezipienten glauben, dass das Ehepaar doch richtig gehandelt hat, da der Mann scheinbar klug die Wünsche einsetzen wird: nu rât, waz uns daz beste sî. dunket dich daz wol gewant, sô wil wünschen ich zehant von golde einen grôzen berg 98 (V.98-101) Die Habgier Frau unterbricht die Reflexion des Mannes, und schnell verlangt sie auch nach einem dre drei vom Engel freigestellten Wünsche: du weist wol, daz ich mîniu bein sô vil dar nâch gebogen hân. ez hât got als wol getân durch mîn gebet sam durch daz dîn: ein wunsch ist billîche mîn. 99 (V.118-122) Wenn man die Reaktion des Mannes mit der der Frau vergleicht, erkennt man einen klaren Unterschied: Der Mann hat von Anfang an die Absicht, die Wünsche mit der Frau zu teilen. Dieses Verhalten könnte darauf schließen, dass der Mann der klügere von beiden ist, denn er warnt zudem die Frau, sich mit Klugheit etwas zu wünschen. Doch ihr Fehlverhalten führt zum Höhepunkt dieses Torheitsprozesses: Die Frau 98 „Gib mir einen guten Rat, was das Beste für uns ist. Wenn Du das für gut hältst, dann will ich uns auf der Stelle einen großen Berg Goldwünschen.“ 99 „Du weißt doch, daß ich meine Knie so sehr dafür gebeugt habe. Gott hat so gut gehandelt wegen meines Gebetes ebenso gut wie wegen des Deinen: ein Wunsch steht mir zu.“
36 wünscht sich ein wunderschönes Kleid; sie handelt mit dem gleichen Egoismus wie vorher, was den Rezipienten also auch nicht überraschen sollte. Die folgende Reaktion des Mannes ist die Kulmination seiner Torheit, denn er handelt mit Zorn und vor allem mit Unüberlegenheit, da er wütend auf die egoistische Frau sich wünscht, das Kleid möge in ihrem Bauch landen. Somit wird auch der dritte und letzte Wunsch vom Ehepaar verspielt. Da alle drei Wünsche auf einer dummen Weise vergeudet werden, erfüllt sich die Realitätsvorführung des Engels. Genau wie der kluge Knecht hat auch er es erreicht, dem Ehepaar ihre Fehler zu zeigen und somit auch ihren Ordnungsverstoß gegen Gottes Wort zu beweisen. Mit den Worten des Strickers: und hâten die wünsche alle drî ein schäntlich ende genomen, und wâren des ze ende komen, daz si niht guotes solden hân. 100 (V.174-177) erfüllt sich auch das typische Schema des Schwankerzählens: die unterlegene Figur (der Ehemann) wird von der überlegenen Figur (Gott, duch einen Engel) überlistet, und so wird das Ehepaar bloβgestellt, da sie bewiesen haben, dass sie nicht in der Lage sind, ihr Guthaben verwalten zu können 101 . Andererseits, hat dieser graduelle Erkentnisprozess auch eine veranschaulichende Funktion, denn die Lehre ihrer Torheit wird dem Ehepaar erst bewusst, nach dem sie es als eigene Erfahrung erlebt haben. Im Vergleich zu den bereits behandelten Strickermären, wo der Ordnungsverstoß das Eheverhältnis bedroht, liegt die Trangression hier eigentlich außerhalb der innermenschlichen Ehebeziehung, sondern vollzieht sich zwischen dem Ehepaar und Gott, denn der Ordnungsverstoß beruht auf der Missachtung der göttlichen Gesetze. Beide sind sich nicht bewusst, dass sie mit ihren Taten sündigen und streben beide nach Reichtum, in dem sie das Gebet für einen unmoralischen Zweck einsetzen. Während die Frau mit Egoismus handelt, zeigt der Mann eine typische männliche Unzulänglichkeit: die Unmittelbarkeit des Zorns, die zu einer unüberlegten Bestrafung führt. Aber vor allem täuscht er eine religiöse Moral vor, denn als er die Frau aufgrund ihres egoistischen Verhaltens bestrafen will, sieht er nicht ein, dass er selber auch gesündigt hat. In der Bibel wird ein ähnlicher Gedanke in Matthäus. 7,3-5 geäußert: 100 und alle drei Wünsche hatten zum Ergebnis, daß ihnen nicht gehörte. 101 SOWINSKI [Anm. 88], S.137.
37 „Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht? Oder wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen! - und siehe, in deinem Auge steckt ein Balken! Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann kannst du zusehen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen!“ Obwohl also beide falsch gehandelt haben, wird vor allem der Mann bestraft. Es ist der Mann, der die schlimmsten Fehler gemacht hat. Und damit sind nicht die zuvor erwähnten Sünden gemeint, sondern das hochmütige Verhalten des Mannes. Wieder hat dies eine biblische Grundlage: „Sprüche 34, 18-19 (Simon): Der Hochmut des Menschen erniedrigt ihn; der Demütige aber wird Ehre erlangen.“ Petrus 5, 5-6: denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.“ Lukas 18, 14: Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.“ Die Ehefrau zeigt in keinem Moment Hochmut, deswegen wird sie wieder mit der dem Ehepaar zustehenden Situation der Armut bestraft. Nach mittelalterlichem Vertändnis gebührt jedem Menschen die ihm von Gott zugewiesene Position innerhalb der Gesellschaft. Dies bestätigt auch der Engel, als er dem armen Ehemann erklärt, Gott habe es nicht gewollt, dass sie reich seien. Die Bestrafung des Mannes geht jedoch darüber hinaus, denn er verhält sich hochmütig Gott gegenüber: er sprach: daz ich niht guot hân, dâ hât mir got gewalt getân. ich ware als wol guotes wert als alle, die er guotes hât gewert. gæbe er mirs, sô solde ichz hân; er muoz genâde an mir begân ich bite in iemer umbe guot, unz daz er mînen willen tuot. 102 (V.65-72) 102 Er antwortete: „Damit, daß ich nichts besitze, tut Gott mir Unrecht. Ich bin Reichtum genauso wert wie alle denen er Besitz gewährt hat. Wenn es ihn mir gäbe dann könnte ich ihn behalte. Er muß mir seine Gunst gewähren. Ich wede ihn immerzu um Reichtum bitten, bis er meinen Wunsch erfüllt.“
44 5. Schlussfolgerung Wenn man die vier untersuchten Mären nun zum Schluss als Ganzes betrachtet, ist hervorzuheben, dass es in den Strickermären stets um die Veranschaulichung des richtigen dem ordo gemäßen Verhaltens geht. Dabei wurde soweit wie möglich versucht das breite Themenspektrum und die Vielfalt der erzählerischen Ausgestaltung zu berücksichtigen. Im Klugen Knecht wurde vor Stricker an einem positiven Fall vorgeführt, wie man durch eine angemessene Anwendung der kundikeit die zerstörte Ordnung wiederherstellen kann. So endet in diesem Märe die Handlung auch glücklich für die anfangs unterlegenen Protagonisten, die sich an den Ehebrechern rächen können. Demgegenüber stellte Der begrabene Ehemann ein negatives Beispiel dar, in dem der falsch Handelnde sein Fehlverhalten mit einem verhängnisvollen Ende büßte. Wurde im Klugen Knecht gezeigt, wie es zu handeln gilt, um die Ordnung zu restituieren, so wird die Handlung hier ins Gegenteil verkehrt: der Bauer ist ein Exemplum für falsches Verhalten, das nur den Tod verdient. Im dritten Märe Der drei Wünsche ging es nicht mehr um die innerweltliche Beziehung eines Ehepaares, sondern um das angemessene Verhältnis des Menschen zu seinem Schöpfer. Am bestraften Ehepaar wurde klargemacht, dass der Mensch die ihm von zugewiesene Position auf Erden akzeptieren muss, wenn er sein gesellschaftliches Ansehen bewahren und nach dem Tode das Seelenheil erlangen möchte. Auch hier wurde also ein Fall ex negativo an dem sich die Rezipienten ein Beispiel nehmen können, um in ihrem Leben ein solches Verhalten nicht nachzuahmen. Schließlich wurde im nackten Ritter das ordogemäße Verhalten am Thema der angemessenen Gastfreundlichkeit und Dienstbereitschaft eines Gastgebers illustriert, der in seinem übertriebenen Eifer, dem Gast einen herrlichen Aufenthalt zu schenken, die gegenteilige Wirkung erzielt. Der unter dem Mantel keine Kleidung tragende Ritter, verlässt zornig und blamiert den Hof. Auch hier also ein Fall ex negativo, bei dem aber im Gegensatz zu den anderen drei Mären eine Bestrafung ausbleibt. Das liegt vielleicht am eigenen gesellschaftlichen Bereich des Ordnungsverstoßes und an der deutlich intensivierten komischen Wirkung der Handlung, die das Lachen provozieren möchte und der ein strafendes Ende Abbruch tun könnte. Bemerkenswert ist in den Strickermären der Verlust der Wirklichkeitsperspektive, der den Schaden auslöst: im Klugen Knecht sieht der Bauer die Tatsache nicht, dass seine Frau ihn betrügt. Im Begrabenen Ehemann entfernt sich der Ehemann von der Realität,
45 weil er eine falsche Konzeption seiner Frau als perfekte Minnedame entwirft. In Die drei Wünsche wird der Realitätsverlust durch ihr sündiges Verhalten bewirkt. Und im Nackten Ritter interpretiert der Gastgeber, die Situation falsch und kann daher die wahre Beschaffenheit seines Gastes nicht erkennen. So ist in allen vier Mären der Realitätsvelust der Anstoß zu einem unangemessenen Verhaltens. Alle Figuren, denen es an einer wirklichen Perspektive fehlt, zeigen ein falsches Verhalten. Die Bauern in Der kluge Knecht verhalten sich falsch, weil sie ihre Frau über sie herrschen lassen. Das falsche Verhalten des Mannes in Die drei Wünsche liegt vor allem in seiner Hochmut, und das des Gastgebers in Der nackte Ritterin seiner Ichbezogenheit. Alle Figuren, die in den Realitätsverlust und so in das falsche Verhalten geraten sind, haben in der Erzälstruktur aber eine Gelegenheit, sich ihres Verhaltens bewusst zu werden und zu der Wirklichkeit zurückzufinden. In der Erzählung Der kluge Knecht wird dem Bauern eine Binnenerzählung dargelegt, die er mit Erfolg interpretiert, um die Realitätsperspektive zu restituieren. Ihm wird keine Strafe aufgesetzt, da er die Realität erkannt hat. Auch der Ehemann in Der begrabene Ehemann bekommt eine Gelegenheit die Wahrheit zu erkennen. Als die Ehefrau vor den Augen des Mannes zusammen mit dem Pfaffen aus der Scheune kommt, ist es eine Darlegung der Realität ad oculos. Doch er ist nicht im Stande diesen Beweis zu interpretieren, also ist er auch nicht fähig sein falsches Verhalten zu korrigieren; die Strafe dafür ist ein grausamer Tod. Der Engel in Die drei Wünsche gibt dem Ehepaar die Gelegenheit ihr falsches Verhalten zu erkennen. Der Mann aber nutzt sie nicht aus, und stellt den Realitätsverlust nicht wieder her, worauf er eine verdiente Strafe bekommt: die Verspottung der Leute, die ihn zum Tode führt. Auch in der Erzählung Der nackte Ritter wird dem Gastgeber angegeben, den Wunsch des Ritters zu erfüllen, seinen Mantel am Leib behalten zu können die Kleidung bei zu behalten. Wenn man nun zu der von Grubmüller skizzierten Struktur Ordnungsverstoß – Replik – Wiederherstellung zurückkehrt, lässt sich schließen, dass sich dessen Erfüllung in den ausgewählten Mären eindeutig gezeigt hat. Weitere Forschungen wären jedoch nötig, um die Unterschiede zwischen diesem Märentypus und anderen Textreihen untersuchen zu können, besonders wo änliche Schwankstrukturen zu erkennen sind.
46 6. Literaturverzeichnis 6. 1. Primärliteratur DEBOOR, Helmut (Hg.): Das Nibelungenlied. Nach der Ausgabe von Karl Bartsch herausgegeben. 22., revidierte und von Roswitha Wisniewski ergänzte Auflage. Wiesbaden 1996. EHRISMANN, Otfried (Hg.): Der Stricker. Erzählungen, Fabeln, Reden, Mittelhochdeutsch/ Neuhochdeutsch. Herausgegeben, übersetzt und kommentiert. Stuttgart 1992. GRUBMÜLLER, Klaus (Hg.): Novellistik des Mittelalters. Märendichtung. Herausgegeben, übersetzt und kommentiert. Frankfurt a.M. 1996. KASTEN, Ingrid (Hg.): Deutsche Lyrik des frühen und hohen Mittelalters. Edition der Text und Kommentare. Übersetzungen von Margherita Kuhn. Frankfurt a. M. 2005. SCHWEIKLE, Günther (Hg.): Mittelhochdeutsche Minnelyrik. I. Frühe Minnelyrik. Stuttgart 1993 TERVOOREN, Helmut (Hg.): Lieder. Mittelhochdeutsch und Neuhochdeutsch. Text, Übersetzung, Kommentar. Stuttgart 1992. 6. 2. Sekundärliteratur ACHNITZ, Wolfgang: Ein maere als Bîspel. Strickers Verserzählung ›Der kluge Knecht‹,in: Germanistische Mediävistik. Hrsg. von Volker Honemann und Tomas Tomasek. Münster 1999, S.177-203. ACKERMANN, Dorothea: Gewaltakte – Disziplinarapparate. Geschlecht und Gewalt in mittelund frühneuhochdeutschen Mären. (Inauguraldissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Philosophischen Fakultät Ider Julius-Maximilians-Universität Würzburg) Würzburg 2007. COXON, Sebastian: der werlde spot. Kollektives Höhnen und Verlachen in der Kleinepik des Strickers, in: GONZÁLEZ, Emilio/MILLET, Víctor (Hg.):Die Kleinepik des Strickers. Texte, Gattungstraditionen und Interpretationsprobleme. Berlin 2006, S. 102-116. FISCHER, Hanns: Studien zur deutschen Märendichtung. 2., durchgesehene und erweiterte Auflage, besorgt von Johannes Janota. Tübingen 1983. GONZÁLEZ, Emilio/MILLET, Victor (Hrsg.), Die Kleinepik des Strickers. Texte, Gattungstraditionen und Interpretationsprobleme. Berlin 2006.
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